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ST:A:R_22

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Printmedium Wien – Berlin

ST/A/R

Zeitung für Hochkultur Mittelmaß und Schund

Nr. 22/2009

04Z035665M – P.b.b. Verlagspostamt 1060 Wien • Adresse: 1060 Wien Capistrangasse 2/8 • office@star-wien.at • Europa € 3,00 • Nr. 22/09

KUB

Angelo Roventa

Städteplanung / Architektur / Religion

Jetzt auch im Haus der Architektur in Graz erhältlich!

3,– Euro

vai


2 ST/A/R

Buch I - Angelo & Superrudi Nr. 22/2008

EDITORIAL :

Heidulf Gerngross

Dank an Elisabeth Penker, die uns als Mitherausgeberin von

ST/A/R 22 verlassen hat. “Verlassen hat” heisst sie geht nach

Kärnten und hat ein Künstlerstipendium in Rom.

ADIO und Du bist und bleibst ein grosser Teil unserer

Gedanken und Geisteswelt.

ADIO DA DA DA.

Penker going

Puppa Goodyear

thanks for your nice birthdayparty

for Heidulf.

Denker coming

Nun bin ich ab Ausgabe 23 Mitherausgeber des *ST/A/R*-Printmedium-Wien

und freue ich mich von Herzen. Ich möchte den

*ST/A/R* um einige internationale Akzente bereichern, die Website

reorganisieren und Artikel zu aktuellen Entwicklungen liefern, besonders

zu Kunst, Philosophie und Verdauung.

Mit Wien verbinden mich meine Freunde (besonders auch in der

*ST/A/R*-Redaktion), Lehraufträge am Institut für Philosophie, der

Passagen-Verlag, die Fa. Trenka / Eucarbon und 5p. International vernetzt

bin ich besonders nach Paris (wo ich 12 Jahre lang studiert und gearbeitet

habe), Brüssel (dort lebe ich mit meiner Familie) und Zürich (wo ich

mich zukünftig verstärkt engagieren werde).

Für den *ST/A/R* habe ich seit meinen ersten Tagen in Wien begeistert

und bei der redaktionelle Arbeit sowie der Organisation von Events

unterstützt. Am *ST/A/R* begeistert mich das unverwechselbare Licht,

das er in die “konventionelle” Presselandschaft wirft, sein unverkranfter

Umgang mit lokalen und internationalen Kulturereignissen und seine

Offenheit für Lebensfreude. Er efördert die Freiheit der ästhetischen

Erscheinung, entkommt manchem Cliché der gesellschaflichen Gefüge,

hat Mut zum spielerischen Umgang mit Wort und Bild und vieles andere

mehr zur Bereicherung des Lebens in Wien und anderswo. Dazu möchte

ich beitragen.

Christian W. Denker (Dr. art)

Italia in der Aera 53

Go and see!

Ismael Basran ST/A/R-Amigo

Habsburgergasse 4


Nr. 22/2008 Buch I - Angelo & Superrudi

ST/A/R 3

Inhaltsangabe

Buch I - Seite 1–8 Buch II - Seite 9–16 Buch III - Seite 17–24 Buch IV - Seite 25–32 Buch V - Seite 33–40 Buch VI - Seite 41–48

Buch VII - Seite 49–56 Buch VIII - Seite 57–64 Buch IX - Seite 65–72 Buch X - Seite 73–80 Buch XI - Seite 81–88 Buch XII - Seite 89–96

Impressum

ST/A/R Printmedium Wien

Europäische Zeitung für den direkten kulturellen Diskurs

Erscheint 4 x jährlich, Nr. 22/2009, Erscheinungsort Wien

Erscheinungsdatum: Dezember 2009

Medieninhaber:

ST/A/R, Verein für Städteplanung/Architektur/Religion

A–1060 Wien, Gumpendorferstrasse 42 – 44 / 2 /R1

Herausgeber: Heidulf Gerngrss

Redaktionelle Mitarbeit: Heidulf Gerngross (Architektur) , Wladimir Jaremenko-Tolstoj,

Markus Hinterthür (Science Fiction), Helmut Wimmer (Architektur), Heike Nösslböck (Kunst), Iris Julian (Kunst), Bibi Lechner

(Kunst), Kathrin Pandora (Kunst), Manfred Stangl (Ganzheitliche Ästhetik), Rudolf Gerngroß (Waran), David Staretz (Auto), Dr.

Christian Denker und Brigitte Bercoff (Paris-Brüssel-Wien), Angelo Roventa (Architektur), Philipp Konzett (Galerie), Alexander

Schiessling (Redaktion), Arkan Zeytinoglu (Architektur), Elisabeth Penker (Redaktion), Mirjana Rukavina (Foto),.

Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Wien, Niederösterrreich und Burgenland,

Artdirektion & Produktion & WC-Reinigung: Mathias Hentz

Druckproduktion: Michael Rosenkranz

Andreas F. Lin der Mayr

7 Jahre Stahlstadt Linz, IV

Nach meiner Zeit beim Bundesheer kehrte ich Juni 1976 wieder in den Atomreaktorbau

der VöEST-ALPINE in Linz zurück. Mir war von vornherein klar, dass ich niemals Technischer

Zeichner bleiben würde.

Die Entwicklung um mich herum, betrachtete ich mit wachsender Skepsis. Einige meiner

Kollegen waren schon 1976 mit 19, 20 Jahren Väter, sie heirateten, gründeten eine Familie,

nicht zuletzt, weil es seit Kreisky Geld vom Staat dafür gab. Es lastete ein Tabu darauf, zu hinterfragen,

warum jemand mit 18 schon sein ganzes bevorstehendes Leben, beratschlagt von

Banken und Gewerkschaften, bis zur Pensionierung verplante.Als gäbe es gar nichts anderes!

Ich konnte mich mit halbwegs Gleichgesinnten, etwa potentiellen Indienfahrern, nur darüber

wundern. Gegen jene Häuslbauer-Mentaltiät, wie sie damals gerade groß als von den staatlichen

Institutionen abgesegneter Lebensentwurf im Kommen war, hegte ich eine tiefgreifende

Abneigung. Mir war nach unendlich mehr.

De facto gab‘s zunächst aber nur eines: Abhängen am Zeichentisch, tagein, tagaus, Jahr für

Jahr. Von irgendwas musste man ja leben! So dämmerte ich in vager Hoffnung auf ganz was

anderes, unzählige farb- und geruchlose Bürotage dahin, bis ich im Mai 79 so mürbe und

morsch geworden war, dass ich wie ein fauler Zahn aus allem herausfiel, was mir Halt und

Stütze, freilich einen falschen Halt und eine falsche Stütze gab. Mein Vater rotierte, als er von

meinem Ausscheiden aus der VÖEST mitbekam.

Beim Militär gedachte ich, Bergrettungsdienst bewährt, tapferen, freimütigen Menschen

zu begegnen. Die mochte es vielleicht vereinzelt noch in irgendwelchen Enklaven gegeben

haben, da, wo ich hinversetzt wurde, traf ich keinen. Was mir tatsächlich von Anfang an beim

Heer entgegentrat, waren die kleinen, töricht tückischen Machtspiele, wie sie mir seit den

Tagen des Kindergartens auf die Nerven gingen, - hier fand ich sie auf die Spitze getrieben.

Fortgesetzte Interesselosigkeit an den Abartigkeiten eines Grundwehrdienstes versetzten meinen

Ausbildner derart in Rage, dass er mich von Hörsching in die so genannte Strafkompanie

nach Langenlebarn versetzen lie√ü. Dort herrschte unter blitzblanken Gewehrläufen und

peinlichst observierter Sauberkeit, Hauptmann Stinkwut, glühender Pseudo-Wagnerianer und

offensichtlich gescheiterter Bodybilder, der dir bei geringster Abweichung von seinen hinaus

gebrüllten Befehlen, den Arsch aufzureissen drohte.

Vom Gymnasium für Berufstätige in der Spittelwies, das ich ab September 76 Abend für

Abend besuchte, erhoffte ich mir naiv eine Vertiefung beziehungsweise Erweiterung meiner

humanistischen Bildung. Ich gedachte weltfremd und edelmütig, mich an der Weisheit

Brüste zu laben. Aber mit Ausnahme zweier älterer Professoren, waren alle Lehrer nur daran

interessiert, ihr Programm rasch abzuwickeln. Konkret ging es ja lediglich um das Nachholen

Organisation: Nösslböck Heike

Druck: Herold Druck und Verlags AG, Wien

Vertrieb: ST/A/R, Morawa GmbH.

Aboservice: starabo@morawa.com

oder: starabo@morawa.com

Bezugspreis: 3,- Euro (inkl. Mwst.)

Kontakt: grafik@star-wien.at” grafik@star-wien.at

Redaktion: editors@star-wien.at” editors@star-wien.at

Adresse: Gumpendorferstr 42 – 44 / 2/ R1, 1060 Wien

0043-664-521-3307 Österreich

Cover: Angelo Roventa / Foto: Gerhard Klocker

ST/A/R wird gefördert von: Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur und Stadt Wien.

ST/A/R unzensuriert / unlektoriert / Bussi.

ST/A/R ist ein Gesamtkunstwerk und unterliegt dem Urheberrecht.

ST/A/R dankt allen BeitragslieferantInnen, MitarbeiterInnen, KünstlerInnen,

UnterstützerInnen und FreundInnen.

der Matura, nicht um die Hochschulreife per se, sondern nur um einen

Zettel als Beleg für eine solche Reife.Die lange Zeit bis dorthin sollte

uns in den Deutschstunden durch Witze-erzählen versü√üt werden. Die

„Amseln“ ( von AMS - Arbeitermittelschule) hätten es ohnedies schwer

genug. Das war zunächst richtiggehend lustig, wurde aber ab dem Moment

schier unerträglich, da sich die Witze zum dritten und vierten Mal

wiederholten. Godot lie√ü grüssen. Gewaltig! Samuel Beckett und Co.

waren auch die Wenigen in dieser Entwicklungsphase, die mich wirklich

was angingen.

Als ich im Juni 76, frisch aus der „Strafkompanie“ ins Büro im Stahlbau

der VöEST in Linz zurückkehrte, empfing mich der Senior-Chef,

Hochschulabsolvent, mit einem Grinsen. Er reichte mir nach kurzem

Zögern seine kalte Hand mit den sehr bemerkenswerten Worten: „Meuhoiden und Auzaahn!

Vastehst? „ Und mit Nachdruck ,“Hamma uns vastaundän?“ Was blieb mir anderes übrig, als

zähneknirschend Ja zu sagen und mich auf meinen Arbeitsplatz zurückzuziehen.

Das Jasagen indes fiel mir in der Folge immer schwerer, zumal die Geschäfte mit der Atomkraft

boomten, ohne dass die Sicherheitsrisiken, vor allem menschlich-moralischer Natur,

sich nur um einen Deut verringert hätten. Mir wurde der Abstellring anvertraut, der für den

Wechsel der Brennelemente erforderlich ist. Bemerkenswert die Form dieses Gestells, es

erinnert mit seinen acht Speichen an das buddhistische Dharma-Rad. Ich fühlte mich daran

festgenagelt in ewiger Wiederholung des Gleichen. Sein Karma erfüllen und tun, was man

nicht lassen kann? Ich konnte mich nicht damit abfinden. Ein Projekt jagte das andere. Auf

Grafenrheinfeld folgte Grohnde, dann Iran 1, gleich darauf Iran 2. Dass das Schah-Regime

wackelte, tat den lukrativen Geschäften keinen Abbruch. Als es so weit kam, dass man sogar

Atomkraftwerke im brasilianischen Urwald errichtete, weit über allen Köpfen einer angestammten

Bevölkerung hinweg, machte ich kein Hehl mehr daraus, dass mir die Sache stinkt

und sprach im Büro offen über meine Bedenken. Die höheren Angestellten, die vor lauter

Gier nach noch mehr Provisionen fast schon zu erblinden drohten, nahmen ohnehin kaum

Notiz von meinem Vorhandensein. Nach erfolgreich geführten Verhandlungen mit dem

T√úV vergnügten sie sich in der Regel bei üppigen Geschäftsessen. Roger Whitaker stand als

Beruhigungsmittel für blank liegende Nerven hoch im Ansehen. Die kleinen Angestellten,

Familienväter, geduckt vor Existenz-Angst, redeten sich alle darauf hinaus, dass man froh sein

müsse, überhaupt Arbeit zu haben. Das also ist der wahre Stand der Demokratie, 30 Jahre

nach Hermann Göring, dachte ich mir und dröhnte mich zu mit Punk Rock.

Im Mai 79 fasste ich unter Furcht und Zittern den freien Entschluss, der VöEST den Rücken

zu kehren und wagte nach ein paar Monaten Arbeitslosigkeit den Schritt, so gut wie mittellos,

nach Wien zu gehen. Peter Altenberg und Egon Friedell, die ich zu dieser Zeit mit glühenden

Ohren las, übten eine viel stärkere Faszination auf mich aus, als alle hochgestochenen Reden

über Atomkraftwerke, die von einem hochdekorierten Fachidioten als die Kathedralen der

Zukunft ausgerufen wurden.


Städteplanung / Architektur / Religion Buch I - Angelo & Superrudi ST/A/R 5

vai hat weltweit als erste Institution das elastische Wohnen von Angelo Roventa gezeigt.

Dank vai jetzt: Austellung „Das Spiel der Mächtigen“ mit Angelo Roventa im MAK-Wien.

Ab 1. Dezember 09 bis 10. Jänner 10

Angelo ROVENTA gibt den Weltarchitekten Frank O‘Gurry,

Wolf Grand Brie und Sahaha Hadid eine Watsche.

ST/A/R gratuliert dem Erfinder des elastischen Wohnens.


6 ST/A/R

Buch I - Angelo & Superrudi Nr. 22/2008

CURY


Nr. 22/2008 Buch I - Angelo & Superrudi

ST/A/R 7

Tony Oursler

24 | 10 | 09 – 17 | 01 | 2010

Tony Oursler | Drag Queen Chorus, 2009 | Videostill | Foto: Tony Oursler Studio | © Tony Oursler

Dialog

Dialogführung und Performance

• Donnerstag, 10. Dezember, 19 Uhr | Der Künstler Götz Bury führt

im Dialog mit Kunstvermittler Winfried Nußbaummüller durch die

Ausstellung. Anschließend wird Bury bei einer seiner berühmten

Kochshows die Besucher mit weihnachtlichen Sägemehlbusserln

aus Feigenholz verwöhnen.

• Donnerstag, 17. Dezember, 19 Uhr | Gesprächspartner von Winfried

Nußbaummüller sind bei dieser Führung die Künstler Maria Anwander

und Ruben Aubrecht, deren konzeptuelle Werke den Kunstbetrieb

und seine gesellschaftliche Relevanz kritisch beleuchten. Nach der

Führung durch die Ausstellung werden die beiden Künstler einige

ihrer Videoarbeiten präsentieren.

Führung

Fix

Öffentliche Führungen werden am Donnerstag 19 Uhr,

Samstag 14 Uhr und Sonntag 16 Uhr angeboten.

Direktorführung

• Donnerstag, 3. Dezember, 19 Uhr

Architekturführung

• Sonntag, 6. Dezember und 3. Januar, jeweils 11 Uhr

Familienführung

• Sonntag, 27. Dezember und 10. Januar, jeweils 14 Uhr

Backstageführung

• Donnerstag, 7. Januar, 19 Uhr

KUB + Kaffee

• Dienstag, 12. Januar, 15 Uhr | Einem geführten Rundgang

durch die Ausstellung folgt die Nachlese im KUB-Café.

Subjektiv

• Donnerstag, 14. Januar, 19 Uhr | Bei dieser Führung stehen

die Sensibilisierung der Wahrnehmung sowie die Reflexion

des psychischen und physischen Erlebens im Mittelpunkt.

Kunsthaus Bregenz

Karl-Tizian-Platz, A-6900 Bregenz

Telefon (+43-5574) 485 94-0

www.kunsthaus-bregenz.at

Film

Filmabend

• Donnerstag, 3. Dezember und 7. Januar, ab 18 Uhr | Auf Wunsch von

Tony Oursler wurde ein dezidiert schrilles Filmprogramm zusammengestellt,

in dem einerseits frühere Videoarbeiten gezeigt, andererseits

mit fremden Filmen die Zwischentöne der Ausstellung reflektiert werden.

Unter anderem präsentiert werden Billy Wilders »Lost Weekend«

(1945), Anti-Drogen-Filme der 1950er- bis 70er-Jahre, der Dokumentarfilm

»Obedience« (1962, Stanley Milgram), der nach Beendigung

des berühmten Milgram-Experiments gedreht wurde und erstaunliche

Ergebnisse über den Gehorsam gegenüber Autoritäten vor Augen

führt, und aktuelle Beispiele der A&E-TV-Serie über Messies (»Hoarders«,

2009).

Jugend – Kind

ART CRASH

• Freitag, 4. Dezember und 8. Januar, 16–18 Uhr | Beim ART CRASH

haben Jugendliche die Möglichkeit, zusammen mit der Künstlerin

Kirsten Helfrich Ausstellungen zu besuchen, Künstlern in ihrem

Atelier über die Schulter zu schauen und ganz generell über Kunst zu

sprechen. Außerdem bieten wir immer wieder coole Jobs an! Infos

unter: k.helfrich@kunsthaus-bregenz.at oder(+43-55 74) 4 85 94-415.

»Leise rieselt …«

• Samstag, 19. Dezember, 10 –13 Uhr und 14–17 Uhr | Noch rechtzeitig

vor Weihnachten besteht die Möglichkeit, mit Marco Ceroli kreative

Geschenke und Weihnachtsdekora tionen zu basteln. Für Kinder von

5 bis 12 Jahren; keine Anmeldung erforderlich.

»Dosenschleim mit Augen«

In den Weihnachtsferien von Dienstag, 29. bis Donnerstag,

31. Dezember ( jeweils 10 – 13 Uhr) bietet Marco Ceroli einen Workshop

nach der Munari-Methode für Kinder von 6 bis 12 Jahren an.

Präsentiert werden die Ergebnisse am Donnerstag, 31. Dezember,

um 13 Uhr im Kunsthaus. Buchung einzelner Tage möglich;

Anmeldung erbeten: (+43-55 74) 4 85 94-415.

Kunstdrache

Der Kunstdrache erzählt dieses Mal zusammen mit dem Dosenschleim

am Mittwoch, 13. Januar um 15 Uhr für Kinder im Alter von 4 bis

10 Jahren Kunstgeschichten.

Workshop

Für Kinder im Alter von 5 bis 10 Jahren findet jeden Samstag von

10 bis 12 Uhr ein Workshop statt. Nach einem Rundgang durch die

aktuelle Ausstellung werden die vermittelten Inhalte anschließend

beim praktischen Arbeiten vertieft.

Öffnungszeiten

Di – So 10 – 18 Uhr, Do 10 – 21 Uhr


8 ST/A/R

Buch I - Angelo & Superrudi Nr. 22/2008

Superrudi

NEU!!!

EX- ’KRONE’ - STAR im ST/A/R

Auch monatlich im neuen Satiremagazin Rappelkopf.

Hier ein paar nie in der ‘KRONE’ erschienene Strips.

ST/A/R kennt keine Zensur.


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch II - Denker ST/A/R 9

“Art-Free Territory”, Art Basel Miami Beach

© Lena Lapschina

Die fünfziger Jahre

Kunst und Kunstverständnis in Wien

Museum auf Abruf

6.11.2009 – 9.1.2010

Felderstraße 6-8, Wien 1

(neben dem Rathaus)

Di–Fr 11.00 –18.00, Do 11.00 –20.00

Sa 11.00 –16.00

Eintritt frei

www.musa.at


10 ST/A/R

Buch II - Denker Nr. 22/2009

Bosnien und

Herzegowina

Geschichte, Kultur, landschaft und reiseinfo

ein ausgezeichneter reiseführer von elisabeth gschaider.

314 seiten, mit etwa 450 Farb- und s/w-Fotos und diversen Karten.

alle wichtigen sehenswürdigkeiten, fundierte Hintergrundinformationen

über Land und Leute, ausführliche Kapitel zu

geschichte und Kultur, verlässliche Tipps für sympatische Hotels und

restaurants, Transporthinweise, Tipps für aktivitäten

erhältich im gutsortierten Buchhandel (isBn-13 978-3-200-00619-5)

sowie unter e.gschaider@ottensheim.at


Nr. 22/2009 Buch II - Denker

ST/A/R 11

CATHERINE PANDORA


im metallischen leben aalglatt verbeult scheint der geist gläsern

glatt spiegelblau und parzelliert- wie ein wortloses licht wie eine

atomare diskrepanz


Städteplanung / Architektur / Religion Buch II - Denker ST/A/R 13

“WHY IS IT WE’RE HERE....?

WE’RE HERE TO GO!” (W.S.BURROUGHS)

HANS BIWI LECHNER “THE TRAVELER” 2009

www.getstoned.cc


14 ST/A/R

Buch II - Denker Nr. 22/2009

Radikal in der

Gesprächsverwurschtung

mit Gerald Kofler

Radikal: Du frogst, i trink

Kofler: Lieber Radikal, jetzt

hast Du.....

Radikal: Naa, nix kein neues Barock.

3 Fragen und aus.

Kofler: Ok. Was war dein

Berufswunsch

Radikal: Eichkatzl in Schönbrunn.

Weu erstens, waun dem Eich

katzl fad is, kauns auf

an dünnen Ast steign und Zü

scheißn auf irgendan Tou

ristn.

Zweitens, waun dem Eich

katzl no fader is, kauns

umme ins Poimenhaus und

a Bissl Peyote knabbern

Drittens, wann des Eich

katzl daun vur lauter Stress

an Ruhetog braucht,

kanns owe ge und ein

gemütliches Frühstück zu

sich nehmen.

Kofler: Was is dei liabstes Hobby

Radikal: Vermeintliche Niederlagen

in persönliche Siege umwan

deln, wauns´t ma scho so

amtliche Fragen stöst

Kofler: Du sagst, Deine Wohnung

sei ein psychodelisches Aus

kunftsbüro. Wieso?

Radikal: Weil ich mir die Feiheit her

ausgenommen hab, dass

i meinem Leben so weit Aus

druck gebe, dass erkennbar

ist, dass es auch anders geht.

Kofler: Naja. Aber was hat das mit

Psychodelik zu tun?

Radikal: Herr Redakteur, sie sind zu

wenig entspannt.

Kofler: Wieso?

Radikal: Jetzt sind wir dort, wo eigent

lich Dei Psychotherapeut

Geld verdienen möchte.

Kofler: OkOk. Red ma über Deine

künstlerische Sendung.

Radikal: Künstlerische Sendung ist

Arbeitsunfähigkeit

mal Kreativität. Soll kaaner

sagen ich hob mi net

bemüht.

Fotos, Grafik, Layout Gerald Kofler


Nr. 22/2009 Buch II - Denker

ST/A/R 15

RADIKAL, Rene

Nach erfolgreicher Abwicklung der Geburt zunächst intensive

Beschäftigung mit dem Phänomen Wachstum, dann eine Phase

des Studiums der Halluzinogene und der unermüdicher Kampf für

den Sieg des Individualanarchismus. Lebt und leidet in Wien und

Indien. Veröffentlichungen im Falter, Wiener, MOZ, ÖHxpress, Der

rote Maulwurf.

Arbeit macht high

Meine Fleischerin trägt einen blutigen Arbeitsmantel. Sie zerschneidet

ein Herz. Über ihren geschickten Fingern wölbt sich ihr üppiger Körper.

Ihr gewaltiger Fleischwolf glänzt im Neonlicht wie eine Rakete

- einmal Orgasmus und zurück. Sie füttert die Maschine mit einem

gut abgehangenen Bullen und streut noch einen Sauschädel vom

Magistrat drüber. Zwischen ihren allerliebsten Wurstfingern quellen

hellrosa Fleischpatzen hervor. Mit einer raschen, geradezu eleganten

Bewegung ihrer kräftigen Arme wischt sie ihre Hände am Arbeitsmantel

sauber und reibt sich kurz aber eenüsslich die Oberschenkel.

Ich schlachte inzwischen eine allzu zutrauliche Insassin des nahe

gelegenen Altersheimes. Auf Grund der geringen Fleischausbeute

tippt sich meine Chefin an die Stirn und sieht dabei drein wie Jazz-

Gitti während ihrer 37.ten Abmagerungskur. Ich zucke nur mit den

Achseln und schleppe die alte Dame ins Kühlhaus. Der Fleischerhaken

fährt aanz leicht durch den Pepitamantel. Meine Fleischerin knackt

zwischenzeitlich den Quadratschädel eines Kompaniekommandanten,

klatscht das bisschen Hirn auf die Waage und brummelt grantig: „Das

wird teuer.“

Unter ihrem prall gefüllten Arbeitsmantel zeichnen sich die Ränder

einer gerippten Baumwollunterhose ab. Ich freu‘ mich schon auf

Ladenschluss. „Der Offizier ist aber flachsie“, meint meine Chefin. Ich

komme ihr mit der Kettensäge zu Hilfe, denn das Militär verarbeiten

wir mit Ausnahme des Hirns und der Innereien grundsätzlich zu

Hundefutter.

Langsam geraten wir ins Schwitzen und ich öffne das Fenster zum

Hof.

Während sich meine Chefin nun beim Zubereiten der Leberknödel

erholt, weide ich meinen Vater aus, der mich unvorsichtigerweise an

meinem Arbeitsplatz besuchen wollte. Seine Segelohren behalte ich

als Souvenir, obwohl sie uns für den Presskopf fehlen werden. Ich bin

ein ziem lich sentimentaler Mensch.

Jetzt müssen wir nur noch die Mutter Oberin vom Kloster zur

unbefleckten Empfängnis zerteilen. Ich reiße mir heimlich ihre Klitoris

unter den Nagel. Man gönnt sich ja sonst nichts. Ein rascher Blick auf

die Uhr, schon wieder ist ein Arbeitstag vorbei. Ich putze noch rasch

den Laden und meine Chefin lässt inzwischen das Badewasser ein.

Dann steigen wir benommen aber glücklich gemeinsam in die Wanne.

ARBEIT MACHT HIGH!


16 ST/A/R

Buch II - Denker Nr. 22/2009

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Leopoldstadt, 2004, © Atelier Erwin Wurm

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Kunst 09 Zürich 15. Internationale Messe für Gegenwartskunst, 13. bis 15. November: 1-Muyan Lindena: Arbeit am Innenleben der Readymades; Galerie

Chelsea, Laufen. -Wer genau hinschaut sieht mehr: Alexandra Huber, “Die Mannsprächtige” (Ausschnitt), 2008; Galerie Brunner, Zürich. 3-Es wäre noch

Platz da gewesen: Tür in einem freien Raum der ABB-Industriehallen. 4-Saubere Ästhetik aus ungewohner Perspektive: Messebesucher hinter Kunsstofftür

vor Zaccheo Zilioli, Ohne Titel, 2008; Galerie Carzaniga, Basel. 5-Orientierungshilfe in Zürich-Oerlikon. 6-Österreichische Kunst auf Erfolgskurs: Elmar

Trenkwalders erkundet spirituelle Sexualität; Galerie Jordan, Paris, Zürich. 7-Alle bewundern Sissi, auch ihr Herr Gemahl: Gemälde von Nina Childress; Galerie

Jordan, Paris, Zürich. 8-Kunst an der Grenze zwischen Wahrnehmung und Erscheinung: Zhang Peng, “Gaze of Sorrow” (Ausschnitt), 2006; Galerie Art

Seasons, Zürich. 9-Objekt und Gedanke als einmalige Form: Marie-Louise Leus, “Schmeichler”, 1997; Galerie Chelsea, Laufen. 10-Der Kunstmarkt lebt! Schildlein

neben einer Arbeit von Raphaël Renaud; Galerie Schlesinger, Zürich. 11-Träumen Hunde von klaren Formen? Messestand der Galerie La Ligne, Zürich.

12-Kunst ohne konzeptuelle Blöße: Vera Molnar, “Dédale Carré”, (Ausschnitt), 2008, Galerie La Ligne, Zürich.

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Nr. 22/2009 Buch III - Kammer

ST/A/R 17

DI Andreas Gobiet, Zivilingenieur für Bauwesen,

Präsident der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten

für Wien Niederösterreich und Burgenland

Die Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten

für Wien Niederösterreich und Burgenland

Leitbild

Als gesetzliche Interessensvertretung sind wir berufen, innerhalb unseres örtlichen

Wirkungsbereiches die beruflichen, wirtschaftlichen und sozialen Interessen der

Architekten und Ingenieurkonsulenten wahrzunehmen und zu fördern.

Im Wissen über den Wert der Leistungen der Ziviltechniker für die Gesellschaft

als Ganzes verstehen wir uns über den gesetzlichen Auftrag hinaus als aktive Lobbyplattform,

die sich systematisch für die Verbesserung der Modalitäten der Berufsausübung

einsetzt.

Dies tun wir durch konsequente Pflege der Beziehungen zu und Verhandlungen mit

den wesentlichen öffentlichen und privaten Auftraggebern, durch Einflussnahme

auf die Formulierung der einschlägigen Gesetze, Verordnungen, Normen, Richtlinien

und Empfehlungen sowie durch die Vernetzung mit den wesentlichen Protagonisten

des Planungs- und Baugeschehens national und international.

Neben der Interessessensvertretung steht die Erbringung von konkreten Serviceleistungen

für unsere Mitglieder gleichrangig im Zentrum unserer Bemühungen.

Tragende Säulen dabei sind die kostenlose Rechtsberatung für Mitglieder, das

Angebot attraktiver, dem jeweiligen Stand der Diskussion entsprechender Weiterbildungsveranstaltungen

sowie eine aktive Öffentlichkeitsarbeit.

wien.arching.at

Die Kammermitglieder

ArchitektInnen: 1.635, davon 281 Frauen.

IngenieurkonsulentInnen: 1.127, davon 53 Frauen

DI Hans Polly, Ingenieurkonsulent

für Vermessungswesen,

Sektionsvorsitzender Ingenieurkonsulenten

DI Thomas Kratschmer,

Architekt Sektionsvorsitzender

Architekten

Interessenvertretung und Service

sind unsere Stärken

Die Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten stellt ihren

Mitgliedern ein umfangreiches Lobbying- und Servicepaket zur

Verfügung. Die Serviceleistungen reichen von der Unterstützung

auf dem Weg in die Selbständigkeit über Rechtsberatung bis hin zur

Förderung der Aus- und Weiterbildung von Ziviltechnikern.

Beratung von Mitgliedern in Rechts- und Honorarfragen-

Beratung von Auftraggebern in Verfahrensfragen

Wettbewerbsinformation für Mitglieder

Positionierung in der Gesellschaft

Service bei Bürogründung

Rechtsberatung für Mitglieder

Verbesserung planerischer und

gestalterischer Rahmenbedingungen

Förderung der beruflichen Aus- und Weiterbildung

Wettbewerbsinformation

Aus-, Fort- und Weiterbildung

Kammerzeitung DerPlan

Gobiet


18 ST/A/R

Buch III - Kammer Nr. 22/2009

www.archingakademie.at

Die Förderung lebenslanger Aus- und Weiterbildung ist eine wesentliche Aufgabe einer modernen Berufsvertretung.

Die Kammer bietet seit nunmehr mehr als zehn Jahren aktuelle, praxisbezogene Bildungsveranstaltungen im

Rahmen einer eigenen Akademie.

Dienstleistung „at its best“ –

Wissen schafft Sicherheit.

Für mich bedeuten mehr als zehn Jahre Arch+Ing

Akademie zehn Jahre Dienstleistungserbringung

für Mitglieder der Kammer auf Top-Niveau. Die

Arch+Ing Akademie hat in dieser Zeit nicht nur unzählige

Berufsanwärter und Mitglieder mit Seminaren,

Kursen und Lehrgängen „versorgt“, sie hat auch

die wesentlichen Partner der Architekten und Ingenieurkonsulenten,

im Planungs- und Bauprozess

erfolgreich angesprochen und sich damit zu einer

Wissensplattform für die wesentlichen „Spieler“ des

Baugeschehens entwickelt. Wir, die Architekten und

Ingenieurkonsulenten haben dabei die Gelegenheit,

unsere Inhalte strukturiert in die verwandten

Branchen zu tragen: Bildungsarbeit als Maßnahme

zur Sicherung strategischer Interessenpositionen

des Berufsstandes. Dieser Aspekt scheint mir von

überragender Bedeutung zu sein.

Neben dem Austausch von Wissen findet aber auch

Vernetzung von Planern untereinander sowie von

Planern mit Vertretern anderer Branchen statt.

Beide Faktoren sind für eine gedeihliche Projektentwicklung,

Planung und Umsetzung unabdingbare

Voraussetzung. Last, but not least ist es der

Arch+Ing Akademie gelungen, all ihre Aktivitäten

auch wirtschaftlich erfolgreich zu organisieren.

Neben dem eingezahlten Stammkapital von 35.000

Euro waren weitere Bezuschussungen nicht erforderlich.

Im Gegenteil, die wirtschaftlichen

Erfolge der Arch+Ing Akademie kamen und kommen

den Mitgliedern unserer Kammer unmittelbar

zugute: Zum einen wurde der Umbau der Kammer

2000 zu einem modernen Seminar- und Tagungszentrum

ausschließlich von der Arch+Ing Akademie

finanziert, zum anderen schüttet die Arch+Ing

Akademie regelmäßig Gewinne aus, die direkt

in das Budget der Kammer fließen. Aus heutiger

Sicht gilt es für die Kammer, den eingeschlagenen

Weg abzusichern und vorhandene Potenziale zu

nutzen. Ich habe mich daher seit Beginn meiner

Amtszeit dafür eingesetzt, die Arch+Ing Akademie

strukturell zu stärken. Mit der Einführung eines

zweiten Geschäftsführers, der unter der Leitung

des Kammerdirektors vor allem im Bereich der

Produktentwicklung tätig ist, haben wir eine wichtige

Voraussetzung für eine kontrollierte Expansion

geschaffen.

Unter Expansion der Arch+Ing Akademie verstehe

ich primär die Expansion des Bildungsangebotes

mit dem Ziel, allen Mitgliedern unserer Kammer

Weiterbildungsangebote in verschiedenen Formaten

zur Verfügung zu stellen, die sie in ihrem konkreten

Arbeitskontext unmittelbar unterstützen. Denn so

viel ist klar: So wie Europa im globalen Wettbewerb

nur als Wissensgesellschaft überleben kann, wird

letztlich auch der Wettbewerb auf unternehmerischer

Ebene über das Wissen entschieden.

DI ANDREAS GOBIET

Präsident, Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten

für Wien, Niederösterreich und Burgenland

Branchen- und disziplinenübergreifende

Vernetzung

Schärfung des Profils

Praxisnähe

Förderung berufspolitischer

Interessen

Aktualität und Pluralität

Nähe zum Kunden

Dialog zwischen den wichtigen

Spielern des Planungsund

Baugeschehens

Top-Referenten und Trainerpool

Offenheit und Internationalität


Nr. 22/2009 Buch III - Kammer

ST/A/R 19

Ein Leben für zeitgemäßen Brückenbau

Prof. Alfred Pauser erhielt den ersten Wiener Ingenieurpreis

Gemeinsam mit der Stadt Wien

vergibt die Kammer der Architekten

und Ingenieurkonsulenten

für Wien, Niederösterreich und

Burgenland alle zwei Jahre den Wiener

Ingenieurpreis.

Als erster Gewinner übernahm am 23.

Oktober 2008 der Grandseigneur des

Wiener Brückenbaus, Prof. Alfred Pauser,

den mit 10.000 Euro dotierten Preis

aus den Händen von Stadtrat Rudolf

Schicker und Kammer-Präsident Andreas

Gobiet.

Obwohl Ingenieurleistungen für den

Bau und Erhalt der technischen Infrastruktur

der Gesellschaft sorgen,

wird ihre Arbeit von der Öffentlichkeit

kaum wahrgenommen. Reibungsloser

Verkehr auf Straße und Schiene, sichere

Versorgung mit Wärme, Strom und

Trinkwasser, Abfallentsorgung – alle

diese im Alltag so selbstverständlich

genutzten Dienste werden durch die

im Hintergrund geleistete Arbeit der

Ingenieure bereitgestellt. Mit der Vergabe

des Wiener Ingenieurpreises soll

auf das Können der österreichischen

Ingenieurinnen und Ingenieure aufmerksam

gemacht und ihr Beitrag zum

gesellschaftlichen Wohlstand hervorgehoben

werden. Gleichzeitig sollen damit

junge Talente für die technischen Berufe

begeistert werden.

Nachwuchsmangel

Trotz der wichtigen gesellschaftlichen

Funktion, die Ingenieure ausüben, ist

ihr Ansehen in der breiten Öffentlichkeit

heute unangemessen gering. Diese

fehlende Wertschätzung schlägt sich in

einem bedenklichen Mangel an Nachwuchskräften

nieder; und das, obwohl

die Nachfrage nach Absolventen technischer

Studien ständig steigt. Angehenden

Jungingenieuren bietet sich ein

weites Betätigungsfeld: von der technischen

Chemie, dem Maschinenbau, der

Elektrotechnik und Elektronik über das

Bauwesen und die Kulturtechnik bis hin

zur Raumplanung.

Alfred Pauser, der Grandseigneur des

Wiener Brückenbaus

Wien ist eine Brückenstadt: Brücken

überspannen die Donau und den sich

durch das Stadtzentrum schlängelnden

Donaukanal. Auch im übrigen Stadtgebiet

finden sich viele Brücken, weithin

sichtbare Hochstraßen und tiefliegende,

verdeckte Straßenbrücken. Wer sich

eingehend mit den Wiener Brücken befasst,

findet viele interessante Objekte.

An dieser beachtlichen Sammlung haben

österreichische Ingenieure seit 200

Jahren mitgewirkt. In der zweiten Hälfte

des 20. Jahrhunderts trat der Bauingenieur

Alfred Pauser als Ausnahmeerscheinung

auf den Plan. Wissenschaftliche

Interessen ließen ihn sich früh mit

neuen Konstruktionsverfahren wie dem

Spannbeton befassen, zugleich blieb er

in engem Kontakt mit der Realisierungspraxis,

sodass er einige Pionierwerke

errichten konnte. Er suchte und hielt

international Kontakt und förderte den

Wissensaustausch. Als einer der Wenigen

seines Berufsstandes interessierte

er sich für die Geschichte der eigenen

Disziplin, um daraus zu lernen. Immer

wieder erprobte er neuartige Tragkonzepte,

die besonders bei Brücken im

städtischen Umfeld zu beachtlichen Resultaten

führten. Nicht nur die Ansicht,

auch und insbesondere die Untersicht

ist perfekt durchgearbeitet, sodass eine

nächtliche Beleuchtung ihre Attraktivität

noch steigert. Schönheit und Eleganz

seiner Brücken sind immer integrierende

Bestandteile ihres konstruktiven

Konzepts; nie sind sie bloß appliziert.

Dank seiner breiten Kenntnisse sind

zahlreiche Bauwerke entstanden, die

nicht nur kraftvoll und elegant wirken,

sondern für die der schmale Bereich

gestalterischer Möglichkeiten, den Ingenieurbauwerke

aufweisen, optimal ausgeschöpft

wurde. So bereichern seine

Werke die Stadt Wien nicht bloß funktional,

sondern ebenso ästhetisch.

Geboren wurde Alfred Pauser 1930 im

niederösterreichischen Gmünd. Er studierte

an der Technischen Hochschule in

Wien Bauingenieurwesen. 1964 gründete

er sein eigenes Zivilingenieurbüro.

1982 wurde er als Ordinarius für Hochbau

an die Technische Universität Wien

berufen, 1997 emeritiert.


Städteplanung / Architektur / Religion Buch III - Kammer ST/A/R 21

Der junge Ziviltechniker 2009

ST/A/R: Was will der junge Ziviltechniker?

Lukas Goebl: Die Welt umbauen... nicht die Ganze, aber so viel wie mögich!

ST/A/R: Was macht dich so zuversichtlich?

Lukas Goebl: Ich hatte eine hervorragende Ausbildung, u.a. bei Wolf D. Prix auf der

Angewandten, wo ich auch Heidulf Gerngross kennen lernte und bei seinen Projekten

und Ausstellungen mitgestalten konnte, vor allem bei der Architekturbiennale von

Venedig. Meine 3 Jahre Praxis absolvierte ich bei meinem Vater Fritz Göbl, der

schon mehr als 2000 Wohnungen und einige Kulturbauten, darunter das Forum

Frohner, geplant und gebaut hat.

ZT

ST/A/R: Hattest du dich auch schon früher für die Arbeit als selbstständiger

Architekt vorbereitet?

Lukas Goebl: Sofort nach meinem Diplom 2005 habe ich das Explicit Architecture

Lab gegründet. Kurz darauf sind mein Architekturpartner

Dipl.Ing. Oliver “Giger” Ulrich, sowie der Audio- Videodesigner Boris “BiBo”

Steiner dazugestoßen. Seitdem arbeiten wir an nationalen und internationalen

Wettbewerben, Ausstellungen, Ausstellungsgestaltungen, Videodesign,

Stadtutopien und natürlich an konkreten Architekturprojekten.

Ich hab den Ziviltechnikerkurs der ArchIng-Akademie absolviert und bemerkt, dass

ich einiges zur Vorbereitung meiner Selbständigkeit lernen konnte.

ST/A/R: Ist eure Arbeit schon bemerkt worden?

Lukas Goebl: Wir haben beim Wettbewerb Science Center Wels einen Ankauf

errungen, das Margarete Schütte-Lihotzky Stipendium 2009 bekommen, sind

zu internationalen Architekturausstellungen eingeladen (Kosice, Wien, Krems,

Bratislava, Kopenhagen, Lubljana, etc...) und bekommen nun die Chance, die eine

oder andere Arbeit realisieren zu dürfen.

ST/A/R: Und jetzt?

Lukas Goebl: Jetzt sind wir ein neues Büro in die Brunnenmarktgegend gezogen

und arbeiten an 3 Projekten, die realisiert werden könnten. Weiters habe ich

einen Lehrauftrag an der New Design University St. Pölten, im Masterlehrgang

“Innovation- und Gestaltungsprozesse”. In Kosice an der technischen

Universität, leiten Oliver und ich ein Städtebaustudio. Wir arbeiten auch an

zwei Städteplanungsprojekte, Twin City Wien-Bratislava und Kosice-Presov.

Zusätzlich bereiten wir zwei Ausstellungsbeitrage vor.

ST/A/R: Wir wünschen Euch viel Erfolg und es wird uns freuen über euren

Fortschritt zu berichten.

Lukas Goebl: Kann ich noch unsere Homepage bekannt geben?

ST/A/R: Selbstverständlich: www.explicit-architecture.com

Ankauf Science Center Wels in Passivbauweise

GALERIE STEINEK


22 ST/A/R

Buch III - Kammer Nr. 22/2009

ST/A/R Architekt Helmu

TANZ MIT DEN

BÄUMEN

Die Baukörper wiegen sich im Takt

mit den Bäumen, sie schmiegen

sich an, sie weichen zurück, sie

drehen sich. Der Charakter des

Parkes mit dem herrlichen alten

Baumbestand bleibt erhalten.

Ein wunderschönes

Grundstück – fast eine

Parkanlage mit prachtvollem,

altem Baumbestand.

Was liegt näher, als das

Gebäude dem Baumbestand

anzupassen,

einen „Tanz mit den Bäumen“

zu versuchen und zu wagen,

vier Ebenen, jede Ebene anders

geschwungen konfiguriert,

auf denen eingeschossige

Stadtvillen ruhen.

Durch die differenzierte

Konfiguration der Decks

entstehen vollkommen

besonnte als auch gedeckte

Terrassenflächen.

DI Helmut Wimmer Architekt

Margaretenstraße 70D/2

1050 Wien

Schönbrunnerstraße 26

1050 Wien

Tel. 01 587 85 33

Fax. 01 587 85 33 – 21

E-Mail: wimmer@ats-architekten.at

Mitarbeit:

DI Andreas Gabriel (Projektleiter)

DI Bernhard Weinberger

Ing. Manuel Hajek

DI Angela Wimmer

Ing. Gudrun Alk

DI Peter Hinterkörner

Ausführungsplanung:

uma Architektur ZT GmbH

DI Ernst Unterluggauer

Landschaftsplanung

EGKK Landschaftsarchiktektur

Mollardgasse 85a/11/107

1060 Wien

Statik und Bauphysik:

Vasko + Partner Ingenieure GesmbH

Grinzinger Allee 3

1190 Wien

DI Alexander Krakora

Generalunternehmer:

Bauunternehmung Rudolf Gerstl

Kalkofenstraße 25

4600 Wels


*

*

WM

*

*

WM

*

*

Nr. 22/2009 Buch III - Kammer

ST/A/R 23

t Wimmer

Le Corbusiers Thema, „das Wohngebäude

nicht nur als Teil der Stadt, sondern als

Stadtlandschaft selbst“ gesehen, als vertikal

geschichtetes Bauland, das Gebäude

als Katalysator für die Verdichtung und

Schichtung des städtischen Raumes.

WM

WM

WM

WM

1m 5m 10m

1 : 250; CUMBERLANDSTRASSE - HELMUT WIMMER

1m 5m 10m

Wohnungsanzahl:

Bauteil Migra (Straßenriegel):

32 Wohnungen (von ca.62m2 bis ca.140m2):

26 geförderte Mietwohnungen

3 geförderte Eigentumswohnungen

3 freifinanzierte Eigentumswohnungen

32 Garagenplätze

1 : 250; CUMBERLANDSTRASSE - HELMUT

Bauteil Arwag (Gartengebäude):

24 Wohnungen (von ca.87m2 bis ca.130m2):

6 geförderte Eigentumswohnungen

18 freifinanzierte Eigentumswohnungen

27 Garagenplätze


24 ST/A/R

Buch III - Kammer Nr. 22/2009

Kontakt Kunst und Kultur

Kontakt. Das Programm für Kunst

und Zivilgesellschaft der Erste Bank

www.kontakt.erstegroup.com

PARTNER

KLANGFORUM

PARTNER

VIENNALE

PARTNER

TANZQUARTIER

PARTNER

VIENNAFAIR

PARTNER

SECESSION


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch IV - ZEYTINOGLU ST/A/R 25

Weltarchitekt

Arkan Zeytinoglu

Foto: Katharina Gossow

DU


26 ST/A/R

Buch IV - ZEYTINOGLU Nr. 22/2009

Arkan Zeytinoglu (Traditionalist)

Jede Veränderung die keine Verbesserung ist, ist eine Verschlechterung. (nach A. Loos)

Arkan Zeytinoglu ist als Architekt,

freier Künstler und Designer

in Wien tätig. 1968 wurde er

in Klagenfurt geboren, besuchte

das Gymnasium in Viktring und

studierte von 1986 – 1994 Architektur

an der Technischen Universität

Graz. 1988 – 89 studierte

er Design bei dem Architekten

und Künstler Raimund Abraham

(NewYork). 1993 besuchte er die

Sommerakademie bei der international

renommierten Architektin

Zaha Hadid in Graz. Nach dem

Diplom 1994 arbeitet er ein Jahr

in New York an der Cooper Union

(5th Year Design Studio mit John

Hejduk). Seit 1995 ist er staatlich

befugter und beeideter Ziviltechniker.

Der eine macht

Wurstsemmeln, der

andere Architektur.

Wichtig ist doch, dass

man lebt.

1995 gewann Arkan Zeytinoglu

den Generalplanerwettbewerb für

den Neubau des Bezirksgerichts

Graz und gründete Büros in Wien

und Klagenfurt.

Derzeit deckt die Zentrale in Wien

mit 15 Mitarbeitern sämtliche Leistungen

im Bereich von Architektur

und Interior Design ab, arbeitet

ebenso im Bereich Masterplanung

und realisiert als Generalplaner

Projekte für staatliche und private

Bauherren.

In den vergangenen Jahren wurde

eine Vielzahl von Projekten im

In- und Ausland realisiert, von Bürogebäuden

über Privatobjekte bis

Aus dem Nichts entsteht

nichts. Vielmehr ist es,

dass Vieles viel ist.

hin zu Hotels, Restaurants und

Bars, wobei der Hotelbau einen besonderen

Schwerpunkt darstellt.

Nach gewonnenem Wettbewerb,

ist das Büro zusammen mit SPAN

Architects für den Bau des österreichischen

Pavillon für die Expo

2010 in Shanghai beauftragt.

Architekturbüro Zeytinoglu

ZT GmbH

Mariahilfer Straße 101/3/51

A-1060 Wien

Tel.: +43 (1) 595 38 04-0

Fax: +43 (1) 595 38 04-16

office@arkan.at

www.arkan.at

Dachaufbau Mariahilferstrasse 1:

Das in der Gründerzeit geplante bzw. gebaute Gebäude war ursprünglich mit einer reich dekorierten

Fassade und einer turmartigen Ausbildung an der nordöstlichen Ecke versehen.

Nach einem schweren Bombenschaden im Zweiten Weltkrieg erhielt das Haus eine „Sparfassade“, die

gänzlich auf Dekor verzichtete und nur durch die verbliebenen Fensterflächen strukturiert wurde.

Im Erdgeschoss entstand im Laufe der Jahre der in der Mariahilfer

Es ist der Geist, der im

Haus wohnt.Wenn er

da nicht wohnt, dann

ist es ein leeres Haus –

im wahrsten Sinne des

Wortes.

Strasse gewohnte Fassadenmix aus verschiedenen Geschäftsportalen.

„Der Umbau lässt das Haus wieder als einheitliches Ganzes

erscheinen. Die Erdgeschoßzone wurde heutigen Geschäftsportalen

einer Einkaufsstraße gerecht

gestaltet“, so der beauftragte Architekt Zeytinoglu. „Die Eckgaupenlösung

der Dachflächen am Kreuzungspunkt Mariahilfer Straße

- Getreidemarkt resultierte aus der konsequenten Weiterführung

der Grundrissgeometrie des Bestandes, nämlich einer turmartigen

Lösung, die in die Dachneigung knickt. Es wurde kein Eckturm aufgesetzt,

sondern ein Dachgrat ausgeformt, der mit der Geometrie

der bestehenden Ecklösung korrespondiert.“

„Die Mariahilfer Straße 1 ist Ausdruck unseres Design- und Qualitätsanspruchs“, sagt DDr. Michael Tojner, Vorstand

der WertInvest. „Die WertInvest erwirbt Objekte in bester innerstädtischer Lage mit historischer, oft unter

Denkmalschutz

stehender Bausubstanz und

entwickelt und revitalisiert

diese wertvollen Immobilien

Leben ist Leben –

wenn man lebt.

in Kombination mit moderner

Architektur, wie auch im Fall

der Mariahilfer Straße 1.“

Die Gebaute Landschaft:

Weg und Bewegung. Täler und Schluchten.

Projekt: Hotel Falkensteiner Carinzia, Kärnten

Das Hotel Carinzia am Fuße des Nassfeldes manifestiert den Dialog „Landschaft und Gebautes“ und

definiert innere wie äußere Landschaften in einer ganzheitlichen architektonischen Komposition. Als

gebauter Ausläufer der Sonnenalpe nimmt das Ressorthotel die umliegende Natur auf. Großzügige

Atrien, ausgestattet mit Wasserläufen und ausreichendem Grün lassen Naturerlebnisse im Inneren

des Hotels entstehen. Plätze, Wasserfälle, Galerien dienen anstelle von langen Gängen, als Erschließungsstruktur.

Zentrale Schnittstelle bildet immer wieder die großzügig verglaste Lobby, die als „Atriumschlucht“,

die komplexe Anlage (Gastrobereich, Bars, 160

Gäste-Zimmer und Wellness+Spa Zone) um sich versammelt“.

Die Entstehung von einem

Gebäude ist wie eine

schöne Tonalität. Wie

wenn ein Orchester eine

schöne Musik spielt.

Das ganze Gebäude ist Landschaft, die sich zu besonderen Räumen

erweitert: „Jeder einzelne Schritt bietet dem Auge ein neues

Klangelement der architektonischen Komposition, sei es den Ausblick

auf die bebauten oder grünen Fernen oder die Ansicht der

anmutig geordneten nahen Umgebung.“

Unterschiedliche Raumerlebnisse lassen für den Gast eine Stimmungsreise

durch das Gebäude zu: Sakrales Ambiente in der

Saunawelt, die sich in Licht und atmosphärischer Materialität ausdrückt

und Ruhe- und Sinnessräume schafft. Der Gastronomiebereich

teilt sich in stimmungsvolle Zonen, die von Farb- und Lichtgestaltungen differenziert sind.

Nach außen erweitert die Hotelanlage die dörfliche Struktur und bildet ein neues, starkes Zentrum.

Ecken, Kurven und leichte Kanten strukturieren den 200 Meter

langen Baukörper und lösen die Maßstäblichkeit auf. Indem

Erde-Architektur erscheint

nur im Licht. Sonst ist

schwarz. Da seh i nix.

eine permanente Verschmelzung zwischen Außen- und Innenraum

inszeniert wird, wird auch der Außenraum maximiert und

in das Gebäude geholt.


Nr. 22/2009 Buch IV - ZEYTINOGLU

ST/A/R 27

Dachausbau Mariahilferstrasse 1 , Der schönste Dachboden von Wien

ausgeführt durch Metallbau Heidenbauer Ges.m.b.H & Co KG

Hotel Falkensteiner Carinzia, Kärnten


Städteplanung / Architektur / Religion Buch IV - ZEYTINOGLU ST/A/R 29

Dachausbau Mariahilferstrasse 1


30 ST/A/R

Buch IV - ZEYTINOGLU Nr. 22/2009

Cityhotel Falkensteiner, Bratislava


Nr. 22/2009 Buch IV - ZEYTINOGLU

ST/A/R 31

CITYHOTEL BRATISLAVA

Ein Ort der Kommunikation und Entspannung.

Beim Betreten der Eingangshalle befindet sich der Gast in direkter Sichtbeziehung

zur Rezeption - ein in Bronze gekleideter Solitär.

Mittels transparenter Verglasung zur Lobby getrennt, erstreckt sich entlang

des Eingangbereiches ein offener Restaurantbereich mit Buffet und Showküche,

der sich anhand von luftigen, textilen Elementen öffnet oder schließt

und dadurch die Wandlungsfähigkeit des Erdgeschosses unterstreicht.

Den Mittelpunkt des Eingangs-und Empfangsbereiches bildet die Lobbybar,

ebenfalls als Solitär im Raum wahrnehmbar, eingebettet in unterschiedlich

definierte, räumliche Beziehungen.

Hotelbar, Communication Zone, Cigar Lounge und Business Zone formen

sich zu einem ausgewogenen loungeartigen Wohnensemble in der grosszügigen

Hotelhalle.

Die Lobby des Hotels transportiert das Innen nach Außen und das Außen

nach Innen. Beides verschmilzt in der Dramaturgie des Lichts und der Farben

– ein Ort des Sehens und Gesehen Werdens.

Edle, elegante, weiche und im Kontrast stehende metallische warme Farben

und Materialien bilden das Ambiente des Innenraums. Eiche, Velours und

Bronze stehen im Einklang miteinander, vermitteln Wärme und Glanz.

Über die, der Rezeption angeschlossenen Konferenzstiege, erschließt sich

das erste Obergeschoss, das sich jeweils auf einen grosszügig dimensionier-

ten Seminarbereich, sowie denersten Zimmertrakt erstreckt.

Wiederum sind im Foyer der Konferenz der Infopoint, sowie ein Loungemö-

bel, das sich um eine Säule windet, als frei stehende Elemente spürbar.

Der gesamte Gebäudekomplex umschließt dabei einen mittig platzierten

Innenhof, der durch raumhohe Verglasungen den Grünraum ins Innere des

transportiertḋu

Körpers transportiert.

Chic, dynamisch, entdeckungsfreudig Von der hell/dunkel kontrastierenden

Gangatmosphäre, taucht man ein in ein frisches, elegantes Wohngefühl, das

sanft und zurückhaltend den „Flair“ der Stadt unterstreicht.

Das Zimmer vermittelt durch die Auswahl der Materialien, Oberflächen und

Farben eine dynamische, urbane Leichtigkeit, die von einem weiß lackiertem

Möbelensemble getragen wird.

Durch die Verspiegelung des Vorraums und den Glanz des Lacks reflektiert

und öffnet sich der Raum, lässt vorhandene Strukturen ahnend zur Geltung

kommen.

Über den insgesamt 5 Zimmergeschossen thront eine Business -Skylounge,

über die man eine rund umlaufende Terrasse erschließt und die einen Ausblick

auf den historischen Kern Bratislavas freigibt. Weiters befindet sich ein

Wellnessbereich am Dach des Hotels und beherbergt ein Foyer mit Sauna

und Dampfbad. Ruheraum und Fitnessraum sind, wie auch ein Solarium,

vorhanden.

Zwischen Foyer und Fitnessraum erstreckt sich ein kleiner intimer Terrassenbereich,

der zum Verweilen einlädt.

Klassische, zeitgenössische Eleganz erzeugt einen gewissen modernen

„Simple Chic“, der den urbanen Geist reflektiert und und trotzdem ein Gefühl

des „Zuhauseseins“ vermittelt.

Ein Ort mit Seele

und Stil.


32 ST/A/R

Buch IV - ZEYTINOGLU Nr. 22/2009

moved by

experience

Arkan Zeytinoglu:

„Material ist Stoff. Stoffe

ergeben Material. Stoff

als solchen zu entwickeln,

ist förmliche und farbliche

Ideengebung von Material,

welches uns beseelt.“

DESIGN UND FARBKOMPETENZ VERBUNDEN

MIT ERLESENER QUALITÄT!

FLEXIBILITÄT UND TECHNISCHE EXPERTISE

DANK VOLLSTUFIGER PRODUKTION!

WÄHLEN SIE AUS EINEM BREITEN SORTIMENT

AN TREVIRA CS STOFFEN!

UNSER ERFAHRENES TEAM GARANTIERT

IHREN ERFOLG!

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Bitte schauen Sie auf unsere Website

www.baumann.co.at

Bei dem Falkensteiner Hotel & Asia Spa

Leoben in der Steiermark, das im Mai

2008 eröffnet wurde, steht der Aspekt

des sich Wohlfühlens an erster Stelle.

Modernes Design und Lifestyle-Charakter

verbunden mit einem breiten Wellness-

Angebot werden durch die textilen

Akzente stilvoll untermalt. Die 103 Zimmer

und Suiten tragen die einzigartige

Baumann-Note.

Brüder Baumann GmbH

Schremserstraße 38

A-3950 Gmünd

Tel.: +43 2852 9008 0

Fax: +43 2852 9008 209

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Städteplanung / Architektur / Religion

Buch V - PENKER ST/A/R 33

8

έτσι έχουν τα πράγματα

დავდგეთ იქ სადაც ქარიშხალია

טאָכעס אױפֿן טיש

wyobrazić sobie coś, oznacza zobrazować swoją własną świadomość

ВСИЧКО, КОЕТО НЕ МЕ УБИВА МЕ ПРАВИ ПО-СИЛЕН.

so sind die Dinge

Does the system make the language?

нумер

so sind die dinge

www.dadadaacademy.org


34 ST/A/R

Buch V - PENKER Nr. 22/2009

PRO CHOICE

Wolfgang Breuer, “Untitled” 2008, Toner on Color Copy

Ulla Rossek Wolfgang Breuer Tom Humphreys Nate Young Alivia Zivich Harald Thys


Nr. 22/2009 Buch V - PENKER

ST/A/R 35

Zedlitzgasse 3 1010 Wien prochoice.at

Ei Arakawa / Nikolas Gambaroff, “Two - Alphabet Monograms” 2009

Jos De Gruyter Jana Euler Ei Arakawa Nikolas Gambaroff Henning Bohl Sabine Reitmaier


Städteplanung / Architektur / Religion Buch V - PENKER ST/A/R 37

„Flower Structure“

Elisabeth Penker (sonic structure) /Tran Van Anh

(Chello) /Sweet Susie (electronics)

Komposition: Tran Van Anh / ElisabethPenker/Tri Minh

Die Komposition Flower Structure verwendet die 6-Ton Sprache

vietnamesisch als morphologische Struktur Je nach Tonlage hat ein Wort

auf vietnamesisch mehrer Bedeutungen. Das Wort Blume bedeutet

je nach Tonlage Medizin-Maler-Friede-Feuer. Flower Structure ist nach

diesen Tönen/Wörtern arrangiert und wurde erstmals bei den Wiener

Festwochen aufgeführt.

Elisabeth Penker spielt auf ihrem entwickelten Instrument „Sonic

Structure“ mit der Cellistin Tran Van Anh. Van Anh spielte als Cellistin

beim Symphony Orchestra in Hanoi und beim Asian Youth Orchester.

Wiener Festwochen „Flower Structure“ Foto: Marina Faust

Elisabeth Penker (sonic Structure) Van Anh (Chello) Tri Min (electronics)

„Sonic Structure“ hat eine vage Ähnlichkeit mit einem Keyboard und

ist aus Holz und industriellen Materialien gefertigt. Alle Klänge, die auf

dieser Konstruktion erzeugt werden, werden mithilfe einer Reihe von

in unterschiedlicher Höhe montierten Mikrofonen verstärkt, wodurch

es Penker ermöglicht wird, Musik zu machen. Ihre Würdigung von

Luigi Russolos „The Art of Noise“ und Jack Foley.s Aufnahmemethoden

für Filmsoundtracks ermöglicht ihr, ein Vokabular für Rhythmus und

sprachliche Transformationen zu finden. Mithilfe eines Orchesters,

das, obwohl es nur aus industriellen Materialien gefertigten

Instrumenten besteht, in der Lage ist, jene Kräfte einzubinden, die in

die differenzierteste Klangstruktur überhaupt -die Sprache- eingebettet

sind, gelingt Penker eine geglückte Neuformulierung der alten Formel

der Avantgarde.

Wiener Fest Wochen 2009-11-21

Link zu Video von Wiener Festwochen „Asian Village“2009 http://vimeo.com/7205727

Ein Projekt von Wolfgang Schlag & Susanne Roggenhofer

*************

Studio

Elisabeth Penker

Franzengasse 13/1a

A-1050 Vienna

M:0043 (0)681 1036 5210

E: elpenker@gmx.at


38 ST/A/R

Buch V - PENKER Nr. 22/2009

Marina Faust

arbeitet seit 1989 in Zusammenarbeit mit Maison Martin Margiela

als Fotografin und Videokünstlerin.

Ihre Fotos, Texte und künstlerischen Projekte wurden in

Zeitschriften wie Purple Fashion, Le Purple Journal, Numéro

Magazine (Japan), A Guide Magazin und Rondo (Wien), A Magazin

(Belgien) & Ppaper Shop Magazine (Taiwan) veröffentlicht.

Eine Gruppe ihrer traveling chairs, die 2007 in der Galerie Song

Song zu sehen waren sind Teil der Sammlung im MAK (Museum

für Angewandte Kunst, Wien)

Ihre Fotoserien, persönliche Visionen über die Arbeit und

Persönlichkeit anderer Künstler, werden regelmäßig in der

Französischen Kunstzeitschrift Frog publiziert.

Marina Faust bezeichnet für sich selbst den Publikations-Raum

(Zeitung, Magazin, Buch) als Wahrnehmungs- und somit als

künstlerischen Raum.

Ihre Arbeiten wurden in Japan, Korea, Frankreich und Österreich

ausgestellt.

Ihre nächste Ausstellung ist für das Jahr 2010 in Wien in der

Galerie Song Song geplant.

www.gallerandethefilm.com.

Marina Faust, Selbstporträt mit Punkten, 2009, C-print, 80cm x 46cm, Paris, courtesy the artist


Nr. 22/2009 Buch V - PENKER

ST/A/R 39

Marina Faust, Installation, 2004, Mohair und Styropor, 230cm

x 130cm x 90 cm, mit Purple Institute, Bibliothek des Institut

Culturel Français, Mailand, courtesy the artist

Marina Faust, traveling stool und traveling chair, 2009, Holz, Metal, Chrom, Gummireifen,

80cm x 80cm x 67cm und 80cm x 80cm x 100cm, Paris, courtesy the artist

Marina Faust

Marina Faust, Pleaser, 2008, Vinyl und Glas, 55cm x 35cm x 15cm, Paris, courtesy the artist


40 ST/A/R

Buch V - PENKER Nr. 22/2009

JULIE RYAN 303 Gallery, NY

Julie Ryan artist, writer and curator of „The Red Thread“, which most recently

occured at Dana Charkasi Gallery here in Vienna, is presently an artist in

the Linikus sponsored Artists Residency in Bauernmarkt. Though Ryan is

not new to vienna, she is searching for her position in Vienna, a place which

generally doesn’t embrace arists who also write and curate.

Q: How did you come to Vienna initially (was it to paticipate in Franz West’s

opera?)

Julie:

Yes, I was living in Paris and Mary Heilmann called me from Vienna. She had

an exhibition here and was travelling alone and invited me to visit. 14 and

half hour train ride later I joined her. I met Franz then and he invited me to

return and perform for the opening of MUMOK. Since then I have spent my

time in Vienna.

In 2005 you curated „the Read Thread“ shows in Seattle & New York of Austrian

(and others living or connected to Vienna) about the artists you were

directly in contact with at the time Franz West, Muntean Rosenblum, Markus

Schinwald, Lisa Ruyter etc., were as the new ve

rsion here at Dana Charkasi is moving forward, new contacts and new

people in vienna, but also backward as a portrait of the gallery... can you

explain a little.

Julie:

I had had the idea to organize an exhibtion in Vienna. But not seconds after

thinking of it, it seemed a political quagmire. It dawned on me that I was in

a unique position by having access to a space in NYC, the Educational Alliance

where I had curated a series of well received exhibtions over the years.

At this time in 2003, a series of Austrian shows were in the US and I felt

that though they represented an aspect of the Austrian artscene that there

was a vital international scene here that was not being seen or heralded.

Hence, The Red Thread. A cross section of Austrian born and also artists

who choose to live or spend time in Austria that were not on the Austrian

radar as such.

The shows opened almost simultaneously in NYC and a private gallery in

Seattle WA (on both coasts). The Red Thread was conceived as a fexible

platform presenting various aspects of Vienna art scene both conceptual

and physical. It its most recent incarnation at Dana Charkasi Galerie I took

a few artists from the original show and also looked back into the gallery’s

own history by including Joseph Bauer and Johann Fruhmann.

ST/A/R:

Your Paintings which are small quirky abstractions with bits of

lanscape references but also ‚painting about painting’ in the way

you are dealing with composition, brushstrokes etc.

Julie:

Painting is the most fundamental aspect of my work. I am interested in the

qualities of paint and painterly allusions to those qualities. Things that look

Fast being made slow, slow appearing fast and throughout that process

glimpsing back at the paintings own history of being made and paintings history

of becoming. The most recent paintings refer to landscape but all paintings

are landscapes or still lifes to some degree. I am interested in how we

live with art. Images that are grasped quickly or emerge over time and are

intended to be viewed at a certain distance away from the space of making.

Guston make entire paintings without walking away from the canvas. Created

at arms length, literally. One feels both the centrality of that experience literally

on the canvas and also that the image itself has a peripheral stance.

This physical experience before an artwork fascinates me as an artist.

ST/A/R:

...and the objects or „Wandgeiger“ which are sort of a deconstructed violin

re-assembled onto the wall and which can be played with a bow. Can you

explain how you came accross this idea and how its changed (or developed)

through the various versions which you have presented in Vienna, Belgrade

and most recently at 303 Gallery in New York.

Julie:

If painting, image making, is about space then music is about time. And

I have struggled to conjoin the two. To make an image that seems ideally

viewed at some distance necessitate a closer approach, a touch even. The

Wall Violins which originally came out of a perversion of the story of the Magic

Flute amputates the wing of the Vogelfanger’s bird. What may seem romanticized

or idealized actually has a bit of bloody stump at the end of the feather bits. The

Wall violins also plays the wall - the history of the building where it is installed, the

resonation of the architecture. It can also exist as a substructure over a wall. The

sound itself is more percusive than melodic though each instrument surprises

me. How much sound can emerge from a strung wall. The bridges suspending the

strings are based on actual stringed instrument bridges but I designed to mimick

mountains or fi re to create the tension to be played.


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch VI - AUTO-STAR ST/A/R 41

David Staretz

schreibt, redigiert und fotografiert den Auto-ST/A/R


42 ST/A/R

Buch VI - AUTO-STAR Nr. 22/2009

BENTLY

Bentley Continental Supersports

ZUCKERROHR UND PEITSCHE

Der neuen Bentley Continental Supersports ist der stärkste

und in konkreter Weise erdverbundenste Bentley aller Zeiten

TEXT UND FOTOS: DAVID STARETZ

Christina Surer kann meinen Annäherungsversuchen

nicht mehr standhalten. Ok, ihr stehen

nicht 680 PS zur Verfügung, ihr SLR McLaren

Edition 722 hat um 30 PS weniger als mein Hardcore-

Racing-Tool (das kann man allerdings als Serienstreuung

durchgehen lassen), aber so knallhart, wie ich

aus der Fahrerlagerkurve von oben runtergestochen

komme, so verwegen, wie Baron Richthofen sich aus

der Sonne in den Nacken des Gegners fallen ließ, das

scheint sie doch überrascht zu haben. Gebietet es meine

Höflichkeit, zu blinken? Ach nein, es gibt ja keinen

Blinker hier in der Rennversion des SLR McLaren722

GT. Rennversion? Was läuft hier eigentlich?

Bitte erst mal von vorn. Also, wir erinnern uns:

Mercedes entwickelte zusammen mit McLaren einen

Supersportwagen auf der Höhe seiner Zeit, dem trotz

extremer Features wie Sidepipes, völlig glatter Unterboden,

Carbon-Body vorgeworfen wurde, ein bißchen zu

fancy zu sein, sich beliebt machen zu wollen bei Leuten,

die nicht so viel Sachverstand wie Geld besaßen. Es

ist auch kein Geheimnis, dass der Wagen dann nicht so

kompromisslos wurde, wie McLarens Headbrain Gordon

Murray dies vorgestellt hätte. Er hätte sich wohl

eine Steigerung seines F1 gewünscht.

Herbst 2008, fünf Jahre später: Der Wagen lebt, verkauft

sich nach Belieben, beherrscht seinen Auftrag,

die Funktion eines Imageträgers zu verwalten, um der

breiten Mercedes-Käuferschaft klarzumachen, dass

man sehr gut weiß, wie die lauten Töne gespielt werden.

Man offenbarte den SLR McLaren Roadster und danach

noch den auf 150 Exemplare limitierten Edition 722 mit

strafferem Fahrwerk, leistungsgesteigertem Motor (um

25 PS auf 650 PS), weniger Gewicht (minus 44 kg) und

Keramikbremsen.

Um die Zündschnur der Begeisterung am Brennen zu

halten, gründete man den Club SLR, der den Vorteil

hat, keinerlei Eintrittsgebühr zu verlangen, allerdings

ausschließlich SLR-Besitzern vorbehalten ist.

Unter diesen Passionierten wiederum gründete man

eine Gentlemen-Renngesellschaft, einen Markencup

oberster Gehobenheit, befeuert von der auf 21 Exemplare

limitierten Racing-Version namens 722 GT.

Hier, in der kompromisslosen Zurichtung auf Rennmaschine,

herrschen Rennfahrwerk, funktionale Aerodynamik,

680 PS, ein Drehmoment von 830 Nm und

ein Leistungsgewicht von zwei Kilogramm pro PS, kontrollierbar

aus einem kompromisslos zugeschneiderten

Renncockpit.

So. Und hier, wo von den Privat-Racern richtig viel

Geld ausgegeben wird, um die vom Rennstall und

Engineering-Unternehmen Ray Mallock präparierten

Fahrzeuge zu erwerben, sie unter Dampf zu setzen

samt Mechanikern, Boxencrew, Telemetrie, Catering,

Hostessen, und was noch alles zu einem gelungenen

Wochenende gehört, wollte man dem Spaß noch eins

draufsetzen. Also lud man hochverdiente Haudegen

des Rennsports dazu, wie Christian Ludwig, Jochen

Mass, und Jean Alesi, sowie Chris Goodwin, Michael

Mallock oder Christina Surer aus der jüngeren Fahrergeneration.

Zusammen mit den Privatfahrern werden

sie zu den Teams gelost, um dem ganzen Renngeschehen

mehr Pep zu verleihen.

Vorläufig sind etwa elf Fahrzeuge im Einsatz, das ist ok

für die erste Saison, sollte aber noch besser werden.

Erstmals wagte man sich auch daran, zwei, drei Journalisten

ans Steuer zu lassen, also einen nach obenhin

kaum zu beziffernden Schaden in Kauf zu nehmen.

Um der Sache die Spitze zu nehmen: Nach dem kom-

Abenddämmerung über Sevilla, so wie man sie als Bentley-Gast von der

Dachterrasse des Italienischen Consuls aus genießen kann. Flying Canapées,

Champagnerempfang.


Nr. 22/2009 Buch VI - AUTO-STAR

ST/A/R 43

plizierten Reinturnen war nichts mehr so mühevoll

(außer dem Aussteigen). Multimillionären wird auch

nichts geschenkt.

Aber dann: Die tiefe Sitzposition, dieses Eingepacktsein

in die Schale, das Heranwachsen von Lenkrad und

Paddles, die grandiose Knopfgalerie, das abknöpfbare

Steuer, das heisere Anfachen des Maschine in der Box,

nachdem die Mechaniker die Luft für die vier im Wagenboden

integrierten Hebestempel aus der Hydraulik

gelassen haben und der Wagen schlagartig um zwanzig

Zentimeter zu Boden fällt, das Rausrollen ans Tageslicht

unter frenetischen Gasstößen, nochmals zurück,

(Retourgangfummeln im E-Display) weil der geringe

Einschlag nicht reicht, jetzt aber richtig voran und

Christina Surer hinterher, die mir die Pace macht und

längst schon in die Schikane einschneidet.

Das macht alles unerhörten Spaß, von dem ich gar

nicht erklären könnte, woher er kommt, denn jetzt ist

alles netzfrei ungesichert, dröhnend laut und metallen

schroff, doch mein Vertrauen in Fahrwerk, Bremsen

und Christinas Linie lässt Raum, um diese frenetische

Kraftentfaltung, das massige Einfurchen, das

sideslide-gewandte Durchspulen der wie getöpferten

Nocksteinkehre oder der sich zur Schikane einkringelnden

Fahrerlagerkurve richtig zu genießen, somit

aber nahe an eine gefährliche Selbstgefälligkeit zu rücken,

der Gegenhaltung zur angebrachten Demut; und

einen Moment lang denke ich an einen Tennisspieler,

der nach seinem Outsider-Sieg sagte: „Sobald man sich

im Vorsprung sonnt, sich an der anbahnenden Sensation

delektiert, vergisst man, das es um nichts anderes

als den Kampf um den nächsten Punkt geht. Nur der

zählt! Sonst verliert man Konzentration und Spiel“. Das

rückt mich wieder zurecht, und ehe ich wirklich glaube,

dass Christina mich resigniert vorbei lässt, um mir

freies Bolzen zu gewähren, schau’ ich lieber noch in

den zittrigen Rückspiegel und ziehe gleich den Nacken

ein (und klemme die Backen zusammen), denn hinten

kommen Jochen Mass und seine Trainee, ein Privatfahrer,

im Duett herangeröhrt und brausen vorbei, dass es

mir beinah Heckspoiler aufstellt. Sie hat also nur meinetwegen

gebremst, um schnelleren Verkehr vorbeizulassen.

Naja, lern deinen Platz kennen. Immerhin ist

der gar nicht so übel hinter einem der prominentesten

und hübschesten aller Racinggirls, dem es perfekt gelingt,

zwischen echten Renn-Einsätzen, ihren Aufgaben

als Model und Markenbotschafterin (etwa für Seat

und Yokohama) und, wie hier, als Driver/Trainer zu

brillieren.

Sie kultiviert am Salzburgring, (immer noch ein unerforschtes

Gelände für Sucher der Ideallinie), die flache

Linie, eine umstandslose Kampfspur, wo dir niemand

ins Gewand fahren kann. Sie macht schon kurveneingangs

klar, wem die Führung gehört, und wenn du

durchaus imponieren möchtest, so darfst du beim Anbremsen

ein wenig später und härter ins Eisen steigen,

aber wie sich schnell zeigt, ist Geschmeidigkeit immer

noch die bessere Taktik, das Mitnehmen von Geschwindigkeit

in die Kurve, wie es Christina so beispielhaft zelebriert,

aber wie eine gute Freundin und Pferdediebin

wartet sie hinter der nächsten Ecke, lupft hie und da einmal

das Hauptpedal für dich, und flash-artig muss ich

dran denken, wie ich mit siebzehn in eine gleichaltrige

Schilehrerin verliebt war und wie schnell ich damals

lernte im reinen Bestreben, sie nicht aus den Augen zu

verlieren. Ich sehe Christinas Locken vor mir die Zielgerade

entlang fliegen. Ob auch masselose Schönheit

der Fliehkraft unterworfen sind? Wüsste ich nicht, dass

sie Helm trägt, ich würde dringend vermuten, dass sie

den Lidstrich nachzieht und die Lippen auffrischt, während

ich hinter ihr mit Klauen und Zähnen am Lenkrad

kämpfe, um noch ein Zipfelchen Windschatten zu erhaschen.

Tease me, please me, thrill me, grill me, aber

bitte don’t kill me. Als sie in die Boxenstraße einbiegt,

wirkt das wie eine Einladung zum Cocktail. Aber wir

sind hier Professionisten in unseren Kisten, erst mal

das Interview in den Kasten bringen.

*

Es wäre übertrieben gewesen zu sagen, dass Frau Surer

schon umgezogen war, als ich an die Box zurückhechelte,

aber ihre Frische und Geschminktheit waren

beschämend. Gekonnt vermied sie jeden Kommentar

über unseren Pas de deux, denn sie ist eine höfliche

und anregende Gesprächspartnerin, mit der man sich

über allerlei unterhalten kann, auch über das Wetter.

Aber dieses Thema würden wir gewiss nicht anschneiden.

Übrigens: Christina ist nicht die Tochter, sondern die

Exfrau des ehemaligen F1-Piloten Marc Surer. Und natürlich

vergeben.

Das Hotel der

Veranstaltung, die

Hazienda Benazuza.

Besser drinnen sein

als draußen vor der

Kamera.

Warnung am

Schaltkasten:

So

kann dich

der Blitz

treffen.

Das Cockpit, bewußt metallen,

Reminiszenz an die Great Racing Days.

Der abgespeckte Ledersitz. Carbon hält

den Rücken steif.

Das B, hier im Speichenkranz, prangt

sogar auf den Ventilkappen der Reifen.

Brunnenfigur, mit Bronze-Inlay liebevoll

ausgebessert.

Bentley Continental Supersports am Rande eines Raumalphabets.


Städteplanung / Architektur / Religion Buch VI - AUTO-STAR ST/A/R 45

KAUM

ERSCHIENEN,

SCHON IM

MUSEUM

TEXT UND FOTOS: DAVID STARETZ

Der Lamborghini Reventón ist nur mehr

auf dem Gebrauchtwagenmarkt zu haben,

allerdings wird man ihn hier auf

keinem Monitor finden: Nur zwanzig

Stück wurden aufgelegt, und wer einen bekommen

konnte, weiß ganz genau, was er da in der

Garage hat. Und dass ihm jetzt mindestens eine

Million Euro auf dem Konto fehlt (Nettokaufpreis

zuzüglich Steuern). Der Reventón, etwas

makaber nach einem Kampfstier benannt, der

im Jahre 1943 den Torero Felix Guzman im

Kampf getötet hatte, basiert auf dem Murcielago

LP 640..Das heißt: Die Hundertermarke durchschießt

der Reventón binnen 3,4 Sekunden.

Und seine Höchstgeschwindigkeit liegt über

340 km/h. Das automatisierte Schaltgetriebe

e.gear knüppelt die Gänge schneller als selbst

ein geübter Fahrer. Und der permanente Allradantrieb

Viscous Traction sorgt dafür, dass die

enormen Kräfte stets in Vorwärtsbewegung umgesetzt

werden. Jedenfalls, solange man nicht in

die Sechskolben-Carbonkeramik-Bremsen steigt,

die den Wagen bei Bedarf wie gegen eine Wand

prallen lassen.

Wie beim Basismodell besteht die Außenhaut aus

CFK, dem ebenso stabilen wie leichten Kohlefaser-Verbundstoff.

Dabei sind die Exterieur- Teile

mit der einzigartigen Karosseriestruktur des

Reventón aus CFK und Stahl verklebt und vernietet.

Der im hauseigenen Centro Stile designte Wagen

ist übrigens asymmetrisch: Auf der Fahrerseite

ist der Schweller opulent ausgeformt, um

die Anströmung des Ölkühlers zu steigern. Auf

der rechten Fahrzeugseite dagegen ist er glattflächig,

um nichts weiter Unterbodenströmung

zu unterstützen. Der aerodynamisch optimierte

Unterboden endet am Heck in einem Diffusor.

Materielien des Innenraums: Alcantara, Carbon,

Aluminium und Leder. Wie im modernen

Flugzeugbau bestehen die Instrumente aus

drei TFT-Flüssigkristall-Flachbildschirmen. Auf

Knopfdruck kann der Fahrer zwischen zwei

Darstellungsformen wählen. Eingefasst sind die

Instrumente übrigens in einem Gehäuse, das

aus einem vollen Aluminiumblock gefräst und

mit einer Haube aus Kohlefaser abgedeckt ist.

Völlig neu ist das G-Force-Meter: Diese Anzeige

zeigt die fahrdynamischen Kräfte, die Längsbeschleunigung

beim Gasgeben und Bremsen wie

auch die Querbeschleunigung in Kurven. Dargestellt

werden diese Kräfte als Bewegung einer

Kugel in einem Kreis, je nach Richtung und

Intensität der Beschleunigung. Ein ähnliches

Instrument findet sich in Höchstleistungs-Flugzeugen.

Auch in der Formel 1 verwendet man

solche Darstellungen zur Analyse der Dynamikkräfte.

Wer einen Reventón aus der Nähe betrachten

will, muss sich ins Museum nach Sant’ Agata Bolognese

bemühen. Dort steht das einzige nicht in

Privatgaragen eingesargte Modell mit der Nummer

20.

LAMBORGHINI REVENTÓN


46 ST/A/R

Buch VI - AUTO-STAR Nr. 22/2009

NEU Ferrari 458 Italia

SURFING AT THE EGDE OF THE MOMENT

Große Emotionen, aufwändig erarbeitet. Ein Ferrari zum Ferrarifahren, am besten täglich.

TEXT UND FOTOS: DAVID STARETZ

Abseits von Jubiläen, künstlichen Emotionen und

historischen Reminiszenzen hat man wieder

einen Ferrari für des Alltags süßen Wahnsinn

hervorgebracht, einen kompromißlosen Supersportwagen,

nicht gefällig, nicht verfettet, nicht mit dem US-

Markt kokettierend. Der 458 Italia ist eine echte Home

Breed, rennsportnah und detailversessen, völlig funktional

konzipiert und aerodynamisch durchsetzt. ”Der

Ferrari 458 Italia führt die Tradition Ferraris fort, durch

technologische Innovationen

aus dem Rennsport den Spaß am Fahren zu erhöhen,

und wurde geschaffen, um die Erwartungen und Ambitionen

unserer leidenschaftlichsten Kunden zu erfüllen”,

heißt es im Pressetext.

Das neue V8-Triebwerk mit 4.499 ccm, 570 PS stark,

ist als Heck-Mittelmotor direkt hinter dem Cockpit versenkt.

Das F1-Getriebe mit Doppelscheibenkupplung

knüppelt sieben Gänge auf Fingerzug durch. Das Fahrwerk

ist rennsportmäßig aufwändig konzipiert, lässt

sich über Lenkradbedienung nachschärfen bis hin zur

absoluten Nürburgring-Konfiguration.

Und, so sagt seine langjährige Privatsekretärin, Sabine

Kehm, es sei kein Marketinggag – Michael (Schumacher)

habe sich wirklich von der ersten Planungsstufe

an laufend eingebracht und das Auto mit Freude und

Engagement bis zur Feinabstimmung begleitet.

Selbst wenn er nur seinen Namen hergegeben hätte, so

hätte er das für eine faszinierende Fahrmaschine getan.

Ein feuriges, befeuerndes, mit dem Fahrer eine innige

Symbiose abziehendes Supersportgerät ohne Reue,

zugeschliffenes Autofahren in einer gegebenen Höchstform,

der nur mehr der Fahrer mutig zuarbeiten kann.

(Selbst auf niedrigst mögliche CO2-Werte wurde geachtet.

Und wer einen schlechtgelaunten Tag hat, kann mit

13,3 l/100 km voranstochern.)

Der völlig neu entwickelte V8 mit 4,5 Liter Hubraum

(was sich aus dem Typencode auslesen lässt) liegt balancegünstig

im Heck, aber vor der Hinterachse, wovon

man sich mit einem Blick durch den Plexiglasdeckel

überzeugen kann.

Seine 570 PS werden über ein F1-Getriebe mit sieben

Gängen und Doppelkupplungsschaltung per stehendem

Lenkpaddle abgefeuert. Das Handschaltgetriebe, einst

geliebte Kulisse, gibt es endgültig nicht mehr. Nur zwei

Prozent aller F430-Käufer hatten es noch bestellt.

Das trotz Fensterheber, Klimaanlage, elektrischer Sitzverstellung

und ähnlichen Annehmlichkeiten erstaunlich

geringe Gewicht von 1380 kg reduziert das PS-Paket

auf 2,42 kg/PS, was es jedermann erlaubt, den Wagen

per LAUNCH-Knopf in 3,4 Sekunden gegen die Hundert

zu werfen. Aber das sind ungefragte Werte in dieser

Liga, wo man ein höheres Verständnis angewandt

schnellen Fahrens sucht, eingespielt mit diesem phantastischen

Doppelquerlenker-Fahrwerk, dessen unterer

Vorderachs-Lenker zwecks geschmeidigerer Anlenkung

L-förmig ausgeführt ist. Hinten arbeitet ein kompliziertes

Multilenker-Gefüge in geradezu organischer

Sehnen-Kinematik die Fahrbahn ab, dass man jetzt

nicht weiß, ob es sich mehr dem Komfort oder mehr der

Sportlichkeit verpflichtet, so geschmeidig geht es auf

jede Straßen- und Fahrsituation ein. Natürlich lässt sich

alles noch nachschärfen in Richtung Sport und RACE

(Rausfliegen erlaubt!), was man mittels ”Manettino”-

Schalterchen direkt auf der Lenkradnabe bewerkstelligen

kann, der neuen Schalterplatte für erste, zweite und

dritte Bedienungshierarchien bis hin zum Scheiben-

Wischwasch. (Selbst der Blinker wird per Daumendruck

abgefeuert, was man in schnellen Kurzschlüssen

manchmal anstelle des Hochschaltens praktiziert.) Nur

das Radio muss per Hand geregelt werden, aber das ist

einfach: Ausschalten genügt, denn diese Musik kommt

aus keinem Sender, die gibt es nur als Live-Orchester,

und sie erfüllt einen symphonischen Auftrag.

Die Sitzposition ist so ins Auto hineinkonzentriert, dass

sich der Beifahrer zum Balancepaket reduziert. Füße

weit vorgestemmt und rechte Hand am Türgriff. Mehr

Funktion hat er nicht.

Alles ist dem Fahrer zugewandt, allen voran der zentrale

Drehzahlmesser, eine Ikone der Motorenanbetung, deren

Gnadenfeuer bis 9000 Touren reicht, was natürlich

zu neuen klanglichen Dimensionen kontrollierter Hysterie

führt, einem Lied über sämtliche Oktaven sinnlicher

Wahrnehmung, sprühend, freudvoll, und erhebend,

das den Fahrer als integrierten Resonanzkörper

in die Gesamtkomposition Ferrari Italia miteinbezieht,

bis er sich schäbig vorkommt, all dies mit schnödem

Geld erkauft zu haben. 236.900 Euro. Es gibt Leute, so

erzählt man bei Ferrari, die bestellen schon automatisch

die nächsten vier, fünf Modelle vor, damit sie garantiert

bei der Erstauslieferung dabei sind. Sonst muss man

sich dreinfügen, achtzehn Monate auf die Auslieferung

eines neuen 458 Italia zu warten.

Dabei hat man nur die reine Dinglichkeit bestellt. Nichts

am Fahrzeug ist überflüssig, nichts geschmäcklerisch.

Die gesamte von Pininfarina entworfene Karosserielinie

ist der Aerodynamik, aber auch dem inneren Luftdurchsatz

verpflichtet. Kleine Ritzen wie die an den Scheinwerfern

spielen eine große Rolle, die Luft tritt über den

Kotflügeln wieder aus, liegt gebändigt an der Karosserie

an, kühlt und drückt den Wagen (bei Vmax mit 360

kg) zu Boden, so dass man von einer virtuellen Existenz


Nr. 22/2009 Buch VI - AUTO-STAR

ST/A/R 47

Schumi wohnt hier nicht mehr. Aber er kommt immer

wieder gern vorbei, um seinen lukrativen Beratervertrag

abzuarbeiten.

eines Negativkörpers aus Luftfluss und Wirbelströmen

sprechen kann – selbst der Luftaustritt im Heck legt

noch ein Schäufelchen nach und verabschiedet den

Wind so, dass er nicht lästig nachhängen möchte, sondern

grußlos entschwindet. Auch die Menjou-Bärtchen

an der Frontlippe sind funktional: Bei zunehmender Geschwindigkeit

ändern die Winglets ihre Lage und steuern

den eindringenden Luftstrom zunehmend in die Kanalrichtung

”weniger Kühlung, mehr Downforce”. Also

in Richtung des flach ausgebildeten Unterbodens.

Der neue V8 mit Trockensumpfschmierung ist völlig

kompromisslos aufgebaut. 127 PS pro Liter sind eine bei

Saugmotoren bisher unerreichte Dimension. Er besitzt

einen kompromisslos durchkonstruierten Aufbau, um

die maximale Drehzahl von 9.000 U/Min. zu erreichen

– ein Wert, der noch nie zuvor in einem Straßenwagen

erzielt wurde. Das Kompressionsverhältnis beträgt 12,5:1

bei einer Leistung von 570 PS. Dies führt zu einer spezifischen

Leistung von 127 PS/L, was ebenfalls ein neuer

Richtwert für Saugmotoren ist.

Das enorme Drehmoment – 540 Nm bei 6.000/min,

über achtzig Prozent davon ab 3.250/min – lässt den

Spaß schon früh einsetzen. Dennoch steigt die Leistungskurve

bis zur 9000er-Marke hin ununterbrochen

an. Auch das spezifische Drehmoment von 120 Nm/l

ist ein Rekordwert.

Man achtete auf geringste innere Reibung (etwa dank

graphitbeschichteter Kolbenschäfte) und erdachte ein

neues Schmiersystem, das die sogenannte fluidodynamische

Effizienz erhöhen half. Bildhaft übertrieben: Es

wird nicht mehr mit Öl gepritschelt, sondern mittels

Pumpendruck und Gegenvakuum ein kontrollierter

Ölfluss erzeugt, der innere Reibungen reduziert. Dazu

wurden auch spezielle Ölpumpen mit variablem Druckaufbau

erdacht, die ihre Leistung bei höheren Drehzahlen

reduzieren.

Das Motormanagement stellt vier verschiedene Konfigurationen

der Ventile für optimierte Drehmomentwerte

in sämtlichen Drehzahlbereichen zur Verfügung. Drei

pneumatische Drosselklappen befördern à la Trompete

den idealen Luftdurchsatz in jeder Lastsituation.

Split Injection verbessert die Motorleistung. dank Zwei-

Phasen-Einspritzung werden die Verbrennungseffizienz

und das Drehmoment im niedrigen Drehzahlbereich

gesteigert. Ein hoher Einspritzdruck (200 bar) garantiert

eine ausreichende Zerstäubung des Benzins sowie

ein optimales Luft/Benzin-Gemisch bis hin zu 9.000

min. Auch dies führt zu gesteigerter Leistung und niedrigerem

Benzinverbrauch.

Die Abgasanlage wurde so durchkomponiert, dass man

jede Fahrsituation akustisch unterlegt bekommt, ohne

dabei aber je genervt zu sein.

Das 7-Gang F1-Getriebe mit Doppelscheibenkupplung

wurde in seiner Funktion zugespitzt,, um möglichst

schnelle, dabei sanfte Gangwechsel zu ermöglichen. Diese

Technologie basiert auf den voneinander unabhängigen

Managements der geraden und ungeraden Gänge,

die durch zwei separate Eingangswellen vorgewählt werden.

Die Schaltzeiten, also das Überlappen der Phasen

des Öffnens und Schließens der beiden Kupplungen,

liegt bei Null, wodurch es keine Unterbrechung des Motordrehmoments

auf die Antriebsräder gibt, sondern

nur sprühendes Voranbeschleunigen, so lange man am

Gas bleibt

Nach den Setzkasten-Beauties 612 Scaglietti, 599 GTB

und dem schillernden California mit V8-Frontmotor

besetzt der 458 Italia wieder das Dino-Fach, also die

Rolle des Junggesellen-Ferrari zum Fahren aus Freude

am Ferrarifahren, das idealerweise keinen Zweitwagen

verträgt. Kann man sich dann wahrscheinlich eh nicht

mehr leisten.

Alles fließt. Die Linie ist durchgängig und aerodynamisch

auf gleichmäßig anliegenden Fahrtwind hin konzipiert.

Im Uhrzeigersinn: Wie eingeschmolzen wirkender

Motor, Mittelkonsole minus Schalthebel,

Lenkrad wie im Rennsport, Lichtgranate

mit Leuchtdioden im Heck und ein vom

Beamten handsigniertes Probekennzeichen

oberhalb der Auspuffbatterie.


48 ST/A/R

Buch VI - AUTO-STAR Nr. 22/2009

Glückwunsch von Dr. Denker an Fa. Trenka

Der Café als Suppe, die Zigarre aus Brot,

der Cognac ein Sherry: Die Vorspeise zu

Daniel Spoerris palindromischen Diner.

Energisch, dynamisch, langer

Atem: Michaela Kamler vor

dem Geburtstagskuchen

Auch Nachts imposant: Der

Eingang zu den Festsälen in

den Hofstallungen.

100 Jahre Eucarbon, 100 Jahre Erfolg mit Kohle!

100 Jahre, das ist ein klar beschriebener Zeitraum. Kaufen Sie Eucarbon! So fördern Sie

nicht nur die Ökonomie*, sondern auch die Lebensfreude, denn Eucarbon fördert nicht nur

die Verdauung sondern auch Kunst und Philosophie (Siehe: www.eucarbon.com).

Der *ST/A/R* gratuliert herzlich zum Geburtstag und freut sich

auf die weitere Zusammenarbeit.

Die feinsten Häuser vor Ort feiern mit:

MAK, MUMOK und HOTEL SACHER.

Daniel Spoerri

Fachkraft für

EATART und

andere gute

Dinge.

* Besonders in wirtschaftlich anspruchsvollen Zeiten erweist sich Gute Verdauung als vorteilhaft, Detailinformationen erteilt die *ST/A/R*-Redaktion gerne, Stichwort: „Kohle durch Kohle“


Nr. 22/2009 Buch VII - Häupl & Wittgenstein

ST/A/R 49

Architektur und Sprache

Heidulf Gerngross, 2009

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Visualisierung: Kurt Caballero


50 ST/A/R

BEITRAG ZUM

LITERARISCHEN DISKURS

ÜBER DEN FEHLENDEN

DISKURS

(aus ganzheitlicher Sicht) v. Manfred Stangl

Über den Begriff der Moderne rümpft

Helmut A. Gansterer anlässlich

deren hundertjährigen Bestehens

im Profil 6 vom 4. Februar vergangenen

Jahres die Nase. Am besten schenke man

der Moderne zum runden Geburtstag

die Vernichtung ihres Namens, meint er.

Attraktiv klingt seine Idee, den Zeitpunkt

für das Geburtsjahr deswegen zu wählen,

weil nur 19o8 der Anteil der Frauen an der

„Werdung der klassischen Moderne“ gleich

hoch wie der Männeranteil gewesen sei.

Weniger schön finde ich seinen Vorschlag,

nicht den Künstlern weiterhin überholte

Einteilungen wie Moderne, Postmoderne

usw. zuzumuten. Alle paar Monate bezauberten

uns neue KünstlerInnen mit neuer

Kunst, daher solle man diese jeweils mit

der Bezeichnung Avantgarde plus entsprechender

Jahreszahl erfassen. Etwa für die

(voriges Jahr) aktuelle Kunstproduktion

Avantgarde 2oo8 usf. Die Zeit der Ismen

sei vorüber. Die Moderne, gerade weil - in

ihren klassischen Erscheinungsformen wie

Fauvismus, Expressionismus, Futurismus -

leicht abgrenzbar, sei ein alter Hut. Die heutige

Kunst solle endlich dahingehend erlöst

sein, wo sie hingehöre: in die Einzigartigkeit

der KünstlerInnen, die ihren eigenen Weg

gingen.

Bestechend wohlig hört sich der Vorschlag

an - wer möchte nicht einstimmen, alle

Einordnungen, Beschränkungen und

Schubladisierungen abzuschütteln, ob

Künstler oder keiner.

Nichtsdestoweniger steckt hinter dem verführerischen

Angebot ein korrumpierender

Ansatz. Auch wenn positiv gemeint:

die Inkraftsetzung jener Anti-Diktion

würde zu weiteren Relativierungen bestehender

Begrifflichkeiten - ob für die Kunst,

die Philosophie oder die Politik - führen.

Die Verschwammung der Begriffe ermöglicht

denen, die Begriffe zum Zwecke

der Irreführung benutzen, erfolgreicher

Menschen hinters Licht zu führen, was

heißt, ihnen unter Vorspiegelung falscher

Realitäten zu verkaufen, was verkauft

werden soll. Entweder das Image des sozial

engagierten Politikers oder das eines

Künstlers, der stets Allerneuestes erschaffend,

als Künstler hoch im Kurs stehend

erkannt werden muss.

Bezüglich politischer Begriffsverwirrung

argumentierte Andreas Mölzer, man dürfe

das alte Links/Rechts-Schema nicht zu

ernst nehmen: sozialpolitisch etwa stünde

die FPÖ links – ich meine, laut Mölzers

Definitionsverwischungsversuch wäre sozialpolitisch

Hitler ebenfalls links zu verorten,

weil er in Wien nach der Besatzung

Österreichs Gulasch für die hungernden

Arbeiterfamilien verteilen ließ und

Arbeitsplätze in der Rüstung schuf.

Ein Künstler sollte deswegen nicht

Avantgardist 2oo8, 2oo7 oder o9 genannt

werden, weil der Avantgardebegriff zwar

die Schaffung von „Neuem“ annonciert,

das „Neue“ aber als Hauptkriterium für

Kunst zu setzen, einer Idee aus der Zeit der

Aufklärung entstammt. Damit erweist sich

diese Kunstdefinition selbst als Produkt

der Moderne, deren Anfänge durch die

Abschaffung des Begriffs „Moderne“ ins

Dunkel zu stoßen, zur Mythologisierung

von Kunst beitrüge.

Außerdem bewirkte die Abschaffung aller

Begriffe die endgültige Verunmöglichung

des Kunst/Literaturdiskurses. Der Künstler/

Literat, aber nicht nur dieser - ihm sei’s

verzieh’n -sondern alle, die einen verbindlichen

Diskurs, aus welchen Gründen auch

immer, verweigern, würden bei jeder grif-

Buch VII - Häupl & Wittgenstein Nr. 22/2009

figeren Beschreibung eines Kunstobjektes/

Textes sofort mit Phrasen wie: „jede

Bezeichnung ist eine unzulässige Reduktion

und damit Herabsetzung“ und „da beschneidet

wer die Freiheit der Kunst“, oder:

„da will wer begnadetes Schaffen repressiv

eindämmen“, auch: „man darf niemanden

verurteilen“, zur Stelle sein.

Die Übereinkunft betreffs der hochgradigen

Individualisierung gerade am Kunstsektor

führt heute bereits zu beinahe militanter

Ablehnung von Kritik, weil (folgere ich)

das geniale Programm des Kults um das

Individuelle gefährdend.

Jegliche Steigerung obiger Haltung erstickte

freilich eine Diskussion über Kunst

schon im Keim. (Und ich weiß aus eigener

leidvoller Erfahrung, wie schnell Diskurse

abgewürgt werden können). Wolfgang

Ullrich stellte in „Tiefer Hängen“ längst

den Trend in jene Richtung fest, dass Kritik

an einem Kunstwerk sofort als unfreundlicher

bis aggressiver Akt gedeutet wird. Mir

widerfuhr die Auslegung meiner sachlichen

Kritik an moderner Literatur als Verächtlich-

Machung der AutorInnen : nichts liegt mir

ferner – natürlich breche ich ein Tabu

(wenn ich das heilige Ich der Moderne zerpflücke)

und wird deshalb meine Analyse

als besonders abgefeimt eingestuft, aber

ich achte alle die zeitgenössischen oder verstorbenen

Ikonen der Moderne und sogar

der Aufklärung als Personen, selbst wenn

ich dem Großteil ihrer Weltanschauungen

harsch entgegenarbeite.

Beschäftigung mit Kunst heißt übrigens

immer Kritik. Einmal fällt sie bezüglich

eines Objekts positiver, einmal negativer,

meist von beiden etwas aufweisend, aus.

Dennoch heißt’s zu Recht „Kunstkritik“

nicht „Kunstvergottung“. Da diejenigen

Ströme in der Kunstkritik derzeit vorherrschen,

die Aussagen über Kunstobjekte

ohnehin nur in Bezug auf innere

Mechanismen und Stimmigkeiten zulassen,

führte die gänzliche Aufhebung umreißender

Grenzen endgültig ins Begriffs-

Nirwana. Franz West – wie es scheint ein

hochtalentierter Künstler – formulierte

seine Abneigung begrenzender Begriffe

mit der Aussage: „Eigentlich kann der

Betrachter stets nur sein persönliches Urteil

treffen. Ein Kunstwerk gefällt einem eben,

oder es gefällt einem nicht.“ Mit diesem

„Kritikansatz“ würde Kunstkritik auf ein

höchstpersönliches Geschmacksurteil

herunter gebrochen und damit jeglicher

objektivierenden Anstrengung enthoben.

Nun sei selbstredend jedem sein persönliches

Geschmacksempfinden und damit

Geschmacksurteil zugestanden. Aber

das Ergebnis muss nicht, wie implizit erträumt,

die Verfeinerung und Ausprägung

des individuellen Geschmacks bedeuten:

meiner Meinung nach geschieht eher

die Nivellierung des Individuellen, das

mangels verbindlicher Kriterien neben

dem „gefällt mir, gefällt mir nicht“ auf

vorgegebene Codes zurückgreifen wird,

und diese beleuchte ich ja in meiner

„Ästhetik der Ganzheit“ kritisch, wobei,

was die Auflistung solcher Codes betrifft,

C. Saehrendt und S. T. Kittl in ihrem Buch

„Gebrauchsanweisung für Moderne Kunst“

hervorragende Arbeit leisten.

Die Disziplin des Diskurses geriet allein

deshalb in Misskredit, weil eine

Inszenierungs- und Medienkultur wie die

unsere überhaupt zu keinem Thema längere

Debatten zulässt. (Außer zum Thema

Islam/Islamismus vielleicht, wo in übergreifender

Islamophopie sich gar Falter-

Journalisten mit BZÖ- Politikern beinaheverbrüdern

– gesehen im Talk of Town

anlässlich der Religionslehrerpolemiken).

Ansonsten finden zu diversen jeweils aktuellen

Gelegenheiten Club 2 Diskussionen

statt, oder werden Stehgesprächsrunden

zusammengetrommelt, doch die Reduktion

von Information zur Ware, der zu

Folge selbst (insbesondere) emotionale

Betroffenheit rasch in bare Münze (bzw.

Verkaufs- und Zuseherzahlen) umgesetzt

wird, verunstaltet die Ideale der globalen

Dauerinformation zum Medienrummel.

Geschehnisse scheinen nur an einem Tag

interessant, längstens solange nicht zu

viele andere Fernsehstationen darüber

berichteten. Zusammenhänge zwischen

den Begebenheiten sind irrelevant,

werden weder gesucht noch wenigstens

anerkannt und das grausigste Ereignis

ist einige Tage nach dessen medialer zu

Tode Aktualisierung in der Flut der nachfolgenden

„Informationen“ vergessen.

Deshalb fordert das Volk kaum politische

Verantwortung ein bei Krisen. Deswegen

nimmt es sich selbst als außerhalb der

Ereignisse stehend wahr. Darum sind die

Informationsofferten der Massenmedien

nur Unterhaltungsprogramm, bei dem

Wichtiges erst wieder in den Fokus rückt,

wenn die nächste unglaubliche Nachricht

die Erde erschüttert – bis zum allernächsten

Tag. So wächst indessen unbeachtet

die alltägliche Gewalt, so verkommen

unsere Kinder zu psychischen und emotionalen

Krüppeln, so verdrängen wir die

Probleme der Pflege in einer überalterten

Gesellschaft, so auch ignorieren wir die

erbarmungslose Ausbeutung Afrikas und

schlittern starrenden Auges in die nächste

Weltkrise (Klima und/oder Finanzen) - und

blicken uns dann erstaunt um, weil keiner

warnte.

Alexander Schießling stellte im letzten

(dem Winter-)st/a/r fest, dass desgleichen

keine Literaturdiskurse (oder Kunstdiskurse

generell) stattfinden. Saehrendt und Kittl

bemerken eine Mutation der Kunstkritik

(durch Kuratoren und Kritiker) hin zum

elaborierten Werbeslogan, der Mega-

Ausstellungen gewinnbringend einem

Massenpublikum anpreisen soll. Diesen

Überhang zu Vermarktungskriterien

und vor allem zu einer allgegenwärtigen

Oberflächenkunst konstatiert ebenfalls

Schießling. Er meint allerdings, dass dieser

Konsumkunst jene Talente gegenübergestellt

gehörten, die im Schattendasein darbend

im Leid ihrer Existenz die Initiation

des Künstlers/Dichters erfahren. Meiner

Einschätzung nach ist gegenwärtig (im

Gegensatz zur klassischen Moderne)

nicht Leid der Nährboden, aus dem Kunst

quillt, sowenig ich freilich die augenblickliche

Überhöhung des Erfolgreichen,

Bekannten und Teuren (was alles meist

im Originalitätsspektakel zusammenfließt)

als Kunstkriterium anerkennen möchte.

Der Zorn einiger gegenwärtig bedeutender

AutorInnen/KünstlerInnen (gerade in

Österreich – siehe Streeruwitz oder Jelinek,

welcher im Speziellen für ihr unermüdliches

politisches Engagement Anerkennung

zu zollen ist) richtet sich gegen die

Scheinschönheit der Glitzerwelt, wie sie

Werbeindustrie und Hochglanzmagazine

feilbieten. Doch funkeln die beiden - scheinbar

sich ausschließenden - Welten als die

zwei Seiten derselben Medaille. Auf der künstlich

schillernden prostituieren sich junge

Frauen, die gerne Top-Models wären durch

den Seelenstriptease (bis von den Seelchen

nichts mehr eigenes bleibt - Model im

wahrsten Sinne des Wortes, hineingegossen

die Erwartungen der schönen neuen

Bilderwelt: wobei am katastrophalsten sich

bei allen Super-Star-Shows die - nicht allzu

- unterschwellige Botschaft auswirkt, es

zählten nur die Besten, die Fittesten, die

Konkurrenzbereitesten, Ehrgeizbesessenst

en,Wettbewerbsgierigsten, Erfolgsgeilsten:

trägt dann die Masse der „Verlierer“ nicht

zu größerer Hoffnungslosigkeit in der

Gesellschaft, zu Selbsthass und Projektion

der verzweifelten Wut auf Randgruppen

bei?) und über die Fernsehkanäle flimmern

die Storys der Reichen, Schönen und

Berühmten, doch auf der anderen Seite - im

„Schatten“ - tummeln sich ebenfalls einige

eitle GesellInnen, die ihren Schmerz zur

Schau stellen, ihn zu vermarkten gemäß der

Regel: der groß Leidende müsse zugleich

der große Künstler sein. Solch Auffassung

brachte nach meinem Verständnis eine

Kunstideologie hervor, die Kunst seit der

Aufklärung als Ersatzreligion begreift, die

einerseits als eigenständige Religion (mit

den entsprechenden Merkmalen, wie völlige

Autonomie etc.) sich selbst verheißt,

sowie andrerseits eine gewichtige Säule

des Überbau der Moderne-Kultur mit

deren Zentrierung ums Ich darstellt. Dazu

müssen, wie in jeder richtigen Religion,

Märtyrer die Übermenschlichkeit der

Ideologie beglaubigen, die sich ja als weitaus

wertvoller präsentieren will, als ein

einzelner Mensch – sei es ein Genie –

je sein kann. Optimal ist natürlich die

Verquickung von beidem: Das Genie ist

zugleich der jung versterbende und als

Held der Moderne(-n Kunst) im Gedächtnis

bleibende Einzelne. Das Genietum wird

damit gewürdigt, der Einzelne unter die

Idee vom Geniesein untergeordnet, doch

verweist der Genialitätskult wieder auf

Vergottung des Einzelnen, des Besonderen,

des Individuellen zurück.

Dass der im Schatten Wuchernde in seiner

Vereinzelung leidet, dass er kein halbwegs

normales, angenehmes Leben führt, tut der

Idee des Großartigen keinen Abbruch. Im

Gegenteil: dieses Unglücklich-Sein, dieses

Leid garantiert ja erst die Wichtigkeit der

von solch Verzweifelten hervorgebrachten

Kunst. Hier muss ich Schießling widersprechen:

ein gewaltiges Stück Narzissmus

gehört zu einem Leben, das auf jegliche

„normale“ Lebensqualität verzichtet, um

vor sich selbst als Außerordentlicher, als

Originaler, als Genie gelten zu können.

Meiner Erfahrung nach quälen gerade die

Talentierten unter den Künstlern/Dichtern

sich leicht ein Leben lang mit dieser

Märtyrerrolle herum, vor allem dann, wenn

sie mehr oder weniger Erfolg haben und

deshalb die Moderne-Masche durchzuziehen

sich berufen fühlen, anstatt Wege aus

dem Schlamassel persönlich zu suchen und

künstlerisch aufzuzeigen.

Aus ganzheitlicher Sicht liegt die

Lösung weder im schönen Schein

der Luxuskunst sich selbst vermarktender

Künstler-Manager, noch in den

Entbehrungen der Schattenexistenz oder

der (oftmals) larmoyanten Konfrontation

der „Durchschnittsbürger“ mit dieser

Gräuel-Welt. Nicht soll den Leuten die

Auseinandersetzung mit den verdrängten,

mit den persönlichen und kulturellen

Schatten erspart bleiben, nicht sollen

die Schandflecken einer Kultur übertüncht

werden, die - wie Schießling spannend hervorhebt

- bereits heute Züge eines szientistischen

Faschismus zeigt. „Der Fritzl steckt

in jedem von uns“, spricht Hubsi Kramer

mutig aus und wird dafür angefeindet, wie

einst Urs Allemann, als er im „Babyficker“

die Sichtweise des Kleinkinderschänders

einnahm, den Leser mit verdrängten

Schemen zu konfrontieren. Entrüstet brüllen

gerade diejenigen auf, welche sich den

eigenen Schatten nicht stellen: Kramer

nutzt den öffentlichen Diskurs, um Kunst/

Theater dorthin zu führen, wo sie/es auch

Wolf Guenter Thiel gerne hätte: in den

Fokus gesellschaftlicher Relevanz, den

Kunst umfassender wieder erhalten könnte,

sobald sie ethisch orientiert (alleine deshalb

schon in einer gleichgültigen, auf Ignoranz

und Profit ausgerichteten Welt) provoziert,

und ihre diversen Stilmittel verstärkend zu

diesem Zwecke nützt.

Natürlich wird der Künstler/Autor den

Einsatz der ästhetischen Mittel genau

abwägen müssen. Provokation als beliebtes

modernes Mittel allein erscheint zu

wenig: sie dürfte nur Mittel zum Zweck

sein – eben, wie es Kramer gelingt, um

Aufmerksamkeit für Inhalte zu schaffen, sodass

er den Zusehern bei „Talk of Town“ zu

vermitteln vermag, dass die allgegenwärtige

Sexualisierung und Pornographisierung

der Gesellschaft zu vermehrtem sexuellen

Missbrauch in den Familien führt.

(Inwieweit ein Künstler dabei wieder bloß

den Medienmarkt bedient wäre gesondert

zu diskutieren, allzu großer Pessimismus

erwiese sich als Hemmnis. Provokation

als Selbstzweck allerdings dient nur der

Eigenwerbung der Super-Markt-Künstler

und der Profilierung sich aufplusternder

Medienkonservativer).

In einem Essay (erschienen in der wienzeile


Nr. 22/2009 Buch VII - Häupl & Wittgenstein

ST/A/R 51

Nr.51) zum Werk Michel Houellebecqs arbeitet

Schießling heraus, dass jener (zumindest)

einer Vorstufe eines szientistisch-biologistischen

Faschismus huldigt, welcher

letztlich den genverbesserten, schönen, jungen

und kräftigen neuen Menschen zum

Ziel hat, woraufhin Schießling von Peter

Gutjahr (im wienzeile Heft 53) gescholten

wird, eine wissenschaftsfeindliche Position

zu vertreten, und wir wüssten ja alle wohin

solch - die Irrationalität beschwörende

- Geisteshaltung führe. Bei allem Respekt

vor Peter Gutjahr als integre Person - ich

musste über diesen Reflex lachen, jede

Kritik an unserer modernen, wissenschaftsgläubigen

und entfremdeten Zeit sofort als

rechtslastig anzuprangern; zu genau erinnere

ich mich an die völlig unsachliche und

undurchdachte Ablehnung meiner ganzheitlichen

Einstellung, die von intellektualistischer

Seite geradezu automatisch als

faschistoid denunziert wurde.

Dabei beschreibt Schießling Houellebecq

zutreffend, lautet die Quintessenz von

„Elementarteilchen“ doch, dass die

Sexualkraft sowie Monopole und Kriege in

Zusammenhang stünden. Diese im Grunde

kryptochristliche Haltung, welche die Natur,

die Sinne und die Emotionen der Menschen

verantwortlich für alles Böse auf der Welt

macht, trägt in Wahrheit zur Verdrängung

und damit zu größerem Leid bei: nicht die

Gefühle zerstörten die Welt, sondern des

Menschen Fähigkeit zum instrumentellen

Gebrauch des Verstandes, der reichlich

unvernünftig eingesetzt, Natur, die Erde,

das Überleben des Menschen bedroht. In

meiner „Ästhetik der Ganzheit“ bekenne

ich mich zu Emotion und Sinnlichkeit, zu

Mitgefühl und Intuition und werde am

schärfsten attackiert von wohl jenen, die

ihre Körperlichkeit, ihre Gefühle, ihr Sein

unter der Zementdecke der Zivilisation am

rigidesten ersticken.

Die Gläubigen der Wissenschaft und

Vernunft übersehen, dass die wissenschaftliche

Denkweise und die psychische

Verkrüppelung einander nicht nur nicht

ausschließen, sondern gar bedingen. Der

Herrschaft des Verstandes, der Schärfe der

Logik entspricht im Faktischen die Gewalt,

heißt es sinngemäß in Peter Oberdorfers

Roman „Kreuzigers Tod“. Sehr wohl kann

der Verstand mit seiner Fähigkeit zu intellektualisieren,

zu verdrängen, zu rationalisieren

(wie wir aus der Psychologie wissen),

allerlei Ursachen für Probleme erfinden,

indessen aber die abgrundtiefe Wut im

eigenen Inneren, die verkrüppelte Seele und

die verkümmerten Gefühle total übersehen

– gar all jene „negativen“ Eigenschaften leicht

auf Andere projizieren: auf die Künstler

und Autoren etwa, die darüber aufzuklären

versuchen. Ein Diskurs darüber scheint

dennoch unmöglich, da die Künstler,

welche der Kunst als Religionsersatz frommen

und dem Glauben an die Ratio anhängen,

selber die Diskussion über das verstandesorientierte

Ich der Moderne, über

die daraus folgende Relativierung ethischer

und moralischer Werte und den Verlust von

Liebe und Mitgefühl, als Tabubruch - weil

Verstand und Denken kompromittierend -

verweigern.

Die alleinige Beschwörung der Vernunft,

die Analyse der Zustände (zumal mit

Fokussierung der Extreme) gilt aus ganzheitlicher

Sicht jedoch als unzureichend.

Die etwa von einer Jelinek wiederholte

und nicht enden wollende Abspulung von

Zerstörtheit und Schmerz überschwemmt

die tatsächlichen Gründe des Leids wortund

bildgewaltig. Wie anfänglich gesagt:

Kunst ist nicht selbstredend Leid, und die

überbordende Auflistung von Negativem

zeichnet gefährlich kompakt eine Welt

des Schreckens und der unauflöslichen

Zerstörung, die gerne als die wirkliche

Welt missdeutet wird, sodass keinerlei

Überwindung oder wenigstens Linderung

möglich scheint.

Damit sind die Zyniker und Quasirealisten

aus dem Schneider, welche Provokation

oder postmoderne Relativierung und

Dekonstruktion fordern: oftmals - ohne jegliche

ethische Ausrichtung - letztlich alles

ums Ich rotieren lassen, sämtliche Mittel

der Kunst schänden, sich selbst darzustellen

und zu erhöhen, sodass in der scheinbaren

Höhe ihrer Kunst bloß die tatsächliche

Größe ihres (meist narzisstischen)

Komplexes sichtbar wird. Natürlich darf

dem Künstler nicht sein Schmerz auch noch

vorgehalten werden; sein Leid resultiert

zumeist aus der seelenzerstörenden Gewalt

einer, das Sein erdrückenden, Kultur: die

Methode aber, die eigene Zerstörtheit

als Turbo-Antrieb zur Befriedigung und

Inszenierung narzisstischer Wünsche nach

Erfolg und Anerkennung zu missbrauchen,

muss schon kritisiert werden dürfen, ohne

gleich in Verdacht zu geraten, Begriffe wie

„Entartung“ in die Debatte einführen zu

wollen. Immerhin verhindert gerade der

blühende Narzissmus zahlreicher Künstler/

Philosophen/Intellektuelle die Möglichkeit

der Einsicht in die Zusammenhänge von

(formal oftmals brillanter, doch inhaltsleerer)

Oberflächenkunst und Imagegesellschaft

- ärger noch: trägt deren Narzissmus ja

zur Verbreitung von phantasmagoriescher

Oberflächlichkeit bei.

Wie verstrickt die Pseudoethik intellektueller

Erwägungen und schierer Zynismus unter

einer Decke stecken können, dokumentiert

gerade Houellebecq, wo dessen kryptochristliche

Moral aus „Elementarteilchen“

zu blanker Verhöhnung der Ausgebeuteten

gefriert, wenn in „Plattform“ er den Tausch

von Geld (aus der reichen Welt) gegen Sex

(in der dritten Welt) billigt, überhaupt die

Begegnungen zwischen Männern und

Frauen (in der Karibik und Thailand) eher

an Softporno-Männerphantasien als an irgendeine

Realität erinnern. Nun lasse ich

mir von niemandem sagen: „Das ist ja der

künstlerische Kniff dabei, so will er provozieren

und Aufmerksamkeit gewinnen

und fürs Thema sensibilisieren.“ Nein, das

genaue Gegenteil ist der Fall: der Autor hat

nicht - wie in heutiger Kunstauffassung -

nichts mit dem Werk gemein, er und die

Romanfiguren hängen sehr wohl zusammen,

allein H. nutzt die diesbezügliche

Verwirrung zur Geschäftemacherei und

(siehe Schießlings Analyse) zur Verbreitung

einer beispiellos bedenklichen Ideologie.

Seit der Aufklärung beherrscht der Verstand

die Kunst. Bald erklärte die Kunst ihre

Unabhängigkeit von der Welt. Vor nicht allzu

langer Zeit galt auktoriales Erzählen als

ideologisch und verpönt, da ein Erzähler in

dritter oder erster Person dem Autor „gottähnliche

Macht“ über die Romanfiguren

bescheren würde, als ob die Sprachwülste

des interpunktionslosen und betont inhaltsleeren

Dauerreflektierens „experimenteller“

Literatur nicht ebenso einer bestimmten

Denkungsart folgten: der Weltanschauung

der Aufweichung nämlich, der Auflösung,

der Absurdität, die aber - wider aller

Beteuerungen - prompt in die Allmacht des

dahinterstehenden, uneingegrenzten Ichs

(und dessen Ideen) steuerte. Die Autoren

erklärten schließlich ihre Wahrnehmungen,

ihre Gedankenwelten als unabhängig

von sich selbst – als quasiobjektiv: welch

Anmaßung der Allmacht des Denkens!

Gleichzeitig definierten die Kritiker die

Unabhängigkeit des Werkes vom Autor,

und schließlich verfiel die Kunstwelt der

Phantasie, Kunst/Literatur sei, was der jeweilige

Betrachter/Leser selber in das Werk

hineinblicke, womit jeder mögliche Diskurs

endete.

Gegenwärtig kehrt die Literatur zum

Erzählen zurück, nimmt aber häufig die

Relativierungen und den Wertverlust der

Dekonstruktionsphase und des vorangegangenen

quasiwissenschaftlichen Experiments

mit der Sprache in dieses neue Erzählen hinein.

Autoren üben also wieder Macht über

ihre Romanfiguren aus, zugleich indes

wird so getan, als ob diese nun, geläutert

im wissenschaftlichen Experiment und den

Weihen der Dekonstruktion, nie mit einer

Grundeinstellung des Autors zusammenhingen,

sondern als weiterhin vom Autor getrennte

Entitäten existierten. Doch es ist der

Autor, der etwa die Erzählfigur in bestimmte

ausgewählte Szenen stellt, in denen

diese übers Geschehen berichtet; also vermittelt

der Autor wiederum Ideologie, doch

offiziell, mystifizierend, werden explizite

Weltanschauungen nach wie vor empört

abgelehnt.

Es ist der Verdienst Alexander Schießlings

in seinem Essay über Houellebecq deutlich

zu machen, dass mittlerweile ungeniert ein

szientistisch-biologistischer Faschismus

sich Bahn bricht, gespiegelt im kaum verhüllten

Weltbild des Autors, was wohl nur deshalb

übersehen werden konnte, weil in den

Begriffs- und Diskursverwirrungen einer

abgehobenen, scheinautonomen Kunstwelt

der Überblick über das Augenscheinliche

verloren gegangen ist.

Schießling stellt drastisch den

Zusammenhang des Denkens der

Erzählfigur mit dem des Autors her und

resümiert: „H. könnte an jeder Stelle seiner

Romane uns wissen lassen, dass er anders

als die Erzählfigur denkt.“

Ich bemängle, dass H. sich spätestens

in „Plattform“ überhaupt nicht

von der Erzählfigur abgrenzt, sodass

der Romanantiheld (der notabene das

neue Erzählen zuhauf bevölkert) seinen

Sarkasmus und die psychische Kälte durch

H. „autorisiert“ bekommt: Wodurch die

entfremdeten Mittelstands-Leser des reichen

Europas sich in ihren selbstbefriedigenden

Meinungen durch den berühmten

Superstar bestätigt fühlen dürfen.

In „Ausweitung der Kampfzone“ ironisiert

H. die Erzählfigur souverän und hilft

Verdrängtes und Ausbeuterisches aufzuarbeiten.

Später aber vertritt H. die (nun eher

intellektualistisch

gefühls- und naturfeindliche denn kryptochristliche)

Weltanschauung eines szientistischen

Rassismus, dem folgend die reichen,

schönen, zwar seelisch angekränkelten, aber

nichts desto trotz zahlreichen Bürger (deshalb

verkauft er sich so gut) Europas (und

den USA) das Recht haben, für ihr Geld

sich an der weniger gestörten Sinnlichkeit

der Wilden zu bedienen. Zudem habe die

Natur uns schwer geschädigt, da wir altern

und sterben müssen, deswegen könnten

wir uns an den „Schwächeren“ schadlos

halten, zudem vermögen wir die Natur und

unser Schicksal nur mittels Gentechnik

und Klonkörper zu überwinden.

Schießling schließt: „Elementarteilchen“

und H.’s letzter Roman „Die Möglichkeit

einer Insel“, seien der Entwurf eines szientistischen

Faschismus, der die Macht über

die Menschen einer wissenschaftlichen

Elite zu Füßen legt.

Schießlings Analyse ist hochbrisant,

ergänzen möchte ich, dass Szientismus

(also der Glaube, die Wissenschaften

könnten die Welt lückenlos erklären) und

Intellektualismus zwei Pfeiler desselben

Überbaus der Ich-Ideologie (der Moderne)

bilden. Der Intellektuelle wird, wie in

Diskussionssendungen im TV beobachtet,

die Reduktion des Menschen auf seine

biochemischen neuronalen Impulse erbost

zurückweisen, doch er selbst, der an

einen Geist glaubt, der an das einzelne

Hirn gekettet ist, unterscheidet sich in

den Konsequenzen seines Glaubens (der

Verstand könne die Welt restlos erläutern –

wenigstens begreifen) nicht wesentlich vom

Biologisten oder Szientisten. Künstliche-

Intelligenz Forscher basteln an einem

Bioroboter, der - unter Ausmerzung der

Erbsünde Körperlichkeit - das Denken als

gottgleich für ewige Zeiten konserviert.

Ästhetische Prinzipien zu erarbeiten,

welche primär ethische Aspekte beinhalten,

die obige Schreckensszenarien der

Gegenwart und nahen Zukunft zu bewältigen

helfen, wäre die Aufgabe derjenigen,

deren Hauptanliegen in der Überwindung

der Dekonstruktionswut der Postmoderne

liegt; wie z.B. für einen Wolf Guenter

Thiel.

In der von mir verfassten - noch nicht abgedruckten

- „Ästhetik der Ganzheit“ finden

sich die Prinzipien Stille, Einfachheit,

Mitgefühl, Ausgewogenheit (zwischen

Provokation/Ironie/„Negativität“ und

Erkenntnis des Schönen), Emotionalität/

Sinnlichkeit/Intuition (genauer ausgeführt

im Winter-st/a/r Heft Nr. 2o und unter

www.sonneundmond.at).

Als kleinsten gemeinsamen Nenner könnte

man gelten lassen, was Eva Menasse über

die Gestaltung von Romanfiguren eines

amerikanischen Schriftstellers sagt: Es geht

nicht allein um die präzise Ausarbeitung,

wirklich schön wird’s, wenn der Autor

seine Figuren geradezu liebt. „Liebe“ ist

ein starkes Wort, aber hier das einzig

richtige. Sympathien für die Figuren zu

empfinden, gar für eine Erzählfigur, die

dann sympathischen Sex mit einer netten

Farbigen hat, oder mit einem Antihelden

sich zu identifizieren, der linkisch einige

Abenteuer bewältigen muss, dann aber eh

die Karriereleiter nach oben fällt („Was wir

tun sollen“), oder der die Welt vermessend,

Natur und Exotik sich untertan macht, verweisen

auf das Ich der Moderne, auf die

narzisstische Bespiegelung der persönlichen

Einzigartigkeit und Grandiosität,

haben aber mit Liebe zur Welt, zu andern

Menschen, zur Schöpfung, zum eigenen

inneren Selbst überhaupt nichts gemein.

(Wobei die provokante und ängstigende

Frage sich aufdrängt: Hat der Erfolg Daniel

Kehlmanns gar mit der szientistisch ästhetisch-faschistischen

Gesinnung bereits unheimlich

vieler Zeitgenossen zu tun?).

Im Mittelpunkt steht der Mensch. Und rundum

stirbt die Natur. Die Haltungen ganzheitlicher

Kunst münden in Lebensfreude

und Naturliebe. Das „Sein“ des Menschen

ist umfassender als das Konzept seines Ich.

Die Ich-Konzeption ist zeitlich und kulturell

bedingt. Das Ich der gegenwärtigen

Ich-Ideologie klammert fast vollständig das

„Sein“ aus, definiert sich über den Verstand

(den instrumentellen speziell: was meint,

die Geschicklichkeit des Denkens zum

eigenen Vorteil zu nutzen), den Erfolg (also

hierarchische Maßstäbe) und zunehmend

über das, was Schießling als ästhetischen

Faschismus beanstandet („ästhetisch“ heißt

hier: das gesellschaftliche Wertesystem

infiltrierend; vorerst (!) nicht als „Recht“

verbindlich).

„Sein“ meint die Eingebundenheit in Welt

und Natur. Bedeutet Gefühle und Intuition

zuzulassen. Ein Eiszeitatheismus muss jegliche

Rückverbindung des Menschen an

etwas Anderes, Größeres wüst bekämpfen.

Hier verschmolzen Kunst und Wissenschaft

zu unheilvollen Verbündeten. Intellekt und

der Glaube ans Sichtbare, Materielle zerren

den Menschen aus der Einheit mit der

Welt, zerschmettern sein Urvertrauen (bereits

in der Kindheit, wenn körperängstliche

Mütter ihre Kinder unbewusst ablehnen

bzw. symbiotisch vereinnahmen, was heißt:

es fehlt das Gefühl für lebendige Grenzen;

und später wenn die Kinder bloß über ihre

Leistungen bestätigt werden und dadurch zu

Gefolgsleuten der Karriere/Konsumkultur

herangebildet werden). Isolation,

Entfremdung, Zynismus, Misanthropie,

Gewaltausbrüche aus Hoffnungslosigkeit

und Angst sind die Folge. Der heutige

Moderne schreit und schreibt aus dieser

Angst heraus, er findet den Ausweg nicht,

weil seine Vorurteile, seine Analyse- und

Zerstückelungszentriertheit ihn davon

abhalten, den kulturellen Narzissmus zu

überwinden, in dem er mit der eigenen

Seele feststeckt; ein Narzissmus, der ihm

Heilung als etwas Kitschiges, Romantisches

bis Faschistoides rationalisiert. Im

Fortschreiten der Moderne kam zudem das

Verständnis des sogenannten „Finalzwecks“

abhanden; alle Analyse richtet sich derzeit

auf Ursachen, auf letzte Entstehungsgründe

für Leid und Übel, sodass wir immer unverständiger

und verbitterter auf das harte

Los der Lebensbewältigung starren, statt

die Herausforderungen zu schätzen, die

in Problemen und Krisen liegen, um etwa

den eigenen Anteil an Konflikten zu erkennen

und/oder die Lehren des Schicksals für

uns (und die Kultur) zu begreifen und anzunehmen,

was allerdings eine spirituelle

Sichtweise der Dinge voraussetzt.

Religiosität allein schützt freilich vor

Narzissmus nicht. Wie wir gerade am Ex

US-Präsidenten und dessen Gut/Böse-

Ausschließlichkeitsreligion erfahren mussten.

Ohne Vertrauen und ganzheitliche

Sicht der Zusammenhänge jedoch gehen

wir inmitten all unserer Rationalität

(nicht zuletzt in Begriffslabyrinthen,

Relativierungsdiffusionen und emotionaler

Dissonanz) verloren. Viel gäbe es zu debattieren.

Wenigstens ein kleiner Beitrag möge

geleistet sein.

Informationen zur „Ästhetik der

Ganzheit“ sowie zum Sonne und

Mond Förderungsverein für ganzheitliche

Kunst und Ästhetik unter

HYPERLINK “http://www.sonneundmond.at”

www.sonneundmond.at


Städteplanung / Architektur / Religion Buch VII - Häupl & Wittgenstein ST/A/R 53

Landmarks & Talking heads 2009

Ungewöhnliche Architektur-Portrait-Fotos von Peter Korrak

„schwindelerregend“ wirken auf den ersten Blick viele der Photographien von Peter Korrak,

die er über längere Zeit hinweg mit seinem Projekt „landmarks & talkingheads“ realisiert hat.

Mit diesem einzigartigen Vorhaben werden aus einer ungewöhnlichen Perspektive heraus Persönlichkeiten

aus Kultur, Kunst, Politik, Sport, Klerus und Wirtschaft mit „ihren“ Bauwerken und deren

Architekturen gewissermaßen verschmolzen.

Nicht nur die phototechnische Brillanz (Hasselblad H3D – die Digitalkamera mit dem derzeit höchsten

Auflösungvermögen von 60 Millionen Pixel ist ihm gerade gut genug) fasziniert, sondern auch

die Intention und Konzeption: Die spezifische Verschränkung von Portrait- und Architekturphotographie

eröffnet neue Wahrnehmungsformen, indem die Individualität der Persönlichkeiten mit der

Individualität der Architekturen korreliert und dadurch neue Blicke auf Bekanntes und Vertrautes

ermöglicht.


54 ST/A/R

Buch VII - Häupl & Wittgenstein Nr. 22/2009

ST/A/R-Kulturinitiative

Buchmesse – Frankfurt am Main

sponsered by

Distribution of 400 ST/A/R’s

in Frankfurt

13–18 Okt. 2009

Dr. Tolstoj

DI.Heidulf Gerngross

Vallie Airport

aka Goeschel

Protest gegen China.


Nr. 22/2009 Buch VII - Häupl & Wittgenstein

ST/A/R 55

Volksbuch neuauflage -

auch als ebook

Größter Mann der Welt

Gerngross

Kleinster Mann

der Welt

Cubasch (Verlag der Apfel /

www.verlagderapfel.at) im

Gespräch mit

Heidulf Gerngross


56 ST/A/R

Buch VII - Häupl & Wittgenstein Nr. 22/2009

Anna-Maria Bogner

www.ambogner.com

„DER ZU-GEDACHTE RAUM“, 2007

Installation/ Verlegeplatten, Stahl, Licht;

(Breite: 0,70m, Höhe: 2,50m, Länge: 9,90m)


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch VIII - Presseinformationsdienst ST/A/R 57

Hauptbahnhof Wien

Mehr als ein Bahnhof.

Der Südbahnhof ist bald Geschichte. An seine Stelle tritt der Hauptbahnhof Wien, modern und zentral gelegen. Gleichzeitig mit dem

neuen Bahnhof entsteht ein attraktives Stadtviertel – optimale Verkehrsanbindung und hohe Wohnqualität inklusive.

Schnellere Zugsverbindungen, hoher Reisekomfort, beste Anbindungen in die City: Der neue Hauptbahnhof Wien wird eine wichtige Drehscheibe

im Herzen Europas. Mit einem entscheidenden Vorteil: Züge können aus allen Richtungen kommen. Und danach in alle Richtungen weiterfahren.

Der Hauptbahnhof entsteht zwischen dem derzeitigen Südbahnhof und dem Südtiroler Platz, auf dem sich auch der Haupteingang befinden wird.

Neben der U1 garantieren 11 S-Bahnen, 3 Straßenbahnen und Busse eine gute Anbindung in die Stadt. Das Bahnhofsgebäude selbst wird modern, hell

und barrierefrei. Ein bunter Mix aus Geschäften und Gastronomie lädt zum Bummeln und Verweilen ein.

Am Puls der Zeit: Ein neues Stadtviertel für Wien

Insgesamt 59 Hektar wird er groß sein, der neue Stadtteil entlang dem Hauptbahnhof- Areal. Zwischen Wiedner Gürtel im Norden, Arsenalstraße

im Osten und Sonnwendgasse/Gudrunstraße im Süden und Westen. Rund um einen weitläufigen Park entsteht im Süden des Areals ein attraktives

Wohnviertel. Mit 5.000 Wohnungen für zirka 13.000 Menschen – Richtung Ostbahn gut abgeschirmt durch Büro und Gewerbegebäude. Die Stadt

Wien sorgt für gute soziale Infrastruktur: Unter anderem mit einem Bildungscampus mit Schule und Kindertagesheim.


58 ST/A/R

Buch VIII - Presseinformationsdienst Nr. 22/2009

Alle Wege führen durch Wien

Wien hat in Europa zunehmend an Bedeutung

gewonnen. Besonderen Stellenwert hat die

Stadt als Verkehrsknoten: hier kreuzt der Donau-

Korridor West-Ost die Nord-Süd-Achse Berlin-

Prag-Wien.

Parallel verläuft die sogenannte

„Magistrale für Europa“, eine Eisenbahn-Hochleistungsverbindung

zwischen den Städten Paris,

Straßburg, Stuttgart, München, Salzburg, Wien

und Budapest, für deren Ausbau die Stadt Wien

verstärkt eintritt.

Durch die Reformen in Osteuropa und die EU

besteht die Chance, den Donauraum wiederzubeleben,

der seit jeher eine Kultur-und Wirtschaftsachse

ist.


Nr. 22/2009 Buch VIII - Presseinformationsdienst

ST/A/R 59

HAUPTBAHNHOF WIEN – Ab 13. Dezember: Südbahnhof, adieu!

Demnächst geht’s los:

Wien baut einen neuen, modernen Hauptbahnhof und ein attraktives

Stadtviertel. Auf dem Areal zwischen Wiedner Gürtel, Arsenalstraße,

Gudrunstraße und Sonnwendgasse.

Schnelle Zugsverbindungen, hoher Reisekomfort, optimale Anschlüsse:

Der neue Hauptbahnhof Wien wird Drehscheibe für

den regionalen, nationalen und internationalen Reiseverkehr. Mit

einem modernen Bahnhofsgebäude direkt am Südtiroler Platz mit

der U1-Station. Baustart ist Anfang 2010 – erste Veränderungen im

Schienenverkehr gibt’s bereits heuer.

13. Dezember 2009:

Südbahn endet in Meidling

Der Südbahnhof schließt – die Bahnsteige 11-19 werden stillgelegt.

Der Bahnhof Wien Meidling übernimmt teilweise die Funktion des

Südbahnhofs. Die Fernverkehrs- und Nahverkehrszüge der Südbahn

und die Fernverkehrszüge der Ostbahn enden und beginnen zum

Großteil in Wien Meidling. Die meisten Nahverkehrszüge der Südbahn

werden über die Stammstrecke durchgebunden.

S-Bahn-Stammstrecke durchgehend in Betrieb

S-Bahnzüge und Nahverkehrszüge, die Richtung Floridsdorf fahren

und von dort kommen, verkehren wie bisher. Die S-Bahn-Station

Südbahnhof ist während der Errichtung in Betrieb und erhält provisorische

Stiegen-Aufgänge und Lifte in den Schweizer Garten.

Wien Südbahnhof (Ostbahn)

Ein provisorischer Ostbahnhof für den Nah- und Regionalverkehr der

Ostbahn sowie für die S 60 wird auf Höhe Schweizer-Garten-Straße

errichtet. Dieses Provisorium bietet die übliche Bahnhofs-Infrastruktur.

Großer Baustart 2010

Der Südbahnhof wird Anfang 2010 abgetragen. Danach stehen Aushubarbeiten

auf dem Programm, um die Fundamente errichten zu

können.

Die ersten Züge ab Ende 2012

Im Dezember 2012 erfolgt die Teil- Inbetriebnahme des Hauptbahnhofs

– der Hauptbahnhof Wien wird erstmals im Fahrplan der ÖBB

aufscheinen.

Gesamtfertigstellung des Bahn- Infrastrukturprojekts 2015. Der provisorische

Ostbahnhof wird auf Höhe Schweizer-Garten-Straße

errichtet.

Hauptbahnhof Wien – Zeitplan

Ab 13. Dezember 2009:

• Sperre Südbahnhof (Südbahn):

Bahnsteige 11-19 werden stillgelegt.

• Fern- und Nahverkehrszüge der Südbahn

und Fernverkehrszüge der Ostbahn ab/bis

Wien Meidling.

• Provisorischer Ostbahnhof für den Nah- und

Regionalverkehr der Ostbahn auf

Höhe Schweizer-Garten-Straße.

• S-Bahn-Stammstrecke durchgehend

in Betrieb.

Weitere Informationen unter:

www.hauptbahnhof-wien.at

2010:

• Abriss des Südbahnhofs und großer

Baustart

• Aushub- und Fundamentarbeiten

• Beginn des Umbaus des Wiedner Gürtels

Ende 2012:

• Teilinbetriebnahme Hauptbahnhof Wien

2013/14:

• Fertigstellung erster Wohnbauten und

eines Parkteiles


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch VIII - Presse

Neben dem Bahnhof entsteht ein neues

Stadtviertel direkt im Zentrum Wiens:

Aufwertung des gesamten Gebietes.

Beseitigung der Barriere zwischen den Bezirken.

Ca. 5.000 Wohnungen für ca. 13.000 Menschen

Büroflächen für ca. 20.000 Menschen

8 ha Park (doppelt so groß wie der Rathauspark)

Schulcampus (Volks-+ Mittelschule, Kindertagesheim)

gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln:

U1, Verlängerung der U2 in den neuen Stadtteil, S-Bahnen (S1, S2, S3, S5, S6, S8, S9,

S15), Straßenbahn Linien 18, 0, D, Autobuslinien 13A, 69A


idualverkehr.

U

-Bahn, S-Bahn, Bus: Der der U1 am Südtiroler Platz:

Hauptbahnhof ist gut an Durch eine Passage gelangen

informationsdienst llem im Bereich Matzfer

Platz zu Behinde-

angebunden. So werden etwa

das öffentliche Verkehrsnetz Sie direkt zum Bahnhof. ST/A/R 61 ■

für

Zahlen,

den Individual-

Daten

die

&

Buslinien

Fakten

13A

zum

und 69A

. So wird es ab Juli in sowie die Straßenbahnlinie O

ester

Projekt

Straße und

Hauptbahnhof

in direkt am nördlichen

Wien

Vorplatz

eine Haltestelle erhal-

runstraße zunächst

swärts – ab August in ten. Die Linie 18 wird ihre

Fahrtrichtungen >> Leistungsdaten – zu jetzige Bahn-Infrastruktur Haltestelle behalten. Projekt

änkungen kommen.

itig mit Schulbeginn Passage zur U1-Station

nt sich • Gesamtfläche die SituationInfrastrukturprojekt Neu bei der Linie ca. 50 D: ha Sie wird

Bis • dahin Länge werden des Bahn-Infrastrukturprojektes in das Wohngebiet ca. verlängert, 6 km

fahrerInnen • Gesamtfläche um Ver-Brückenneubas gebeten. • ca. 100 km Gleis ■ Garten aufgehoben. Neu bei Ebenfalls geplant bis zum neuen Stadtteil: U2.

die Schleife ca. beim 30.000 Schweizer m²

• ca. 300 Weichen

7

• ca. 8 km Lärmschutzwände

>> Leistungsdaten Verkehrsstation Hauptbahnhof Wien

einschl. BahnhofCity

• 5 überdachte Inselbahnsteige - 10 Bahnsteigkanten

• Bahnsteigbreiten: durchschnittlich 12,10 m

• 14 Personen- und 5 Lastenaufzüge

• 29 Rolltreppen

• Durchgehend barrierefrei

• Direkte Anbindungen an den Fern- und Nahverkehr durch S-Bahn,

U-Bahn, Straßenbahn, Busbahnhof

• Kreuzungspunkt dreier TEN-Korridore:

• TEN 17: Paris-Straßburg-Stuttgart-Wien-Bratislava

• TEN 22: Athen-Sofia-Budapest-Wien-Prag-Nürnberg/Dresden

• TEN 23: Danzig-Warschau-Brünn/Bratislava-Wien-Venedig

• Tiefgarage mit ca. 630 Auto-Stellplätzen

• Fahrradgarage mit ca. 1.150 Fahrradabstellplätzen

• Behindertenstellplätze, Kiss & Ride, Taxistandplätze

• Einkaufszentrum mit ca. 20.000 m 2 in der Verkehrsstation

• ca. 100 Geschäfte und zahlreiche Gastronomiebetriebe

>> Leistungsdaten Neues Stadtviertel – Immobilienprojekt

• Lage zwischen Wiedner Gürtel, Sonnwendgasse, Gudrunstraße und Arsenalstraße

• 59 ha Gesamtausmaß:

• davon 8 ha Grünfläche

• Gemischte Nutzung: Büros, Wohnungen, Handels-, Dienstleistungsbetriebe,

Hotel, Schulen, Kindergarten

• 550.000 m 2 Bürofläche

• 20.000 Arbeitsplätze

• 5.000 Wohneinheiten für 13.000 Menschen

Wiener Linien


62 ST/A/R

Buch VIII - Presseinformationsdienst Nr. 22/2009

Beste Verkehrsanbindung

HAUPTBAHNHOF WIEN

Wien baut einen neuen Hauptbahnhof. Und damit die wichtigste Drehscheibe für den regionalen, nationalen und internationalen Reiseverkehr.

Mit dem Abriss des Südbahnhofs starten die Bauarbeiten.

Bis 13. 12. 2009 ist der alte Südbahnhof die Endstation von Süd- und Ostbahn. Dann wird ein Durchgangsbahnhof errichtet, von dem Züge aus

allen Richtungen kommend in alle Richtungen weiterfahren können. Mit der Schaffung dieser hochleistungsfähigen Nord-Süd- und Ost- West-

Verbindung wird der Bahnhof zu einem zentralen Knotenpunkt im transeuropäischen Schienennetz.

Egal wohin man in der Stadt will:

Beste Anbindungen sind garantiert

Das Gebäude des neuen Hauptbahnhofes rückt vom heutigen Standort des Südbahnhofes in Richtung Südtiroler Platz. Eine neue, großzügige

Passage wird den neuen Hauptbahnhof direkt mit der U1-Station am Südtiroler Platz, den zahlreichen S-Bahn-

Linien und der unterirdischen Straßenbahnhaltestelle der Linie 18 verbinden. Alle Zugänge werden barrierefrei gestaltet, insofern wird es auch

kein mühsames Kofferschleppen über Stiegen geben. Die Entfernung der U-Bahn zum Bahnhof wird jener am Westbahnhof zur U3 entsprechen.

Weiters garantieren oberirdisch die Straßenbahnlinien D (die in das neue Stadtviertel verlängert wird) und O, die Buslinien 13A und 69A sowie die

regionalen Busse die Anbindung in die Stadt und in die Region. Das Stadtviertel im Süden wird in Zukunft mit der U-Bahn-Linie U2 erschlossen.

Ein neues Stadtviertel entsteht

Im Süden des Areals entsteht ein attraktives Wohnviertel. Mit 5.000 Wohnungen, einem Schulcampus und einer Parkanlage.


Nr. 22/2009 Buch VIII - Presseinformationsdienst

ST/A/R 63


64 ST/A/R

Buch VIII - Presseinformationsdienst Nr. 22/2009

Südbahnhof-”Augen” sind im ZKM

Hofstetter Kurt’s “Ein Augenblick Zeit” am Wiener Südbahnhof wurden vor

dem Abriss an das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe

übergeben, um dann als Symbol der Erinnerung im neuen Hauptbahnhof

wieder zu erscheinen.

„bahnorama“

Informationszentrum Hauptbahnhof Wien

Ω Neuer Name „bahnorama“:

Aussichtsplattform auf 40 m Höhe für

attraktives PanORAMA auf den neuen

HauptBAHNhof

Ω Interaktive Ausstellung auf 4

„Plattformen“ mit Informationen

für unterschiedliche Zielgruppen:

BahnkundInnen, AnrainerInnen,

ExpertInnen, Kinder

Ω 3D-Animationen, Modell, Filme...

Ω Gastronomie/Cafe

Ω Ort für Veranstaltungen,

Präsentationen etc.

Ω Führungen durch die Ausstellung

Ω Zielpublikum: Interessierte

Öffentlichkeit, SchülerInnen,

StudentInnenen, Wien-Touristen etc.

Ω Baubeginn November 2009

Ω Eröffnung Sommer 2010

Ω Adresse: 1100, Favoritenstraße 49-53 /

Ecke Sonnwendgasse

Visualisierung: Sigi Herzog


Nr. 22/2009 Buch IX - Dr.Tolstoj - GAS-STATION

ST/A/R 65

Unser Café

U N S E R C A F É

Kunstwerk von Heidulf Gerngross der Zweite, courtesy: ST/A/R Sammlung


Nr. 22/2009 Buch X - Heike

ST/A/R 73

Natura Morte

1 Seitental eines Seitentales

1 alte Schmiede im Villgratental

1 temporär adaptierter Ausstellungsraum

9 Künstlerpositionen

1 Lesung von Franz Schuh

3 Tage im Sommer

Ein Projekt von: Heiri Häfliger, Sabine Jelinek, Lukas Schaller, Edith Bergmann

CHRISTIAN GANZER

CHRISTOF GAGGL

ANJA MANFREDI

EDITH BERGMANN

SABINE JELINEK

JUDITH PICHLMÜLLER

HEIRI HÄFLIGER

LUKAS SCHALLER

PETRA MÜHLMANN

Natura Morte, 24. Juli - 27. Juli 2009, Schmiede Erschbaum, A-9931 Außervillgraten/Osttirol

www.erschbaum.at


74 ST/A/R

Buch X - Heike Nr. 22/2009

Architekturzentrum Wien

Museumsplatz 1 im

1070 Wien

T++43 -1- 522 31 15, www.azw.at

bis100_star-274x205.indd 1

22.07.2009 11:09:18 Uhr

Tabor

Hafner

Wondra

Gartler

Gerngross

Frey

„Die österreichische Architektur der 60er Jahre ist

ohne steirische Impulse undenkbar.” Friedrich Achleitner

Eine Veranstaltung des Az W – a_schaufenster 11:

TU Graz 1964–1968 – regt zu einer Wiederentdeckung der „Situation Graz“ an.

Im Gegensatz zu den Wiener Kollegen ging es den „Grazern“ nie um eine „Medialisierung“ oder um die Ausbildung eines spektakulären Formenrepertoires.

Im Mittelpunkt des Interesses steht eine technisch-ökologische Bauweise, bei der es sehr mehr um Abläufe als um formale

Details geht.w

Im Architekturzentrum Wien wurden anhand der Impulsreferate von Frey, Hafner, Gartler und Gerngross Vielfalt und Eigenständigkeit der

Grazer Entwicklung greifbar. Die gezeigten Architektur- und Städtebauprojekte mit ihrem strukturellen Ansatz überraschen bis heute. Das

Interesse des Publikums zeigte, dass die Diskussion über den Begriff der „Grazer Schule“ längst nicht abgeschlossen ist ...

Gäste:

Konrad Frey mit Bernhard Hafner, Heidulf Gerngross, Klaus Gartler

Moderation: Jan Tabor, Architekturtheoretiker u. -publizist

Mittwoch, 28. Oktober 2009, 18:00 Uhr

Ein ausführlicher Veranstaltungsbericht von Jan Tabor erscheint im Hintergrund 45.


Nr. 22/2009 Buch X - Heike

ST/A/R 75

1989. Ende der Geschichte oder Beginn der Zukunft?

Anmerkungen zum Epochenbruch

9. Oktober 2009 – 7. Februar 2010

1989 markierte einen Epochenbruch. Der Atem der Geschichte wehte durchs kollektive Bewusstsein,

Utopien wurden begraben und gleichzeitig neue, bislang ungeahnte Zukunftsszenarien aufgerissen.

Die Ausstellung spürt den Chiffren, Metaphern und Metonymien nach, die mit dem Verfall eines Systems

und einem politischen Umbruch verbunden sind: Es geht nicht um Dokumentation alltäglicher

Realitäten oder historische Analyse sondern um Begrifflichkeiten und Anmutungen wie Bürokratie,

Verrat, Überwachung, Nostalgie, Gewalt, Manipulation und Ironie, die mit den Mitteln der Kunst auf

ihre Tauglichkeit zur gesellschaftlichen Selbstanalyse hin untersucht werden.

Mit mehr als 30 teilnehmenden KünstlerInnen aus Ost und West: Marina Abramovic,

Chantal Akerman, Erik Bulatov, Sophie Calle, Maurizio Cattelan, Harun Farocki und Andrej Ujica,

Anna Jermolaewa, Ilya & Emilia Kabakov, Alexander Kosolapov, Komar & Melamid, Barbara Kruger, Josephine

Meckseper, Boris Mikhailov, Marcel Odenbach, Martin Parr, Susan Philipsz, Marek Piwowski,

Pushwagner, Neo Rauch, Nedko Solakov, Jane & Louise Wilson u. a. m.

Begleitprogramm zu 1989: Ein umfangreiches Begleitprogramm mit Diskussionen, Lectures,

Filmvorführungen, Lesungen und Künstlergesprächen beleuchtet den Themenbereich „1989“ unter

Gesichtspunkten wie „Kulturpolitik“, „Nationalismus“, „Religion/Spiritualität“, „Ökonomie“ und „Vision/Illusion“

kritisch und stellt philosophische sowie künstlerische Positionen zur Diskussion.

- Mo, 14.12.2009, 19 Uhr: Vortrag von Michail Ryklin (Philosoph, Akademie der Wissenschaften, Moskau) –

Kunst und Tabu. Neue russische Beispiele im internationalen Kontext

- Do, 14.01.2010, 19 Uhr: Künstlergespräch mit Harun Farocki (Künstler, CZ/D)

- Do, 28.01.2010, 19 Uhr: Lesung von Bora Ćosić (serbischer Schriftsteller) – Westlich vom Paradies und Gespräch

mit Stefan Gmünder (Der Standard)

Alexander Kosolapov, Gorby, 1991, Karl

Kostyál Collection, Courtesy Galerie

Hussenot, Paris © VBK, Wien, 2009

Informationen zu Ausstellung und weiteren Programmpunkten unter: www.kunsthallewien.at

Kunsthalle Wien, Museumsplatz 1, A-1070 Wien, Infoline: +43-1-52189-33, www.kunsthallewien.at

Öffnungszeiten: täglich 10 – 19 Uhr, Do 10 – 22 Uhr

Bina Klingler

Ausschnitte “Little Book of Paradox”,

2009, Moleskine Sketchbook, Copic Marker

big-time-tough-bunny-girl - Protagonistin,

Heldin, ambivalente Muse, Du, Ich...

Messer - zukunftsträchtiges Werkzeug,

Motivator, scharf, präzise, sanft...

Blut - emotionale Kraft, aufgewendet, eingesetzt,

verspielt für das was war, was ist, was

kommt und was niemals sein wird...

kleiner Hase - schließt den Kreis, Vergangenheit,

Beobachter, Retter, Zauberer,

Zeuge...

Kontakt: binaklingler@gmx.net


French Manicure, 2009, Horn, Nagellack, 70 x 67 x 60 cm –

Heike Nösslböck Heike

Galerie Strickner

Fillgradergasse 2/7, 1060 Wien

Mob.: +43-680-201 44 52

Nösslböck ist Künstlerin und maßgebliche Partnerin im ST/A/R-Team. E: office@galeriestrickner.com

Foto: Christof Gaggl ©


78 ST/A/R

Buch X - Heike Nr. 22/2009

Über Synergien zwischen Geometrie und Kunst von Hofstetter Kurt

Die Entdeckung vertrauter Proportionen

in der Geometrie der Durchdringung

Die Umsetzung zur Skulptur

N.I.C. – nature is cool

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse mit

Zirkel und Lineal

2001 habe ich beim Entwerfen des Sonnenpendel

Pavillons #2 – der Station PHI – eine einfache Konstruk-tion

des Goldenen Schnittes entdeckt. 1)

Die Konstruktion 1 (siehe unten)

A und B sind zwei beliebige Punkte. Ihr Abstand

voneinander – die Strecke AB – ist der Radius des

Kreises K mit Mittelpunkt A und auch des Kreises K’

mit Mittelpunkt B. Die doppelte Strecke AB, d.h. der

Durchmesser von K, ist der Radius des Kreises KD mit

Mittelpunkt A und auch des Kreises KD’ mit Mittelpunkt

B. 2)

Die Kreise K und K’ durchdringen einander und schneiden

sich in S1 und S2. Ihre linsenförmige Schnittmenge

wird als Vesica Piscis (Fischblase) bezeichnet – ein

uraltes Fruchtbarkeitssymbol.

Die Schnittpunkte aller 4 Kreise S1, S2, S3, S4

liegen auf einer Geraden, die sowohl die Vesica Piscis

als auch die Strecke AB halbiert. Ihre Abstände

zueinander sind in der vertrauten Proportion des

Goldenen Schnittes 3) , d.h. das Verhältnis der Strecke

S1S2 (major) zur Strecke S2S3 (minor) = dem Verhältnis

der Strecke S1S2 (major) zur Strecke S1S4

(minor) = PHI. 4)

Diese Konstruktion wurde 2002 im Journal „Forum Geometricorum“

als wissenschaftliche Neuerung publiziert. 5)

Interessant in der Konstruktion 1 ist, dass es nur zwei

weitere Kreise mit demselben Radius AB gibt, die

sowohl K als auch K’ berühren, nämlich K’’ mit Mittelpunkt

S3 und K’’’ mit Mittelpunkt S4. Sie sind alleine

durch die Punkte A und B bzw. K und K’ bzw. die

Vesica Piscis eindeutig bestimmt. 6)

Darüberhinaus vermittelt mir die Stellung der Kreise

K’, K’’ und K’’’ eine entscheidend vertraute Proportion.

Meine Intention, diese Proportion der drei Kreise

künstlerisch umzusetzen und mitzuteilen, führte mich

zur Skulptur N.I.C., wobei ich die zweidimensionalen

Kreise zu dreidimensionalen Kugeln erweiterte und

aus Edelstahl mit dem Durchmesser von 111 cm

materialisierte. 7)

Diese räumliche Ausformulierung der Proportion erfuhr

eine extreme Gleichzeitigkeit von Stabilität und Labilität.

Ihre Unbedingtheit zum Goldenen Schnitt verweist

auf Muster der Natur, wie die vertraute Stellung der

Blütenblätter der Rosen oder der Blütenstände der

Sonnenblumen. 8)

Die Existenz von 2 Polen definiert in den wechselwirkenden

Translationen von ihrem Abstand zueinander

sowie in den interferierenden Rotationen ihrer Durchdringungskreise

kanonisch vertraute Proportionen.

Meiner Faszination am ekstatischen Auftritt des

Goldenen Schnittes in den zahlreichen Verbindungen

der Berührungspunkte, Scheitelpunkte und Schnittpunkte

von N.I.C. mit ihren horizontalen und vertikalen

Achsen (siehe Bild) folgten weiterführende

Proportionsstudien (Figur 1 - Figur 6). Dabei entdeckte

ich einfachste Konstruktionen des Goldenen

Schnittes mit Zirkel und Lineal oder mit Zirkel alleine,

die als neue wissenschaftliche Erkenntnisse veröffentlicht

wurden. 5)

Zum Beispiel die Konstruktion 2 – veröffentlicht 2005:

Die Kreise K’’ und K’’’ berühren die Kreise K und K’ in

B1, B2, B3, B4. Die Verbindungsstrecke B1S2 teilt die

Strecke AB in G exakt im Goldenen Schnitt, d.h. das

Verhältnis der Strecke AG (major) zur Strecke GB

(minor) = PHI . 9)

Darüber hinaus liegen die Berührungspunkte auf dem

Kreis K’’’’ mit dem Mittelpunkt Z und Radius AB, d.h.

sie sind vom Zentrum exakt um die Strecke AB entfernt.

Aus den Konstruktionen entwickle ich seit 2002 Muster

und Parkettierungen, die im wesentlichen durch den

Winkel B1S2S1 bestimmt sind und in der Rezeption

ihrer statischen Musterbilder zwingend optische

Dynamik erfahren. 10)

1) Sonnenpendel ist ein internationales Medienkunstprojekt von Hofstetter

Kurt - siehe http://www.sunpendulum.at

2) K’ und KD’ ergeben sich jeweils auch aus der Parallelverschiebung von K

und KD um die Strecke AB.

3) Für mich ist der Begriff „vertraute Proportion“ treffender als der Begriff

„harmonische Proportion“ des „Goldenen Schnittes“.

4) PHI ist eine irrationale Zahl. Sie wird auch als die Goldene Zahl bezeichnet;

ihr Wert = 5^,5*,5+,5 = 1,6180…

5) scientific papers von Hofstetter Kurt @

Forum Geometricorum ISSN 1534-1178:

2008 A simple compass-only construction of the regular pentagon

2008 A simple ruler and rusty compass construction of the regular pentagon

2006 A 4-step construction of the golden ratio

2005 Division of a Segment in the Golden Section with Ruler and Rusty

Compass

2004 Another 5-step Division of a Segment in the Golden Section

2003 A 5-step Division of a Segment in the Golden Section

2002 A simple construction of the Golden Section

Crux Mathematicorum ISSN: 1496-4309 (print 1706-8142):

2006 An Efficient Construction Of The Golden Section

6) Im Dialog PHI von Bob Hewis (Wien, 2003) Hofstetter Kurt:

“For me every interpenetration of two bodies implies a harmonic relationship

with the bodies derived, that simply touch and do not interfere ... “

7) In Experimentierreihen sind zahlreiche N.I.C. Miniaturen aus Nirosta-

Hohlkugeln in Größen zwischen 12 – 60 cm entstanden. Darunter auch freistehende,

bewegliche N.I.C. Miniaturen, die sich durch die Erdanziehungskraft

und einer asymmetrischen Verteilung zusätzlicher Gewichte in der untersten

Kugel selbstständig aufrichten und sich stets vertikal justieren.

2007 hat der Wiener Architekt Heidulf Gerngross die Skulptur N.I.C.

zu einem 70 m hohen „Dreieinigkeitsbauwerk Kurt“ für den Wiener Karlsplatz

archistriert.

8) http://de.wikipedia.org/wiki/Goldener_Schnitt#Vorkommen_in_der_Natur

9) http://de.wikipedia.org/wiki/Goldener_Schnitt#Konstruktionen_mit_Zirkel_und_Lineal

10) http://www.sunpendulum.at/tilings

Konstruktion 1 Figur 1

Figur 2 Figur 3

FIGUR 2

FIGUR 3

FIGUR 4

minor

major

MINOR MAJOR

m i n o r m a j o r

m i n o r

m i n o r

m i n o r

m a j o r

m a j o r

m i n o r

m a j o r

Konstruktion 2 Figur 4

Figur 5 Figur 6

FIGUR 6

FIGUR 7

FIGUR 8

MINOR

minor

MINOR

MAJOR

MINOR

major

MAJOR

major

minor

major minor

MAJOR

m i n o r

m a j o r

N.I.C. – nature is cool – eine Skulptur von Hofstetter Kurt, die extreme Proportionen von gleichzeitiger

Stabilität und Labilität als Referenz zum Ort mitteilt und markiert.

Der Kreuzungsbereich Langegasse – Laudongasse im 8. Wiener Gemeindebezirk ist durch den doppeltrassigen

Viertelkreis der Strassenbahnlinie geprägt. Dieser mächtige Zirkelschlag steht in Spannung

zur Richtungsbeibehaltung in der Langegasse und Laudongasse. Der Fußgängerverkehr wird aus

dem Kreuzungsbereich extrapoliert auf einen Punkt konzentriert – einem komplementären Pol. An

dieser Stelle ist N.I.C. direkt am Gehsteig installiert.

Drei Kugeln sind so übereinander angeordnet, dass die mittlere Kugel aus der vertikalen Achse verschoben

seitlich die obere und untere berührt. Es entsteht der Eindruck schwebender Leichtigkeit.

Die Positionen ihrer Berührungspunkte leiten sich direkt aus der 2001 von Hofstetter Kurt entdeckten

Zirkelkonstruktion des Goldenen Schnittes ab und beziehen sich auf Muster der Natur.

HOFSTETTER KURT

N.I.C. – nature is cool

Kreuzung Lange Gasse - Laudongasse, 1080 Wien Q: www.wien.gv.at

Inauguration 09.10.2009

IMPRESSUM

Herausgeber: Zwei Kongruent Null

Verein zur Förderung von Projekten aus Kunst und Wissenschaft

Lange Gasse 42/3.2, 1080 Wien

unterstützt von BMUKK und WienKultur/Wissenschaft

Inhalt, Bilder und Grafik: Hofstetter Kurt. Alle Rechte vorbehalten. Wien © 2009

Kontakt: hofstetter@sunpendulum.at

Die Skulptur N.I.C. – nature is cool wurde realisiert durch


Nr. 22/2009 Buch X - Heike

ST/A/R 79

HOFSTETTER KURT

N.I.C. nature is cool

Der Plakatfolder wurde unterstützt von BMUKK und WienKultur/Wissenschaft.


80 ST/A/R

Rz_inserat-star.qxd:Rz_plakat 07.11.2009 15:16 Uhr Seite 1

Buch X - Heike Nr. 22/2009

MICHAEL NAGL

Aspekte der Sexarbeit

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81 ST/A/R

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Nr. 22/2009

Buch XI- Literatur ST/A/R 81

DU

Bricolage und Datenmontage von Marcus Hinterthür


82 ST/A/R

Buch XI- Literatur Nr. 22/2009

ST/A/R Literatur

Chef-Redakteur 2009 Alexander Schießling

DIE GESELLSCHAFT

ALS SCHLACHTHOF

Stimmen wir uns ein auf die

Apokalypse. Auf die permanente

Apokalypse, die der permanenten Revolution

des Trotzki und Mao Tse-tung (Zedong)

folgt. Lesen wir also Anomia von Lukas

Kollmer. Der Text ist zwischen Sommer

2006 und Frühjahr 2008 entstanden,

das heißt vor der weltweiten Finanzkrise,

die im besten Fall zu einer Krise des

Neoliberalismus und der unumschränkten

Globalisierung geführt haben wird,

auch vor der Wahl Barack Obamas zum

amerikanischen Präsidenten, in einer Zeit

also, die wenig Anlass zu irgendeiner Art

„Hoffnung“ gab. Dies ist im Auge zu behalten,

wenngleich natürlich fraglich ist,

ob die Abdankung des Neoliberalismus,

der Globalisierung und George Bush’s

überhaupt einen Neuanfang einleiten

könnten.

Die zweite Hälfte des neunzehnten

und die erste Hälfte des zwanzigsten

Jahrhunderts waren durch zwei

konkurrierende Utopien geprägt: den

Internationalen Sozialismus und den

Faschismus. Diese beiden utopischen

Gesellschaftsentwürfe zerrieben die

Bürgerliche Revolution zwischen den

Fronten und beerbten sie gleichzeitig.

Obwohl im schärfsten Gegensatz zueinander,

hatten sie etwas gemeinsam:

das utopische Moment, den revolutionären

Habitus, den Glauben an die

Möglichkeit einer besseren Zukunft,

kurz, die Aufbruchsstimmung. Seit dem

Ende des Zweiten Weltkriegs ist diese

Stimmung im Abflauen. Die Sechziger

Jahre kann man als letztes Lebenszeichen

des revolutionären Elans im Westen

sehen. Seither geht die revolutionäre

Stimmungskurve nach unten, oder, die

kritischen Gemüter kühlen seither permanent

ab. Wo sollte sich das besser

zeigen als in der „Literatur“? Wo zeigt

es sich deutlicher?

Anomia stellt nun den Tiefpunkt dieser

(vereinfacht) gedachten „Revolutions-

Stimmungskurve” dar und zwar in beiden

Bedeutungen dieser Formulierung:

Das Stimmungstief ist Sujet des Textes,

einerseits, andererseits ist er selbst ein

Symptom davon.

Am tiefsten Punkt des Tiefs angelangt,

wird der Ort dieses Anlangens

selbst einerseits zum Thema, andererseits

zur bestimmenden Kraft. Topos,

der Ort, ist in der U(…)topie der Ort der

Verheißung, aber in der Dys(…)topie

einer der Verdammnis. Mit letzterem

haben wir es zu tun, wenn wir Anomia

lesen.

Der Icherzähler dessen Namen

wir nie erfahren werden, lebt in einer

Gesellschaft der nicht allzu fernen

Zukunft, in der den Menschen Chips

(RFIDs) implantiert werden, mittels derer

sie einfach (zunächst sozial, in der Folge

davon physisch) abgeschaltet werden können,

sobald sie zur „Last” werden. Das

physische Geld ist abgeschafft, der herkömmliche

Fernseher ist von Screenwalls

abgelöst worden. Wir haben es mit den

üblichen Requisiten des SF-Genres zu

tun, die aber hier nicht um ihrer selbst

willen verwendet werden, sondern als

Repräsentanten einer sozialen Struktur

fungieren. Um diese geht es und der Text

kann als Versuchsanordnung verstanden

werden, die der Frage gilt, was mit

den Individuen in einer brutalisierten,

anomischen beziehungsweise asozialen

Gesellschaftsordnung geschieht.

Durch die Wahl der „Zentralperspektive“

(einer „Hauptperson“, eines

„Protagonisten”, eines „Icherzählers”)

hat sich der Autor entschieden, nur einen

kleinen Ausschnitt einer solchen

sozialen Ordnung darzustellen, was einerseits

der Reflexion engere Grenzen

setzt, andererseits aber verhindert,

dass der Leser in der Uferlosigkeit der

Komplexität verloren geht (was ohnehin

schon immer geschehen sein muss).

Zugleich aber sieht sich ein zur „konkreativen”

(Heinrich Rombach) Lektüre

entschlossener Leser dieses Textes zur

sogenannten Überinterpretation genötigt,

da er auch das in die Reflexion mit

einzubeziehen hat, was aus der Lektüre

nur indirekt hervorgeht.

Der Begriff einer „konkreativen

Lektüre” meint hier ein Lesen, das den

Text nicht wie ein Objekt behandelt, das

es von Außen zu beschreiben gilt, sondern

als Anbahnung einer Bewegung, die

ins Offene führt. Eine solche Lektüre bastelt

sich aus dem Text ein Gefährt und

macht ihn zum Gefährten einer immer

schon improvisierten Fahrt ins Blaue;

ein definitives Ziel dieser Fahrt kann es

ja aus mehreren Gründen nicht geben:

weil ein Text durch die Lektüre die ihn

konstituiert immer schon ein anderer als

„er selbst” wird, die Begegnung von Leser

und Text die Entstehung eines Gewebes

bedeutet, das nunmehr von zwei Autoren

herrührt, sofern der Leser eben notwendig

konkreativ liest, indem er seinen Text

(er)findet; weil der eine Text notwendig

auf andere verweist, in deren Sphäre er

erst als Literatur lesbar wird und diese auf

wiederum andere Texte und so fort;

Es ist Sommer, die Hitze legt sich

wie ein Schweißfilm über den ganzen

Text. Der Icherzähler, nennen wir ihn

der Einfachheit halber Ego, muss als

Alkoholiker bezeichnet werden. Er arbeitet

als Museumsaufsicht und hat auch

noch einen zweiten Job, den er uns aber

wie seinen Namen nie verraten wird. Und

er schreibt, er schreibt hunderte Seiten,

die er für unbrauchbar hält. Schon zu

Beginn des Textes wird uns klar gemacht,

dass Ego kein liebenswerter Mann ist.

Die Bekannte, die beinah schon zum

Skelett abgemagert, vor dem Haustor auf

ihn wartet, um mit ihm Kaffee zu trinken,

oder etwas menschliche Wärme zu

spüren und die er zurückweist: „Geh in

irgendein Lokal. Hör auf mir nachzurennen.

Bei mir gibt es keinen Kaffee mehr. Ich

gehe schlafen. Geh du auch besser schlafen.

Geh ins Bett. Du hast doch ein Bett? Ich

bin sicher, dein Bett wird dich heute ganz

besonders mögen.“

„Du bist so ...“

Sie beginnt zu weinen. Sie macht es nicht

mehr lange. RFID deaktiviert. Die hat kein

Bett mehr. Weiter unten quert mit hohlem

Grollen ein Panzerwagen die Gasse, hält für

wenige Sekunden, rollt weiter.”

Die Szene endet damit, dass Ego das

Haustor, an das seine Bekannte sich

klammert, zuschlägt, wobei ihre dürre

Hand eingequetscht wird. Brutal, egoistisch.

Die Gesellschaft, die uns beschrieben

wird, befindet sich in Aufruhr,

im Ausnahmezustand. Hungersnot

herrscht, Revolten in den Außenbezirken,

unerträgliche Hitze und dies alles scheint

durch einen einzigen Großkonzern beherrscht

zu werden: der Croques Ltd.

Ego lebt sein Leben zwischen Lohnarbeit,

Schreiben und Trinken, der „goldenen

Triangel”, und alle drei Pole erscheinen

ihm vollkommen sinnlos. Eine

Alternative dazu gibt es freilich auch

nicht. Diese Fesselung an den gegebenen

Zustand und die Einkerkerung in die gegebenen

Verhältnisse tragen alle Figuren

der Novelle mit ihrem Körper aus. Diese

Körper werden zu Symptomen, zu materiellen

Speichern, die die Verhältnisse

visualisieren, indem sie ihnen zum

Opfer fallen. Der Körper aller Figuren,

auch der Egos, ist der rote Faden, an dem

entlang sich die Szenerie entfaltet. Der

Körper als Touchscreen, auf dem und in

dem sich der soziale Film abspielt. Diese

allzu dünne Bekannte, deren Hand in

der zugeschlagenen Tür eingequetscht

wird: der Schmerz sozialer Ausgrenzung

ist physischer Art. Es ist nicht wie in

George Orwells „1984”, wo die soziale

Macht noch metaphysischer, gespensterhafter

Natur ist. In Anomia geht es zur

Sache und die Sache ist der Körper des

Individuums. Dieser Körper krepiert, sobald

die RFID deaktiviert ist:

„Vor dem Haus schwatzen minderjährige

Mütter zwischen verlassenen Bierdosen

und ich kämpfe mich durch brütende Hitze

und über stinkende Berge prall gefüllter

Müllsäcke, als ich über einen dumpfen

Brocken stolpere. Mit hohl geöffnetem Maul

liegt sie auf dem Trottoir in den Dreck gebettet

und starrt mich aus leergefressenen

Augenhöhlen an.

„Ich sagte doch, geh ins Bett“, murmle

ich. Meine Beine haben Atem geholt,

schwingen lose unter meinem Leib wie

Altweibersommerspinnfäden.”

Die Bekannte ist tot, namenlos gestorben,

Ursache unbekannt. Ego erscheint

in diesen Passagen als gleichgültiger

Unbeteiligter, dessen einzige Sorge er

Alex Schießling; Foto: Martina Bauer

selbst ist. Dieses Charisma relativiert

sich zunehmend, das heißt, im Laufe

der Erzählung. Ego wird sich ohne erkennbare

Bemühungen, die das zum Ziel

hätten, verändern. Anfangs erscheint er

als „cool”, erst gegen Ende gestattet ihm

der Autor menschliche Züge. Im Kapitel

„Last best hope”, das in etwa die Mitte des

Textes darstellt, erscheinen beide Motive

gleichzeitig: Das Motiv der Empathie und

das der Abgrenzung vom Leid anderer.

Die Coolnes gewinnt. In diesem Kapitel

wird genau gezeigt, wie eine empathische

Haltung in eine Flucht vor dem „Leid

anderer” umschlägt. Wieder ist es eine

namenlose Frau, die sich in größter Not

befindet, als Ego auf sie trifft. Sie wird gerade

vergewaltigt und blutet überdies aus

Wunden an den Füßen, die sie sich durch

Glassplitter zugezogen hat. Ego rettet sie

zunächst, indem er ihren Peiniger vertreibt,

er bringt sie nach Hause. Dann

aber antizipiert Ego die möglichen

Schwierigkeiten, in die er kommen

kann, wenn er sie in ein Krankenhaus

bringt, ihr weiterhin hilft. Das führt

dazu, dass er die Szene wechselt. In einem

Gespräch beschrieb Lukas Kollmer

diese Situation so: In dieser Gesellschaft

sind Hilfe und Selbstaufgabe beinahe

dasselbe. Solidarität wird also klein geschrieben,

beziehungsweise gar nicht.

Auch Ego leidet physisch. Ungezählt sind

die Stellen, in denen uns sein schlechter

Zustand beschrieben wird. Riesige

Gelsen saugen ihm das Blut aus, Übelkeit

befällt ihn andauernd, er fügt sich selbst

Wunden zu, besonders dann, wenn er

andere Schmerzen überblenden möchte,

kurz, sein Körper wird uns als Ort des

Leidens beschrieben, jeder Körper ist

hier ein solcher Ort. Die Körper in dieser

Erzählung leiden und sind überdies

monströs, zum größten Teil ekelerregend,

selbst die Körper der Tiere spielen

verrückt. Katzen beginnen violett zu

glühen wenn sie fressen und zufrieden

sind, Insekten sind riesig, die meisten

menschlichen Figuren einfach hässlich.

In dieser schmutzigen, stinkenden Welt


Nr. 22/2009 Buch XI- Literatur

ST/A/R 83

bleibt auch Ego nicht verschont und sein

Zustand verschlechtert sich zusehends.

Eine einzige Figur entgeht auf ironische

Weise diesem Schicksal: Cecilia, die

Geliebte Egos, die er während der Arbeit

im Museum kennenlernt. Bei ihr tritt an

die Stelle des physischen Leides und der

Hässlichkeit die psychische Krankheit.

Nichts in dieser Welt ist in Ordnung,

gesund und gut. Die Körper sind einer

Umformung ausgesetzt, die sie zerstört,

das heißt, die die Menschen zerstört, die

diesen Körper zu leben haben. Hier muss

nun von der meiner Ansicht nach besten

und wichtigsten Erfindung des Textes gesprochen

werden: den Transsubstaten.

Croques Ltd., der omnipräsente

Konzern, betreibt eine

Filmproduktionsfirma, die von einem gewissen

Hasenform (köstlicher Name) gemanagt

wird, der zugleich den Regisseur

gewisser Filme und Ereignisse macht.

Der Text bleibt bezüglich der genauen

Berufsbezeichnungen indifferent, unbestimmt.

Diese Produktionsfirma produziert

die Transsubstate.

Der Leser wird durch die erste Hälfte

des Textes nur an die Startrampe geführt

und erst durch die zweite Hälfte

in das Zentrum dieser Welt geschossen.

Während die erste Hälfte sich vor allem

mit dem Leben Egos beschäftigt, geht

es ab der zweiten Hälfte vor allem um

Croques Ltd. und Hasenform. Das heißt,

um die Transsubstate.

„Zu sehen ist ein enger, gelb gefliester

Raum, in dessen Mitte ein nacktes

Transsubstat hängt. Nach wenigen

Augenblicken beginnt sein Kopf sich zu

bewegen, es hebt ihn, reißt den Mund auf,

schreit vielleicht, doch es gibt keinen Ton,

dann beginnt Blut aus seiner Stirn zu schießen

und mit einem Ruck spaltet sich sein

Gesicht. Dann beginnt sein gesamter Körper

sich zu schälen, in Brocken fällt Schicht um

Schicht davon ab. Als die äußere Hülle verschwunden

ist, lässt sich sein Inneres kaum

mit dem eines Menschen vergleichen, wie

beliebig sind dicht gepresste Fleisch- und

Organstrukturen zusammengestopft, die

nun ebenfalls Element für Element zu Boden

tropfen. Nach den wenigen Sekunden, die

all das dauert, bleibt nur wie verbrannt verkrümmtes

Astwerk aufrecht hängen, welches

wohl ein Skelett darstellen soll. Darunter ein

schmieriger, glänzender Haufen grüner, gelber,

roter und brauner Masse. Hasenform

hält das Bild an. Ich will hinausgehen und

kotzen. Hasenform legt zwei dicke Lines

Heroin auf.”

Die Transsubstate haben mehrere

Funktionen. Ihre erste Aufgabe ist,

in Filmen mitzuspielen, um dort ihr

„Desintegrationsverhalten”, also die

Selbstvernichtung, zur Schau zu stellen.

Der Konzern hält das Patent, das

Kino steht vor einer „Revolution”,

Hasenform bezeichnet die Transsubstate

als „Revolutionäre”. Ein Transsubstat ist

ein künstlich erzeugter, antropomorpher

Körper, der zu nichts anderem erzeugt

wird, als sich selbst zum Gaudium der

Masse zu vernichten. Und tatsächlich

schlagen diese Filme ein. Fanclubs entstehen

usw. Man sieht gerne bei der

Peinigung und (Selbst)vernichtung der

Transsubstate zu. Reality TV an die Spitze

getrieben. Sie haben aber auch noch eine

andere Nutzungsmöglichkeit: Sie können

verzehrt werden, der Hungersnot abhelfen.

In Anomia, Name für einen Ort

und zugleich Titel dieser Novelle ?, gibt

es also künstlich erzeugte Lebewesen,

die einerseits verzehrt werden und andererseits

der Unterhaltung dienen;

diese Lebewesen sind aber keine Tiere,

sondern dem Menschen nachempfunden.

Ego interessiert sich nun dafür, wie

menschenähnlich „sie” sind. Seine erste

echte Begegnung mit einem von „ihnen”,

sieht so aus:

„Ich schreite an das Transsubstat heran,

bis unsere Nasenspitzen einander fast

berühren.

„Kannst du mich hören?“ frage ich.

Immer die gleichen trägen, schmatzenden

Bewegungen.

„Kannst du mich hören!“

„Lll ... llliesiiich ...“

Ich schrecke zurück, werfe meinen Kopf

zu Hasenform herum. Er schaut mich verwirrt

an.

„Llliesiiich ...“, höre ich wieder, während

ich Hasenform anstarre. Stille. Schmatzen

der Transsubstatbewegungen. Hasenform

öffnet seinen breiten, dicklippigen Mund,

seine Zunge faltete sich einmal auf und

wieder ab. Dann bewegt er seinen plumpen

Schädel wie in beständiger Verneinung hin

und her.

„Nicht?“ frage ich.

„Nein“, nuschelt er.

„Sicher?“

„N-ei-nnn!“

Im Transsubtat erreicht der Text in der

Tat sein eigenes Zentrum, im Transsubstat

zieht der Text sich zusammen, verdichtet

sich und implodiert. Es sind diese geschundenen,

g e q u ä l t e n

Leiber, die einzig

und allein

den Zwecken

anderer zu

dienen haben,

in denen sich

das Ganze des

Textes, des

Buches versammelt:

Der

Gipfel ist mit

ihnen erreicht.

Es gibt ein

chinesisches

Sprichwort,

das lautet:

„Wenn du den

Gipfel eines

Berges erreichst

- klettere

weiter.”

D e r

Körper eines

M e n s c h e n

erscheint in

Anomia als

seine größte

Schwäche, er

ist der Ort, den

die Macht ins

Visier nimmt.

Croques Ltd.

ist deshalb

auch in besonderer

Weise

am Körper der

Frau interessiert,

so sehr,

dass die Chefs

eine „Miss

Cover: Just_Liili

Universe” verspeisen.

Die sozialen Machtverhältnisse

schreiben sich in Anomia nicht in den

Körper ein wie ein Text auf ein Blatt Papier:

dieses wird durch den Text nicht zerstört.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse, die

soziale Situation eines Menschen zeichnet

den Körper und macht ihn zu einzig ihrem

Zeichen. Die Politik, die mit ihm gemacht

wird, seine Schutzlosigkeit, seine

unheilbare Schwäche, Ort des Schmerzes

zu sein, seine Sterblichkeit, all dies saugt

die Freiheit auf und lässt die Kultur als

lächerliche Ablenkung von der Realität

erscheinen. Der Körper verzehrt sich umwillen

seiner Existenz und wird verzehrt

umwillen der Existenz anderer.

Während man sich durch Anomia bewegt,

entsteht die Frage, ob Widerstand

gegen Croques Ltd. möglich ist, in welcher

Weise Widerstand gegen die Macht

sinnvoll sein könnte. Dabei stößt man

notwendig auf die RFID’s, auf jene

Implantate, die es der Macht möglich machen,

einen Menschen auf Knopfdruck

aus dem sozialen Kontext zu stoßen, ihn

zu verbannen. Die Macht hat sich des

Körpers bemächtigt, sie kommt nicht

mehr von außen. Die RFID’s sind die

Macht im Innersten und dennoch kann

sie sich noch einmal selbst toppen, indem

sie Körper produziert, denen man keine

Chips mehr implantieren muss, da sie

schon den jeweiligen Zwecken entsprechend

programmiert sind. Die Macht ist

mit den Transsubstaten wieder einen

Schritt weiter: Sie steht nun am Ursprung

allen Lebens. Unter diesen Bedingungen

ist Revolution nicht mehr denkbar.

Die zukünftigen (schon im Ansatz

gegenwärtigen) Möglichkeiten von

Wissenschaft und Technik lassen die klassischen

Formen der Revolution alt aussehen.

In Anomia wird auch nicht mehr

Bezug auf sie genommen. Aber Lukas

Kollmer zeigt uns den Kriegsschauplatz,

auf dem die zukünftigen Kriege stattfinden

werden: Es ist der genetische

Code, das Programm, das nunmehr dem

Körper vorgeschrieben wird, bevor es sich

einschreibt. Die Transsubstate sind eine

Warnung.

Kollmer zeigt das Problem, bietet freilich

keine Lösungen. Er schreibt nicht

mit „revolutionärem Elan”, ruft nicht

zu den Waffen, aber er zeigt ganz klar

den Zusammenhang zwischen Macht,

High Tech, Maschine und Körper: Die

Macht mechanisiert den Körper, da sie

mit seiner fleischlichen Lebendigkeit

ein Problem haben muss. Der Mensch

als Bioroboter.

Der Mechanismus vieler Dystopien,

man hat ihn schon oft beschrieben, ist

der Mechanismus einer Warnung. Die

Warnung antizipiert kommendes Unheil.

Eine Warnung vor dem Unvermeidlichen

ergäbe keinen Sinn. Auch angesagte

Katastrophen finden wahrscheinlich

nicht statt, so wenig wie angesagte

Revolutionen. Es sei denn, sie hätten bereits

unbemerkt stattgefunden und die

Warnung vor dem Kommenden wäre nur

ein Irrtum im Tempus.

von Alexander Schießling

Foto (c) Stefan Buchberger

Lukas Kollmer Anomia. Roman,

bei LUFTSCHACHT Wien 2009

ISBN 978-3-902373-38-0

www.luftschacht.com

Anthologiebeiträge

in autorenmorgen 01. Prosa/Lyrik-

Anthologie, 2003 Nihil. Roman, 20

03 Schlächtervergessen. Erzählung,

2005


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch XI-

Wie es war und wie es gewesen sein wird

Eine Fortschreibung von Geschichte und Literatur nach der Shoah

von Doron Rabinovici

Es war einmal. Märchen heben so Fachwerken zahlreiche Gelehrte wieder giert genannt, und das ist gar nicht nett

an und machen Kinder lauschen. zu Kindern und spielen einander vor, gemeint. Der Streit, ob die Historiographie

distanziert oder parteilich sein

Es war einmal, so klingt das Signal,

es gäbe eine Forschung ohne Forscher,

das alle Kleinen aufhorchen läßt,

so lautet die Parole, mit der Feen, Hexen

und Zauberer aufgerufen, mit der

Elfen, Riesen und Drachen zum Leben

erweckt werden. Vor langer, langer

Zeit, in einem fernen Land, jenseits aller

Ortsangaben und Jahreszahlen wird

das schlechthin Gute vom Bösen par

excellence bedroht, aber nie besiegt.

Es war einmal, bedeutet uns, die wir

erwachsen sind, daß nun erzählt wird,

was so nie geschah, aber gleichzeitig

wird mit diesen Worten behauptet, daß,

wenn, wovon die Fabel berichtet, auch

nie war, die Mär dennoch ein für allemal

wahrhaftig war und wahr bleibt,

jenseits aller Wirklichkeit. Ihre Aussage

scheint durch die Überlieferung abgesichert,

wobei für jedes Sprichwort, für

jede Volksweisheit und für jede Volksweise

immer schon ein Gegenstück in

der Tradition existiert. Die alten Redensarten

widersprechen einander seit

jeher, aber wirken dennoch fort; und

wenn sie nicht gestorben sind, dann leben

sie noch heute.

Wenn Volljährige Legenden lesen, erwarten

sie zumindest seit der Aufklärung

keine historisch gesicherte Darstellung.

Nicht wenige verlangen hingegen

von der Geschichtswissenschaft,

was sie in den Epen und Mythen nicht

mehr finden können. Das historische

Fach macht Mündige wieder hörig,

macht selbst Gottlose wieder gläubig.

Hier suchen sie die Offenbarung, wie

es einmal war, wie es einmal wirklich

war. Von der universitären Lehre wird

Objektivität und rationale Distanz verlangt,

wohingegen die Literatur dem

Subjektiven und dem Gefühl zugeordnet

bleibt. Weil die Geschichte über

unumstößliche Fakten verfügt, sollen

die Menschen aus ihr lernen, und zuweilen

klingt diese Hoffnung, als wä-

als verfügte der Akademiker nicht über

einen Standpunkt und wäre frei von Interessen.

Wissenschaftlicher Wandel spiegelt

gesellschaftlichen wider. Nicht neue

Fakten, denn die alten hätten allemal gereicht,

um dem Glauben an eine arische

Herrenrasse abzuschwören, sondern

die militärischen und politischen Siege

über den Nationalsozialismus änderten

die Weltsicht, etwa den Sprachgebrauch

der Erblehre - oder in moderner Terminologie,

der Humangenetik; änderten

nicht bloß das Vokabular, sondern

ebenso einige Thesen und Praktiken

dieses Faches.

Mit diesen Worten soll nicht ein weiterer

der zahlreichen Nachrufe auf die

Aufklärung angestimmt werden. Ebenso

will ich nicht behaupten, es gäbe gar

keine Geschichte, weil es derer so viele

gibt. Gewiß; die Historie kennt keine

sprachliche Pluralform, eben weil sie

bloß in der Mehrzahl existiert, und es

läßt sich kein roter Faden, kein einziger

unbeschadeter unter den vielen Garnen

finden, an dem die eine große Erzählung

aller Menschen geknüpft ist. Was

da von uns zusammengebunden wird,

hängt nicht an einem Zwirn, sondern

ist Flickwerk, das in seinem Ganzen

wahrgenommen werden kann oder als

Bruchstück. Aber was gesponnen wird,

ist nicht schiere Willkür, ist nicht bloß

Spiegelbild unserer Vorlieben. Was die

Wahrheit ist, darüber mag diskutiert

werden, nicht geleugnet werden kann

jedoch die Existenz der Halbwahrheit

und der blanken Lüge.

Zurecht wurde nach dem Sieg über

den Nationalsozialismus die scheinbare

Objektivität der Wissenschaft kritisiert.

Jaques Presser, Schriftsteller und Historiker,

Autor des zweibändigen Standardwerkes

„The Destruction of the Dutch

müsse, wurde polemisch geführt. Eine

Wissenschaft, die einen Standpunkt

einnehme, werde von persönlichen Ansichten

beherrscht, hieß es, und in der

Tat, abschreckende Beispiele gab es genug;

Akademiker, die sich den Dogmen

der Macht und der Macht der Dogmen

unterwarfen. Für sie ist Geschichte bloß

ein Vorspiel. Neue Erkenntnisse mögen

daran nichts mehr rütteln. Die Zukunft

ist gewiß, bloß die Vergangenheit ändert

sich laufend.

Jaques Presser bezog Stellung, um

seine Position offenzulegen. Ein solches

Vorgehen bedeutet ein mehr an Fairneß

und Redlichkeit als das Verlangen nach

Gelassenheit. Was aber ist redlich, und

wem gegenüber sollte die historische

Forschung es sein? Die Forderung, die

Opfer gerecht zu behandeln, scheint banal,

doch unklar bleibt, was das bedeutet.

Während die Täter kein Anrecht auf

Anonymität haben und nicht aus ihrer

Verantwortung entlassen werden können,

den Mördern in der historischen

Darstellung keine Diskretion gewährt

werden darf, sollen die Opfer in ihrem

Leid nicht sensationslüstern zur Schau

gestellt werden. Noch darf dem Opfer

ein zweites Mal seine Existenzberechtigung

als Individuum, sein Platz in der

Geschichte verweigert werden.

Wenn von der Geschichtsschreibung

Redlichkeit verlangt ist, was hieße das

gegenüber den Tätern? Etwa, daß sie

sich in der Darstellung wiedererkennen

sollten? Fast alle der im Nürnberger

Prozeß angeklagten Spitzenfunktionäre

des „Dritten Reiches“ präsentierten sich,

wenn es um die Vernichtung der Juden

ging als schiere Befehlsempfänger. Einer

der Untergebenen Eichmanns,

Franz Novak, sagte etwa aus:

„Ich selbst war kein ausgesprochener

Judenhasser. Man muss sich aber die

Forschung, die einst vom Verbrechen

dienstbar gemacht werden konnten.

Ebenso abzulehnen ist eine Sicht, die

zur Dämonisierung neigt, und damit

gleichsam sakral überhöht, was unterschiedliche

Menschen unterschiedlichen

Menschen zufügten. Damit ist

nicht gemeint, es ginge einfach darum,

die Banalität zu zelebrieren, der Mörder

sei ein Mensch gewesen wie alle anderen

auch, der Hunde gestreichelt, Kinder

getätschelt und unter Flatulenzen

gelitten habe. Wer nicht wegschauen

will, kann erkennen, daß sich seit einiger

Zeit ein Blickwinkel durchsetzt,

der von den Opfern der Vernichtung

absieht, um das Augenmerk den Mitläufern

und Tätern zuzuwenden. Wir

werden dunkle Kinosäle geladen,

um uns den Führerbunker, ja, Hitler persönlich zu versetzen, zumindest

aber jene, die ihm dienten, ihm

nahe waren und ihn vergötterten. Wo

nichts als Verblendung war, soll Aufklärung

erwachsen. Vom so genannten

ren die Opfer nichts als pädagogische

Ge-Rabin

ei-Rabin

Jews“ , der Geschichte der Verfolgung

damalige Zeit vergegenwärtigen, mit

Untergang, dem Millionen ihre Rettung

Anschauungsobjekte aus einer Lehr-

der Juden den Niederlanden, und des

der ungeheuren von oben geleiteteten

verdanken, wird erzählt, von jenem Un-

mittelsammlung. Ist aber so eindeutig,

einzigartigen Romans „Die Nacht der

Propaganda gegen die Juden. Sicher

tergang, der bereits damals als Götter-

was uns die Geschichte beibringt? Vor

Girondisten“ versuchte nie zu verheh-

war ich kein Judenfreund. Mit diesen

dämmerung inszeniert worden war. Ein

einiger Zeit versammelte sich etwa der

len, von welcher Position aus er schrieb,

harten Maßnahmen war ich aber nicht

Drama im übelsten Sinne des Wortes.

Generalstab der israelischen Armee ja schreiben mußte. Der jüdische Über-

einverstanden. Ich kann nicht einmal

Selbst die Darstellung seines Suizids

Yad va Shem. Die Medien waren nicht

lebende, der untergetaucht dem Mas-

sagen, ob Eichmann ein ausgesproche-

folgt den Regieanweisungen des Mas-

geladen. Die Veranstaltung war nicht

senmord entrann, war um Sachlichkeit

ner Judenhasser war.“

senmörders. Das Drehbuch hält sich an

eines der öffentlichen Rituale des bemüht, und dennoch, oder vielmehr

Gewiß; alles ist relativ. Was bedeu-

die Mythen der Mitläufer. Damals wie

denkens. Intern sollte die Bedeutung

eben deshalb, ließ er keinen Zweifel

tete es genau, unter den SS-Männern

heute können die Zuschauer angesichts

der Shoah diskutiert werden. An darüber, daß er nicht bloß über die Op-

der Wiener „Zentralstelle für jüdische

des Führers einen wohligen Schauer

nem Punkt brach heftiger Streit aus. Es

fer berichtete, sondern ihrem Namen

Auswanderung“ und im Vergleich zu

verspüren, denn der Diktator war immer

ging um die Frage, ob die Erinnerung

sprach. Was an Presser unter anderem

all diesen anderen nazistischen Mas-

schon ein mediales Ereignis, das erst im

an den Massenmord den israelischen

besticht, ist die Redlichkeit, mit der er

senmördern kein „ausgesprochener Ju-

Zwielicht ganz zur Geltung kam. Das

Soldaten, im Kampf gegen die zweite

seiner Arbeit nachging. Er spiegelte

denhasser“ gewesen zu sein? Und wer

Janusgesicht aus Zucht und Willkür,

Intifada nütze oder schade. Offiziere,

niemandem vor, seine Untersuchung

wollte schon nach 1945 erzählen, wel-

aus Unrecht als Ordnung und Ordnung

die dem Friedenslager zugerechnet mit ebensolcher Geisteskälte angehen che antijüdischen Töne er noch wenige im Unrecht, aus Disziplin und Pogrom,

werden können, und das sind in Israel

nicht wenige, diese linkeren Offiziere

also meinten, Auschwitz sollte gedacht

zu können, wie manch Entomologe

der Erforschung von Ungeziefern, und

das war ehrlicher als die Bekundungen,

Jahre vorher gespuckt hatte?

Redlichkeit gegenüber den Tätern

heißt nicht, sich dem Plädoyer der Mör-

war das Erfolgsrezept des Nazismus.

Der Untergang war kein geschichtlicher

Zufall, sondern Konsequenz der apoka-

werden, um einen zügelnden Einfluß

auf die Rekruten auszuüben und um an

humanistische Traditionen anzuschließen.

Die Falken im Militär vertraten

hingegen die Ansicht, das Gedenken an

die Ermordung der europäischen Juden

sollte eher der Stärkung des israelischen

Verteidigungswillens dienen.

Die politische Anschauung bestimmt

die historische Sichtweise, doch trotz

dieser banalen Erkenntnis werden vor

es ließe sich die Vernichtung kühl betrachten,

ohne durch dieses Paradigma

bereits Stellung bezogen zu haben. Wer

der eigenen Voreingenommenheit begegnen

will, muß die Suche nach ihr

aufnehmen. Auf diese Weise kann erkannt

werden, welche unserer inneren

Projektionen einleuchtender scheinen

als alle Aufklärung.

Die Art der Geschichtsschreibung, die

Presser repräsentiert, wird gerne enga-

der anzuschließen, sondern eher, ihr

Wesen und ihr menschliches Dasein

den Lesern begreifbar zu machen, ohne

deshalb einer Apologie zu verfallen, die

aus dem Verstehen ein Verständnis für

die Untat macht? Wie das Verbrechen

nicht so schildern, daß alles im Nachhinein

unvermeidbar und beinah notwendig

erscheint? Wer nichts als Objektivität

und den kühlen Blick sucht,

wiederholt die Fehler jener Art von

lyptischen Sehnsucht, denn fest stand,

daß die Entscheidung eine totale, eine

endgültige sein sollte. Pech bloß, aus

der Perspektive der Nazis ein Mißgeschick

sozusagen, daß sie die Unterlegenen

waren, daß es sie letztlich selbst

traf. In seinem Buch „Kitsch und Tod“

deckte Saul Friedländer diese Ideologie

der Vernichtung auf und schilderte die

Faszination, die von ihr auch Jahrzehnte

danach noch ausgeht.


Literatur ST/A/R 85

zigtausenden Leichen zu einem logistischen

Problem wurde. „Die Probleme

waren so groß, daß man wieder zusätzlich

Verbrennungsgruben einführen

mußte. Doch die Krematorien, so viel

kann man sagen, haben ihre Aufgabe

so gut sie konnten, erfüllt.“ Ja, so viel

kann man sagen, und ich denke nicht

daran, dies van Pelt vorwerfen zu wollen,

denn seine Pflicht bestand darin,

alle Mißverständnisse aufzuklären, die

Irving verbreitet hatte. Eva Menasse er-

Um den Apparat der Verfolgung entlarven

zu können, bräuchte es Vorstellungskraft,

aber reicht sie aus, um zu

verstehen, was geschah? Nein, in jedem

Buch über die nationalsozialistischen

Morde wird erwähnt, daß, was sich ereignete,

unvorstellbar bleibt. Dabei ist

klar, daß diese Erkenntnis zur schieren

Formel wird. Gefragt könnte werden, ob

nicht jede historische Abhandlung mit

diesem Problem konfrontiert ist. Sind

die Leiden im Dreißigjährigen Krieg

terie mit Wissenschaftlichkeit zu begegnen,

wobei ich wußte, daß dadurch

vieles nicht zur Sprache kommt. Mir

ging es aber, anders als in einem literarischen

Text nicht so sehr um das noch

Unbenannte, als vielmehr um konkrete

Problemstellungen. Ich wollte jenseits

meiner Phantasien forschen, wer die

jüdischen Funktionäre gewesen waren,

wollte ihre Dokumente präsentieren,

sie verzeichnen und darbieten. Ich

brauchte eine gesicherte Antwort auf

klärt, in distanzierter Form: „Van Pelt

stützt sich auf zwei Dokumente aus

Auschwitz, eines über die Verbrennungsleistungen

der Öfen, ein zweites,

in dem doch wahrhaftig ein Ingenieur

der Bauleitung säuberlich ausgerechnet

hat, wie viel Kohle pro Krematorium gebraucht

wird.“

Der Historiker sowie der Chronist

stehen vor derselben Problematik. Sie

können bloß mit den Maßstäben der

Mörder das Ausmaß der Untat verdeutlichen.

wissenschaftlich darstellbar? Gewiß Fragen, die seit langem mich beschäftigten,

Berichtet wird von seuchenhy-

nicht; was aber mit Auschwitz benannt

wird, entzog sich allem, was voraus gedacht

werden konnte, widersprach allen

Vorstellungen von Rationalität. Wieso

war es im „Dritten Reich“ im Moment

der Niederlage noch wichtig, die letzten

über 70.000 im Getto Lodz verbliebenen

Juden zu morden? Die Opfer konnten

nicht begreifen, weshalb ihr Leben,

ihre Fähigkeiten, ja letztlich nicht einmal

ihre Arbeitskraft noch etwas zählten.

Mit dem Mord an Millionen durch

Verwaltung ist der Tod zu etwas geworden,

was so noch nie zu fürchten war.

Keine Möglichkeit mehr, daß er in das

erfahrene Leben der Einzelnen als ein

irgend mit dessen Verlauf Übereinstimmendes

eintrete.

„(...) seit Auschwitz heißt den Tod

fürchten, Schlimmeres fürchten als den

Tod.“, schrieb Adorno.

So fraglich es ist, ob die Geschichtsschreibung

darstellen kann, wie es einmal

war, wie es einmal wirklich war, so

zweifelhaft ist auch, ob, falls sie diese

Aufgabe erfüllen könnte, sie ihre ganze

Pflicht geleistet hätte. Die Historiographie

bemüht sich zumeist anzugeben,

was an einem bestimmten Ort zu einer

gewissen Zeit geschehen ist. Doch um

zu verstehen, was stattfand, muß klar

sein, was eben noch nicht, nicht mehr

sich ereignete, kurzum, was geschehen

hätte können; welche Alternativen sich

den Handelnden einst boten. Welche

Hoffnungen hatten sie hegen dürfen,

ehe eintraf, wovon wir nun berichten?

Diese Überlegungen widersetzen sich

einer Geschichtsschreibung, die vorgibt,

daß nicht anderes geschehen konnte,

als letztlich geschah. Die Historiographie

wäre dann nichts als die Kapitulation

vor der Macht des Faktischen.

aber ebenso eine eindeutige Ent-

gegnung für jene, die zwischen Opfern

und Tätern nicht unterscheiden wollen.

Ihre Thesen mußte ich so sachlich wie

möglich widerlegen. Es wäre fatal gewesen,

das Thema allein der eitlen Selbstdarstellung

wegen zu verfehlen. Es ging

um Selbstbeschränkung.

Doch diese Zurückhaltung hat ihren

Preis. Die Geschichtswissenschaft verwendet,

um zu schildern, was geschah,

das Vokabular des Verbrechens. Unweigerlich

gebrauchen wir dabei die

Termini derer, die über die Untat bestimmten

und sie organisierten. Mit

ihren Begriffen wird bezeichnet, wie

die Ausraubung, Verfolgung und Ermordung

vor sich ging. Wir sprechen

von Deportation, und das bedeutet

wohl nichts als Zwangsverschickung,

meint das Lexikon, aber mit Ethymologie

kommt in diesem Fall niemand

weiter. Hinter „Deportation“ verbarg

sich die Verschleppung in den Massenmord.

Die Wörter „Umsiedlung“ und

„Sonderbehandlung“ können jederzeit

auf ihre buchstäbliche Bedeutung überprüft

werden, der eigentliche Inhalt und

seine geschichtliche Dimension bleiben

aber verborgen. Unter „Umsiedlung“

bloß eine Delogierung zu verstehen,

hieße gar nichts zu begreifen. Wie soll

„Sonderbehandlung“ übersetzt werden?

Euphemismus war Teil der Politik der

Nazis. Wie Ausdrücke verstanden oder

mißverstanden werden, ergibt sich aus

dem Kontext. Die Kritik an der Sprache

wird von der Geschichtsschreibung jedoch

kaum geleistet. Die Wissenschaft

unterwirft sich den Sprachregelungen,

und vermag sich der Wechselbeziehung

zwischen Inhalt und Form nicht zu widersetzengienischen

Maßnahmen, von der technischen

Perfektionierung der Barbarei.

Unanschaulich bleibt, daß hiermit die

Logik der Mörder widergespiegelt wird.

Jenseits des wissenschaftlichen Handwerks

liegen die Möglichkeiten der Literatur,

die gar nicht vorgibt, bloß die

Fakten wiederzugeben. Sie kann sich

eben deshalb einer Wahrheit annähern,

die alle Wirklichkeit übertrifft, ohne sie

zu verraten. „Ich lese den ersten Absatz

und stelle fest: So war es, so! Poe hätte

es anders erzählt, aber noch einmal: SO

WAR ES.“ In großen Lettern schreibt

Jaques Presser diesen letzten Satz, und

wir lesen: „Ich, Jaques Suasso Henriques,

geboren am 24. Februar 1916,

ich schwöre: Dies ist die volle Wahrheit,

unverblümt, nichts ist hinzugefügt.“

Und an anderer Stelle erlebt Jaques

Suasso Henriques, es ist Nacht, und ein

Transport soll abgehen, wie ein Mann

sich die Augen aussticht: „Ich habe

das gesehen, selbst gesehen, in vielen

Nächten der Verdammnis. ICH HABE

DAS GESEHEN.“ Wieder in gesperrten

Buchstaben.

Auf die Frage des Sprachwissenschaftlers

Sem Dresden, ob sich das wirklich

so ereignete, teilte ihm Presser mit,

er habe ein kleines „Ödipus-Element“

für erforderlich gehalten und sich deshalb

„diese Wirklichkeit“ ausgedacht.

An Pressers Vorgehen ist gewiß nichts

Verwerfliches, denn er behauptete ja in

keinem Satz, Jaques Suasso Henriques

zu sein. Das Buch ist als Roman, als

Fiktion zu erkennen. Der Autor gibt

nicht vor, die Erzählstimme zu sein.

Andernfalls wäre es Etikettenschwindel

und Anmaßung. Jaques Presser, der

versteckt nur überlebte, dessen Frau

bei einer Zugkontrolle verhaftet und

Solch ovici

ein historischer Determinismus

Wer die Fakten der Vernichtung aus-

im Konzentrationslager Sobibor ermor-

bestätigt jedes Unrecht, da es im Rück-

breiten will, dem fällt es schwer, die Per-

det wurde, schrieb an seinem Roman,

blick unausweichlich scheint. Doch

spektive der Opfer einzunehmen. Die

mußte ihn schreiben, weil er mit seiner

einst war noch in Schwebe, was ex post

Strukturen des Terrors nachzuzeichnen

historischen Arbeit über die Vernich-

sich schicksalhaft zur Geschichte fügt.

und von den Tötungskapazitäten einer

tung der niederländischen Juden nicht

Die Länder des Westens hätten etwa in

Gaskammer zu sprechen, bedeutet im

fortfahren konnte.

den späten dreißiger Jahren den Mas-

Sinne der Schergen zu sprechen. Im

Jenseits der bloßen Fakten ist eine

senmord an den deutschen und öster-

Prozeß gegen den Rechtsextremisten

Einsicht, die sich der Wissenschaft ver-

reichischen Juden verhindern können,

David Irving kam der Gutachter und

schließt. Wie es wirklich war und was

wenn sie anders auf die nationalsoziali-

Professor für Kulturwissenschaften

noch geschehen hätte können, dem

dem Kopf gehen.“

stischen Verfolgungen und Vertreibun-

Robert Jan van Pelt zu Wort, um gegen

geht die Historie nach. Literatur kann

gen reagiert, die Flüchtlinge bereitwillig

den Auschwitzleugner Irving auszusa-

jedoch eher als die Geschichtswissen-

aufgenommen hätten. Die Niederlage

gen. Irving nahm den Zeugen der Ge-

schaft erzählen, Ruth Klüger hat darauf

Deutschlands hätte zudem früher als

genseite ins Kreuzverhör, doch Pelt ließ

bereits hingewiesen, „was gewesen sein

im Mai 1945 erfolgen können.

sich nicht beirren. Gewissenhaft beant-

könnte“ oder, möchte ich hinzufügen,

Es geht bei diesen Fragen nicht darum,

wortete er alle Fragen, zerriß die Argu-

wie es gewesen sein wird.

zu klären, was geschehen wäre, wenn mente Irvings in der Luft. Eva Menasse Wie es gewesen sein wird; dieser deutsche

der Lauf der Dinge eine andere Richtung

genommen hätte, aber die Auf-

berichtete darüber. Pelt, der Experte,

sagte etwa, daß die Beseitigung von Satz läßt sich auf verschiedene

Weise lesen. Einerseits behaupten jene,

gabe der Geschichtsschreibung ist eben

nicht bloß zu klären, wie es einmal war,

sondern sehr wohl auch, wie es sein

hätte können. Aus diesem Blickwinkel

wollte ich meine historische Studie „Instanzen

der Ohnmacht“ über die jüdische

Administration in Wien während

der nationalsozialistischen Verfolgung

schreiben. Das Thema läßt mich seit

Jahren nicht los.

Davon leichthin zu erzählen, war mir

nicht möglich. So versuchte ich der Ma-

die literarisch schreiben, nicht, sie gäben

die Wirklichkeit wieder. Gewiß; die

Memoiren und Berichte der Überlebenden

sind voll von den Bekundungen,

nichts sei hier fabuliert. Im Gegenteil;

sie rufen uns auf, ihnen zuzuhören; ihnen

Vertrauen zu schenken. Von ihrer

größten Angst berichtete etwa Primo

Levi:

„Viele Überlebende erinnern sich

daran (unter anderem Simon Wiesenthal

auf den letzten Seiten seines Buches

„Doch die Mörder leben“ [Droemer/

Knaur, München/Zürich 1967]), was

für ein Vergnügen es den SS-Leuten

bereitete, den Häftlingen zynisch vor

Augen zu halten: ,Stellen Sie sich nur

vor, Sie kommen in New York an, und

die Leute fragen Sie: ,Wie war es in diesen

deutschen Konzentrationslagern?

Was haben sie da mit euch gemacht??

[...] Sie würden den Leuten in Amerika

die Wahrheit erzählen [...] Und wissen

Sie, was dann geschehen würde? [...] Sie

würden Ihnen nicht glauben, würden

Sie für wahnsinnig halten, vielleicht

sogar in eine Irrenanstalt stecken. Wie

kann auch nur ein einziger Mensch

diese unwahrscheinlich schrecklichen

Dinge glauben - wenn er sie nicht selbst

erlebt hat?“

Wir lesen die Erinnerungen der Opfer

nicht als wissenschaftliche Darstellungen.

Wir sind uns bewußt, daß hier

subjektiv Erlebtes präsentiert wird. Ich

entsinne mich eines Besuches in Wilna.

Ich begleitete meine Eltern und deren

Freunde, Ida und Micha, ein Ehepaar.

Meine Mutter, Schoschanna Rabinovici,

und Ida stammen beide aus der

Stadt, dem Jerusalem des Nordens, wie

sie einst hieß.

Wie aufgeregt meine Mutter war, als

wir in Litauen ankamen. Vor den Zöllnern

fürchtete sie sich, wie an keiner anderen

Grenze. Ich möge meine Kameras

und den Computer in den Formularen

angeben, sonst bekäme ich bei der Ausreise

Schwierigkeiten und könnte dann

die Geräte nicht wieder mitnehmen. Ich

verspottete ihre Angst, erklärte, die Sowjetunion

sei untergegangen. Aber ich

verstand, weshalb sie die Uniformierten

hier als Gefahr empfand.

Sie konnte die Straßenschilder in ihrer

einstigen Stadt nicht lesen, weil nichts

mehr in Polnisch, alles in Litauisch angeschrieben

war. Aber sie fand wieder,

wonach sie suchte und sie wollte es mir

zeigen. Das Haus und das Geschäft ihres

Großvaters; die Wohnung, in der

sie gelebt hatte; den einzigen Baum im

Getto, im Hof des Judenrates; den Weg

zur Selektion.

„Wir liefen weiter und traten dabei auf

Kinder und Säuglinge. Sie lagen unter

unseren Füßen, und es war schwer,

zwischen einem Kleiderbündel und

einem Bündel mit einem Säugling zu

unterscheiden. Plötzlich bemerkte ich

ein Baby direkt vor meinen Füßen. Ich

blieb stehen. Ich war unfähig, weiterzu-

gehen und auf den Kopf des Kindes zu

treten. Meine Mutter zog mich schnell

hoch über das Baby hinweg, doch der

Anblick des Babys, das unter meinen

Füßen lag, sollte mir nicht mehr aus

Schoschana Rabinovici, meine Mutter,

verfaßte ein Buch über ihr Überleben,

über das Getto, das Konzentrationsla-

ger Kaiserwald, das Vernichtungslager

Stutthof und den Todesmarsch. „Dank

meiner Mutter“, heißt es. Viele Jahre

ehe sie es zu schreiben begann, war es

bereits fertig, so sagt sie, fertig in ihr. Es

war in Kapitel geordnet gewesen. Ihre

Erinnerung, ohne jedes Pathos, in zurückhaltender,

doch klarer Sprache, beginnt

mit dem Satz: „Am 22. Juni 1941

sah ich meinen Vater zum letzten Mal.“

Teils fußt das Werk auf Aufzeichnungen,

die sie aufbewahrt hatte. Auf ihre

jidischen Gedichte, die sie zur Zeit der

Vernichtung als Jugendliche geschrieben

hatte, etwa jenes für ihren Vater,

das meine Mutter im Getto schrieb. Es

gibt die Gedanken und Gefühle eines

literarisch ungeschulten Kindes wieder


86 ST/A/R

Buch XI- Literatur Nr. 22/2009

und wurde für ihr Buch in keiner Weise

bearbeitet. Ihre Zeilen hätten, wenn es

nach dem Willen der Mörder gegangen

wäre, die Vernichtung nie überstehen

dürfen; das Buch hätte nach den Vorstellungen

der Nazis nie erscheinen sollen.

Viele Texte, Tagebücher und Briefe

entgingen den Nationalsozialisten.

Nicht wenige der Opfer versuchten damals

festzuhalten, was geschah. 1947

gab Rasmow Benjamin dem Dokumentationszentrum

des Bundes jüdischer

Verfolgter des Naziregimes, das von Simon

Wiesenthal geleitet wurde, zu Protokoll:

„Ich war Augenzeuge wie Murer

eigenhändig während einer Aktion drei

ältere Männer und eine Frau auf der

Straße erschoß, weil sie erschöpft von

dem Aussiedlungstransport zurückblieben.

Ich habe auch gesehen wie Murer

während einer Ausrottungsaktion bei

meinem Haus eigenhändig ein kleines

Kind von der Mutter fortgerissen hat und

es an der Wand zerschmetterte.“ Macht

es Sinn, sich zu überlegen, ob Rasmow

Benjamin das Elend, die Ermordung

eines Kleinkindes kunstfertiger hätte

beschreiben können? Könnte eine neue

Literatur einer jungen Generation etwa

eindringlicher verdeutlichen, was jene

großen Schriftsteller und Schriftstellerinnen,

die selbst der Vernichtung entronnen

sind, bereits zur Sprache brachten,

was sie zum Ausdruck brachten?

Was muß der Aussage von Rasmow Benjamin

hinzugefügt werden? Allenfalls,

daß Franz Murer, der in jenem Ghetto,

aus dem meine Mutter, Schoschana

Rabinovici, stammt und unter den Opfern

als „Schlächter von Wilna“ bekannt

gewesen war, später, im Österreich der

sechziger Jahre vor Gericht trotz seiner

Schuld freigesprochen wurde. Womöglich

wäre zu berichten, daß am Tag der

Urteilsverkündung alle Blumenhandlungen

der Stadt ausverkauft waren, da

der Ausgang des Prozesses und der Angeklagte

gefeiert wurden. Und wissen

Sie, was ein „Judenschlag“ ist? So nannten

die Dorfbewohner, die Nachbarn

Murers, jenes Waldstück, das die Murerfamilie

verkauft hatte, um dem Verwandten,

dem Murer Franz, den teuren

Anwalt zahlen zu können. Gewiß, über

das Fortwirken der Vergangenheit im

heutigen Österreich kann ich nicht wenige

Geschichten schreiben, doch wozu

sollte ein Nachgeborener solche Erinnerungen

wiederaufbereiten, um sie als

bloßen Fundus seiner Erzählungen zu

gebrauchen?

Welch bittere Ironie. Lange Zeit war

kaum beachtet worden, was Menschen,

die der Vernichtung entkamen, erinnerten.

Erst in den letzten Jahrzehnten errangen

ihre Bücher endlich breite Aufmerksamkeit.

War nach dem Krieg die

Auseinandersetzung mit der sogenannten

„Endlösung“ gemieden worden, so

scheint es zuweilen gar, als hätten Erzählungen

über Auschwitz nun eine

Renaissance, die sich an die Stelle der

Dokumente, Erinnerungen und Überlebensberichte

drängen will. Die Geschichte

wird hier aufgeputzt, als wäre

sie für sich nicht genug.

Braucht es etwa sogenannte „außergewöhnliche

Liebesgeschichten“, wobei

„außergewöhnlich“ dabei ist, daß Romantik

vor dem Hintergrund von Gettos

und Vernichtungslagern verheißen

wird? „Eine Liebe in Auschwitz“ nennt

etwa Thilo Thielke sein Buch, das im

Spiegel Buchverlag herauskam, und

auf dem Einband ist zu lesen: „Einmal

verlieh die Himmelsmacht Liebe auch

in der Hölle Auschwitz Flügel: die Geschichte

von Cyla Cybulska und Jerzy

Bielecki, die sich im KZ ineinander verliebten,

dem Lager gemeinsam entflohen,

sich aus den Augen verloren und

voneinander glaubten, sie seien ums

Leben gekommen“ ein Irrtum, wie sie

Jahrzehnte später durch einen Zufall

erfahren...? Auf dem Umschlag sind die

Photos der beiden Überlebenden vor der

Abbildung der Geleise und des Lagertores

zu sehen. Fünf Jahre lang habe der

Redakteur Thielke recherchiert, doch

er formuliert, als schreibe er an einem

Roman, an einem Ärzteroman. Im Präsens

sind die Sätze gehalten, wobei dadurch

die Gegenwärtigkeit des Verbrechens

nicht verdeutlicht wird, sondern

verwischt.

Im Mittelpunkt steht die Leidenschaft

zwischen der jüdischen Gefangenen

und dem polnischen Häftling. Daneben

verblassen alle Qualen der Folter und

der Verfolgung. Wen wunderts; es geht

um die „Himmelsmacht Liebe in der

Hölle Auschwitz“. Die nun in Brooklyn

lebende Cyla läßt Thielke über Jerzy

Bielecki sagen: „Sie habe ihn geliebt wie

keinen vor ihm und auch niemanden

danach“. Was Liebe angesichts der Gaskammern

bedeutet und ob eine solche

Bindung überhaupt an alltäglichen Beziehungen

gemessen werden darf, wird

in diesem Buch nicht erörtert. Cyla Cybulska

und Jerzy Bielecki entkommen

dem Vernichtungslager, doch später

vermeinen sie voneinander, umgekommen

zu sein. Jahrzehnte nachher sehen

sie sich wieder. „Für die große Liebe jedoch

ist es zu spät“, so Thielkes Schlußsatz.

Er will uns glauben machen, daß

ein Irrtum bloß dem vollendeten Glück,

dem Happy End, im Wege stand. Als

wären Bindungen, die im Lager entstanden,

nach der Befreiung nicht oft

gescheitert.

Die Mär über die vermeintlich einzig

große Liebe inmitten der Lager,

über die „Himmelsmacht in der Hölle

Auschwitz“ banalisiert das Verbrechen.

Was bleibt, ist, um ein weiteres Mal mit

Saul Friedländer zu sprechen, Kitsch

und Tod als Widerspiegelung des Nazismus.

Aus all dem Morden, so die verlogene

Botschaft, erwachse ein vermeintliches

Heil, ein Glück im Unglück, das

bloß aufgrund der Nachkriegswirren

sich nicht zum Guten fügte. Die Wahrheit

ist weniger befriedigend. Die Liebe

triumphierte nicht über die Vernichtung;

eher im Gegenteil, die soziale Ermordung

ging der körperlichen voraus.

Was den Juden angetan wurde, rührte

zuallererst an ihr Empfinden und Zutrauen.

Soll aus Auschwitz ein romantischer

Ort werden, der dem Rendezvous

diente? Taugen die Geschichten von

den Sonderzügen und den Stationsrampen

zur leichten Bahnhofsliteratur? Gewiß;

die Qual der Opfer könnte sich zu

Buche schlagen. In manchen Verlagen

mag die Hoffnung umgehen, mit dieser

Mischung aus Leidenschaft und Lagerleid

größeren Absatz zu erzielen. Beunruhigender

als das Erscheinen schlechter

Bücher ist die Marktpolitik, die sich

dahinter offenbart. Das zynische Kalkül,

mit den Qualen der Ermordeten Profit

erzielen zu wollen.

Weshalb erlebt die Mischung, die Vermischung

aus Fakten und Fiktion just

dann eine Konjunktur, wenn die Überlebenden

allmählich wegsterben? Vielleicht,

weil sich nun die meisten der

Opfer kaum mehr gegen einen solchen

Abklatsch wehren können?

Je ferner die Vergangenheit zurückliegt,

um so größer wird die Angst, sie könnte

für das breite Publikum zu blaß oder zu

graulich wirken, und eben darum wird

das Dunkel des Verbrechens mit Sentimentalität

und Kolportage eingefärbt

und aufgehellt. Da der Massenmord abseits

unserer Vorstellungen liegt, wird

übermalt und retouchiert, was geschah.

Eben die Tendenz, das Gedenken an die

Vernichtung zu verkitschen, beweist,

wie sehr die Erinnerung noch verstört.

Vielleicht ist das Kalkül noch zynischer.

Dient die Shoah bloß als dramatisch düstere

Todeskulisse, in der die Liebe besser

aufleuchten kann? Geht es alleinig

darum, bekömmliche Liebesromane zu

verkaufen? Oder soll der Hintergrund

der Vernichtung, den abgeschmackten

Kitsch im Zentrum gar legitimieren helfen

und die Trivialität, die in einer anderen

Szenerie bloß noch lächerlich wirkt,

gegen kritische Einwände schützen?

Der historische Tatort wird zuweilen

zur bloßen Location. Dabei geht es nicht

nur um die Darstellung der Vergangenheit,

sondern vielmehr um die Fetischisierung

des Grauens in der Geschichte

und in der Gegenwart. Die Untat wird

zum Clip. Das Attentat zum Event. Die

Folter zum Foto. Die Enthauptung zum

Video, und wer zusieht, wie die Täter

ans Werk gehen, sieht damit zu, daß sie

ans Werk gehen. Die Medien sind ihr

Tatort. Die Barbarei der Schauerlichkeiten

weiß die Kultur der Beschaulichkeit

zu nutzen.

Auch wer keine Seite von Adorno je

gelesen hat, kennt sein Diktum über

Kunst, über Lyrik nach Auschwitz,

kennt gleichwohl bloß die verkürzt und

entstellt wiedergegebene Formel: „...

nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben,

ist barbarisch ...“ Der ganze Satz

heißt: „Kulturkritik findet sich der letzten

Stufe der Dialektik von Kultur und

Barbarei gegenüber: nach Auschwitz

ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch,

und das frißt auch die Erkenntnis

an, die ausspricht, warum es unmöglich

ward, heute Gedichte zu schreiben.“ So

wendet sich das Verdikt gegen die Kunst

und gegen sich selbst, aber auf keinen

Fall verkündet der Satz ein Verbot, vielmehr

erklärt er ein Dilemma. Alle Teile

der Gesellschaft und auch alle Formen

der Kunst hatten nach Auschwitz ihre

Unschuld verloren.

Auf keinen Fall verkündet Adorno ein

Verbot, vielmehr erklärt er die Ohnmacht,

zeigt einen Verlust an, beklagt

ihn. Mit ihm läßt sich deswegen sagen:

„Erheischt negative Dialektik die Selbstreflexion

des Denkens, so impliziert das

handgreiflich, Denken müsse, um wahr

zu sein, heute jedenfalls, auch gegen

sich selbst denken. Mißt es sich nicht

an dem Äußersten, das dem Begriff

entflieht, so ist es vorweg vom Schlag

der Begleitmusik, mit welcher die SS

die Schreie ihrer Opfer zu übertönen

liebte.“

Mit der Kunst kann das Opfer, der Einzelne,

der Vereinzelte zur Sprache kommen.

In ihr darf sein Recht auf Stimme

und Gehör leben. Sie ermöglichte und

ermöglicht noch eine Rebellion des Individuums

gegen die Auslöschung. Sie

erlaubt dem Subjekt sich der Tyrannei

der Kultur und der Kultur der Tyrannei

zu entziehen. Sie vermag die Stimme

gegen die Kriege zu sein, die im Namen

der Kulturen geführt werden, um so

mehr, da die Kunst heute mehr denn je

aus der Kultur und ihrem Betrieb verwiesen

und vertrieben wird. Sie lebt in

ständiger Flucht.

Jenseits der Kultur der Macht kann

die Macht der Kunst wirken. Das Versagen

ist nicht die Ausnahme. Kunst

an sich ist noch Nichts, was bejaht werden

muß. Der Etikettenschwindel begegnet

einem täglich. Die Literatur bietet

Offenbarung jenseits aller Gewißheit.

Um Adorno ein letztes Mal zu zitieren:

„Kunst ist Magie befreit von der Lüge,

Wahrheit zu sein.“

Literatur kann von der Geschichte erzählen,

indem sie erzählt, was von ihr

nicht mehr erzählt werden kann. Die

Möglichkeiten narrativer Literatur sind

nicht eingeschränkt, sondern eher umgelenkt,

vielleicht sogar erweitert.

Leo Perutz etwa schrieb mit seinem

Roman „Nachts unter der steinernen

Brücke“ ein Mosaik, ein Puzzle des Gedächtnisses,

das nicht von der Shoah

handelt, sonder über die Vernichtung


Nr. 22/2009 Buch XI- Literatur

ST/A/R 87

spricht, indem es gleichsam über sie

hinweg spricht. Von einer Geschichte

zur anderen verdichtet sich das Bild. Die

Legenden aus der mittelalterlichen Prager

Judenstadt erzählt der Hauslehrer

und Nachfahre in jenem Moment, da

der baufällige Bezirk abgerissen wird,

und sein Schüler schreibt sie nieder, als

die Juden in Prag, ja in Europa der Vergangenheit

angehören, ermordet waren

und die Gemeinden mit all ihren Überlieferungen

und Traditionen vernichtet

sind. Dies wissend lesen wir das Buch.

Während die Juden vernichtet wurden,

webte Perutz an ihren Sagen aus dem

mittelalterlichen Prag.

Perutz nutzte alle Quellen, um die Erinnerung

aufzurufen, obgleich er nicht

vom Nazismus schrieb. Er siedelte das

Werk vor der Vernichtung an. Im Wissen

um alles, was nachher geschah, ist

der Text geschrieben und wird er gelesen.

Die Geschichte vom mittelalterlichen

Prag wird durch die Vergangenheit

nicht verstellt und die Vergangenheit

durch die Geschichte nicht beschönigt.

Im Gegenteil; die Auslassungen machen

deutlicher, was sich ereignete.

Auch der Band „Kaddisch für ein ungeborenes

Kind“ von Imre Kertesz ist

kein Buch über die nazistische Vergangenheit.

Es spielt in der unmittelbaren

Gegenwart. Nein, tobt es in diesem

Buch, antwortet B. auf die harmlose

Frage eines Bekannten, ob er Kinder

habe. „Nein“, so verweigerte er sich dem

Wunsch seiner Frau, die längst nicht

mehr seine Frau ist, Kinder zu zeugen.

Der Text bäumt sich auf, wendet und

windet sich zu einem Nekrolog für ein

Nicht Geborenes, zu einem Abgesang

aus schwebenden und schwankenden

Tönen, zu einer Klanglandschaft der

Ambivalenz, wie sie bloß Imre Kertesz

in Worten hörbar machen kann, zu einem

Kaddisch, zum Totengebet eines

Menschen, der preisgibt, daß er sich

nicht erinnern will, obgleich er sich erinnern

will, und der sich erinnert, ob er

will oder nicht, weil er nicht vergessen

kann, und wie er sagt, „keine Angst,

Kinder, nicht aus irgendeiner ,moralischen

Verpflichtung’“. Er betrachtet

das Dasein eines Kindes als Möglichkeit

seines Seins, um das Nicht-Sein dieses

Kindes als radikale und notwendige Liquidierung

seines Seins zu betrachten,

denn allein so habe alles, was ihm geschah

- ohne daß er wohl wußte, wie ihm

geschah - alles, was er getan habe und

ihm angetan worden sei, einen Sinn.

Dieser innere Monolog richtet sich gegen

sich selbst, richtet sich selbst, ist ein

Kaddisch gegen den Kaddisch, ist keine

Lobpreisung des Allmächtigen mehr,

sondern das Einbekenntnis einer Ohnmacht.

Diese Ausführungen sind, wie

Jean Améry erklärte, die Bewältigungsversuche

eines Überwältigten.

Literatur bietet zumindest die Chance

neuer Fortschreibungen. Sie versucht

zuweilen dem Entsetzen mit Humor

zu begegnen, und zwar nicht um es

durch brüllendes Gelächter zu übertönen,

sondern, im Gegenteil, damit das

Lachen einem im Halse stecken bleibe.

Der Witz dient der Erkenntnis, wenn

er uns das Denken nicht erspart, aber

erleichtert, wenn er sich nicht über die

Opfer lächerlich macht, sondern uns

mit ihnen fühlen hilft.

Was damals geschah, läßt sich nicht

in mir geläufigen Kategorien fassen.

Vor wenigen Jahren befragte ich einen

alten Juden in Wien zur Geschichte seiner

Befreiung aus Auschwitz. Ein kleiner,

energischer Mann mit Glatze, der

recht unsentimental von der Zeit des

Massenmords sprach. Die Szene beruht

auf einer wahren Begebenheit, einem

Interview, das ich vor Jahren in Wien

führte. Die Geschichte jenes Überlebenden

läßt mich bis heute nicht los. Er war

bloß seiner Mutter wegen im nationalsozialistischen

Wien geblieben. In Theresienstadt

verliebte er sich in eine Frau

und heiratete sie, obgleich jüdische

Hochzeiten längst verboten waren. Als

er nach Auschwitz deportiert werden

sollte, bestand sie darauf, ebenfalls verschleppt

zu werden. Beide überlebten

wie durch ein Wunder, fanden einander

in Wien wieder und nun ließen sie sich

gesetzlich trauen.

Als ich von diesem zweifach unwahrscheinlichen

Glück und dieser Liebe

hörte, wagte ich erst nichts zu sagen,

dann aber fragte ich schüchtern, weshalb

ich in seiner Wohnung kein Zeichen

seiner Frau sah. War sie gestorben? Der

Alte meinte bloß: „Naja, wir haben uns

dreiundfünfzig scheiden lassen.“ Wieso

denn, entfuhr es mir, den eben noch

romantische Gefühle umwogt hatten,

worauf der Greis sagte: „Sie war jähzornig.

Hat immer nur geschrien. Es war

schwer auszuhalten.“

„Und vorher“?

„Aber ja, auch vorher schon“, versicherte

mir der Überlebende mit schelmischen

Lächeln: „Ja, im Lager bereits.

Aber damals glaubten wir noch beide,

es liegt an Hitler!“

Ich habe diese Begebenheit, diese

Groteske in meinen Roman „Ohnehin“

eingebaut. Ich erzähle damit nichts von

Auschwitz, doch vielleicht erzähle ich

auf diese Weise unter anderem, was ich

nicht von Auschwitz erzählen kann.

Zuweilen, wenn ich aus meinen Büchern

lese und nachher für eine Diskussion

bereitstehe, will jemand aus

dem Publikum wissen, weshalb ich, der

Nachgeborene, Geschichten schreibe,

die in der Vergangenheit angesiedelt

sind. Andere sind erstaunt, daß ich, der

ich doch so jung sei, ja, in diesen Momenten

scheine ich zum Pubertanten,

zum Unterstufler zu mutieren, mich

noch mit den Themen des Krieges auseinandersetze.

Diese Fragen werden

zumeist freundlich gestellt, nicht selten

sind sie von redlichem Interesse motiviert,

aber manchmal scheint ein Ressentiment

durch, und die Beschäftigung

mit der Shoah schlechthin steht mittlerweile

unter einem Generalverdacht, einem

Argwohn, der in den vergangenen

Jahren an Kraft gewann. Werde ich nach

einer Lesung gebeten zu erklären, weshalb

mein Roman in der nationalsozialistischen

Vergangenheit spiele, weise

ich darauf hin, daß er doch gar nicht

in diese Zeit gesetzt ist. Nie in meinem

Leben verfaßte ich eine einzige Erzählung,

die in einem Lager oder einem

Getto angesiedelt ist, und selbst wenn

ich von den Verhältnissen in den litauischen

Gettos erzählen wollte, das Buch

meiner Mutter kopierte, meine Protagonisten

durch eine Selektion triebe, sie

ermorden ließe, von den Strategien des

Entrinnens phantasierte, zu schildern

versuchte, was sie empfänden, würde

ich nicht die Vergangenheit aufarbeiten,

weil sie sich ja nicht mehr aufarbeiten

läßt. Es geht allemal bloß um die

Gegenwart. Was erörtert, aufgedeckt

und verhandelt, was verdrängt, verleugnet

und ausgeblendet wird, bestimmen

allein die aktuellen Machtverhältnisse,

nie die früheren.

Ich schreibe vom Umgang mit der

Vertreibung, der Verfolgung und der

Vernichtung. Ich spreche hier vom

Umgang mit diesen Fragen, und meine

nicht bloß die historische Auseinandersetzung

mit der Shoah, sondern ebenso

die aktuelle, die politische Handhabung

von Flucht und Genozid in der Gegenwart.

Dabei geht es mir keineswegs um

eine Gleichsetzung dessen, was einst

geschah, und was heute sich ereignet.

Vielmehr will ich sehen, welche Parallelen

sich uns aufdrängen und warum.

Ich schaue mir an, was Menschen nun

geschieht, im Lichte, nein, vielmehr

im Schatten des Vergangenen, und ich

rätsle, wie es gewesen sein wird. Woran

ich arbeite, woran ich mitarbeite, ist die

Fortschreibung von Geschichte und

Geschichten. Ich schreibe fort in jeder

Bedeutung des Wortes, will nämlich

manches weiterschreiben und anderes

weg. Selbst diese Vorlesung ist eine

Fortschreibung vieler Erzählungen und

eines Textes, an dem ich lange schon

sitze und an dem ich bald wieder feilen

werde. In ihm geht es um nichts als um

den Unterschied zwischen der Frage,

wie es war, und jener, wie es gewesen

sein wird.

Literatur kann verdeutlichen, wie es

gewesen sein wird, und das bedeutet

nicht bloß, wie es wohl geschehen sein

könnte, sondern heißt weiters, eine Kalkulation,

ein Zählen im Erzählen, eine

Abrechnung mit dem, was uns noch zustoßen

kann. Es heißt, fortzuschreiben,

wie es überwunden und einst eingesehen

werden wird. Über die Bedingungen

im England vor mehreren Jahrhunderten

wissen die meisten Menschen

nicht viel, aber das Treffen zwischen

Mary Stuart und Königin Elisabeth, das

wissenschaftlich betrachtet sich nie ereignete,

kennt jeder Gymnasiast.

Ich erinnere mich an 1984 von George

Orwell, entsinne mich, daß ich bereits

in den Siebzigern daran denken mußte

und mit anderen darüber sprach, wie es

sein würde, jenes Jahr zu erleben, daß

zum Synonym des Totalitarismus geworden

war. Ich verbinde mit der Zahl

keine historische Assoziation mehr, sie

ist für mich wiederum allein zum Titel

eines Buches geworden.

„So hat es zu sein“, verkündet die Politik.

„So war es“, mag die Geschichte

behaupten, die Literatur sagt bloß: „So

wird es wohl gewesen sein.“ Wie es gewesen

sein wird, das ist es, was mich

antreibt. Das literarische Schreiben vermag

zur Sprache zu bringen, was noch

ungesagt ist, vermag dem Unsagbaren

und dem Unerhörten ein Wort zu verleihen.

Ich muß an einen Ausspruch denken,

der doch, wenn ich nicht irre, von August

Wilhelm von Schlegel stammt.

Sagte Schlegel nicht, der Historiker sei

ein Prophet, der in die Vergangenheit

schaut? Erinnern die Worte nicht an

Walter Benjamin? Ist dieser Beruf nicht

in der Tat dazu verdammt, mit rücklings

verrenktem Kopf voranzuschreiten?

Aber war es nicht Heinrich Heine, der

Schlegel widersprach und meinte, mit

mehr Fug und Recht könne der Dichter

ein Geschichtsschreiber genannt werden,

der in die Zukunft schaut? Stimmte

nicht Georg Büchner darin überein und

meinte, der dramatische Dichter sei ein

Geschichtsschreiber, der Geschichte ein

zweites Mal zum Leben erwecken lasse,

indem er aus Charakteristiken Charaktere

schaffe? Ja, so wird es wohl gewesen

sein...

Die wissenschaftliche Geschichtsschreibung

versucht in ihren Studien

über den Massenmord das Thema abzuhandeln.

Bis nichts erforscht ist, was

der bisherigen Auffassung widerspricht,

und solange keine neue Interpretation

die alten Ergebnisse in Zweifel zieht,

mag das wissenschaftliche Buch seinen

Zweck erfüllen. Der Historiker will ein

Standardwerk schaffen. Kein Dichter

will hingegen schreiben, was nichts als

Standard wäre. Die universitäre Studie

wird, so gut sie ist, in absehbarer Zeit

überholt sein. Ein künstlerischer Text

mag hingegen nach vielen Jahren erst

an Kraft gewinnen. Literatur ist ein Prozeß,

und sie ist ein Zeugnis des Scheiterns

im Umgang mit der Vernichtung.

Sie lotet aus, wo das Wort versagt, und

auf diese Weise ist sie in jeder Bedeutung

dieses Begriffes ein stetes Versprechen,

eine unentwegte Fortschreibung,

wie es gewesen sein wird.

Copyright: Doron Rabinovici 2008

• Ohnehin Roman. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2005

• Credo und Credit. Einmischungen Frankfurt/M.:

edition suhrkamp, 2001

• Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938-1945.

Der Weg zum Judenrat. Historische Studie Frankfurt/

M.: Jüdischer Verlag bei Suhrkamp, 2000

• Suche nach M. Roman. Frankfurt/M.:

Suhrkamp, 1997

• Papirnik. Stories Frankfurt/M.:

edition suhrkamp, 1994

• Der ewige Widerstand. Über einen strittigen Begriff

Styria-Verlag, 2008

• Das Jooloomooloo Doron Rabinovici

(Text), Christina Gschwantner (Illust.)

jooloomooloo, Wien, 2008


88 ST/A/R

Neue Miniaturen

Neue Miniaturen von Günther Kaip

Nr. 22/2009

Wie selbstverständlich

Wie selbstverständlich erschüttert das häufige

Auftauchen der Gegenstände das Ergebnis.

Ein Drittel unsere Zuversicht verschwindet

im Messbecher, die anderen Teile werden in

den Cocktail-Gläsern mit Eiswürfeln verrührt.

Manchmal kommt noch ein Schuss einer

Maßnahme dazu, mit Schlagobers aufgeschäumt,

eine Brise Salz.

Erfolgt dann mittels tiefer Einsicht der Befehl

zur Zeitverkürzung, trinken wir folgsam unseren

Cocktail, wischen uns die weißen Schnurbärte ab

und schwängern unsere geschürzten Lippen mit

Worten, die wir in obszönen Übersetzungen an

die Toreinfahrten nageln.

Ihr Schläfer

Ihr Schläfer, zündet die Kerze an. Offen ist das

Grab. Die Engel lungern am kalten Boden und

heben bei jedem Gebet, das sie hören, den Kopf.

Reichen sich die Hände. Zeigen die Zunge.

Wie sie es gelernt haben. Schaut jemand in das

Grab, und sei es ein Hund, erröten die Engel

und schmücken sich schnell mit Nachbildungen

ihrer Heiligenscheine. Natürlich vergessen sie

nicht den Atem anzuhalten und ihre Hände zu

falten, wie sie es in den Leichenhallen gelernt

haben. Hier aber, in diesem einsamen Grab,

fürchten sie sich, wissen nicht wohin, bis der Tote

kommt. Schlagen sich ängstlich die Stunden um

die Ohren, erzählen sich Geschichten, die bis zu

seiner Ankunft ablenken sollen.

Also kommt ihr Schläfer, steht den Engeln bei,

denn der Tote möchte endlich in sein Grab.

Die Beine und Arme

Die Beine und Arme werden sorgfältig

zusammengelegt, bis sie faustgroß sind,

mit Zellophan verschweißt und in die dafür

vorgesehenen Regale gelegt. Nichts deutet

auf Verfolgung hin, auf Brandschatzung und

Verleumdung. Kommt jemand vorüber, grüßt

er anständig und tastet automatisch nach seinen

eigenen Beinen und Armen. So ist es uns auch

einmal ergangen, wir erinnern uns an die Lust,

über die Schenkel zu streichen, über die Arme,

es war ein Augenblick der Unterwerfung, und

doch, in unserem Größenwahn setzten wir diese

Bewegung mit dem Ursprung der Welt gleich.

Heute aber sitzen wir vorne an der Kassa, schieben

die faustgroßen Zellophanbällchen über den

Scanner und halten die Hand auf. Manchmal sind

wir deprimiert darüber, dass in einem Jahr sich

nur zwei drei Kunden zu uns verirren, die, haben

sie erstmal erkannt, was sie kaufen und wo sie sich

befinden, mit aller Gewalt dazu überredet werden

müssen, ihre Handlung zu Ende zu bringen.

Unterdessen

Unterdessen hatte das Pferd sein Rosshaar im

Schweißtrog neben der Scheune gewaschen.

Acht Uhr Abend war es, und die Sonne ging erst

jetzt im Westen auf, blass vom Schlaf, an den

Rändern zerknittert. Um der Scheune trieben sich

Kleintiere herum, stets darauf bedacht dem Pferd

nicht zu nahe zu kommen. Übrigens saß auch

ein Reiter im Sattel und fönte das lange Rosshaar,

funkelnde Fäden zwischen den Fingern, die nur

drei an der Zahl waren. Auf dem Kopf hatte er

einen alten Schlapphut

auf, den Schmetterlinge

und Gelsen in edler

Eintracht umkreisten.

Im nahe gelegenen Teich

veranstaltete ein Fuchs

Tauchübungen, schnorchelte

elegant zwischen den Seerosen.

Einige Bäume kamen aus dem

Wald, um besser zu sehen. Ein

Habicht stieß vom Himmel,

verlor die Kontrolle über seinen

Sturz und landete im Misthaufen.

Dieser dumpfe Aufprall ließ alle

Anwesenden zusammenfahren - das

Pferd machte einen Satz, warf dabei

den Reiter in hohem Bogen aufs

Scheunendach, das unter dieser Last

einbrach, und der Reiter knallte mit

voller Wucht in den Fresstrog des

Schweins, das gerade Abendtoilette

machte und empört das Weite suchte,

während die Schmetterlinge und

Gelsen irritiert in der Luft standen

und schließlich zum Weiher flogen,

wo der Fuchs sich mit letzter Kraft

ans Teichufer retten konnte, denn

er hatte wieder einmal seine Kräfte

überschätzt, während die Bäume

enttäuscht im Wald verschwanden, und einzig

der Mistkäfer blieb gelassen, bettete den Kopf des

Habichts auf seinen Schoß, bog seinen Schnabel

wieder gerade und untersuchte ihn nach anderen

Verletzungen.

Da es gerade neun Uhr wurde, packte die Sonne

ihren Korb mit den Essensresten voll und rollte

hinter den Horizont. Morgen würde sie zu Hause

bleiben, denn niemand hatte sie beachtet. Das war

nicht fair.

Ein viel versprechender

Anfang

Ein viel versprechender Anfang waren die

feuchten Spuren auf dem himmelblauen Flanell.

Weiters ein vorbeifahrender Lastkraftwagen, der

die Glasscheiben zum Vibrieren brachte, ein

vergessener steif gefrorener Mantel im Schneefeld

vor dem Haus, die durchgestrichenen Summen

im Kassabuch, das in der weiß gekachelten Küche

auf dem Tisch lag. Doch es half nichts. Das

Handlungsregister hing im Vorraum aus, durch

den sich ein breiter Strom von Schneematsch

wälzte, sich an den Zimmertüren aufstaute und

in Kürze bis an die Decke reichte. Dazu kam die

unerwartete Mondfinsternis, die vom Geschehen

ablenkte. Irgendwo hustete ein Mensch, was

natürlich zu keinem Ergebnis führte. Die Dünung

der Landschaft zeigte kleine Auffälligkeiten

und erklärte sich bereit, neue Instruktionen zu

empfangen. Inzwischen trockneten die feuchten

Spuren auf dem himmelblauen Flanell. Der Mond

bleibt verschwunden, und jetzt erhebt sich der

steif gefrorene Mantel aus dem Schnee und geht

übers Feld. Irgendwo hustet wieder ein Mensch.

Hiermit können wir die Beweisführung

abschließen und zu den Akten legen.

Hast du schon

Hast du schon den liebenden Blick des Todes

gesehen, wenn er sich entschieden hat.

Gleichgültig, wo er sich gerade befindet - sein Leib

leuchtet in dieser diamantenen Nacht, errichtet

Pyramiden, ist das Rauschen des Mississippi, das

erste Dämmern des Tages, das Licht der Sonne

und die Farben des Regenbogens, die heiße Zunge

im Mund, der Speichel, das Herz und die Lunge,

der Schatten auf der Haut, der Schweiß in den

Achselhöhlen - die Erde dreht sich mit ihm ins

Universum, während er dir geduldig den Staub

von den Schultern bläst.

Klettere weiter

Klettere weiter, nimm die Hände aus den

Hosentaschen, denn sonst wird es nichts mit

deinem Gebet an die untergehende Sonne. Noch

zerrst du den Glauben an gestern hinter dir her,

sein Blut erstickt die Wasseradern, wird Kruste.

Über dir der lautlos schwingende Adler, im

Aug’ seine Kapelle mit all ihren Turbinen und

Dynamos, dazwischen ihre zerbrochene Achse

und die heilende Quelle. Die musst du erreichen,

… Fortsetzung folgt (vielleicht)

Günther Kaip, geboren 1960 in Linz, nach diversen Jobs 1980 Übersiedlung nach

Wien, wo er seit 1991 als freier Autor lebt. Er schreibt lyrische Prosa für Erwachsene

(häufig in Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern) und poetische Geschichten

für Kinder (etwa – gemeinsam mit der Illustratorin Angelika Kaufmann – über die

Riesenschlange „Kurt“). Publikationen (u.a.): „Trash“ (2004). „Nacht und Tag“

(2005)


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch XII - Waran ST/A/R 89

Wenn sich zwei streiten - freu ich mich

Was sich liebt das lecht sich. und sollten wir uns nicht mehr sehen, könnt ihr

euch den Rest ja denken. Meine Pornosammlung kann sich sehen lassen

Nur Sklaven fahren in den Urlaub.

Schönen Urlaub.

Die Erde hat uns wieder,

so wie sie uns kennt

Ohne Grenzen keine Nation

Ohne Nation kein Patriot

Ohne Patriot kein Soldat

Ohne Soldat kein Idiot

Ohne Idiot kein Künstler

und ohne Künstler kein Leben

und ohne Leben keine Regeln

und ohne Regeln keine Freiheit

und ohne Freiheit kein Selbstmord

und ohne Selbstmörder keine Draufgänger

und ohne Draufgänger keine Looser


90 ST/A/R

Buch XII - Waran Nr. 22/2009


WWW.TOLSTOI.RU

Nr. 22/2009 Buch XII - Waran

ST/A/R 91

Liebe Frauen in alphabetischer

Reihenfolge

von A–Z. Wenn ich nicht mitspielen

darf, wenn ich nicht ich sein

darf, wenn ihr alle gegen mich

seid, spornt mich das mehr an,

als wenn ihr Luft für mich wäret.

Ihr woll nicht meine Freunde sein

OKAY. Jetzt, genau jetzt, seid ihr

meine Untertanen. Verzeihe euch

nichts. Schönen Urlaub.

Meine Freunde sagen zumindest

das sie mich mögen,

aber ihr, ha ihr ihr


Städteplanung / Architektur / Religion

Buch XII

Lieber Hirntod als gechipt und geoutet

Mittwoch, 3. Juni, 2009 14:56 Uhr

Giftzwerge sitzen auf der Veranda und unterhalten sich über die Regenwürmer die sich durch das ERDREIcH fressen

bald sind sie und sterblich aber hackst du sich entzwei werden zwei draus Einer mit Kopf und einer ohne

Karotti hat geglaubt Raketen mit 200%iger Treffsicherheit Fernwärmelenkwaffen TARGET EU

Heuchler Querulanten Fabrikanten Hydranten Familie kann man sich nicht aussuchen Freunde

auch nicht

jeder sollte das Weite suchen wenn Sehnsüchte und Wünsche in Erfülllung gehen sehnen wir uns zurück an die

Zeit des Zweifelns

niemand gibt gerne auf nur weil er versagt hat auf allen Linien paralllel Karierre leiter KADMIUM

LITHIUM ELEMENTE ALLimente alibi kettenreaktion kawumm

retro tundra sieb unterjochen rassentrennung XENOPHOBIE

RASENHEIZUNG

SCR VS. FAK der ewige KRIEG

GRINGO WHERE DO YOU GO the harder they come the harder they fall wonna know

you´re gonna live like a free man or a slave

fi ghting for the things I want

between now and the day I die we´ll meet us in the sky timetravelller

EXODUS OVER AND OUT FINALLE GRANDE LOVEOVER


- Waran ST/A/R 93

dermensch ist schon längst ausgestorben, der neandertaler hat überlebt, und sich nicht weiterentwickelt

als ich mich gar nicht wieso nicht, halt warte kurz, okay geht schon wieder. lass

uns deer menscheit den letzten furz abzocken, so wie wirs immer getan haben wenns um die

wurscht ging. und jetzt 20 liegestutz

niemals

abeer dafur in senegal wo. wie auch immer alles beim alten nur wir sind alter als gedacht über

dem kopfstand..... da kannst im würstelstand

kalles am kopf haun

.,,speziell, was deine Phantasien bezüglich deines “heiligen”

Teils anbelangt - wie war das nochmals, du bist unzufrieden

damit, weil er im unerregierten Zustand nicht so eine stattliche

Größe hat wie andere “Vergleichsobjekte”.

Solltest du dir mal mindestens 2 Jahre lang à 3 mal die

Woche auf der Couch liegend gemeinsam mit einem qualifizierten

Psychonalytiker durch den Kopf gehen lassen.

Wieso ist mein Penis im unerregten Zustand nicht so groß

wie der des Nachbarn oder wahlweise Schulkollegen oder

des ...?

Wieso werde ich dauernd von Menschen erregt, deren

Körper ich häßlich empfinde und deren Geruch mir zuwider

ist? Wahlweise: Frauen, die mir zuviel Scheiße denken und

zuviel reden.

Ich habe noch niemals im Leben so eine abgrundtief hässliche

Einladung zu einer Ausstellung bekommen.

Ach ja, wenn du in Erklärungsnotstand kommen solltest

und manch einer dich als Nazischwein bezeichnet, kannst ja

meine obigen Gedanken diesbezüglich verwenden.

Und hinzufügen, dass DU das alles garantiert niemals vergessen

wirst können.


94 ST/A/R

Nr. 22/2009


Nr. 22/2009 Buch XII - Waran

ST/A/R 95

Sein oder nicht sein –

wo ist hier die Frage?

Die Schnitzeljagd hat begonnen MAMPF Jet Set vom Feinsten Jet Lee

Vom Euro zum Schilling, zur D-Mark. zur Drachmen, zur LIRE, zum France , Zur Pesetas und zum Tauschhandel

Wer den Kopf in den Sand steckt wird am nächsten Tag mit den Zähnen knirschen

Ein Gehirn wäscht das Andere

Bye Bye Belinda

Keine Zeit für Sentimentalitäten KEIN MITLEID MIT EUCH ALLEN Ihr seid einfach nur zum KOTZEN

Diplomaten genießen auch Immunität, aber vom Gefilzt werden

Male nicht den Teufel an die WAND

Warum eigentllich nicht Oder soll ich gleich meine Seeeleverkaufen

Da spiel ich lieber Domino mit einer Domina

dIE FILZLAUS ist intelligenter als der Mensch. Die Kakerlacke und die Termiten und die Heuschrecken überleben jeden

Atomkrieg

Haie sind gegen Krebs immun 21 12 20 12 Happy End Datum relativ

Schöne Grüsse von der Dorfschlampe aus Mürzzuschlag Karate meisterin 3. Dan-TAnga die mit dem Stiernacken

Welches Verhältnis hat der Teufel zu Fliegen Eintagsfliegen leben exact 3 Tage also 4220 Minuten

WAR IS THE DEATH OT HUMAN REASON

back in the day relationship We gotta build a big ship

and it´s called FRIENDSHIP for all wapplers and superschnorrers Let´s play EGOshooter together PAX

spray back you have to pray and pray just pay the full nice price don´t you remember me BÖRLIN

Linzer Augen tomorrow never come You don´t have to worry proud marry keep on burning

FOR ALL THE PARTY-PEOPLE ALL over the WÖRLD (WÖRDERN)

P.S. : Hallo Brüder und Schwestern Wir spucken in die Hände und dann reichen wir uns die Hände

Wer hat euch zu Einsamkeit gezwungen. So viel Schmerz in Euren Augen. Wer hat euch blos so verletzt

Augenblicke ohne Blickkontakt. Einen hab ich noch: Treffen sich zwei Blicke , sagt der eine zum Andern: “Geh mir aus den Augen; Aus den Augen

aus dem SINN”

Bald kommt die SINNFLUT DIE ARCHE II steht bereits bereit Frischer Wind kommt auf ein Regenbogen zieht vorbei und

Vögel sinken Lieder

Some holy moment Some hope today to stay for everyone In Liebe DJohn Gunscha

Sollltzen wir uns nicht mehr sehen dann: Sieh dich vor

AUGEN AUF UND DURCH

Pavel´s Motto ist : Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Rudi´s Motto ist:

Vor dem Spiel ist nach dem Spiel

Heidulf´s Motto ist: Jede Nacht bringt betrunkene Frauen

Adam´s Motto ist: Bier holen und Wein trinken


96 ST/A/R

Printmedium Wien – Berlin

Buch XII - Waran Nr. 22/2009

ST/A/R

Nr. 22/ Herbst 2009

Zeitung für Hochkultur Mittelmaß und Schund

Mirjana Rukavina & Sebastian Sauer, ADA 20J., aus der Serie:

Seduced by Uncertain Knowledge, Wien, 2009

3,– Euro

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