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ST_A_R_19

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ST/A/R s

Zeitung für Hochkultur, Mittelmaß und Schund

Nr. 19/ Herbst 2008

Wiener Kulturzeitung

jetzt auch in Berlin!*

* in der G.A.S-station, Tempelherrenstr.22

Jetzt auch im Haus der Architektur in Graz erhältlich!

Peter Falk will meet

S.Widl at Cafe Korb and

van Gogh at Albertina.

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ARCHITEKTUR:

BORIS PODRECCA

WIENER WOHNBAU

MINISTER FAYMANN

KUNST

Irene Andessner

HannaH Feigl

Sue Sellinger

LITERATUR

Elisabeth von Samsonow

Manfred Stangl – Ganzheitliche

Kunst/Ästhetik

AUTO-ST/A/R

David Staretz

w/w/w : widl / weibel / wien

Städteplanung / Architektur / Religion

DU

3,– Euro


Foto: Gabriela Brandenstein


2 ST/A/R

Buch I Nr. 19/2008

EDITORIAL :

Heidulf Gerngross

Ernest erfährt die Welt aus der

Archiquantenwiegenperspektive

Österreichs Biennale Komissärin

Prof.Bettina Götz am 12.09.08

(ARTEC-Architekten) vor dem

Hoffmann-Pavillon in Venedig.

Bericht im nächsten ST/A/R

Bettina

28 Mai 2008 – A STAR is born. Ernest Denker-Bercoff,

Sohn von Dr. lit. Brigitte und Dr. art. Christian werden

nach der Geburt ihres ST/A/R-Sohnes ST/A/R-Ehren

Professorin und ST/A/R-Ehren Professor.

Chou

Choupi

Choupa?

Chais pas

Choupichou

Choupicha

Chaipucha

Chaipachi

Choupachu

Choupichu

Chouchouchoupichou

Weiss nich

Ob die Halbmondgondeln,

die Streifschaum

schlagenden,

die Zeit umgeben

oder

ob

Du

mich kennst,

Du, meine Sonnengeburt,

verliebter Natur.

Für *ST/A/R*

Von Brigitte und Christian

WIR TRAUERN UM WALTER OBHOLZER

The Making of

Architecture

Ausstellungseröffnung

15.10.2008, 19 Uhr

Az W

Architektur

beginnt im Kopf

im Architekturzentrum Wien

Museumsplatz 1 im 1070 Wien

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Buch I

Nr. 19/2008 ST/A/R 3

Inhaltsangabe

Buch I - Seite 1–8 Buch II - Seite 9–16 Buch III - Seite 17–24 Buch IV - Seite 25–32 Buch V - Seite 33–36 Buch VI - Seite 37–40 Buch VII - Seite 41–48

Wiener Wohnbau Podrecca

Werner Faymann NAPOLEON

IRENE

LITERATUR

Buch VIII-Seite 49–52

AUTO-ST/A/R

Buch IX - Seite 53–56

WARAN

Buch X - Seite 57–64

GOTTLOB

Impressum

ST/A/R Printmedium Wien-Berlin

Europäische Zeitung für den direkten kulturellen Diskurs

Erscheint 4 x jährlich, Nr. 19/2008,

Erscheinungsort Wien-Berlin

Erscheinungsdatum: 25. September 2008

Medieninhaber:

ST/A/R, Verein für Städteplanung/Architektur/Religion

A–1060 Wien, Capistrangasse 2/8

Herausgeber: Heidulf Gerngross

Redaktionelle Mitarbeit: Heidulf Gerngross (Tutti), Wladimir

Jaremenko-Tolstoj (Frutti), Boris Podrecca (Architektur), Elisabeth

von Samsonow (Kunst und Philosophie), Georg Gottlob (Informatik),

Susanne Widl (Gesellschaft), Sue Sellinger (Kunst), Manfred Stangl

(Ganzheitliche Ästhetik),

Hannah Feigl (Kunst), Irene Andessner (Kunst), Rudolf Gerngroß

(Waran), David Staretz (Auto),

Dr. Christian Denker und Brigitte Bercoff (Paris-Brüssel-Wien),

Oxana Filippova (Theater), Valie Airport (Russland), Angelo Roventa

(Rumänien), Christian Schreibmüller (Literatur), Philipp Konzett

(Galerie), Andreas Lindermayr (Gesellschaftsphilosoph)

Organisation: ST/A/R-Team

Artdirektion & Produktion: Mathias Hentz

Druckproduktion: Michael Rosenkranz

Druck: Herold Druck und Verlags AG, Wien

Vertrieb: ST/A/R, Morawa GmbH.

Aboservice: starabo@morawa.com

oder: starabo@morawa.com

Bezugspreis: 3,- Euro (inkl. Mwst.)

Kontakt: grafik@star-wien.at” grafik@star-wien.at

Redaktion: editors@star-wien.at” editors@star-wien.at

Adresse: Capistrangasse 2/8, 1060 Wien

0043-1-89-024-56, 0043-664-521-3307 Österreich

Cover: Susanne Widl und Peter Weibl

ST/A/R wird gefördert von: Bundeskanzleramt und Stadt Wien.

ST/A/R ist ein Gesamtkunstwerk und unterliegt dem Urheberrecht.

ST/A/R dankt allen BeitragslieferantInnen, MitarbeiterInnen,

KünstlerInnen,

Kunst + Politik

Aus der Sammlung der Stadt Wien

noch bis 10. Oktober 2008

Florentina Pakosta, »Faust«, 1982

Carlos Scliar, »Uniao pela Paz«, 1951

Kann Kunst ein wirksames Mittel zur Veränderung der Verhältnisse, auch der Politik sein?

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Eintritt frei

Di–Fr 11.00–18.00, Do 11.00–20.00

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Feldenkrais und wir – Selbstverständlich!

26.08.2008 17:26:02 Uhr

wenn nicht irgendwas anderes dazwischen kommt, bin ich sonntags immer bei Fips und Helga,

neuerdings in der Stiegengasse, feldenkraisen. Dieses eminent sinnvolle Ritual besteht für

mich schon seit mehr als drei Jahren. Angefangen hat es 2005, damals noch im Sitzungssaal der

Agentur Goldfish am Stubenring. Wo üblicherweise werktags Köpfe rauchen, um irgendwelche

Werbestrategien auszuhecken, fing ich endlich an, nach Möglichkeit Sonntag abends immer, den

Anweisungen von Fips (Philipp Ruthner) zufolge, am Boden liegend, in schöner Regelmäßigkeit

mein Körperschema durchzugehen. Der Mensch ist schließlich nicht nur Hirn!

Meist augenzwinkernd mit dabei, mein Freund und Gegenspieler M. Du Schu, dem ich diesen

wertvollen Tip verdanke.

Damals bei Goldfish, erinnere ich mich, saß Fips in der Regel immer auf einem an die Wand gerückten

Sitzungstisch, wo der junge Skater, Füsse baumelnd, seine Anleitungen gab.

Man nahm sich eine von den übereinander getürmten Decken in einem Eck des Sitzungszimmers,

so man nicht, stets gut gerüstet wie ManfreDu, im Besitz einer eigenen Matte war, breitete diese

über das Parkett und legte sich flach auf den Rücken. Man schloss die Augen und machte sich

zunächst bewusst, wie man da liegt, wie die linke Körperhälfte, die rechte Körperhälfte organisiert

ist, ortete die Punkte wo und wie die Wirbelsäule aufliegt usw.

Ab dem das Körperschema durchgegangen und in psychomentaler Hinsicht eine gewisse Ruhe

eingetreten war, konnte die eigentliche Stunde beginnen, die sich in der Regel auf eine reduzierte

Wechselbeziehung von Muskel-an und -entspannung, Körperhaltung, Atmung und Vorstellung

dessen, was man tut, beziehungsweise zu tun beabsichtigt, belief.

So versetzten wir uns eines Tages in das Säuglingsstadium und nuckelten in der Imagination an

Mutters Brust, ganz auf taktile Empfindungen gerichtet, wie sie diesem frühen Stadium entsprechen

und eigentlich noch immer irgendwie wirksam sind. Und seltsam, was plötzlich für Erinnerungen

dämmerten! Ein anderes mal machten wir uns erst im Uhrzeigersinn, dann gegenläufig,

den Bereich um das Steißbein herum bewusst, beziehungsweise viel bewusster, als das normalerweise

der Fall ist. Fips machte mich gerade am Beginn meines regelmäßigen Feldenkraisens

immer wieder darauf aufmerksam, dass weniger mehr ist, dass es darum geht, quasi mühelos das

Beabsichtigte auszuführen. Dass es darum geht, Qualität in alle Bewegungen hineinzubringen,

indem man sich diese bewusst macht. Und immer wieder: “meide parasitäre Bewegungen!”

Das ist in etwa das diametral Entgegengesetzte zu dem, was mir in meiner Kindheit durch Lehrer

und Erzieher eingetrichtert und oft eingebläut wurde. Als zu beaufsichtigendes Individuum hatte

man vor allen Dingen einmal zu gehorchen und dann, sich gefälligst anzustrengen. Man sollte

unter Furcht und Zittern in Schweiß ausbrechen: nur so war es gut. So wurden brave, willfährige

Untertanen herangezogen. Ein solcher war ich durchaus. Wäre nicht ein schwerer Unfall, in dessen

Folge viel Zeit zur Muße und eine zur Gewohnheit gewordene Beschäftigung mit philosophischen

Gegenständen dazwischen gekommen, ich würde noch immer diesen fragwürdigen Grundsätzen

folgen und darauf schwören, wie auf das in Aussicht gestellte Strafgericht Gottes. Typisch für diesen

Untertanen-Kontext war, dass man uns bei jeder Gelegenheit einschärfte: “Brust heraus, Bauch

hinein!”

Moshe Feldenkrais lehrte kurioser Weise genau das Gegenteil. Es sollte der Bauch herauskommen!

Der junge Physiker, der in den Dreißigerjahren in Paris lebte, machte zu dieser Zeit Bekanntschaft

mit dem japanischen Judo-Meister Kano und popularisierte dessen Kampfkunst in Frankreich. Wer

sich je mit Judo befasste, weiß, wie wichtig die Fallschule ist. Wie bei allen fernöstlichen Kampfkünsten,

die dem Taoismus, Chan- oder Zen-Buddhismus

entspringen, geht es vor allem darum, seine Bewegungen

aus der Körpermitte, aus Hara, steuern zu lernen - man verbündet

sich gleichsam mit der Schwerkraft. Das wurde zu

einem soliden Ansatz für eine originelle Physio-Therapie.

Wichtige Anregungen verdankte Feldenkrais weiters dem

amerikanischen Hypnotherapeuthen Milton Erikson und

dem griechisch-armenischen Philosophen Georg I. Gurdjieff,

der in den Dreißigerjahren in Fontainebleau, nähe

Paris, sein Institut und so manchen gut zahlenden Erben

begüterteter Bourgois, an der Nase herum führte. Denn mit

irgendeinem Mode-Trend hatte Gurdjieff partout nichts am

Hut. Unter seiner Leitung galt es zunächst einmal den Verfänglichkeiten

persönlicher Eitelkeit den Kampf anzusagen,

den Staub von den Schuhen zu schütteln und zu erkennen,

welcher Kategorie von Idiotie man zugehört. “Was für ein Idiot bist du? Ein rechteckiger, quadratischer,

runder oder gar zick-zackiger?” Denn man sollte sich nicht zu wichtig nehmen. Grudjieff

ließ seine Schüler die verrücktesten Bewegungen durchführen, da der Panzer fragwürdiger Verhaltensmuster

schwer aufzubrechen und der Weg für ein spielerisches Lernen meist verschlossen ist.

Feldenkrais kehrte diesen etwas gewalttätigen therapeutischen Ansatz um. Seit mittlerweile drei

Jahren profitiere ich davon. Seit Fips und Helga in die Stiegengasse gezogen sind, halte ich dort,

nach Möglichkeit jeden Sonntag, das Feldenkrais-Ritual ab.

Man trifft sich erst in der geräumigen Küche, trinkt Tee, begrüßt die Neuankommenden, stellt fest,

dass der eine oder die andere nach längerem Aussetzen doch wieder dabei ist, bemerkt ein neues

Gesicht und widmet sich wieder dem kleinen Skelett, einer eindeutig zweideutigen Anatomie-Lernhilfe

für Fips.

Nach einer Viertelstunde entspannter Plauderei, ab in den Therapie-Raum!, der durch Helga’s

Schwangerschaft eingeweiht wurde. - Das Ergebnis dieses organischen Prozesses, klein Kolo,

bringt sich seit einem Jährchen mitunter durch Lallen und Schreien im Nebenraum in Erinnerung,

analog zu den Bewegungen, die wir, meist auf dem Rücken liegend, aber auch stehend, manchmal

kniend, manchmal dicht an dicht, dann wieder, wegen geringerer Teilnehmerzahl als aufgelockertes

Grüppchen, aber immer im Bewusstsein dessen, was man tut, durchexerzieren. Was wir da so

tun, erinnert mich an einen Begriff von Lacan. Um auf sein verborgenes Wesen zu kommen, reicht

es nicht hin, dass man es analysiert, es erfordert, dass es aus dem Unbewußten evoziert werde,

manchmal in langen Prozessen, manchmal ad hoc. Es bleibt einem jedoch nicht erspart, sich

darum zeitlebens auf adäquate Weise zu bemühen, wie Feldenkrais es nahelegt. Derartige Bemühungen

sind in etwa das, was die vorsokratischen Philosophen Ethos nannten. Das Ziel all dieser

Bemühungen ist es, die Wahrheit ans Licht zu bringen, jene Wahrheit, die im Spannungsfeld von

Physis und Logos gleichsam geboren wird: Unschuld des Werdens, Alitheia. Aristoteles nannte die

sogenannten Vorsokratiker, Physiologoi. Genau das, denke ich, trifft auch auf Feldenkrais zu.“-

Hegel - um einen Philosophen der neueren Zeit zu nennen - bezeichnet die Philosophie als die

verkehrte Welt “, sagt Heidegger in seiner berühmten Metaphysik-Einführung. Wir sind zwar noch

nie in unseren sonntäglichen Therapie-Stunden so weit gekommen, dass wir auf den Kopf standen,

es scheint aber alles darauf hinaus zu drängen. Und jedes mal nach so einer Therapie-Stunde stelle

ich erstaunt wieder an mir fest, dass ich mich wie neugeboren fühle.


Städteplanung / Architektur / Religion Buch I ST/A/R 5

WIDL’S

CAFE KORB

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meine Heimat und mein

Exil, meine Lust und

meine Last.

Fotos: Heidorf Gerngross

Widl

Weibel

Ralph schilcher

Skulptur Gundi Dietz

Ein Wurf ein Lebenswurf

Peter Sloterdijk sagt:

Nie konnte ich die glänzenden Bilder von

Susanne Widl aus ihren heroischen Tagen sehen,

ohne an die Zeile aus Charles Baudelaires Gedicht

„An eine, die vorüberging“

zu denken:

„enteilende Schönheit, die mich mit einem Schlage

wieder zum Leben erweckte.“

Weibel

Widl

Elfriede Jelinek sagt:

Über die Seele des Café Korb, Susanne

Widl, Model und Performancekünstlerin,

schrieb Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek:

„Ein Fels auf Schlittschuhen, eine

dämonische Schönheit, so etwas habe

ich noch nicht gesehen.“ Was kann man

mehr einem Kaffeehaus preisen.

Susanne Widl:

Gelebter Eigensinn

ist wichtiger

als Eigentum.

G.Jonke

Buchpräsentation im Cafe Korb

von ZENITA KOMAD

Korb News:

Ω Die Artlounge wird zur neuen Broadwaybar.

Ω Im Herbst 2009 gibt es einen Film der heißt:

“Cafe Korb – die klassischen Wiener Ober mit der

kunstsinnigen extravaganten Susanne Widl”

Ω Im Residenzverlag erscheint eine Autobiographie:

“Susanne Widl - Ein Wurf ein Lebenswurf

markus

mittringer

Franz Graf

Peter Sloterdijk

Widl


6 ST/A/R

Buch I Nr. 19/2008

Kunsthalle Wien

immer aktiv

Spencer

Tunick

Matt


Nr. 19/2008 Buch I

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Buch I Nr. 19/2008

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Öffnungszeiten: Di – Fr 11-18 Uhr, Sa 11-17 Uhr


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch II - Wiener Wohnbau ST/A/R 9

GEFÖRDERTES WOHNEN IN WIEN

DR. MICHAEL LUDWIG

DR. MICHAEL LUDWIG

WIENER WOHNBAUSTADTRAT


10 ST/A/R

Buch II - Wiener Wohnbau Nr. 19/2008

STADTRAT LUDWIG

„INNOVATION UND SOZIALE VERANTWORTUNG BESTIMMEN DEN WOHNBAU DES 21. JAHRHUNDERTS“

Wiener Wohnbaustadtrat unterstreicht bei

den Architekturgesprächen im Rahmen des

Forum Alpbach die Bedeutung des geförderten

Wohnbaus

„Neue Familienformen, höhere Lebenserwartung, verstärkte

Mobilität und Flexibilität in der Arbeitswelt stellen zunehmend

neue Herausforderungen für den geförderten Wohnbau

dar. Es geht heute – mehr denn je – um maßgeschneiderte

Wohnlösungen, die den soziodemographischen

Veränderungen und den unterschiedlichen Bedürfnissen

der Menschen in allen Lebenslagen entsprechen, und es

geht vor allem darum, weiterhin leistbares Wohnen für

alle Menschen sicher zu stellen. Die laufende Entwicklung

innovativer Konzepte für Bau- und Wohnkulturen ist das

Gebot der Stunde“, erklärte der Wiener Wohnbaustadtrat

Dr. Michael Ludwig im Rahmen der Architekturgespräche

beim Forum Alpbach im August 2008. „Neue Grundrisse,

flexible Innenraumgestaltung, Multifunktionalität und

Mehrfachnutzung von Wohnflächen, neuartige Übergänge

vom privaten in den öffentlichen Raum sowie soziale

Grünraumgestaltung sind dabei nur einige der wesentlichen

Aspekte, die im geförderten Wohnbau in Wien bereits

heute eine zentrale Rolle spielen. Durch viel Kreativität

und Innovationskraft wird Wien auch im 21. Jahrhundert

seiner sozialen Verantwortung und seiner jahrzehntelangen

internationalen Vorreiterrolle im geförderten Wohnbau

gerecht werden.“****

Soziale Verantwortung und leistbares Wohnen

Kaum eine andere Großstadt kann, was insbesondere den

geförderten Wohnbau betrifft, mit mehr Recht von einer

vorbildlichen Baukultur sprechen, als Wien. Der soziale

Wohnbau in Wien mit seiner jahrzehntelangen Tradition

und seiner Modernität gilt weltweit als Musterbeispiel. In der

aktuellen Mercer-Studie, die international die Lebensqualität

in 215 Städten vergleicht, nimmt Wien weltweit den 2. Rang,

und innerhalb der EU sogar den 1. Platz ein – wobei gerade

der Bereich Wohnen, der mit 10 von 10 möglichen Punkten

bewertet wird, einen ganz wesentlichen Anteil daran hat.

Der geförderte Wohnbau in Wien ist Instrument und

Ergebnis einer jahrzehntelangen Politik des sozialen

Ausgleichs und der sozialen Durchmischung in der

Stadt. Sensible Wohnbau- und Sanierungspolitik und

der erfolgreiche Weg der Sanften Stadterneuerungen

zeichnen dafür verantwortlich. Leistbares Wohnen für alle

Bevölkerungsschichten steht dabei im Mittelpunkt. 60% der

WienerInnen leben in geförderten Wohnungen.

Wohnen im 21. Jahrhundert – neue Innovation in Planung

und Architektur

Schon die Anfänge des geförderten Wohnbaus in Wien waren

von höchster architektonischer Qualität gekennzeichnet,

und diese Tradition setzt sich bis heute fort. „Namhafte

ArchitektInnen zeichneten für geförderte Wohnbauten

in Wien verantwortlich. Architektonische Qualität und

Innovation ist – neben Ökonomie und Ökologie – eine der

drei Säulen des geförderten Wiener Wohnbaus“, betonte

Wohnbaustadtrat Dr. Michael Ludwig.

Neue Familienformen, höhere Lebenserwartung, verstärkte

Mobilität und Flexibilität in der Arbeitswelt stellen neue

Herausforderungen für den geförderten Wohnbau dar.

Es gehe heute um maßgeschneiderte Wohnlösungen,

die den soziodemographischen Veränderungen und

den unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen in

allen Lebenslagen entsprechen, und weiterhin leistbares

Wohnen für alle Wienerinnen und Wiener sicherstellen.

„Neue Grundrisse, flexible Innenraumgestaltung,

Multifunktionalität und Mehrfachnutzung von

Wohnflächen, neuartige Übergänge vom privaten in den

öffentlichen Raum, soziale Grünraumgestaltung sind

dabei nur einige Aspekte, die im geförderten Wohnbau in

Wien bereits heute eine zentrale Rolle spielen. Darüber

hinaus setzen wir ab 2009 über das Instrument der

Bauträgerwettbewerbe einen besonderen Schwerpunkt

für die Entwicklung und Realisierung neuer Wohnformen

setzen, die noch stärker Innovation mit hohem

Kostenbewusstsein verbinden“, erklärte Stadtrat Ludwig.

„Zudem werde ich auch den Meinungsaustausch und die

gemeinsame Ideenfindung über Diskussionsplattformen

forcieren. Neben ArchitektInnen und VertreterInnen von

Bauträgern und der Bauwirtschaft lade ich dazu auch

ExpertInnen, die nicht aus der Wohnbaubranche kommen,

ein.“ Damit werde nicht nur interdisziplinäres Wissen

zusammengeführt, sondern sollten auch ganz bewusst

neue Zugänge eröffnet werden.

„Die laufende Entwicklung innovativer Konzepte für

Bau- und Wohnkulturen ist das Gebot der Stunde“,

so Ludwig. „So arbeiten wir in Wien – in Fortführung

der erfolgreichen Wohnbaupolitik – bereits heute an

den Lösungen für morgen. Durch viel Kreativität und

Innovationskraft wird Wien auch im 21. Jahrhundert seiner

sozialen Verantwortung und seiner jahrzehntelangen

internationalen Vorreiterrolle im geförderten Wohnbau

gerecht werden.“

csi

KABELWERK – EIN STÜCK STADT

ARCHITEKTUR: WERKSTATT WIEN


Nr. 19/2008 Buch II - Wiener Wohnbau

ST/A/R 11

Das Wohnen als kulturelle

Ausdrucksform unseres Lebens

du

Zur Zeit der letzten Jahrhundertwende war die Wohnsituation in den europäischen Städten fürchterlich.

Ein Ergebnis der industriellen Revolution, die Millionen von Arbeitern in die Städte trieb. Wien,

Reichshauptstadt der österreichisch-ungarischen Monarchie hatte gerade die Gründerzeit bewältigt, die

Schleifung der mittelalterlichen Basteien öffnete die alte Stadt zu den Vororten, und die alte kleinteilig

barocke Struktur der Stadt wurde von rationalen Zinskasernen verdrängt. Eine Struktur der Stadt, die bis heute

besteht.

Dagegen etablierte sich der soziale Wohnbau in ganz Europa und in Wien ganz besonders, um die miserablen

Wohnverhältnisse zu bekämpfen. Sozialer Wohnbau bedeutet, dass der Staat eine öffentliche Verantwortung und

Kontrolle über die Höhe der Mieten und die Qualität des Wohnbaus übernimmt. Der Wohnbau ist damit dem freien

Markt entzogen, dafür ermöglichen niedrige Mieten auch niedrige Löhne und folglich eine höhere Produktivität

der Wirtschaft. Der Wohnbau als System wird als wesentliches Steuerungsinstrument verstanden, das innerhalb der

Stadt einen sozialen Ausgleich ermöglicht, das Gentrification und Verslumung verhindert. Zudem ermöglicht die

öffentliche Kontrolle des Wohnbaus auch die Sicherung einer architektonischen Qualität.

Weltweite Aufmerksamkeit erlangt das “Rote Wien” mit seinen “Superblocks”, deren Architekten zum großen

Teil von Otto Wagner ausgebildet waren. Folgten diese noch einer traditionellen Architektursprache, so wurde die

Moderne in neuen Siedlungen realisiert.

Nach der Nazizeit und dem Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg wurde in den achtziger Jahren das System des

Wiener Wohnbaus verfeinert, den heutigen Bedürfnissen angepasst. Mit hoher architektonischer Qualität wird auf

die verschiedenen städtebaulichen Situationen reagiert. Beispielhafte Lösungen wurden realisiert. Die öffentlichen

Förderungen, die politische Verantwortung, die engagierten Bauträger und hervorragenden Architekten - sie

garantieren auch heute leistbare Wohnungen für alle Bevölkerungsgruppen mit einer architektonischen Haltung,

die den Wohnbau als wesentlichen kulturellen Ausdruck des Lebens proklamiert.

Vorwort von Dietmar Steiner, Direktor Architekturzentrum Wien,

aus dem Ausstellungskatalog „Wiener Wohnbau – Innovativ. Sozial. Ökologisch“

FRAUEN-WERK-STADT UND KULTURPALAIS

EINGANG OSWALDGASSE


Städteplanung / Architektur / Religion Buch II - Wiener Wohnbau ST/A/R 13

02., VORGARTENSTRASSE

21., ORASTEIG Grünes Wohnen, umweltfreundliches Bauen

22., RENNBAHNWEG 52 – Bauteil B und C

Bauträger:

- Wien Süd Gemn. Bau- und Wohnungsgenossenschaft

- Gesiba Gemn. Siedlungs- und Bauaktiengesellschaft

- EGW Heimstätte Gesellschaft m.b.H.

- Bauträger Heimat Österreich gemn. Wohnungsund

Siedlungsgesellschaft

,

ORAGSTEIG, ARCHITEKTEN: PPAG

VORGARTENSTRASSE, ARCHITEKTEN: PPAG

Paul (4 1/2 ), Constantin (8), Vinzenz (4)

RENNBAHNWEG, ARCH. WERNER KRAKORA – ARCH. FRANZ WAFLER

Bauen wir für unsere Kinder?


14 ST/A/R

Buch II - Wiener Wohnbau Nr. 19/2008

WIENER WOHNBAU INTERNATIONAL GEFRAGT

Auf der diesjährigen Architektur-Biennale in

Venedig steht eine bemerkenswerte Ausstellung

im Programm: „Housing in Vienna – Wiener

Wohnbau. Innovativ. Sozial. Ökologisch“. Diese

Ausstellung, konzipiert von der Stadt Wien und dem

Architekturzentrum Wien, und gestaltet vom Wiener

Team SPAN-Architekten wurde am 12.9.2008 durch

Wohnbaustadtrat Dr. Michael Ludwig eröffnet und wird

bis 3.10.2008 im Palazzo der Fakultät für Raumplanung

und Abteilung für Planung (Facoltà di Pianificazione

del territorio and Dipartimento di Pianificazione) der

Universität Venedig (Università di Venezia, IUAV) zu

sehen sein und internationalem Publikum einen Überblick

über die Geschichte des sozialen Wohnbaus Wiens von

den Anfängen in den 1920er Jahren bis hinauf in die

Gegenwart bieten.

Während für Wiener und Wienerinnen die hohen

Standards des Wohnen zu den selbstverständlichen

Merkmalen ihrer Stadt gehören, pilgern seit Jahrzehnten

Jahr für Jahr zahlreiche ausländische Wohnbauexperten

in unsere Stadt um vor Ort die Errungenschaften des

geförderten Wohnbaus zu bewundern, die weltweit

einzigartig sind.

Allein schon die Zahlen liefern ein eindrucksvolles

Bild. Fast 60 Prozent aller Wiener Haushalte befinden

sich in geförderten Wohnungen, 220.000 davon in

Gemeindebauten. Jährlich investiert die Stadt in den Bau

weiterer 7.000 geförderter Wohnungen, das sind rund 80

– 90 Prozent des gesamten Neubauvolumens. Rund 600

Mio. Euro Wohnbauförderungsmittel fließen jährlich in

den Neubau, in großzügige Sanierungsvorhaben und in die

Wohnbeihilfe. Im Gegensatz zu anderen Bundesländern

verwendet Wien die gesamte Wohnbauförderung des

Bundes tatsächlich für Wohnen, und legt als Stadt noch

beträchtliche Mittel drauf. Das Ergebnis kann sich sehen

lassen. Der Spitzenplatz, den Wien im Mercer-Survey,

einem weltweiten Vergleich der Lebensqualität in Städten,

regelmäßig einnimmt, ist nicht nur der Kultur, der hohen

sozialen Sicherheit und dem engagierten Umweltschutz

Wiens geschuldet, sondern vor allem der Wiener

Wohnpolitik, die dort stets 10 von 10 möglichen Punkten

erreicht.

Doch nicht nur die Zahlen beeindrucken. Seit seinen

Anfängen zeichnet sich der soziale Wohnbau auch

durch hervorragende Architektur aus. Namhafte

Architekten unterstützten im Auftrag der Stadt bereits die

Siedlerbewegung, die Anfang der 1920er Jahre, als in Wien

höchste Wohnungsnot herrschte, zur Selbsthilfe schritt um

sich vor den Toren der Stadt mittels Eigenbau Wohnraum

zu schaffen. An den eindrucksvollen Bauten des Roten

Wien der 1920er und Beginn 1930er Jahre waren führende

Architekten wie z.B. Peter Behrens, Josef Frank, Hubert

Gessner, Clemens Holzmeister und Adolf Loos beteiligt.

Die Tradition hochwertiger Architektur setzt sich im

geförderten Wohnbau Wiens bis heute fort.

1923 führte die sozialdemokratische Wiener Stadtregierung

Wiens die Wohnbausteuer ein und baute mit den

Mitteln dieser Abgabe bis 1934 61.175 Wohnungen in

348 Wohnhausanlagen. Um soziale Durchmischung

zu sicher zu stellen, wurden die Gemeindebauten die

ganze Stadt verstreut errichtet, auch in den so genannten

„Nobelbezirken“. Zum Symbol des Roten Wien wurde

der Karl-Marx-Hof mit seinen – für die damalige Zeit

fast luxuriös ausgestatteten – 1.200 Wohnungen,

zahlreichen Gemeinschaftseinrichtungen und großzügig

begrünten Innenhöfen. Der Errichtung dieser Bauten

und ihrer Architektur lag ein sozialdemokratisches

Gesellschaftskonzept zugrunde, das auf die Emanzipation

der arbeitenden Menschen und insbesondere der Frauen

zielte.

Während des Ständestaats und des nationalsozialistischen

Regimes wurden Tausende Sozialisten, Gewerkschafter

und Juden aus den Gemeindebauten vertrieben. Der

Weltkrieg führte schließlich zur Zerstörung von 87.000

Wohnungen, mehr als im Roten Wien gebaut worden

waren.

Nach 1945 wurde mit dem Wiederaufbau begonnen.

Das erste große Bauprojekt der Gemeinde war die Per-

Albin-Hansson-Siedlung, deren Realisierung durch ein

Hilfsprogramm der schwedischen Regierung möglich

wurde. Die wohnpolitischen Schwerpunkte der Stadt

umfassten damals die Auflockerung des dicht bebauten

Stadtgebiets, eine Verdichtung der Randgebiete

durch Gartensiedlungen und die Durchführung von

Architekturwettbewerben.

Ab den 1960er Jahren begann die großflächige

Stadterweiterung mit jährlich mehr als 10.000

geförderten Neubauwohnungen. In den 1970er Jahren

standen großzügige Grünraumgestaltung, Schutz vor

Umweltbelastungen, ausreichende Nahversorgung und

Infrastruktur im Mittelpunkt der Bauvorhaben, zu denen

die Terrassensiedlung Alt Erlaa zählte, die eine besonders

aufwändige Ausstattung, u.a. Dachschwimmbäder,

aufwies. Auch die Errichtung der Siedlung Am Schöpfwerk

fällt in diese Zeit. Dort haben unter der Federführung von

Architekt Viktor Hufnagl eine Reihe junger ArchitektInnen

ihre Visionen umgesetzt.

In den 1980er Jahren wurde neben dem Neubau

die „sanfte“ Stadterneuerung zum wichtigsten

wohnbaupolitischen Aktionsfeld. Bei diesem international

viel beachteten Modell, das bis heute praktiziert wird,

bezuschusst die Stadt großzügig die Sanierung und sorgt

gleichzeitig dafür, dass die Mieten erschwinglich bleiben.

Die BewohnerInnen werden nach der Aufwertung ihres

Viertels nicht in billigere Gegenden abgedrängt, sondern

können in ihren Häusern wohnen bleiben. Auf diese

fast_LIVINGUNIT

designed and copyright© 2008 by: Angelo Roventa,

Carmen Hernandez-Arcas

BEWOHNE DEINE ZEIT

Full function house

with modular mobile furniture (bathroom, bedroom,

living room, study room, kitchen, all including their

necessary storage spaces), for a complete housing unit.

content:

The mobile furniture within the housing unit, with its

multiple spatial arrangements, provides all the function and

comfort of a regular house. The mobile furniture within

the housing unit can be activated simultaneously, fig. 1.01,

or in sequence, fig.1.02-bathroom, 1.03-bedroom,1.04-living

room/study, 1.05-kitchen. Thanks to the mobility of these

elements, those rooms/modules that are not in use at a

specific time can be closed, providing more space for the

rooms/modules that are actually in use. This is a way to

multiply up to 4 times the net usable area of the housing

element.

VORSCHLÄGE FÜR EINEN WIRKLICH SOZIALEN WOHNBAU • VORSCHLÄGE FÜR EINEN WIRKLICH SO


Nr. 19/2008 Buch II - Wiener Wohnbau

ST/A/R 15

Weise bleibt die soziale Durchmischung bestehen, und der

Ghettobildung wird wirkungsvoll vorgebeugt.

Seit Anfang des 21. Jahrhunderts errichtet die Stadt Wien

die geförderten Wohnanlagen nicht mehr selbst. Die

Abwicklung der Neubauvorhaben findet vielmehr durch

gemeinnützige Wohnbauunternehmen statt, und die

Entscheidungen werden im Grundstücksbeirat bzw. im

Rahmen von Bauträgerwettbewerben getroffen – eine

Vorgangsweise, die dem fairen Wettbewerb verpflichtet

und im Vergleich kostenneutral ist. Inhaltlich steht der

geförderte Wohnbau auf den drei Säulen Ökonomie –

Ökologie – Architektur. Ziel der Wettbewerbe ist somit, für

eine ausreichende Anzahl bedarfsgerechter Wohnungen

zu sorgen, innovative architektonische Lösungen zu

fördern und den Klimaschutz zu forcieren. Seit gut einem

Jahrzehnt ist die Niedrigenergiebauweise Standard. Einen

noch geringeren Energieverbrauch weisen die Passivhäuser

auf. Auf den Aspanggründen entsteht gerade Eurogate, die

größte Passivhaussiedlung Europas.

Den aktuellen gesellschaftspolitischen und

soziodemographischen Herausforderungen begegnet

der geförderte Wohnbau in Wien mit Bauprojekten,

die speziell auf die Lebensbedürfnisse bestimmter

Bevölkerungsgruppen zugeschnitten sind.

Angesichts weltweit gestiegener Bau- und Energiekosten

wird die Stadt in naher Zukunft ihr Hauptaugenmerk auf

die Schaffung leistbaren Wohnraums legen, und für die

Entwicklung neuer Wohnkonzepte verstärkt auf junge,

innovative ArchitektInnen setzen.

Obwohl Wien zunehmend zu einer Metropole

heranwächst, gibt es keine „Hot Spots“ sozialer Konflikte

und auch keine „No Go Areas“ wie in vielen anderen

Städten. Dies ist keineswegs Zufall. Es ist vielmehr

das Ergebnis einer langen Tradition umsichtiger

sozialdemokratischer Wohnungspolitik.

Die Ausstellung „Wiener Wohnbau“ wird ab Jänner 2009

im Ringturm gezeigt und danach auch in mehreren

Bezirken zu sehen sein.

Liebe Leserinnen und Leser,

Wien, die Bundeshauptstadt Österreichs, ist auf der ganzen Welt für ihre Kultur und

Gastfreundlichkeit, aber auch für ihren engagierten Umweltschutz, ihre hohe soziale Sicherheit

und ihre herausragende Lebensqualität bekannt. So belegt unsere Stadt bei renommierten

internationalen Untersuchungen über die Lebensqualität in Metropolen regelmäßig Spitzenplätze.

In der Mercer-Studie 2007 rangiert Wien weltweit an dritter und in der Europäischen Union

an erster Stelle. Zu diesen ausgezeichneten Ergebnissen hat auch die Wiener Wohnpolitik

maßgeblich beigetragen, denn Wohnzufriedenheit und Lebensqualität sind eng miteinander

verknüpft.

In unserer Stadt hat nicht nur der soziale Wohnbau eine lange und erfolgreiche Tradition. Auch

die Stadterneuerung wird auf sozial verträgliche Weise durchgeführt. Mit den Mitteln der Wiener

Wohnbauförderung werden Jahr für Jahr tausende erschwingliche und qualitätsvolle Wohnungen

errichtet, die den Wienerinnen und Wienern zur Verfügung stehen. Die Errichtung geförderter

Neubauten ist an strenge ökonomische, ökologische und architektonische Kriterien gebunden.

Damit stellt die Stadt sicher, dass leistbare Wohnungen gebaut werden, die jedoch hohen Klimaund

Umweltschutzstandards entsprechen und viel Wohnqualität und Komfort bieten. Durch

den international anerkannten Weg der „sanften Stadterneuerung“ bleiben die Mieten auch

nach umfassenden Sanierungen moderat, und die betroffenen Bewohnerinnen und Bewohner

werden nicht in andere Stadtgebiete verdrängt. Daher gibt es in Wien keine Ghettos, und die

österreichische Bundeshauptstadt zählt zu den sichersten und sozialsten Metropolen der Welt.

Dieser einzigartige Weg, den die Wiener Wohnpolitik eingeschlagen hat, und der international

als vorbildlich gilt, wird in der Ausstellung „Wiener Wohnbau. Innovativ, sozial und ökologisch“

dokumentiert.

Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen dieses Ausstellungskatalogs und hoffe, dass

Sie daraus viele interessante und spannende Informationen über die Wiener Wohnpolitik

gewinnen. Es würde mich sehr freuen, wenn diese Publikation Ihr Interesse weckt, nicht nur die

Wohnbauausstellung zu besuchen, sondern vielleicht auch den einen oder anderen der zahlreichen

bedeutsamen historischen und zeitgenössischen Wohnbauten in unserer Stadt persönlich zu

besichtigen.

Vorwort von Dr. Michael Ludwig aus dem Ausstellungskatalog

„Wiener Wohnbau – Innovativ. Sozial. Ökologisch“

Wiener Wohnbau – innovativ. sozial. ökologisch

13.09.2008 – 3.10.2008

Vernissage: Freitag, 12.09.2008, 14.30 Uhr

Öffnungszeiten: Mo – Fr 9.00 – 19.00 Uhr

Finissage: Freitag, 03.10.2008, 19.00 Uhr

Facoltà di Pianificazione del territorio and Dipartimento di Pianificazione

(Fakultät für Raumplanung und Abteilung für Planung)

Università di Venezia, IUAV

Ca’ Tron

S. Croce 1957

30135 Venedig

Wiens Fertigkeit, funktionale und lebenswerte Wohnbauten zu errichten,

geht auf das “rote Wien” in den 1920er und 1930er Jahren zurück, als die

Sozialdemokratische Partei erstmals damit begann, sozialen Wohnbau im

großem Maßstab zu realisieren. Seither entwickelte die Stadt stufenweise

eine Wohnbaupolitik, die wesentlich zur Steigerung der Lebensqualität

beiträgt.

Die Ausstellung

„Wiener Wohnbau – Innovativ. Sozial. Ökologisch“ gibt einen

umfassenden Einblick in den Wohnbau Wiens – von den Anfängen

bis in die Gegenwart. Präsentiert werden realisierte Anlagen des

öffentlich geförderten Wohnbau und deren Einbettung in aktuelle

Stadtentwicklungsprojekte unter besonderer Berücksichtigung sozialer

und ökologischer Aspekte.

Kuratiert vom Architekturzentrum Wien

Eröffnung und Finissage: Dr. Michael Ludwig, Amtsführender Stadtrat für

Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung; Prof. Liliana Padovani. IUAV

Ausstellungskonzept: Wolfgang Förster, Gabriele Kaiser, Dietmar Steiner,

Alexandra Viehhauser

Ausstellungsgestaltung: SPAN-architects (Matias del Campo, Sandra

Manninger)

Die Ausstellung wurde durch die freundliche Unterstützung der Stadt Wien -

Geschäftsgruppe Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung - ermöglicht.

PROTOTYPEN FÜR KARL/MARX/HOF 2

NIEDERENERGIEHÄUSER

EIGENENERGIEHÄUSER

KARL/MARX/HOF 2

ROVENTA/GERNGROSS/WERKSTATT WIEN

ZIALEN WOHNBAU • VORSCHLÄGE FÜR EINEN WIRKLICH SOZIALEN WOHNBAU • VORSCHLÄGE FÜR


16 ST/A/R

Buch II - Wiener Wohnbau

Nr. 19/2008

21., DONAUFELDER STRASSE 91

Eckdaten

π Neubau

π 269 geförderte Mietwohnungen (§12 WWFSG89-Neu >10.000m2)

π Bauträger: FAMILIENHILFE Gemn. Bau- und Siedlungsges.m.b.H.

π Planung: ARGE Architekten CUUBUUS architects ZT GesmbH,

Arch. Prof. Schempp

π Baubeginn: Herbst 2007

π Bezugstermin: voraussichtlich Sommer 2009

Innovative und ökologische Wohnanlage

Der Bauträger Familienhilfe errichtet auf dem ehemaligen Areal der

Porsche KG 269 geförderte Mietwohnungen. Die neue Wohnhausanlage

in Wien-Floridsdorf erfüllt den Niedrigenergie- Standard, erreicht die

Wärmeschutzklasse A und gilt als ökologisches Musterprojekt.

So wird ein optimierter Anteil des Energiebedarfs durch die Nutzung

von Sonneneinstrahlung erreicht.

22., SAIKOGASSE/

ULLREICHGASSE

Eckdaten

π Neubau

π 113 geförderte Mietwohnungen (§12 WWFSG89-Neu


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch III - Podrecca ST/A/R 17

CONGRATULAZIONI

ST/A/R-ARCHITEKT international

SPRICHT SIEBEN SPRACHEN

BORIS

MANTUA:

BORIS PODRECCA ERHÄLT

ZUSAMMEN MIT DAVID

CHIPPERFIELD DEN

GROSSEN ITALIENISCHEN

ARCHITEKTURPREIS

“VERGILIUS

D’ORO 2008”

BORIS PODRECCA


18 ST/A/R

VIENNA BIO CENTER 1

Buch III - Podrecca Nr. 19/2008

Wien, Österreich, 2003-05; Fotos: Gerald Zugmann, Pez Hejduk, Robert Herbst

IMBA – Institut für Molekulare

Biotechnologie GmbH

GMI – Gregor-Mendel-Institut für

Molekulare Pflanzenbiologie GmbH

VIENNA BIO CENTER 2

Wien, Österreich, 2001-03; Fotos: Gerald Zugmann


Nr. 19/2008 Buch III - Podrecca

ST/A/R 19

LINZ DONAUPARK URFAHR

Donaupark Urfahr

Sarnierung eines Terrain Vague

Linz, Österreich, 2003-

Wettbewerb, 1. Preis

Gutachterverfahren, 2003

zur Realisierung empfohlen

Auslober: Stadt Linz

Künstlerin Kathryn Miller, Los Angeles

Von der zentralen Linzer Donaubrücke abwärts erstreckt sich auf der Urfahraner Seite gegenüber der Innenstadt entlang des Flussufers ein ausgedehntes, undefi niertes, aber

in bester innenstädtischer Lage befi ndliches Roh-Gelände. Hier fi ndet alljährlich der Urfahraner Markt statt und große Teile des nicht merkantilisierten Schwemmlandes werden

auch sonst als Parkplatz genutzt. Die wiederkehrenden Nutzungen Parkplatz, Markt und Zirkus bilden den Anlass der Gestaltungsmaßnahmen. Das Parkplatzgelände für ca. 1000

Autos wird mit einer unregelmäßigen Kleinvegetation überzogen, die sich in Entwässerungsrinnen nach und nach festsetzt. Sonst wird am Gelände ein Oberboden mit einem

Kalk-Schotter-Gemisch aufgetragen, das von der Künstlerin Katryn Miller mit „seedbombs“ (Samenbomben) gestaltet wird: Das Ausstreuen der Samen bewirkt eine regellose

Hintergrundvegetation. An dem der Brücke und der Innenstadt nächst gelegenen Westende dieses „terrain vague“ entsteht eine kleinteiligere Struktur: Holzpritschen, saisonal

wechselnde Bepfl anzungen und eine Wassersäule bilden hier die gestalterischen Akzente. Lichtstelen mit eingebauter Beschallung sorgen für Beleuchtung des Gesamtgeländes.

Hölzerne Sitzstufen, zusätzlich am Flussufer anlegende schwimmende Hotels und andere Interventionen verleihen dem Gebiet neues Leben, das seinen hier traditionell

regellosen Charakter beibehalten soll.


Städteplanung / Architektur / Religion Buch III - Podrecca ST/A/R 21

SPLIT

SPLIT

CORMONS

PIAZZA XXIV MAGGIO, Cormons,

Italien, 1989-1990

Platzgestaltung im historischen Zentrum

Zwischen Udine und Görz gelegen, repräsentiert Cormons als

Hauptstadt des Collio-Gebiets den charakteristischen Typ einer

friaulisch- venezianischen Kleinstadt. Der Hauptplatz mit dem

Rathaus war stets auch Verkehrsknotenpunkt, welcher der Klärung,

Organisation und Neugestaltung bedurfte. Ein wesentliches Element

dabei ist die Entfl echtung von Versammlungs- und Verkehrsfl ächen,

sowie di räumliche Akzentuierung mittels einer Brunnenanlage und

einer Reihe von Beleuchtungsmasten. Der Steinbelag greift die

Silhouetten mehrerer Bauten am Platz auf, die Texturen zeichnen

die Volumina nach. Glasplatten über den beim Aushub gefundenen

römischen Stadtmauerresten weisen auf die frühere Geschichte

des Orts hin. Das Brunnenobjekt dient auch als Sockel für die Figur

eines steinwerfenden Knaben des In Wien ausgebildeten Bildhauers

Anfonso Canciani. Implantate aus Rosso-Verona-Stein transportieren

sanguinische Stimmungen, eine monolithische Pergola bildet einen

Auftakt des monumentalen Campanile.

DU

RATHAUSPLATZ, St. Pölten,

Östereich, 1994-1996

Fotos: Damjan Gale

St. Pölten hat durch die Entscheidung im Jahre 1987, Landtag

und Regierung des größten Österreichischen Bundeslandes,

Niederösterreich, aus Wien hierher zu verlegen, einen großen

baulichen Entwicklungsschub erlebt. Parallel zu den Neubauten

der Landesregierung am Rande der Altstadt wurde die Kernstadt

revitalisiert. St. Pölten zeigte die typischen Probleme österreichischer

Kleinstädte am Ende des 20. Jahrhunderts: Strukturwandel,

Suburbanisierung, Abwertung des historischen Bestandes im

Kerngebiet und Gebrauch der Stadtplätze vorwiegend als Parkfl ächen.

Typisch ist aber auch die hohe Qualität der Barockarchitektur:

hier lebten und wirkten bedeutende Baumeister wie Jakob

Prandtauer und Joseph Munggenast sowie der Maler Bartolomeo

Altomonte. 1785 wurde St. Pölten Bischofs- und Garnisonsstadt.

Die Rückführung des Hauptplatzes zu einem öffentlich genutzten

Veranstaltungsraum griff die gegebene Gliederung mit der barocken

Pestsäule und den gegenüberliegenden Hauptgebäuden von Rathaus

und Franziskanerkirche auf. Steinerne Teppiche verbinden diese

traditionellen Zentren des bürgerlichen und religiösen Lebens. Der

Platz selbst ist „dreischiffi g“ strukturiert, mit einer freien Mitte

und zwei seitlichen Funktionsbereichen. Hier wurden Stadtmöbel,

Brunnenanlage, Garagenabgänge und Beleuchtungsmasten

positioniert. Die Lichtregie des Platzes akzentuiert nicht nur

verschiedene Stimmungen, sondern gibt dem Freiraum auch eine

quasi-bauliche Gliederung verschiedener Höhenzonen.

STROSSMAYER PARK, Split, Kroatien

Baubeginn: 2000

Fertigstellung: 2002

Bauherr: Stadt Split

ST.PÖLTEN

Der Palast des römischen Kaisers Diokletian ist eines der bekanntesten

Schulbeispiele für Adaption und Transformierung einer historischen Struktur

durch spätere Nutzergenerationen. So wurde aus dem Palast ein Stadtteil,

aus den Räumen Häuser. Entlang der Nordmauer wurde im 19. Jahrhundert

ein Stadtpark angelegt, der zunehmend verkam und von Randgruppen

okkupiert wurde. Ein steinernes Passpartout rahmt ihn neu. Darin ist

ein großes Kiesfeld angelegt, in dem Grüninseln den erhaltenswerten

Baumbestand säumen. Diese Inseln „restituieren“ die von den Venezianern

gefällten Wälder des damaltinischen Archipels. Die Terrassierung kann auch

als Zuschauertribüne für Festivals genutzt werden, neue Angebote wie die

steinernen Bänke sowie verbesserte und neugestaltete Funktionen wie

Brunnen und Lichtmasten werten den Platz zusätzlich auf.

Fotos: Damir Fabijani

Strossmayer Park

Split, Kroatien, 1998-2002

Fotos: Margherita Spiluttini


22 ST/A/R

Buch III - Podrecca Nr. 19/2008

NEAPEL

NEAPEL

Peter Kogler, Seitenwände Michelangelo Pistoletto, 1. Ebene Boris Podrecca Platztextur

LINIE6STATIONSANPASQUALE,KINO,SHOPPING –UNTERWASSERARCHITEKTUR


Nr. 19/2008 Buch III - Podrecca

ST/A/R 23

PRIMORJE CONSTRUCTION COMPANY, HEADQUARTERS, AJDOVSCINA, SLOVENIA

Fotos: Miran Kambi

Ville urbane

Ljubljana,

Slowenien, 2004-2008

Wettbewerb, 1. Preis


24 ST/A/R

Buch III - Podrecca Nr. 19/2008

PRATERSTERN, BAHNHOF WIEN NORD

2002-mit B. Edelmüller


Buch IV - Werner Faymann ST/A/R / /R 25

Städteplanung / Architektur / Religion Buch IV - Werner Faymann ST/

DAS BUNDES-

MINISTERIUM

FÜR VERKEHR

INNOVATION UND

TECHNOLOGIE

ARBEITET AN DER

EUROPÄISCHEN

VERNETZUNG


26 ST/A/R

Buch IV - Werner Faymann Nr. 19/2008

LAINZER TUNNEL

Durch den Lainzer Tunnel – die Verbindungsstrecke zwischen West-,

Süd- und Donauländebahn in Wien – werden Güter- und Personenzüge Wien

schneller und umweltschonender als bisher durchqueren beziehungsweise

an ihre innerstädtischen Ziele, die Güterterminals und Bahnhöfe, gelangen.

Freiwerdende Kapazitäten auf der West- und Südbahn können dann für die

Verbesserung des lokalen Personenverkehrs genutzt werden.

Der Lainzer Tunnel liegt auf der Achse Paris-Bratislava (TEN Korridor 17) und

bildet den wesentlichen Bestandteil bei der Durchbindung durch Wien von West

nach Ost.

Projektlänge: ca. 12,8 km

davon Länge des Verbindungstunnels: ca. 6,6 km

Gesamtlänge der Gleisum- und -neubauten: ca. 25,3 km

Entwurfsgeschwindigkeit:

120 km/h für den Güterverkehr

160 km/h für den Personenverkehr

Baubeginn: 1999

Gesamtfertigstellung: Ende 2012

Gesamtinvestitionen: rd. 1,289 Mrd Euro (gem. Rahmenplan 2008-2013)

Euro 730 Mio. bisher verbaut (Stand: 12/2007)

Mit der Inbetriebnahme des Lainzer Tunnels wird

folgendes erreicht:

π Zeitgemäße und leistungsfähige Verbindung der Westbahn mit der Süd- und

Donauländebahn

π Entlastung der Verbindungsbahn von schweren Güterzügen

π Nutzung der an der Oberfläche frei werdenden Streckenkapazitäten für einen

verdichteten Personennahverkehr - S-Bahn

π Verbindung der Westbahn mit dem neuen Hauptbahnhof Wien

π Eine Entlastung der Verbindungsbahn vom Güter- und Personenfernverkehr

im 12. und 13. Bezirk und damit eine wesentliche Verbesserung der Lärmsituation

für die Anrainer

π Eine Entlastung der Westbahn vom Güterverkehr im 14. Bezirk und damit eine

wesentliche Verbesserung der Lärmsituation für die Anrainer

Modernisierung der Haltestellen

π Wien Hadersdorf

π Wien Weidlingau

π Purkersdorf Sanatorium

Neubau der Haltestelle Wien – Wolf in der Au

Durch die Verbreiterung des sogenannten Meidlinger Einschnitts von vier auf

acht bzw. neun Gleise ist die niveaufreie Einbindung der S-Bahn in die Südbahn

möglich und somit eine erhebliche Leistungssteigerung im Bahnhof Wien

Meidling - dem am stärksten frequentierten Bahnhof Österreichs - gegeben


Nr. 19/2008 Buch IV - Werner Faymann

ST/A/R 27

Verbesserungen für Anrainer

π Bessere Nahverkehrsanbindung

π wesentliche Reduktion des Zuglärms

π Steigerung des Kundenkomforts durch Haltestellenmodernisierung

π Mögliche Verkürzung der Schrankenschließzeiten durch den verdichteten S-

Bahnverkehr entlang der Verbindungsbahn

Die Errichtung des Lainzer Tunnels erfolgt in vier

Teilabschnitten:

1. Teilabschnitt „Verknüpfung Westbahn“

Der Teilabschnitt im Westen, die „Verknüpfung Westbahn“, verbindet die

beiden bestehenden Fernverkehrsgleise der Westbahn mit der bereits im Bau

befindlichen Neubaustrecke zwischen Wien und St. Pölten (Bestandteil der

Baumaßnahmen zur viergleisigen Westbahn).

Die Rohbauarbeiten in diesem Teilabschnitt wurden 2007 abgeschlossen.

Der nächste große Meilenstein auf dem Weg zur Fertigstellung des gesamten

Projekts 2012 erfolgt im Dezember 2008 mit der Teilinbetriebnahme der so

genannten „Weichenhalle“ in diesem Projektabschnitt. Erstmals seit dem Jahr

2000 steht dann die Westbahn im Bereich zwischen Bahnhof Hütteldorf und

dem Bahnhof Unterpurkersdorf wieder viergleisig zur Verfügung.

2. Teilabschnitt „Verbindungstunnel“

Der Kernbereich des Projekts Lainzer Tunnel ist der Teilabschnitt

„Verbindungstunnel“, welcher zweigleisig auf einer Länge von ca. 6,6 km

ausgeführt wird. Er verbindet den Teilabschnitt „Verknüpfung Westbahn“ mit

den Abschnitten „Anbindung Donauländebahn“ und „Einbindung Südbahn“.

3. Teilabschnitt „Einbindung Südbahn“

Der rund 1.550 m lange Teilabschnitt „Einbindung Südbahn“ beinhaltet die

Einbindung der Gleise des Lainzer Tunnels in die Südbahnstrecke zwischen

dem Bahnhof Wien-Meidling und der Haltestelle Hetzendorf. Mit der

niveaufreien Einbindung der S-Bahn in den Bahnhof Wien Meidling wird die

Einfahrtssituation des Schnellbahnverkehrs aus dem Süden nach Meidling

verbessert.

4. Teilabschnitt „Anbindung Donauländebahn“

Der etwa 2.250 m lange Teilabschnitt „Anbindung Donauländebahn“ beinhaltet

die Verbindung des Lainzer Tunnels mit der Donauländebahn, die Strecke zum

Zentralverschiebebahnhof Wien Kledering und zur Ostbahn.

Stand 16.09.2008


Städteplanung / Architektur / Religion Buch IV - Werner Faymann ST/A/R 29

HAUPTBAHNHOF WIENStation

Gesamtprojekt Hauptbahnhof Wien:

Die Bauarbeiten beginnen

Häupl, Faymann und Huber starten Jahrhundertprojekt – Neuer

Verkehrsknoten für 145.000 Kunden pro Tag – Auftakt am Südtiroler

Platz

Ein großer Tag für Österreich: in wenigen Jahren werden über 1.000

Züge und 145.000 Menschen pro Tag den neuen Hauptbahnhof

Wien frequentieren. Heute, Dienstag, beginnen die Bauarbeiten

für das Projekt Südtiroler Platz mit dem Spatenstich durch Wiens

Bürgermeister Michael Häupl, Bundesminister Werner Faymann, ÖBB-

Chef Martin Huber und den EU-Koordinator für die TEN-Achse 17, Péter

Balázs. Der Umbau der Station Südtiroler Platz ist das erste Projekt, das im

Rahmen des Gesamtprojekts Hauptbahnhof Wien realisiert wird. In sechs

Jahren wird der Hauptbahnhof in Betrieb gehen und den Bahnverkehr

weit über die Grenzen Wiens hinaus neu ordnen. Bahnreisende werden

eine neue Qualität erleben, die Region einen wirtschaftlichen Impuls.

Der Hauptbahnhof Wien wird neue Märkte ansprechen und Menschen

verbinden.

Bürgermeister Michael Häupl über die Bedeutung des Hauptbahnhofs

für Wien: „Der Hauptbahnhof macht Wien zu einem europäischen

Schienenverkehrsknoten ersten Ranges. Damit legen wir die Basis für einen

weiteren Ausbau Wiens zum multifunktionalen Wirtschaftszentrum für

den zentral- und osteuropäischen Raum. Der zweite positive Effekt ist die

massive Aufwertung des gesamten Erweiterungsareals. Dort wo europäische

Verkehrslinien an das städtische Netz angeknüpft werden, entsteht ein

neuer hochwertiger Stadtteil mit Platz für Arbeiten und Leben.“

Infrastrukturminister Werner Faymann streicht die strategische Bedeutung

des neuen Bahnhofs hervor: “Der Hauptbahnhof Wien ist eines der

wichtigsten Ausbauprojekte für die ÖBB. Das Ziel ist es, die Bahn zu einer

wirklich attraktiven Alternative zum Auto und zum Flugzeug zu machen.

Mit dem neuen Hauptbahnhof gibt es erstmals einen Durchgangsbahnhof

in Wien. Das verkürzt die Fahrzeiten und schafft eine Verbindung der

beiden wichtigsten Bahnachsen in Österreich.“

In erster Linie ist der Hauptbahnhof Wien ein Bahnhof für Kunden. Dazu

ÖBB-Chef Martin Huber: „Wir machen Wien von der Endstation zur

Drehscheibe und den Hauptbahnhof zum Zentrum des Taktverkehrs.

Reisen wird einfacher und schneller. Wir werden z. B. die Anreise von Linz

zum Flughafen Wien in 1 Stunde und 15 Minuten anbieten – heute dauert

dies noch mehr als zweieinhalb Stunden. Damit sind wir schneller als alle

anderen Verkehrsmittel.“

Drehscheibe für Wien, Österreich und Europa

Derzeit befinden sich auf dem Gelände des heutigen Südbahnhofes

zwei Kopfbahnhöfe: der Südbahnhof und der Ostbahnhof; sie liegen

unmittelbar nebeneinander und werden getrennt betrieben. Anstelle

dieser zwei Kopfbahnhöfe schaffen die ÖBB bis 2013 einen zentralen

Durchgangsbahnhof - einen Knotenpunkt im transeuropäischen

Schienenverkehr und die wichtigste Drehscheibe für den internationalen

und nationalen Personenverkehr.

Erstmals werden die Züge aus allen Richtungen in einem Bahnhof

verbunden. Neue Bahnverbindungen werden möglich – beispielsweise von

Linz direkt zum Flughafen Wien Schwechat. Bahn fahren wird dadurch

rascher und bequemer. Bereits heute arbeiten die ÖBB am Fahrplan für

2013: der Hauptbahnhof wird dann zum Taktknoten für Österreich.

Innerhalb der Stadt werden Reisende bequem in andere öffentliche

Verkehrsmittel umsteigen können: S-Bahnen, Straßenbahnen, regionale

und internationale Autobuslinien und nicht zuletzt zur U-Bahnlinie

U1 – sie alle werden mit dem Hauptbahnhof Wien zu einer großen

Verkehrsdrehscheibe vereint. Rund 1.000 Abstellplätze für Fahrräder,

Plätze für Kiss&Ride und Taxis sowie eine Tiefgarage binden den

Individualverkehr an den Bahnhof an.

Der Hauptbahnhof selbst wird aus fünf Doppelbahnsteigen bestehen. Zu

diesen führen die Gleise der Südbahn, der Pottendorferlinie, der Ostbahn

und der Schnellbahnlinie S 80. Eine moderne Dachkonstruktion wird

für ein markantes Erscheinungsbild und für optimalen Witterungsschutz

sorgen. Die Reisenden werden über Leitsysteme geführt. Alle Bereiche

werden barrierefrei erreichbar sein. Das UVP-Verfahren für dieses Projekt

soll noch heuer starten.

denkmalgeschützt

Südtiroler Platz macht Auftakt

Das Gesamtprojekt Hauptbahnhof Wien beginnt dort, wo künftig der

Haupteingang des Bahnhofs sein wird: am Südtirolerplatz. Hier wird

zunächst die Schnellbahnstation umgebaut; sie ist heute bereits an ihre

Kapazitätsgrenze gestoßen und nicht barrierefrei.

Wiener Linien und ÖBB errichten nun eine Verbindungspassage von der

U-Bahn- bzw. S-Bahnstation Südtirolerplatz zum nördlichen Vorplatz

des Hauptbahnhofes. U-Bahn, Straßenbahn und S-Bahn bekommen

barrierefreie Zugänge, die Bahnsteige der S-Bahn werden auf 210 m

verlängert. Der Umbau wird bis 2009 fertig gestellt und 44 Mio. Euro

kosten.

BahnhofCity: wenn der Bahnhof zur Stadt wird

Der Hauptbahnhof Wien wird nicht nur Verkehrsstation sein: hier wird

erstmals eine „Bahnhof-City“ in völlig neuer Dimension errichtet – und

zwar bereits ab 2009. Unter den künftigen Gleisanlagen und in der

Bahnhofshalle entstehen ein Einkaufszentrum mit einer Verkaufsfläche

von 20.000 qm und eine Garage mit einer Kapazität von mehr als 600

Stellplätzen. Das heutige Parkdeck am Wiedner Gürtel wird, wie auch der

Südbahnhof, abgerissen. Im neuen Hauptbahnhof wird ein breites Angebot

an Handel, Dienstleistungen und Gastronomie mit der Verkehrsstation

verbunden sein und die bestehende Infrastruktur der Umgebung ergänzen.

Zusätzlich zu seiner Reisefunktion wird der Hauptbahnhof damit zum

attraktiven Zentrum für Arbeiten, Ausgehen und Einkaufen.

Wohnen und Arbeiten: ein neues Stadtviertel entsteht

Auf dem Gelände zwischen Gürtel, Arsenalstraße, Gudrunstraße und

Sonnwendgasse wird ein neues Stadtviertel entstehen – mit Büroflächen

im Ausmaß von 550.000 qm Bruttogeschoßfläche und 5.500 neuen

Wohnungen für rund 13.000 Menschen. Mit einem acht Hektar großen

Park wird auch ein Erholungsgebiet 0geschaffen. Ein Kindergarten und

zwei Schulen sorgen für die soziale Infrastruktur. Insgesamt werden 59 ha

städtebaulich entwickelt – und das nur 2,5 km vom Stephansdom entfernt.

Rund 20.000 Menschen werden hier insgesamt arbeiten. Die ersten

Einheiten sollen 2012 fertig sein.

Mit dem Hauptbahnhof Wien wird auch die Barrierewirkung der heutigen

Schieneninfrastruktur deutlich reduziert. Die angrenzenden Bezirke werden

durch neue Straßen und Fußwege an mehreren Stellen verbunden.

Standortkonzentration Matzleinsdorf: Bahnbetrieb im Hintergrund

Zusätzlich zum Hauptbahnhof Wien setzen die ÖBB zeitgleich ein weiteres

Projekt um, das die Weichen für den Bahnverkehr in diesem Bereich neu

stellt: die Konzentration der Serviceeinrichtungen für die Wartung und

Pflege der Züge. Bis 2009 werden sie am früheren Frachtenbahnhof

Matzleinsdorf zentral zusammengeführt – samt aller notwendigen Zuund

Nachlaufgleise. Bisher sind diese Einrichtungen auf sieben Standorte

in Wien verteilt. Mit dieser Standortkonzentration schaffen die ÖBB eine

moderne Infrastruktur für die Abläufe im Hintergrund.

Abseits der direkten Wahrnehmung durch die Kunden der Bahn bauen

die ÖBB außendem Abstell- und Wendeanlagen, eine Verladestelle für

Autoreisezüge, Anlagen für die Außenreinigung und neue Tragwerke

über die Laxenburgerstrasse, die Landgutgasse und die Triesterstrasse. Die

Logistik im Hintergrund wird völlig neu geordnet.

Über zwei Milliarden Euro Investition

In die Errichtung der neuen Bahninfrastruktur einschließlich

der Verkehrsstation fließen rund 886 Mio. Euro; hier ist die

Inflationsanpassung der nächsten Jahre bereits berücksichtigt. Dieser

Betrag wird größtenteils über den ÖBB-Rahmenplan aufgebracht – dem

Instrument zur Abwicklung der Infrastrukturinvestitionen der ÖBB.

Wesentliche Kostenbeiträge werden aber auch die Gemeinde Wien, TEN-

Förderungen und die Erlöse aus der Immobilienentwicklung liefern. Das

Einkaufszentrum und die Standortkonzentration Matzleinsdorf werden

durch die ÖBB komplett eigenfinanziert. Die Gemeinde Wien wiederum

wird die Kosten für die technische und soziale Erschließung des neuen

Stadtviertels tragen; hier wird mit einem Aufwand von über 100 Mio.

Euro gerechnet. Im gesamten Areal werden in den nächsten neun Jahren

in Summe – von der Schieneninfrastruktur bis zu neuen Wohnungen

– voraussichtlich über zwei Mrd. Euro investiert.

Parallel zu den Bauarbeiten am Südtiroler Platz werden nun auch die UVP-

Verfahren für das Schieneninfrastruktur-Projekt, den neuen Stadtteil und

die neuen Straßen weiter vorbereitet. Die Verfahren sollen noch heuer

beginnen.

Bürgerbeteiligung

Bereits bisher wurden die Bürger in unmittelbarer Umgebung des

Entwicklungsgebietes in die Vorbereitung des Projekts eingebunden. Im Juni und

Juli 2006 sorgte eine Ausstellung für reges Interesse; zum Projekt wurden dabei

zahlreiche Stellungnahmen abgegeben und bestmöglich berücksichtigt. Bewährt

haben sich auch Informationsveranstaltungen in den Bezirken; sie soll es weiterhin

geben. Auch eine eigene Homepage für das Projekt wird vorbereitet.


30 ST/A/R

Buch IV - Werner Faymann Nr. 19/2008

Der Westbahnhof ist, neben dem Südbahnhof, einer der beiden großen Wiener Bahnhöfe

und als solcher Ausgangspunkt des Bahnfernverkehrs u.a. nach Deutschland, in die Schweiz und

weiter nach Frankreich und Belgien. Daneben besteht über die Speisinger Verbindungsbahn eine

Verbindung nach Ungarn, Serbien und Rumänien im Osten und Südosten.

In beiden Ebenen der Bahnhofshalle sind verschiedene Geschäfte zur Versorgung der Reisenden

(Supermarkt, Tabak- und Zeitschriftenläden, Internetcafé, Postamt, Kopiergeschäft, Imbissstuben,

Blumenladen, Frisör etc.) angeordnet.

Ende August 2008 wird die denkmalgeschützte Halle samt Vorplatz für drei Jahre gesperrt

und der Bahnhof zur “BahnhofCity Wien West” umgebaut bzw. erweitert. Das Großprojekt

Westbahnhof hat nach ÖBB-Angaben inklusive Schieneninfrastruktur ein Investitionsvolumen

von 130 Mio. Euro. Vorgesehen ist ein zusätzliches Geschoß unter der bestehenden Halle sowie

neue Gebäudekomplexe südlich und nördlich davon. Die Pläne stammen von den Architekten

Heinz Neumann und Eric Steiner, die Ende 2002 einen internationalen Planungswettbewerb für

das Bahnhofsumfeld gewonnen haben.

WEST


Nr. 19/2008 Buch IV - Werner Faymann

ST/A/R 31

WESTBAHNHOF

Geplante Maßnahmen:

• Attraktivierung der unter Denkmalschutz

stehenden Bahnhofshalle

• Verbesserung des Einzelhandels-, Gastronomieund

Dienstleistungsangebotes

• Errichtung eines neuen ÖBB-Reisezentrums

• Neue Vorplatzgestaltung und Verbesserung der

Zufahrten

• Forcierung der Liegenschaftsentwicklung

entlang des Gürtels für Hotel- und Büronutzung

• Schaffung einer Bahnhof City (Finanzierung mit

Partner)


32 ST/A/R

Buch IV - Werner Faymann Nr. 19/2008

EUROPÄISCHE VERNETZUNG

EUROPÄISCHE VERNETZUNG


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch V- NAPOLEON ST/A/R 33

Napoleonstadl - Haus der Architektur Kärnten

Eröffnung der Kärntner Landesausstellung 08

im Museum moderner Kunst am 6. Juni 2008

Neben der Dokumentation regionaler Schwerpunkte etablierte

sich Kärntens Haus der Architektur auch als Zentrum für

einen überregionalen und internationalen Austausch der

Architekturszene.

Diesen Aspekt greift die Ausstellung unter dem Titel

architekturTRANSFER auf. Gezeigt wird eine Auswahl an Projekten

internationaler Architekturbüros, die durch ihre Bautätigkeit seit 1990

wichtige Landmarks in Kärnten gesetzt haben sowie komplementär dazu

erstmals auch einen Überblick über Kärntner ArchitektInnen, die ihren

Arbeitsmittelpunkt außerhalb des Landes gefunden haben. Die Vielzahl an

internationalen Einzelprojekten dokumentiert die Bedeutung des Transfers

avancierter eitgenössischer Architektur in alle Richtungen: von außen

nach innen sowie von einer im Land selbst agierenden Architekturszene

nach außen. Für die 21 vorgestellten ArchitektInnenteams haben SHARE

architects eine unkonventionelle, spielerische Präsentation gestaltet.

Darüber hinaus begleitet die Ausstellung als Zusatztool ein grafisch

aufbereiteter »Reality Check« in die verschiedenen Strukturen und

Arbeitsweisen junger Architekturbüros im europäischen Raum.

Napoleon

Haus der Architektur

Dauer

07.07 bis 02.11.2008

Öffnungszeiten

Mo bis Do 7 bis 17 Uhr

Fr 7 bis 12 Uhr


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36 ST/A/R

Buch V- NAPOLEON Nr. 19/2008

GANZHEITLICHE KUNST UND ICH-SPALTEREIEN

über beziehungsvolle Kunst und eine, die mittels Codes sich selbst darstellt

v. Manfred Stangl

od dem Ich-Mörder!“ tönt ’s aus versteinerten

Köpfen, „den Platanen, dem Lachen, den Tulpen

den Tod; allem, was wächst, ans Sterben

„T

gemahnt und die Hautgrenzen uns zerrt, sei verdammt

und in den Boden gerammt – Tod so dem Frühjahr, dem

Herbst und dem schwülstig-süßen Apfel-Rot“.

Also marschieren Kameraden der Linearität und der logischen

Kolonnen über Sonnenblumenfelder und treten

die Erde mit inbrünstigen Wonnen – und sie singen

Lieder der Disharmonie und pfeifen auf alles, was nicht

lauthals sich selbst schreit, denn nur Nichts zählt, jedenfalls

nichts, was liebt und verzeiht.

Der Kunstmarkt boomt. Edelkunst ist ausgebucht. Events

sind gut besucht, aber sonst interessiert sich kaum wer

für Kunst, wozu auch, abgeschottet und weggespalten

vom Leben kann heut Kunst keinem wirklich was geben

– es geht nur um Codes, die zudem den Reichen imponieren,

so wie dauerndes Selbststilisieren: Besonderheit,

Genialität, Einzigartigkeit, Kreativität und Dynamik zeigen

die Kunstwerke her. Das sind die Werte, mit denen

Manager sich gerne ummänteln, um mit ihren Millionen

Gehältern von Gewissensbissen befreit to handln;

sie seien besonders und originell, und sie sind das ja

wirklich in ihren Ausreden Geld zu scheffeln. Kaum zu

übertreffen wie radikal und schnell mit kreativem Schaffen

sie Geld an der Finanz verstehen vorbeizuraffen

– wir können nur gaffen.

Jedenfalls umsirrt sie die superbesondere Kunst mit

dem Dunst des Besonderen und Feinen, des Grandiosen,

Großen und Reinen, so fühlen sie sich in ihrem

Image bestärkt; Kunst dient der Ich-Ideologie: „Ich“ ist

alles, wir aber zählen nichts, außer als Konsumentenund

Stimmvieh.

Wir aber gingen mit den Igeln ins Laub oder saßen mit

den Finken in den Himbeersträuchern und sangen den

Sommerwind herbei. Er küsst den Mund bis auf den

Grund und wunderbar trägt er den Sommermond, der

in lauen Nächten wohnt, wie eine Blume im Haar. Sein

Lächeln weht uns warm ums Herz und sonnenklar

erkennen wir Schmerz und Leid, die verlorene Jahreszeit

und sonderbar zieht uns die Erde hinab und plötzlich

sitze ich - die Schultern frei, die Wirbelsäule grad

– zwischen Himmel und Mond. Energie quillt aus dem

All, in mir überall spür’ ich mich mit Glück belohnt.

Schönheit strömt aus mir, Lilien erblüh’n auf Papier;

die Libellen sirren vor Freude schier; melancholische

Melodien spielt die Nacht am Klavier, ein Baum malt ein

Bild von dir; Leben sprießt unentwegt hier: es ist Kunst

vollbracht zwischen Dämmerung und Nacht, die Sterne

schreiben ein Gedicht, der Himmel malt rote Wolken

mit Abendlicht, die Erde formt aus Lehm ein lächelndes

Menschengesicht und endlich verweigerst du dich nicht

und mit Kopf, Hand und Fuß nickst du einen Gruß ins

Himmelszelt. Mit ihren schönsten Wörtern und Farben

grüßt zurück die Welt: du hast sie empfunden, sie endlich

gefunden – hab Freude an ihr.

Die Mondin mit ihren Moschus dampfenden sieben silbergrauen

Hündinnen schritt durch den Wald. Sie traf

sich mit Schwester Nacht. Auch die Engelin der Stille

- die mehr einem Baum gleicht denn einem Menschen -

fand sich am geheimen Ort. Die Wipfel der Fichten und

die Zweige der Eiben wiegten sich im auffrischenden

Wind. Die sieben Hündinnen – die aus der Ferne wie

Wölfinnen wirkten – tollten auf einer Lichtung beim

Tanz der heimlichen Melodie. Wild sprangen sie, wild

sang der Mond; am Blut und in den Brüsten zerrt das geheimnisvolle

Lied der Nacht. „Komm“, haucht das Lied,

„kehr heim“, singt die Nacht, „in den dunklen Hain meiner

Küsse; schließe die Augen, sei mein.“

Das unreife Ich der Moderne beklagte Friedrich Schlegel

vor über 2oo Jahren schon. Er befürchtete, würde das Ich

in den Mittelpunkt rücken, verbreiteten sich der interessante,

absonderliche, hässliche und monströse Ton. Er

unterschied zwischen objektiver und interessanter Poesie.

Freilich sei die interessante künstlich und pikant,

schön indessen nie. Er glaubte aber an eine Zeit nach

der Moderne, in der das Interessante sich selbst abschaffen

und das Übermaß des Individuellen zu Harmonie

finden und zu Schönheit reifen würde.

Für Wackenroder und Tieck - den Initiatoren der Frühromantik

- gelten Gefühl und göttliche Inspiration als

Wesen künstlerischen Schaffens; Verstand und pure

Wissenschaftlichkeit seien demnach eine sinnwidrige

Hürde.

Doch die Romantik ist dem Fortschritt eitle Bürde. Um

18oo erhebt Schelling die Vernunft zum absoluten Ausdruck

des Göttlichen und dem Logos widerfährt höchste

Würde. Gegen 19oo dreht der Verstand dann völlig

durch. Die Mathematik erobert die Welt. Janes Joyce will

die Literatur aufwerten, indem er dieser mathematische

Gesetzmäßigkeiten unterstellt. Schönberg zerstückelt

Musik bis in seiner Nachfolge der serielle „Komponist“

Töne ohne innere Zusammenhänge aufeinander hetzt.

Kandinsky sucht das Wesen der Erscheinungen hinter

der Natur. Er erklärt das Abstrakte zum Geistigen der

Kunst und mit Malewitsch und Mondrian sind die Linearität

und die Geometrie Richtschnur und hat sich die

mathematisierte Sichtweise der Welt endgültig durchgesetzt.

Dann wurden noch alle Werte verkehrt: mit Nietzsche

– dem Propheten der Narzissten - hieß es, Mitleid zu

verpönen; pubertäre Machtphantasien aber als Befreiung

zu verschönen. Schließlich galt es, sich an die intellektuellen

und wissenschaftlichen Modelle der Weltbeschreibung

zu gewöhnen.

Natürlich war die Aufklärung wichtig. Aber ihre Vertreter

irrten, wenn sie meinten, allein der Katholizismus

mit der Unterdrückung der Sinne sei pur verantwortlich

für die Lebensunlust, aber das Ich mache alles richtig.

Das Modell des Individuums in der Moderne bleibt auf

das Hierarchische, Lineare, letztlich Männliche fixiert

und führt so zu Frust. Die Betonung äußeren bzw. materiellen

Wachstums höhlt das Ich aus; zugleich macht

der Verstand der Emotion und der Intuition den Garaus.

Zensurbehörden sind überflüssig, weil der an Karriere,

Erfolg und Glanz Glaubende allem wird überdrüssig,

das nicht ins Bild passt von Grandiosität, Besonderheit,

coolem Style und dem Selbstbetrug, dass man selber nie

verliert. Die Leere hinter den brillanten Fassaden, Empfindungen

von Ohnmacht und Leid, von abgrundtiefer

verdrängter Wut auf die, welche Leben und Seele umbrachten

werden mit schönen Bildern kaschiert und mit

Drogen, Alkohol und dem täglich herunter gebeteten

Glaubensbekenntnis „Erfolg“ sediert.

Mit dem Rest an Hass reißen wir Schleier vom Leib,

entblößen das süße fremde Weib; auch westliche Künstlerinnen

stellen sich gern nackt dar, oder geben hübsche

Studentinnen preis voyeuristischem Nass: nur das

macht uns noch Spaß. Intimität darf nicht sein, es zählt

die Verkonsumierung allein, bedeckte Körper gelten als

unfein, Pornographie und Sexualisierung sollen Grundund

Menschenrecht sein.

Wir leben inmitten der Welt generierter Bilder des

Glücks. Glauben an die freie Verfügbarkeit der Sexualität

und die prompte Befriedigung aller Sinne als Lebenssinn.

Zeigen Fotos vom erfolgreichen Urlaub oder versenden

sie per MMS, hoffen es, bzw. glauben fest daran,

dass man uns erkennt als zukünftige Superstars und

schau’n uns alle die blödsinnigen Sendungen zur Verbreitung

der Selbstinszenierungen an. Selbst der „kleine

Mann“ glaubt an Karriere und Erfolg oder wenigstens

den Lotto Gewinn. Dann ab vierzig nimmt die Zufriedenheit

am Arbeitsplatz ab, ergaben unlängst Studien

der AK – der Traum von Karriere und einem Leben 1A

ist geplatzt und auch sonst ist von den gesteuerten Illusionen

nicht mehr viel da. Die enttäuschte Frage: „was

hat das alles für einen Sinn?“ bleibt rein statistische Klage

– wer ist zu hören erpicht, was ein Vierzigjähriger in

seinem Frust spricht, allen über 25 traut und glaubt man

ohnehin nicht.

„Umwertung der Werte“: Liebt wer das Sein, fließt es

in seine Lyrik, seine Malerei mit ein, scheint es durch

die Konturen der Natur, oder manifestiert es sich als

Glückseligkeit pur, hört man die Ich-Propagandisten

schrein: „Das ist ja krank und unecht und verrückt ist es

erst recht.“ Sicherlich: vom Standpunkt der modernen

Kultur aus, die sich auf einen Freud beruft, staunt man

nicht schlecht, denn jede Vision erscheint als Zeichen

psychischer Krankheit und Not; der „umgewerteten“

Weltanschauung gilt spirituelle Reife als Erkrankung

und Tod. Deshalb wehklagen die Ich-Anbeter und

stöhnen, wie sehr sie die Liebe, das Mitgefühl und die

Schönheit hassen – denn solche Werte können sie mit

ihren verzerrten Wahrnehmungsweisen nicht fassen.

Das Schöne erscheint ihnen als Hohn, weil sie nur die

Hässlichkeit kennen, der Begriff „Wahrheit“ gilt als Affront

und „Mitgefühl“ klingt dem als Abwertung, der

sich ganz oben sieht auf einem Thron: eben als wichtiger

Ich-Gott jenseits der Massen. Und die Liebe bleibt denen

bloß ein Wort, die mittels Liebesentzugs-Manipulation

und geistigen Schlägen innerlich verwüstet wurden

schon als Kinder. Ich verstehe sie, sie tun mir auch Leid,

aber jetzt geben sie ihre Ödnis für die einzige Wahrheit

aus aller Zeit und betreiben das Zerschlagen der Wälder

und das Abholzen der Himmel und Verbrennen der

Erde in ihrem Schmerz zunehmend geschwinder.

Pointiert formuliert: Aus Mitgefühl sieht jemand, der

ganzheitlich fühlt, davon ab, dem Modernen Menschen

dessen beschädigte Seele vorzuhalten. Er kann ja letztlich

nichts dafür: kritisiert sei nicht der Leidende, sondern

das Leid auslösende System: die Moderne Zivilisation

und Abendländische Kultur. Der sich hinter Masken

der Grandiosität Schützende und Verbergende erkennt

allerdings die Analyse als Attacke nur. Schlägt wild um

sich und verteidigt groteskerweise gerade jene Kultur,

die ihn entfremdet und aussaugt, gegen eine bergende,

ihn mit Lebendigkeit erfüllende Natur.

Dem lebensleeren Imagedichter gilt abgehoben, wer die

Welt liebt, weil diese in Wirklichkeit schlecht sei und

bös; gar nicht generös, was sie doch zu sein hätt’, wo

er doch sein Bestes gibt. Die Welt erkennt seine wahre

Bedeutung nicht an, folglich ist sie nicht nett und der

Krokos liebende Idealist ist naiv und um Hunderte Jahre

zu spät dran.

Die Sonne, der Derwisch, tanzt wirbelnd im Kreis, ein

Arm abgewinkelt zum Himmel, zum All, ein Arm voll

Sonnenstrahlen zur Erde – aus Respekt und weil überall

es Bestimmung des Derwisches ist, die Energien des Kosmos

mit denen der Erde zu einen. Und siehe: der Tanz

ist das Schreiten der Götter, sind die Planetenbahnen, ist

das Singen von Steinen bevor die Zeit vergeht und zur

Stille, zur Meditation der Ewigkeit die Götter sich setzen,

die Zeitlosigkeit heranweht und die Leere sich auftut mit

ihren mystischen Schätzen..

Der Gesang der Götter ist das Zwitschern der Amseln

am Morgen, ist das hüpfende Reh, ist der Freude erwachender

Laut, ist das Trommeln des Regens auf dem

See, ist die Stille in der Abenddämmerung, wenn ein

Suchender ohne Eile in den Himmel schaut – drei Stunden

und drei Jahre, bis aus der Fülle der Schau ein Gedicht

bricht, eine Melodie fließt, lebendige Farben, oder

die Vision, wie ein Baum ein Haus baut – oder es passiert

gar nichts Spezielles; ein kleines Lächeln vielleicht

um die Mundwinkel und in den Augen das Licht eines

Monds, ein sonnenhelles.

Versteht man „ganzheitlich“ in Analogie zu den Erkenntnissen

in Medizin und gar zu naturwissenschaftlichen

Strömen – wo uns das „Tao der Physik“ Capras und

Sheldrakes Evolutionstheorie des Bewusstseins sollte zu

denken geben – fließen die naturnahen, archetypischen

Zugänge nativer Völker ein in die Kunst. Ebenfalls bereicherte

uns die Weisheit des Taoismus: Feng Shui und

die Harmonie zwischen dem Yin und dem Yang – dem

weiblichen und dem männlichen Prinzip – vergessen

in der westlichen Philosophie. Ganz zu schweigen von

der Weisheit in der Zen-Buddhistischen Kunst, welche

die innere Leere der Dinge nicht mit der Abstraktheit

des Männlichen gleichsetzt. Kommt Natur vor schreit

der Modernist gleich entsetzt: „epigonal“, und „das war

schon da“, oder „das ist ja nichts“. Wenn hundert Jahre

nach James Joyces „Ulysses“ - dessen letztes Kapitel

ohne Interpunktionen bleibt – jemand ein Buch ohne

Satzzeichen schreibt, hält man das für modern oder

gar Avantgarde. Bei Joyce schon könnte die Moderne

enden – wozu mit noch mehr Zerstückelung die Zeit

verschwenden? Und der postmoderne Dekonstruktivismus?

Der verkauft sich als die Überwindung moderner

Verstandesüberbewertung und dualistischen Wertetribunals.

Dabei lockt er bloß alles Logische und Lineare

in die Abstraktheit des Zentrifugals. Dekonstruierende

Relativierung lässt zuletzt nichts anderes herrschen als

das allmächtige „Ich“, das keine Kritik oder Grenze hinnimmt

und großmächtig bestimmt, was sein darf, was

nicht. Verbindliches etwa dürfte nicht sein, auf Begriffe,

die das Ich zwängen, lässt es sich nicht ein; debattiert

wird ein Abschaffen aller Definitionen, selbst das Wort

„Moderne“ will Ich nicht hören, damit jegliche Spur

verwischt wird hin zur Allmächtigsetzung des Ich und

dessen Epigonen.

Den Ich-Jüngern gilt jedes Urteil über Kunst als Geschmacksurteil

höchst persönlicher Ausprägung. Jedem

wird eine Meinung zugestanden, diese gilt als individuelle

Überlegung. Jedoch bleibt sie ohne allgemein gültige

Erwägung. So kann nicht über ästhetische Fragen

diskutiert werden, nicht einmal verbindlich nachgefragt.

Nichts Objektives existiert. nur subjektiver Geschmack.

Selbst der Begriff Ästhetik wird anrüchig. Dem, der

ästhetische Prinzipien auszusprechen wagt, wird böse

Absicht nachgesagt. Wer will uns Vorschriften machen?

Wer spricht von Prinzipien in der Kunst, verbindlicher

Kritik und all den anderen unanständigen Sachen? Alles

nur Einzelmeinung und ohne Gewicht. Wer anderes

spricht, dem gilt selbstverständlich unser höhnischtes

Lachen.

Paradoxerweise ist das Ich Inbegriff aller Bewertung –

hat jedoch jede Bedeutung verloren, weil mehr als seine

Einzelmeinung dem Einzelnen nicht zusteht. Für jeglichen

Disput ist’s damit zu spät. Diskussion über Kunst

abgedreht.

Allein die Tatsache, dass wer dennoch auf (s)eine (verbindliche)

Meinung besteht, ist demnach unerhörte

Anmaßung und bereits Beweis für Fanatismus, Verstocktheit,

Schuld und inhaltlichem Scheiß. Zensur

wird radikal ausgeübt, indem der Ich-Ideologe von vornherein

weiß, dass es inhaltlich nichts zu diskutieren gibt

– versucht es trotzdem wer, dann weil der sich wichtig

machen will und den Krawall liebt.

Wer gar eine „Ästhetik der Ganzheit“ verfasst, hat den

Zug der Zeit verpasst und will wohl kriminalisieren oder

ist zumindest durchgedreht. Er ist ein Krimineller, der

das Ich bedrängt: Er ist ein Nazi. Ein Romantiker, von

den Sekten gelenkt. Dem wird ordentlich was eingeschenkt.

Ich entgegne, dass die Postmoderne die Spaltung und

Trennung durch die Moderne – durch die Abendländische

Kultur – verabsolutierend durchsetzt. Die Annahme,

dass kein Begriff ein Ding vollständig benennt,

heißt zuletzt: die Trennung ist komplett. Und wo wer

nichts Verbindliches sagen kann, hat er gefälligst zu

schweigen und soll nicken ganz nett. Keinesfalls jedoch

stören den Ich-Götterreigen.

Für mich bedeutet „Freiheit“ nicht die Allmacht des Ich

mit dessen Obsession andere Menschen, Kulturen und

die Natur auszubeuten, indem Zeitgeister geschickt alles

Wertvolle in undiskutierbare, „sinnbefreite“ Begriffe

verwandeln; mir heißt Freiheit: erkennen, dass wir die

Kinder des Ewigen sind und im Glück dieser Schau voll

Mitgefühl, Solidarität und Liebe zu handeln.

Elegante Mauern errichtet heute die Kunst. Mir ist eine

Zeit vorstellbar, in der Becketts Absurdes Theater nur

müdes Kopfschütteln hervorriefe und die Lektüre der

aktuellen Land- Hand- und Augenvermesser verzichtbar

erschiene - lieber läsen junge Künstler Rilkes Briefe an

den jungen Dichter, in der ein weiser Mensch Verbindlichkeit

spricht: Rilke erinnert an die Sinne, mit denen

wir Unlogisches begreifen; statt darauf uns zu versteifen,

die sensitiven Fähigkeiten zu zertrümmern und

damit menschliche Beziehungen und individuelle Tiefe

verkommen zu lassen und verkümmern. Bald vielleicht

könnte eine Kunst sein, in der Intuition, Verständnis für

das Transzendente und lebensbejahende Gefühle flössen

froh ein.

Wie blind erweisen sich doch jetzige Künstler, wenn sie

stets am „Neuen“ sind hinten dran. Ihre Vorväter und

Mütter kämpften noch gegen die Moderne an, indem sei

als Surrealisten gegen den Logos das Banner der Phantasie

hissten. Oder als Fauvisten die Farbenpracht eines

utopischen Seins über die grauen Industrieschlote kippten

oder pissten. Heute erinnert sich keiner gerne an die

Alten. Sie malten – das allein ist schon schlecht; heutzutage

kreiert man Ideen – materielle Umsetzung schon

ist nicht recht. Und flackerte kurz ein Besinnen nach Gegenständlichkeit

auf, setzte der Kunstmarkt schnell eines

drauf. Abstraktes malt sich schneller, und verhindert die

Gefahr, Kritisches gar zu deutlich sichtbar zu machen,

vehement origineller. Und die indischen, chinesischen

und russischen Manager zeigen mit ihrem Gusto halt

gern ihre Abstammung aus der europäisch aufgeklärten,

liberalen Tradition - wie man die eigenen Leute am apartesten

ausbeutet lernten sie von uns ja schon.

Kunst verweist auf sich selbst vermittels der Codes.

Aus einer Idee etwa blase ein gewaltiges Trumm auf,

das sich die Atelierbalken nur so biegen, aus viel Müll

bastle einen fetten, schmutzigen, öligen oder sonst wie

als Fanal der Konsumwelt dienenden Turm: davon können

die Manager und sonstigen Eliten gar nicht genug

kriegen. Diese sind ja selber aufgeklärt und kritisch und

wollen eh Armut, Hunger und Energieverschwendung

besiegen.

Als das Ominöse, Unerklärliche kommt Kunst ebenfalls

gern daher: etwa ein hellblaues, unförmiges Ding

– documenta-Kuratoren schwärmten gar sehr; wie auch

nicht: das Trumm steht für die unsinnliche, abstrakte

Kultur die unwuchtig und folgenschwer in den Kosmos

hinausknallt und beim Fall in den Abgrund laut scheppert

und hallt.

Unsinniges tauscht seinen Tauschwertschein gegen

Tausende Scheine ein. Je weniger etwas praktischen

Wert besitzt, desto eher gilt es als Kunst; damit steigt

Unsinn in des Käufers Gunst. Ja, schlimmer noch: der

Tauschwert selber erscheint manifestiert in der Kunst,

sodass diese sich willig prostituiert und hörig auf einen

Aspekt des Kapitals reduziert.

Für mich ist Kunst, die das Ich verherrlicht und das

Geld, weder Horizont erweiternd noch „neu“ – sie repräsentiert

eine simpel gestrickte Lebensauffassung und

eine höchst banale und billige Welt.

Gern ferner verweist „Kunst“ auf anderes, das geltungsschwer

im Raum herumsteht – damit zeigt sie sich als

wichtig her, weil sie kolossalen Zusammenhängen auf

den Grund geht. Doch sie stückelt nur Teile mit mehr

oder weniger kulturellen Wert zusammen zur idealen

Hülle: nichts drin, aber mit Bedeutung verpackt und

angedeuteter Fülle; Unsinn zwar, aber der edel gelackt.

Heiße Luft mit viel Gewicht: das Credo Selbstherrlichkeit

als künstlerischer Akt.

Ein besonders schönes Beispiel für die Verbindung von

Codes und Ich-Kult Manifestation liegt in der Selbst-Darstellung

des Künstlers als Original, als Personifikation

der Künste und deren lebendes Denkmal. Alle Stilmittel

der Kunst werden inszeniert auf die eigene Person projiziert:

so stellt man sich als Großer dar: wenngleich das

Werk hinter der Kunstfigur zunehmend erscheint sonder-

und vernachlässigbar.

Dramatisch wird `s, wenn ein halbwegs talentierter Autor

oder Künstler sich in den Klischees der Künstlichkeit

verliert, wenn er permanent sich über seine Rolle

definiert; als Dichter und/oder Genie durch die Gegend

läuft, dabei recht viel schwätzt und noch mehr säuft und

vor allem sich ein normales Leben vorenthält – durchschaut

er den Trug, ist’s vielleicht zu spät: jede Religion

braucht ihre Märtyrer, auch die Kunstreligion – die

Vita des verkannten Genies, das Vorbild der großen

Kunstheiligen zerstörte viele Existenzen schon. Nicht

viel besser endet `s oft, hat wer tatsächlich Erfolg. Das

eigene Image frisst einen schnell auf, gerade weil es für

den Mega-Erfolg notwendig scheint: damit ist man zur

Selbststilisierung quasi verpflichtet, sodass die gekünstelte

Kunst das normale, einfache Leben überhaupt nicht

gewichtet.

Selbstinszenierung und -darstellung übrigens geht bloß

deshalb als Kunst durch, bzw. ist einer ihrer gängigsten

Codes – weil die Moderne ein Ich-Bild propagiert, das

pubertär, narzisstisch, egoistisch und grenzenlos grandios

sich präsentiert. Wobei die Kunst heute - neben dem

allmächtigen Gesetz des Marktes - als mächtige Verbündete

der Ich-Ideologie deren Ideen vorexerziert und sogar

fetischiert.

Die erdigste Hündin der Mondin lief schnüffelnd um

mich, als ich mit abgedeckten Augen im Zimmer lag,

um in den Himmel zu schauen und zu reisen. Dann

sprang sie in mich, um Aromen zu weisen. Der Name

dieser Hündin ist Instinkt: sie blieb bei mir und schenkte

Inspiration: verband die geistigen Welten mit den unterirdischsten

Schichten, wo das Mark die Erde trinkt.

Am Morgen hernach witterte ich die Frühlingsluft und

- als wäre ein siebter Sinn mir erwachsen - war ich fähig

zu erkennen: dieses Gedicht ist als Abbild nihilistischer

Leere zu benennen und dieses andere stammt aus dem

Meer, beheimatet Flut und Glut, hinterlässt mich nicht

leer, sondern tut mir gut. Und einst stieg der Himmel

zu mir herab – ich verging vor Glück, tanzte, sang und

sprang wie verrückt: Glückseligkeit durchströmte die

Welt, als sich das Halschakra öffnete. Nun bin ich Teil

der Schönheit und teilte diese freudig mit jedem, der ihr

gefällt.

Ganzheitliche Malerei mag einerseits mit neosymbolistischen

Formen und Motiven gestalten – wichtiger

aber ist, dass sie auf lebendige Farben sich besinnt, zu

ehrlichem, einfachem und wahrhaftem Malen rinnt, das

in den Pinselstrichen Lebendigkeit führt, nicht das Leben

verschüttet oder in abstrakte Räume einspinnt. Was

nicht heißt, stets sei abstrakte Malerei kontra das Leben:

bei seiner Entwicklung wird es für den Maler Phasen

der Abstraktion geben, um Erstarrtes in ihm aufzulösen.

Doch als Richtschnur kann nicht der abstrakte, nihilistische

halbe Raum dienen der abendländischen dualistischen

Männerkultur. „Ganzheit“ läuft weder auf Schienen,

noch ist ihr Raum ausschließlich das gefürchtete

Dunkel der Irrationalität, der angeblich so bösen.

Das ganzheitliche Theater stellt sich nicht selbst dar.

Verweist nicht auf die grandiose Bühnentechnik, spielt

nicht mit überbordenden Bilderwelten. Überschwemmt

den Zuschauer nicht mit Phantasmagorien an Bilderfluten,

mit der Sucht zu gelten: diese klont die besessene

Welt der Images und Konsumrangabzeichen – „ganzes

Theater“ wird davon in Einfachheit, Stille, Natürlichkeit

und Schönheit zurückweichen, wird mit archetypisch

Verbindlichem unsere Ichheit ausgleichen.

Gemäß den Prinzipien einer Ästhetik der Ganzheit ist

Kritik nicht verpönt – nichts wird verschwiegen, nichts

wird beschönt: aber dem Leben wird Vorzug gegeben vor

einer sich selbst genügenden Darstellung von Gewalt,

Zerstörung und einem dekonstruktiv versickerndem

Streben. Dabei sei an das ästhetische Prinzip „Ausgewogenheit“

gedacht: es meint die Balance zu finden

zwischen Kritik/Ironie/Provokation und Bekenntnis zur

Schönheit – auch jener der Nacht: sonst leistet Kunst

nur Vorarbeit für Zynismus und der Abwendung vom

Sein; damit fiele Kunst weiterhin herein auf den eigenen

Schein: als Ersatzreligion seit der Aufklärung wirkend,

rätselt sie an der Sinnhaftigkeit des Lebens herum,

hält die Natur und das bloße Sein für dumm und

prinzipiell die Welt für schlecht: die Kunst - gottgleich

sich gebärdend – ist nur sich selber Recht und erklärt

sich zur einzigen Erlöserin und verführt die Menschen

dazu, tiefer in die generierten Welten der Illusionen und

des Scheins einzutauchen und sich mit dem Image des

Künstlers/Dichters abzustauchen, der über dem Leben

steht, wenngleich es in Wahrheit ihm fürchterlich dreckig

geht.

Ich weiß, wovon ich spreche, deshalb darf ich auch meine

Kritik sagen: ich beabsichtige nicht anzuklagen, sondern

davor zu warnen, für gar nichts kaputt zu gehen.

Ich war selber dem Spiel der Bilder elend verfallen – nun

stehe ich nicht über allen, sondern helfe aus Liebe Illusionen

zu durchschauen und Blockaden der Lebendigkeit

abzubauen

Ganzheitlicher Tanz wird die Zerrissenheiten des individuellen

Lebens mit dem Ausdruck von Bleibendem

heilen: wie ja bereits Ausdruckstanz asiatischer Weisheit

hilft westliche Opfer des kaltherzigen Kriegs zu

entstylen. Knöcherne Körper könnten voll Anmut den

schwarzen Frauen erliegen, die wie das Wasser tanzen,

dessen Schultern sich im ewigen Wechsel der Gezeiten

und Jahreszeiten wiegen. Gemeint sind nicht die Spiegelbildfrauen

der weißen Kultur, die ihre Körper wie in

Werbeclips an die Bildschirme schmiegen, um für ihre

oberflächenglatte Musik viel Geld zu kriegen.

Literatur, die nicht ausschließlich destruktiv, dekonstruktiv

oder unterhaltungsleicht seicht daherkommt,

öffnet das ästhetische Prinzip Mitgefühl Räume jenseits

des Absurden, der bitteren Ironie und was sonst so dem

Anschein hoher Kunst frommt. Der kritischste Text wirkt

lebensspendet, spürt man ihm seine mitfühlende Orientierung

an, wenn er nicht hasserfüllt, kalt sezierend oder

resignativ sich verstrickt im alles zersetzenden Bann.

Zudem würde Lyrik als Mittlerin zwischen den Verstandes-

und den Archetypenwelten mehr gelten.

Ich lehne nicht prinzipiell die vorhandenen Kunstauffassungen

ab; es sei kritisiert, es sei dekonstruiert, es sei die

Welt in Frage gestellt: aber lassen wir offen, ob da nicht

wirkt eine Kraft, die uns anhält zu hoffen und die all das

Schlechte nur scheinbar triumphieren lässt, doch durch

der Geläuterten Lernen aus den Fehlern – und seien unzählige

Generationen betroffen - letztendlich das Gute

erschafft.

Zusammenfassung der „Ästhetik der Ganzheit“, Informationen

zu „Sonne und Mond - Verein zur Förderung

ganzheitlicher Kunst und Ästhetik“ sowie von Manfred

Stangl erhältliche Bücher unter:

www.sonneundmond.at


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch VI - IRENE ST/A/R 37

BERLIN

BERLIN

Frischer Wind für die Kunst

„G.A.S-station - Tankstelle für Kunst und Impuls.“

Wiener Künstler schaffen einen neuen Kunst-

Projekt-Raum in Berlin-Kreuzberg

Auch wenn es der Name vielleicht suggeriert, aber hier

gibt es garantiert keinen billigen Treibstoff zu kaufen.

Hinter dem Schild „G.A.S-station – Tankstelle für

Kunst und Impuls.“ verbirgt sich ein neuer Kunst-

Projekt-Raum in Berlin–Kreuzberg. Die Initiatoren und

Leiter des Projektes, Elisa Asenbaum und Thomas

Stuck, sind schon seit 1987 in den Bereichen Video,

Sound und Malerei unter dem Label G.A.S (Grafic, Art

& Sound) künstlerisch tätig. Mit der „G.A.S-station –

Tankstelle für Kunst und Impuls.“ haben sich die

beiden Wiener Künstler im multikulturellen Stadtbezirk

Kreuzberg in Berlin einen lang gehegten Traum

erfüllt.

Sechs Monate lang hatten Anwohner, Nachbarn und

Passanten in der Tempelherrenstraße neugierige

Blicke durch die Glasscheibe oder Eingangstür des

ehemaligen Schusterladens geworfen, um zu sehen,

was dahinter so eifrig gewerkelt und gearbeitet wird.

Da wurden Wände weggerissen und Fenster neu

gesetzt, alte Mauerbögen freigelegt, Stromleitungen

gezogen und der Fußboden mit alten Holzbohlen neu

verlegt. Auf 150 Quadratmetern Gesamtfläche ist ein

neuer Kunst-Projekt-Raum entstanden: großzügig,

hell, modern und trotzdem die alte Substanz in seiner

Schönheit erhaltend. Am 21. Juni 2008 konnten sich

Anwohner, Künstler und Kunstinteressierte dann von

ihren neuen Nachbarn und den Möglichkeiten des

neuen Konzeptraumes überzeugen und inspirieren

lassen. „Bon Voyage! Mit vollem Tank einen guten

Start in die Zukunft!“, schreibt die Berliner Autorin

und Filmemacherin Claudia Schmidt, mit einem

holländischen Maler eine der Eröffnungsbesucher, den

beiden Künstlern ins Gästebuch.

Schon der Name des Kunstplatzes macht deutlich, dass

es den Initiatoren Elisa Asenbaum und Thomas Stuck

um neue Impulse und Ansätze für die künstlerische

Arbeit, Inspirationen und das Anstoßen gesellschaftlicher

Debatten geht. Dem traditionellen

Leitsatz „Der Kunst ihre Freiheit“ sehen sich die beiden

Künstler verpflichtet. „Wenn es uns gelingt, den

interdisziplinären Austausch voranzutreiben und eine

Brücke zwischen Kunst und anderen Wissenschaften

zu schlagen, dann wären wir unserem Ziel einen guten

Schritt näher“, umschreibt Elisa Asenbaum ihre

Intentionen. An der Gleichsetzung von künstlerischem

Wert und Marktwert sind die Initiatoren nicht in

erster Linie interessiert, sondern vielmehr an einem

freien, inspirierendem Austausch über aktuelle,

gesellschaftlich relevante Themen mit einer kunstinteressierten

Öffentlichkeit, intellektuellen Kräften

aus allen Bereichen von Kunst und Wissenschaft sowie

Vertretern der Medien.

Im Unterschied zu einer klassischen Galerie versteht

sich G.A.S-station als Kunst-Projekt-Raum, der von

Künstlern selbst geleitet und organisiert wird. „Solche

Projekträume sind informelle Netze, die Künstlern die

Möglichkeit bieten, zu eigenen Bedingungen am

Kunstbetrieb teilzunehmen“, sagt Thomas Stuck.

Allerdings sei auch zusätzliche Förderung und

Unterstützung nötig. „Wir schaffen einen Ort zum

Austausch, eine geeignete Plattform.“ Diese bietet

eine Kooperation mit ST/A/R, auch dies eine gute

Möglichkeit, damit die neu geschaffene künstlerische

Achse zwischen Wien und Berlin immer besser in

Schwingung kommt. Jetzt muss die Plattform mit

vielfältigen Kontakten, Ideen und kreativen Impulsen

gefestigt werden.

Am 21.Oktober 2008 startet das erste Ausstellungsprojekt

in der G.A.S-station unter dem Titel

„eMOTION“ - Auseinandersetzungen rund um das

Thema Bewegung und Bewegung im Gefühl. In der

Ausschreibung wurden kreative Köpfe, Künstler,

Theoretiker und Autoren aufgefordert, Ideen und

Vorstellungen aus den Bereichen neue Medien,

bildende Kunst, Literatur oder Wissenschaft

einzureichen. Das Angebot war umfänglich. Aus

Videoarbeiten, Fotoserien, Werken der bildenden

Kunst, Installationen und theoretischen Arbeiten

wurde die Auswahl für diese Ausstellung getroffen.

Mit Hilfe ganz unterschiedlicher künstlerischer und

theoretischer Herangehensweisen ermöglichen die

Objekte ein weit gefächertes Assoziationsfeld aus Bild,

Text und Klang rund um BEWEGUNG & EMOTION.

Ina Krauß (Freie Journalistin, Berlin)

Ausstellungsdauer:

21.Oktober 2008 bis 12. Jänner 2009

Öffnungszeiten: Di-Fr 14-19 Uhr, Sa 14-17 Uhr oder

nach telefonischer Vereinbarung

Raumkonzept:

Die Räumlichkeiten der G.A.S-station bieten Platz für

kulturelle Veranstaltungen. Sie können als Studio,

Veranstaltungsort, Labor, Entwicklungsplattform für

Projekte, Ausstellungsplatz, Diskussions-, Seminarund

Präsentationsraum oder auch für private

Veranstaltungen gemietet werden.

G.A.S-station

Tempelherrenstraße 22

10961 Berlin/Kreuzberg

fon: +49 30 221 609 312 mob. +49 (0)160 995 78 158

e-mail: info@2gas-station.net

Anfahrt:

G.A.S-station befindet sich im Bezirk Kreuzberg in der

Tempelherrenstraße 22, Ecke Blücher-/Urbanstraße

und ist sehr gut an den öffentlichen Nahverkehr

angebunden. Bus: M41 direkt ab Hauptbahnhof, hält

unmittelbar vor der Tempelherrenstraße. U-Bahn-

Stationen: U1 Prinzenstraße, U6 Hallesches Tor und

U7 Gneisenaustraße sind ca. 7 min. zu Fuß entfernt.

Auto/Fahrrad: Zufahrt über das Carl-Herz-Ufer,

Johanniterstraße oder Wilmsstraße, die

Tempelherrenstraße ist eine Sackgasse.

Netzwerk:

Wer an Informationen interessiert ist, sendet bitte

eine e-mail an: info@2gas-station.net mit dem Betreff

„newsletter“.

Weitere Infos unter: www.2gas-station.net


Städteplanung / Architektur / Religion Buch VI - IRENE ST/A/R 39

ÎRENE ANDESSNER


40 ST/A/R

Buch VI - IRENE Nr. 19/2008

WIEN


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch VII - LITERATUR ST/A/R 41

DRAMA SLAM

DAS SCHLACHTEN GEHT WEITER.

von Jimmy Elend

Die Drama Slam, die neueste Form des Dichterwettstreits, die

unter der Obhut der Vitamines Of Society erst im November

2007 das Bühnenlicht der Welt erblickt hatte, zieht ihre Kreise

durch ganz Europa.

Nach der 2. Wiener Drama Slam vom 7. April, welche Sabine

Edith Braun mit ihrem POLIZEISCHLAMPENREPORT über

den Alltag in der Redaktion der Tageszeitung Österreich,

knapp vor dem abermals sehr starken Titelverteidiger Karsten

Rühl für sich entscheiden konnte, fand vom 2. bis zum 4.

Mai 2008 die erste dreitägige Drama Slam im russischen

ST/A/R Theater am Prenzlauer Berg in der bundesdeutschen

Hauptstadt Berlin statt. Sie lieferte den Beweis, dass das

Wiener Format auch außerhalb seiner Geburtsstadt Wien zur

Unterhaltung und basisdemokratischen Anregung der Massen

taugen kann.

An der ersten beiden Tagen kamen prima vista performed von

ortsansässigen Schauspielern, mit bewährt geschickter Hand

ausgewählt von Showmaster Jimi ‘River’ Lend, der es sich

nicht nehmen lies auch die erste Berliner Drama Slam selbst

zu leiten, jeweils 6 brandneue Theaterstücke, eingesendet

aus ganz Deutschland zur Aufführung und Bewertung durch

das Publikum im bis auf den letzten Platz gefüllten ST/A/R

Theater. Den Freitag entschied der Dinnertheatermann und

Lautperformer Reinhard Schmidt mit seiner Bundeswehrkritik

„Musterung“ für sich. Der Samstag gehörte knapp aber doch

dem Poetry Slammer und Lebenskünstler Tilman Birr, der mit

seinem Stück „Manfred heisst Freiheit“ tiefe Einblicke in den

gegenwärtigen Zustand des deutschen Staates gewährte: Ganz

Deutschland und seine Administration ist vom VW-Konzern

beherrscht. Ganz Deutschland? Nein. Im Teutoburger Wald

hat ein einsamer Widerstandskämpfer die freie Republik

Manfredonia ausgerufen und setzt sich gegen die Agenden

und Agenten des Peter Harz erfolgreich zur Wehr.

Am Sonntag standen sich dann Reinhard Schmidt und Tilman

Birr im direkten Duell im ebenfalls von Jimi ‘River’ Lend

ersonnenen Format des Beschleunigungslam gegenüber. In

5 sich zeitlich stetig verkürzenden Runden traten die Autoren

mit allen Texten, die sie je geschrieben hatten, unter Einbezug

der Schauspieler und auch ihrer eigenen Darstellungskraft

gegeneinander an.

Die erste Runde á 6 Minuten ging eindeutig an Reinhard

Schmidt der mit technisch ausgefeilten Requisiten ein Stück

Zukunft im russischen Theater materialisieren konnte.

Das war aber auch schon der einzige Punkt der an den

kulinarischen Dichter ging, in den weiteren Runden war

Tilman Birr nicht mehr zu stoppen und steigerte sich mit

jedem kürzer werdenden Intervall noch in literarische Höhen,

bis er mit dem letzten alles entscheidenden ‘Satz des Abends’

alles klar machen konnte:

„Vom Poeten sind es nur mehr 2 Mitlaute zum Proleten“

So wurde Tilman Birr zum Champion der ersten Berliner

Drama Slam und sein Text, wird wie auch der Text von Sabine

Edith Braun in der Übersetzung von UHCR* Wladimir

Jaremenkon Tolstoj an der ersten russischen Drama Slam

am 28. & 29. August in der Ostseemetropole St.Petersburg

teilnehmen. Schon läuft die Ausschreibung und Dichter von

Wladiwostok bis Jekatarinenburg von Sotchi bis zum Franz-

Josefsland sind aufgerufen ihre Texte einzusenden und sich

im Theater des Dostojevski Museums in den russischen

Dramenhimmel zu schreiben.

Das deutschsprachige Publikum wird die besten russischen

Texte im Zuge der jetzt vierteljährlichen Drama Slam im

Wiener Ensembletheater in der Übersetzung der Drama-Slam-

Organisatorin Valie Airport zu hören und sehen bekommen.

Und auch die Berliner werden sich ab Herbst auf 2 neue

Drama Slams freuen können.

*UHCR= Unser Herr Chef Redakteur

by Oskar Krauss

Russland berichtet

über Heidulf

Gerngross.

„KUBISTEN

MACHT EUCH

RUNDER!“

Rechts im Bild

mit Rafaela Tengg


42 ST/A/R

Buch VII - LITERATUR Nr. 19/2008

KUBISTEN, MACHT EUCH RUNDER!

aus dem Russischen von Vallie Göschel

Einen der Schlüsselmomente der „Langen Nacht der

Museen“ im St. Petersburger Dostojewski-Museum

stellte der feierliche Übergabeakt der vom bekannten

österreichischen Architekten Heidulf Gerngross gestalteten

Fassadentafel dar. Das ganze begann im Jänner, als Gerngross

und Wladimir Jaremenko-Tolstoj die österreichische

Zeitung ST/A/R im Dostojewski-Museum präsentierten.

Zu diesem Zeitpunkt existierte das Dostojewski-Museum

ohne Fassadentafel, da diese mehrmals von Fans des

Dostojewski-Museums entwendet worden war. Gerngross

erbot sich, dem Museum eine Archiquanten-Tafel, einer von

Heidulf Gerngross eigens entwickelten Form, zu schenken.

Wir nahmen dieses bemerkenswerte Angebot mit Freuden

an, da wir der Auffassung sind, dass der große russische

Schriftsteller Dostojewski der gesamten Welt gehört. An der

Renovierung des Theatersaales des Museums beteiligte sich

die norwegische Regierung. Nun besitzt es eine Fassadentafel

von einem österreichischen Architekten. Das Museum leitet

ein Projekt zur Schaffung eines Raumes der „Kulturen ohne

Grenzen“. Gerngross’ Fassadentafel ist der Beginn eines

neuen Projektes: „Dostojewski ohne Grenzen“.

Heidulf Gerngross brachte sechs Tafeln aus unterschiedlichen

Materialien: Marmor, Kupfer, Email, Kunststein etc., von

denen nun erstere den Weg ins Museum weist. Wir hoffen,

dass sie trotz ihrer zum Mitnehmen verlockenden Originalität,

lange den Eingang des Dostojewski-Museums schmücken

wird.

Vera Biron

P.S. Kurios mag die Tatsache anmuten, dass Dostojewski seinerzeit

den Oberst und späteren General der Pioniertruppen Alexander

Gerngross in Sibirien traf, mit dem er den Kontakt auch in St.

Petersburg aufrecht erhielt.

____________________________

Am 25. und 26. August wird mit Unterstützung des Österreichischen

Kulturforums Moskau der I. Drama-Slam im Dostojewski-Theater

stattfinden. Der Drama Slam ist eine neue, von Wien ausgehende

Form des Dichterwettstreits, in der szenische und dramatische Texte

verschiedener Autoren von Schauspielern prima vista szenisch gelesen

werden und das Publikum demokratisch über das gelungenste Drama des

Abends entscheidet.

St. Petersburg

Nähere Informationen:

http://www.myspace.com/theatertotal

und: http://www.litafisha.ru/forum/viewtopic.php?t=1633&si

d=1b0d65591347ece0f99c22f4829694f2

Musik gibt es bereits auf einigen CDs, Bragofonie-Konzerte

fanden in St.Petersburg und in Westeuropa statt.

Seit ungefähr zwei Jahren gesellen sich Internet-Übersetzungen

zu den „traditionellen“ Kulturprodukten der GG.

Videokunstarbeiten von Aufführungen des „Alchemietheaters

des rituellen Konstruktivismus“ und Vorträge speziell

eingeladener Star-Künstler/innen aus St. Petersburg und

Moskau.

Für Webcasts wurde der „Internet-Lehrstuhl der Grjasnaja

Galereja“ mit Hilfe des Medienkünstlers Sergey Teterin aus

Perm eingerichtet, der nicht nur die technische Seite der

Internet-Verlautbarungen aus dem großen Saal der Grjasnaja

Galereja bestreitet, sondern wesentlich zur Popularisierung

der GG im russischen Internet beigetragen hat.

Die Pläne der privaten nicht-kommerziellen Galerie sind

ehrgeizig. Ihre Internet-Aktivität und Gewagtheit der Vorhaben

können sich bereits mit der Mehrheit der Petersburger

Museen und Kulturzentren messen. Das Interesse an der

GG als Ausstellungsfläche sowie als professionelles Kollektiv

von Künstler/innen und Kulturoperatoren und nicht zuletzt

als Künstlerresidenz im Herzen von St. Petersburg wächst

täglich.

Neben gemeinsamen Aktionen auf dem Territorium der GG

wird im Gegenzug das „Bragofon“ im Sommer 2008 in die

USA reisen und an der groß angelegten internationalen Sound-

Art-Ausstellung „The sonic self“ in New York teilnehmen.

Grjasnaja Galereja

(von Gerald Kofler)

Die Grjasnaja Galereja, kurz GG, ist ein hot Spot der

gelebten Kreativität und von St. Petersburg. Eine

experimentelle Plattform für phantastische Ideen und

Versuchsgelände für die unterschiedlichsten künstlerischen

Vorhaben. Das Epitheton „Grjasnaja“ (dreckig) im Namen

der Galerie zielt nicht in Richtung Punk, sondern beinhaltet

den direkten Verweis auf den alten Namen (und damit die

Geschichte) der Straße, in der sie sich befindet,– so hieß die

heutige „Uliza Marata“ vor der Revolution: Uliza Grjasnaja

(Dreckige Straße).

Als Schlüsselpersonen haben die beiden Künstler Valie Airport

(Wien/St. Petersburg) und der Mikhail A Crest (St. Petersburg/

Wien) eine Künstlergemeinschaft, Ausstellungsplattform,

Museum der modernen Alchemie, Kammertheater,

Laboratorium für Gastkünstler/innen und einen „Internet-

Lehrstuhl“ ins Leben gerufen.

Valie Airport widmet sich seit mehr als einem Jahrzehnt

auf vielen Ebenen dem Gemeinsamen der Kulturen und im

speziellen der russischen Kultur in ihren offiziellen, sowie

versteckten und bisweilen geheimnisvollen Erscheinungen.

Vor vielen Jahren erwarb sie eine groß dimensionierte

Wohnung in der Marata-Straße im Zentrum von St. Petersburg

Du

und initiierte und betreibt seitdem die Grjasnaja Galereja.

Mikhail A Crest hat sich und sein künstlerisches Schaffen den

Höhen der hermetischen Kunst und der inneren Alchemie

gewidmet. Durch sein Handanlegen verwandelte sich die alte

Petersburger Wohnung in die Grasnaja Galereja, einen mehr

als ungewöhnlichen Ort, der mit jedem Quadratzentimeter

beeindruckt. Selbst bekannte Petersburger Kunstkritiker

können beim ersten Besuch der GG ihr Staunen und ihre

Begeisterung nicht verbergen.

Die GG ist zum Magnet geworden, der auch

Künstlerpersönlichkeiten aus Europa anzieht, um ein-zweidrei

Monate hier zu leben und sich in die stürmischen

künstlerischen Aktivitäten zu stürzen. Jeder Gast der

Grjasnaja Galereja, der sich als Artist-in-residence hierher

begibt, wird unmittelbarer Teil des schöpferischen Kreises der

phantastischen Experimente der GG.

An der Oberfläche bestehen diese in der symbolischen,

vielfachen Destillation von Alkohol auf der Grundlage

komplexer kombinatorischer Zahlensysteme.

Ein Nebenprodukt dessen ist eine spezifische „Sound-

Kunst“; das eigens dafür konstruierte „Bragofon“ fängt die

Gärungsgeräusche ein und hält sie fest. Diese ungewöhnliche

Zu den „strategischen Partnern der

Grjasnaja Galereja gehören:

NCCA ST. PETERSBURG (NATIONAL CENTER FOR CONTEMPORARY ART)

MEDIENKUNSTLABOR CYLAND IN KRONSTADT

KULTURFONDS “SAINT PETERSBURG ART PROJECT”, NEW YORK

ST/A/R – ART MAGAZINE, WIEN

SHIFZ – SYNTHARTURALISTISCHE KUNSTVEREINIGUNG, WIEN

FARCE VIVENDI – PLATTFORM FÜR LITERATUR UND KUNST, WIEN

Kontakt der Grjasnaja Galereja: TEL. +7-812-7133056

VALIE GÖSCHL, SKYPE: VALIEAIRPORT,

MAIL:KAOSPILOT@MONOCHROM.AT,

MOB: +7-921-5544134 ODER MOB: +43-699-19717491

MIKHAIL A CREST: SKYPE/YAHOO: ARXENEKROHEN,

MOB: +7-921-3304805

SERGEY TETERIN: SKYPE: SERGEY_TETERIN, MOB: +7-902-8353069

Links:

Audio/Video-Ressourcen von Mikhail A Crest:

http://www.imeem.com/people/U4wk5B3

Blogpublikationen über die GG:

http://teterin.livejournal.com/tag/gg

TV über die GG, Jänner 2008: http:

//www.youtube.com/watch?v=Cfq_P-PDPEI

Fotoreportage aus der GG: http://fotki.yandex.ru/users/

sergeyteterin/album/32868/

Valie Göschl im Magazin „Na Nevkom“: http://teterin.

livejournal.com/197456.html


WWW.TOLSTOI.RU

Nr. 19/2008 Buch VII - LITERATUR

ST/A/R 43

ELISABETH VON SAMSONOW (WIEN)

ALOIS DEMPF – FOUCAULT AUF BAYERISCH

MEINEM LEHRER STEPHAN OTTO GEWIDMET

A Zur Person

B Dempfs Konzept der „langen Geschichte“ und der

„historischen Vernunft“

C Dempfs Entwurf der Theoretischen Anthropologie

A Zur Person

Nach Ernesto Grassi trat Stephan Otto als Institutsvorstand

die Leitung des Instituts für Philosophie und

Geistesgeschichte der Renaissance an der Universität

München an. Ich habe von 1977 bis 1986, nach zwei

Orientierungsjahren an der Philosophischen Fakultät

(während derer ich Spaemann, Krings, Kuhn, Annemarie

Pieper und Höffe gehört hatte) an diesem Institut studiert,

zunächst bei Eckhart Kessler, dann bei Stephan Otto selbst,

der mich dann auch mit einer Arbeit über Johannes Kepler

promovierte. In Anschluß an die Promotion war ich mit

Lehraufträgen zu den artes mechanicae und zum Verhältnis

zwischen Astronomie und Philosophie in der Renaissance

betraut, war also auch noch einige Zeit über den Abschluß

meines Doktorats hinaus mit diesem Institut verbunden.

Ich habe Stephan Otto in dieser Zeit mehrmals bewundernd

über seinen Lehrer Alois Dempf sprechen hören. Was mir

als Studentin nicht bewusst gewesen war, war der Umstand,

dass Dempf zur Zeit meines Studiums in unmittelbarer

Nähe zum Haus meiner Tante in Eggstätt seinen

Lebensabend verbrachte und sich in so guter Verfassung

befand, dass er in der Lage war, 1981 „hochaufgerichtet“ zu

seinem 90.Geburtstag die Glückwünsche der Kollegen und

einer großen Öffentlichkeit entgegen zu nehmen, dabei

überaus kräftig die Hände der Gratulierenden drückend 1 .

Ich muß nachträglich sagen, dass ich ihm gerne persönlich

begegnet wäre, zumal ihm eine Fama vorauslief, die ihn

mir als nahen Verwandten erscheinen ließ, insofern er

nämlich durch eine Verbindung zwischen Philosophie

als Passion und seiner bäuerlicher Herkunft, wie man

berichtet, charakterisiert ist. Wenn ich jetzt in Wien,

nach vielen Umwegen, auf eine hellsichtige Einladung

des hochgeschätzten Michael Benedikt hin, der in mir

so etwas wie eine „geistige Enkelin“ Dempfs erblickte,

mich mit den Schriften Dempfs beschäftige, kommt es

mir vor, als würde der Geist meines Studiums, der Geist

der Münchner Zeit lebendig. Ich fange an zu verstehen,

in welch grundsätzlicher Weise mein eigener Lehrer

wiederum von seinem Lehrer geprägt war, was dann auch

ein Licht auf meine eigene intellektuelle Herkunft wirft,

das mir so vorher noch nicht aufgegangen war. Es ist

natürlich merkwürdig, wenn man als feministische Autorin

plötzlich eine Eloge oder kritische Würdigung der eigenen

Abstammungslinie von sehr patriarchalischen Philosophen

verfasst, in der frau, wie sie endlich zugibt, steht oder

gestanden hat. Ich will diese Gedächtnisarbeit aber auch

in dem Sinne verstehen und vollenden, dass ein Teil der

Befreiung von DenkerInnen meiner Generation hinsichtlich

institutioneller und struktureller Diktate darin besteht, die

Position der Lehrer zu erkennen und zu durchdringen, um

sie dann in positiver Hinsicht, gewissermaßen durch- und

abgearbeitet, anzuerkennen und schließlich zu lassen.

Es ist mir schließlich nicht bewusst gewesen, dass ich als

Kunstanthropologin an der Wiener Akademie der bildenden

Künste in die Nähe eines theoretischen Programms geraten

war, das von Dempf in mehrfachen Anläufen skizziert

und entworfen worden war, nämlich in die Sphäre einer

sich über sich selbst aufklärenden Philosophie, die die

Trauer über die Unmöglichkeit ihrer eigenen Positivität

durch die Konjunktion mit Disziplinen zu heilen versucht,

welche über die Spezifikation „des Menschen“ verstreute

Antworten zu bieten haben.

Daß es ausgerechnet der berühmte Pater Wilhelm Schmidt,

neben Wilhelm Koppers, gewesen sein sollte, der Dempf zu

einem Ruf als Ordinarius für Philosophie an die Universität

Wien verhalf, ist, scheint mir, aus heutiger Sicht eine

folgerichtige und sprechende Tatsache. Schmidt hat sich

als Ethnologe um den Beweis bemüht, dass die „Wilden“

allzumal fromm seien und an einen Himmelvater glaubten.

Auch wenn seine einseitige Lektüre der ethnographischen

Aufzeichnungen heute als radikal überholt gilt, so findet

man doch in den umfangreichen Schriften interessante

Quellen. Seine Deutungsabsichten wirken auf uns heute

naiv und es fällt nicht leicht, sie in ihrem, wenn auch

begrenzten Wert, für die damalige Perspektive auf das

Fremde zu würdigen. Jedenfalls war Schmidt betört vom

1 Vincent Berning und Hans Maier (Hg.): Alois Dempf. Philosoph, Kulturtheoretiker,

Prophet gegen den Nationalsozialismus, Weissenhorn 1992, S.5

(Vorwort der Herausgeber)

Elisabeth von Samsonow in Jerusalem

Studium des Fremden und damit in gewisser Hinsicht

wahrer Kollege Dempfs, dessen anthropologische

Skizzen immer auf die Vereinigung der bruchstückhaften

Kenntnisse menschlicher Selbst - und Fremdbeschreibung 2

ausgehen. Die Erträge, die die Ethnologie den

substanziellen historischen Kenntnissen Dempfs zur

Seite zu stellen hätte können, sind von ihm bestimmt in

ihrem Wert erkannt worden. Schmidt war es auch, der

sich bemüht hatte, „dank seiner vielen internationalen

Beziehungen(,) verschiedene Rufe ins Ausland (zu)

vermitteln, auch mit dem Angebot der amerikanischen

Staaatsbürgerschaft“ 3 .

Daß Dempf die Mehrheit der Stimmen der

Fakultätsmitglieder für seine Berufung nach Wien erhielt,

hängt kurioserweise auch damit zusammen, dass etwa der

Historiker Heinrich von Srbik aus Unkenntnis des Textes

das Hauptwerk des Kandidaten („Sacrum Imperium“) für

eine „großdeutsche“ Schrift hielt. Dempf selber gab an,

nach dem biographischen Zeugnis seiner Tochter , von

dem „philofaschistischen“ Klima im Kulturleben Wiens

überrascht gewesen zu sein. Für sein Zwangspensionierung

im März 1938 war wohl Dempfs Mitarbeit bei der

faschismuskritischen Untersuchung „Studien zum Mythos“

Rosenbergs verantwortlich, die dann von einem Gestapo-

Agent eben nicht missverstanden worden war. Nach

Kriegsende wird Dempf wieder nach Wien geholt, liest dort

bis zu seinem Umzug nach München bis 1950. Ab 1949

ist er Ordinarius an der Ludwig-Maximilians-Universität;

er beginnt, regen Austausch mit Kollegen und Forschern

zu pflegen, darunter die „Junge(n) Freunde(n), die seine

Forschungsarbeit fortsetzten“ 4 , namentlich Stephan Otto - ,

mein späterer Lehrer - , Rainer Specht, Hermann Krings.

2 s. Alois Dempf: Theoretische Anthropologie, Bern 1950, S. 192-201 (Kap.V

Fremderkenntnislehre und Charakterologie)

3 Felicitas Hagen-Dempf: Alois Dempf – ein Lebensbild, in: Vincent Berning

und Hans Maier (Hg.): Alois Dempf, a.a.O., S.17

4 Alois Dempf: Theoretische Anthropologie, a.a.O., S.20

B die lange Geschichte

Der Schlüssel zu Dempfs Philosophie ist sein Konzept der

Geschichte. Seine Idee einer „langen Geschichte“, über

welche er sich profunde Kenntnis anzueignen trachtete,

rückt auch seinen Katholizismus in einem neuen Licht.

„Goethe verlangte, dass man sich von 3000 Jahren

Geschichte müsse Rechenschaft geben können, jetzt sind

es 5000 Jahre!“ 5 Selbst in einem seiner späteren Beiträge,

nämlich zu einer Festgabe für Eric Vögelin zu dessen

60.Geburtstag, fordert er in einem gerade dreieinhalb

Seiten langen Beitrag, dass man endlich die Frage zu

beantworten habe, „was für Stämme in den ersten Staaten

zusammengefasst werden sollten und wer dies konnte.“ 6

Diese Frage “wer dies konnte“ spiegelt das Motiv von

Dempfs Hauptinteresse an der Geschichte wider. Als

Gegenbewegung zu einer Dialektik der Geschichte oder

zu Modellen evolutionärer Geschichtslogik setzt er die

„universale Personalität“, das sich mit der Welt verbindende

Selbstbewusstsein in der Vielzahl seiner Schichtungen,

welche sich am Leitfaden der Selbsterkenntnis und der

anwachsenden Fülle der Aspekte und Potenzen derselben

selbstbestimmt als Geschichte hat 7 . Diese universale

Personalität ist wohl auch in einer Auseinandersetzung

der Geistes begriffen, deshalb auch reagierend und

eben in systembildenden Prozessen auf dem Wege

zu seiner Entfaltung, aber doch immer vollständig

selbstverantwortlich und frei. Dempf antwortet mit seinen

Entwürfen auf die, wie er selbst schreibt, 150 Jahre des

heroischen Versuchs, eine kritische Geschichtsphilosophie

5 Alois Dempf: Die unsichtbare Bilderwelt. Eine Geistesgeschichte der Kunst,

Einsiedeln-Zürich-Köln 1960, S.7

6 Alois Dempf: Probleme der Genesis der Hochkulturen, in: Politische Ordnung

und menschliche Existenz. Festgabe für Eric Vögelin zum 60.Geburtstag,,

hg. von Alois Dempf, Hannah Arendt und Friedrich Engel-Janosi,, München

1962, S.144

7 „Der Mensch ist das höchstorganisierte, selbstbewusste Wesen, das sich

charakteristisch entfaltet, also frei gesellschaftlich und geschichtlich lebt“ Alois

Dempf: Theoretische Anthropologie, a.a.O., S.10

S.46 >


Städteplanung / Architektur / Religion Buch VII - LITERATUR ST/A/R 45

Elisabeth von Samsonow:

Mary Magdalene’s Re-Immigration Center, Jerusalem

Wunderbare Reise einer Statue

Zu einer Reise aufbrechen, im Sommer, am besten dorthin, von woher einem die

interessantesten Nachrichten entgegenkommen. Es wird ein großer Reisekoffer

hergestellt, eigentlich ein Sarkophag oder eine Couchette: ausgepolstert,

verziert, mit Satinbettwäsche in leuchtendem Rot und Gelb. Es gibt auch Kleingepäck,

ein Kosmetiktäschchen, Parfumflakons. Eigentlich handelt es sich im Falle der Reise

meiner Statue um eine „Heimkehr“. Denn wenn man es im Licht ihrer Geschichte

betrachtet, ist Maria Magdalena, geboren in Magdala am See Genesareth, keine „natürliche

Französin“. Auch wenn sie bei Marseille mit ihrem Schiffchen gelandet und dann viele

Jahre in einer Grotte im Massiv La Sainte Baume verbracht hat, schließlich ihre Gebeine

in St-Maximin-La Sainte Baume bzw. in Vézélay gelassen haben soll, war sie vielleicht

Frankreichs prominenteste Immigrantin. Die Geschichten wandern mit den Leuten,

Maria Magdalenas Geschichte hatte von da an ihr Zentrum nicht mehr zwischen See

Genesareth und Jerusalem, sondern in „Europa“. Das Exil Maria Magdalenas entspricht

dem Exil des Weiblichen in der Geschichte. Die Reise nach Jerusalem meiner Statue dreht

diese Geschichte symbolisch um. Gibt ihr eine neue Drehung. Markiert einen neuen

Punkt Null. Von hier aus, von diesem bestimmten Ort aus an der Stadtmauer Jerusalems

zwischen dem Damaskustor und dem Herodestor, kommt jetzt ein neuer Impuls. An diese

Stelle wurde die Statue in einer feierlichen Prozession getragen, mit Musik begleitet, von

einer Gruppe von Leuten umgeben, die in den Händen weiße Lilien und Teppichklopfer

hielten. Hier, an dieser ausgesuchten Stelle, wurde der „Sendemasten“ aufgestellt, die

Statue, der Apparat, der Echo-Emitter, die Informationskonserve, die unsterbliche Mumie.

Eine Heimkehr nach ungefähr 1956 Jahren (wenn man dem Kalender Glauben schenken

will). Eine späte, aber angemessene Ehrung und Feier.

Die Skulptur, die in der zeitgenössischen Kunsttheorie auf Grund mangelnder Kriterien

und und Kategorien ausgelassen wird, um nicht zu sagen: gesnobbt, besitzt für solche

Operationen, wie ich sie im Sinn hatte, unüberbietbare Vorteile. Insofern sie einer

transhumanen Chronik angehört (Dendrochronie oder Geschichte der Bäume) haftet

ihrem „Fleisch“ etwas Objektivierendes an. Der Geschichte der Bäume zuzugehören heißt,

reine Genealogie zu sein, reine Evolution, reine Erdlogik, Aufgehen im Metabolismus.

Jede Skulptur ist im eigentlichen Sinne „Transplantation“, Ortswechsel der Pflanze.

In dieser Transplantation bleibt aber die Pflanze bzw. ihre Gedächtnisbatterie (der

Stamm) innerhalb der Echosphäre der Erde (biotopisch). Das Lindenholz nimmt die

Information und hält sie zurück, anders und langsamer als Wasser. Holz ist daher der

vornehmste Operator einer Tiefengeschichte, einer longue durée, die menschliches,

nicht mehr nur geologisches (wie beim Stein) Geschichtsformat besitzt. Die Bedingung

der Möglichkeit von Gedächtnis ist die elektromagnetische Interferenz des Erdfeldes

mit ihren „Kleinkörpern“. Der Lindenstamm, der von uns verschickt und in Jerusalem

herumgetragen wurde, wechselt (als Transpflanze im Transport) das Echofeld und

hält seine Maria-Magdalena-Information (eine Form haben heißt: einen Zweck haben,

griech. Entelechie) in das Feld hinein. Das ergibt eine neue Interferenz, eine neue

Gedächtniskonstellation.

Maria Magdalena taucht auf, um einen neuen Nullpunkt zu generieren. Die

Gedächtniskonstellation zu verändern heißt eine neue Geschichte zu erzählen. Die

neue Geschichte ist die des Ausgleichs. Es ist die der Balance zwischen Männlich und

Weiblich, nicht weniger als die Verkündigung der Gleichwertigkeit des Verschiedenen:

zwei Hälften (Teppichklopfer/Lilie), die kybernetisch aufeinander reagieren. Es gibt

auch ein Evangelium der Maria Magdalena. Der Teppichklopfer, ein unmittelbar an den

Haushalt verweisendes Instrument, steht für das Weibliche, sofern damit Innerlich,

Intimes, Häusliches, Privates gemeint ist. Ein in einer Prozession im öffentlichen

Raum mitgeführter Teppichklopfer ist, wie Lacan sagen würde, nicht an seinem Ort.

Der Teppichklopfer erhebt also eine Forderung, erstens die Disjunktion zwischen

Weiblichkeit und Häuslichkeit, und zweitens die Konjunktion zwischen Weiblichkeit und

Öffentlichkeit. Der Teppichklopfer ist der provisorische Signifikant. Der Teppichklopfer

ist meistens als schöner Knoten ausgebildet, was ihm einen einzigartigen ästhetischen

Reiz gibt. Ferner steht er als Knotendarstellung mit anspruchsvoller Knotenmathematik in

Beziehung. Und diese Mathematik verweist natürlich auf eine komplexen Diagrammatik

des Raumes, die unweigerlich sowohl BildhauerInnen wie ArchitektInnen in ihren Bann

zieht wie ein „Traktor“.

Die Form der Statue der Maria Magdalena ist selbst aus zwei sich ineinander schlingenden

langen Linien entwickelt. Die gesamte Figur wird von sich schlängelnden Linien wie

von hölzernen Oszillogrammen bedeckt. Damit drückt sie ein „Erdwissen“ aus oder die

Technologie des Lebendigen, das sich im Schlängeln der Kräfte und Informationen, in der

Integration des Bipolaren realisiert. Maria Magdalena verkörpert den idealen Moment, den

Drehmoment, der die Bewegung (wieder) anstößt. Sie wird nicht ohne Grund als Apostola

Apostolorum bezeichnet. Stellvertretend bewegt wieder sie die „weibliche Angelegenheit“.

Jetzt, wo sie wieder zurückgekommen ist und öffentlich in Jerusalem gezeigt wurde, ist

das Exil des Weiblichen beendet.

SAMSONOW


46 ST/A/R

Buch VII - LITERATUR Nr. 19/2008

> S.43

deduktiv und induktiv zu begründen 8 . Man erkennt sehr

schnell, wie tief und effizient die Schulung Dempfs an Kant

und Hegel gewesen ist, insofern sich in dem gesamten

Werk ein gewisser Überdruck mitteilt, zum System zu

kommen bzw. die Elemente oder Begriffe systematisch

zusammenzustellen . Dempf bleibt in dieser Hinsicht

ein Kind des späten neunzehnten und beginnenden

20.Jahrhunderts, radikalisiert aber seine Fragestellungen

zunehmend. Seine Verbindung zu Eric Vögelin tritt

zunehmend deutlich hervor. Was als Geschichtstheologie

oder Geschichtsmetaphysik im Sinne Hegels als Problem

gestellt war, wird zur Geschichtsphilosophie und und

zur politischen Theorie umgestaltet. Dempfs frühe

Arbeit „Weltgeschichte als Tat und Gemeinschaft. Eine

vergleichende Kulturphilosophie“ kündigt bereits einen

Ansatz an, der sich nicht mehr aus der Perspektive der

Sicherung von Heilsgeschichte versteht. Die Einsicht in

die Dynamik von Gruppen- und Staatenbildung, stets

auf dem Hintergrund der „universalen Persönlichkeit“

überwiegt längst die Tendenz, geschichtsteleologisch

eine bestimmte Gruppe zu privilegieren. Das relativiert

seinen Katholizismus noch einmal, abgesehen davon,

dass überhaupt das Beste mit ihm getan hat, was sich

aus ihm ableiten lässt, nämlich ihn als anti-ideologische,

anti-dogmatische, antifaschistische Bastion in Anspruch

zu nehmen. Über die Zusammenhänge der Linien

und Strukturen der Religionen untereinander, die ihn

außerordentlich interessieren, schreibt er bisweilen

Überraschendes: „Das wichtigste Hindernis, daß man

solange die seit zwei Jahrhunderten, seit Vico, in der

Luft liegenden Entwicklungsgeschichte der einzelnen

Kulturkreise nicht systematisch durchgeführt hat, ist

die Eigenart des altchristlich-islamischen Kulturkreises,

den man nicht in seiner Einheit erkannte, weil man

Christentum und Islam als zwei völlig getrennte Religionen

auffaßt, statt den Islam als eine allerdings schroff

differenzierte Konfession des Christentums anzusehen, die

sich von ihm nicht wesentlicher unterscheidet als etwa der

Kalvinismus vom Katholizismus.“ 9 Derlei Überlegungen

lassen zumindest das klare Bewusstsein der historischen

Kontingenz der Religionsentwicklung im institutionellen

und anthropologischen Sinne sehen. Die Prozesse, in

denen sich ein, wiederum in sich gespaltenes und um

Glaubenssätze ringendes (Monophysiten, Arianer etc.)

Christentum herausbildete, werden von Dempf in einer

ausgereiften Schrift aus dem Jahr 1972 wieder thematisiert

und in umfangreichen bzw. weitreichenden Überlegungen

dargestellt 10 . In der Einleitung legt der Autor Rechenschaft

über die Geschichte dieser Disziplin, über ihre Methoden

und ihre Ziele ab 11 . Wiederum tritt deutlich sein Interesse

an einer Systematisierung und Schematisierung der

organisierenden Kräfte zutage 12 . Die Religionssoziologie

verfolgt ihm dabei einen ähnlichen Zweck wie die

Wissenssoziologie, mit dem Unterschied, dass in der

Religionssoziologie die die Gruppe konstitutierenden und

verpflichtenden Erkenntnisse unmittelbar ethisch und

politisch relevant werden. Die Wissenssoziologie hingegen

wird Dempf in ihrer „außerordentliche Bedeutung (…..)

für das Verständnis der steigenden Freiheit des Menschen

und seiner eigenen Verantwortung für die Lenkung der

Geschichte“ 13 heraussstreichen.

C ANTHROPOLOGIE

Dempfs „Achsenzeit“ ist die Aufklärung, die er als letztes,

sich naiv selbst deutendes Stadium der Geschichte versteht.

„Die ganze Philosophie war ja neben dem seit der

späten Aufklärung sich durchsetzenden Positivismus

der mechanistischen Naturauffassung nur mehr ein

‚Reich der Phantasie’, das als ein zweites Stadium der

Geistesentwicklung nach der Religion und mit ihr als

überholt galt. Nun hat das gewaltige Wachstum des Baumes

der exakten Wissenschaften zu einer neuen Gesamtlage des

geistigen Lebens geführt.“ 14

Dempf hat, wie man dem Zeugnis der Biographen

entnehmen kann, zunächst auf Drängen seines Vaters

hin Medizin studiert, immerhin einige Semester

(die ihn dann zum „Unterarzt“ während des Zweiten

Weltkrieges qualifizieren sollten). Seine Empfänglichkeit

für die Bedeutung des Biologischen ist auch auf diesem

Hintergrund begreiflich 15 , ganz abgesehen von der

8 Alois Dempf: Theoretische Anthropologie, a.a.O., S.42

9 Alois Dempf: Weltgeschichte als Tat und Gemeinschaft. Eine vergleichende

Kulturphilosophie, Halle (Saale) 1924=Forschungen zur Philosophie und ihrer

Geschichte, hg. von Hans Meyer, Band I

10 Alois Dempf: Religionssoziologie der Christenheit. Zur Typologie christlicher

Gemeinschaftsbildungen, München-Wien 1972

11 ebda., S.7-14

12 s. Schema S.13, ebda.

13 Alois Dempf: Theoretische Anthropologie,a.a.O., S.45

14 Alois Dempf: Die Weltidee, Einsiedeln 1955, S.60f

15 „(…)mit dem genetischen Verstehen der geheimnisvollen Menschennatur

(ist) eine Einbruchsstelle in das uralte Menschenrätsel zu finden“, Alois Dempf:

Kierkegaards Folgen, Leipzig 1935, S.193.Um diese „Einbruchsstelle“ habe sich

vor allem as 19.Jahrhundert bemüht.

Bedeutung, die Dempf in historischer und theoretischer

Hinsicht besonders dem französischen Vitalismus in seiner

Funktion als nostalgische Reaktion auf das Scheitern der

Aufklärung und des Systems in der Philosophie zuweist.

Neben der Erkenntnis des historischen Bewusstseins

bzw. als Korrelat zu ihr, ist also nach Dempf die neue

philosophische Aufgabe in der Synthese zweier bisher

disparat gebliebener Linien des Denkens zu sehen,

nämlich in der Verbindung von Individuation und

Spezifikation 16 . In der Lösung dieser Aufgabe hat Dempf

einen bemerkenswert originellen Schreibstil „erfunden“,

der ähnliche Lösungsansätze, wie beispielsweise diejenigen

von Gehlen, Plessner oder auch Spengler, Toynbee oder des

von ihm geschätzten Borkenau poetisch überbietet:

„..der Stehfuß, die Arbeitshand und der Redemund sind

Organe der Geistseele. Der innere Organisationsgrund

ist nicht eine selbständige zweite Natur, auch er steht

nur als Organisationszentrum im Dienste der Geistseele.

Der Gemeinsinn ist das Auszeugemittel als plastisches

Funktionszentrum.“ 17 . In seiner Schrift „Theoretische

Anthropologie“ entwirft die Koordinaten für eine

zukünftige Wissenschaft vom Menschen, zu denen er

sinnenfällige Figuren zeichnet, wie beispielsweise die

Figur I, die „Umwelt“, „Innenwelt“ und „Organisation“ in

einer Zusammenschau von Üxküll und Haecker vereinigt,

wobei unter „Organisation“ die merkwürdige Begriffsreihe:

Werkzeuge Merkzeuge Lebzeuge 18 zu finden ist. Diese

Zeug-Klassen lassen durchaus an Heidegger denken. Aus

den Zuweisungen höherer Kompetenzen an die Zellnatur,

die Dempf, nach Johannes Müller und Joseph von

Görres, als „Autonom“, als „ein selbständiges Zentrum“

anerkennt 19 , folgert er eine Reihe von Forderungen an

die Philosophie. „Der biologische Organisationsbegriff

ist vertieft worden durch die Lebensplanforschung. Die

Menschenart ist bestimmt durch die Zusammengehörigkeit

von Denkvermögen, Ichbewusstsein und Welthaben. 20

Etwas ernüchtert allerdings durch die Vorstellung, wie und

ob denn in der institutionellen und gemeinschaftlichen

Produktion von Wissen diese Synthese durchgeführt

werden könnte, setzt Dempf hinzu: „(..) aber der

Monstrekongreß der Philosophen kann nicht noch durch

einen Übermonstrekongreß aller Forscher überboten

werden.“ 21 Die Entwicklung des historischen Bewusstseins

legt Dempf also parallel zum Scheitern der Aufklärung

an, gewissermaßen als ihren eigenen Trauer- oder auch

Bereinigungsaspekt, welcher zugleich die schwerste

Krise der Philosophie auf Dauer gestellt habe 22 . Wo die

Gewißheit der philosophischen reinen Prinzipien verloren

war, wucherte sozusagen der Baum des historischen

Bewusstseins in seinen vielfältigen Verzweigungen, welches

Geäst erst in der „morphologischen Anthropologie“ 23 zur

Erkenntnispflege kommt. Es war also für Dempf dieses

überdifferenzierte Wachstum, die „spezialwissenschaftliche

Krisis der Menschenlehre im 19.Jahrhundert“ 24 ,

deren Folgen zu tragen und durch die Philosophische

Anthropologie zu kompensieren sind. Die geforderte

Vereinigung der Philosophie mit der Biologie und der

Wissenschaft der sinnlichen Organisation, die ihn in Gestalt

der Lehren von Helmholtz und Wundt großen Eindruck

gemacht haben 25 , lässt er also erst in dem Moment zu, in

dem der „dogmatische Schlummer“ bereits beendet ist,

d.h. in dem Augenblick, der dann genau die Geburtstunde

der Philosophie als Theoretische Anthropologie ist, und

zwar aus dem Grunde, daß die immer nur impliziten

Erstannahmen der Metaphysik als Weltanschauung

kritisch durchforstet und durchschaut werden müssen.

Das bedeutet, dass die Philosophie des historischen

Bewusstseins sich nicht nur mit den „Naturwissenschaften

vom Menschen“ zu hybridisieren, sondern über die

Integration dessen, was im weitesten Sinne Mythos

und Religion heißt, über die impliziten Menschenbilder

(„transzendentale Poetik“ 26 ) zu verständigen hat.

„Das ist also die entscheidende erkenntnistheoretische

Vorfrage einer jeden Wissenschaftstheorie überhaupt.

Wie weit ist…unser vermeintlich rein positives,

mathematisch-physikalisches Denken anthropomorph?

Können wir unseren Schatten überspringen? Können wir

unsere eigene Sinnes- und Geistorganisation verstehen,

unsere biologisch bedingte Orientierung in der Welt

und unter den Mitmenschen und Lebewesen, unter

Gebrauchsgegenständen und unbelebten Dingen vielleicht

16 Alois Dempf: Die Einheit der Wissenschaft=Urban-Bücher, hg.von Fritz

Ernst und Karl Gutbrod, Nr.18, Stuttgart 1955, S.38, siehe auch S.39-42

17 ebda., S.122

18 Alois Dempf: Theoretische Anthropologie, Bern 1950, S.79

19 Alois Dempf: Die Weltidee, a.a.O., S.46

20 Alois Dempf: Die Einheit der Wissenschaft, a.a.O., S.124

21 ebda., S.117

22 ebda., S.169

23 ebda., S.175

24 Alois Dempf: Theoretische Anthropologie, a.a.O., S.15

25 Alois Dempf: Die Weltidee, a.a.O., S.17

26 „Diese transzendentale Poetik zielt auf die Kulturheroen, wie Prometheus,

und auf die Religionsstifter, nicht als Gesetzgeber, sondern als Schöpfer von

Weltanschauungen.“ Alois Dempf: Die Weltidee, a.a.O., S.69

vergleichsweise der lebensgesetzlichen Orientierung der

Tiere in ihrer Umwelt unserer Forschung unterstellen?“ 27

In der Beantwortung dieser Frage kam Dempf zu

Formulierungen, die der nicht nur geneigte oder nicht

kundige Leser ihm leicht als gläubige Naivität auszulegen

könnte: „Die Religion ist viel philosophischer als die

Philosophie. Sie allein hat ein Gesamtbild der ganzen

Wirklichkeit und des ganzen Lebens und vermag vor allem

den ganzen Menschen zu erfassen.“ 28 Die Weltbilder

aber seien in ihrer Abhängigkeit von metaphysischen

Vorentscheidungen zu erkennen, die ihrerseits die

unausgesprochenen Menschenbilder verdecken 29 . Daher

kommt der Religion gegenüber den lebensweltlich

orientierten Disziplinen eine wichtige Funktion zu. Die

integrative Verbindung, die die theoretische Anthropologie

als philosophische Disziplin sowohl zur Biologie und zur

Lehre von der Welthabe durch die Sinnesorganisation

als auch zu den Religionen herstellt, sichert sie

gewissermaßen vor der doppelten Gefahr in den Rückfall

des „dogmatischen Schlummers“. Dem Thema dieser

neuen Wissensorganisation ist Dempfs Schrift „Selbstkritik

der Philosophie“ gewidmet. Die Philosophie verwandelt

sich auf dem Boden einer doppelten, integrativen Kritik in

eine Philosophiegeschichtsschreibung, die anthropologisch

vergleichend verfährt.

Dempf hat als junger Dozent nicht nur in Bonn Max

Scheler gehört, sondern auch dessen Thesen zur

Wissenssoziologie weiter zu entwickeln versucht. Er hat die

Thesen Schelers mit denjenigen Webers zu vereinbaren

beabsichtigt, welcher ihm auch als Religionssoziologe galt 30 .

Wohl auch im Stil der Zeit hat er sich der Frage zugewandt,

wie und mit welchen Mitteln sich unterschiedliche

Gruppen („Werkgemeinschaft“) unterschiedlichen Zielen

unterstellen. In diesem Sinne findet er wesentlich zu dem,

was man als Ideologiekritik 31 und Weltanschauungskritik

bezeichnet. Als Leitfaden der Untersuchung für die

Orientierung historischer Epochen und politischer Gruppen

dient ihm – darin sind seine Analysen wegweisend für

die heute sich zunehmend ins Zentrum des Interesses

schiebende Kunstanthropologie – die Auseinandersetzung

mit künstlerischen Zeugnissen. Dempf schreibt: „So

hat die Kunstgeschichte, in diesem philosophischen

Sinn verstanden, die Hauptlast der Kulturgeschichte und

der Geschichtsphilosophie zu tragen.“ 32 Auch wenn die

Durchführung vollkommen anders ausfällt, so schwebt

doch Dempf, darin Foucault ähnlich, eine Aufschlüsselung

der Institutionen über die Mittel ihrer Repräsentation vor 33 ,

die er allerdings als Ausdruck schöpferischer Intelligenzen,

als Ausdruck der historischen Vernunft setzt. Die

Institutionenlehre ist geknüpft an die Ikonologie, an die

Bilderwelt, die „Bildungsmacht“ wird 34 .

Dempf hat in hohem Alter noch an einer Synthese

seines anthropologischen Konzeptes gearbeitet. Seiner

Vorgabe, man habe sich in einen Horizont von mindestens

fünftausend Jahren zu bewegen, hat er sich weiterhin

verpflichtet, auch wenn die fortschreitende Zeit ihm neue

Aufgaben, neue Autoren, neue Blickwinkel erschloß. Das

Monument einer „Problemgeschichtlichen Synthese“

unter dem einfachen Systemtitel „Metaphysik“ wurde

erst posthum veröffentlicht, nach einer Redaktion und

Ergänzung des Manuskripts durch seine Frau Christa

Dempf-Dulckeit 35 . Es beginnt natürlich auch diese Schrift

mit den antiken Weltlehren und bezieht, in der Krümmung

extrem weiter argumentativer Bögen, schließlich etwa

die neuesten Erkenntnisse der Physik – die Thesen Ilya

Prigogines – ein. An diesem Werk lässt sich noch einmal

ablesen, was es bedeutet, auf sich zu nehmen, das Feld der

historischen Vernunft zu beackern. Es wird nämlich immer

größer, während man noch ackert.

27 Alois Dempf: Theoretische Anthropologie, a.a.O., S.17

28 Alois Dempf: Religionsphilosophie, Wien 1937, S. 9

29 Alois Dempf: Theoretische Anthropologie, a.a.O., S.18

30 „Wenn zu Anfang unseres Jahrhunderts dem historischen Materialismus

eine höhere Auffassung gegenübergestellt werden sollte, musste sie selber

von der Wirtschaftslehre ausgehen und Geist, Sittlichkeit und Religion mitten

im Kampf der Lebensmächte zeigen. Nur ein Wirtschaftshistoriker konnte

diese Aufgabe erfüllen, der zugleich den ganzen Stoff der Religionsgeschichte

beherrschte und noch dazu die gewaltige zusammenschauende Kraft besaß,

alle Konstellationen der Kulturgeschichte zu überblicken, Max Weber.“ Alois

Dempf: Religionsphilosophie, a.a.O., S.26

31 s. dazu : Alois Dempf: Staatsphilosophie in Spanien, Salzburg 1937,

besonders die Einleitung, in der er der Ideologiekritik die Methodenkritik zur

Seite stellt, S.9f; ebenfalls: Theoretische Anthropologie, a.a.O., S.217-219

32 Alois Dempf: Die unsichtbare Bilderwelt,a.a.O.,S.19

33 „Das ist die methodische Aufgabe, Verbindung von Institutionenlehre und

Ikonologie. Das ist mehr als das, was man gewöhnlich Soziologie der Kunst

nennt (…)“ Alois Dempf: Unsichtbare Bilderwelt, a.a.O., S.23

34 ebda., S.22

35 Alois Dempf: Metaphysik. Versuch einer problemgeschichtlichen Synthese,

in Zusammenarbeit mit Christa Dempf-Dulckeit=Elementa .Schriften zur Philosophie

und ihrer Problemgeschichte, hg.von Rudolph Berlinger und Wiebke

Schrader, Band XXXVIII, Amsterdam 1986


Nr. 19/2008 Buch VII - LITERATUR

ST/A/R 47

Auszug aus:

„AN DEM TAG, ALS ICH MEINE FRISEUSE

KÜSSTE, SIND VIELE VÖGEL GESTORBEN“

von Josef Kleindienst

11556.

Krieg war ausgebrochen.

Ein ganzes Kommando Slowaken war in

der Nacht über die Grenzen gekommen,

hatte Dörfer niedergebrannt und war

dann wieder nach Hause gegangen. Der

slowakische Präsident entschuldigte sich für

diesen bedauerlichen Vorfall und versprach

Wiedergutmachung.

Aber noch in derselben Stunde waren die

Unsrigen ausgerückt und legten Bratislava in

Schutt und Asche. Mir war das egal. Bratislava

gefiel mir nicht sonderlich.

11556

Wieder nichts. Ich spucke aus dem Fenster

und habe wieder nicht getroffen. Ich bin

erschüttert.

115559

Ich gebe mir eine Spritze und verspüre eine

angenehme Entspannung.

11558

Ich gebe mir noch eine Spritze und kratze

mich am Ohr.

115556

Eine Kleine Nachtmusik erklingt aus dem

Radio. Ich bin gerührt.

2004

Zwei Tage hat das Telefon nicht geläutet. Ich

bin verzweifelt. Hat mich die Welt vergessen?

22089

Heute bin ich aufgewacht und habe mir

gedacht, ich muss dieser Welt den Krieg

erklären mit allen mir zur Verfügung

stehenden Mittel. Ich schaue aus dem Fenster

und spucke. Ergebnis egal.

Ich ziehe mich zurück und warte noch zwei

Tage auf einen Anruf.

Dann klingelt das Telefon, ich gehe aber nicht

ran.

Erst nach weiteren zwei Anrufen hebe ich ab.

„Hallo, wer da?“ „Ich bin es Santa Claus.“

„Santa Claus, wie nett, dass du an mich

denkst, du meine Santa Claus, du.“ Mit Santa

Claus habe ich eine innige Verbundenheit.

Ich hatte sie einmal getroffen und sofort

gewusst, dass ich eine Seelenverwandte

gefunden habe. Santa Claus hat das nicht

so gesehen. Aber ich habe sie so lange

terrorisiert, bis sie das eingesehen hat. Jetzt

sind wir glücklich. Santa Claus ruft mich alle

2 Monate einmal an. Und ich rufe sie einmal

im Monat an und erkläre ihr immer, wie gern

ich Sex mit ihr hätte.

Aber sie hat genug Sex, klärt sie mich jedes

Mal auf. Auch schön.

114432

Heute ist mein Tag. Ich laufe in die Trafik

und kaufe mir ein Rubbellos.

11232

Ich brauche auch einen Job, einen verfluchten

Job. U-Bahn-Fahrer dürfen den ganzen Tag

im Kreis fahren und können Pornos lesen.

11222

Transformation. Eine E-Mail hat mich nach

St. Petersburg geschleudert. Hier soll es

Killer zum Saufüttern geben, für 300 Dollar

ist man dabei, wie ich von Vlado erfahre.

Vlado hat mich vom Flughafen abgeholt, mit

einem alten museumsreifen Lada, dessen

Sitze mit hellrotem Plüsch überzogen

waren, und mich, nachdem ich mit seiner

Unterkunft nicht zufrieden war, bei der

Melonenmafia einquartiert. „You know

what is a musserfucker?“ „No idea.“ „Ein

Melonenficker“, hat er gelacht, als er mit

mir den mit Müll überfrachteten Innenhof

eines heruntergekommen Wohnhauses

betrat. Danach stiegen wir das schmale

Stiegenhaus hoch, er zeigte mir mein 7m 2

Zimmer, drückte mir den Schlüssel in

die Hand und meinte noch, ich soll mich

vor der Wohnungseigentümerin, ihrem

Liebhaber, ihrer Tochter, dem Liebhaber ihrer

Tochter und den 8 aserbaidschanischen

Melonenverkäufern, die hier ebenfalls

Quartier bezogen haben, in Acht nehmen.

112701

Bald darauf bin ich von der Melonenmafia

umzingelt. Ich komme mir vor, als hätte

ich eine Kajüte in einem überfüllten

Fischerboot bezogen. Immer wieder

Stimmen, Handyläuten, Getrampel. Ich

betrete die Küche und sehe eine brünette

Frau um die vierzig, offensichtlich die

Wohnungsbesitzerin. Sie lächelt mich

an, als ob ich schon immer da gewohnt

hätte. Sie spricht mit mir. Ich verstehe sie

nicht. Sie spricht nochmals mit mir. Ich

verstehe sie wieder nicht, sage immer nur

„spassiba“ und nicke mit dem Kopf, zeige

auf die Waschmaschine, weil ich meine

Schmutzwäsche waschen möchte, aber sie

zuckt nur mit den Achseln und verlässt den

Raum.

Ich ziehe mich ebenfalls in meinen Raum

zurück und starre auf Putin, der als

Schlüsselanhänger geliftet am Kleiderschrank

baumelt. Bald darauf Getrampel, eine ganze

Herde russischer Elefanten oder so was

Ähnliches muss sich im Nachbarzimmer

niedergelassen haben.

Wände kahl, mein Notebook an die hiesige

Telefonleitung angeschlossen, zwei

Wodkaflaschen am Tisch und irgendwelche

russischen Atommücken, die mich nachts

halb um den Verstand bringen, surren im

Raum umher. Wer hat mir bloß diese Viecher

da geschickt? Der russische Geheimdienst

möchte mich offenbar zermürben, sicherlich

Oberst Scharimenko, dem ich keinen blasen

konnte. Im Hof macht sich eine alte

Frau am Müll zu schaffen, sucht

wohl irgendeinen Computerchip,

der ihr Hungerproblem lösen soll.

Ich würde mir am liebsten Wodka

reinziehen und sonst nichts.

11309

Keine E-Mail, kein Anruf in

den letzten drei Stunden. Im

Nachbarzimmer permanentes

Handyläuten mit allen

möglichen Melodien, ist sicher

schon fünf am Morgen, wer will

jetzt noch Melonen, ich bin am

Ende, das geht jetzt schon die dritte Nacht so.

Plötzlich ein Läuten, am Apparat ein Herr

Dimitrie: „Puschkinskaya, bei den Kommis

um acht“, pfaucht er ins Telefon und legt auf.

12009

Ich verstehe kein Russisch, er kein Deutsch.

Als Erkennungsmerkmal zeigt er mir seine

Narben an den Pulsadern, zweifacher

Selbstmordversuch, und als Draufgabe noch

eine Narbe, die sich über seinen ganzen

rechten Arm erstreckt. Kaukasus. Ich bin

beeindruckt, kann mit nichts Vergleichbarem

entgegenhalten. „Macht nichts“, winkt er ab

und blättert in seinem Wörterbuch.

Ich bestelle Wodka. Er trinkt nur Bier, keinen

Wodka, „no Wodka“, worauf er ausdrücklich

hinweist.

Er ist hinter einem Affen her, hinter einem

Affen, den er kürzlich verloren hat, und

um diesen Affen dreht sich alles, erklärt

er mir. Ich starre ihn an. „Ein Affe hier

in St. Petersburg, ist das nicht zu kalt?“

„Ach was“, wiegelt er ab, „das Tier ist ganz

wintertauglich.“ Er stößt auf mich an und

ich auf seine aufgeschlitzten und nunmehr

verheilten und vernarbten Pulsadern.

„You want?”„No I stopped“, lehne ich sein

Zigarettenangebot ab. „Nicht möglich, hier in

Russland.“

1288

Okay, das Geschäft läuft, das Affengeschäft.

Permanenter Autolärm begleitet mich auf

meinem fünfzehnminütigen Heimweg. An

der Kreuzung ein Kriegsinvalide, der auf

einem Bein von einem Lada zum anderen

hopst, in seinen Händen eine kleine rote

Schüssel, in die von Zeit zu Zeit ein paar

Rubel geworfen werden. In spätestens

zwei Wochen ist er bestimmt an einer

Abgasvergiftung krepiert. Wieder zurück,

rasiert sich gerade ein Melonenverkäufer.

Keine schlechte Idee, denke ich mir und lasse

mich erschöpft auf mein Bett fallen.

23232

Die Melonenverkäufer umkreisen mich.

Wenn ich die Küche betrete, sprechen sie

allesamt gleichzeitig mit mir, offenbar eine

Art Begrüßung. Ich erwidere ein verlegenes

„Spassiba“ nicke aufgeregt und ziehe mich

gleich wieder zurück.

121212

„Da, an dieser Stelle wurde der

Vizebürgermeister von einem

Heckenschützen erschossen. Und dort auf

dem Dach wurde als Andenken an den Killer

ein kleiner Baum gepflanzt.“

1132

Ich steige aus der U-Bahn aus, laufe das

Huun-

Hur-Tu

LIEDER DES WEITEN ASIENS.

Trio Dorchi begeisterte und bannte das Publikum in Berlin

Drei Profis haben sich im Russischen Theater in Berlin mit burjatischen

und mongolischen Lieder präsentiert. Musik und Tanz waren in einer guten

Symbiose und haben viel Spaß und tiefe Erlebnisse für alle Besucher gebracht.

Marina Dorchieva, Mark Gotye und Victor Maximov haben alte burjatische und

mongolische Lieder gefühlvoll gestaltet.

Für die Solistin Dorchieva ist es das erste Konzert in Deutschland. Bisher hat die Profi -

Volksängerin aus Burjatien (Russland) große Erfahrungen in Ihrer Heimat und auch einige

Nominierungen in Großbritannien und der Slowakei.

Für die Besucher, die sich mit der russischen, beziehungsweise burjatischen Geschichte nicht

auskannten, war die Präsentation von Gabriel Schötschel interessant. Er hat die Geschichte

Burjatiens und seiner eigenen Erfahrungen in diesem magischen Land mitgeteilt.

Frühe Zeitzeugen Burjatiens sind die im 13 Jahrhundert geschriebenen Texte in „der Geheimen

Geschichte der Mongolen“. Zu dieser Zeit gab’s noch mehr andere Stämme in diesem Teil der

Welt.

Die Burjaten sind fest mit dem größten See der Welt - dem Baikal verbunden.

Er war den Leuten heilig und keiner durfte in ihm baden.

Die Bühne selber war nicht nur ein Hintergrund des Konzertes, sondern ein Teil exotischer Tradition

der Burjaten. Mann konnte typische burjatische Kostüme genießen.

Die Mitglieder des „Dorchi“ Ensembles waren traditionell kostümiert.

Mimik, Gestik und Gesang waren die Stärken von M. Dorchieva, die mit ihrer schönen Stimme

die Herzen des Publikums eroberte. Sie hat nicht nur mit ihren Liedern, sondern auch mit dem

Tanz die Liebesgeschichte der Burjaten und Mongolen erzählt. Die beide Völker haben eine

lange gemeinsame Tradition, die tiefe mit ihrer Naturwelt verwurzelt ist.

Mit vielen verschiedenen Instrumenten hat der Schlagzeuger Mark Gotye in seinem schwungvollen

Spiel den magischen Bezug zur Natur hergestellt. Es gabt nicht nur die üblichen Schlagzeuginstrumente,

sondern er experimentierte gekonnt mit Klanginstallationen aus Wasser, Holz,

Metall, Wind und anderen Elementen, was im Zuschauerraum zu einer konzentrierten Stille,

selbst bei den Kindern, führte.

Mit überzeugender Virtuosität spielte der Gitarist Victor Maximov, mit verführerischer Energie

der die Lieder nicht nur begleitete, sondern auch einige Solos zum Besten gab.

Dieses Programm ist wirklich ein gelungenes Erlebnis.

Trio „Dorchi“ bereitet eine Reihe von Konzerten in Deutschland vor.

Ich kann dieses Konzerterlebnis wärmstens empfehlen.

Bald wird das Trio eine CD mit burjatischen und mongolischer Lieder auf dem Markt präsentieren.

Evelina Awramowa

Labyrinth entlang, Gänge, die nicht enden

wollen und Menschenmassen, die mir

meinen Atem nehmen und wo ist das Ziel

und überhaupt: Was ist das jetzt für ein Spiel?

Okay, Stopp, seid ihr jetzt alle verrückt, so

wird das nichts.

1556

Agenten abgeschüttelt und St. Petersburg

ohne Feindberührung verlassen.

11009

Wien.

Keine Meldung. Ruhe. Absolute Ruhe.

Ungewöhnlich.

1130

Ich beginne mich am Unterschenkel zu

kratzen. Keine Ahnung, was das zu bedeuten

hat. Draußen ist es dunkel. Ab und zu

ein Blinken in der gegenüberliegenden

Wohnung.

1135

Draußen regnet es. Herbst kommt und

wieder acht Monate keine Sonne. Zehn Jahre

in dieser Scheißstadt und nie Sonne. „Die

Stadt hat mich kaputtgemacht“, sage ich zu

meinem Gegenüber. Gegenüber: „Irrtum, du

warst schon vorher fertig. Ein Wrack, als du

die Stadt betreten hast.“ „Toll“, sage ich ihr,

„toll, dass du mir immer solche Komplimente

machen musst. I love you” Und sie zu mir:

„Spinner.“


48 ST/A/R

Buch VII - LITERATUR Nr. 19/2008

L.A. Potential

ALTERNDE DICHTER

Stetem Verebben von Leben

müssen auch sie sich ergeben.

Was sie tun, hat Hand und Fuß,

doch kennt man es zum Überdruß.

Man giert nach Leichtsinn junger Wesen,

haßt, was einst Vernunft gewesen.

Ihrem angespannten Geistesbogen

werden Juxrevolver vorgezogen.

Ihre ausgefeilten Reimereien

müssen Unerprobte ja bespeien.

Also donnert es an allen Fronten,

deren Nahen sie nur ahnen konnten.

Dichtung, Bildung, Lebensart

und Aura, die sie schaffen konnten,

zu vergessen, wäre hart.

Doch unermesslich härter ist,

daß alle Welt nun sie vergißt.

Wen wundert´s, daß sie störrisch sind,

KünstlerInnen:

Allison Cortson

David Deany

Bart Exposito

Elisa Johns

Raffi Kalenderian

Jasmine Little

Allison Schulnik

Jacob Tillman

Eric Yahnker

Kuratorin: Lioba Reddeker

EDITION 11 · LOS ANGELES

Ausstellung:

20. September bis 9. November 2008 · täglich von 09.00 - 22.00 Uhr · Hangar-7 · Salzburg Airport · Wilhelm-Spazier-Str. 7A

Weitere Informationen:

www.hangar-7.com · hangart-7@hangar-7.com · T: +43/(0)662/2197 · F: +43/(0)662/2197-3709 · www.basis-wien.at

aus Furcht, daß sie nun Abfall sind...

Okay, sie zanken int´ressant,

und mancher Schwärmer kommt gerannt,

sie zu bewundern wie ein Kind.

Doch meistens sind sie weder Vater

noch ein günstiger Berater.

Selbst die reifere Vernunft

vermischt sich ewig noch mit Brunft,

und diese wird die Jungen lehren,

alte Dichter nicht zu ehren.

Soviel nur zu „Hand und Fuß“.

Man kennt das ja zum

HÄSSLICHES ERWACHEN

Ein versauter Morgen graut.

Du drehst dich wie am Grill im Bett.

Der schlimme Abend gestern haut

dich heut erst richtig vom Parkett.

Du rülpst ins dreckige WC,

„Mich wirst du nicht verbraten, Welt.“

Du pißt und denkst: „Wie wenig Menschen

gibt es doch, auf die ich steh.“

Man sieht dich in verhatschten Patschen

struppig nach der Küche latschen.

Monolog am Küchenhocker.

Kotzen vor dem ersten Mokka.

Ein paar Schlucke kriegst du runter.

Igel tollen in den Eingeweiden.

Doch das macht auch wieder munter.

Leidend magst du dich ja leiden.

Ißt du einen Gabelbissen,

plustern diese Igel sich.

Im Magen stechen dich Hornissen.

Auch die Milch kriegt einen Stich.

L.A. Potential

Und doch: Es freut dich, nicht in einem

unbekannten Zimmer zu erwachen.

Im Spital, der Einzelzelle, deinem

Auto oder neben einem Drachen.

Du rülpst ins dreckige WC,

„Nicht viele gibt´s, auf die ich steh.“

Der Umkehrschluß entfällt bescheiden:

Dich mag auch nur einer leiden.

Christian Schreibmüller

supported by

W ien

Kultur


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch VIII - AUTOSTAR ST/A/R 49

David Staretz

schreibt, redigiert und fotografiert den Auto-ST/A/R


50 ST/A/R Buch VIII - AUTOSTAR Nr. 19/2008

Nr. 19/2008 Buch VIII - AUTOSTAR

ST/A/R 51

Mit der Corvette bis ans Ende der Alten Welt

GO WEST ...

ABER SETZ DIR WAS AUF!

Wir richteten die Motorhaube der gelben Corvette Z06

exakt nach Westen aus und ließen uns dreitausend

Kilometer lang nicht davon abbringen. Dort, wo es nicht

mehr weiterging, warfen wir neun Rosen in den Atlantik.

Gruß nach Detroit!

TEXT UND FOTOS: DAVID STARETZ

Cabo da Roca, das ist die Nasenspitze der iberischen

Halbinsel, also der utmost western point of Europe,

der Amerika nächstliegende Punkt des Alten

Kontinents – der etwa so weit entfernt ist, wie wir dort

hin angereist sind: 3300 Kilometer.

Wir fuhren eine Nacht, einen Tag, eine Nacht und noch

einen halben Tag – mit Schlafpausen in den Sitzen, mit

Kaffee zu Merinque-Pudeln aus einer Konditorei in Monte

Carlo, mit (xy) Tankstopps, Kurzpausen und ein wenig

Sightseeing am Rande der Route. Einmal ins salzige

Meer gehüpft, klebrig empfunden. Dann drehten wir das

Auto um und fuhren alles wieder zurück. Einen halben

Tag und eine (unfreiwillige) Nacht verbrachten wir in Lissabon.

Wir benötigten yx Liter Benzin, zahlten dafür yx Euro,

und für sämtliche Mautgebühren von Wien über Udine,

Mailand, Genua, Monte Carlo, Toulouse, Saragoza, Madrid

und Lissabon bis Cabo de Roca und wieder zurück

löhnten wir yx Euro. Nur das Parkhaus in Monte Carlo

war generöserweise umsonst.

Das Auto.

Die Corvette Z06, General Motors schnellstes Serienmodell

aller Zeiten, gilt als ziviler Ableger der Rennversion

C6.R. Der Wagen ist verhältnismäßig leicht (dank Abräumen

von 40 kg gegenüber der Normalversion mittels

Einsatz von Aluminium und Carbon, sowie durch Verzicht

auf elektrische Beifahrer-Sitzverstellung und massives

Dichtmaterial), wiegt demnach 1420 kg, was ihm

dank der 512 PS aus dem Siebenliter-V8 “Small Block”

zu einem Leistungsgewicht von 2,77 kg pro PS verhilft,

was zu einer möglichen Beschleunigung von unter vier

Sekunden auf Tempo 100 und einer Höchstgeschwindigkeit

jenseits der 300-km/h-Marke verhilft.

Wir verachteten jegliche Verzärtelung durch E-Automatik

und bestanden auf handfester Sechsgang-Schaltung.

(Um dabei aufrichtig zu bleiben: Man kann erstaunlich

lange schaltfaul im sechsten Gang fahren).

Dem Verzicht auf mollige Schalldämmung kann man

auch Positives abgewinnen, wie wir der Pressemappe entnehmen:

“Das Schalldämmpaket wurde zur Gewichtsreduzierung

überarbeitet und ermöglicht nun eine bessere

Überwachung der Antriebsstranggeräusche”.

Der Wagen besaß außer der speziellen, rennnahen Antriebskonfiguration,

der hinten verbreiterten Karosserie

mit Heckspoiler, den Luftauslässen plus markanter Lufthutze

im Bug, noch die aufwendig hochglanzpolierten

2.000-Euro-Zehn-Speichen-Felgen (vorne 18, hinten 19

Zoll). Ideale Geschmeide, um die Goodyear Extended

Mobility Runflat Reifen der Dimensionen 275/35ZR18

bzw. 325/30ZR19 aufzuziehen. Dazu gleich eine Kritik

von unterwegs: Regenreifen sind dies gewiss nicht.

Für die lange Fahrt gönnten wir uns noch das unverzichtbare

Navigationssystem, dem wir die gute Note 2

verleihen würden, sowie komplette Lederausstattung,

samt Kopfstützen (bestickt mit gekreuzten Konföderierten-Flaggen,

verzichtbar), sowie der eleganten Konsolenverkleidung

um 3.890 Euro. Was sein muss, muss sein.

Gesamtpreis demnach: 96.430 Euro.

Die Beifahrerin.

Eine heikle Wahl. Es sollte jemand sein, die keine zickigen

Ansprüche stellt, wenn es darum geht, vierzig oder

mehr Stunden im Auto zu verbringen, auch wenn sie ihre

erstaunlichen Beine nie ganz ausstrecken würde können.

Sie sollte immer gut gelaunt sein, sich dann und wann an

den Fahrer schmiegen, so es Verkehrssituation und Mittelkonsole

erlauben, sie sollte mit aktuellem Klatsch und

ähnlich leichter Plauderei aufwarten können, von mir aus

auch das Libretto von Boris Godunov oder Eugen Onegin

nacherzählen, aber sie sollte keinesfalls in gefährliche

Beziehungskillerphrasen wie “Sind wir bald da?” und

“Es zieht, da kriege ich mein Kopfweh” oder “Fahr nicht

immer so schnell” verfallen. Sie sollte schminkfest bis

Tempo 180 sein. Erst da zeigt sich die wahre Kunst des

Nagellackauftragens.

Da blieb mir nur eine Wahl: Viktoriya, gebürtig aus Sibirien,

ein Kind der Kälte, das die behaglich raunende Wärme

der russischen Seele in sich birgt und doch deutlich

mehr vorzuweisen hat als die Vorzüge innerer Schönheit.

Stellen Sie sich vor: Eine junge Frau, die immer gut gelaunt

ist und immer gut aussieht. Darunter sollte man es

nicht geben. (Ihre einzige Extravaganz: Meringue-Pudel

aus ihrer Lieblings-Confiserie in Monte Carlo.)

Die Nacht.

Fahren bei Nacht, weite Entfernungen im Lichtkegel zu

schnüren, während die Kanzel von diesen grüngedimmten

Instrumenten erwärmt ist, und ein kleiner Radiosender

spielt eigenartige Orgelmusik oder jemand liest

katalanische Gedichte oder es rauscht einfach nur dieses

Grundklangmuster aus Fahrtwind, Reifenrollen, Motorklang

und zu überwachenden Antriebsstranggeräuschen

– in dieser Stimmung fühlt man sich im Reisen aufgehoben

wie in einem gesicherten Aggregatszustand des

Unterwegsseins als harmonisches Maß für Zwei. Wie

bestätigende Werte schlagen die Querfugen durch, ruhig

stehen die Instrumentennadeln, und die roten Lampen

anderer Nachtpiloten wirken wie verlässliche Positionslichter

auf der Ostfahrt, bis vor uns der Morgen dämmert

in ungewissem Licht, fahle Sterne und ein lichter Mond

versinken hinter scharfgeschnittenen Wolkenkanten,

den verheißungsvollen Kartografien unbekannter Kontinente.

Manchmal birgt die Nacht auch Schrecknisse von alptraumhafter

Qualität: Zwischen Saragoza und Madrid

führt die Strecke so lange so brutal und kurvenreich bergab,

dass man meint, man müsse einen Kraterschlund

unter Meeresspiegel ansteuern. Und alles, was Räder

hatte, schien polternd in einen Malstrom zu Tale zu stürzen:

Lastwägen, Lieferwägen, wildes Geschepper und

Luftdruckgepfeife, unterfangen vom hohlen Dröhnen

scheinbar entlaufener Tankwägen. Ich war so müde, so

gelähmt, dass ich es etliche Kilometer lang nicht schaffte,

an einem apokalyptischen Betonmischer vorbeizukommen,

der unaufhaltsam mahlend zu Tal dröhnte mit

gefährlich schwankendem Aufbau. Ich war so gebannt,

konnte einfach nicht überholen, es war mir körperlich

unmöglich. Es war auch undenkbar, dieses einsaugende

Gefälle zu verlassen – wie gesagt, diese Etappe hatte alle

wesentlichen Zutaten eines Alptraumes.

Raststätten.

Je weiter man nach Oste

kommt, Italien, Frankreich,

Spanien, Portugal, desto

armseliger, desto einladender

werden die

Raststätten. Es geht

nicht mehr um

die organisierte

Abzocke angeschwemmten

Autofahrermülls,

sondern

um Labung, Trost

und Ruhe für die

weither gekommenen,

auch wenn

sie nur im nächsten

Dorf beheimatet sind –

von ungewisser Herkunft

stammen wir alle, und einen

starken Kaffee, ein kräftig

befülltes Weißbrot benötigen wir.

Manche Raststätten sind so liebevoll

eingerichtet, mit Garten und Springbrunnen,

mit Aquarien und Autoreifen-Schwingschaukeln, mit

archaischen Tischfußballgeräten und scheppernden

Musikboxen, dass man gleich ein paar Tage hier bleiben

möchte.

Nur mit dem Tanken bin ich unzufrieden: irgendeine

Vorschrift, und offenbar steckt nicht einmal die EU dahinter,

verbietet es, Zapfhähne mit Einrastvorrichtung

zu versehen, so dass man genötigt ist, die ganze Zeit am

Hebel zu drücken. Natürlich lässt sich gerade in diesen

Fällen kein Tankwart blicken, der sich ein wenig Trinkgeld

verdienen möchte. Aber das vertieft eben die Fahrer-

Auto-Beziehung. Immerhin sind hier die Toiletten frei

zur Benützung und gar nicht einmal so schmutzig wie

einst.

Das Fahren.

Gleich vorangeschickt die Sensation: Wir benötigten

nicht mehr als 10,2 Liter Superbenzin (98 Oktan) im

Gesamtschnitt. Dies rührte von einer äußerst besonnene

Fahrweise. Erst nach rund zweitausend Kilometern gepflegten

Gleitens fiel mir ein, dass ich bisher noch nie die

512 PS entfesselt hatte. Ein tritt aufs Pedal machte sofort

klar: Hier werden die guten alten Hinterräder angetrieben,

und sie wollen als erste durchs Ziel. Hochmoderne

Fahrwerkselektronik legte dem einige Riegel vor, aber die

Absicht kam deutlich durch bis ins Lenkrad. Der Wagen

explodiert förmlich unter den Pedalen. Die berühmte auf

das Dashboard geklebte Hundert-Dollar-Note (die der

massenträg in den Sitz gedrückte Beifahrer natürlich nie

erreicht) wäre hier erstmals in Gefahr: Sie könnte sich

aus der Verklebung reißen und dem Beifahrer in den

Schoß fallen.

Die Sitzposition ist phantastisch, beide Ellbogen finden

solide Auflage, aber die volle Lenkfreiheit ist bei Bedarf

sofort gegeben. Anders als einst ist die Lenkung ziemlich

direkt ausgelegt, der Straßenkontakt ist besser, als einem

manchmal lieb ist, zumal schlechte Straßenqualität

manchmal erstaunlich durchschlägt. Zum gut Aufgehobensein

zählt auch das Exterieur: Die beiden Radkastenwammen

stehen seitlich sichernd hoch wie Sofalehnen.

(Niemand hat verlangt, dass der Wagen übersichtlich

sein möge, wiewohl man schnelle lernt, kratzerfrei durch

Monacos gefürchtete Parkhäuser zu manövrieren.)

Das Verhältnis zwischen Drehzahlmesser und Tachometer

ist einfach:

1.000 Touren – Tempo 80.

2.000 Touren – Tempo 160.

3.000 Touren - ich habe es natürlich ausprobiert im

Dienste der Wissenschaft – das Verhältnis stimmt abermals:

240. Die 4.000er-Marke war allerdings nur mehr

theoretisch zu schaffen – dort, wo sich die Parallelen

schneiden.

Die Klimaanlage ist ok, auch wenn Fahrer und Beifahrer

ein paar Grade auseinanderliegen. Irgendwann findet

man eine leidlich zugfreie Einstellung. Heiß wurde nur

der Griff zum Kugelschreiber: Die Schatulle in der Mittelkonsole

(zugleich Armablage) entwickelte erschreckende

Temperaturen. Selbst die Cupholderböden erhitzten sich

dramatisch. Gut für Kaffee, schlecht für Kaltgetränke und

für unsere neun Rosen (“Belle de Salamanca”), die wir

in einem Cocktailshaker mitführten. Aber sie hielten die

Fahrt tapfer durch, dufteten in voller Pracht bis hin zu ihrem

Bestimmungsort, wo wir die den Wellen des Atlantik

übergaben: Roses to America.

GO WEST

Das Ohr am

Lied der Straße.

Manchmal sang

der Asphalt

so allerliebst,

als

wären

die Sirenen

hinter

Weiter gings nicht mehr

Odysseus her.

Wesentlich harscher

dagegen ist der Klang

der weißen Begrenzungsstreifen, die

klugerweise als akustische Marker ausgeführt sind. Ich

konnte diesen Sound gut als Untermalung zu Enigma

einsetzen, das wir versehentlich mitgenommen und einmal

pflichtschuldig abgespielt hatten, um auch ein wenig

Kitsch in die Reise zu bringen. Lieber hörten wir Regina

Spektor, die junge Russin in New York, aber bloß nicht

zu oft, um uns nicht zu übersättigen. Go West von den

Pet Shop Boys hatte ich eher kuriositätshalber gekauft,

nach zwei Nummern machten wir der Sache ein gnädiges

Ende. Besser aber tödlich einschläfernd: Bruce Cockburn

(The Charity of Night). Erhellend: Best of BB (Brigitte

Bardot). Wie Marilyn Monroe ist sie als Sängerin völlig

unterschätzt. Heute würde sie jedes Superstargesuche im

aufblasbaren Saunaanzug gewinnen.

Verkehrsteilnehmer.

So lange man im schnelleren, kräftigeren Auto sitzt, ist

alles leicht, Man kann sich jeglicher lästiger Situation,

jeglichem Mittelklassegerangel im engen Kanaltal durch

einen entschiedenen Gasstoß entziehen und sich angenehmere

Gesellschaft suchen.

Es stimmt, die gelbe Corvette holt niedrige Triebe aus

harmlosen Verkehrsteilnehmern, selbst brave Familienväter

in ihren mausgrauen Lagunas haben plötzlich ein

Messer zwischen den Zähnen und von hinten sehe ich geschwollene

Adern im Ausschnitt ihres Rückspiegels. Im

Profil zeichnet sich das scharfzüngige Gezeter der Gattinnen

ab, während die Kinder vor ungeschneuzter Begeisterung

die Heckscheiben verschmieren. Mit schwankenden

Manövern

versuchen die Holiday-Nuvolaris,

das

unvermeidliche abzuwenden.

Selbst

nach dem Überholtwerden

geben

sie nicht auf, versuchen,

angefeuert

von den Kindern,

niedergekreischt von

den Frauen, sich im

Verdienter

Windschatten der

Corvette zu verankern.

Portugal

Tischfussballer in

Selbst in Monte Carlo

erregten wir Interesse

bei redlichen

Familienvätern

– vornehmlich bei

Bauarbeitern und

ähnlich unverbildeten

Kennern wahren

Machismos.

Geflickte Bettwäsche

Begeisterung kann

auch anstrengend in Lissabon

werden: Ein Opel

Corsa fährt mir bei Autobahntempo

fast hinten rein, weil der Fahrer durchs Handy

linst, um eine formatfüllende Aufnahme vom Corvetteheck

zu kriegen. Objects in camera are closer than they

appear! Wohlmeinendes Horngetöse der Überlandtrucks

bläst mich vor Schreck fast von der Straße.

Lissabon

Die Stadt der geflickten Leintücher. Immerhin ist das

auch keine schlechtere Art, Lissabon zu charakterisieren,

und wo in Hotels noch Leintücher kunstfertig gestickt

und geflickt werden, dort steige man günstig, sauber und

etwas scheel betrachtet ab. Zum Ausgleich funktioniert

der Fernseher nicht und die Bücher sind im Auto, das

wir vergessen haben, rechtzeitig aus der bewachten Parklücke

zu holen. Jetzt ist das Gitter vor und deshalb haben

wir überhaupt das Hotelzimmer genommen, allerdings

ohne Gepäck, deshalb die misstrauischen Nachtportier-

Blicke.

Die Corvette hat sich ohnehin einen Ruhetag verdient.

Eines der schönsten und sakralsten Bauwerke von Lissabon

ist der Bahnhof, eine Kathedrale des Reisens, elegant,

verheißungsvoll in seiner befreienden Perspektive,

wohin der Zug das Häusliche der riesigen glasgedeckten

Halle verlässt, hinaus zu fremden Zielen und gepflegten

Abenteuern. Lissabon ist überhaupt eine Stadt in 3D, mit

vielen Blickwinkeln und Niveauunterschieden, die auf

verschiedenste Art bewältigt werden, durch Stadtaufzüge

Patent Eiffel oder die Linie E28, die berühmte Straßenbahnstrecke

durch Alfama und Barrio Alto.

Auch das gehört zu einer Autoreise. Einmal bewußt darauf

zu verzichten, um es dadurch frisch und begehrenswert

zu erhalten.

Portugals Autobahnen sind geradezu vereinsamt, manchmal

freut man sich schon, einen Kleinlaster oder sonst

ein Lebewesen wahrzunehmen. Selbst der Polizei dürfte

der Sprit zu teuer kommen.

Cabo da Roca.

Wie so oft, zählt das Ziel einer Reise zu den uninteressanteren

Darstellern. Der berühmte (so nenn ich ihn

halt) Leuchtturm ist in Reparatur, das Steinkreuz ist mir

zu steinkreuzig, aber diese Selbstmörderklippen, die haben

schon was. Arme Rosen, sie werden sich ihre Köpfchen

brechen. Doch wie von selbst erheben sie sich aus

Viktoriyas Hand und streben, von einer Windbö erfasst,

im hohen Flug nach Westen. Grüßt uns Amerika!

Wir strollen noch eine Weile im Souvenirladen herum

(tolle Kratzpullover um 65 Euro!), erlauschen die Kommentare

leitender Touristenopas (“Seht, der neue Chevy

Chrysler”, nehmen sie bisher undenkbare gewesene Fusionen

vorweg) und spazieren durch den nahegelegenen

Ort, der nicht recht weiß, ob sich aus der Lage nun touristisches

kapital schlagen lässt oder ob man nicht eher eine

Rückseite Europas darstellt. Eine Künstlerin produziert

Leuchtturmmodelle aus Blech, immerhin.

Zuletzt die branchenübliche Anmaßung: Das Restaurant

O Campones in Malvera da Serra ist ein Geheimtipp für

Bacalhau. Wie könnte ich das tatsächlich beurteilen? Der

Nationalfisch war einfach gut und der billige weiße Hauswein

in der Karaffe war genau das, wie man sich einen

schlichten freundlichen unsüßen Weißwein vorstellt:

Gut gekühlte Plauderzunge.

Cabo da Roca, westlichster Punkt

Europas – am Ziel

Souvenirs.

Wir packten ein, was sich (erstaunlicherweise) alles unterbringen

ließ: Zwei Meringue-Hunde, fünf Hüte (rollbarer

Knautschlack), eine Stoffkappe, eine ausgemusterte

Kommode mit zwei Schubladen (Fundstück), ein Original-Stierkampfplakat,

vier Paar Damenschuhe, zwei Paar

Herrenschuhe, zwei gläserne, einen papierener Lampenschirm

(zerknittert), ein Parfumflakon Silber (Gravur

1829), zwei Sommerkleider, etlichen Modeschmuck,

ein paar Damen-Kniestrümpfe im rot-weißen Tintin-

Raketenmuster, einen rostigen Dosendeckel (irgendwie

dekorativ), zwei grundierte, bespannte Malgründe, zwei

Portemonnaies, zwei Mini-Fläschchen Martini rosso, einige

modische Taschen, sechs Schachteln Zündhölzer,

zwei Kerzen, eine Flasche Essig, Hartkäse, zwei Porzellanteller,

drei T-Shirts und zwei dekorative Kugeln unbestimmter

Verwendung.

Nachtrag.

Auszug aus dem PM online Magazin: “Eine 3439 Kilometer

lange Brücke soll die Alte und Neue Welt miteinander

verbinden. Sie steht nicht auf Pfeilern, sondern hängt an

geostationären Satelliten. Auf dem gigantischen Bauwerk

sollen Städte für acht Millionen Menschen entstehen.

Die Transatlantic-Bridge ist eine Utopie, doch auch der

Mondflug schien unerreichbar – und wurde hundert Jahre

nach Jules Vernes visionärem Roman Von der Erde zum

Mond Realität. Deshalb glauben die beiden Designer Michael

Haas und Kai Zirz von der Staatlichen Hochschule

für Gestaltung in Karlsruhe, dass ihre Idee eines Tages

Wirklichkeit wird: eine 3439 Kilometer lange Brücke über

den Atlantik, die Europa und Amerika miteinander verbindet.

... Bei der Aufhängung ihres Megabaus orientieren

sich die beiden Gestalter an US-Plänen für den Bau

eines Fahrstuhls ins All: Dessen Laufseil soll an einem

in 36.000 Kilometer Höhe stationierten Satelliten befestigt

werden, der sozusagen ortsfest über der Erde steht;

genauso könne man die transatlantische Brücke an Satelliten

aufhängen. Nach den Vorstellungen der beiden Visionäre

soll sie in 800 Meter Höhe vom französischen St.

Nazaire nach Bridgeport im US-Staat Connecticut führen

– und wäre das achte Weltwunder. Das Bauwerk erfüllt

nicht nur die Funktion einer transkontinentalen Autoverbindung

– es bildet gleichzeitig das Territorium des

eigenständigen künstlichen Staates TransatlanticNation

mit acht Millionen Bewohnern, deren soziales und politisches

Leben nach ganz neuen Regeln organisiert ist.”

Wenn es dann so weit ist, werden wir wieder die Corvette

aus der Garage holen und diesmal nicht umkehren, nur

weil uns ein Steilufer mit anschließendem Ozean bremst.

Neun Rosen als Gruß nach Detroit


52 ST/A/R

Buch VIII - AUTOSTAR Nr. 19/2008

CORVETTE


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch IX - WARAN ST/A/R 53


Städteplanung / Architektur / Religion Buch IX - WARAN ST/A/R 55

du gibst nie Ruhe gut so

werde gefragt ob und wann und wie und warum und

wie geht´s waran mir gehn die Antworten aus

Saufen wir uns ins Leben zurück

wäre stolz auf dich

sammle schöne Momente

moment die Maschine brennt

Gruzifix wieder nix Auf bald

was Rudi nicht lernt lernt Rudolf immer noch hab keine lust

ihr stellt mir nur meine Zeit das AMs hat mir ein Hausboot in

Amsterdam zugesichert

Heidulf wir wissen das du Strapse trägst

zugedröhnt hat sie gestöhnt aus der Traum vom Fliegen

ohne Strom gehts auch dann schaun wir halt bei Kerzenlicht fern

mir egal denk doch was du willst Besser wichser Weichei

Oberschlau ungenau

der Anale der Analen die Stute unter den Hengsten das

Traummännlein unter

den Wachbirnen

die Schlampen der Schlampen der AFFE der AFFen FBI

DINNER OUT

wir warn schon so knapp dran völlig durchzudrehn respect

Hab sehnenscheidenentzündung im Lagerfeuer bekommen triffst

du noch immer ins Braune

dein Jokerface muss mal wieder polliert werdennnnnnnnnnnnnnn wer

einmal lügt fladern für die 3. Welt RUDI-HOOD Ultrahools

vs. FOOLS

Doppelbett Bussi

kleiner Prinz Peepmatz schleimer Saubermann

Groteskumwerfend dein

Gestank deine persönliche Note Schimmelpimmel grindfresser

Lurchschlürfer

Mogelpackung nix drinnen außen unscheinbar innen unendlich

verzweifelt so wie der Rest der Mohaikanner

Der Letzte Marokkaner

Buch WARAN Nummer 3999 die Seiten kleben zusammen das

ist Samenraub

geistige Ergüße auf unschuldigem Papier wertvolles Altpapier bitte an alle weiterleiten

bist ein Blitzableiter blitzgescheit blitzschnell beim fladdern Durchfall für alle

Scheiß Laura Rudi Rudas verdient 8000 EURO pro Monat und kann sich keinen Frisör leisten die alte

Plapperschlampe pfui dumm - dümmer - Rudas

nichts als leere Worte

da hör ich lieber dem Rudolf zu der gibt nie eine Ruh zuerst den Sportteil

und dann ein Joint Frühstück im Grünen

Buttersemmerl mit Schnittlauch Lurchcremesuppe mit gratinierten Hasenbemmerln

MHHHHHHHHHMMMMMMMM Lecker schlecker schmecker

Die Zeit vergeht schneller als geplant

habe dir nie zugehört aber alles verstanden was du sagen wolltest es aber nicht

getan hast

vom hudeln kommen die Kinder wünsch dir schöne Ferien am Bauernhof

bald gehts richtig los freu mich schon

It`s hard to smile you have to hide do what you want also so wie immer

die worte brennen auf der Zunge das Hirn löst sich langsam aber sicher im Alk auf

scheiß drauf

hört auf zu kriegen was denken schadet der Vernunft na und ?

Dealer aller Länder vereinigt euch Schnäppchenjäger Allesspachtler Komakiffer

Rußland nicht There will be party

Danke Danke DanWke Wanke Schwanke Kippe Flippe Bin jezt das Nerverl das du

einmal warst

die Welt braucht dich so wie du Gras die Kuh gibt Milch


56 ST/A/R

Buch IX - WARAN Nr. 19/2008

ES IST VERDAMMT LEICHT DER

BESTE ZU SEIN.

NACH ALLEN REGELN

DER KUNST

ICH MUSS MICH NOCH FERTIG MACHEN

wo hängst grad ab auf um zu dir zu kommen über sieben nutten musst du gehn sieben dunkle nächte überstehn dann wirst du die

asche sein aber sicher nicht allein

Operation MINDFUCK Mummu .... ist die Göttin des Chaos muss dir auf die sprünge helfen u bahnfahren verboten

chaos is confusion and i lick it Alles Gute zum Geburtstag Bulle Mi Mikey Jeckey Kerzi stecki

Cyborgiastisches Saufgefaltenhardrock am See Bodenseh torkeln in Tokio where do you go

could you remember the future Dauerlutscher gut dass auch du schon alles überrissen hast

wie ein14jähriger Profikillerprofessor tresor geknackt alles liegen und stehn gelassen keine lust mehrgehabt

bummeln in ‘Boston trödeln in Tansanian Ganjha aus Ghana let´s play weißrussisches Roulette

mit weiß Würsten aus munich glückliche gleichgültigkeit bist die unruh in jeder uhr

bleib dir treu die partei braucht dichbrauche unbedingt deine contonummer sonst geht gar nichts

liegewagen nacht über bratislover nach triest fähre nach oslo danach saufen in kemnitz kurz rüber nach rotterdam und last minute to bronx

attention antrax EWIGE BLUMENKRAFTtop secret: nur für autorisierte Personen bzw. zur sofortigen weitergabe an alle

Hurray, Hurray it´s the first of May outdoor fucking starts today


Städteplanung / Architektur / Religion

Das Portrait des Dichters Julian Schutting (1 x 1,35 cm), ist noch bis

19 Oktober im rahmen der Gemeinschaftsausstellung “ST.A.LL im SCHLOSS”

im Schloss Ulmerfeld bei Amstetten zu sehen

Hannah Feigl

Wer ein Portrait, der Portraitmalerin

Hannah Feigl, von sich oder einem

seiner Lieben braucht…

…meldet sich bei ST/A/R unter

0664 521 33 07

Foto: Nurith Wagner-Strauss

Buch X - GOTTLOB ST/A/R 57

Die Stadtgemeinde Amstetten und der Ver

ein Schau-ST.A.LL

laden zur Eröffnung und zum Besuch der Ausstellung ein.

ST.A.LL im SCHLOSS 2

DESIGN - GRAFIK - FOTOGRAFIE -

MALEREI - OBJEKTE - VIDEO

Samstag, 23. August 2008 - 14 Uhr

Schloss Ulmerfeld

Begrüßung :

OV Egon Brandl

Zur Ausstellung spricht :

Univ. Pr

of. Manfred Wagner

Eröffnung :

NR Uli Königsberger-Ludwig

15 Uhr : „DU NIX ÄRGAN” im Schlosshof

16:30 : Livemusik mit

VORM VI : Golser, Küblböck...

SCRAP LAP : Fuks, Kunzmann, Sinowatz

SHINEFORM : Edlinger, Kagerer, er, Bruckmayer

Öffnungszeiten:

Fr. 15 - 19 Uhr

Sa., So. und Feiertage: 10 - 12 Uhr & 14 - 17 Uhr

Werner Maria Klein

die Portraitmalerei von

HannaH Feigl

Paul Cézanne: ... ich habe die „Natur“ kopieren

wollen, das jedoch nicht

gelingen wollte – war aber sehr froh bemerkt

zu haben, dass sich die Sonne nicht darstellen

ließ, sondern nur durch Farbe als Äquivalent

repräsentieren.

Die Idee des Portraits wird durch die virtuos

vorgetragene Malerei der Künstlerin, die nach

den eigenen Gesetzmäßigkeiten des von Ihr

gewählten Bildaugbaues, den überkommenen

Vergleich zwischen Darstellung und Vorbild

beziehungsweise Modell vergessen macht, ohne

jedoch dabei eine altmeisterliche naturalistische

Virtualität zu bedienen, wenngleich zuweilen

die Sterilität der Photografie als ergänzendes

Darstellungsmedium für den eigentlichen

kreativen Gestaltungsprozess der Kunstgenese,

wie schon seit Ende des 19. Jh. bei allen

wesentlichen Portraitmalern der europäischen

Kunstgeschichte sehr rasch üblich, dienstbar

gemacht.

Die abgebildete Realität wird durch die

künstlerisch verdichtete selbstrepräsentative

Bildrealität erweitert, die bei Hannah Feigl

der bloßen Abbildfunktion enthoben, obwohl

die komplexe unverfremdete Wesenhaftigkeit

der Dargestellten weiterhin im Mittelpunkt

bleibt, in der Lage ist, die unqualifizierte

Unterscheidung in „abstrakte“ oder

„gegenständliche“ Kunst als nur irreführend

und gleichsam lästig simplifizierende leere

Rhetorik zu überwinden, um den immanenten

Eigenwert der Malerei (Farben, Nichtfarben,

Formen, Licht und Schatten - Linien und

Flächen werden vom Darstellungsmittel

zum Gestaltungsmittel ... ) wirklich

begehbare philosophische Räume für beseelt

gemalte Psychogramme der portraitierten

Persönlichkeiten, ergo „Der ans Licht

gebrachten“ (lat. pro-trahere „hervorziehen;

ans Licht bringen“), zu eröffnen.

Bedingt durch die in Mode gekommene

„Auftragsmalerei“ im 17. Jh. haben sich

beinahe alle Maler von Bedeutung der

europäischen Kulturgeschichte mit den

mannigfaltigsten Formen der überaus

Hochdotierten Porträtmalerei befasst, wobei

diese Tatsache dem Genre eine enorm

innovative Darstellungsvielfalt eröffnete..

Diese Darstellungsvielfalt fremdrepräsentativer

Bildprogramme offenbarten jedoch der

Künstlerin Hannah Feigl bereits in frühen

Jugendtagen, einen gangbaren Weg zu

Ihrer eigenen assoziativen und gleichsam

lebensnahen Portraitinterpretation, die private

und intime Wesenszüge der Porträtierten aus

der trivialen Unbewusstheit des Alltages in den

geschützten Raum der Kunst zu transponieren

vermag (...).

Hannah Feigl - immerzu „das wirkliche Leben“

im Auge behaltend, gebiert die Künstlerin mit

Ihrer feinmaschig vertexteten Formensprache,

die jedoch nicht moralisierend eingreift, da

Ihrer eigenen aparten Wirklichkeit verpflichtet,

einen Lichterfüllten Farbenklangraum, in

dem die „Freiheit der Kunst“ als Gastgeber

versucht ist, der Würde des Menschen, also

der Sinnerfüllung jeglichen künstlerischen

Strebens, ein platonisches Gastmahl der Ideen

auszurichten.

Maurice Denis 1890: „Man erinnere sich

daran, dass ein Bild, bevor es ein Schlachtross,

eine nackte Frau oder irgendeine Anekdote

ist, seinem Wesen nach eine ebene Fläche

ist, bedeckt mit Farben in einer bestimmte

Ordnung.


58 ST/A/R

Buch X - GOTTLOB Nr. 19/2008

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Nr. 19/2008 Buch X - GOTTLOB

ST/A/R 59

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03.09.2008 9:08:56 Uhr


Städteplanung / Architektur / Religion Buch X - GOTTLOB ST/A/R 61

GEORG GOTTLOB WITTGENSTEINPREISTRÄGER

Interview Heidulf Gerngross und Hofstetter Kurt mit Georg Gottlob

HG: Die Verbindung Gottlob Georg und Gottlob Frege mag

einen guten Einstieg für unser Gespräch geben. Kannst du

deine Strategie, komplexe Probleme zu lösen, die du an

einfachen Beispielen zeigst, erklären und kurz umreißen,

wie du deine wissenschaftliche Arbeit ins Praktische

umsetzt?

GG: Meine allgemeine Strategie sowohl für die theoretischen

Forschungen als auch für die Praxis besteht darin, Struktur

in Unstrukturiertes und Unüberschaubares zu bringen,

z.B. in schwierige kombinatorische Probleme, aber auch in

in Webinhalte. Was im Web gezeigt wird, sind noch nicht

strukturierte Daten, sondern einfach ein Layout. Wenn man

diese Daten verarbeiten will, braucht man Struktur. Bei

sehr komplexen und zeitaufwendigen Aufgaben, das sind

Probleme, die eine sehr hohe computationale Komplexität

besitzen, kann Strukturierung ebenfalls helfen. Das ist

etwas anderes als Systemkomplexität. Die computationale

Komplexität eines Problems beschreibt, welche Ressourcen,

wie viel Speicherplatz und Zeit ein Computer braucht,

um ein Problem zu lösen. Schwierige Probleme können

dadurch gelöst werden, dass man Struktur findet, das muss

allerdings auch automatisch geschehen, es bedarf spezieller

Algorithmen zum Erkennen von Struktur. Insofern arbeite

ich für verschiedenste Anwendungsbereiche daran, Struktur

automatisch zu erkennen und für die Problemlösung zu

verwenden.

HG: Das beginnt bei so einfachen Dingen, wie der Färbung

einer größeren Agglomeration von Ländern auf einer

Landkarte mit nur drei Farben.

GG: Richtig. Ein einfach zu erklärendes, in Wirklichkeit

jedoch ein sehr schwieriges Problem ist zum Beispiel das

Dreifärbbarkeitsproblem. Man hat eine noch nicht gefärbte

Landkarte, die man mit drei Farben, z.B. Rot, Blau und

Grün, oder Orange, Rosa und Grün, so färben will, dass

zwei aneinander angrenzende Länder verschiedene Farben

haben. Das ist mit drei Farben nicht immer möglich, mit

vier hingegen schon. Dieses Färbungsproblem ist sehr

kompliziert. Wenn man beginnt, ein Land orange zu färben,

das nächste rosa, das übernächste grün usw. stößt man

irgendwann an die Schwierigkeit, dass ein Land, das eine

Grenze mit einem orangen, rosafarbenen und grünen hat

und daher nicht mehr korrekt gefärbt werden kann. Wenn

ich die Methode verwende, dass ich einfach beginne, ein

Land zu färben und solange weiterfärbe, bis ich nichts mehr

färben kann, muss ich Backtracking machen, d.h. ich muss

zurückgehen und umfärben. Das kann sehr lange dauern,

weil man alle Möglichkeiten, vor allem viele unnütze, die in

der Praxis nicht zum Tragen kommen, durchspielen kann.

Dieses Verfahren kann durch Problemzerlegung insofern

verbessert werden, dass man zumindest für viele Fälle, für

die eine Färbung zu finden ist, diese auch tatsächlich leicht

finden kann. Das Schwierige an solchen Problemen sind die

Zyklen und meine Beobachtung in der ganzen Informatik

ist: das Böse im Sinne von hoher Komplexität liegt in den

Zyklen. Immer wenn man etwas nicht berechnen kann,

sind „teuflische“ Zyklen daran schuld.

KH: Ist nicht der Zyklus, z.B. der Rotationszyklus der Erde

oder der Tages- und Nachtzyklus, gerade das Moment jeder

Struktur? D.h. dieser wiederholbare Zyklus einer Struktur,

die man anwenden kann, ist auch in gewissem Maße ein

Zyklus.

GG: Das ist richtig, aber das ist ein überschaubarer und sehr

einfacher Zyklus. Wenn Zyklen nicht mehr überschaubar

sind, wenn es sehr viele Zyklen in einer Struktur gibt, ist die

Struktur nicht mehr kognitiv erfassbar. Durch den Zyklus

entwindet sich die Struktur unserer kognitiven Anschauung

und ist auch für den Computer kaum kognitiv erfassbar. Zwar

hat der Computer hat per definitionem keine Kognition, aber

wenn die verschiedenen Lösungen oder Lösungskandidaten

in einem Lösungsraum eines Problems vergleichbar sind

und in vernünftiger Zeit miteinander verglichen werden

können, kann man in Anlehnung an einen Menschen,

der eine Situation erfasst, sagen, ein Computer erfasst

ein Problem kognitiv. Durch die Zyklen gibt es jedoch

exponentiell viele mögliche Lösungen, sodass ein Computer

dies nicht mehr in vernünftiger Zeit schaffen kann alle zu

betrachten. Man kann jedoch oft Probleme so zerlegen, dass

nur mehr kleine Teile zyklisch sind und im Wesentlichen

eine azyklische, baumartige Struktur herauskommt. Das

nennt man eine Baumzerlegung oder tree decomposition

auf Englisch. Diese Baumzerlegung ist die Zerlegung

einer ursprünglich komplexen oder komplex anmutenden

Struktur in eine einfachere, aufgrund derer man das Problem

lösen kann. Nicht jedes Problem oder jede Instanz eines

Problems lässt sich in das Korsett einer Baumzerlegung

zwingen, es funktioniert aber für viele Probleme, die sich

uns in der Realität darbieten und deren Lösung man nicht

auf Anhieb erkennen kann. Die Baumzerlegung wurde in

der Graphentheorie in der Mathematik eingeführt und wird

intensiv in der Informatik zur Problemlösung eingesetzt. Es

gibt jedoch viele Probleme, die nicht so leicht als Graphen

darzustellen sind wie unser Färbbarkeitsproblem. Hier hatten

wir zunächst eine Landkarte, die wir in eine mathematische

Struktur, und zwar einen Graphen umgewandelt haben.

Ein Graph besteht aus mehreren Punkten, die mit Strichen

verbunden sind, ein Straßennetz kann ebenfalls als Graph

dargestellt werden. Wir haben also unser ursprüngliches

Problem in eine mathematische Struktur umgewandelt,

diese weiter in einen Baum zerlegt und aufgrund dieser

Baumzerlegung eine Lösung gefunden, die Lösung wieder

auf die mathematische Struktur und von der mathematischen

Struktur auf die Landkarte übertragen (Bild 1). Leider benötigt

man manchmal kompliziertere mathematische Strukturen

Bild 1

X1 X2 X3 X4 X5

X8

X3

X6

X7

X4

X5

X3 X4 X2

X3 X2 X1

X3 X5 X6 X8

X5 X6 X7 X8

tree decomposition

als nur Graphen. Eine wichtige Struktur, die immer wieder

in Erscheinung tritt, ist der Hypergraph. Ein Hypergraph

besitzt nicht nur sogenannte Knoten - das sind die Punkte

- und Kanten, die Linien zwischen den Punkten, sondern

Knoten und Hyperkanten. Eine Hyperkante kann aus mehr

als zwei Knoten bestehen. Es gibt zahlreiche Probleme,

deren Struktur eher Hypergraphen ähnelt als Graphen, z.B.

ein Kreuzworträtsel. Jedes Feld, in das ich einen Buchstaben

eintragen kann, wäre ein Knoten und jedes Wort wäre

eine Hyperkante, denn jedes Wort verbindet mehrere

Knoten. Auch beim Kreuzworträtsel machen die Kreise

die Komplexität aus. Wenn wir annehmen, dass jemand

bereits über das Wissen verfügt, um ein Kreuzworträtsel

zu lösen, oder wenn man ihm die möglichen Wörter, die

man in die Felder eintragen kann, vorgibt - wobei es für

jedes Feld natürlich verschiedene Möglichkeiten gibt - ist

das Rätsel aufgrund der Kreise immer noch schwer lösbar.

Circulus viciosus, der Kreis ist immer das Böse, das die

Komplexität erhöht. Der Kreis im Kreuzworträtsel beginnt

mit dem Ausfüllen eines Wortes, des nächsten usw., wenn

man wieder zurückkommt, passt das Ganze möglicherweise

nicht zusammen. Es ist ein teuflischer Kreis zur Wirkung

gekommen. Bild 2 zeigt ein Kreuzworträtsel und den

dazugehoerigen Hypergraphen.

KH: Man ist immer versucht, den Kreis zu schließen.

Bild 2

ExampleofCSP:CrosswordPuzzle

1h: P A R I S 1v: L I M B O

P A N D A

L I N G O

L A U R A

P E T R A

A N I T A

P A M P A

P E T E R

hyperedge

and so on

hypergraph

GG: Aber dort, wo man versucht, ihn zu schließen, passt es

oft nicht zusammen.

KH: Durch tree decomposition sind solche Kreise dann doch

lösbar.

GG: Ja, wobei man beim Färbungsproblem zunächst eine

tree decomposition oder Baumzerlegung vornimmt, jedoch

etwas anderes braucht, weil es sich nicht um einen Graphen,

sondern Hypergraphen mit Hyperkanten handelt. Wir haben

eine neue Methode, die sogenannte Hyperbaumzerlegung

eingeführt, die die Möglichkeit bietet, auch bei strukturell

komplizierteren Probleme zu relativ schnellen und guten

Lösungen in vernünftiger Zeit zu kommen. Das funktioniert

nicht für jedes, aber für viele dieser Probleme.

HG: Wofür kann man die Hyperbaumzerlegung noch

brauchen?

GG: Hypergraphen treten nicht nur bei Kreuzworträtseln,

sondern auch bei vielen anderen Problemen auf, die in der

nächsten Zeit für Anwendungen interessanter werden, z.B.

für combinatorial auctions, kombinatorische Versteigerungen.

Dies sind verbesserte Auktionen, bei denen ein Bieter über

mehr Optionen verfügt. Er kann nicht nur auf Einzelobjekte

ein Gebot abgeben, sondern gleichzeitig auf mehrere

Objekte bieten. Er kann eine bestimmte Summe für mehrere

Objekte bieten und bekommt dann entweder alle für diesen

Betrag oder gar keines. Bild 3 zeigt einen Hypergraph einer

Bild 3

CombinatorialAuctions

105

50 57

bid hypergraph

h

40

35

kombinatorischen Auktion, den sogenannten bid hypergraph,

durch den die einzelnen Gebote, die sogennanten bids,

dargestellt sind. Hier werden z.B. Tassen und Teekannen

feilgeboten, eine Teekannen-Sammlerin möchte z.B. diese

drei Teekannen haben und bietet 105 Euro dafür. Ein anderer

potentieller Käufer möchte nur eine der Kannen plus einige

Tassen haben und bietet nur 50 Euro. Wieder ein anderer

möchte wieder eine andere Kanne mit einer anderen Tasse

usw. So können verschiedenste Gebote formuliert werden.

KH: Das heißt die Eindimensionalität wird verlassen. Es gibt

bei einer Auktion nicht nur immer ein Ding, das mühsam

ersteigert und dann kombiniert werden muss, sondern ich

kann meinen Wunsch in einer Kombination, in einem Paket

äußern.

GG: Genau, in a package. Das ergibt nun die Schwierigkeit,

dass diese Pakete überlappend sein können. Wenn sich zwei

Pakete von verschiedenen Bietern überlappen, kann nur einer

zu den Gewinnern gehören. Im Gegensatz zu klassischen

Auktionen besteht hier das Problem, die Gewinner

überhaupt zu eruieren. Es muss Optimalitätskriterien geben.

Ein mögliches Kriterium wäre z.B., das Versteigerungshaus

möchte den größtmöglichsten Gewinn machen. Dann

müsste man eine Menge von Hyperkanten bestimmen, die

nicht überlappend sind und die maximale Gesamtsumme

gewähren. Dies ist ein sehr schwieriges Problem, das

ebenfalls durch Hyperbaumzerlegung vereinfacht und

gelöst werden kann. Wir können mit unserer Methode viele

sogenannte NP-schwere Probleme relativ gut lösen, wie sie

hier auf Bild 4 „Classification of decidable problems“ zu

sehen sind. Es zeigt verschiedene Klassen von Problemen

entsprechend ihres Schwierigkeitsgrades. Tractable

Probleme sind solche, die in einer „vernünftigen“, d.h.

polynomellen Zeit lösbar sind. Wenn das Problem bestimmt

groß ist, werden „nur“ quadratisch viele Schritte für seine

Lösung benötigt. Intractable Probleme dagegen sind nur in

exponentieller Zeit zu lösen, man kann beweisen, dass diese

Probleme nicht effizient lösbar sind. Dazwischen liegen die

NP-vollständigen Probleme – NP t ist die Abkürzung von

„nichtdeterministisch polynomell“. Diese Probleme wären

gut lösbar, wenn man gut raten könnte. Nichtterminismus

heißt raten. Leider können wir nicht alles erraten, da es

exponentiell viele Möglichkeiten gibt.

KH: Und was macht man, wenn ein Problem nicht zerlegbar

ist?

GG:Wenn die Hyperbaumzerlegung und ähnliche

Methoden nicht ausreichen, um schwierige Probleme

zu lösen, dann gibt es andere Lösungsmethoden, die in

vielen Fällen zu einer optimalen Lösung führen können,

sofern es eine solche überhaupt gibt. Diese Verfahren

nennt man randomized local search methods, also Methoden

der zufallsgesteuerten lokalen Suche. Ihre Anwendung

erfordert bestimmte Voraussetzungen. Wenn ich einen

Lösungsraum mit sehr vielen Lösungskandidaten - das

sind mögliche Lösungen, die aber nicht notwendigerweise

Lösungen sind - habe, muss ich diese bewerten, d.h. ich

muss sagen können, wie gut oder wie schlecht ich bei einer

Lösung bin und ob dies überhaupt schon eine Lösung ist.

Man braucht eine Bewertungsfunktion. Soll z.B. ein Graph

mit drei Farben gefärbt werden, wäre die Bestimmung, wie

viele Kanten bereits richtig gefärbt sind, sodass an beiden

Endpunkten verschiedene Farben sind, eine numerische

Bewertungsfunktion. Wenn alle Kanten richtig gefärbt sind,

ist es eine Lösung. Wenn ich bei einem Lösungskandidaten

in einem Lösungsraum bin, kann ich möglicherweise

zu einem besseren hingelangen, indem ich durch kleine

Änderungen, durch kleine Umfärbungen möglicherweise

38

Winner determination is intractable (NP-hard)

INTR

RAC CTA ABLE

Bild 4

weighted set packing problem

Classification of decidable problems

INTRACTABLE PROBLEMS

EPROVABLY

• Theory of the Real Numbers

• Many tasks in automated program verification

PRESUMABLY INTRACTABLE PROBLEMS

NP-complete

• Packing

1000s of practically

relevant problems,

• Traveling Salesperson

many new challenges

• Map coloring

TRACTABLE PROBLEMS (polynomial time)

• Matrix multiplication

• Shortest path

• Linear programming

mehr Kanten richtig färbe und somit meine Lösung

verbessert habe. Ich kann aber auch zu einem lokalen

Optimum gelangen, das nicht mehr verbesserbar ist. In

diesem Fall springt man völlig zufällig irgendwo anders im

Lösungsraum hin. Das ist die chaotische Phase: Ich springe

zu irgendeinem Punkt im Lösungsraum und gehe dann

wieder zu einem systematischen Optimum, solange bis eine

zufriedenstellende oder sogar optimale Lösung gefunden ist.

Meine Theorie ist, dass diese Methode, die in der Informatik

schon sehr lange und erfolgreich angewendet wird, schon

vor langer Zeit durch die Evolution entwickelt wurde. Auf

diesen Gedanken kam ich durch die Beobachtung von

Fliegen. Ich beobachtete Fliegen bei dem Versuch aus

einem Raum mit mehreren offenen und geschlossenen

Fenstern hinauszufinden. Die Fliege versucht zunächst

einmal lokal zu optimieren und fliegt zum nächstliegenden

Fenster. Wenn dies geschlossen ist, wird sie einige Zeit das

Fenster absuchen und sich überzeugen, dass sie über das

lokale Optimum nicht hinaus kann. Nach einiger Zeit wird

sie vom Fenster weg mitten in den Raum fliegen und wirre

Flugrouten vollziehen. Dies nenne ich den chaotischen Teil

der Suche, die meiner Meinung dieser zufallsgesteuerten

Suche entspricht. Die Fliege beruhigt sich dann wieder

und fliegt geradlinig das nächste Fenster an, dies kann das

gleiche wie zuvor sein, denn die Suche ist ja zufallsgesteuert,

aber nach einiger Zeit wird sie das richtige Fenster finden.

So gelangen Fliegen aus einem Raum.

Man könnte sagen, dieses Verhalten sei irrational, ist es

aber nicht. Es ist genauso wenig irrational, wie ein Kind, das

ein Haus aus Bierdeckeln oder Blöcken bauen möchte und,

wenn es zu einem dead end kommt und ansteht, das Haus

zusammenschmettert und von Neuem aufbaut. Dies ist viel

vernünftiger als weiterzumachen, wenn man die Situation

kognitiv nicht durchschaut. Ein Erwachsener würde dies

kognitiv durchschauen und die Eltern werden schimpfen.

Aber das Kind kommt viel schneller zu einer Lösung, wenn

es das schlecht begonnene Haus zerstört und ein neues

aufbaut. Durch diesen Prozess lernt man auch, wie man zu

einer richtigen Lösung kommt. So wie die Evolution selbst

immer den Zufall benötigt und durch Zufall die Kreaturen

immer wieder verbessert.

KH: Aber auch Distanz. Man muss sich auch immer wieder

distanzieren von dem Lokalen.

GG: Wenn ich nur das Lokale vor Augen habe, gelange ich

zu einem lokalen Optimum und nicht weiter.

GH: Kann man sagen, dass die Fliege einen Adrenalinstoß

erfährt und wütend herumfliegt …

GG: Wenn man dies anthropomorph so ausdrücken will,

denn wir wissen nicht, ob Fliegen so etwas wie Wutempfinden

haben können, wir müssen ja vom Menschen auf die

Fliege schließen. Wir können dies mit einer bestimmten

Berechtigung, weil vieleMechanismen ähnlich sind, z.B.

hat man festgestellt, dass Fliegen genauso wie Menschen

Adrenalin produzieren, in bestimmten Situationen mehr

als in anderen. Meine Vermutung ist, das habe ich jedoch

noch nicht bewiesen. Wir wollen in einem weiteren Projekt

untersuchen, ob Adrenalin daran schuld ist. Wenn eine

Fliege bei einem geschlossenen Fenster nicht weiterkommt,

wird möglicherweise wie beim Menschen aus einem Ärger

ähnlichen Mechanismus Adrenalin ausgeschüttet, und es ist

bekannt, dass Adrenalin durch Bewegung abgebaut werden

kann. D.h. die Fliege muss in eine Bewegungsphase treten,

danach setzt wieder das „rationalere“ Verhalten ein, die

Fliege sucht die nächste Route zum nächsten Fenster und

fliegt dem größten Gradienten des Lichtes entgegen, und das

kann zufällig das richtige Fenster sein. Dieser Mechanismus

ist meiner Meinung im gesamten Leben vorhanden. Wenn

wir z.B. einen Schlüsselbund ordnen wollen und das Ganze

zu komplex ist, schütteln wir ihn durch und mit ein bisschen

Glück sind die Schlüssel danach geordnet. Aber auch alles,

was mit Astrologie, Orakel und Horoskop zusammenhängt,

ist meiner Ansicht nach gar nicht so irrational, wie die

meisten Leute deuten, sondern haben ihre Berechtigung,

denn sie helfen. Sie haben zwar keinerlei Bedeutung, denn

sie sind rein zufällig.

HG: Aber es bringt jemanden auf eine andere Ebene.

GG: Richtig, es bringt jemanden aus einer Sackgasse heraus.

Wenn ein Mensch z.B. unglücklich verliebt ist, befindet er

sich in einer Sackgasse, in der man bleiben könnte. Aber

er oder sie wird aus Verzweiflung zu einem Wahrsager

getrieben oder schaut sich das Horoskop an, wo irgendein

Blödsinn drinnen steht, etwas völlig Absurdes, Zufälliges,

Arbiträres, und dieses Arbiträre, z.B. „achten Sie morgen

auf eine grün angezogene Person“, hilft einem, sich von

seinem auswegslosen Target abzuwenden und Neues zu

suchen, auch wenn u.U. das Neue sich wieder als nicht

brauchbar herausstellt.

KH: Das ist auch beim Arztbesuch so, manchmal genügt

es, einmal an der Arzttür zu schnuppern und ein Placebo

einzunehmen und eine andere Situation wie Zuhause zu

haben. Die Abwendung von der persönlichen Umgebung,

das Abstandgewinnen und Herauskommen aus dem

eigenen Orbit genügt, um den Heilungsprozess anzuregen.

GG: Generell wäre das auch eine zusätzliche Teilerklärung

für Wut. Einige Formen der Wut im Menschen sind sehr

positiv. Wut wird immer als etwas Schlechtes dargestellt.

Hero

Georg Gottlob ist Professor für „computing science“ an der Oxford University und an der TU Wien.

Architekt Gerngross sagt, er kann sich über nichts mehr

ärgern, aber da kann ich nur sagen, er ärgert sich nur deshalb

über nichts, weil er bereits ein globales Optimum erreicht

hat. Wer sozusagen einmal das Nirwana erreicht hat …

GH: Du hast ja wirklich Versuche mit Fliegen gemacht …

GG: Wir haben vor längerem Versuche mit Fliegen gemacht

und wollen jetzt ein weiteres Projekt durchführen.

KH: Wenn die Wut impliziert wegzugehen, aber es kann

auch sein, dass die Wut impliziert, sich festzubeißen.

GG: Ich glaube, wenn man sich festbeißt, ist man nicht

wütend. Jemand ist nicht dauernd wütend, die Wut ist

etwas Aufbrausendes, das dann wieder weggeht. Wenn ich

verbissen bin, ist es nicht eine andauernde Wut, sondern ein

Wahn. Zorn und Wut tauchen kurzfristig auf und müssen

abgebaut werden, wenn sie nicht abgebaut werden können,

kann es sich in etwas anderes Unangenehmes verwandeln.

KH: Also kann man sagen, dass dieser emotionale Ausbruch,

wie das Auf den Tisch Hauen, etwas ganz Wesentliches ist.

HG: Es gibt Leute, die das sicher erkannt haben. Es gibt z.B.

die strategische Wut. Ich glaube, sogar bei der Zaha Hadid,

die kommt z.B.herein, fängt einmal wutig an, schreit alle

zusammen und aus diesem Wutzustand gelangt sie auf eine

neue Ebene.

GG: Die strategische Wut ist ein wunderbarer Ausdruck, der

soeben vom Heidulf kreiert wurde.

HG: Ich habe dies einmal beim Herman Czech gesehen, der

immer mir als ruhiger und besonnener Mensch erschienen

ist, der einmal, weil ein kleines Ding nicht funktionierte,

plötzlich die Wut rausgelassen hat, wo ich rückblickend

dachte, dass er sie strategisch angewandt hat, um Ordnung

zu schaffen.

KH: So ein Ventil braucht jeder Mensch, es staut sich ja

auch etwas auf.

GG: Man kann nicht sagen, dass die Wut nur diese Funktion

hat, zu einer besseren Lösung zu gelangen, aber ich denke,

das ist eine der wesentlichen Funktionen.

HG: Was mich interessiert, ist deine Arbeit, die über

die Lösung komlexester Systeme wieder zum Menschen

zurückgeht, um seine Gefühlswelt erklären zu können.

Hier scheint mir ein Weg zu sein, der auch Gefühlswelten

mathematisch erklären kann.

KH: Und evolutionäre Messages, Knowledge.

GG: Richtig, nur müssen wir dazu noch viele Versuche dazu

machen, um dies wirklich zu beweisen.

GH: Da brauchen wir noch eine Menge Fliegen. Dieser

Tisch hier, auf dem lauter Wespen auf rotem Hintergrund

abgebildet sind z.B., ist so entstanden, dass ein Künstler in St.

Peterburg beim Anziehen seiner Tochter von einer Wespe in

die Eier gestochen wurde. Seitdem malt er Wespenbilder.

Aber ich möchte zu der Frage kommen, ob wir aus

unseren Dingen, die der Hofstetter Kurt und ich und du

als Wissenschaftler machen, ein gemeinsames Feld finden

können, um unsere Kapazitäten zu nutzen und mit deinen

zufälligen Strukturerklärungen zu etwas zu kommen, was

vielleicht ein Feld ist, das etwas Neues kreiert. Ob es aus

dem Raum, aus dem die ganzen Worte und Bilder auf uns

einschießen, so etwas wie eine automatische mitteilenswerte

Mitteilung aus dem Feld gibt, so etwas, wo wir den Begriff

„Die vollautomatische Zeitung“ kreiert haben.

GG: Ich möchte ein wenig ausholen, um dahin zu

kommen. Wir haben uns ja auch mit der Strukturierung

von Internetinhalten beschäftigt. Die Daten im Internet

sind meistens in HTML oder Flash programmiert, es sind

eigentlich keine Daten, sondern nur ein Layout. HTML

ist eine Sprache des Layouts. Das Web selbst ist für den

menschlichen Betrachter bestimmt und der Sinn dieser

Daten wird erst durch das menschliche Gehirn erfasst,

meaning is in the eye of the beholder. Ein Computerprogramm

braucht jedoch strukturierte Daten, um zu arbeiten, d.h.

Daten, wo bei jedem Datum dabei steht, was es ist. Wir haben

ein Tool entwickelt, das mittlerweile von einer Startup-Firma

weiterentwickelt und vermarktet wird. Die Firma heißt Lixto

(www.lixto.com). Diesem Tool kann man beibringen, dass es

von verschiedenen Webseiten – man muss natürlich wissen,

welche Webseiten dies sind, es ist keine Suchmaschine, die

ins ganze Web geht – Daten und Texte zusammenträgt

und diese in ein strukturiertes Format umwandelt. Dieses

Tool habe ichursprünglich mit einigen Mitarbeitern und

Studenten an der TU Wien entwickelt. Die Kunden der

Firma Lixto kommen einerseits aus dem Bereich der

Automobilzulieferindustrie. Diese sind verpflichtet, täglich

auf sehr vielen Webseiten zu nachzusehen, ob es etwas

Neues gibt, denn die Automobilhersteller, die sogenannten

OEMs, richten für jeden Zulieferer eine Seite ein, und es gibt

zusätzlich Seiten, die für alle gemeinsam interessant sind, wo

z.B. neue Anbote oder Ausschreibungen usw. stehen. Wenn

ein Zulieferer 30-50 OEMs, große Automobilhersteller, als

Kunden hat, müssen die Angestellten jeden Tag Hunderte

von Webseiten besuchen. Sogar Reklamationen werden nur

auf einer einzigen Webseite dargestellt. Wenn ein Fehler

gemacht wird, kann dies viel Geld und Zeit kosten. Und es ist

ein Fehler anfälliger Prozess, wenn jemand krank ist, kann

oft einige Tage nicht auf die Webseite geschaut werden und

man reagiert zu spät. Wir haben die Software Lixto entwickelt,

die dies automatisch macht. Andere Kunden kommen aus

der Tourismusbranche, z.B. große Internet-Reisebüros und

Hotelvermittler (wie hotel.de), die ihren Onlinekunden eine

Bestpreisgarantien geben. Diese Anbieter wollen natürlich

wissen, ob sie wirklich den besten Preis haben und diesen

gegebenfalls schnell anpassen können, falls jemand anderer

das gleiche Hotel billiger verkauft. Das kann heute natürlich

nur über das Web festgestellt werden, indem man alle

anderen wesentlichen Anbieter und Konkurrenten abgrast,

ihre Webseiten überwacht und automatisch jemanden

notifiziert, der dann sein Angebot schnell ändern muss.

KH: Vorausgesetzt, dass diese Webdaten als Preis identifiziert

und in XML umgewandelt werden.

GG: Genau. Wir bringen unserer Software bei, wie sie

verschiedene Angebote von verschiedenen Webseiten

identifizieren kann, was ist das Hotel, was der Preis, handelt

es sich es überhaupt um dasselbe Hotel, usw. Sie vergleicht

die Preise, und meldet sofort, wenn es eine Abweichung gibt,

damit man rasch darauf reagieren kann und keine Pönale

zahlen muss. Kommen wir nun zu unserer Idee zurück, ein

gemeinsames Projekt zu starten. Wir wollen basierend auf

der Lixto Software eine automatische Zeitung generieren,

indem wir ein Programm entwickeln, das automatisch

auf verschiedenste Webseiten navigiert , von dort Inhalte

holt, diese miteinander kombiniert und verbindet, und

ohne Zutun von Menschen eine Zeitung generiert. Die

Kriterien, nach denen die Quellen ausgewählt werden, die

Berwetungsfunktionen für Texte und Bilder, das Layout,

sowie der Grad der Zufälligkeit werden wir gemeinsam

festlegen, und dann so lange „tunen“, bis interessante

Zeitungen generiert werden. Diese werdendann gedruckt.

KH: Das heißt, dass du, Heidulf, bei deinen Ausgaben

auf einen Knopf drückst und dieser Knopfdruck eine

Momentaufnahme von dieser automatischen Zeitung

generiert, und du hast ein Buch. Was mir schon sehr

am Herzen liegt, ist, dass die qualitativen Inputs schon

vertrauenswürdig sein müssen.

HG: Du kannst ja Parameter reingeben, die das ganze Layout

definieren.

KH: Ich mache das mit meinen S/W Images, ich vertraue

immer auf den Himmel, dass er keine bösen Daten gibt.

GG: Der Dichand fürchtet sich schon mächtig vor diesem

Projekt.

Webseite: http://www.comlab.ox.ac.uk/people/Georg.Gottlob/


62 ST/A/R

Buch X - GOTTLOB Nr. 19/2008

MARKO ZINK

ES IST SO

analoge Fotografie

12.9. bis 1.11.2008

Einladung zur Vernissage

Donnerstag, den 11.9.2008 um 19 Uhr

Eröffnung der Ausstellung: Andrea Domesle

Katalogpräsentation:

Samstag, 11.10.2008 von 11 bis 14 Uhr

Marko Zink, Andrea Domesle und

Matthias Herrmann

Die Ausstellung wurde Andrea Domesle

und Matthias Herrmann kuratiert.

Schleifmühlgasse 18, 1040 Wien/Vienna

T: 0043 - 1 -920 77 78

www.galerie-stock.net info@galerie-stock.net

Öffnungszeiten Di - Fr 15 - 19 Uhr, Sa 11 - 15 Uhr

Foto: © Max Lautenschläger

Rz_plakat 2.qxd:Rz_plakat 14.07.2008 15:40 Uhr Seite 1

HRDLICKA

Der Titan und die Bühne des Lebens

künstlerhaus

karlsplatz 5

1010 wien

31. 7. – 21. 9. 2008

täglich

10 –18 uhr

donnerstag

10 – 21 uhr

www.k-haus.at

künstlerhaus

Bruckberger

the art of work


Nr. 19/2008 Buch X - GOTTLOB

ST/A/R 63

Heidulf Sue

H Y B R I D B E I N G S

Analog/Digital Fotografie & Animation , Sue Sellinger

Das Projekt ist ein

kritischer Prozess der

Auseinandersetzung mit

bildgebenden und manipulativen

Verfahren. Ausgehend von einer

Serie analoger Portraits realer

Personen entsteht eine Serie von

digital konstruierten Gesichtern,

welche als „gläserne Körper“ in

Form von transparenten Bildern

- weiterführend auch in einer

surreal wirkenden Videoanimation

- neuartige Gestalten annehmen.

Lediglich ein einziges, digital

optimiertes Portrait dient als

Vorlage, das „Master-Face“.

Portraitiert werden Personen

unterschiedlichen Alters,

Geschlechts und Hautfarbe.

Die medial geprägte Umwelt

unserer Zeit, fordert das „Ich“

unweigerlich dazu auf, sich

einer konstruierten Wirklichkeit

zu stellen, die durch Vorgabe

surrealer „Modelle von Ästhetik“

maßgeblich den ästhetischen

Zeitgeist mitbeinflusst. Der

natürliche Akttraktor „Schönheit“

ist Basis, um neue Modelle der

ästhetischen Möglichkeiten zu

kreieren.

Heike Widl

Die ästhetische Dimension einer

durch digitale Bildmanipulation

geprägten Bilderwelt lässt es

dem Betrachter nicht mehr

zu, ausschließlich der eigenen

Antizipationskraft zu vertrauen.

Die uns umschwärmende, mediale

Bilderflut überlässt einem selbst

nicht mehr ausschließlich die

Entscheidung, ob eine Darstellung

tatsächlich real ist oder nicht und

schafft dadurch eine Illusionen von

Wirklichkeit.

Die Darstellung des menschlichen

Körpers, im weitesten Sinne, ist

davon massiv beeinflusst und

schafft die Ausgangsbasis für das

Projekt. Es ist der Versuch, die

Grenzen der realen, ästhetischen

Qualität zu überschreiten und

die ästhetischen Dimensionen

der menschlichen Abbildung zu

erweitern.

GALERIE STRICKNER

1060 Wien,

Fillgradergasse 2/7

T: +43-(0)680-201 44 52

www.galeriestrickner.com

Eröffnung:

18. September 2008

Ausstellungsdauer:

19. September –

31. Oktober 2008

Öffnungszeiten:

Di. - Fr. 16:00 – 19:00,

Sa. 11:00 – 13:00 und nach

telefonischer Vereinbarung

SUE

Onlineportfolio Sue Sellinger

www.highlighter.org


64 ST/A/R

star_brus:Layout 1 19.09.2008 14:21 Uhr Seite 6

Buch X - GOTTLOB Nr. 19/2008

GÜNTER

BRUS

Mitternachtsröte

BRUS

MAK-Kunstblättersaal

10.9.2008–25.1.2009

MAK Stubenring 5, Wien 1

www.MAK.at

Günter Brus, Eva, 1976, Privatsammlung Graz

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