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ST:A:R_16

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ST/A/R PRINTMEDIUM WIEN Nr.16

ST/A/R

/ /R

Winter 2007/08

Mounty R. P. Zentara

Weltkulturerbe*

Mounty R. P. Zentara

Nikon-Fotoshooting: Tolstoj & Gerngross

04Z035665M – P.b.b. Verlagspostamt 1060 Wien • Adresse: 1060 Wien Capistrangasse 2/8 • office@star-wien.at • Europa € 3,00

Star-Architekt Jiffy

CoopHimmelb(l)au

AUTO-ST/A/R

David Staretz

Die Möwe

Jonathan Meese

KLO-Kapelle

Waran

FRANCE-ST/A/R

Chris & Brigitte berichten

Manfred Stangl

Ganzheitliche Ästhetik

NEUE WIENZEILE

Christian Schreibmüller

ST/A/R-VERKÄUFER

Thomas Frechberger

Städteplanung / Architektur / Religion

*Idee: Stani Bachofen

Kunstsammler


2 ST/A/R Buch I - Weltkulturerbe

Nr. 15/2007

EDITORIAL: Die ST/A/R-Herausgeber

DIpl.Ing.Heidulf Gerngross MS & Dr.Phil.Wladimir Jaremenko-Tolstoj…

ST/A/R

Kult ist

abonnierbar

www.star-wien.at

…arbeiten an der 1000-seitigen ST/A/R-Zeitung – ein Architekturmonument

NCCA (Nashional Centre for Contemporary Arts)from Moskow in Wien in

CEC in Burgasse 21

from 24 janvar bis 24 februar from 14.00 -19.00 opening event

24.01.08 19.00

kurator Vitalii Pazukov,

Elena Mildner,Maxim Smirnov,

DU

Heidulf Gerngross

russian video art artists:

Sinii Sup

Vladimir Logutov

Sinie Nosy

Leonid Tishkov

Vladimir Tarasov

Vladimir Tarasov “Inside-out”,

2006, «First river», 2007

Blue soup “Way out” 2005

PROVMYZA (Galina Mzynikova,

Sergey Provorov)“The Fugue”,

2006

Vladimir Logutov “ The Park”,

2005


Nr. 15/2007

Buch I - Weltkulturerbe ST/A/R 3

Nach dem Ausscheiden von ST/A/R-Mitbegründer Thomas Redl als Herausgeber stellen wir ihm

!

als unsere Anerkennung seiner tatkräftigen Mitwirkung auch in Zukunft die Seite 3 zu seiner frei-

¡en Meinungs- und Gestaltungsäußerung zur Verfügung – lebenslänglich. Heidulf Gerngross

Bildende Kunst, Wien und Apfelstrudel

„Vincents verschenktes Ohr ist am Ziel.“

Wiener Walzer, Stephansdom, Fiaker und Gründerstil - unser geliebtes historisches Wien.

In Wien blüht der Tourismus und mit ihm die Klischees - die K & K Tradition, die Sissi Tradition, die Schönbrunn

Tradition, die Mozart Tradition, die Johann Strauß Tradition, die Wien um die Jahrhundertwende

Tradition ... - die Stadt ist eine vermarktbare Gesamtmuseums-Erlebniswelt.

Diese Bilderwelten sind mediale Erfindungen, die erfunden wurden und laufend erfunden werden. Es stellt

sich die Frage: Was ist mit der Gegenwart, was mit dem Jetzt? Wohin ist uns das Jetzt verloren gegangen?

Und was ist in den letzten 40 Jahren passiert? Schläft Wien den Dornröschenschlaf, aus dem es endlich wach

geküsst werden sollte?

Betrachtet man das Feld der Architektur, so hat die Stadt die letzten 50 Jahre verschlafen. Es wurde größter

Wert darauf gelegt, die historische Substanz hochglänzend zu polieren, doch es wurden kaum zeitgenössische

Architekturprojekte an neuralgischen Punkten der Stadt gebaut. Wenn etwas realisiert wurde, wurde

es mitunter so zusammengestutzt, dass nur mehr ein kraftloser Stumpf als Relikt übrig geblieben ist. Es ist

bemerkenswert, dass „Weltarchitekten“ wie Coop Himmelb(l)au in den letzten 20 Jahren ihres Schaffens nur

marginale Bauten in Wien realisierten, obwohl sie sonst international zentrale und städtebaulich wesentliche

Projekte schufen. (1)

Paul Celan

Um in dem verstaubten und konservativen Humus dieser Stadt zu überleben und Luft zum Atmen zu bekommen,

muss man als Kreativer, als Künstler, als Architekt eine radikale und fast autistische Position einnehmen.

Nur so kann man hier überleben.

Wolf Guenter Thiel beschreibt dieses Phänomen in seinem Essay „Ornamentlosigkeit als Zeichen geistiger

Kraft“ und erläutert die beherrschenden Matrixsysteme der Stadt und die von Künstlern und Kreativen hierzu

eingenommene Haltung anhand der aktuellen abstrakten Gegenpositionen in der Bildenden Kunst.

In den Wiener Museen sitzen unsere Direktoren und verkaufen das traditionelle Bild der Stadt. Sie sind selbst

ein Teil des Inventars und sie residieren und nehmen gönnerhaft mittlerweile die Position von „Museumsfürsten“

ein. Sie sehen ihre Aufgabe in der des gnädigen Feudalherren mit angeschlossenem Hofstaat. Abgebildet

auf den Covers von Lifestylemagazinen haben sie noch nicht wahrgenommen, dass sie selbst nicht der Anlass

des Ganzen sein sollten, sondern die Kultur und die Künste. Bei Ausstellungen in diesen Häusern wird die

Elite der Gesellschaft zu Vor-Vorführungen (Pre-Openings) geladen. Diese Audienzen werden den Führungsschichten

aus Wirtschaft und Kultur und den dazugehörigen erfolgreichen Künstlern gewährt. Man ist unter

sich und genießt die angenehme Klassenteilung. Dies alles ist das Gegenteil von Demokratisierung und hat

nichts mit der offenen Gesellschaft zu tun, für die die Kunst immer wieder eingetreten ist.

Es bedarf aber dieser Kunst, die nicht mit einem Auge opportunistisch sympathisierend auf die Potentaten

der Kunstszene schielt, sondern - mit Theodor Adorno gesprochen - es schafft den Menschen ein befreiendes

Primärerlebnis zu ermöglichen und die restaurative Reaktion in ihrer gesellschaftlichen Enge zu überwinden.

(1) derzeit ist eine umfassende Schau von Coop Himmelb(l)au im MAK zu sehen.

Thomas Redl, Dezember 2007

Die Skulptur „Türkish Delight“ von Olav Metzel, temporär installtiert im öffentlichen Raum des Karlsplatz durch die Kunsthalle Wien (geplant war von Oktober bis April),

war ein punktgenaues Statement zur aktuellen gesellschaftlichen Problematik. Das Werk ist zweimal beschädigt worden und wurde daher aus dem öffentlichen Raum

entfernt. Derzeit befi ndet sich dort der leere Sockel und eine Umzäunung mit Plakaten, die den aktuellen Verlauf dokumentieren. Die Skulptur hätte eine öffentliche

Auseinandersetzung herbeiführen können, leider sind bestimmte Teile unserer Gesellschaft nicht dazu bereit.


Städteplanung / Architektur / Religion Buch I - Weltkulturerbe

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6 ST/A/R Buch I - Weltkulturerbe

Nr. 15/2007

Mazda


Nr. 15/2007

Buch I - Weltkulturerbe ST/A/R 7

Fotos: martin.hesz@gmail.com

Walls & Floor

(without the Ceiling)

bis 03.02.2008

Walls & Floor (without the Ceiling) – Diese Ausstellung entsteht als gemeinsames Projekt mit Kulturkontakt Austria.

Dan Perjovschi und Nedko Solakov operieren mit Bild und Text. Mit wenigen Strichen, humorvoll, subversiv und mit zuweilen beißender Ironie kommentieren

sie den gesellschaftlichen und kulturpolitischen Status quo: Dan Perjovschi und Nedko Solakov. Von Bukarest und Sofia aus haben sie in den letzten 15 Jahren die

internationale Kunstwelt erobert – zuletzt waren sie auf der 52. Biennale in Venedig, auf der documenta 12 in Kassel (Solakov) und im MoMA in New York (Perjovschi)

vertreten. Walls & Floor ist im Zeitraum von einerWoche in situ im Tresor des BA-CA-Kunstforums entstanden. Mit Edding und Bleistift ausgestattet haben

sie die Ausstellungswände und -böden sowie den architektonischen Umraum erobert.


8 ST/A/R Buch I - Weltkulturerbe

Nr. 15/2007

Inhaltsangabe

Buch 01 -

Weltkulturerbe

Seite 1–8

Buch 02 -

Brandl

Seite 9–16

Buch 03 -

Jiffy

Seite 17–24

Buch 04 -

Kunst

Seite 25–32

Buch 05 - Wiener

Kunst ST/A/R

Seite 33–40

Buch 06 -

Literatur

Seite 41–48

Buch 07 -

FRANCE-ST/A/R,

Seite 49–56

Buch 08 -

Grausam,

Seite 57–64

Buch 09 -

STAR-book

Seite 65–72

Buch 10 -

Back from Egypt

Seite 73–80

Buch 11 -

Auto-ST/A/R

Seite 81–88

Buch 12 -

KONZETT

Seite 89–96

Thomas Frechberger der Neue ST/A/R-Verkäufer

Interview mit Thomas

Frechberger 05. 12. 2007, Café Kafka

T. R.: Du hast die Wienzeile mit begründet.

T. F.: 1990.

T. R.: 1990. Was waren da die Beweggründe, was war

die Intention?

T. F.: Das ist ganz klar, das habe ich auch immer

gesagt. Nachdem ich Germanistik und Publizistik

studiert habe und mir einfach dieser akademische

Betrieb vollkommen auf den Geist gegangen ist, wollte

ich etwas Neues gründen, etwas Eigenständiges, ein

eigenes Publikationsorgan. Das habe ich mit Günther

Geiger gemacht unter anderen, und das habe ich aus

dem Boden gestampft.

T. R.: Wie lange hast du dann mitgewirkt?

T. F.: Von Anfang an und ich halte sie noch immer im

Zaum.

T. R.: Jetzt bis du ja neben dem, dass du Gründer der

Wienzeile warst, sehr lange schon schriftstellerisch

tätig.

T. F.: Als Lyriker.

T. R.: Als Lyriker, und was sind deine Schwerpunkte,

oder was willst du als Lyriker vermitteln?

T. F.: Vermitteln?

T. R.: Anders gefragt, willst du deine Lebenssituation,

deine Lebenserfahrung umsetzen?

T. F.: Nein, es ist die Liebe zur Schönheit der Sprache,

die man bei meinen Texten finden kann.

T. R.: Wie viele Bände hast du herausgebracht?

T. F.: Drei, und der vierte ist jetzt in Arbeit.

T. R.: Jetzt bringen wir ein Gedicht aus einem Band

von dir in der nächsten ST/A/R-Zeitung. Du hast die

ST/A/R-Zeitung gesehen und auch ein paar verkauft.

Was hältst du von der ST/A/R-Zeitung?

T. F.: Die ST/A/R-Zeitung ist eine wichtige Zeitung.

Ich habe gestern in der Handelsakademie in Rohrbach

im Mühlviertel eine Lesung gehalten und habe sie dem

Direktor gegeben, der hat sie nicht gekannt. Er hat gesagt,

ST/A/R, interessant, Architektur, Städteplanung

Aus dem Buch „Fantasien” von Thomas Frechberger

erschienen bei VIZA, ISBN: 3-900 7992-03-8

und Religion,

er hat das nicht

gekannt. Er hat

gesagt: „Was verlangst

du dafür?“

Ich hätte sagen

können, was weiß

ich: „10 Euro.“

Aber ich habe sie

ihm geschenkt.

T. R.: Kannst du

mit dem Inhalt

und der Art

der Publikation

etwas anfangen?

Findet du eine Art

Thomas Frechberger

Identifikation, ein

bisschen ...

T. F.: Identifikation,

nicht unbedingt, weil ich bin ein Lyriker. Aber wenn

man das so betrachtet, zum Beispiel Friedrich Achleitner,

der aus der Architektur kommt, da gibt es eine

Querverbindung zur Literatur, das ist natürlich wichtig.

Oder wenn ich mir die Kathedralen anschaue und die

Architektur im Allgemeinen, dann weiß ich einfach

– wie zum Beispiel bei meinem dritten Buch, ein palindromatisches

Buch, das Reversat - dass die Architektur

und die Literatur und die Musik und die Malerei, dass

das irgendwie zusammengehört.

T. R.: Das finde ich auch. Das sind verschiedene Medien,

die aber doch ineinander fließen und sich bestenfalls

gegenseitig befruchten und ergänzen. Jetzt hätte

ich eine Frage. Du hast gesagt, es kommt demnächst

ein neuer Band von dir. Kannst du darüber schon etwas

sagen, wie es heißt, was es für einen Inhalt hat?

T. F.: Ja, das werden die Lyrikalien sein, den Band nenne

ich Lyrikalien. Da fragen sie mich natürlich schon,

das klingt so nach Fäkalien. Ich sage dann darauf: „Das

kommt aber eher von den Mineralien“, und Steine gibt

es ja viele schöne, viele schöne Steine, und so werde ich

wieder einmal einen Gedichteband hinlegen, und das

wird dann mein vierter sein.

Impressum

ST/A/R Printmedium Wien

Europäische Zeitung für den direkten kulturellen Diskurs

Erscheint 4 x jährlich, Nr. 16/2007, Erscheinungsort Wien.

Medieninhaber:

ST/A/R, Verein für Städteplanung/Architektur/Religion

A–1060 Wien, Capistrangasse 2/8

Herausgeber: Heidulf Gerngross

Chefredakteur: Wladimir Jaremenko-Tolstoj

Vertriebsdirektor: Dr. Christian Denker

Redaktion: Heidulf Gerngross, Wladimir Jaremenko-Tolstoj, Elisabeth Gschaider,

Will Alsop, Bischof Arsenik (Religion), Andrea Baczynski (Fotos), Rudolf Gerngross (Waran),

David Staretz (Auto-ST/A/R), Christian Denker, Thomas Redl (Kunst), Oxana Filippova

(Performance Art), Sarah Kolb & Rouven Dürr, Herbert Wulz (Neue Medien),

Sergej Volgin (Philosophie), Ismael Basaran (Wien-Türkei)

Auslandskorrespondenz: Angelo Roventa (Rumänien), Valie Airport (Russland),

Ivor Stodolsky (Finnland), Alex Alexeev-Popov (Ukraine), Wolf Günther Thiel (Berlin),

Brigitte Bercoff (Paris), Mirjana Rukavina (Slovenien)

Organisation: ST/A/R-Team

Artdirektion & Produktion: Mathias Hentz

Druckproduktion: Michael Rosenkranz

Interviewtranskription: Michaela Mair, Valie Airport

Druck: Herold Druck und Verlags AG, Wien

Vertrieb: ST/A/R, Morawa GmbH.

Aboservice: starabo@morawa.com

Bezugspreis: 3,- Euro (inkl. Mwst.)

Kontakt: grafik@star-wien.at

Cover: Mounty R.P. Zentara; Foto-shooting: Gerngross/Tolstoj

ABO

GEHEN,

SCHAUEN,

KAUFEN

ST/A/R ist ein Gesamtkunstwerk und unterliegt dem Urheberrecht.

ST/A/R wird gefördert von: Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur.

ST/A/R dankt allen BeitragslieferantInnen, MitarbeiterInnen, KünstlerInnen,

UnterstützerInnen und FreundInnen.


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch II - Brandl ST/A/R 9

Foto: Andrea Baczynsky

GLÜCKSPILZ

FOREVER

FÜR DIE GALAKTISCHE ST/A/R-COLLECTION: 76 X 56, ÖL AUF LEINWAND, HERBERT BRANDL


10 ST/A/R

Buch II - Brandl

Nr. 16/2007

„Ornamentloosigkeit als Zeichen

geistiger Kraft“ von Wolf Günter Thiel

Als wir begannen zu glauben, es gäbe eine spezifische

Abstraktion in Wien, haben uns selbst befreundete

Kollegen abgeraten. Erstens sei der Begriff „Abstraktion“

völlig tradiert und unbrauchbar und dann sei Abstraktion

kein Phänomen, das sich auf einen spezifischen Ort wie Wien

applizieren ließe. Überhaupt sei nach den Simulationstheorien

von Jean Baudrillard die Realität ein einziges Simulakrum und

als solches per se abstrakt. Hier hätten wir aufhören können!

Motiviert hat uns die große Anzahl von auffälligen abstrakten

Phänomenen im Gesichtsfeld der zeitgenössischen Kunst,

die wir sahen und verstehen wollten und die es deshalb zu

bezeichnen galt. Also fuhren wir fort zu recherchieren und

nannten das Vorhaben „Abstraktion Wien“.

Es gibt eine sehr große Anzahl von Künstlern in Wien,

die in ihrer Arbeit, seien es Experimentalfilme, Malerei,

Zeichnung, bis hin zur Musik und Poetik Phänomene der

nichtfigurativen oder konkreten Abstraktion verarbeiten. Nun

können wir mit Markus Brüderlin einen hervorragenden

einen Kunsthistoriker und Kurator nennen, der ein in

den 90er Jahren künstlerisches Aktionsfeld im Bereich

der Abstrakten Kunst mit Neo Geo bezeichnet hat. Wir

glauben aber nicht, dass die Phänomene, die uns in unserer

Recherche beschäftigen, mit den Theorien zur Postmoderne

gänzlich erklärbar sind. Diese von Brüderlin identifizierte

formalistische und geometrische Bildsprache hat man

auch als postmoderne Malerei verstanden. Für uns ist

diese Theorie und Beschreibung nicht ausreichend und

greift wesentlich zu kurz. Die Bildsprache, die wir meinen,

zeichnet sich nicht wie bei Brüderlin durch Homogenität

und Vergleichbarkeit aus, sondern durch eine künstlerische

Haltung zur Abstraktion. Gleichfalls geht es uns nicht um

die Gruppe von Künstlern, die unter dem Ausstellungstitel

oder Stielbegriff Neo Geo zusammengefasst wurden. Diese

Künstler bestätigen unsere These, hätten uns aber nicht

dazu geführt diese aufzustellen. Wir glauben es gibt eine

Generationen übergreifende Überzeugung und Haltung sich

durch eine konkrete Abstraktion der Vereinnahmung durch

ein architektonisches sowie urbanes Gestaltungssystem und

einem kulturindustriellen Vermarktungssystem zu entziehen.

Künstler, die wir meinen, setzen sich bewusst und überzeugt

ins Oppositionsverhältnis zu diesen Systemen. Diese Haltung

glauben wir ist durch die spezifische Ausformung der

Gestaltungs- und Vermarktungssysteme vor dem historischen

Prospekt Wiens und seiner zeitgenössischen, abgeleiteten,

kulturindustriellen Erlebniswelt Wien spezifisch. Deshalb

nennen wir das Phänomen „Wiener Abstraktion“.

Als Adolf Loos 1908 in seiner Polemik „Ornament und

Verbrechen“ seinen Unmut über die Ornamente seiner Zeit

niederschrieb, war dies bestimmt durch die durchdachte und

überzeugte Haltung eines Modernisten im Selbstverständnis,

in Wien mithin wahrscheinlich eines Avantgardisten. Loos

1870 in Brünn geboren und 1933 in Wien gestorben bezieht

sich in dieser Polemik auf Louis H. Sullivan, dessen Wirken

und Werk er zwischen 1893 und 96 in den Vereinigten

Staaten kennen gelernt hatte. Seine eigene Idee bestand darin,

dass man bei der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen

wie auch von architektonischen Baukörpern ganz auf das

Ornament verzichten solle. In seiner Polemik drückt sich Loos

folgendermaßen aus:

„Traurig gingen die Menschen dann zwischen den Vitrinen

umher und schämten sich ihrer Impotenz. Jede Zeit hatte

ihren Stil, und nur unserer Zeit soll ein Stil versagt bleiben?

Mit Stil meinte man das Ornament. Da sagte ich: Weinet

nicht! Seht, das macht ja die Größe unserer Zeit aus, dass sie

nicht imstande ist, ein neues Ornament hervorzubringen.

Wir haben das Ornament überwunden, wir haben uns zur

Ornamentlosigkeit durchgerungen.“ Mit wir meint Loos

sich und seine modernistischen Kollegen. Er bemerkt dann

sarkastisch, die Ornamentsuche sei staatlich anerkannt

und durch Staatsgelder subventioniert, Staatsgelder der

Doppelmonarchie am Anfang des 20 Jahrhunderts; einige

Jahre vor dem verlorenen 1. Weltkrieg und dem Untergang

dieser Doppelmonarchie am 31. Oktober 1918. Die Vertreter

der letzten Generation imperialer Macht wollten sich wie

viele vor ihnen durch ihre eigenen Ornamente ablesbar in die

Stil - und Architekturgeschichte einschreiben. Loos kritisiert

dies und zwar nicht nur für die imperialen architektonischen

und gestalterischen Ansprüche, sondern im Allgemeinen.

Insbesondere der Satz „wenn aber das Ornament schön

ist“, den Loos polemisch als Gegenargument gegen seine

eigene Ansicht einsetzt, wird uns in den Schlussfolgerungen

beschäftigen. So schreibt er, Loos, „allen kultivierten

Menschen, erhöht das Ornament die Lebensfreude nicht“.

Wenn er schon 1908 schreibt „ Da das Ornament nicht

mehr organisch mit unserer Kultur zusammenhängt, ist

es auch nicht mehr der Ausdruck unserer Kultur. Das

Ornament, das heute geschaffen wird, [gemeint, ist der

Zusammenhang des Bauens und Gestaltens im Allgemeinen]

hat keinen Zusammenhang mit uns, hat überhaupt keine

menschlichen Zusammenhänge, keinen Zusammenhang

mit der Weltordnung. Es ist nicht entwicklungsfähig.“

Diese Beobachtung, die Loos 1908 beschreibt, wird vom

Erklärungsgehalt, bezogen auf unsere heutige Welt, erheblich

deutlicher. Wenn schon 1908 die Menschen keinen Bezug

zu den Ornamenten hatten, wie sieht dies heute aus. Eine

Ornamentik verschiedener Stile, die die Stadt wie eine

Gestaltungsordnung durchdringt. Sie kann uns heute nichts

bedeuten außer einem Gefallen an den architektonisch

historischen Charakteristiken, einer Reihe von Zeitstilen,

die mit dem 1. Weltkrieg ihre eigentliche Bedeutung, die

Repräsentanz imperialer Macht, vollständig einbüßten. Die

Bedeutung der Ornamentik war schon während der Bauphase

den normalen Menschen, wie Loos sagt, unzugänglich, um

wie viel mehr muss dies heute auf die Menschen zutreffen.

„Wien bleibt Wien“ – und das ist wohl das Schlimmste, was

man über diese Stadt sagen kann, so schreibt Alfred Polgar.

„Wenn aber das Ornament schön ist?“ Jenseits der Polemik:

Wir sprechen hier nicht über Bauten der Renaissance,

des Barock oder des Klassizismus, sondern über die

seit Mitte des 19. Jahrhunderts markant einsetzenden

architektonischen Neo-Stile, wie sie sich in den Bauten der

Ringstrasse zeigen. Wer findet denn eigentlich Bauten wie

das „Kriegsministerium“ mit dem Monumentaladler, oder

das Kunsthistorische -und das Naturhistorische Museum mit

ihren Legionen an auf den Rändern der Dächer angeordneten

Skulpturen schön? Bei einer Straßenumfrage jedenfalls

konnten Passanten, Wiener wie Touristen auf diese Frage

keine genauen Angaben machen. Die Touristen sprachen

über die alten Palais, die Pracht der Bälle, Sissi, die sie sich

immer noch wie Romy Schneider vorstellen und viele andere

von der Stadt Wien und ihren Tourismusstrategen erdachten

Erlebniswelten. Diese Erlebniswelten des Stadtmarketings

oder mit Theodor Adorno der Kulturindustrie füllen die

imperiale Architektur in den Köpfen der Touristen mit

Phantasievorstellungen auf. Sie stellen sich vor wie Romy

Schneider als Sissi durch die Flure der Hofburg stürmt, mit

Frühlingsduft und Marschmusik. Allein, sehen wir genauer

hin, sehen wir die Möbel dieses Filmes im Hofmobiliendepot,

übrigens die originalen Ausstattungselemente der Sissi

Filme, und sehen uns wie Franz Kafka mit dem „Schloss“

konfrontiert, das sich auch im Verlauf nicht erschließen will.

Wenn wir die imperiale, bis heute repräsentativ

herausgehobene Architektur Wiens betrachten und uns

vorstellen, dass nach dem Verlust des ersten Weltkriegs

aus der Weltmacht Wien ein Kleinstaat geworden war, so

bekommt die Polemik „keinen Zusammenhang mit der

Weltordnung“ und „nicht entwicklungsfähig“ eine tiefere

und nachhaltige Bedeutung. Die Architektur der Ringstrasse

zeugt bis heute vom imperialen Machtanspruch des 19.

Jahrhunderts. Sie repräsentiert nach wie vor diese verlorene

Pracht der Macht. Sie unterscheidet sich trotz ähnlicher

Architektur erheblich von anderen imperialen Städten wie

London oder Paris, vergleichbar nur mit St. Petersburg, das

während des Stalinismus, in Leningrad umbenannt, mit

einer ähnlichen imperialen Bedeutungslosigkeit konfrontiert

wurde. London und Paris hingegen behielten durch

ihre Kolonialmacht, den Commonwealth und heute als

Wirtschaftszentren einer globalen Wirtschaft den imperialen

Gestus bei und füllen ihre Imperialarchitektur seither aus.

In Wien wird die imperiale Architektur bis heute gehegt

und gepflegt und als eines der herausragenden touristischen

Sensationen vermarktet.

Wie erreicht die Kulturindustrie die imperiale Architektur

und die Ornamentik nicht nur imaginativ im Inneren zu

beleben, sondern sogar, dass diese Neo-Stile (Jugendstil?) von

Bildungsreisenden und anderen Kultur beflissenen Touristen

als schön empfunden werden? Es liegt an einer Matrix aus

Symbolen und Bedeutungsträgern, die die Kulturindustrie

gezielt einsetzt, um die Erlebniswelt Wien mit großer

Strahlkraft zu vermarkten und so das Bedürfnis nach Konsum

zu wecken. Jean Beaudrillard untersucht in seinen frühen

Schriften der 60er und 70er Jahre die symbolische Funktion

von Gebrauchsgegenständen, die „reine Zeichen“ seien.

So werden die Gebrauchsgegenstände, die Loos meint und

„Der dialektische Kritiker an der Kultur

muss an dieser teilhaben und nicht

teilhaben. Nur dann lässt er der Sache und

sich selber Gerechtigkeit widerfahren“.

(Theodor Adorno)

für die er eine Ornamentlosigkeit fordert, von Beaudrillard

nicht als Gegenstände des Gebrauchs angesehen, sondern

in ihrer ideellen Dimension als konsumierbare Zeichen

oder Bedeutungsträger bezeichnet. Der Mensch lagert in

seinem privaten Umfeld viele solcher Bedeutungsträger an

und indiziert hierdurch seine eigene Persönlichkeit nach

außen und konstruiert seine Identität wunschgemäß. Hierzu

gehört moderne Kunst genauso wie die Devotionalien einer

Pilgerreise oder Reisesouvenirs. In seiner Rezeption wird der

Mensch insbesondere anhand solcher attributiv eingesetzter

Bedeutungsgegenstände erkannt und in ein gesellschaftliches

Umfeld eingeordnet. So wird dem „traditionellen

Geschäftsmann“ gerne eine bestimmte Kleidung, ein

bestimmtes Benehmen und ein bestimmter Lebensstandard,

der sich durch sein Auto, sein Haus oder eine exklusive

Sammelleidenschaft ausdrückt, zugeordnet, während der

Künstler im Bewusstsein der Menschen immer noch der

idealistische, mittellose und versponnene Grenzgänger

und Außenseiter ist. Der Konsum, so schloss Beaudrillard

damals, ist eine ‘’absolut idealistische Praxis’’. Dies können

wir anhand der schon beschriebenen Auskünfte der Touristen

nur bestätigen. Übertragen auf das Phänomen der imperialen

Architektur und der Funktion der Kulturindustrie bedeutet

dies, dass die Donaumonarchie genauso vorging und ihre

architektonischen Vorstellungen dementsprechend anordnete.

Was ist aber, wenn diese Bedeutungsträger wie sie

Beaudrillard beschreibt, in der dritten Generation vererbt

werden? Was bedeutet dies für das einzelne Objekt? Stellen

sie sich vor sie erben einen Aschenbecher, den ihr Ur-Ur-

Ur-Großvater bei einem Opernball hat mitgehen lassen, als

eine Erinnerung an den ersten Ball mit seiner zukünftigen

Ehefrau, ihrer Ur-Ur-Ur-Großmutter. Dieser Aschenbecher

wird ihnen jetzt mit einer unüberschaubar großen Anzahl

anderer Gegenstände aus über drei Generationen vererbt.

Können sie ihm die gleiche Bedeutung beimessen, wie ihr

Vorfahr, wobei ihre Ur-Großmutter diese Bedeutung schon

nicht mehr kannte. Wohl kaum. Er hätte für sie vielleicht

die Bedeutung eines wertvollen historischen Stück Augarten

Porzellans , aber wohl kaum den ideellen Wert, den es für

ihren Vorfahr gehabt hat. Ein möglicher Gebrauchswert wäre

vor dem Hintergrund der Kostbarkeit des Porzellans eigentlich

ungewöhnlich. Wenn wir also diese beiden Sachverhalte

des privaten, persönlichen und des öffentlichen Raumes

vergleichen, muss diese Sichtweise übertragbar sein. Die

ursprüngliche Bedeutung der Ornamente im öffentlichen

Raum, jenseits aller Loosschen Polemik sind schlichtweg nicht

mehr verstehbar, es sei denn Sie sind Architekturhistoriker,

Denkmalpfleger oder geschulter Stadtführer. Dies bedeutet

wir können auf sie maximal unter kunsthistorischen

oder architekturhistorischen Gesichtspunkten schauen

und dann stellen sich völlig andere nämlich akademische

Fragen und zwar vermutlich für nicht einmal 1% der

kulturellen Bildungselite. Beaudrillard unterscheidet

verschiedene historische Formen von Simulacren (Imitation,

Produktion, Simulation) und beschäftigt sich besonders

mit dem Simulacrum der Simulation als dem dominanten

Simulacrum der durch Massenmedien bestimmten

Gegenwartsgesellschaft. Das Kennzeichen dieses modernen

Simulacrums besteht nach Baudrillard darin, dass die

Unterscheidung zwischen Original und Kopie, Vorbild und

Abbild, Realität und Imagination unmöglich geworden und

einer allgemeinen „Referenzlosigkeit“ der Zeichen und Bilder

gewichen sei. Dass diese Ornamente durch die Kulturindustrie

verblendet und überblendet als schön wahrgenommen

werden, ist auf die Simulationstiefe der kulturindustriellen

Matrix zurückzuführen: Ergebnis ist ein massenmedial

vermitteltes Simulakrum Wien.

Was eigentlich ist eine Kulturindustrie, was tut sie und

wie dekonstruiert die Kunst mit der wir uns eigentlich

beschäftigen wollen, dieses Bild. Was ist eine Matrix und

wie können sich zwei unterschiedliche Matrixsysteme auf

das Wienbild von Künstlern auswirken und wieso führt dies

zu einer spezifischen Art und Haltung zur Abstraktion?

Kulturindustrie, so Theodor Adorno sei die “willentliche

Integration ihrer Abnehmer von oben”. Der Begriff wie

wir ihn für uns annehmen wollen bezieht sich auf die

Beschreibung, die Adorno in der „Dialektik der Aufklärung“

(Adorno/Horkheimer 1948) vornimmt, nämlich auf die

industrielle Fertigung und Vermarktung von „Kulturgütern“.

Uns interessiert im Folgenden die Gegenüberstellung von

kultureller Ware und authentischer Kunst. Der Begriff

Kulturindustrie ist erst einmal so weit gefasst, dass er die


Nr. 16/2007

Buch II - Brandl ST/A/R 11

kulturellen Institutionen , sowie die architektonischen und

kulturellen Attraktionen Wiens im weiteren mit einbezieht,

vom Burgtheater bis zum Heurigen, von den Lippizanern über

das Mozartjahr, bis hin zu den Wiener Sängerknaben und

dem Opernball.

„Mit Kulturindustrie meint Adorno später die gesellschaftliche

Implikation von kulturellen Ereignissen und Erzeugnissen.

Adorno erhoffte, aus den Thesen zur Kulturindustrie eine

Antwort auf die Frage zu finden, weshalb die antagonistische,

aus kulturmarxistischer Sicht in sich widersprüchliche,

kapitalistische Gesellschaft, stabil ist. Dieser soziale Kitt, wie

ihn Erich Fromm nannte, sollte die Kulturindustrie sein,

welche als Mittel von Herrschaft und Integration agiert.“

Betrachten wir das Phänomen noch einmal mit Beaudrillard.

Die Simulation besteht aus einer Modellfindung oder

Modellerfindung. Das heißt die Kulturindustrie entwickelt

aus Wien ein neues Modell, ein verkaufbares Produkt.

Dieses Modell umfasst alle kulturellen Attraktionen und

Auffälligkeiten und wird zur Erlebniswelt Wien stilisiert

und so vermarktet. Es wird also ein Modell von Wien

und nicht der reale Ist-Zustand Wien vermarktet. Dies ist

marktwirtschaftlich oder kulturindustriell nachvollziehbar

und verstehbar, allein die Kunst wie sie Adorno fordert,

folgt anderen Prinzipien. Sie ist aufgefordert sich genau

von diesem Simulakrum Wien abzusetzen und ihm etwas

entgegenzusetzen, die Authentizität der Kunst und die

Primärerfahrbarkeit von Kunst.

Verschiedentlich wurde schon der Begriff der Matrix

benutzt. Hierbei verstehen wir den Begriff der Matrix als ein

gestalterisches und gestaltendes Ordnungssystem nach dem

der öffentliche, insbesondere der urbane und architektonisch

umbaute Raum zuerst nach imperialen, später nach

ökonomisierbaren, repräsentativen Gesichtspunkten geordnet

wird. Diese Ordnung dominiert bis heute das Stadtbild; sie

reicht von den frühen Neo-Stilen, über Gründerzeitstil bis hin

zum Jugendstil. Der hier forcierte Canon an Ornamenten,

Symbolen, Plastiken und Reliefs dominiert das Stadtbild

bis heute, ohne dass der Wiener den Schlüssel zu diesem

Codesystem besitzt.

Die Kulturindustrie als zweites Ordnungssystem vermarktet

den architektonischen und urbanen Raum und füllt ihn an mit

der virtuellen Erlebniswelt Wien. Diese virtuelle Erlebniswelt

Wien ist zu großen Teilen künstlich wie zum Beispiel der

historisch überlieferte Klatsch und die Sissi Filme bis heute

bezeugen. Darüber hinaus werden Veranstaltungen wie der

Wiener Opernball und das Neujahrskonzert zu weltweit

ausgestrahlten Belegen dieser Erlebniswelt Wien. Diese

virtuelle Welt ist eine reine Konsumwelt, wie Adorno sagen

würde, eine die keine authentischen Kunsterlebnisse zulässt,

sondern Kulturgüter verkaufen muss und will.

Diese beiden Matrixsysteme sind fest miteinander verwoben,

sind aber trotz allem zu unterscheiden in eine historisch

geprägte reale architektonische, urbane Gestaltungsmatrix und

eine kulturindustrielle Vermarktungsmatrix. Beide Welten

durchdringen sich ständig und überall und stabilisieren

sich gegenseitig. Sie treffen an zwei Orten in jedem Jahr

weltweit wahrnehmbar aufeinander: beim Operball und

beim Neujahrskonzert und bei beiden genau im Moment des

Abspielens des Walzers „An der schönen blauen Donau“ (1867

komponiert) von Johann Strauß (Sohn).

Mirjana Rukavina

1

2

3

Präornamentale Rotation 1,2,3

Präornamentale Rotation 1,2,3

http://www.mirjanarukavina.net

1 Wir sind Thomas Redl, Hofstetter Kurt, Lucas Gehrmann und Barbara Doser.

2 Vgl. http://www.prestel-kuenstlerlexikon.de/search.php?type=detail&id=890&sear

chkey= am 20.11.07

3 gemeint sind Künstler, wie Ernst Caramelle, Hemut Dorner oder Helmut Federle

bis hin zu Gerwald Rockenschaub ... Vgl.z.B. Brüderlin, Markus (ed.). Postmoderne

Seele und Geometrie. Perspektive eines neuen Kunstphänomens. Trendsetting oder

Paradigmenwechsel, Kunstforum International, no. 86 (1986); Neo-Geo, 1986: Geometria

nova (Ausst.-Kat.), Kunstverein München 1986; Neo-Geo, 1995: Monochromie,

Geometrie (Ausst.-Kat.), Sammlung Goetz, München 1995; Wiehager, Renate

(ed.). Minimalism and After. Traditionen und Tendenzen minimalistischer Kunst in

Europa und den USA von 1950 bis heute. DaimlerChrysler Collection. Neuerwerbungen

für die Sammlung 2000 bis 2006, Berlin, 2007

4 Loos bezieht sich auf den Satz von Louis H. Sullivan: „Es könnte uns nur zum

Besten gereichen, wenn wir für eine Zeitlang das Ornament beiseite ließen und

uns ganz und gar auf die Errichtung von in ihrer Nüchternheit schön geformten

und anmutigen Bauwerken konzentrierten.“ Hierauf bezieht sich Loos in seiner

Fundamentalkritik am Jugendstil und der Prachtarchitektur der Jahrhundertwende.

Ein weiterer Text von Sullivan, der für die Diskussion von großer Bedeutung ist:

„The Tall Office Building Artistically Considered in Lippincott‘s Magazine aus dem Jahr

1896 (form follows function). In diesem Text geht es jedoch in erster Linien darum

wie sich die Form eines Gebäudes oder eines Gegenstandes sich von seiner Funktion

ableitet. Als Architekt wurde Sullivan zum Begründer des Architekturbüros Sullivan

& Adler, welches prägend für die so genannte Chicagoer Schule war. Die in den knapp

20 Jahren bis zur Jahrhundertwende errichteten Gebäude von Sullivan erlangten

Bekanntheit und schrieben Architekturgeschichte.

5 Zitiert nach Ulrich Conrads. Programme und Manifeste zur Architektur des 20.

Jahrhunderts. Vieweg: Braunschweig/Wiesbaden, 1981, S. 15ff.

6 Wir meinen insbesondere die repräsentativen Bauten, die Wiener Ringstrasse und

die Stadterweiterungen die seit Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sind. Am 1.

Mai 1865 wurde die 6,5 Kilometer lange und 57 Meter breite Ringstrasse feierlich

eröffnet. An ihr entstand eine Reihe monumentaler Bauwerke, wie sie noch heute

auf der Welt einzigartig ist. Neben staatlichen Repräsentationsbauten, großzügigen

Plätzen und Parkanlagen ließen sich zahlreiche vermögende Persönlichkeiten aus

Wirtschaft und Adel einen Platz an der Ringstrasse sichern und ein Palais erbauen.

Entlang dieser Straße, der Wiener Ringstraße auch der Erweiterungsbau der kaiserlichen

Hofburg, große Museen, die die kaiserlichen Kunst- und Natursammlungen

beherbergten, ein Parlamentsgebäude für den Reichsrat, die Neue Universität, das

Neue Rathaus, das Hofburgtheater und eine zum Andenken an die Errettung des

Kaisers vor einem Attentäter im Jahre 1853 gestiftete Votivkirche. Der Grossteil der

Ringstrassenbebauung wurde in der Zeit zwischen 1869 und 1888 erbaut, wobei

der dominierende Baustil der Historismus ist, also eine zeitgenössische Anlehnung

an Renaissance, Gotik und Barock. Das Schönheitsprinzip folgte Heraklit, der die

Schönheit in einer zu harmonischer Einheit gefassten Mannigfaltigkeit sah. Der

Abschluss der Bautätigkeit am Ring wurde erst 1913 mit der Fertigstellung des

Kriegsministeriums erreicht, als der Ringstraßenstil schon ein wenig unmodern

geworden war, wie das etwa gleichzeitig von Otto Wagner im Jugendstil gebaute

Postsparkassengebäude zeigt. Der größte Teil der (äußeren) Bausubstanz hat sich bis

heute erhalten und die Innere Stadt Wien ist seit 2001 Unesco Weltkulturerbe..

Vgl. z.B. http://www.planet-vienna.com/spots/ringstrasse/ringstrasse.htm

7 ibid.

8 Die Zurückhaltung des Kaisers erlaubte es Adolf Loos, genau gegenüber dem

barocken inneren Burgtor der kaiserlichen Hofburg im Jahre 1910 sein umstrittenes

erstes schmuck- und ornamentloses Wohnhaus zu bauen. Franz Joseph soll die Hofburg

seit damals stets durch andere Tore verlassen haben im Gegensatz zu seinem

Sohn Kronprinz Rudolf – nahm er nie selbst aktiv an den neuen kulturellen und

intellektuellen Strömungen Anteil; sie berührten ihn nicht.

9 Diese Befragung ist keine soziologische Studie und folgt keinen empirischen Forderungen,

sondern entsprach einem spontanen Wissensdrang und umfasste nicht

mehr als 15 Passanten. Sie ist weder aufgezeichnet noch dokumentiert, sondern verstand

sich als künstlerische Intervention im öffentlichen Raum. Es wäre jedoch von

hohem Interesse eine wirkliche Befragung in diesem inhaltlichen Zusammenhang

vorzunehmen und sich den realen Ist-Zustand vor Augen zu führen. Hier gibt es ein

erhebliches Erklärungsdefizit.

10 Als Bestätigung meiner Vermutung bezüglich der Kulturindustrie kann ein

Besuch im Hofmobildepot genügen, in denen man auf allen Erklärungsbildschirmen

immer wieder eben diesen Sissi Film sieht. Erstaunlicherweise zu einem Drittel für

chinesische Gäste auf Mandarin.

10 Mit einer Fläche von 676.615 km 2 und 52,8 Mio. Menschen (1914) war Österreich-

Ungarn, flächenmäßig nach Russland, der zweitgrößte und von seiner Bevölkerungszahl,

nach Russland und dem Deutschen Reich, der drittgrößte Staat Europas. Heute

leben auf einer Fläche von 88.871 km 2 8.316.000 Menschen Vgl. http://www.

statistik.at .

12 Als Gast in Wien könnte man vorschnell der Meinung sein, die Melancholie in

Wien sei durch den Verlust des Weltmachtstatus bei gleichzeitiger Konservierung

der Imperialarchitektur entstanden. Barbara Doser schrieb mir in einer Korrektur

einen Hinweis zu Sigmund Freud: „In seinem Aufsatz Trauer und Melancholie von

1917 schreibt Sigmund Freud, die Melancholie sei dadurch gekennzeichnet „dass

die Herabsetzung des Selbstgefühls nicht durch die positive Trauerarbeit behoben

wird. Die Melancholie ist seelisch ausgezeichnet durch eine tief schmerzliche

Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, durch den Verlust

der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des

Selbstgefühls, die sich in Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen äußert und bis

zur wahnhaften Erwartung der Strafe steigert. Diese selbstzerstörerischen Aspekte

sieht Freud als Ursache für die Suizidgefährdung der Melancholiker. Loos jedenfalls

behauptet diese überkommenen Ornamente, die Zeichen dieser ehemaligen Macht,

machen krank. Als er diese Polemik schrieb waren dies Ornamente und Symbole

noch durch die Macht des Staates bedeutend und repräsentierten die Macht, hatten

also eine Funktion und eine Bedeutung, die sich vermittelte und vermittelt wurde,

auch wenn Loos dies bestreitet. Um wie viel mehr müssten die Ornamente nach

Loos krank machen, wenn die Legitimierung und Bedeutung der Ornamente durch

die dahinter stehende Staats- und Weltmacht wegfällt. Was macht ein Staat, der eine

Weltmacht war, mit den Symbolen der Macht, wenn diese abhanden gekommen

ist, was bedeuten diese Symbole die für Macht stehen, wenn die Macht abhanden

gekommen ist? Ein übergroßes Mahnmal, Denkmal? Wohl eher eine Denkmal-Matrix,

die im Falle von Wien die ganzen Innenstadtbezirke überzieht. „Wenn aber das

Ornament schön ist?“ Wie wir wissen ist dies reine Geschmackssache.

13 Dieses Künstlerbild ändert sich gerade in den letzten zwei Jahrzehnten. Es wird

weniger und weniger über Kunst gesprochen und mehr und mehr über Auktionsergebnisse,

Preise und Geld. Dieser Trend bewegt sich auf seinen Zenit zu und wird

sich dann, wenn in einer wirtschaftlichen Krise die Lose für zeitgenössische Kunst

zurückgehen wieder neu ausdifferenzieren.

14 Die Geschichte des Wiener Porzellans beginnt 1718. Bereits acht Jahre nach der

Erfindung des „Weißen Goldes“ durch Johann Friedrich Böttger (1709) wurde die

Wiener Porzellanmanufaktur eröffnet. Seitdem genießt die Manufaktur großes Ansehen.

Ein Spezialprivilegium, am 25. Mai 1718 durch Kaiser Karl VI. unterzeichnet,

verlieh Claudius Innocentius du Paquier, dem k.u.k. Hofkriegsagenten, eine Monopolstellung:

er hatte die alleinigen Rechte Porzellan innerhalb der österreichischen

Kronländer zu erzeugen. In der heutigen Porzellangasse (im 9. Wiener Bezirk)

fertigte man das Wiener Porzellan, mit dem das Kaiserhaus und der höfischen Adel

ausgestattet wurden. Heute ist dieser spätbarocke Stil als die „Du-Paquier-Periode“

bekannt. Am 2. Mai 1923 wird die Porzellanmanufaktur im Schloss Augarten – dem

heutigen Standort – wieder eröffnet. Unter dem neuen Namen „Wiener Porzellanmanufaktur

Augarten“ soll die Tradition der ehemaligen kaiserlichen Manufaktur

fortgesetzt und um neue Impulse bereichert werden. Die Manufaktur öffnet sich

modernen Strömungen und realisiert Entwürfe von zeitgenössischen Künstlern wie

Josef Hoffmann, Michael Powolny, Franz von Zülow und anderen Vertretern der

Wiener Werkstätte. Vgl. hierzu http://www.augarten.at .

15 Besonders zu empfehlen die Fingerpuppen im Museumsshop der Albertina: von

Freud, Gandhi bis Frida Kahlo... sehr schön auch der Museumsshop im Belvedere

wo es einen Handgroßen Teddy mit Textildruck eines Klimt-sujets zu kaufen gibt...

16 http://de.wikipedia.org/wiki/Kulturindustrie am 19.11.2007

17 An dieser Stelle werden die Kritiker ansetzen und sehr zu Recht darauf hinweisen,

das sich selbstverständlich bei einem Besuch des Kunsthistorischen Museums vor

einem Bild von Carravaggio, der Albertina vor einer Dürerzeichnung oder des Operhauses

während einer Mozartoper eine Primär Erfahrung einstellt. Diese im Rahmen

einer Reiseplanung geplanten Erlebnisse sind terminiert und in einen Gesamtablauf

eingetaktet und deswegen vorgesehen. Ob eine Primär Erfahrung vorauszusehen

und zu planen und somit kalkuliert verkauft und konsumiert werden kann ist eine

Frage, der wir in diesem Kontext nicht weiter nachgehen können.

18 Der Walzer ist ein Drehtanz im 3/4 –Takt. Seine Blütezeit erlebte der Walzer als

Wiener Walzer im 19. Jahrhundert mit Johann Strauß Vater und Sohn. Das Wort

Walzer stammt von dem Begriff walze.


Städteplanung / Architektur / Religion Buch II - Brandl

ST/A/R 13

Mode von Oleg Feldman

Mode von Oleg Feldman

Foto: ST/A/R

DU

Prêt-à-porter in Odessa !!!

Ukrainische Modeschau,

Défilé März 2007


14 ST/A/R

Buch II - Brandl

Nr. 16/2007

ST/A/R-ARCHITEKT ANGELO ROVENT

Angelo Roventa

Architekt und Priester

„Soofil“ oder „a fute gaina in cur“

Pygmalion-Theater, Alserstrasse 43, plant Gastrollen im neuen Rum

Tolstoj „Der Hühnervögler“ wird von Tino Geirun und Ana Terzer in


Nr. 16/2007

Buch II - Brandl ST/A/R 15

A BAUT EIN THEATER IN RUMÄNIEN

Neubau Ateliertheater für 300 Personen als Erweiterung der

Nationaltheaters - Teatrul National „Vasile Alecsandri“ Iasi

Ort: Iasi - Hauptstadt des Bezirks Moldau - Rumänien

Architekt: Angelo Roventa

Theaterdirektor: Cristian Hadji - Culea

Zimmermann: Andreas Rabanser

Spengler: Arno Bereuter

Montage der Holzkonstruktion: 4 Wochen

18 LKW Transporte zwischen Vorarlberg und Iasi über die

Alpen und über die Karpaten (im Winter !)

Kosten: 250.000 e

änischen Theater. Das Theaterstück von Wladimir Jaremenkos

Rumänische übersetzt.

www.pygmaliontheater.at


16 ST/A/R

Buch II - Brandl

Nr. 16/2007

Coop Himmelb(l)au

webdesign_Caballero

Europameisterschaft

Heroen der Weltarchitektur

Wolf D. Prix, Helmut Swiczinsky

Bild aus dem Katalog „Beyond the Blue“

Ausstellung im MAK bis 11.05.2008 HINGEHEN!

Wolf D. Prix, telefoniert mit Gloria Gerngross


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch III - Jiffy ST/A/R 17

Peter Zsivcsec

Star-Architekt

„Wir arbeiten mit der Tradition, mit

großer Ehrfurcht, bewegen uns im

Jetzt mit aller Selbstverständlichkeit,

und planen für die Zukunft die

Räume der guten Wünsche.“

Peter Zsivcsec

Star-Architekt


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18 ST/A/R

Buch III - Jiffy

Nr. 16/2007

Weg in die Freiheit

Bürogebäude

S‹D ANSICHT

NORD ANSICHT

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OST ANSICHT

BEBAUTE FLƒCHE H‹HNERSTALL: = 500.04m2

BEBAUTE FLƒCHE EIERLAGER: = 169.50m2

BEBAUTE FLƒCHE ‹BERDACHTER AUSLAUF: = 319.52m2

BEBAUTE FLƒCHE GESAMT: = 989.06m2

BRUTTOGESCHOSSFLƒCHE: = 989.06m2

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H‹HNERSTALL: 456.00 m2

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AUSLAUFKL.

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EIERLAGER

159.00 m2

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+2.22

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WEST ANSICHT

SCHNITT A-A

DN 7

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120 80 27 16

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296 16

+3.58

+0.25

+0.00

+2.22

-0.15

EINREICHPLAN M 1:100

BAUVORHABEN:

NEUBAU VON 2 H‹HNERSTƒLLEN

STALL D UND STALL E

BAUWERBER:

TONI`S HANDELS GmbH

GLEIN 14

8720 KNITTELFELD

BAUPLATZ:

GRUNDST‹CK:

271

GEMEINDE:

RACHAU

KG:

GLEIN

ORTSCHAFT:

GLEIN

BAUWERBER:

GEMEINDE:

GRUNDEIGENT‹MER:

PLANVERFASSER:

BAUF‹HRER:

7 400 400 400 400 400 400 400 400 400 400 400 400 7 6

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2052

DATUM:

MƒRZ 2003

PAUSEN:

6x

STATIK LAUT BAUAUSF‹HRENDER FIRMA

KOTEN PR‹FEN

FUNDAMENTE AUF TRAGFƒHIGEM BODEN UND

FROSTFREIE TIEFE GR‹NDEN


Nr. 16/2007

Buch III - Jiffy ST/A/R 19

Wohnhaus Bernhard Schwaiger

„Man schmeckt den Unterschied…“

www.triobeef.at


Städteplanung / Architektur / Religion Buch III - Jiffy

ST/A/R 21

Inserat_WB_Dez_07 18.12.2007 18:22 Uhr Seite 1

Wienerberger

B u i l d i n g

Va l u e : e i n e

k l a re Vi s i o n

für Ziegel

Wienerberger hat als Hersteller keramischer Baumaterialien

eine klare Vision: Building Value. Wir wollen mit Hilfe unsere r

N a t u r p rodukte bleibende Werte schaffen. Innovation, Beständigkeit,

Verlässlichkeit, Sicherheit und Qualität haben für uns

höchste Bedeutung. Auf diese Weise tragen wir zur Lebensqualität

jedes Einzelnen bei. Unsere Produkte werden für

Menschen gemacht, unter strenger Bedachtnahme auf unsere

Umwelt. Wir sind überzeugt mit unseren keramischen Baus

t o ffen den höchsten ästhetischen und baulichen Ansprüchen

g e recht zu werd e n .

Wienerberger AG

T +43 (1) 60 192-0, www. w i e n e r b e r g e r. c o m


22 ST/A/R

Buch III - Jiffy

Nr. 16/2007

Jiffys Feuerschale

Lust am Leben. umgeben

von einer wundervollen

Landschaften

im Herzen Europas.

St. Margarethen b. Knittelfeld

homepark@belvida.at


Nr. 16/2007

Buch III - Jiffy ST/A/R 23

ST/A/R empfiehlt…

und grüßt

STEFAN SARES

Gönner und

Kulturfreund

Rouven Dürr

Austrian writer Gabriele Petricek

(Zimmerfluchten, 2005, Von den

Himmeln, demnächst) and american

actor Daniel Benzali (Murder One,

1995, Murder at 1600, 1997,

The Grey Zone, 2001) in front of

the Restaurant Match 65, 29 East

65th street, New York, NY, on a

sunny tuesday in November 2007.

Petricek writes on a new novel and

Benzali recently returned to Broadway

theatres.








NEU! OPERNGASSE 20B, 1040 WIEN


24 ST/A/R

Buch III - Jiffy

Nr. 16/2007

LieberGotthilfmir

Vladimiro und Heidulfu Gerngross

wer mich kennt

kennt die welt

und wer die welt kennt,

kennt mich nicht. was ich weiß,

weiß nur die APA

und die APA weiß nichts

war is over- let’s fight

forever dead in the bead

peace for everybody

mein film wird vom

St/A/R TV erfilmt und hollywood geht pleite.

fernseheverbot für alle polizistinnen.


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch IV - Kunst ST/A/R 25

RZ_inserat.qxd 06.11.2007 11:06 Uhr Seite 1

k/haus

exitus.

tod alltäglich

20. 10. 07 — 06. 01. 08

künstlerhaus

karlsplatz 5

1010 wien

künstlerhaus

100 Jahre Bestattung Wien

täglich

10 –18 uhr

donnerstag

10 – 21 uhr

www.k-haus.at

Anna Konik, „Disco Relaxation“


26 ST/A/R

Buch IV - Kunst

Nr. 16/2007

ROUTE DE LA MORT

Interview mit Wittigo Keller, Kurator der Ausstellung Exitus-Tod alltäglich

Thomas Redl: Wie ist die Ausstellung „Exitus - Tod alltäglich“

konzipiert?

Wittigo Keller: Generell muss man sich Gedanken machen,

wie es zu dem Thema und dem Ansatz der Ausstellung gekommen

ist. Das war die erste Stufe der Problematik: Wie zeigen

wir ein solches Thema und wo zeigen wir es. Wir wissen,

dass heuer 2007 die Bestattung Wien 100-jähriges Bestehen

feiert. Das war der erste Ansatzpunkt. Wir wissen, dass heuer

in den Geschäften, wo immer man hinblickt, der Totenkopf

von Pullovern, Hauben, Schals, Gürtelschnallen, Turnschuhen,

Taschen etc. auf uns einwirkt, dass es Kinderserien diesbezüglich

von Dior bis Lagerfeld gibt. Und wir wissen, dass

das Künstlerhaus innovative Thematiken neu aufbereitet sehr

schätzt. Das waren drei Elemente, die zusammen kamen und

es entstand ein Kooperationsprojekt zwischen Künstlerhaus

und Bestattung und so wurde die Möglichkeit geschaffen

dieses Thema hier im Haus an die Öffentlichkeit zu bringen.

Vom Konzept her haben sich verschiedene Ansatzpunkte

ergeben: Zum einen ist das Haus von der Architektur Grundriss

mäßig symmetrisch angelegt und genau diese Symmetrie

wurde bewusst als Gestaltungsebene eingesetzt. Wir haben

die drei Elemente des Ritualdesigns - Symmetrie, Frontalität

und Erhabenheit - ganz bewusst durchgezogen. Symmetrie

wie wir sie von Kultbauten wie Friedhöfen, Kirchen, Schlössern

und dergleichen kennen: die Räume teilweise diagonal

gestaltet und wir haben von jeder Öffnung, von jeder Raumfüllung

in den anderen Raum, die Möglichkeit ein ganz

prägnantes Objekt erkennen zu können. Wir haben vor allem

den großen Raum in einer exakten Diagonale gesetzt, wo wir

dann im Zentrum ähnlich einem Altar unser Trauerzentrum

errichtet haben, wo es möglich ist über Akustik die Themen

von Trauer in Form von Melodien, in Form von Trauertexten

und Gedichten auf sich einwirken zu lassen. Wir haben versucht,

diese Frontalität des Zuganges zu schaffen, damit ein

Dialog zwischen dem Ausstellungsexponat und dem Besucher

entstehen kann.

Vom inhaltlich Thematischen her, war es notwendig verschiedene

Ebenen und Themenbereiche zusammen zu bringen,

zu komponieren. Und so haben wir das Bestattungsservice

- jene Institution, die vielleicht am Intensivsten tagtäglich sich

mit diesem Thema auseinandersetzt -, die Kulturgeschichte,

die Kunst, die historische genauso wie die zeitgenössische,

und die Alltagskultur zusammengebracht und Raum übergreifend

präsentiert. Wir sind vollkommen von einer Raumthematik,

Raumbeschriftungen weggegangen und haben das

so genannte Raumprinzip des Insularen eingesetzt, wo wir

über die Farbe Rosa gewisse Flächen setzen, die sich durch

die ganze Ausstellung ziehen, nicht nur am Boden begehbar,

sondern auch erhaben in den einzelnen Vitrinen, die die

Vielfältigkeit der verschiedenen Themen in einem Raum wie

eine Perlenkette aneinander reiht und uns eine Chronologie

einer zeitlichen Abfolge, einer Reise, einer Route de la morte

ermöglicht.

T.R.: Auffällig an der Ausstellung ist, dass es eine Parallelität

zwischen sehr zeitgenössischen Arbeiten und alltagsrituellen

Bildern und Gegenständen bezogen auf den Tod gibt. Das ist

eine neue Zusammenstellung.

W.K.: Es ist zumindest eine relativ ungewohnte Möglichkeit

des Betrachtens wie es normalerweise in einer Ausstellung

noch nie gemacht worden ist, weil es eine gewisse Schwierigkeit

im Sinne des Präsentativen bedeutet. Man muss dem Betrachter

die Möglichkeit eines Zuganges geben, er muss eine

Art Leiter, einen Anhaltspunkt finden und das ist über das

thematische Konzept des Strukturellen, dieses insulären Prinzips

gemacht worden. Das ist genau dass Spannende: denn

die Alltäglichkeit des Todes, die wir dauernd erleben - in der

heutigen Zeit ist das Motiv und die Gefahr des Todes größer

denn je: zu falschen Zeit am falschen Ort zur falschen Stelle,

und schon hat es uns erwischt - ist unwahrscheinlich und

befremdlich geworden und gleichzeitig permanent präsent.

Dies thematisiert z. B. die junge polnische Künstlerin Anna

Konik in ihrer Installation: Es befindet sich ein drehender

Disko-Schädel „Disco Relaxation“ in einem Achteckraum mit

tausenden leicht in der Fläche sich ändernden facettierten

Spiegeln, die ihre Reflexionen an die Wand werfen in zwei

verschiedenen Richtungen gegeneinander. Die Dimension

des konkreten Todes, wie er aufblitzt in einer spaßigen Unterhaltungskultur,

um gleich wieder weg zu sein, weil wir

ihn nach hinten drängen wie in einem Screen, beginnt dort

zu wirken und gleichzeitig erfolgt damit die Auflösung der

konkreten Welt. Das ist eine spannende Geschichte, die wir

immer wieder in einzelnen Elementen zeigen, indem wir

vielleicht auch ganz leicht provokante Ebenen und Bereiche

zusammenstellen, damit dieser Reibungseffekt passiert.

Lucinda Devlin mit ihren gewaltigen Fotografien der Todeskammern

und Hinrichtungszellen wurden mit der Anatomie,

dem Inneren des Körpers und der psycho- und medizintherapeutischen

Auseinandersetzung kombiniert, genauso wie mit

Särgen, die im Bereich der Kunst und weniger im Sinne der

Funktion operieren, um gleich daneben den Leichenschmaus

zu präsentieren, eines der gewaltigsten Momente im Sinne

der psychischen Kompensation nach einem Begräbnis, um

diesen Erstschockszustand zu überwinden, um mit dieser

Übersteigerung des Theatralischen wieder einen kleinen Zugang

zur profanen Welt geben zu können.

T.R.: Wien und der Tod hat ja eine bestimmte Verwandtschaft.

Der Zentralfriedhof, dieses leicht Morbide ist auch

eine Tradition in dieser Stadt.

W.K.: Ich bin ganz glücklich, dass diese Tradition „Wien und

der Tod“ heißt und nicht „der Wiener und der Tod“, wobei

„Der Tod muss a Wiener sein“ ist, glaube ich, mittlerweile

schon urheberrechtlich geschützt. Wenn wir die ganzen

Nicht-Wiener Künstler durch die Epochen hindurch, egal ob

Maler, Schriftsteller, Bildhauer oder Musiker, betrachten,

fällt auf, wer länger in dieser Stadt gearbeitet hat, bei dem

tritt automatisch die Thematik des Todes sehr massiv in der

Arbeit auf, da muss die Stadt dieses Flair oder diesen Ansatzpunkt

haben. Mir selbst ist dies passiert, ich komme aus dem

Westen von Österreich an der Schweizer Grenze, bin zum

Studieren nach Wien gekommen und war nach einem dreiviertel

Jahr kannte ich jeden Friedhof und beschäftigte mich

mit der Thematik. Das ist eine spannende Geschichte und

nicht umsonst hat sich hier in Wien eine der grandiosesten

Funeralkulturen entwickelt, die z.B. 1867 begonnen hat, als

die erste private Bestattungsanstalt gegründet wurde, die die

Idee, die Vision hatte, den Bürger und seinen Letztabgang bis

zur Perfektion zu inszenieren. Der schöne Name war: ORTA

PRIESTL POMP FUNEBRE. Man kann sich fragen: Warum

das hochnäsige Französische in Wien?

Das ist ganz einfach, weil sch die bessere Gesellschaft vom

Proletariat unterscheiden wollte und genauso wie der Adel

in der Freizeit Französisch sprach. Daher kommt der gemütliche

Terminus „Pompfüneberer“, jene Symbolfigur des

Uniformierten mit der klassischen Zweispitz-Kopfbedeckung

als Prototyp der „schenen Leich“ schlechthin. Diese schene

Leich war für einen gehobenen Mittelstand einerseits vom

ideologischen Level andererseits von der Intensität des Geldtascherls

eine Möglichkeit, sich in der Ewigkeit zu manifestieren.

Diese schöne Leich als letztes Event und ein besonderes

Denkmal auf dem Zentralfriedhof in der Nähe der Ehrengräber

waren Highlights, für die es sich gelohnt hat zu leben.

T.R.: Ich weiß nicht, ob es ein Novum ist oder ob es so etwas

Wittigo: Sitzsarg, Hommage an René Magritte, 2001,

Installation © Wittigo

in anderen Städten auch gibt, in Wien gibt es das Bestattungsmuseum,

wo die Tradition des Bestattens musealisiert wurde.

W.K.: In diesem Zusammenhang hat in Wien natürlich ein

Museum gefehlt. Interessant ist, dass es das weltweit erste

über Totenkult und Bestattungswesen überhaupt war, 1967

an die Öffentlichkeit gegangen. Der Initialpunkt des Ganzen

war die Situation, dass diese frühen Bestattungsanstalten konzessionsfreie

Gewerbe waren, d.h. jeder Wiener ohne Ausbildung,

ohne Befähigungsnachweis konnte damals Bestatter

werden und ganz im Sinne der vielleicht etwas lakonischen

Aussage „Sterben tut jeder. Für Kunden ist gesorgt“ wundert

es uns nicht, dass innerhalb von nur fünf Jahren 87 Privatbestattungen

in Wien tätig waren, mit der unangenehmen

Nebenerscheinung eines aggressivsten Konkurrenzkampfes.

Da dies sehr unseriös ausgeartet ist, hat der damals waltende

Bürgermeister Karl Lueger 1907 entschieden, dass dem

ein Ende gesetzt werden muss und der Gemeinde Wien die

alleinige Zuerkennung der Genehmigung für Begräbnisse

gegeben wurde. Die Problematik damals war, dass diese 87

bestehenden Bestattungsunternehmen zurück übernommen

werden mussten, sie wurden käuflich zurück erworben und

es dauerte Jahrzehnte, bis die letzte 1951 in die Gemeinde

übergegangen ist. Ab dann war die Bestattung ein allein tätiges,

Monopol orientiertes Unternehmen mit einer Frequenz

von etwa 22.000 Begräbnissen pro Jahr. Das hat sich wieder

im Jahr 2002 durch neue Regelungen abrupt geändert, wo

liberalisiert wurde und wodurch wir heute wieder die privaten

Bestattungen haben.

In diesem Spannungsfeld entstand das Bestattungsmuseum,

weil ganz am Anfang durch die Übernahme der Privaten auch

das Inventar mitgenommen wurde und den Mitarbeitern

der Bestattung einfach eine Sammlung vor Augen geführt

werden sollte, um einen kleinen Einblick in die Geschichte

zu geben. Klarerweise ist das Interesse der Öffentlichkeit

erwacht, darum wurde dieser Teil des Bestattungsunternehmens

1967 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

20 Jahre später habe ich das Museum in einer vollkommen

neuen Art konzipiert und präsentiert. Wir führen auch dort

keine chronologische Zeitgeschichte vor Augen, sondern in

Form von Überblicksthemen schaffen wir rituelle Ecken und

Installationen, damit wird nicht nur die Thematik des Todes

und Totenkultes im Sinne einer intellektuellen Sichtweise

der Betrachtung vermittelt, sondern kann sehr stark über

das mentale Element von Seiten des Betrachters aufgenommen

werden. Es entsteht auch hier der Dialog zwischen

dem Artefact und dem Publikum. Das Spannende in diesem

Museum ist, dass es derzeit nur mit Führung besichtigbar

ist und in diesem Führungskonzept habe ich auch eine ganz

neue Dimension des sogenannten Edutainments entwickelt,

d.h. eine Mischung zwischen Education, Informationsträger,

Ausbildung – wir sind mit sehr vielen Fachinstitutionen und

Universitäten in laufender Verbindung - und des Entertainments,

um den Tod leicht satirisch angehaucht dem Publikum

näher zu bringen.

„Pompfüneberer“

und die „schöne Leich“, barocke Üppigkeit bis in den Tod

und von Sparsamkeit geprägte Kuriositäten wie der

„Klappsarg“ Kaiser Josephs II., der wieder verwendet werden

konnte: Das Bestattungsmuseum der Bestattung Wien gibt

mit rund 1.000 Ausstellungsstücken einen umfassenden

Einblick in Bestattungswesen, Begräbnisrituale und das

besondere Verhältnis der Wiener zum Tod.

1040 Wien, Goldeggasse 19 · Tel. (01) 501 95-0 ·Tel. Anmeldung erforderlich

www.bestattungwien.at


Nr. 15/2007

Buch IV - Kunst ST/A/R 27

Interview mit

Martin Rasp

Foto: Thomas Redl

Berchtesgaden

Ateliersituation Martin Rasp

Hinweise auf Vergehen und

Vergänglichkeit

Thomas Redl: Meine erste Frage an dich: Ein wesentlicher

Punkt deines künstlerischen Prozesses ist die Arbeitsmethode.

Kannst du etwas über deine Methodik erzählen?

Martin Rasp: Also, die Bilder dauern ihre Zeit, und es geht in

erster Linie einmal darum, Dinge zu finden, und dann daraus

etwas zu machen, wobei das Finden eine eigene Geschichte ist.

Wenn man etwas finden will, findet man nichts. Man muss also

oder soll absichtslos die Landschaften, die Gegenden durchstreifen,

dann findet man natürlich Dinge. Eine Schweizerin

die ich in Ischia getroffen habe, hat einmal gesagt: „Ich habe

den Eindruck, die Dinge finden mich.“ Und das trifft natürlich

auch auf mich zu, weil ich erlebe, dass wenn man zu viel

will, eigentlich gar nichts passiert. Das andere wären dann

noch die Orte, die ich aufsuche.

T. R.: Du suchst spezielle Orte auf, die für dich, man kann fast

sagen, eine bestimmte Aura haben, und dort hältst du dich

auf. Das ist ein Teil deines künstlerischen Arbeitsprozesses.

M. R.: Ich suche Orte auf die entleert sind oder wo Zeugnisse

von früheren Zeiten spürbar sind, aber auch natürliche Orte wie

zum Beispiel den Flusslauf des oberitalienischen Tagliamento

oder Strände und Inseln von Dalmatien. Verschwindende

Orte sind zum Beispiel Lubenice auf der Insel Cres oder auch

Industriebrachen in Großstädten, in Ostberlin etwa, oder

Randbezirke von Budapest oder auch ehemalige Arbeitslager

auf den Bergen, wie auf der Rudolfshütte. Es interessieren

mich nicht die Berge, sondern diese Zeugnisse einer versunkenen

Zeit, und jemand hat einmal geschrieben: „Orte der

Verlassenheit ziehen Martin Rasp magisch an.“ Ich glaube,

das hat er so richtig gesehen. Ich mache das natürlich nicht so

bewusst, sondern es zieht mich mit einem inneren Kompass

an so einen Ort hin, der mich einfach fasziniert, und dann

geht es eigentlich mit dem Suchen los.

T. R.: An diesen Orten findet eine Sichtung statt, und du

nimmst von diesen Orten Fundstücke mit, die du dann im

Atelier zu Materialcollagen, zu Objekten zusammenstellst.

M. R.: Ja, und hauptsächlich gehen mir Gegenstände nahe,

wo irgendwo Geschichte spürbar ist oder auch das Thema

des Scheiterns oder der Lauf der Zeit drinnen liegt. Also zum

Beispiel angeschwemmte Schiffsteile oder einfach Dinge,

die die Menschen zurückgelassen haben. Ich habe jetzt in

Tagliamento wieder ein großes Tuch mit einer interessanten

Aufschrift gefunden. Es sind eigentlich Gegenstände, die vom

Lauf der Zeit, ich will nicht sagen, gedemütigt, aber doch verändert

worden sind, von der Natur verändert worden sind, vom

Regen, von der Sonne, vom Wind, und die dann für mich noch

eine ganz eigene Aura haben, also Gegenstände, die eigentlich

so zwischen nicht mehr und noch nicht angesiedelt sind. Und

diese Dinge bringen mich einfach zum Nachdenken und sind

auch der Impuls, indem ich sie beachte und sie dann mitnehme.

Natürlich gibt es auch diese Ansicht, dass ein Stein, den

ein Kind aufgreift und mitnimmt und in eine Tasche steckt,

auch noch eine Bedeutung bekommt, weil dieses Kind den

Stein in die Tasche gesteckt hat. Das kann man bei meinen

Dingen vielleicht nicht ganz so stark sagen, aber indem ich

diese verlorenen und von unserer Gesellschaft nutzlos ausgespieenen

Dinge, die mich eigentlich faszinieren, mitnehme,

kriegen sie natürlich zusätzlich eine Bedeutung.

T. R.: Sie werden eigentlich so etwas wie rückgeführt in einen

Bedeutungszusammenhang.

M. R.: Ja, dieses Fließen und dieses Vergehende, das halte ich

ein bisschen auf, indem ich diesen Gegenständen auf Zeit

wieder eine neue Existenz gebe, kann man etwas pathetisch

vielleicht sagen. Also, sie sind nicht für ganz verloren, sondern

sie leben halt in meinen Arbeiten wieder ein Stück lang

weiter. Ich meine, ewig leben sie auch nicht weiter, weil meine

Arbeiten natürlich auch nicht ewig sind. Das ist ein riesiger

Irrtum, dass man meint die Künstlerinnen oder Künstler leben

in ihren Arbeiten weiter. Das ist sicher nicht der Fall, sie

verschwinden in Depots und in 30 Jahren spricht über dies

oder das kaum jemand mehr. Aber es geht eigentlich um das

Tun, das andere ist nebensächlich.

T. R.: Wenn man deine Objekte ansieht, tauchen bestimmte

Elemente, bestimmte vergängliche Fundstücke, immer wieder

auf. Das Boot, Flugzeuge und ähnliches und das Boot

ist natürlich ein sehr, auch mythologisch, belegtes Symbol

und Element. Es gibt in der ägyptischen Mythologie, im

ägyptischen Totenbuch die Barke, die Barke dient der Seele

als Gefährt durch die Unterwelt. Welche Bedeutungen und

Bezüglichkeiten hat das Boot für dich?

M. R.: Das Boot hat also mit Sicherheit nicht diese mythologische

Bedeutung, die du jetzt geschildert hast, sondern das

Boot ist einfach eine Metapher für Aufbruch, für Weite, für

Abenteuer, für Freiheit und ...

T. R.: Mit dem Boot findet auch immer eine Überfuhr statt.

M. R.: Richtig. Es gibt natürlich auch diesen Wunsch, dass

dort drüben am anderen Ufer die Welt besser ist, was natürlich

ein Irrtum ist. Es ist also auch diese Sehnsucht, dass man

einen Ort verlässt und einen besseren oder interessanteren

Ort findet. Aber ich meine, ein Boot beinhaltet natürlich auch

die Metapher, dass man am Wasser geborgen ist, relativ geborgen.

Man kann mit einem Boot also in gewisser Weise ein

anderes Element bewältigen. Natürlich ist ein Boot auch eine

Metapher für Scheitern und Schiffbruch usw. Wenn man an

die Segelschiffe von früher denkt, die waren am Wasser relativ

schnell, aber wenn sie in Strandnähe gekommen sind, dann

war es sehr gefährlich, besonders bei Sturm, weil sie dann

manövrierunfähig waren. Und natürlich gibt es auch diese

Geschichten, die von Schiffbrüchen und Scheitern erzählen.

Also es ist für mich ein Symbol der Bewegung und der Weite,

aber es kann natürlich auch ein Symbol des Scheiterns sein.

Es ja auch diese Philosophie, dass man sagt, ich mische mich

nicht ein, wenn das Schiff scheitert, dass man sagt, ich schaue

nur zu, ich schaue der Welt zu, wie etwas passiert. Aber ei-


Städteplanung / Architektur / Religion Buch IV - Kunst

ST/A/R 29

Ateliersituation

gentlich, denke ich, sollte man nicht Zuschauer sein, sondern

sich schon auch in die Welt einmischen. Wenn man nur bedenkt,

was aus der Schifffahrt auch in die Sprache eingeflossen

ist: „sich an einen Strohhalm klammern“ und, und, und.

Also, Schiffe finde ich einfach faszinierend, vielleicht auch

weil ich an der Donau aufgewachsen bin. Ich meine, heutzutage

in unserer globalisierten Welt spielt das nicht mehr

eine so große Rolle, es gibt die Containerschiffe, die auf Kurs

eingestellt werden. Vielleicht gibt es noch Segler, die dieses

Abenteuer haben. Aber trotzdem ist ein Schiff als Metapher

für mich unbedingt immer noch präsent und hat auch nach

wie vor eine Bedeutung.

T. R.: Wenn man dein Werk jetzt kunstgeschichtlich betrachtet,

kann man sagen, dass die Kunstströmungen aus den 60er

und 70er Jahren, also einerseits Arte Povera in Italien und

andererseits Bewegungen, die in Deutschland stattgefunden

haben, Joseph Beuys zum Beispiel, wesentliche Impulse für

Richtungen ändern sich

ja ständig, und sicher

denkt man einmal, dass

das vielleicht noch breiter

angelegt werden soll. Ich

fotografiere ja auch oder

habe schon Aktionen gemacht,

aber das bin halt

irgendwie ich, und ich soll

irgendwo auch nicht meine

Authentizität hergeben,

um auf irgendwelche

Züge aufzuspringen. Das

wäre ein Thema, über das

man lange reden kann, wie

man eigentlich doch strategisch

geplant wird, wie

man irgendwo ein breites

Betätigungsfeld findet oder

wie man Aufmerksamkeit

erregt. Ich glaube immer

noch daran, dass sich die

Qualität in erster Linie

über das Werk definiert.

Natürlich sollte man dann schauen, dass Leute, die in dem

Metier drinnen sind und die ein gutes Urteil abgeben können,

die Arbeiten sehen, da soll man schon Angeln auswerfen.

Wenn man keine Angeln auswirft, ist man total isoliert,

und Rückmeldungen braucht man schon. Angeln auswerfen

genügt, ob dann einer anbeißt, das ist ein anderes Thema,

aber wenn man keine Angeln auswirft, kann auch nichts anbeißen.

T. R.: Jetzt gibt es für mich noch einen interessanten philosophischen

Ansatz. Wir haben unsere menschliche Existenz

zwischen den zwei Feldern cultura und natura, zwischen der

Kultur des Menschen und dem zweiten Element, der Natur als

archaisches, ursprüngliches Element angesiedelt. Man könnte

behaupten, dass du in deiner Arbeit versuchst, die Trennung

zwischen diesen zwei Bereichen aufzuheben, dass dich vielleicht

eine Sehnsucht treibt, Zivilisation und Natur zusammenzuführen.

Kannst du damit etwas anfangen?

wo man, wenn man will, seine 35 Programme haben kann.

Möglichkeiten oder Zeichen unserer Zeit, die sind da einfach

weg, es stört, sage ich unter Anführungszeichen, niemand.

Man kann sich selbst einbringen und man sieht dann andere

Dinge oder wird auf etwas aufmerksam, was man vorher kaum

wahrgenommen hat, und das Wahrnehmen ist ja nach wie vor

eine entscheidende Sache. Es ist ein riesiger Unterschied, ob

ich mit einem Flugzeug über 5000 Kilometer von A nach B,

meinetwegen nach Indien, Südostasien oder nach Südafrika,

fliege oder ob ich jetzt mit einem Auto von A nach B reise,

da erlebe ich natürlich schon mehr, oder ob ich zum Beispiel

zu Fuß irgendwohin gehe oder mit dem Fahrrad fahre. Also

da sehe ich viel mehr, nehme ich viel mehr wahr als wenn

ich in einem Flugzeug von A nach B fliege. Dieses Reisen ist

ja jetzt wieder ganz anders geworden. Früher hat man sich

vorbereitet auf den Abschied, man hat Abschied genommen,

man hat ein Geschenk mitgenommen, man hat es den neuen

Leuten gegeben, und man hat nicht gewusst, wie es da wird.

Heutzutage beschwert man sich, dass der Wasserhahn im

Hotel nicht geht. Man hat nicht gewusst, wie das wird, man

hat sich also wirklich ausgesetzt, man hat denen ein Geschenk

zur Beruhigung gegeben. Dann hat man das neu erlebt und

war offen für die neue, unbekannte Gegend. Das mache ich

halt in kleiner Form noch so, indem ich Orte aufsuche, die

quasi nicht in der Wüste Gobi liegen, die in meiner weiteren

Umgebung sind, das ist für mich sehr wichtig.

T. R.: Jetzt haben wir ja über den Faktor Zeit gesprochen. Es

gibt einen Punkt im Arbeitsprozess, wo man definiert, das ein

Objekt fertig ist, das es ein fertiges Kunstwerk ist. Das definiert

man einerseits selbst, und andererseits wird das auch

durch Galeristen, durch Museumsleute, durch den ganzen

Betrieb, der das Kunstwerk dann teilweise auch in sehr abstrakter

Form in Preiskategorien festlegt, bestimmt. Jetzt

könnte man die Idee entwickeln und sagen: Okay, es ist etwas

von einem Rohmaterial zu einem informierten oder belegten

Material geworden, also zu einer Sache, die spricht – zu einem

Kunstwerk, wenn man will. Man könnte das ganze aber auch

wieder rückführen, indem man definiert, wann wandert ein

Objekt vom Museum wieder in die Natur zurück und wird

dem Kreislauf des Vergehens wieder einbezogen. Was hältst

du von dieser Idee?

Hauptsächlich gehen mir Gegenstände nahe, wo irgendwo Geschichte spürbar ist oder

auch das Thema des Scheiterns oder der Lauf der Zeit drinnen liegt. ... also Gegenstände,

die eigentlich so zwischen nicht mehr und noch nicht angesiedelt sind.

deine Arbeit waren?

M. R.: Ich meine, aus den 70ern eigentlich mehr, weil ich bin

ja erst Anfang der 70er Jahre zur Collage gestoßen, und ich

habe dann gemerkt, dass das mein Ding ist. Und man sieht

natürlich auch Ausstellungen und Werke, die ähnlich gelagert

sind. Man sagt, irgendwo ist das mein Ding auch, was die machen.

So ist dann schon ein gewisser Einfluss entstanden, aber

eigentlich hilft es einem nicht sehr viel, die Fläche ist nach wie

vor leer. Und wenn man bei der Documenta noch einen Beuys

erlebt hat, dann hilft das einem selbst eigentlich sehr wenig.

Man kann vielleicht Philosophien aufnehmen oder kann diese

Grenzüberschreitungen, die er ja doch gemacht hat, zur

Kenntnis nehmen, aber eigentlich geht es schon um einem

selbst, und wenn man selbst kein Naheverhältnis zu Dingen

herstellen kann, dann hilft das ganze Wissen über verschiedene

Künstler einfach nichts. Sicher in den 70er Jahren war

die Objektkunst auch sehr wichtig und es hat auch die Kunst

der Assemblage gegeben. Das kommt aus früherer Zeit, da

könnte man jetzt bei der Collage bei Picasso anfangen, dann

könnte man über Schwitters gehen, und Rauschenberg ist

wieder von Schwitters beeinflusst, so ist das alles verzahnt,

und Beuys hat natürlich auch seine Antennen ausgefahren

und hat geschaut, was da läuft. Da gibt es ja sehr verwandte

Arbeiten von Tapies zum Beispiel und Beuys und es gibt die

Fluxus- und Happeningbewegung dieser Zeit. Sicher komme

ich von der Collage her, die ich dann zum Objekt weiter entwickelt

habe. Das ist eigentlich mein Ding.

T. R.: Das hast du beibehalten in deinem Werkverlauf der

letzten 25, 30 Jahre. Das ist ein Kontinuum, ein wesentliches

Element deines Werks - die Collage und das Objekt. Jetzt bewegst

du dich in deiner Lebensweise eigentlich nicht in den

Zentren, wo die Kunst stattfindet. Siehst du dich selbst als

Autodidakt, als Einzelgänger, als Zurückgezogener?

M. R.: Das ist eigentlich nicht das Entscheidende, sondern entscheidend

ist, dass man einfach arbeitet. Sicher sind Kontakte

nicht schlecht, damit man Rückmeldungen bekommt oder

jemand die Arbeit schätzt. Aber eigentlich möchte ich gar

nicht in einer Stadt leben, obwohl ich Städte natürlich auch

kenne und sie schon bereist habe. Stile, Entwicklungen und

M. R.: Ich habe eigentlich keine kopfmäßig gesteuerte

Botschaft. Wenn da jemand irgendetwas erkennt, ist es schön.

Ich denke aber, dass ich vielleicht subjektiv gesehen doch

ein bisschen aus den Nachklängen der deutschen Romantik

schöpfe, wir haben ja, wie schon gesagt,

auch andere Künstler, die in der

Richtung weiter arbeiten. Es ist vielleicht

ein bisschen zu hoch gegriffen,

aber ich sehe durchaus Verwandtschaft

oder Parallelen zwischen einer

Ruinenlandschaft des Kaspar David

Friedrich und meinen vom Schicksal

gedemütigten Objekten die ich mache

und den Menschen zeige. Also dieser

Hinweis auf Vergänglichkeit, da sehe

ich schon eine gewisse Parallelität. Und

die Natur, sicher ich lebe in den Bergen

und bin am Flachland in Niederbayern

an der Donau aufgewachsen, also

da wird man irgendwo schon durch

Landschaften und Flüsse, durch Berge

geprägt, und die Sehnsucht ist ja natürlich

das Meer, wie sie die Deutschen

auch schon früher nach dem Süden gehabt

haben.

T. R.: Jetzt suchst du immer wieder

dort, wohin du dich hinbegibst, die

Einsamkeit und die bewusste Zeit, wo du dich aus dem alltäglichen,

sozialen Leben ausklinkst. Ist das ein wichtiger Schritt

für deine Arbeit und deine Reflexion?

M. R.: Ja, das ist natürlich schon sehr bedeutend, weil wir ja

wissen, dass das Leben auch aus Kontrasten besteht, und es

gibt da genügend Beispiele, die will ich gar nicht aufzählen, wo

man sagt: Jetzt will ich für mich sein, mich kasteien oder nachdenken,

dann bin ich wieder im Getriebe unserer Welt. Also

für mich sind diese Orte, wo wenig Menschen sind, einfach

auch wichtig, weil man da eher zu sich selber kommt. Man hat

keinen Geräuschpegel, man hat keine Einflüsse, man hat nicht

auf der Straße 500 Menschen, die an einem vorübereilen, und

man sieht die Reklame nicht, und man hat keinen Fernseher,

M. R.: Das ist eine wunderbare Frage, weil ich das nämlich

einmal ausgeführt habe. Ich habe zum Beispiel an der

Mündung des Tagliamento ein altes, kaputtes Schiff gefunden

und habe das dann nach Hause gefahren. Dann habe ich öffentlich

gesagt, wenn es jetzt von Ausstellung zu Ausstellung

transportiert wird – es war eine Ausstellung nur über das

Schiff, die Metapher Schiff – dann bringe ich als Abschluss

dieses Schiff wieder zurück, fahre wieder hinunter und lege

es wieder an den Strand hin, und es weiß niemand, dass es

schon in Ausstellungen oder im Museum war. So etwas gefällt

mir gut. Und ich habe einmal in Werfen ein Luftschiff

Ateliersituation

aus Schwemmholz von der Salzach gemacht, ich mache ja

auch viele Flugmodelle aus diesen Gegenständen, und dieses

Luftschiff haben wir innerhalb der Burgmauern in Werfen

aufgehängt und da ist es im Wind hin und her geschaukelt.

Dann habe ich es einmal in Salzburg ausgestellt, einmal in

Wien, und irgendwo wollte es mir ein Flieger dann abkaufen,

ich habe aber gesagt: Das gebe ich nicht her. Antizyklisch.

Und dann ist es immer weniger und weniger geworden, weil

es nicht so stabil gemacht war, es war aus Schwemmholz.

Ich habe dann dieses Schwemmholz genommen, bin nach

Werfen gefahren und habe es dort wieder an den Fluss gelegt.

Also solche Zyklen gefallen mir natürlich schon sehr gut.

T. R.: Das ist eigentlich genau der Gedanke, der mir in den

Kopf gekommen ist, den du wirklich vollzogen hast. Wir sind

heute in einer Zeit, in der wir einen permanenten Hang zur

Archivierung und Musealisierung haben, es sind in den letzten

20 Jahren enorm viele Museen gebaut worden, und es ist ein eigenes

Verhältnis zwischen Archivierung und Vergänglichkeit

entstanden. Gleichzeitig ist auch der Versuch in unserem

Leben präsent beim menschlichen Körper die Vergänglichkeit

aufzuhalten. Es gibt die kosmetische Industrie und es gibt ständig

diese Überlegungen, das Alter zu verzögern. Es wirkt so,

als ob wir in unserer Zeit mit dem Faktor Vergänglichkeit und

Vergehen gar nicht mehr umgehen können, und daraus resultiert

vielleicht auch dieser starke Hang zum Musealisieren

und Archivieren. Und jetzt ist natürlich eine Kunst, die die

Vorgänge von Vergehen und Vergänglichkeit stark mit einbezieht,

so etwas wie ein Aufzeigen, dass wir trotzdem diesen

Zyklen verhaftet sind.

Arbeitstisch

M. R.: Das kann man so sehen, dass das Leben endlich ist, dass

das in gewisser Weise dargestellt wird. Ich denke schon, dass

wir uns einfach über schöne Dinge im Leben freuen, keine

Frage und wunderbar, aber natürlich den Tod, den soll man

nicht ausgrenzen. Man muss natürlich schon sagen, dass es

richtig ist, wenn sich Dinge weiterentwickeln, und der Medizin

verdanken wir sicher viel, zum Beispiel dass wir länger leben.

Aber ich meine, deswegen ist der Tod nicht ausgeschaltet. Ich

finde es einfach ganz schön dumm, muss ich eigentlich sagen,

wenn man heute sagt: Ich lasse etwas an mir verändern, weil

bestimmte Dinge an mir sind ja furchtbar. Da entstehen halt

dann diese Einheitsmenschen, die alle gleich lange Haare haben

oder alle gleich ausschauen. Also das ist natürlich schon

auch ein Zeichen dieser Oberflächlichkeit und dieser quasi

optischen Geschichte, die jetzt in unserer europäischen Welt

oder auch bei den Amerikanern abläuft, aber wo die Tiefe eigentlich

nicht mehr so zum Tragen kommt. Das bemerkt man

dann auch oft in Dialogen: Ist das Okay für dich? Ja. Ist das

wirklich Okay für dich? Für mich ist das ok, oder so. Es wird

eigentlich nicht die ganze Breite besprochen, es ist immer alles

nur vom Erfolg abhängig. Nach meiner Ansicht ist Erfolg

eigentlich der, wenn man sich mit der Sache, die einen fasziniert

intensiv beschäftigt, und wenn man sich mit etwas stark

beschäftigt, dann kommt automatisch etwas heraus. Sicher

brauche ich dann Leute, die das reflektieren. Wir erleben ja

die ganzen Prozesse bei den großen Firmen oder Banken, wo

das schnelle Geld einfach alles ist, aber Gott sei Dank gibt es

noch viele Menschen, die sagen: Ich möchte einen gewissen

Wohlstand, aber Geld ist nicht alles. Ich war neulich wieder in

Kroatien unten und habe keine Platte zum Arbeiten gehabt,

da bin ich zu irgendeinem Taucher hingeschickt worden, und

er mir eine Balsaplatte von einem Schiff gegeben, da wollte

Detail einer Arbeit


30 ST/A/R

Buch IV - Kunst

Nr. 16/2007

ich ihm zwanzig Euro geben, und er hat mich beschämt. Er

sagte zu mir: Was ist Geld? Oder wie sie früher gesagt haben,

wenn man mit den Leuten gesprochen hat: Ja, im Sommer

arbeite ich. Was machst du im Winter? Sagt er: Leben.

T. R.: Es ist eine andere Wahrnehmung von Zeit und

Lebenszyklen.

M. R.: Es ist einfach eine andere Herangehensweise. Sicher

geht es jetzt ins Politische und das führt natürlich zu weit.

Ich habe ja früher selbst viel politisch gearbeitet. Ich kenne

mich bei Bürgerinitiativen aus und ähnlichem. Ich brauche

in meiner Kunst kein Polit-Design über das Elend unserer

Welt machen, wo ich nicht weiß, ob das überhaupt eine

Auswirkung hat; wo dann diese Bilder teuer von den wohlhabenden

Leuten gekauft werden, und im Grunde genommen

geht es den Armen nicht besser, das stelle ich schon sehr in

Frage. Da ist es viel gescheiter, wenn man wirklich politisch

arbeiten will, sich in allen möglichen Organisationen oder

Bürgerinitiativen einzubringen oder was vor Ort zu verändern

ist, zu verändern. Ein Video über die Wohnungssituation alter

Menschen in Hongkong zu zeigen, was natürlich in das

Weltspiegelmagazin und Fernsehen passt, ich weiß nicht, ob

das gesellschaftsverändernde Wirkung hat. Ich zweifle das

sehr stark an.

T. R.: Es gibt natürlich auch den politischen Chic in der Kunst,

wo man behauptet, man setzt sich mit Trendthemen auseinander,

und es hilft einem dann sich im Kunstmarkt zu positionieren.

M. R.: Genau richtig.

T. R.: Und andererseits ist der Kunstmarkt, wie viele andere

Bereiche des Wirtschafts- und Kapitalmarktes, ein Markt,

der eine sehr starke Eigendynamik entwickelt hat, und es

gibt astronomische Preise und es geht vor allem darum,

Geld zu verschieben oder zu vermehren. Das hat alles mit

dem Kunstobjekt, mit dem Künstler und mit der ursprünglichen

Funktion eines Bildes nichts mehr zu tun und hat

keinen Bezug mehr dazu. Es ist an sich schon abstrakt den

Wert eines Bildes mit Geld auszudrücken, weil Kunst sich

nicht standardisieren lässt und es nicht in das standardisierte

Wirtschaftsspiel passt.

M. R.: Das Bildermachen und der Kunstmarkt, das sind für

mich nach wie vor zwei ganz verschiedene Sachen. Es war

vor kurzem interessant zu lesen, dass Gerhard Richter ein

Interview in der Süddeutschen Zeitung geben wollte, und er

es dann wieder untersagt hat. Es ist aufgenommen worden,

und dann hat er es nicht freigegeben. Der Journalist hat dann

über das Interview berichtet, was rechtlich nicht angreifbar

ist, und in dem Bericht war zu lesen, das Gerhard Richter,

der ja, wie wir wissen, in der Rankingliste und auch bei den

Preisen die Nummer 1 ist, über den ganzen Kunstmarkt riesig

geschimpft hat, dass es einfach nicht mehr reell zugeht, wie

sich das Ganze als Selbstläufer entwickelt, und er hat dann

Ich glaube immer noch daran, dass sich

die Qualität in erster Linie über das Werk

definiert.

auch noch über andere Dinge geschimpft. Also sogar ein sehr

erfolgreicher Künstler, erfolgreich vom Bekanntheitsgrad, von

der Qualität, von den Einnahmen her, der ja froh sein müsste

und sich zurücksetzen und irgendwo happy sein könnte, das

es bei ihm so gut funktioniert, regt sich also richtig auf.

T. R.: Dieser Kunstbetrieb ist im negativen Sinn sehr abstrakt

geworden, aber vielleicht ist wieder eine Sehnsucht zu spüren,

wo man eigentlich zu den ursprünglichen Funktionen

der Kunst zurück will, wo die Kunst in einem fast rituellen

Gebrauch wieder eingebunden ist und im weitesten Sinn

eine spirituelle Funktion ausübt. Vielleicht steckt in dieser

Unzufriedenheit diese Sehnsucht drinnen.

M. R.: Das kann ich mir durchaus so vorstellen.

T. R.: Und ich glaube, die Problematik besteht auch darin,

dass das Rituelle, das Magische, das Spirituelle immer stärker

aus unserer Gesellschaft verbannt wurde und dass hier

ein Vakuum vorhanden ist, denn es ist doch ein wesentliches

Bedürfnis der menschlichen Existenz, magische und spirituelle

Bezüge zu haben, die über das Rationale hinausgehen.

Man kann auch sagen, schöpferisches und künstlerisches

Schaffen hat einen magischen Zug und der führt letztendlich

ins Spirituelle und findet dort seine wirkliche Funktion und

nicht in der abstrakten Welt der Kapitalflüsse.

M. R.: Na klar, wie wir jetzt die Kunst in 100 Jahren bewerten,

das wissen wir nicht, oder wer jetzt sehr geschätzt wird, was

mit dem in 50 Jahren ist, wissen wir auch nicht. Ich denke

aber doch, dass die Leute, die sich mit der Materie auseinandersetzen,

die über Kunst reden, die Kunst vermitteln, die

also die Sprache der Bilder erklären, dass die schon erkennen,

ob es sich um ein authentisches Werk handelt ist oder

ob da jemand irgendwo aufgesprungen ist auf den Zug des

Mainstream. Man kann natürlich auch sagen, das man anhand

des Werkes spürt, ob es dem oder der Künstlerin ein

persönliches und starkes Anliegen war 1und dann ist auch

schnell spürbar, ob etwas authentisch ist. Und ein Thema ist

natürlich: Was ist mit diesem Künstler oder mit der Künstlerin

in 20, in 30, in 40 Jahren? Springt sie/er dann wieder auf einen

neuen Kunstzug auf? Ich denke aber doch, dass man mit

zunehmender Lebenszeit und Lebensalter eine gewisse Mitte

und ein eigenes Weltbild entwickelt, und an dem gilt es zu

arbeiten, um dieses Weltbild sichtbar zu machen.

T. R.: Das ist ein sehr schöner Abschluss. Danke für das

Interview.

Ateliersituation, Detail

Martin Rasp

1940 geboren in Vilshofen/Donau (D); 1971-77 Studium an der

Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst, Salzburg.

Mehrmalige Auszeichnungen und Preise u.a. des Salzburger

Kunstvereins (1975, 80, 83), der Sommerakademie Salzburg (1976)

und des Landes Salzburg (1985).

Arbeitsaufenthalt in Berlin, Südkorea,Dresden, Budapest.

Lebt und arbeitet in Berchtesgaden.

Zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen im

In- und Ausland (Auswahl)

1975 Museum Castelvechio, Verona

1978 „Palette“, Galerie im Traklhaus, Salzburg (E)

1979 Wilhelm Lehmbruck Museum , Duisburg

1982 „Tagliamento 81“, Galerie Armstorfer, Salzburg (E)

1985 „Orte der Steine“, Galerie Weihergut, Salzburg (E)

1987 Galerie Kremer, Gelsenkirchen (E)

1988 „Die Moderne in Salzburg“

Museum Carolino Augusteum, Salzburg

1989 „Im Lauf der Zeit“, Tengelmanngalerie, Köln (E)

1994 „Vom Schwinden der Dinge“, Galerie an der

Stadtkirche, Bayreuth (E)

1996 „Materialcollagen“ Museum der Moderne Rupertinum

Salzburg (E)

1998 „Dinge sprechen“, Museum Moderner Kunst, Passau (E)

2000 Zwischen Land und Meer“, Galerie Weihergut, Salzbug (E)

2002 Museum der Stadt Rovinj, Kroatien (E)

2003 Niemandsland“ (mit Gerald Piffl), Museum Moderner Kunst,

Passau und Galerie Weihergut, Salzburg (E)

2006 „Orte der Verlassenheit“, Galerie im Traklhaus/Studio, Salzburg (E)

„Über alle Berge“, Installation, Land Art Hellbrunn, Salzburg

2007 „Positionen der Stille “ Galerie Weihergut Salzburg

Vertreten auf internationalen Kunstmessen:

Art Collogne, Köln Kunst , VIENNAFAIR Wien

Martin Rasp wird seit über 20 Jahren durch die Galerie Weihergut vertreten –

Stammhaus Biberngasse, Salzburg. Februar/März 2008 findet eine umfangreiche

Einzelschau in der Galerie statt. Vertreten auf der VIENNAFAIR 2008 und

Art Cologne, Kunst Köln.

www.weihergut.at

MARTIN RASP


Nr. 15/2007

Buch IV - Kunst ST/A/R 31

Entfernung des Vorläufigen

Ein Mädchen zu sein heißt, es ist noch keine Frau.

Es ist zwar Jungfrau, auch schon als Mädchen,

aber eben keine Frau, denn einer Frau mag

etwas Mädchenhaftes ankleben, aber wenn sie

ein Mädchen ist, ist sie ein „es“ und keine Frau.

Jedenfalls kann man die Begriffe so streng trennen

- wenn man will.

Diese Arbeit von Thomas Strobl zeigt das Gesicht

eines Mädchens. Der Blick ist verloren, sie

blickt in eine Sphäre, über die der Betrachter

mutmaßen muß. Das ist insofern erstaunlich,

als das Mädchengesicht dem Betrachter frontal

zugewandt ist. Tatsächlich liefert das Format in

Überdimensionierung das Mädchengesicht dem

Betrachter geradezu aus. Die Haut ist bestürzend

glatt, porentief rein, da würde Perwoll noch

mächtig fusseln gegen. Die Konturen wirken

fotografisch genau - allerdings stellt sich heraus,

daß sie mit verschiedenen, sublim gesetzten

Kontrastfarben in ein untergründig arbeitendes

abstraktes Spannungsfeld eingearbeitet sind. Der

Kopf taucht spontan und doch präzise aus dem

Bild auf - aber eben nicht der Blick. Das Mädchen

hat die Freiheit, woanders hin zu sehen. Der

Betrachter wird seinen Blick nie fixieren können.

Dadurch ist es Thomas Strobl gelungen, eine

Distanz zu erzeugen, die dem Sujet - ein Mädchen,

noch keine Frau - Respekt erweist, Tribut an die

Unüberschaubarkeit des Lebensabschnittes, in

dem ein Mädchen ein Mädchen ist.

Thomas Strobl

www.tom.qu.am

Gesche Heumann / Wien

„diese person leidet unter den worten

stendhals“ – 2007,

öl auf leinwand, 130 x 110 cm

Rahmungen in

musealer Qualität

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32 ST/A/R

Buch IV - Kunst

Nr. 16/2007

Einige Ähren einer

Ästhetik der Ganzheit

v. Manfred Stangl

Kunst ist nicht Gott. Und auch nicht zu vergotten; ums Leben

geht’s, um ein erfülltes Sein, nicht darum, berühmt und

genial zu glänzen im Scheinwerferschein.

Das unsinnige Spiel mit der Kunst, der Missbrauch ihrer Stilmittel

und Prinzipien zum Zwecke sich selbst zu erhöhn hört

nur auf, erkennt sich der Kunstschaffende in folgenden Sätzen:

irgendwie stimmts schon - jeder Mensch ist ein Künstler; doch ist

ein jeder Künstler erst einmal ein Mensch.

Kunst steht nicht außerhalb des Lebens oder gar der Welt. Sie ist

Teil unsres Wachsens und Lachens oder unsrer inneren Leere

und der kompensatorischen Jagd nach dem Geld oder dem Fluch,

höchster Aufmerksamkeit hinterher zu rennen.

Die Form hat den Inhalt verschlungen; der ist dann zum Code

verdaut, der wird als Hauptinhalt besungen: was am Meisten

wie Kunst aussieht wird eloquent geschwätzig zum Meisterwerk

aufgebaut.

Nur weil was sich mysteriös ziert, heißts nicht gleich bedeutende

Kunst. Jeder durchgestylte Unsinn ist weder postwendend Kunst

noch genial, oft präsentiert sich uns Blödsinn oder Alltagsgegenstands-Pessimismus-Kitsch

inferior banal.

Ästhetik der Ganzheit integriert, was Moderne und Vernunft orientierte

Zeiten ausschließen. Intuition und Gefühl, Lebensfreude

und Buntheit mögen wie Sommergras in einem milden Regen

aus den dampfenden Aschen der linearen Einförmigkeit moderner

Un-Welten sprießen.

Die Mondin spricht: „Schaut den Krokus, den Himmel, die

Birken; schaut mit geschlossenen Augen, dass ihr begreift. Schaut

mit Haut und Atem so lange, bis ihr mit dem Wesen seht, statt

mit den Wörtern. Dann erblickt ihr in einem Tautropfen den

Himmel wohnen, und mich zusammen mit ihm. Dann nehmt ihr

grundlegend wahr: das Große und das Kleine, Schönes und Hässliches,

alles und nichts, was ihr Welt nennt und was die Nicht-

Welt existieren gemeinsam in Einem. Alles ist Teil einer Welt,

einer ungetrennten, aufeinander bezogenen und damit einander

verantwortlichen Welt. Alles ist eins.“

„Ideologie, gefährlich“, zischts hinter einem Spiegel hervor, „wer

von Einem spricht meint sicherlich was anders oder sich selbst.

Auf jeden Fall klingts bedenklich.“

Der Himmel stöhnt: „Ingenieure des Geists haben Welt und

Augen vermessen im Glauben, in Skalen, Genen und Vernetztem

den Alphatierchen-Gott zu finden. Kunstmarkt-Künstler bauen

die Welt neu aus Kunststoff und aus verkrampft originellen

Bildern einer sinnlich entstellten Welt. Dabei zählt nur Macht,

Konkurrenz, Sieg, Erfolg und Geld. Das verschleiern sie hinter

Heldengeschichten vom Zynismus und dem Vernichten. Ihr

Hohn gilt der Bescheidung, allem wahrhaft Schönen und dem

Verzichten.“

Die Mondin fährt fort, „Doch Verzicht auf die lässig, provisorisch

und aktuelle Behübschung der Fassaden und auf selbstdarstellerische

Gesten schenkt innere Zufriedenheit, gibt dem Dasein

tiefren Sinn und verweist, wo in der Kunst noch steckt Leben

drin. Die Kunst aber, die jung, dynamisch, originell, besonders,

außergewöhnlich und einmalig daherkommt ist Huldigung der

Moderne, weil sie die Werte des Ich-Kults frommt.“

Der Himmel strahlt: „Lange habe ich die Mondfrau vermisst.

Strenge Männer hatten sie vor dem Tagesanbruch geraubt, als sie

ihre Lampen entbrannten, heller als die Sonne zu strahlen und

Atome zu spalten voll Gier und auch List. In der Dämmerung

sangen die Frauen zärtlich die Mondin zurück. Heut Abend blickt

sie mich leuchtend an. Ich liebe, ich bin entzückt.“

Das Tuscheln wird lauter: „Wie kitschig, konservativ und entrückt.“

Der Himmel seufzt: „Ich sagte bereits: Ich liebe. Bin ich

deshalb reaktionär und verrückt?“

Die Erde klagte dem Baum, wie sehr sie die Zäune schneiden. Er

winkte die Schwalbe herbei, die ließ einen Buchsamen aus ihrem

Schnabel fallen. Der Same keimte, gedieh, sprengte das Leiden.

„Halt!“ schrieen da die Land- und Handvermesser, „Gewalt!

Aggression! Wo ist’s Sprachmesser? Uns darf keiner pflanzen,

entgrenzen unsre Weiden!“ Der Same reifte zum Baum. Das

Geschrei wurde sehr laut, ging zeitweise über in Jaulen: „Brutalität!

Da will uns wer töten! Wir versperrten die Töchter der Nacht

zu Recht hinterm Zaun. Entschlüpfen sie, erwürgt uns der Faun

und jede Frau und jeder Mann wird zuvor brutal vergewaltigt und

die geschändeten Leiber verscharren wir zwischen den Büschen.

Schützt der Intellekt uns nicht, wird die Nacht mit ihren modrigen

Schatten uns erwischen.“

Wind, Wasser, Erde und Wind beben: „In eurer Angst vor dem

Leben erschuft ihr aus Wörtern, Bildern und Ideen eine zweite

Welt, in der ihr glaubt, endlich zu verstehen. Den Herbst verflucht

ihr als Mörder, weil er welke Blätter verweht, den Regen

hasst ihr abgründig, weil er euch ans Wachsen gemahnt. Und

wachsen heißt immer: mit der Natur sich verschwistern - sich

öffnen, erkennen, dass ihr aus Erde besteht und dem in euch, das

ahnt. In eurer Blendung und dem Trotz aufs Leben glaubt ihr

höher als die Bäume zu wachsen, vergiftet den Regen, die Milch

und das Lachen. In eurer Alleswisserei zerstört ihr das Werden

durch das Machen. Und dann nennt ihr den Herzschlag und

jeden Frühling alt, kitschig oder tabu.“ Das Feuer brennt darauf

fort zu fahren und fügt fauchend hinzu: „Wörter wie Liebe, Licht,

Mitgefühl, Freude, Glück und Intuition verachtet ihr als rückständig,

denn sie kennt man ja schon. Doch ihr braucht die Welt in

eurer „Kunst“ nicht neu zu erschaffen, das vermögt ihr nicht zu

tun – lasst euren brennenden Geist ruhn und schaut der Welt still

ins Angesicht, glaubt nicht, ihr wisst besser was sie denkt oder

spricht, hört ihr einfach zu statt in eurer Satzhatz zu hecheln nach

der nächsten Provokation und dem allerletzten Tabu.“

Das moderne Zauberwort heißt „neu“. Lilienduft und schöne Gefühle

sind schlecht. Schwarzmalerei und mutierte Meere gelten

als echt. Wer die Idylle des Grauen stört, dem wird ordentlich eingeschenkt;

eilig wird das Begriffsweihrauchkännchen der heiligen

Moderne geschwenkt, Begriffe wie „Schönheit“, „Natürlichkeit“

und „Wahrheit“ müssen panisch wegexorziert werden. Meint

„Liebe“ nicht Ficken und Gebrauchen, hat sie nichts verlorn hier

auf Erden. Im Kanon ertönt rezitativ und gekränkt: „Altmodisch,

trivial, lange her.“ Klingt neben Emotionalem gar Spirituelles an,

folgt der allermächtigste Bann: „Totalitär!“

Mit der Aufklärung erklomm Kunst den Status der Ersatzreligion.

Heute kennt Ihre Gottheit mit Häretikern keinen Spaß,

kein Pardon. Es darf neben Kunst keine andern Götter geben,

alles erscheint ihr banal, vor allem zufriedenes Leben. Da im

patriarchal-hierarchischen Denken immer nur ein Gott sein darf,

wird Spiritualität in der Kunst sofort diffamiert und zur Nicht-

Kunst erklärt. Als Kunst gilt jetzt nur, was mit dem Unsinn und

dem Nichts kokettiert. Wobei sie sich stets in neuen, modischen

Gewändern präsentiert, die wie des Kaisers neue Kleider jedoch

kaum verhüllen, dass eigentlich nichts sich tut. Das sehen leider

nur die Augen der Kinder, des Winds und der Bäume sehr gut.

Glücklicherweise hängen nicht alle Künstler an der Ideologie

des Neuen und Unsinnigen doktrinär, sie haben keine Parolen

darüber im Kopf, was denn Kunst sei und rufen deswegen, taucht

Schönes, Sinnliches und Transrationales auf, nicht gleich die

Wörterpolizei.

Ich traue dem instrumentellen Denken nicht. Es windet sich

schlau, schaut einem selten offen ins Gesicht; es will nie das

Ganze ergründen, bloß dauernd was sagen. Neulich am See

belauschte ich zwei Platanen beim Klagen. Die eine ächzte: „Je

mehr die Menschen denken, desto kaputter wird die Welt.“ Die

andre schüttele sich angewidert, dass die Blätter nur so stoben:

„Sie glauben, nur sie besäßen Bewusstsein, dabei haben sie nicht

einmal soviel Hirn wie ein Stein. Sie sehn nicht, wie sie die Umwelt

und damit sich selbst zu Grunde richten, geschweige denn,

dass sie mit den Herzen dächten und in ihrer Kunst von den

Wurzeln droben in den Himmeln und den Zweigen im Erdreich

berichten.“

Die Cerberusse der Wörter-Welten meinen, wenn die Nebel und

die Nacht das Korsett des Denkens und der angespannten Haut

sprengten, brächen der wilde Mond und ihre Hündin hervor,

verschlängen Häuser und Beine. Dabei haben die Ideen längst

alles Blut gefressen, die Augen, warmes Lachen und die farbigen

Steine.

Wenn Wissenschaftsglaube und abendländische Philosophie

dahin führen, die Erde schamlos auszubeuten sowie unsern

Lebensgrundlagen den Gnadenstoß zu geben, sage ich. „Die Erde

ist keine Kugel sondern eine Schildkröte, respektieren wir sie und

lassen uns und auch noch die Kinder in Schönheit leben.“

In der heilen Welt der etablierten Moderne wird Kritik gleich mit

Aggression identifiziert; wer unbequeme Fragen stellt wird nach

allen Regeln der Kunst ausgegrenzt und als Barbar wegrationalisiert.

Doch geht Apfel-Ästhetik von einer Welt aus, die alles gelten

lässt – ist doch alles Teil der Welt. Sie unterscheidet zwar, hasst jedoch

nichts wie die Pest, und wenn sie auch angreift, gilt letztlich

die Berührung, die zählt.

Niemand wird verdammt, nichts was vernichtet aus dem Sein

heraus fällt. Gelobt sei das Wachsen, doch der Winter weiß, dass

die erstarrte Wiese im Schnee sich in den Träumen ans Sonnenlicht

quält.

Jeder Wandrer schreitet im ureigenen Tempo den Pfad zu den

Pässen empor. Unzählige Pfade schlängeln sich zu den Gipfeln

hinan. So gilt der Berg-Ästhetik kein Thema als schlecht: jeder

Suchende findet den passenden Wegweiser und alles ist Recht,

einerlei ob es bürgerlicher Realismus, sozialer, phantastischer,

magischer oder irgendeiner oder eine Form von Avantgarde sei.

Ein jedes ist zu bestimmten Zeiten dem einen oder dem andern

echt. Doch entsinnlicht Ästhetik der Ganzheit niemanden durch

das stete Verharren im Nihilismus zum dekonstruierten Knecht.

Jedes Wort sei ein Versuch genau hinzuhören, jedes Bild eine

Welt, wie drei Augen sie sehn, jeder Ton heile zerbrochene Lider

und jedes Komma sei gewürdigt, das verhilft, sich selbst, die Welt

und die Beziehung zu verstehn.

Ein Baum ist ein Baum, doch ist er auch Regen und fließt mit

Wolken und Erde und Samen ins Meer. Ein Vogel ist Mensch,

der Mann ist auch Frau, in der Sonne erkennt die Frau dann ihr

herrliches Blau. Im Herbst schenkt Mutter Erde ihre rotgoldenen

Früchte zum achtungsvollen Verzehr.

Ästhetik der Ganzheit bringt mildes Dunkel ins Licht. Singt

Hymnen an die Nacht und den Nebel und fürchtet Verdrängtes

und die Finsternis nicht, sondern integriert sie ins Sein: so bleibt

niemand in Angst und Kälte allein. Angenommen verliert das

Irrationale die Macht; vom Mondschein und dem Gesang der

Sirenen durchflutet, erblüht der Schrecken zur Schönheit der

Nacht. Depression und existentialistisch finstere Sicht in Lyrik

und prosaischer Literatur umarmen das milde Lächeln der Mondin

und die Regenbogenfarben der Göttin Natur.

Musik strömt aus dem rhythmischen Beben ihrer Brust, gellt

nicht disharmonisch voller Frust. Mit der Nacht vereinte bildende

Kunst präsentiert sich nicht gehirngeil im Rampenlicht, bastelt

nicht süchtig an Form, Image, Style und dem vorteilhaftesten

Verkaufsgesicht, sondern lässt sich auf Abenteuer ein jenseits der

geschützten Räume der Kunst und des Tauschwerts Schein.

Die ewig Modernen sehn im Fortschritt nur den gefällten Baum

in einem zerschnittenen Raum; höher hängen sie die Lampen,

helfen Aktienkursen statt dem Wandrer zu steigen und plätschern

mächtig im Schaum. Sie singen in der Kunst das Lied vom

Einzigartigen und Großen und quetschen wie Thunfischhändler

im künstlichen Licht der Fabriken die Meere in Dosen. Originell

und besonders, innovativ und individuell soll man heute sein, zur

Konservenkunst kommt ein bisschen Tomate und Bitterstoff und

Unnachvollziehbares mit rein. Die Erfinder der neuen Techniken

in Wirtschaft und Kunst rühmen sich der Genialität, lassen für

ihre Innovationen die geistlosen, einfachen Menschen bezahlen -

beschwert man sich spät, werden die Künstler-Bürokraten des formellen

Fortschritts weitere Phantasmagorien malen von Schmerz

ohne Heilung und Bühnenbildwände voll der Agonie kreativ und

originell verpackt. Sie bleiben ohne jede Ahnung oder echtem

Gefühl, Hauptsache schrill, grell und befrackt gelackt nackt.

Der Kirschenmann lacht: „Nur mit geschlossenen Augen und bei

Nacht sieht der Aufmerksame klar und erahnt was ist Getue, was

ist wahr.“

Stilmittel ganzheitlicher Ästhetik überwinden die lineare, hierarchische,

logische Form. Kennen keine Angst vor der Redundanz,

die Welt schwingt in Zyklen, nicht in genordeter Norm. Analogie,

zyklische Formen, archetypische Metaphern, Fabel und Mär

entsprechen einer translogischen Realität und den Strömungen

im Weltenmeer. Als ästhetische Prinzipien seien Mitgefühl, Stille,

Einfachheit und Ausgewogenheit zwischen Ironie/Kritik und der

Schönheit genannt, doch da gelten noch einige mehr.

Wie leben in einer gewaltig verdrängenden Zeit und Kultur.

Hinter unsäglicher Larmoyanz und Destruktion verdrängen wir

Ohnmacht, Hass und riesige Angst. Und da so unheimlich viel

ausgegrenzt bleiben muss hinter den Zäunen und Hecken der

Zivilisation, bereitet uns alles und jeder Verdruss und halten wir

die Flüsse und die Wälder unter Verschluss. So erschüttern uns

der Eulenblick und der Walfischschrei-Gruß bis ins Mark und

dürfen wir die Kraft, die am Blut zerrt, nicht dulden. Doch bricht

sie empor, weil wir sie weder mit Gebet und Opfer noch mit

Mythen versöhnen. Je mehr Beton wir auf die Wiesen und aufs

Zwerchfell luden, die Fassaden zu verschönen, desto wahnsinniger

peitscht der Feuersturm los, versengt Städte, die Münder

und den bergenden Schoß.

So muss auch Kritik sein, die Gefahrn zu erkennen; jedoch nicht

respektlos, nicht entwertend sei versucht, die kulturelle Psyche

des Abendlandes zu benennen.

Ästhetik des Monds wuchs wie ein Lindenbaum. In schönen

Gesprächen mit Freunden reckten sich Äste in Wolken und Wind.

Andere antworteten heftig, so lernte das Bäumekind und wiegte

sich ohne zu fallen. Wo der eisige Sturm bitter fauchte, rissen die

morschen Äste geschwind. Im Ziehen und Zerren entwickelten

die Wurzeln kräftige Ballen.

So verdankt ihr Wachstum die Ästhetik der Früchte allen.

Rimbaud kündete zu Beginn des Modernen, man müsse unbedingt

modern sein; doch nun erkläre ich, halb feierlich, halb

aus Scherz, doch - eingedenk der Weisheit der Einhörner und

Hexen, welche die ganzheitliche Ästhetik fliegend verwendet - voll

saftigem Herz und eingedenk der postmodernen Zitierwut, die

wissentlich blendet:„Alles Moderne beendet.“

Und allen Hand- Land- und Augenvermessern, die permanent

plärren: „Das bin ja ich“ ins Angesicht: „Ihr seid Papierblüten nur

des Abendlandes – Lieblinge des Gezeitentreibsandes.

Unnötigen Missverständnissen vorzubeugen, sei gesagt, dass die

Weisheit vom Ganzen nichts gemein hat mit politischer Totalität

– sowenig wie die Selbstbestimmung und Individualität des

Einzelnen geschwächt werden soll – bloß glücklich macht’s nicht,

wenn wir pseudoindividuelle Images leben statt unser Leben zu

sein - mitfühlend und hoffnungsvoll.

Die Wörter und Töne und Bilder der Himmel-Ästhetik haben

breite Ränder; weit wie das Meer, in das eine ganze Welt noch

einmal passend könnt tauchen. Das klingt unlogisch und ist es

auch; genauso, wie „Liebe“ zu hauchen. Die Wahrheit des Seins

lässt sich nicht messen oder denken, aber in Freude und Einfühlung

verstehen und einander schenken.

Hand in Hand zu stehen mit dem Wald, wo Angst war sprießt

bald ein Baum; ist dies nicht ein herrlicher/weiblicher wunderschöner

Traum?


Städteplanung / Architektur / Religion

Fabia_Combi_274x420_Star 13.12.2007 15:56 Uhr Seite 1

Buch V - Kunst-ST/A/R ST/A/R 33

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34 ST/A/R Buch V - Kunst-ST/A/R

Nr. 16/2007


Nr. 16/2007

Buch V - Kunst-ST/A/R ST/A/R 35

Law and Crime

Interview mit Andreas Manak zu den 2 permanenten

Rauminstallationen von Herwig Steiner

Installation Herwig Steiner, Eingangssituation, Not one more execution

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Passagen Verlag Herwig Steiner Gesetz und Verbrechen Andreas Manak Herausgeber Editor

Thomas Redl: In den Büros von Rechtsanwälten

gibt es die „klassische Beschmückung durch

Kunst“. Sie haben in ihrem Büro mit den beiden

permanenten Rauminstallationen von Herwig

Steiner einen sehr mutigen Kontrapunkt gesetzt.

Diese Arbeit bezieht sich konkret auf politische

und rechtsstaatliche Situationen, einerseits auf

die Nürnberger Rassengesetze und andererseits

auf Fallbeispiele von fragwürdigen Todesurteilen

in den USA. Das heißt, hier wurde mit der

Arbeit von Herwig Steiner ein sehr spezifisches

und auch konkretes Statement abgegeben.

Wie haben die Berufskollegen reagiert und wie

reagieren die Klienten, die im Alltag mit diesen

Arbeiten konfrontiert werden?

Andreas Manak: Wir haben uns natürlich lange

überlegt, was wir künstlerisch in der Kanzlei machen

sollen, sowohl formal als auch inhaltlich.

Von vielen Kanzleien kennt man ja die Konzepte,

dass man beliebig Kunst sammelt, oder

dass man auch Kunst ausleiht, für eine kleine

Gebühr den Künstlern die Gelegenheit zu einer

Art Dauerausstellung bietet. Die Kanzlei scheint

sich damit aufzuwerten, in Wirklichkeit ist das

aber nur eine Art von Bordellbetrieb, in dem

man die nackten Kanzleiwände zur Verfügung

stellt, um anderen die Möglichkeit zu bieten,

sich dort zu prostituieren. Und das wollten wir

von vorne herein nicht. Sobald festgestanden ist,

dass wir nach dem Umbau der Kanzlei großflächige

Glaswände und Glastüren haben werden,

hat sich dann die Frage der Gestaltung gestellt.

Wir sind ganz langsam von eher designorientierten

Vorstellungen zum Thema Kunst gekommen.

Herwig Steiner hat natürlich auch einige

Motivationsarbeit geleistet. Ich wäre nicht selbst

auf diese konkrete Idee gekommen oder ich hätte

auch nicht den Mut gehabt, so etwas umzusetzen,

weder ästetisch noch inhaltlich. Herwig hat

mich zuerst von der Ästhetik und auch von der

technischen Machbarkeit überzeugt, und dann

haben wir uns die Inhalte überlegt. Mir war

dann sehr rasch klar, dass man es an diesem geschichtsträchtigen

Platz nicht bewenden lassen

kann mit originellen Harmlosigkeiten, wie z.B.

der Präambel zum ABGB. Das war eine Voridee,

ein durchaus interessanter Text, aber heute nicht

mehr ganz aktuell, auch wenn demnächst der

200. Jahrestag des ABGB gefeiert wird. Damals

ein mutiger Akt, 1811 wurde dieses bahnbrechende

Gesetzeswerk erlassen, das heute in der

Anwendung noch sehr wichtig ist, aber das wäre

keine politische Aussage. Ich bin seit ich denken

kann ein politischer Mensch, ein kritischer

Mensch und es war mir wichtig, sowohl als

Person als auch als Anwalt ein Statement zu

setzen. Damit müssen meine Klienten, meine

Anwaltskollegen und die Mitarbeiter leben. Ich

bin überrascht über das Ausmaß an positivem

Feedback zu den Arbeiten von Herwig Steiner.

Ich habe mir viel mehr kritische Stellungnahmen

erwartet, wir haben aber sehr, sehr positive

Reaktionen erlebt, von vielen Seiten, und insofern

hat das meinen Weg bestätigt.

T. R.: Ich finde das Werk in zwei Richtungen

sehr gelungen, einerseits in der raumkonzeptuellen

Ebene und andererseits in der konkret

inhaltlichen Aussage. Definiert wird im Grunde

genommen der Missbrauch von Recht und die

Macht der Sprache?

A. M.: Herwig und ich haben die beiden

Die politische Kaste ignoriert jede Art von Sachargument und

setzt eine populistische Machtpolitik durch, die von der Struktur

her nichts anderes ist, als die Nürnberger Rassengesetze.

Herwig Steiner

Gesetz und Verbrechen

Law and Crime

Andreas Manak

Herausgeber Editor

Themen, also Antisemitismus einerseits und

Todesstrafe andererseits, ausgewählt, um

Extremfälle von Unrecht darzustellen, die im

formalen Gewand des Rechts daherkommen.

Bei den Nürnberger Rassengesetzen ist das

Unrecht in Gesetzesform erlassen worden; man

findet sie im Reichsgesetzblatt ein paar Seiten

nach einer Novelle zum Handelsgesetzbuch und

anderen ganz banalen zivilrechtlichen Normen;

im anderen Fall ist das Unrecht durch Gerichte

in die Welt gesetzt worden, aber jedenfalls

auch in einem formalen Akt, der den Anspruch

für sich erhebt, Recht und damit zumindest

vom Telos her Gerechtigkeit zu schaffen. Und

hier in den Arbeiten von Herwig Steiner wird

gezeigt, wie die äußere Form des Rechts bewusst

missbraucht wird. Es ist ja nicht ein Missgeschick

oder ein Fehlgriff passiert, sondern es

wurde ganz bewusst Rechtsetzungstechnik

missbraucht, um das Unrecht in die Welt zu

setzen. Auch für die Fehlurteile, die zur Vollstreckung

der Todesstrafe in den USA führen, sind

Menschen konkret verantwortlich. Dort wurde

im Prozessverlauf ganz bewusst manipuliert,

wurden von Seiten der Polizei und von Seiten

der Richter Beweismittel unterdrückt, teilweise

Berufungsschriften nicht akzeptiert etc.. Man

hat z.B. in den USA die Berufungsmöglichkeiten

formal drastisch reduziert und auf diese Art

und Weise dazu beigetragen, dass es zu solchen

Extremfällen kommen kann. Und was gibt es

Extremeres als einen Menschen zu töten unter

Berufung auf Recht und Gerechtigkeit.

T. R.: Unter der Berufung von “law and order”.

Herwig Steiner

Gesetz und Verbrechen

Law and crime

Not one more execution!

Pre-Prints

Andreas Manak

Herausgeber/Editor

ISBN-10: 3-85165-771-3

ISBN-13: 978-3-85165-771-5

Passagen Verlag, Wien

A. M.: Mich fasziniert, seit ich mich mit

Recht und Rechtssprache beschäftige, dass,

auch vom sprachtheoretischen Gesichtspunkt

gesehen, Recht in Gewalt mündet,

geradezu münden muss, weil die ultimative

Durchsetzung des Rechts in Gewalt

besteht. Das wird legitimiert, indem man

sagt, man konzentriert Gewalt beim Staat, das

bekannte Gewaltmonopol des Staates, weil ja

letzten Endes Recht immer auch Streit zwischen

Menschen schlichten soll, und da muss unter

Umständen einer dazu gezwungen werden dem

Anspruch des Rechts des anderen und dessen

Durchsetzung auch nachzugeben. Es muss nicht

immer die Todesstrafe sein, es kann ein ganz

banaler Fall einer Räumungsexekution gegen

einen säumigen Mieter sein. Auch hier wird

mit Polizeigewalt jemand aus seiner Wohnung

geworfen, und auch hier muss man sehr genau

schauen, ob die Voraussetzungen dafür da sind,

die ein hoffentlich gerechter Gesetzgeber ins

Gesetzbuch geschrieben hat.

Das heißt, es geht um den Konnex zwischen

Sprache und Gewalt, der dem Recht

an sich immanent ist, und darauf sollen

dieser Werke in meinem Verständnis hinweisen.

T. R.: Das heißt, die Problematik stellt sich

immer dort, wo eine rassistische oder politisch

extreme Programmatik der Rechtsausübung

innewohnt?

A. M.: Ja, es gibt immer wieder politische und

soziale Verhältnisse, in denen Recht missbraucht

werden kann. Gerade die aktuelle Debatte

um den Asylgerichtshof ist ein gutes Beispiel,

wo man entgegen massivsten Warnungen von

hoch angesehenen Juristen gerade vor zwei

Tagen beschlossen hat, Unrecht zu schaffen. Ich

behaupte, die besten Juristen dieser Republik

wenden sich öffentlich gegen diese Form des

Asylrechts und gegen den Asylgerichtshof. Die

politische Kaste ignoriert aber jede Art von

Sachargument und setzt eine populistische

Machtpolitik durch, die von der Struktur her

nichts anderes ist als die Nürnberger Rassengesetze.

Wir haben auch im Buch, das zu

den Werken erschienen ist, die geschichtliche

Verbindung der katholischen Kirche zum Nationalsozialismus

thematisiert. Wir befinden uns

hier direkt neben dem Stephansdom in einem

Haus, das im Besitz der katholischen Kirche ist.

Kirche und Macht ist ein Thema, das in vieler

Hinsicht sehr unerfreulich ist. Dadurch haben

sich die Themen der Steinerschen Installationen

förmlich aufgedrängt.

T. R.: Noch eine abschließende eher allgemeine

Frage. Wie sehen Sie die heutige politische

Situation: die zunehmende Radikalisierung,

die Globalisierung, die Migrantensituation, den

Verlust sozialer Ausgewogenheit, das Aufkommen

von neuem Rechtsradikalismus und den

schlummernden Antisemitismus?

A. M.: Zum aktuellen politischen Geschehen

oder zu Tendenzen der Radikalisierung in der

gegenwärtigen Gesellschaft kann man viel sagen

oder gar nichts, ein Mittelweg ist schwer. Die Radikalisierung

ist sicher ein aktuelles Phänomen.

Menschen reagieren vielfach auf die extrem

beschleunigte Entfremdung mit psychischen

Problemen, und ich zähle Selbstmordattentate,

Rechtsradikalismus und Kindesmord letzten

Endes insgesamt zu psychischen Reaktionen auf

Entfremdungsprozesse. Hier wird politisch viel

zu wenig getan, im Gegenteil, jeden Tag, wenn

man die Tageszeitung aufschlägt und sich politische

Berichte ansieht, wird immer verständlicher,

warum Menschen in den Extremismus

getrieben werden, sei es durch Handlungen oder

sei es auch nur im Denken. Die Verlogenheit

und der Schein, das „So tun, als ob“ wird von

höchsten staatlichen, politischen und wirtschaftlichen

Würdenträgern zelebriert, und das ist natürlich

durchschaubar. Aber selbst wenn es nicht

intellektuell durchschaut wird, reagieren die

Menschen darauf, und das in einer sehr unerfreulichen

Weise. Die Entfremdungsphänomene

führen letztlich auch dazu, dass alle Formen von

Rassismus und auch von Antisemitismus neuen

Nährboden gewinnen. Ich sehe von der Basis

her keinen Unterschied zwischen einer

extrem fremdenfeindlichen Asylgesetzgebung

und Antisemitismus. Beides ist genährt

von einem Gefühl der Minderwertigkeit, dem

Wunsch nach Ausgrenzung, des Hasses auf

Andersartige, und es kommt auch nicht darauf

an, ob die Verfolgten und Unterdrückten und

Abgeschobenen mosaischen Glauben haben

oder einer bestimmten Rasse angehören, es

kommt darauf an, dass ein Sündenbock gesucht

wird für eine Gesellschaft, die sich selbst nicht

mehr in den Spiegel schauen kann.

T. R.: Das heißt, das Fundament einer ausgewogenen

gesellschaftlichen Struktur mit ausgewogenen

Verhältnisse im Sozialen, Gesellschaftlichen

wie auch im Politischen geht uns immer

mehr verloren?

A. M.: Vereinfacht gesagt, eine Gesellschaft in

der die Einkommensunterschiede seit 50 Jahren

in allen nur erdenkbaren Parametern immer

größer werden, egal ob man jetzt die obersten

und untersten zehn Prozent vergleicht, Männer

und Frauen vergleicht oder andere Parameter

heranzieht, die ökonomischen Unterschiede

werden immer größer, das hat Auswirkungen

auf das Bewusstsein der Leute und auf die

Entwicklung der Gesellschaft insgesamt. Das

heißt jetzt nicht automatisch, dass eine Verringerung

der Einkommensunterschiede alle

sozialen Probleme lösen würde, aber es würde

eine beträchtliche Entspannung der Drucksituation

für viele, viele Menschen liefern, während

durch dieses Auseinanderdriften der sozialen

Schichten immer mehr zumindest subjektiv das

Gefühl haben, zurückzubleiben. Genau das ist ja

auch sozialwissenschaftlich der Hintergrund für

Rassismus und politischen Extremismus – nicht

so sehr das absolute Elend, sondern die relative

Verelendung gegenüber immer größerem Protz

und Verschwendungssucht, der auf der anderen

Seite zur Schau gestellt wird.

T. R.: Danke für das Interview.


Städteplanung / Architektur / Religion Buch V - Kunst-ST/A/R

ST/A/R 37

Foto: XXXXXXXXX

Rechtsanwaltskanzlei Manak & Partner, Stephansplatz 6, 1010 Wien

© Herwig Steiner / Gesetz und Verbrechen / Installation – Glaswand mit Doppeltüre / 4-teilig / computergenerierter Glasdruck / 2004/05 / 322,20 x 434,10 cm / Foyer Kanzlei Manak & Partner / Fotokonstruktion: Ebenhofer / Steiner


38 ST/A/R Buch V - Kunst-ST/A/R

Nr. 16/2007

Foto: Walter Ebenhofer

Zu den Installationen

von Herwig Steiner

Wolf Guenter Thiel

Herwig Steiner / Ausschnitt / Not one more execution / Installation - drei Glaswände mit 5 Türen / Tageslichtsituation

13-teilig / computergenerierter Glasdruck / 2004/05 / 321,0 x 155,5 cm + 325,4 x 1136,05 cm + 325,4 x 170,4 cm

Korridor Kanzlei Manak & Partner

Abstraktion bezeichnet einen Vorgang, bei dem

die Sicht von der realen Welt oder einem Modell

in ein einfacheres Modell gefasst wird. Dieses

visuelle Modell hebt im Falle Steiners die wesentlichen

Bestandteile der Nürnberger Rassengesetze wie auch

neuerer Urteilsbegründungen für Todesurteile in den

Vereinigten Staaten wörtlich hervor. Der Sinn besteht

darin, wesentliche Elemente dieser Rassengesetze und

neuere Begründungen für Todesurteile in den USA in ihrer

menschenverachtenden Haltung hervorzuheben. Ziel ist es,

diese menschenverachtenden Denkmodelle mit der heutigen

Gesetzeslage in Österreich ins Oppositionsverhältnis zu

setzen und sich im Ansatz als Künstler wie auch als Anwalt

gegen jede Art von Rassismus und die Todesstrafe generell zu

wenden. Aus dieser Blickperspektive sind die zwei einzelnen

Arbeiten „Gesetz und Verbrechen“ zu den Nürnberger

Rassengesetzen und „Not one more execution!“ zu den

Begründungen für Todesurteile in den USA von Herwig

Steiner in der Anwaltskanzlei am Wiener Stephansplatz 6 der

Rechtsanwaltskanzlei Andreas Manak & Partner als abstrakte

Kunst anzusprechen.

In seiner Arbeit „Gesetz und Verbrechen“ hebt Steiner

zwei komplementäre Aspekte bezüglich der Nürnberger

Rassengesetze von 1935 hervor: Erstens bringt er den

Not one more execution – Detail

besonderen Rechtsbruch und die Pervertierung der

Rechtsauffassung der Nürnberger Rassengesetze zum

Ausdruck. Zweitens veranschaulicht die Arbeit deren

Relevanz und mahnende Wirkung für die heutige

Gesetzgebung und das zugrunde liegende Rechtsverständnis

gerade im Ausländer- oder Asylrecht. Die Nürnberger

Rassengesetze gelten als Inbegriff der Pervertierung des

Rechtsstaats-Gedankens durch den Nationalsozialismus.

Die Rassenideologie erhielt durch sie einen juristischen

Anstrich. Der NS-Genozidpolitik wurde damit letztendlich

der Weg bereitet. Der Abstraktionsprozess besteht darin,

das Modellhafte der Rassengesetze so zu extrapolieren, dass

der warnende Effekt und die Hervorhebung der eigenen

politischen und ethischen sowie juristischen Haltung jedem

Besucher der Kanzlei sofort und unmittelbar vor Augen

geführt wird, und das sprichwörtlich. Andreas Manak

selbst sagt zu der Arbeit: „Ein besonderer Aspekt dieses

Werkes ergibt sich aus dessen Standort in einem Haus am

Stephansplatz, unmittelbar gegenüber dem Stephansdom,

„dem“ Wahrzeichen des katholischen Österreichs.“

117

„Dem Werk „Not one more execution!“ liegt ein

umfangreicher schriftlicher Bericht aus dem Jahr 2000 mit

dem Originaltitel „Reasonable Doubts: Is the U.S. Executing

Innocent People? A Report of the Grassroots Investigation

Project“ zugrunde. Der Bericht enthält 15 detaillierte

Fallstudien über Personen, die zwischen 1974 und 2000

zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden, obwohl sie mit

großer Wahrscheinlichkeit unschuldig waren. [...] Herwig

Steiner hat von den fünfzehn Fällen des Berichts acht

ausgewählt und auszugsweise für die dreizehn Glastafeln

verwendet ...“1) Eine Todesstrafe kann nach heutiger,

europäischer Rechtsauffassung nur Ergebnis eines gesetzlich

genau festgelegten und kontrollierten Rechtsverfahrens sein.

Sie setzt Gesetze voraus, die Straftatbestände definieren, für

die Todesstrafen vorgesehen sind, sowie die gesetzmäßige

Inhaftierung, Überführung und Verurteilung des Täters. Das

gesamte Verfahren kann, sofern es als legal gelten soll, nur

durch dazu bevollmächtigte Vertreter eines Staates vollzogen

werden. In Staatsgesetzen verankerte und danach vollzogene

Todesstrafen setzen also ein funktionierendes, im Bereich

dieses Staates gültiges Rechtssystem voraus. In den meisten

Staaten, die die Todesstrafe als Gesetz verankert haben und

anwenden, ist sie im gewöhnlichen Strafrecht für Mord, oft

auch für Entführung, Vergewaltigung, Raub mit Todesfolge

vorgesehen.

Seitdem es die Todesstrafe gibt, versucht man ohne Erfolg

ihre „Notwendigkeit“ zu begründen. Für die Behauptung

etwa, die Todesstrafe habe eine größere abschreckende

Wirkung als andere Strafen, konnte nirgendwo auch nur der

geringste Beweis erbracht werden. Ohnehin müsste dieses

Argument immer gegen andere abgewogen werden, wie

etwa das Risiko der Hinrichtung Unschuldiger, oder gegen

die Willkür und Diskriminierung bei ihrer Anwendung und

gegen das Leiden, das sie verursacht. Staatliches Töten ist

keine angemessene Antwort auf Mord und Kriminalität. Wo

sich der Staat zum Richter über Leben und Tod aufschwingt,

nimmt nicht Gerechtigkeit ihren Lauf, sondern es wird Rache

und Vergeltung geübt. Außerdem: Wenn der Staat selbst die

Tötung eines Mörders anordnet, ist es schwierig zu erklären,

dass die Ermordung eines Menschen Unrecht darstellt. Eine

Regierung kann nicht gleichzeitig die Menschenrechte achten

und die Todesstrafe verhängen.2)

Wie geht Herwig Steiner in seiner Arbeit mit diesen

Diskursfeldern um? Er tut das, was Ludwig Wittgenstein für

die Philosophie vorschlägt: «Die richtige Methode der Philosophie

wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt, also

Sätze der Naturwissenschaft - also etwas, was mit Philosophie

nichts zu tun hat.» Steiner tut genau dies, er nimmt die

totalitäre, inhumane Sprache und Sprachregelungen - um

solche geht es ja in beiden bearbeiteten Sachverhalten

- wörtlich und zitiert sie. Es sind nicht die Sätze der

Naturwissenschaft, sondern die Begründungen für

Todesurteile oder Passagen der Nürnberger Rassengesetze. Er

tut dies, indem er sie auf polydimensionale, an futuristische

Bildgründe erinnernde, abstrakte Raumverhältnisse aufbringt.

Diese werden durch den harten Einsatz von Signalfarben

wie Rot, Orange, Gelb und Schwarz zusätzlich dramatisch

betont. Der Hintergrund ist konkret abstrakt, auch wenn er

an Feuer, Magma oder infernalische Bedeutungsumfelder

erinnert. Warum sind die Bildgründe konkret abstrakt und

nicht figurativ oder realistisch? Sie sind konkret abstrakt, um

der ikonographischen Bezüglichkeit gegenüber totalitärem

Bilddenken zu entgehen. Gerade die totalitären Regime des

letzten Jahrhunderts förderten die abbildhafte, figurative

und realistische Malerei. Die einen förderten realistische

Malerei zur Darstellung von Glanz und Glorie des NS-

Regimes und ihres „Führers“, die anderen wollten Arbeitern

und Bauern ein Denkmal setzen und Stalin zum Heroen

der arbeitenden Bevölkerung stilisieren. Kunst wurde zum

Propagandainstrument der Politik und figurative Kunst

in der Geschichte zumeist politisch vereinnahmt und zu

Propagandazwecken eingesetzt. Steiner setzt sich hiervon

ab und wendet die eindeutige Zuordnungsmöglichkeit ab.

Hätte er dies gewollt, dann hätte der Künstler inhaltlich

verifizierbare Zusammenhänge im Hintergrund festgehalten.

Der Diskurs wird von ihm in eine strukturelle oder

konstruktive, möglicherweise historische, politische und

rechtswissenschaftliche Richtung gewiesen. Indem er

das konkret abstrakte Bild mit der klaren, sachlichen und

unmenschlichen, totalitären Sprache mit dem Bild ins direkte

Oppositionsverhältnis zieht, regt er eine ganzheitliche,

diskursanalytische Auseinandersetzung mit dem Diskursfeld

an.

Bild und Schrift sprechen uns auf verschiedenen Ebenen

an: nämlich das Bild unser Empfinden und die Schrift

unser Denken. Seit Umberto Eco3) wissen wir, dass nicht

jedes Bild sich von jedem Betrachter gleich empfinden

und entschlüsseln lässt. Jeder Mensch hat seine eigene

Assoziation, macht sich sein eigenes Bild, das sich aus

seinem Erfahrungshintergrund, seiner Kultur und seinen

persönlichen Assoziationen speist. Das Lesen eines Bildes ist

folglich subjektiv oder individuell. Im Zusammenhang mit

der konkret abstrakten Arbeit von Herwig Steiner soll sich

der Betrachter eben kein Bild machen, denn das Bild, das er

sich von den Auswirkungen der Rassengesetze macht, kann

das Ausmaß des Grauens nicht ermessen. Es ist ein Gefühl

des Grauens, das sich einstellt und das sich durch die abstrakt

konkreten Bildgründe manifestiert. Die Schrift dagegen ist

linear. Vor der Entwicklung der Schrift war Jahrtausende

lang die mündliche Überlieferung von wesentlichen Inhalten

üblich. Sie barg schon immer gewisse Risiken in sich. Eine

mögliche Sinnentstellung des ursprünglichen Quelleninhaltes

und das Weglassen oder Hinzufügen von Inhalten sind in

der mündlichen Vermittlung des jeweils einzelnen Erzählers

immanent enthalten. Psychologische, soziale und kulturelle

Faktoren spielen bei der mündlichen Überlieferung eine

wesentliche Rolle. Steiner entgeht diesem Risiko, indem

er wortwörtlich zitiert und überliefert. Die Erfindung der

Schrift gilt als eine der wichtigsten Errungenschaften der

Zivilisation, da sie die Überlieferung von Wissen und

kulturellen Traditionen zuverlässig über Generationen

hinweg erlaubt und deren Erhaltung, wie im Fall der Arbeit

Steiners, für einen langen Zeitraum garantiert. Auch wenn das

Grauen im Zusammenhang mit den Folgen der Nürnberger

Rassengesetze im Verlauf der Geschichte fortschreitend

abstrakter werden mag, der Wortlaut der Gesetze bleibt

unmissverständlich und menschenverachtend.

1) Manak, Andreas: Vorwort des Herausgebers, in: Andreas Manak (Hrsg.):

Gesetz und Verbrechen Law and Crime, Wien 2006.

2) vgl. http://www.amnesty.at/todesstrafe/ vom 8.12.2008.

3) Eco, Umberto: Opera aperta, 1962 (dt. Das offene Kunstwerk,

übers. v. Günter Memmert, Suhrkamp, Frankfurt/M. 1973).


Nr. 16/2007

Abschied von Monika Nickerl

Buch V - Kunst-ST/A/R ST/A/R 39

HAUS DES

MEERES

ST/A/R-Bezirksinitiative:

Maria hülf!

ST/A/R gratuliert Mag. Sylvia Hellmayr und Dr. Nikolaus Hellmayr zur Geburt ihres

Sohnes Jonathan, geboren am 8.12.2007 um 19:44 Uhr

THE WHITE CITY OF TEL AVIV –

TEL-AVIV’S MODERN MOVEMENT

21.02. – 19.05.2008

ERÖFFNUNG: MITTWOCH, 20.02.08, 19

UHR | PRESSEKONFERENZ: MITTWOCH,

20.02.08, 11 UHR

Das Stadtzentrum von Tel Aviv ist seit

Juli 2003 UNESCO Weltkulturerbe. Die

israelische Stadt am Meer verfügt – wie

hierzulande wenig bekannt ist – über ein

einzigartiges Ensemble von mehr als 4000

Häusern im Stil des „Neuen Bauens“,

die erst in den letzten Jahren teilweise

restauriert wurden. Diese von der Stadt Tel

Aviv organisierte Ausstellung tourt nun seit

2004 mit Stationen u.a. in Rom, Lausanne,

Le Havre und Montreal durch die Welt und

wird im Februar erstmals in Österreich im

Architekturzentrum Wien gezeigt.

DER MASTERPLAN

1925 wurde der schottische Architekt Paul

Geddes beauftragt, die noch junge Siedlung

Tel Aviv durch einen Master-Stadtplan zu

strukturieren. Er projektierte eine Gartenstadt

mit streng hierarchischem Straßennetz und

einer organischen, mit zahlreichen Plätzen

durchsetzten Anordnung. Im Verlauf seiner

Realisierung musste das Projekt allerdings

stark verdichtet werden – schon aufgrund der

Flut von Immigranten, die Tel Aviv zwischen

1930 und 1935 von 50.000 auf 120.000

Einwohner anwachsen ließ. Trotzdem lässt

sich der ursprüngliche Plan von Geddes

vielerorts noch erkennen.

DIE ARCHITEKTUR

Zahlreiche Architekten der Stadt

orientierten sich bei ihren Entwürfen an

der Formensprache von Le Corbusier,

Mies van der Rohe, Walter Gropius und

Erich Mendelsohn. Tel Aviv wurde so zu

einem Experimentierfeld für die Grundsätze

der modernen Architektur – in einem

außerordentlichen Maßstab. Heute sind viele

der Häuser jedoch sanierungsbedürftig. Nitza

Szmuk, jahrelange Leiterin der „Preservation

Group“ in der Stadtverwaltung und Kuratorin

dieser Ausstellung, engagiert sich für den

Erhalt dieser wertvollen Bausubstanz.

DIE AUSSTELLUNG

Paul Geddes’ Master-Stadtplan wird mit

Plänen und Modellen präsentiert. Historische

und aktuelle Fotografien geben Einblick in die

Architektursprache der Zeit und vermitteln

den Einfluss, den das europäische Erbe auf

das örtliche Schaffen genommen hat. Die

Vielfalt der in Oberflächenbeschaffenheit

und Farbe unterschiedlichen Verputze

werden ebenso gezeigt wie genaue

Analysen von Detailplanungen (z.B. die

verschiedenen Balkonarten). Eine Auswahl

von historischen Filmen gibt ein lebendiges

Bild der Stadtentwicklung zwischen 1920

und 1958 wieder. Das Präsentationsvideo

für die UNESCO und das aktuelle

Projekt der Konservierung dieser Bauten

werden ebenfalls vorgeführt. Grafische

3D-Animationen von elf repräsentativen

Gebäuden vertiefen das Verständnis für

die Architektur der „Weißen Stadt“. Nahezu

100 Lebensläufe von in Tel Aviv tätigen

Architekten runden das Bild ab.

Zur Ausstellung erscheint ein „Hintergrund“,

die vierteljährliche Publikation des Az W. Ein

Symposium zum Thema „Umgang mit dem

architekturhistorischen Erbe der Moderne“ als

Rahmenprogramm ist geplant.

Kuratorin der Ausstellung: Nitza Szmuk (Tel

Aviv)

Projektkoordination Az W: Sonja Pisarik

Presse: Ines Purtauf I Tel.: +43-1-522 31 15-

23 I e-mail: purtauf@azw.at

Subventionsgeber des Az W:

Geschäftsgruppe Kultur und Wissenschaft,

Geschäftsgruppe Stadtentwicklung und

Verkehr, Bundesministerium für Unterricht,

Kunst und Kultur

Förderer des Az W: Architecture Lounge


40 ST/A/R Buch V - Kunst-ST/A/R

Nr. 16/2007

Gilbert Bretterbauer

Foto: Peter Barci

Gilbert Bretterbauer, 3 D Netz, 2006, „textile Bänder“ (ca. 300/300/300cm), courtesy: G.B.

„ZART“, eine Möbius Kantate von Hofstetter Kurt

„time no time“, eine DVD von Barbara Doser und Hofstetter Kurt –

NEU:PARALLEL MEDIA http://www.sunpendulum.at/parallelmedia/timenotime


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch VI - Literatur ST/A/R 41

LITER

Privatsachen, eine Fotoserie von Liesl Ujvary, Cinematerealien, Fotos und Gedichte von Herbert J.

Wimmer, Anfänge und Zustände, ein Essay von Gerhard Jaschke, der Geschmack von Fremde,

ATUR

eine Begegnung aufgezeichnet von Christine Huber und einige Schwalben gefaltet von Margret Kreidl.

ausgesetzt

Dieter Sperl

Mitten im Gespräch über den neuen

Werbeauftritt seiner Marktforschungsfirma

Strategy Analytics war ich für mich völlig

unerwartet aufgestanden und sagte zu dem

mir gegenüber sitzenden Schulfreund, den

ich einige Jahre lang nicht mehr getroffen und

auf dessen Wiedersehen ich mich in der Tat

außerordentlich gefreut hatte, dass ich seiner

ausufernden Selbstpräsentation überdrüssig

und ihr nicht mehr länger beizuwohnen

gewillt sei. Lieber hielte ich mich allein im

Wald auf, fuhr ich fort, lieber säße ich mit

meinem über die Jahre endlich einigermaßen

zur Ruhe gekommen Herzen im Wald, oder

triebe mich sogar hundertmal lieber in einem

voll gerammelten Kaufhaus herum, als mich

mit den ungeheuerlichen Besatzungskräften

seiner mir gegenüber aufgeworfenen Emotionen

auseinanderzusetzen. Denn auch Emotionen

lebten, fügte ich hinzu, auch Emotionen hätten

Freunde, ihre eigene Familie, und es seien

dies Kräfte, die zu ganz bestimmten Zeiten

aufträten, sich entwickelten und die sich auch

zu exakt beobachtbaren Zwecken in Aktion

setzten. Befreiten sich solche Wesenheiten und

begännen sie über die jeweiligen Menschen oder

Völker zu herrschen, würden sich Probleme

in Katastrophen verwandeln. Deshalb ginge es

vor allem um Beobachtung und Entwicklung

der verschiedenen uns zugänglichen und uns

zugleich konstituierenden Kräfte und um

Integration derselben, welche überdies den Geist

verfeinere und unsere Intuition zu erwecken

vermöge. Würde sich eine Kraft auf Kosten

anderer durchsetzen, sähen wir uns einer Form

von Diktatur ausgesetzt, und es sei egal, ob man

diese nun Depression oder Neid, oder Hass

und Verzweiflung nennen würde. Das wären

alles Übertreibungen, hörte ich mich sagen,

den Blick auf meine auf dem Tisch liegenden

Hände gerichtet. Ich fühlte mich plötzlich allein

in einem fernen Land, in welchem mir ein

einsamer Eiswind um die Ohren pfiff, starrte

verloren vor mich hin und wusste nicht, woher

das eben Gesagte gekommen war. Gedankenlos

lächelnd, blickte ich meinen Schulfreund an, als

der Kellner auf uns zu trat und ich ihn sagen

hörte: Was bedeutet und fordert der Weg, den

du jetzt gehst? Ich blickte verwirrt auf und

erkannte mit einem Mal, dass er das Gesicht

jenes Schamanen trug, dessen Vortrag über

die Mystik der Andenvölker ich - auf Einladung

einer nahen Bekannten - vor zwei Jahren, in

einem Ringstrassenhotel, mit großem Interesse

beiwohnen durfte. In eigensinniger Reglosigkeit,

gleichsam in eine Art Säule verwandelt, sah ich

die offensichtlich an mich gerichtete Frage vor

meinen Augen wie einen Fisch aus dem Fluss

springen, welcher im nächsten Moment auch

schon wieder verschwunden war. Dies war ein

Zeichen müheloser Kraft und Eleganz, dachte

ich, und praktizierte gleichzeitig unendliche

Freiheit und die Leerheit aller Erscheinungen.

Schriftwechsel

>> sperl@star-wien.at


42 ST/A/R

Buch VI - Literatur

Nr. 16/2007

„privatsachen“

Fotoserie von Liesl Ujvary

„privatsachen“

Lydia Mischkulnig

Der Kampf gegen mich ist aussichtslos, da ich als

juristische Person unsterblich bin im Gegensatz zu

meinen Angestellten, die dafür kämpfen, dass ich

sie nicht aufreibe oder kündige. Man kann mich

zerschlagen, zersetzen, auflösen und verklagen, aber

da ich juristisch bin, kann man mich nicht einsperren,

denn ich besitze keinen Leib, berge aber etagenweise

Angestellte, die einen eigenen Leib besitzen, die in

meinen Diensten stehen. Um mich mache ich mir

keine Sorgen, ich verschwinde und formiere mich

neu, wo und wann ich will. Aber die Angestellten mit

ihrem fixen Leib sind an Ort und Zeit gebunden und

bandeln mit diesen Koordinaten herum, im Hier und

Jetzt, die Existenz will berechtigt sein.

aus: Die Firma, Erzählung, 2007.

Lydia Mischkulnig, geb. 1963 in Klagenfurt. Lebt in Wien.

Buchveröffentlichung zuletzt: Umarmung, Roman, DVA, München 2002.


Nr. 16/2007

Buch VI - Literatur ST/A/R 43

die fotoserie „privatsachen“ versammelt fotos

der arbeitsumgebungen von schriftstellern.

hier entsteht literatur – zwischen schichtungen

von beschriebenem papier, bekritzeltem papier,

bedrucktem papier, anhäufungen von büchern,

zwischen stofftieren und technischem gerät, zwischen

weichen polstern und warmen decken, zwischen

fundstücken konkreter natur, einem rindenstück,

zimmerpflanzen und blumenvasen, fahrrädern,

kinderzeichnungen, rezepten, jacken und hosen,

kabeln und steckern, stössen von cds und musik-cds,

umhängtaschen, adidas-schuhen, kaffeetassen, einem

spielzeugpinguin auf einem fernseher, handtüchern,

buddhas, ansichtskarten, tellern, tastaturen, stiften,

blättern, feuerzeugen und vielen anderen sachen.

Liesl Ujvary, Schriftstellerin, lebt in Wien. Texte, Bilder, Musik.

alphaversionen, Prosa, Sonderzahl Verlag, Wien 2006.

Herbert J. Wimmer

259

artifizielle intelligenz

I.

du mit deinen künstlichen gedanken, beschimpft

einer das objekt, das ihm mit der ganzen apparatur

nach einem schweren unfall eingepflanzt wurde.

natürlich ist gar nichts, gibt das objekt zu bedenken.

II.

du mit deinen künstlichen gedanken, beschimpft

einer das objekt, dem er in die ganze apparatur nach

einem schweren unfall eingepflanzt wurde.

natürlich ist gar nichts, gibt (sich?) das objekt zu

bedenken.

III.

du mit deinen künstlichen gedanken, beschimpft sich

einer als das objekt.

aus: NERVENLAUF, DIE TÜCKE DER OBJEKTE

Herbert J. Wimmer, geb. 1951 in Melk. Lebt in Wien.

Buchveröffentlichung zuletzt: NERVENLAUF,

DIE TÜCKE DER OBJEKTE, Sonderzahl Verlag, Wien 2007.


Städteplanung / Architektur / Religion Buch VI - Literatur

ST/A/R 45

Bei den Bieresch, Klaus Hoffer

Literaturverlag Droschl , Graz,Wien 2007.

(urspr.: Halbwegs, 1979; Der große Potlatsch, 1983)

So meint die Tante zu Hans:

„Auf uns liegt der Fluch seit dem allerersten Tag! Jede Zeile, jedes einzelne

Wort in unseren Schriften verflucht den Bieresch. – Heimweh gibt es nur

zuhause, sagen wir, weil wir nicht fort können von hier, weil wir auf ewig

ins Labyrinth unserer unglücklichen Biereschgeschichte eingesperrt sind.

Wir haben Heimweh nach uns selber, weil keiner sein kann, wie er ist,

jeder bloß die Eigenschaft seiner Umgebung spiegelt.“

Rund 25 Jahre nach Erscheinen des

„Kultbuchs“ von Klaus Hoffer gibt der

Literaturverlag Droschl den Doppelroman

„Bei den Bieresch“ wieder heraus: Hans

wird zum Stellvertreter seines verstorbenen

Onkels – dafür reist er nach Zick, einem

Dorf im „Osten des Reiches“, wie es

heißt, das irgendwo im Südburgenland

zu verorten ist, in einer pusztaähnlichen

Angelika Reitzer

Landschaft gelegen, zum Volk der Bieresch.

CINEMATEREALIEN

von Herbert J. Wimmer

(zur fotoserie TABORKINO I–V)

die schauwerte leben.

im augenblick der transformation

hängen die bilder in ihrem lauf

laufen die hängenden bilder

im abbruch des entschwindenden

projektionsraums.

KINO-KEYNOTE

Hans muss dessen Identität annehmen, zieht in sein

Haus, arbeitet als Briefträger. Das ist schon fast alles,

was man über die Handlung dieses Doppelromans

sagen kann, denn die Bieresch leben ihr Leben nicht,

sie versuchen, es zu erklären: „Jeder Bieresch ist ein

zänkischer, bessserwisserischer Philosoph.“ (P. Handke

in einer Spiegel-Rezension Anfang der 1980er Jahre)

und: „Nichts war einfach, alles hatte Bedeutung.“ Hans

erfährt von den Göds in sieben wichtigen Gesprächen

(bzw. Monologen) und sich im Großen wie im Kleinen

widersprechenden Belehrungen die Geschichte der

Bieresch und ihr Schicksal soll so seiner Bestimmung

zugeführt werden. Diese Diskurse über die eigene

Vergangenheit und ihre Regeln bestimmen den Roman:

Die Monologe, Geschichten, Fabeln, Mythen und

Legenden verstehen diese besessenen Erzähler („die zu

keiner bindenden Identität finden, obwohl sie sich doch in

einer Art Sisyphusarbeit unaufhörlich selbst befragen, als

Verfluchte der Zeit“ P. Landerl) oft selber nicht.

Am Ende des ersten Teils erhält Hans einen sprechenden Namen

(„Halbwegs“): das ist ein Zeichen zugleich der Anerkennung und der

Ausweglosigkeit.

Ein Jahr lang haben die Bieresch – sie sind so was wie vage Anarchisten

– die Erlaubnis, dem Stellvertreter alles zu nehmen: gesetzlich legitimierter

Diebstahl, um den Urfrevel (Landbesitz und also Besitz überhaupt) zu

sühnen – der große und der kleine „Potlatsch“, den Indianern entlehnt …

Wie in Kafkas „Prozess“ ist „Bei den Bieresch“ eine latente Schuld spürbar,

mitunter scheinen die Grenzen zw. Opfern, Angeklagten und Anklägern

fließend, wie im „Schloß“ ist das Neue für Hans/Halbwegs nur auf den

ersten Blick vertraut, erforscht einer die Rituale, die ominöse Bürokratie

– aber das hat keinen wissenschaftlichen, sondern für den Fremden (Hans,

K.) einen existenziellen Grund. Der letzte Satz ist ein Schlüssel zum

Verständnis des Romans: Nichts zeigt sich so, wie es ist. Oder, wie das

Motto zu „Der große Potlatsch“ zu erklären versucht: „Unsere Geschichte

ist der Knoten, der sich knüpft, wenn man ihn löst.”

Die absolute Liebe zum Paradoxen und zum Absurden: jetzt neu aufgelegt.

Ein hilfreiches Inhaltsverzeichnis und eine Rezension von Heinz

Schaffroth ergänzen die schöne Droschl-Ausgabe. Unbedingte (Wieder-)

Leseempfehlung!!

ein-bildungen:

was eingebildet wird

ins schauwerte leben

ins leben der schauwerte:

die mitten im abbruch

ausbrechende retrospektive

alles möglich gewesenen

in den unsichtbar gewordenen nutzungen

in den noch unsichtbaren nutzungen

urbanen erinnerungsmanagements.

CINEMANTRA

Lucas Cejpek

Mitten ins Herz, Margret Kreidl

Edition Korrespondenzen, Wien 2005.

23.05.2007

Die Schönheit des Seriellen wird in der Literatur selten be-schworen

und noch seltener von der Kritik gepriesen. Dabei zielt die

Wiederholung „Mitten ins Herz“, wie Margret Kreidls zweiteiliges

Buch bereits im Titel verspricht. Der erste Teil ist eine Serie von

Todesschüssen nach amourösen Verstrickun-gen vor einem

naturnahen Hintergrund. „Blühende Alpenrosen. Sie seufzt. Ein

Schuss. Rote Wolken am Abendhimmel.“ Die Zwangsläufigkeit des

Geschehens spiegelt sich in den Biogra-phien der Erfolgsautorinnen

wider, die Margret Kreidl im zwei-ten Teil aufs Wesentliche

reduziert. „Als ihr Mann sie verließ, begann sie Liebesromane

zu schreiben.“ Schicksalsergebenheit ist ein anderes Wort für

Selbstaufgabe, und die hat inzwischen die ganze Gesellschaft erfaßt

und wird als Kunst genossen. „Jubel. Tusch. Ein Schuss.“ Die

Portraits der Heftchenautorin-nen unterscheiden sich daher auch

nicht von den Selbstdarstel-lungen unserer Schulbuchliteratur. „Die

Liste ihrer Auszeich-nungen ist lang.“ Für Margret Kreidl sprechen

ihre Bücher, in denen sie die literarischen Formen mischt, um die

Sprache zur Entfaltung zu bringen.

Buchtipps von Angelika Reitzer und Lucas Cejpek

ANFÄNGE

ZUSTÄNDE

von Gerhard Jaschke

Es wiederholt sich eigentlich alles. Ständig wiederholt sich

alles. Eben erst zu Bett gegangen, stehst du auch schon auf.

Wasser lassen, trinken, Medikamente einnehmen, sich säubern,

essen, aufräumen, arbeiten, Geld verdienen, Geld ausgeben,

Rechnungen bezahlen, ineinemfort, tageintagaus das gleiche.

Nuancenverschiebungen. Vermeintlicher Ortswechsel. Was

willst du, du bleibst doch mit dir zusammen, in dir stecken,

stehen, trittst nicht aus dir heraus, gehst nicht fremde Wege.

Permanent gehst du von einem Platz zum anderen, verrichtest

da wie dort Pflichten, absolvierst dir Aufgetragenes, trägst bloß

dir Aufgetragenes ab, wie du einen Berg von Pflichten abträgst.

Mitunter kommt dir vor, dass du nichts als im Kreis gehst, rennst,

irgendwas hinterherläufst. Oder von A nach Z und retour - und

das dein ganzes Leben lang, dein Lebtag lang. Mit Gefälligkeiten

den Tag verklebt, verkaufen, einkaufen, einstellen, anstellen,

abstellen, vorstellen, dein Leben fließt wie Sand ab, durch die Uhr

zu Boden, der mit Träumen durchzogen noch immer nicht fest

ist. Unsicher stehst du auf diesem. Wie auf einem Wolkenteppich?

Wie auf Seidenpapier, raschelnd?

Es tut sich einfach nichts. Alles beim alten. Alles wiederholt

sich ständig, ineinemfort, in sich selbst, um einen herum. Die

ewige Renaissance. Alles dreht und wendet sich. Ob in der Natur

oder in der Kunst. Nirgendwo etwas Neues und doch scheint dir

vieles noch nicht vertraut, geradezu unbekannt, wieder einmal

ein Neuland mehr zu sein. Aber irrst du dich da nicht zum

zigsten Male? Ist die vermeintlich gänzlich neue Kreation nicht

doch nur eine Variation von einer längst approbierten, jedenfalls

aus dem Gedächtnis verlorenen, oder wirklich bislang nicht

wahrgenommen worden von dir? Möglicherweise ausschließlich

von dir nicht, sagst du dir vor. Alle anderen haben wahrscheinlich

längst erkannt, dass es sich bei der von dir vermeintlich neuen

Kreation um etwas längst zum alten Eisen Gehörigen handelt.

Das sind doch alles alte Hüte, schon bekannt. So wird Tag um Tag

abgehakt. Schon bekannt. Bereits gesehen, geschmeckt, gerochen,

betastet, gefühlt, erkannt – zumindest in ein Raster gebracht,

in eine Schublade gepfercht. Zu bereits Beschriftetem abgelegt.

Eingeordnet, mit einem Namen und einem Datum versehen,

zur Seite geschoben, gar nicht sonderlich registriert. Selbst

Pompösestes auf Strukturen, wie Gebeine, Skelette reduziert,

verkleinert, kleingemacht, zusammengedrückt, zerstückelt,

zerhackt, auf einen Berg von ein paar Brocken, Knochen,

Knöchelchen, Splittern…

Es kommt alles wieder, denkst du. Jeder Schritt vorgegeben.

Alles reserviert für die eine oder andere Vorstellung. Gestern wie

heute birgt nicht das geringste Wunder in sich. Alles beim alten

– und doch willst du um jeden Preis das Fenster offen halten für dich auch zusehends. Vielleicht weilt dir dann alles andere kurz?

Neues, lit_noe_star_274x136:www24uat noch nie Gesehenes. Du willst alles 01.10.2007 Neue willkommen 19:56 SeiteNichts 1 war wie damals, alles suchte sich einen Vorwand fürs

Literaturedition Niederösterreich

Neuerscheinungen

2007

heißen, wie schon Cage sagte, kommt dir auch von Zeit zu Zeit

vor, dass es überhaupt nichts Neues mehr gibt, gar nicht mehr

geben könne, da geradezu alles besetzt erscheint. Kein Platz für

ein noch so kleines Erlebnis, Ereignis, geschweige denn für ein

Wunder, nicht einmal für ein noch so kleines, unscheinbares.

Zusammengepfercht, aneinandergedrückt erscheint dir außen wie

innen alles. Wo sollte da noch Raum sein für etwas vollkommenes

Anderes, Neues, fragst du dich fortwährend. Scheinbar alles sei

schon da gewesen. Welche Kombination du dir auch ausdenken

magst, du kommst nicht auf ein neues, unvorstellbares Gebilde,

Konstrukt, sondern immer nur auf eine Kombination von

bereits Bestehendem, von bereits bestehenden Kombinationen,

siehst gleichsam sämtliche Einzelteile von Epigonen der

Epigonen zusammengesetzten Kombinationen. So bleiben es

sechsundzwanzig Buchstaben. Wo ist nur der sehnlichst erwartete

siebenundzwanzigste? Hat Schwitters eventuell, denkst du, in

seiner ihn zum Markenzeichen dadaistischer Poesie (obwohl er

sein Leben lang merz und nichts anderes war) erhebenden „Anna

Blume“ mit den in dieser gleich in der ersten Zeile auftauchenden

siebenundzwanzig Sinnen, damit, nämlich mit der Erweiterung

des Alphabets, kokettiert, geliebäugelt? Doch bleibt alles so

wie gehabt. Man kann sich wohl nur mit so mancher Aussage

trösten. Etwa mit der von Cocteau, die da lautet: „Das größte

literarische Werk ist im Grunde nichts anderes als ein Alphabet in

Unordnung.“

Hier kann man alles miteinbeziehen. Die Wolken, die welken. Die

Halme, die Helme. Du stellst den Bezug zu allem her, zu allen.

Du beziehst mehrfach Bezüge. Du beziehst frisch das Bett, du

beziehst ein Einkommen, ein Honorar. Du beziehst Kopfpölster,

die Tuchent, du beziehst das Bett. Du beziehst dies alles in deine

Schreibarbeit mit ein, du beziehst dies alles auf dich, jedes Wort

beziehst du gleich auf dich, alles im Raum Umherflatternde

beziehst du sofort nur auf dich ganz allein. Du beziehst alles wie es

dir seinerzeit gelehrt wurde. Du wirst von allem angezogen. Von

allen wirst du angezogen, bezogen, nachdem du alle bezogen hast.

Ein Wechselspiel? Kommunizierende Gefäße: Autor-Publikum,

Autor-Leser, Rezipient. Du beziehst alle Reaktionen mit ein. Du

beziehst sie in dein weiteres Tun ein. Du beziehst dich auf bereits

Vorhandenes.

Du versiehst dich, beziehst dich auf Gleichgesinnte über

Jahrtausende hinweg, findest Spuren, Spuren von Gedanken. Du

beziehst dich auf sie, legst sie nach deinem Wissensstand aus,

beziehst dich auf Vorgefundenes, Hintangestelltes, als Fußnoten

Fixiertes, Aufgeschnapptes. Welch liederliches Treiben! Aus dem

Internat ins Internet? Du liest das Buch noch fertig, langweilt es

www.noel.gv.at

Zusammensein, das gewissermaßen aus sich schöpfte und bloß

überleben wollte.

An das Haus gebunden im Regenschleier, der Vergessenstropfen

Zeitgepoch. Hirn- wie Filmriss. Du beziehst ihn auch sogleich

auf niemanden anderen als auf dich, ausschließlich auf dich,

so als wärst du eben gerissen, auseinandergerissen in zig nicht

zählbare Teilchen. Du beziehst jedes einzelne dieser auf jede

Lebenssekunde, auf jeden Lebenssekundenbruchteil, auf jedes

noch so winzige Lebenssekundenbruchteilchen.

Büschel der Erinnerung und Fixfertigkeiten auf laufendem Strich.

Ein nervöses Flattern (Flackern) im Kosmos. Endzeitschleifen

brutaler Rhapsodie durch

Körper gepfählt…

Ein Wort ergibt das

andere, sagt man.

Wer alles glaubt,

glaubt auch das.

Fangen wir

gleich mit dem

Wort „Alles“

an. Alles eignet

sich vortrefflich, um

anzufangen, es allen zu

sagen. Aus den Stunden

gewunden. Du beziehst ja

alles gleich auf dich. Gibt es

nicht ein Wort, das du nicht

gleich auf dich beziehen

würdest? Wenn Berge zu

Tal gleiten, Holz fällt,

Anfangsbuchstaben

eines Wortes

zerbröseln, eine

Geschichte ohne

Zutun fremder

Hand sich

auflöst…

Eines Tages den

Entschluss fassen, nicht

mehr aufzustehen, keinen

Weg mehr zu beschreiten,

Buchrücken wie Augen

anstarren. Exotisches.

Als wärst du eine

angezogene Schraube.

So fest und tief drin.

Gerhard Jaschke, geb. 1949 in Wien. Herausgeber der Zeitschrift

Freibord. Lehrbeauftragter für Literaturgeschichte an der Akademie der

bildenden Künste Wien. Zahlreiche Veröffentlichungen.

Gerhard Jaschke:

Anfänge – Zustände

Ein Lesebuch mit einem Vorwort von Julian Schutting

224 Seiten, geb. mit Schutz umschlag; 15 x 22 cm

ISBN 978-3-901117-90-9; € 22,00

Gerhard Jaschke ist eine zentrale Figur

der österreichischen Gegenwarts literatur.

Seine formalen und sprachlichen Experimente,

ein untrüglicher, scharfer Blick auf

seine Umwelt und die Menschen machen

seine Texte zu einem besonderen Lesevergnügen.

Dieses Lesebuch würdigt

sein vielfältiges Schaffen und bringt Beispiele

aus den Bereichen Prosa, Lyrik,

Anagramm, Theater und Bildende Kunst.

www.24u.at


46 ST/A/R

Buch VI - Literatur

Blintschik Kleine Palatschinke mit

Fleischfülle, in Öl herausgebacken

Bokdscha und Cigar Zwei Varianten

Blätterteiggebäck mit Nussfüllung

Eclair Brandteigkrapfen mit

Cremefüllung oder Was man isst, wenn

man nicht isst

Marianna K. Christine Huber

Nr. 16/2007

eher klebrig-patzig wirken. Je besser die Zutaten eingearbeitet sind,

desto stimmiger das Ergebnis.

Das Backrohr auf höchste Stufe vorheizen. In der Zwischenzeit auf

dem Backblech kleine zipfelmützig-geformte Teigknödel setzen, in

einigem Abstand, die Eclair gehen stark auf. Zu diesem Zweck die

Hände nass machen, das Teigknöderl formen, platzieren und mit den

Fingern einen nicht allzu spitzen Zipfel formen.

Wenn das Backrohr heiß ist, das Blech einschieben. Alles zumindest

12 bis 15 Minuten backen lassen, danach die Hitze auf 170 Grad

reduzieren. Nach zirka 18 Minuten kann ein Blick hineingeworfen

werden. Wenn das Backrohr über Fenster und Beleuchtung verfügt,

kann man sehen, ob das Gebäck schon fertig ist: Es ist dann

außen gebräunt, sieht trocken aus, nicht mehr teigig, und ist stark

aufgegangen.

Wenn das der Fall ist: rausnehmen. Abkühlen lassen. Den Kopf

(vormals Zipfel, nach dem Backen ist er eine Art Kappe oder Barett)

abschneiden. Im Bauch des Gebäcks ist Luft, dort die Creme einfüllen

(einlöffeln). Deckel wieder draufsetzen. Mit Staubzucker bestreuen.

Servieren.

Für die Creme Milch aufkochen, das Mehl in kleinen Portionen,

quasi halb-teelöffelweise, zugeben. Abkühlen lassen. Zucker, mit dem

Vanillezucker gemischt, und das Fett mit dem Schneebesen oder dem

Mixer aufschlagen, eventuell etwas erwärmen, dann in die Milch-

Mehl-Mischung einrühren. Im Kühlschrank gut durchziehen lassen.

Zutaten für Blintschik

einige (vorbereitete oder gekaufte) Palatschinken

Faschiertes (ca. 2 El pro Palatschinke); Rindsfaschiertes ist

vorzuziehen

Pfeffer (reichlich)

Salz nach Gefühl

Petersilie, gehackt (etwas)

Öl zum Herausbacken

für Bokdscha und Cigar

Blätterteig (Fertigprodukt)

feingeriebene Walnüsse

mit Zucker und Vanillezucker vermischt (Zuckeranteil

nach Geschmacksvorliebe)

Eidotter zum Bestreichen

Nähgarn

Staubzucker zum Bestreuen

für Eclair

für den Teig

1 Tasse heißes Wasser (200 g)

100 g Butter

1 gut gefüllte Tasse Mehl (200 g)

4 – 5 Eier (die genaue Menge hängt von der Teigkonsistenz ab)

für die Creme

300 g Milch

3 El Mehl

200 g Zucker

Vanillezucker

200 g Fett (Butter oder Margarine)

Staubzucker zum Bestreuen

Blintschik

Faschiertes gut anbraten. Mit Salz, Pfeffer und Petersilie würzen.

Abkühlen lassen. Auf die vorbereiteten Palatschinken geben (gut zwei

Esslöffel pro Stück). Die Palatschinken nicht nur rollen, sondern

zuerst die losen Zipfel nach innen schlagen, jedenfalls alle Enden so

zusammenbringen, dass das Fleisch nicht mehr rausbröseln kann.

Zum richtigen Zeitpunkt dann die Palatschinken kurz in heißem Öl

anbraten, quasi rausbraten. Servieren.

Cigar und Bokdscha

Die geriebenenWalnüsse mit dem Vanillezucker und dem Zucker

gut vermischen. Den Blätterteig in Quadrate schneiden (10 – 12

cm x 10 – 12 cm). Die Nuss-Zucker-Mischung nach Geschmack

sehr oder weniger reichlich (gut eineinhalb Esslöffel sind durchaus zu

empfehlen) auf das Blätterteigquadrat geben.

Für die “Cigar” den Blätterteig zopfähnlich zusammenknüpfen.

Für die “Bokdscha” den Blätterteig zu einer Art Packerl von den

Ecken her zusammenholen, die Zipfel oben festhalten, das Nähgarn

darumwickeln (nicht zu fest) und verknoten. Die so entstandenen

Stücke mit Eidotter bestreichen, betupfen. Im Backrohr 10 bis 15

Minuten backen. Mit Staubzucker bestreuen. Kann heiß serviert

werden.

Eclair

Wasser und Butter in einen kleinen bis mittelgroßen Kochtopf

geben. Die Butter im Wasser aufkochen lassen. Das Mehl einrühren.

Die Hitze bald reduzieren bzw. den Topf rechtzeitig vom Herd

nehmen, denn das Mehl darf nicht braun werden (die richtige

Farbe entspricht in etwa der einer hellen Einbrenn). Weiterrühren

und rühren und rühren, bis der Teig einen püreeartigen Zustand

erreicht, sich leicht am Topfrand anlegt. Nun das Ganze etwas

abkühlen lassen (Kaltwasserbad ist am effizientesten). Danach ein

ganzes Ei unterrühren, so lange rühren, bis es wirklich gut vom Teig

aufgenommen ist. Dann ein zweites Ei, wieder rühren, dann ein

drittes, weiterrühren, ein viertes, sehr viel rühren, vielleicht so gar ein

fünftes, auch dieses gut einrühren. Wieviele Eier wirklich notwendig

sind, hängt von der Konsistenz des Teigs ab. Er soll nicht zu weich sein,

Sie ist in Bewegung. Sie ist Bewegung. Sie bewegt sich im

Zimmer. Eine Umdrehung folgt der anderen. Laufen. Gehen.

Stehenbleiben. Das Kind hochheben. Das Kind tragen. Gehen.

Das Kind loslassen. Weiterlaufen. Gehen, wieder. An die

Küchenzeile zurückkehren. An der Küchenzeile

bleiben. Zu dem Kind sprechen. Das

Küchengeschirr hin und her schieben. Auf

mich deuten. Mich fragen lassen, ob ich

zuschauen komme.

Sie ist offensichtlich genauso nervös wie

ich. Verunsicherung. Auf beiden Seiten.

Sie hat mir einen Sessel zugewiesen.

Meine Rolle, so fasse ich es auf, ist Sitzen. Die

ihre In-Bewegung-Sein. Das Kind verdoppelt ihre

Bewegungen. Ich stehe nur auf, wenn es etwas zu

notieren gibt, also wenn ich gerufen werde. Die

Unruhe im Raum ist auch so hoch genug.

Wir sind im Integrationshaus, im ersten

Stock, in einer der Zwei-Zimmer-Einheiten.

Drei Menschen leben hier. Das Kind,

dessen Vater, seine Ehefrau; sie ist

die Mutter des Kindes. Der Raum ist

Wohnzimmer und Küche zugleich.

Die Küche ist keine Küche, sondern

eine Küchenzeile in einer Ecke dieses

Zimmers. Das zweite Zimmer ist

vermutlich das Schlafzimmer. Ich

bekomme es nicht zu sehen.

Sie kocht.

Noch weiß ich keine Namen.

Am Telefon sagte man mir

nur, ich werde eine Frau aus

Ägypten treffen. Sie ist aus

Aserbaidschan. Eine Armenierin

aus Aserbaidschan. Ihr Mann ist

aus Ägypten. Geheiratet haben sie in Syrien.


Nr. 16/2007

Buch VI - Literatur ST/A/R 47

Aufgrund seiner Herkunft mussten sie fort, kommen nach

Österreich. Sie kommen nach Traiskirchen. Das Kind will zur

Welt kommen. Das macht es im Spital in Baden bei Wien. Nach

einer Zwischenstation in einem Heim in Wien-Währing folgt

die Aufnahme in die sogenannte Bundesbetreuung (1). Dann

findet sich Platz im Integrationshaus, nach einem Antrag, eine

Möglichkeit.

Der Fernsehapparat läuft. Eine armenischer Sender. Eine

Freundin ist da, deren Tochter, beide sitzen, schauen auf

den Bildschirm. Außerdem ist dabei: die Übersetzerin und

Mitarbeiterin des Integrationshauses. Sie spricht Russisch. Hat

sicherheitshalber ein Wörterbuch dabei. Der Mann kommt, kurz,

bringt Eier aus dem Supermarkt. Sagt Freundliches auf Englisch.

Geht wieder. Ein Kurs, erklärt mir die Übersetzerin, ein Kurs im

Haus, zur möglichen zukünftigen Arbeitsfindung. Die Tochter

geht weg, kommt aber gleich wieder zurück, hat ein Handy in der

Hand. Spricht mit ihrer Mutter. Armenisch. Das Kind schnappt

mein Papier und zeichnet darauf. Die Freundin steht auf.

Ein Tisch, groß genug für sechs Leute, eine Tischdecke mit

Weihnachtsmotiven, im Fernseher Santa Claus oder Nikolaus

oder wie immer er sich auf Armenisch nennen mag, außerdem

Engel, Kunstschnee und das ganze Übliche dazu.

Weihnachten? Ja, am 6. Jänner. Christen also, frage ich. Sie ja,

sagt die Übersetzerin. Der Mann? Nein, der ist Moslem.

Die Freundin nimmt zwei Mandarinen, die in einem Korb am

Tisch liegen, schält sie, lässt die Schalen verschwinden, teilt

die Früchte in Spalten auf, legt auf jeden der vorbereiteten

Teller einige davon. Zum Naschen liegen außerdem bereit:

Blätterteigzöpfe und Nüsse.

Sie, die Mutter des Kindes, die Frau des Mannes, meine

Gastgeberin, noch immer weiß ich keine Namen, ruft mich, lässt

mich sehen, was sie tut. Das Wasser, die Butter, das Mehl, sie

rührt und rührt. Ich notiere, was mir die Übersetzerin überträgt.

Sie sagt, sagt die Übersetzerin, sie könne nur zeigen, wie es geht.

Sie könne die einzelnen Schritte nicht anders beschreiben. Ich

setze mich wieder hin, notiere das Gesehene.

Die Freundin steht auf, geht zu der Küchenzeile, öffnet

eine Packung clever-Blätterteig und beginnt ihrerseits etwas

herzurichten, ohne irgendwelche Worte. Ich muss nachfragen,

was nun geschieht. Sie zeigt es mir. Bodschak. Und was heißt das

auf Deutsch? Die Frauen beratschlagen sich, finden kein Wort,

weder auf Russisch noch auf Englisch. Bodschak eben. Dann

deutet sie auf mein Halstuch, erklärt: Wenn man ein Geschenk

übergibt, man es eingewickelt, in ein Tuch eingewickelt, übergibt.

Und dieses Tuch schlägt man an den oberen Enden zusammen,

hält es zusammen, mit einem Bindfaden also, oder nur so.

Bodschak ist also ein Päckchen, ein Blätterteig-Päckchen.

Ganz gleich gemacht sei das Gebäck, das schon am Tisch steht,

erklären sie mir, die gleichen Ingredienzien, nur ist der Teig

anders gewickelt worden, nämlich zu einer Cigar.

Der Teig, den sie, die Gastgeberin, begonnen hat, den die

Übersetzerin als eine Art Brandteig benennt, kann offenbar ein

wenig warten. Das Kind wird müde. Sie hält es im Arm. Es wird

ruhig. Bald wird es eingeschlafen sein. Die Frauen setzen sich.

Sie warten auf meine Fragen. Die erste ist nach den Namen.

Sie schreiben sie auf, in der lateinischen Umschrift. In welcher

Sprache sprechen sie miteinander? Armenisch, sagen sie.

Armenisch, sage ich, das kenne ich von historischen

Dokumenten. Ich weiß, sage ich, dass es eine eigene Schrift

ist. Aber nicht viel mehr, gestehe ich ein (2). Ja, sagen sie. Und

schweigen.

Das Alter, bitte ich um mehr Auskunft. Sie notieren mir Zahlen.

Nur Ali M., das Kind, bekommt einen genauen Geburtstag: 17.8..

Ich sage: Löwe also. Ja, sagen sie. Und schweigen.

Marianna steht wieder auf, wird wieder Bewegung. Sie bringt das

eingeschlafene Kind ins andere Zimmer. Die Freundin, Karine,

steht auf. Sie holt die Bodschak aus dem Herd. Bestreut sie mit

Zucker. Stellt sie auf den Tisch. Zieht sich an. Ihre Tochter Anna

folgt ihr. Sie gehen beide.

Wir kosten von dem Gebäck. Der Geschmack ist vertraut.

Wir sind nun zu dritt: Marianna, die Übersetzerin und ich.

Ich frage Marianna, was ihr zum Kochen einfällt, zu ihrem ersten

Mal Kochen. Sie antwortet: Das war ganz klassisch: Borschtsch.

Sie erzählt, dass sie aus einer großen Familie stammt, mit vielen

Kindern, aufgewachsen in einer Kleinstadt, aber städtisch genug,

um nicht mehr ländlich zu sein. Sie musste viel kochen, für ihre

fünf Geschwister kochen. Aber, so erklärt sie mir, es war die Zeit

der Sowjetunion. Es war leicht, sagt sie mit einem Lächeln, da gab

es keine Probleme, weil gekocht wurde, was aufzutreiben war. Es

gab keine Auswahl. Also gab es keine Fragen.

Aber was hätte sie gerne gekocht, wenn es alles gegeben

hätte, versuche ich die Frage auszudehnen, Fleisch, gegrilltes,

gemischt aus Huhn, Lamm, Schwein, mit Erdäpfeln dazu, am

offenen Feuer gemacht. So ähnlich wie Schaschlik, hilft mir die

Übersetzerin. Und noch ein Fleischgericht, sagt Marianna, in

Wasser gekocht, faschiert, davon hätten sie auch gerne mehr

gehabt. Aber das ist auch viel Arbeit, schränkt sie ein. Wie Köfte,

sagt die Übersetzerin.

Und dann?, setze ich das Fragen fort. Dann, sagt Marianna,

ging sie fort aus Aserbaidschan, mit achtzehn schon, ging nach

Armenien und dann nach Georgien, war länger in Georgien und

dann wieder in Armenien. Sie sei so oft hin und her gezogen

zwischen diesen beiden Ländern, dass sie gar nicht mehr sagen

könne wie oft. Und wie war das mit dem Kochen? Auch das war

keine Frage, sagt sie, wenn man bei Verwandten wohnt, nur

Unterschlupf hat, kein festes Zuhause kennt, dann isst man das,

was auf den Tisch kommt. Wieder kein Thema.

Ich war immer unterwegs, sagt sie plötzlich. Und spricht jetzt

Englisch, direkt mit mir. Ich bin so, sagt sie. Oder ich war so,

schränkt sie ein. Vielleicht liegt es am Kind. Ich weiß nicht,

beginnt sie einen Satz. Ich bin dumm, setzt sie fort. Ich war

dumm, sagt sie dann, jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Ich schaue sie an. Sie ist nicht groß, sie ist nicht klein, sie ist

nicht dick, sie ist nicht dünn. Sie hat eine Brille. Sie hat braunes

mittellanges Haar. Sie hält den Kopf gesenkt. Eine Weile sagt sie

gar nichts.

Erinnerungen. Ja. Gerüche? Ja. Welche denn? Äpfel, sagt sie. Ich

liebe Äpfel. Immer.

Das Kind wird wieder wach, hustet, braucht Wasser. Der Teig

steht schon viel zu lange herum, muss ins Rohr. Die Bewegungen

setzen nun wieder ein. Das verschlafene Kind an die Hüfte

geklemmt, beginnt sie die Teigknödel auf das Backblech zu

setzen, während das Backrohr aufheizt. Sie ist nicht zufrieden.

Der Teig ist zu warm geworden, sagt sie, er wird nicht schön

aufgehen. Aber er geht auf, nur die Formen sind nicht genau

nach ihrer Vorstellung. Sie holt die Creme aus dem Kühlschrank,

diktiert mir die notwendigen Zutaten, Schritte, kontrolliert, ob

ich es auch gut verstanden habe, obwohl sie jetzt wieder Russisch

spricht. Ich frage, ob eine Puddingcreme nicht ebenso passend

wäre, als Füllung. Nein, auf keinen Fall. Warum? Da geht die

Milch raus, übersetzt die Übersetzerin wörtlich.

Wir beginnen zu essen. Zu welchen Gelegenheiten man das alles

isst, was mittlerweile vor uns steht, will ich wissen. Immer, sagt

sie, immer dann, wenn man nicht isst. Sofort steht sie wieder auf,

öffnet nochmals den Kühlschrank. Das Kind braucht etwas zu

essen, denke ich, aber sie arbeitet an einer Überraschung: Eine

Pfanne mit Öl, Palatschinken, gefüllt mit Faschiertem. Was ist

das? Blintschik, sagt sie. Und das wird jetzt das Abendessen für

die Familie? Aber nein. Auch das ist eine Speise, die man isst,

wenn man nicht isst. Frisch sind sie am besten, ich soll mehr

davon nehmen.

Dann kommt der Mann zurück. Nimmt das Kind auf den Schoß.

Füttert es mit der Creme aus dem Inneren der Eclair. In welcher

Sprache sprechen sie miteinander?

Mit dem Kind arabisch, sagt er auf Englisch. Und mit Marianna?

Englisch. Und Marianna mit dem Kind? Armenisch. Manchmal

auch Russisch. Und Deutsch lernen sie hier im Haus. Heißt das,

dass Ali vier Sprachen spricht? Noch spricht er gar keine, sagt

sie. Aber er kann schon ein Wort, sagt der Mann. Und, welches?

“Bruder”, sagt Marianna, ich hab’s ihm beigebracht.

Glossar

Brandteig: “Im Unterschied zu anderen Teigen kommt bei einem

Brandteig das Mehl nicht roh, sondern abgebrüht, ‘abgebrannt’ (daher

der Name) dazu. Die beigegebene Flüssigkeit dient als Treibkraft

und Lockerung, weil sie im Backrohr unter starker Hitzeeinwirkung

Dampf entwickelt und so das Aufgehen des Teiges bewirkt.

Brandteiggebäcke müssen daher in das bereits sehr heiße Backrohr

kommen, das so wenig wie möglich geöffnet werden darf (auf alle

Fälle erst, wenn der Teig eine ausreichende Kruste gebildet hat.).”

(Quelle: Franz Maier-Bruck: Das Große Sacher Kochbuch, Schuler

Verlagsgesellschaft, Hersching 1975)

Anmerkungsteil

8. 1. 2004, 13.15 – 17.15 Uhr, Integrationshaus, 1020 Wien,

Engerthstraße 161-163

Susanna Hajrapetjan, 35 (geb. in Aserbaidschan)

Ali Kabbashi, 1 1/2 Jahre (geb. in Baden bei Wien)

Kabbashi Ali Mohammed, 32 (sein Vater, aus Ägypten; verheiratet mit

Susanna)

Karine Pogosian, 45 (aus Armenien)

Anna Aslanian, 17 (deren Tochter)

Sonja Scherzer, 36 (geb. in Wien): Übersetzerin aus dem Russischen

in diesem Gespräch; Mitarbeiterin des Integrationshauses

Christine Huber, Autorin, 40 (geb. in Wien)

Bundesbetreuung: (1)

Das österreichische Innenministerium kommt für die Kosten

für Verpflegung, Unterkunft und Versicherung von mittellosen

Asylwerbern und Asylwerberinnen auf.

Armenisch: (2)

“Im Zuge der von Syrien aus betriebenen Christianisierung des

Kaukasus kam es zur Entfaltung regionaler Schriftkulturen in

Armenien (seit Anfang des 5. Jahrhunderts) und in Georgien (seit

Mitte des 5. Jahrhunderts). Die Schriftschöpfung des armenischen

Alphabets mit seinen 38 Buchstaben geht auf Mesrop zurück, den

ersten Bischof des Landes und Initiator der altarmenischen religiösen

Literatur. (Es sind dies) lokale Schriftschöpfungen, die keine

Abzweigungen von Basisschriften sind. Es sind Originalalphabete,

denen das alphabetische Schreibprinzip gemeinsam ist, deren

Zeichenrepertoires aber entweder vollständig oder überwiegend auf

Eigenschöpfung beruhen.” (Quelle: Harald Haarmann. Geschichte

der Schrift, C.H. Beck, München, 2002)


48 ST/A/R

Buch VI - Literatur

Nr. 16/2007

Eine Schwalbe falten von Margret Kreidl

Schwalbe falten

Immer wenn sie mich besuchen kommt, erzählt sie eine Geschichte.

Das ist die Geschichte eines Vogels. Der Vogel. Aber es ist auch die

Geschichte von zwei Vögeln. Das Ganze beginnt mit einem Vogel.

Es war einmal ein Vogel. Der konnte sehr schön singen. Sanft, zart

pfeifend beim Auffliegen.

Manchmal hat sie einen Vogel bei sich, einen Vogel, den sie ißt.

Schau, sagt sie dann zu mir, der Vogel fliegt in meinen Mund

hinein.

Kannst du pfeifen, Johanna?

Ich heiße Elfriede.

Wer nicht singen kann, soll pfeifen.

Ich kann singen.

Singen kannst du? Dann sing!

Ich will nicht singen.

Sing, dann lernst du singen.

Immer wenn sie mich besuchen kommt, will sie mir eine Geschichte

erzählen. Ich werde dir eine Geschichte erzählen. Es war einmal eine

Frau, die hatte zwei Töchter. Also, es ist die Geschichte von zwei

Schwestern. Die schöne Schwester trägt ein Kleid aus Papier und ißt

hartes Brot. Mitten im Winter muß sie Erdbeeren suchen. Es ist sehr

kalt, aber jeden Tag geht sie hinaus, kehrt den Schnee von der Wiese,

pflückt Erdbeeren und bringt sie nach Hause. Die böse Schwester ißt

die Erdbeeren auf. Ich werde jeden Tag schöner und größer. Jedes

Mal erzählt sie mir dieselbe Geschichte.

Auf dem Kopf stehen

Knie nicht verstecken

in den Spiegel schauen

keine Fragen stellen

an der Tür lecken

nicht gähnen

einen Hut aufsetzen.

Immer wenn sie mich besuchen kommt, fragt sie, wie es mir geht.

Wie geht es dir? Mir geht es schlecht. Ich leide an Platzangst, an

O-Beinen, an Eifersucht, an Herzrasen, an Menschenscheu, an

meiner Schwester, an Müdigkeit, an schlechten Zähnen. Bis zur

Hochzeit ist alles wieder gut, sagt sie. Ich werde nicht heiraten.

Heiraten ist leicht, sagt sie. Eine Hochzeit führt zur nächsten.

Die erste Heirat ist eine Ehe, die zweite tut weh, die dritte heißt

Familienleben.

Ich habe einen Vogel. Meine Schwester hat eine Katze. Der Vogel

fliegt aus dem Käfig. Ich bin ein Fratz. Die Katze trinkt Milch.

Meine Schwester singt. Ich springe ins Bett. Der Vogel sitzt auf

dem Tisch. Die Katze ist fett. Meine Schwester ist klein. Ich bin

ganz allein.

Sie hat einen Hund. Die Schwester hat einen Fisch. Der Hund

schläft im Bett. Der Fisch hat keine Gräten. Die Schwester ist

ein Mädchen. Der Hund macht Männchen. Der Fisch öffnet das

Maul. Sie pflückt Blumen. Die Schwester schreibt Briefe. Sie heißt

Elfriede.

Es beginnt immer gleich, es ist immer dasselbe. Ich bin in einem

Zimmer. Ich gehe durch die rechte Tür, dasselbe Zimmer, ich gehe

durch die linke Tür, dasselbe Zimmer, dann gehe ich geradeaus, es

ist dasselbe Zimmer. Ich laufe durch mehrere Türen, ich bleibe an

einem Schalter hängen, hinter mir stürzt ein Gatter herunter. Ich

sehe eine große Rutsche, und ich weiß, das ist der einzige Ausweg.

Plötzlich ist meine Schwester bei mir, wir rutschen gemeinsam

hinunter.

Das ist eine Schleife, du bist in einer Art Schleife. Irgendetwas

stimmt nicht, aber du weißt nicht was. Du kommst da nicht mehr

heraus. Es ist nicht deine Schuld. Es wird lange dauern. Du weißt

nicht, wie alt du bist. Bist du 14 oder 42, 16, 48, bist du 30?

Ich laufe durch einen langen, hell erleuchteten Gang. Plötzlich

stehe ich vor einer Tür. Auf dem Türschild steht Gästezimmer. Die

Tür geht auf. Das Zimmer ist sehr klein, es hat keine Fenster. Die

Wände sind weiß, frisch gestrichen. Ein Mann mit langen schwarzen

Haaren sitzt auf dem Bett. Er ruft mich. Kuwitt didudit. Ich verstehe

ihn nicht. Judith, komm mit. Ich stehe vor ihm. Er greift mit beiden

Händen unter meinen Rock. Er lacht. Was bist denn du für ein

Vogel? Er rupft mich. Das tut weh.

Es tut weh mit dem Messer. Es tut weh mit einer Schere.

Einmal wiederholen.

Dreimal drehen.

Stock oder Feder?

Dreimal dreht sich die Seele.

Ist das eine Idee?

Bitte aufheben.

Eier sparen

einen Gürtel tragen

Fliegen fangen

eine Schwalbe falten

viel lachen

den Alten begraben

auf der richtigen Seite schlafen.

Über das Bett springen

Brot nicht in die Tasche stecken

Schuhe auf den Tisch stellen

nicht mit dem Ofen reden

das Taschentuch mit dem Mund

aufheben

nicht an den Himmel denken

die Vorhänge anzünden.

Eins, zwei, drei. Eins, ein Kind. Zwei, der Vater. Drei, die Mutter.

Vier Wände hat das Zimmer. Fünf. Wer fürchtet sich? Eins und

zwei und drei ist sechs. Sieben Sterne sieht man das ganze Jahr.

Sieben oder acht? Acht und ewig. Neun, zehn. Neun weiße Federn.

Zehn Finger und Zehen. Zwanzig. Wo ist der Schwanz?

Delöhdjoh delöhdjoh ti tü tehüt jo

dudidelet didudit düdlio di wet wet

idlio düadlüo didlit schilp schilp stigelit

gidleo tüli ziwi wi wi ziflit pickelnick

bück bück zizitü sitz i da tschatzibitz.

Immer wenn sie mich besuchen kommt, fragt sie, wer singt dann

da so schön? Ist das ein Vogel? Das ist doch ein Vogel. Was ist denn

das für ein Vogel?

Das ist kein Vogel, sage ich. Er paßt nicht in den Käfig, und er paßt

nicht in den Topf.

Warum singst du nicht, fragt sie.

Ich kann nicht singen.

Sing Drossel! Pfeif Ente! Schrei Kranich!

Ich werde nicht schreien.

Schnurr Vogel!

Nachtvogel mit vier Buchstaben

schwarzer Vogel mit vier Buchstaben

Singvogel mit vier Buchstaben

Singvogel mit fünf Buchstaben

diebischer Vogel mit sechs Buchstaben

Greifvogel mit fünf Buchstaben

Hühnervogel mit fünf Buchstaben

Schneehuhn mit vier Buchstaben

Wasservogel mit vier Buchstaben

ägyptischer Sonnenvogel mit zwei Buchstaben

Wappenvogel mit drei Buchstaben

Storch in der Fabel mit sechs Buchstaben

storchenartiger Vogel mit vier Buchstaben

australischer Laufvogel mit drei Buchstaben

neuseeländischer Singvogel mit drei Buchstaben

Singvogel mit sieben Buchstaben

Vogelkäfig mit fünf Buchstaben

Ziervogel mit vier Buchstaben

Vogelweibchen mit fünf Buchstaben

männlicher Vogel mit vier Buchstaben

Vogelbau mit vier Buchstaben

Margret Kreidl, geboren 1964 in Salzburg, lebt als freie Schriftstellerin in Wien,

schreibt Theaterstücke, Hörspiele, Prosa und Lyrik. Zuletzt: Kinderspiel, ORF 2007.


Städteplanung / Architektur / Religion Buch VII - FRANCE ST/A/R ST/A/R 49

FRANCE

trouvez une version française du France-ST/A/R sur

www.star-wien.at/france_star.html

Franzosen in Wien: Pauline Binoux, Joëlle Raverdy, Olivier et Véronique de Faÿ.

Viennale: Thomas Leitner. Krinzinger Projekte: Suite française . Wein und

Kunst: Ulf Hartner. Malerei: Christian Perrais. Performance: Tsuniko Taniushi.

Literatur: Diane Meur, Architekur: Chaix & Morel et associés.

ST/A/R

ST/A/R ?

Hier gibt es

nur einen ST/A/R,

und zwar mich!

Wo ist meine Krone?

Was tun Franzosen in Wien, wie sehen

Französinnen Wiener Würste? Wo gibt es die

besten Galettes des Rois? Französische Weine?

Kunst? Was passiert gerade in Paris?

Die *ST/A/R*-AnzeigenverkaufsteamerInnen Dr.

lit. Brigitte Bercoff und Dr. art. Christian Denker

berichten.

Wir lieben uns und Brigitte ist

didier@ledide.com

Où sont mes

petits fours?

AUX DEUX FLORE:

Die besten „Galettes des rois“

der Stadt Wien

W er glaubt französische Küche sei teuer

oder schwer, den klärt Joëlle Raverdy,

Chefin beim Cateringservice Aux deux Flore,

gerne auf: Quiches, Salate, Petits fours,

Pasteten, Feingebäck, Desserts und Kuchen

gehören in Frankreich zur alltäglichen Küche.

Joëlle fertigt selbst an, unmittelbar für den

Verkauf. So kann sie Delikatessen zu erschwinglichen

Preisen anbieten.

Es war ein langer Weg, bevor Joëlle Ihren

Restaurantbetrieb sie zu einem Cateringservice

ausbauen konnte. Die Verwaltungslage zwang sie dazu, ihre Kochkunst zunächst

unter dem Label «pizza française» » zu vertreiben. Inzwischen hat sich die Gesetzeslage

geändert. Sie kann nun die volle Bandbreite der französischen Art de cuisine anbieten.

Aufträge für Empfänge, Eröffnungen und Betriebsfeste von Unternehmen wie Air

France und Peugeot erfüllt sie ebenso gerne wie kleinere Bestellungen für Familienfeste,

Geburtstagsfeiern und Brunch oder Abendessen. Joëlle hat selbst Kinder und

weiß schon deshalb preiswerte Qualität zu schätzen. Gute Küche beruhe auf frischen

Zutaten.

Privat unterstützt Joëlle die Amicale des Femmes Francophones. Mit Geduld und

Mut könnten sich mehr ausländische Mütter in Wien durchzusetzen, es lohne sich!

Zu ihrem Wiener Stammkundenkreis gehören besonders Franzosen. Ungeachtet ihrer

internationalen Bedeutung, hätte es die französische Küche bei vielen Österreichern

noch immer nicht ganz leicht. Zur Freude des ST/A/R-Redaktionsteams beliefert Joelle

regelmäßig das Café Kafka (6. Bezirk, Capistrangasse 8).

ST/A/R empfiehlt für den Januar die Bestellung von Galettes des rois zum Fest der

heiligen drei Könige. In die Galettes, Blätterteigkuchen mit

Marzipanfüllung, wird nach französischer Sitte eine kleine Porzellanfigur

eingebacken. Wer die Figur in seinem Kuchenstück

findet, der wird nach französischer Sitte gekrönt zum König für

einen Tag und muss die nächste Galette besorgen. Diese Sitte

sollte auch in Wien heimisch werden. Bitte ausprobieren!

AUX DEUX FLORE / Joëlle Raverdy, ,

Roseggergasse 11, 3412 Kierling, 0664/533 5418,

joelle.raverdy@auxdeuxflore.com


50 ST/A/R

Buch VII - FRANCE ST/A/R Nr. 16/2007

ST/A/R.s.Tierleben präsentiert:

ein österreichisch-französischer

Tierbildroman

Pauline Binoux

sieht wienerisches

Pauline lernt Zeichnen von ihren

Künstlereltern. Später übt sie weiter mit

Jean-Paul Gautier, arbeitet als Designerin

in der Werbung und als Illustratorin bei

verschiedenen Modezeitungen. Sie zieht

von Paris nach Barcelona, wo sie an der

Konzeption der Feierlichkeiten

der Olympischen Spiele von

1992 mitarbeitet und ein

Kunst-Printmedium: „Muy

Fragil” gründet. Seit 1994

wohnt und zeichnet sie in

Wien, wo sie sich gemeinsam

mit frankophilien Freundinnen

und Freunden im Kulturverein

Le Club du mardi engagiert.

www.paulinebinoux.com

Das pariser Kätzchen

Hortense vom Butteaux-Cailles

verbringt

ihre Ferien beim

Heidulf, nein, nicht in

Kärnten, sondern in

Wien, gleich hinter der

Gerngrosssäule. Sie

denkt an Kibbutz, mit

dem ihre Eltern sie

verlobt haben.

ST/A/R-Gastköter

Kibbutz

ST/A/R-Gastmuschi

Hortense

Kibbutz lebt im Wald

in Frankreich bei

Perpignan, neben

dem neuen Schwimmbad.

Er sorgt sich um

Hortense, die er noch

nie in seinem Hundeleben

sah.

Ja, solche Geschichten schreibt das Leben für den France-ST/A/R.

Haben auch Sie eine unvergessliche Geschichte für ST/A/R.s. Tierleben?

Wir warten gespannt auf ihre E-Mail:

france-star@safe-mail.net

Fotos: ClaraAltenburger, Robert Newald

Mia Hansen-Løve, Regisseurin von Tout est pardonné / Regisseur Jean-Claude Rousseau, der mit De son appartement, sowie Kurzfi lmen vertreten war / Regisseur Nicolas Philibert im französischen Kulturinstitut; Serge Bozon, Regisseur von La France.

Die Viennale als Spiegel der gegenwärtigen französischen Kinolandschaft

Ein zwiespältiges Bild ergibt sich, wenn man die Präsenz des französischen Films bei der Viennale 2007 betrachtet:

Die gemeinsam mit dem Filmmuseum veranstaltete Retrospektive über den „Essayfilm“ zeigt die

zentrale Rolle französischen Filmens bei der Herausbildung einer künstlerisch eigenständigen

und intellektuell reflektierten Form des Kinos. Der Begriff „Essayfilm“ wird übrigens im vom Kurator

und Filmemacher Jean-Pierre Gorin herausgegebenen Katalog brillant umrissen und durch das

Programm abgesteckt. Jean Rouch, Jean-Luc Godard, Chris Marker, Jean-Marie Straub, Marguerite

Duras, Chantal Akermann – sie alle haben auf unterschiedliche Weise die Ausdrucksmöglichkeiten

des Filmens neu ausgetestet, Rahmen gesprengt, Tore geöffnet und Maßstäbe gesetzt. Wie in keiner

anderen „nationalen“ Filmschule wurde über Jahrzehnte hinweg thematisiert, was durch Kino zu

sagen und zu zeigen ist, wurden die Grenzen zwischen Fiktion, Dokumentation und Pamphlet

in so faszinierender Weise immer wieder neu in Frage gestellt. („National“ ist am besten ja wohl

immer unter Anführungszeichen zu setzen, hier aber in ganz besonderer Weise, betrachtet man die

Herkunft dieser aller Protagonisten des „französischen“ Kinos: ob aus Amerika, oder dem kolonialen

Indochina, der Schweiz oder Belgien, dem grenznahen Deutschland – aus allen diesen Provenienzen

kam man in Paris zusammen, um an dieser Laboratoriumssituation eines immer wieder neuen Kinos

mitzuwirken.)

Im Hauptprogramm der Viennale war die große Tradition der Nouvelle Vague durch zwei Werke der

beiden Altmeister Claude Chabrol und Jacques Rivette würdig vertreten.

Und immer noch kann man auf so gut programmierten Festivals wie eben der Viennale den einen oder

anderen Künstler, der einer Tradition der permanenten Avantgarde verbunden ist, entdecken. Heuer

war dies wieder Jean-Claude Rousseau mit seinem sehr abstrakten „Spielfilm“ „De son appartement“

und einem faszinierenden Kurzfilmprogramm. Welch eine Freude, einem Filmkünstler zu begegnen,

dessen innerstes Anliegen die Organisation von Zeit durch Bild und Ton ist, und der sich dadurch dem

Wesen des Films so eng verpflichtet.

Die Vitalität des Filmschaffens in Frankreich war aber immer davon geprägt, daß es neben diesen

Meister- und Ausnahmewerken eine Palette von Publikums- und Unterhaltungsfilmen von hoher

Qualität gab. Darum ist es im Moment schlechter bestellt: So geschwätzig wie in „Tout est pardonné“ von

Mia Hansen-Love sind Genrebilder aus der Pariser Szene noch selten dahergekommen. So überspannt

und hysterisch wie in „Actrices“ von Valeria Bruni-Tedesci wurde noch selten versucht, bei Rivette

liebgewonnene Topoi zu imitieren. So konventionell und rührselig wie in „La France“ von Serge Bozon

wurde in den letzten Jahren kaum mit Versatzstücken französischer Geschichte jongliert. Vielleicht

liegt es daran, daß alle genannten Regisseure (und einige andere junge Filmemacher) ihre Karriere als

Schauspieler begonnen haben, und sich überhaupt das Interesse an den Darstellern immer mehr in den

Vordergrund drängt?

Freilich, bei aller Kritik an den letzten „Jahrgängen“: Im Vergleich zur ehemals großen Filmnation

Italien sind dies alles Luxusprobleme von Kommerzialisierung und Verflachung. Das italienische

Kino hingegen glänzt durch Abwesenheit…

Dr. Thomas Leitner

Le Bateau Livre

Ihre französische Buchhandlung im Studio Molière

Lichtensteinstr. 37 A-1090 Wien Tel. 01 - 317 80 94

Kommen Sie an Bord des Bateau Livre!


Nr. 16/2007 Buch VII - FRANCE ST/A/R

ST/A/R 51

Frankophile Gaumenfreuden

Im Bistrot Wein & Kunst, beim Karlsplatz, in der Argentinierstrasse, serviert Ulf Hartner

feine Mahlzeiten. Das Ambiente zieht nicht nur frankophile Wiener in seinen Bann. Hinter der

gediegenen Geschäftsfassade ist der Gast Souverän im Reich lukullischer Genüsse. findet

einfühlsame Beratung bei der Wahl von hochklassigem Rot- oder Weißwein und selbstverständlich

auch von Champagner, Cognac, Pastis und Cidre. Aber nicht nur flüssige Gaumenfreuden

werden hier gepflegt. Als gelernter Patissier beherrscht der Chef eine Spitzendisziplin

französischer Kochkunst. Auf der Karte steht neben einer Vielzahl von Crêpes salées und

sucrées sowie französischen Klassikern wie Zwiebelsuppe, Ente auf Vogelsalat, Quiche Loraine

und Mousse au chocolat ein täglich wechselndes Menuangebot. Kulinarische Thementage zu

Coque au vin, Moules et frites und Fromage et vin ergänzen das Angebot. Exquisiter Käse,

Pariser Schinken, edle Senfe und Gänsepasteten und sind ständig im Angebot. Tipp: Auch alle

angebotenen Weine sind außer Haus verkäuflich.

www.weinundkunst.at

Olivarium: Alles rund um den Olivenbaum

Was vom Olivenbaum kommt, dass lässt sich gut verkaufen! Auf dieser Idee beruht der geschäftliche

Erfolg von Olivier und Véronique De Faÿ. Sie handeln subtile Öle für Feinschmecker, direkt von den

Produzenten in verschiedenen Mittelmeerländern, aber auch Seife, Kosmetik und schöne Objekte aus

Olivenholz, Glasflakons aus Syrien für feines Tafelöl auf dem Esstisch; delikat kolorierte Tonschüsseln

aus der Stadt Aubagne in Südfrankreich zum Servieren der Oliven. Olivarium ist ein Begriff, der

verschiedene Domänen berührt, von der Gastronomie über den Haushalt zum Handwerk. Darin

liegt seine besondere Bedeutung. Sie suchen ein bestimmtes Öl? Sicher, Sie haben Glück, Sie können

zwischen verschiedenen Hochqualitätsölen wählen, die von den Produzenten empfohlen und auf

einer für jedes Produkt eigens redigierten Notiz ausführlich beschrieben werden. Sie erfahren alles

über die Herkunft, die Produktionsbedingungen und die Vorzüge. Bitte vergessen Sie darüber nicht

die weltbekannten Würfel der Savon de Marseille, Körpercreme auf Olivenölbasis, Rhassoul-Erde, die

auf Haut und Haaren orientalischer Schönheiten Verwendung findet; schwarze Seife, die früher in

jeden ökologisch korrekten Haushalt gehörte; aber auch Schalen, Bretter und Deckel aus Olivenholz, in

warmen Tönen und in originellem Design. Besonders toll ist der Holzlöffel, der auf der Arbeitsfläche

keine Flecken hinterlässt! Olivarium hat noch eine weitere, seltene Eigenschaft von hohem ethischen

Wert: es handelt sich um eine Föderation verschiedener Marken, die Produzenten nachhaltig fördert

und die Marke im Hintergrund hält. Die Gründer von Olivarium sind Franzosen, die in Portugal gelebt

und ihren Unternehmenssitz nach Österreich verlegt haben, die Produkte stammen aus verschiedenen

mediterranen Gebieten: Spanien, Italien, Frankreich, Griechenland, Nordafrika und vorderer Orient.

Die Reise um das Mittelmeer liegt so nahe, wie ein Spaziergang durch das schöne Palais Ferstel,

Herrengasse 14/G12, 1. Bezirk.

www.olivarium.com

Tsuniko Taniushi,

Micro-événement n°18bis / MARIANNE,

Performance, 9. Mai 2006, La Force de l’art, Paris,

Grand Palais.

Stéphane de Medeiros,

C‘est samedi,

Performance,

23 juin 2007,

Paris, A3-ART,

Eglise Saint Sulpice.

Eucarbon fördert französische Verdauungsphilosophie!

Info français: http://www.trenka.at/index.php?lang=fr

Info deutsch: http://www.trenka.at

Die Pariser Sehnsucht nach Wiener Kultur

Tsuniko Taniushi und Stéphane de Medeiros sind zurückgekehrt nach Paris. Doch die hohe Qualität ihrer

künstlerischen Arbeit ist in Wiener unvergessen. „Es hat einfach ein paar Monate gebraucht, diese

Erfahrung zu verdauuen”, erklärt Heidorf, Träger des kleinen Gerngrosssäulenposterbandes . „Es ist gut

wenn sich Wien international öffnet. Wir haben ja noch so viel zu lernen”.

Stephan de Medeiros verteidige im MAK Kosuths Idee einer analytischen und tautologischen Kunst, trieb

das Prinzip der Autoreferenzialiät an seine extremen Grenzen und denunzierte die postmoderne Moderne

der modernen Postmoderne . Wichtig ist dabei alles was seine Erinnerung verwirft, weil sie keinen Nutzen

dafür hat. In diesem Zusammenhang erinnert sich besonders gerne an die hervorragenden Würste

in Wien: „Viele Künstler unterschätzen die Ost-Küche, weil sie ein bisschen fett wirkt“, schreibt er uns.

„Würde in Paris bekannt, was für tolle Würste es bei Euch in Wien gibt, das französische Lebensgefühl

wäre angeschlagen. Von Eurer Fähigkeit, Würste zu produzieren und gewinnreich zu verkaufen können

wir Westeuropäer nur träumen!“

Tsuniko Taniuchi hatte für ihr Micro-événement no 25 eine Bar aus Eisblöcken konstruiert. Hinter dem

Eisblock servierte sie, als Bunny Girl verkleidet, VIP (Vodka, Ice and Peel) Coctails. Während das Eis

langsam schmolz, schlug sie mit einem Hammer Eisstücke zur Kühlung. Stück für Stück wurde dem Publikum

dabei ihr Unterkörper sichtbar. Die Performerin erinnert sich besonders gerne an die charmanten

Umgangston in Wien: „Elfriede Jelinek begeistert mich schon seit vielen Jahren. Nun habe ich die wiener

Wirklichkeit mit eigenen Ohren beobachten können. Was für ein Schauspiel! Ich bin nicht sicher, ob Menschen

anderswo in der Welt Depressionen von vergleichbarem Ausmass entwickeln oder ertragen können

ohne sich selbst zu töten. Die Stadt ist eine Reise wert.“

Ja, so klingen zufriedene, erfolgreiche Performer, wenn sie an ihre schöne Zeit auf dem ST/A/R-Fest

zurück denken. Wiener Charme begeisert die Welt!

Zurück in Paris profitieren Tsuniko und Stéphane von den tollen Erinnerungen an Wien. Tsuniko: “immer

wenn ich eine französische Flagge sehe, dann denke ich an Österreich, werfe mich in Pose und tanze vor

Freude”. Stéphane: “Schon am Morgen schmiere ich mir ein wenig Crème-de-ST/A/R ins Gesicht, dann

kann ich die Sehnsucht nach Wien leicher ertragen”. (Kostenloser Exklusivbericht von Dr. C. W. Denker)


Städteplanung / Architektur / Religion Buch VII - FRANCE ST/A/R ST/A/R 53

ST/A/R- Denker Dr. Denker

denkt an frankophone Künstler

Künstlerinnen und Künstler

Kader Attia, geboren 1970 in Dugny, lebt und arbeitet in Paris

Fabrice Hyber, geboren 1961 in Lucun, lebt und arbeitet in Paris

Florentine et Alexandre Lamarche-Ovize, geboren 1978 und 1980 in Paris, leben und arbeiten in

Paris

Guillaume Leblon, geboren 1971 in Lille, lebt und arbeitet in Paris

Claude Lévêque, geboren 1953 in Nevers, lebt und arbeitet in Montreuil

Mathieu Mercier, geboren 1970 in Conflans-Sainte-Honorine, lebt in Paris

Bruno Peinado, geboren 1970 in Montpellier, lebt und arbeitet in Douarnenez

Morgane Tschiember, geboren 1976 in Brest, lebt und arbeitet in Paris

Fabien Verschaere, geboren 1975 in Paris, lebt und arbeitet in Paris

Erfolgreicher Kurator 1:

Steven Guermeur

Ein Höhepunkt:

Im 2. Stock der Projekträume vermitteln betende Mädchen als verlohrene Formen lebendiger Menschen

eine Vorstellung von schwerer Leichtigkeit, persönlichkeitswahrender Uniformität, entleerter Körperlichkeit,

dunkler Innenwelten, emotionaler Versenkung in kühles Material und empfindsamer Hingabe an

eine tiefe Gemeinschaftlichkeit: Kader Attia “Emptiness/Fullness (Ghost)” (2007, 80 Skulpturen aus

Aluminiumfolie, Ed. 3/3, Masse variabel).

Erfolgreicher Kurator 2:

Corentin Hamel

ABBILDUNG: BRUNO PEINADO, »L’AUGUSTE«, 2007, ALUMINIUM, NEON, 180 X 140 X 10 CM

ST/A/R-Collage für Fabrice Hyber:

“N’View”, (2007, Holz, 100 x 300 x 200 cm) erlaubt die Exekution von kritischen und von weniger

kritischen Blicken. “Alps revelation”, (2007, Öl auf Leinwand, 150 x 280 cm), der Hyber grüsst Wien:

Autriche-Autruche-Baudruche! Hybergrün inkludiert! Endlich: Ein Straussenei kann in der Stadt des

Walzerkönigs von innen besichtigt werden: “Revelation I”, (2007, Öl auf Leinwand, 150 x 150 x 80 cm).

SUITE FRANÇAISE

Die Suite française sei eröffnet!

KADER ATTIA, FABRICE HYBER, GUILLAUME Ursula Krinzinger LEBLON, engagiert FLORENTINE sich souver-LAain

für LÉVÊQUE, junge Kunst MATHIEU aus Paris. MERCIER,

MARCHE & ALEXANDRE OVIZE, CLAUDE

BRUNO PEINADO, MORGANE TSCHIEMBER, FABIEN VERSCHAERE

KURATIERT VON CORENTIN HAMEL UND Ein STEVEN ST/A/R-Dankeschön GUERMEUR an das

MIT FREUNDLICHER

UNTERSTÜTZUNG DURCH:

Franzosenkunst?

Zeitgenössische Kunst sperrt sich gegen nationale

Zugehörigkeiten. Wenn im Rahmen der Krinzinger Projekte

dennoch eine Folge von zehn französischsprachigen Künstlern

vorgestellt wird, so geht es dabei nicht um eine Suche nach

vergangener Identität, sondern um die Auflösung von Klischees

zur „art contemporain“.

KRINZINGER

SCHOTTENFELDGASSE 45 | A - 1070 WIEN

ÖSTERREICH | TELEFON +43 1 512 81 42

E–MAIL KRINZINGERPROJEKTE@GMX.AT

WWW.GALERIE-KRINZINGER.AT/PROJEKTE

ABBILDUNG: BRUNO PEINADO, »L’AUGUSTE«, 2007, ALUMINIUM, NEON, 180 X 140 X 10 CM

PROJEKTE GEÖFFNET MI–FR 15–19 UHR, SA 11–14 UHR

DAUER: 14. NOVEMBER – 9. FEBRUAR 2008

Blech und Liebe

Drei Arbeiten zur Verbesserung von Crashtests duch

emotional anregende Monochromie: Bruno Peinado,

“Ohne Titel, Flat Black, Pale Gray, Pale Cadillac,

California’s System Game Over”, (2007, Metall, 220 x 60

x 39 cm)

Suite Française

Bachs Französische

Suiten vereinen sechs

barocke Zyklen für

Tasteninstrumente, von

denen fünf im Clavier-

Büchlein für Anna

Magdalena Bach von 1722

enthalten sind. Warum die

Suiten die Bezeichnung

„Französisch“ erhielten, ist

nicht abschließend geklärt

- von Bach ist sie sicher nicht.

Mondrian 2007

„Es ist als hätte Duchamp sich bei IKEA

umgesehen“: “Drum and Bass Lafayette”, (2005,

Regal aus Holz und Metall, Stoff, Plastik, 100 x 100 cm).

Prima Logo

Gekonnt gelochtes

Leichtmetall

versinnbildlicht die

gelassene Gediegenheit

publikumswirksamer Objektgestaltung

im Rahmen der

europäischen Kunstmarktentwicklung: MIT FREUNDLICHER Bruno

Peinado, “L’auguste”, UNTERSTÜTZUNG

(2007, Aluminium und

DURCH:

Neonröhren, 120 x 120 cm).

SUITE FRANÇAISE

KADER ATTIA, FABRICE HYBER, GUILLAUME LEBLON, FLORENTINE LA-

MARCHE & ALEXANDRE OVIZE, CLAUDE LÉVÊQUE, MATHIEU MERCIER,

Toilettengang

BRUNO PEINADO, MORGANE TSCHIEMBER, FABIEN VERSCHAERE

Da staunt der Benutzer

STEVEN nicht schlecht: GUERMEUR

Comix,

KURATIERT VON CORENTIN HAMEL UND

Hip Hop, Märchen und

sexueller Selbstbezug auf dem Weg zum kleinen

Ort: Fabien Vershaere war hier!

(2007, in Situ für die K’-Projekte).

KRINZINGER

PROJEKTE

Und sonst?

Mathieu Mercier: In einem Eimer wird Farbe von innen heraus

gequirlt, ein Stuhl verspricht gut belüftete Hintern, ein geknautschter

Vogelkäfig verlacht europäische Normierungswut, eine Baseballmaske

aus den 1960er Jahren veranschaulicht den musealen Charakter einer

Kultur, die sich andere Kulturen gerne in Museen steckt. Guillaume

Leblon: Papierhaltemetallgestelle vermitteln Bezügen zwischen

ästhetischer Präsentation und wirtschaftlicher Konsumation. Florentine

und Alexandre Lamarche-Ovize: sieben Serigraphien auf Papier

„Blocked images“ sowie ein von Beton durchdrungenes Zelt mit Seil,

Rollen und Brett. Morgane Tschiember: Pop Up! Fabien Verschaere:

Comicfiguren mit kindlichen Sexappeal im Styl afrikanischer

Erzählungen, Hip Hop und Märchen.

ST/A/R Preisverleihung:

"Der schlimmste fliegende Finger"

Der erste Preisträger der beliebten ST/A/R-Photo-Trophäe

“Der schlimme fliegende Finger” -verliehen für den frohsinnigsten

Umgang mit mitteleuropäischer Kochkunst an

Claude Leveque für s“mon doigt est à l’aise dans un morceau

de fromage autrichien” (13.11.2007. Photoperformance

SCHOTTENFELDGASSE 45 | A - 1070 WIEN

ÖSTERREICH | TELEFON +43 1 512 81 42 im Wiener Institut Français).

E–MAIL KRINZINGERPROJEKTE@GMX.AT

WWW.GALERIE-KRINZINGER.AT/PROJEKTE

GEÖFFNET MI–FR 15–19 UHR, SA 11–14 UHR

DAUER: 14. NOVEMBER – 9. FEBRUAR 2008

Budenzauber in Wien

Kein Feuerwerk gleicht dem anderen, wenn der sichbar erscheinende Kang einer kontrastreichen Explosion

den Geruchssinn sensibler Menschen in weite Ferne führt. Claude Léveque, “Albatros” (2003,

Schwarz-Weiss-Video, Unikat, Installation).

Déjà vu à Paris, aber

die a capella Version von Adamos “Tombe la neige” hinterlässt

iim Keller der Krinzinger Projekte ein en ganz besonders

n,achhjaltigen Eindruck. Claude Lévêque, “Ligne

Blanche”, (2004, Holzbretter, Neonröhre, Tonbandaufnahme,

Installation, Masse variabel).


54 ST/A/R

Buch VII - FRANCE ST/A/R Nr. 16/2007

Christian Perrais

chaperrais@wanadoo.fr

Christian Perrais

Geboren 1951 in Saint Nazaire, studierte Christian Perrais Malerei an den Beaux Arts in Nantes. Seit Abschluss seiner Diplomarbeit 1972, unterrichtet er

regelmäßig plastische Kunst an verschiedenen Universitäten: Ecole Camondo, Institut de Communication Visuelle, Ecole des Beaux-Arts. Er wohnt und

arbeitet in Paris. Seit 1977 ist er regelmäßig auf Ausstellungen in Frankreich und im Ausland vertreten.

Zone, 1999,

Mischtechnik auf Leinwand, 177,5 x 177,5 cm

Dichtung und Malerei

Als ich Paul Celan entdeckte, veränderte sich meine Erfahrung

der Dichtung. Ich war verblüfft, dass eine so mächtige Dichtung

mit so geringem Aufwand möglich ist und wollte von nun an

Malerei mit wenigen Mitteln betreiben. Ich fing an, Quadrate und

Rechtecke zu malen, die sich auf eine formelle Weise scharf von

einem Hintergrund abheben. Zunächst hatte das einen anekdotischen

Grund: mein Interesse an Rothko und Reinhardt, die ich

dafür bewundere, das Menschliche gemalt zu haben.

Die Verwendung von Handschrift hat mir Gelegenheit gegeben,

zwei Pole der modernen Malerei zusammen zu bringen:

die Gesten von Pollock und die Versunkenheit von Rothko. Am

Anfang habe ich Bruchstücke von Gedichten auf die Leinwand

projiziert, dann habe ich die Zeichen vergrößert und gestreckt, bis

sie zu Formen wurden, die sich mit dem Stoff des Bildes vereinigten.

Ich suchte einen Einklang, so dass die Handschrift nicht

Text über einen gefärbten Grund bleiben würde, sondern Malerei

wurde. Ich suchte die Lesbarkeit zu vermindern und eine gemeinsame

Körperlichkeit zu finden. Der Maler und der Dichter bewegen

sich auf dem selben Weg der Empfindung und ich wünschte eine

Verschmelzung zwischen Malerei und Dichtung.

Vanités

Nach einigen Jahren brauchte ich einen Nullpunkt oder einen

neutralen Bezug. Ich wollte so etwas wie Demut erlangen. Seit

2003 male ich „Vanités“. Der Schädel ist ein reiches Motiv, das

zur Abstraktion einlädt: der höchst gelegenen Aussichtspunkt,

erlaubt weder eine sofortige Identifizierung noch ein morbides

Echo. Diese Arbeit hatte ich schon vorher mit Studien anatomischer

Zeichnungen von Leonard da

Vinci begonnen. „Vanités“ weisen auf die

gesamte westliche Kunstgeschichte hin, auf

ihre langsame Säkularisation und auf eine

anhaltende Meditation über Tod und über

den Übergang vom Sichtbaren zum Geistigen.

Das „T“ von Thanatos kann ein Kreuz

werden, auf dem meine Bilder filigran

aufbauen: beide Zeichen, „T“ und Kreuz,

durchgeistern die Kunstgeschichte.

In die Verwendung von Handschrift

schreibt sich eine Geste ein, die in den

„Vanités“ weniger bemerkbar ist. Ich

möchte aus einer zyklischen Notwendigkeit

heraus eine Einfachheit erlangen, um

gerade das zu erreichen, was auf dem Bild

erscheint, um keine Malerei produzieren,

die sich im Kreis dreht und nur von sich

selbst erzählt. In den „Vanités“ gibt es keine

Vermittlung: wir begegnen einem Ding und

das ist schwierig zu ertragen. Arnulf Rainer

arbeitet auch in diesem Bereich, wenn er

versucht, sich von den Gesten zu trennen.

Heute malen

In der Welt der Malerei erneuert man entweder die moderne

Geste -ihre Kraft erschöpfend- oder man bricht mit ihr, um mit

einer Illustration der Welt oder mit einem Expressionismus

zurück auf das Vergangene zurück zu kommen. Ich kämpfe mit

dieser

Erbschaft, um das Abenteuer der Malerei zu verfolgen ohne es zu

wiederzuholen.

Der Ort der Malerei ist heute kompromittiert: sie tritt in Konkurrenz

mit sozialen oder begrifflichen Objekten. Gemeinsam mit

anderen Malern folge ich Gedanken von Peter Sloterdijk, und

versuche aus der Abgeschiedenheit auszubrechen, in die uns der

Kunstmarkt hineinzwingt. Es ist wichtig für uns, das Menschliche

wieder in die Mitte zu stellen. Denn das Menschliche ist dabei das

Gesicht zu verlieren.

Paris, November 2007

Gespräch, Redaktion und Übersetzung Brigitte Bercoff

De sang de cendres, 2007,

peinture sur toile, techniques mixtes, 146 x 114cm

Grosses Bild oben: Aquarelle Atlantique, 2007,

Aquarelle, 65 x 50 cm


Nr. 16/2007 Buch VII - FRANCE ST/A/R

ST/A/R 55

Literatur

Les vivants et les ombres

DIANE MEUR

DIANE MEUR, geboren 1970 in Brüssel. Seit 1987 in Paris ansässig, wo sie heute

als Schriftstellerin und Übersetzerin (u. a. von Erich Auerbach, Heinrich Heine, Paul

Nizon) tätig ist. Ihr dritter Roman Les Vivants et les ombres ist ein Familienroman, der

1820-1890 bei polnischen Grundherren in Galizien spielt und vom Haus selbst als

nichtmenschlichem und doch höchstempathischem Subjekt erzählt wird. Gesprochen

wird von Menschengenealogien und geschichtlicher Dialektik, Zeitwandel und

Ortsgebundenheit, vom Völkerfrühling und Herbst einiger Freiheitsmythen, von

Nationalterritorien und Extraterritorialität – und zwar immer vom Standpunkt des

Hauses aus, das wie die meisten Bewohner nach der Welt hungert doch der Erdscholle

zugeschrieben ist. Mit besonderer Teilnahme beobachtet es die vielen Frauen, die

hier leben beziehungsweise leben möchten. Gelegentlich aber, vor allem wenn das

Zeitgeschehen ihm nicht gefällt, kehrt es sich davon ab und… schläft ein, wobei es sich

ausnahmsweise eigenem Nachsinnen hingibt.

Zuweilen frage ich mich, wie es hier in der Folgezeit

ausgesehen hätte, wäre ich eben nicht

mehr wieder erwacht. Wohl nicht anders, als es

tatsächlich aussah. In den hundertundzwanzig Jahren

meines bisherigen Lebens hatten meine Mauern und

alles, was meinen Leib ausmacht, genügend Bilder, Erinnerungen,

Worte und Gerüche eingesaugt, um auf meine

Bewohner fortzuwirken. Vollgetränkt begannen sie nun,

das Eingesaugte wieder auszuschwitzen, ohne dass ich,

beziehungsweise mein Wille, dazu nötig war. Wie aus mit

Salz (gutem Erdsalz aus den k.u.k. Salzgruben Galiziens)

bestreuten Gurkenscheiben sickerte aus ihnen eine

Substanz, die die Menschen je nach Geistesanlage „Notwendigkeit“,

„Schicksal“ oder auch „Atavismus“ genannt

hätten. Der sachliche Agenor deutete sie als Feuchtigkeit,

was zwar nicht ganz falsch, doch etwas simpel ist.

Alles Folgende wäre also ungefähr dasselbe gewesen,

auch wenn ich nicht daran teilgenommen hätte. Neue

Vogelnester wären unterm reparierten Dach von Jahr zu

Jahr größer geworden, und neue Katzengenerationen

hätten sich durch die Belüftungslöcher hereingeschlichen,

um Verwüstung anzurichten. Neue Würmergenerationen

hätten das harte Möbelfleisch zernagt und

die Avenuen, die Ringstraße und Arbeiterviertel eines

Miniatur-Wiens hineingebohrt. Neue Köchinnengenerationen

hätten gehackt, gerupft, entbeint und die fette

Sahne geschlagen, um neue Herrengenerationen zu

nähren. Kinder wären geboren worden und aufgewachsen,

hätten selber Kinder gezeugt, wären gealtert und

hätten den Jüngeren Platz gemacht. Menschen wären

gestorben, auch Bäume.

Und was wäre aus mir geworden, dem nicht mehr wach

werden wollenden Schläfer? Mir gefällt der Gedanke,

dass ich mich von meiner leiblichen Hülle abgelöst

hätte, um schon als Geist zu dem Mineralsubstrat herabzusinken,

das allen Häusern gemeinsam ist. „ Staub seid

ihr, und zu Staub werdet ihr wieder werden“: dieser im

dicken Buch gelesene Satz, welches Wioletta in den letzten

Jahren sosehr beschäftigt, gilt uns, wie mir scheint,

viel eher als den Menschen. Ach was! Jeder weiß, dass

letztere beträchtlich mehr als nur Staub hinterlassen:

ihren Namen, eine Nachkommenschaft, ein Gedächtnis,

die Spur ihrer Taten oder gar ihrer Werke. Was

sollen denn solche anthropozentrischen Flennereien?

Wir Häuser wissen doch, was es bedeutet, von der Erde

vertilgt zu werden.

Ich wäre also noch tiefer in meinen letzten Schlaf

gesunken, und nicht ohne eine gewisse Spannung stelle

ich es mir vor. Zuerst hätte ich die fruchtbare, von Pflanzenüberbleibseln,

Würmchen und Insekten bewohnte

Kühle des fetten Bodens unter dem Keller durchdrungen.

Diese Erdschicht hätte noch von der Welt der Menschen

erzählt: hier und da hätte ich im Vorübergehen

eine alte Pflugschar, eine zerbrochene Tabakpfeife, eine

Gürtelschnalle, eine Münze mit dem Bildnis der Maria

Theresia oder gar eines Jagiellonenkönigs gestreift.

Ich wäre noch weiter hinab gestiegen und auf andere

Gegenstände gestoßen, über die ich in Zweifel geraten

wäre: Waren das Topfscherben oder Fossil gewordener

Schlamm? eine Pfeilspitze oder bloß ein bei irgendeinem

Erdrutsch abgebrochenes Steinchen? Wurde das kleine

Loch absichtlich oder zufällig in diesen Knochen gebohrt,

der von einem Auerochsen oder sonstigen Vertreter einer

ausgestorbenen Spezies stammte?

Noch tiefer unten aber hätte ich auch jene Rätsel vergessen:

hier hätten mich keine Menschensiedlungen mehr,

keine Familien und primitiven Grabstätten, sondern nur

noch der ins Gestein geprägte Umriss eines Farnkrautblattes

oder ein in Harz gefangener Käfer an die Oberwelt

erinnert. Und dort, so weit weg vom Tageslicht, hätte

ich vielleicht ein Kohle- oder Erdölvorkommen entdeckt,

das schon seit je darauf wartete, dass man sich für es

interessiere.

Und dann hätte ich endlich gewusst, was die Nacht ist.

Nicht die so genannte Nacht auf der Erdoberfläche, die

mit dem Mond, mit den Lampen und Sternen und Kaminfeuern

gar nicht so nächtlich ist, ja für alle, die nicht

schlafen, so lebendig, so sinnlich und ereignisvoll sein

kann. Eine solche Nacht habe ich schon beschrieben.

Aber die Nacht in den unermesslichen Gesteinsschichten

da unten, wo sich kein Luft- oder Lebenshauch regt,

hat weder mit diesen paar Nachtstunden im August

des Jahres 1846 noch mit der dunkelsten Nacht des

dunkelsten Winters der dunkelsten Zeit Polens das Geringste

zu tun. Sie ist die Absolute Nacht, deren Ahnung

zugleich Abscheu und Neigung in uns erweckt.

War es nicht aus Abscheu vor jener Nacht, dass sich

etwa ein Zygmunt Borowski so leidenschaftlich nach

Tagesanbrüchen, Morgenröten, Frühlingsaufflammen

sehnte? Und ist es nicht andererseits aus Neigung

für diese Nacht, dass wir uns so eifrig bemühen, das

Geheime der Dinge, die finsteren Machenschaften, die

Abgründe unserer Seele zu erforschen, und enttäuscht

sind, wenn wir dazu in sie hineinleuchten müssen?

Auch ich enthalte Schattenzonen, Stellen, die von der

Sonne nie beschienen werden; und nicht einmal dem eigenen

Blick bin ich ganz durchsichtig. Ich fühle die Nacht

in mir, wir alle – seien wir Menschen, Tiere, Pflanzen oder

Gebäude – fühlen sie mitten in unserer Welt. Und der

Kampf, den sie gegen logische Klarheit, die Aufwallungen

des Blutes, die strahlenden Aufschwünge von Hoffnung

und Freude führt, ist viel erbitterter, viel ungewisser als

der Streit zwischen Tag und Nacht auf Erden, die sich im

Grunde damit begnügen, brav ihrer je eigenen Sisyphusarbeit

nachzugehen und sich morgens und abends

wie treue Partner die Hand zu geben. Denn in jenem

Kampf gibt es wirkliche Verluste, wirkliche Opfer, Dinge,

die vergehen und nie mehr wiederauferstehen; Wesen,

Gedanken, Staatengebilde, die zu einem zu keinem

Neuanfang bestimmten Nichts zerfallen. Aus jenem

Kampf ergibt sich, dass es auf Erden Unwiderrufliches

und demzufolge auch absolut Neues gibt.

Ja, nur scheinbar ist der Lauf der Zeit, ist die genealogische

Abfolge klar und geradlinig, und das Neue stammt

auf ebenso geheimnisvolle Weise vom Alten ab wie

die Tochter Anwar Beys von Tadeusz Zemka oder Oleh

Doroschenko von den Grafen Ponarski. Die Nacht ist es

wohl, die schräge Abstammungen und geschichtliche

Brüche wie diese bewirkt, die gar nicht vorherzusehen

waren und doch im Rückblick selbstverständlich sind.

Und ich, – das ich immer da bin, auch wenn ich schlafe,

und mich bei allem Wandel um mich herum nie von der

Stelle rühre – bin ich nicht von Natur aus höchst befähigt,

durch meine Grundmauern hindurch den eisigen Zug der

chthonischen Mächte zu spüren, die nach oben drängen,

Dinge verblassen lassen, Imperien zugrunde richten,

Vererbungslinien verbiegen?

"Les vivants et les

ombres" hat den

prix Rossel in Belgien

gewonnen

Disponible en librairie au prix de 29 €, 720 p.

ISBN : 978-2-84805-056-0

(Code Sodis 972334.4)

Date de parution : Août 2007

Il m’arrive de me

demander ce qui

serait advenu si,

justement, je ne

m’étais plus réveillée.

Rien d’autre,

sans doute, que ce

qui advint en effet.

En cent vingt

ans d’existence,

mes murs et tout ce

qui fait mon corps

s’étaient assez gorgée

d’images, de

souvenirs, de paroles

et d’odeurs

pour, sur mes habitants,

prolonger

leur action. Saturés,

ils commençaient

même d’exsuder

tout ce dont on les

avait précédemment

remplis, sans

qu’il y ait besoin

pour cela de ma

présence ni de ma

volonté. Comme

des tranches de concombre sur lesquelles on a versé du sel (du sel de terre,

du bon sel des Salines d’État de Galicie), ils laissaient lentement perler les

gouttes d’une liqueur que les hommes appelleraient – selon leur tournure

d’esprit – nécessité, destin ou atavisme. Le pragmatique Agenor y

voyait, lui, de l’humidité : ce n’est pas complètement faux, mais c’est bien

réducteur.

Tout se serait donc passé à peu près de la même façon si je n’avais plus

été là pour le voir. De nouveaux nids d’oiseaux se seraient agrandis, année

après année, sous ma toiture refaite, et de nouvelles générations de chats

se seraient glissés par les bouches d’aération pour y semer la mort. De

nouvelles générations de vers auraient rongé la dure pulpe des meubles

et creusé en eux les avenues, la Ringstraße et les faubourgs ouvriers d’une

Vienne en miniature. De nouvelles générations de cuisinières auraient haché,

plumé, désossé et fouetté pour nourrir de nouvelles générations de

maîtres. Des enfants seraient nés, auraient grandi, donné le jour à d’autres

avant de vieillir pour leur céder la place ; des hommes seraient morts, des

arbres aussi.

Et moi, que serais-je devenue, dormeuse résolue à ne plus me réveiller ?

J’aime à croire que j’aurais laissé là mon enveloppe corporelle pour m’en

aller rejoindre avant elle le substrat minéral commun à toutes les maisons.

« Vous êtes poussière, et redeviendrez poussière » : cette phrase lue dans

le gros livre qui occupe tant Wioletta depuis quelques années me paraît

avoir été écrite pour nous, bien plus que pour les hommes. Car enfin, soyons

sérieux ! Chacun sait que les hommes, eux, laissent infiniment plus

qu’un peu de poussière. Ils laissent leur nom, des descendants, une mémoire,

la trace de leurs actes ou même de leurs œuvres. Alors pas de misérabilisme,

pas de pleurnicheries anthropocentriques : ce n’est pas à nous

qu’on apprendra ce que c’est que disparaître de la face du monde.

Je me serais donc enfoncée dans mon dernier sommeil, et je

n’y pense pas sans une certaine curiosité. Je serais d’abord entrée dans

la bonne terre grasse qui attend sous mes caves, fraîcheur fertile, pétrie

de souvenirs végétaux, de lombrics et d’insectes. Cette couche-là m’aurait

encore parlé du monde humain : ici et là j’aurais effleuré un vieux soc de

charrue, une pipe cassée, une boucle de ceinture, une monnaie à l’effigie

de Marie-Thérèse ou même d’un Jagellon.

Je serais descendue encore, aurais buté sur de nouveaux objets

devant lesquels le doute m’aurait prise. Tessons de poterie, ou boue fossilisée

? Pointe de flèche, ou vulgaire caillou ébréché par un glissement de

terrain ? Cet os d’aurochs ou autre espèce éteinte avait-il été à dessein, ou

par hasard, percé d’un petit trou ?

Mais bientôt j’aurais oublié jusqu’à ces énigmes : plus d’hommes

ici, plus de campements ni de familles ni de primitives sépultures, rien

qu’une dentelle de fougère imprimée dans la roche ou un scarabée prisonnier

de sa gangue de résine pour me rappeler le monde d’en haut. Et là, si

loin du jour, je serais peut-être tombée sur un gisement de houille ou une

nappe de pétrole, attendant de toute éternité qu’on s’intéresse à eux.

Et alors j’aurais su ce que c’est que la Nuit. Non pas cette aimable plaisanterie

qu’on appelle nuit sur terre, si relative, au fond, avec sa lune, ses

lampes, ses étoiles et ses feux de cheminée. Si vivante même, si sensuelle,

si riche d’événements pour ceux qui ne dorment pas. J’ai déjà raconté une

nuit de ce genre. Mais la nuit dont je parle, celle de ces immensités rocheuses

qui s’étendent au-dessous de nous, où ne s’agite plus le moindre

souffle d’air ni de vie, n’a rien de commun avec ces quelques heures nocturnes

d’août 1846, ni avec la plus noire nuit du plus noir hiver de la plus

noire époque qu’ait connu la Pologne. C’est la Nuit absolue, celle dont

l’intuition nourrit en chacun de nous horreur et attirance.

N’est-ce pas l’horreur de cette Nuit qui portait par exemple un

Zygmunt Borowski à souhaiter si ardemment les aurores, les lendemains,

les embrasements printaniers ? Et n’est-ce pas, dans le même temps, la

fascination de cette Nuit qui nous rend si avides de découvrir le dessous

des choses, les ténébreux complots, les tréfonds de notre âme, et déçus de

devoir, pour cela, l’éclairer ?

Moi-même j’ai mes zones d’ombres, mes points que n’atteindront

jamais les rayons du soleil ; et, même à mon propre regard, je ne suis pas

transparente. Je sens la Nuit en moi, je la sens, comme nous tous – hommes,

bêtes, plantes ou édifices – au cœur de notre monde. Et le combat

qu’elle y livre à la clarté logique, à la chaleur du sang, aux envols de

l’espoir et de la joie solaires est bien plus acharné, bien plus incertain que

la lutte pendulaire du jour et de la nuit, Sisyphes contents, au fond, de

leur complémentarité et se serrant la main, le matin et le soir, comme deux

loyaux partenaires. Car dans ce combat-là il y a de vraies pertes, de vraies

victimes, des choses qui passent et ne reviendront plus ; des êtres, des

idées, des États sombrant dans un néant qui ne sera plus promis à aucune

aube. De ce combat-là vient qu’il y ait, sur terre, de l’irrémédiable et – c’en

est une conséquence – de l’absolument nouveau.

Non, la marche du temps et la généalogie ne sont qu’en apparence

claires et rectilignes, et si le nouveau descend de l’ancien, c’est tout

aussi mystérieusement que la fille d’Anvar bey descend de Tadeusz Zemka

ou Oleh Dorochenko, des comtes Ponarski. La Nuit, j’en suis persuadée,

préside à ces filiations courbes, à ces naufrages historiques que rien

n’annonçait et que tout, après coup, explique néanmoins.

Et moi qui suis toujours là, même quand je dors ; moi qui ne bouge

jamais quoique tout soit fluctuant – n’est-il pas naturel que je sente mieux

qu’une autre, par mes fondations, la poussée de ces forces chthoniennes,

la froide montée de ce qui pâlit les choses, renverse les empires, gauchit

l’hérédité ?

Foto: Leenhardt


56 ST/A/R

Buch VII - FRANCE ST/A/R Nr. 16/2007

Chaix & Morel:

Architektur der Leichtigkeit

Foto: Eddie young / Atelier d’architecture Chaix & Morel et associés

Bahnhofsviertel Luxemburg

Das Atelier Chaix & Morel und Partner

ist ein ein Ort aus Zink, Glas und guter

Atmosphäre, gelegen in einem Hof der

kleinen rue des Haies, hinter dem Boulevard de

Charonne, im 20. Arrondissement, Paris. Was

hier zählt ist die Qualität der Beziehungen: Die

Projekte des Ateliers und die Einbindung aller

Mitarbeiter in das Team -das schöne Buch von

François Chaslin, Chaix & Morel, Années lumière...

gibt davon einen Eindruck- unterstreichen das.

Auch die Geduld, mit der Walter Grasmug, der

österreichische Partner, mir die Geschichte

des Ateliers und seine neuesten Projekte zu

präsentieren, spricht für sich.

Die Zusammenarbeit von Philippe Chaix und

Jean-Paul Morel begann zu Begin der 1980er

Jahre. Anlass war das Projekt für den Zenith,

die Konzerthalle im pariser Parc de la Villette.

Der Zenit war als vorübergehende Konstruktion

geplant: mit seiner Textilbedeckung, seinen

veränderlichen Räumen und seinen großzügigen

Zugängen ist er eher ein technisches Werkzeug

als ein Gebäude. Die Idee hatte Erfolg und

verbreitete sich in verschiedenen Städten

Frankreichs.

Die Architekten nehmen eine einfache Form

und eine Struktur anhand derer die Qualität

des zu verwendenden Materials festgelegt

wird und versuchen damit der Funktion des

geplanten Gebäudes im Rahmen der gegebenen

Umstände gerecht zu werden. Design wird zum

Forschungsgebiet einer Dialektik zwischen Form,

Struktur und Funktion. Chaix & Morel entwickeln

Gebäude wie Möbel. Auf dem pariser Salon du

meuble wurden sie 1996 zu den Kreativen des

Jahres gewählt, Sie begründen eine Kontinuität

zwischen Design und Architektur: Konzertsäle wie

Stadien werden als reproduzierbare Prototypen

gedacht, die sich dem Kontext anpassen.

In den 1990er Jahren brachte das Atelier

verschiedene wichtige und originelle Bauten

hervor: Das Museum von Saint Romain -ein in

die erforschte Landschaft der archäologischen

Stätte integrierter Pfahlbau- oder die Universität

für Brücken und Straßenbau sowie jene für

geographische Wissenschaft. Die soziale Bedeutung

dieser Projekte ist erheblich: eine Kontinuität

zwischen Wissenschafts- und Lebensraum,

zum einen Archiv, Forschungsbereich und

Ausgrabungsstätte, zum anderen Empfang,

Ausstellung, Versammlungsplatz und Cafeteria.

Die die Nüchternheit der Formen und die der

Foto: Xavier Testelin

Stadium von Amiens bei Nacht

Leichtigkeit der oft aufgehängten und sehr

lichtreichen Gebäude gezollte Aufmerksamkeit,

kennzeichnen eine um die Verbesserung

der Qualität der Beziehung zwischen ihren

Bewohnern, ihrer Aktivität und dem Ort bemühte

Architektur.

In diesem Geiste wurden auch das Stadium

von Amiens und später das Stadium von Grenoble

entworfen. Das Publikum und die Spieler befinden

sich unter freiem Himmel, geschützt durch eine

Schale aus Glas. Die transparente Konstruktion

gibt Sicht auf die Landschaft, während das

Stadium in der Nacht an eine leuchtende Muschel

erinnert, nicht aber an einen geschlossenen

Kochtopf. Im Entwurf des Volumen wurde ein

Erweiterungsbalkon integriert: den 12.000 Plätzen

des Stadiums fügt der Balkon 8.000 weitere hinzu.

Neueste Projekte: das Hôtel Quai de Seine,

ein Komplex der ein Übernachtungszentrum

und eine Jugendherberge in sich vereint. Die

Magasins généraux von la Villette, errichtet als

Zwillingsbauten auf je einer Seite des Kanals.

Die Silhouette und das Volumen der durch den

Brand von 1991 vernichteten Gebäude sollte

neu geschaffen werden. Chaix & Morel haben

den Baukörper parallel zur Wasseroberfläche

in vier Längsstreifen geteilt, und ein Viertel des

Volumens geleert: der so entstandene Innenhof

erlaubt die Ausrichtung der Zimmer in das Innere

und verlängert die Allee längs des Kanalufers.

Die Anpassung des Gebäudes an den Bauort und

seine Helligkeit werden durch eine beigefarbene,

netzartige Metallkonstruktion gewährleistet,

die, an die Farbe des Zwillingsgebäudes

erinnernd, dessen Form nachzeichnet, ohne

sie abzuschließen, die Durchgänge der

Feuerwehrstation bekleidet und das Licht filtert.

Ein weiteres Projekt mit hoher

städtebaulicher Spannweite: Die Neugestaltung

des Bahnhofviertels von Luxemburg. Zwei im

Stadtgeflecht durch enormen Gleiseinschnitte

getrennte Räume waren zu verbinden. Eine

grüne Fläche bringt Kontinuität: Sie schafft

nicht nur neuen öffentlichen Raum, sondern

verlängert auch die schon existierenden Strassen.

Durch angrenzende Konstruktionen wird das

Viertel ebenfalls aufgewertet. Projektziel ist es,

die Entwicklung eines zentralen Stadtviertels

vorherzusehen und zu begleiten.

Konzerthalle Zenith in Paris

Magasins généraux / Hôtel Quai de Seine am Canal de la Villette in Paris

Text: Brigitte Bercoff

Bibliographie : François Chaslin, Chaix et

Morel, années lumière, Ante Prima, AAM

éditions, 2006.

Herzlichen Dank an Walter Grasmug

und an Marion Brice für die freundliche

Zusammenarbeit.

Übersetzung Christian Denker

Foto: Eddie young / Atelier d’architecture Chaix & Morel et associés Foto: Atelier d’architecture Chaix & Morel et associés

Foto: Christian Richters

Museum Saint Romain

Stadium von Amiens bei Tag

(Innenansicht)

Foto: Christian Richters


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch VIII - Grausam ST/A/R 57

ST/A/R wünscht

Frohe Weihnachten

DIE GERNGROSSSÄULE VON FRANZ WEST

1060 WIEN, RAHLGASSE – NOKIA-HANDYFOTO: HEIDULF GERNGROSS DEZ. 2007


58 ST/A/R

Buch VIII - Grausam

Nr. 16/2007

PLAY VIENNA Die Stadt als Spielfeld war von Beginn an Grundgedanke der Entwerfen -

Übungen, die ab einem Sommerworkshop 2004 von Architekt Armin Mohsen Daneshgar in

enger Zusammenarbeit mit der MA19 und MA21 geleitet wurden. Weiterentwickelt entstanden

daraufhin die Entwerfen - Übungen Play Vienna I – III.

von Elisabeth Gschaider

Foto: © Stephan Huger

Robert Kniefacz

Will Alsop

Michael Szyszkowitz


Nr. 16/2007

Buch VIII - Grausam ST/A/R 59

Play Vienna I - Eine Intervention am

Westgürtel Sommersemester 2005

Der Gürtel als eine der wichtigsten Verkehrsadern Wiens, als prägendes städtebauliches

Element, als historische und soziale Grenze, fasziniert und beschäftigt Stadtplaner schon

seit längerem. Die Bemühungen in den letzten Jahren der Wiener Stadtregierung bezüglich

Aufwertung und Umgestaltung der Gürtelbereiche vor allem rund um den Urban -

Loritz – Platz und im Bereich des Margarethen – Gaudenzdorfer – Gürtels führten zum

strategischen und operativen Programm der MA21A „Zielgebiet Gürtel“ mit einem 9-Punkte-

Programm. Die Auseinandersetzung mit diesem Programm war Grundlage für PLAY

VIENNA I und dem damit verbundenen Ideenwettbewerb. Die Wohn- und Lebensqualität

der gründerzeitlichen Strukturen sollte am Beispiel eines oder mehrerer Musterblöcke im

Kreuzungsbereich Burggasse – Gablenzgasse Ecke Lerchenfelder Gürtel untersucht werden.

Konkrete Fragestellungen hießen u.a.: „Welche Möglichkeiten für eine architektonische

Gebäude- und Umfeldgestaltung gibt es? Wie kann man planerisch eine stärkere Verbindung

zwischen innerem und äußerem Gürtel herstellen? Wie können ökologische und soziale

Gesichtspunkte einfließen?“ Die Jurymitglieder für die Endpräsentation am 16.06.2005

setzten sich aus beruflich involvierten Personen, bzw. Bauträgern oder Anrainern des

Gürtelgebiets und Journalisten zusammen. Im Herbst 2005 fand eine Ausstellung aller

eingereichten StudentInnenprojekte am Gürtel, nämlich im Impulszentrum IP-TWO am

Lerchenfeldergürtel 143, statt.

Play Vienna II - Über den Dächern Wiens

Sommersemester 2006

„Play Vienna – alles andere als ein Spiel“ schrieben Armin Mohsen Daneshgar und

Rames Najjar im Vorwort des Katalogs. Zusammen leiteten sie die Entwurfsbetreuung der

StudentInnen und die Organisation der Lehrveranstaltung. Die Nähe zur Realität zeigte sich

u.a. auch in der Zusammenarbeit mit dem Immoblienriesen „Conwert“. Die Projekte wurden

bis zum Entwurf und für eine eventuelle Einreichung bearbeitet, Modellpräsentation und

Hochbaudetailpläne waren ebenso Pflichtprogramm. Gesucht wurde nach innovativen Ideen

für Dachausbauten als „sinnvolle Verdichtung des Wohnraums in Innenstädten“. Fünf reale

Objekte in fünf verschiedenen Bezirken Wiens wurden vorgegeben. Die MA19, die sich als

Servicestelle in stadtgestalterischen Angelegenheiten sieht, war mit Abteilungsleiter Josef

Matousek und Dezernatsleiter Robert Kniefacz wieder bei allen Kritik-Präsentationsrunden

beteiligt. Das Ingenieurteam um Dr. Karlheinz Hollinsky, Chef der gleichnamigen Firma,

wurde für Statikfragen herangezogen. Entstanden sind neben über 20 originellen Projekten

ein weiterer hoch-qualitativer Katalog zur Stadt-Spiel-Übung. Inzwischen haben andere längst

erkannt, dass Entwerfen - Übungen wie Architekt Daneshgar sie vor Jahren auf der TU entwarf

– nämlich eine Kombination von akademischen Spiel und Praxisnähe – die Zukunft sind.

TU-Angestellte legen die Scheu oder auch Arroganz, die gegenüber der real-wirtschaftlichen

Alltagswelt für Architekten besteht, ab und gehen immer öfters auf Marketingchefs,

Produktmanager und Verkaufsleiter namhafter Firmen zu. Aber auch die Privatwirtschaft

erkannte, dass die Nähe zur Wissenschaft nicht nur in den klassischen Bereichen Chemie

und Physik, sondern auch in der Architektur bereichernd sein kann. Firmen wie Velux,

Knauf, Eternit, Rheinzink, um nur einige zu nennen, mit dem das Hochbau – Institut rund

um Architekt Will Alsop zusammenarbeitet, sprechen sich heute durchaus enthusiastisch

zur chaotisch – inspirierenden Universitätswelt aus. Die StudentInnen wiederum schätzen

inzwischen die Lampenfiebersituation bei den Präsentations- Kritikrunden vor den großen

Chefs der Wirtschaft. So entstand, während Robert Kniefarcz, Dezernatsleiter der MA19,

mit Architekt Daneshgar das nächste studentische Programm besprach, bei der Firma Velux

und der Institution Holzbau AG die Idee, ebenso auf einen studentischen Ideenwettbewerb

zu setzen. Dazu die Bilder zur Jurysitzung mit Juryvorsitzenden Architekt Will Alsop auf

den kommenden Seiten.

PLAY VIENNA III spielte mit sechs ausgewählten

Stadtpunkten am Stadtbrett. 2007

Eine Achse vom Museumsquartier zu Esterhazy-Park und Gaudenzdorfergürtel wurde

gezogen. In bewährter Art und Weise wurde die enge Zusammenarbeit mit den

Stadtmagistraten und fortgesetzt. Wiederum entsteht ein Katalog als Abschluss der

Lehrveranstaltung, der demnächst präsentiert wird. Folgend die Siegerprojekte aus PLAY

VIENNA III beim Wettbewerb LIVING IN THE ROOF von Firma Velux und Holzbau AG.

Teilnehmende Universitäten • TU Wien • Angewandte Wien • Akademie der bildenden

Künste Wien • TU Graz • TU Innsbruck • Kunstuniversität Linz Verantwortliche vor Ort TU

Wien: Arch. sba DI Dr. techn. Armin M. Daneshgar Angewandte Wien: Univ. Lekt. Arch. DI

Franz Sam Akademie der bildenden Künste Wien: DI Antje Lehn TU Graz: Arch. DI Andrea

Redi und Arch. DI Ivan Redi (ortlos architects; Institut für Wohnbau Vst. Univ. Prof. DI Dr.

Arch. Tschom) TU Innsbruck: Arch. DI Erich Gutmorgeth Juriert von • O. Univ. Prof. DI

William Alsop • DI Robert Kniefacz (Dezernatsleiter der MA 19 in Wien) • O. Univ. Prof.

Arch. DI Michael Szyszkowitz • Univ. Prof. DI Hermann Kaufmann, TU München • Arch.

MAA Lone Feifer, VELUX • Arch. Mag. Arch. Roman Delugan • DI Bernd Egert, Holzbau

Glöckel Organisiert und fi nanziert von den Partnern • holzbau austria • …sterreichischer

Leimbauverband • VELUX • Rigips • ISOVER • eternit www.livingintheroof.at / Fotos von

Stud.-CD ausgewählte Projekte: Michael Vitek, Florian Hetzmanseder / Fotos von Jury

Robert Kniefacz, (Arch. MA19) Lone Feifer und Heinz Hackl The attention paid to the roof

is a major contributor towards increasing the density of our cities. The roofscape is very

often an unexploited area in our cities, which has enormous potential. If by using our roof

spaces we can increase the density of the city, it results in a maximisation of the footprint of

the urban area as well as allowing more people to use the existing infrastructure. Roofs help

us to green our urban areas. William Alsop Elisabeth Gschaider, Nov.07

Departure Departure

9.10.07, 19.30h,, Book Relase

Party in der Banane – Volksgarten

Der Abflug oder auch Abgang – departure - war an

diesem Abend ein Auftritt. Zuerst sammelten sich

viele schwarz gewandete – also Architekten – und

immens gestylte – also Wirtschaftsleute – sowie

Künstler und Beobachter vor einer DJane in der

Banane im Volksgarten. Schließlich, manche

dachten schon, es gäbe gar kein Programm, trat

Stadträtin Renate Brauner vor das Mikrophon und

lobte die hervorragende Arbeit von Departure, das

Zusammenfließen von Wirtschaft und Kunst, von

Creative Industries mit Produktionsindustrie, von

Kunst- und Wirtschaftspolitik. Norbert Kettner,

scheidender Direktor des Departure Teams, liess

die Zeit seit dem Beginn im jahre 2003 revue

passieren. Zum Abschied also schenkt er sich und

seinem hervorragenden Team das Look Book, das

ausgewählte Projekte und die Menschen dahinter

darstellt. Schließlich wünscht Kettner, der die

Stelle des Wiener Tourismusdirektors antritt,

seinem Nachfolger Christoph Thun-Hohenstein,

langjähriger Leiter des Österreichischen

Kulturforums in New York, alles Gute.

Departure vergibt Förderungen für Unternehmen der

Creative Industries. Mehrere Einreichdaten im Jahr.

Das Look Book mit den dargestellten geförderten

Projekten ist direkt bei Departure oder im gut sortierten

Buchhandel zu beziehen. http://www.departure.at


Städteplanung / Architektur / Religion Buch VIII - Grausam

ST/A/R 61

SCHENKUNG BOGNER • 10 JAHRE KIESLER STIFTUNG WIEN

Re: Symposium MODELLING SPACE, Kiesler Foundation Vienna

By Kurt W. Forster

I could be bound in a nut-shell, and count myself a king of infinite space, were it not that

I have bad dreams. Shakespeare, Hamlet

Schenkung Bogner.

10 Jahre Kiesler Stiftung Wien

Kiesler Stiftung Wien, Mariahilferstraße 1b, 1060 Wien

Ausstellungsdauer: 22.10.2007 – 18.2.2008

Öffnungszeiten: Mo-Do.: 10 - 17 Uhr,

Fr.: 10 - 14 Uhr

Friedrich Kiesler,

Endless House 1958-60

Foto: Wolfgang Woessner/MAK

Die Kunsthistoriker und Sammler Gertraud und Dieter

Bogner setzen sich seit vielen Jahrzehnten für die Erforschung

und Vermittlung des Werks des austro-amerikanischen

Künstlers und Architekten Friedrich Kiesler (1890-1965) ein.

Zahlreiche Ausstellungen, Publikationen und Texte von Dieter

Bogner belegen sein kunsthistorisches Interesse an Kieslers

Wirkungsgeschichte. Schon früh finden wichtige Arbeiten

Kieslers Eingang in die Kunstsammlung der Bogners, die

beide Mitbegründer der Stiftung sind.

Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums der Kiesler Stiftung

schenken Gertraud und Dieter Bogner aus ihrer Sammlung

eine Reihe herausragender Werke Kieslers der Österreichischen

Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung: Die Rekonstruktion

des Träger- und Legersystems von 1924, eine Serie von

Vintage Prints der 1925 im Auftrag Josef Hoffmanns in Paris

entstandenen Raumstadt („City in Space“), den Gesamtplan

der 1937/41 entstandenen Vision Machine (im Archiv der

Stiftung befinden sich die Vorzeichnungen dazu) und vor allem

das Modell des Endless House von 1959 sowie eine damit in

Verbindung stehende große Kohlezeichnung von Kiesler.

Symposium MODELLING SPACE am Freitag, 30.11.2007, 15h-19h

im Az W, Architekturzentrum Wien, Museumsplatz 1, 1070 Wien

Anlässlich des Jubiläums „10 Jahre Kiesler-Nachlass in Wien“ veranstaltete die

Kiesler Stiftung Wien am 30.11.2007 das Symposium MODELLING SPACE.

Einführung zu Modelling Space

Monika Pessler, Direktorin der Kiesler Stiftung Wien

Das Zusammenspiel von Architektur und Kunst verleiht der Institution Kiesler Stiftung Wien ihr Profil, da eine dem

Nachlass adäquate Betrachtung den Fokus auf ein Spezialgebiet der Künste nicht zulässt. Denn Kiesler verwirklichte

Projekte in den unterschiedlichsten Disziplinen – als Architekt, Künstler, Designer und Bühnengestalter. Darüber

hinaus war er bestrebt seine Theorien mit den neuesten Erkenntnissen der Naturwissenschaften und Technologie

zu verbinden. Dies mag auch einer der Gründe sein, warum Kieslers Werk und seine Wirkungsgeschichte heute

noch einen berechtigten Anlass bieten, sich mit vor allem zeitgenössischen Fragen und Methoden der Kunst- und

Architekturproduktion auseinanderzusetzen.

Ist auch der den Künsten eigene Wettstreit unter den einzelnen Gattungen längst Geschichte und ein

medienübergreifendes Gestalten seit dem zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts verbreitete Praxis, so hat doch

der von Kiesler vorausgeahnte Einsatz „neuer Medien“ die simultane Wahrnehmung vielschichtiger Kreationen

sowie deren praktische Umsetzung erst ermöglicht. Da sich die digitale Imagebildung und -vermittlung der

Manifestation im Objekt aber entziehen, werden seitdem Fragen nach der Wirklichkeit, wird vor allem der Status

des Realen, neu verhandelt. Dies wirkt einerseits auf die Architektur und ihr Selbstverständnis, da sich die Baukunst

als konkrete Gestaltung unseres unmittelbaren Lebensraumes stärker als jede andere kulturelle Äußerung der

Vergegenständlichung verpflichtet sieht. Die bildenden Künste hingegen, die uns traditioneller Weise ein Abbild der

Wirklichkeit liefern, bedienen sich längst tatsächlicher, raumbildender Maßnahmen – vom Environment über die

Performance, bis hin zur Intervention im sozialen Kontext. So scheint die praktische Anwendung von künstlerischen

Konzepten, die im Besonderen das Verhältnis des Menschen zu seinem Umraum definieren, die Eingliederung der

Kunst in unseren alltäglichen Erfahrungsbereich, mit Anliegen der Architektur parallel geschaltet. Daher widersetzt

sich die Analyse der im Wandel befindlichen Ansprüchen an Architektur und Kunst, mehr denn je einer getrennten,

den einzelnen Disziplinen folgenden Kategorisierung.

Entsprechend dieser Bedingungen des aktuellen Kunst- und Wissenschaftsdiskurses wie auch im Einklang mit Kiesler

Theorie der „correlated arts“ ist es nahe liegend, Architekten und Künstler, Architektur- und Kunsttheoretikerinnen

zusammenzuführen, um vor Ort und in ihrer/unserer Zeit über historische und zeitgenössische Bedingungen der

„Raummodellierung“ in der aktuellen Kunst- und Architekturproduktion zu sprechen:

Antje von Graevenitz: Kieslers Entwurf für ein galaktisches Leben auf Erden

Olafur Eliasson und Hani Rashid (Dialog): On Art Architecture Ambiance

Ben van Berkel: The Capacity of Endlessness

Kurt W. Forster: Infinite Space in a Nutshell

Moderation: Elke Krasny

SCHENKUNG BOGNER • 10 JAHRE KIESLER STIFTUNG WIEN

Only in the course of the nineteenth century did space cease to be an abstraction of Newtonian kind, when artists, historians, and critics began to perceive the aura of objects and

the atmospheric qualities of space. Painters were at the forefront with their attention to weather, cloudscapes, diffuse coloration and phenomena of light and shade that profoundly

affect our perception of things and shroud them in our memory. Having thus abandoned space, like time, as an abstract dimension of immutable and uniform nature, artists

literally began to play tricks with space and time, and with our perceptions of them. Historians of architecture, such as Heinrich Woelfflin, and art-historians, such as August

Schmarsow, paved the way to a perception of space that is not a neutral void but a medium of powerful psychic reality.

Since the aesthetic proposition of the Sublime as a psychologically heightened manifestation of beauty, vast voids, mysterious shadows and suddenly illuminated spaces began

to register their irrational inflections on the canvasses of painters such as Constable, Turner, Pissarro, and numerous others. Clefting objects and constructing new spatial

relationships, including the simultaneous appearance of sequential stages, or the explosion of a solid into fragments, changed the arts forever. Cubist and Constructivist montage,

the rise of photography with its immense technological potential, and the injection of temporal conditions into spaces of twentieth-century architecture are only some of these

manifestations. Variously deriving notions from science (from Minkowski to Hawking; Chevreuil to Gestalt psychology), artists and architects began to construct ideas about the

space/time web and evolve, by dint of imagination, images of the phenomena for which physicists only have mathematical tools. The practice and teaching of a Laszlo Moholy-

Nagy, among others, anticipated much that was to follow when artists adopted the new fluid medium of space/time in cinematographic and video art. Friederich Kiesler proved a

pathfinder with his ideas of endlessness within confines, just as he had earlier erected obstacles in space and (partial) impediments to viewing as a means of sharpening perception

and domesticating the emotional power of distance and delay for a fresh perception of images and events.

Charged with intense emotional meaning, space/time has turned into the manifold medium of art and architecture. Capturing a sense of movement within the framework of a

permanent structure has restored architecture’s dwindling dominion over change, time, and chance, fuelling its current metamorphosis. If a notion of threshold, of initiation,

held sway in the early twentieth century, a sense of being fully immersed in space/time has now taken hold and propels the work of artists and architects toward manifold

manifestations of reality.

Panoramaseite realisiert mit

Bogner.cc

Symposium Modelling

Space, Bundesministerin

Claudia Schmied

und Dieter Bogner

(Vorstandsvorsitzender der

Kiesler Stiftung Wien).

© Foto: Pez Hejduk

Symposium Modelling Space,

am 30.11.2007, im Az W mit über 300 Besuchern.

© Foto: Pez Hejduk


62 ST/A/R

Buch VIII - Grausam

Nr. 16/2007

Die Möwe Jonathan Meese

von ST/A/R-Fotograf


Nr. 16/2007

Buch VIII - Grausam ST/A/R 63

Meese / Mama

Peter Korrak

Meese / Essl

bei Essl

Korrak / Meese


64 ST/A/R

Buch VIII - Grausam

Nr. 16/2007

Abb./Illustr: Markus Wilfling, Ausstellungsansicht. Photo ©Projektraum Viktor Bucher

Fotos: Wladimir Jaremenko-Tolstoj

Vinzenz Grausam, Maler

Markus Wilfling • Zwischen - Between •

AUSSTELLUNGSDAUER/Duration BIS/UNTIL 31.01.2008

Öffnungszeiten: Di-Fr 14-19 Uhr und nach tel. Vereinbarung

Opening Hours: Tue-Fri 2 - 7 pm & by appointment

Auch / Also: Kunsthalle Krems • MARKUS WILFLING • Spiegelkabinett - mirror cabinet

projektraum viktor bucher

a-1020 wien, praterstrasse

13/1/2

t/f +43 1 2126930

projektraum@sil.at

www.projektraum.at


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch IX - STAR-book ST/A/R 65

Lebendige Städteplanung

Fritz

Hock

Chris

Mathis

Heidulf

Gerngross

Francisco

Riveros

Hans

Piccotini

Dominik

Zlender

City KIS eine

virtuelle Metropole,

die Realität ist

Im November 2007 ruft mich der befreundete

Kärntner Arzt Dr. Gert Hock an, um

anzukündigen, dass sein Sohn, der Jurist Mag.

Fritz Hock, Kontakt mit mir und den ST/A/R-

Aktivitäten sucht. Die Hockfamilie ist eine

Kärntner Arztfamilie, die mit meinen Eltern,

besonders mit meinem Vater, dem praktischen

Arzt, Dr. Herbert Gerngross, befreundet war.

Gert hat als Kind kurz nach dem 2. Weltkrieg

1946 einige Monate bei uns in Kötschach

gewohnt als sein Vater, der Arzt Dr. Fritz

Hock, an Lungenentzündung erkrankte. Auch

der Vater von Dr. Fritz Hock, meinem Onkel

Fritz, war Arzt, und ich bin sicher, dass es

eine Seelenverwandtschaft mit Theophrastus

Paracelsus gab.

So geschah es, dass mich im November 2007

der Kärntner Jurist Mag. Fritz Hock anrief, er

denke an eine Zusammenarbeit mit ST/A/R an

einem Projekt, das er im Zuge eines Studiums

der Angewandten Kulturwissenschaften an der

Universität Klagenfurt mit einer Gruppe von

Studenten und Künstlern entwickelt und kreiiert

hat.

Es ist die Gründung einer neuen Stadt, die

den historischen Raum, keltisch, slawisch,

romanisch und germanischen Ursprungs von der

Nordgrenze Kärntens bis zur Adria über Friaul –

Julisch – Venetien und Teile Sloweniens umfasst.

Er hat mit seiner Arbeitsgruppe den Namen City

KIS (Kärnten, Italien, Slowenien) gewählt und

würde gern ein Symbol, ein Zeichen, ein Wappen

für die neue Stadt entwickeln.

Ausgangspunkt zur Gründung der Stadt

waren Hocks Inspirationen und Intuitionen,

neben der landschaftlichen Schönheit und

Vielfältigkeit auch die kulturelle Schönheit

und Vielfältigkeit bewusst und auch

praktisch zugänglich zu machen. Im Zuge

der Projektarbeit sollte in Zusammenarbeit

von BIZ KICK, Enter The Real Market und

dem Gründerzentrum KärntenGmbH. Build!

ein Unternehmen entstehen, das vorerst die

Musikszene von Villach, Klagenfurt, Udine,

Triest, Laibach vernetzt und praktisch durch

neue Verkehrsverbindungen, z.B. ein KIS-

Kulturshuttle zugänglich macht Villach-Udine

1 Stunde, Klagenfurt-Laibach 1 Stunde. Alles im

virtuellen Internetraum www.city-kis.net sichtbar

und praktisch erreichbar.

Hock deutete die Entstehung einer virtuellen

Stadt an, die so weit entwickelt werden kann, dass

die 2,5 Millionen Bewohner der Stadt Einfluss auf

das vorerst kulturelle Geschehen erfahren und

über die praktische Verwirklichung eine neue,

lebendige Städteplanung entsteht.

Diese Anregungen haben für ST/A/R

Städteplanung, Architektur, Religion ein Tor

geöffnet, unsere städteplanerischen Visionen in

der Realität umzusetzen.

Wir haben uns in Villach zu Arbeitsgesprächen

getroffen und beschlossen, an der Entwicklung

von KIS www.city-kis.net mit der uns zur

Verfügung stehenden ST/A/R-Energie tatkräftig

mitzuwirken.

Als Herausgeber von ST/A/R, als Architekt und

Städteplaner möchte ich noch die tiefgreifende

städtplanerische Wirkung beschreiben, die

mich keltisch, slawisch, romanisch, germanisch

getroffen hat.

Als ich vor 2 Monaten vom Schuster Dabernig

in Kötschach Mauthen anlässlich meiner

abendlichen Gasthausbesuche bei Sissy

Sonnleitner, Guggenberger, Spörk, Servus,

Zelger, Poschibar usw. usw. erfahren habe,

dass Le Corbusier gesagt habe, die schönste

Architektur sind die Dolomiten, auch Herbert

Brandls Bergbilder im Kopf, hat das einen

gewaltigen geistigen städteplanerischen Schub

bewirkt.

Triglav - Polinik - Grossglockner - Pitz Timau,

gigantische grossartige Architekturen, Gail - Drau

- Isonzo, Wörthersee - Ossiacher See und die

Adria, Wasserflächenn, die die Architektur der

neuen Stadt prägen.

Also, als ich, – da hat sich ein neues Stadtbild

entwickelt, das mir mit den Städten, die ich

kenne, wie Los Angeles, wo ich einige Jahre

verbrachte, St. Petersburg, New York, Mexico

City, Wien, Berlin, Paris, Tokio, Hong Kong,

ebenbürtig erscheint.

City KIS wird jetzt noch vor den Städten

Shanghai und Dubai, die heute eine Unzahl von

Weltarchitekten und Städteplanern anziehen,

im Mittelpunkt meines städtebaulichen Wirkens

stehen. Vor allem deshalb, weil die neue Stadt

KIS meine unmittelbare Heimat ist und das

genaue Kennen des Ortes Voraussetzung für

architektonisches Schaffen ist.

Ich habe als Symbol und Grundstein der Stadt

den Archiquant vorgeschlagen. Der Archiquant

ist eine neu entdeckte geometrische Figur,

deren Breite b gleich dem Radius r ist und seine

Tiefe t ist der Goldene Schnitt von r oder b. Der

Archiquant wurde von der Arbeitsgruppe als

Zeichen, Wappen, Grundstein, Symbol und

Träger der Botschaft City KIS angenommen.

Die Grundsteinlegung von City KIS sollte im

Frühjahr 2008, wahrscheinlich am Triglav,

stattfinden. ST/A/R und der Österreichische

Filmemachvereien 1,2,3 werden das Ereignis

dokumentieren. Danach werden andere

Energiefelder mit dem Archiquant markiert,

materialisiert und manifestiert, sodass ähnlich

den Tempeln Griechenlands materialisierte

Geistesfelder oder Architekturen spezifische Orte

der Stadt zeichnen.

City KIS, die lebendige Stadt und Städteplanung,

ist ein Modell unserer Haltung. H.G.2008


66 ST/A/R

Buch IX - STAR-book

Nr. 16/2007

ROBÖXOTIKA IM

MUSEUMSQUARTIER

DR. CREST AUS ST. PETERSBURG

UND KRANKENSCHWESTER AGAFJA

GRASNAYA GALERIA NAMARATA

BRUSTVERGRÖSSERUNG FÜR HERMAPHRODITEN ANDI LUF UND VALIE AIRPORT UNTER COCTAIL-NARKOSE

Fotos: Oxana Filippova

ACHTUNG!

SPIELT IN EINER ANDEREN LIGA

HEIMO ZOBERNIG - Ausstellungsdauer 14.11. – 16.1. 2008 - Mo – Fr 11 bis 18 Uhr, Sa 11 bis 15 Uhr - www.meyerkainer.com


Nr. 16/2007

Buch IX - STAR-book ST/A/R 67

DE MEDEIROS

TANIUCHI

Nachhaltiger Erfolg der pariser Performer Tsuneko Taniuchi und Stéphane

de Medeiros. Die hohe Qualität der Vorstellungen beeindruckte auch das

verwöhnte Wiener Publikum. „Es war einfach ein Glücksfall, dass unser Dr.

Denker solide Verbindungen zur pariser Kunstscene hat”, erklärt Heidulf Gerngross dem

versammelten ST/A/R-Redaktionsteam. „Ohne ihn hätten die vielleicht gar nicht daran

gedacht, dass es auch in Wien Kunst gibt. Das wäre schon schade gewesen. Die Künstler

konnten hier bei uns etwas lernen und viele wichtige Erfahrungen sammeln.” Stephane

de Medeiros stimmt dem voll zu. Im MAK lernte er Kosuths Idee einer analytischen

und tautologischen Kunst zu verteidigen, das Prinzip der Autoreferenzialiät an seine

extremen Grenzen zu treiben und nebenbei die Moderne zu denunzieren. An seine Zeit

in Wien denkt er gerne zurück, besonders an die geschmackvollen Würste: „Wir im

Westen unterschätzen oftmals Eure ost-europäische Küche”, schreibt er uns auf einer

Künstlerpostkarte. „Ihr steckt nicht nur viel Mühe in die sprachliche Ausbildung Eurer

Polizisten, sondern auch in die Nahrungszubereitung. Besonders von eurem herzhaften

Umgang mit Würsten können wir in Westeuropa nur träumen! Ein bisschen Fett schadet

ja nicht. “ Dem Künstler ist es übrigens wichtig, dass sein Wattestäbchenpenis über das

ST/A/R-Vertriebssystem inzwischen in ganz Österreich käuflich erworben werden kann:

„Besonders in Wien haben so…

Dr. Christian Denker, Universität Wien

Le ipod de Cattelan

(avec Derrick sur TF3),

Performance von

Stéphane de Medeiros,

the gallery Mill,

Hong Kong, 2007.

Micro-événement

18bis/Marianne,

Performance von

Tsuneko Taniuchi,

La force de l’art,

Grand Palais,

Paris, 2006.

Vorankündigung des

psychedelischen kunst-frühlings 08.

Die wiener psycho-art-band the „psychedelic greybacks“ und ihr künstlerischer spiritus

rektor und art advisor adam wiener sprechen bereits von einer neuen psychoart-punk

bewegung.join in! drop out! be part of it!. am 5.03.08 ab 22 Uhr laden

die PSYCHEDELIC GREYBACKS zum SPACE-DANCE in die Mutter aller Discotheken,

ins Elysium der psychichedelischen Rockmusik: in die CAMERA. „alte“ Stammgäste des

Traditionshauses in der Neubaugasse, „Frischlinge“ genauso wie all jene, welchen die Camera

früher „zu wild“ war,sind herzlich willkommen. die pschedelic greybacks machen psycho-artpunk

und übersetzen den typischen „Camera“-Sound der 70er jahre in die Gegenwart. soll

heißen: hochenergetische bühnen show und psychedelische grundstimmung. psychedelisch

heißt bei uns beides. wir machen musik für psychonauten und psychotherapie-abbrecher (nur

letztere können jemals frei sein). wir glauben an chemie, weil chemie wirkt und wer prosac will

der soll es haben. unsere konzerte stehen unter dem motto: „we want to take you higher“.wer

also alle legenden der CAMERA OBSCURA und des WUMM WUMM gehört oder miterlebt

hat, wer später in den 90er jahren postpunk und industrial gehört hat, hat gute chancen auf ein

luzides dej´vu. das musicalische experement, die dekonstrution der rockmusik, bei gleichzeitig

tanzbaren beats ist credo. mit im PSYCHO-JUNKIE-PAKET der maler ADAM WIENER,

der den FLYER der greybacks gemeinsam mit seinem congenialen partner CHRISTIAN

DROSTE, der übrigens der bassist der greybacks ist, gestaltet hat. ADAM WIENER hat, wie er

uns verspricht, beschlossen die band mit seinem bildnerischen Zugang „unter seine fittiche“ zu

nehmen. Da kommt jedefalls einiges an arbeit auf ihn zu. am 5.3.08 wird in der camera jedefalls

eine limiterte anzahl an flyern vom adam mit seinem lieblings zitat zum thema psychedelic

greybacks gestempelt: THIS BAND IS ADAM PROOF. diese gestempelten flyer werden gratis

an die besucher abgegeben. auf die frage wie viele stück es sein werden hat mir adam wiener

zuletzt, mit seiner herzerfrischend lauten stimme entgegengeschmettert: „NA SOVIELE WIE

MÖGLICH DU SPIESSER. Rockmusik ist KUNST FÜR DIE MASSEN und da will ich dabei

sein. Am liebsten wärs mir wenn jeder WIENER HAUSHALT EINEN KLEINEN

ORIGINALISIERTEN bzw GESTEMPELTEN ADAM WIENER - PSYCHEDELIC GREYBACKS

FLYER zu Hause auf seiner Pinwand oder im Tagebuch eingeklebt hätte;kunst

für die massen, einfach zugänglich sein. high times for everybody. wenn mein psychedelischerkunstwurm

dazu einen kleinen beitrag leistet, dann lass ich mich doch gerne von den greybacks

vor ihren karren spannen“ das bodypainting des sängers king-manifesto-karo soll, so tönen die

buschtrommeln, der französische graffiti-, streetart und stencil künstler

C215, der eigens für das event in der CAMERA OBSCURA aus Paris

eingefolgen wird, übernehmen. hard fakts: wir spielten in Zwerndorf im 3er wirtshaus. hatten

einen großen erfolg im salon leopold (13.04.07). wir

spielten am 29.09 22uhr im laderaum badeschiff;

es sind 10 musiker on stage: ein jazz drummer, der technofreak ist(esad halilovic), zwei

gitarren(peter golzar), Wolli kirnbauer); ein kyboarder, der auch geige spielt und vom jazz

kommt (clemens wratschko).bass christian totzdem droste (der oberste der der wilde

pinguine) spielt den speed-bass und is gemeinsam mit dem sänger michael magits dem

saxophonisten Stefan Freytag dem performer (king-manifesto-karo)für die art-punk/dico-funkpunk

grundstimmung zustimmung zuständig. damit es psychedelisch genug ist haben wir

noch zwei weitere

syntesizer, korg ms 20(gerhard zimmermann) micro korg (andreas tonhauser)


WIENER CHRONIK

Städteplanung / Architektur / Religion Buch IX - STAR-book

ST/A/R 69

10 Autoren kämpfen im

Ensemble-Theater Wien

um eine Flasche Whiskey

Eine neue Form der Dichterschlacht erblickte am

12. November 2007 das Bühnenlicht der Welt:

DRAMA SLAM – die Szenenschlacht. 11 Autoren, 4

Schauspieler 2 Moderatoren und 70 Schiedsrichter ließen

sich auf die Jungfernfahrt des Wettbewerbformates unter

der Flagge der Vitamines of Society im Ensemble

Theater am Petersplatz im Herzen Wiens ein.

In einer herkömmlichen Poetry Slam haben Dichter

eine bestimmte Zeit ohne besondere Hilfsmittel ihren

selbstverfassten Text vorzutragen und ihn der Bewertung

durch eine Publikumsjury auszusetzen.

In der DRAMA SLAM sind szenische Texte gefordert,

die nach kurzer Einführung des Autors von einem Pool

von Schauspielern prima vista, aber mir allem was ihr

Einfallsreichtum und die Bühne hergibt, umgesetzt

werden. Das Grundsetting der ersten Slam bildeten 2

Frauen und 2 Männer (das Actors-Basic-Kit: Susanna

Bihari, Sissi Noé, Jens Claasen & Rainer Doppler), die ihn

lockerer Wohnzimmeratmosphäre mit Zigaretten, Bier und

Junkfood zu Medien für die Texte wurden.

Die Texte reichten von einer dramatisierten Version

von Wolf Morrisons Fucked Up in Vienna über Nadia

Buchers namenlose Milieustudie über Künstler

DRAMA SLAM

im Kunstreich, Markus Köhles avantgardistische

Heldendemontage, Günther der TSCHIF Windischens

Arbeitslosenschiksalsdrama AMS, Andi Plammers Einblick

in Verdauungsvorgänge Lovestory in der Packerlsuppe, Alex

Gendlins Studienzeiterinnerungen Endlich 18, Mieze

Medusas Hackerinnenerlebnisse von Mia Messer, Oxana

Fillipovas männlicher Horrorphantasie Garage, Wladimir

Jaremenko-Tolstojs sibirischem Einakter vom Hühnervögler,

Karsten Rühls romantische Szenenfolge Liebeswerben bis

hin zu Melamars Dramolett aus dem Literatenmilieu mit

Namen Die großen Dichter.

Nach fünf Dramen lag der Tschif in der Gunst des

Publikums klar in Führung, die abermalige Wertung

nach den besten 10 ging an den Theatermann Karsten

Rühl, der neben einer Flasche Jameson-

Whiskey seinen durch Zeitlimit abgeschnittenen

Text auch noch zu Ende vortragen lassen durfte. In

der Bewertung hatte jeder Besucher eine Stimme, die

Teilnehmer der ersten Runde waren aber durch den

Abstimmungsmodus klar benachteiligt, sodass es für den

nächsten Drama Slam in ein paar Monaten ein neues,

möglichst faires Bewertungssystem geben wird. Denn

ständige Modifikationen und Weiterentwicklungen bereits

bestehender Formate sind laut Jimi Lend, dem Initiator

und Moderator der DRAMA SLAM, Programm.

Die Bedeutung von Hamann und Jacobi für die aktuelle Entwicklung in Russland

ST/A/R-Architekturphilosoph

Sergej Volgin

Sergej Volgin und FARCE VIVENDI präsentieren mit Unterstützung des ST/A/Rs das Buchprojekt

Johann Georg Hamann & Friedrich Heinrich Jacobi: Ausgewählte philosophische Schriften (ins

Russische übersetzt und interpretiert von Sergej Volgin, ca. 600 Seiten. Format: 80x108 1/32)

Es handelt sich um die erste Übersetzung der wichtigsten

Schriften von Hamann und Jacobi in die russische

Sprache. Die „Philosophen des Gefühls und des Glaubens“

wirkten mit an der deutschen Aufklärung, zusammen mit

Lessing, Herder, Goethe, Schiller, Kant und Fichte. Hamann

und Jacobi, sowie die „Philosophen des Genius“ (I. C. Lafeter)

und auch Hemsterhuis in Holland, vertraten in der Philosophie

dieselbe Bewegung, welche in der Literatur als „Sturm und

Drang“ weltbekannt wurde. In gewissem Sinne ist ihre Position

marginal, denn sie standen mit dem damaligen Rationalismus,

Sensualismus und dem entstehenden Kritizismus in sehr

merkwürdigem Kontrast. Es ist zu bemerken, dass ihre Ideen

einen sehr starken Einfluss nicht nur auf die deutsche Kultur am

Ende des 18. und am Anfang des 19.Jahrhunderts hatten, sondern

über den Bereich der Philosophie hinaus auch in Religion,

Moral und Ästhetik hinein wirkten. Ihre philosophische Position

kommt dem Skeptizismus recht nahe – es ist kein Zufall, dass die

beiden Philosophen, gemeinsam mit Immanuel Kant, die ersten

deutschen Kenner der skeptischen Lehre David Humes waren.

Aber es wäre verkehrt, ihre Position einfach als skeptisch zu

bezeichnen: Hamann und Jacobi verwenden die skeptische Waffe

zwar häufig und meisterhaft gegen ihre rationalistischen Gegner,

aber genau dort, wo ein Skeptiker dem Menschen das Absolute

Wissen abspricht, stellen die beiden solches Wissen in ihm fest,

im Sinne eines religiösen Glaubens, als eines Vermögens zur

Wahrnehmung des absolut Unbedingten und Übersinnlichen (d.

h. Gottes).

Es gibt auch Unterschiede zwischen den beiden Philosophen:

Hamann ist ein Vertreter der Mystik, Jacobi ist ein Realist -

jedenfalls behauptet er das von sich selbst, wobei er Hamanns

Position höher einschätzt als seine eigene. Der skeptische Akzent

tritt in Jacobis Philosophie viel stärker hervor als bei Hamann,

der eher als Prophet der Offenbarung und Poet der göttlichen

Dämonie wirkt.

Warum soll man ihre Schriften heute lesen? Was bringen uns

ihre Ideen gegenwärtig? Das Interesse ihrer Gedanken besteht

nicht nur darin, dass sie eine bestimmte historische Form der

Philosophie darstellen, die man kennen kann oder auch nicht,

sondern es wurzelt, meiner Meinung nach, im derzeitigen

Zustand der Philosophie und des geistigen Lebens in Russland.

Schon lange vor dem Zerfall der Sowjetunion und dem

Untergang der damaligen Ideologie – etwa seit Ende der 60er

Jahre – befand sich die Philosophie (sowie die Kunst und die

Wissenschaft) in Russland in einer ähnlichen Situation, wie die

Wissenschaften am Anfang der Renaissance: sie kämpften um

sich selbst und ihren Urgrund, um sich unabhängig von jeder

Ideologie weiterentwickeln zu können. Die Kräfte, welche diese

Bewegung inspirierten, scheinen jetzt erschöpft zu sein, man

spürt im Geistesleben zunehmende Stagnation. Da gilt es, tiefere

Kräfte zu erwecken und sie im Leben wirken zu lassen.

Kein Wunder, dass gerade in Russland (wo durch eine

zunächst sehr brutal und späterhin systematisch durchgeführte

Einpflanzung klerikal-politischer Weltanschauungen, wie

offiziellem Atheismus und Materialismus, die religiösen Gefühle

der Menschen fast siebzig Jahre lang unterdrückt wurden) nach

dem Zerfall der UdSSR ein heißer und beinah fanatischer Drang

nach Religion entstand. Aber das Erbe der materialistischen

Eschatologie der „Schönen Zukunft“ schleppen die Völker

der Ex-Sowjetunion mit sich weiter. In Russland gibt es einen

Spruch: „Ein Heiliger Ort bleibt nie leer“ und genau dort, wo in

Sowjetmenschen die Hoffnung an die kommende gute Zukunft

allgemeiner Gerechtigkeit lebte, herrscht jetzt heftiger Kampf

oder Apathie, ein unaufhörliches Tasten eines Blinden oder

eines Schlafenden im Dunkeln geistiger Nacht. Der Stachel

der Zweifel drängt immer tiefer in das Weiche des Gemüts, er

wühlt darin wie ein bissiger Hund und trifft auf nichts, was ihm

Widerstand leisten könnte, keinen kräftigen und festen Kern.

Daraus entsteht ständige Unruhe, die kein Ende nimmt, bis

der Mensch innerlich und äußerlich vollkommen entleert und

kraftlos ist. Damit will ich einen meiner Meinung nach sehr

wichtigen Zug der menschlichen Seele im Russland der letzten

Jahrzehnte unterstreichen, wobei ich weiß, dass ich damit nichts

Neues oder Unbekanntes sage. Das ist auch nicht verwunderlich,

DRAMA SLAM

So wird es voraussichtlich schon im Frühjahr 2008 auf

Initiative des russischen Literaturblattes Cas Slova die

erste Drama Slam mit neuen Regeln auf russisch in

St.Petersburg geben. Die Grundstruktur der Drama-

Slam ist so einfach und unterhaltsam, dass sie in allen

Sprachen der Welt aufgeführt werden kann und gilt für

internationale Kooperationen als Open Source Format.

Für weitere deutschsprachige Drama-Slams würde sich

Jimi Lend freuen zumindest als Teilnehmer eingeladen

zu werden. Alles in allem freute es die Dichter ihre Texte

in den Mündern & Körpern echter Schauspieler wieder

zu finden, die Schauspieler genossen die Gelegenheit

alle 10 Minuten in neue Rollen zu schlüpfen und wurden

zu darstellerischen Höchstleistungen bewegt und das

Publikum erlebte einen abwechslungsreichen Abend und

nützte seine Möglichkeiten sich an der Beschreibung und

Bewertung des Dargebrachten zu beteiligen. Für einen

reibungslosen Ablauf sorgte die unvergesslich strenge und

schlagfertige Notarin Andrea Kramer.

wolfgang lampl - jimi lend - 0650 771 4508

Next DRAMA-SLAM im April 2008!!!

Text zur Gerngrosssäule 2000

denn wir haben über mehrere Generationen hinweg verlernt,

in uns ein Selbstgefühl und somit auch einen Selbstglauben

im höheren Sinne zu erkennen (gemeint ist damit nicht jenes

‘Selbstgefühl’, das uns das Naturrecht zuschreibt und auf dem

jeder Absolutismus und Totalitarismus, aber auch Liberalismus

beruht – gerade davon sind die heutigen Russen innerlich erfüllt

und durchleben alle Modifikationen des Egoismus). Ein höherer

Glaube an das Geistige soll erst noch in uns selbst erweckt und

begrifflich geklärt werden.

Hinter dem Vorhang des

schönen Anscheins.

Eine Stunde

vor Mitternacht

vereinbare ich ein

Treffen mit ManfreDu

Schu im Nachtasyl in

der Stumpergasse, um

über sein Kunstwollen

zu sprechen. Auf dem

Weg dorthin schneit

es wie im tiefsten

Winter.

Andreas F. Lindermayr,

Chronist

„Die Ausstellung im Refektorium des

Heiligenkreuzerhofs“, denke ich, „sitzt

noch vielen in den Knochen, die Sache

wäre eigentlich noch brühwarm. In

Gerngross Namen, gehen wirs an!“

Vorsichtig taste ich mich die breite, relativ

steile Treppe hinunter in das Nachtasyl.

Muffige Kelleratmosphäre umfängt mich

bei Betreten des Lokals. Ich gehe durch,

bis zur Ausschank, wo ich diesen seltsamen

Doktor Darcula vermutlich treffen werde.

Und so ist es auch.

Er hat bereits ein Achterl Rot bestellt. Ich

werfe einen Blick auf seine Erscheinung:

zu seiner üblichen Stresemann-Hose trägt

er einen Wintermantel mit Pelzkragen,

unterhalb davon das unvermeidliche

Signum seiner Künstlerwürde, einen

merkwürdigen Brustlatz, der an ein Ding

erinnert, wie Franz Liszt eines getragen

hat.

Die Begrüßung ist wie immer herzlich.

Wir ziehen uns nach kurzem

Wortwechsel zurück auf das Podium

im Eingangsbereich, wo ein großer

Tisch steht. Daran nehmen wir im

Dämmerschein platz.

Ich eröffne die Sitzung, indem ich

den Maestro, ganz wie Roland Reiter,

behutsam mit seiner erwachenden

Sexualtität konfrontiere.

Im Unterschied zu Roland Reiter jedoch,

zieht ManfreDu Schu keine scharfe

Trennungslinie zwischen Sex und Kunst.

Ich erwähne, daß seine Silikonskulpturen

zum Teil eine frappante Ähnlichkeit zum

männlichen Geschlechtsteil aufweisen.

ManfreDu nickt und ergänzt. „Aber auch

zum weiblichen!“

„Zum weiblichen?“ Nun lasse ich

vor meinem inneren Auge einige

Assoziationen dazu Revue passieren

und erkenne die Analogie. Klar,

im Männlichen ist ansatzweise ein

Weibliches und umgekehrt. Sonst

müßten ja Hermaphroditismus und

Geschlechtsumwandlungen, die es ja

offensichtlich beständig irgendwie gibt,

gänzlich unmöglich sein. Schon die

Sexualtheorie Sigmund Freuds bestätigt

diese Tatsache.

Nachdem ich über meine Ministrantenzeit

und die Eigenheiten der zwei Pfarrer, die

ich im Wesentlichen hatte, berichte, stelle

ich ManfreDu die Frage, wie das bei den

Wiener Sängerknaben so war.

„Ungezwungen“, antwortet Maestro Schu.

„Wir haben uns da wenig gedacht, jeder

hat bei Gelegenheit hergezeigt, was er so

zu bieten hat. Das war stets ein lustiges

Geblödel. Aber ich hab mich gewundert,

daß das Ding zwischen den Beinen

unterschiedliche Größen aufweist. Ich

hätte in meiner Naivität geschworen, daß

Roland Reiter

das bei allen gleich ist“.

Ich muß unweigerlich lachen. „So kommt

man langsam dahinter, was es da für

himmelschreiende Differenzen gibt,

was?!“

„Genau!“, antwortet der Meister und

schmunzelt.

„Der Film, wo du mich über das Parkett

im Prälatentrakt kickst, heißt wie? Doktor

Skalpell?“

„Nein“. ManfreDu lächelt und sagt „Wär

aber auch eine Möglichkeit „ und fügt mit

ernster Miene hinzu, „da müßten wir aber

noch weiterarbeiten. Hart. Der Film heißt

übrigens Dr. Sculpture.“

„Dr. Sculpture? Du meinst wohl Doktor

Skulptur?“

Seltsam, denke ich mir, schon wieder

ein Gegensatzpaar. Einerseits das

Aktionistische des via Fußtritte über das

Parkett Beförderns, andererseits das

Befördertwerden und der Körper als

Bildwerk.

Nun gehe ich auf seine Exponate

im Einzelnen ein, und beginne mit

der Installation im Mittelteil, dem

Baugerüst mit der amorphen, rosaroten

Silikonmasse, die sich darunter hinzieht.

Irgendwo prangt Haar inform einer

Perücke. Ich erzähle von Eindrücken

einer Wohngemeinschaft in den

Achtzigerjahren. Von den ekeligen

❶ ❷ ❸

• Meine Tante Andrée ist mit der EAPPI nach Palästina geflogen, (photo 1 Tante vor dem Haus)

• um Oliven zu pflücken (photo 2 olives on ground)

• und um den Frieden zu fördern. (photo 3 Frau im Baum)

Ich bin Französin, wohne in Wien und liebe ST/A/R Menschen (photo 4)


ManfreDu Schu

feuchten Wattebauschen, die sich

da beständig am Waschbecken

ansammelten, weil unsere gute

Mitbewohnerin es nicht der Mühe für

Wert befand, diese gleich zu entsorgen.

Oder an ein achtlos zurückgelassenes

Präservativ irgendwo, irgendwann und

komme zurück auf die Ausstellung mit

den merkwürdigen Zeichnungen an der

Wand, mit dieser eingenartigen Chiffre,

einer Chiffre, die sich auf die Beine

macht, könnte man meinen.

Und indem ich darauf verweise, entfährt

ManfreDu Schu die Frage: „Das fällt

dir auf? Tatsächlich? Das wundert mich

aber!“

„Wieso nicht!? Ich müßte ja ein totaler

Ignorant sein, wenn mir diese Dinge nach

siebzehnjähriger Freundschaft nicht doch

langsam in jeder Hinsicht merkwürdig

erschienen! Übrigens, vor siebzehn

Jahren haben wir uns kennengelernt. Wir

haben uns damals über die Vermittlung

von Bertl Theuretzbacher im Cafe´

Museum getroffen. Ich habe einen

Artikel über dich geschrieben, der im

damaligen WUK-Blatt „Werk und Kultur“

veröffentlicht wurde.

„Kannst dich erinnern?“

ManfreDu Schu nickt. Dann zeigt er mir

am mitgeführten Laptop Photos, die er

von mir am Josefsplatz im Umfeld der

Nationalbibliothek gemacht hat.

Daß Kleidung nicht nur einer Hülle

entspricht, die auf den Träger verweist,

wie in exponierten Fällen, sondern meist

dazu dient, den wahren Sachverhalt zu

verhüllen, - wie die Umgangssprache den

eigentlichen Gedanken, so Wittgenstein -,

damit sind wir durchaus einer Meinung.❑

Theatre and/ in War

Theatre and/ in War was one of the three

main topics at the second large meeting of

the European off network EON in Brescia in

May 2007.

A lecture and two half days discussion possibility

were taken into account for the panel.

From a significant bad situation – Zoe from

Belgrade who should hold the main lecture

did not get her visa and could not enter

to Italy - an unexpected and surprising

solution resulted. Spontaneously theatre

activists from current crisis regions like the

Gaza strip AND Israel, from the Kosovo AND

Serbia AND Croatia and further countries,

which were involved into the Balkans conflict,

showed short video and DVD cut-outs

from their work.

War and post-war realities in the former

Yugoslav area were there on the stage to

see partially aesthetically strongly reserved

and ‘verfremdet’, partially realistically

oversubscribed. From a production from

Croatia a sequence originates over the brutal

murder of babies in a serial dance taking

from the buggy in such a smooth way,

that the horrible act of violence remains

unbelievable as origin of the scene, while

in a Kosovarian improvisation a young actress

was hardly to look rooting/digging in

a large lump raw meat, while telling a rape

with deepness of existential emotion.

Theatre seems to be in the Balkans area

ST/A/R-

Alltag

Wir arbeiten an der neuen Nummer, besonders

an unseren glorreichen Beiträgen zum France-

ST/A/R, einem Durcheinander von Werbung für

Petits Fours, Architektur, Kino und ein paar schrägen

Performances mit Photos im Stil Gala für Arme... super!

Wir kommen ins Büro, der Artdirektor ist noch

nicht da. Telefonalarm: Er meint, er hätte ein bisschen

viel geraucht, will erstmal frühstücken. Im Büro hechelt

ein schwarzer Windhund, während ein unbekannter

Dichter darauf wartet, dass der Herausgeber

vor den Vorhang tritt (dahinter steht sein Bett, er

schläft noch, bzw. er zelebriert sein Leben). Sein Sohn

–etwa 25, blond, Frauenschwarm- macht inzwischen

Liegestütze auf dem ST/A/R Printmediumsarchiv, das

er seinerseits derzeit als Wohnraum nutzt. Er steckt

unseren USB-Stick ein, weil er ihn für ein Feuerzeug

hält und baut eine Tüte im Altarraum, d.h. der ehemaligen

Toilette. Wenige Stunden später machen wir

uns an die Arbeit, eilig, am Abend gibt es eine Sitzung

der „Gegenredaktion“ des kommenden „Kunst-

ST/A/Rs“, dessen Herausgeber seit der Umwidmung

der Redaktionstoilette aus gesundheitlichen Gründen

lieber in seiner eigenen Wohnung arbeitet und pinkelt.

Die letzten Tage vor dem Erscheinen: der Herausgeber

besetzt den Platz neben dem Artdirektor nun ständig.

Manchmal geht er auf Toilette. Wer dann sitzt gewinnt:

nur nicht mehr aufstehen: wer auf dem Stuhl

sitzt, kann den Artdirektor dieselbe Seite fünfzehn

Mal anfangen lassen, basteln und kleben, an einem

Wettbewerb um die schlimmste Idee teilnehmen und

am Ende glauben, die Arbeit selbst erledigt zu haben.

Das Geld für die nächste Ausgabe ist ohnehin

nicht da, also drängt es, Kaffee zu kochen und den

Altartoilettenraum weiter zu bemalen. Überhaupt

tut Reorganisation der räumlichen Gegebenheiten

Not: Zeitungsstapel werden halbmeterweise verschoben

und die Wände mit Archiquanten und mit

Kunstwerken aus der Zeit der letzten ST/A/R-Aktion

verdeckt und verschönert. Der Kassier fordert mehr

Nacktbilder für die Dezemberausgabe.

Unfunktionalität hat System, bald wird eine

neue Waschmaschine geliefert, der Schlauch zum

Waschbecken reisst, der Jungste Sohn des Herausgebers

erscheint, er geht noch nicht zur Schule kann aber

schon prachtvoll Wände bemalen (siehe Seite 64), alles

im Fluss, na also, frohe Weihnachten!

Alles ist gut!

- related

to the conflicts

of the

recent past

- a symbolic

experience

area, in

which the

traumata

of the experienced

can remove

the taboo

from and

Sabine Köck

be through-lived in www.freietheater.at

the representation

of Catharsis. And this concept seemed to

be accepted all conflict sides of the various

crisis region, anyhow all productions

of those, which participated from Croatia,

Bosnia, Serbia and Kosovo in the EON

meeting. All sequences from the area were

related to tragedy and or the concept of

Catharsis played more or less with elements

of pathos.

A group of young Serbian women analyzed

this fundamentally critically: in their eyes

theatre is a possibility of symbolising but

overloaded of reality and could be completely

not more than a “discourse” but

never a possibility for the knowledge of

reality of the war.

So in Brescia a “third space” was developed

outside of the war reality and crisis areas

and all, which were thereby, felt the explosiveness

and responsibility for the situation.

For all of us it is an aim and certain a wish

by heart to find possibilities to continue this

sensible dialogs.

On a very practical level we hope meanwhile

that the European Off Network EON

can be a part of empowerment not only

for open dialogues but also to open the

Shengen boarders for all this open, wide,

complex and cosmopolitan thinking artists

to get the possibility to come into a real

dialogue with each other and with several

foreign audiences.


70 ST/A/R

Buch IX - STAR-book

Nr. 16/2007

Foto: Andrej Rudjev / St. Petersburg im MUMOK

Multimediale Kulturvernetzung Multimedia

RON VENEZOLANO

Unsere Rum-Ladies aus Venezuela

Polke

Aus der Tasche gezogen

ST/A/R-Redaktion:

Hentz, Gerngross, Tolstoj

Chaos Marcel Houf

Andrej Rudjev, Christian Xell

Fotos: Starredaktion


Nr. 16/2007

Buch IX - STAR-book ST/A/R 71

Naked poetry

Felix Strasser

Hermagor - Moskau

In der Spielzeit 2005-2006 Engagement am

«KONCEPTUALNYJ TEATR KIRILLA GANINA» in

Moskau (Russland). Hauptrollen in: «19 Zentimeter»

(nach N. Gogol «Die Nase») – Kollegienassessor

Kovaljov; «Russian Language for Bastards and

Bimbos» (V. Jaremenko-Tolstoj) – Pasquale; «Abende

antifaschistischer Pornographie» (K. Ganin, H.

van der Klejm) – amerikanischer Soldat, Carla del

Ponte; «Adam & Eva» (K. Ganin) – Adam; «Naked

VIPs» (K. Ganin, verbatim) – dt. Journalist Günther

Heidelfrucht; «Die Lolitchenfabrik» (K. Ganin) – Joob

van der Huj; «Alye Parusa» (nach A. Grin) – Kapitän

Grej.

Mehrere Soloauftritte in verschiedenen Moskauer

Klubs und Galerien (u.a. im Michail-Bulgakov-

Museum) und am Wiener Pygmalion-Theater mit

10minütigen Plotmontagen aus Flugzetteln und

russischer Nationalliteratur Zyklus «GENOSSE

AUSLÄNDER»).

!

Felix und

seine

russische

Frau Julia

Marita

Muukkonen

small-

Stodolsky

Tolstoj

Naked poet Ivor Stodolsky in Lettland,

www.naked-naked.net

Le Monde Nu

Le Nouveau Masturbateur

DU




PERESTROIKA IN CINEMA




PERESTROIKA–AJAN ELOKUVIA





‘THE GLASNOST’ COLLECTION EXHIBITION




GLASNOSTIN AJAN SANOMALEHTIÄ –

NÄYTTE LY





A special issue of this internationally recognised

journal dedicated to the wider questions

raised by the Aleksanteri Fora. Journal 08/08 will

be published in Spring 2008.




Lehden teemanumero 08/08 keskittyy Aleksanteri

Kulttuurifoorumin nostamiin laajempiin

kysymyksiin. Lehti ilmestyy keväällä 2008.




Big-

Stodolsky



All visitors of the Cultural Fora will receive a

free FORA NEWSPAPER “The Raw, The Cooked

And The Packaged”, which will announce the

full conference programme, the film schedule,

and further detailed information. It also will

Or was it a

serve as a notebook and re-configurable exhibition-catalogue.

the former Soviet sphere, the so-called West

counter-revolution? What is its legacy today in


and in areas once known as “non-aligned”? Is it


time for another perestroika?


Against this wide canvas of questions, the Finnish

capital is hosting a series of events dedicated

to perestroika: its history, legacy and the



KIASMA

impulses it may give to the future.

Kulttuurifoorumin tapahtumissa jaetaan ilmaista

FOORUMIN SANOMALEHTEÄ ”Raaka,

Käsitelty Ja Paketoitu”,


Helsinki

jossa on konferenssin

ohjelma, Orionin elokuvaohjelma sekä tarkempaa

tietoa muista tapahtumista. Sanomalehti

toimii myös muistikirjana sekä uudelleen muotoiltavana

näyttelykatalogina.

Vai oliko

se vastavallankumous? Mikä on sen tämän

Projektia ovat tukeneet Pohjoismainen kulttuurirahasto,

Näyttelyvaihtokeskus FRAME ja Poh-

niin kutsutussa lännessä ja alueilla, jotka

hetkinen perintö entisellä Neuvostoalueella,

joismainen kulttuuripiste.

tunnettiin joskus ”sitoutumattomina”? Onko

uuden perestroikan aika?


Näihin laajoihin kysymyksiin liittyen Helsin-


gissä järjestetään tapahtumien sarja, joka


on omistettu


perestroikalle:

sen

historialle,

perinnölle ja

impulsseille,

joita se voisi

antaa tulevaisuuden

kehityskuluille.

le Kulturvernetzung Multimediale Kulturvernetzung Multimediale Kulturvernetzung Multimediale

Multimediale Kulturvernetzung

Gründung des

Gründerväter:

Österreichischen

Filmemachvereins 1/2/3

Dipl.

Statuten des Vereins

„Österreichischer Filmemachverein 1/2/3“

Name und Sitz des Vereins

§ 1. (1) Der Verein führt den Namen

„Österreichischer Filmemachverein 1/2/3“.

(2) Der Verein hat seinen Sitz in Wien. Seine Tätigkeit erstreckt sich

auf Österreich und den Rest der Welt.

(3) Die Errichtung von Zweigvereinen ist nicht beabsichtigt.

Zweck des Vereins

§ 2. Der Verein verfolgt ausschließlich gemeinnützige Zwecke. Er ist

nicht auf Gewinn ausgerichtet und verfolgt folgende Ziele:

1.1. FILMEMACHEN: Machen von Filmen aller Art.

1.2. ORGANISIEREN DES UMRAUMES: Organisation von

Kulturaktivitäten für live-Performance und das Filmemachen.

1.3. VERBREITUNG DER FILME: Vernetzung und multimediale

Verbreitung von Kulturaktivitäten.

1.4. PERSÖNLICHES KENNENLERNEN DER FILMAKTIVISTEN:

Organisation von Film- und Videoaustauschbasen und Errichtung

einer Internetplattform für unmittelbares Geschehen.

1.5. NACHWUCHSARBEIT: Gründung eines Fonds zur

Unterstützung und Ausbildung von jungen Filmschaffenden,

Drehbuchautoren, Performern und anderen Kunstschaffenden.

Wichtig!

Ing. Heidulf Gerngross

Eigelb

filmemach@gmx.at

Eich

ÖsterrEi

ÖsterrEichischer FilmemachVerEin

Ei

chis

cher Fil

isch

1/2

1

1/2/3 /3 ©

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Filme

mema

©

seit 2007

Dr. Phil. Wladimir Jaremenko-Tolstoj

Ei


72 ST/A/R

Fotos: Archiv Valie Airport

Buch IX - STAR-book

Nr. 16/2007

LITERATURMYSTERIUM

Der Literat

Günther Arno Geiger -

Gründer der „Wienzeile“ macht weiter

TOT ODER LEBENDIG

WIENZEILE

Der letzte Rebell im Karl-Marx-Hof

„WIENZEILE“

Supranationales Magazin für Literatur, Kunst und Politik

blieben!

Die Kulturarbeit stagniert, man ist voll mit Tarnen und Täuschen beschäftigt!

Nachdem Ende April 2007 mittels einer putschartigen Aktion der Gründer

des VIZA-Literaturförderungsvereins, Günther Geiger

(von dem auch Idee und Konzept für die Literaturzeitschrift Wienzeile stammen)

aus dem Vereinsvorstand ausgeschlossen wurde,

ist bei VIZA Edit vieles anders geworden.

Geiger wurde in weiterer Folge sogar gänzlich aus dem Verein verbannt,

ein Schicksal, welches inzwischen viele kritische „Ehemalige“ mit ihm teilen.

Die neuen Herren des Vereins wollen ungestört sein in ihrem Tun!

So kam es, dass die der Vereinsarbeit im Jahre 2007 zugedachten

Subventionsgelder mysteriös versickerten, dass unter anderem

Druckereirechnungen und Honorare für bereits geleistete Arbeiten unbezahlt

WIR ABER MACHEN WEITER!

Mit einem neuen Verein und den „alten“ WIENZEILEN!

Das Heft Nummer 51 ist in Vorbereitung!

(Eigentlich ist’s so gut wie fertig, wir müssen halt die

erforderlichen Gelder neuerlich auftreiben ...)

__________________________

Für den Inhalt verantwortlich:

Redaktionskollektiv wienzeile

Wien 19, Heiligenstädter Straße 84, Karl-Marx-Hof

Telefon 0660 257 00 71

HYPERLINK “mailto:guenther_geiger@gmx.net” guenther_geiger@gmx.net


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch X - WARAN * back from Egypt ST/A/R 73

Mut zum Stillstand

Kunst

ma

höfn

Fotos by:


74 ST/A/R

Buch X - WARAN * back from Egypt Nr. 16/2007

Das schönste Wort

der Welt ist Du


Nr. 16/2007 Buch X - WARAN * back from Egypt

ST/A/R 75

Ich lebe meine Biographie, die ich mir selber geschrieben habe. Es ist eigentlich

ein Liebesroman. In jede Frau, die erscheint, verliebe ich mich unsterblich

- aber wenn ich in den Spiegel schaue weiß ich - das wird wieder ein

one-night-stand..

let it happen. - ihr seid’s ja alles Deppen.


Städteplanung

Luck

/ Architektur

is fuck

/ Religion

in a truck.

Buch X - WARAN * back from Egypt ST/A/R 77


78 ST/A/R

Buch X - WARAN * back from Egypt Nr. 16/2007

FARBENGÖNNER

Herbert Brandl

Dr. Waran Eisenberger goes Egypt

darf ich sie zu dir sagen, oder soll

ich vorher fragen?. es gibt keine

zweifel. dein hirn ist eine festung.

was macht die baustelle? ich wußte

das die zweifler verlieren. i knew

the doubters will loose. ich habe

gefoltert und getötet, um das system

zu verlassen, in dem ich geboren

wurde. ich werde auch weiterhin

töten und foltern. as long as

the fuckers try to understand my

brain. an eurer stelle würde ich

auch in den krieg ziehen und eine

atombombe ins pentagon zu werfen

versuchen. stop brainwashing. eure

gute laune kotzt mich an.

sie haben heute einen einser BMW gewonnen.

big muschi is blowing you


Nr. 16/2007 Buch X - WARAN * back from Egypt

ST/A/R 79

fly rainbow

flyrainbow.at


80 ST/A/R

Buch X - WARAN * back from Egypt Nr. 16/2007

5 Minuten bevor du

stirbst wirst du zum

Katholiken

Fuenf Minuten bevor du stirbst

wirst du zum Katholiken oder du

lernst daS RAUMALPHABET


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch XI - AUTO-STAR ST/A/R 81

Foto: Timo Völker

Der Künstler

David Staretz

schreibt, redigiert und fotografiert den Auto-ST/A/R

David Staretz erholt sich vom

Jeepfahren in der Sahara


82 ST/A/R

Buch XI - AUTO-STAR

Nr. 16/2007

Fotos: Andrea Baczynsky

David Staretz

Nervoese Maschinen

Atelier & Gallery

AREA 53

Gumpendorferstraße 53

Finissage

am Donnerstag

10.01.2008

um 19 Uhr

Kurator: Heidulf Gerngross

Ausstellungsdauer

13.12.07 bis 11.1.08


Nr. 16/2007

Buch XI - AUTO-STAR ST/A/R 83

Mit dem Mercedes-Benz CLK 63 AMG Black Series an

die Cote d’Azur. Im Beifahrer-Schalensitz: Viktoriya.

WIE DER BAGGER VON

IHREM

SCHWAGER


Städteplanung / Architektur / Religion Buch XI - AUTO-STAR

ST/A/R 85

Sentimentales Reisen:

Mit 507 PS nach Monte Carlo schnüren,

um einer schönen Frau den Wagenschlag

zu öffnen.

Wenn man versucht, das Potenzial dieser

unglaublichen 6,3-Liter-Granate wirklich

auszuloten, dann geht es nicht ums bloße

Angasen, sondern um das Gesamtkunstwerk Autofahren

– um das Balancieren zwischen den Welten, um Reisen

und Erfahren. Diese Performance, dieses Standing, diese

massive, kontrollierte Überdrehtheit des AMG, all das ruft

nach einer aufregenden Küstenstrecke, nach Corniche und

Col de Turini, nach Tunnels und Brücken und des Meeres

Türkis in allen Tönen, das ruft nach Yachthafen, Café de

Paris und den großen Boulevards von Nizza, Cannes und

Menton. Parken in zweiter Spur vor dem Café Senequier

in St. Tropez. Danach: Gepflegtes Ausrollen im Yachthafen

von Monte Carlo.

*

Keiner versteht das Leben so gut wie junge Russinnen.

Sie kommen aus robusten Verhältnissen, Plattenbau und

Strümpfestopfen, auf hohen Absätzen stöckeln sie über

geborstene Pfade. Leben in der Warteschlange, aber immer

Sinn für Spaß und Unfug.

Kaum auf der bunten Seite angelangt, wissen sie sofort,

worauf es ankommt: Wo man angesagterweise hingeht,

was man trägt, was man bestellt, wo man einkauft, kurz:

wie man das Leben in seiner Höchstform betreibt. Ihr

Staunen ist gering, ihre Anmut unendlich.

Viktoriya aus Novosibirsk ist noch um einiges cleverer:

Als Bibliothekarin geprüft, zur Olympiaschwimmerin

trainiert, mit Kalaschnikow vertraut, aber als

Lebensmittelkontrollorin ausgebildet. Zartes

Zauberpferdchen, doch zäh und immer guten Mutes.

Wacht morgens lächelnd auf, ist für alles zu haben. Zum

Beispiel: Eine Reise an die Cote D‘Azur. Dafür würde sie

auch klaglos in den Linienbus steigen, aber sie nimmt es

genauso gelassen hin, wenn ich vorschlage:

„Wir fahren mit einem Mercedes.“

„Mercedes? Klar, warum nicht. Hat er MP3-Player?“

„CLK. Ist ein eher kleines Modell“.

„Charascho. Aber MP3?“

„Die Sitzschalen lassen sich nicht umlegen.“

„Wozu auch? Ich denke, wir wollen fahren und hören dazu

Musik?“

„Er kostet soviel Geld, dass mir schlecht wird“.

„Du Armer. Komm, lass dich trösten“.

„507 PS“.

„Wie der Bagger von meinem Schwager“.

„Er heißt CLK 63 AMG Black Series.“

„Wir werden es nie-man-dem verraten, nur meinen drei

besten Freundinnen“.

„Er hat MP3-Player“.

„Toll. Wann fahren wir los?“

Wie ein Induktionsmagnet scannt der Wagen die Schleifen

ab, zügig, schlüssig, präzis, und auf Abruf rasend

schnell. Er liebt es, nach Kurven zu schnüffeln, um sie zu

delikaten Radien zu dehnen. In den Sitzschalen wirken die

Fliehkräfte wie ausgelagert, lediglich vorhanden, um den

Reiz zu steigern. Im Schulterschluß mit dem perfekten

Fahrwerk, unterfeuert von 507 PS, vollzieht sich das

Fahren wie ein Akt höheren Fühlens und Handelns: Als

wäre man so toll, wie das Auto vorgibt. Links das Meer

rechts die Felsen, dann und wann ein Tunnel – so versteht

sich wie Welt als Abfolge von Hell und Dunkel, von Reiz

und Reflex, immer kalt abgefedert, während Viktoriya die

italienischen, französischen und monegassischen Sender

durchprobiert. Schließlich scrollt sie Regina Spektor ins

Soundsystem, eine junge Moskoviterin, die in New York

erfolgreich wurde:

Hey remember that time when I would only smoke Parliaments

Hey remember that time when I would only smoke Marlboros

Hey remember that time when I would only smoke Camels

Hey remember that time when I was broke

I didn‘t care I just bummed from my friends

Bum, bum, bum, bum, bum...

*

Viktoriya: „507 PS ist eine Menge. Wen willst du

beeindrucken?“

„Äh, niemand. Das ist eben so. Weniger gabs nicht,

jedenfalls nicht mit diesen Schalensitzen. Und die sind

doch hervorragend, oder!“

„Sehr gut. Wenn auch nicht zum Umlegen. Wo sind die

Rücksitze?“

„Eingespart“.

„Machst du Witze? 140.000 Euro und keine Rücksitze?“

„Ja. Und? Willst du vielleicht Autostopper mitnehmen?“

„Sicher nicht. Was drückst du da?“

„Die Fahrwerkseinstellung. C steht für Comfort. Merkst du

den Unterschied?“

„Lieber, wenn hart. Ist ehrlicher, dann wird mir nicht

schlecht.“

„Gut. Dann wieder auf S, wie Sport“.

„Wozu schaltest du Gänge?“

„Nur so, zum Spaß. Kostet nichts. Sieben Gänge. Gut

gegen Langeweile.“

„So, dir ist langweilig mit mir?“

„Nein, nein, keineswegs. Aber ich muss doch herausfinden,

wie sich alles bedienen lässt“.

„Warum. Verkaufen wir das Auto in Monaco?“

„WO DENKST DU HIN, der gehört mir doch nicht“.

„Also haben wir Reingewinn?“

„Nochmals: Das Auto gehört uns

nicht, außerdem…“

„Ich rufe Olja an. Sie kennt Giorgij,

den Bruder von ihrem Exmann. Sein

Schwager Wassili lebt bei Nizza. Er

weiss, wo …“

„Schluss jetzt. Wir fahren ein paar

Tage ans Meer, machen uns eine

schöne Zeit, und dann fahren wir

zurück, und zwar mit diesem Auto

hier“.

Der Ort Finale Ligure. Palmen

spiegeln sich im teuren Schwarz

des AMG, die Luft flimmert wütend

über der heißen Motorhaube. Erstes

Aufatmen nach den ungeheuren

Stadtgedärmen Genuas, vorbei

an Savona und Imperia, diesen

aberwitzigen Touristenfallen, dann

hinein ins geschmeidige Menton,

hinüber ins hochfahrende Monaco

(Aufzüge statt U-Bahnen), durch

das ungebärdige Nizza, kleine Hotels, quirlige Cafés,

und immer wieder die angenehme Überraschung,

hinter den teuren Fassaden auch den lebendigen Alltag

vorzufinden, Bauernmärkte, Selbstbedienungsrestaurants,

erschwingliche Hotelzimmer und kleine Bars.

Ja doch, es gibt eine Welt, in der 507 PS irgendwie passend

erscheinen, hier, wo alles in Saft steht, die üppige Natur,

die grandiose Bauwerk-Verdichtung, wo der Reichtum

auf geradezu rührend alltägliche Art zur Schau gestellt

wird, wo ein Strafzettel hinterm Scheibenwischer eines

schwarzen Enzo steckt und die Millionärin ihren Pudel

über die Reling ihrer Yacht hält, damit er nicht auf den

Perser pisst.

Alles ist prall und überbordend, dicht und generös, alles

spielt in hoher Liga – und mit dem richtigen Instrument

versehen, darf jeder mitmachen. Allerdings nicht vor zehn

Uhr morgens, da achtet der Polizist vor dem Hotel de

Paris noch auf ungestörte Nachtruhe. Mit herrischer Geste

schickt er uns vom Platz. „Toll“, sagt Viktoriya, „hast du

seine Uniform gesehen? Wie ein Admiral!“

*

Der CLK 63 AMG verkörpert unter den AMGs das

schlüssigste Ideal aus hoher Performance, geringer

Masse und kompakter Darstellung: Aufgebaut wie ein

Racer, versehen mit eigens konstruiertem Fahrwerk,

erleichtert durch Kunststoff-Radkästen, Carbonteile,

Entfall der Rücksitzbank. Optisch erinnert er mit seinen

Strahlenfelgen, den ausgestellten Radkästen, dem massiven

Unterkiefer an das F1-PaceCar der Saison 2006. (Das

hatte allerdings nur 481 PS). Die Heckpartie ist von Show-

Diffusoren, Differenzialkühler, Carbon-Abrisskante und

vier Endrohren zerklüftet.

CLK 63 AMG steht für die Aufrecht‘sche Veredelung

nach Art des Hauses Mercedes. Die weiter verfeinerte

Sonderserie Black Series bedeutet eine Tuningedition

innerhalb der ausgereizten Liga: Weitere 26 PS werden

abgerufen. Die Leistungssteigerung auf 373 kW/507 PS

gelang den Ingenieuren dank einer Überarbeitung von

Ansaug- und Abgasanlage. Der Hochdrehzahl-Saugmotor

atmet Frischluft über größer dimensionierte Ansaugwege.

Die neu entwickelte Sport-Abgasanlage mit doppelflutiger

Führung ermöglicht dank befreiter Schalldämpfer einen

geringeren Abgasgegendruck. Das schafft mehr Leistung

und lässt sich auch gut anhören. Der Achtzylinder ist nicht

nur stärker sondern im Antritt agiler geworden.

Erst geht aber vor allem darum, wie das Tier erwacht.

Dieses Freibrüllen, wenn sich der Motor ins Leben schreit.

Ich konnte nie den Startschlüssel absetzen, um dann den gutgemeinten

Startknopf auf der Mittelkonsole zu drücken. Das Durchdrehen des

Schlüssels, diese Ungeduld des Erwachens, das ist der eilige Vollzug, des

Süchtigen Gier aufs Lospreschen.

Brooooarrggh! In den Tunnels schlägt dieses böse Hämmern durch die

Röhre, als müssten noch ein paar Tonnen Gestein fallen.

Die beiden Schalensitze sind hart aber bequem, verbinden

kompromissloses Eingebautsein der Passagiere mit gleichmäßiger

Druckauflage – wir fuhren 1000 Kilometer am Stück, insgesamt

2200 Kilometer, völlig verspannungsfrei. Die vorgegeben aufrechte

Sitzposition zum tief heruntergezogenen Lenkrad schafft Komfort und

Kontrolle in jeder Situation. So sitzen Tourenwagenfahrer. Nachteil:

Der Tachometerbereich zwischen 100 und 200 km/h ist hinterm tiefen

Lenkradkranz verdeckt. Die Polizei hat sicher Verständnis, wenn Sie ihr

das treuherzig genug erklären! Im übrigen ist die Multifunktionsanzeige

auch für Rundenzeitnahme adaptierbar. Die Tachoskala reicht über die

(abgeregelten) 300 km/h hinaus, man muss ja immer mit Rückenwind

bergab rechen.

*

Der CLK als AMG sieht immer wieder verblüffend gut aus, schwarz,

stark, kompakt, mit den leichtgeschmiedeten 9,0 x 19 und 9,5 x 19 -

Strahlenfelgen unter den herausmodellierten Radbacken, um die Pirelli

P Zero Corsa Sportreifen im Format 265/30 R 19 (vorn) und 285/30 R 19

(hinten) unterzubringen

Unglaublich, dass so viel Show-Potenzial im CLK-Design stecken konnte.

Oft werden Fotohandys gezückt, und die beiden Fratelli im offenen

Gallardo bleiben linksspurig auf der Höhe, recken die Daumen, wollen mit

anlassigen Gasstößen ein kleines Rennen provozieren – Autostrada-Racing

zwischen Ventimiglia und Finale Ligure. Höhere Wesen empfehlen:

„Lieber nicht!“. Obwohl das Kräfteverhältnis ja ziemlich ausgewogen wäre.

„Warum machst du kein kleines Rennen mit ihnen?“

„Weil ich so etwas nicht mit Beifahrern an Bord mache. Ich fühle mich für

dich verantwortlich.“

„Willst du nicht wissen, wer schneller ist?“

„Schooon, aber die haben Heimvorteil und ich rase ins Radar, wo sie im

letzten Moment abbremsen ...“

Sie schaut gelangweilt in die Landschaft. Diesen Lauf habe ich offenbar

verloren.

Auch die Yacht-Millionäre in Monte Carlo sind sich nicht zu gut, um ein

lächelndes „Nice car!“ zu spendieren, (allerdings wirken sie dabei etwas

abgelenkt von der lustwandelnden Viktoriya, die ihre Bluse auf russische

Art bis weit über den Bauchnabel hochgezogen hat, um möglichst viel

Sonne zu tanken).

Auf einer italienischen Tankstellenrast verlangt ein Aficionado im Alfa

nach einer Dosis Sound, ich möge doch bitte einmal den Motor im

Leerlauf hochjagen? Er zog sich das Röhren rein wie eine Arie.

*

Es ist nicht leicht, in Monte Carlo, in Nizza oder St. Tropez einen Parkplatz

zu finden. Gut getimtes Parken kann über Schicksale entscheiden,

ich kenne ein Mädchen, die machte genervt Schluss mit ihrer neuen

Bekanntschaft, weil er einfach keinen Parkplatz in der Nähe ihrer

Wohnung finden konnte.

Im CLK AMG kann sowas nicht passieren. Er zählt zu den Autos, vor

denen sich das Blechmeer wundersam öffnet. Egal, ob man auf Budget-

Trip in den Gässchen unterwegs ist oder dem Portier des Casinos den

Autoschlüssel mit neureicher Geste zuwirft – mit diesem Wagen ist man

immer gut angezogen, passend für jede Gelegenheit.

„Im Negresco kann jeder übernachten“, doziere ich meiner skeptischen

Viktoriya, „aber so etwas Romantisches wie dieses versteckte Hotel Azur

in Monte Carlo um 68 Euro die Nacht - das schafft nicht jeder. Das muss

man erst einmal rausfinden“. Sie schweigt, während ich einige Passanten

über die Straße bitte, die sich nicht sehr beeilen wollen. Viktoriya: „Siehst

du? Die Monegassen sind gelassen. Das gefällt mir. So will ich das auch

machen.“ Ich versuche noch eins draufzugeben: „Aber in Nizza gibts nur

Flitzer“. „Und die teure, schlechte Pizza.“

Dann dreht sie wieder Regina Spektor auf:

Hey remember the time when I found a human tooth down on Delancey ...

Hey remember that time we decided to kiss anywhere except the mouth ...

Hey remember that time when my favorite colors were pink and green ...

Hey remember that month when I only ate boxes of tangerines.

So cheap and juicy!, tangerines.

Technische Daten

Motor

Einbaulage

AMG

Mercedes-Benz CLK 63 AMG Black Series

Der Mercedes-Benz CLK, in der Zivilversion maximal 387 PS stark,

wird bei der nunmehr hundertprozentigen Mercedes-Tochter AMG

mit dramatischen 481 PS angeboten. In der abermals getunten, nicht

limitierten Sonderausgabe Black Series versprüht der V8 nunmehr 507

PS, was ihm zu bemerkenswerten Merkmalen verhilft. Erste Hürde aber:

Ein Neuwagenpreis ohne Extras von 141.610, –.

CLK 63 AMG Black Series

V8

vorn längs

Ventile/Nockenwellen

4 pro Zylinder/4

Hubraum 6208 cm 3

kW (PS) bei 1/min 373 (507)/6800

Literleistung

82 PS/Liter

Nm bei 1/min 630/5250

Antriebsart

Der CLK 63 AMG Black Series erhält 11,5 von 12 STAR-STERNEN

Getriebe

Bremsen vorn

Bremsen hinten

Hinterrad

7-Gang-Automatik

360 mm/innenbel./gelocht

330 mm/innenbel./gelocht

Radgröße vorn / hinten 9Jx19 / 9,5x19

Reifen vorn / hinten 265/30R19 / 285/30R19

Reifentyp

Länge/Breite/Höhe

Radstand

Leergewicht/Zuladung

Leistungsgewicht

Tankinhalt

EU-Normverbrauch Ø auf 100 km

RAMP Testverbrauch

Beschleunigung von 0–100 km/h

Höchstgeschwindigkeit

Pirelli Zero Corsa

4657/1833/1365 mm

2715 mm

1760/235 kg

3,5 kg/PS

62 l

15,3 l 98 Oktan

12,8 l 98 Oktan

4,3 s

300 km/h, abgeregelt


86 ST/A/R

Buch XI - AUTO-STAR

Nr. 16/2007

Davids Welt

Lamborghini-Magazin

Konzeptionist, Autor und

Fotograf für eines der

exklusivsten Magazine der

Welt. (Gewinnt gleich mit der

ersten Ausgabe den Hauptpreis

in Gold beim Mercury-Award

und Best of Publishing vor

BMW-, Mini,- Mercedes-

Magazin.)

Autorevue.

Seit 31 Jahren hier beheimatet, teilweise als

Chefredakteur, heute als Autor.

Reisemagazin

Liefert Text und Bild aus

Brasilien, Indien, USA,

Chile, Split, Balaton

und Kambodscha in

bedingungsloser Hingabe

an die charismatische

Chefredakteurin Christina

Dany.

profil

Seit ca. 7 Jahren betreibt

er hier seine teils kritische,

teils witzige Kolumne

AUTODROM.

RAMP

Konzeptionist, Autor und

Fotograf für das Maßstäbe

setzende Auto-Lifestyle-

Magazin aus Deutschland.

Modern Times

Zuletzt: Das große Joe-

Zawinul-Interview.


Nr. 16/2007

Buch XI - AUTO-STAR ST/A/R 87

Nonsens-Kalender 08

David ist Gründungsmitglied.

Ideengeber und Textverantwortlicher

des Vereins zur Verwertung von

Gedankenüberschüssen, der u. a.

das Nonseum Herrnbaumgarten

(eine permanente Nonsens-Erfinder-

Ausstellung) betreibt und jährlich einen

Kalender herausgibt. Der Kalender

08 wurde von David fotografiert und

betextet. NEU: Monate übersichtlich

nach alphabetischer Reihenfolge

geordnet.

David ist verheiratet mit der aus Novosibirsk gebürtigen

Modistin Viktoriya Sitochina (Josefstädter Str. 38).

DAVID

LENK MICH DOCH!

Das Auto in 29 Einzelteilen.

Bei Deuticke Verlag, im

Buchhandel

erhältlich um EURO 14.90.

Bengt-Fallström-Cartoons. Meist in der Autorevue zu sehen.

Designer-

Uhrenkollektion.

Bengt-Fallström-T-Shirts

morgen

Die Niederösterreichische

Kulturzeitung schickte

David zuletzt nach

New York, um dort den

gefeierten Künstler

und Philosophen Paul

Rotterdam zu poträtieren.

NERVÖSE MASCHINEN

Seit zehn jahren baut David seine

kinetischen Objekte, die er in

den Auslagen seines “Kontor

Staretz” oszillieren lässt und in

Galerien ausstellt: Alte Schmiede

Wien, Galerie Paradigma Linz,

Walzenmuseum Guntramsdorf,

und aktuell in AREA 53,

Gumpendorfer Str. 53, noch bis

10. Januar 08.


88 ST/A/R

Buch XI - AUTO-STAR

Nr. 16/2007

Für ST/A/R gefahren in einem Hangar bei Paris: Nissan Mixim Concept Car

X-BOX FÜR ANGEWANDTE

Nissan

Mühsam schält es sich in die Realität: Das momentan bestversicherte Nissan-Unikat scheint von

weither aus einer virtuellen Paralellwelt zu uns durchgedrungen zu sein

TEXT UND FOTOS: DAVID STARETZ

Der Mixim wurde für folgendes Szenario entworfen:

Autofahren, veraltete Technologie

der Fortbewegung, muss künftig um seinen

angestammten Stellenwert bangen. Nissans

Antwort auf eine Zukunft der Konsolen-Racer und

Stubenhocker: Eine geschlossene Medienstation,

die sich per GameController (statt drögem Lenkrad)

und Stealth-Design quasi subversiv als Auto

entpuppt. Damit das nicht zu offenkundig wird,

muss man die virtuelle Ebene so gut wie gar nicht

verlassen, lästige Realität erscheint wie eingespielt

auf dem oberen Teil der Panoramascheibe, deren

unterer Teil sich in dramatischer Computeranimation

auflöst.

Damit weiter keine störenden Einflüsse aufkommen,

wurde Mixim auf rein elektrischer Basis gehalten,

wie das Kabel bezeugt, das zur Steckdose

in diesem leerstehenden Hangar bei Nizza führt,

wo das Concept Car, Star auf Nissans letztem IAA-

Stand, ausgesuchten Medien vorgeführt wird.

Auf drastische Weise führt uns das Schicksal klassische

Schwächen der Antriebsart vor: Ein blöder

Stromausfall gerade jetzt bewirkt, dass der Mixim

nicht aufgeladen werden kann.

Die beiden schlicht “Super Motor” genannten

Antriebseinheiten, je eine für Vorder- und Hinterachse,

stehen still, so lange die Lithium-Ionen-

Batterien keinen Saft bekommen.

Der Wagen, auf Micra-Basis aufgebaut, gefällt inzwischen

durch gekonntes Design, allerdings am

äußeren Rande der Realisierbarkeit (bloß nicht

rechts über die Schulter schauend in Fließverkehr

einordnen müssen!), wie schon die fehlenden

Scheibenwischer verdeutlichen.

Umso dramatischer schwingen auf Knopfdruck

die beiden Flügeltüren auf, ein ewiger, wenig praxishinterfragter

Symbolismus der Moderne.

Ebenso modern wie unpraktisch: Dreiersitze, wobei

der Fahrer eine vorgerückte Zentralposition

innehat. Zwecks erleichtertem Aussteigen lassen

sich Fahrersitz und linker Beifahrersitz zur Tür

Monitor der Rückspiegelkamera

hin schwenken. Das ist alles wunderbar weltfern

und extracool, aber wirklich gelungen find ich die

Heckleuchten wie flüssige Lava.

Nett auch: das allgegenwärtige Rhomben-Thema,

wie man es im Matrix-Lichtbereich und an der

Flanke vorfindet.

Die kühlgraue Lackfarbe unterstreicht einen gewissen

Post-World-Charakter; der Mixim mit seinem

nur aufs Notwendigste klaffenden Visier. Draußen

regnet es. Ratlos stehen wir um das saftlose

Auto herum, es ist alles gesagt. Draußen fährt ein

Lieferwagen vorbei, hoffnungslos veraltete Technologie,

und entschwindet in einer Gischtwolke.

Wir haben Zeit. Die Zukunft kann warten.

David Staretz – leider Stromausfall


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch XII - Kunstmarkt ST/A/R 89

ARSENIK Bischof von Wien

Erste KLOKAPELLE der Welt

1. Klokapelle der Welt von Waran.

1060 Wien, Capistrangasse 2

wird von Bischof Arsenik im Jänner 2008 geweiht.

Karotti alias Karl Rottinger ist der fertigste Hund der Galaxis.

Total ausgeglichen und extrem angespannt. einatmen-ausatmen. und nie agressiv und

zu jedem lieb. der geborene looser.

und jetzt zur florence. blow-flow-no job.

liebe florence

ich werde dich nie lieben, aber heiraten werd ich dich trozdem. du willst mich nur

vergiften mit deinem verseuchten, feuchten, modrigen, morbiden muschigeruch. deine

sexuallität kannst du dir in deine oaschhaare schmieren. das einzige was ich von dir

nicht will ist kohle und kinder. ich hab's jetzt mit herwig getrieben und verstehe jetzt

deine mama. von nun an will ich dich nur mehr umarmen.

omen

mary lu- die mutter aller horrorfilme

die wahrheit ist weiß wie schnee.

wo ist die capistrangasse 2?

WARAN

Silikon vibration


90 ST/A/R Buch XII - Kunstmarkt

Nr. 16/2007

Neue Wienzeile

Christian Schreibmüller

VON A ZU B ZU C

A trifft B, verliebt und sehnt sich.

B hat D und E im Feuer,

alte Eisen, aber gute.

A entbrennt in der Minute,

ist sich selbst nicht mehr geheuer.

Eben kommt da wieder B,

betütelt C und D und E

und holt den A in diese Runde,

drang doch auch zu ihm die Kunde,

A hätt’ sich von ihm erholt.

Jedoch: Da kommt die C ins Spiel.

Die schöne, geniale C,

sie stöhnt so schön das hohe C,

vollendet nun, was B mit A

noch lange nicht gelungen war:

Sie weckt den Gläubigen in ihm

und wird zur Göttin ihm, zum Star.

Indes: Sie wird nicht leicht intim.

Nun, er verliebt sich dionysisch,

eher psychisch noch als physisch.

Doch die Andern, generell,

seh’n die Liebe sexuell.

Sie reden von Französisch, Griechisch.

Das benützt die C und schnell

verscheucht sie A, und das bedrängt ihn,

deprimiert ihn, schlaucht und kränkt ihn.

Selbstmord plant er still zuhaus,

doch geht der kleinste Suizid

sich vom Termin her grad nicht aus.

Jedoch wir ahnen unbewußt:

Auch das ereignet sich mit Lust.

Auch hier funkt immer wieder ´rein

das ausgebuffte Ego-Schwein.

Das läßt uns uns in andren Wesen

finden, und wir saugen, lesen

alles uns aus ihnen raus. --

Und schließlich sind sie ausgelesen.

ВЕНСКИЕ ВИТИЙСТВА -

WIENER SPINNEREIEN

farce vivendi – russische

Bibliothek

ISBN 978-3-902603-00-5

Helden in der

Kulturspieldose

“Wien ist eine bemerkenswerte Stadt,

der man den leichtfüßigen Geist des

Walzers austreiben und an seines schrille

Dissonanzen setzen müsste. Vielleicht

würde sie dann ein wenig von der Tragik

des Alltags verspüren und der Realität

ins Auge blicken.” Eine möglicherweise

schroffe Herangehensweise. Und eine

gnadenlose. Doch was soll ein in den

Traditionen eines Gogols, Dostojewskijs und

Tschechows aufgewachsener Mensch auf

der Suche nach Sinn, Wahrheit, Gültigkeit

sonst empfinden, wenn er erstmals in die

österreichische Hauptstadt kommt als ein

Gefühl der Irrealität und Spielzeughaftigkeit

der Umgebung und Geschehnisse. Als wäre

Wien eine Spieldose aus Stein.

Diesem Umstand trägt das vorliegende

Buch Rechnung, das die Werke der Autoren

und Autorinnen des unter dem Thema

“Russische Kultur in Dispersion” stehenden

Festivals “RUSSIA TODAY. Moskau an der

Donau” (Wien, 2006) vereint.

Das Buch „Wenskie Witijstwa“ beinhaltet

Gedichte, Prosatexte und Dramen der

Teilnehmer am internationalen Festivals

„Russia today. Moskau an der Donau“

(Pygmalion-Theater, Wien, 11.-13. Juni

2006). Mit diesem Band beginnt der

österreichische Verlag „farce vivendi“

eine neue Serie: „farce vivendi – russische

Bibliothek“.

Erschienen bei farce vivendi, Wien-St.Petersburg 2007

www.farcevivendi.at

Herausgeber: Julia Vitoslavski und

Stanislaw Schuljak

Layout: Stanislaw Schuljak

Cover: A. Iljin

INHALT

Gedichte: Alexander Andrijewskij, Larisa

Wolodimerowa, Irina Dudina, melamar (Melanie

Marschnig), Jan Pawlizkij, Wladimir Stokman

Erzählungen: Julia Vitoslavsky, Valentina

Wolodarskaja, Bischof Arsenij (Subakow), Anna

Korol, Igor Smirnow-Ochtin, Sergej Spirichin

Theaterstücke: Alexander Obraszow, Stanislaw

Schuljak, Wladimir Jaremenko-Tolstoj

Nachwort: Stanislaw Schuljak

Wiener Anarchistin Valie

Airport und ihr Projekt

„Farce Vivendi“

DRAMA X

Oxana Filippova/ Wladimir Jaremenko-Tolstoj

farce vivendi – russische Bibliothek

ISBN 978-3-902603-01-2

Dieser Band enthält das Stück „Uroki russkogo jasyka – Russisch-Lektionen“ von Wladimir Jaremeko-

Tolstoj, das bei dem Theaterfestival „Ljubimowka-2004“ mit dem ersten Preis ausgezeichnet und 2006

im konzeptuellen Theater von Kirill Ganin im Moskau aufgeführt wurde. Das Stück wurde vom Johann

Beckmann Institut, Helsinki als Lehrbuch für westeuropäische Philologen und Slawisten herausgegeben.

Das Stück „Alle Menschen sind Schwestern“ von Oxana Filippova erhielt 2006 den ersten Preis des vom

Wiener Amerlinghaus organisierten Literaturwettbewerbes „Schreiben zwischen den Kulturen“ und

erschien in deutscher Sprache wird den Neid der Brüder Presnjakow, Durnenkow und Strugazki auf sich

ziehen.

Der Band enthält 14 weitere Stücke, Etüden und Synopsen für Theater, Film und Fernsehen.

Drama X markiert einen neuen Trend in der zeitgenössischen Dramaturgie geprägt durch die Suche nach

neuen, nicht standardisierten literarischen Formen und lebenden Bildern, künstlerische Provokationen,

zeitgeistigem ästhetischen Schliff und gediegene Textqualität.

Erschienen bei farce vivendi, Wien-St.Petersburg 2007

www.farcevivendi.at

Herausgeber: Valie Göschl

Lektorat & Layout: Maxim Schwez

Coverbild: Marina Jasytschenko

Druck: Renome/St. Petersburg

Gedicht von Theresa Stieböck

Ist das Wesen andrer Wesen

und das Scheitern ihres Planes

nicht der Stoff eines Romanes?

Halt: Da liegt er schon: ´s ist B.

Auch ihn stört, daß ihn diese C

verlassen hat, die offenbar

recht lange seine Flamme war.

our man in St. Petersburg

Sie fordert Anteil am Besitz,

agiert noch immer wie der Blitz,

sobald es gilt, ihm was zu nehmen,

will für Freundschaft Tantiemen.

A will weg von B und C

und angelt sich die stille D.

Doch B entführt der D den A,

wodurch die C, die lang nicht spitz,

sich plötzlich int´ressiert für A.

Und schließlich finden alle drei,

ja vier einander, dideldei!

So könnt´ es geh’n. Naja: Beinah’!

Doch läuft es meistens höllisch anders.

Denn da redet eine Schar

von Psychos mit und Lilo Wanders.

“Aufgeschlossen” wie sonst nie

vernichten sie die Utopie,

denn dieses Dauerrisiko,

das wollen wenige sich geben,

reih´n sich lieber zwo und zwo

und leben wie halt alle leben.

Christian Schreibmüller

ST/A/R ißt

Bagels!!!


Inserat Stars 18.12.2007 12:59 Uhr Seite 1

Nr. 16/2007

Buch XII - Kunstmarkt ST/A/R 91

A-1010 Wien | Spiegelgasse 21 | Tel.: +43 1 513 01 03 | Fax: +43 1 513 01 04 | Mobil: +43 664 34 01 677 | philipp.konzett@artkonzett.com

Die gute Seele der Galerie Konzett, Margit bei der Arbeit

KONZETT


94 ST/A/R Buch XII - Kunstmarkt

Nr. 16/2007


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Westbahnstrasse 9, 1070 Wien. Mail: office@m-ars.at, Tel: 01 89058 03

Öffnungszeiten Mo bis Mi 10–19 Uhr, Do und Fr 10–20 Uhr, Sa 10–18 Uhr


96 ST/A/R Buch XII - Kunstmarkt

Nr. 16/2007

Foto © Karl Michalski/MAK

Der Architekt.

Der Direktor.

Der Bundespräsident.

Ereignis: Eröffnung der MAK-Ausstellung

COOP HIMMELB(L)AU. BEYOND THE BLUE

12.12.2007–11.5.2008

MAK-Ausstellungshalle

Weiskirchnerstraße 3, Wien 1

Di MAK NITE © 10.00 – 24.00 Uhr,

Mi–So 10.00– 18.00 Uhr, Mo geschlossen.

Führungen: Sa, So 16.00 Uhr

Durchgehender Informationsdienst und

Kurzführungen: Sa 14.00–16.00 Uhr

Eintritt: Euro 9,90 mit MAK-Guide / Euro 7,70 / ermäßigt Euro 5,50

Samstag © Eintritt frei. Powered by

www.MAK.at

WIEN – LOS ANGELES – BRTNICE*

* Eine Expositur der Moravská galerie, Brno und des MAK Wien

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