ST:A:R_15

geraldkofler

Städteplanung / Architektur / Religion

Buch VII - Forum Frohner ST/A/R 49

Adolf Frohner

Adolf Frohner, Natürliche Verformung, 1990

© Archiv Adolf Frohner


50 ST/A/R Buch VII - Forum Frohner

Nr. 15/2007

zur architektur

des forum frohner

Das Forum Frohner hat seinen Anfang bereits am Steiner Minoritenplatz. Das alte

Haupttor wurde durch eine moderne, transparente Konstruktion ersetzt, durch die man

in einen barocken Zentralraum – das Foyer des Forum Frohner – schreitet; sie fungiert

auch als Verteiler zu den verschiedensten Teilbereichen des Kulturzentrum Minoritenplatz.

An diesen Verteiler sind auch die Frohner-Lounge, das Depot und die Ausstellungshalle

angegliedert. Der Neubauteil, die Ausstellungshalle des Forum Frohner, ist im Klostergarten

im Anschluss an das Foyer situiert. Ein Glasgang verbindet und kontrastiert die

beiden massiven Bauteile (Alt und Neu). Im Zwischenraum von Alt und Neu sind zwei

Patios konzipiert.

Die Ausstellungshalle selbst orientiert sich klima- sowie lichttechnisch an internationalen

Standards und bildet für Kunstwerke einen starken, aber gleichzeitig auch zurückhaltenden

Rahmen. Es werden keine Farben eingesetzt. Die verwendeten Materialien sprechen ihre

eigene Sprache und nehmen Bezug auf die Kunst Adolf Frohners und auf die puristische

Lehre des Bettelordens der Minoriten.

Die Wände sind in Ortbeton ausgeführt, wobei in Anlehnung an die „Rohheit“ und „subtile

Brutalität“ der Werke Adolf Frohners auf teure Sichtbetonausführungen verzichtet wurde

und der Beton in seiner Einfachheit und Unperfektheit zur Wirkung kommen soll. Eine

den Betonwänden vorgesetzte Schale ist für die Hängung und Montage der Bilder ausgeführt,

sie kann variabel gestaltet werden und sichert eine maximale Flexibilität im Ausstellungsbetrieb.

Die Wände sind nur an drei Seiten und nicht raumhoch ausgeführt, um

den Charakter des Betonbaus im Innenraum zur Geltung kommen zu lassen. Weiters ist

ein Kontrast zwischen der weißen „reinen“ Schale und der grauen „dreckigen“ Betonwand

inszeniert. In Abstand zur Betonrückwand und in der Hauptachse des Forums ist eine

Prellwand in gleicher Weise wie die Vorsatzschale realisiert. Diese Prellwand bietet den

prominentesten Platz zur Bilderhängung in der Ausstellungshalle.

Die Decke der Halle wurde mit Heradesign-Platten ausgeführt. Diese normalerweise eher

im Industrie- und Tiefbau eingesetzten Platten zeichnen sich durch ihre formale Nähe zu

den frühen Werken Frohners (Matratzenbilder) aus. Sie harmonieren mit der Rohheit des

Ortbetons der Wände und verfügen weiters über hervorragende Schallabsorptionswerte. In

der Mitte ist eine Lichtdecke vorgesehen. Diese Decke ist als „white cube“ gestaltet, sucht

die formale Nähe zu den vorgesetzten Schalen der Wände und stellt einen Kontrast zu den

„rohen“ Elementen des Raumes her.

Der Fußboden ist, in Ahnlehnung an die bereits renovierte Minoritenkirche, als grauer

Magnesiaterrazzo ausgeführt. Dieser Boden erhält ein ähnliches Grau wie jenes der Betonwände,

die Oberfläche des Terrazzos jedoch wird ungemein glatter und bildet somit die

Differenz zu den Wänden.

Die puristische Philosophie des Bettelordens der Minoriten wurde in eine adäquate Architektursprache

übersetzt, welche mit einfachen und authentischen Materialien und Formen

operiert. Die Räume sollen weder selbstbewusst noch selbstbestimmt wirken, sie sollen

selbstverständlich wirken.

Im Garten des Klosters soll wieder der historische Gesamteindruck eines außerordentlich

ruhigen, in der Geschlossenheit mit vielfältigen Blickbeziehungen aufwartender, geborgener

Gartenraum entstehen, aufgewertet durch zeitgenössische Elemente.

Über Jahrhunderte wurden die Bauwerke und Landschaften den ständigen Veränderungen

der kulturellen Bedürfnisse der Menschen angepasst. Diese Tradition wurde hier exemplarisch

weitergeführt mit dem Ziel, eine Synthese zwischen Alt und Neu anzustreben, um

formal und inhaltlich die verschiedenen Epochen zu einer neuen Einheit zu verschmelzen.

Lukas O. Goebl; Wien, Juni 2007

Grundriß Forum Frohner

FORUM ADOLF FROHNER

Schnitt Forum Frohner


Nr. 15/2007

Buch VII - Forum Frohner ST/A/R 51

forum frohner

Ein Forum der kulturellen Toleranz

Das forum frohner versteht sich als ein Teil der Kunsthalle Krems. Es war die Absicht

von Adolf Frohner, dass sich zur Kunsthalle Krems ein nach ihm benanntes Forum

reiht, in dem nationale wie internationale Aktivitäten stattfinden können. Es geht

also nicht um eine regionale Kultur, sondern um nationale und internationale Fragen der

Kultur. Im Zentrum der Aktivitäten steht natürlich das Werk von Adolf Frohner. Dieses

wird kontrastiert mit Werken internationaler Künstler, das heißt auch ausländischer Künstler

oder wichtigen internationalen Positionen aus Österreich.

In zahlreichen Gesprächen mit dem Künstler wurde deutlich, dass das forum frohner nicht

als ein Ort für Realismusprobleme der Künste erdacht wurde, sondern darüber hinausgehend

– und das Œuvre von Frohner selbst verlassend – ein Ort für Ausstellungen, für

kulturelle, gesellschaftliche und soziale Veranstaltungen sein soll.

Adolf Frohner wollte bewusst kein Museum Frohner, sondern einen Ort der lebendigen

Auseinandersetzung. Richtig bespielt wird es zwangsläufig die Vielschichtigkeit des Œuvres

seines „spiritus rector“ widerspiegeln.

In den geplanten Ausstellungen spielen selbstverständlich die Werke von Adolf Frohner

eine große Rolle. Über die Jahre hinweg werden immer wieder neue der zahlreichen Facetten

seines Œuvres gezeigt. Das können Einzelausstellungen sein, aber auch Präsentationen

in Zusammenarbeit mit anderen Künstlern – zum Beispiel über einen thematischen

Zusammenhang oder Einzelausstellungen anderer Künstler – bis zu Arbeiten von internationalen

Künstlern mit einem völlig verschiedenen Kunstwollen als Adolf Frohner.

Da die Kunstmeile Krems verschiedene kulturelle Voraussetzungen bietet – Musik im

ernst krenek forum und dem Klangraum Krems Minoritenkirche ebenso wie die Ausstellungen

in der Kunsthalle Krems – wäre es wünschenswert, Lösungen zu finden, die ein

Zusammenspiel der Institutionen möglich machen. Ein besonderer Wunsch Frohners war

zum Beispiel, Joseph Beuys nach der Erstpräsentation gemeinsam mit den Werken von

Adolf Frohner auszustellen.

Diese Gedankenspiele zeigen auf, mit welcher Bandbreite und großen kulturellen Toleranz

Adolf Frohner gedacht hat. So bieten sich nach einer Beuys-Ausstellung, die, wenn möglich,

mit einer weiteren in der Kunsthalle Krems koordiniert werden sollte, viele andere

Ausstellungen an: über die Schönheit des Hässlichen (vielleicht in Zusammenarbeit mit

Peter Turrini), über die Normalität, die Femme fatale, über Adalbert Stifter im Sinne von

Kunst und Natur (vielleicht in Zusammenarbeit mit dem Naturhistorischen Museum in

Wien) etc. Da Picasso, van Gogh, Politik, Esoterik, auch das Problem von Original und

Fälschung, „l’art“ generell, zustandsgebundene Kunst wie im Künstlerpavillon in Gugging

usw. im Kunstwollen Frohners eine große Rolle spielen, aber auch Künstlerfreundschaften

wie beispielsweise zu Alfred Hrdlicka und Georg Eisler, ist ein weiter Horizont vorgegeben,

der leicht ein künstlerisches Programm für die nächsten zwanzig bis dreißig Jahre bietet.

Es sollen drei bis maximal vier Ausstellungen pro Jahr stattfinden, begleitet von Veranstaltungen

wie Konferenzen, Symposien, Vorträgen, Musik, sozialen Aktivitäten etc.

Die Architektur des Ausstellungsraums wurde vom Architektenteam mit dem bildenden

Künstler abgesprochen. Es ist eine einfache, überzeugende räumliche Setzung, die auf alles

verzichtet, was störend sein könnte. Fenster sind in einem Museum immer ein Verlust an

Hängefläche, also unökonomisch. Oberlichter bringen klimatischen Einfluss von außen,

der in das Haus hineindringt. Frohner hat sich nicht für die dunkle Kammer entschieden,

sondern für den „White Cube“, den hohen weißen Raum, der von steuerbarem Kunstlicht

beleuchtet wird. Hier kann optimal und in einfachster und somit auch ökonomischster

Form Kultur stattfinden. Es ist auch deutlich, dass diese Kultur sich nach innen wendet,

das Innere des Menschen treffen soll. Frohner weiß um Auswege und Ausblicke, die sich

auch im gärtnerischen Umraum des Ausstellungsraums widerspiegeln, aber er wollte in

der Diskussion die Kultur der menschlichen Existenz in das Zentrum stellen: deswegen

gewährt das forum frohner Einblicke – und nicht Ausblicke.

Dieter Ronte; Bonn, Juni 2007

„Mit diesem Projekt wird die erfolgreiche niederösterreichische Kulturpolitik

konsequent weitergeführt: Für das Publikum, für die Künstler und in

enger Kooperation mit der Wirtschaft. Jeder in die Kultur investierte Euro

kommt dem Land vielfach zugute: wirtschaftlich, aber auch als langfristige

Investition in Mentalität und Geist“.

Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll

Natürliche Verformung, 1990, © Archiv Adolf Frohner

Visualisierung: Explicit Architecture


Städteplanung / Architektur / Religion Buch VII - Forum Frohner

ST/A/R 53

for

An der Realisierung beteiligte Unternehmen (Auswahl):

Foto: Andrea Baczynski, © 2007


54 ST/A/R Buch VII - Forum Frohner

Nr. 15/2007

Kulturprojekt Minoritenkloster Krems-Stein

Das Forum Frohner ist Teil der Gesamtrevitalisierung des Minoritenklosters Krems-Stein, bestehend

aus Ernst-Krenek-Dokumentationszentrum, Museum Stein, Klangraum Krems, NÖ-Festival Ges.

m.b.H und dem Forum Frohner.

Das Kloster öffnet seine Tore, symbolisch wie auch inhaltlich und architektonisch. Durch moderne

Eingriffe behauptet sich die ehemalige Klosteranlage im Stadtbild und verweist gleichzeitig auch auf

ihre lange Tradition, geprägt durch verschiedene Stile und Epochen. Der historischen Schichtung

wird eine weitere hinzugefügt.

Typologisch handelt es sich beim Minoritenkloster Krems-Stein um eine zweigeschossige Vierflügelanlage,

die an der Nordseite der Minoritenkirche angebaut ist. Die Bausubstanz reicht bis in das

Mittelalter zurück, das heutige Erscheinungsbild wurde allerdings vor allem durch die Umbauten des

Barocks geprägt. Die erste urkundliche Erwähnung des Klosters stammt aus 1253.

Die puristische Philosophie des Bettelordens der Minoriten wird in eine adäquate Architektursprache

übersetzt, welche mit einfachen und authentischen Materialien und Formen operiert.

Fotos: Andrea Baczynski, © 2007

Material und Licht

Eingangssituation Forum Frohner

Foto: Andrea Baczynski, © 2007

Grundriss Minoritenklosters Krems-Stein

Visualisierung: Explicit Architecture

Projektdaten:

Architektur und Bauleitung:

Architekt Friedrich Göbl Ziviltechniker Ges.m.b.H.

Entwurf: Friedrich Göbl, Lukas Göbl, Alex Bolecek

Bauherren:

Kunstmeile Krems BetriebsgesmbH

NÖ Festival-Ges.m.b.H.

Ernst Krenek-Dokumantation BetriebsgesmbH

Projektmanagement:

Hypo Bauplanungs- und Bauträgergesellschaft m.b.H.

Planung und ÖBA,

HKLS-Elektro-Sicherheitstechnik:

KWI Consultants and Engineers AG

Statik:

D.I. Anton Harrer Ziviltechniker Ges.m.b.H.

Landschaftsgestaltung:

land.schafft © DIDr. Alfred R. Benesch

Baufirma:

SCHUBRIG Gesellschaft m.b.H.


Nr. 15/2007

Buch VII - Forum Frohner ST/A/R 55

Interview

Adolf Frohner im Interview mit Heidulf Gerngross und Lukas Goebl (Dezember 2006)

Lukas Goebl (L.G.): Hast du noch ein Kammerl auf der

Universität?

Adolf Frohner (A.F.): Nein, ich bin kein Künstler, der auf Kammerl

reflektiert, wenn, dann auf Hallen, so wie die Frohner-

Forum-Halle.

Heidulf Gerngross (H.G.): Wie ist es zu der Halle in Krems

gekommen?

A.F.: Alle großen Sachen passieren nebenbei. Es gibt keine große

ideologische Vorkämpferei, es ist auch nicht mein Wunsch

gewesen, sondern es war eine Spontanreaktion nach einer

Ausstellungseröffnung, die ich in Langenlois hatte und die von

Herrn Landeshauptmann Pröll eröffnet wurde, den ich vorher

schon kannte und zu dem ich ein recht gutes Verhältnis habe.

Wir sind nachher, wie soll es sonst sein, in Langenlois bei

gutem Wein gesessen und haben getrunken und geredet und

haben die Welt auseinandergenommen und sie auf unsere Art

wieder zusammengesetzt. Und dann habe ich gesagt: „Jetzt

bringe ich etwas ins Spiel, was möglicherweise von euch weggeschnitten

wird. Wie sieht es aus, in Weißenkirchen gibt es

den Teisenhoferhof, der ist sehr schön und steht ohnehin leer.

Könnten wir da nicht eine Art Frohner-Museum errichten? Pröll

meinte: „Das würde ich dir nicht raten. Der Hof ist denkmalgeschützt

und besteht aus lauter kleinen Kammerln. Ich kenne

deine Bilder, das sind ja sehr große Bilder. Die haben ein bestimmtes

Pathos und brauchen Platz.“ Es wurde nichts daraus.

Er rief aber dann einen Landesbeamten an und beauftragte ihn,

sich darum zu kümmern. „Macht mir einmal Vorschläge und

redet mit dem Frohner, was man da machen kann.“

Und das muss schön langsam, so wie es durch den Melitta-

Filter tropft, zu dem geworden sein, was es jetzt ist. Das war

also sehr undramatisch. Dann war es ein Antrag. Aber ich

muss noch sagen, dass das Landesmuseum in St. Pölten von

mir ungefähr hundert Arbeiten besitzt, sehr viel grafische. Das

klingt nach irrsinnig viel, aber sie haben den Zyklus Metamorphosen

gekauft, das sind 49 Plakatübermalungen, sie haben den

Adalbert Stifter-Zyklus gekauft, das sind zehn große Arbeiten auf

Papier, damit ist man allein schon auf 60. Und der Dr. Rössl

hat, als das Landesmuseum noch in der Herrengasse in Wien

war, immer Sachen von mir gekauft, nicht nur für das Museum,

sondern auch privat, sein Vater auch. Es war also nicht nur

Interesse an einem Landeskünstler, sondern auch an einem

Künstler. Da ist mir auch viel lieber, als wenn er jetzt einen Auftrag

erledigt und sagt: „Wir haben etwas gekauft.“ Es ist schon

eine sehr lange Freundschaft.

H.G.: Wie ist es dazu gekommen, dass das Büro Göbl den Auftrag

für das Museum erhielt?

A.F.: Das ist ziemlich einfach erklärbar. Architekt Fritz Göbl

hat die Minoritenkirche zu einer Mehrzweck-Musikhalle, dem

Klangraum Krems umgebaut. Diese Halle, jetzt Forum Frohner,

die man mir angeboten hat, befindet sich in der Nähe der

Minoritenkirche, genauer gesagt: im Garten des ehemaligen

Minoritenklosters.

H.G.: War das ein Wettbewerb, den dein Vater (Architekt Fritz

Göbl, Anm.) gewonnen hat?

L.G.: Vor drei Jahren hat mein Vater, damals war ich noch nicht

dabei, da habe ich noch auf der Angewandten herumgekasperlt,

gemeinsam mit meinem Kollegen Alex Bolecek, der auch

Co-Entwerfer des Frohner-Museums ist, den Wettbewerb zum

Umbau der Minoritenkirche gewonnen.

A.F.: Am Minoritenplatz wird das Museum stehen. Wenn du

willst, kannst du das Bild haben. Das ist die Vorderfront, durch

die man hineingeht. Ein Glasgang führt in die Räume, die auch

dann zu mir gehören. Hier, in diese Patios, kann man Fontainen

platzieren …

L.G.: Das Büro Göbl hat also den Wettbewerb zum Umbau der

Kirche gewonnen. Es war zu diesem Zeitpunkt noch nicht so

klar, was man mit dem Kloster macht. Dann war die Idee, die

Niederösterreichische Festival-Ges.m.b.H., ein Museum über

die Handelsstadt Stein und eine Ernst-Krenek-Dokumentation

im Kloster unterzubringen. Das ist passiert. Und irgendwann

kam dann noch die Anfrage vom Dr. Rössl: „Habt ihr keinen

Platz für den Frohner in dem ganzen Museumsverband?“ Im

Teisenhoferhof wäre dies ja nicht möglich gewesen, denn, wie

du schon gesagt hast, in den alten kleinen Kammerln kommen

diese großen Werke nicht zur Geltung. Dann haben wir das

Ganze nochmals untersucht und im Klostergarten im Anschluss

an das zentrale Foyer einen Platz gefunden. Der Neubau

der Frohner-Halle ist nun axial zum Minoritenplatz und fügt

sich wunderbar in das alte Kloster ein.

H.G.: Wie wird dieses Museum aussehen? Wird das auch so eine

Ego-Architektur?

L.G.: Nein, sicherlich nicht. An dieser Stelle, in diesem Kontext,

geistig und historisch haben wir keinen Sinn in einer formalen

Überformulierung gesehen. Das Kloster ist ein sehr puristisches,

das haben ja die Minoriten erbaut, also ein Bettelorden.

Alles ist sehr einfach dort, um nicht zu sagen primitiv.

In diesem Sinne haben wir weitergedacht und gebaut. Die

Frohner-Halle ist eine Betonkiste, ein richtiger Bunker … Im

Innenraum haben wir großen Wert darauf gelegt, dass die Materialen

eine Nähe zu den Werken Adolf Frohners aufweisen.

Außerdem kommen eher primitive, im Museumsbau unorthodoxe

Materialien zum Einsatz. Zum Beispiel ist die Decke aus

Heraklithplatten, welche normalerweise im Tief- und Garagenbau

eingesetzt werden und sich durch ihre formale Nähe zu den

frühen Matratzenbildern vom Frohner auszeichnen. Der Beton

hat auch keine Sichtbetonqualität, der „schiache“ Beton passt

einfach besser zum Adi …

H.G.: Wann wird es fertig?

L.G.: Für Ende September ist die Eröffnung des Forum Frohner

geplant, weitere Teile des Projekts werden dann später eröffnet.

H.G.: Die Eröffnung ist schon 2007?

A.F.: Ja, aber das muss sein! Ich fahre nachher weg, ich habe

meinen Urlaub geplant.

H.G.: Wohin?

A.F.: Nach Sylt.

L.G.: Das kann an dieser Stelle festgehalten werden. Das wird

fertig!

H.G.: Wie ist die Auswahl der Bilder dort? Ist das eine Essl-Sache

oder eine Art Landesmuseum?

A.F.: Ich habe mich geweigert, das Wort Museum zu verwenden.

Museum ist ein Begriff der Spätbürgerlichkeit des 19.

Jahrhunderts. Da hat man halt immer wieder was Schönes, was

Statisches gesammelt und es in Räume gegeben und dann die

Tür zugemacht. Man konnte es besichtigen – und dann war es

tot. Ich will das Tote nicht, sondern ich möchte ein Museum,

das lebendig ist. Ein Museum hat man früher bekommen, wenn

man tot war. Nun versuche ich, das möglichst weit hinauszuschieben,

das Sterben. Und ich möchte, solange ich lebe, in

diesem Forum agieren. Ein Forum ist ein Platz, da kann man

alles machen – ich möchte zum Beispiel die Erstausstellung

sein. Grob ausgedrückt, aus jedem Dorf ein Hund, denn ungefähr

so viele Sachen haben sie. Dann stellt man vor: die Phase

des österreichischen Aktionismus, die Ablöse vom Aktionismus

zur Präfiguration, dann zur extremen Figuration, zur extremen

Kontaktaufnahme mit der Werbung. Wenn man früher einen

Kühlschrank verkaufen wollte, musste eine nackte Frau darauf

Ich will das Tote nicht, sondern ich möchte

ein Museum, das lebendig ist.

sitzen. Und ich habe gesagt: „Von meiner nackten Frau, die

darauf sitzt, wird nie jemand einen Kühlschrank kaufen“, also

sozusagen das Gegenmodell des Ganzen, weil ich gemerkt

habe, dass sich die Werbung eigentlich nach der Brieftasche des

Mannes richtet. Und dann habe ich gesagt: „Jetzt mache ich das

so, wie ich eben das verstehe.“ Das heißt, es ist Warenpornografie,

was da vorgeht. Alle diese Phasen in meiner Kunst, wie die

zu einer Art religiösen Mythologie kommen, werden am Anfang

vorgestellt. Und dann möchte ich etwa alle vier Monate das

wieder verändern, zum Beispiel die Nachfolgeausstellung, das

habe ich bereits ausgemacht. Wenn das im September anfängt,

dann gehen wir vielleicht im Februar eine Frühjahrsausstellung

an, die heißt Aktionismus und das Rundherum, informell

der Expressionismus, das informellste, das derzeit war, der

in Österreich nur kurze Zeit war, eine reine Ausstellung über

Aktionismus. Dann mache ich vielleicht etwas. Ich fotografiere

seit 50 Jahren Hauswände. Auf den Hauswänden findest du alle

Botschaften der Welt. Heute noch findest du am Stephansdom

„05“. Wer weiß, was „05“ bedeutet, weißt es du?

L.G.: Widerstand.

Foto: Wladimir Jeremenko-Tolstoj

A.F.: Ja, aber 0, das ist O, und 5 steht für E, also OE ist gleich Ö,

also Österreich. Wenn sie den erwischt hätten, der das hingeschrieben

hat, hätten sie ihn aufgehängt. Dann ist auch noch

das Maß eines Brotlaibes dort. Also die Botschaften der Welt

wurden immer auf die Hauswände geschrieben.

H.G.: Ja, überhaupt. Die Botschaften sind ja auch in der Architektur

gelegen, bis die Gutenberg-Bibel gekommen ist, die

das dann in Schrift übersetzt hat, der Architektur hat dies das

genommen …

A.F.: Wie die russische Besatzung, ich habe gefunden, auf

einmal kommt in unser lateinisches Weltbild das kyrillische

Schriftbild, und die Häuserzeichnungen waren ganz anders.

Ich wollte einmal ein Buch machen, wo ich sage: In Simmering

in der Hauptstraße Nummer 35 beim linken Kellerfenster gibt

es einen Léger zu sehen; wenn Sie einen Picasso sehen wollen,

fahren Sie nach Währing, den gibt es in der Gasse soundso. Ich

wollte so etwas aufbereiten: Dass es die Kunst jeder Zeit, wenn

man schauen kann, jederzeit zu sehen gab und gibt.

H.G.: Was ich noch sagen will, dieser Kontakt zur Architektur.

Ich bin heute am Westbahnhof gewesen und habe diese Arbeit

von dir mit meinem Handy fotografiert. Kannst du vielleicht

etwas zum Westbahnhof sagen?

A.F.: Schau, das habe ich in Russland fotografiert, das war einmal

ein Bild einer Kirche.

H.G.: Genau das waren die Inspirationen in meiner Jugend, von

den kleinen Kapellen in Kärnten, wo es genauso ausgeschaut

hat.

A.F.: Und davon habe ich viele. Ich würde gern einmal 100

Fotos, aber 100 ist eine blöde Zahl, also 99 Fotos in der Halle

ausstellen. Ein Maler betrachtet die Wand.

H.G.: Schön, es ist ja so, dass du wahrscheinlich dein Spektrum,

das in viele Epochen aufgeteilt ist, sozusagen hintereinander

zeigen kannst.

A.F.: Nachdem ich nicht so viel reden will, weil ich doch faul

bin…

H.G.: Dann rennt dir nichts weg, das habe ich schon gemerkt…

A.F.: Dann will ich euch zeigen, dass das, was du verlangt hast,

von mir jetzt gerade – schau, die verschiedenen Objekte, die

ich gemacht habe. Dinge, die nebenbei entstehen: das ist das

Haus für den Max Ernst, das ist Venedig im Waldviertel, das ist

die Annatant’ als Ikone, das ist ein weggeworfenes Bild, das ist

der Sessel für Joseph Beuys – all diese Dinge will ich auch als

Objekte zeigen. Aber du willst etwas anderes wissen. Schau, da

hast du den Westbahnhof und das, was ich dazu geschrieben

habe.


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Nr. 15/2007

H.G.: Aha, das ist beim Westbahnhof. Wer hat diese Stelen vorn

gemacht?

A.F.: Das weiß ich nicht, aber das ist ganz was anderes. Aber

das ist meine Arbeit, das gehört auch präsentiert. Dazu hat die

Spiegler was geschrieben, das hat sie blöd geschrieben, sie hat

geglaubt, es wird verglast, dabei wurde nur eine Glasbarriere

errichtet, damit nicht alle stinkenden Hunde und die Windeln

hinten liegen. Die Spiegler hat einen guten Artikel über die

Biennale geschrieben. Sie war einmal ein Liebling von mir. Ich

hatte eine Ausstellung im Kunstforum der BA-CA. Ich kannte

sie nicht, aber sie hat eine himmlische Kritik geschrieben. Und

dann habe ich mich bedankt und sie eingeladen, oder sie hat

mich eingeladen in ihr Elternhaus, und dann waren wir sehr

gut. Danach hatte ich eine Ausstellung in der Galerie am Stein.

Ich habe sie gezwungen, dort die Ausstellungseröffnung zu

machen – das hat sie gemacht. Warum sie jetzt so auf mich

hingehauen hat? Vielleicht hat ihr das der Herr Fleischhacker

befohlen? Was ich noch sagen möchte: Meine Lehrtätigkeit, die

sich doch über Jahre hingezogen hat …

H.G.: Es sind doch einige Leute aus deiner Tätigkeit als Professor

herausgekommen. Kannst du vielleicht ein paar Maler nennen,

die aus deiner Schule gekommen sind?

A.F.: Das werde ich nicht, ich werde niemanden bevorzugen. Ich

habe ungefähr 100 oder 150 Schüler gehabt. Ich muss ja nicht,

ich liefere Informationen – und ihr schreibt einen Blödsinn …

H.G.: Wir können keinen Blödsinn schreiben, denn es ist ja

authentisch. Was du sagst, ist drinnen. Das ist ja das Wesen

der Zeitung, dass wir nicht kritisieren und über dich schreiben,

sondern das festhalten, was ist.

A.F.: Diese Präservative in den Büchern sind ärgerlich.

A.F.: Da sind Texte über mich, da gibt es vorne Bilder von mir zu

sehen. Die Klasse, Tätigkeit des Lehrens …

H.G.: Das Bild ist schön.

A.F.: Nero hat da einen Text über die Lehrtätigkeit geschrieben,

das Lehren selbst, der hat mir ziemlich getaugt. Da ist der Text

Zeichen an der Wand, der ist wichtig. Da sind Bilder aus dem

Aktionismus.

L.G.: Wann war das?

A.F.: Was weiß ich, 1962.

H.G.: Was bist du für ein Jahrgang?

A.F.: 34er. Das geht bis zu den Kreuzigungsbildern, und hinten

gibt es auch noch ein paar Fotos. Das berühmte Foto, wo ein

schlimmer Bub an die Wand FUT schreibt – und dann kommt

der brave und macht AUTO daraus. Meine ganze Lehrtätigkeit

mit allen Gastprofessuren und Studenten sind drinnen. Von

den 150, die ich zum Diplom gebracht habe … Ich will nicht sagen,

dass ich allen 150 eine Chance gebe, aber ich nenne sicher

keine sechs, von denen ich sage, die schaffen es sowieso. Man

weiß nie.

L.G.: Seit wann bist du nicht mehr auf der Angewandten? Und

warum? Wie ich dort studiert habe, also noch vor zwei Jahren,

bin ich mit dir hin und wieder im Lift gefahren.

Diese Figur zu befreien von dieser historischromantischen

Vorstellung, dass Akt eine

schöne Frau, ein schöner Mensch ist – das

ist alles ein Blödsinn. Ein Mensch ist schön

oder nicht schön, aber wer das bestimmt, bin

sicher nicht ich.

A.F.: Seit 2005 im Grunde. Emeritiert habe ich natürlich schon

früher, musste ich ja, denn das geht ja bei uns gesetzlich.

Wenn ein Maler 68 ist, gehört er weg, ein Wissenschaftler

auch. Die wissen dann nichts mehr, die werden deppert, was

ein Schwachsinn ist. Bei den Medizinern ist das anders. Ich

kann mir vorstellen, dass ein Chirurg mit 82 nicht mehr so gut

operiert wie in jüngeren Jahren. Ich habe mich dann um meine

Klasse, die dann ausgeschrieben wurde, als Vertragsprofessor

beworben und habe die noch mal für drei Jahre bekommen.

Ich bin 2005 vollkommen ausgestiegen und habe kein Kammerl

dort. Ich verweigere auch jede Zusammenarbeit mit der

Schule, wenn mich Studenten fragen, denn ich dürfte ja noch

Diplome abnehmen – aber das mache ich nicht. Denn ich will

meine Nachfolgerin, Kandl heißt sie, nicht … Die hat jetzt zwei

Klassen und hat eigentlich gesagt, dass sie keinen Wert darauf

lege, dass die Studenten da wären, die sollen daheim arbeiten.

Ich will mich nicht in ihre Lehrmeinung einbringen. Ich weiß,

dass Kunst in der Form nicht lehrbar ist. Es gibt keinen Kanon,

von dem man sagen kann, das wird Kunst. Kunst kann auch

das Gegenteil werden von dem, was man glaubt. Aber ich sage

auch, dass die Lehrtätigkeit schon wichtig ist – und ich habe es

gern gemacht. Ja, ich habe es gern gemacht, erstens als Mensch,

der sich im 66/67er Jahr der reinen Körpermalerei zugewendet

hat. Ich wollte die Menschen darstellen, daher war für mich die

Herausforderung, Akte zu zeichnen, sehr wichtig. Denn ich

wollte sowohl das Aktzeichnen als auch das Museum aus dem

19. Jahrhundert rausreißen, dass man da in blöden Posen sitzt.

Und ich habe gesagt: „Ein Einbeiniger ist auch ein Akt, oder

einer mit einem Leistenbruch, der ihm bis zu den Knien hängt,

oder ganz dicke Frauen oder Frau und Kind.“ Wie interessant

ist es zum Beispiel, einen dicken Menschen auf eine Glasplatte

zu legen und von unten den Umriss zu machen? Das kann ein

Walfisch sein, das kann ein Seehund sein, das kann alles sein.

Diese Figur zu befreien von dieser historisch-romantischen

Vorstellung, dass Akt eine schöne Frau, ein schöner Mensch

ist – das ist alles ein Blödsinn. Ein Mensch ist schön oder nicht

schön, aber wer das bestimmt, bin sicher nicht ich.

Es geht eben in der Kunst darum,

sich selbst zu entdecken. Wer bin ich?

Ich weiß ja nicht, wer ich bin.

L.G.: Deine Palette ist sozusagen offen: Es gibt keine vorgefasste

Meinung, sondern die menschlichen Erscheinungen werden in

allen ihren Facetten dargestellt, egal, ob jemand schön ist oder

„schiach“ …

A.F.: Zum Beispiel die Frau vom Brus, wie er sie gemalt hat, das

Pelzchen, mit Krampfadern. Die hat Besenreißer, wie man sagt,

die hat alle Krankheiten … und ist schön. Und war die Maria

Theresia schön? Die hat 140 Kilo gehabt.

H.G.: Die hat wirklich 140 Kilo gehabt?

A.F.: Oder 130, aber jedenfalls konnte sie sich zum Schluss nur

mit einer Art Flaschenzug im Bett aufrichten, und war schön.

H.G.: Mich interessiert noch, wie du die Wien-Situation im Moment

siehst, in diesem neuen Europa, die Jetzt-Situation.

A.F.: Wie ist Europa zu sehen?

H.G.: Das ist ja die Frage.

A.F.: Die ist auch gar nicht so leicht zu beantworten. Ich weiß

eigentlich gar nicht, was das neue Europa ist.

H.G.: Dass du zum Beispiel nach Ungarn fahren kannst ohne

deinen Pass, dass du in Italien mit Euro bezahlen kannst. Es

gibt ein paar Bequemlichkeiten …

A.F.: Das ist mir zu blöd, zu simpel. Ich habe vor 20 Jahren in

Moskau eine Riesenausstellung gehabt. Und wie sie gesagt

haben, das sei nicht schön, das sei gar nicht schön, habe ich

gesagt: „Das ist die Antwort auf eine Art Kapitalismus, den ich

euch wünsche. Dann könnt ihr mich kritisieren, vorher wisst

ihr einen Dreck darüber.“ Das heißt: Ihr habt mein Werk nicht

zu kritisieren, sondern ihr könnt es als Ganzes ablehnen – oder

als Ganzes stehen lassen. Ich habe nur einen einzigen Einwand

gehabt. Da gibt es die Frau des Ikarus, die hat es nicht gegeben,

aber ich habe sie erdichtet. Der Ikarus ist runtergefallen, weil er

zu sehr an die Sonne gekommen ist und die Flügel geschmolzen

sind, die Frau ist auch hinuntergefallen. In der Zeit der

Sowjetunion ist niemand hinuntergefallen, sondern die haben

es verkehrt gehängt, die haben sie hinauffahren lassen. Ich

habe gesagt, dass ich gleich fahren würde, wenn sie zensurieren

würden. Dann haben sie es geändert.

H.G.: Das muss so um 1985 gewesen sein.

A.F.: Ja, vor Antonow, oder ich weiß nicht, wie der geheißen

hat, der Staatschef da. Und einer reiste aus Leningrad zu der

Ausstellung nach Moskau an, der sprach Deutsch und hat mir

erzählt, er habe noch den Lenin gekannt. Sage ich: „Na fein.“

Und da sagt er: „Aber was Sie machen, ist nicht schön.“ Ich

frage: „Was heißt ‚schön‘ auf Russisch?“ „Krasnoj“, sagt er. Sage

ich: „Ja, ‚rot‘ heißt das auch.“ Na, „krasnij“, die Rote Armee

ist auch zugleich die schöne Armee. Und da habe ich gesagt,

wir Revolutionäre würden immer rot malen. Es ist der gleiche

Wortstamm: „krasiwo“ – „krasnij“. Ich habe mich durchgesetzt,

bin dann auch eingeladen worden, drei Wochen mein Leben in

der Sowjetunion zu gestalten.

H.G.: Und hast du das gemacht?

A.F.: Mein Sohn hat zu der Zeit gerade Forstwirtschaft studiert

und hat gesagt, dass er gern nach Sibirien möchte und den Permafrostboden

studieren wolle. Die erste Reise, die genehmigt

wurde, war die nach Sibirien. Ich war in Irkutsk. Da war man

wieder sehr nett zu mir, man hat mir einen Irkutsker Maler

vorgestellt … Ich war dann 14 Tage auf einer Insel, da haben

sie mich ausgesetzt gehabt: mit einem Malerfreund, mit einer

Dolmetscherin, mit einem Koch, der alles mitgehabt hat, damit

wir kochen konnten, und mit einem Taiga-Führer. Wir sind mit

einem Boot auf eine kleine Insel gefahren. Sie sind draufgekommen,

dass sie den Schlüssel im Bus vergessen haben, dann

habe ich mal russisch aufgesperrt. Wir haben dort gelebt, es war

wunderschön. Wir sind jeden Tag in die Banja gegangen, haben

am Abend gesungen, gesoffen. Als wir dort weggefahren sind,

haben die Russen geweint und wir haben geweint. So war’s.

H.G.: Vielleicht können wir dein letztes Bild, was du jetzt

machst, den letzten Stand deiner malerischen Tätigkeit auch

noch ein bisschen beleuchten.

A.F.: Da müssen wir nach unten gehen, ich habe da auch noch

ein Atelier.

L.G.: Dann gehen wir runter und machen ein Foto von deinem

letzten Bild.

A.F.: Dann packt es ein und …

H.G.: Nein, wir wollen ja noch den Wein austrinken. Aber ich

glaube, wenn wir das jetzt so schreiben, bin ich zufrieden – es

ergibt ein Bild, das fließt so schön dahin.

A.F.: Hier, in diesem Buch, da steht alles drinnen, was Kunst

sein kann, aber ich definiere Kunst nicht. Ich habe es auch den

Studenten nicht gesagt. Ich habe ihnen schon etwas gesagt:

„Ihr müsst vorgehen wie Kriminologen. Wenn ein Kriminologe

irgendein Verbrechen entdecken muss, nimmt er zuerst Fingerabdrücke.

Denn der Fingerabdruck ist bei jedem Menschen

unterschiedlich, so viele es auch auf der Welt gibt und schon

gegeben hat. Das ist mein Fingerabdruck, der ist nicht übertragbar,

nicht übersetzbar, der gehört mir.“ Und ich habe den Studenten

gesagt: „Wenn ihr euch entdecken wollt, dann schaut,

dass ihr in der Kunst euren Fingerabdruck hinterlässt. Das ist

genug, das ist nicht das Hohe, Hehre, Schöne, Moralische oder

Unmoralische, das ist alles ein Blödsinn. Die Kunst war und

wird sich durch deinen Fingerabdruck äußern. Wenn du ein guter

Künstler wirst, hast du einen starken Fingerabdruck, wenn

du ein schwacher bist … Aber spekuliere nicht, schau nicht nach

bei anderen, was ist gerade in, was wird getragen, was ist kompatibel.

Spekulieren ist Scheiße in der Kunst.“

H.G.: Okay, das ist ein super Abschluss.

A.F.: Es geht eben in der Kunst darum, sich selbst zu entdecken.

Wer bin ich? Ich weiß ja nicht, wer ich bin. Ich wusste nichts,

als ich vom Land kam, als man mich durch alle möglichen

Stationen des Lebens geschleust hat. Ich war zuerst im Kloster

Stift Zwettl als Sängerknabe, ich war dann bei den Piaristen

in Krems, bin dann nach Wien gekommen, immer mit dem

Wunsch, Maler zu werden, nur was das ist, wusste ich ja nicht

wirklich. Ich weiß nur, dass ich die Nachbarskinder gut zeichnen

konnte, das prädestiniert mich nicht. Ich glaubte, das ist

es schon, aber das hat man dann sehr schnell gesehen an der

Kunstakademie. Ich wusste nicht einmal, was ein Passepartout

ist. Ich habe mich regelrecht disqualifiziert.

H.G.: Unsere Zeitung ST/A/R steht für Städtebau, Architektur

und Religion. Zur Religion hast du eh einiges zu sagen, das

sieht man.

A.F.: Natürlich, ich male ja nur religiöse Bilder. Das ist die hl.

Katharina von Siena. Weißt du was über sie? Ich kläre dich auf:

Die hl. Katharina von Siena war eine Nonne und hatte Epilepsie.

Sie hat in jungen Jahren, wie die Pest in der Gegend war,

aus Liebe zu Jesus den Pestkranken jeden Tag die Wunden

ausgeschleckt. Das ist eine rein sexualpathologische Geschichte.

Sie hat sich dann mit dem Papst angelegt und sich dann in

eine Zelle eingemauert und sich, grob ausgedrückt, zu Tode

geschissen in jungen Jahren. Das Bild heißt Katharina von Siena

in Ekstase. Natürlich nehme ich Themen aus dem religiösen

Bereich, dahinten habe ich zum Beispiel Maria Himmelfahrt

stehen, oder Maria Magdalena nimmt den toten Jesus vom Kreuz,

ihren Freund. Aber das ist natürlich meine Interpretation. Das

Bild zum Beispiel heißt Die Kopflust.

Wer bin ich?


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch VIII - Forum Frohner ST/A/R 57

Adolf Frohner, Ohne Titel, 1961; © Niederösterreichisches Landesmuseum, St. Pölten; Schenkung Frohner

‘ Zufälle, die ich provoziere’

Adolf Frohner im forum frohner der Kunsthalle Krems

30. September 2007 – 24. Februar 2008

Die Erstausstellung „Zufälle, die ich provoziere. Adolf Frohner im forum frohner der

Kunsthalle Krems‘ zeigt Werke von Adolf Frohner, die er selbst als Schenkung eingebracht

hat. Es lag nahe, nach Durchsicht und Vergleich der Werke mit anderen Arbeiten des

Künstlers, genau diese Schenkung zu zeigen, da der Künstler offensichtlich mit seiner

Großzügigkeit gedacht hatte, die Werke seien ideal für eine Frohner-Präsentation im neu

gegründeten Forum, da sie den Künstler in seiner facettenreichen Entwicklung spiegeln.

Die Ausstellung folgt diesem „Wunsch“ des Künstlers und dokumentiert zugleich die

fruchtbare Zusammenarbeit zwischen der Privatinitiative des Künstlers und der öffentlichen

Hand zugunsten des Publikums. Der Kosmos Frohner spiegelt unser Leben auf

vielfältige Weise wider. Das Werk von Adolf Frohner spricht vom Individuum, seinen

Verführungen, seinen Vorurteilen, seinen Energien, seinen Begierden, seiner Gier, seiner

Verführbarkeit, seiner Politik und Politikabhängigkeit, seinem barocken Lebensgefühl,

seiner Sinnlichkeit und Geistigkeit, seiner Verwurzelung und Esoterik, seinem Handeln

und Hoffen.

Da Frohner nie eine Nische für seine Kunst gesucht hat, in der er sich ruhig ausruhen

konnte, garantiert sein Œuvre Reflektionen in der Zukunft, die immer wieder werkspezifisch

sind und sich zugleich von diesem Œuvre völlig abheben können.

Das Ausstellungsprogramm des forum frohner wird von Prof. Dieter Ronte, dem langjährigen

Freund und Wegbegleiter Adolf Frohners, geplant – 2007 als Kurator, ab dem Jahr

2008 als künstlerischer Direktor. Prof. Ronte ist in der glücklichen Situation, auf zahlreiche

Gespräche mit dem Künstler, die eine künftige Programmierung des Forums zum

Inhalt hatten, zurück zu blicken und diese Überlegungen nun realisieren zu können.


58 ST/A/R Buch VIII - Forum Frohner

Nr. 15/2007

Adolf Frohner, Amux, 1963

© Niederösterreichisches Landesmuseum, St. Pölten

Schenkung Frohner


Nr. 15/2007

Buch VIII - Forum Frohner ST/A/R 59

Adolf Frohner, Das Bildnis des Künstlers in jungen Jahren in der Manier des Piero della Francesca, 1976

© Niederösterreichisches Landesmuseum, St. Pölten

Schenkung Frohner


Städteplanung / Architektur / Religion Buch VIII - Forum Frohner

ST/A/R 61

Adolf Frohner, Nijinskys letzter Tanz, 1990

© Niederösterreichisches Landesmuseum, St. Pölten

Schenkung Frohner

ich bin ein anderer

“ich bin ein Anderer”

Arthur Rimbaud

Adolf Frohner, Posieren im Atelier, 1990,

© Archiv Adolf Frohner


62 ST/A/R Buch VIII - Forum Frohner

Nr. 15/2007

Adolf Frohner, Hommage für Hermann Nitsch, 1984

© Niederösterreichisches Landesmuseum, St. Pölten

Schenkung Frohner


Nr. 15/2007

Buch VIII - Forum Frohner ST/A/R 63

Adolf Frohner, Kybele, 1966

© Niederösterreichisches Landesmuseum, St. Pölten

Schenkung Frohner


64 ST/A/R Buch VIII - Forum Frohner

Nr. 15/2007

Biographie

12. März 1934 – 24. Jänner 2007

1934 12. März: Adolf Frohner wird in Groß-Inzersdorf in Niederösterreich geboren

1946 Besuch des Gymnasiums des Zisterzienserstifts Zwettl

1948 Besuch des Piaristengymnasiums in Krems (bis 1952)

1952 Übersiedlung nach Wien

1953 Frohner besucht eine Fachschule für Wirtschaftswerbung (bis 1955)

1954 Gasthörer an der Akademie der bildenden Künste in Wien, besucht den Abendakt

bei Herbert Boeckl; als Künstler ist Frohner Autodidakt

1955 Frohner arbeitet als Werbegrafiker beim Verband der Elektrizitätswerke (bis 1959);

nach autodidaktischen Malereien, orientiert an Paul Cézanne, Pablo Picasso, Juan

Gris, Fernand Léger, Oskar Schlemmer und Paul Klee, kommt Frohner zur frei

gestikulierenden Malerei, dem Tachismus sowie der Aktionsmalerei – nun so

genannt nach dem Aktionismus, in den sie später mündet

1999 Leiter des Instituts für bildende Kunst an der Universität für angewandte Kunst in

Wien (bis 2004)

2002 Emeritierung als Institutsvorstand am Institut für bildende Kunst an der Universität

für angewandte Kunst in Wien; Frohner ist als Emeritus weiterhin Teil

des Lehrkörpers und betreut die Meisterklasse für Malerei weitere drei Jahre (bis

2005)

2007 19. Jänner: Gemeinsam mit dem Niederösterreichischen Landeshauptmann Erwin

Pröll erfolgt der Spatenstich zum forum frohner, ein Neubau im Gebäudekomplex

des neu adaptierten ehemaligen Minoritenklosters Krems-Stein; 24. Jänner: Adolf

Frohner stirbt völlig unerwartet; 29. September: Eröffnung forum frohner

1959 Frohner ist als Kunstkritiker für zwei ideologisch gegensätzliche Zeitungen tätig:

Volksblatt und Volksstimme, in der Volksstimme unter dem Pseudonym Georg

Hart

1961 Frohner arbeitet als freier Maler und Grafiker; UNESCO-Stipendium für Paris,

veranlasst durch Herbert Boeckl; Frohner knüpft dort Kontakte zur Gruppe „Nouveaux

Réalistes“ um Pierre Restany

Adolf Frohner mit Park Seo Bo am Grab

von Vincent van Gogh, Auvers-sur-Oise, 1961;

© Archiv Adolf Frohner

1962 Dreitägige Einmauerung

zusammen mit Otto Muehl und Hermann

Nitsch; diese führt zu Schwierigkeiten

mit den Behörden sowie mit

Zivilpersonen; ab diesem Zeitpunkt

spricht man vom „Wiener Aktionismus“;

nach der Einmauerung verweigert

Frohner jede Art eines bürgerlichen

Berufs

1964 Auftrag der Gemeinde Wien

für 16 Sgraffitoflächen für eine städtische

Wohnhausanlage in Wien

1967 Teilnahme an der Biennale

des Jeunes Artistes in Paris (gemeinsam

mit Walter Pichler und Richard

Kriesche); nachdem Frohner das Bild

„Die Flucht“ Jean Dubuffet widmet,

kommt es zur ersten Begegnung der

beiden; ein reger Briefwechsel und

zahlreiche Besuche sind die Folge

1969 Frohner nimmt an der Biennale

von São Paulo teil, die ihm große

internationale Beachtung bringt

1970 Personale auf der Biennale

von Venedig (21 großformatige Ölbilder);

ab diesem Zeitpunkt kommt es

zur Zusammenarbeit mit renommierten

Galerien

1972 Berufung als außerordentlicher Hochschulprofessor für Aktzeichnen an die Hochschule

für angewandte Kunst in Wien; Austritt aus der Künstlervereinigung Secession

und Präsident der neu gegründeten Gegensecession, die von der Vereinspolizei

wieder aufgelöst wird, da sie völlig untätig ist und nicht einmal „Amtsbriefe“

beantwortet

Adolf Frohner mit Peter Handke im Atelier, Wien, 1992,

© Photozentralwerkstätte, Hochschule für angewandte Kunst, Wien

ars longa vita brevis

ars longa vita brevis

Ausstellungen (Auswahl)

1997 Galerie Raab, Berlin; Halle K, Hamburg; Frauenburg, Baden bei Wien;

Max-Planck-Institut, München

1998 Galerie Sikoronja, Rosegg; Cselley-Mühle, Oslip; Kleiner Kunstpalast,

Meran

1999 Schloss Ulmerfeld, Niederösterreich; Galerie Medium, Bratislava

2000 Puppentheatertage, Mistelbach

2001 Kunstforum, Wien; Von der Heydt-Museum, Wuppertal; Landesmuseum

Schleswig-Holstein; ORF-Landesstudio Niederösterreich; Galerie

Weilinger, Salzburg; Galerie am Stein, Schärding; Galerie Hofstätter,

Wien

2002 Schloss Gabelhofen, Fohnsdorf; Galerie Eberstaller, Gols

2003 Galerie Glacis, Graz; Galerie 12, Innsbruck; Galerie Fichtegasse 1, Wien;

Kulturkreis Burgenland, Rust

2004 NÖ Landesmuseum, St. Pölten

2007 forum frohner der Kunsthalle Krems

1976 Frohner wird Ordentlicher Hochschulprofessor an der Hochschule für angewandte

Kunst in Wien; Mitglied der Hörer- und Sehervertretung und des Kuratoriums

im ORF für die Sparte Kunst (bis 1980); Auftrag für zwei Wandbilder für das

Internationale Zentrum (UNO-City) in Wien; Besuch bei Guyla Halász Brassaï in

Paris

1979 Leiter der Abteilung Allgemeine Kunstlehre und Kunsterziehung an der Hochschule

für angewandte Kunst in Wien (bis 1981)

1985 Frohner wird Leiter der Meisterklasse für Malerei an der Hochschule für angewandte

Kunst in Wien

1987 Leiter der Abteilung Bildende Kunst an der Hochschule für angewandte Kunst in

Wien (bis 1999)

1989 Stellvertretender Rektor an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien (bis

1991)

1990 Öffentlicher Auftrag für den Brunnen vor dem Bundesamtsgebäude im 19. Wiener

Gemeindebezirk

1993 Auftrag der Wiener Linien zur Gestaltung einer 40 Meter langen Wand in der U-

Bahnpassage am Wiener Westbahnhof: „55 Schritte durch Europa“

1995 Wandbild am Flughafen Wien-Schwechat: „Der ewige Traum vom Menschen“

1996 Prorektor an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien

1998 Ordentlicher Universitätsprofessor für Malerei an der Universität für angewandte

Kunst in Wien

Adolf Frohner mit Heinz Fischer

© Foto Mayr, Wien


Buch IX - Literatur ST/A/R 65

LITER

Städteplanung / Architektur / Religion

Anselm Glücks Sterne, die kaum Platz einnehmen, eine Märchenbearbeitung von Lisa Spalt,

ein bisschen virtuelle Gymnastik von Gerhard Rühm, ein paraontologischer Zwischenfall

von Michael Arenz, weitere Pariser Passagen von Bettina Galvagni, eine Stadt im Konjunktiv

ATUR

von Reinhard Kaiser-Mühlecker & permanentes Blauzeug von Angelika Reitzer & Horst Stein.

Venezianische Skizze

Dieter Sperl

Schon die ganze Zeit über habe ich das

Gefühl, mich in einem Traum oder gar in

einem anderen Bewusstsein zu befinden,

obwohl alles, was passiert, meinen

Alltagserwartungen entspricht. Auch hier in

Venedig: die engen Gassen, der scheinbar

nicht enden wollende, Sprachfetzen und

Lachsalven ausspeiende Strom von Touristen,

auf der Piazza San Marco die beliebten

Tauben auf den ausgestreckten Händen

der von überall her angereisten Besucher.

Es drängt mich manchmal förmlich dazu,

einen der Fremden zu berühren, nur um

herauszufinden, was in einem solchen

Fall passiert. Denn die Menschen wirken

unheimlich mit ihren mitgebrachten und

an den Gesichtern leuchtenden Sorgen,

ihren verhüllten Plänen und flammenden

Begeisterungen in den Augenwinkeln. Je

näher sie mir körperlich kommen, desto

deutlicher kann ich diese sehen. Zugleich

bin ich enttäuscht, weil ich den gewaltigen

Aufwand, der nötig gewesen sein musste,

diese Stadt zu erbauen, überhaupt nicht

spüren oder teilen kann und nur ein

betretener Tourist bin, der sich an den

hervorspringenden und gleichzeitig

zurückhaltenden Attraktionen betört.

Manchmal, wenn eine Möwe ganz knapp über

dem Canale Grande fliegt, um sodann in die

Lüfte abzuheben, frage ich mich, ob diese

Tatsache von der selben energetischen Art ist,

wie wenn jemand bei der Rialto Brücke, in

der dortigen Bar, einen Espresso trinkt, wenn

ein Kind am Lido mit seiner Plastikschaufel

eine Sandburg baut oder ich einen Satz

forme. Zuweilen scheint es mir, als ob ich

selber ununterbrochen diese fast exzentrisch

geisterhafte Welt hervorrufen würde. Und

dies alles begann damit, dass ich, an einem

Junimorgen vor beinahe zwanzig Jahren, mit

dem Vaporetto numero uno zum Lido fuhr

und, obwohl allein reisend, mich beschwingt

im Glitzern des Meeres aufgehoben fühlte.

Aber von einem Augenblick auf den anderen

sah ich mich plötzlich als Ertrinkenden. Es

war dies eine heftige und schonungslose

Impression. Ich versank immer tiefer und

tiefer in der unbeschränkten Stille des

Meeres, dabei mit aller Kraft um mein Leben

kämpfend. Mitten in diese für mich jetzt

noch sichtbare Empfindung hinein - eine

Mischung aus zunehmender Dunkelheit

und hektischer, aber grenzenlos langsamer

Bewegung - erkannte ich absolut klar, dass

Glück und Grausamkeit nicht voneinander

trennbar waren (und auch ich war ein Teil

davon), zugleich jedoch waren sie auch völlig

eigenständige, ihren selbst erzeugten Regeln

entsprechende Wesenheiten. Diese Erkenntnis

hatte nichts Beseligendes an sich. Sie war

kalt und warm, und ich fühlte mich in der

Tat universell einsam und aufgehoben: Als

ob sämtliche Motivationen, die mein Leben

zuvor beherrscht und vorangetrieben hatten

mit einem Male innehielten. Ein Gefühl

absichtsloser Freude stellte sich ein und

machte mich weinen. Ich weiß nicht mehr,

wie lange ich so auf dem Vaporetto saß.

>> sperl@star-wien.at

Schriftwechsel


66 ST/A/R

Buch IX - Literatur

Nr. 15/2007

Sterne, die kaum Platz einnehmen

Anselm Glück

DU

Man befindet sich auf Urlaub und fährt mit einem Schiff auf eine

Insel. Man zieht sich aus und geht zu Bett und denkt, zu Hause ist

jetzt Mittagszeit. Im Schlaf grübelt der Kopf noch lange darüber

nach, und gleich nach dem Frühstück wartet man auf den ersten

Einfall und führt ihn fehlerfrei aus. Man sitzt am Strand. Die Insel

ist in der Mitte zu einem Hügel gewölbt, und wir gleiten auf Rädern

den Abhang hinunter. Erst ganz unten bremst uns das Meer. Den

Kopf vorgebeugt, in die Tiefe, beginnen unsere instinktgeleiteten

Arme zu rudern, und wir tauchen im Nu mit nur leichten

Schürfwunden auf

Ein Hund hat viele Eigenschaften und wird uns im Lauf der Zeit

zugunsten mehrerer Merkmale bekannt. Bald erfüllt er eine

praktische Funktion. Er wird Teil unseres Alltags, steht vor dem

Haus und hält Wache. Wenn er bellt, scheint etwas nicht zu

stimmen, und wenn er beißt, hat er sich nur gewehrt. Wir treten

nach draußen, und im allgemeinen Durcheinander entwickelt sich

ein Streitgespräch, das sich bald auf Schimpfworte und dann nur

noch auf Tritte beschränkt. Die Rettung kommt, und um genau zu

sein, kommt auch die Polizei. Der Verletzte liegt anschaulich in

seinem Blut. Er röchelt und bringt übersichtlich den gewährleisteten

Tathergang zu Protokoll. Wir stopfen ihm noch einmal das

Maul, aber die Uniformierten schränken zunächst unsere

Handlungsfähigkeit ein, dann führen sie uns ab und schießen

darüberhinaus auch noch den Köter über den Haufen

Auf einer Bahnfahrt stieg einmal eine Frau zu. Sie wurde von allen

besichtigt, und zwei Stunden später entwickelte ich im Speisewagen

unser erstes Gespräch. Ich konnte vor Schmerzen kaum sitzen

und obendrein war es mir lästig, daß der gesamte Nachbartisch

mithörte, also war es kein Wunder, daß mein erster Eindruck

mäßigem Gefallen nicht wirklich nahekam. Schließlich stand sie

auf und verschwand. Sie verpatzte sich dadurch endgültig mein

Gesamturteil, und einwandfrei negativ beglich ich kurzangebunden

die Rechnung

Völlig überraschend rief der Kuckuck schon wieder. Wir konnten

ihn deutlich hören. Er hing direkt über uns und versetzte uns

einmalmehr in Staunen. Die verfertigten Stunden wurden als

künstliches Maß in den Tag gestopft, und wir begriffen, wie

schnell alles geht. Zum Beispiel bleibt auf einmal die Uhr stehen.

Etwas klemmt im Kasten. Die Zeiger verharren, und der Kuckuck

verstummt. Endlich kommt ein Fachmann. Die ganze Uhr wird

bedeutsam auseinandergenommen, und er schaut sich alles in Ruhe

an. Es heißt, die Zeit enthält ihre Meßbarkeit, der Kuckuck aber

wird ihr von uns aufgezwungen

Der Schnee versucht die Fenster einzudrücken, der Hund kommt

hinter dem Ofen nicht mehr hervor, und ich bin auch schon so gut

wie nicht mehr vorhanden. Die Dämmerstunden gehen ineinander

über. Der Mond steht still über im Eis verwurzelten Bäumen.

Die Stubentür geht auf, und das Gesicht des Nikolo leuchtet. Der

Krampus streckt die Zunge heraus. In schöne Gedanken vertieft

sitzt die Schwester bei Tisch und tut nüsseknacken. Am Morgen

ragen Eisschollen ins Zimmer, und die Landschaft taut erst zu

Ostern wieder auf

Mitten auf der Rudolfinaredoute warf sie sich kopfüber in den

Klang der Musik, um im Tanz ihr Leid zu vergessen, doch schon

nach kurzer Zeit ekelten sie fröhliche Gäste aus dem Saal. Unter

einer Eisdecke rollte die Donau dem Schwarzen Meer zu, und

Schneeflocken legten leicht den Weg zwischen Himmel und Erde

zurück

Draußen wurde die Erde hart, und Schnee bedeckte die Pflanzen.

Im Schutz des Vordachs hielt ich Ausschau und rauchte und

trank. Im Schnee stand ein Hund herum. Er wälzte sich und

war schrecklich einsam. Er beschnüffelte einen Baum, und ich

schlüpfte im Zimmer unter die Decke zurück

Die Stadt erstreckt sich von Haus zu Haus, und durch alle Gassen

schallt ein Jubel. Der Menschenstrom grüßt seine Herrn. Manche

schrecken empor und erkennen sich im Vorübergehen nicht wieder.

Mühsam erscheint auf der Tribüne der Landeshauptmann. Wir

brüllen ohne Unterlaß. Das Volk bettelt, und die Führer winken

Später breitete ich meine goldenen Flügel aus und flog umher.

Unter mir lag die ganze Welt. Ich zog sie zum Fenster herein und

ging mit ihr durch die Stube. Meine Werktagskleider nahmen sich

auf einmal ungemein schmuck aus, und schon kam eine Dame des

Weges und nahm ungeniert Platz. Im Nu verrutschte ihr Höschen,

aber aus Empfindsamkeit rückte ich es ihr wieder zurecht

Unmittelbar vor dem Haus stand ich in der Dunkelheit und nach

alter Sitte rief ich gegen die Berge und lauschte dann verzückt dem

über mich hereinbrechenden Echo

Sterne, die kaum Platz einnehmen und sich mit einem Handgriff

falten lassen, werden durch eine Seitenwand in den Himmel

geschoben und später von auf- und untergehenden Zivilisationen

entdeckt und wiederentdeckt, etwa als Gruß, oder auch als Trost,

oder als Andenken, zum Anschauen, oder auch zum Aufziehen

Glitzernde Ringe, jungen Damen auf die Finger gesteckt,

sollten geordnet und stilvoll von unserer Liebe künden, und

zusammengefügt gleiten wir dann durch die Wunderländer unserer

Träume, an beiden Seiten mit bunten Einkaufstüten versehen

Zum Jahreswechsel ist man gern zusammen. Man freut sich

auf allerlei Überraschungen und hofft, daß es klappt. Manche

Begleiterin seufzt, muß schließlich aber anerkennen, daß das

Trinken den Hauptteil der Unterhaltung ausmacht. Ein paar andere

Vorschläge haben dadurch bestenfalls für nur ein paar Sekunden

Wichtigkeit. Immerhin, ein kleines Geschenk, gerne bereitgehalten,

verrät von unserem Überfluß und von der herzlichen Bereitschaft,

etwas davon abzugeben. Allerlei magische Zeichen deuten darauf

hin, daß auch das neue Jahr spannend wird, mit einem Blick auf

die Uhr, in nicht ganz zwei Stunden begonnen werden kann.

Nach einem gemeinsamen Pfänderspiel bekommen alle einen

Lachkrampf. Aus dem Radio dringt Tanzmusik

Was für einen vergnügten Anblick ich heute wieder im Spiegel

vorfinde. Auf meinen breiten Schultern sitzt ein markanter Kopf

und bohrt zwei harte Blicke in sein Gegenüber. Der mächtige Bart

reicht von der Stelle, wo das Gesicht aufhört, bis tief über den

Brustkorb hinunter, und dort, wo die Arme sein könnten, hängt an

je einer Schlinge gut sichtbar je ein Gipsverband, auf den, wenn

es ihnen Spaß macht, gute Freundinnen ihre Telefonnummern

schreiben können. Mit Krepppapier umwickelt reckt der Hals

geschickt das Gesicht vor, und darunter ist mein cremefarbener

Frisierumhang zu sehen

Seht, da kommen die Berge. Sie laufen eilig zum Fluß, und hinter

der Tür lauschen wir still, während die Fenster als Spiegel durchs

Haus rollen. Sie hechten sich auf den Tisch. Im Kochtopf liegt das

Abendbrot, aber in dem Moment kippt die Tischplatte hoch und mit

den Händen nachgeahmt, erleben wir einen riesen Schreck

Es heißt, der Kaiser habe schon wieder einen Smaragd verschluckt,

das ist aber sicher übertrieben. Außerdem sind wir davon überzeugt,

dass er ein Genie ist, und viele halten ihn obendrein auch noch für

einen passablen Erfinder. Singt er selbstgedichtete Balladen, was,

unter uns gesagt, zum Glück nicht mehr oft vorkommt, werden

Tribünen aufgebaut, damit wir Platz nehmen und applaudieren. Zu

später Stunde werden am Kaiser diverse Orden befestigt. Tröge, an

Ketten mit gegenläufigem Gewicht, überschütten ihn mit Gold

Der Mann auf dem Dach ist ausgerutscht und fällt im Moment noch

immer

Anselm Glück, geboren 1950 in Linz. Lebt in Wien.


Nr. 15/2007

Buch IX - Literatur ST/A/R 67

Die Märchenwelt der Gebrüder Grimm hat längst Einzug

gehalten in die Märchenproduktion der Managementund

Marketingseminare. Vom „Mehrwert“ der Märchen

profitieren jenseits der Forschung und Liebhaberei all

jene, die sie als potenziell wahr zu machende Lifestyles

perfekt zu inszenieren verstehen: als Karotte vor der

Nase dauerknabbernder Konsumierenden. Lisa Spalts

Aneignung bekannter Märchen – Rapunzel, Froschkönig,

Schneewittchen, Märchen vom Machandelbaum

– versteht sich als Planspiel, in dessen Verlauf ein

Gedankengang sich an der Materialität von Second-

Mouth-and-Hand-Sprache ebenso reibt und entzündet

wie an realen Gegebenheiten und der Suche nach

Lebens-Anweisungen. Das verwendete Sprachmaterial

stammt vor allem aus der Werbung, ist oftmals

Wegwerfsprache, manchmal nur für einen TV-Clip

geschaffen.

GRIMMS

Ca. 112 Seiten, brosch. ISBN 978-3-85415-413-6

Euro 13,90; erscheint bei Ritter im Herbst 2007

aus:

Sinn und Bettbezug

Lisa Spalt

nach dem Märchen Rapunzel

Was für eine vollendete Anfängerliebe, dieses Gefühl, das ich

auf Sie beziehe! Das Gefühl, das ich auf Sie beziehe in diesem

Übergangsbewusstsein hier, diesem Zopfwort, von dem eine

Vorstellung zu haben ich mir gar nicht erst erlauben will:

Denn vollendet sich nicht im haarigen Bild für die im Knoten

(aufgehoben) wirkende Faser jene, bisher nicht gewusste Phase,

über welche Zeit hinweg wir einander versprochen waren? Waren

wir nicht, nichts ahnend, liiert durch das Zeitstrecken-Synonym

der Lunte hindurch, verschweißt zum – an s Nirwana des Happy

End – sich verlierenden roten Faden? Verwendeten wir nicht,

uns versprechend, dieselbe Wendung vom signalroten Glühen

heiß gelaufener Kabel, stehen (auf Draht) in Verbindung, zwei

Boten des Glücks in ein und demselben, stets zur Begrenzung

tendierenden Begriff? Sind wir nicht verbunden in der, Ihnen

hier vorgetragenen Rede vom ewigen Feuer unserer auf ganz

andere Weise ebenso ewigen Liebe, in der Infra-Brater-Thematik

zum Beispiel, die sich als ein Funken aus diesem sich-Verzehren

unseres flammenden Texts erst bildet?

Knister-knacks-funk machen wir Prinzessin Barbara und Königssohn

Ken. Zwischen Pascadozzia und Roger knistert s, meint: das

Feuer der Liebe brennt. Der kühle Edle und die heiße Wilde,

Kamin und Bärenfell: Nichts fehlt uns in Ihnen zum Glückspilz-

Begriff am Ende der gespielten Turmfigur. Kuppen befingert

s gute Partie. Und die Welt ist schwarz-weiß, wenn Kokos-

Protein auf gebräunter Haut noch etwas meint. Nein, es bleibt

uns nichts zu wünschen übrig. Ja, es bleibt uns kein Wunsch

unerfüllt, wo der Zweck des Einsseins in der, uns gemeinsamen

Liebesgeschichte steckt. Leben perfekt! Und doch: Welch

anziehendes Signal-Rot zeitigt diese gut frequentierte Lippen-

Verbindung, wenn sie nur erst einmal abbricht! Um wieviel

stärker wird die Anziehung der Körper, wenn sie von einander

gelöst sind! Ist da nicht so etwas wie Frische-Bedeutung mit

Zell-regulierender Depotwirkung drin? Genau, es wird zu der

abgeschlossenen Menge der nicht enden wollenden Freuden jetzt

noch eine dazu gezählt: Totalität plus x. Ein Zusatztüpferl auf der

Perfektion (i) vulgo Paarungs-Harmonie. Seien Sie also bitte mit

Überglück erfüllt, wenn Pascadozzia, Rapunzels Mutterfigur,

mit ihrer Geschichte umgehend, endlich schwanger wird! Das

ist dann plus quam perfekt. Und wenn die Erzählung (die große)

zu Ende ist, lässt sich die Zukunft im Wortsinn der Sache

endlich begreifen: Ein Kind ist unterwegs, diese Verschmelzung

zu noch mehr Volumen und zertifizierter Organic Skin. Und

bedeutet dies nicht den Überfluss einer bereits abgeschlossenen,

genetischen Informierung? Eine kleine, feuchte und unerwartet

überschießende Nachricht? Da kommt doch die Schönheit aus

der Harmonie. Das ist doch eine Metashopper-Dingsbums-

Übertragung oder so etwas, da wird doch jede Logik zerstört. Ja,

das ist doch die Zerstörung der bestehenden Ordnung, dass sie

plötzlich mehr als alles strukturieren wird.

Derart also die Information, welche Pascadozzia zu integrieren

hat: Luxus! Ein sanft überspülter Postkartenstrand züngelt

nach der ersten Rapunzel-Nennung. Eine erste haarige Woge

– wohligen Schauderns vielleicht – welche das Liebespaar

beim Anblick eines antiken Leuchtturms überläuft: Venus-

Assoziation, Botticelli-Empfindung, oder das Flechten-Gen als

Entelechie in der Einheit von Ding und Programm! all diese

Schönheit, all dieser Mehrwert, welcher der Realität, die wir

sind, aus ihr heraus noch hinzugefügt wird! Ein Hochreißen

erfolgt der Arme des angehenden Vaters vor dem Lebensgefühl,

vor dem Anblick seines persönlichen Strandvergnügens, es

folgt unser zeitlich versetztes, dennoch gemeinsames Drücken

der identifikatorisch gereizten Tränendrüsen, krönt das Ende

der Informationsübertragung, das gemeinsame Weinen auf

der Basis von zweierlei Glücks-Begriff, vor dem Plus unsrer

Fortpflanzungs-Happyness: Pupille, mein Püppchen, man zeigt

s uns exklusiv, …

Pascadozzia fixiert die materialisierte Ausformung des Topos vom

verbotenen Garten. He, Figur vom Fenster zur Welt! Nur dein

Bypass bringt unsere Grün-Empfindung in die Herz ergreifende

Phantasmagorie. Ja, die berührende Figur der werdenden Mutter

bietet uns den extravagantesten Einblick, Exklusivität der intimen

Sicht. Nur, wo SIE uns rührt, werden WIR bewegt. Wir wünschen

uns mit ihr aus dem – in s Feldtheoretische verlängerten –

Grund der nur eingeschränkt erlaubten Zugänglichkeit die

Einverleibung des uns verbotenen Nachbar-Dings. Es entspannt

sich zwischen uns und dem besagten Objekt (meint hier: der

Trieb-Struktur im Rapunzelbeet) geradezu ein Attraktivitäts-

Vektorfeld, eine potenziell querbare Fußgängerzone des Rasens

zwischen uns und der verbotenen Frucht, weil sie einzigartig

und – eben – verboten ist. Rapunzelsucht! Was für ein Salat,

angerichtet nur, weil der Apfel der Erkenntnis die Figur zur

Ausnahme-Erscheinung lockte! Und die verdient natürlich nur

das mit Abstand Beste aus dem am weitesten entfernten Beete.

Ja, wie die Attraktivität (der Wert) des Raum-Punkts steigt, wenn

er uns die Distanz zum Unerreichbaren zeigt! Oder glaubt nicht

schon die Biene, dass die am schwersten zu erreichende Blüte

auch die ertragreichste wäre, weil sie so selten besucht wird?

(Und wenn ich über einen Knoblauch-Zopf zu diesem Blütenkopf

hochklettern muss!) Und so kommt s zur Tugend-Konnotation des

Kampfes und der Mühe. So schließt sich über den englischen

Begriff Labour Arbeit und Geburtswehe kurz, ein Ausdruck für

den gesammelten Wert im Wort vom sich-Zusammenreißen.

Was wir unter Kämpfen gewinnen, erhebt uns zu den Göttern.

Nektar und Ambrosia wäre, was wir damit verdienten, verborgene

Gründe zu finden. Das ist das Prinzip. Wir, natürliche

Personen und am Realitäten-Markt unbedarft Mitwirkende,

wir: Bevorzugen ebenfalls den gesuchten Topos, das, wovon es

nur wenig gibt. Wirken mit dieser, in uns wurzelnden Natur

über die Verzweigungen des Gehirns auf die süßesten Früchte

einer blühenden Kultur hin, als deren Würdenträger wir uns

gern allein sähen. – Ja, der einzige Flecken Märchen-Petersilie

aus den alten Schriften liegt, wissen wir, hier, bei uns, wo der

Pflanzenname Rapunzel daher endemisch ist. Davon also der

eminent hohe Informationsgehalt! Daher also diese Intensität,

mit der uns das poetische Oeuvre anzieht! Die Gesuchtheit des

Namens, der Taktilität, die spezifische Gestik – das ist es, was

uns in der Passion des geistigen Konsums zusammentreffen

lässt. Das exklusive Wissen zum Beispiel um die Beschaffenheit

des geheimen Mutter-Merkmals, das wir, wenn wir es entre nous

beschreiben, als Auszeichnung auf unserer Lippenhaut tragen.

Ach, wie man sich da einbezogen, in der Brust des Mitwissers

geborgen fühlt! Eliten-Krempel der Zuneigung! Diese nicht

bezahlbare Wärme! Dieses Schätzen hochgradigen Preisens! Wir

vermuten im schwer Erreichbaren des Scheines das Göttliche,

im Verbotenen, im nicht Benötigten den ultimativen Genuss.

Die Attraktivität der Rarität (der erschwerten Zugänglichkeit)

kennzeichnet jede publike Figur. – Sie fragen, wie diese entsteht?

Evozieren Sie die billigere Seite Ihrer literarischen Medaille,

den geheimnisvoll zwischen den Eingeweihten schwingenden

Fachbegriff, das verhangene Auge der Geistesperson, die Aura

der Intimität, der Askese und Dekadenz, alles, was vor den

Himmel der Beziehung die Notwendigkeit einer – in der Turm-

Eroberungsmetapher ausdrückbaren – Überwindung setzt …

(Zu debattierende Themen: Elstern-Mentalität der Dichtenden, der

Lesenden sowie die manipulierende Attraktivität jedes glänzenden

Schmucks der Rede.)

Unsere – sich um die Fülle der Lebensgeschichte herum –

rundende Figur rauft sich die Haare ob des Anhang-Begriffs, der

plötzlich sich wieder in s Bewusstsein drängt. Es ist wohl das so

genannte Rapunzel-Syndrom, welches sie ausbrüten wird! Jener

unverdauliche Zopf, welchen die, von ihr verschlungenen Kopf-

Fortwüchse bilden, alle diese dunklen, irgendwelchen Menschen

entwachsenen und von ihr verschluckten Definitionen …

LISA SPALT, Geb. 1970. Studium der Deutschen Philologie und der

Romanistik. Arbeiten zum Handeln in Sprache und Bild. Publikationen,

zuletzt: leichte reisen von einem ende der erde im Blattwerk Verlag 2001;

saschaident. saschaideal 2003 bei Das fröhliche Wohnzimmer Edition;

de chamälaeon bei herbstpresse 2005. Verstehen der Männer der Frauen,

Hörspiel, ORF 2005. Zahlreiche Zusammenarbeiten, derzeit gemeinsam

mit Clemens Gadenstätter Arbeit an Madrigale, einem Zyklus von

akustischen Beleuchtungen alltäglicher Ausdrucksgesten, UA durch die

Neuen Vocalsolisten Stuttgart. Verlegerin der kleinen idiomatischen

Reihe (kiR), http://members.aon.at/idiomat.


Städteplanung / Architektur / Religion Buch IX - Literatur

ST/A/R 69

KLIMAWANDEL

Gerhard Rühm

ein wachsender witz

trifft ein hitzetoter einen kältetoten. er hat eine frage, doch

keine luft. der kältetote gäbe vielleicht eine antwort, wäre sein

mund nicht vereist.

treffen zwei weitere hitzetote zwei weitere kältetote. die

beiden hitzetoten haben eine frage, doch keine luft. die beiden

kältetoten gäben vielleicht eine antwort, wären ihre münder

nicht vereist.

treffen drei neue hitzetote drei neue kältetote. auch sie haben

eine frage, doch keine luft. die drei kältetoten gäben vielleicht

eine antwort, wären ihre münder nicht vereist.

treffen zehn hitzetote zehn kältetote. sie haben eine frage,

doch keine luft. die drei kältetoten gäben vielleicht eine

antwort, wären ihre münder nicht vereist.

treffen hundert hitzetote hundert kältetote. sie haben eine

frage, doch keine luft. die hundert kältetoten gäben vielleicht

eine antwort, wären ihre münder nicht vereist.

tausend hitzetote treffen tausend kältetote. sie haben eine

frage, doch keine luft. die tausend kältetoten gäben vielleicht

eine antwort, wären ihre münder nicht vereist.

zehntausend hitzetote treffen zehntausend kältetote. sie haben

eine frage, doch keine luft. die zehntausend kältetoten gäben

vielleicht eine antwort, wären ihre münder nicht vereist.

hunderttausend hitzetote treffen hunderttausend kältetote.

sie haben eine frage, doch keine luft. die hunderttausend

kältetoten gäben vielleicht eine antwort, wären ihre münder

nicht vereist.

eine million hitzetote treffen eine million kältetote. sie haben

eine frage, doch keine luft. die million kältetoten gäben vielleicht

eine antwort, wären ihre münder nicht vereist.

und immer so weiter, mehr und mehr und mehr und mehr

und mehr..

(2006)

Gerhard Rühm, Geboren 1930 in Wien.

Experimenteller Lyriker, Dramatiker und Prosaautor,

ausgebildeter Musiker. Lebt in Köln und Wien.

VIRTUELLE GYMNASTIK

während des liegens hat man zu stehen

wehe, du gehst, wenn du fliegst

auch hast du nur unter wasser zu sprechen

singen ist erlaubt im falle des fallens

rückenschwimmen ist der gipfel der kochkunst

schweigen spart zeit

während des essen haben sich die hälse mehrfach um die eigene

achse zu drehen

um die augen in weitem bogen hungernden kindern vorzuwerfen

sodann ist der kreis ersatzlos zu schliessen

der ertrag wird nicht gross sein

doch allgemein glücklich verwunden

(2006)

RUEHM

Abschied

Vielleicht dachte ich damals:

was dir der Liebe Gott doch

für eine edel geschwungene

Stirn gebaut hatte, hinter der du

wohnen durftest, wie ich annahm,

und hinter der du dich versteckt

hieltest bei geschlossenen Augen,

wenn es nicht mehr anders ging.

Von dort, konnte ich im Laufe

der Zeit beobachten, änderte

sich dein Blick auf all diese Tage,

langsam und stet, nach den

quecksilbrigen Jahren voreiliger

Schlüsse, bis auch deine Stirn sich

allmählich auf zurückhaltende

Weise zu verabschieden begann,

was du klaglos hinnahmst,

so mein Empfinden, und was

auch ich nicht bedauerte, und wie

sich, wie ich meinte, unsere

Erinnerungen, eingehüllt in warme

Decken, noch einmal Mühe gaben,

daß wir den Reim endlich

fänden bei all den ungezählten

Versen, und wie dann deine Stirn

zu sprechen begann, wenige Sätze

in wohlgewählten Worten, die

ich hörte, aber nicht verstand;

sicher war ich mir nicht, ob dies

tatsächlich so geschah.

Und wie du dann fortgegangen

bist, grußlos, aber nicht

unfreundlich, und deine Stirn,

die ich immer so gerne angeschaut,

mit dir forttrugst, ein für alle Mal,

vielleicht enttäuscht über meine

Begriffsstutzigkeit, daß ich nicht

verstand, wo ich doch hätte

verstehen müssen; vielleicht war

es dein Wunsch, daß ich dir ein

Lied sänge allein zu deinem

Vergnügen, nach meinem bequemen

Schweigen, in dem ich es mir von

jeher gemütlich eingerichtet hatte,

und das du mich ein Mal, nur ein

einziges Mal zu brechen batest,

gutmütig, nicht fordernd, in mein

taubes Ohr, wer weiß? Du ließest

keine Trauer zurück in mir, nahmst

sie gleich mit, und für kurze Zeit

begann etwas anderes, für das ich

mich nicht mehr erwärmte, soviel

steht fest, und alles was war,

suchte jetzt Unterschlupf, woanders,

und wie ich dem mehr und mehr

nachgab.

Paraontologischer

Zwischenfall

Michael Arenz

Im Bett liegen,

ausgestreckt,

die Füße verschmolzen

zu einem einzigen,

doch auch der macht sich

auf und davon.

Mit verschränkten Händen,

wie Probeliegen

für die Ewigkeit.

Im Kopf fliegt alles

mit dir fort,

während du da liegenbleibst,

mit dem Gefühl,

dich von dir loszulösen,

dich aufzuspalten in zwei Wesen,

die ohneeinander nicht können.

Auch die Schulterblätter

weichen auf, verflüssigen sich,

streben fort, deine Nerven

verlassen dich schlängelnd

durch die Matratze.

Geh nicht zu weit!

Selbst flüchtigste Vorstellungen

könnten jetzt helfen, sogar

ein Unterwassertraum,

in dem du zu Gast bist.

Von da ist es nicht weit

bis zum ersten Gedanken.

Eine Heimat ist das nicht,

die dich so ohne weiteres fahren

läßt, wenn du nicht aufpaßt

und nicht rasch wieder aufspringst

in den Zug auf den unsichtbaren

Gleisen, über denen

die Himmelsrichtungen

heimlich entfernt wurden.

Die Augen öffnen:

Das Zimmer aus dem

gestrigen Leben ist noch da,

und du schlüpfst hinein,

behutsam, ungläubig,

immer noch Materie,

die sich staunend

in die Augen sieht.

Michael Arenz

1954 in Berlin geboren. In Düsseldorf aufgewachsen. Magister-Studium

Germanistik/Philosophie in Düsseldorf/Brüssel. Lebt als freier Autor in

Bochum und Düsseldorf. Prosa, Lyrik, journalistische Arbeiten, Beiträge

für den Hörfunk. Dezemberblüten (Gedichte), Düsseldorf, 1994. Gibt seit

1994 die Literatur- und Kunstzeitschrift „Der Mongole wartet“ (Zenon

Verlag, Düsseldorf) heraus.






























































































































Ulrich Schlotmann: Die Freuden der Jagd

(CD im Digipack)

Mit je einer Lesung aus der DAAD-Wohnung in der Berliner

Wielandstraße und aus dem Literaturverein Perspektive in

der Körtestraße ist der Autor, der 2001 zum Bachmannpreis

eingeladen war, auf dieser CD zu hören. Ulrich Schlotmanns

umfassendes Projekt „Die Freuden der Jagd“ dokumentiert

in Kaskaden von komplex verwobenen Satzgefügen den

jägerischen Charakter des so genannten Menschen. Was

ist Menschlichkeit? Im Gegensatz zum Animalischen? Die

gesammelten Sprachmaterialien stellen die Frage in der

Häufung, im Zusammenprall ganz von selbst. Die Begriffe

lösen sich auf. Wie sich hier durch die multiple Verknüpfung

der unzähligen „Jäger“-Aussagen jeder Anschein von

Argumentierbarkeit derselben auflöst. Regelwerke und

Rituale werden als verharmlosende Verkleidungen des

Jägerischen im Menschen entlarvt. Das pietätvoll auf dem

erlegten Tier platzierte Grünzeug beginnt eine perfide

Färbung anzunehmen …

Florian Neuner: China Daily

„Die Chinesen stehen früh auf.“ – Florian Neuner beschäftigt

sich in „China Daily“ mit Sprachbildern von China und

seiner Bevölkerung. Sprachbildern aus Zeitungen, die

in Peking nur für westliche Lesende produziert werden.

Aus Reiseführern etc. Durch seine Montage legt er die

Gemachtheit und Gelenktheit der getroffenen Aussagen

offen, macht die Spuren ihrer Instrumentalisierung sichtbar.

Unterschiedlichstes Bildmaterial illustriert dieses Buch. Im

Mittelpunkt: Jede Bezugnahme weist die Spur einer Absicht

auf. Will einordnen in die ersten Kategorien von „gut“ und

„böse“. Wie geschieht das? Wie wird mit Hilfe der Optik

chinesischer Erzeugnisse heute der Eindruck von „in“ oder

„out“ erweckt? Wie wird eine Politik, die das Leben von über

einer Milliarde Menschen betrifft, zum coolen Accessoire?

kleine idiomatische Reihe • herausgegeben von

Lisa Spalt • Große Sperlgasse 32-34/17 • 1020 Wien

idiomat@inode.at • 0043-(0)1-2141521

Birgit Schwaner: Mördermaschine

Die Deleuze/Guattari’sche Mördermaschine: Einmal auf ein Ziel

eingestellt, überwindet sie jedes Hindernis. Ihre – hier wienerischsprachlichen

– Koppelungen und Schaltungen greifen mechanisch

ineinander. Überwältigen den Körper, der dem eigenen Konzept von

Glück im Weg steht. Und die Chandler’sche Mördermaschine: Eine

Text-, eine Gattungsmechanik. Situation, Motiv, Gelegenheit, Tat,

Aufdeckung des Hergangs. Täglich geübtes Muster. Zum dritten:

Sprachmechanik, eingefahrene Denkgeleise. Am Ende das logische

Produkt der Gesamt-Maschinerie: der spontane Mord als die kürzeste

aller Beziehungen. Schließlich parallelisierend: den spontanen

Mord und die Prostitution – zwei (vergleichbare?) Weisen, einem

Menschen sehr plötzlich zu nahe zu treten …


70 ST/A/R

Buch IX - Literatur

Nr. 15/2007

Pariser Passagen

(Chroniken, Teil 3: 2006)

Bettina Galvagni

vive paris

Elizabeth Brachs Katze

Ich erinnere mich an den Salon der Brachs, an den Kamin mit

den kleinen Feenwesen aus Porzellan und der Orchidee.

Elizabeth kommt herein und sagt zu Gérard:

„Philippe Sarde ist am Telephon.“

Gérard: „Was will er?“

Elizabeth: „Sich umbringen.“

Gérard schüttelt den Kopf und verdreht die Augen, Elizabeth geht

hinaus.

Wenn ich anrufe, sagt Elizabeth vielleicht: „Du weißt schon, es

war wieder die Kleine, il gatto, die mich so liebt.“ – und kümmert

sich dann um ihre Blumen, um il gatto und i gatti zu vergessen.

Micòl Finzi-Contini

Wenn ich im Jardin du Luxembourg war, gehe ich anschließend

manchmal in die Buchhandlung „Tschann“ am Boulevard

Montparnasse; Bücher beruhigen mich - ich sehe mir vor allem

Briefausgaben und „Conversations“ an (Pasternak, Zwetajewa

wie immer, Brodskij, Simone Breton, Lili Brik, Elsa Triolet, alles

Briefe, die mit „ma chérie“, „ma petite“ beginnen, ich kann es

manchmal nicht ertragen und auch keines dieser Bücher kaufen).

Diesmal sehe ich mir die Quarto-Gallimard-Gesamtausgabe von

Giorgio Bassanis Ferrara-Romanen an, die auch Photos seiner

Frau Valeria enthält (sie hat ein interessantes Gesicht) – und

ein Photo von Dominique Sanda als Micòl Finzi-Contini, die

eben bei Marie Dépussé wiederaufgetaucht war, über die ich in

„Le Monde“ mit einem gewissen étonnement gelesen hatte - eine

Professorin für Literatur, die in diese berühmte psychiatrische

Klinik außerhalb von Paris ging und nun dort „unterrichtet“ und

Marguerite Duras mit den Verrückten liest. Dépussé erzählt von

ihrem Schicksal als „Halbjüdin“, über die „fous“ und über ihre

Schwester und ihre Mutter und darüber, wie sie an ihrem ersten

Schultag Pipi in die Hosen machte, in der Klasse - und plötzlich

spricht sie von der „libération des camps“ und von Micòl Finzi-

Contini, der schönen blonden Micòl. Dépussé schreibt, da, in

dem Augenblick, als sie („les Allemands“) gekommen sind, sie

zu holen, als Micòl sich vor die Großmutter stellte, damit diese

nicht über die Treppe hinunterfiel, in diesem Augenblick sei

ihr bewußt geworden, daß sie jüdisch sei – und sie nahm dieses

jüdische Schicksal an und sagte: „prendo le ombre“... Ich glaube,

es hätte mir gefallen, mit Madame Dépussé über Micòl Finzi-

Contini zu sprechen.

Sara und Polly

Das neue Buch von Katharina Hacker brachte mich am Ende

beinahe um... Eine Katze ist immer Symbol für das Leben, und

also war Polly, Saras Katze (Sara ist das kleine Mädchen...), ein

Symbol für das Leben, und Jim hat sie getötet - und alles Folgende

ist Alptraum, Tod! Und ich bin so sehr die arme kleine Sara mit

den unerbittlichen Augen! Mein Gott, das Delirium der kleinen

Sara, im Garten, als sie in ihrer Hilflosigkeit mit einem Stock die

Katze schlägt, die dann von Jim an die Mauer geschlagen wird (er

wollte sie drüberwerfen)! Ich konnte es nicht aushalten, ich starrte

hilflos Bluma (meine Katze) an, und Bluma schaute mit ihren

klugen Augen zurück... Ich wollte sterben, ich, die kleine Sara!

Und Katharina Hacker! Was für eine flirrende, pflanzenhafte,

märchenhafte Sprache sie für die Sara-Geschichte erfunden hat

- dieses Märchen, das immer mit Schmutz und Verzweiflung

vermischt ist. Wie konnte sie selbst nur diese Geschichte

aushalten, sie schreiben? Am liebsten möchte ich sie schluchzend

umarmen, Katharina Hacker! Ich glaubte, ich müsse sterben,

wirklich, wegen Polly und Sara. Polly, wie die Heldin in Charlotte

Brontës „La Villette“, und Sara mit dem strähnigen blonden Haar,

Sara, die nicht wachsen kann...

Auf der Straße, in dieser Vorsommer-Zeit, sieht man auch

immer wieder Katzen auf dem Schoß der Clochards... Und kleine

Tierpuppen vor den Freßnäpfen (in den Mäulern der Tierpuppen

hängen „Bitte-helft-mir“-Zettel) – wir sollen also beides sehen,

das Tier und das künstliche Tier... Manchmal spreche ich einen

der Clochards an, sie nennen mir dann lächelnd die Namen

ihrer Katzen (einer hatte zwölf Katzen, sie lagen alle neben ihm

auf einer Decke). Über all diesen Katzen wacht, auf einer toten

Fassade, letzter Stock, rue de Rennes, die aufgemalte grinsende

schwarze Katze! Wir armen Menschen da unten. Die Clochards

sind – neben ihren Katzen - aufgedunsen von Hitze und Alkohol,

und wir, die französischen Frauen, spazieren während der

„soldes“ durch die überfüllten Geschäfte, als ob es Parks wären

und die Kleider exotische Pflanzen. Aber nein, die Kleider sind

keine Pflanzen, und ich denke an Polly und Sara!

Katzenfriedhof

Es gibt in Paris einen Katzenfriedhof, in dem Leute ihre geliebten

Katzen kunstvoll begraben (so wie Peggy Guggenheim ihre

Hunde in Venedig). Oft sind es alte und kranke Menschen, die

ihre letzte Energie dafür verwenden, jeden Tag an diesen Ort zu

kommen. Der Katzenfriedhof ist aber nicht nur ein Mausoleum,

sondern auch ein Obdachlosenheim für streunende Katzen,

dessen Direktorin eine zweiundzwanzig Jahre alte fette Katze ist.

Mit ihr, heißt es, ist nicht gut Kirschen essen. Und das wissen

die Neuankömmlinge nur zu gut. Selbst wenn die kranken alten

Damen Futter bringen – im städtischen Katzenfriedhof wird

einem das Überleben nicht geschenkt.

Martine Grinberg

Meine Freundin Danielle ist Schauspielerin in einer

Amateurtheatergruppe, die von einer Schauspielerin geleitet

wird, die mit Marguerite Duras gearbeitet hatte. Im wirklichen

Leben sind die Schauspieler und Schaupielerinnen zum Beispiel

Professoren oder Pensionisten (bei den Frauen sind es vor

allem Psychoanalytikerinnen, und der Psychoanalytiker Gérard

Haddad sitzt manchmal unter den Zuschauern)... Martine

Grinberg, eine Historikerin, spielte Clara in Thomas Bernhards

„Avant la retraite“... Sie saß auf ihrem Stuhl, las scheinbar

teilnahmslos in einer Biographie über Walter Benjamin, die

dunklen Augen wie Scheinwerfer - es war, als wäre sie, in ihrer

außerordentlich aufmerksamen und zugleich schizophrenen

Stummheit (und auch später, in ihren Schreien) eine... ja...

herausfordernde verrückte Katze! Die unbewegten Locken, die

kontrollierte Haltung der Arme, der Beine, und die Hände, die die

Scheinwerfer der Augen spiegeln. Mir war, als müßte ich auf die

Bühne stürzen, um dieses Bild-von-Clara für immer festzuhalten.

Carmit, die Hebräischlehrerin

Zufällig traf ich auf dem Boulevard Montparnasse Carmit, die

Hebräischlehrerin. Das heißt, plötzlich rief jemand meinen

Namen mit einem israelischen Akzent – ich drehte mich um,

und es war Carmit, meine Hebräischlehrerin, die eigentlich

Regisseurin ist. Sie stand neben einem großen, dünnen Mann,

der einen sanften Blick hatte. „Zot Bettina, talmida!“ stellte sie

mich vor, und der junge Mann gab mir die Hand. „Ze Yosef!“

Carmit lächelte geheimnisvoll, und ich dachte – wie auch im Kurs

immer: Harold Brodkey hätte bestimmt eine Geschichte über

sie geschrieben. Ich fühlte mich etwas eigenartig: ich trug mein

weißes Sommerkleid von Marc Jacobs und sah darin aus wie eine

schlechte Kopie einer Marc-Jacobs-Werbung. „Wir sehen uns

im Kurs“, rief Carmit mir nach. Ihre laute, synkopische Stimme

und der sanfte Blick des jungen Mannes folgten mir nach wie

ein Hündchen, während ich zum Bus ging, und ich genoß die

Anwesenheit dieses Hündchens...

Sabrina van Tassel und Carmit,

die Hebräischlehrerin, die eigentlich

Regisseurin ist

Nach unserer letzten Hebräischstunde bekommen wir ein

Diplom, auf dessen Kopf drei jüdische Institutionen stehen:

Agence Juive pour Israël/Centre National de l‘Hébreu/Fonds Social

Juif Unifié! Mit unseren Namen auf Hebräisch, eingerahmt von

einer puristischen Verzierung aus architektonischen Symbolen.

Die ganze Stunde bestand aus Enthüllungen tiefliegender

Geheimnisse. „Miein ha mischpacha schelach?“ „Bat kama

schelcha?“ undsoweiter. Carmit, die Hebräischlehrerin, ist

sechsunddreißig, ihre Eltern stammen aus Irak, hatten dort

ein schönes Haus, das sie in Israel mit einem Zelt und einer

Fabrik tauschen mußten. In Irak aber hatte man ihr Haus mit

Steinen beworfen... Carmit, mit ihren rötlich gefärbten dunklen

Locken-Locken-Locken und dieser sehr eigenartigen Frisur (ein

hoher Schwanz, und alle die Haare fallen nach vorn!)... Die

anderen stammen aus Algerien, Spanien, Tunesien, Livorno, und

schließlich Sabrina, die Schauspielerin und Regisseurin, halb aus

New York.

Nach der Stunde sitzen wir in einer Brasserie an der Bus-Métro-

Station Porte de Champerret, Carmit, Alexi, Sabrina und ich. Aber

ich habe mich bereits in eine Fliege verwandelt. Daß ich rauche,

erscheint allen seltsam, schließlich bin ich eine Fliege! Das erste

„Thema“ ist gossip aus dem Fernsehmilieu. Ich kenne niemanden

von den neuen „couples“, über die gesprochen wird... Es war

Carmit, die damit angefangen hatte: „Savez-vous!!!! Avec qui... est

ensemble, maintenant??“

Sabrina spielte sogar in dem jüdisch-französischen Kultfilm

„La vérité si je mens“ eine kleine Rolle (entsprechend ihrem

Bekanntheitsgrad gibt es ungefähr 15000 „google“-Einträge

über sie, wie ich später herausfinden sollte), und nach ihrem

Dokumentarfilm über Israelis-nach-der-Armee-in-Indien ist sie

dabei, die unglaubliche Geschichte der Familie ihres ursprünglich

aus Polen stammenden Ehemannes zu verfilmen, dessen

Großvater seine ganze Familie (die Eltern und fünf oder sechs

Geschwister) gerettet hatte, als er gerade fünfzehn war. Sie fand

archiviertes Filmmaterial, das sie mit Aufnahmen aus dem

heutigen Leben der Familie verknüpft... Sabrina van Tassel. Ihr

eigener Großvater - dessen Vorfahren aus Holland nach Amerika

immigriert waren - war in Idaho aufgewachsen, irgendwo, wo

es nur Hühner gab und man nicht wußte, was ein Jude sei,

und hatte in Berkeley ihre aus New York stammende jüdische

Großmutter kennengelernt, „un choc de culture total!“ Ihre

Mutter stammt aus dem Elsaß, der „zone des horreurs“. Sabrina

van Tassel ist einunddreißig und im dritten Monat schwanger.

Sie trägt einen Jeans-Minirock und ein tief ausgeschnittenes

schwarzes Top – ehrlich gesagt, hatte sie mich bereits am

Anfang des Kurses an die Mädchen aus „La vérité si je mens“

erinnert... Aber sie hat auch in eigenenartigen Kurzfilmen

gespielt, wie zum Beispiel in „Therapine“, der Geschichte eines

Mädchens, das sexuell blockiert ist und dem der Psychiater

einen Rollentausch-während-einer-Séance vorschlägt, und sie

hat selbst eigenartige Kurzfilme gedreht, wie „Oya Isola“, in

dem zwei kleine Geschwister vor familiären Schwierigkeiten auf

eine Insel fliehen... Carmit dagegen hat einen kleinen Film über

palästinensische und israelische Künstler in Paris gedreht, mit

einem Titel wie „Dans le cercle de l’exil“ oder so ähnlich.

Sabrina und Carmit fangen an, über israelische Literatur zu

sprechen. Oz finden alle langweilig, Agnon, meint Carmit, sei

allzu schlecht ins Französische übersetzt, Appelfeld sei „lourd“,

bei Zeruya Shalev rümpft Carmit die Nase, denn sie ertrage nur

die „allerhöchste Literatur“, Gogol und Proust! Ob wir denn

alle wüßten, was im zweiten Teil von „À côté de chez Swann“

passiere? (Sabrina, noch bevor Carmit weiterspricht: „Ich werde

mir sofort den ganzen Proust kaufen!“) Proust erkläre die Liebe!

„Qu‘est-ce que l‘amour?“ - und Proust gebe die Antwort! Man

sieht Carmits Herz vor Passion schneller schlagen. Sabrina

dagegen erzählt davon, wie sehr sie Isaac Bashevis Singer liebe,

den sie gerade entdeckt habe, und Carmit verfällt in einen Rausch

von Begeisterung... „Moi“, sagt sie, „je ne peux lire que les génies!

Seulement les génies peuvent enflammer nos âmes! On ne vit

que dans les livres de génies.“ Sabrina sagt, daß sie neben den

„scénarios“ auch „fiction“ schreiben möchte, daß man dazu aber

so-tief-so-tief-so-tief in diese Sache eindringen müßte... Alexi

ist zu diesem Zeitpunkt des Gesprächs im übrigen nicht mehr

da, Alexi ist mit einer jungen blondgefärbten Medizinstudentin

namens Yaël zusammen (Yaël, sagte Carmit, sei ein hebräischer

Name für ein Tier, „pas une biche“, aber sie wisse leider nicht

mehr, welches Tier); er war natürlich in Carmit verliebt, auf

eine schüchtern-herausfordernde Schüler-Lehrerin-Art, und

immer unendlich beeindruckt von Sabrina, weil sie ashkenasisch

und beim Film ist... Ich starre auf den kleinen Teller Pommes

frites, der vor uns auf dem Tisch steht und von dem Alexi nicht

gegessen hat, weil er nur-koscher-ißt, und ich beginne zu frieren.

Ich ziehe das mauvefarbene T-Shirt, das ich vor dem Kurs in den

„Galeries Lafayette“ gekauft hatte, über die blaue petite-fille-vieilledame-seule-Bluse.

Niemand weiß, wie sehr ich vorher, in den

„Galeries Lafayette“, gelitten hatte, weil ich mich für keine Farbe

entscheiden konnte – als ob die Farben entweder Gift oder ein

Medikament wären. Ich war den Tränen nahe.

Als ich schließlich mit Carmit in der Métro stand und gerade

bemerkte, daß mein alter Rock voller Flecken vom sandigen

Boden der Tuilerien war, wo eine Freundin nach der Ausstellung

von Cindy Sherman noch spazieren gehen wollte, begann Carmit,

von ihren ersten Monaten in Paris zu erzählen und davon, daß

sie vor der Abreise in Israel den Film „Le Locataire“ von Polanski

gesehen hatte... „Quelles catastrophes... mais à la fin il comprend

que le problème était dans lui et pas dans les lieux.“ Sie schaute

mich freundlich an, so wie man ein Kind anschaut, das gerade

hingefallen ist (oder eine Fliege, die gerade von einer Katze

aufgefressen wird). Der einzige Satz, den ich am ganzen Abend

herausgebracht hatte, war, daß ich ebenfalls „Literatur liebte“,

mehr war mir nicht eingefallen, schon gar nicht „eine Passion“.

Die letzte Métrostrecke fuhr ich allein. Ich dachte an die „génies

de la littérature“...

BETTINA GALVAGNI, geboren 1976 in Bozen. Derzeitiger Wohnort:

Paris. Veröffentlichungen: Melancholia, Residenz Verlag, Salzburg, Wien

1997 (Roman); Persona, Luchterhand Literaturverlag, München 2002

(Roman). Beiträge in Anthologien, Zeitschriften und Zeitungen (Italien,

Österreich, Deutschland, Schweiz, Kroatien, Polen, USA).

Österreichisches Staatsstipendium für Literatur 1987/88,

Ernst-Willner-Preis 1997, Rauriser Literaturpreis 1998.


Nr. 15/2007

Buch IX - Literatur ST/A/R 71

R., die Stadt im Konjunktiv

Reinhard Kaiser-Mühlecker

für M.

Es sei eine Stadt, die Rom heiße,

gleich dem Punkt auf der Landkarte.

Im „wirklichen“ Leben, mit „echten“ Menschen.

Es sei diese Stadt, und die Sonne gehe auf über ihr...

Sie hat Leid mir gebracht, Leid getan, damals (wann war es?)

Vor so und soviel Zeit:

Vor zwei Jahren, oder: zweieinhalb gelebten Jahren –

Wenn ich an sie denke, sehe ich gerade so viel:

Enge Gassen, Liebespaare in Ecken gedrängt,

geheimnisvoll; flüsternd in der Sprache, die ich nur

halb halb verstehe, nur gebrochen.

Sehr viel Pflasterstein, „Kopfsteinpflaster“, und Motorroller,

die darüber brausen, holpernd, hupend;

Hügel, aber nicht ringsum, sondern Hügel die Stadt selbst.

Sie sei, das heißt: Sie ist.

Schmetterlinge, die es hier („bei uns“) nicht gibt, mit anderen

Farben,

und unzählige Katzen.

Namen, die fremd sind und vertraut zugleich: Gedanken an die

Schulzeit:

Die immergleichen Namen der Römer. Das mag sich geändert

haben

in „Wirklichkeit“. Die Katzen sind auch wirklich.

Ihr Urin, ihr Kot sind nicht zu leugnen.

Ohne je einmal dort gewesen zu sein, weiß

ich alles über diese Stadt.

Ich weiß es auch von ihr selbst.

Deshalb kenne ich vor allem das Schlechte, und

deshalb sehne ich mich nach dem Guten

der Stadt, und erhebe sie zum Ideal, in flehender Hoffnung,

sie möge nicht so sein,

wie ich sie von einst, von den Worten her kenne.

Man spreche von ihr nur mehr im Konjunktiv:

was alles möglich wäre!

Zwei Männer auf der Piazza di Spagna,

ihre Hände tanzen in der Morgenluft, teilen sie,

brausen sie auf. Einer mit dem Bündel Geldscheine

in der Rocktasche, die ausgebeult ist.

Was noch trägt er darin? Die Luft ist auch in diesem hässlichen

Stoff.

Der Tiber indes zieht schweigend sein schmutzig-trübes Wasser

weiter,

und zögert dabei. Beim Castel Sant’Angelo hält er inne,

wartet auf den Sprung

der Frau, die nicht springen wird – zu weit ist sie entfernt.

Es seien keine Fische in diesem Flusse, das Wasser sei zu giftig.

Oder: Es seien die schönsten Fische in dem Gewässer...

Der Blick vom Gianiccolo auf die Stadt sei atemberaubend,

man könne sogar das Kolosseum sehen, durch zugekniffene

Augen noch.

Dort würde eine große Wasserschlacht nachgestellt, das Oval

voller Nass.

Die Spiele würden via Satellit übertragen...

Eine Katze streicht um meine Beine; sie stinkt.

Café Danelli: Hier ist es, wo ich einen ersten Kaffee probiere,

die Morgenluft und mein Beobachten der Geldwechsler.

(Ich muss nicht dort sein, um zu sehen;

ich brauche nicht dort zu sein, um zu leiden.

Denn damals war sie sehr weit weg, und

plötzlich war sie zu nahe, so nahe, dass es zu schmerzen begann.

Ich schreibe einzelne Wörter mir aus dem Leib, aus dem Kopf.

Die Schmerzen bleiben innen, ohne Worte bald.)

Die Menschen auf der piazza werden mehr, sie vermehren sich:

Das sei es, was mich störe: Das allzu Normale.

Warum nicht auch hier?

Das Ideal sei übermächtig geworden, höre ich aus mir heraus.

Auch eine schäbige Stadt hat Liebreiz und manche Bögen aus

Gold.

Und der Tiber fließe wie Musik, denn Verdi habe hier gebadet

an einem seiner letzten Lebenstage.

Aus einem offenen Fenster dringen Kinderstimmen:

wie wird man, hier wohnend? Fröhlich, ja.

Oberflächlich? Nicht mehr als anderswo.

Aber ich wohne nicht hier, sondern im Norden, in der Kälte.

Wohne, lebe aber nur selten.

Lebe kaum, doch versuche ich es Stunde um Stunde.

Das Heute sei hier kein Fluch...

Die Wölfin habe aufgehört zu heulen,

es sei jetzt friedlicher als früher.

Die Stufen der Spanischen Treppe leuchten stärker mit

der zunehmend aufsteigenden, anwachsenden Sonne,

und meine Pupillen verengen sich, aus Schutz vor der Blendung.

Kleine Münzen blinken auf dem Marmor, und der Kaffee kühlt

aus.

Sie sei ruhiger als vorderhand angenommen,

man müsse es nur verstehen,

hinter den Tumult zu blicken, hinter das Chaos.

Sie sei, das heißt auch: Sie ist es.

Städte gegeneinander aufwiegen: nur eine weitere

Unmöglichkeit.

Es bringe keinen Gewinn von Erkenntnis solche Dinge zu

vergleichen,

auch Menschen würde man nicht vergleichen dürfen.

Hier in der Stadt, wo die Luft zu flirren beginnt, tritt Schweiß

aus meinen Poren

und sammelt sich zu kleinen Bächen.

Die Männer fuchteln immer noch, die Ausbeulung ist größer

geworden,

scheint es. Sie trinken jetzt, nach dem Kaffee im Stehen, Wein;

das Gespräch

(oder sind es zwei Monologe, immer wieder unterbrochen um

Atem zu schöpfen?)

wird nur für Minuten ruhiger.

Die verkommenen Außenbezirke könne ich nur erahnen, mit

geschlossenen Augen,

sie seien ansonsten zu weit entfernt.

Ein Freund sagt: „Du brauchst die Sonne.“

Und ich antworte: „Ja, ich brauche sie.“

Die Sonne, ein paar Münzen in der Tasche

für einen Kaffee irgendwo, für Tabak.

Sie sei, sagen sie, die Stadt im Konjunktiv,

aber die Vögel sängen noch schöner hier als vor den Toren.

Die Blätter der Bäume im Herbst bewegen sich kaum mehr,

selbst hier gibt es Apoptose, Zelltod. Noch am Boden strahlen

ihre Farben.

Ostia sei Hafenstadt gewesen, aber die Häfen seien versandet,

verlandet.

Rom hingegen sei nie am Meer gelegen, immer nur am Tiber.

Seit ich hier sitze hat mich noch niemand beobachtet; manche

haben mich beachtet,

eine Sekunde länger vielleicht als andere. Ein leises Gefühl

des Schwebens stelle sich hier ein.

Auch die Marmorplatte leuchtet heller.

Pupillen werden winzig klein, weiten sich erst wieder hinter der

Sonnenbrille.

Große Augen sähen nicht mehr als kleine, das sei erwiesen.

Das Schlechte der Stadt habe ich gelernt vor der Zeit,

das Gute muss ich jetzt suchen, alleine, aus der Ferne.

Ich suche das Gute, und werde fündig:

Im Rauch, der sich aus dem Mund des Geldwechsler spült (und

noch im Mund selbst),

in dem jungen Mädchen, das mir zulächelt und rot wird dabei,

in den Touristen auf der Spanischen Treppe, die immer mehr

werden,

den Vögeln, die den blauen Himmel schneiden,

in deren Flug ich meine Zukunft lese,

in einem abgesteckten Bezirk (templum).

Die Vorstellung sei an diesem Ort endlich schwächer

als die „Wirklichkeit“, die „eine Möglichkeit“.

Dies sei es, was sie unterscheide, sagt der Kellner im

Vorbeigehen,

der meine Münzen vom Tisch wischt: wie versehentlich.

In Gedanken durchfahre ich einen dunklen Tunnel, und am

Ende angelangt,

nämlich dort, wo das Licht ist, stehe ich vor den gleißenden

Toren

der Stadt Rom,

es ist wie im Traum, nur erlebter.

Sie sei die strahlende Stadt, aber sie wisse es nicht, und das erst

mache sie dazu,

und das alles hat mir keiner je gesagt.

Das SPQR heute noch auf jedem Kanaldeckel, durch den es übel

riecht im Sommer,

aber sogar das gehöre dazu, drücke die anderen Stempel tiefer,

wie die Sonne aufleuchtet im Wirbeln der Münzen vom Tisch.

Die Geldwechsler machen Geschäfte mit den Touristen, und

dabei ist das Geschäft nicht das Wichtigste. Es bleibt das Reden,

die singende Betonung

der Silben in der Brise.

Ein Mann auf einem Roller pfeift im Fahren einer jungen Frau

mit Reiserucksack nach,

fast fährt er gegen eines der Tischchen, und lacht dabei

sein natürlichstes Lächeln, wie ich denke.

Die Gäste seien oft verwirrt in der Nachmittagshitze,

und die Blätter würden vom Wind bewegt.

Es fehlt nicht, dass kein Salz in der Luft klebt, man fühlt das

Meer auch so

sehr stark, mit der Kunst, gegenwärtig, aber nicht da zu sein.

Kunst ohne Künstlichkeit, dass sei es, was es ausmache,

das süße Leben,

und dass die Gegenwart mächtiger sei als die Zukunft.

Die Sage von der Frau, die jede Nacht schlafwandelnd

ins Wasser gehen wollte,

und als sie aufwachte jedes Mal wieder an einem anderen Rand

der Stadt aufwachte,

und das Wasser nie fand,

und fürchterlich zu weinen begann,

habe ich aus keinem dieser Münder gehört.

Auch das sei Teil des Schönen, wie die Katze, die jetzt wieder um

mich schleicht,

um meine dunkeln und heißen Hosenbeine, Haare lassend.

Monte Testaccio, wo Scherben aufgehäuft sind, ich weiß auch,

warum,

und ich kann mir vorstellen, wie sie sich ausmachen.

Wie die Luft schmeckt dort oben, ob sie nicht doch ein wenig an

Salz erinnert?

Die Sträucher würden dicht gedrückt werden bei Sturm,

ihre Äste aneinander, Verminderung des üblichen Abstands.

Mein Betrachten von weit weg, und doch sehe ich klar:

Die Wolken wie Lammfell, kaum gegerbt,

schwimmen im Blau, nur das Blöken ist nicht mehr vernehmbar

(aber es ist). Es sind dies Archetypen, die ich durch mein Glas,

das schon glänzende meiner Augen, sehe, und sie tauchen unter

im Äther,

und fallen zu Boden, sehr sanft, und sie sind in der Stadt.

Ich denke an diese eine Stimme, Erzählungen der Ewigkeit dort,

handflächig bedecke ich meine Ohren, mit dem Laut innen

drinnen.

Mein Geständnis lautet: Es lässt mich nicht los.

Das Reich sei kleiner geworden, aber der Stolz bewahrt worden.

Ob er deshalb nicht ebenso gerechtfertigt sei?

Eine einsame Zypresse am östlichen Stadtrand,

sie allein rechtfertigt alles.

Vor mir der Aschenbecher ist randvoll, der Tag geht zur Neige.

Eine Rauchsäule steigt hinter der Trinitá dei Monti auf,

später ist für Sekunden Sirenengeheul zu vernehmen.

Alles sei unaufgeregt, man könne das beobachten,

und ich schreibe é vero auf die Serviette, auf dem das cornetto

Stunden zuvor gelegen sein muss.

Die Rauchsäule verlängert gleichsam den Obelisken

und stellt die Verbindung her,

die göttliche.

Viele Pilger würden kniend die Stufen zur Kirche bezwingen.

Die Blätter würden am Abend wieder vom Wind bewegt.

Eine Idee sei hier weniger wert als das Leben,

wenn man es nur zu leben versteht, sagt der Kellner, und dann,

wir schließen bald.

Auf den leeren Tischchen liegen verstreut abgezählte Geldstücke,

in der sinkenden Sonne blinken sie ein letztes Mal.

Die Stimmen aber der Stadt, summt es aus den engen Gassen,

würden noch lange nicht verstummen. (Juli 05)

Reinhard Kaiser-Mühlecker, geboren am 10. Dezember 1982 in

Kirchdorf an der Krems. Aufgewachsen am elterlichen Hof in

Eberstalzell, OÖ. AHS-Matura in Wels, OÖ. Zivilersatzdienst

in San Ignacio de Velasco, Bolivien. Seit 2003 Studium der

Landwirtschaft, Geschichte und der Internationalen Entwicklung

in Wien. Schreibt Prosa, Lyrik, Theaterstücke.


72 ST/A/R

Buch IX - Literatur

Nr. 15/2007

blauzeug permanent

Angelika Reitzer (Text), Horst Stein (Fotos)

es führen womöglich diese Routen in die Unendlichkeit

(dieser ausgebleichte Blick oder zerstückelt)

dann erzählt einer eine Geschichte :

RÖMERINNEN/das sind Baugerüste Kabel Leitungen

auf der Straße (Pflastersteine & es regnet ja auch : das ist der Monat

Dezember

das ist ein Monat vor einem neueren Jahr, diese Tage vor dem

Beginn)

huschen Farben vorbei oder bleiben

RÖMERINNEN/das ist der ALTE MANN gebückt : seine Wollmütze

behütet ihn kein bisschen

vielleicht bleicht alles aus : der weiße wollene Mantel

wird von der Sonne beleuchtet

und von dem ganzen Glück, es hält der neue Mann

die neue Frau ganz dicht bei sich, sie wissen nun

den Kurs dieses Tages dieser Woche

abgegrenzt von Spiegeln & Elektrik-

Indigo : der letzte erkennbare Blauton, tief;

vielleicht sind die Brautleute Zaungäste

auf ihrem Fest : sind die Färbungen sehr echt, können sie

durch Luft nicht angegriffen oder verändert werden,

gleichzeitig schauen & zeigen, der Spiegel

ist lange nicht mehr außen (helle mittel- bis hochbunte

Blaus/Farben in Richtung eines blaustichigen Tages

vielleicht Ausmischungen, wahrscheinlich lasierendes Blau

auf weißem Kleid.)

wir wollen mit elektronischen Geräten jeden Augenblick festhalten

aber unser Blick bleibt unscharf : wir sind die TOURISTEN vom

Sonntagvormittag

streifen wie ausgewachsene Katzen am Testacchio herum –

Blauzeug, blau; die Sonne scheint auf die geduldigen GESCHÖPFE

(jedes Tier passt haargenau auf einen sonnenbestrahlten Fleck).

Der MANN MIT DER KAMERA & die DICHTERIN wollen die

KATZEN

die MOFAS & jeden Moment festhalten

Mopeds, Wohnzimmer, Möbel für STRASSENBEWOHNER

oder PASSANTEN für nachher

BLAUZEUG PERMANENT

dann : einen Winter weiter (in einem weißen Winter)

Zeit bleibt/hängt die Maxentiusbasilika im großen Zimmer an der

Grenze

es ist diesmal alles in Schneeschuhe gesteckt, die Landschaft

wartet auf einen gut geheizten Ofen

ich trage mein Kind durch die weißen Hügel oder Gassen

unter dem Schloss probieren wir Freundschaft : geht gut

& wir tauschen die Zimmer täglich, damit die Räume

immer noch größer werden/gehören alle uns;

ich wärme mein Kind mit grauer & schwarzer schwerer Wolle

abends in samtenen Sälen hört es, sieht es seine Eltern

(früher noch, im Kino ist es dunkel) reden, das ist eine Idee, ein

Plan

wenn wir ein Kind hätten, ein Kind!

Auf dem Fußballfeld der Villa Borghese

will ich meinem Kind Römisch beibringen, aber es regnet

an den meisten Tagen. Will ihm italienische Wörter sagen

nur die Gäste brüllen unter meinem Fenster durch die

vorbeiziehende Nacht

wir sind zu zweit (noch), wir sind natürlich

keine Touristen, wir sind keine Italiener, wir sind keine

Römerinnen

wir schlafen im Innern der ewigen Stadt auf einem schmalen Bett

wir gehen in Richtung Tiber in den Supermarkt

kein Wein im staatlichen Kühlschrank

das Koffein dosiert in diesen Tagen (das neuere Jahr

hat längst begonnen, in diesem Dezember).

Es geht alles in Richtung Staub Richtung Wolken

(Blauzeug; schon wieder) ich gehe immer

wieder über das Pflaster die Wege (Blauzeug; immer wieder)

schaue in Karten/diese Routen weiß ich

in den Kirchen der Stadt haben sie jetzt schon

an allen Montagen die blauen Tücher aufgehängt,

die arbeiten nicht/sie fasten. Bald ist

der große Tag.

Ein Taufkleid reicht für alle (Mütter Patinnen restl. Welt)

ragt das rotwangige Kleinstwesen als sein eigener Sockel

aus dem kalten Raum, der freurig strahlt

aus dem Kirchenschiff/ist wenigstes ein barockes

Gesicht in dunkler Behausung.

So kommen wir also an einem Dienstag

wieder/mein Kind & ich –

der DICHTER aber im Blauzeug im Centro

schiebt gewissenlos seine Schriften

durch die Stadt/marschiert Richtung Ostia

dort kippt er die Ideen von früher ins Meer (Papierfetzen

Plastikmusik

Schuhbänder vor allem) das ist harte Arbeit, aber

er will nicht mehr grundlos eine Handlung hochziehen

wie eine Mauer/Ziegelreihen oder aus Holz wie Mathematik oder

Physikübungen wie einen Anzug, der ihm zu groß ist

es haben die DICHTERINNEN eine schwierige Frage zu lösen;

die eine : hast du schon eine Verbindung aufgebaut/in die Tiefe,

ganz nach unten

die andere : wir könnten jedes Auto knacken/aber wozu

soll all das gut sein, wenn der Tag noch länger dauert?

die eine : wir stimmen ja in den meisten Fragen überein, aber was

hält dich heute bestimmt am Leben, können wir darüber

noch einmal uns unterhalten?

die andere : ja sicher, wenn du die Frage in aller Deutlichkeit

stellen kannst, und du endlich deine Phobien benennst ..

Die eine gibt der anderen sofort Bescheid, jetzt nur noch

die Schlüssel/den Kontakt nicht unterbrechen, hinunter

und frag

Horst Stein, 1970 in Schärding/Inn geboren, lebt in Wien.

Kunstprojekte, Ausstellungen, zuletzt Einzelausstellung im NewArtCenter

NewYork März/April 2007 – Fotoarbeiten. www.horststein.eu

Angelika Reitzer, 1971 in Graz geboren, lebt in Wien. Germanistik-

Studium in Salzburg und Berlin, diverse Arbeiten im Kunst- u.

Kulturbereich. Prosa u. Lyrik in Literaturzeitschriften, Anthologien.

Verschiedene Preise u. Stipendien, zuletzt Hermann-Lenz-Stipendium für

den »Taghelle Gegend« (Haymon Verlag 2007).


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch X - Skarabäen ST/A/R 73

Filmvorschau

Der erste Film des österreichischen Fimemachvereins

Auf Spuren

von Beuys

Joseph Beuys war bei der

deutschen Luftwaffe als

Beiflieger und Funker auf der

Halbinsel Krim im Einsatz. Sein

Flugzeug Ju-87 ist am 16 März

1944 durch einen Rammstoß

der russichen Fliegerin Tatjana

Kostirina abgestürzt. Der

Pilot Hans Laurinck starb. Die

russische Fliegerin kam auch

ums Leben und wurde später

zur Heldin der Sowjetunion

erklärt. Joseph Beuys war

schwer verletzt aber er konnte

sich retten, er sprang mit seinem

Fallschirm aus der brennenden

Maschine über

dem russischen Gebiet und

wurde mit zersplittenem

Schädel in einem

Salzsumpf von tatarischen

Hirten gefunden.

Rajsa Tschtschinskaja

(Historikerin)

filmemach@gmx.at

ÖsterrEichischer FilmemachVerEin

1/2/3 ©

Ei

seit 2007

Neu!

Neu ¡

Ei

Beuys/Tolstoj/Gerngross

Unteroffizier Joseph Beuys 1944,

Foto: Wehrmachtarchiv Düsseldorf

Die Erscheinung der heiligen Josephina alias Kostirina, die Heldin der Sovjetunion. (Phantombild des KGB/Kiev)


74 ST/A/R

Buch X - Skarabäen

Nr. 15/2007

Oben: Das Wrack der JU87

Rechts: Urkunde über den Tod des Piloten Hans Laurink

Honig

Beuys erklärt dem toten Hasen

die Zeitgenössische Kunst bei

einer Performance in Düsseldorf

1964 (Sein Gesischt ist mit

Honig beschmiert)

Ein Jahr nach dem Tod von Joseph Beuys - Performance in

Memoriam von Beuys, Lemberg 24.09.1987:

Wladimir Jaremenko-Tolstoj erklärt dem lebendigen Hasen die

Zeitgenössische Kunst. (Seine Lippen sind mit Honig beschmiert)

Das Abschußgebiet

Fotos: Archiv Kiasma Museum für moderne Kunst Helsinki/Finnland

Der Flieger der Moderne

Heidulf Gerngross

im Anflug

Pilotin Tatjana Kostirina

in Bronze in dem nach

ihr benannten Dorf

Kostirina

Der Beuys Forscher Professor Samosvalov im Dorf Kostirina, Zeitzeugen


Nr. 15/2007

Buch X - Skarabäen ST/A/R 75

Sarah Kolb

Sarah Kolb

„Präzisionsmalerei und Indifferenzschönheit“:

Bergson, Duchamp und der Topos der Intuition

Im Sommer 1912 sucht Marcel Duchamp Abstand von

der Pariser Kunstszene, in der er seit mehreren Jahren

verkehrt, und verbringt längere Zeit in München. In

seinem Hotelzimmer verfertigt er eine Reihe von Skizzen

sowie zwei Gemälde zum Motiv der „Braut“, das für Duchamp

zum Ausgangspunkt einer langjährigen Auseinandersetzung

werden wird. Eines der beiden Gemälde trägt auch den Titel

La Mariée, die Braut, und wie der Kunsthistoriker Robert Lebel

in einer Fußnote seiner dem langjährigen Freund gewidmeten

Monographie berichtet, ist das Bild gerade in Entstehung

begriffen, als sich Duchamps Braut eines Nachts in einen

Alptraum verwandelt:

„Aus einer Wirtschaft zurückgekehrt, in der

er, wie er sagt, ziemlich viel Bier getrunken

hatte, träumte [Duchamp] in demjenigen

Hotelzimmer, in dem er die Braut zu Ende

malte, diese sei ein gewaltiges Insekt von der

Gattung der Skarabäen geworden und bearbeite

ihn heftig mit den Flügeln.“

Die Anekdote erscheint mir in Bezug auf Duchamps Werk

in zweifacher Hinsicht von Interesse: Nicht nur träumt

Duchamp diesen Traum zu einem Zeitpunkt, an dem er seine

Auffassung von Kunst gerade von Grund auf zu verändern

beginnt. Auch wird die Braut, dieses unberechenbar und

geradezu bedrohlich anmutende Wesen, den Künstler in

den unterschiedlichsten Erscheinungsformen noch bis an

sein Lebensende verfolgen. Anlässlich ihrer nächtlichen

Erscheinung, wie gesagt, bearbeitet die Braut Duchamp in

Gestalt eines Skarabäus (Abb. 1).

Der Skarabäus, auch Mistkäfer oder Pillendreher

genannt, ist ein Insekt von der Gattung der Koprophagen,

d.h. der Kotnascher. Nachdem sich Koprophagen von

Exkrementen ernähren und diese die Eigenschaft haben,

rasch auszutrocknen, rollt der Skarabäus den Kot und

Mist mit seinen Hinterbeinen kunstvoll zu Kugeln, die er

im Rückwärtsgang unter die Erde befördert und die ihm

einerseits als Nahrungsvorrat, andererseits zur Eiablage

dienen. Der Skarabäus fand daher bereits früh Eingang in die

kosmogonischen Mythen der Griechen, Inder, Chinesen und

Japaner, galten seine Kugeln doch als Symbol des Welteneis,

aus dem das Leben als organisierte Materie hervorgeht und

aus dessen zwei Hälften einst Himmel und Erde entstanden.

Vor allem aber im alten Ägypten wurde dem Skarabäus

wegen seines auffälligen Verhaltens große symbolische

Bedeutung beigemessen: So wurde er identifiziert mit dem

Sonnengott Cheper-Re, der oft in Gestalt Skarabäus dargestellt

wurde, welcher die Sonnenkugel vor sich herrollt. Verbreitet

war auch der Mythos, der Skarabäus hole die Sonne bei

Sonnenuntergang im Westen ab und rolle sie bei Nacht durch

die Unterwelt, damit sie im Osten erneut aufgehen könne.

Sein hohes Ansehen im alten Ägypten verdankt der Skarabäus

nicht zuletzt der Tatsache, dass er das Nilhochwasser

vorausahnen konnte und daher frühzeitig weg vom Wasser

in die Häuser wanderte, wodurch er den Ägyptern die

ersehnte Flut ankündigte. Die schnelle Vermehrung des

Käfers im Schlamm nach dem Rücktritt des Nils führte auch

zur Meinung, er entstehe ohne Fortpflanzung und bringe

sich selbst aus der Erde hervor, weswegen er als Symbol der

Schöpferkraft galt. Dementsprechend ist das Ideogramm für

Skarabäus im alten Ägypten nicht nur mit dem Sonnengott

identifiziert, sondern bezeichnet auch das Verb „werden, sich

entwickeln, (aus sich selbst) entstehen“.

Dieses Bedeutungsspektrum nimmt die erst viel später

erforschte, physiologische Ontogenese des Käfers gleichsam

symbolisch vorweg. Wie wir heute wissen, zählt der Skarabäus

zu den holometabolen Insekten, d.h. er macht in seiner

Entwicklung zwischen Ei und adulter Form eine vollständige

Metamorphose durch. Zunächst entwickelt sich das Ei,

das in der Mistkugel abgelegt wurde, zu einer Larve, die

während ihres gesamten Entwicklungsstadiums im Inneren

der Kugel verweilt, sich von dieser ernährt und sie so nach

und nach aushöhlt. Sobald der Nahrungsvorrat aufgebraucht

ist, kommt es – ebenfalls noch im Inneren der Kugel – zur

Komplettumwandlung oder vollständigen Metamorphose.

Diese findet während einer Phase der Verpuppung statt, in

der sich die voll ausdifferenzierten Organe der Larve zunächst

vollständig zersetzen. Übrig bleibt eine Art Brei, der als einzig

klar definierte Struktur die so genannten Imaginalscheiben

enthält (Abb. 2). Imaginalscheiben sind kleine Komplexe

epidermaler Zellen, die aus Einstülpungen der embryonalen

Oberhaut entstehen und bereits in der Larve angelegt sind.

Ihre hormongesteuerte Ausdifferenzierung beginnt jedoch

erst nach der Zersetzung der larvalen Organe während der

Phase der Verpuppung, in der schließlich die neuen Organe

nach außen gestülpt und entwickelt werden. Am Endpunkt

dieser vollständigen Metamorphose steht das adulte Tier, das

im Fachjargon auch als Imago bezeichnet wird, und das im

konkreten Fall in Gestalt eines Mistkäfers seine heimatliche

Sphäre verlässt.

Nicht nur auf symbolischer Ebene, auch im Hinblick auf seine

reale, physiologische Ontogenese verkörpert der Skarabäus

geradezu exemplarisch einen Begriff des Werdens und der

Entwicklung. Ein derartiger Begriff des Werdens steht nun

auch im Mittelpunkt jener Entwicklungsphilosophie, die

Henri Bergson seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts

propagiert und die sich im Paris des beginnenden 20.

Jahrhunderts unter dem Schlagwort des „Bergsonismus“ zum

richtiggehenden Modephänomen entpuppt. Im Folgenden

möchte ich zunächst einige Grundbegriffe der Bergsonschen

Entwicklungsphilosophie umreißen, die nicht zuletzt

für die damalige Pariser Kunstszene einen wesentlichen

Einflussfaktor darstellen. Im Rahmen regelmäßiger

Gesprächszirkel kommt auch Marcel Duchamp mit Bergsons

Konzeption des Werdens in Berührung. Doch während seine

kubistischen Kollegen so weit gehen, 1912 ein explizit vom

„Bergsonismus“ inspiriertes Manifest zu publizieren, verfolgt

Duchamp zur selben Zeit bereits ein gänzlich anderes und

wesentlich radikaleres Konzept, mit dem er jeglicher Form

von Dogmatismus in der Kunst eine grundsätzliche Absage

erteilt. Im Anschluss an meine Ausführungen zu Bergson

möchte ich anhand dreier Werke Duchamps nachweisen,

dass Duchamp seit 1912 eine Konzeption von Werden ins Bild

setzt, die jener Bergsons um ein Vielfaches näher kommt, als

es ein auch noch so explizit am „Bergsonismus“ orientiertes

Manifest je vermöchte.

Ich komme zunächst zu Bergson. 1907 publiziert Bergson

L’Evolution Créatrice – Die Schöpferische Entwicklung – ein

vielgerühmtes Werk, zu dessen zentralem Gegenstand er

die Biologie und damit eine unendliche Mannigfaltigkeit

essentiell verschiedenartigen Werdens erklärt:

„Das Werden ist unendlich vielfältig. Ein

Werden, das vom Gelben zum Grünen geht,

ähnelt nicht dem vom Grünen zum Blauen: hier

haben wir qualitativ verschiedene Bewegungen.

Ein Werden, das von der Blüte zur Frucht geht,

hat keine Ähnlichkeit mit jenem von Larve zu

Nymphe und fertigem Insekt: hier haben wir

evolutiv verschiedene Bewegungen. Der Akt

des Essens oder Trinkens hat keine Ähnlichkeit

mit dem des Schlagens: hier haben wir extensiv

verschiedene Bewegungen.“

Wenn Bergson zwischen qualitativ, evolutiv und extensiv

verschiedenartigen Formen von Bewegung unterscheidet, so

nicht weil er glaubt, dem realen, biologischen Werden mit

einer auch noch so differenzierten Begrifflichkeit beikommen

zu können. Ganz im Gegenteil hebt Bergson hervor, dass sich

eine wirkliche Werdensbewegung niemals von Intellekt oder

Sprache wird einholen lassen: Ebenso wie der Zenonsche

Achill seiner Schildkröte bis in alle Ewigkeit wird nachhasten

müssen, solange er an einzelnen Punkten seines Weges

verweilt, anstatt sich auf die Kontinuität seines Fortschreitens

einzulassen, ebenso wird der Philosoph das reale Werden

einer Farbe, einer Form oder einer Bewegung nicht zu fassen

bekommen, solange er seine Aufmerksamkeit auf diskrete

Qualitäten, Entwicklungszustände oder Akte fokussiert. Das

wirkliche Werden, das ein Übergehen verschiedener Formen

ineinander bezeichnet, entgleitet dem Intellekt nach Bergson

prinzipiell zwischen den Fingern. Es ist das konkrete – und

damit essentiell unteilbare und unberechenbare – Werden

einer Blüte, eines Käfers, einer Schildkröte.

Bergson handelt seinen Begriff des Werdens exemplarisch

am Menschen ab. Unterteilt man die Entwicklung eines

Menschen in verschiedene Stadien – wie zum Beispiel

Kindheit, Jugend oder Reife – so sind das nach Bergson


Städteplanung / Architektur / Religion Buch X - Skarabäen

ST/A/R 77

ST/A/R-Collage

Duchamp

„bloße Gesichtspunkte des Geistes, von außen her ersonnene

mögliche Stillstände in der Kontinuität eines Fortschritts.“

Wenn sich Intellekt und Sprache von Gesichtspunkt zu

Gesichtspunkt bewegen, so zielen sie jedoch am wirklichen

Fortgang

der Entwicklung vorbei. Und würde sich die Sprache

nach der Wirklichkeit modeln, so Bergson, „dann wahrlich

würde sie nicht sagen, „das Kind wird zum Manne“, sondern

vielmehr, „zwischen Kind und Mann ist Werden“.“ Wenn wir

sagen, „das Kind wird zum Manne“, so begreifen wir Werden

als Verb, das zwei künstlich differenzierte Zustände in einer

abstrakten Bewegung verbindet. Sagen wir jedoch, „zwischen

Kind und Mann ist Werden“, so begreifen wir Werden als

Subjekt, was nach Bergson viel eher den Tatsachen einer

realen Entwicklung entspricht.

Nun kann sich aber die Sprache modeln so lange sie will,

sie wird stets auf einzelne Gesichtspunkte berufen müssen;

und der Intellekt kann sich noch so lange spielen, er wird

schwerlich davon absehen können, das wirkliche Werden

unter bestimmten Kategorien zusammenzufassen. Da

Intellekt und Sprache nun aber auch zentrale Instrumente

des Philosophen sind, sieht Bergson keinen anderen Weg, als

sein Steckenpferd von hinten aufzuzäumen. Nachdem er das

reale Werden nicht in einen positiven Begriff fassen kann,

entwickelt er als Negativfolie sein berühmtes Konzept der

„kinematographischen Illusion“.

Im gleichnamigen Abschnitt aus der Schöpferischen

Entwicklung

beschreibt Bergson die Vorgehensweise des

menschlichen Intellekts in Analogie zur Technik des Filme

Machens. Um den Fortgang einer Handlung erhellen zu

können, so Bergson, adaptiert unser Intellekt zunächst ihren

Rhythmus. Anstatt in das reale, unendlich mannigfaltige

Werden ein- und damit unterzutauchen, macht er Serien

von Momentaufnahmen, die das Unüberschaubare der

elementaren Veränderungen in diskreten Bildern –

Qualitäten, Formen oder Bewegungen – zusammenfassen.

Auf diese Art und Weise nimmt der Intellekt Unterschiede

des Zustandes zur Kenntnis, die direkt proportional mit

seinem Interesse der Handhabung korrespondieren. Die

Momentaufnahmen, die er vom wirklichen Werden gleichsam

abstrahiert und damit abzieht, fügt er nachträglich in einer

Gedankenbewegung wieder zusammen – so als nähme er den

Mechanismus eines inneren Kinematographen in Betrieb. Der

Film eines individuellen Werdens, den der Intellekt auf diese

Weise vor seinem inneren Auge ablaufen lässt, erzeugt nach

Bergson jedoch nur eine Illusion wirklicher Bewegtheit. In der

Tat bringt er nichts anderes als eine abstrakte Vorstellung zum

Ausdruck. Und Bergson schließt: „ϖD]er Mechanismus unseres

gewöhnlichen Denkens ist kinematographischen Wesens.“

Nachdem der Intellekt in erster Linie ein

Handlungsinstrument ist und sich von daher an Kategorien

des Räumlichen orientiert, korrespondiert ein diffus

mannigfaltiges Werden zunächst einmal nicht

mit seinem

Interesse. Vielmehr ist der Intellekt bemüht, jegliche Form

von Dauer oder Übergang auszublenden, um sich vermittels

einer Spannung seiner Aufmerksamkeit direkt an sein

jeweiliges Ziel zu versetzen. Wenn der Intellekt sozusagen

von einem Bild oder Raumpunkt zum nächsten springt,

so stellt sich jedoch die Frage, was eine derartige Form der

Anschauung zu tun hat mit der realen Operation, durch die

sich ein Körper von Position zu Position oder von Zustand

zu Zustand bewegt. Bergson argumentiert, dass eine reale

Operation wesentlich eben nicht Raum, sondern Dauer

beanspruche und sich von daher einer Fixierung auf einzelne

Bilder grundsätzlich entziehe:

„Wir haben es [bei der Operation] mit keiner

Sache, sondern mit einem Fortschritt zu tun:

die Bewegung, insofern sie als Übergang von

einem Punkt zum anderen angesehen wird, ist

eine geistige Synthese, ein psychischer Prozess

und folglich unausgedehnt. [...] Kurz, es gilt in

der Bewegung zwei Elemente zu unterscheiden,

den durchlaufenen Raum und den Akt, durch

den er durchlaufen wird, die sukzessiven Lagen

und ihre Synthese.“

Akt...

Im Januar 1912, ein halbes Jahr vor seiner traumhaften

nächtlichen Begegnung, vollendet Marcel Duchamp sein

Gemälde Akt eine Treppe herabsteigend Nr. 2 (Abb. 3). Wie er

durch den Vermerk des Bildtitels am linken unteren Bildrand

bekräftigt, suggeriert das Bild eine menschliche Figur in

Bewegung. Der hell vor dem Hintergrund sich abhebende

Körper, der einen Großteil der zentralen Bildfläche einnimmt,

ist in einzelne Linien, Positionen oder mögliche Stillstände

aufgelöst. Mehrere bogenförmig angelegte Pinselstriche

(besonders im Bereich der Beine) unterstützen einen Eindruck

der Bewegtheit. Am linken Bildrand und vor allem in der

linken unteren Ecke sehen wir die im Bildtitel angekündigte

– und in einzelne Formelemente fragmentierte – Treppe,

die von der rechten oberen Bildecke ihren Ausgang zu

nehmen scheint und in einen Treppenknauf am mittleren

rechten Bildrand mündet, indem sie einen Bogen über die

linke Bildhälfte beschreibt. Die suggerierte Bewegung bildet

dementsprechend eine Kurve ab. – Auf die Frage, ob der Akt

eine Frau darstelle, antwortet Duchamp in einem Interview

1936:

„Nun, wenn ich den Abflug eines Flugzeugs

zeige oder ein Linienschiff, das durch das Meer

stampft, dann versuche ich das zu zeigen, was

sie tun, nicht das, was sie sind. Als die Vision

des Aktes in mir aufblitzte, wusste ich, dass er

die versklavenden Ketten des Naturalismus für

immer zerschlagen würde.“

Für Duchamp stellt der Akt

eben

nicht

einen realen Körper

dar, der eine Treppe herabsteigt. Im Gegenteil begreift er ihn

als reine „Abstraktion der Bewegung“. Das Bild ist Ausdruck

von Duchamps zunehmender Aversion gegen die von ihm

so genannte „retinale Malerei“ oder „Netzhautkunst“, die

er seinen Künstlerkollegen aus Kreisen des Kubismus

und Futurismus unterstellt. Duchamp lokalisiert den Akt

jenseits eines rein visuellen Eindrucks. Angeregt von der

zeitgenössischen Chronophotographie beginnt sich Duchamp

vor allem für die Idee hinter dem Bild zu interessieren.

Besonders die Chronophotographien von Etienne-Jules

Marey inspirieren Duchamp, macht dieser doch als erster

nicht nur Serien von Momentaufnahmen, sondern fixiert

derlei Serien nach dem Prinzip der Mehrfachbelichtung auf

einer einzigen Platte (Abb. 4). Für Duchamp liefern Marey’s

Aufnahmen ein „Schema der Bewegung“, und er bekräftigt,

dass ein derartiges Schema in Wirklichkeit keineswegs eine

Illusion der Bewegung erzeuge: „[...] allerdings erzeugt es sie

nicht, aber es beschreibt sie. Schließlich ist ein Bild nichts

anderes als das Diagramm einer Idee.“ Die Bewegung, die

Duchamp im Akt zur Darstellung bringt, ergibt sich aus

einer Synthese einzelner, statischer Positionen und kann sich

dem Betrachter sozusagen allein im kinematographischen

Nachvollzug erschließen. Die resultierende Bewegung wäre

nach Duchamp zu denken als geistiger Fortschritt oder

Prozess, der eine Serie von Momentaufnahmen nicht nur

aneinanderreiht, sondern im Sinne einer Mehrfachbelichtung

simultan überlagert. Vom Betrachter fordert Duchamp eine

entsprechende Spannung der Konzentration, in anderen

Worten eine Gedächtnisleistung, die den Gegenstand jenseits

seiner Aktualität in einer Vielzahl von Schichten vernimmt.

Mit Bergson wäre der Akt

geradezu als Aufforderung zu

betrachten, sich als Betrachter bewusst jenseits des Bildes

zu verorten, „existiert [doch] die Möglichkeit, Bewegung und

durchlaufene Linie sich decken zu lassen, ausschließlich für

einen Beobachter, der, in jedem Moment die Möglichkeit

eines Stillstands ins Auge fassend, selbst außerhalb der

Bewegung verbleibt.“

Bewegung hin oder her, noch im Frühjahr 1912 wird

Duchamps Akt vom Pariser Salon des Indépendantes

abgelehnt. Anstoß erregt nicht nur der Titel, der noch dazu

in fetten Lettern auf der Bildfläche vermerkt ist, sondern

auch die Tatsache, dass Duchamp einen Akt jenseits der

traditionellen Pose zur Darstellung bringt. Für Duchamp löst

die Auseinandersetzung, wie er sagt, eine komplette Revision

seiner Werte aus. Den darauf folgenden Sommer verbringt

er – wie bereits erwähnt – in München, wo er vollkommen

neuartige Formen von Bewegung und Werden ins Bild zu

setzen beginnt.

Passage...

Noch ehe sich seine Braut eines Nachts in einen Skarabäus

verwandelt, vollendet Duchamp in seinem Hotelzimmer

in München das Gemälde Der Übergang von der Jungfrau

zur Braut (Abb. 5). Mit viel Phantasie lässt das Bild eine

menschliche Figur erkennen. In der Mitte oben ist

halbkreisförmig ein Kopf angedeutet, darunter eine Art

Speiseröhre, die in einen trichterförmigen Behälter mündet.

Am rechten Bildrand sind zwei unscharfe und tendenziell mit

dem Hintergrund verschwimmende Formelemente zu sehen,

die vage Bewegtheit suggerieren und sich als abgewinkelte

Gliedmaßen interpretieren lassen. Die linke, obere

Bildpartie ist von fragmentarisch ineinander verschachtelten

Formelementen dominiert. Links unten kommt eine

Art Greifarm ins Bild, der sich an einem torsoartigen

Formelement zu schaffen macht, welches das linke untere

Bilddrittel zum Großteil einnimmt. Mit Ausnahme des

Torsos, der einen relativ geschlossenen Körper bildet, sind

die verschiedenen Formelemente großteils nicht eindeutig

zuordenbar und lösen sich tendenziell ineinander auf.

Während Duchamp im Akt

noch ein stroboskopartiges Nebenbzw.

Nacheinander von Positionen dargestellt hatte, setzt er

mit dem Übergang von der Jungfrau zur Braut

eine vollkommen

neuartige Form von Bewegung ins Bild. Namentlich fasst er

Bewegung nicht mehr als Serie von Momentaufnahmen im

Sinne eines Fortschritts, sondern begreift sie als Passage von

einer Form zur anderen. Im Übergang sind die einzelnen

Zustände – „Jungfrau“ und „Braut“ – keineswegs klar zu

unterscheiden. Tatsächlich können wir weder

den einen

noch

den anderen Zustand eindeutig identifizieren. Nach

Jonathan Crary würde jeder Versuch einer Stabilisierung

der Figur sogar die essentielle Natur des Gemäldes stören.

Crary beschreibt den Übergang

als Ausdruck einer Form von

Bewegung, die wesentlich offen ist und sich – analog zur

Bergsonschen Lebensbewegung – eben nicht

in ein statisches

Bild fassen lässt:

„Wir können den Übergang als Vollzug

sehen, als ein Werden, welches kein Subjekt

hat [...]. Wir müssen berücksichtigen, dass

Begriffe wie Jungfrau

oder

Braut

diskrete, in

sich geschlossene und begrenzte Einheiten

bezeichnen, während der Übergang

etwas

Offenes, Prozessuales und Dynamisches

beschreibt. [...] Er hat weder ein Subjekt

noch ein Zentrum, ja deutet vielmehr ihre

Abwesenheit an. Stattdessen [...] öffnet er ein

Feld potentiell unendlicher Beziehungen und

schwebender Elemente, die sich nicht auf eine


78 ST/A/R

strukturelle Logik zurückführen lassen.“

Robert Lebel wiederum sieht im Übergang

eben nicht eine

Darstellung des Verlusts der Jungfräulichkeit, sondern den

Ausdruck einer kontinuierlichen Verwandlung, die auf

Duchamps lebhafte Auseinandersetzung mit Problemen

der Psyche und des Organischen verweise. Als wollte

Duchamp den Übergang ganz im Bergsonschen Sinn nach der

Wirklichkeit modeln, setzt er im Bildtitel – welcher wiederum

auf der Bildfläche (links unten) vermerkt ist – explizit das

Werden als Subjekt. Duchamps Bild sagt sozusagen nicht: „die

Jungfrau wird zur Braut“, sondern: „zwischen Jungfrau und

Braut ist Werden“.

In Gegenüberstellung mit der Braut

(Abb. 6) – die als nächstes

und vorerst letztes von Duchamps Gemälden entsteht – wird

deutlich, welche Bildelemente im Übergang

bereits auf die

Braut oder adulte Form verweisen. Auffallend ist zunächst,

dass der halbkreisförmige Kopf im oberen, mittleren Teil des

Bildes leicht verändert wiederkehrt sowie die Speiseröhre

und der Trichter, die vom Kopf aus schief nach rechts unten

verlaufen. Durch diese zentralen Elemente definiert, ähnelt

die Grundstruktur der Braut

derjenigen des Übergangs, wobei

die Braut deutlicher einen Bogen beschreibt, der in Richtung

rechten Bildrand gespannt ist. Unterschiede weisen vor allem

die unteren Bildhälften auf: Während das torsoartige Element

links unten im Übergang an eine Art Kleid oder Hülle denken

lässt, aus welcher sich die Braut nach einem Zustand der

Zersetzung gerade herauszuschälen scheint, gemahnt der

„Unterleib“ im Gemälde Braut

mehr an eine Maschine oder

einen Mechanismus. (Nur kurze Zeit später übrigens wird

Duchamp seine Braut in anderem Kontext tatsächlich mit

Beinamen wie „Explosionsmotor“ oder „Ackerbaumaschine“

versehen.) Während der Übergang

vom Formaspekt her eher

im Bodenlosen schwebt und dem Betrachter keine klaren

Anhaltspunkte bietet, nimmt die Braut

schärfere Konturen

an und wirkt gleichzeitig statischer. Duchamp realisiert hier

ein Neben- bzw. Miteinander von mechanisch-maschinellen

Elementen und amorph-organischen Formen, wobei letztere

in ihren fleischfarbenen Tönen nicht zuletzt die Assoziation

innerer Organe wecken. Sowohl vom Motiv als auch vom

Formaspekt her nimmt das Gemälde Braut

damit wesentliche

Komponenten eines weiteren Werkes vorweg, an dem

Duchamp 1912 bereits konzeptuell laboriert und dessen

Ausführung ihm noch so viel Geduld abverlangen wird,

dass er es 1923 nach achtjähriger „Präzisionsmalerei“ – wie

Duchamp sagt – „unvollendet vollendet“.

Mise a nu...

Mit Die Braut von ihren Junggesellen nackt entblößt, sogar

(Abb. 7) – bekannter unter dem Beititel Das Große Glas

– will Duchamp, wie er sagt, „ein Gemälde schaffen, das

die eigene Zeit in einem einzigen Bild zusammenfasst“.

Duchamp zielt auf eine Kontextualisierung der Malerei ab

und betreibt aus diesem Grund seit 1912 nicht nur zahlreiche

kunsthistorische, sondern auch geometrische, philosophische

und wissenschaftstheoretische Studien. Die Zettelwirtschaft

seiner gesammelten Notizen wird er 1934 in 300-facher

Auflage reproduzieren, in grüne Schachteln verpacken und

– quasi als Beipacktext zum Großen Glas (und ebenfalls

unter dem Titel La Mariée mise a nu par ces Célibataires,

même – oder kurz: die Grüne Schachtel) veröffentlichen.

Nachdem Duchamp seine gesammelten Notizen als

integralen Bestandteil des Großen Glases begreift, scheint es

in diesem Werk vor Mehrdeutigkeiten nur so zu wimmeln.

Damit aber wird Duchamps Braut von ihren Junggesellen

nackt entblößt, sogar alles in allem zu einer äußerst

undurchsichtigen Angelegenheit.

Zunächst einige Worte zur Technik und Struktur des

Großen Glases. Das Werk besteht aus zwei in einen

Metallrahmen gefassten, senkrecht übereinander

angeordneten Glaspaneelen und ist etwa zwei Meter

achtzig hoch, einen Meter achtzig breit und zehn

Zentimeter tief. Die zwei Paneele bestehen jeweils aus zwei

Schichten Glas, wobei das obere eine Spur kleiner ist. An

der Schnittstelle der beiden Paneele sind horizontal drei

Glasplatten eingesetzt, welche die dichotomische Struktur

des Werkes betonen. Die „Zeichnung“ ist auf der Rückseite

der „vorderen“ Scheibe angebracht und wird vorwiegend

aus Bleidraht gebildet, welcher von hinten mit Farbe

austamponiert oder mit diversen metallischen Beschichtungen

versehen ist. Teilweise kommen auch andere Materialien

zur Verwendung, wie zum Beispiel eine „Staubzucht“, die

Duchamp durch monatelanges Liegenlassen des Glases

zustande gebracht und anschließend mit einer Schicht Firnis

fixiert hatte. Infolge der teils vielschichtigen technischen

Prozeduren weisen die Vorder- und die Rückseite des Großen

Glases beträchtliche Unterschiede auf.

Als konzeptuelles Werk stellt das Große Glas ein komplexes

Gefüge dar, das sich ausschließlich über Duchamps

dazugehörige Notizen erschließt. Wie wir der Grünen Schachtel

von 1934 entnehmen, bildet die gesamte Struktur des Großen

Glases einen vielgliedrigen Mechanismus ab, welcher ähnlich

einem Perpetuum mobile um die Befehle der Braut kreist

Buch X - Skarabäen

– wir erkennen sie am linken oberen Bildrand wieder. Das

obere, von amorphen Elementen dominierte Paneel beschreibt

Duchamp als „Domäne der Braut“, das untere, perspektivisch

konstruierte als „Domäne der Junggesellen“ – wobei sich

letztere am linken unteren Bildrand zu einer so genannten

„Junggesellenmaschine“ formieren. Geschieden sind Braut

und Junggesellen durch die drei horizontalen Glasplatten, die

Duchamp auch als „Horizont“ bezeichnet und die das „Kleid

der Braut“ darstellen. Der Horizont bzw. das Kleid ist gedacht

als eine Art Scharnier, das die Sphären des Organischen und

des Mechanischen gleichzeitig trennt und verbindet. Das

wolkenförmige Gebilde mit dem Namen „Milchstraße“ oder

„Inschrift“ (am oberen Bildrand) zeigt die Braut im Zustand

ihrer – wie Duchamp sagt – „zweifachen kinematischen

Entfaltung“ – die er als „mechanische Entblößung“ durch die

Junggesellen einerseits, als „imaginäre Entblößung“ durch

die Braut selbst andererseits beschreibt. Diese „Milchstraße“

ist nach Duchamp auch die leitende Materie für die „Befehle“

der Braut, welche durch drei annähernd quadratische

„Durchzugskolben“ an die Junggesellen weitergeleitet werden.

Letztere sind in einen so genannten „Uhrwerk-Mechanismus“

eingebunden und dazu bestimmt, die Befehle der Braut

zu empfangen, weiterzuleiten und damit die Entblößung

oder kinematische Entfaltung der Braut voranzutreiben.

Das so genannte „Leuchtgas“, welches das Verlangen der

Junggesellen zum Ausdruck bringt und das nach Duchamp

„unbestimmten Ursprungs“ ist, vollzieht auf seinem

imaginären Weg zur Braut zahlreiche Metamorphosen.

Mit seinem Großen Glas rückt Duchamp also abermals

einen neuartigen Typ von Bewegung oder vielmehr Werden

ins Bild. Augenscheinlich wird dies zunächst anhand der

verschiedenartigen Prozesse, die zur Entstehung des Bildes

geführt und Duchamp nicht zuletzt den Ruf eines Alchimisten

eingebracht haben. Sowohl die diversen technischen

Verfahren – wie zum Beispiel das Züchten von Staub – als

auch Duchamps strategische Verwendung des Zufalls prägen

das Große Glas maßgeblich. So sind beispielsweise die Formen

der drei Durchzugskolben entstanden durch ein Gazetuch, das

in den Wind gehängt und drei Mal abfotografiert wurde. Aber

auch im Konzept zum Großen Glas spielen Werdensprozesse

eine tragende Rolle. Während die Junggesellenmaschine

(links unten) nach Duchamp eine rein mechanische und

abstrakte Bewegung vollzieht, fasst Duchamp den „Ausdruck“

der Maschine – das Leuchtgas – als einen Austragungsort

„zahlreicher Metamorphosen“, ebenso wie die er Braut

als Ausgangspunkt einer – wie er sagt – „zweifachen

kinematischen Entfaltung“ definiert.

Dass Duchamp seine Braut von ihren Junggesellen nackt

entblößt, sogar

auf einem Hintergrund aus Glas thronen

lässt, spielt für sein Konzept des Werdens eine mindestens

ebenso essentielle Rolle. Duchamp vollzieht eine Verkehrung

der traditionellen Glasmalerei: Während diese gefärbtes

Glas in Blei fasst und als strahlenden Filter einsetzt, fasst

Duchamp das Blei umgekehrt in transparentes Glas, wodurch

die Zeichnung vom Hintergrund teilweise richtiggehend

„überstrahlt“ wird (Abb. 8). Wenn Duchamp mehrfach betont,

das Glas habe ihn „ gerettet wegen seiner Transparenz“, so

bestätigt er die tragende Rolle, die der Hintergrund spielt,

indem er eben nicht vorgegeben ist, sondern je nach Standort

des Glases oder nach Position des Betrachters potentiell

unendlich viele Formen von Werden ins Bild rückt. Als

Konzept einer faktischen Gegebenheit stellt der Hintergrund

des Großen Glases gleichsam Duchamps erstes Ready-made

dar.

Wenn es Duchamp nun um die Entblößung

einer Braut geht,

welche in eine reale Umgebung sorgfältig eingebettet liegt,

so ist die Braut nicht zuletzt als eine Allegorie der Malerei zu

verstehen, welche Duchamp nicht länger mit einem reinen

Oberflächeneffekt identifiziert wissen will, weswegen er ihr

– anstatt einer Leinwand – ein durchsichtiges Kleid verpasst.

Das Begehren des Malers, eine Kunst jenseits statischer

Konzepte und mit Bezug zur Lebenswirklichkeit zu schaffen,

Nr. 15/2007

ist mit dem Großen Glas fürs erste anscheinend erfüllt,

sogar. Und für den Betrachter könnte sich das Große Glas in

letzter Konsequenz geradezu als eine Art Imaginalscheibe

entpuppen, welche die adulte Form – oder vielmehr noch das

Werden einer Braut – aus einem Zustand der Zersetzung

hervorbringt: Erschien das Große Glas zunächst als

disparate und nicht weiter zu differenzierende Struktur mit

eingeschriebenem Bauplan, so unterliegt es bei näherer oder

auch fernerer Betrachtung einer dauernden Metamorphose.

Sozusagen aber bildet es – ganz im Bergsonschen Sinne – ein

kontinuierliches „Werden von einer Form zur anderen“ ab,

und damit einen Prozess, der als ganzer auf die Entpuppung

eines Imago zielt.

Schluss...

Die drei horizontal eingefügten Glasscheiben, die im Großen

Glas das „Kleid der Braut“ markieren, trennen die Domäne

der Junggesellen – man könnte sie auch als Domäne der

Betrachter interpretieren – von der Domäne der Braut. Warum

aber realisiert Duchamp das „Kleid der Braut“ gerade in drei

Schichten?

In seinem Kino-Buch L’image-mouvement

unterscheidet Gilles

Deleuze am Beispiel von Bergsons Konzeption der Bewegung

zwischen drei Ebenen der Anschauung:

„1. die Ensembles oder geschlossenen

Systeme, die sich aus unterscheidbaren oder

unterschiedenen Teilen definieren; 2. die

Translationsbewegung, die sich zwischen den

Objekten herstellt und ihre Stellung zueinander

modifiziert; 3. die Dauer oder das Ganze,

eine sich fortwährend gemäß ihren eigenen

Relationen verändernde geistige Realität.“

Duchamps Großes Glas liefert für jede der drei Ebenen einen

Anhaltspunkt: Je nach Interesse des Betrachters kann es

als statische Struktur, als mechanistisches Konzept oder

als Fingerzeig auf ein im Hintergrund sich ereignendes

Ganzes aufgefasst werden. Damit aber nicht genug. Vor

dem Hintergrund des Großen Glases ergibt sich auch eine

neue Perspektive auf Duchamps eigentliche Ready-mades,

die Thomas Zaunschirm in einer so minuziösen wie

überzeugenden Analyse auf den englischen Ausdruck „ready

maid“ und damit auf das Konzept der Braut zurückgeführt hat.

Wie die Braut im Großen Glas ist der imaginäre Gehalt eines

beliebig gewählten Gegenstandes nur aus einem spezifischen

Kontext zu generieren. Und tatsächlich entwickelt Duchamp

sein Konzept des Ready-made parallel zu seiner Arbeit am

Großen Glas. Er verfolgt damit zur selben Zeit zwei höchst

unterschiedliche Strategien: Einerseits investiert er insgesamt

elf Jahre in die minuziöse Planung und Ausführung eines

einzelnen Werkkomplexes, anderseits erhebt er den spontanen

Akt der Wahl eines beliebigen Gegenstands – die so flüchtige

wie souveräne Geste – mit seinen disparaten Interventionen in

den Status eines künstlerischen Prozesses.

In einer Arbeitsnotiz aus der Grünen Schachtel bringt

Duchamp seine so unterschiedlichen Strategien auf den

Punkt: „Präzisionsmalerei und Indifferenzschönheit“

lautet die enigmatische Formel, zu der Duchamp inmitten

einer Aneinanderreihung höchst disparat anmutender

Assoziationen gelangt (Abb. 9). „Bier-Professor“ lesen

wir da zum Beispiel ganz links außen, in Erinnerung an

Duchamps nächtliche, und wie er sagt, von „ziemlich viel

Bier“ inspirierte Vision von der Braut. Oder auch, direkt

unter einer kleinen Skizze zum „Raum“: „die Zahl 3 als

Refrain in der Dauer“. Und gleich darauf: „Immer oder fast

immer angeben: das Warum der Auswahl zwischen 2 oder

mehrerer Lösungen“.

Ähnlich widersprüchlich wie Duchamps Formel

„Präzisionsmalerei und Indifferenzschönheit“ wirkt

schließlich die methodische Konsequenz, die Bergson aus

seiner Philosophie des Werdens zieht. In seiner Einführung

in die Metaphysik aus dem Jahr 1903 postuliert er –

gleichsam als Paradoxon par excellence – eine so genannte

„Methode der Intuition“, welche auf Duchamps strategische

Disparität geradezu zugeschrieben erscheint. Mit einer

vagen Andeutung Bergsons zu dieser „Methode“ möchte ich

zum Schluss kommen:

„Wir bezeichnen […] als Intuition die

Sympathie, durch die man sich in das Innere

eines Gegenstandes versetzt, um mit dem,

was er Einzigartiges und infolgedessen

Unaussprechliches an sich hat, zu koinzidieren.

[…] Kein Bild kann die unmittelbare Intuition

der Dauer ersetzen, aber viele verschiedenartige

Bilder, die den verschiedenartigsten Bereichen

der Dinge entlehnt werden, können durch die

Konvergenz ihrer Wirkung das Bewusstsein auf

den Punkt hinlenken, wo eine gewisse Intuition

möglich ist.“ 17


Nr. 15/2007

Buch X - Skarabäen ST/A/R 79

MARC ADRIAN

Dieter Sperl

Der in Zusammenarbeit der Neuen Galerie Graz und dem Ritter Verlag entstandene Katalog (der

zugleich Monografie ist) gewährt einen umfassenden Einblick in das Wirken und die Werkgeschichte

eines außergewöhnlichen österreichischen Künstlers. Darin enthalten sind Textbeiträge von Peter

Weibel, Dieter Bogner, Hans Petersen und Margit Rosen.

Im Nachkriegsösterreich zählt Adrian zu jenen Künstlern,

welche in der Tradition der Vielfalt der Begabungen und

der Reflexion stehen, schreibt Peter Weibel in seinem

Editorial. „1930 geboren, war für ihn wie für viele Künstler der

Neo-Avantgarde Europas der Terror des Nationalsozialismus

entscheidende Quelle für die Hinwendung zur Rationalität,

Analytik und Multimedialität. Der Aufstand gegen die

Autorität, gegen das Gesetz des Vaters und gegen die

Repression wird in vielfältigen Formen der Befreiung des

Bildes, des Körpers, der Erotik, der Sinne und des Subjekts

zelebriert.“

Und Adrian arbeitet von Anfang an mehrgleisig, als konzeptueller

Denker, Theoretiker, Filmemacher, Schriftsteller findet er sich für

seine Überlegungen die dazu passenden Ausdrucksformen. Als

einer der ersten Künstler überhaupt bezieht er den Betrachter in

das Kunstwerk mit ein und macht es auf diese Weise mobil. Bereits

1950 entstehen solche Beobachter-abhängigen Bilder. Bei diesen

Sprungperspektiven können sich die geometrischen Inhalte der

meist in den Primärfarben gehaltenen Bilder durch Veränderung

des Betrachterstandpunkts verändern, wodurch gleichzeitig

die Illusion von Bewegung erzeugt und der Faktor Zeit in den

Wahrnehmungsvorgang integriert wird.

Auch bei seinen einige Jahre danach entworfenen kinetischen

Objekten, den Rotations- und Schaukelplastiken wird der Betrachter

zum Mitschöpfer des Kunstwerkes. 1965 bei der Ausstellung The

Responsive Eye am New Yorker MoMA wird dieses Prinzip als “Op-

Art“ bezeichnet; das Time Magazine berichtet im Vorfeld dieser

Ausstellung darüber und prägt diesen Begriff. Zur gleichen Zeit

begann Adrian sein filmisches Schaffen. Wiederum reflektiert er

das eigene Sehen und das aufzeichnende Material und lässt seine

Reflexionsprozesse in das Werk einfließen. Für den Film BLACK

MOVIE I (1957) klebt er nach einem bestimmten metrischen

System vorgefundene farbige Filmvorspänne aneinander: Der

Film wird quasi ohne Kamera gezeugt und besteht aus Farben in

Raum und Zeit; der künstlerische Akt beschränkt sich auf die Wahl

der Mittel, Auswahl, Nacheinander und Dauer des Erscheinens der

Farbflächen.

Seine Gedanken zu einer vom Genie befreiten Literatur entstehen

im Umfeld der Wiener Gruppe. Dort hatte H.C. Artmann den

chilenischen Dichter und Anarchisten Ivan Contreras-Brunet

eingeführt, dessen proklamiertes Ziel es war, Dichtung auf ein

System weniger Regeln zurückzuführen. Existiert quasi ein

syntaktisch-semantisches Programm, kann man nach einem

bestimmten metrischen System (welches bei Adrian oft der

Goldene Schnitt ist) Dichtung entstehen lassen: Programm und

Zufall erwirken die Schöpfung und nicht Genialität, Schöpferkraft,

Bewusstheit oder die Unbewusstheit des Künstlers. Damit wird

die Erfindung methodischer Verfahren zur Produktion von Kunst

Konstruktionszeichnung für Mobile Nr. 8, 1957–59, Gouache,

Tusche, Bleistift / Papier, 71 x 91 cm

und die damit einhergehende Demokratisierung ästhetischer

Prozesse betont und nicht der individuelle oder überindividuelle

Bewusstseinsakt. Der aus diesen und ähnlichen Überlegungen

entstandene methodische Inventionismus (1954) führt bald dazu,

den Computer zur Textproduktion zu verwenden (1967). Weiters

entstanden Filme, in denen Schriftelemente (WO-VOR-DA-BEI,

1958) Hauptdarsteller waren ebenso umspringende Wortgruppen in

seinen Hinterglasmontagen (LIFE FORGET, 1966). Solcherart hatte

Marc Adrian seine künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten binnen

eines Jahrzehnts maximal erweitert und sein Hauptaugenmerk, die

Verbindung von Zufall und Gestaltungswille dabei immer besser

austrariert.

Mit diesen Leistungen hat Adrian in den 1960er Jahren an allen

wichtigen Ausstellungen dieser Kunstrichtungen teilgenommen:

von der Ausstellung der Neuen Tendenzen von 1961 bis 1969 in

Zagreb, an der legendären Schau Cybernetic Serendipity 1968 im

Institut of Contemporary Arts in London, an Computer und Visuelle

Forschung. Tendenzen 4 1968 in Zagreb, an Kinetika 1967 in Wien,

an der Trigon 67 in Graz und an The Responsive Eye 1965 im MoMA

in New York. Dennoch hat dieser vielschichtige, stets mehrgleisig

agierende Künstler bis heute in der offiziellen österreichischen

Kunstgeschichtsschreibung keine seiner Bedeutung entsprechende

Würdigung erfahren, obwohl gerade diese „multimediale

Mentalität, gepaart mit dem Willen zur genauen Analyse

Österreichs große Begabung und Beitrag zur Kulturgeschichte“

wie Peter Weibel schreibt, und Marc Adrian ein Vorreiter und

Prototyp dieser Mentalität ist. Höchtstwahrscheinlich existiert eine

Art Generalverdacht, den eine primär ökonomisch ausgerichtete

eingleisige (dem Gesetz des Vaters huldigende) Mentalität einer

mehrgleisigen, Freiheitsschübe forcierenden gegenüber darbringt,

Mobile Nr. 8, 1959, Stahl, Draht, Spannweite 275 cm

der in etwa besagt, dass es unmöglich sei, qualitativ Hochwertiges

zu leisten, ohne sich selbst zu beschränken, denn davon zeugen

doch der Großteil der Ergebnisse gegenwärtiger und vergangener

künstlerischer Versuche. Und natürlich auch, dass Qualität wichtiger

sei als ästhetische Demokratisierung. Der Katalog gewährt einen

ausführlichen und gewissenhaften Einblick in dieses umfangreiche

und beständig auf vielen Ebenen weiter wachsende Werk.

ROT-ORT, WV 146a, 1965, Hinterglasmontage, 75 x 75 cm

courtesy rittergallery


80 ST/A/R

Buch X - Skarabäen

Nr. 15/2007


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch XI - Tolstojs Theaterbuch ST/A/R 81

Theaterbuch

Oxana Filippova,

Autorin von “Garage”

GARAGE


82 ST/A/R

Buch XI - Tolstojs Theaterbuch

Nr. 15/2007

Oxana Filippova/Deutsch von Valie Airport/Eingedeutscht von Georg Valerian

GARAGE

Personen:

Franz und Franz

Schneebedeckter Hof umgeben von mehrstöckigen DDR-Blockbauten. Mitten im Hof steht eine

Wellblechgarage nach alter Ostblock- Bauart.

Berlin-Ost. Eine Laterne. Stille.

Ruf, seitlich aus der Kulisse: Schei-i-i!!!

Zwei Franze betreten die Bühne, ziehen sich im Gehen eilig die Jacken über.

Franz I: Brüll nicht so rum Franz! Du weckst noch alle auf. Es ist spät, die Leute schlafen schon!

Franz II: Schei-i-i-be!!! So eine Kacke! Krepieren sollen sie alle!

Franz I: Egal, brüll nicht so, es ist schon Mitternacht! Sonst rufen die Prolls hier noch die Bullen, die

müssen morgens früh raus zur Arbeit.

Franz II: Sollen sie doch, ich bin stocknüchtern! Ich habe keinen Tropfen getrunken heute. Hat

nicht geklappt! Die Flasche haben wir umsonst gekauft. Und die Gummis auch, 12 Stück! (zieht eine

Flasche Schnaps und eine Packung Kondome aus der Tasche)

Franz I: Kalt ist es, minus zwanzig wahrscheinlich…

Franz II: Wenn nich noch mehr! So eine russische Kälte! Oh! Fort sind sie die Russen, aber die Kälte

bleibt…

Franz I: Nehmen wir einen Schluck? (greift nach der Flasche)

Franz II: Okay! (öffnet die Flasche)

Trinken nacheinander.

Franz I: Herrlich! Das wärmt.

Franz II: Ja, tut verdammt gut!

Franz I: Genau das, was der Doktor verschrieben hat!

Franz II: Warum, zum Teufel, sind wir bloß zu diesen Weibern gegangen?

Franz I: Wer konnte schon wissen, dass alles so endet? Ich dachte, die bewirten uns dort…

Franz II: Nicht mal was Ordentliches zu Trinken gab es! Mir ist beinahe die Blase geplatzt wegen

dem Tee mit der Erdbeermarmelade nach Großmutter-Art. Wir haben gemütlich dort gesessen,

haben geplaudert und wären hängengeblieben, hätten sie uns nicht zur U-Bahn geschickt: „Es ist

schon spät, Jungs, ihr werdet die letzte U-Bahn nicht mehr erwischen, und wir haben keinen Platz

für euch zum Übernachten, sorry, tut uns leid…“ (schneidet eine Grimasse) Hurenpack!

Franz I: Wir hätten hartnäckiger auftreten sollen!

Franz II: Was denn noch? Ich habe gebaggert was ging, aber…

Franz I: Egal, trinken wir den Schnaps aus und gehen zur U-Bahn, sonst versäumen wir sie wirklich

noch…

Trinken nacheinander aus der Flasche.

Franz II: Wo hast du dir nur diese Tussis aufgerissen, Franz?

Franz I: An der Uni hab ich sie aufgegabelt, wo denn sonst. Studentinnen aus Bayern. Frisches,

unschuldiges Blut! Nicht so wie die blassen Berliner Girls…

Franz II: Mit den Berliner Weibern ist es einfacher.

Franz I: Lass uns gehen, Franz!

Franz II: Wart ma noch n Moment, Franz! Ich muss pissen, nicht mal das hab ich bei denen!

Franz I: Warum nicht?

Franz II: War mir zu peinlich. Die sind so waschmittelweiß, dass ich mir auch gleich Komplexe

zugelegt habe. Den ganzen Abend hab ich durchgehalten. Gib mir den letzten Schluck! (leert die

Flasche, knöpft die Hose auf und schickt sich an, in die Flasche zu pinkeln)

Franz I: Spinnst du, Franz, du willst in die Flasche pinkeln?

Franz II: Na und?

Franz I: Du wirst dich vollschiffen!

Franz II: Werd ich nicht!

Franz I: Mann, geh lieber rüber zu der Garage da! Sonst stinkst du nach Pisse und ich kann so mit

dir durch die ganze Stadt gondeln!

Franz II: Is ja gut! (wirft die Flasche fort, geht zur Garage) Mann-o-mann! Bei dieser Schweinekälte

klirren einem sogar die Eier! Ah, tut das gut! … Herrlich … Es läuft und läuft…

Franz I: Weißt du was, Franz, du tust denen unrecht! Die wollen wahrscheinlich, dass wir uns um

sie bemühen und nicht gleich beim ersten Mal mit ihnen ins Bett steigen, und nicht besoffen …

Heike hat mir eigentlich gut gefallen, sie hat schöne Beine, glatte Knie, einen großen Busen. Und

die Elke kann sich auch sehen lassen …

Franz II: Arschloch! Noch ein Wort und ich piss dich an!

Franz I: Lass ma gut sein, Franz! (klopft dem Gefährten auf die Schulter)

Franz II: Ah-h-h!!! Sche-i-i …

Franz I: Was hast du, Franz?

Franz II: h-h-h… Meine Eichel hängt an der Garage fest! Schei-i-i…

Franz I: Lass ma sehn! (bückt sich, guckt)

Franz II: Schei-i-i…

Franz I: Ach, du Kacke! Da sitzt du schön fest!

Franz II: Was soll ich jetzt tun?

Franz I: Kannst du ihn losreißen?

Franz II: Aua, das tut weh! Nein, kann ich nicht, Mann!

Franz I: Probiers noch mal!

Franz II: Ich kann mir nur den ganzen Schwanz abreißen! Aber was sag ich dann meiner Freundin?

Dass mir n Hund den Schwanz abgebissen hat? Ein Leben ohne Schwanz? Nein, niemals!

Franz I: Verflucht, wir müssen uns was einfallen lassen!

Franz II: Was?

Franz I: Man muss ihn mit etwas Aufwärmen …

Franz II: Nur, wenn du von oben draufpisst.

Franz I: Kann ich nicht, ich war vorm Weggehen auf dem Klo, ich hatte da kein Problem mit.

Franz II: Vielleicht mit heißem Wasser oder Tee?

Franz I: Dann muss ich noch mal zurück und fragen. Nur, wie soll ich das erklären? Ich kann diesen

Gänsen doch nicht sagen, dass du mit dem Schwanz an der Garage festhängst! Und was soll ich

dann mit der Tasse tun? Zurücktragen? Und wenn sie erst gar nicht aufmachen? Nein, ich gehe

nicht!

Franz II: Verdammt, ich frier schon ein …

Franz I: Vielleicht hilft anhauchen? Warme Luft.

Franz II: Versuchs mal, ich komm nicht hin.

Franz I: (bückt sich, pustet heftig) Pfff-pfff-fff…

Franz II: Das funktioniert nicht. Besser mit der Zunge.

Franz I: Dann bleib ich auch kleben!

Franz II: Immerhin warst du es, der mich in diese Lage gebracht hat!

Franz I: Das war doch keine Absicht.

Franz II: Arsch, und dich hab ich für einen Freund gehalten …

Franz I: Geh scheißen!

Franz II: Geh selber!

Franz I: Die letzte U-Bahn fährt. Und ich hab kein Geld für ein Taxi… (blickt besorgt auf die Uhr)

Franz II: Lass mich hier nicht hängen, Franz!

Franz I: Vielleicht, sollten wir einen Rettungswagen rufen?

Franz II: Du bist wohl nicht ganz dicht?

Jetzt

Franz I: Reiß ihn ab!

Franz II: Ich kann nicht!

Franz I: Dann geh ich …

Franz II: Du kannst doch jetzt nich abhaun, Franz!

Franz I: Tut mir leid, Franz, die letzte U-Bahn fährt, und

Geld fürs Taxi hab ich auch keins…

Franz II: Geh nicht weg, Franz!

Franz I: Sorry, Franz…

Franz II: Geh nicht!

Franz I: Ich muss jetzt rennen! Sonst schaff ich es nicht

mehr nach Steglitz. Entschuldige, tut mir leid, Franz…

(blickt auf die Uhr, dreht sich um und läuft davon)

Schneebedeckter Hof umgeben von typischen mehrstöckigen DDR-Blockbauten. Inmitten des Hofes eine

Wellblechgarage nach alter Ostblock-Bauart. An der Garage hängt zusammengekauert ein Mensch.

Berlin-Ost. Eine Laterne. Stille.

Der Vorhang fällt.

Ein verzweifelter Schrei: Schei-i-i-i!!!

ENDE

Deutscher


Nr. 15/2007

Buch XI - Tolstojs Theaterbuch ST/A/R 83

Russische und türkischer

Schauspieler in Deutschland

Flyer für die Premiere

Kosmopolit

Theaterdirektor

Grischa Kofman

Kosmopolit

Theaterdirektor

Grischa Kofman

in Berlin!

Ab 1. Sept.

im Rusischen Theater

Berlin, Brenzlauer Berg -

Kulturbrauerei.

Co-Regie:

Wladimir Jaremenko-Tolstoj

Garagen in Ost-Berlin


Städteplanung / Architektur / Religion Buch XI - Tolstojs Theaterbuch

ST/A/R 85

Fotos von Diana Wiedra der ST/A/R 12 Performance im MAK Dez.06

ST/A/R-Gast & Valie Airport

Alex Alexeev-Popov

„Astigmatismus“

Roventa Angelo:

Priester & Architekt

Ismael -

ST/A/R Artist

Tolstoj

Dr. Chris Denker besprüht den

Pariser Performancekünstler

Stephane de Medeiros.

Links ST/A/R-Journalist

Gerald Kofler mit Bier

Preisverleihung: Nobert Sputnic

Steiner, Konrad Frey, H.G.

Weltkünstlerin

Barbara Doser

Microevenement

von Tsuniko Tanuchi

aus Paris

Michelangelo

Derwischtanz der

Unterdiakone der

apostolischen Kirche:

Wladimir Tolstoj & Heidulf

Gerngross, Herausgeber

der 1000seitigen ST/A/R-

Zeitung

Slowakische Mode

„Today“

Peter Korak für

ST/A/R & Krone


86 ST/A/R

Buch XI - Tolstojs Theaterbuch

Nr. 15/2007

Fotos: GERNGROSS, TOLSTOJJ

PRIESTERWEIHE IM MAK:

DER ARCHITEKT ANGELO

ROVENTA WIRD VON

BISCHOF ARSENIK ZUM

PRIESTER PATER ANGELO

GEWEIHT.

LINKS: IKONE GEMALT VON

WLADIMIR JAREMENKO-

TOLSTOJ ANLÄSSLICH DER

WEIHE ALS GESCHENK AN

DIE APOSTOLISCHE KIRCHE

ÖSTERREICH


Nr. 15/2007

Buch XI - Tolstojs Theaterbuch ST/A/R 87

Deutsch von Valie Airport

DER HÜHNERVÖGLER

(Theaterstück in einem Akt)

Wladimir Jaremenko-Tolstoj

Personen: Alexander und Alexandra

Alexander: (liest laut die Zeitung) „Das panische Krähen seines geliebten indischen Hahnes

riss vergangene Nacht Viktor Leonidowitsch Toporow, Pensionist, jäh aus dem Schlaf. Der

Hahnenschrei erfolgte zu ungewöhnlicher Zeit und klang mehr als seltsam. Viktor Leonidowitsch

wurde stutzig. Der Hahn schrie weiter wie am Spieß. Leonidowitsch begab sich in den Hof und

sah gerade noch die Silhouette eines Mannes in Richtung Wald verschwinden. Böse Vorahnungen

ließen dem Pensionisten das Herz stocken. Im Laufschritt eilte er zum Hühnerstall, wo sich

ihm ein Bild des Chaos bot. Die Hühner hatten sich in die Ecken verkrochen, der indische Hahn

schrie ununterbrochen weiter, wenn auch etwas weniger markerschütternd. Auf dem Erdboden

wälzte sich in unnatürlicher Pose Anjuta, die Bruthenne. Das Gefieder wild zersaust, mit weit

aufgerissenem Schnabel rang sie nach Luft. „Der Hühnervögler“ schoss es dem Pensionisten

Toporow durch den Kopf. Der Revierinspektor wurde informiert.“

Alexandra: (ungehalten) Schwachsinn! Ödes Schauermärchen der Boulevardpresse! Es gibt keinen

Hühnerficker!

Alexander: Stimmt nicht. Das ist bereits der achte Fall in den letzten paar Wochen. In der Zeitung

steht übrigens, dass die Henne Anjuta und der

indische Hahn danach krepiert sind. Hast du kein

Mitgefühl!?

Alexandra: Es ist mir unvorstellbar, wie man ein

Huhn ficken kann! Die haben nicht einmal eine

Fut! Völlig absurd!

Alexander: Wieso? Hast du noch nie einen

Hühnerarsch gesehen? … so rund, appetitlich,

muskulös … Ich glaube, den zu ficken kann ganz

angenehm sein…

Alexandra: Pfui! Wie kannst du nur solch

widerliches Zeug daherreden!

Alexander: Schon gut, tut mir Leid! Komm, gib

mir einen Kuss!

Alexandra: Geh weg! Mir graust vor dir.

Alexander: Sei nicht sauer! Es war ein Scherz

(versucht sie zu umarmen).

Alexandra: (wendet sich ab) Lass mich …

Alexander: Vielleicht sollten wir miteinander

schlafen?

Alexandra: Sicher nicht! Nachdem, was du gesagt

hast …

Alexander: Was habe ich schon gesagt?

Alexandra: Nichts! Nur werde ich mir jetzt als

Huhn vorkommen.

Alexander: So ein Blödsinn! Und überhaupt – der

Hühnervögler ist eine Erfindung der Presse. Ich gebe dir Recht. Gehen wir ins Bett…

Alexandra: Nein! Der Hühnerficker existiert! Du hast mich selbst gerade überzeugt.

Alexander: Zum Teufel mit ihm, diesem Hühnerficker! Es dreht sich so schon alles um ihn. Was

haben du und ich mit ihm zu tun? Er ist ja nicht mal hier in der Stadt, sondern irgendwo weit weg

im Süden.

Alexandra: Du, die Katja hat mich gestern angerufen und gemeint, sie hat Angst nachts allein auf

die Straße zu gehen.

Alexander: Was hat die Katja zu fürchten?

Alexandra: Nicht was, sondern wen – den Hühnerficker!

Alexander: Die ist eine solche Furie, dass sich nicht mal der Hühnerficker an sie ranmacht!

Alexandra: Du! Du bist der Hühnerficker!

Alexander: (empört) Ich bin der Hühnervögler?

Alexandra: Ja, der Hühnervergewaltiger!

Alexander: (schnappt nach Luft) Ich bin der Hühnerficker???

Alexandra: Ja, du!

Alexander: Und du, du … weißt du, was du bist?

Alexandra: Was?

Alexander: … ein Huhn!

Alexandra: Bist du dir bewusst, was du sagst?

Alexander: Ja!

Alexandra: Hühnervögler!

Alexander: Huhn!

Alexandra: Hühnerficker!

Alexander: Huhn!

Alexandra: Hühnervögler!

Alexander: Halt die Klappe!

Alexandra: Halt selber die Klappe!

Alexander: Lass uns lieber Abendessen.

Alexandra: Na gut.

Alexander: (schlägt die Zeitung auf) „Die Bevölkerung ist alarmiert. Täglich gehen zahllose Anrufe

in der Redaktion ein. Die Leute sind empört über die Untaten des Hühnervöglers, man verlangt

seine rasche Ergreifung und fordert eine öffentliche Gerichtsverhandlung. Auf die Fragen der Leser

antwortet der Staatsanwalt des Nowosibirsker Gebietes.“

Alexandra: Interessant …

Alexander: (liest weiter) „Die Handlungen des Hühnervöglers unterliegen keinem Paragraphen

des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation. Im Falle der Ergreifung des Hühnervöglers

kann nicht einmal eine vermögensrechtliche Klage gegen ihn erhoben werden, da weder Diebstahl

noch Entwendung vorliegen. Eines Mutwillensdeliktes kann er aufgrund fehlender Zeugen nicht

angeklagt werden.“

Alexandra: Der entkommt doch nicht?

Alexander: Selbst wenn er gefasst wird, was dann?

Alexandra: Dieser Aussage des Staatsanwaltes zufolge kann er allem frech und frei nachgehen …

Alexander: Im Bewusstsein seiner Straffreiheit…

Alexandra: Genau!

Alexander: Mir wird ganz anders!

Alexandra: Hab keine Angst!

Alexander: Wenn man bedenkt, in welch grausamer Welt wir leben! Früher gab’s das nicht. Vielleicht

sollten wir nach Deutschland auswandern?

Alexandra: Du Naivling! Das deutsche Konsulat in Novosibirsk stellt schon lange keine

Emigrationsvisa mehr aus. Sie haben Angst, sich den Hühnervögler einzuhandeln. Die Deutschen

haben auch ohne ihn genug Probleme.

Alexander: Wir sind also zu spät! Was sollen wir tun, wie überleben? Gibt es denn gar keinen

Ausweg? Mir wird angst und bang!

Alexandra: Und mir erst!

Alexander: Sollen wir nicht das Licht aufdrehen? Es ist spät geworden, es wird schon dunkel …

Alexandra: Und wer geht zum Lichtschalter?

Alexander: Du!

Alexandra: Wieso ich?

Alexander: Du bist näher …

Alexandra: Oder bumsen wir miteinander?

Alexander: Ich kann nicht!

Alexandra: Warum? Wolltest du nicht gerade?

Alexander: Nein, ich kann nicht! Solange der Hühnervögler frei herumläuft, kann ich nicht! Ich werde

immer denken, ich vögle ein Huhn …

Alexandra: Und das Huhn bin ich?

Alexander: Entschuldige, aber es wird mir so

vorkommen!

Alexandra: Na gut, dann stell dir vor, ich habe

einen kleinen muskulösen Arsch …

Alexander: Was schlägst du vor?

Alexandra: Trottel!

Alexander: Ich habe noch niemanden in den Arsch

gefickt!

Alexandra: Nein, du bist der Hühnervögler!

Alexander: Ich bin der Hühnervögler?

Alexandra: Ja, genau. Du bist der Hühnerficker!

Der Hühnervögler in persona!

Alexander: Ach ja? Wenn das so ist, gehe ich.

Alexandra: Wohin?

Alexander: Raus.

Alexandra: (beunruhigt) Und wenn der

Hühnervögler da draußen ist?

Alexander: (zerstört) Na wenn schon!

Alexandra: Gut, dann hau ab! Aber komm nie

wieder! Und nimm deine Zeitung mit!

Alexander nimmt die Zeitung und tritt ab.

Vorhang.


88 ST/A/R

Buch XI - Tolstojs Theaterbuch

Nr. 15/2007

Vorankündigung!

CCCP

Lex Leopold

Ein Theaterstück von

Wladimir Jaremenko-

Tolstoj.

Erscheint unzensuriert im

1000seitigen ST/A/R.

Ein Nachkriegsdrama aus

dem Jahr 1945.

Die wahre Geschichte von

Major der Roten Armee

Andrej Gradusow in Melk

und Wien

Andrej Gradusow

1945 in Melk

CCCP

2007 in Novosibirsk

ST/A/R-Gäste: Russische Anarchisten (kommen nach Österreich)

HAUSBESUCHE

AUF BESTELLUNG.

HOTLINE: 0676/6214753


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch XII - WARAN * back from Ohio ST/A/R 89

FOTOS: WWW.KORRAK.COM

ICH WAR ALS

KIND SCHON

SCHEISSE.

23


23

90 ST/A/R

Buch XII - WARAN * back from Ohio Nr. 15/2007


Nr. 15/2007 Buch XII - WARAN * back from Ohio

ST/A/R 91

Fotos:

STERNE SIND AUCH

NUR MENSCHEN.


92 ST/A/R Buch XII - WARAN * back from Ohio Nr. 15/2007

Nr. 15/2007 Buch XII - WARAN * back from Ohio

ST/A/R 93

Und wenn sie nicht erfrohren sind, dann frieren

sie noch heute. die antarktis bietet schutz

für tausende von eiswürfeln. eigentlich muß

das apfelmus kernlos sein, aber welche maschiene

bringt das übers herz, ohne daran zu verzweifeln?

er lebt in einer bibliothek mit zwei klavieren, aber

leider sind alle bücher auf russisch, nur die bilder von

dali sind zweisprachig, so wie seine aufzeichnungen die

er zu veröffentlichen gedenkt. selbst mir ist nicht klar

was aus mir werden sollte, wo ich doch nie fieberblasen

bekomme, aber ich könnte ihm einen blasen bis er

fieber bekommt ( jungle fever) ohne einen gedanken zu

verschwenden setzt er sich nach einer schlaflosen nacht,

in bewegung und findet sich von natur aus großartig.

mir war es wie ein blick, der mir zu verstehen gab, das

alles gut wird, wenn man nur am ball bleibt, genauso

wie er fußballspielt. eben wie ein gehirnaputierter bartträger,

dem es gleich ist was der rest der welt über ihn

denkt. den längsten zu haben war seine größte devise.

bankgeschäfte wickelte er nur übers telephon ab, und

ab und zu war er zu und offen für alles und jeden und

die stadt liebt ihn mit oder ohne kondom. am samstag

konnte er es fast nicht begreifen, daß ausgerechnet er

wiedereinmal bei seinem zehnten bier angelangt am

titelblatt der St/A/R zeitung war und so gut aussah, das

selbst die tauben dünnschiß bekamen. danke du blonder

engel des lichts am plumpsklo. seine bauchmuskeln

katapultierten ihn an die spitze der charts b.z.w an die

spitze seiner eichel b.z.w an die spitze seiner zunge was

aufs selbe hinausläuft wenn er ausläuft. in dieser stadt

gibt es wenige, die ihn nicht kennen und sein name

wird hinter vorgehaltener hand nur geflüßtert. blickkontakt

hatten nur wenige mit seinen weißen augen die

verzweifelt nach pupillen suchen. sein bester freund war

in bezug auf frrauen ein bodenloser draufgänger, ebeen

ein allesspachtler, der sein rohr nie unnötig herumhämgen

ließ, auch nannten sie ihn mister lover lover. seine

frünen blauen augen waren nur halb so schwul wie

meine, aber sein heißhunger beim schnitzelessen war

bis nach wördern vorgedrungen. Beruf: one hand -show

profikicker beim SCR. mit einer leichtigkeit konnte er

bier in sein ohr schütten, ohne auch nur einen tropfen

zu verschütten. gähnende lehre füllte sich mit dem

gerrstensaft, derr sein gehirn schon komplett zerstört

und vernichtet hat. meißt raucht er um wieder nüchtern

zu werden, was ihm aber noch nie geLungen ist. prost.

seit gestren weiß ich, ohne angeben zu wollen, daß ich

von ihm ein liede erwarte, welches er für mich komponiert

hat. im lendenbereich sind schon kleine lachfalten

zu erkennen, die seinen hüften etwas verleihen was die

alten griechen charisma nannten. nächte langer schlaafentzug

wirken sich gut auf seine haut aus, und verleihen

ihm ein lächen, wie bei einer alkoholvergiftung. er wollte

mit dem fahrrad nach griechenland fahren, aber in wirklichkeit

war er mit dem zug in berlin und ziemlich hin

und weg von den tollen graphittis dort. im schnellreden

war er ein wahrer meister. ziemlich schaade das er sein

maul gar nicht mehr zubekommt und man immer sein

pferdegebiss sieht. like i miss you no longer...

am heldenplatz und im burggarten war kein ball vor ihm

sicher, auch dann nicht wenn es regnete. zweifels ohne

kann ich mir eine welt ohne ihm gar nicht mehr vorstellen

wo doch geld keine rolle mehr spielt, da das glück

ein vogerl ist und mir seit jahren auf den kopf scheißt.

im polizeicomputer befindet sich ein foto, das ihn mit 16

jahren zeigt und auf das er richtig stolz war, so wie auf

alles wo er seine spuren( im schnee) hinterrlassen hat.

selbstverständlich werde ich ihm die stange halten, sollten

ihm mal die hände gebunden sein. seine arrogante

art wird ihn noch um den verstand bringenn, wo doch

noch so viel zu entdecken ist an seinem körper b.z.w unter

der gürtelrose. blond und blauäugig, ein blick wie ein

handschlag, ein geruch wie ein lemming mit blähungen

und ein schlechter geschmack wie richard lugner im

frack. wann werden sich unsere wege wieder kreuzen.

und niemand wird verstehen warum er für mich die

gräfin vom naschmarkt ist. bleib so fesch.

dreckige fingernägel sind sein markenzeichen, besonders

nach dem elektrischen stuhlgang, der ihm noch

bevorsteht, wenn er nicht endlich aufhört schwarz zu

fahren und blau zu sein. seine feuerzeuge bezieht er

ausschließlich von der FPÖ, um sich weiterzubilden im

spirituellem sinn. in der volksschule war sackhüpfen

seine große leidenschaft, da er jedesmal das kondom,

das er seit zehn jahren verwendet, über seine hoden

zieht ohne auch nur einmal zu jodeln. in sexueller

hinsicht kann man von ihm viel lernen, weil sein

schweißgeruch selbst kanalräumern ein dorn im auge

ist. nasenklammern können da wirklich wunder wirken.

alles wartett wie der robinson cruso auf freitag. selbst

mir wird schlecht wenn ich mir sein gehänge vorstelle.

er hat zähne wie sand am mehr, auch nach seinem wahn

umbedingt besitzer einer zahnspange zu sei. im großen

GÄNSEMARSCH

Foto: www.korrak.com

und ganzen hat er kein benehmen aber das fällt gar nicht

so auf da er sich immer mit schönen gitarrenspielerinnen

umgibt. selbst im schlaf gibt er sein bestes und macht nie

schlapp. worte können wie pfeile sein und dessen ist er

sich voll bewust, sonst würde er mich nicht lieben, wie

ein araber sein aufgeblasenes kamel von beate uhse mit

den drei öffnungen, die immer bis zum rand gefüllt sind.

amen. im umgang mit geld weiß er oft weder ein noch

aus, aber er macht kein drama draus. sehnsucht kennt er

als süchtiger nur zu genüge. sein zustand ist ein einziger

zustand. mit kindern kann man ihn hypnotisieren, kritisieren,

manipulieren und verzieren. wenn er nüchtern

ist ist er kaum zu ertragen und es knurrt der magenpfui

das klopapier hat nur drei lagen. nach dem dritten

bier trinkt er noch vier aus lauter gier. körperpflege ist

grundsätzlich für ihn ein fremdwort so wie empfängnissverhütung.

wenn sein bürzerl lacht, dann weiß er das er

am richtigen weg ist ( multimedienmultitalent) er ist so

ein schwammerltaucher, das ihn schon ganz burgenland

auf die watchlist gesetzt hat. nach einem platzverweis

im burggarten konnte er es gar nicht erwarten erneut

mit dem gesetz in konflikt zu geraten. auf mein anraten

streitet er aber jetzt immer alles ab und gibt sich immer

öfter als tourist aus. sollte er einmal in den letzten tagen

liegen, wird er sicher sich vor lachen biegen und dem sensenmann

gras verkaufen ( einen ganzen haufen) er ist ein

freund der guten laune, des schlechten nachgeschmacks,

der unerreichbaren mädchen und beliebter als er es

sich je erträumen hätte lassen. alle stehen auf ihn nur

ist er noch keiner bewußt, das ihr da eh nichts entgeht.

wortgewand bildet er sich seine meinung. nach unzähligen

seminaren der selbstfindung weiß er weder ein noch

aus, aber am schönsten ist es sowießo im vollrausch. sein

bester freund ist der alkohol und das macht seine birne

hohl. zu seinen traumberufen zählen noch immer traumfänger

und hohlraumforscher. bin ihm zu unendlichem

dank verpflichtet. ohne ihm wäre ich nicht da wo ich jetzt

bin nämlich ganz unten. sein spendenkonto ist bis oben

hin gefüllt auch wenn sich die summe nicht durch drei

dividieren läßt, kann er es kaum erwarten endlich auf den

putz zu hauen damit meint er wodka in großen gläsern.

so oft wie er war noch niemand auf der mariahilferstraße

unterwegs und hat überhaupt nichts erreicht ausser ch

ch ch ice cream - tatse the rainbow and catch the milky

way. don´t pray or stop the endless conversation. be like

him and pump it up. blow your mind, be his friend and

nothing can go wrong. forever stoned and drunken like

gozilla. er braucht nur seine rechte augenbraue heben

und schon bringt er kleine dicke frauen zum beben. er

spielt eben leben auf teufel komm raus( aus dem hosenstall).

he´s mister phalus. in seltenen momenten trifft

man ihn völlig gedanken verloren in einer ecke lehnend

an und denkt was für ein mann. kaum hat mann seine

aufmerksamkeit kann man sich nicht mehr halten vor

lauter spalten. er wirkt wie ein magnet auf die weiblichkeit

nur macht keine die beine breit. vom duschen hält

er nicht viel und ein vollbad nimmt er sich nicht einmal

im vollrausch. bewußtsein erweiternde drogen kennt er

nur vom hörensagen da er tief in seinem herzenn immer

noch pfadfinder und minitrant geblieben ist. weihrauch

verursacht bei ihm ein totales blackout, deswegen muß

er kirschen meiden, aber in der politik istt er zuhause

wie ein glühwürmchen im neonlicht. dreimal iust er aus

der kirche ausgetreten, weil er sich das vaterunser nicht

merken hat können. mit was auch zwischen seinen ohren

ist gähnende leere. er trägt die österreichische fahne

immer vor sich her- so ein patriot/vollidiot ist er. er kann

alle strophen der bundeshymne, aber nur auf griechisch,

französisch und russisch. seine inteligenz brachte ihm

schon manches eigentor. architektur beschränkt sich auf

sein zelt in der hose, mehr kann er sich darunter nicht

vorstellen. unrasiert maschiert er aufs sozialamt und wird

dort nur verkannt, wenn er auf dem boden dahinrutscht,

wie toni polster nach dem dritten eigentor. warte, rote

karte.

von religion hält er nicht viel, davür engagiert er sich für

die entwicklungshilfe bei kodak. ich trenne mich nur

unger von meiner vorhaut, aber für ihn würd ich mich

bescheneiden lassen, wenn ihn das glücklich macht,

diese pracht. auch er ist gut bestückt und immer und alle

zeit bereit oder breit. du kannst dich mit ihm nur sinvoll

unterhalten, aber nach dem zweiten satz beginnt er zu

sabbern und an seinen zehennägel zu knabbern verlegenheit

ist für ihn ein fremdwort. er verachtet pornofilme so

wie haider le pen. kurt krenn war sein großes vorbild trotz

des übergewichts und des gürtelrosenkranzes. selbstlos

geht er ganz im sport auf wie ein germteig nach einer

stunde. tagträume verschaffen ihm das gewisse etwas. es

kann nur eine geben. sein leben hat er den sushi essen

verschrieben darum beherscht er auch asiatische kampftechniken

in perfektion. am lagerfeuer hat er geistesblitz

in der arschritze. sogar ich kann mich in seiner aalglatten

haut spiegeln. bigger, better, rudl. er versäumt ständig

wichtige termine und seine zurückhaltung hat

schon manch feuchte träume beschert. grenzen

gibt es für ihn kaum und jetzt begreife ich auch

warum die berliner mauer wirklich viel. sein

engagement ist weltweit annerkannt. früher

wurden bücher verbrannt. heute verbrennt man

pässe und freistöße. seine weiblichen fans fallen

reihenweise in ohnmacht bei einem fallrückzieher.

fußball ist sein leben und davür würde

er auch seinen beruf an den nagel hängen. er

ist der messias und hoffentlich wird man ihn

nicht wieder ans kreuz nageln. meine unzulänglichkeit

gefühle in worrte zu fassen macht

ihm spaß. wie er feststellen wird stottere ich

sogar beim schreibenn, aberr das macht nichts,

ich bin eh stolz endlich einer vom andern ufer

zu sein. einfach ein analphabet zu sein. wenn

seine augen zu leuchten beginnen überlegt

sich die donnau weiterzurinnenn. im flex ist er

bereits zu lebzeiten eine legende, seine karriere

ist noch lange nicht zu ende. im übertragenem

sinn macht es überhaupt keinen sinn über ihn

zu schreiben da man seine erscheinung nicht in

worte fassen kann außer man ist ein richtiger

mann mit dem gewissen etwas, das ihm verdammt

nochmal so elendiglich fehlt. ich finde

er sollte heiraten, um endlich wieder zu ruhe zu

kommen. gratishängematte in jamaica. sein gehänge

ist in gold nicht aufzuwiegen, und geteert

und gefedert wird er nie werdenn, weil er sich

immer ein lorbeerblatt vor den mund nimmt.

mit befremdet zu sein bedeutet für mich ein

ziel! blatt vor augen zu haben. ich schätze ihn

auch als musiker imens. wenn etwas bestand

hat dann er. ein mann wie ein baum, sie nannten

ihn bonsai. das blau seiner augen erinnert

mich immer an ein neujahrskonzert ohne

instrumente. er ist und bleibt einer der besten

dirigenten des abendlandes. den führerschein

wird er zwar nie schafffen, aber was solls hauptsache

pavel hat mal´nen schlaffen. niemalsseine

familie weiß um seinen unterschätzten wert

und seinen mundgeruch, der oft an seine alten

socken erinnert. als bäuerin würde er sich sehr

gut machenn. ansonsten gibt es nicht viel über

ihn zu sagen. bei fragen wenden sie sich doch

bitte an seine homepage www.waran.at.

eins wäre noch zu sagen: er fragt sich:” warum

pinkeln frauen nicht im stehen?” grenzgennial.

damit wäre die emanzipation endgültig vom

tisch. rudi sei dank. rudi for president. rudi

nimmt kukident weil er niemals pennt.

platzverbot für hermes phettberg, der dauergeile

dumbozwerg.

der frauenschwarm

er braucht sie wie die luft zum atmen. er schläft

mit vielen liebt aber nur wenige. er macht

musik wie ein lustmolch und trozdem landet

er nur hits. seine lieder sind inn der ganzen

welt bekannt. er schwimmt in geld, glaubt

aber trozdem das nie über ihn geredet wird. er

sprüht nur so vor charme b.z.w schaamhaaren.

er schläft kaum, weil er nur arbeitet. seine zeit

verbringt er auf den bühnen dieser welt. freunde

hat er viel, aber nicht wegen seines kontostandes,

sondern wegen seines goldständer. alle

männer beneiden ihn wegen seinerpotenz. mädchen

werden reihenweise flachgelegt. aber kennt

er die kosmische liebe? trotz seinnes traumkörpers

weiß er genau wie schön er ist, besonders

seine muskeln unterhalb der gurtelrose. sein

buch war ein voller erfolg nur hat, außer ein

paar weniger analphbeten eigentlich kaum

etwas davon mitbekommen. wann lernenn die

medien endlich zu schätzen was für ein talent

sich hier verausgabt, vor allem sexuell. so potent

war nicht einmal casanova.

abgang, sicher nicht

mein titel manager des jahres, läßt mich total

kalt, so wie mich hunde kaum noch erregen.

nur manchmal werd ich schwach wenn ein blindenhund

mit dem schwanz wedelt, aber sonst

widme ich mich der mastrubation ( ohne hände)

mit dem ergeiz, den selbst rudi nicht aufbringen

kann, weil seine fantasie nicht ausreicht, um

sich die venus von willendorf nackt vorzustellen.

bin mit mir unheimlich zufrrieden. bin

nicht eitel oder selbstverliebt. weder gebioldet

noch arrogant. rudi´s mund- für das beste im

mann. spiele gibt´s zum spielen viele. meine

leidennschaft ist das verstecken spielen. bis zum

heutigen tag hat mich noch niemand gefunden,

aber wozu auch, bin eh eine schuldenfalle.

zwecks weltherrschaft verzichte ich sogar auf

mein frühstück und die peepshow. schwul sein

bedeutet mir: gut + viel essen, mittwochs tanzen,

dienstags kiffen, sonntags beichten/ blasen.

( ins rohr vom herrn inspektor). wann wird man

verstehen das alles anders bleibt? wozu noch

gute vorsätze, wenn die nachsätze doch viel interessanter

sind. das letzte wort hat immer noch

rudi. www.waran inside. com org high fidelity..

seltsam wie sich die kontinentalplatten von

einander entfernen. aber andererseits müßten

sie sich doch auf der anderen seite wieder

trefffen, sowie du und ich. so vergeht jahr um

jahr und es ist mir längst klar, daß nichts bleibt

wie es war. bleibt alles anders? gaynug ist nicht

gaynug. am anfang war das schimpfwort. wegen

zu geschlossen. suche aufgeschlossene, junge

und dynamische kellertüren für gelegentliche

kavaliersdelikte wie: schwarz fernsehen, schwarz

fahren und schwarz wählen. kaum einer kann

mir das wasser reichen, selbst rudi reicht mir

immer nur bier. selbstbräunnungscreme. selbstbefriedigungscreme-

creme fraiche. wunderbare

mangelware- liebe. wann werden wir uns wieder

sehen- zen. ihr könn mich alle wördern. kaum

zu glauben diese lügen, die die bibel weltweit

verbreitet und wer hat sie überhaupt geschrieben.

mir ist schlecht

alles nur noch weltraumschrott

HIKKADUWA

Foto: www.korrak.com


94 ST/A/R

Buch XII - WARAN * back from Ohio Nr. 15/2007

danke für die vielen amüsanten stunden und wir lieben dir, denn ohne du können wir nicht bin.

rudi du drecksau ohne bier wärst du ein nichts.

Foto: www.korrak.com

Fotos: www.korrak.com


hallo depperte, ich weiß ich bin nicht der schönste.

aber das ist kein grund mich wie einen patienten zu

behandeln. was glaubst du eigentlich wo wir hier sind?

seit vier tagen habe ich kaum geschlafen.

ich will dir keine schuld in die schuhe schieben. aber

du kannst einfach nichts dafür.

laut meinen berechnungen liege ich falsch, und kann

deshalb nicht einschlafen.

kannst du nicht, oder willst du mich verstehen? ich

zweifel an deinem verstand.

meine liebe ist zu stark für uns beide.

öffne dein herz, und das leben ist ein scherz.

feuer entfachen- aufhören zu lachen.

du machst kurzen prozess mit mir, das finde ich gut...

weiter so...

du hast ES verdient. ES spricht mit mir. aber ES hört

mir nicht zu. ES schmeckt nicht, und ES liebt dich...

ES war immer dabei.

ich verstehe gar nicht wie man dich nicht lieben kann.

dein wunsch ist mir befehl. ich wünsche zu dienen.

je nach be-lieben.

ich tue jetzt wieder rollenspielen. also melde dich,

bevor es zu spät ist.

es ist immer zu spät, aber nie zu früh.

legenden sterben nicht im bett.

ich dachte du haßt mich, aber ich habe mich täuschen

laßen.

habe einfach meinen schwerpunkt versetzt, und bin so

wieder im gleichgewicht gelandet. mega rede, mikro

sinn. an aple a day, keeps the doctor away.

schnee von morgen, vertreibt kummer und sorgen. ich

habe das ungute gefühl das es dir gut geht.

du machst gerade einen schwierigen prozess durch, ich

kann das nur vollstens unterstützen. du bist gold

wert, wenn´s um so was geht.

Nr. 15/2007 Buch XII - WARAN * back from Ohio

ST/A/R 95

Luck is fuck in a truck.

Should I remember

you, or should I forget

about tomorrow?O R

No sorrows and no problems.

I have no time for the

monkey buisness. There´s

no limit. The boarders are

wide open and acualy I feel

frree only in jail. Count the

stars and sell me the mars.

Cash keeps me fresh. Catch

that lubricated snatch. No

more words to say. Come on

let´s save the world. Ruined

in a day. You are my favorite

waste of time. I decided to

get away. How can I ever

reach you without traveling.

hey du alter pirat.

häuptling hosenschiß hat

wieder einmal die hosen

gestrichen voll? bitte

antworte so rasch als

möglich, und laß dir zeit

beim schreiben.

waran2705@yahoo.de

falls wir uns begegnen, wird es frösche regnen.


96 ST/A/R

Buch XII - WARAN * back from Ohio Nr. 15/2007

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