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ST:A:R_20

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Printmedium Wien – Berlin

ST/ /A/ /R

Zeitung für Hochkultur Mittelmaß und Schund

Nr. 20/ Winter 2009

04Z035665M – P.b.b. Verlagspostamt 1060 Wien • Adresse: 1060 Wien Capistrangasse 2/8 • office@star-wien.at • Europa € 3,00 • Nr. 20/09

KUNST

PETER KOGLER IM MUMOK

ISABELLE GRAEFF – BERLIN

ST/A/R-SAMMLUNG IM ARTPARK LINZ

WARAN

ARCHITEKTUR

HANS HOLLEIN

HEIDULF GERNGROSS

KURT CABALLERO

PREISE DER STADT WIEN 2008

FÜR KULTUR UND WISSENSCHAFT

LITERATUR

GERSTL, JELINEK,

MAYRÖCKER, JAREMENKO-TOLSTOJ

MANFRED STANGL – GANZHEITLICHE ÄSTHETISCHE PRINZIPIEN

ALEXANDER SCHIESSLING ÜBER DEN DICHTER THOMAS FRECHBERGER

AUTO-ST/A/R

DAVID STARETZ

ST/A/R-SAMMLUNG IM ARTPARK DER KULTURHAUPTSTADT LINZ 2009

JETZT NEU MIT MARCUS HINTERTHÜR!

Städteplanung / Architektur / Religion

PETER KOGLER

3,– Euro


Biennale di Venezia, Projekt MUDAM, Luxembourgh Pavillon, Internetprojekt, 2001 Foto: Manfred Grübl


2 ST/A/R

Buch I - MUMOK Nr. 19/2008

EDITORIAL :

Heidulf Gerngross

PARTYBILD MIT STARARCHITEKT PAUL MESSNER -

VILLACHER BIER, THOMAS KIANGBUFFET UND AN DIE 1000 MENSCHEN I


Nr. 19/2008 Buch I - MUMOK

ST/A/R 3

m Museumsquartier - Wien

Foto: MUMOK/Rastl


Städteplanung / Architektur / Religion Buch I - MUMOK ST/A/R 5

MUMOK 2008

Foto: MUMOK/Rastl


6 ST/A/R

Buch I - MUMOK Nr. 19/2008

Text über den Einfluss der Koglermalerei auf die

Architektur und auf mich

Peter Kogler: von Heidulf Gerngross

Für mich ist er ein Animator des

Räumlichen. Er erzauberte vor Jahren

eine Ausstellung in der Sezession. Mit

einigen Papiertapeten verwandelte er die

Olbrichthallen in ein Raumeldorado.

Raum Pur – Ökonomie perfekt.

Wir hatten dann auch eine Zusammenarbeit

als er einen Entwurf für eine Eishokeyhalle

in Magnitogrorsk für den damaligen

russischen Eishokeymeister zum grössten

Freilandbild Russlands machte

(ca. 200 x 120 meter) mit Archiquantenbahnen,

die dem Gebäude eine zusätzliche

Dynamik verpasst haben –

ohne konstruktive Strapazen.

Zu einem meiner Geburtstage schenkte er

mir für meinen ungehemmten Gebrauch

einen „Kogler-2er“. Ich wählte die Farbe und

machte daraus einen Grundriss für einen

Supermarkt. Es ist für die österreichische

Kulturgeschichte schon gut das es den

Peter Kogler gibt.

Das zeigt auch seine Ausstellung im

MUMOK.

Städteplanung / Architektur / Religion

Buch IX - Kärnten

ST/A/R

EISHALLE

MAGNITOGORSK

Ein Projekt von Werkstatt Wien.

Architektur: Markus Spiegelfeld, Heidulf Gerngross,

Janosch Papp.

Visualisierung: Werner Skvara.

Konzeptionelle Archiquant-Außenhaut: Peter Kogler.

Eishockey-Mehrzweckhalle für 10.000 Personen

mit Entertainmenteingangshalle, Spiel, Restaurant,

Bar, Shops und der größten Malerei Russlands,

ca. 200x120 meter


Nr. 19/2008 Buch I - MUMOK

ST/A/R 7

Grundriss für einen Supermarkt

Von Heidulf Gerngross um 2002.


Inserat 5 Jahre Star 18.12.2008 23:49 Uhr Seite 1

5 JAHRE

ST/A/R

PRINTMEDIUM WIEN

gebunden

in Leder– oder Leinencover

Limited Edition

Auflage 50 Stück in 2 Bänden

Gold Prägung

Herausgegeben von Galerie Konzett

KONZETT

Galerie Konzett | Spiegelgasse 21 | A-1010 Wien

Anfragen unter: gallery@artkonzett.com


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch II - Leopold ST/A/R 9

MuseumsQuartier Wien

www.leopoldmuseum.org

AUSSTELLUNGEN 2009

ERNST BARLACH

KÄTHE KOLLWITZ

13.02. – 25.05.2009

WIEN 1900

Sammlung Leopold

Die weltgrößte

EGON SCHIELE

Sammlung

ROBERT HAMMERSTIEL

WINTERREISE

Zeichnungen und Druckgrafiken

06.02. – 27.04.2009

JOSEF MARIA AUCHENTALLER

Jugendstil pur!

11.06. – 21.09.2009

EDVARD MUNCH

und das UNHEIMLICHE in der Kunst

16.10.2009 – 18.01.2010


10 ST/A/R

Buch II - Leopold Nr. 20/2009

Manifest der Astralarchitektur – der Architektur des neuen Raums

von Alexander Sobolev

Sämtliche Übergangsperioden, die die jeweils letzte

Etappe der Ansammlung bestimmter grundlegender

Erfahrungen bilden, sind Versuche, unwillentlich

erworbene Gewohnheiten abzuwerfen, die traditionelle

Ordnung zu verändern oder gänzlich aufzugeben. Ein

Kennzeichen der Veränderung ist auch der Übergang

von der Quantität zur Qualität. Der moderne Mensch ist

immer öfter ohne direkten Kontakt zum Erdboden. Im

Raum wird er von Flugzeugen, Autos, Segelbooten, Luftkissen,

Fahrrädern, Rollschuhen getragen, von Trampolins

in die Höhe katapultiert. Mit Hilfe der Geschwindigkeit

ist es ihm gelungen, selbst die Zeit zu verdichten.

Bis zum ersten Raumfl ug des Menschen wuchsen die

Architektur und ihre räumlichen Objekte aus der Erde

und waren ein Teil von ihr. Am Höhepunkt der Renaissance

der überholten Architektur wurde der Maulwurf

zum Architekten gekürt. Heutzutage kann man von der

Überwindung der Erdanziehung mittels des Ingenieursgedanken

und der architektonischen Fantasie sprechen.

Gestaltung: Anatoli Bourikine

Kennzeichen der Astralarchitektur:

01. Das Bestreben, die Stadtfl ächen nicht zu vergrößern sondern bestehende, “verlorene” und leer

stehende Räume zu nutzen, d.h. die Städte wachsen in die Höhe.

02. Die Grundfl äche und Fläche freitragender Gebäudestützen ist kleiner als die der oberen Querschnitte.

03. Der visuelle Schwerpunkt von Gebäuden liegt bedeutend über dem Straßenniveau.

04. Die Berührungsfl äche durchsichtiger Gebäudewände mit umgebender Luft und Wasser beträgt

mehr als 50 %.

05. Das Raumvolumen von Terrassen, Balkonen und Atrien ist größer als das Gesamtinnenraumvolumen

von Gebäuden.

06. Die Fläche von Konsolen und Terrassen auf einer Hochhausfassade ist größer als die Fläche ihrer

vertikalen Projektion.

07. Licht, Schatten und Farben kommt die Rolle von Baumaterialien zu. Dafür werden Spiegel, Glas

mit unterschiedlicher Durchlässigkeit und buntes Glas von großer Fläche und komplizierten Formen

verwendet. Die Schattenseiten von Gebäuden werden mit natürlichem Licht gefüllt.

08. Bauwerke entstehen auf natürliche Weise über und in historischen Stadtteilen und in natürlicher

Landschaft. Das Problem leer stehender Verkehrskreuzungsfl ächen wird gelöst.

09. Weitreichende Verwendung wechselnder Wohnmodule.

10. Multifunktionalität aufgrund der Integration funktioneller öffentlicher Plätze in Strukturelementen

von Bauten.

11. Modellierung natürlicher Formen der Biosphäre, von Meeresklima, Hochgebirgsregionen, Eukalyptus-

und Nadelwäldern in Innenräumen.


Es klopft erneut an der Tür.

Herein!

Die Tür öffnet sich, ein österreichisches Mädchen mit einem Eimer in der Hand tritt

schüchtern ins Zimmer.

Mädchen: (auf Deutsch) Grüß Gott! Ich bin die Tochter des Hausherrn, Herrn Semmelweis.

Ich heiße Magdalena Semmelweis!

Gradusow: (verständnislos) Was? (schüttelt den Kopf) Ich habe nichts verstanden! Wer bist du?

Mädchen: (tippt sich mit dem Finger auf die Brust, erneut auf Deutsch) Ich bin Magdalena!

(deutet auf die Tür) Ich bin die Tochter des Wirtes!

Gradusow: Ahh! (lächelt breit, tritt an Magdalena und tippt ihr mit dem Finger auf die Brust)

Jetzt habe ich verstanden! Magdalena?

Mädchen: (nickt und tippt sich wieder auf die Brust) Magdalena!

Gradusow: (lächelt) Magdalena! (tippt ihr auf die Brust)

Mädchen: (macht zwei leichte Knickse) Magdalena! Magdalena!

Gradusow: (streckt die Brust hervor) Andrej! (schlägt sich mit der Faust auf die Brust) Ich heiße

Andrej!

Mädchen: (klopft Gradusow mit der Faust auf die Brust) Andrej!

Gradusow: (berührt erfreut ihre Brust mit dem Finger) Magdalena!

Das Mädchen dreht sich zur Seite. Zeigt auf den Eimer.

Mädchen: (deutsch) Ich räume Ihr Zimmer auf. (macht Gesten des Aufwischens) Zwei Mal die

Woche. Gut?

Gradusow: (wiederholt auf Deutsch) Gut! Gut!

Mädchen: Haben Sie irgendein Tuch, mit dem ich den Boden aufwischen kann? Ein altes

Hemd vielleicht? (zeigt mit entsprechenden Gesten, was sie braucht)

Gradusow: Ah, ich verstehe, ich verstehe, gleich werden wir etwas finden! (blickt sich um,

beginnt dann seine Hose aufzuknöpfen)

Mädchen: (weicht erschrocken einen Schritt in Richtung Tür zurück) Nein, nein, Sie haben

mich nicht verstanden! Ich bin gekommen, um den Boden zu wischen! Ich brauche nur

irgendeinen Fetzen! (gestikuliert)

Gradusow: So nehmen Sie doch die Hose, es ist eine alte, ich habe eine andere. Da, nehmen

Sie! (zieht die Hose aus und steht in langen Unterhosen da) Nimm schon!

Das Mädchen streckt argwöhnisch die Hand aus und nimmt Gradusows Hose. Schürzt den

Rocksaum auf, versenkt die Hose im Eimer, holt sie heraus, windet sie aus. Mit hochrotem

Kopf beginnt sie den Fußboden zu schrubben. Gradusow verfolgt unverwandten Blickes

jede ihrer Bewegungen.

Mädchen: Bitte, sehen Sie mich nicht so an! Sie verwirren mich.

Gradusow: (zu sich gewandt) Was für eine Schönheit! Und versteht kein Wort Russisch.

Ein idealer Gesprächspartner für einen Menschen wie mich! Magdalena, ein interessanter

Name! Und jung ist sie, 19 oder 20

Pause.

Das Mädchen schrubbt den Boden, nähert sich rücklings Gradusow.

Ach, wie schade, dass es uns kategorisch verboten ist, eine geschlechtliche Beziehung mit

der lokalen Bevölkerung einzugehen! Aber warum nicht? Es erfährt doch keiner! Es gibt

keine Zeugen! Ich sperre die Tür ab und es hat sich! Ein Mal nur! Ein einziges Mal in

diesem langen Krieg! Auf den Sieg! Auch wenn ich dafür erschossen werde …

Pater Bonifaz: Was gibt es Neues bei Ihnen, Herr Major?

Gradusow: Es gibt Neuigkeiten (kickt den Ball)…

Pater Bonifaz: Hat man Ihnen genehmigt, eine Mannschaft aufzustellen?

Gradusow: Vielmehr noch!

Pater Bonifaz: Was kann es mehr geben?

Gradusow: Der Kommandant der 2. Ukrainischen Front, Marschall Rodion Jakowlewitsch

Malinowski höchstpersönlich interessiert sich für das Projekt! Er äußerte den Wunsch, dem

Match beizuwohnen!

Pater Bonifaz: Meinen Glückwunsch, Herr Major!

Gradusow: Das ist noch nicht alles!

Pater Bonifaz: Nein?

Gradusow: Ja! (versetzt dem Ball einen Trittl)

-9-

-8-

Schleicht auf Zehenspitzen zur Tür und verriegelt sie leise. Atmet tief ein, zieht die

Unterhose aus. Das Mädchen schrubbt den Fußboden, ohne sich umzudrehen. Gradusow

tritt von hinten an sie heran und legt seine Arme um ihre Taille. Sie hält inne.

Gradusow: Magdalena!

Mädchen: Andrej!

Gradusow: Magdalena!

Mädchen: Andrej!

Gradusow: Magdalena!

Mädchen: Andrej!

Sie vereinigen sich, bewegen sich im Rhythmus des Bodenaufwaschens auf dem

Zimmerboden. Schließlich gibt Gradusow einen gedehnten Schrei von sich und hält inne.

Einige Augenblicke verharren beide still. Dann dreht sich Magdalena zur Seite, reibt sich

verwirrt die Stirn, überlegt schamhaft, wo sie sich verstecken kann. Sie erblickt den Eimer,

stülpt ihn über den Kopf und eilt, einige Male gegen die Wand stoßend, aus Gradusows

Zimmer.

Gradusow: Komm wieder! (Pause) Morgen! Das halbe Zimmer ist ja noch dreckig! Bleib!

Wo willst du hin?!

Vor der Tür reißt das Mädchen den Eimer vom Kopf, der laut scheppernd zu Boden fällt,

und läuft davon. Gradusow stürzt hinterdrein, schafft es jedoch nicht sie einzuholen. Er hebt

den über die Bühne rollenden Eimer auf und trägt ihn ins Zimmer.

3. AKT

1. BILD

Das klösterliche Stadion mit Blick auf die Rückseite des Klosters. Ein Fußballtor. Pater

Bonifaz wärmt sich mit dem Ball spielend auf. Er trägt eine Mönchskutte. Das Klopfen

eines Mopedmotors ist zu hören. Major Gradusow fährt auf die Bühne, am Tor vorbei. Pater

Bonifaz versetzt dem Ball einen Tritt, der Ball trifft Gradusow. Gradusow stützt mit dem

Moped, erhebt sich, klopft sich ab.

Gradusow: Das war ein Schlag! Sie hätten mich beinahe umgebracht!

Pater Bonifaz: Entschuldigen Sie, das wollte ich nicht! Ich habe Sie nicht kommen sehen…

Gradusow: Zum Teufel noch mal! Dafür stelle ich Sie ins Tor und bombardiere Sie mit dem

Ball!

Pater Bonifaz: Ich habe nichts dagegen…

Gradusow: Her mit dem Ball!

Pater Bonifaz gibt Gradusow den Ball und stellt sich ins Tor. Gradusow schießt einmal,

schießt ein weiteres Mal. Und dann noch einmal. Pater Bonifaz wehrt alle Bälle ab.

-16-

Das Moped verschwindet von der Bühne. Das Motorengeräusch verstummt. Gradusow sinkt

auf die Knie. Bedeckt sein Gesicht mit den Händen. Weint. Reißt sich die Schulterstücke

von der Uniform. Wirft sie in hilfloser Wut in Richtung der abfahrenden Magdalena. Schlägt

mit der Stirn gegen die Erde, krümmt sich zusammen und wälzt sich auf den Rücken.

Ein Schellack mit dem russischen Kriegslied „Tag des Sieges“ erklingt auf einem

Grammophon. Der Vorhang fällt. Auf der Vorbühne Magdalena auf dem Weg nach Wien.

Ende

Das Licht erlischt. Auf den geschlossenen Vorhang wird wie beim Film ein Nachspanntext

projiziert: Regisseur, Bühnenbildner, Dramaturg, Schauspieler etc. Danach der Kommentar:

Das Stück basiert auf historischen Fakten, die Namen der Personen wurden nicht verändert:

Magdalena Semmelweis konnte nach der Abtreibung keine Kinder mehr bekommen.

Magdalenas Brüder Siegfried und Manfred kehrten aus der sowjetischen Gefangenschaft nicht

wieder.

Die Soldaten der Besatzungsmächte verließen 1956 Österreich.

Pater Bonifaz ertrank 1949 bei einem Badeunfall in der Donau..

Major a.D. Andrej Gradusow lebt 93-jährig in Novosibirsk.

Wladimir Jaremenko-Tolstoj lebt und arbeitet in Wien.

Im 1994 erlassenen Bundesgesetz Lex Leopold wurde die Finanzierung des Erwerbs der „Sammlung

Leopold“ durch die Republik Österreich und die Österreichische Nationalbank beschlossen. Das

gleichnamige Museum öffnete im Jahre 2001 seine Tore in Wien. In der Stiftung Leopold ist

Leopold museologischer Direktor auf Lebenszeit.

LEX LEOPOLD

(gekürzte Version) - Wladimir Jaremenko-Tolstoj –

Deutsch von Valie Göschl

Ein Fußballdrama aus dem Jahr 1945. Ein Fußballteam der Roten Armee

spielt im Stift Melk gegen Mönche. Die drei sowjetischen Marschalls -

Malinowski, Rokossowski und Wassiljewski sind anwesend..

Personen:

Andrej Gradusow – Major der Roten Armee

Magdalena Semmelweis – österreichische Bauerntochter

Pater Bonifaz – Benediktinermönch

Sowjetische Besatzungssoldaten, darunter die drei sowjetischen Marschalls - Malinowski,

Rokossowski und Wassiljewski

-1-

WWW.TOLSTOI.RU


Stapelt die gezogenen Briefe auf einen Stoß. Nimmt Zeichenbrett und Griffel zur Hand.

Nun die Liste:

Semjonow, Timofeew, Jegorow, Petrow, Sorokin, Korowin, Toporow, Kurizyn, Tjulkin,

Ustjugow, Schuljak, Lewin, Feldman, Kormilzew, Stodolski, Bajkeew, Sabatjugin, Gadasik,

Beberaschwili, Simogljadow, Sawin, Osipow, Injuschin, Rubzow …

So! Morgen sind alle verhaftet …

Von diesem Moment an sind sie alle Verräter …

Volksfeinde …

2. BILD

Gradusow erhebt sich vom Tisch. Ordnet die Uniform. Tritt vor den Spiegel, rupft sich ein

Haar aus der Nase. Niest.

Gradusow: Was für eine enorme Hitze! Vierzig Grad! Nein, wahrscheinlich sind es nur

dreißig… Egal, es ist unerträglich heiß! Ich brauche eine Abkühlung, ich fahre an die Donau

baden, ein wenig schwimmen.

Zieht sein Moped aus der Wand, startet und fährt weg. Die Bühne dreht sich.

Donauufer. Froschgequake. Gradusow stellt den Motor ab, zieht sich aus und begibt sich ins

Wasser. Schwimmt.

Gradusow: Huch, was ist das? Wer …?

Pater Bonifaz erhebt sich aus dem Wasser, er ist ebenfalls nackt.

Pater Bonifaz: Haben Sie keine Angst, ich bin es, Pater Bonifaz! Ich tauche hier.

Gradusow: Pater Bonifaz? Haben Sie mich erschreckt!

Pater Bonifaz: Entschuldigen Sie, ich bin zufällig hier.

Der nackte Pater Bonifaz erhebt sich aus dem Wasser und schüttelt Gradusow die Hand.

-11-

Gradusow: Tauchen Sie öfters hier?

Pater Bonifaz: Fast täglich.

Gradusow: Es ist schön hier …

Pater Bonifaz: Haben Sie sich bereits eingewöhnt?

Gradusow: Ja, alles bestens. Ich wohne bei einem Bauern und habe ein großes, helles

Zimmer. Ich bin zufrieden. Die besten Voraussetzungen für eine fruchtbare Arbeit.

Pater Bonifaz: Was, haben Sie so viel zu arbeiten?

Gradusow: An Arbeit mangelt es uns nie!

Pater Bonifaz: Aber der Krieg ist doch zu Ende! Gegen wen kämpfen Sie noch?

Gradusow: Wie, gegen wen? Gegen den ideologischen Feind.

Pater Bonifaz: Aha …

Gradusow: Hören Sie, bei einem Spaziergang um das Kloster stieß ich auf einen großen

Sportplatz mit einem Fußballfeld. Er gehört wahrscheinlich zum Kloster. Spielen Sie

Fußball? Spielen Mönche Fußball?

Pater Bonifaz: Ja, wir haben in der Tat eine Fußballmannschaft. Ich bin der Trainer. Ich

selbst spiele nicht mehr, ich stehe im Tor. Im März haben wir sogar gegen die Mannschaft

des 4. Bataillons der „Totenkopf-Panzerdivision aus Amstetten gewonnen.

Gradusow: Früher habe ich auch Fußball gespielt. Im Krieg hatte ich keine Möglichkeit

dazu.

Pater Bonifaz: Der Krieg ist zu Ende! Zeit Fußball zu spielen!

Gradusow: Ja. Fußball …!

Pater Bonifaz: Wir haben zurzeit niemanden gegen den wir antreten können! Die

-6-

Und die Mädchen wollen es auch! Ihre Männer sind im Krieg gefallen oder wurden als

Kriegsgefangene nach Sibirien verschleppt. Von dort kehrt kaum einer zurück, und sollte es

doch einmal einer schaffen, ist ungewiss wann. Es kommen nur Vereinzelte, gebrochen und

gebeugt, wieder.

Wenn die Nazi-Befehlshaber, die all diese Verbrechen in Auftrag gegeben haben, durch den

internationalen Gerichtshof in Nürnberg verurteilt sind, werden Millionen von Soldaten

und Offizieren, die gezwungen waren, diese Befehle auszuführen, ohne Gericht und ohne

Verfahren zur Zwangsarbeit nach Russland verfrachtet, um unsere vom Krieg zerstörte

sozialistische Wirtschaft wiederaufzubauen. Und wir, die Sieger, dürfen nicht einmal ihre

Frauen heiraten!

Hitler züchtete sich die Herrennation, Stalin die der Sklaven. In der deutschen Armee war

die Anrede „Herr“ üblich, bei uns „Genosse“! Das russische Wort für Genosse „Towarisch“

hat eine zweifelhafte Etymologie, es wurde erstmals zu Zeiten Iwan des Schrecklichen

im Umgang unter Banditen, die Kaufleute mit den Worten „towar ischi – such die Ware“

ausraubten, schriftlich festgehalten …

Magdalena erhebt sich vom Bett und kleidet sich an.

Magdalena: (deutsch) Andrej, es wird schon hell, ich muss gehen! (deutet zum Fenster)

Gradusow: Warte! Es ist noch völlig dunkel! Und die Nacht ist warm! Gehen wir baden?

Fahren wir mit dem Motorrad an die Donau! Ich kenne einen schönen Ort! Lass uns

schwimmen gehen! (macht Schwimmgesten) Dawaj, kommst du?

Magdalena: (russisch) Dawaj!

Gradusow: Ja, du verstehst alles, was ich dir sage! Und kennst sogar zwei Worte auf

Russisch: „da“ und „dawaj“! Sehr gut!

Magdalena: Da, da …

Gradusow zieht sich an und startet das Moped, schaltet den Scheinwerfer ein. Steigt auf das

Moped. Magdalena löscht die Tischlampe, setzt sich auf den Rücksitz, schlingt die Arme um

seine Hüften.

Gradusow: Halte dich gut fest! Ich gebe Vollgas! Wie schon Gogol sagte: „Ach, welch Russe

liebt es nicht, mit ungaublicher Geschwindigkeit dahinzujagen!“

Magdalena: Dawaj, dawaj!

Der Scheinwerfer zerschneidet die Dunkelheit, das Moped dreht einige Kreise und Achter.

Es hält. Erste Morgendämmerung. Am Horizont ist die aufgehende Sonne zu sehen.

Gradusow und Magdalena entkleiden sich und steigen in die Donau. Lachen und Plätschern

des Wassers.

Zur selben Zeit pirscht sich die dunkle Silhouette eines Mannes an das Moped heran,

sammelt die Kleidungsstücke der Badenden auf und läuft davon. Eine Minute später steigen

Gradusow und Magdalena aus dem Wasser. Gradusow blickt sich um.

Gradusow: Zum Teufel!

Magdalena: (deutsch) Mein Gott!

Gradusow: Unser Gewand ist weg! (spuckt aus) Wer ist da? Was soll der Scherz? (sieht sich

um) Geben Sie das Gewand zurück! Her mit den Kleidern! Haben Sie gehört? Geben Sie

sofort unsere Sachen her!

Keine Antwort.

Magdalena: (bedeckt das Gesicht mit den Händen) Mein Gott!

Gradusow: Verdammte Scheiße! (stürzt zum Moped) Schnell, solange es noch nicht ganz

hell ist! Fahren wir! So wie wir sind, nackt! Schnell! Dawaj! Dawaj!

Sie fahren. Helles Tageslicht.

Pater Bonifaz: (wehrt den Ball geschickt ab) Sagen Sie schon, ich sterbe vor Neugierde!

Gradusow: Marschall Malinowski hat Marschall Rokossowski, den Kommandanten der 1.

Weißrussischen Front zum Match eingeladen!

Pater Bonifaz: Oho, sieh einer an!

Gradusow: Und das ist immer noch nicht alles!

Pater Bonifaz: Das kann nicht sein.

Gradusow: Doch, ist es!

Pater Bonifaz: Nun!

Gradusow: (schießt den Ball in Richtung Pater Bonifaz) Marschall Rokossowski Hat Marschall

Wasiljewski, den Kommandanten der 2. Weißrussischen Front eingeladen!

Pater Bonifaz: (verfehlt den Ball, der hinter die Kulissen landet) Was Sie nicht sagen!

Gradusow: Ja! Das wird ein Spiel!

Pater Bonifaz: Drei Marschalls auf einen Schlag! AhA!

Gradusow: (biegt einen Finger nach dem anderen zurück, zählt auf) Malinowski, Rokossowski

und Wasiljewski!!

Pater Bonifaz: Malinowski, Rokossowski und Wasiljewski!

Gradusow: (ballt die Hand zur Faust) Hurra!

Pater Bonifaz: (klopft Gradusow auf den Rücken) Hurra!

Gradusow vollführt einen spontanen Freudentanz, springt, läuft, einen imaginären Ball mit

Füßen und Kopf in Richtung Tor schlagend. Pater Bonifaz sieht ihm lachend zu.

Gradusow: (hält inne) Wer zuletzt lacht, lacht am besten!

Pater Bonifaz: Wer zuletzt lacht, lacht am besten!

Gradusow: Ich fahre und stelle die Mannschaft zusammen!

Pater Bonifaz: Gute Fahrt!

Gradusow springt auf das Moped, dreht einige Kreise und Achterschleifen auf der Bühne

und fährt mit einem lauten „Hurra“ ab.

2. BILD

Völlige Finsternis. Knarren eines Bettes. Stöhnen. Gedämpfte Schreie.

- Magdalena!

- Andrej!

- Magdalena!

- Andrej!

- Magdalena!

- Andrej!

Ein Streichholz flammt auf, die Tischlampe wird angezündet. Gradusows Zimmer. Die

Einrichtung ist unverändert, nur drei Portraits hängen jetzt über dem Bett: Marschall

Malinowski, Marschall Rokossowski und Marschall Wasiljewski. Im Bett liegen Gradusow

und Magdalena.

Schon wieder Post? Die wurde heute doch schon einmal gebracht! Oder irre ich mich?

-7-

Gradusow: Wie schön! Niemals zuvor in meinem Leben war ich so glücklich! Ich liebe dich,

Magdalena!

Magdalena: (deutsch) Ich liebe dich, Andrej!

Gradusow: Magdalena! Magda und Lena! Zwei in einem! Zwei Namen in einem, die

deutsche Magda und die russische Lena. Darf ich dich Lena nennen?

Magdalena: (nickt, auf Russisch) Da, da, Lena…

Gradusow: Lena! Lena… (küsst sie auf die Stirn)

Magdalena: Andrej…

Gradusow: Warum kann ich dich nicht heiraten? Wieso ist es uns verboten, Kontakt mit

österreichischen Mädchen zu haben? Nichts dürfen wir. Dabei ist der Wunsch so stark!

-10-

Wehrmachtstruppen haben sich zerschlagen, die einen sind umgekommen, die anderen in

Gefangenschaft geraten. Es wäre übrigens nicht uninteressant gegen die Russen zu spielen!

Gradusow: (nachdenklich) Ich könnte wahrscheinlich eine Mannschaft aufstellen.

Pater Bonifaz: Versuchen Sie es!

Gradusow: Ich kann Ihnen nichts versprechen, ich muss erst mit meinen Vorgesetzten

reden.

Pater Bonifaz: Nun denn, reden Sie mit Ihnen! Sobald Sie etwas wissen, kommen Sie ins

Kloster und fragen Sie nach Pater Bonifaz, man wird Sie zu mir führen. Sie können auf

unserem Platz trainieren, der Fußballplatz ist hervorragend.

Gradusow: Das wäre großartig!

Pater Bonifaz: Wie immer, es hat mich gefreut, Sie kennen zu lernen, ich würde mich

freuen, Sie wieder zu sehen. Ich werde nun wieder in die Kühle der Donau eintauchen.

Pater Bonifaz schüttelt Gradusow die Hand und begibt sich in die Gewässer der Donau.

Gradusow kleidet sich an, steigt auf das Moped und fährt ab.

3. BILD

Das Zimmer von Gradusow. Es wird bereits dunkel. Auf dem Tisch steht eine Lampe.

Gradusow geht nervös im Zimmer auf und ab. Greift sich mit den Händen an den Kopf.

Gradusow: Herrgott, warum muss ich das tun? Die Verurteilung tausender unschuldiger

Menschen unterschreiben, heldenhafte sowjetische Offiziere in den Tod schicken, die ihr

Leben im Namen des Sieges eines Diktators über den anderen riskiert haben?

Ich will nicht, ich will nicht mehr, ich will es nicht!!! Wenn ich es allerdings nicht tue,

werde ich selbst Repressionen ausgesetzt. Ich tue das nur um meine eigene Haut zu retten!

Tue ich es nicht, macht es ein anderer! „Niemand ist unersetzbar!“, wer kennt ihn nicht,

Stalins Ausspruch, den er gegenüber seiner Frau Nadjeschda Krupskaja äußerte, als sie

versuchte ihn zu kritisieren. „Wir erklären eine andere Frau zur Witwe des Führers.“ Und

die Krupskaja sagte kein Wort mehr. Und trotzdem hat er sie dann vergiftet. Wie den Maxim

Gorkij. Und viele andere. Auch Lenin soll er auf dem Gewissen haben …

Was, wenn Hitler gewonnen hätte? Die Amerikaner warteten bis zum Schluss, bevor sie die

zweite Front eröffneten, weil sie Angst hatten in den Konflikt der zwei Ungeheuer involviert

zu werden. Sie warteten ab. Hätte sich Hitler als Sieger abgezeichnet, hätten sie ihn

unterstützt und wären auf jegliche Verhandlungen und Abkommen mit ihm eingegangen.

Sie verstanden, dass es Hitler nicht um Sibirien ging, dass er nicht weiter als bis zum

Ural vorstoßen würde, zumindest stand es nicht auf seinem Plan, die Territorien östlich

des Uralgebirges und des Kaukasus zu erobern. Ihn interessierte nur das Öl und Erz, und

keineswegs die grenzenlose unwegsame Taiga. Der Plan der Amerikaner war es, Stalin in

den Rücken zu fallen, indem sie den Fernen Osten und die Halbinsel Kamtschatka, die

Weiten Südsibiriens bis zum Baikalsee einnahmen und Mittelasien Japan in Pacht abgeben

würden. Nur zu gerne hätten Sie die UdSSR mit Hitler geteilt, so wie seinerzeit Polen

zwischen Hitler und Stalin aufgeteilt worden war.

Jetzt teilen sich Stalin und die Amerikaner Europa. Mir kommt das Kotzen angesichts

dieser ganzen Politik. Da ist es wohl besser, mit den Mönchen Fußball zu spielen. Ich muss

den Vorschlag Oberst Rogatkin unterbreiten und eine Mannschaft aufstellen. Marschall

Malinowski würde sich in einem Match sicher auch nicht schlecht machen. Wenn er Spaß

an dem Spiel findet, könnte er mich zum Mannschaftskapitän der 2. Ukrainischen Front

ernennen, und wir würden die Mannschaft der 3. Ukrainischen Front, die es zwar noch

nicht gibt, die sich aber sicher finden wird, zum Kampfe herausfordern. Dann wäre ich von

meinen leidigen Pflichten als Feldzensor befreit!

Keine schlechte Idee! Traumhaft!

Es klopft an der Tür. Gradusow schreckt auf. Gereiztheit spiegelt sich in seinem Gesicht.

ERSTER AKT

1. BILD

Drehbühne mit zerstörten Gebäuden, gebrochenen Bäumen und Wrackteilen eines

abgestürzten Flugzeugs. Unter den Klängen des russischen Kriegsliedes „Tag des Sieges“

beginnt sich die Bühne zunächst langsam, dann immer schneller zu drehen. Hinter den

Kulissen ist ein Motorengeräusch zu vernehmen. Der Major der sowjetischen Roten Armee

Andrej Gradusow erscheint auf einem alten Moped. Er fährt auf die Drehbühne und beginnt

dort Kreise und Achterschleifen zu ziehen.

Ruf: Halt! Oder ich schieße!

Eine sowjetische Militärpatrouille bestehend aus einem Offizier und zwei Soldaten stürzt

auf die Bühne. Gradusow bleibt stehen.

Offizier: Ihren Ausweis!

Gradusow zieht seine Dokumente aus der Tasche und reicht sie dem Offizier.

Offizier: (liest) So, so. Major des NKWD - Volkskommissariat für innere Angelegenheiten

Gradusow Andrej Stepanowitsch. Das sind Sie? (blickt Gradusow eindringlich an) Wohin des

Wegs?

Gradusow: Nach Melk!

Offizier: Haben Sie eine Weisung?

Gradusow: Hier, bitte. (kramt ein weiteres Papier aus der Tasche)

Offizier: (liest) Befehl der 4. Armee, 2. Ukrainische Front. Hiermit berufe ich Major

Andrej Stepanowitsch Gradusow zum Leiter der Feldzensur der 326. Sondereinheit

der Zentralgruppe der sowjetischen Besatzungsstreitkräfte in Melk. Unterzeichnet:

Kommandant der 2. Ukrainischen Front, Marschall R.J. Malinowski, Zweifacher Held der

Sowjetunion. (Der Offizier hebt seine Hand zum Gruß an den Helm und händigt dem Major die

Papiere aus) Gute Reise, Genosse Major!

Gradusow grüßt auf gleiche Weise zurück und steigt auf das Moped.

Offizier: Genosse Major, erlauben Sie mir eine Frage, nur aus Neugierde: Woher haben Sie

das Motorrad? Eine Kriegsbeute? Ist es ein deutsches?

Gradusow: (stolz) Ein italienisches! Ich habe es in der Garage des Sohnes vom

Burgtheaterdirektor in Wien gefunden. Es gab ein zweites Motorrad dort, noch steiler als das

hier, doch Oberst Rogatkin kam mir zuvor. Leider!

Offizier: Genosse Major! Wollen Sie nicht tauschen? Ich gebe Ihnen zehn Paar Schweizer

Uhren dafür, wollen Sie? … Oder zwölf?

Gradusow: Nein, ich tausche nicht!

Offizier: Dann verkaufen Sie es mir!

Gradusow: (startet das Moped) Ich gebe das Motorrad nicht her, um kein Geld in der Welt!

Zieht einige Kreise und Achterschleifen auf der Bühne und verschwindet hinter den

Kulissen. Ein dicker österreichischer Bauer in kurzen Lederhosen und mit einem Tirolerhut

auf dem Kopf tritt auf die Bühne.

Offizier: Halt! Oder ich schieße!

Der Bauer bleibt erschrocken stehen.

Offizier: Die Uhr! Dawaj, her mit der Uhr!

Gradusow: (völlig erschöpft) Lena! Ich liebe dich! Lena-a-a!

-15-

Der Bauer versteht nicht, was der Offizier von ihm will. Der Offizier erklärt gestikulierend,

-2-

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Magdalena: Wem nützen die in Moskau gedruckten Schilling? Die sind wertlos, dafür

kannst du doch nichts zu kaufen! Leopold nimmt nur amerikanische Dollar oder englische

Pfund!

Gradusow: Dollar? Pfund? Ich habe weder Pfund noch Dollar. Aber ich kann die Uhr

verkaufen! (zeigt seine Uhr) Eine erbeutete deutsche Uhr. Ich habe sie einem gefallenen

Offizier in Polen abgenommen.

Magdalena: Die Uhr verkaufen? Das reicht ja nicht einmal für den Zug nach Wien!

Gradusow: Was sollen wir denn tun? Was?

Magdalena: Wir können uns umbringen, wie Hitler und Eva Braun …

Gradusow: Nein! Du musst leben! Du musst nach Wien fahren, die Abtreibung hinter dich

bringen und ein neues Leben beginnen. Mich wird man garantiert bestrafen und nach

Sibirien ins Lager schicken. Man wird mir nie verzeihen, dass ich das Match gegen die

Mönche verloren habe …

Magdalena: Sibirien…

Gradusow: Ja, nach Sibirien, ins Lager … Vielleicht treffe ich dort deine Brüder. Deine

Brüder, hörst du? Wie heißen sie? Deine Brüder von der WaffenSS …

Magdalena: (russisch) Da, da … (deutsch) Sie heißen Siegfried und Manfred.

Gradusow: Gut, ich versuche es nicht zu vergessen. Siegfried und Manfred …

Pause.

Magdalena: Doktor Leopold nimmt keine Abtreibungen ohne Geld vor! Weißt du, wie lange

die Warteschlange ist? Die Freundinnen von Amerikanern, Franzosen und Engländern,

Soldaten der Besatzungsmächte. Er macht nur dreißig Abtreibungen am Tag … (zeichnet die

Zahl mit dem Finger auf den Tisch) 30 Abtreibungen pro Tag!

Gradusow: (zuckt zusammen) 30 am Tag, das ist ja wie bei mir, meine Planvorgabe! Jeden

Tag erstelle ich eine Liste mit dreißig Namen und unterschreibe faktisch ihr Todesurteil,

den Abtransport nach Sibirien.

Nur vernichte ich die unsrigen, er jedoch Fremde, Feinde. Doktor Leopold ist ein getarnter

Partisan. Er tötet die Kinder der Okkupatoren, bevor sie geboren sind.

Magdalena: Woher das Geld nehmen, wie soll ich nach Wien fahren??

Gradusow: (tippt sich auf die Stirn) Mein Motorrad! Ich werde es nicht mehr brauchen! Du

fährst mit meinem Motorrad nach Wien und verkaufst es dort! Dann hast du Geld. Es reicht

für die Abtreibung und für ein neues Leben!

Magdalena: Dein Motorrad … Ja, aber ich kann nicht Motorrad fahren! Ich habe keinen

Führerschein …

Gradusow: Das ist ganz leicht. Ich zeige es dir. Komm!

Sie löschen die Lampe und verlassen das Zimmer. Die Sonne geht auf. Der Tag beginnt.

Gradusow holt das Moped. Zeigt Magdalena wie man es startet und lenkt. Sie zieht einige

Kreise und Achterschleifen. Hält.

Gradusow: Siehst du, es ist ganz einfach!

Magdalena: Ich muss fahren, bevor Vater munter wird!

Gradusow: Lass dich umarmen, bevor du abfährst! Komm zu mir…

Sie umarmen sich und versinken in einem langen Kuss.

Magdalena: Andrej!

Gradusow: Magdalena! Lena …

Magdalena steigt auf das Moped, startet und fährt ab. Gradusow begreift, dass sie sich nie

wieder sehen werden, stürzt ihr nach, rennt, strauchelt, fällt, steht wieder auf und rennt,

rennt …

Major Gradusow springt von der Seite auf die Bühne und schießt den Ball mit Schwung

in Richtung Tor. Pater Bonifaz wehrt den Ball ab. Enttäuschtes Raunen geht durch das

Stadion.

Major Gradusow stellt sich ins Tor. Pater Bonifaz versetzt dem Ball einen Tritt, der elegant

im Tor landet. Enttäuschtes Raunen im Stadion.

Wieder Pater Bonifaz im Tor. Gradusow am Ball. Pater Bonifaz fängt den Ball. Enttäuschtes

Raunen geht durch das Stadion.

Im Tor erneut Major Gradusow. Pater Bonifaz schießt den Ball und trifft ins Tor.

Enttäuschtes Raunen im Stadion.

Zum dritten Mal im Tor – Pater Bonifaz. Gradusow am Ball. Pater Bonifaz schlägt den Ball

ab. Enttäuschung im Stadion.

Major Gradusow steht im Tor. Pater Bonifaz versetzt dem Ball einen Tritt und schießt ein

Tor. Enttäuschtes Raunen geht durch das Stadion.

Wieder steht Pater Bonifaz im Tor. Gradusow kickt. Pater Bonifaz wehrt den Ball ab.

Enttäuschtes Gemurmel geht durch das Stadion.

Noch einmal Major Gradusow im Tor. Pater Bonifaz kickt, der Ball landet im Tor.

Enttäuschung im Stadion.

Pater Bonifaz im Tor. Gradusow schießt. Pater Bonifaz wehrt den Ball ab. Enttäuschtes

Raunen im Stadion.

Zum fünften Mal steht Major Gradosow im Tor. Pater Bonifaz nimmt Anlauf und schießt

den Ball ins Tor. Anhaltendes Raunen der Enttäuschung, das in Gejohle übergeht.

Schlusspfiff …

Die Sonne geht unter, es wird dunkel.

5. BILD

Die Lampe auf Gradusows Tisch flammt auf. Im Zimmer befinden sich Gradusow und

Magdalena. Gradusow steht am Tisch, Magdalena sitzt auf dem Bett.

Mönch: Keine Angst, es wird Sie keiner belästigen, wenn Sie bei uns über Nacht bleiben.

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Gradusow: Wir haben gegen die Mönche verloren, aufs Schändlichste verloren! An einem

derartigen bedeutungsvollen Tag, vor Malinowski, Rokossowski und Wasiljewski, am Vortag

ihrer Versetzung an die japanische Front. Der Krieg mit Japan geht weiter. Die quantunische

Armee mischt China auf. Wir müssen dem Genossen Mao Tse-dung helfen!

Puh, was rede ich! Ich spucke auf diesen Mao Tse-dung! Wir haben das Match gegen die

Mönche verloren! Meine Mannschaft … die Mannschaft der ruhmreichen Roten Armee!

Hast du gesehen wie mich Oberst Rogatkin, mein direkter Vorgesetzter, nach dem Match

angesehen hat? Ein Blick, der mehr als tausend Worte sagt! Das ist das Ende! Morgen wird

man mich verhaften! Vollkommen klar. Es gibt keinen Zweifel daran …

Magdalena: (deutsch) Andrej, ich habe gute Nachrichten! Ich habe erfahren, dass es in Wien

einen jungen Arzt gibt, Doktor Leopold, der Abtreibungen vornimmt. Aber er verlangt viel

Geld, er braucht das Geld, er sammelt österreichische Kunst, die unter Hitler als entartete

Kunst degradiert und verbrannt wurde und jetzt wieder in Mode kommt: Egon Schiele,

Gustav Klimt, Oskar Kokoschka … Er hat eine ganze Sammlung! Eine riesige Kollektion! Er

braucht Geld!

Gradusow: Geld? Hier nimm! Das ist mein Offiziersgehalt. Österreichische Schilling.

Fünftausend, mein Lohn für diesen Monat. Ich habe nichts davon ausgegeben.

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deutet auf die Uhr. Der Bauer nimmt eilig die Uhr ab und reicht sie dem Offizier. Dieser

betrachtet aufmerksam das Ziffernblatt.

Offizier: Eine echte Schweizer! Wahnsinn, 17 Steine! Fast neu. (krempelt den linken

Hemdärmel hoch, findet keinen freien Platz für eine weitere Uhr, krempelt den rechten Ärmel hoch,

findet dort ebenfalls keine freie Stelle und versenkt die Uhr in der Tasche)

Der Bauer beobachtet ihn, zitternd vor Angst.

Offizier: (blickt auf) Was stehst du da, wie der Ochs vorm Scheunentor? Verpiss dich, du

deutscher Wichser! (tritt dem Bauern mit dem Stiefel in den Arsch)

Der Bauer nimmt Reißaus. Der Offizier holt ihn unter lautem Gejohle ein und versetzt ihm

weitere Tritte in den dicken Hintern. Die Soldaten machen es ihm gleich. Sie verschwinden

allesamt hinter den Kulissen. Hundegebell ist zu hören. Das Licht wird gedämmt und

erlischt fast völlig.

Andrej Gradusow kommt, mit eingeschaltetem Scheinwerfer, auf die Bühne gefahren und

zieht einige Kreise und Achter.

3. BILD

Dunkelheit. Lautes Klopfen. Scharren einer Tür. Ein Riegel wird hörbar zurückgeschoben.

Licht fällt durch die Türöffnung, in der die Silhouette eines Mönches erscheint. Andrej

Gradusow tritt aus der Dunkelheit.

Gradusow: Ich suche die Kommandantur!

Mönch: (auf Russisch) Es gibt keine Kommandantur hier, die ist in das Schulgebäude

übersiedelt.

Gradusow: Sie sprechen russisch?

Mönch: Ja, ich war zwei Jahre in russischer Gefangenschaft, in Irkutsk. Von 1916 bis 1918.

Im Ersten Weltkrieg.

Gradusow: Und wo befindet sich die Schule?

Mönch: Unten in der Stadt. Ziemlich weit von hier. Ich fürchte, Sie werden sie in der

Dunkelheit nicht finden, die Straßenbeleuchtung funktioniert nicht. Kommen Sie doch auf

einen Tee herein, wollen Sie? Übernachten Sie bei uns im Kloster, morgen begleite ich Sie

zur Kommandantur. Übrigens, ich bin Pater Bonifaz!

Gradusow: Sehr erfreut! Major Andrej Gradusow.

Mönch: Treten Sie ein, Herr Major! Was? Sie sind mit dem Motorrad gekommen?

Gradusow: Ja, ich bin mit dem Motorrad da. Das Benzin ist ausgegangen und ich musste es

den ganzen Berg hochschieben.

Mönch: Nicht so schlimm, morgen gebe ich Ihnen Benzin.

Gradusow: Was ist das für ein Kloster?

Mönch: Wir sind Benediktiner! Ein religiöser Orden. Als ich aus der russischen

Gefangenschaft zurückkehrte, beschloss ich ins Kloster zu gehen. Hier lebe ich nun schon

seit 25 Jahren.

Gradusow: Wie viele Mönche leben hier?

Mönch: Bis zum Anschluss Österreichs an Deutschland waren es etwa zwanzig. Jetzt sind

es fast 200. Viele sind in den letzten Jahren zu uns gestoßen, um dem Armeedienst zu

entkommen. Aber nicht nur. Auch einige Homosexuelle, die von den Nazis verfolgt wurden,

fanden bei uns Unterschlupf.

Bei diesen Worten macht Gradusow erschrocken einen Schritt zur Seite und wirft Pater

Bonifaz einen misstrauischen Blick zu.


Ruf: Halt, oder ich schieße!

Gradusow: Die Patrouille! (reißt das Moped herum)

Ruf: Halt, habe ich gesagt! Feuer!

Gradusow: Halt dich fest!

Einzelne Schüsse, dann eine Maschinengewehrsalve. Das Moped dreht einige

Achterschleifen und fährt von der Bühne ab. Vogelgesang. Glockengeläute vom Kloster her.

3. BILD

Gradusow sitzt am Tisch und liest Briefe, von Zeit zu Zeit trägt er seufzend einen

Familiennamen in eine Liste ein.

Gradusow: Diese Unsehligen, ich kann ihnen nicht einmal irgendwie helfen! In

Kriegszeiten musste man zumindest noch eine Anzahl von Jahren vergeben. Jetzt ist das

nicht mehr nötig. Es war wie die Verteilung von Schulnoten, bloß nach einem anderen

System. Zehn, fünfzehn, zwanzig, fünfundzwanzig. Manchmal konnte man fünf oder acht

Jahre vergeben. Acht habe ich jenem Kapitän gegeben - das war noch im Februar - der es

wagte, Stalin in einem langen ausschweifenden Brief an einen Freund offen zu kritisieren.

Er war der einzige, der dies riskiert hatte. Seine Kritik veränderte meine Einstellung zur

Macht grundlegend, zwang mich nachzudenken und die Ordnung der Dinge mit anderen

Augen zu betrachten. Was beabsichtigte er, wozu schrieb er diese Zeilen? Er war wohl kaum

so naiv zu glauben, die Briefe würden nicht zensuriert werden?!

Vielleicht steckte eine spezielle Absicht dahinter? Versuchte er, dem Tod an der Front

zu entrinnen, ins Lager zu entkommen, um zu überleben? Kann man in einem Lager

überleben?

Ich habe ihm acht Jahre gegeben, um ihm die Möglichkeit des Überlebens einzuräumen.

Ihm fünf zu geben, habe ich nicht gewagt. Offensichtlich trieb ihn etwas dazu. Vielleicht

war ihm eine höhere Mission aufgetragen: zu überleben um jeden Preis und den mächtigen

Diktator zu besiegen. Klingt unwahrscheinlich. Wie kann ein einfacher Gefangener Stalin

besiegen? Aber egal, ich habe ihm acht Jahre gegeben. Ich habe es riskiert.

Ich kann mich an seinen Namen erinnern: Alexander Solschenizyn. Ein seltsamer Name.

Er leitet sich von den Worten „losch-Lüge“, „lschiwij-falsch“, „soglawschij-verlogen“

ab. Russische Nachnamen basieren nicht auf einem Zufall, sie drücken vielmehr einen

vererbten Charakterzug aus. Wahrscheinlich pflegte ein Vorfahre von Solschenizyn die

Wahrheit zu sagen, und die Wahrheit wird in Russland immer eine Lüge gestraft und die

Lüge Wahrheit genannt. Die Zeitung nannte man auch „Prawda-Wahrheit“, um die Lüge

zu kaschieren. Dieser Solschenizyn „belog“ selbst Stalin. In meiner Begründung schrieb

ich: „Seinem Nachnamen nach zu urteilen ist Kapitän Solschenizyn ein erblich bedingter

Lügner, weshalb seine Äußerungen nicht ernst zu nehmen sind. Doch Strafe muss sein!

Acht Jahre“.

Es klopft leise an der Tür. Gradusow hört es nicht, reißt den nächsten Brief auf. Die Tür

öffnet sich einen Spalt breit und Magdalena schaut vorsichtig ins Zimmer. Gradusow liest

weiter. Magdalena nähert sich ihm auf Zehensitzen, reißt ihm den Brief aus der Hand und

versteckt sich hinter seinem Rücken. Gradusow springt auf.

Gradusow: (erstaunt) Lena?!

Magdalena blickt ihm lange, ohne ein Wort zu sagen, in die Augen.

Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht …

…dreißig!

-5-

Gradusow: Ist etwas passiert? Was? Hat uns gestern früh jemand gesehen?

Magdalena: Andrej… (reicht ihm den Brief zurück, senkt die Augen)

Gradusow: (fasst sie an den Schultern) Nun sag schon!

Magdalena: (deutsch) Andrej, ich muss dir etwas Wichtiges sagen. Ich bin schwanger.

-12-

In Lienz wurden 300.000 weißrussische Kosaken erschossen, die mit ihren ganzen

Familien gemeinsam mit den deutschen Truppen vor der Roten Armee geflohen und von

den Engländern den Russen übergeben worden waren. Sie wurden einfach auf der anderen

Seite des Flusses erschossen. Die Truppen des NKWD …

Furchtbar! Mir ist schrecklich zumute. Ich gehöre zu den Siegern, und doch habe ich Angst.

Ich fürchte mich, denn in Wahrheit bin ich kein Sieger, denn im Kampf des Bösen gegen

das Böse kann es nur Opfer geben …

Ein Soldat mit einem Sack auf den Schultern nähert sich der Tür. Klopft.

Soldat: Genosse Major, gestatten Sie, dass ich eintrete?

Gradusow: Was wollen Sie?

Soldat: Ich bringe die Post!

Gradusow: Jetzt schon?

Soldat: So ist es!

Gradusow: Treten Sie ein!

Der Soldat tritt in das Zimmer und entleert seinen Sack. Hunderte von dreieckigen

Feldpostkuverts ergießen sich über den Tisch, fallen auf den Boden, da sie auf dem Tisch

keinen Platz finden.

Soldat: (faltet den leeren Sack zusammen) Sie erlauben, ich verlasse Sie?

Gradusow: Gehen Sie!

Der Soldat tritt ab.

Gradusow: (versenkt die Hände in dem Berg von Umschlägen) Das sind die Briefe derer, die

diesen Krieg gewonnen haben! Die Briefe der Sieger! Alle schreiben den Verwandten und

Bekannten, dass sie bald nach Hause kommen werden, dass sie lebendig und gesund sind,

sie schreiben über ihre Zukunftspläne! Aber braucht sie irgendjemand, die Sieger?

Pause.

Nein, niemand braucht sie! Unser sowjetischer Staat benötigt nur Sklaven und Mörder!

Stalin kennt die beredten Lehrstunden der napoleonischen Kriege nur zu gut, als sich die

russischen Offiziere, die als Sieger aus Europa heimkehrten, gegen die Selbstherrschaft im

eigenen Land erhoben. Folglich muss auch jetzt ihre Heimkehr verhindert werden. Alles

sehr einfach …

Reißt die Umschläge auf. Liest die Briefe. Stapelt sie.

“Meine liebste Mama ...“ „Sei gegrüßt, meine Mutter, in deinen alten Tagen …“ „Meine

kleinen Schwestern Tanja und Sascha …“ „Werte Tante Sinaida …“ „Meine süßen Kinder …“

„Mein weiser, geschätzter Opa …“ „Meinen Gruß übermittle ich Ihnen, verehrte Nachbarin

Katjuscha …“ „Sehr geehrte Witwe meines gefallenen Kamerades …“

Nichts Interessantes in diesen Briefen. Sie sind alle wie über einen Kamm geschoren.

Wozu habe ich sie zu lesen? Unschuldig sind sie alle. Das ist offensichtlich! Und ich habe

Schuldige unter ihnen zu finden. Ich habe die strenge Vorgabe von 30 Menschen pro

Tag. In Form einer Namensliste. Ohne Kommentare und Details. Der Auftrag lautet, den

Offiziersstab der Zentralgruppe der sowjetischen Besatzungsgruppen zu säubern und die

einfachen Soldaten in Ruhe zu lassen.

Vielleicht sollte ich das Los entscheiden lassen?

Zieht blind Briefe heraus.

Gradusow: Nun denn, der Krieg ist zu Ende! Deutschland hat bedingungslos kapituliert.

Was bedeutet das, „bedingungslose Kapitulation“? Kolonnen Kriegsgefangener der

Deutschen, die mir auf dem Weg nach Melk auf der Westautobahn entgegenkamen. Wohin

sie wohl geführt wurden? Den Anblick werde ich nie vergessen, wie sie mir mit den

Rufen „Nach Hause“ und „Hitler kaputt“ zuwinkten. Sie dachten, sie würden nach Hause

entlassen! Diese einfachen Soldaten und Offiziere, die unfreiwillig in der Armee gelandet

waren. Ob man sie tatsächlich laufen lässt? Ha! Von wegen!

Und die „befreiten“ Gefangenen aus den Konzentrationslagern? Ha! Sie glaubten wirklich,

wir würden sie befreien! Diese Naivlinge, sie dachten, sie hätten das Schrecklichste hinter

sich! Jetzt beneiden sie diejenigen, die den Sieg nicht erlebt haben! Es gab den Befehl, alle

sowjetischen Bürger, die sich in den Konzentrationslagern der Nazis befunden hatten, zu

verhaften und auf die Halbinsel Kolyma zu verfrachten… Als sowjetische Bürger galten auch

Letten, Litauer, Esten...

-4-

Gradusow: Ich kann also hier übernachten?

Mönch: Wenn Sie wollen, kann ich Sie im Keller unterbringen, wo schon 1805 russische

Soldaten untergebracht waren.

Gradusow: In einer Pfarre nicht weit von Melk habe ich ein Grab russischer Soldaten aus

Napoleons Zeiten gesehen, aber es war schon ziemlich dunkel und ich blieb nicht stehen.

Mönch: Das waren Gefangene. Nach der Schlacht von Austerlitz eskortierten die Franzosen

500 russische Soldaten. Sie machten im Kloster halt. Die Gefangenen wurden über Nacht

im Keller eingeschlossen. Es war kalt. Um sich aufzuwärmen, entfachten die Russen ein

Lagerfeuer aus Stroh. Am nächsten Morgen erwachten nur wenige von ihnen. Die meisten

waren an den Kohlendioxidgasen erstickt. Die Mönche bestatteten sie. 50 Jahre danach

errichtete die russische Regierung ein Denkmal für sie. Sie sind daran vorbeigekommen.

Doch diese Geschichte findet keine Erwähnung darauf.

Gradusow: Nein, im Keller übernachte ich nicht!

Mönch: Es gibt noch das Zimmer, in dem Napoleon abstieg. Auf dem Boden ist noch der

Brandfleck einer umgefallenen Kerze zu sehen, er wurde bis heute nicht aufgewaschen. Ich

zeige es Ihnen. Doch schlafen können Sie dort nicht. Seit Napoleon hat niemand mehr darin

übernachtet. Das Beste ist, ich führe Sie in den Stall! Dort gibt es genug Heu. Am Morgen

kommen die Frauen, um die Kühe zu melken, und werden Sie aufwecken.

Gradusow: Es gibt Frauen im Kloster?

Mönch: Nein, es gibt nur externe Arbeiterinnen, die kommen und gehen. Denn die Mönche

dürfen nicht arbeiten. Sie müssen beten und sich geistigen Aufgaben widmen.

Gradusow: Ich bin unendlich müde!

Mönch: Dann legen Sie sich hin!

Kuhgebrüll ist im Hintergrund zu vernehmen. Pater Bonifaz bringt Heu. Gradusow wirft

sich darauf und schläft ein.

Mönch: Eine gute Nacht! (löscht das Licht)

Die Träume des Majors Gradusow werden auf die Leinwände projiziert: ein Spaziergang

durch das Kloster, das Napoleon’sche Zimmer, die Brandspuren der Kerze auf dem

Fußboden, das Begräbnis der russischen Soldaten. Dann eine Frau, die die sich anschickt,

die Kühe zu melken. Gradusow pirscht sich von hinten an sie heran und macht sich an

ihrem Rock zu schaffen. Die Frau melkt weiter die große, fleckige Kuh, als hätte sie nichts

bemerkt. Gradusow fummelt etwa 30 Sekunden an ihr herum und sinkt dann kraftlos

zusammen. Kuhgebrüll.

ZWEITER AKT

1. BILD

Ein einfach eingerichtetes Zimmer. Fenster. Tisch. Zwei Stühle. Ein mit einer grauen

Soldatendecke bedecktes Metallbett. Einsam im Hintergrund steht eine Tür. Am Tisch sitzt

Major Gradusow.

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Verstehst du, ich bekomme ein Baby! (beschreibt in einer Geste einen großen Bauch)

Gradusow: (versteht sofort, lässt sich schwer auf den Stuhl sinken) Du bist schwanger?

Magdalena: Da, da, da… (bedeckt das Gesicht mit den Händen, weint)

Gradusow: (wischt mit einer heftigen Bewegung die Briefe vom Tisch, schüttelt den Kopf) Scheiße!

Verdammte Scheiße! Was sollen wir tun? (erhebt sich und geht schnellen Schrittes im Zimmer

auf und ab) Das kann nicht sein! Das ist unmöglich! Was soll nun werden. Sie werden mich

bestrafen. Versetzen werden sie mich. Einsperren. Ausweisen …

Magdalena: (schluchzt laut, gibt unartikulierte Laute von sich) Ah, uh, ah …

Gradusow: Du musst abtreiben lassen! (deutet ihr in Gesten) Suche einen Arzt, einen Doktor!

Doktor! Doktor! Verstehst du?

Magdalena: (deutsch) Ich verstehe! Aber es gibt keinen Arzt in Österreich, der eine

Abtreibung vornehmen wird! Verstehst du? Keinen einzigen! Ich habe mich schon

erkundigt! Österreich ist ein katholisches Land! Der Papst verbietet Abtreibungen!

Gradusow: Wie? Was?

Magdalena versucht mithilfe von Worten und Gesten das Wesen des Problems zu erklären.

Schlussendlich begreift Gradusow, nimmt Magdalena in den Arm, weint.

Magdalena: (deutsch) Andrej, wie soll es weitergehen? Mein Vater… Wenn er davon erfährt!

Er wird mich aus dem Haus jagen! Er hasst die Russen! Er hat die Nazis unterstützt,

er ist noch vor dem Anschluss Österreichs an Großdeutschland der Partei beigetreten.

Meine beiden Brüder waren Offiziere der WaffenSS. Wir haben seit Monaten keine

Nachricht mehr von ihnen, wir wissen nicht, wo sie sich befinden, ob sie gefallen oder in

Gefangenschaft geraten sind. Werden sie irgendwann heimkehren?

Vater träumt davon, dass wir nach Kriegsende ein fruchtbares Stück Land in der Ukraine

erhalten und reiche Bauern werden, für die die Slawen als Sklaven arbeiten werden. Das hat

uns Hitler versprochen! Wir sind in den Krieg gezogen, um für Lebensraum zu kämpfen,

den die deutsche Nation so sehr braucht!

Was wird Vater sagen, wenn er erfährt, dass ich ein Kind von einem Russen erwarte?

Gradusow: Was sollen wir jetzt tun? Ich werde den ärgsten Repressionen ausgesetzt sein!

(führt in einer beredten Geste die Hand an die Kehle) Das ist das Ende! Sobald das bekannt

wird …

Magdalena: (deutsch) Vielleicht sollten wir unserem Leben ein Ende setzen?

Gradusow: Was?

Magdalena: (versucht zu erklären, als sie sieht, dass Gradusow nicht ganz verstanden hat, findet

sie ein Beispiel aus der Literatur) Shakespeare! Romeo und Julia? Verstehst du? Du und ich!

Wir sind wie Romeo und Julia!

Gradusow: (entgeistert) Durch Selbstmord sterben? (tippt sich mit dem Zeigefinger an die

Schläfe)

Magdalena: (russisch) Da, da … (deutsch) Lass uns freiwillig in den Tod gehen. Das ist

romantisch! Wie Romeo und Julia! Wie Hitler und Eva Braun! Wir brauchen Gift! Wir

können Pater Bonifaz bitten uns zu trauen, und dann nehmen wir das Gift …

Gradusow: Warte! Wir werden nichts übereilen! Morgen ist das Spiel! Das ist äußerst

wichtig! Weißt du, was das bedeutet, gleich drei Marschalls: Malinowski, Rokossowski und

Wasiljewski? Das ändert vielleicht alles. Lass uns morgen darüber reden. Nach dem Spiel. In

Ordnung? Und jetzt geh! Du kannst nicht hier bleiben, das ist zu gefährlich …

Hoffen wir auf das Beste. Vielleicht ist noch nicht alles verloren!

Küsst Magdalena auf die Stirn und schiebt sie zur Tür hinaus.

4. BILD

Fußballplatz. Tor. Im Tor steht Pater Bonifaz in der Mönchskutte, beugt sich nieder

und richtet sich den Rock. Stadionlärm. Projektionen von WM-Spielen. Anpfiff des

Schiedsrichters. Der Ball in der Mitte des Feldes.


Nr. 20/2009 Buch II - Leopold

ST/A/R 15

Einen Schwerpunkt bilden Videofilme, mal kurz und

knapp, mal poetisch, lyrisch oder ironisch, mal

enervierend. Die Mittel spiegeln die Bandbreite moderner

Medien wider, bilden die Manipulationsmöglichkeit von

Zeitabläufen ab. Da ist die promovierte Medizinerin und

Künstlerin Barbara Musil, die in ihrem Film „market

sentiments“ den Investitionsboom im estnischen

Immobilienmarkt durch Katasterpläne optisch und

akustisch seziert. Im Rhythmus der Musik formt die

Künstlerin neuen imaginäre Marktplätze – ein Spiel,

formal und dennoch lebendig mit animierten Linien und

freien Flächen auf Landkarten.

Oder die Trickfilm-Darstellung des Huchel-Gedichtes

„Exil“ durch Magdalena Pfeiffer. Die akustische Ebene des

Gedichtes folgt der Natur, Himmel und Wolken, Wasser

und Stein. Die fotografische Ebene, aufgenommen in der

Berliner U-Bahn, bildet die Filmkulisse, in der sich

gezeichnete Figuren und Formen aus der Kulisse lösen,

bewegen und wieder verschwinden. Ein poetisches

Wechselspiel zwischen Sichtbarem und Verborgenem,

Kommen und Gehen.

Reinhold Bertlmann und John Bell

Fotos: Renate Bertlmann

Ein Spiel über Grenzen und Genres

„eMOTION“ - Die erste Ausstellung im Kunst-

Projekt-Raum G.A.S-station in Berlin zeigt

Arbeiten zum Thema Bewegung und Gefühl

Es ist nicht zu übersehen in seiner quadratisch

anmutenden Größe: Etwa zwei Meter hoch, , Meter

breit, schwarz. Darauf zeichnen sich die Konturen eines

Sofas ab. Eine foto-grafische Arbeit im engsten Sinne: Die

Kontur gezeichnet mittels eines Lichtstrahls, eine warme,

gelb-orange changierende Linie auf Schwarz. Mal geht die

Linie forsch und direkt ihren Weg, dann wieder schleicht

sie leicht unentschlossen dahin. Während der Lichtstrahl

die Kontur erschafft, bleibt der Umraum dunkel, schwarz.

Der Künstler Ronald Hackl zeichnet mit Licht, die

Bewegung hinterlässt ihre Spuren. Wir ahnen sie, ohne

die Bewegung zu kennen.

Ein weißer Vorhang, zwei Lichtquellen – sonst nichts.

Dahinter verbirgt sich eine interaktive Installation von

Matthias Richter „nur liebe zählt“. Um Zweisamkeit geht

es. Darauf muss man sich einlassen, denn die Kunst

entsteht durch die Agierenden vor und hinter dem weißen

Vorhang, diesseits und jenseits, im Licht oder im Schatten,

je nach Betrachtung. Spielend oder erstarrt, distanziert

oder ganz zugewandt, mit Furor oder In-sich-gekehrt –

das Spiel mit dem Licht erzeugt den Schatten. Der

Schatten ist ein Abbild der Begegnung. Die Bewegung hier

ist Teil der Emotion!

Ich kann beim besten Willen keinen Teddybären erkennen!,

Ralph Bageritz

Dies sind nur zwei der Arbeiten, die in der G.A.Sstation,

dem neu geschaffenen Berliner Kunst-Projekt-

Raum der beiden Wiener Künstler Elisa Asenbaum und

Thomas Stuck (Grafik Art & Sound) zu sehen sind.

„eMOTION“ heißt ihr erstes Ausstellungsprojekt in Berlin-

Kreuzberg. Es ist nicht einer Persönlichkeit oder einer

Kunstrichtung gewidmet, vielmehr steht die Auseinandersetzung

mit einem Thema im Vordergrund. „eMOTION“

meint Bewegung im Gefühl. Und dafür haben die Beiden

den Schritt gewagt, verschiedene Sparten zusammen zu

bringen: Kunst, Wissenschaft, Literatur. Es ist das Spiel

dieser Genres, ihr unterschiedlicher Zugang zu Bewegung

und Gefühl, der interessante Sichtweisen offenbart. Mehr

als Bewerbungen aus neun Ländern gab es.

eMOTION bis . Jänner

Filmtage_Filmnächte: .. / ..

jeweils - Uhr und . - Uhr

Vortrag: .., Uhr - Prof. Thomas Born

“Vom Tanz der Körper zum Tanz der Bilder”

Ein Vortrag mit zahlreichen Videobeispielen.

Der Vortrag spannt einen Bogen von den frühen Kung

Fu-Filmen (Wuxia) bis zu den modernen Martial Artund

Actionfilmen des Hollywoodkinos.

Lesungen und Buchpräsentation: .., Uhr

Maria Consuelo Vargas de Speiss stellt ihr neues Buch

"Hispana" vor und liest daraus auf Spanisch. Auf Deutsch

gelesen von Wolfgang Grossmann.

"Feuerwerkskirschbäume" von Iris Blauensteiner

gelesen von Judith Mauthe.

"Augustina" von Elisa Asenbaum und Urs Riegl

gelesen von Ina Krauß.

Öffnungszeiten: Di-Fr - Uhr, Sa - Uhr

oder nach telefonischer Vereinbarung

Raumkonzept:

Die Räumlichkeiten der G.A.S-station bieten Platz für

kulturelle Veranstaltungen. Sie können als Studio,

Veranstaltungsort, Labor, Entwicklungsplattform für

Projekte, Ausstellungsplatz, Diskussions-, Seminar- und

Präsentationsraum oder auch für private Veranstaltungen

gemietet werden.

G.A.S-station:

Tempelherrenstraße , Berlin/Kreuzberg

fon: + mob. + ()

www.gas-station.net - info@gas-station.net

Anfahrt:

G.A.S-station befindet sich im Bezirk Kreuzberg in der

Tempelherrenstraße , Ecke Blücher-/Urbanstraße und ist

sehr gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. Bus:

M direkt ab Hauptbahnhof, hält unmittelbar vor der

Tempelherrenstraße. U-Bahn-Stationen: U Prinzenstraße,

U Hallesches Tor und U Gneisenaustraße sind ca. min. zu

Fuß entfernt. Auto/Fahrrad: Zufahrt über das Carl-Herz-Ufer,

Johanniterstraße oder Wilmsstraße, die Tempelherren-straße

ist eine Sackgasse.

Und wer sich fragt, wie Darstellungen aus dem

naturwissenschaftlichen Bereich hier hinein passen, wird

überrascht. Diese Arbeiten sind mindestens genauso

spannend und anregend. Physiker wie Reinhold A.

Bertlmann oder Franz Embacher, beide Koryphäen in

ihrem Spezialgebiet, machen ganz unmissverständlich

klar, dass Formel-Sprache weit mehr ist als nüchterne

Wissenschaft oder pure Ratio. Egal, ob es um Beschleunigung,

Trägheit oder Masse geht, um den freien

Fall, Quantenmechanik oder die richtige Art, Teebeutel zu

analysieren. Wer eine Konstante eines Systems verändert,

erzeugt neue Formen, neue Bewegungen, neue

Richtungen.

So unterschiedlich Assoziationen von Bewegung in der

Raum-Zeit-Achse sein können, so streng durchdacht ist

das Konzept der Ausstellung. Unmittelbar neben der Leseund

Hörecke sind Arbeiten platziert, die sich mit der

Dynamik des Lesens befassen. Neben den interaktiven

Computeranimationen, die die Gesetze der Physik anschaulich

erfahrbar machen, hängen Landschaftsaufnahmen,

die dem Betrachter suggerieren, er befinde sich

in Bewegung. Die große Lichtzeichnung mit dem Sofa

wird durch ein Buch über Quantenmechanik ergänzt. Auf

der gegenüberliegenden Seite hängen Kunstwerke, die

sich eher emotionalen Aspekten im Kontext zu

gesellschaftspolitischen Aussagen widmen.

Und auch der Begriff Filmteppich wird beim Wort

genommen. Super--Filmstreifen aus den er und er

Jahren, die analog dem Weben zu einem Teppich

zusammengefügt wurden, bilden den Übergang zum

Videoraum. Hier ist nichts zufällig, selbst wenn es so

scheint!

peng peng, , video

Tanja Seiner

Die Besucher werden bei diesem Parcours aus Malerei,

Grafik, Fotografie, Film, Hörstücken, Wissenschaft,

Literatur und Analyse aus der Konsumentenhaltung

herausgerissen. „Das Werk setzt sich erst beim Betrachter

zusammen und dazu braucht er die Fähigkeit zu

assoziieren und auch die Motivation, Kunst und

Wissenschaft verstehen zu können.“ Elisa Asenbaum und

Thomas Stuck sind überzeugt, dass ihr Ausstellungskonzept

einen Aha-Effekt bewirkt, dass Besucher einen

aktiven, kreativen Prozess vollziehen, in einen Dialog mit

den Kunstwerken treten, jetzt oder später.

Elisa Asenbaum und Thomas Stuck haben in der G.A.Sstation

mit ihrer ersten Ausstellung „eMOTION“ ein

ambitioniertes Kunst-Projekt auf die Beine gestellt. Auch

der Katalog, Seiten in Farbe und als Hardcover mit

interessanten thematischen Bezügen, unterstreicht ihren

Anspruch, nicht in Sparten oder Schubladen zu denken.

Ina Krauß (Freie Journalistin, Berlin)


16 ST/A/R

Buch II - Leopold Nr. 20/2009

WAS TUT DIE KUNST FÜR DIE GESELLSCHAFT?

VON KUNST UND WELTKULTUR Von Wolf Guenter Thiel, Berlin Von Wolf Guenter Thiel, Berlin

Ein Resultat des Zusammenbruchs der politischen Systeme

des kalten Krieges und seiner fest definierten Weltmodelle

ist ein seither vorherrschendes Defizit an Utopien. Es scheint

als sei die Utopie eine Idee der Vergangenheit und nicht eine

Vision von Zukunft. Utopie als eine Wunschvorstellung, die

zwar denkbar, aber vor dem Hintergrund aktueller Problemund

Aufgabenstellungen der Weltpolitik nicht realistisch zu

sein scheint. Utopie wird zum Synonym für einen als

unausführbar betrachteten Plan und eine realitätsferne Vision.

An die Stelle der Utopie ist ein makro- und mikropolitischer

Pragmatismus getreten, der die wichtigen Fragen der

Menschheit direkt und ohne den scheinbaren Umweg der

Utopie angeht und nach unmittelbaren Lösungswegen sucht.

Fragen der Erderwärmung, des Klimawandels und der

Bewahrung der natürlichen Umwelt - wie der Polkappen - sind

in den Fokus der Politik und der Wissenschaft gerückt. Es gilt

zu handeln! Hierbei ist die Situation dadurch erschwert, dass

sich mit den großen neuen Industriemächten im fernen und

mittleren Osten, Wirtschaften entwickeln, die durch ihre

Geschichte und ihre Bevölkerungsentwicklung zum

Wachstum verpflichtet sind und so die industrielle Produktion

ihrer Volkswirtschaften fast zwangsläufig steigern müssen,

um den sozialen Frieden innerhalb ihrer Gesellschaften zu

waren oder herzustellen. Eine Analyse dieser Art setzt voraus,

zu akzeptieren, das sich die Gesellschaften der Erde in

unterschiedlichen Entwicklungszuständen ihrer jeweiligen

Wirtschaften und Kulturen befinden. Das wichtigste hierbei,

Fukuyama

so scheint es mir, ist die unterschiedliche kulturelle

Geschichte mit ihren aktuellen Ausprägungen in China,

Indien oder am arabischen Golf zur Kenntnis zu nehmen und

zu respektieren. Die Antwort des amerikanischen

Politikwissenschaftlers Samuel Huntington gibt er in seiner

Schrift „The Clash of Civilizations“ im Jahr 1996. Diese

Schrift hat die amerikanische Globalpolitik der Bush Ära

maßgeblich legitimiert und politologisch fundiert. Er lehnt die

Vorstellung einer universellen Weltkultur - wie sie nach dem

Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 und dem Ende des

Kalten Krieges von Francis Fukuyama vertreten wurde - ab. Er

geht von einem Konflikt zwischen Zivilisationen und Kulturen

aus. Den Grund sieht er darin, das die weltpolitische, westliche

Dominanz mit ihrer den Zivilisationen anderer Prägung

aufgezwungenen Geschichte des Imperialismus und

Kolonialismus andere kulturelle Identitäten bis heute

maßgeblich unterbewertet. In der Folge ist ein

Akzeptanzproblem westlicher Wertvorstellungen entstanden,

das andere Kulturen in die fundamentale Opposition zwingt.

Huntington fordert anstelle einer Politik der Menschenrechte,

eine Geopolitik der Macht, angeführt von den Vereinigten

Staaten. Eine Lösung dieses Konfliktpotentials sieht

Huntington in der Stärkung der westlichen Identität nach

Außen und Innen. Francis Fukuyama sieht mit dem Ende

des zweiten Weltkrieges und dem Fall der Berliner Mauer

(1989) eine Schlussphase der politischen Systementwicklung.

Totalitäre Systeme stellen keine politischen Alternativen mehr

dar. Fukuyama vertritt die These, dass die durch diesen

Wandel entstehenden sozialen Probleme von den

Gesellschaften durch die gesetzmäßige Bildung neuer

formeller und informeller Normen (gesellschaftliche

Vereinbarungen auf Konsensbasis) gelöst werden. Jede

Gesellschaft sei in der Lage, eine neue Ordnung zu erfinden.

Dabei geht Fukuyama von der Prämisse aus, dass nur

Gesellschaften in der Lage seien eine neue Ordnung zu

erfinden, die genügend Sozialkapital aufweisen. Sozialkapital

ist als die Zusammenfassung informeller sowie formeller

Normen zu verstehen, die alle Mitglieder einer Gesellschaft

teilen, um eine effektive Kooperation innerhalb der

Gesellschaft zu ermöglichen. Hohes Sozialkapital stehe häufig

im Zusammenhang mit niedrigen Kriminalitätsraten und der

generellen Bereitschaft, sich für die Gesellschaft einzusetzen.

Beispiele sind Hilfsorganisationen, soziale Netzwerke oder

exemplarisch für die Kunst alternative Ausstellungsräume,

junge und aufstrebende Galerien oder Kunstvereine und

-Initiativen. Kunst und Künstler geben einen hervorragenden

Prospekt für die von Fukuyama vertretene These ab. Mit dem

Begriff „Soziales Kapital“ bezeichnet Pierre Bourdieu die

Gesamtheit der aktuellen und potenziellen Ressourcen, die

mit der Teilhabe am Netz sozialer Beziehungen gegenseitigen

Kennens und Anerkennens verbunden sein können. Das

soziale Kapital bezieht sich auf die Beziehungen zwischen

natürlichen Personen. Es bietet für die Individuen einen

Zugang zu den Ressourcen des sozialen und

gesellschaftlichen Lebens wie Unterstützung, Hilfeleistung,

Anerkennung, Wissen und Verbindungen bis hin zum Finden

von Arbeits- und Ausbildungsplätzen. Es produziert und

reproduziert sich auch über Tauschbeziehungen, wie

gegenseitige Geschenke, Gefälligkeiten, Besuche und

Ähnliches. Dies alles gilt exemplarisch für die Kunstwelt. Wo

aber finden diese beschriebenen Dialoge statt und wer spricht

mit wem? Otto Neurath österreichischer Philosoph und

Ökonom gründet 1929 in Wien den so genannten „Wiener

Kreis“ und bringt ein Manifest heraus, die diesen gedanklich

und wissenschaftlich fundiert. Es ist eine Gruppe von

Wissenschaftlern, Philosophen und Künstlern, die er als

„realitätsnahe Utopisten“ bezeichnet. Ziel dieses Kreises war

es den „Geist der wissenschaftlichen Forschung“ zu

durchdenken und aufzuzeigen, worin eine „wissenschaftliche

Weltauffassung“ besteht. Es ging diesem Kreis um die

Durchsetzung einer Sprache und einer Wissenschaft, die sich

für die Entwicklung und den Aufbau von „Sozialkapital“

Sparten übergreifend einsetzen sollte und wollte. Was die

Kreismitglieder verband waren nicht gemeinsame Thesen,

sondern, wie das Manifest sagt, „die grundsätzliche

Einstellung, die Gesichtspunkte, die Forschungsrichtung.“

Neurath

Der Kreis war in Wien durch den aufkommenden Faschismus

jedoch leider nur von kurzer Dauer, bevor er in der Masse

seiner Mitglieder ins Exil gezwungen wurde. „Eine moderne

Demokratie, so schrieb Neurath unmittelbar nach dem Krieg

1945 in England, brauche gesellschaftliche Räume, in denen

ein abwägender, nachdenklicher Diskurs über die

gesellschaftliche Ordnung, in der wir leben, geführt werden

kann. Mit überprüfbaren Argumenten, in einer klaren

Sprache. Visuelle Mittel könnten dabei eine wichtige Hilfe

sein. Die Demokratie werde nur dann eine Chance haben,

wenn möglichst viele Menschen lernen, die Welt unter

verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten, ihre

Erfahrungen in Worte zu fassen, sie mit anderen

auszutauschen und ihre Sicht der Dinge unter bestimmten

Umständen zu ändern.“ Künstler sind gewohnt ihre Sicht auf

Welt, ihre Kommentare und Ansichten zur Gesellschaft in

Ausstellungen zur Diskussion zu stellen. Kunsträume, seien

sie nun kommerziell oder nicht kommerziell, haben die

Aufgabe übernommen, diese von Neurath geforderten,

gesellschaftlichen Räume zur Verfügung zu stellen. Hierbei

sind es insbesondere die jungen und aufstrebenden Galerien,

die ihren Markt erst noch finden müssen, die sich durch

inhaltliche und innovative Arbeit hervortun. Es sind die

Betreiber dieser Art von Ausstellungsräumen, die soziale

Beziehungen mobilisieren und in soziale Beziehungen

investieren und so langfristig soziales Kapital aufbauen. Sie

streben die soziale Dynamik von Kennen und Anerkennen an,

wie sie in der internationalen Kunstwelt üblich ist: Aus dem

Kennen von Personen kann ein Informationsvorsprung

entstehen, der dann auch in einen Vertrauensvorschuss

„umgemünzt“ werden kann. Dieser Vertrauensvorschuss

macht letztlich den ökonomischen Erfolg der Kunst, ihrer

Produzenten und Vermittler aus. Die visuellen Mittel der

Kunst, die Otto Neurath als wichtige Hilfe eingeschätzt hat,

sind also vom illustrativen Hilfsmittel zum Anlassgebenden

Ausgangspunkt für Dialoge geworden. Künstler und ihre

Werke geben den Anlass für Symposien, Begleitvorträge und

wissenschaftliche Beiträge zu gesellschaftspolitischen und

sozio- kulturellen Fragestellungen, die der normale

Wissenschaftsbetrieb so nicht vorsieht. Hier beginnt ein

Dialog der erheblich intensiviert werden könnte und vor allem

sehr viel ernster genommen werden sollte. Wissenschaftler

der naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen

Fachbereiche im Dialog mit Philosophen und Künstlern. Die

letztgenannten rücken hierbei in die Rolle von realitätsnahen

Utopisten. Utopisten, die durch die Freiheit des

künstlerischen Ausdrucks in die Lage versetzt werden,

Planspiele durchzuspielen, die real-utopistische Formen

annehmen und die Räume bespielen, die sich für die von

Neurath so benannten „nachdenklichen Dialoge“ öffnen. Aber

wie laufen solche Prozesse in der Realität Berlins ab. Künstler

aus allen Regionen der Welt leben und arbeiten derzeit in

Berlin. Sie tun dies aus zwei Gründen: Sie finden eine

Vielzahl bezahlbarer Räume vor, die sie sich leisten können

und finden eine Stadt vor, die so offen für Künstler ist, das sie

sehr einfach Anschluss an einen der vielen Kunstkreise

finden. Mit seiner internationalen, von jungen, engagierten

Galerien und temporären Ausstellungsräumen bestimmten

Kunstszene, hat sich die Stadt inzwischen als einer der

wichtigsten Standorte des internationalen Kunstgeschehens

etabliert. Die Berliner Kunstlandschaft zeigt und lebt geradezu

exemplarisch kulturelle Globalisierungsphänomene aus. Hier

entstehen zwischen den Künstlern aus unterschiedlichsten

Kulturkreisen neuartige und soziale, dynamische Netzwerke.

Diese Erfahrung einer lebendigen „Weltkultur“ macht die

große Attraktivität der Stadt Berlin aus. In Berlin erleben die

Künstler und Kreativen etwas von eben dieser neuen Kultur.

Diese weist unterschiedlichste kulturelle Prägungen auf und

etabliert hierdurch eine neuartige Anschlussfähigkeit an die

unterschiedlichsten Zentren der Kunstwelt und ihrer

Kulturkreise. Traditionelle, regional oder national bestimmte

kulturelle Mentalitäten und Eigenschaften beginnen zu

verschwimmen und verändern sich sukzessive. Durch den

ständigen Austauschprozess von Ideen und Wissen entstehen

neue solidarische und globalisierte Gruppen von Kreativen,

die sich zusammentun und gegenseitig helfen und

unterstützen. Diese Gruppen sind

Solidargemeinschaften, die sich über

ihre Mitglieder direkt mit den

unterschiedlichen Herkunftsländern und

ihren kulturellen Zentren und

Einrichtungen vernetzen. Dieser Prozess

wird heute wesentlich durch das Internet

ermöglicht. Die Gruppen formieren sich

einerseits in den Städten der

globalisierten Welt wie Berlin und

andererseits auf unterschiedlichen

Internetplattformen. Auf diesen

Plattformen finden die Prozesse, die in

Berlin und anderen Städten in der

Realität stattfinden, parallel hierzu in

der virtuellen Welt statt. Sie verstärken

die realen Kulturphänomene. So entsteht

ein ständiger Informationsaustausch

und ein ständiges Angebot von

Ausstellungen und

Thiel

Ausstellungsmöglichkeiten, der den

Solidaritätsgedanken nachhaltig

befördert. Das beschriebene Phänomen

widerlegt Huntington und erweist sich

als ein Beleg für das Gegenteil. Neue gesellschaftliche Normen

werden gefunden, sie werden entwickelt und etabliert und

strahlen auch in Berlin auf die gesellschaftlichen

Umgebungen aus. Diese kulturellen Brücken ergeben sich

durch das engagierte Eintreten für realitätsnahe Utopien. Eine

von Huntington proklamierte geforderte Rückwendung zu

nationalen Leitkulturen erscheint vor diesem Hintergrund

grundsätzlich abwegig. Die große Qualität Berlins im

Hinblick auf dieses Sozialkapital wurde erstmals während der

Fußballweltmeisterschaft 2006 in Berlin mit ihren

hunderttausenden internationaler Gästen, den Fanmeilen und

dem kollektiven „Public Viewing“ deutlich. Dieses

transnationale Wir-Gefühl jenseits von Nationalmannschaften

haben zur Illustration des Phänomens „Weltkultur“ erheblich

beigetragen und wurden von Medien weltweit auch so

kommuniziert. Die Frage: „Was tut Kunst für die

Gesellschaft?“, können wir so beantworten. Kunst belegt die

Richtigkeit der These einer Weltkultur. Sie erfüllt ebenfalls

eine Funktion in der Bildung von sozialen und kulturelle

Netzwerken, die eindeutig das Verständnis zwischen

unterschiedlichen Kulturen in einer Stadt wie Berlin fördern

und befördern. Sie schafft eine kulturelle Anschlussfähigkeit

an die unterschiedlichen Weltkulturen Asiens, Amerikas,

Arabiens und Afrikas. Vor allem belegt sie, das es möglich ist,

kulturelle Brücken zu bauen, diese zu begehen und sich

zusammen für und miteinander, solidarisch zu engagieren.

Vgl. Samuel Huntington:The Clash of Civilizations and the Remaking of

World Order. Simon & Schuster, New York 1996, auf deutsch erschienen

als: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21.

Jahrhundert. Goldmann, München 1998

Francis Fukuyama: Das Ende der Geschichte (The End of History and the

Last Man), 1992

Scheitert Amerika? Supermacht am Scheideweg. Berlin: Propyläen Verlag,

März 2006. Wir benutzen den Begriff Sozialkapital (Fukuyama) und

Soziales Kapital(Bourdieu) analog. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/

Soziales_Kapital; Pierre Bourdieu: Sozialer Raum und „Klassen“. Zwei

Vorlesungen. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1985 Vgl. Elisabeth Nemeth:

Einleitung, in: Volker Thurm (Hg.): Wien und der Wiener Kreis. Orte

einer unvollendeten Moderne. Ein Begleitbuch. Wien 2003 Der Wiener

Kreis orientierte sich im Sprachverständnis an Ludwig Wittgenstein

und seinem Tractatus logico philosophicus. Vgl. Ludwig Wittgenstein:

Tractatus logico-philosophicus, Logisch-philosophische Abhandlung.

Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003. Elisabeth Nemeth: Einleitung,

in: Volker Thurm (Hg.): Wien und der Wiener Kreis. Orte einer

unvollendeten Moderne. Ein Begleitbuch. Wien 2003.

Vgl. Samuel Huntington: Who Are We? Die Krise der amerikanischen

Identität. Europa-Verlag, Hamburg 2004


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch III - Berlin ST/A/R 17


18 ST/A/R

Buch III - Berlin Nr. 20/2009


Nr. 20/2009 Buch III - Berlin

ST/A/R 19


Städteplanung / Architektur / Religion Buch III - Berlin ST/A/R 21


22 ST/A/R

Buch III - Berlin Nr. 20/2009


Nr. 20/2009 Buch III - Berlin

ST/A/R 23


24 ST/A/R

Buch III - Berlin Nr. 20/2009


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch IV - Alena ST/A/R 25

Alena Baich Schauspielerin

Alena Baich gab ihr Theaterdebut am Wiener Burgtheater, wo sie drei Jahre als fixes Ensemblemitglied engagiert war und u.a. in

Arbeiten unter der Regie von Peter Zadek, Luc Bondy und Martin Kušej zu sehen war.

Heute lebt und arbeitet sie als freischaffende Schauspielerin in Wien und in Kroatien.

Neben ihrer Arbeit auf diversen Bühnen und vor der Kamera realisiert sie auch eigene Kunstprojekte, in denen ihr Fokus auf

der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Literatur und Musik liegt und Künstler aus dem südosteuropäischen Sprachraum

eingebunden werden.

2009 wird sie in unserem Russischen ST/A/R Theater in Berlin als Gast auftreten. www.alenabaich.com


26 ST/A/R

Buch VI - Alena

Nr. 20/2009

AUS DEM FOTOTAGEBUCH

Bei einem Besuch der Ausstellung von Lies Maculan in Linz

mit Erich X. und dem Galleristen Konzett sahen wir die

Fotoinstallationen von Lies Maculan.

Man glaubt ein Fenster mit einem Mädchen zu sehen oder

eine badende Frau – man glaubt durch die offene Tür in

einen anderen Raum zu blicken, man glaubt man kann auf

dem Klavier spielen – man glaubt im Kamin ein Feuer

anzünden zu können – man glaubt – man glaubt –

man glaubt – Alles FAKE – Dann weiß man – eine super

Fotoinstallationen von Lies Maculan!

Heidulf Gerngross

LIES

ERICH

PHILIP


Nr. 20/2009

Buch VI - Alena

Oliver Rosenauer bringt eine Flasche

Sekt als Neujahrsgruss ins

ST/A/R-Büro.

Diese Flasche wurde an Milan Mijalkovic

weitergeschenkt.

DANK an Oliver Rosenauer

ST/A/R 27

Franz West mit Richie Hoeck und

mit dem Galeristen Michael Hall

roböXotica, Festival for Cocktail Robotics mit dem St. Petersburger

Künstler Michael Crest – initiert von Vallie Airport

Barbara Kramer mit Alena Baich

Moderatoren: Barbara Kramer

und Jimmy Lend und die

großartigen Schauspieler 1,2,3,4.

Chobot and Chobot

Chobot - Winner vom 6. DRAMA SLAM am 6.12.2009

Jimmy Lend Organisator

der DRAMA SLAMs in Wien,

Berlin und St. Petersburg


Mag. Harro Berger

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email: harro.berger@chello.at

In kalten Zeiten -

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30 ST/A/R

Buch VI - Alena Nr. 20/2009

DER GROSSARTIGE KÜNSTLER

ISMAEL BASARAN

und ST/A/R-Reporter

2/2008

Nr. 02/ III,IV 2008

Eur 3,50

Christian Boltanski

Gyula Pauer

Muzej Macura

Herausgegeben von Thomas BUCH Redl und 1Wolf Guenter Thiel

Zeitung für Kunst und Ästhetik - Wien / Berlin

Wittgensteins Fotografie

Michael Nedo

Thomas Macho

Zeitung für Kunst und Ästhetik

www.fairarts.org

Wolfgang Ullrich

Peter Markowich

Sabine Folie


3/2008 Nr. 03/III,IV 2008

RothStauffenberg

Miao Xiaochun

Herausgegeben von Thomas BUCH Redl und 1Wolf Guenter Thiel

Zeitung für Kunst und Ästhetik - Wien / Berlin

Bruno Gironcoli

Joseph Beuys

Zeitung für Kunst und Ästhetik

www.fairarts.org

Beat Wyss

Peter Tscherkassky


fair – Zeitung für Kunst & Ästhetik

erscheint 2009 4 x jährlich in Wien und Berlin.

Auflage: 10.000 Stück,

erhältlich im Fachbuchhandel, Trafiken, Museen,

Institutionen, Cafes (Vertrieb Morawa)

fair Statement

Die Aufgabe und das Ziel von fair ist es einen Dialog auf hohem

Niveau im Bereich bildende Kunst und Kunsttheorie und in den

Bereichen Film, Architektur und Kulturphilosophie zu führen, der

nicht ausgerichtet ist auf die aktuellen Tendenzen des Kunst- und

Kulturbetriebs und deren ökonomischen Zwänge.

fair stellt einen diskursiven Raum zu Verfügung, indem das

Verhältnis von Kultur, Ästhetik und Ethik im Kultur- und

Kunstbetriebs sowie in gesellschaftlichen und urbanen

Entwicklungen aktuell diskutiert werden kann.

Das Wirkungsfeld ist der deutschsprachige Raum mit Schwerpunkt

Wien und Berlin. 2009 wird ein wesentlicher Fokus auf den zentralund

osteuropäischen Raum gelegt.

2008 berichtete fair unter anderem von:

Hiroshi Sugimoto, Christian Boltanski, Bruno Gironcoli, Miao

Xiaochun, Joseph Beuys,

RothStauffenberg, Peter Kogler / Autoren: Beat Wyss, Peter Weibel,

Silvia Eiblmayr. Carl Pruscha, Peter Tscherkassky, Thomas Macho,

Sabine Folie.

Christian Boltanski, Detail aus Autoportrait, 2007, © Kewenig Galerie, Köln

RothStauffenberg

Grande Hotel Moçambique

fair wird herausgegeben von Thomas Redl (Wien) und wolf Guenter Thiel

(Berlin)


Nr. 20/2009 Buch VI - Alena

ST/A/R 31

MILANS GEBURTSTAG

MILAN 24 AND AMIGOS

MILAN MIJALKOVIC, A NATURAL BORN ARCHITECT

AT HIS BIRTHDAY IN VIENNAS FAMOUS EISSALON,

GUMPENDORFERSTRASSE. AND HIS DESIGN “FÜR EINE

MUSEUMSBIENE” DIE ALLE WIENER KULTURSTÄTTEN VOM

MUSEUMSQUARTIER BIS ZUM WIEN-MUSEUM VERBINDET.

CAT

Foto: Andrea Baczynski


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32 ST/A/R

Buch VI - Alena Nr. 20/2009

Kunsthaus Bregenz

Jan Fabre

From the Cellar to the Attic – From the Feet to the Brain

27 | 09 | 2008 – 25 | 01 | 2009

I had to break down a part of the ceiling of the Royal Palace because there was something growing out of it | 2008

Photo: Markus Tretter © Jan Fabre/VBK, Wien, 2008, Kunsthaus Bregenz

Symposium Jan Fabre

Schlachtfeld der Liebe und des Lebens |

Battlefield of Love and Life

• Samstag, 17. Januar, 10 bis 18 Uhr | Auf Einladung

von Jan Fabre diskutieren internationale Kuratoren

spezifische Aspekte der KUB-Ausstellung.

Zugesagt haben bisher: Jacopo Crivelli (Kurator

Sao Paolo Biennale), Giacinto di Pietrantonio

(Direktor GAMEC, Bergamo), Dirk Snauwaert

(Direktor Kunstzentrum Wiels, Brüssel),

Stefanie Rosenthal (Kuratorin Hayward Gallery,

London), Thomas Trummer (Siemens Arts

Program, München) und Augustine Zenakos

(Kurator Athen Biennale). Im Anschluss wird der

Katalog zur Ausstellung präsentiert.

Kunsthaus Bregenz

Karl-Tizian-Platz, A-6900 Bregenz

Telefon (+43-5574) 485 94-0

www.kunsthaus-bregenz.at

Öffnungszeiten

Dienstag – Sonntag 10 – 18 Uhr

Donnerstag 10 – 21 Uhr

24.12.08 10 – 14 Uhr

25.12.08 geschlossen

26.12.08 10 – 18 Uhr

31.12.08 10 – 14 Uhr

01.01.09 14 – 21Uhr

Kind – Jugend

Engelchen Bengelchen

• Dienstag, 23. Dezember, 10 bis 13 Uhr und 14 bis

17 Uhr | Gerade noch rechzeitig vor Weihnachten

wird im KUB Christbaumschmuck gebastelt.

Wunderkammer

• Freitag, 2. Januar bis Sonntag, 4. Januar, jeweils

10 bis 13 Uhr | In den Ferien bietet Marco Ceroli

einen Workshop nach der Munari-Methode für

Kinder von 6 bis 12 Jahren an. Präsentiert werden

die Ergebnisse am Sonntag, 4. Januar, um 13 Uhr.

Teilnahmegebühr für alle 3 Tage: 27 €. Buchung

einzelner Tage möglich; Anmeldung unter:

(+43-55 74) 4 85 94-415.

ART CRASH

• Freitag, 16. Januar, 16 bis 18 Uhr | Der ART

CRASH bietet Jugendlichen zwischen 12 und

17 Jahren die Möglichkeit, Ausstellungen zu

besuchen, Künstlern in ihrem Atelier über die

Schulter zu schauen und ganz generell über

Kunst zu sprechen.

Workshop

• Für Kinder im Alter von 5 bis 10 Jahren

findet jeden Samstag von 10 bis 12 Uhr

ein Workshop statt. Nach einem Rundgang

durch die aktuelle Ausstellung werden

die vermittelten Inhalte anschließend beim

praktischen Arbeiten vertieft.

Film

Filme von Jan Fabre

• Donnerstag, 8. Januar, 20 Uhr | Zusammen mit

dem Künstler wurden vier Werke seines filmischen

Œuvre ausgewählt, die Themen der Ausstellung

ansprechen. The Problem 2001, Is the Brain

the Most Sexy Part of the Body? 2007,

The Meeting/Vstrecha 1997, A Consilience 2000

Dokumentarfilme über den Künstler Jan Fabre

• Donnerstag, 22. Januar, 20 Uhr | The Man

Measuring the Clouds 2003, Jan Fabre au

Louvre 2008, A Royal Mission 2002

Führung

• Öffentliche Führungen werden am Donnerstag

19 Uhr, Samstag 14 Uhr und Sonntag 16 Uhr

angeboten.

Architektur

• Sonntag, 4. Januar, 11 Uhr

Familienführung

• Sonntag, 11. Januar, 14 Uhr

Backstage

• Donnerstag, 15. Januar, 19 Uhr

Finale

• Sonntag, 25. Januar, 16 Uhr


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch V - Wien Kultur ST/A/R 33

dr. andreas mailath-pokorny.

Stadtrat für Kultur und Wissenschaft

dr . andreas mailat -pokorny


34 ST/A/R

Buch V - Wien Kultur Nr. 19/2008

Koer

Die Aufgabe von KÖR ist die Belebung des

öffentlichen Raums der Stadt Wien mit permanenten

bzw. temporären künstlerischen

Projekten. Dadurch soll die Identität der

Stadt und einzelner Stadtteile im Bereich

des Zeitgenössischen gestärkt sowie die

Funktion des öffentlichen Raums als Agora

– als Ort der gesellschaftspolitischen und

kulturellen Debatte – wiederbelebt werden.

KÖR versteht Kunst im öffentlichen Raum

nicht als Dekor, sondern als Angebot zur

Auseinandersetzung mit Inhalten und radikalen

ästhetischen Setzungen sowie als

symbolische Markierung bislang

kulturabstinenter Territorien.

KÖR wickelt künstlerische Projekte ab,

erteilt Aufträge an KünstlerInnen, lobt

Wettbewerbe für künstlerische Projekte im

öffentlichen Raum aus, vergibt Förderungen

an KünstlerInnen bzw. Projektträger und

führt damit verbundene Tätigkeiten, wie

Veranstaltungen und Symposien, durch.

Die Mittel werden von den Geschäftsgruppen

Kultur und Wissenschaft, Stadtentwicklung

und Verkehr sowie Wohnen,

Wohnbau und Stadterneuerung zur Verfügung

gestellt.

Die Projekte werden im frei zugänglichen,

öffentlichen Raum der Stadt Wien, in dem

Kunst von jedermann erlebt werden kann,

umgesetzt.

Ken Lum PI

Westpassage Karlsplatz / Friedrichstraße, 1010 Wien

Eröffnung: 1. Dezember 2006

© Jörg Auzinger

Ingeborg Strobl EIN GARTEN (ZUM BEISPIEL)

Novaragasse 8, 1020 Wien

Eröffnung: 7. Mai 2008

© Christian Wachter

Maria Hahnenkamp und Architekt

Willi Frötscher ORNAMENT-VORHANG

Kabelwerkpark, 1120 Wien

Eröffnung: 17.September 2008

© Fotostudio Huger

Lois und Franziska Weinberger

DACHGARTEN DER WIENBIBLIOTHEK

Rathaus (Hof 6), 1010 Wien

Eröffnung: 17. Oktober 2005

© Jörg Auzinger


Nr. 19/2008 Buch V - Wien Kultur

ST/A/R 35

Joep van Lieshout

„WELLNESS SKULL“

KÖR am Kunsthalle Wien public

space karlsplatz

Treitlstraße 2, 1040 Wien

19. November 2008 bis 15. März 2009

© Stephan Wyckoff

URBAN SIGNS – LOCAL

STRATEGIES

Sonia Leimer, Michael

Gumhold, David Moises, Anna

Artaker, Christian Egger Boris

Ondreicka, Lucie Stahl und

Stefan Sandner

Fluc Vorplatz und Fassade, Praterstern,

1020 Wien

21. Oktober bis 22. Dezember 2008

Oliver Hangl DIE RE-

KLAME REKLAMIEREN 2:

ANDREA VAN DER

STRAETEN

Leo Kandl BEKLEIDUNG

AUS DER SERIE

„KOLLEKTION“

Schaufenster KÖR am Kunsthalle

Wien public space karlsplatz

Treitlstraße 2, 1040 Wien

5. August 2008 bis 1. März 2009

Barbara Krobath DREI

CHINESEN IN DER

QINGHAI-TIBET-BAHN

K48, Kirchgasse 48, 1070 Wien

18. Dezember 2008 bis 31. März 2009 Flora Neuwirth

U2 Station Schottentor, Vitrine

über dem Bahnsteig, 1010 Wien

14. Mai 2008 bis 28. Februar 2009

Marko Lulić MAHNMAL

GEGEN DEN MYTHOS

DES ERSTEN OPFERS

Parkanlage am Mexikoplatz

1020 Wien

10. April 2008 bis 10. April 2009

CLUBBLUMEN - EIN

UTOPISCHES

UNTERNEHMEN IM

SOZIALEN RAUM

Johannagasse 42, 1050 Wien

30. April 2008 bis 31. Jänner 2009

KÖR Kunst im öffentlichen Raum

GmbH

Museumsplatz 1, Stiege 15

A-1070 Wien

T +43 (0)1 521 89 - 1257

F +43 (0)1 521 89 - 1217

office@koer.or.at

www.koer.or.at


Städteplanung / Architektur / Religion

Gelitin

Dr. Andreas Mailath-Pokorny

FOTO: MEDIA WIEN

Heidulf Gerngross

Dominik Steiger

Hahnenkamp

Bernhard Lang

Foto:media wien


star_ok:Layout 1 19.12.2008 15:00 Uhr Seite 1

38 ST/A/R

Buch V - Wien Kultur Nr. 19/2008

MUSA Museum auf Abruf

— ist Ausstellungsort und Präsentationsraum für die seit 1951 bestehende Sammlung

zeitgenössischer Kunst der Stadt Wien – mit über 20.000 Objekten aller Sparten von

rund 3.500 KünstlerInnen

— ist die Artothek, in der Kunstbegeisterte gegen eine geringe Leihgebühr Grafiken für

den privaten Wohnbereich entlehnen können (€ 2.50/Bild/Monat)

— ist die Startgalerie, die als Fördereinrichtung und Präsentationsfläche mit wechselndem

Ausstellungsprogramm junge KünstlerInnen der Öffentlichkeit vorstellt

MUSA Museum auf Abruf

— bietet jeden Donnerstag ab 17.00 Uhr sowie gegen Voranmeldung Kunstvermittlungsprogramme

(T +43-(0)1-4000-84752)

— organisiert auch spezielle Führungen für Personen mit besonderen Bedürfnissen

— macht Schenken leicht – mit dem Geschenkgutschein der Artothek (ab € 10,–)

— Freier Eintritt zu sämtlichen Ausstellungen und Veranstaltungen!

Weitere Informationen zu unseren aktuellen Ausstellungen und Veranstaltungen sowie

zum Kunstvermittlungsprogramm finden Sie unter www.musa.at

MUSA Museum auf Abruf

1010 Wien, Felderstraße 6-8, neben dem Rathaus

T +43-(0)1-4000-8400, musa@musa.at, www.musa.at

MUSA

musa

© Ein Projekt der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7) 1082 Wien, Friedrich-Schmidt-Platz 5


Nr. 19/2008 Buch V - Wien Kultur

ST/A/R 39


40 ST/A/R

Buch V - Wien Kultur Nr. 19/2008

Wien

Mission Ignition Kagran.

Oder: Transdanubien wächst!

Foto: H.Preis

Kagran, so hieß die U1 Station früher

„Zentrum“

– bis die Häufung japanischer Touristen, die

vorm Donauzentrum herumirrten und den Stephansdom

suchten, auffällig wurde. Und obwohl das DZ - das lange

Zeit größte Einkaufszentrum (heute „Urban Entertainment

Center“ ) Wiens , das nach eigenen Angaben das „größte

Unterhaltungsangebot der Stadt unter einem Dach“ zu

bieten hat, konnte sich Kagran als Touristen-Magnet nicht

wirklich durchstezen. Das „Zentrum“ vor „Kagran“ wurde

schließlich entfernt.

Für die DonaustädterInnen scheint Kagran

als Verkehrknotenpunkt, Versorgungs- und

Unterhaltungsquelle aber immer noch das Zentrum

zu sein. Hier setzt auch „Misson Ignition Kagran“

– MIK, ein Kollektiv junger KünstlerInnen und

LandschaftsarchitektInnen an, das sich von dort aus weiter

in den Bezirk/an den Stadtrand bewegt, und es sich zur

Aufgabe gemacht hat, das – für die meisten WienerInnen

unbekannte und auch unattraktive Territorium Donaustadt

– oder auch: Transdanubien zu erforschen und unter

einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Welche Motivation hat der Wiener/die Wienerin ÜBER

DIE DONAU zu fahren? - Meistens keine. Vielerorts

herrscht sogar die Meinung, Transdanubien gehöre gar

nicht mehr zu Wien. Die Motivation der Initiative MIK

ist, Aufmerksamkeit auf die zu entdeckenden Orte und

„Unorte“ über der Donau zu lenken – einerseits die

WienerInnen (oder auch Wien-Besuchenden) jenseits der

Donau für „ihre“ Stadt – über die Donaugrenze hinaus zu

interessieren, und andererseits den, auch als „Kulturwüste“

bekannten Bezirk durch Initiativen, Aktionen, und

Interventionen FÜR die BewohnerInnen und MIT

den BewohnerInnen hinsichtlich Lebensqualität und

kulturellem Angebot zu bereichern.

Donaustadt wächst – am ehemaligen Flugfeld Aspern

ensteht ein neuer Stadtteil. Der Masterplan wurde für bis

zu 50.000 neue BewohnerInnen konzipiert. Die maximal

projektierte BewohnerInnenzahl entspricht etwa einem

Drittel der derzeitigen Donaustädter Bevölkerung.

Das kulturelle Angebot muss – angepasst an die

BewohnerInnen und ihre Bedürfnisse mitwachsen. Das

„Urban Entertainment Center“ Donauzentrum muss

in seiner zentralen Rolle als Kulturzentrum des Bezirks

abgelöst werden. Schicht* ist nicht mehr Pflicht!

(*Schicht=Nachtschicht=Großraumdisco im Donauplexx/

Donauzentrum)

Die erste Möglichkeit, die Aufmerksamkeit auf einen

einzigartigen Ort in Transdanubien zu lenken, und die

WienerInnen über die Donau – bis nach Kagran – und

sogar noch weiter Richtung Stadtrand zu locken, ergab sich

durch die Ausschreibung „Misguide – Stadtverführungen

in Wien“, veranstaltet von den Wiener Festwochen im

Juni 2007. Die MIK-KünstlerInnen verführten mit der

Aktion „Suburb Safari – Oder wer findet die Bergziege?“

zur Mülldeponie Rautenweg um die einzigartige, vom

Aussterben bedrohte Donaustädter Bergziege zu suchen.

Als weiterer Schwerpunkt der Mission Ignition Kagran

ergab sich das Thema Leerstand und Zwischennutzung

bzw. ein markanter Ort in Stadlau: der seit Jahren

stillgelegte GENOCHMARKT. Angeregt durch einen

Artikel im Bezirksmagazin, in dem BewohnerInnen die

Stadt auffordern, endlich etwas gegen den fortschreitenden

Verfall des „Geisterhüttendorfes“ Genochmarkt zu

unternehmen, trat MIK in Aktion und erreichte nach

fast zweijähriger Überzeugungsarbeit die Öffnung

der ehemaligen Marktstände, die Genehmigung der

künstlerischen Zwischennutzung und die Unterstützung

der Kooperationspartner Bezirksvorstehung Donaustadt,

MA7 (Kulturabteilung der Stadt Wien), MA18

(Projektkoordination für Mehrfachnutzung), MA59

(Marktamt) und Wien Holding bzw. Star22 GesmbH

(zukünftige Grundeigentümerin).

Ziel war es von Anfang an, die sieben leerstehenden

Räume und Zwischenräume nicht im Sinne privater oder

wirtschaftlicher Zwecke zu nutzen (z.B. an Einzelpersonen

oder Gruppen als Ateliers, Verkaufs- oder Proberäume

zu vergeben), sondern eine Mehrfachnutzung, die auf

Partizipation beruht, ins Leben zu rufen und ein belebtes

Kulturzentrum zu schaffen. MIK lud im November 07 im

Rahmen einer öffentlichen Ausschreibung zur Beteiligung

an der (künstlerischen) Zwischennutzung ein - über 30

Konzepte wurden eingereicht.

Ein vielfältiges Programm - Ausstellungsreihen z.B.

„unORtnung III“ (www.unortnung.net), „Holiday In

Stadlau“ – das Feriendorf am Genochmarkt (www.

kampolerta.blogspot.com), offene Werkstätten, Konzerte,

Schul- und Jugendprojekte wie z.B. „Freibad Stadlau“,

gefördert von „Cash for Culture“, einem Jugendkultur-

Förderprogramm der MA7, Seniorenprojekte, Open Air

Kino, uvm. konnte auf die Beine gestellt werden.

Ein Programm für 2009 liegt bereits vor. Der

Genochmarkt wird in seiner jetzigen Form noch bis

2011 existieren, die Mission Ignition Kagran wird weiter

wirken. Die Möglichkeit der Beteiligung besteht bis zum

Abriss des Genochmarktes und darüber hinaus. Weitere

Informationen: www.mik22.at

Kontakt:

Stefanie Sandhäugl & Helmut Preis: office@mik22.at

von S. Sandhäugl, I. Bittner


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch VI - ST/A/R-Sammlung ST/A/R 41

S/T/A/R-Kunstsammlung in der

Kulturhauptstadt Linz 2009.

Der Artpark

präsentiert noch bis

31. Jänner 09 die

S/T/A/R-Kunstsammlung.

Manfred Kielnhofer, Herbert Brandl und Franz West im ARTPARK Linz

kuratiert von ST/A/R

Gloria Gerngross

Schutzpatroness der

ST/A/R-SAMMLUNG

Fotos: Heidulf Gerngross

Abschied im neuen ST/A/R Büro Gumpendorferstrasse 42 - Bernhard bringt Gloria zum Flughafen - Gloria fliegt nach Singapur


42 ST/A/R

Buch VI - ST/A/R-Sammlung Nr. 20/2009

Hans Biwi Lechner

“Ohne Titel”, Mischtechnik

Preis: 435 Euro

Wladimir Jeremenko Tolstoi

“Snörk”, Öl auf Leinwand

Preis: 1235 Euro

Wladimir Jeremenko Tolstoi

“Huhn”, Öl auf Leinwand

Preis: 135 Euro

Thomas Strobl

“Ohne Titel”, Öl auf Leinwand

Preis: 250 Euro

ST/A/R Galerist Rudolph Gerngroß

im Gespräch mit unserer

russischen Performancebotschafterin

Tatjana Romanov

Otto Zitko

“Transparent”, Öl auf Leinwand

Preis: 1735 Euro


Buch VI - ST/A/R-Sammlung

Nr. 20/2009 ST/A/R 43

Hinterthür / Gerngroß !

“Ein Mahnmal”, CGI Photoprint

Preis: 1700 Euro

Waran

“Teddiebär”, Skulptur

Preis: 235 Euro

Semjonov van Coke

“O.T.”, Öl auf Leinwand

Preis: 350 Euro

Sergej Volgin

“Russischer Wald”, Öl auf Leinwand

Preis: 530 Euro

Wladimir Jeremenko Tolstoi

“Elefant von hinten”, Öl auf Leinwand

Preis:235 Euro

Semjonov van Coke

“O.T.”, Öl auf Leinwand

Preis: 350 Euro

Wladimir Jeremenko Tolstoi

“Hase von hinten”, Öl auf Leinwand

Preis: 1235 Euro


Städteplanung / Architektur / Religion Buch VI - ST/A/R-Sammlung ST/A/R 45

Waran !

“Farbenlere”, Öl auf Papier

Preis: 4000 Euro

Catherine Pandora !

“Kaffeesymphonie”, Mischtechnik

Preis: 235 Euro

Mounty R.P. Zentara !

“Smoke”, Photokollage

Preis: 235 Euro

Richard Hoeck

“Superstars”, Öl auf Leinwand

Preis: 320 Euro

WARAN

“Wandteppich”, Öl auf Pappe

Preis: 135 Euro


46 ST/A/R

Buch VI - ST/A/R-Sammlung Nr. 20/2009

Thomas Redl

“Zeitungsseiten”, Dispersion auf

Zeitungspapier, Preis: 200 Euro

Semjonov van Coke

“O.T.”, Öl auf Leinwand

Preis: 350 Euro

Michael Starkmeyer

“Fussballspiel”, Öl auf Leinwand

Preis: 1400 Euro

Wladimir Jeremenko Tolstoi

“Krokodildo”, Öl auf Holz

Preis:700 Euro

höchstwahrscheinlich vom

Franz Graf

“o.t.”, Mischtechnik, Papier

Preis: 1235 Euro

Burkhard

“Snörk”, Öl auf Leinwand

Preis: 1235 Euro

Herbert Brandl

“Haus 1”, Öl auf Leinwand

Preis: 40´000 Euro

Marcus Hinterthür/Heidulf Gerngroß

“Ein Mahnmal”, CGI. Photoprint

Preis: 1700 Euro

Wladimir Jeremenko Tolstoi

“Snjevelsjökul”, Öl auf Holz

Preis: 786 Euro


Nr. 20/2009 Buch VI - ST/A/R-Sammlung

ST/A/R 47

WARAN !

“Human without Head”

Rauminstalation, Preis: 1235 Euro

ADAM

“lebt unter dem Himmel”

Foto: Heidulf Gerngross, Preis: 440 Euro

LOVE

is the

ULTIMA- TIVE

FIGHTER

Rudi is the alternative

answer

of Heidulf

the mighty once again

and the holy hinterthür stting

next to sitting bull.

matthiss mighty graphiti is doing

every shiti with me

bis baldrian bussi sicher

nicht . salzi & gurki

murcksi


48 ST/A/R

Buch VI - ST/A/R-Sammlung Nr. 20/2009

Die Wiener Kunstszene

kommt nach Linz - mit

dabei ein paar Russen

THEATER NESTROYHOF HAMAKOM SONDERMELDUNG IN LETZTER MINUTE

www.theater-nestroyhof-hamakom.com

Das Theater Nestroyhof Hamakom hat eine über ein Jahrhundert lange, gleichermaßen lebendige wie tragische Entwicklungsgeschichte.

Seit Mai 2008 wird unter der Leitung von Frederic Lion und Amira Bibawy daran gearbeitet, ihm seine Funktion und Bestimmung als Ort

zwischenkultureller und interdisziplinärer Auseinandersetzung wieder zu ermöglichen. In diesem Ansinnen und im historischen Kontext

wurde dem Theater im Nestroyhof, das neue Wort ‚ha Makom’ (hebräisch: der Ort) hinzugefügt, weil dieser Begriff eine transzendente

Form der geistigen Verortung, des Erinnerungsortes und der Eingrenzung umreißt, die zu einer schönen und spannenden Möglichkeit der

Erweiterung und der Entgrenzung anregt.

Das Gesamtprojekt wird die 4 Jahres Konzeptförderung des Kulturamts der Stadt Wien erhalten. Ab April 2009 soll dieses Haus

im großstädtisch-dörflichen zweiten Wiener Bezirk eine Spielstätte werden für gesellschaftliche Reibungsflächen, Denkfelder und

Bewegungsräume, die sich hier und anderswo finden: Ein Topos, der Lust und Fantasie erzeugt, Spuren zu erkunden, um Geschichten

der Gegenwart zu erzählen.

ST/A/R und HAMAKOM planen eine fruchtbare Zusammenarbeit auch mit dem

Russischen ST/A/R-Theater in Berlin

Informationen über das Projekt sind auf www.theater-nestroyhof-hamakom.com zu finden, über die Pläne für 2009 wird ab Februar

2009 informiert. contact@theater-nestroyhof-hamakom.com / +43- (0)1 8900314, +43-(0)69918900314

AUSSTELLUNG im ARTPARK

Kuratiert von ST/A/R, Printmedium Wien

Mit Werken von: Herbert Brandl, Otto Zitko, Franz Graf, Franz West, Stefan Weber, alfred Heidulf Gerngross, Thomas Redl, Thomas Strobl, Michael

Starkmeyer, Eva Schlegl, Marcus Hinterthür, Catherine Pandora, Hans Biwi Lechner, Manfred Kielnhofer, Andrea Baczynski, Kurt Hofstätter, Barbara

Doser, Richard Hoeck, Mounty R. P. Zentara, Karin Sulima, Wladimir Jaremenko Tolstoj, Semjonov van Coke, Alexej Alexejev, Popov, Elisabeth von

Samsonow, Sergej Volgin, Reinhold Kirchmayr

ARTPARK Lenaupark City

A-4020 Linz, Hamerlingstrasse 42/1.Stock

Mo-Sa: 10.00-19.00 0043-732-946726

www.artpark.at

galerie@artpark.at

European Cultural Capital 2009 Linz


Städteplanung / Architektur / Religion

ALLES IST ARCHITEKTUR

TEXT 1966: Hans Hollein gelesen im Dezember 2008 in der „Roten Bar“

Buch VII - Architektur ST/A/R 49

ALLES IST ARCHITEKTUR

Begrenzte Begriffsbestimmungen und traditionelle

Definition der Architektur und

ihrer Mittel haben heute weitgehend an

Gültigkeit verloren. Der Umwelt als Gesamtheit

gilt unsere Anstrengung und allen Medien, die

sie bestimmen. Dem Fernsehen wie dem künstlichen

Klima, den Transportationen wie der Kleidung,

dem Telephon wie der Behausung.

Die Erweiterung des menschlichen Bereiches

und der Mittel der Bestimmung der Um-”Welt”

geht weit über eine bauliche Feststellung hinaus.

Heute wird gewisser-maßen alles Architektur.

“Architektur” ist eines dieser Medien.

Unter den verschiedensten Medien, welche heute

unser Verhalten und unsere Umgebung definieren

– als auch als Lösung bestimmter Probleme

– ist “Architektur” eine Möglichkeit.

Der Mensch schafft künstlich Zustände. Dies ist

die Architektur. Physisch und psychisch wiederholt,

transformiert, erweitert er seinen physischen

und psychischen Bereich, bestimmt er

“Umwelt” im weitesten Sinne.

Seinen Bedürfnissen und seinen Wünschen gemäß

setzt er Mittel ein, diese Bedürfnisse zu befriedigen

und diese Wünsche und Träume zu

erfüllen. Er erweitert sich selbst und seinen Körper.

Er teilt sich mit.

Architektur ist ein Medium der Kommunikation.

Der Mensch ist beides – selbstzentriertes Individuum

und Teil der Gemeinschaft. Dies bestimmt

sein Verhalten.

Von einem primitiven Wesen hat er sich selbst

mittels Medien kontinuierlich erweitert, seinerseits

diese Medien kontinuierlich erweiternd.

Der Mensch hat ein Gehirn. Seine Sinne sind

die Grundlage zur Wahrnehmung der Umwelt,

Medien der Definition, der Festlegung einer (jeweils

gewünschten) Umwelt beruhen auf der

Verlängerung der Sinne.

Dies sind die Medien der Architektur.

Architektur im weitesten Sinne.

Enger gefasst könnte man für den Begriff Architektur

etwa folgende Rollen und Definitionen

formulieren:

Architektur ist kultisch, sie ist Mal, Symbol, Zeichen,

Expression.

Architektur ist Kontrolle und Körperwärme –

schützende Behausung.

Architektur ist Bestimmung – Festlegung – des

Raumes, Umwelt.

Architektur ist Konditionierung eines psychologischen

Zustandes.

Jahrtausende erfolgte künstliche Veränderung

und Bestimmung der Umwelt, als auch Klimaund

Wetterschutz, primär durch bauen, wie

auch das Bauwerk wesentlichste Manifestation

und Expression war. Bauen war verstanden als

Kreation eines dreidimensionalen Gebildes, das

den Erfordernissen als Definition des Raumes,

als schützende Umhüllung, als Gerät und Werkzeug,

als psychisches Mittel und als Symbol entsprach.

Die Entwicklung der Wissenschaft und

Technologie, wie auch der Gesellschaft und ihrer

Bedürfnisse und Forderungen hat uns mit

ganz anderen Gegebenheiten konfrontiert. Andere

und neue Medien der Umwelt-bestimmung

entstanden.

Sind dies zuerst vielfach nur technologische Verbesserungen

herkömmlicher Prinzipien und Erweiterungen

der physischen “Bau-Materialien”

durch neue Materialien und Methoden, so werden

darüber hinaus etwa nichtstoffliche Mittel

zur Raumbestimmung entwickelt. Eine Anzahl

von Aufgaben und Problemen werden heute nur

noch traditionellerweise durch Bauen, durch

“Architektur” gelöst. Ist jedoch für viele Fragen

die Antwort noch “Architektur”, wie sie verstanden

wurde, oder stehen uns nicht geeignetere

Medien zur Verfügung?

Architekten können in dieser Hinsicht einiges

von der Entwicklung der Strategie lernen. Wäre

diese derselben Schwerfälligkeit unterworfen

gewesen wie die Architektur und ihre Konsumenten,

so würde man heute noch immer Mauern

und Türme bauen. Die Strategie hat jedoch

die Bindung an das “Bauwerk” weitestgehend

verlassen und zur Bewältigung ihrer Aufgaben

und Forderungen neue Möglichkeiten herangezogen.

Ganz offensichtlich fällt es auch niemanden

mehr ein, etwa Abflusskanäle zu mauern oder

astronomische Geräte aus Stein zu errichten

(Jaipur). Viel weitergehend jedoch sind die Konsequenzen,

die etwa die neuen Medien der Kommunikation

( sei es Telephon, Radio, Fernsehen

u.a.) mit sich bringen, und es wird so ein Begriff

wie der des Lehr- und Lerngebäudes (Schule)

unter Umständen ganz verschwinden und durch

diese Mittel ersetzt werden.

Architekten müssen aufhören, nur in Bauwerken

zu denken.

Erwähnt sei auch die Verlagerung des Gewichtes

von Bedeutung zu Wirkung. Architektur hat einen

“Effekt”. So wird auch die Art und Weise der

Inbesitznahme, der Verwendung eines Objektes

im weitesten Sinne wichtig. Ein Gebäude kann

ganz Information werden, seine Botschaft

könnte ebenso nur durch die Medien der Information

(Presse, TV u.dgl.) erlebt werden. Tatsächlich

erscheint es fast unwichtig, ob etwa die

Akropolis oder die Pyramiden physisch existieren,

da sie der Majorität der Allgemeinheit sowieso

nicht durch eigenes Erlebnis, sondern

durch andere Medien bewußt werden, ja ihre

Rolle eben auf ihrem Informationseffekt beruht.

Ein Gebäude könnte also simuliert werden.

Frühe Beispiele der Extensionen der Architektur

durch Kommunikationsmedien sind Telephonzellen

– ein Gebäude minimaler Größe, doch

eine globale Umwelt direkt erschließend. Umwelten

dieser Art in noch engerem Bezug zum

Körper und noch konzentrierterer Form liefern

auch zum Beispiel die Helme der Düsenpiloten,

die durch ihre telekommunikatorischen Anschlüsse

die Sinne und Sinnesorgane erweitern,

als auch weitere Bereiche mit ihnen direkt in Beziehung

bringen. Einer Synthese entgegen und

zu extremen Formulierungen des Standortes einer

heutigen “Architektur” führt schließlich die

Entwicklung der Raumkapseln und insbesondere

des Raumanzuges. Hier wird eine “Behausung”

geschaffen, die weitaus perfekter als jedes

“Gebäude” außerdem noch eine umfassende

Kontrolle der Körperwärme, der Nahrungszufuhr

und Fäkalienverwertung, des Wohlbefindens

und dergleichen in extremsten Umständen

bietet, verbunden mit einem Maximum an Mobilität.

Diese weitentwickelten physischen Möglichkeiten

leiten dazu über, phsychische Möglichkeiten

einer künstlichen Umwelt verstärkt ins

Auge zu fassen, da nach Wegfall der Notwendigkeit

gebauter Umwelten (etwa Umhüllung, Klimaschutz

und Raumdefinition) ganz neue Freiheiten

erahnt werden. Der Mensch wird nun

echt Mittelpunkt und Ausgangspunkt der Umweltbestimmung

sein, da Einschränkungen

durch eine geringe Zahl vorgegebener Möglichkeiten

nicht mehr zutreffen.

Die Erweiterung der Medien der Architektur

über den Bereich puren tektonischen Bauen und

seiner Ableitungen hinaus begann mit Versuchen,

insbesondere mit Zugkonstruktionen. Das

Verlangen, unser “environment” nach Wunsch

so geschwind und leicht als möglich zu verändern

und es zu transportieren, ließ zum ersten

Mal über einen weiteren Bereich von Materialien

und Möglichkeiten Ausschau halten – zu Mitteln,

die etwa in anderen Gebieten zum Teil

schon seit langem Anwendung fanden. So haben

wir heute “genähte” Architektur, wie es auch

“aufgeblasene” Architektur gibt. Dies alles sind

jedoch Mittel der Architektur, die im Grunde

noch materiell, noch Bau-”Materialien” sind.

Wenig Versuche wurden jedoch gemacht, mit

anderen als physischen Mitteln (etwa Licht,

Temperatur, Geruch) unsere Umwelt zu definieren,

Raum zu bestimmen. Hat hier schon die

Verwendung herkömmlicher Verfahren weitgehende

Erweiterungs-möglichkeiten, so sind diejenigen

der Laser (Holograph) noch kaum vorauszusagen.

Schließlich sind praktisch überhaupt

keine Untersuchungen für die gezielte

Verwendung von Chemikalien und Drogen sowohl

zur Kontrolle der Körper-temperaturen

und Körperfunktionen, als auch zur artifiziellen

Schaffung einer Umwelt angestellt worden. Architekten

müssen aufhören, nur in Materialien

zu denken.

Die gebaute und physikalische Architektur wird,

da nun im Gegensatz zu den wenigen und beschränkten

Mitteln vergangener Epochen eine

Vielzahl solcher zur Verfügung steht, sich intensiv

mit Raumqualitäten und der Befriedigung

psychologischer und physiologischer Bedürfnisse

beschäftigen können und einen anderen

Bezug zum Prozeß der “Errichtung” einnehmen.

Räume werden deshalb weit bewusster

etwa haptische, optische und akustische Qualitäten

besitzen, Informationseffekte beinhalten,

wie auch sentimentalen Bedürfnissen direkt entsprechen

können.

Eine echte Architektur unserer Zeit ist daher im

Begriffe, sich sowohl als Medium neu zu definieren,

als auch den Bereich ihrer Mittel zu erweitern.

Viele Bereiche außerhalb des Bauens

greifen in die “Architektur” ein, wie ihrerseits

die Architektur und die “Architekten” weite Bereiche

erfassen.

Alle sind Architekten. Alles ist Architektur.

Hans Hollein heute

Hans Hollein heute


50 ST/A/R

Thomas Frechberger – Nachrichten aus

der Schattenwelt DER DICHTER – von Alexander Schießling

Es gibt Dinge, deren Fehlen beinah

unbemerkt bleibt. Ein solches

Ding ist in Österreich die literarische

Auseinandersetzung. Es

gibt hier keine literarischen

Debatten in der Öffentlichkeit,

keine emphatische Auseinandersetzung

mit Texten und die Schriftsteller

besitzen absolut keinen

Einfluss auf die Gesellschaft mehr.

Sie leben am Rande und die einzige

Weise, in der von ihnen Kenntnis

genommen wird, ist die Rezension

in irgendeiner Kulturbeilage. Ob

positiv oder negativ spielt dabei

keine Rolle, da in beiden Fällen

belangloses Zeug geschrieben

wird. Anders gesagt: Bücher

wurden seit den Achtzigerjahren

immer mehr zum kurzlebigen Konsumartikel

und die Schriftsteller

zu Rädchen im Getriebe der Unterhaltungsindustrie.

Oder zu Schatten

am Rand der Welt, die Selbstgespräche

führen. Um eine solche

Schattenexistenz geht es hier.

Thomas Frechberger wurde 1962 in

Haslach a.d. Mühl in Oberösterreich

geboren und kam 1983 mit ein

paar Gedichten in der Hosentasche

nach Wien. Hier entdeckte er sehr

schnell das „Alt Wien“ und funktionierte

es im Handumdrehen in

sein Wohnzimmer um. Dort fand er

sein Publikum, nämlich Leute, die

bereit waren, für ein Gedicht ein

Bier springen zu lassen. Hier begegnete

er anderen jungen Schriftstellern

und Dichtern, die, ebenso

in ewiger Geldverlegenheit wie

er, nach Überlebensmöglichkeiten

suchten – freilich ohne sie zu

finden. Frechberger inskribierte an

der Wiener Universität Publizistik

und Germanistik und begann beides

zu hassen, was ganz von selbst

zum Studienabbruch führte. In

diesen Jahren muss die Entscheidung

gefallen sein, sich ganz und

gar dem Schreiben zu verschreiben

und die Figur des Dichters

zu verkörpern. Nicht: Still und

bescheiden diesen Beruf auszuüben,

sondern ihn als das Wunderbarste

auf der Welt gewissermaßen

zu verkünden und manchmal auch

nur, ihn als hohles Triumphgeheul

in den Lärm hinauszuposaunen.

„ICH BIN EIN DICHTER“ Diesen Satz

hört man nun seit mehr als zwanzig

Jahren in allen möglichen und

unmöglichen Variationen und bei

allen erdenklichen Gelegenheiten

und Ungelegenheiten aus dem Mund

von Frechberger, den ihm schon so

mancher gern gestopft hätte. „Ich

bin ein Dichter“ heißt aus diesem

Mund „Ich bin ein Heiliger und die

Welt hat mir zu Füßen zu liegen“,

ist also keine bescheidene und demütige

Berufsbezeichnung, sondern

der in Worte gefasste Anspruch,

von den Anderen verehrt, bewundert

und geliebt zu werden. Mit der

Zeit verschmolz Frechberger in der

Wahrnehmung der Anderen so sehr

mit diesem Satz, dass ganz Wien

von ihm nur noch als „DEM Dichter“

spricht. „Gestern habe ich den

Dichter getroffen“, sagt man und

nicht “Gestern habe ich den Frechberger

gesehen“. Er ist der Einzige,

der die Figur des DICHTERS

überhaupt noch im Gespräch hält.

Man könnte natürlich sagen, dass

dies in Zeiten von YouTube und Hypertext

geradezu rührend anachronistisch

oder von Gestern ist: Ich

bin hier anderer Ansicht.

DER DICHTER IST DER VON DER WELT

GEWORFENE SCHATTEN. Er blinzelt im

allzu hellen Licht: „und der himmel

donnert dir

ein azur in

die schau

dass dir die Luft weg

bleibt“ schreibt der Dichter in

seinem bislang letztem und dritten

Gedichteband „Fanatasien“. Dieses

Gedicht nennt sich übrigens DER

DICHTER SPRICHT.

Der Dichter als Marke und corporate

identity, als Imago, als

Rolle und Maske, die die Realität

nicht verbirgt, sondern sie in

ein (noch) verständliches und anschauliches

Wort übersetzt. Frechberger

hat, indem er dieses Wort

aus dem Abfallhaufen der Geschichte

herausgeklaubt und es recyclet

hat, ein Monopol geschaffen.

Niemand kann, wenigstens in Wien,

von sich behaupten, ein Dichter

zu sein, denn der Dichter ist ja

schon von Frechberger besetzt. Die

abertausendfache Wiederholung hat

den Dichter zum geistigen Eigentum

Frechbergers werden lassen. Natürlich

ist das kein bloßer PR-Gag,

aber mit Eigenwerbung hat es sehr

wohl zu tun. Das Wort DICHTER ist

also wie ein Schlüssel zu „Leben

und Werk“ von Thomas Frechberger

verwendbar. Untersuchen wir es und

versuchen zu hören, was es uns sagen

will.

DAS SCHLÜSSELWORT

„das weite all ist unsere mutter

es verneigt sich vor jedem von

uns“

(DER DICHTER SPRICHT)

Der Beruf des Dichters nimmt im

Denken Thomas Frechbergers also

eine Sonderstellung ein. Von allen

Berufen, die man wählen könnte,

unterscheidet er sich durch etwas.

Wodurch? Ich würde sagen durch

eine fast sakrale Weihe, die

dieser Beruf für Frechberger hat

und durch etwas, das vielleicht

nur in der christlichen „Gnade“

ein Gegenstück hat. Es gab in der

katholischen Theologie einmal eine

Prädestinationslehre, das war die

Lehre, dass Gott die Seinen durch

Gnade erwählt. Für Frechberger

scheint das Schreiben noch innigst

mit der Berufung zusammenzuhängen.

Der Dichter wird zum Dichter, weil

er den Ruf hört, weil ihm das Ohr

gegeben ist, den Ruf zu hören. Wer

ruft und wohin ruft dieser Ruf?

Die Sprache ruft und sie ruft in

die weite Leere des Alls, in der

die Sterne erst zu erscheinen vermögen:

„vieles sagen die sterne

wenn man höflich zu ihnen ist“

In dieser Leere wartet die Einsamkeit

und die Sprache. Vielleicht

auf beides bezieht sich die folgende

Sentenz aus „Zuvielisation“

(Fanatasien):

„.........unermesslich wie das

ausmaß meiner einsamkeit auch die

dimension meiner verführungskunst“

Sprache als Verführung, Verführung

zur erfüllten Stille. Schon

bei Nietzsche taucht dieses Modell

auf: Der Künstler als tanzender

Verführer (Zarathustra).

Der berufene Verführer wird von

seiner Berufung selbst geführt und

kann deshalb sorglos tanzen, da er

den Weg weder suchen noch finden

muss, sondern vom Weg gegangen

wird:

„geh von quacksalbern zur deuterin

zur fee

geh geh durchs gegangene ins geh

nur geh“

Der Dichter muss sich nicht fragen,

wo’s lang geht, da die Dichtung

ihn hinter sich her schleift,

was oft und meist schmerzlich

ist, aber dafür tödliche Sicherheit

und Gewissheit verleiht. Wenn

Frechberger den Dichter also mit

besonderer Betonung „spielt“, so

ist dies nicht bloße Selbststilisierung

oder gar narzistische

Selbsterhöhung, sondern hebt das

Besondere, das in Vergessenheit

geraten ist, hervor: Schreiben ist

ein Weg, der ihn geht, wird von

ihm bewegt, mit Traumwandlerischer

Buch VII – ARCHITEKTUR Nr. 20/2009

Sicherheit. Der Dichter ist das

Sprachrohr einer Sprache, er

spricht, indem er auf den Ruf

seiner Berufung hört, er ist, kurz

gesagt, der einzige heute mögliche

Prophet.

Der Dichter weiß nicht, was er tut

und sagt: Die Dichtung spricht.

Der Dichter ist gerade dadurch,

dass er sich hingibt: „feuerakazien

lodern erdab“ (DER DICH-

TER.....)

Dieser Dichter ist also gar kein

bloßes Ego, dass sich in narzistischer

Weise selbst liebt,

sondern der Dichter liebt die

Sprache, die ihn spricht und ihn

zum Dichter macht, er nimmt sich

als Geschenk der Götter an. „Die

Götter lieben die Dichter“ sagt

Frechberger manchmal.

Das Es, um es mit psychoanalytischen

Begriffen zu umschreiben,

hat die Stelle des Ich eingenommen.

Aus den dunklen, unzugänglichen

Bereichen erwächst dem Dichter

das Gedicht, es kommt und erst

dann wird es bearbeitet (nach den

Regeln der jeweiligen Kunst).

Wenn man das Wort Dichter, wie es

Frechberger meint, mit Prophet

übersetzt, trifft man sicherlich

etwas sehr Wesentliches, aber es

hat noch andere Bedeutungen, die

ebenso wichtig sind. Beispielsweise

gibt es da die Figur auch

des Kämpfers:

„wer sagt, dass wir die sprache

nicht formen konnten

zu pfauenfedern aber zu spitzwaffen

auch

und wer sagt dass wir nicht zu

kämpfen wussten.......“

(WER SAGT)

Die Figur des Dichters hat also

mehrere Gesichter. Der Kämpfer,

auch im politischen Sinn, gehört

weitaus deutlicher und vordergründiger

zu ihr.

Das Soziale, das Politische und

der kämpfende Dichter. Diese

Figuren und Kontexte kennen wir

seit der Aufklärung. Frechberger

zollte ihnen seinen Tribut, indem

er vor gut zwanzig Jahren eine

Zeitschrift gründete, die zu den

bekanntesten Literaturzeitungen in

Wien gehört, die wienzeile. Mit

ihr wollte er dem Kämpfer, dem

Politischen und Sozialen Raum geben.

Der Verführer, der Sprachtänzer,

der Prophet, der Kämpfer: Der leidenschaftlich

Liebende, der im

Lichte seiner Leidenschaft von

Exzess zu Exzess besser lernt, die

Existenz des Dichters als paradigmatischen

Exzess schlechthin, als

Verausgabung und Verschwendung,

als irren Trip zu erkennen und zu

leben.

DIE GEDICHTE

Ich beschränke mich im Folgenden

darauf, ein Gedicht aus „Fanatasien“

zu untersuchen.

MARTYRIUM

sakrademisch will dandytölpel durch

öhr

bouteille im mantelinnen pfäuisch

pluster

bleierne lider sinken getrübt ist

das gehör

im zerfledderten anzug hahnentrittmuster

dichter ist der arme mann und

maler auch

ein wirrläufer in musen verachtender

zeit

seit tagen knurrt rumort sein hängebauch

der künste saat erntet hohn und

heiterkeit

als spinner versager wird er verspottet

man zahlt schnäpse für nichtrezitation

dichter? wir dachten die sind ausgerottet!

verzweiflung der mann verrüdet im

ton

das ist nicht charmant verständlich

aber:

dresche gegen ödes konventionsgelaber

Es fällt mir deshalb leicht,

dieses Gedicht zu „verstehen“,

weil der Dichter mir die Situation

und Erfahrung, auf die sich dieses

Gedicht bezieht, schon mehrmals in

Prosa geschildert hat. Trotzdem

bleibt mir der erste Vers, oder

wenn man lieber will, die erste

Zeile, ein Rätsel. Aber schon

die zweite ruft in mir bekannte

Bilder hervor: Frechberger mit

einer Flasche Wein in der Innentasche

eines Mantels bei irgendeiner

Veranstaltung, wahrscheinlich

verkauft er gerade ein paar Ausgaben

der neuesten wienzeile. Der

Genuss des Alkohols hat ihn schon

etwas ermüdet, seine Kleidung ist

unabhängig davon ebenfalls schwer

mitgenommen. Natürlich tritt

er hier als Dichter auf, dass er

sich manchmal wegen seiner Bilder

auch als Maler empfindet, möchte

ich hier nicht kommentieren. Als

Dichter (und meinetwegen Maler

auch) ist er ein „wirrläufer in

musen verachtender zeit“. Auf den

ersten Blick will man schon widersprechen:

diese Zeit eine Musen

verachtende? An jeder Ecke wird

Musik gehört, die Museen sind

überlaufen, die Preise für so manche

Bilder erinnern an die Berechnungen

von Astronomen, Filme gibt

es mehr als Sand am Meer, Fotos

und Skulpturen kann man gar nicht

nicht sehen etc. Wenn man dieser

Oberfläche trauen könnte, wäre unsere

Zeit eine, die von der Allgegenwart

der Musen beherrscht wird,

was man als Hinweis darauf interpretieren

könnte, dass die Künste

heute so beliebt sind, wie niemals

zuvor. Aber das Gedicht sagt uns

das Gegenteil. Wenn wir sehen wollen,

was dieses Gedicht behauptet,

müssen wir also woanders hin

schauen, als auf die Oberfläche.

Nehmen wir an, dass mit „zeit“

hier der „Geist der Zeit“ gemeint

ist. Dieser Zeitgeist ist weit

entfernt von den Künsten, so weit,

dass selbst dann, wenn er sich den

Künsten zuwendet, er nicht umhin

kommt, sie zu verachten, weil

er ihr Geheimnis nicht nur nicht

kennt, sondern selbst wenn er es

kennen würde, es niemals in sich

aufnehmen könnte. Dieses Geheimnis

ist das Leiden. Man wird Kunst

nicht ohne Leiden bekommen. Der

Zeitgeist möchte durchaus Kunst,

aber ohne Leiden, also Kunst ohne

Kunst. Man wird jetzt vielleicht

den Kopf voller Verwunderung

schütteln: Kunst muss durchlitten

werden? „warum ich schreibe?

weil ich leide. mit dem leid aber

steige ich, mount everests tödlich

verwundete krönung, bis ich (ver)

fallen darf.“ (zuvielisation/Fanatasien)

Da diese Zeit nichts

so sehr fürchtet als das Leiden

und den Schmerz, diese Dimensionen

aber eben die Dimensionen des

Kunstwerkes sind, kann man sagen,

dass diese Zeit die „musen“ in

dem Maße verachtet, als sie sie

fürchtet. Der Bauch des Dichters

rumort und knurrt, weil da nichts

drin ist, er ist hungrig, weil er

kein Ein- und Auskommen hat – ein

Nebeneffekt der musen verachtenden

zeit. Nun wird er mit seinen

Werken auch noch verhöhnt und

verspottet, man nimmt diese elende

Figur nicht ernst. Jemand will

ihm einen Schnaps zahlen, damit

er seine Gedichte nicht vorträgt.

„dichter? wir dachten die sind

ausgerottet!“ Dieser Satz bringt

die Verzweiflung im Dichter hervor.

Verzweiflung? Ja, denn es stimmt,

sowohl die Dichtung als auch die

Dichter sterben langsam und unauffällig

aus. Warum? Weil niemand

mehr da ist, der sie lesen kann.

Wo keine Nachfrage, da bald auch

kein Angebot mehr. Die Dichter

sterben. Sie laufen wie Schatten

durch die Welt, elende Figuren,

die man eher für Clochards als für

Kulturschaffende halten möchte.

Auch der Frechberger ist so eine

elende Figur. Ich würde ihm ein

Jahresstipendium wünschen, dass er

sich mal erholen kann vom rumorenden

Bauch. Vielleicht ist er der

letzte DICHTER.


Nr. 20/2009 Buch VII – ARCHITEKTUR

ST/A/R 51

City in space 1966 von Heidulf Gerngross

Sprachknödel von Heidulf Gerngross als Vorbild für die Caballero Cybercity - Raumalphabet

Foto der ST/A/R-Zeitung 18, Seite 90/91


Städteplanung / Architektur / Religion Buch VII – ARCHITEKTUR ST/A/R 53

Cybercity - Raumalphabet von Kurt Caballero 2008 nach dem Raumalphabet von Heidulf Gerngross


54 ST/A/R

Buch VII – ARCHITEKTUR Nr. 20/2009

Starfotoartistin Andrea Baczynski und Weltmathematiker

Dr. Peter Markovic, Professor in Cambridge und

begrüßen uns im Spitzenrestaurant LIoUNGE

Täglich im Eissalon - unsere Bar - Gumpendorferstrasse 47

Dort

Weltmathematiker

erhältlich:

Dr. Peter Markovic, Professor in

DVD

Cambridge

von Heidulf Gerngross:

und Starfotoartistin

WELTARCHITEKTUR

Andrea Baczynski

IM EISSALON

begrüßen uns im Spitzenrestaurant LILUNGE


Nr. 20/2009 Buch VII – ARCHITEKTUR

ST/A/R 55

LAURA GOTTLOB

LAURA

Hat uns beeindruckt!


56 ST/A/R

Buch VII - Architektur Nr. 20/2009


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch VIII - Religion ST/A/R 57

a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z

a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z

Marcus Hinterthür ist neuer wissenschaftlicher Berater für

Religionsangelegenheiten, Computer Generated Information

und Datenmontage für den ST/A/R. Ab heute neu mit seinen

Verfluchungen, Geschichten und Scheisse aus der Fibel

ein Auszug

Angelehnt an die Einheitsübersetzung

Der Originaltexte

Verfluchungen

In 1999 Professore Cubera Died in

the Anden while taking this Film.

Marcus Hinterthür in der Bibliothek der Akademie der Bildenden Künste

Dem Untergang

Altar, Altar ! Die Gebeine von Menschen

wird man auf dir verbrennen. Wohnt

denn Gott wirklich auf der Erde?

Baale und Astarten. Nichts anderes

als den Tod.

Soll ich diese Räuberbande verfolgen?

Vernichten und zerstören. Zur

Schädelhöhle Verbrecher zur Hinrichtung

Jetzt hat die Finsternis die Macht

Himmel und Erde vergehen In meinem

Blut Der Satan hat verlangt Es wird

euch ekeln vor euch selbst.

Aussätzige Ich beschwöre euch Blast

mit euren Trompeten Alarm! Blast mit

den Trompeten!

Ich bin euer Gott Seht doch, wie sie mich

hassen.

Schlagt tot!

Dann werden sie verachtete Leichen

sein Ewiger Spott Sie werden völlig

vernichtet

Und erleiden Qualen; Die Erinnerung an

sie verschwindet Ich sage euch: Wo ein

Aas ist, da sammeln sich auch die Geier

Doch meine Feinde – bringt sie her, Und

macht sie vor meinen Augen nieder!

Das sind die Tage der Vergeltung Von

allen gehasst Sie werden dich und

deine Kinder zerschmettern Der Satan

aber ergreift Besitz Er wird kommen

und töten Sechshundertsechsundsechzig

Goldtalente

Ich bin es! Zerstörung Schon empfängt

der Schnitter seinen Lohn Kinder werde

ich töten Wehe! Wehe! Wehe den Bewohnern

der Erde! Hagel und Feuer Blut

an den Bewohnern der Erde Die Sonne

schwarz Der ganze Mond wie Blut Blitze,

Stimmen und Donner Macht, zu töten

Komm ! Damit die Menschen sich gegenseitig

abschlachten Der Hund kehrt

zurück zu dem, was er erbrochen hat

Die gewaschene Sau wälzt sich wieder

im Dreck Menschen sind ein Schandfleck

Sie sind Nörgler Daher werden

sie mit ewigem Feuer bestraft Ihnen

ist auf ewig die dunkelste Finsternis

bestimmt Der Tod Die Seelen hingeschlachtet

Feuer !

Furcht ! Sie werden

zerstören Finsternis

Draussen bleiben

die »Hunde« Und sogar

Menschen mit Leib

und Seele Halleluja

Sie sind Kinder des

Fluches Sklaven des

Verderbens Für sie

ist die dunkelste Finsternis

bestimmt

die toten von st.

tropes

1982 starb Professor Cubera in den peruanischen

Anden während den Vorbereitungen zur

Anfertigung dieses Filmmaterials. Er sollte nicht

der einzige bleiben, der während der Filmaufnahmen

sein Leben lassen musste.

1984: Die Expeditionsleiterin Dr. Dana Valenta erkrankt

im Forschungslabor Svanvik, nahe der

Nordpolarmeerküste und mehr als 1´000 km entfernt,

an einer unbekannten bakteriologischen

Entzündung und stirbt noch in der gleichen Woche.

Zwei Tage später ist ihre aufgebahrte Leiche

verschwunden. Mysteriöse Todesfälle und ein militärisches

Grossaufgebot an der skandinavischrussischen

Grenze legen bald den Verdacht nahe,

das hier etwas vertuscht werden soll.

Diese, noch unkommentierten Veröffentlichungen

aus Zentralarchiven, mehr als 20 Jahre nach

ihrem Entstehungsdatum, scheinen die Gerüchte und

Mitteilungen des sapa (südamerikanischer presseagentur)

, die sich über das plötzliche Wiederauferstehen

kürzlich Verstorbener ranken, zu

bestätigen. Mit welchen Phänomenen haben wir es

hier zu tun?

Diese anmassenden

Menschen schrecken nicht davor

zurück, zu lässtern Liebt die Brüder,

fürchtet Gott und ehrt den Kaiser

Ihr Sklaven Ordnet euch in aller Ehrfurcht

euren Herren unter Ist es

vielleicht etwas besonderes, wenn ihr

wegen einer Verfehlung Schläge erduldet?

Kommt zu ihm, dem lebendigen

Stein Seid gehorsame Kinder Unterwerft

euch Das Ende aller Dinge ist

nahe Feuersglut Der Teufel geht wie

ein brüllender Löwe umher und sucht,

Wen er verschlingen kann Euer Widersacher

Verfinsterung Alles Schmutzige

und Böse Läutert euer Herz, ihr

Menschen Klagt und trauert und

weint Euer Lachen verwandle sich in

Trauer Eure Freude in Betrübnis Teuflische

Weisheit Unordnung und böse

Taten Mit ihr verfluchen wir die Menschen

Fluch Ihr mordet und führt

Krieg Eure Kinder werden von Motten

zerfressen Euer Reichtum verfault

Euer Gold und Silber verrostet Noch

am Schlachttag habt ihr euer Herz

gemässtet Von der Hölle in Brand gesetzt

ist euer Fleisch Sie selbst Verzehren

wie Feuer. Du glaubst: Es gibt

nur den einen Gott Damit hast du recht

Das glauben auch die Dämonen, und sie

zittern Denn unser Gott ist verzehrendes

Feuer Der Vernichter Einige liessen

sich foltern Gesteinigt wurden

sie, verbrannt, zersägt, Mit dem Schwert

umgebracht Im Kampf bis aufs

Blut Ihr seid beschimpft und gequält

worden Wer das Gesetz verwirft,

muss ohne Erbarmen sterben Es gibt

für diese Sünden kein Opfer mehr

Sondern nur ein wütendes Feuer Eine

noch viel härtere Strafe Mit Füssen

getreten Verachtet Mein ist die Rache

Ich werde vergelten.

Das sollst du wissen Es gibt viele

ungehorsame, abscheuliche Menschen

Gefährliche Tiere Ich schäme mich Das

führt ins Verderben Wird um sich

fressen wie ein Krebsgeschwür »Erkenntnis«

Ehre und ewige Macht Gericht des

Teufels Viele Qualen Dämonen

ZOMBIES?

Aus Gründen der Diskretion und des persönlichen

Dankes, denen wir den Mittarbeitern dieses

Projektes Schuldig sind, wollen wir Abstand vom

Aufzählen unserer persönlichen Verlusste

nehmen und über unsere Opfer Schweigen. Der

Weltöffentlichkeit dürfen diese Filmaufnahmen

jedoch nicht länger vorenthallten werden. Der

Schleier der Angst, der sich um das Thema „LEBENDE

TOTE“ legt, muss gelüftet werden, so grauenvoll und

beängstigend die Erkenntniss über die wandelnden

Leichen auch sein mag.

Schutz bietet nur die Aufklärung über die vorliegenden

Fakten, Tatsachen dürfen nicht totgeschwiegen

werden.

Dieses Dokumentationsmaterial zeigt jedoch nur

einen Teil der bisher zugänglichen Filmaufzeichnungen.

Die vielen undokumentierten, nur durch

Zeugenaussagen bestätigten Berichte aus Mexiko

und Brasilien, aber auch aus Landstrichen der

ehemaliegen UDSSR, Osteuropa bis zu den vielen Sichtungen

in Österreich lassen die Bedrohung auch

für Europa erdrückend erscheinen und unterstreichen

die Forschungen dieses renomierten Institutes.

Forschungen und wissenschaftliche Untersuchungen

haben stattgefunden. Herausgekommen ist

eine Sammlung an S- und 1mm Filmmitschnitte, teils

Restauriert, Teils nur unvollständig erhallten,

das Fragen aufwirft. Fragen zur struckturellen

Umwälzung unserer Gesellschaft und Fragen

zur Staatlichen Zensur. Aber auch Fragen zur

wiederaufkommenden Integrität unserer Religiösen

Vorstellungen in einem Zeitalter rasanter Technologischer

Entwicklungen.

Ja, ich komme Ich komme mit dem Blut

von Böcken und jungen Stieren Bund

mit Blut Sein Ende ist die Vernichtung

durch Feuer Fleisch und Blut Teufel

Tod Gewalt

Es gibt keine Vergebung ohne Blutvergiessen

Wir waren von Natur aus Kinder

des Zorns Diese Tage sind Böse Ihr

Sinn ist verfinstert

Gebt acht auf die Verschnittenen! Gebt

acht auf diese Hunde Freut euch mit

mir

Seid Dankbar! Darum tötet


58 ST/A/R

Buch VIII - Religion Nr. 20/2009

Das Gesetz ist Gut Ich sage die Wahrheit

und lüge nicht Für solche, die Vater

oder Mutter töten, für Mörder, Unzüchtige,

Knabenschänder, Menschenhändler

Für Leute, die Lügen Böse

Menschen Auch wir waren früher

Verhasst und hassten einander Sohn

des Verderbens In loderndem Feuer

übt er Vergeltung

An denen, die nicht gehorchen Mit ewigem

Feuer werden sie bestraft Verderben

Wie die Heiden Die Gott nicht kennt

Feinde aller Zorn, Wut und Bosheit

Diese Leute sollen sich doch gleich entmannen

lassen Sklaven der Götter

Alle stehen unter dem Fluch Ich sage

das, damit ihr euch schämt Werdet

nüchtern Verflucht ist jeder

Fleisch und Blut Schlechter Umgang

Was wird, ist verweslich Ist armselig,

ist schwach Der letzte Feind ist

der Tod Lasst euch nicht irreführen

Ihr seid in euren Sünden verloren

Todesurteil Todesnot Danach kommt

das Ende Wir sind entschlossen, alle

Ungehorsamen zu strafen Fluch des

Gesetzes

Beliar? Im Namen unseres Herrn wollen

wir uns versammeln Und zusammen

diesen Menschen dem Satan übergeben,

Zum Verderben seines Fleisches

Schafft den Übeltäter weg aus eurer

Mitte Das ist Opferfleisch Urteilt

selbst Satan Versuchung Die Welt

vergeht Kein Fleisch mehr

Knabenschänder / Lustknaben Gott

wird beide vernichten Ich sage das,

damit ihr euch schämt Blutschande

Eure Kinder unrein Wie ein Sklave gebunden

Was man dort opfert, opfert

man den Dämonen Einige von ihren Götzen

Essen das Fleisch

Im Götzentempel Beim Mahl Götzenopferfleisch

Alles ist mir erlaubt »Alles

ist mir erlaubt« Bosheit und Schlechtigkeit

Zum Fluch geworden Das Feuer wird

prüfen Gott verderben Bis ans Ende

Fürchte dich Ich werde vergelten

Mein ist die Rache Darum ermahne ich

euch Heute Soll ich mit dem Stock zu

euch kommen?

Welt,

Leben, Tod

V e r f -

lucht sie

F e i n d e

G o t t e s

Alles gehört

euch

G o t t e s

T e m p e l

verdirbt

Jener Tag

/ im Feuer

Brennt es

nieder

Ich will

das Böse

Ja, ich

m ö c h t e

s e l b e r

v e r f -

l u c h t

sein Ver

a c h t e t

Schwach

Sozusagen

der Abs

c h a u m

der Welt

Unglückl

i c h e r

M e n s c h

N i c h t s

Gutes in

m e i n e m

F l e i s c h

In mir,

was ich

hasse Ich

tue, was

ich will

Ich bin

F l e i s c h

Die Mächte

des Unh

e i l s

Sünde und

Tod Dem

F l e i s c h

verfallen

Wir dienen

Denn der

Lohn ist

der Tod

S k l a v e n

G o t t e s

S k l a v e n

der Sünde

Jetzt

Sie bringen den Tod Ich bin nicht verrückt

Was ich sage ist wahr und

vernünftig Strafen in massloser

Wut Blut vergiessen Pest Der sei

verflucht Er darf nicht am Leben

bleiben Weg mit so einem Menschen Fesseln

und zur Bestrafung ins Gefängnis

werfen Und in den Synagogen auspeitschen

Ich habe den Weg bis auf

den Tod verfolgt, Habe Männer und

Frauen gefesselt Weg mit ihm Zur

Verwesung Ins Grab Schaut hin, ihr

Verachter, Staunt und erstarrt! Er

hat die Verwesung gesehen Brüder und

Väter ! Hört: Gross ist die Artemis von

Ephesus! Gross ist die Artemis von Ephesus!

Nackt und zerschunden Ich beschwöre

euch Blut komme über euer

Haupt Antiochia Zeus Hermes Prophetisch

begabte Jungfrauen Götzenopferfleisch,

Blut Ersticktes und Unzucht

die leichen stehen

wieder auf

Pisidien Pamphylien Attalia Von der Finsternis

Voll Fluch »Der Eine« Todesleiden

Macht des Satans Steh auf! Auch ich

bin nur ein Mensch Stern des Gottes

Romfa Steh auf! Schlachte und iss!

Theudas Frau Saphira Deine Hand Dein

Wille Von den Toten Kranke Menschen

Wollen wir ihnen bei Strafe verbieten,

sie zu bestrafen Jeder wird ausgemerzt

werden Von Furcht ergriffen Sieh

uns an! Schaut die Verwesung Einfalt

des Herzens Verwesung

schauen Blutacker

auf der Erde

Bosheit Blut und Feuer

Dann stürzte er

vornüber zu Boden,

sein Leib barst auseinander

Und alle Eingeweide

fielen heraus

Weide

Habt Mut: Ich habe die

Welt besiegt Die Welt hat

sie gehasst Ich werde

nicht mehr viel zu euch

sagen Denn es kommt der

Herrscher der Welt

Auch Judas, der Verräter

Ohne Grund haben

sie mich gehasst Es

hat gedonnert Jetzt wird

Gericht gehalten über

diese Welt Ihr sagt zu

mir Meister und Herr

Und ihr nennt mich mit

recht so Denn ich bin

es Niemals sollst du

mir die Füsse waschen

Warum rede ich überhaupt

noch mit euch? Ihr

werdet in euren Sünden

sterben Euch kann die

Welt nicht hassen Mich

aber hasst sie

Murrt nicht! In euren

Sünden sterben Ich bin

es, der mit dir spricht

Damit dir noch schlimmeres

zustösst Mein

Fleisch Verflucht es

Ihr werdet in eurer

Sünde sterben Ich will

euch zeigen, wen ihr

fürchten sollt Ihr Heuchler!

Du aber musst

leiden In der Unterwelt

Qualvolle Schmerzen

Ort der Qual Ich leide

grosse Qual in diesem

Feuer Wir sind unnütze

Sklaven Mutter Wird

Zwietracht herrschen

Nicht Frieden, sondern

Spaltung Ich bin gekommen,

um Feuer auf die

Erde zu werfen Zwietracht Doch weh

euch Warnung Weh euch: ihr seid wie

Gräber Diese Generation ist böse Raubgier

und Bosheit Königin des Südens Ich

sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel

fallen In die Unterwelt wirst du

hinabgeworfen Mit Hilfe von Beelzebul,

dem Anführer der Dämonen Sollen wir

befehlen, dass Feuer vom Himmel fällt

und vernichtet? Weh euch! Weh euch, ihr

werdet hungern Weh euch, ihr werdet

klagen und weinen Ich bin ein Sünder

Weh euch Ihr Schlangenbrut Tote stehen

auf Du Heuchler! Verfluchen Diese

Fresser und Säufer Werden In einer

anderen Gestalt Verdammt Wir haben

für euch auf der Flöte gespielt Und

ihr habt nicht getanzt In nie erlöschendem

Feuer verbrennen Dir selbst

aber wird ein Schwert durch die Seele

dringen Heil dir Schädelhöhle / Golgotha

Er ist schuldig und muss sterben

Der Verräter Ihr werdet von allen

gehasst werden Das muss geschehen Es

ist aber noch nicht das Ende Glaubt

nur, das ihr es schon erhalten habt

Ich bin es Den du verflucht hast

Die Verfluchung

Wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer

nicht erlischt Das nie erlöschende

Feuer Weg mit dir Er werde getötet

Mit Feuer Gebt acht Öffne dich! Verflucht

Talita kum! Quäle mich nicht!

Schweig, sei still! Die Zeit der Ernte ist

da Besessen Keine Vergebung In sich

gespalten In sich gespalten Satan Satan

Die Dämonen Er ist von Beelzebul

besessen Er ist von Sinnen Donnersöhne

Die Dämonen Mit Vollmacht Gekommen,

um ins Verderben zu stürzen

Bis zum Ende der Welt

Die Gräber

Ihr Verfluchten

Weg von mir

In das ewige Feuer

Zeichen am Himmel

Erkennen, dass das Ende vor der Tür

steht Am Heiligen Ort Dem Unheilvollen

Greuel Dann kommt das Ende Dann

wird man euch töten und ihr werdet

Von allen gehasst Das muss geschehen

Ihr Nattern Ihr Schlangenbrut! Wie

wollt ihr dem Strafgericht der Hölle

entrinnen? Wie die Gräber, voll Knochen

Schmutz und Verwesung

Hörst du, was sie rufen? Du elender

Diener! Folterknecht In das Feuer der

Hölle

In das ewige Feuer Unzucht Diebstahl

Mord Böse Gedanken kommen aus dem

Herzen Meine Tochter wird von einem

Dämon gequält Ihr Heuchler! Verflucht

Sie waschen sich nicht die Hände

vor dem Essen Habt ihr das alles verstanden?

Er sagte So wird es am Ende

der Welt sein:

Die Engel werden kommen Und die Bösen

von den Gerechten trennen Und in den

Ofen werfen In dem das Feuer brennt

a


Nr. 20/2009 Buch VIII - Religion

ST/A/R 59

Dort werden sie heulen und mit den Zähnen

knirschen Wie die Sonne leuchten

Heulen und mit den Zähnen knirschen

In den Ofen werfen In dem das Feuer

brennt Am Ende der Welt Im Feuer

verbrannt Das Ende der Welt Teufel

Die Söhne des Bösen Der gute Same Kommt

der Böse Und nimmt Immer alles

weg Immer Königin des Südens Ihr Schlangenbrut

Sodom Tote stehen auf Und

ihr werdet von allen gehasst werden

Fürchtet euch vor dem, Der Seele und

Leib ins Verderben der Hölle stürzen

kann Geht und weckt Tote auf Mit hilfe

des Anführers der Dämonen Bringt

Opfer dar Vergeltung: Du Heuchler!

Besessene Sie können euch zerreissen

Dein ganzer Leib in die Hölle geworfen

eiou

Mark wie Kot Da jage ich den Menschen

Angst ein Und ich rotte die Menschen

auf der Erde aus - ich raffe alles

vom Erdboden weg – Das Gericht

DAS GERICHT

Die Weherufe Hört man vom Fischtor

her Geschrei Wie die Fische im Meer

Wie das Gewürm Die Menschen Doch sie

werden es büssen Zwietracht Mit Kot

bewerfe ich dich Gebe dich der Vernichtung

preis Und mache dich zum

Schaustück Entblösst Zur Schau

gestellt Wird weggeführt Rächender

Gott Zertreten Wie Gossenkot Bestrafung

kommt Um dich zu Schlagen In

Die Hunde fressen dann Und zerreissen

ihnen die Brust und das Herz Und

die wilden Tiere zerfleischen sie Am

Tag der Schlacht Dort habe ich sie

hassen gelernt Sie waren so abscheulich

wie der, den sie liebten Mein Gott! Sie

schreien Sie liegen nur da und heulen

»Unflat«

Sie haben Bastarde geboren Sie gehen

mit Schande zugrunde Schändliche

Schamlosigkeit Ich aber werde euch

alle bestrafen Deine Mutter lasse

ich umkommen Ich schleppe sie weg Und

keiner kann sie mir entreissen Ich, ja,

ich reisse, Dann gehe ich davon Wie ein

junger Löwe

Ich gehe

weg Ich

kehre an

meinen Ort

z u r ü c k

B l u t t a t

reiht sich

an Bluttat

Fluch und

B e t r u g

Mord Mein

Baal! Mein

Mann!

;

-

Auch mit

i h r e n

K i n d e r n

habe ich

kein Erb

a r m e n

D e n n

es sind

D i r n e n

kinder Ja,

ihre Mutter

war

eine Dirne

Die Frau,

die sie Gebar

Trieb

schändliche

Dinge

S o n s t

ziehe ich

sie nackt

aus Dann

entblösse

ich ihre

Scham Kein

Erbarmen!

Hass gegen dich vorgehen Und dir alles

nehmen Sie werden dich nackt und

bloss zurücklassen Deine lüssterne,

schändliche und unzüchtige Scham

wird entblösst Das tut man dir an,

weil du so unzüchtig bist Und dich unrein

gemacht hast

Ich reisse und schlage dir Haken in die

Kinnbacken Du musst sterben! Ringsum

sind Gräber Jeder hat Angst um

sein Leben Ich tränke das Land bis zu

den Bergen Mit der Flut deines Blutes

Von dir vordere ich Rechenschaft

Schreckenerregende Rechenschaft

Wer nicht niederfällt Wird in den glühenden

Feuerofen geworfen Ein drittes

Reich Das die ganze Erde beherrschen

wird Das war der Traum Endgültig

ausgetilgt und vernichtet Fresst

Fleisch und trinkt Blut! Du bist das

goldene Haupt Überhaupt keinen Gott

Erschrecken Blut soll dich verfolgen

Hass Zorn Stöhnt wie ein tödlich

verletzter Finstere Wolken Es wird

ein schwarzer Tag Das Urteil

In Krämpfen winden Verbrennen Verbrecher

Ich führe das Ende herbei Ich habe

gesprochen Verbrennen

Jammert und schreit:

Weh über diesen Tag!

Denn der Tag ist nahe

Ein Tag dunkler Wolken

Beim Gestöhn der zu Tode getroffenen

Beim mörderischen Blutbad Ha, Ich

schicke Pest und Mord in die Gossen

Ich bin ein Gott Voll Verachtung Meine

Rache Verwüstung Ich vernichte

Mensch und Tier Ich vernichte dich

Ich rotte dich aus »Ha, ha« Meine Rache

Man berufe eine Volksversammlung

gegen sie ein; Sie sollen misshandelt und

ausgeraubt werden Die Volksversammlung

soll sie steinigen Und mit Schwertern

in Stücke hauen Ihre Söhne und

Töchter soll man töten Und ihre Häuser

verbrennen

Rache

Auf dem nackten Felsen vergiesse

ich ihr Blut; Ich schichte einen grossen

Holzstoss auf Ich häufe das Holz

Ich entzünde das Feuer Ich koche das

Fleisch Ich giesse die Brühe ab Und die

Knochen sollen verbrennen

Dämonen Um uns schon vor der Zeit

zu quälen?

Denen, die im Schattenreich des Todes

wohnten Ihr Schlangenbrut Ins Feuer

Mit Feuer taufen Fresser Und der

Tag, der kommt, wird sie verbrennen

Denn seht, der Tag kommt Er brennt

wie ein Ofen Seht, ich schlage euch den

Arm ab Und werfe euch Unrat ins

Gesicht

Von meinem Schwert durchbort Ja, er

vernichtet Alle Götter der Erde So

wahr ich lebe

Sodom wie Gomorrah Dann bereitet er

allen Bewohnern der Erde ein Ende Ein

schreckliches Ende Ihr Blut wird hingeschüttet

wie Schutt Und ihr fettes

Schrecken zu stürzen Jetzt ritze dich

wund Winde dich, stöhne Am Ende der

Tage wird es geschehen Sie trinken

und taumeln Sie werden, als seien sie

niemals gewesen Alles ist voller Leichen

Überall wirft man sie hin Still!

Doch seht Ich schicke ein Volk, das

euch quälen wird Dann erhebt sich

ein Gestank Verwesungsgeruch steigt

von ihm aus Ruft den Heiligen Krieg

aus! Ein Volk

Wacht auf, ihr Betrunkenen, und

weint!

Jammert, ihr Zecher!

Ihre Kinder werden zerschmettert

Die schwangeren Frauen aufgeschlitzt

Tod, wo sind deine Seuchen?

Aber der

kann euch

nicht heilen

Er befreit

euch

nicht von

euren Geschwüren

S e i n e

Krankheit

Sein Geschwür

Ich aber bin wie Eiter, wie Fäulnis

»Unflat«

Fremde

Sie sollen vor mir stehen, um mir Fett

und Blut darzubringen Meine Opferspeise,

Fett und Blut Es bersten die

Berge Im Feuer meines Zorns Ungeheures

Verderben Zur Zeit des Endes

Ha, ich rede voll Leidenschaft und

Grimm Du bist eine Menschenfresserin

Du sollst Scherben zerbeissen und

dir die Brüsste zerreissen

Denn ich habe gesprochen Zum Gelächter

und Gespött sollst du werden Ich will

dich in die Gewalt derer geben Gegen die

du jetzt voll Hass bist Sie werden voll

Sie fressen Menschen Noch am selben

Tag, da sie ihre Söhne den Götzen

schlachteten Trieben sie es in meinem

Haus Ich vernichte sie im Feuer meines

Zorns

Du sollst sagen: Schwert, Schwert,

Gezückt zum schlachten Zu Trümmern,

Trümmern, Trümmern Nichts soll bleiben

wie es ist

Du Entweihter Die Zeit der entgülltigen

Abrechnung Ich liefere dich

grausamen Menschen aus Die ihr

mörderisches Handwerk verstehen

Das Feuer soll dich verzehren Mitten

im Land soll dein Blut fliessen

An dich wird sich niemand erinnern

Jetzt ist der Tag gekommen Die Zeit der

entgülltigen Abrechnung Ein Schwert

zum Morden ist es Zum Morden Das gewalltige

Schwert, das sie durchbohrt

Schrei und heule, Menschensohn!

Für des Henkers Hand Ein Schwert

Zum Schlachten, zum Schlachten ist es

geschärft; Ein Schwert, ein Schwert

Geschärft und poliert Er soll nicht

am Leben bleiben So wahr ich lebe Sein

Blut wird auf ihm sein Eine Totenklage

ist dieses Lied; Zur Totenklage ist es ge-


MAHNMAL

MAHNMAL

Computer Generated Images by Marcus Hinterthür - ask for custom m.hinterthuer@gmx.net

nach einer Architekturskizze von Heidulf Gerngross


62 ST/A/R

Buch VIII - Religion Nr. 20/2009

Wie am Meer brechen sich die Wellen am Sandstrand von Tamtchi,

dem ersten Badeort am Nordufer des kirgisischen Issyk Kul - Sees. Seine

Uferzonen werden von der Seidenstraße berührt und gelten seit Jahrtausenden

als Kreuzweg der Kulturen, als Ort der Erholung und Begegnung.

Eine alte Kirgisenweisheit besagt, wer hier einmal im Jahr ins Wasser

steigt, bleibt gesund. Der Issyk Kul gilt als wasserreichster Gebirgssee

der Welt. Von Ost nach West misst er 140, von Nord nach Süd bis zu 70

Kilometer und reicht 600 Meter in die Tiefe.

Die gletscherbedeckten Gebirge im Hintergrund, die sich am Vorabend

noch malerisch im Wasser spiegelten sind in die Ferne gerückt. Sie gehören

zum Tien Schan, den Himmelsbergen und ragen bis zu 7.439 Meter

empor. Nach den ersten kräftigeren Schwimmzügen im leicht salzhältigen

Wasser bleibt einem der Atem weg.

Die dünnere Luft auf 1.600 Metern spürt man deutlich. Ein hervorragendes Anpassungstraining,

wenn man durchs Gebirge wandernt möchte. 90 Prozent des Landes,

das mit 195.500 Quadratkilometern etwa die Fläche von Österreich, Bayern und

der Schweiz umfasst, liegen über tausend Metern Seehöhe. 34 Prozent der Fläche

ragen über 3.000 Meter hinaus.

Die Fahrt in die Berge führt uns zunächst das mediterrane Südufer des Sees

entlang. Immer wieder finden sich bizzarre Vorgebirgsformationen. Rot leuchten die

neun Ochsen bei Tscheti Ögüs, Bergrücken, die die Erosion ausgewaschen hat.

Am Song Kul, dem „schönen See“, auf 3.000 Metern Seehöhe verbringen die Hirten

mit ihren Pferden, Schafen, Rindern, Yaks den Sommer. Am Leben der Clans hat

sich in den letzten Jahrhunderten nur wenig geändert. Schon die Zehnjährigen gelten

als hervorragende Reiter, die es nicht verstehen können, dass Erwachsene Männer

bei Pferden für Verwirrung sorgen.

Perfektion am Sattel ist Selbstverständlichkeit hier. Es gehört viel Übung dazu, um

um jene akrobatischen Übungen zu beherrschen, die bei den legendären Reiterspielen

dargeboten werden. Oder um jenes wilde, poloartige Reiterspiel zu erlernen, das

die Kirgisen voll Enthusiasmus pflegen. Dabei wird ein Schafsbock geschlachtet, der

Kopf abgetrennt, die unterel Läufe gehäutet. Danach jagen zwei Mannschaften damit

über die Wiesen. Es gilt als Ehre, wenn der Bock in den Eingang einer bestimmte

Jurte geworfen wird.

Als nomadisierendes Turkvolk gelten die Kirgisen gastfreundlilch langmütig und tolerant.

Sie stellen mit zirka 65% die Bevölkerungsmehrheit. Außerdem leben Usbeken,

Russen, Dunganen (chinesische Muslime), Uiguren (1,0 %), Ukrainer, Tadschiken ,

Tataren , Kasachen und Angehörige weiterer Ethnien, wie etwa 57.000 Mescheten,

im Lande.

Die Bevölkerungsmehrheit bekennt sich zum sunnitischen Islam, der stark mit Schamanstischen

Ritualen und Naturreligionen durchsetzt ist. Gegen ein gutes Stamperl

hat hier keiner was einzuwenden, zu jung ist die Vergangenheit als Kirgisische Sowjetrepublilk.

Auch der Luftgetrockenete von daheim kommt gut an. Selbstbewusst,

modern und vor allem unverschleiert ist der Auftritt der Frauen. Sie stellen vielerorts

in der Wirtschaft ihren Mann.

Am Kuhfladenherd in der Gemeinschaftsjurte erwärmen wir uns rasch und stärken

uns beim Nachtmahl mit allerlei kirgisischen Leckereien. Es gibt Lagmat, einen suppigen

Nudeleintopf, Butter, Käse, Wurst, Weißbrot, Tee und als Nachspeise Brandteigspiralen,

die hervorragend zu den aromatischen Marmeladen passen. Kirgistan

ist ja die Heimat der Marille doch die anderen Früchte des Sommers, vor allem die

Himbeeren aus der Höhe schmecken einzigartig. Zum Abschluss

Etwas schweigsam und müde schauen sie ins Feuer. Einer von Ihnen entschuldigt

sich für die Einsilbigkeit am ersten Abend und fügt hinzu, dass sich dies schon ändern

wird, wenn wir uns mal näher kennen. Er soll recht behalten. Denn schon bald

erleben wir zünftige Jurtenabende mit viel Gelächter und Self-Entertainment, das

unsere Tagesmärsche beschließt.


Nr. 20/2009 Buch VIII - Religion

ST/A/R 63

Die Hauptstadt Bischkek ist das Zentrum des Wirtschaftlichen und kulturellen Lebens. Auf Kirgisisch

bezeichnet bischkek oder pischpek ein Gefäß für die Zubereitung von Kymys, fermentierter

Stutenmilch. Planmäßig im Schachbrettformat ausgelegt, ist es eine Stadt mit breiten Boulevards,

marmorverkleideten öffentlichen Gebäuden und massigen Wohnblocks in typisch sowjetischer

Bauart. Aufgrund seiner kurzen Geschichte hat Bischkek keine historischen Bauwerke. Fast alle

Straßen in der Kernstadt sind beidseitig von Bewässerungskanälen flankiert, welche die zahllosen

Bäume bewässern, die im heißen Sommer Schatten spenden.

Im Gespräch mit Gerald Kofler und Peter Felch hat der russisschstämmige Künstler, Valeri Ruppel,

namhafter Vertreter der modernen Kunst, Stellung bezogen.

Als Sie nach Kirgistan kamen, was war Ihre Motivation zu bleiben und hier zu arbeiten?

Wie ich hierher kam, ist ganz einfach erklärt: Als ich mit 20 nach Zentralasien kam, waren meine

Motive rein romantischer Natur. Ich wollte exotische Länder kennen lernen. Und so begab ich mich

damals in das, wie mir schien, sehr exotische Asien, das mich bis heute Staunen lässt über das,

was mich umgibt. Außerdem ist der altruistische Dienst an der Kunst, an der modernen Kunst, auch

keine schlechte Aufgabe. Das ist mein Karma!: hier in Zentralasien

moderne Kunst zu betreiben und zu vertreten. Irgendjemand muss das

ja tun.

Denken Sie, dass Sie in anderen Ländern mehr Resonanz und Erfolg

haben könnten?

Wenn ich mich in Europa aufhalte, gefällt mir sehr, was sich dort in der

modernen Kunst abspielt, mir gefällt der kontinuierliche und schnelle

Prozess des Wechsels von Prioritäten, von Ausrichtungen. Dieser lebendige

Prozess ist wichtiger als alles andere. Wenn ich nach Kirgistan

zurückkomme, versuche ich meine Inspirationen hier einzubringen. Ich

weiß nicht, wie ich dort leben und arbeiten würde, aber ich kann diesen

paradoxalen Unterschied und Kontrast zwischen dem, was dort passiert

und hier, überprüfen und auflösen, indem ich hier arbeite.Das ist auch

ein gewisses Experiment, meine Teilnahme am Werdegang und am

Leben der zeitgenössischen Kunst. Als lebendes Wesen will ich an

diesen Prozessen teilnehmen.

Sehen Sie eine Kommerzialisierung der Kunst in Europa?

Das gibt es alles in Europa in einem enormen Ausmaß, daneben aber nimmt die zeitgenössische

experimentelle Kunst einen wichtigen Platz ein; sie hat einen hohen Stellenwert in der Kunst

allgemein, in den Museen und Galerien, in der Gesellschaft. Das ist hier nicht der Fall. Hier nimmt

die kommerzielle Kunst den größten Raum ein. Das liegt wahrscheinlich daran, es den Bedarf dafür

gibt. Mit der Bildung der neuen Mittelschicht von Businessleuten, den Neureichen, wie sie genannt

werden, entstand der Bedarf an Dekorativem, der Wunsch nach Verzierung. Geschmack haben

sie keinen, wohl aber den Wunsch, das Bedürfnis sich mit etwas zu schmücken. Und es gibt einen

großen Künstlerkreis, der bereit ist, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Dazu kommt, dass wir haben

kaum Zugang zu Informationen haben, es gibt keine Kunstberichterstattung, keine Kunstzeitschriften,

das Netz ist unsere einzige Informationsquelle.

Welche zeitgenössischen Künstler der westlichen Welt haben Sie besonders beeindruckt?

Ein absolut herausragendes Beispiel der modernen Kunst für mich ist der Franzose Yves Klein.

Vielleicht weise ich in meiner Suche, meinen Experimenten nicht sehr viele Ähnlichkeiten mit ihm

auf, aber ich halte ihn für ein Paradebeispiel eines modernen Künstlers, ein glänzendes Beispiel

dafür, wie man der zeitgenössischen Kunst und der Kunst im Allgemeinen dienen kann. Das ist für

mich Yves Klein.

Was interessiert Sie an Zen, an der Philosophie, der Kunst des Fernen Ostens und des Buddhismus?

Die Leere in der Kunst, die Leere als philosophischer Zen-Begriff,

die Leere als allumfassende philosophische Erkenntnis. Das ist im Buddhismus wichtig, mich interessiert,

dass es nicht nur die Leere im physischen Sinne gibt – so gibt es zum Beispiel in chinesischen

und japanischen Bildern Freiflächen. Die Leere muss da sein als etwas, das der Betrachter

selbst füllen kann. Ich suche die Komponenten, die helfen, die Leere als etwas zu erfassen,

das eigentlich nicht leer ist, sondern gefüllt ist … mit der Energie des Künstlers.

Das ist bis heute eine schwierige Aufgabe. Diese „Formel“ ist nicht zufällig vor 10.000 Jahren entstanden,

und sie lebt bis heute als Frage und Herausforderung fort, die nie an Bedeutung verlieren

wird:

Jede Leere kann von einem Künstler mit Bewusstsein gefüllt werden.

Das ist keine einfache Aufgabe, aber es macht Sinn für mich, mich damit auseinanderzusetzen.

Gerald Kofler


Nr. XX/ Herbst 2008

64 ST/A/R

Buch VIII - Religion Nr. 20/2009

04Z035665M – P.b.b. Verlagspostamt 1060 Wien • Adresse: 1060 Wien Capistrangasse 2/8 • office@star-wien.at • Europa € 3,00 • Nr. xx/xx

Bleiben wir relaxed und scheiß ma auf den Text

Städteplanung / Architektur / Religion 3,– Euro

Zenita


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch IX - LITERATUR ST/A/R 65

LITERATUR

2009

ST/A/R bedankt sich bei Elfriede Gerstl

und Herbert Wimmer für die Konzeption

der ST/A/R-Literaturseiten


66 ST/A/R

Buch IX - LITERATUR Nr. 20/2009

KEINE ANWEISUNG, KEINE AUSZAHLUNG,

KEIN BETRAG, KEIN BETRUG.

(Ein paar Anmerkungen zu „Neid“)

ELFRIEDE JELINEK

Ich habe das Gefühl, etwas zum Privatroman „Neid“ sagen zu

müssen. Jetzt flehen mich schon seit Wochen meine besten

Freundinnen und Freunde an, fast weinend, das Buch „Neid“,

das gar kein Buch ist, nicht lesen zu müssen. Sie glauben, sie

müssen es, wie jedes ordentliche Buch (bei dem man das Ende

nicht vor dem Anfang kennen soll, manchmal, bei einem Krimi,

will man das ja wider besseres Wissen), von vorne bis hinten

durchlesen. Gut, also kein Buch, meinetwegen, ja, wegen mir!,

aber: Ausdruck kompliziert und papierverschlingend, neuer

Toner muß gekauft werden, die Blätter fliegen herum wie

Vögel, man kann sie nicht bändigen, man kann sich mit diesem

Papierhaufen nicht auf den Balkon setzen, überhaupt nicht ins

Freie, ins Offene, man kann das nirgendwohin mitnehmen, es

kommt alles durcheinander. Man muß es dann womöglich

wieder ordnen. Man bereut schon bald bitter, es ausgedruckt zu

haben, denn nun ist das Papier verschwendet, das hat ja

schließlich auch was gekostet, Bäume mußten gefällt werden,

nur damit einem selbst das dann überhaupt nicht gefällt, was

man da liegen hat, dieser Klotz, dieser unordentliche

Papierstrunk, dieser Blättertorso, den man nie im Leben auf

Kante kriegt, nicht einmal, wenn man sich die Kante selber

gibt. Wie beträgt man sich diesem Betrug, ich meine diesem

Roman gegenüber? Bitte, ich zum Beispiel möchte das eh nicht

lesen müssen. Mir ist das ja egal, ob es jemand liest oder nicht,

und meine Freunde bleiben weiterhin meine Freunde, ob sie

meine Sachen nun lesen oder nicht. Was jammern sie mich an?

Ich doch nicht! Was auch immer. Ich möchte nur gern sagen,

wie ich es mir vorstelle: Man soll den Text überhaupt nicht

ausdrucken. Man kann natürlich, aber man soll nicht. Man

kann machen, was man will, das sowieso, die Menschen

beklagen sich ohnedies immer. Sie wollen, daß man weiß, was

sie über einen denken. Man tut ihnen einen Gefallen, sie zu

enttäuschen, denn dann haben sie noch mehr Grund zur Klage.

Das freut sie so sehr, das freut sie umso mehr. Ich schaue über

die Menschen hinweg, egal, was sie tun, nicht im Sinn von

Arroganz, im Gegenteil, sondern weil ich vielleicht zuwenig

Zugehörigkeitsgefühl zu ihnen habe, was sie mir nicht eigens

zu sagen brauchen (sie tun es ja trotzdem, weil sie alles trotzdem

tun, jetzt erst recht). Ich schaue über sie weg und gehe durch

sie hindurch, weil ich sie gar nicht mehr anschaue und auch

nicht zu ihnen gehe. Dieser Text mit Namen „Neid“ gehört

nicht in ein Buch. Er gehört nicht auf Papier, er gehört in den

Computer hinein, dort habe

ich ihn hineingestellt, dort

habe ich ihn deponiert, dort

kann er in Ruhe verderben wie

Müll (nur auf Wunsch und

mit Hilfe einiger

Knopfdrückereien können Sie

ihn sich aber holen, wann Sie

sollen, solang Sie und soviel

davon wie Sie wollen), und bin

dann einfach weggegangen.

Ich weiß ja, daß der Roman

dableibt, auch in meinem

eigenen Gerät mit dem

Flachschirm. Er ist zur

Entnahme frei, der Text, was

ich nicht bin. Ich bin nicht

frei, schon gar nicht zur

Entnahme, wer würde mich

auch nehmen, wer würde

denn dem etwas entnehmen

wollen, was ich sage? Ich hebe

ja oft Tagesneuigkeiten und

Aktualitäten, auch Klatsch und

Tratsch, in die Texte hinein,

um ihnen ihr Verfallsdatum

einzuprägen. Das muß man

ihnen immer wieder

einbläuen, sonst vergessen sie

es. Jeden Augenblick können

sie fällig sein, und das ist gut

so. Wenn ich sterbe, warum

soll dann dieses Geschreibe

leben dürfen? Es darf aber,

irgendwo wird es überleben,

in irgendeiner Maschine. Ich hätte vieles, das mir zu intim war,

niemals in einem Buch schreiben wollen und können. Es soll

so schnell verzehrt sein wie ein Hamburger oder eine

Leberkässemmel. Es ist zum raschen Verbrauch bestimmt.

Holen Sie es sich, wenn Sie wollen, wann immer Sie wollen, in

ihr Handy, auf ihren Computer, in Ihr electronic book (nein,

sowas haben Sie wahrscheinlich noch nicht, aber bald werden

wir es alle haben, alles andre haben wir ja auch gekriegt), wenn

Sie zehn Minuten warten müssen, an einer Haltestelle, auf

einem Bahnhof, in einer Hotellobby, ein paar Stunden auf

einem Flughafen, in einem Lokal. Holen Sie sich einen runter

von mir, holen Sie sich etwas von mir runter, überfliegen Sie

es, buchstabieren Sie es, kriechen Sie rein, kommen Sie wieder

raus oder bleiben Sie drin. Die Sache ist ordentlich gearbeitet

und ixmal überarbeitet, aber Sie können es einfach so

überfliegen, als wäre das nichts, unter Ihnen, über Ihnen, vor

Ihnen: nichts. Sie können es fressen oder sofort wieder

wegschmeißen, Sie können alles, Sie haben nichts bezahlt, ich

habe mit meinem Leben bezahlt, doch das ist nicht Ihr Problem,

Sie können es für eine Sekunde laden und dann gleich wieder

rausschmeißen. Das ist ein wunderbares Gefühl, welches ich

genieße, obwohl ich gar nicht weiß, was Sie jeweils damit

machen und Genuß leider nicht meine Spezialität ist. Aber

bitte: nicht ausdrucken (Sie können es sich aber auch in

Schweinsleder binden lassen, auch darüber hätte ich nicht zu

entscheiden)! Es soll da sein und verschwinden gleichzeitig

oder hintereinander, es soll eine gespensterhafte

Erscheinungsform haben, dieses Geschriebene da vor Ihnen.

Die gespenstische Existenz eines Wesens, das da ist und auch

wieder nicht, ein Phänomen, das mich schon immer interessiert

hat: lebende Tote, die nicht wissen, daß sie tot sind, Geister,

Gespenster, Erscheinungen, Grusel, Schauder. Etwas, das ist

und gleichzeitig nicht ist. Etwas, das sich zur Schau stellt, wenn

auch ohne das Gepränge, das der Buchmarkt und das Feuilleton

manchmal mit sich bringen, um Ohnmacht bzw. Aufmachung

(Verlag, Buchhandel) oder Macht (Feuilleton) zu demonstrieren.

Ich habe mich für die Flüchtigkeit entschieden, was meinen

Text betrifft. Ich bleibe immer da, schicke meine Sachen jedoch

auf Wunsch überall herum, in, ja, in all ihrer Flüchtigkeit

(vielleicht Flüchtigkeit, gerade weil ich selbst nicht fliehen

kann?). Jeder Mensch (oder keiner) kann sich das aus dem

universellen Raum des Nichts materialisieren lassen, eine Zeile

lesen, hunderte Seiten lesen, alles eins, und dann kann er das

wieder verstoßen. Er kann es mehrmals aufrufen und parallel

lesen, neue Verbindungen auf dem Bildschirm herstellen.

Überhaupt selber Neues schaffen. Er kann sich was erklären

oder nichts erklären, er oder sie, sie können sich was erklären

lassen oder auch nicht. Sie können es sich anders erklären als

ich es tue. Ich habe mit Entschiedenheit das Machtmittel Buch

und Buchbetrieb zurückgewiesen, nur für mich, ich mache ja

keine Regel draus, ich bin für mich da, sonst ist es ja keiner.

Genau: Keine bin ich auch! Ich bin auch für Sie da, wenn Sie

das wollen, und wenn sie es nicht wollen, bin ich sofort wieder

weg. Ich will keine Macht mit diesem Text entfalten wie

Buchseiten, im Gegenteil, ich will jede Macht aufheben und

Ihnen dafür die Vollmacht übertragen: Machen Sie damit, was

Sie wollen. Ich gebe mich ganz in Ihre Hand, schmeißen Sie

mich weg oder behalten Sie mich ein wenig, eine Weile, ganz

wie Sie wollen. Durch die rasch, beinahe sofort verderbenden

Aktualitäten im Text habe ich ja die Flüchtigkeit des

Geschriebenen geradezu beschworen, weil alles jederzeit wieder

vollkommen und spurlos verschwinden kann. Das ist doch eine

Chance, oder? Gehören Sie zu den Genießern oder den

Entsagenden oder den Hassern?, von mir aus, oder gehören Sie

zu gar niemandem?, hören Sie mir zu oder nicht; ich merke das

ja gar nicht, ich merke nicht, zu wem Sie gehören, Sie können

gehören, wem Sie wollen. Dieser Text gehört mir, ob Sie wollen

oder nicht, ich habe ihn an niemand verkauft, ich behalte ihn,

aber Sie können ihn jederzeit haben, wenn Sie wollen und

wann Sie wollen. Und noch nicht einmal geliehen. Er gehört

ganz Ihnen, wenn Sie mögen. Und dann ist er wieder weg. Sie

müssen nichts herumschleppen, Sie müssen keine Lesezeichen

einlegen, Sie können Lesepausen einlegen, Sie können das

alles überfliegen, Ihre Augen können woandershin gehen als

Sie selber, Sie können woandershin gehen als Ihre Augen, die

herumschweifen und sich heften an ein Wort, einen Buchstaben,

einen Satz, einen Absatz, hundert Seiten, egal. Ich teile mein

Eigentum in all seiner Flüchtigkeit mit Ihnen, um, wie gesagt,

selbst die Illusion zu haben, jederzeit weg zu können, oben am

Bildschirmrand ins Nichts abtauchen zu können. Dieser Roman

ist da und gleichzeitig nicht da, in all seiner Rücksichtslosigkeit

gegen mich (und äußerste Rücksichtnahme gegen Sie, denn

Sie allein bestimmen ja über ihn!), in all seiner Leere, wenn

man ihn mit einem einzigen Knopfdruck entfernt hat. Das ist

es vielleicht: Die Leere zum Vorschein bringen, durch den

Druck einiger Tasten. Es wird alles ganz weiß, weil Sie es vorhin

gerade gelöscht haben. Es kann aber jederzeit wieder gerufen

werden. Ich zähle nicht, wie oft und was wie oft. Ich zähle auf

niemanden und zu niemandem. Ich habe Sie längst

ausgeblendet, jetzt können Sie dasselbe mit meinem Werkchen

machen, das ich ist und wieder nicht ich ist, auch wenn es Ich

sagt oder dem Ich widersagt oder es dem Ich immer wieder

reinsagt. Ich durchbreche jedes Ziel und mache am andern

Ende weiter, auch wenn ich zu schwach bin, das Zielband zu

zerreißen, das Sie mir da dauernd vorhalten, sodaß ich nicht

einmal mit Zielvorgabe loslaufen kann, weil da schon das blöde

Band ist, das doch so leicht zu zerreißen wäre. Ich bin am Ende.

Ich bin am Anfang. Sie können das auch, jederzeit! Sie können

sein, wo immer Sie wollen. Ich kann nicht sein, wo ich will.

Dafür kann ich mein Schreiben schicken, wohin ich will, auch

wenn ich nicht weiß, wo das ist. Was sagt man dazu? Diese

Rücksichtslosigkeit, die gleichzeitig Leere ist und Leere

hinterläßt, erweckt den Eindruck, daß der Machthaber

(Heidegger spricht in diesem Sinn von ihm, und die

Machthaberei wird den Künstlerinnen und Künstlern

seltsamerweise immer zugeschrieben, Machthunger auf ihr

Publikum, aber genau das will ich nicht, ich will diese Verhaberei

sowieso nicht, der Filz kann zu einer Fußangel werden) etwas

kann, was eigentlich jeder kann, was jeder vollziehen kann.

Und auch das können Sie ja

gern ausprobieren. Stellen Sie

sich neben mich, einen

Augenblick, fünf Minuten,

eine Stunde, ein paar Stunden,

Sie werden sehen: Sie können

das auch! Es ist unverbindlich,

denn es will nichts verbinden,

kann es aber auch, wenn

gewünscht, es kann ein Pflaster

für eine Wunde sein oder

selbst eine Wunde aufreißen.

Es gehört nichts dazu außer

ein paarmal Knopfdrücken

und Mausfahrereien und

Gedankenschiebungen. Nichts

ist echt, alles ist ich. Ich bin

nicht echt, was soll an mir

schon echt sein? Nicht einmal

die Farbe auf meinen

Augenlidern, denn die ist

dorthin geschmiert worden.

Wo Ich draufsteht, ist zwar Ich

drin, aber Ich ist sowieso nicht

Herr im eigenen Haus, es ist

höchstens der Hausmeister,

der die Böden des Bodenlosen

wischt. Aber das alles kann

Ihnen egal sein. Wenn Sie ich

sein wollen – bitte, von mir

aus, aber wenn Sie ich wären,

würden Sie merken, daß Sie

alles sein wollen und überall,

nur nicht ich und nur nicht

dort, wo ich bin. Oder bitte,

von mir aus, lernen Sie nichts, auch das können Sie. Sie können

das Nichts, und Sie können alles, Sie können ein Wesen oder

ein Unwesen sein, indem Sie Macht über andre (und wäre es

Ihr Hund oder Ihr Partner oder Ihr Kind) ausüben wollen. Ich

will das nicht. Ich will es nicht. Ich bin mir genug. Und ich

habe von Ihnen genug, selbst wenn Sie nicht genug von was

auch immer kriegen können. Bleiben wir getrennt! Das ist gut

so. Aber das Bleibende möchte ich nicht geschaffen haben, also

bitte nicht ausdrucken! Lassen Sie es laufen. Es genügt, daß ich

derweil noch dableiben muß.

http://ourworld.compuserve.com/homepages/elfriede/


WWW.TOLSTOI.RU

Nr. 20/2009 Buch IX - LITERATUR

ST/A/R 67

MEMBRAN-STORY

herbert j. wimmer

als klingelton ein tiefer bronchial-katarrhalischer husten.

eigentlich ist es ja ein bisschen gruselig, erzählt sich

eine männliche stimme in meine nähe, schiebt sich ein

sprechender langsam an mir vorbei, einen fernen abschnitt

des bahnsteigs fest als fluchtpunkt seines horizonts im auge

behaltend. er sieht so aus, wie ich mir vorstelle, dass ich in

einigen jahrzehnten aussehen könnte. ob ihm, würde er nur

einmal kurz seitenblicken, die vorstellung einschösse, er hätte

vor vielen jahrzehnten so ausgesehen, so dagestanden wie ich?

da habe ich ein feed bekommen, in dem ein zellbiologe

von parasiten erzählt, die verhalten verändern können,

vielleicht auch bei unsereinem. irgendwer hat in vielen

staaten untersuchungen über parasitenbefall gemacht und

angefangen herumzukorrelieren, dass ein parasit, den

wir durch rohes fleisch, ungewaschenes gemüse oder die

hauskatze mimi bekommen können, unsere person auf

unmerkliche weise verändern könnte.

fast die hälfte der menschen in den untersuchten ländern

tragen in ihrem blut antikörper gegen den parasiten. und

in einigen bio-psychologischen oder psycho-biologischen

untersuchungen lässt sich nun angeblich zeigen,

dass der parasit frauen unabhängiger, dynamischer

und intelligenter macht, während hingegen männer

konservativer, eifersüchtiger und gruppenhöriger werden.

in beiden geschlechtern allerdings steige die neigung zu

schuldbewusstsein. was hältst du davon? speichelt er ganz

vergnügt am mikrofon seines headsets vorbei in die (noch)

öffentliche luft.

an der privatisierung der atemluft, wer möchte nicht

daran verdienen. abrechenbar ist alles, ein lebenslanger

einziehungsauftrag, verbrauchsschätzungen nach

durchschnittlichen kubikmeter pro tag, eine gebühr fürs

einatmen der wie auch immer frischen luft, eine andere

gebühr fürs ausatmen der verbrauchten luft; vielleicht auch die

verpflichtung, von geburt an ein luftkonto zu haben, von dem

man bis auf null wegatmen kann, so heftig oder so sparsam,

wie man will. die ewig undankbare bevölkerung muss daran

gewöhnt werden, dass es nichts umsonst gibt, alles muss

gekauft und abbezahlt werden. respekt und dankbarkeit, mehr

verlangen sie ja nicht, die alles ins private umverteilenden

luft-provider. wer sportelt und mehr und heftiger atmet als der

durchschnitt, lebt halt kürzer, die bewegungslosen wenigatmer

dürfen dafür länger in der welt sein. gebühren fürs unter- und

überschreiten von durchschnittswerten, wie auch gebühren

fürs hartnäckige angleichen an durchschnittswerte sind so

schnell ausgedacht wie eingehoben. niemand hustet in den

augenblick der abschweifung.

beef tatar, carpaccio und salate aus hygiene-resistenten

restaurant- und kantinen-küchen, fällt mir dazu sofort

ein. weil sie ihn tragen, verlieren mäuse und ratten ihre

angeborene furcht vor katzenduft, im gegenteil, sie suchen

ihn, und werden der katzen leichte beute. so kann der parasit

wieder in den katzendarm zurückkehren, sich vermehren und

wieder ausgeschieden werden.

die verstärkte neigung zu frei flottierenden schuldgefühlen

kann ja nur die charity-industrie freuen.

angeblich wirken medikamente, die gegen schizophrenie

eingesetzt werden, auch gegen den parasiten.

das finde ich ja so kurios!

treibt man den parasiten aus, werden dann die von ihm

geheilten frauen weniger intelligent sein, klebrige gruppen

bilden und antriebslos in den familien herumhängen?

und die männer verlieren dann ihren schrecklichen

hang zum konservativen, hören auf elende eifersucht –

othello ade! – zu zelebrieren und geraten wieder mehr zu

eigenverantwortlich funktionierenden individuen, abhold

dem dumpfen zusammenglucken an stammtischen und in

traditionsvereinen?

dafür empfinden dann alle diese verdammten unbestimmten

schuldgefühle überhaupt nicht mehr?

ist nicht mein, unser unbewusstes ergebnis von

parasitenbefall?

die ganze evolution hoch?

manchmal hat der befall was mit der ausschüttung von

botenstoffen zu tun. die werte von dopamin zum beispiel,

diesem neurotransmitter, der anscheinend im zusammenhang

mit neugierverhalten steht, sind bei infizierten erhöht. ob

allerdings die substanzen vom parasiten stammen oder der

parasit den oder die befallene zwingt, mehr von diesem stoff

zu produzieren, ist noch lange nicht raus.

manche parasiten wiederum scheinen neurotransmitter

imitieren zu können. sie zerstören einfach nervenzellen oder

verändern das physiologische gleichgewicht und lösen damit

immunreaktionen aus. man fand auch schon – allerdings ist

das noch sehr schwer zu belegen – dass manche parasiten

gezielt gene ausschalten, welche die produktion von

neuropeptiden steuern.

ein parasit folgt dem anderen.

von vielen parasiten gleichzeitg befallen.

irgendwer muss immer erfinderisch sein, unkonventionell,

innovativ; mal die frauen, mal die männer.

sind bewusstein und unbewusstsein als folge von

parasitenbefall entstanden?

verdanken wir die fähigkkeit zu selbstreflexion, zu

selbstspiegelung einem oder unzähligen parasiten?

ist die entstehung von spiegelneuronen folge eines

parasitenbefalls oder folge einer entstandenen resistenz?

sind parasiten evolutionsbeschleuniger, entwicklungsturbos?

jetzt müssen wir unbedingt nach einem parasiten suchen

– oder einen gentechnisch herstellen, der sowohl frauen

wie männer intelligenter, dynamischer und unabhängiger

macht, ohne die neigung zu schuldgefühlen, dieser negativen

emotionalen grundhaltung, zu verstärken, denke ich dem

davonsprechenden nach.

der lautsprecher scheppert neue verspätungen in unsere

zukunftsoffene gegenwart.

FRIEDERIKE MAYRÖCKER

ich auch den weich‘ Kräutern, Höld.

ich auch den weich‘ Kräutern alle Stimmen Maria Callas‘ nämlich in

meinem Schädel. Vergiszmeinnicht in meinem Schädel der Sturm tobt

die Angst Veilchen Vergiszmeinnicht in meinem Schädel die Einsamkeit

tobt die Verzweiflung in meinem Schädel die Angst tobt der

Schrecken. Venedig und Veilchen Vergiszmeinnicht Wahn und Wäldchen des

Alters in meinem Schädel renne zum Veilchenbusch Fliederbusch

noch keine Blüten kein Duft gegenüber die Wander Klassik (der

Schneider Aslan Gültekin) sein weiszer Schädel die Himmelschlüssel

Anemone Päonie in meinem Schädel hl.kl.Frau im Fenster mir winkend

mir lächelnd versinke in Blumen Tränen Küssen Veilchen Vergiszmeinnicht

Augen der Mutter Kehlen der Vögel : schönen Schwalben Lieblingen

meiner frühen Tage nämlich die Wander Klassik 1 Jimi Hendrix

steht an der Straszenkreuzung / es sei als sei es 1 Maientag rauschender

Mai unter der Kuppel des Blattwerks des Baumes hin durch

den Maientag Rosen der Augen der Auen im Südwind durch diesen Tag

während die Tränen sind vom Himmel geflossen und sprieszend an den

Ästchen (Kätzchen) des Waldes in meinem Schädel des reinen Waldes

unter dem Himmel unsterblichen Himmel. Verzaubert ist mir die Welt

und fiebrig in meinem Schädel Nachtviolen Fuchsien Weiden Pinien

und Reseden lauschend im Garten (ich) Krokus und Haferkorn auch,

kirschenessend in tiefer Nacht, auch, ich auch den weich‘ Kräutern,

Hölderlin

FRIEDERIKE MAYRÖCKER

dieser Leiterwagen dieses Schluchzen diese 70 Jahre danach

dieses mit Mutter hinauf die Dorfstrasze hinauf (damals in

D.) das Kreuz der Deichsel in den Händen ach weiszt du

noch der ockerfarbene Staub der Strasze an meinen Füszen

(nackt) das Kreuz auf der Anhöhe wo die Felder Wiesen

sich breiteten wie mit offenen Armen und wir zum nahen

Steinbruch die kl. und gröszeren Steine einsammelten diese

Grotten Gottesblumen in D. während über dem Stege begannen

Schaafe den Zug usw.

jemand, 1 Traum, hügelt mir wie Schnee oder Schwan, 1 POMP die

beweglichen Primeln über dem Wasser / Mystifikation eines

Lebens 80 liebliche Sommer ach weiszt du noch die Erdbeeren

in den Beeten (mit Steinen bekränzt) im groszen Garten die

Hauswurz die weiszen Lilien der Hibiskus in den Wolken in

den duftenden Lauben die MADONNA gesehen wo die verborgenen

Veilchen sprossen

(aber es fallen auseinander meine Gebeine . .)

6.2.08

12.4.08

FRIEDERIKE MAYRÖCKER


Städteplanung / Architektur / Religion Buch IX - LITERATUR ST/A/R 69

Foto: Andrea Baczynski

Worüber man nicht sprechen kann, dass muss man fotografieren


70 ST/A/R

Buch IX - LITERATUR Nr. 20/2009

ANDREAS OKOPENKO

Spontangedichte (Stand: 26.09.2008)

Schiedspruch

Ein hechelnder Hecht

ist zwar Hund, doch nicht echt.

Berliner Gedanke

Das Restaurant, wo Schinkel aß,

heißt jetzt „Zum goldenen Winkelmaß“.

Nörgler beim Baden

Die blöde Technik! Unser Wasser

wird jedes Jahr ein bissel nasser!

Osterhase in Parknöten

Der Rasen ist voll nasser Eier –

das macht der große Wasserspeier.

Tadel

Dem Käptn im Piratenschiff

fehlt doch sehr der Prälatenschliff.

Piratenfang

Die zerlegte Liese

schmort in der Kombüse

(mit sehr viel Gemüse).

Der Unermüdliche

Und wenn alle Hasen schlafen,

kann man noch die Katzen loven.

Und wenn alle Katzen streiken,

kann man noch die Igel liken.

Schlager

Ich schenke dir

meine Sehnsucht nach mir.

Der tragische Hase

Und fänd er hier selbst ein Grammelknödel

voll Kraut –

nichts tröstet ihn über sein Rammelmädel,

die Braut,

die der verdammte Koloß –

der Jäger – erst gestern erschoß.

Christian Katt

oder eine spiel.konsole

- - - - -

Aus den erweiterten Bauernregeln

Wenn der Osterhase gockelt,

wird die Welt umgesockelt.

Endzeit

Allenthalben

Monde kalben

Sonnen flammen

eng beisammen.

Vöglein

Ich bin die böse Rohrdommel

und bettle gern um Kuchen.

Wenn ich dir nachts ins Ohr trommel,

dann wirst du mich verfluchen.

Nachtgeheimnis

Nachts, wenn die Frösche unken,

erwachen die Halunken.

Die dümmsten sind betrunken,

die schlimmsten blutversunken.

Die uns in Asphalt tunken,

betrachten uns versunken,

bis wir total ertrunken

und ohne Lebensfunken.

Damit hört man sie prunken

vor dümmeren Halunken,

die spenden ihnen Toast.

Die klugen bröchzen „Prost!“

Höllisch

Kamin –

Come in!

Liebeslied für M.

Du bist so schön,

du bist so nützlich –

ich bin ein Frosch,

und bei dir ist mir pfützlich.

Verliebter Rehbock

Selbst ihre Losung

ist mir Liebkosung.

Ausnahme

Ausnahmsweise

preist der Weise

auch einmal das Dumme.

Freu dich und verstumme.

Aus der Gehirnforschung

Hunde, die Tabellen bellen,

haben viele graue Zellen.

Purgatorium

Im Fegefeuer wirst du

bis zur Kenntlichkeit verbrannt.

blick ganz dicht

dran momentaanes voor.schnelln

sofort dann das ganze

lehm in sicht in

sicht.weite tastbar zäh.bilder

sicht.bar im augn.blikk

in den augen

in der augn.haltung

augn.halterung

augen aus bodn haltung

aus zu boodn haltung

gesichts.halterung

geschichts.alterung

zwieseitig gestützt

geschichts.halterung

gestützt auf sozialisierung

schichtig dick schichtich

meer an gesichts.schicht peeling

mehr halb in der brandung (branding)

ueber : set.zung

tongue set over

(zuende : l.ehm)

blick alterung schichtn haltung

schichtn halterung wie

die haltn die g.schichtn

von.einander weg die

zwischnmenschn im

aufenthaltsamkeits.b reich

trennt sträng arm in arm toll.erans

- - - - -

als reaktion auf leute

die letale dosis immer bei sich

auch wenn die devise lautet all.g.mein

dopplpunkt

o vergnueget euch einander recht.zeitig

un.ziemlich b.nommen täglich

oder wenn ihnen was nicht passst

wenns nicht g.lingt

so nehmens doch gleich die dosis

an.g.nommen es ist gift rufz

aber da setzt es gleich.mut

voraus zur entspannung

da ist schnellstwirkendes r.wünscht

g.setzt den fall gleich setzt

zuerst das vergnuegn ein

dann die wirkung erst

und wir lassn

das liquide b.dauern

tröpfchenweise eins

um das andre getrunkn

wird immer artich

wie jede andre flüssichkeit

auch also tun sie sich nix an

- - - - -

rück.flug von vilnius

nach vienna

vorbereitung auf oesterreichische mimik

die junge mongolin neben mir

hat haarfransn als sichtschutz

bei.nah rundum

der mundhai schwimmt ab und an

durch den vorhang aus angst

verzweiflung

verächtung ätzung verzweiflung

zur landung streift sie

die gruenseidnen handschuh ueber

an.spannung volle konzentration

ton und licht blendn sich aus

all.es beginnt

nicht zu wackln

(oktober, 2005)

- - - - -

o der herr oberrat

im unterhemd kettnhemd

am wochnend

aus abendland unterwegs ins morgenland

mit ehernem kreuz

streitaxt kettenschuh und nicklbrille

ausm fachgeschäft in die freizeit

ja wo solls denn hingehn fragz

sososo eine schlacht

nach.stelln

historisch

non-hystergischer

erkenntnisvorschutz

also hirnriss also

ganz alltäglicher hirnschiss also

- - - - -

ELFRIEDE GERSTL

kunst & erotik

hurtig

hurig

haarig

behaglich

wie gehabt

begabt

- - - -

denkkrümel 01

ich möchte niemandem

die maske vom gesicht reissen

ich will nicht sehen

was darunter alles nicht ist

- - - -

denkkrümel 02

die vermehrung des wissens

erzeugt zugleich eine vermehrung

des unwissens

Vision

Ein Hauch von Soldat

verdampft für den Staat.

Immer höflich

(oder: Asteroiden-Einschlag)

Es war, es war - -

ein großes Entgegenkommen.

Hölle

Die Helligkeit schärft das Entsetzen,

die Düsternis steigert die Qual.

das junge pärchen mit dem laptop

in der chirurgischn ambulanz

sucht netzanschluss im wartebereich

zwischn den nächstn bitte eine steckdose

nach 90 minuten warten auf

behandlungsbeginnen

rolln die notfälle zwischndurch auf bettn oder

stühlen vorbei

fragz spieln die spiele oder

arbeitn da 2 mit der gleichn oder selbm

erkrankung

an einem thema

wolln eine maus sie sich oder einander

implan.tiern lassn

supported by

W ien

Kultur


Nr. 20/2009 Buch IX - LITERATUR

ST/A/R 71

ELFRIEDE GERSTL

tagesprogramm

ordnung ins kopfchaos bringen

gedankenknoten lösen &

und in überschaubare

bahnen

geleiten

unsinnige ängste verscheuchen

traurigkeiten mit freunden teilen

entkrampfen

entkanten

faltergleich durch den tag

tanzen

nur diese stunde zählt

Der Übermensch ist

der Mensch

Heidulf Gerngross um 2000

ELFRIEDE GERSTL

kunst & erotik

hurtig

hurig

haarig

behaglich

wie gehabt

begabt

- - - -

denkkrümel 01

ich möchte niemandem

die maske vom gesicht reissen

ich will nicht sehen

was darunter alles nicht ist

- - - -

denkkrümel 02

die vermehrung des wissens

erzeugt zugleich eine vermehrung

des unwissens

SCHILLER

&

GOETHE

HEIDULF GERNGROSS, 19.12.2008 FÜR PUPPA


72 ST/A/R

Buch IX - LITERATUR Nr. 20/2009

GANZHEITLICHE ÄSTHETISCHE PRINZIPIEN

v. Manfred Stangl

Gegenwärtige

postmoderne

oder „hochpostmoderne“

Ästhetiken

weisen sich

durch die Verweigerung

fassbarer,

verbindlicher

Auflistung

von ästhetischen

Mitteln oder gar

ästhetischer Prinzipien eher als Anti-Ästhetiken

aus.

Letztlich führt der Dekonstruktionsprozess

so weit, dass das Wort Ästhetik selbst in

Misskredit gerät, sofort an Vorgaben, Einengung,

fremdbestimmte Totalität gedacht

wird.

Die „alte“ Frage nach der instrumentellen

Deutung von Kunst – also danach, ob die Anwendung

ästhetischer Mittel auf das Erreichen

eines bestimmten Zwecks in der Kunst

abzielt, erscheint lächerlich, weil Kunst ja

als jeglicher genaueren Einordnung, jeder

Zweckunterwerfung erhaben definiert ist.

Allerdings hängt der solches Denkende folgsam

den gängigen Kunstkonzeptionen an,

übersieht zumindest, dass Kunst erst seit

Baudelaire, seit Heine (bzw. Hegel) als dem

Fortschritt und dem Neuen verpflichtet verstanden

wird und ignoriert im schlimmsten

Fall die Tatsache, dass moderne Kunst vollständigerweise

durch ein strenges, rigides

Korsett beengt wird: der Ich-Heiligung, der

Zentrierung des Ichs als den Mittelpunkt der

Welt. Wobei ja pikanterweise so getan wird,

als engten alle Normen, Werte und Verbindlichkeiten

das Ich in dessen unbändigen Expansionsstreben

ein und müsste daher alles

„Bewertende“, wie schön/hässlich, links/

rechts, gut/böse Dichotomien abgeschafft

werden – ein Hauptanliegen der aktuellen

Kunst – die meist nur „Neuartigkeit“ als Kriterium

für Kunst anerkennen will, wodurch

sie in Wirklichkeit oft unheimlich seicht und

aufgeblasen funktioniert.

Insofern ist fast jede moderne, postmoderne

und „hochpostmoderne“ (sich jeglicher

Deutung entziehen wollende) Kunst instrumentell

zu deuten: sie wendet ästhetische

Mittel an, um die Größe und die Kreativität,

die Grenzenlosigkeit und die unermessliche

Vielseitigkeit des Ichs zu feiern.

Ihre ästhetische Mittel sind dabei die bewusst

unnachvollziehbar gestaltet Vernetzung

konträrer Inhalte und Formen, die

Vielschichtigkeit und quasimystische Undurchschaubarkeit

und Tiefe vorgaukeln

soll, aber in Wahrheit in ihrer ich-erhöhenden

Absicht – sobald man den begreifenden

Blick dafür hat – oberflächlich, geschwätzig,

selbstdarstellerisch und kitschig gekünstelt

wirkt.

Jene (hochpost-)modernen Künstler/Autoren

sind in ihrem Selbstdarstellungskitsch

pikanterweise der Romantik verpflichtet,

die ja dieses überhöhte Ich-Konzept mitgestaltete;

zudem forciert die sich gerne innovativ

gebende Gegenwartsliteratur die Rolle

der Kunst als Ersatzreligion, womit sie die

Kunstreligionskonzeption der Romantiker

des 18 Jahrhunderts zur Vollendung bringt,

worin die Wurzeln der - eben ins Negative

gepolten – Verkitschung liegen.

Die „Ästhetik der Ganzheit“ benennt dezidiert

ästhetische Prinzipien, die mittels

entsprechender Mittel angestrebt werden

können – aber natürlich von überhaupt niemandem

nachvollzogen werden müssen

– ist es doch die freie Entscheidung jedes

Einzelnen, sich durch jene Prinzipien inspirieren

und bereichernd erweitern zu lassen

oder nicht.

Zu den Prinzipien der „Ästhetik der Ganzheit“

zählen:

Einfachheit

In erster Linier als Reaktion gegen die mystifizierende

Unsitte heutiger Kunst, Banales

oder Unsinniges mittels unnachvollziehbarer

Privatassoziationen komplex und kompliziert

erscheinen zu lassen. Einfachheit

meint allerdings nicht Knappheit und Strenge

(wie das klassizistische Ideal vorgibt)

oder moderne Verknappung, die eher dem

männlichen Prinzip entspricht. Einfachheit

mag sich üppig und sinnlich und vollrund

äußern: in solch Einfachheit ist tatsächliche

Vielschichtigkeit aufgehoben – diese wird

aber nicht (hoch-)postmodern durch massige

Summation und willkürliche Verkreuzung

der Ebenen hergestellt, sondern in der

Wahrheit erkannt: dass im Regentropfen

der Mond wohnt und der Himmel und die

breiten Schultern der Berge.

Einfach ist der Sommerregen, der auf die

duftenden Gärten einer Brust fällt; einfach

ist der Wind, der auf seiner Panflöte das

Lied vom Vergessen und Verwehen haucht;

einfach sind das Leben und der Tod.

Ausgewogenheit

Meint ein Gleichgewicht in einem Kunstwerk,

einem Text herzustellen zwischen

Zwist, Kritik, Ironie, Provokation (Stilmittel

der Moderne) und der Würdigung der

Schönheit des Seins, der Freude an der Existenz.

Moderne Kunst/Literatur ergießt sich

in die Darstellung des Negativen, Hässlichen

zu Kritisierenden (zu recht oftmals); ausschließlich

die Zerrissenheit und Zerstörtheit

der Welt und der Seelen zu beschwören

führt jedoch leicht dazu, die Zerrissenheit

als allgültige Wahrheit misszudeuten. Nicht

sind die Menschen nur entfremdet, in jedem

blüht eine Knospe der Schönheit des

Seins, ist die Potenz zu Glück und Liebe

eingefaltet. Ein ganzheitliches Kunstwerk

wird diesen Umstand betonen, statt ausschließlich

die Zerstückelung und Kaputtheit

moderner Welten zu klonen (oder wir

in postmodernen Texten die Versatzstücke

der Zerbrochenheit beliebig und emotionslos

aneinanderzulöten – dabei geht jegliche

Betroffenheit und der Wille zur Besserung

und Entwicklung flöten).

Stille

Viel zu laut jault und schrillt die Welt in ihrer

Jagd und Gier nach dem Geld. Die Kunst

quietscht eifrig mit: spreizt die Beine für das

fetteste Bankkontenglied. Schreit und windet

sich und stößt spitze Töne aus, dem Vorgetäuschten

Sinnlichkeitsorgasmus zollt der

Eventbesucher befriedigt Applaus.

Prinzipiell schreit jeder: „ich bin die Nummer

eins. Seins ist kleiner und weniger wichtig

als meins. Die Medien machen eifrig mit,

bemerken den, der am Lautesten um Aufmerksamkeit

buhlt und nach dem Skandal

schielt. Soviel Lärm ist in der Welt, Eitelkeit

und Kunst, die mittels aus sich selbst verweisender

Codes nur sich selbst gefällt – deshalb

interessiert niemand wirklich sich für

Kunst, außer die Kunstbetriebangehörigen

und Skandalblättchen, wenn wieder mal wer

öffentlich brunzt.

Stille aber ist die Erde in uns, aus der der

Himmel erblüht, ist der O-Ton einer Musik,

der man sich versunken hingibt. Ist die

Bedächtigkeit und Kraft mit der ein Text die

Menschen liebt Ist die Tiefe der Farben,

der ruhige Kameraschwenk am Abend, das

vertrauensvolle Heilenlassen der Narben.

Still ist das herzliche Lachen des Kinds, der

Schrei im Orgasmus, der aus der Ewigkeit

stammt, das aufwühlende Flüstern des Sommerwinds,

die Glut, von Sonne und Mond

entflammt.

Mitgefühl

Das ästhetische Prinzip „Mitgefühl“ kontrastiert

Kälte, Isolation und Gleichgültigkeit

in der (hochpost-) modernen Welt.

„Ästhetisches Prinzip“ meint - um zu verdeutlichen,

wie das, heute ja gar verpönte

Wort „Prinzip“ gemeint ist – ein Text oder

ein Kunstwerk wird formal unter Anwendung

diverser Stilmittel derart gestaltet, das

der Leser, Betrachter, Hörer im besten Falle

zu Mitgefühl bzw. Empathie angeregt wird,

zumindest aber die Absicht des Autors/

Künstlers verspürt, mit Personen/Gestalten,

Menschen oder Tieren such mitfühlend zu

identifizieren. In optimaler Ausgestaltung

sind im Kunstwerk Prinzip Mitgefühl und

Ausgewogenheit gleichrangig vertreten, bei

einem Text, wie ihn der Roman „evil“ von

Jack Ketchum darstellt, in dem das Martyrium,

die Vergewaltigung und bestialische

Quälerei eines Mädchens geschildert werden,

appelliert wohl der Autor ans Mitgefühl

und die Haltung des Nicht-Wegsehens und

wirkt damit auf die Verhinderung solcher

Vorfälle ein, ein zynischer und weltverachtender

Zeitgenosse aber mag den Roman als

Beweis für die Grausamkeit der Menschen

sowie der Sinnlosigkeit jeglichen Optimismus

oder Veränderungswillen ansehen und

die bequeme Position des gleichgültig Gefühlskalten

zementieren.

Emotionalität/

Sinnlichkeit/Intuition

Dieses Prinzip der „Ästhetik der Ganzheit“

fußt auf der Notwendigkeit die Durchdrungenheit

der Literatur und der Kunst von abstrakten

Konstrukten (Beispiel Konzeptkunst,

Intellektuellen- Bildungsbürgerroman. wie

etwa „Die Vermessung der Welt“) die Sinnlichkeit,

die Pracht und die Fülle der Natur,

der Gefühle der Menschen und Tiere (und

zwar nicht nur die ausschließlich „negativen“)

gegenüberzustellen, um Lebensfreude

und sinnliches Glück (und eben nicht nur

rein sexuelles) in die logisch-dualistische

technozentrierte, Abstraktheit verherrlichende

abendländische Kultur zu reintegrieren.

Ebenfalls sollen die vergessenen Ebenen von

Intuition und Synchronizität bedacht sein.

„Positive Emotionalität“ meint übrigens

nicht im Mindesten jenen verordneten

Dauerspaß in den angesagten Partydomen,

hinter deren Fassaden die Leere und die Depression

einer ausgehöhlten, entsinnlichten

und entfremdeten Kultur schaurig lauern.

Diverse Stilmittel:

Verwendung analoger, zyklischer Formen,

Märchen, Fabel, Weisen, lyrische Prosa;

Transzendierung der Romanform durch

epische, lyrische Formen etc….

„Ja aber, was sollen wir denn nun machen?“

fragen die Zeitgenossen des Hohns, der Ironie,

der Auflösung und der gewohnten Distanz.

„Lasst uns einen Frühling machen“, zwitschert

eine Amsel zur Antwortet, „einen

März, den wir fühlen von den Wurzeln bis

ins goldblaue Blätterdach. Dann lasst uns

einen Mai machen, den nie jemand zwingt.

Und lasst uns einen Regen machen mit

schweren Tropfen die nach Thymian duften

und Hoffnung süß und silbrigweich wie der

Mond.

Und lasst uns dann noch einen Regenbogen

machen, in mindestens sieben Farben;

das Orange für die Löwen, das Gelb für die

Kinder, die wieder im Sonnenlicht spielen,

das himmeldunkle Blau für den Wind, wie

er vertrauend einschläft im heilendweißen

Arm des Monds.

Zusammenfassung der „Ästhetik der Ganzheit“

von Manfred Stangl und das komplette Kapitel

über ganzheitliche ästhetische Prinzipien sowie

Stilmittel und Formen unter www.sonneundmond.at

Andreas Okopenko: Rezension des Gedichtbands:

„Gesang des blauen Augenvogels“ v. Manfred Stangl

Der Philosoph und Lyriker Manfred Stangl, der eine umfassende

„Ästhetik der Ganzheit“ verfasst hat, in der

er unserer gängigen Kunstauffassung und darüber hinaus

der Lebensweise unserer modernen Zivilisation mit ihrer bis

zur Vernichtungsgefahr gehenden Polarisierung und Megalisierung

und ihrem Prinzip Schein statt Sein den Kampf ansagt,

hat es sich zum Anliegen gemacht, in seinem Werk als Lyriker

eine – wie er es nennt – mystische für alle Welt eingängige

Lyriksprache zu entwickeln.

Schon sein erster Lyrikband „Ein Auge Sonne, ein Auge Mond“,

der sich im Untertitel als Sammlung „Magischer Naturgedichte“

ausweist, zeigt deutlich und unter Aufbietung reiner Poesie

fernab von hochakademischer Indoktrinierung diese Tendenz

des Dichters.

Nun geht Stangl in seinem zweiten - an Aussagekraft gewachsenen

- Lyrikwerk, den Weg weiter, der nicht die Herkunft des Poeten von der

fernöstlichen Schule verleugnet, der er in all seinem Denken und Fühlen weit jenseits

oberflächigen Haiku-Formalismus stark verbunden ist.

Das „magisch“ ist nicht als Hokuspokus mit dem Kaninchen aus dem Ärmel zu verkennen,

vielmehr – wenn ich mich aus einem frühen Gegenbekenntnis aus Zeiten des vielstrapazierten

„Magischen Realismus“ in der bildenden Kunst zitieren darf – im Sinn

meines Satzes: „Magischer Realismus ist eine Tautologie; die Dinge s i n d magisch,

durch ihr Sein; durch ihre unendlichfaltigen Beziehungen, Möglichkeiten; die Dinge sind

von Natur aus magisch; der Mensch kann sie nur negativ verzaubern, nämlich entzaubern.“

Bei Stangl stehen die Dinge, besonders die Jahreszeiten und Landschaften, nicht allegorisch

für irgendwas Anderes da, sondern als das, was sie konkret s i n d. Ein Fluss fließt,

oder kühlt, oder beschmutzt… - vergleiche: „Was immer der Zen-Meister mitteilt, ist

nicht Symbol, sondern die Sache selbst.“ (Alan W. Watts: Zen-Buddhismus). Und Feng-

Hsüch erwiderte auf die Frage, wie zwischen Reden und Schweigen einem Irrtum auszuweichen

sei: „Ich denke immer an Kiangsu im März – an den Ruf des Rebhuhns, an

die Fülle der duftenden Blumen.“ Viel von solchem Geist spricht den Leser aus Stangls

„Naturlyrik“ an, mag ihn die Elfen- und Nixen-Sicht in manchen Gedichten auch – heute

befremdlich – an den Animismus der Urreligionen erinnern, mit der Vorstellung, alle

Naturdinge seien belebt, beseelt – das „belebt“ wird schwer abzuweisen sein. Zudem

wird der Leser, selbst wenn er nicht auf einer Wellenlänge mit Stangl ist, wohl in dessen

Botschaft ein abweichendes aber respektables perfekt durchdachtes und durchfühltes

Ganzes und im Gedichtschatz ein echtes Lyricum sehen.

„Gesang des blauen Augenvogels – mystische Naturlyrik“, Wien, 2oo8, geb. 116 S.

Verkaufspreis. 15 € im Buchhandel. ISBN: 978-3-2oo-o1111-3

direkt bestellbar unter info@sonneundmond.at


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch X - AUTO-STAR ST/A/R 73

David Staretz

schreibt, redigiert und fotografiert den Auto-ST/A/R


74 ST/A/R

Buch X - AUTO-STAR Nr. 20/2009

KUESSEN

Selberfahren im McLaren SLR 722 GT

LASS MICH DEINEN

WINDSCHATTEN KÜSSEN

David Staretz hetzt Christina Surer vor sich her. Ach, wenn

sie das nur wahrhaben wollte!

Christina Surer kann meinen Annäherungsversuchen

nicht mehr standhalten. Ok, ihr stehen nicht

680 PS zur Verfügung, ihr SLR McLaren Edition

722 hat um 30 PS weniger als mein Hardcore-Racing-Tool

(das kann man allerdings als Serienstreuung durchgehen

lassen), aber so knallhart, wie ich aus der Fahrerlagerkurve

von oben runtergestochen komme, so verwegen, wie

Baron Richthofen sich aus der Sonne in den Nacken des

Gegners fallen ließ, das scheint sie doch überrascht zu

haben. Gebietet es meine Höflichkeit, zu blinken? Ach

nein, es gibt ja keinen Blinker hier in der Rennversion

des SLR McLaren722 GT. Rennversion? Was läuft hier

eigentlich?

Bitte erst mal von vorn. Also, wir erinnern uns: Mercedes

entwickelte zusammen mit McLaren einen Supersportwagen

auf der Höhe seiner Zeit, dem trotz extremer Features

wie Sidepipes, völlig glatter Unterboden, Carbon-

Body vorgeworfen wurde, ein bißchen zu fancy zu sein,

sich beliebt machen zu wollen bei Leuten, die nicht so

viel Sachverstand wie Geld besaßen. Es ist auch kein Geheimnis,

dass der Wagen dann nicht so kompromisslos

wurde, wie McLarens Headbrain Gordon Murray dies

vorgestellt hätte. Er hätte sich wohl eine Steigerung seines

F1 gewünscht.

Herbst 2008, fünf Jahre später: Der Wagen lebt, verkauft

sich nach Belieben, beherrscht seinen Auftrag, die Funktion

eines Imageträgers zu verwalten, um der breiten

Mercedes-Käuferschaft klarzumachen, dass man sehr gut

weiß, wie die lauten Töne gespielt werden.

Man offenbarte den SLR McLaren Roadster und danach

noch den auf 150 Exemplare limitierten Edition 722 mit

strafferem Fahrwerk, leistungsgesteigertem Motor (um

25 PS auf 650 PS), weniger Gewicht (minus 44 kg) und

Keramikbremsen.

Um die Zündschnur der Begeisterung am Brennen zu

halten, gründete man den Club SLR, der den Vorteil hat,

keinerlei Eintrittsgebühr zu verlangen, allerdings ausschließlich

SLR-Besitzern vorbehalten ist.

Unter diesen Passionierten wiederum gründete man eine

Gentlemen-Renngesellschaft, einen Markencup oberster

Gehobenheit, befeuert von der auf 21 Exemplare limitierten

Racing-Version namens 722 GT.

Hier, in der kompromisslosen Zurichtung auf Rennmaschine,

herrschen Rennfahrwerk, funktionale Aerodynamik,

680 PS, ein Drehmoment von 830 Nm und

ein Leistungsgewicht von zwei Kilogramm pro PS, kontrollierbar

aus einem kompromisslos zugeschneiderten

Renncockpit.

So. Und hier, wo von den Privat-Racern richtig viel Geld

ausgegeben wird, um die vom Rennstall und Engineering-Unternehmen

Ray Mallock präparierten Fahrzeuge

zu erwerben, sie unter Dampf zu setzen samt Mechanikern,

Boxencrew, Telemetrie, Catering, Hostessen, und

was noch alles zu einem gelungenen Wochenende gehört,

wollte man dem Spaß noch eins draufsetzen. Also

lud man hochverdiente Haudegen des Rennsports dazu,

wie Christian Ludwig, Jochen Mass, und Jean Alesi, sowie

Chris Goodwin, Michael Mallock oder Christina Surer

aus der jüngeren Fahrergeneration. Zusammen mit

den Privatfahrern werden sie zu den Teams gelost, um

dem ganzen Renngeschehen mehr Pep zu verleihen.

Vorläufig sind etwa elf Fahrzeuge im Einsatz, das ist ok

für die erste Saison, sollte aber noch besser werden.

Erstmals wagte man sich auch daran, zwei, drei Journalisten

ans Steuer zu lassen, also einen nach obenhin

kaum zu beziffernden Schaden in Kauf zu nehmen. Um

Die Stempel, auf denen der Wagen in der Box ruht, kommen hydraulisch aus dem

Wagenboden geschossen, fahren also immer mit.


Nr. 20/2009 Buch X - AUTO-STAR

ST/A/R 75

der Sache die Spitze zu nehmen: Nach dem komplizierten

Reinturnen war nichts mehr so mühevoll (außer

dem Aussteigen). Multimillionären wird auch nichts geschenkt.

Aber dann: Die tiefe Sitzposition, dieses Eingepacktsein

in die Schale, das Heranwachsen von Lenkrad und

Paddles, die grandiose Knopfgalerie, das abknöpfbare

Steuer, das heisere Anfachen der Maschine in der Box,

nachdem die Mechaniker die Luft für die vier im Wagenboden

integrierten Hebestempel aus der Hydraulik gelassen

haben und der Wagen schlagartig um zwanzig Zentimeter

zu Boden fällt, das Rausrollen ans Tageslicht unter

frenetischen Gasstößen, nochmals zurück, (Retourgangfummeln

im E-Display) weil der geringe Einschlag nicht

reicht, jetzt aber richtig voran und Christina Surer hinterher,

die mir die Pace macht und längst schon in die

Schikane einschneidet.

Das macht alles unerhörten Spaß, von dem ich gar nicht

erklären könnte, woher er kommt, denn jetzt ist alles

netzfrei ungesichert, dröhnend laut und metallen schroff,

doch mein Vertrauen in Fahrwerk, Bremsen und Christinas

Linie lässt Raum, um diese frenetische Kraftentfaltung,

das massige Einfurchen, das sideslide-gewandte

Durchspulen der wie getöpferten Nocksteinkehre oder

der sich zur Schikane einkringelnden Fahrerlagerkurve

richtig zu genießen, somit aber nahe an eine gefährliche

Selbstgefälligkeit zu rücken, der Gegenhaltung zur angebrachten

Demut; und einen Moment lang denke ich

an einen Tennisspieler, der nach seinem Outsider-Sieg

sagte: „Sobald man sich im Vorsprung sonnt, sich an

der anbahnenden Sensation delektiert, vergisst man, das

es um nichts anderes als den Kampf um den nächsten

Punkt geht. Nur der zählt! Sonst verliert man Konzentration

und Spiel“. Das rückt mich wieder zurecht, und

ehe ich wirklich glaube, dass Christina mich resigniert

vorbei lässt, um mir freies Bolzen zu gewähren, schau’

ich lieber noch in den zittrigen Rückspiegel und ziehe

gleich den Nacken ein (und klemme die Backen zusammen),

denn hinten kommen Jochen Mass und seine

Trainee, ein Privatfahrer, im Duett herangeröhrt und

brausen vorbei, dass es mir beinah Heckspoiler aufstellt.

Sie hat also nur meinetwegen gebremst, um schnelleren

Verkehr vorbeizulassen. Naja, lern deinen Platz kennen.

Immerhin ist der gar nicht so übel hinter einem der prominentesten

und hübschesten aller Racinggirls, dem es

perfekt gelingt, zwischen echten Renn-Einsätzen, ihren

Aufgaben als Model und Markenbotschafterin (etwa für

Seat und Yokohama) und, wie hier, als Driver/Trainer zu

brillieren.

Sie kultiviert am Salzburgring, (immer noch ein unerforschtes

Gelände für Sucher der Ideallinie), die flache

Linie, eine umstandslose Kampfspur, wo dir niemand ins

Gewand fahren kann. Sie macht schon kurveneingangs

klar, wem die Führung gehört, und wenn du durchaus

imponieren möchtest, so darfst du beim Anbremsen ein

wenig später und härter ins Eisen steigen, aber wie sich

schnell zeigt, ist Geschmeidigkeit immer noch die bessere

Taktik, das Mitnehmen von Geschwindigkeit in die

Kurve, wie es Christina so beispielhaft zelebriert, aber wie

eine gute Freundin und Pferdediebin wartet sie hinter

der nächsten Ecke, lupft hie und da einmal das Hauptpedal

für dich, und flash-artig muss ich dran denken,

wie ich mit siebzehn in eine gleichaltrige Schilehrerin

verliebt war und wie schnell ich damals lernte im reinen

Bestreben, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Ich sehe

Christinas Locken vor mir die Zielgerade entlang fliegen.

Ob auch masselose Schönheit der Fliehkraft unterworfen

sind? Wüsste ich nicht, dass sie Helm trägt, ich würde

dringend vermuten, dass sie den Lidstrich nachzieht und

die Lippen auffrischt, während ich hinter ihr mit Klauen

und Zähnen am Lenkrad kämpfe, um noch ein Zipfelchen

Windschatten zu erhaschen. Tease me, please me,

thrill me, grill me, aber bitte don’t kill me. Als sie in die

Boxenstraße einbiegt, wirkt das wie eine Einladung zum

Cocktail. Aber wir sind hier Professionisten in unseren

Kisten, erst mal das Interview in den Kasten bringen.

*

Es wäre übertrieben gewesen zu sagen, dass Frau Surer

schon umgezogen war, als ich an die Box zurückhechelte,

aber ihre Frische und Geschminktheit waren beschämend.

Gekonnt vermied sie jeden Kommentar über

unseren Pas de deux, denn sie ist eine höfliche und anregende

Gesprächspartnerin, mit der man sich über allerlei

unterhalten kann, auch über das Wetter. Aber dieses

Thema würden wir gewiss nicht anschneiden.

Übrigens: Christina ist nicht die Tochter, sondern die

Schiebefenster wie an der Kinokassa.

Exfrau des ehemaligen F1-Piloten Marc Surer. Und natürlich

vergeben.

du

Irgendwie unentspanntes Dastehen.



➊ Einschlag wie ein Öltanker:

Die Ausfahrt aus der Box

gestaltet sich schwierig.


➋ So sitzen Hobby-Renn-

Millionäre.

➌ Das setzen sie auf.

➍ Das ziehen wir Lohnfahrer an.

➎➏ So fassen wir Helme und

Gewand aus.




Städteplanung / Architektur / Religion Buch X - AUTO-STAR ST/A/R 77

DER STOFF, AUS DEM

DIE AUTOS SIND

Wir erblickten die Zukunft und

sahen, dass sie textil ward.

David Staretz sprach mit BMW-

Chefdesigner Chris Bangle im BMW-

Museum München.

TEXT UND FOTOS: DAVID STARETZ

BMW GINA LIGHT

Alles schon da gewesen: Velorex Bj. 71 mit Stoffkarosserie Operation am offnen Harzen: Öl nachschauen, bitte! Und so öffnen sich die Scheinwerfer-Augen. Wie auch sonst?

Stoffbespannte Karosserien zählen zum ältesten, was die Autoindustrie

zu bieten hat. Ursprünglich vom Flugzeugbau übernommen,

wurde Textilbespannung zusehend von Metallhaut

abgelöst und das Kapitel war geschlossen. Dachten wir.

Jetzt erfährt man, dass BMW wieder Experimente mit Stoffverkleidungen

aufgenommen hat, nämlich schon vor acht, neun Jahren, in der

Phase, als man sich, beflügelt vom Erfolg des Z3, dem Z4 annäherte.

Mit Hilfe einer BMW-internen Spezialeinheit wurde auf der Basis

eines Stahlrahmens eine textile Kunststoffverkleidung erarbeitet, die

mittels Streben, Bügeln, teils aus Metall, teils aus Kunststoff und Karbon,

durch Innendruck gespannt und in Form gehalten wird. Darüber

hinaus aber versuchte man, der Textilverkleidung neue Qualitäten

abzuringen: Transparenz, zum Beispiel – die ganze Rücklicht- und

Blinkereinheit durchdringt den Stoff, sobald sie eingeschaltet wird.

Auf reizvolle Weise öffnen sich die Scheinwerferlider, sobald das Licht

eingeschaltet wird und die Motorhaube teilt sich auf geradezu makaber

elegante Weise über dem Aggregat, das man sich als pulsierendes Herz

vorstellen möchte. Raffiniert wurden die beiden Türen eingesetzt – es

gibt keine erkennbaren Fugen: in der Anlenkung nicht, weil der Stoff

durchgängig drübergespannt ist und sich beim Öffnen so elegant und

sparsam faltet wie der Lycra-Ärmel eines Schirennläufers, und in der

Klaffung nicht, weil die Tür so raffiniert als Kadenz eingesetzt wurde,

dass man keine Störung wahrnimmt. Auch im Cockpit setzt sich das

Zauberspiel mit den Formen fort, die Instrumente treten zutage und

die Kopfstützen fahren unter dem gespannten Material hoch, sobald

Platz genommen wurde. Dem Reiz, Formen ambulant zu verändern,

konnte man sich natürlich nicht entziehen, so lässt sich die Form des

Hecks deutlich anheben und auch die Seitenschweller sowie der vordere

Lufteinlass verändern sich nach Bedarf.

Nur noch Räder, Grill, Auspuffrohr und Windschutzscheibe (raffiniert

geteilt und äußerst flach gelegt) sind harte Materialien, alles anderes

wird stofflich überspannt.

Zwei Fragen bleiben offen: Wo ist der Tankdeckel? Und wo bliebe die

schlüssige Eleganz angesichts von Scheibenwischern? Sicherlich alles

lösbar – Chris Bangle, auf die Frage, wie weit der Wagen von Serienreife

entfernt wäre, sagt auf seine aufgeräumte Art: “Bitte, Sie können

sofort einsteigen und losfahren!” Kann ich natürlich nicht, denn wir

befinden uns auf dem obersten Schneckengewinde der BMW-Welt, im

abgedimmten Museumslicht der Spezialfahrzeug-Ausstellung (gerade

haben wir im Aufstieg das viertürige Concept-Coupé CS hinter uns

gelassen).

Doch dieser Mann ist gefährlich in seiner Überzeugungskraft, das sieht

man am ungehinderten Sturmlauf seiner mittlerweile berüchtigten

Kofferraumdeckel, in einer eigenen Ablehnungs-Community-Plattform

des Internets auch als “Bangle-Butt” bezeichnet. (Diese Plattform

www.petitiononline.com/STOPCB/petition.html zieht sich aber weit

größeren Unmut durch ein Scientology-Banner auf Ihrer Homepage

zu.)

Der Chefdesigner erklärt GINA light im unverwechselbaren Bangle-

Sprech: “Only the basic lines sind Hardteile, das meiste of this Ding ist

alles soft”. Sind da Federdrähte? “ It is a Mischung zwischen Stahlteile,

Drahtteile und Kunststoff. Bangle huscht um das Auto herum wie ein

Kobold: “Und die ganze Front, der Lufteinlass, bewegt sich. Und sehen

Sie bei der Tür, wie sich das biegt – das muss um einen Wendepunkt

gehen!” Faszinierend, wie der grauschimmernde Stoff dabei elegante

Falten wirft wie ein Neopren-Ärmel. Wunderbares Faltenspiel. Die

Raumbeleuchtung tut noch ihr übriges dazu.

Wir gehen ein Stück weiter zum Z4 M, gewissermaßen ein Nachfolger

von GINA light: “Diese beiden markanten Sicken in der Motorhaube

werden normalerweise mit Druckpressen gemacht, das bedeutet, es

kostet viel Geld und Zeit, mit Werkzeugmachen und so weiter. Wir

haben dieses GINA-Prinzip verwendet, indem das Teil nur frei schwebend

in der Luft gehalten wird, ohne Widerpart, und dann kommt ein

Roboter und macht so sssck, sssck, und bringt diese zwei Linien rein,

was im Prinzip das gleiche ist wie unsere Stoffgeschichte.” Wie bitte?

“Ja, wir haben mit Stoff begonnen und kamen dann zu einer neuen

formalen Lösung in Stahl. Das hat uns auf folgende Idee gebracht: We

are talking about a material, we are talking about a car – we are talking

about a philosophy! A philosophy, die erlaubt: Lass das Material sprechen

und sieh zu, was passiert!”

Haben wir es hier nicht nur mit des Autos neuen Kleidern zu tun?”

Chrtis Bangle lacht: “Jaa, es ist ein bisschen so. Aber grundsätzlich:

Ich bin ein echter Vertreter der Meinung, dass das Automobil zu einer

Lösung führen kann und nicht zu einem Problem mit sich selbst. Ich

glaube, man kann durch technologische Entwicklungen zur Problemlösung

finden”.

Manchmal wünscht man, er hätte Recht.


78 ST/A/R

Buch X - AUTO-STAR Nr. 20/2009

Dacia Sandero 1.6 MPI

ZURÜCK ZUM AUTO

Der neue Dacia Sandero zeigt noch deutlicher als der

Logan, dass wir lange genug zu teure Autos gekauft

haben.

TEXT UND FOTOS: DAVID STARETZ

Der kompakte Halbpreisgolf namens Sandero ist

Dacias Antwort auf den Millionenseller Dacia Logan.

Worauf auch sonst?

Ok, auf den Logan Kombi MCV, der eine Neun-zu-eins-

Beliebtheit unter den Logans aufweist.

Diese konkurrenzlos billigen Fahrzeuge, ursprünglich

für den Markt von Hoffnungsländern entwickelt, bringen

bei uns neue Tugenden ans Licht: Indem wir uns nicht

nur vordergründig an der spektakulären Preisgestaltung

erfreuen, sondern dahinter die erfrischenden Botschaften

einer gesamtheitlichen Unaufgeregtheit erkennen. Wir

schätzen Sanderos gekonnten Umgang mit Einfachheit

– gesteigert zur Klarheit des Erscheinungsbildes dank

stimmiger Nachvollziehbarkeit im Detail und gezielter

Reduktion auf das Wesentliche. Was ja in unserer überfrachteten

Zeit wieder hoch bewertet wird.

Ok, genug der Vorrede: Ab 8.000 Euro ist man dabei,

billiger geht’s nicht.

Der Sandero überrascht zudem durch sein gelungenes Package,

die solide Verarbeitung, durch seine durchdachte

Ausstattung und geringe Betriebskosten. (Der Norm-Gesamtverbrauch

liegt bei 7,0 Liter beim 1.4-Liter-Modell,

erhöht sich unwesentlich auf 7,2 Liter/100 km beim

1.6-Liter-Motor. Und dank der geringen CO2-Ausstöße

dürfen sich sämtliche Sandero-Modelle einen vom Staat

ausgegebenen Bonus von 200 Euro netto zuschreiben).

Mit Gelassenheit und Qualität schiebt sich der kompakte

Viertürer zum halben Preis eines VW Golf unauffällig

in die Mitte der Wahrnehmung – so, als wäre er schon

längst da gewesen, aber aus unerklärlichen Gründen haben

wir ihn bisher übersehen.

Sein Erscheinungsbild ist schlüssig, sämtliche Proportionen,

die dreidimensionale Frontpartie, das klarflächige

Heck, die gekonnte Seitenansicht des Viertürers, die

sauber angelegte Heckklappe, alle mitlackierten Stoßfänger,

wirken appetitlich und erfreuen das Auge. Selbst die

Auch dort,

wo sich das

Waldviertel zum

Weine hin öffnet,

im Retzer Land,

macht

Dacias Sandero

eine gute Figur

hohe Bodenfreiheit schafft Vertrauen und Größe. Gleich

hier muss die sanft-coole Sonderfarbe Mineral-Blau erwähnt

und empfohlen sein, die dem Wagen gut steht,

den Grundpreis allerdings um 389 Euro hebt.

Wir fuhren die Motorvariante 1,6 MPI mit 87 PS in der

Ausstattung Laureate, also den Benziner mit 87 PS, das

Topmodell der bei 7.990 Euro Basispreis einsetzenden

Modellpalette.

Unser Testwagen verfügt demnach serienmäßig über

das sonst mit 272,16 Euro veranschlagte Sicherheitspaket

(Seitenairbag, Gurtstraffer, Sicherheitskopfstützen

und höhenverstellbare Sicherheitsgurte vorne) und über

das E-Paket, seinerseits 324 Euro schwer. Es beinhaltet

Fensterheber vorn sowie die funkferngesteuerte Zentralverriegelung.

Die hinteren Fensterheber unseres Testwagens wären

verzichtbar gewesen, man könnte also durch schieres

Kurbeln 194,40 Euro einsparen. Umso lieber gönnt man

sich die 1.166-Euro-Option von Klimaanlage plus Soundanlage

(MP3-CD-Radio mit vier Lautsprechern).

Einstieg, Sitzposition, Übersichtlichkeit der Instrumente

(allein der Drehzahlmesser macht was her) überzeugen

sofort, der Schalthebel liegt gut zur Hand, das Lenkrad

kann sogar höhenverstellt werden, Instinktiv findet man

alles an seinem Platz, verstohlen versucht man herauszufinden,

wo denn nun so entscheidend eingespart werden

konnte, denn die Anmutung der Oberflächen, der

Klang beim Türenschlagen, die Druckwiderstände der

Schalter und Regler – alles wirkt souverän, wenn auch

nicht überladen mit Design, Luxus, Sportlichkeit oder

sonstwie zweifelhaften Gütern. Jedes Funktionsteil erfüllt

seine Aufgabe auf selbstverständliche Weise, über

unerwartete Extras wie die Lordosenverstellung im Fahrersitz

freut man sich besonders. Die Rücksitzlehnen

(mit drei Kopfstützen!) lassen sich auf klassische Weise

im Zwei-Drittel-Verhältnis umlegen, falls man mit dem

320-Liter-Laderaum irgendwie nicht genügend Auslangen

finden sollte, etwa beim Tansport von Stehlampen,

Pendeluhren, Waschmaschinen und was sonst noch so

anfallen mag im robusten Alltag.

Faustregel: Alles was durch die Heckklappe passt, lässt

sich auch transportieren (und notfalls an den vier Bodenösen

verankern).

Doch im Grunde denkt man beim Sandero nicht an reine

Nützlichkeit – er hat sogar einen hippen Faktor an sich,

etwas Unnennbares, wie es junge oder sonst wie kritische

Leute erkennen, die sich nicht von Marketingleuten und

Demoskopen ihr artgerechtes Käuferverhalten vorschreiben

lassen, sondern ihre eigenen Wege und Regeln finden,

um einen etwas anderen Weg zu beschreiten, der

dann durchaus klassisch sein kann.

In diesem Sinn ist es aber auch ziemlich hilfreich zu wissen,

dass der in Rumänien hergestellte Sandero über die

gesamte Renault- und Nissan-Infrastruktur verfügt, also

über hochmoderne Großserientechnik auf Basis des neuen

Clio-Fahrgestells, das man auch bei Renault Modus

und Nissan Note vorfindet.

So erklärt sich auch das hochwertig klare Verhältnis zur

Lenkung, zur Bremse, zum Fahrwerk, also das fahrerische

Gesamtgefühl, wie es letztlich über die straffen

Sitze vermittelt wird. Man ist gar nicht langsam unterwegs,

denn jede Situation, jede Kurve ist gut einschätzbar,

der Geradeauslauf höchst stabil, die Schaltung erfreut

durch extreme Leichtgängigkeit – nur gerade bei

der Geräuschentwicklung merkt man noch, dass es doch

wahrnehmbare Unterschiede gibt zu Autos in höheren

Preislagen.

Die brauchbaren 87 PS erlauben es, Situationen zu klären,

Überholvorgänge schell anzuschließen, sich bei

Ampelstarts freizusetzen. Der Fahrer hat einen hervorragenden

Rundumblick; für klare Sicht sorgen auch die gut

bestückten Scheinwerfer (samt Nebelscheinwerfern) und

das große Wischfeld (auch im Heckfesnter).

Man findet reichlich Ablagen und zwei Cupholder vor,

darf sich über die luxuriöse Größe des Handschuhfachs

freuen.

Dass der Sandero auch die Sprache des Luxus versteht,

zeigt sich im reichlichen Zubehörangebot, das Dachspoiler,

Dachreling, Kofferraum-Bodennetz, Kindersitze,

Bluetooth, Carminat-Navigation, elegante Türschweller

oder einen coolen silbergrauen SUV-Kit für den Rundumschutz

umfasst. Eher auf die praktische Seite schlagen

Dachträger, Schwanenhals-Anhängerkupplung oder

die maßgeschneiderten Bodenmatten.

Die übliche Dreijahres-Garantie kann übrigens aufgestockt

werden, beinhaltet dann also fünf sorgenfreie Jahre

(oder maximal 100.00 km). Das sollte eigentlich überzeugen.

Aber wie gesagt: Man kann den Sandero schon

aus unökonomischen Überlegungen heraus mögen: Weil

er uns den Weg zurück zum einfachen Auto zeigt, ohne

zu langweilen.

Wir vergeben 11 von 12 ST/A/R-Sternen

Karg ist anders. Sogar mit Airbag.

Laden, was der Raum hält.


Nr. 20/2009 Buch X - AUTO-STAR

ST/A/R 79

Porsche Targa 4 / Targa 4S.

PORSCHE STATT ESSEN

Seit zwei, drei Generationen hat sich der Targa zum schneidigsten

911 entwickelt.

TEXT UND FOTOS: DAVID STARETZ

Wer dem verfetteten Porsche-911-Mainstream

der Generation Essen-statt-Sex entkommen

möchte, ohne dabei auf Porsche 911 verzichten

zu wollen, der ist mit dem geschärften, eleganten 911 Targa

gut beraten. Das Modell steht in einem Verkaufsanteil

von unter zehn Prozent zum 911, womit man zu einer

delikaten Minderheit von Fortgeschrittenen zählen kann,

die erkannt haben, dass erstens die Versionen 4 (Allrad)

wegen der Technik-Unterbringung viel appetitlicher ausgestellt,

bzw. tailliert sind als die graden faden Zweier,

und dass zweitens diese Art, wie das Dach hinten auf die

Radkastenschulter auftrifft, etwas Scharfes, Schnittiges,

Modernes an sich hat. Verschärft wurde dieser Aspekt

noch, indem man der Dachlinie eine Chromleiste einließ.

Das eigentliche Targa-Feeling reduziert sich auf ein sehr

großes Glasschiebedach mit Verdunkelungsoption: Der

geschlossene (aber auch der nach hinten unter die Heckscheibe

geschobene) Glasdeckel lässt sich mittels feingehäkeltem

Rollo abdecken. Was aber kaum einer weiß: Die

Heckscheibe lässt sich durch Anheben öffnen wie jede

vernunftbanale Heckklappe. Immer wieder eine Überraschung.

Porsche scheint das irgendwie peinlich zu sein,

deshalb spricht man wenig darüber. (Ab er was soll ihnen

seit Cayenne und Panamera noch peinlich sein?)

Targa entstand ja ursprünglich als Sicherheits-Cabriolet

für Leute, die zum Gürtel gerne Hosenträger tragen.

Damit hat Targa modern schon längst nichts mehr zu

tun.

Man spürt Frischluft, ohne allzusehr von Fahrtwinden

und Turbulenzen abgelenkt zu sein. Die Offenfahr-Saison

lässt sich über sämtliche Jahreszeiten ausdehnen.

Der neue Targa kommt mit neuen Motoren: Die Benzineinspritzer

liefern 345 PS (im Targa 4) oder 385 PS

(im Targa 4S). Damit werden Höchstgeschwindigkeiten

von 284 bzw. 297 km/h erreicht.

Gegen Aufpreis gibt es das neue PDK (Porsche-Doppelkupplungsgetriebe)

mit sieben Gängen, wobei der jeweils

nächste schon vorsortiert auf seinen blitzschnellen Einsatz

wartet. So beschleunigt der 4S in 4,7 Sekunden auf

Hundert. Neu ist auch die Hinterachs-Quersperre, die

dem Allrad zu höchster Effizienz verhilft. Dank Porsche

Traction Management sorgt eine elektromagnetisch gesteuerte

Lamellenkupplung für optimalen Vortrieb.

So erspart man sich wenigstens die 245-Euro-Lenkradheizung.

Nette Instrumente, sympathisch angeordnet und

irgendwie zu harmlos, so weiß.

Das Lenkrad kann man mit Heizung bestellen. Aber

Schwitzen ist auch so garantiert.

Das Schönste am Targa ist der scharfe Dachabschluß


80 ST/A/R

Buch X - AUTO-STAR Nr. 20/2009

STAR WÜNSCHT EIN GLÜCKLICHES 2009

Reinhold Kirchmayr Schneewitchen und die 7 Zwerge, gestickt in Nepal 2006 für STAR


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch XI - Waran ST/A/R 81

woman is the nigger of the world

Regie: Rudlov Gerngrass

Schnitt: Rudlov Gerngrass

Drehbuch: Rudlov Gerngrass

Maske: Rudlov Gerngrass

Durchbruch: Rudlov Gerngrass

Ton: Rudlov Gangrass-hole (BLACK BEAUTY-TUTTLFREE)

Regieassistenz: Rudlov Gerngrass

Kostüm: Rudlov Gerngrass


82 ST/A/R

Buch XI - Waran Nr. 20/2009


Nr. 20/2009 Buch XI - Waran

ST/A/R 83

As long as I love U


Städteplanung / Architektur / Religion Buch XI - Waran ST/A/R 85

WARAN $UCK$ (sox


86 ST/A/R

Buch XI - Waran Nr. 20/2009

Wir bleiben relaxed und scheissen auf den Text

WARAN $UCK$ (sox


Nr. 20/2009 Buch XI - Waran

ST/A/R 87

Jämmen mit tschon lännen

Die rechte und die linke Hand des Heidulfs.

Welcher Heidorf?

ZWEI ASSE TRUMPFEN AUF


88 ST/A/R

Buch XI - Waran Nr. 20/2009


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch XII - Unser Schuhdoktor ST/A/R 89

ST/A/R verschenkt an Besessene

100

Peter

Noever

Bücher

Unser

Schuhdoktor

und unser

Schlüsseldienst


90 ST/A/R

Buch XII - Unser Schuhdoktor Nr. 20/2009


star_1_4 Kopie:Layout 1 19.12.2008 14:58 Uhr Seite 2












MUSA

noch bis 31. Jänner 2009

MUTATIONS II

Moving Stills

Eine Ausstellung des Europäischen Monats

der Fotografie

Museum auf Abruf

1010 Wien, Felderstraße 6–8

(neben dem Rathaus)

Info 01-4000-8400 | www.musa.at

Eintritt frei

ab 27. Februar bis 30. Mai 2009

STARK BEWÖLKT

Flüchtige Erscheinungen des Himmels

Wolken als Motiv und Metapher in Kunst

und Fotografie

PAUL AIGNER

MUSIK

many thanks to my parents

and friends!

P.R.A. music 2008 I:I Paul Aigner

© P.R.A. music 2008 I:I Paul Aigner

1. sehnsucht 3:56

dedicated to my beloved parents

2. take time 19:29

3. be and do it 7:53

4. bereitschaft 4:11

5. summerly 8:41

6. melodic baustelle 6:49

7. renaisantic blues 4:36

8. in blue 1:28

9. to shimira 4:20

10. melancolodic delay 3:38

11. exit love 5:23

rec. june, juli 2008 • mastering 31.7.08 by ton engineer johann lapitz • duration: 70:31

P.R.A. music 2008 I:I Paul Aigner


Nr. 20/2009 Buch XII - Unser Schuhdoktor

ST/A/R 91

OPEN UP

Insel Nr. 2

Quick Change

13.–25. Okt. 2008

Insel Nr. 3

Its Our Pleasure

20.–29. Nov. 2008

Insel Nr. 4

ALLREADY

15.–19. Dez. 2008

Hans Schabus

OPEN UP KOMMUNIKATION

www.tqw.at

Foto: Gregor Ecker © Hans Schabus


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch XII - Bruno Rey ST/A/R 92

Bruno Rey Zeichnungen von Hand aus der Serie Kopf- und Handarbeit

„Für den nachhaltigen Erfolg gehören schlanke Prozesse klug eingefädelt, straff durchgezogen und transparent dargestellt.“ (Zitat: STANDARD 4/5. Okt. 08)

GALERIE STRICKNER

1060 Wien,

Fillgradergasse 2/7

T: +43-(0)680-201 44 52

www.galeriestrickner.com

Öffnungszeiten:

Di. - Fr. 16:00 – 19:00,

Sa. 11:00 – 13:00 und nach telefonischer Vereinbarung


94 ST/A/R

Nietzsche und wir – Teil 1, Sils Maria

Andreas Ferdinand Lindermayr

Neun Jahre waren vergangen, da ich wieder einmal zu meinem Bruder und seiner

Familie nach Tirol fuhr. Ich gedachte diesmal meine Reise weiter in den Westen

fortzusetzen, per Bahn, den Inn flussaufwärts, nach Landeck und von dort per

Bus weiter in das Engadin, so, wie mir der Tiroler Künstler Hans Waigand bei einem

zufälligen Treffen in einem Wiener Szene-Wirtshaus riet. Schon bei diesem Gespräch

und meinen vorbereitenden Studien der Schweiz rund um den Maloja-Paßrr und den

östlichst glegenen Viertausender, den Piz Bernina, via Google-Maps, tauchte die Vorstellung

eines Bergauf - dem Ursprung zu - Gehens auf. Der Lauf des Inns würde meine

Reiseroute vorgeben.

Im Zug von Wien nach Kufstein las ich ausser in der an mir vorbeiziehenden Landschaft

und in den Gesichtern, die mir begegneten, keine Zeile. Ich stimmte mich ein, auf das

Oberengadin. Endlich.

Die zwei Tage, die ich in Ellmau am Wilden Kaiser verbrachte, waren gesegnet von hochsommerlichem

Schönwetter und familiärer Atmosphäre. Bei meinem Aufbruch jedoch,

verdunkelten Wolken den Himmel im Westen. Ich hatte mir eigens für diese Fahrt eine

günstige Videokamera gekauft und nahm im Bus von Landeck den durch immer enger

werdende Talschluchten, immer reißrender werdenden Inn auf.

Nun fuhr ich den Alpen-Hauptkamm entlang, immer höher. Ab der Grenze zur Schweiz

veränderte sich der Baustil eklatant, eine andere Kultur tauchte auf, mitten in den Alpen.

Wie in dem von barocken Zwiebeltürmen übersäten Oberbayern und in den Steil-Tälern

Tirols, überwiegt auch hier der Einhof, aber doch von einer ganz anderen, viel verspielteren

Art. Auf der Busfahrt von der Grenze weg zur ersten Station der roten Räthner-

Bahn, fiel mir auf, dass der Busfahrer, nachdem ihm von Einsteigenden das Fahrgeld

gereicht wurde, sich mit einem „Gratias“ bedankte. Das erinnerte mich unwillkürlich an

das Kirchen-Latein, das ich als Ministrant im Stufen-Gebet herunter zu leiern hatte.

Und noch 90 Kilometer per Bahn bis Sankt Moritz, immer höher, stets dem Inn, nun En

genannt, entlang. Bis schließrlich zwei vergletscherte Pyramiden auftauchten, die mich

unwillkürlich an Piz Palü und Piz Bernina denken lie√üren. In Anbetracht der Grand

Hotels, die bei Sankt Moritz reihum aus dem Boden schießren, kehrte zudem ein Wort

aus alten Tagen zurück. - Mitte der Sechzigerjahre, als ich noch in die Volksschule ging,

wurde mir das Wort Weltkurort beigebracht. Das also war nun der Welt-Kurort Sankt

Moritz! Einst Reiseziel hauptsächlich jener gesellschaftlichen Oberschicht, wenn auch

aus aller Welt, die sich teure Urlaube mit allem drum und dran leisten konnte: Englische

Lords, russische Gro√ürgrundbesitzer, amerikanische Millionäre, deutsche Industrielle,

chinesische Mandarine und last not least bereits der eine oder andere Star einer noch im

embryonalen Stadium befindlichen Show- und Unterhaltungsbranche.

Im Sommer 1881 traf hier ausserdem ein frühpensionierter, leicht sächselnder Professor

der alten Sprachen, ein. Er war extrem kurzsichtig und litt an der Franzosenkrankheit.

Auf der etwas mühsamen Zugs-Fahrt, steil bergan, dürften ihn schwere Migräne-Anfälle

geplagt haben, aber schon beim ersten Atemzug der reinen Gebirgsluft, kaum dass er

seine beiden Koffer auf den Bahnsteig stellte, kam ihm der Gedanke, dass hier etwas

ganz Entscheidendes auf ihn zukommt. Die Landschaft gefiel ihm augenblicklich - sehr.

Er nahm eine Postchaise und fuhr, von einer tiefgreifenden Seelenregung ergriffen, weiter,

den Silvaplaner-See entlang, in die wunderlich anmutende Ortschaft Sils, wo er sich

spontan zu verweilen entschloss und in einem kleinen Auszugshäuschen ein billiges

Quartier fand. Seiner Spur folgte ich.

Inzwischen war der Himmel verhangen und im Bus nach Sils fielen die ersten

Regentropfen. Bei der Post angelangt, stieg ich aus. Schon um den ersten

Häuserblock tauchte jenes Häuschen auf, das ich mir schon lange zu

besuchen vornahm. Ich habe mir das in meiner Phantasie immer

so ausgelegt, dass das nunmehr Nietzsche-Haus genannte

Häuschen, irgendwo abseits am Waldrand liegt. Es liegt indes

zentral, aber an einem felsigen, mit Büschen und Bäumen

bewachsenen Hügel. Zur Rechten ein mit schweren Schieferplatten

gedeckter, typisch räthischer Einhof. Auch das

Nietzsche Häuschen, das längst zu einem Museum umgewidmet

wurde, ist mit Schieferplatten gedeckt und hat

grüne Fensterläden.

Im „Communale“, dem Gemeindehaus auf dem Marktplatz

unterhalb des imposanten Schlosses, erkundigte ich

mich am Informations-Schalter nach einem günstigen Hotel

und fand eines, gleich in der Nähe. Im Hotelzimmer, das

am selben Felsen liegt, wie die bretterverschlagene Kammer,

in der Nietzsche sieben Sommer hindurch sein Logis hatte,

wie sich bald herausstellen sollte, legte ich zuerst mein Gepäck

ab, packte mein Notebook aus, legte es auf den Tisch, schlug es

auf und öffnete ein neues Dokument.

Dann ging ich hinüber ins Nietzsche-Haus.

Schon links und rechts hinter der Eingangstür frappierten mich die Handschriften

verschiedener Berühmtheiten, die dem gescheiterten Basler Professor und Verkünder

einer neuen Zeit, ihre Reverenz erwiesen. Mein erster, zufälliger Blick fiel auf

den Namenszug von Eugen Ionesco und Jean Cocteau, dann auf den von Dürrenmatt

und - Elias Canetti. Also doch! Ich ging weiter vor und bezahlte an der Kassa, die sich in

der Stube rechter Hand befindet für den Eintritt und sah mich darauf im Erdgeschoss

um.

Die meisten Fotos von Nietzsche beziehungsweise seiner Zeit, die hier ausgestellt sind,

kannte ich bereits aus diversen Büchern. Viel Raum wurde auch Rudolf Steiner gewidmet,

der in den Achtzehnhundertneunziger-Jahren in Weimar das Goethe-Archiv leitete

und zu jener Zeit ein Buch schrieb mit dem Titel: „ Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer

gegen seine Zeit“. Elisabeth Förster-Nietzsche, die Schwester des bereits umnachteten,

bereits berühmten Philosophen, die den Nachlass

ihres Bruders mit allen ihr zur Verfügung

stehenden Mitteln von der Villa Silberblick in

Weimar aus, im bürgerlichen Sinne, sehr erfolgreich

verwaltete, dürfte dem auf Wahrheitssuche

ausgehenden jungen Goetheaner und

Mystik-Experten wenig Freude bereitet haben.

√úberraschend fand ich ein an Nietzsche gerichtetes

Jugendgedicht von Karl Kraus.

Was für ein klarer, reiner Spiegel der Ansto√ür

gebenden Ideen, des die großre Gesundheit

suchenden, kranken Altphilologen!

Ich nahm auch dieses Gedicht mit meiner

Videokamera auf.

Dann ging ich über eine schmale, relativ

Buch XII - Unser Schuhdoktor Nr. 20/2009

steile Holztreppe in

den ersten Stock.

Kaum ist man oben

angelangt, klafft

linker Hand eine

offene Kammertür,

die mit einer Kordel

abgesperrt ist. Nietzsches

Kämmerlein,

- mit Bett, Tisch und

Stuhl. Eh basta! Natürlich

gehörte mit

zur Ausstattung eine

Petroleumlampe.

Der Mann musste

ja auch in der Nacht

schreiben können!

Vom Zimmerfenster aus sieht man nicht etwa auf den malerischen Marktplatz, mit dem

berühmten Brunnen, sondern den hinteren, den Wirtschaftstrakt der Meierei. Damit

hatte ich fürs Erste genug gesehen.

Zurück im Hotel, machte ich mich an die Arbeit und beschrieb meine Eindrücke. Im Regen

ging ich noch hinüber in den Supermarkt „Volg“ wo ich mich mit Proviant eindeckte.

Frühstücken würde ich im Hotel.

In der Nacht wurde der Regen stärker. Das Schweizer Fernsehen brachte einige Beiträge

zur Immobilienkrise und ihre negativen Auswirkungen auf die einheimischen Banken, -

ein warnendes Vorzeichen für die so genannte Finanzkrise, die bald darauf erfolgen sollte.

Zehnmal, nein wohl schon hundertmal sagte ich mir: „ich bleibe, egal wie schlecht

das Wetter ist“. Und noch am Morgen darauf regnete es in Strömen. „Hier, an diesem

Ort ist jedes Wetter ein gutes Wetter“, dachte ich, „aushalten“. Und behielt recht. Als ich

nach dem Frühstück, gerüstet mit einem Regenschirm hinaus an den Silser See ging,

wurde der Regen zusehends schwächer. Es nieselte nur noch ein wenig. Der Himmel

klarte auf und die wuchtigen Gebirgsmassen, die den Silser See umgeben, kamen nach

und nach zum Vorschein. Die Luft war rein und kühl, da und dort ein beschirmter Tourist,

- zu meiner unsäglichen Erleichterung weit und breit kein einziger Mountainbiker!

So schritt ich auf die bewaldete Halbinsel zu, die wie ein riesiger Finger in den tiefen,

reinen Gebirgssee ragt.

Mich faszinierte die Thermik, die dräuenden Wolkenmassen im Süden, direkt über dem

Maloja-Pa√ür. Am nördlichen Silser-Ufer sang jetzt eine Frau mit geschulter Stimme

eine Opern-Arie. Etwas von Wagner oder Strauss - oder Bizet? Und dann diese Entdekkung!

Als ich um die Fingerkuppe der felsigen, mit Föhren bewachsenen Halbinsel bog, tauchte

plötzlich, ohne dass ich damit gerechnet hätte, die berühmte Steintafel auf, mit den

eingemeißrelten Worten:

Oh Mensch! Gieb acht!

Was spricht die tiefe Mitternacht!

Ich schlief, ich schlief -

Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -

Die Welt ist tief,

und tiefer als der Tag gedacht.

Tief ist ihr Weh - ,

Lust - tiefer noch als Herzeleid:

Weh spricht: vergeh!

Doch alle Lust will Ewigkeit - ,

will tiefe, tiefe Ewigkeit!

Am Nachmittag desselben Tages, nach einer Siesta in meinem

Hotel, machte ich mich

auf den Weg zum nördlich gelegenen Silvaplaner See. Ich wollte

noch unbedingt zum Surlej-Felsen oder Surlej-Wasserfall.

Dort nämlich soll Nietzsche der Gedanke der ewigen Wiederkunft

des Gleichen gekommen sein. Was für ein Gedanke würde

mir kommen? Inzwischen war es wieder sommerlich geworden,

die August-Sonne lächelte mild aus südwestlicher Richtung und

die vielen Radfahrer, die auf einmal scharenweise zu sehen waren,

störten mich erheblich bei meiner Andacht.

Endlich erreichte ich den ominösen Wasserfall. Nichts Besonderes, einer von

hunderten, wie er typisch für das Zentralmassiv der Alpen ist. Ich stieg erwartungsvoll

das steile Gelände hinan, um eventuell noch auf irgendein ungewöhnliches

Phänomen zu sto√üren. Vielleicht würde ein Steinbock meinen Weg kreuzen? Nichts.

Stattdessen kam mir von oben herab, nicht etwa der √úbermensch, sondern ein Mountainbiker

entgegen. Nun hatte ich definitiv genug gesehen und kehrte wieder um und

ging weiter nach Silvaplana. Der Surlej-Wasserfall hat also nicht das gebracht, was mir

der Silser-See brachte. Im Bus nach Sils resümierte ich die Empfindungen meines

Nachmittags-Ausflugs. Ewige Wiederkehr des - Gleichen? √úbermensch?

Das Himmelreich sei ein Zustand der Seele, heißrt es irgendwo bei Nietzsche, ich

glaube sogar im Antichrist. Hier spricht der Mystiker!, auch wenn Nietzsche sich nie

zur Mystik bekannte. Mensch und Menschheit sind ein Werdendes! Ja, doch. Und ein

einziges Leben würde nicht reichen, um das gro√üre Unternehmen Menschheit zu

vollenden. Es ist naheliegend, dass Wir nicht

einfach mechanisch wiederkehren, wie Tag

und Nacht, Ebbe und Flut, sondern, aus

einem gleichsam transzendenten Grund nach

jeglichem Ableben wieder und immer wieder

neu erstehen, um, frei nach Rilke, das Mark

der Erde zu durchmärken.

Gott ist tot. Nietzsche. Nietzsche ist tot. Gott.

Andreas Ferdinand Lindermayr, Wien, Oktober

2008


PETER KOGLER IM MUMOK

ISABELLE GRAEFF – BERLIN

ST/A/R-SAMMLUNG IM ARTPARK LINZ

WARAN

HANS HOLLEIN

HEIDULF GERNGROSS

KURT CABALLERO

FÜR KULTUR UND WISSENSCHAFT

GERSTL, JELINEK,

MAYRÖCKER, JAREMENKO-TOLSTOJ

MANFRED STANGL – GANZHEITLICHE ÄSTHETISCHE PRINZIPIEN

ALEXANDER SCHIESSLING ÜBER DEN DICHTER THOMAS FRECHBERGER

DAVID STARETZ

ST/A/R-SAMMLUNG IM ARTPARK DER KULTURHAUPTSTADT LINZ 2009



Manfred Kielnhofer, Herbert Brandl und Franz West im ARTPARK Linz

kuratiert von ST/A/R

Nr. 20/2009 Buch XII - Unser Schuhdoktor

ST/A/R 95

ST/ /A/ /R

Printmedium Wien – Berlin

Zeitung für Hochkultur Mittelmaß und Schund

Nr. 20/ Winter 2009

Städteplanung / Architektur / Religion

Buch VI - ST/A/R-Sammlung ST/A/R 41

S/T/A/R-Kunstsammlung in der

Kulturhauptstadt Linz 2009.

Der Artpark

präsentiert noch bis

31. Jänner 09 die

S/T/A/R-Kunstsammlung.

04Z035665M – P.b.b. Verlagspostamt 1060 Wien • Adresse: 1060 Wien Capistrangasse 2/8 • office@star-wien.at • Europa € 3,00 • Nr. 20/09

KUNST

ARCHITEKTUR

PREISE DER STADT WIEN 2008

LITERATUR

AUTO-ST/A/R

JETZT NEU MIT MARCUS HINTERTHÜR!

Städteplanung / Architektur / Religion

PETER KOGLER

3,– Euro

Biennale di Venezia, Projekt MUDAM, Luxembourgh Pavillon, Internetprojekt, 2001 Foto: Manfred Grübl

Gloria Gerngross

Schutzpatroness der

ST/A/R-SAMMLUNG

Abschied im neuen ST/A/R Büro Gumpendorferstrasse 42 - Bernhard bringt Gloria zum Flughafen - Gloria fliegt nach Singapur

Fotos: Heidulf Gerngross

Buch I - Seite 1–8

MUMOK

Buch II - Seite 9–16

Leopold

Buch III - Seite 17–24

Berlin

Buch IV - Seite 25–32

Alena

Buch V - Seite 33–40

Wien Kultur

Buch VI - Seite 41–48

ST/A/R-Sammlung

Buch VIII - Seite 49–56

Architektur

Buch IX - Seite 57–64

Religion

Buch X - Seite 65–72

Literatur

Buch X - Seite 73–80

AUTO-STAR

Buch VII - Seite 81–88

WARAN

Buch VII - Seite 89–96

Unser Schuhdoktor

Impressum

ST/A/R Printmedium Wien-Berlin

Europäische Zeitung für den direkten kulturellen Diskurs

Erscheint 4 x jährlich, Nr. 20/2009,

Erscheinungsort Wien-Berlin

Erscheinungsdatum: Winter 2009

Medieninhaber:

ST/A/R, Verein für Städteplanung/Architektur/Religion

A–1060 Wien, Capistrangasse 2/8

Herausgeber: Heidulf Gerngross

Redaktionelle Mitarbeit: Heidulf Gerngross, Wladimir Jaremenko-

Tolstoj, Ismael Ismet Basaran, Alexander Sobolev

Hans Hollein (Architektur), Wolf Günther Thiel (Kunst und

Philosophie), Laura Gottlob (Kunst), Peter Kogler (Kunst), Isabelle

Graeff (Kunst), Manfred Stangl (Ganzheitliche Ästhetik),

Rudolf Gerngroß (Waran), David Staretz (Auto), Bruno Rey (Kunst),

Dr. Christian Denker und Brigitte Bercoff (Paris-Brüssel-Wien), Valie

Airport (Russland), Angelo Roventa (Architektur), Philipp Konzett

(Galerie), Andreas Lindermayr (Gesellschaftsphilosoph), Kulturamt

der Stadt Wien, Markus Hinterthür (Verfluchungen),

Elfriede Gerstl (Literatur), Herbert Wimmer (Literatur),

Organisation: ST/A/R-Team

Artdirektion & Produktion: Mathias Hentz

Druckproduktion: Michael Rosenkranz

Computer Generated Images: Markus Hinterthür

Creativ Organisation: Heike Nösslböck

Druck: Herold Druck und Verlags AG, Wien

Vertrieb: ST/A/R, Morawa GmbH.

Aboservice: starabo@morawa.com

oder: starabo@morawa.com

Bezugspreis: 3,- Euro (inkl. Mwst.)

Kontakt: grafik@star-wien.at” grafik@star-wien.at

Redaktion: editors@star-wien.at” editors@star-wien.at

Adresse: Capistrangasse 2/8, 1060 Wien

0043-664-521-3307 Österreich

Cover: Peter Kogler

ST/A/R wird gefördert von: Bundeskanzleramt und Stadt Wien.

ST/A/R ist ein Gesamtkunstwerk und unterliegt dem Urheberrecht.

ST/A/R dankt allen BeitragslieferantInnen, MitarbeiterInnen,

KünstlerInnen, UnterstützerInnen und FreundInnen.

Stets angespannt

Alexander Sobolev

Restaurator und Architekt in Russland,

Autor in den USA,

akkreditierter Korrespondent

und Fotograf in Österreich,

Publikationen über Österreich in

Zahlreichen russischen Medien.

ST/A/R-Redakteur.

Editorial:

Diese Zeitung ist Weltklasse

Konfusius


96 ST/A/R

Buch XII - Unser Schuhdoktor Nr. 20/2009

Az W

Architekturzentrum Wien

Fünfzehn Jahre

Architekturzentrum Wien

Architekturzentrum Wien

Das österreichische Architekturmuseum

Das österreichische Architekturmuseum

Ausstellungen: Die Dauerausstellung „a_schau“ und jährlich mehrere Wechselausstellungen

zeigen ein komplexes Bild zeitgenössischen Architekturgeschehens

Veranstaltungen: Werkvorträge, Podiumsdiskussionen, Kongresse und Symposien

vertiefen eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema Architektur und

Baukultur

Exkursionen: „sonntags“ führt zu den markantesten Architekturschauplätzen Wiens

und bietet spannende Architekturreisen mit exquisitem Programm von ArchitektInnen

geführt. „tours“ sind für Gruppen jederzeit buchbar und werden individuell konzipiert.

Für Schnellentschlossene: TopTours – ready made.

Vermittlung: Eines der besten und umfassendsten Vermittlungsprogramme im

Bereich Architektur wird im Az W geboten: zahlreiche Workshops für Kinder und

Jugendliche sowie für Erwachsene

Archiv/Sammlung: Als Wissens- und Forschungszentrum gleichermaßen beherbergt

das Az W eine umfangreiche Architektursammlung des 20. und 21. Jahrhunderts

Baudatenbank: Unter www.nextroom.at ist die Online-Baudatenbank des Az W zu

finden: ArchitektInnen/Bauwerke/Standorte/BauherrInnen u.v.m. sind hier zahlreich

vermerkt

Architektenlexikon: Dieses Online-Lexikon würdigt nicht nur die „großen“ Persönlichkeiten

der Wiener Architektur wie etwa Otto Wagner oder Adolf Loos, sondern

erfasst auch weniger bekannte Architekten und deren Werke. Das Lexikon gibt

Auskunft über 700 Architekten zwischen 1880 – 1945

Bibliothek: Im historischen Oktogon kann in der Fachpräsenz-Bibliothek des Az W

zu freiem Eintritt in über 27.000 Büchern, Katalogen und Zeitschriften geschmökert

werden

Publikationen: Zahlreiche Ausstellungskataloge sowie das Magazin „Hintergrund“

gehören zum breiten Repertoire der Az W-Veröffentlichungen

Architecture Lounge: die Wissensplattform des Az W, ein exklusives Netzwerk, das

den Dialog zwischen Architektur, Kultur und Wirtschaft eröffnet

PROGRAMM VORSCHAU 2009

AUSSTELLUNG I NEUE HALLE

SEIT 13.10.05

A_SCHAU. DAUERAUSSTELLUNG

AUSSTELLUNGEN I ALTE HALLE

BIS 02.02.09

ARCHITEKTUR BEGINNT IM KOPF.

THE MAKING OF ARCHITECTURE

05.03. – 02.06.09

BOGDAN BOGDANOVIĆ.

DER VERDAMMTE BAUMEISTER

18.06. – 06.07.09

WONDERLAND:

100 MODELS – 100 STORIES

16.07. – 28.09.09

URBAN PUBLIC SPACE

22.10. – 18.01.2010

BALKANOLOGY.

NEUE ARCHITEKTUR UND URBANE

PHÄNOMENE IN SÜDOSTEUROPA

AZW

Architekturzentrum Wien, Museumsplatz 1, im MQ, A-1070 Wien, Telefon +43 (1) 522 31 15, Fax +43 (1) 522 31 17, E-Mail: office@azw.at, www.azw.at

staranzeige_rz.indd 1

15.12.2008 16:16:47 Uhr

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