Z - Das ZOAR-Magazin Ausgabe 1 2020

evangelischesdiakoniewerkzoar

DAS ZOAR-

MAGAZIN

Ausgabe 1 | 2020

MÖGLICHST ZU

HAUSE BLEIBEN!

Wege auf den

allgemeinen Arbeitsmarkt:

Christian Biffar beim 1. FCK

Corona-Pandemie:

Wir halten Abstand –

aber zusammen

Wohnen am Betzenberg,

Kaiserslautern

Der Neubau schreitet voran


Inhalt

Grußwort 3

Geistliches Wort

Advent: Gott kommt zu uns und hält bei uns an 8

Das Corona-Virus und seine Auswirkungen

„Wir halten Abstand – aber zusammen“ 10

3. Teil der Serie „Arbeitssicherheit“

Baulicher und technischer Brandschutz für Arbeits- und Wohnsicherheit 16

Wege auf den allgemeinen Arbeitsmarkt

Schieba Nasiri: Sportlich ambitioniert und beruflich voller Ehrgeiz 21

Zoar – Wohnen am Betzenberg in Kaiserslautern

Der Neubau schreitet voran 28

Vorstellung der Frauenbeauftragten der Zoar-Werkstätten Rockenhausen

Unterstützung der Frauen als wichtige Funktion der Frauenbeauftragten 35

Zoar – Service-Wohnen

Service-Leistungen sind auf die jeweiligen Bedürfnisse abgestimmt 40

Information

Ausscheiden des Vorstandsmitglieds Peter Kaiser 44

Jahresmitarbeitergespräch

Entwicklung der Jahresmitarbeitergespräche von 2018 bis heute 45

Ehrenamtliche Hospizarbeit

Marc Becker: offen und interessiert – Tod ist kein Tabu 49

Wege auf den allgemeinen Arbeitsmarkt

Christian Biffar: ein Teil der großen FCK-Familie 53

Bundesverband evangelische Behindertenhilfe (BeB)

Webinar zum Thema „Inklusives Wohnen – besser Wohnen“ 59

Bundesteilhabegesetz (BTHG)

Gesetzlicher Rahmen für einen System- beziehungsweise Paradigmenwechsel 62

Monika Beyer: 2. Vorsitzende des Fördervereins Zoar

Soziales Engagement als ein wichtiger Bestandteil des Lebens 76

Comic von Thomas Rothländer

Der Inklusionator 79

Weihnachts- und Neujahrsgruß der Redaktion 82

Impressum 83

2 Zoar-Magazin 1 | 2020


Grußwort

Liebe Leserinnen,

liebe Leser!

Schwerpunkt des Jahres 2020

ist seit März das Thema

„Corona“, und es hat uns die

ganze Zeit nicht losgelassen. Wir

leben in dieser besonderen Zeit und

in dieser besonderen Situation MIT

den Menschen anders, als es bisher

war und auch anders, als es sich

irgendjemand von uns jemals hätte

vorstellen können. Grundsätzlich hat

uns die Situation dazu gezwungen,

vieles zu digitalisieren, von dem wir

vorher dachten, dass es sich nicht

digitalisieren lässt. Bei vielem hat

sich aber auch gezeigt, dass der

persönliche Kontakt und die Nähe

ganz wichtig und unverzichtbar sind,

um die Arbeit richtig machen zu

können. Wenn man zum Beispiel in

Arbeitsgruppen zusammenarbeitet

und die Arbeitsgruppensitzungen per

Videoschalte erfolgen, kommt oft

keine richtige Diskussion auf; konnte

gar nicht aufkommen, weil sich die

Teilnehmer zwar nacheinander zu

Wort melden, man aber die Mimik

und Gestik jedes Einzelnen in der

Gruppe nicht wahrnehmen kann. Es

fehlt das Gesamtbild. Das hat unsere

Arbeit schwieriger gemacht. Es hat

aber auch gezeigt, dass wir trotz der

Distanz, die wir wahren mussten, in

Martina Leib-Herr,

Vorstand Evangelisches Diakoniewerk Zoar

allen Bereichen näher zusammengerückt

sind. Nach dem Motto: Wir

halten Abstand, aber zusammen!

Extrem-Situation

bisher gut gemeistert

Es ist so, dass die Mitarbeiter in den

Einrichtungen und Häusern von Zoar

wirklich Großes geleistet haben; und

dass man dafür gar nicht oft genug

DANKE sagen kann. Sie tragen eine

sehr hohe Last – noch immer. Angesichts

der Schutzmaßnahmen und

Hygienevorschriften ist es eine ganz

große Leistung, jeden Arbeitstag

erfolgreich damit umzugehen und

den Anforderungen gerecht zu

werden. Es hat sich bewährt, dass

Herr Rose, Leiter der Altenhilfe, sich

intern dem Thema „Corona“ angenommen

hat (siehe das Interview

mit Erich Rose und Dr. Michael

Klöckner auf den Seiten 10 bis 15;

Anm. d. Red.). Von externen Stellen

wurde uns bestätigt, dass wir in

diesem Bereich sehr gut aufgestellt

und die Konzepte durchdacht sind.

Vielen Verdachtsfällen stehen nur

ganz wenige konkret Infizierte

gegenüber.

Zoar-Magazin 1 | 2020

3


Grußwort

Bau von Gerüsttreppenanlagen für

den dringend erforderlichen zweiten

baulichen Rettungsweg

Das zeigt, dass die Maßnahmen

alle sehr wirksam sind. Trotz dieser

positiven Nachricht, spüren wir

natürlich aktuell, dass die Zahl der

Infizierten in der Bevölkerung kontinuierlich

steigt. Umso mehr müssen

wir in unseren Einrichtungen stetig

die Sensibilität für die Thematik

beibehalten und weiterhin eine

Beständigkeit im fürsorglichen

Handeln zeigen.

Wie haben wir es

bislang geschafft?

Wir haben kurzfristig ein Corona Jour

Fixe- Team ins Leben gerufen. In

dieser Runde kamen wir ab März

zum Teil dreimal wöchentlich

zusammen. Da wir nun aber bereits

viele Erfahrungswerte haben, tagen

wir aktuell einmal in der Woche. Das

Leitungsteam um mich herum haben

wir neu aufgestellt. Und auch mit

diesem Leitungsteam, das aus Vertretern

aller Fachbereiche besteht, gibt

es einmal wöchentlich eine Sitzung,

in der wir über alle wichtigen, aktuellen

Themen sprechen, die uns −

unabhängig von Corona − begleiten.

Die Arbeit in diesem Leitungsteam

ist sehr hilfreich und dem Unternehmen

zuträglich.

Ausblick auf 2021

und Rückblick auf 2020

Was Baumaßnahmen betrifft, haben

uns 2020 vor allem der Neubau der

Einrichtung „Zoar – Wohnen am

Betzenberg“ in Kaiserslautern (siehe

Bericht auf den Seiten 28 bis 34;

Anm. d. Red.) und das neue Wohnprojekt

in Oppenheim beschäftigt.

Ein anderes wichtiges Thema, das wir

abgearbeitet haben, war und ist der

Brandschutz auf dem Inkelthalerhof

und die Ertüchtigung aller Gebäude

auf einen brandschutztechnisch

aktuellen Stand (siehe Bericht auf

den Seiten 16 bis 20; Anm. d. Red.).

Alternativ dazu schauen wir, wie die

anderen Dezentralisierungsprojekte,

zum Beispiel in Kirchheimbolanden

und Ingelheim, entsprechend weiter

vorangetrieben werden können. Mit

der Art und dem Umfang der Umsetzungen

werden wir uns 2021 konkret

befassen. Auch die Erweiterungsplanungen

am Zoar-Standort Kusel, was

den Anbau und die Sanierung des

Hauptgebäudes betrifft, werden wir

in den kommenden Monaten

Grundsteinlegung für das Bauprojekt

„Zoar – Wohnen am Betzenberg“

4 Zoar-Magazin 1 | 2020


Grußwort

konkreter angehen (siehe Bericht im

Zoar-Magazin 4/2018 auf den Seiten

38 bis 43; Anm. d. Red.). Über all

diese Projekte werden wir in den

Zoar-Publikationen fortschreitend

berichten.

Ende September ist mein ehemaliger

Vorstandskollege Peter Kaiser aus

dem Unternehmen ausgeschieden.

Seither leite ich das Evangelische

Diakoniewerk Zoar allein,

gemeinsam mit dem engeren

Führungskreis. Ein Fokus liegt im

Moment darauf, mich dem Bereich

Eingliederungshilfe, den Herr Kaiser

bisher allein verantwortet hat,

intensiv zu widmen. Dank der guten

Unterstützung des Leitungsteams

und aller anderen Mitarbeiter bin ich

zuversichtlich, dass es uns gelingt,

die Einrichtung entsprechend weiter

nach vorne zu bringen.

Beste Wünsche für das neue Jahr

Gottes Segen sei mit Ihnen in den kommenden Wochen und Monaten.

Für das neue Jahr wünsche ich Ihnen das Allerbeste − Wohlergehen,

Zuversicht, Glück und Zufriedenheit sowie vor allem Gesundheit.

Mein ausdrücklicher Dank geht an alle haupt- und ehrenamtlichen

Mitarbeitenden, die in diesem besonderen Jahr Herausragendes

geleistet haben. Danke für Ihren Einsatz und für Ihre Treue zu uns.

Gern erzähle ich Ihnen im Frühjahr 2021 an dieser Stelle im Vorwort,

was es bei Zoar und den Tochtergesellschaften Neues gibt.

Wir leben in einer krisenhaften Zeit. Versuchen Sie trotzdem, auch

mal abzuschalten und die kommenden Feiertage für sich zu nutzen.

Kommen Sie zur Ruhe, machen Sie es sich in den eigenen vier Wänden

gemütlich und pflegen Sie Kontakte. Das geht auch digital und

per Telefon. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie ein frohes und

gesegnetes Weihnachtsfest, und kommen Sie gut ins neue Jahr.

Möge sich die Pandemie-Lage 2021 normalisieren und wir alle

wieder zu unserem liebgewonnenen Alltag mit Hobbys, Ausflügen,

sozialen Kontakten und Reisen zurückkehren können. Denken wir

in dieser schweren Zeit aber auch an all jene Menschen, denen es

weitaus schlechter geht als uns, die krank sind oder krank waren

oder die in große Existenznöte geraten sind. Seien wir dankbar!

Seien wir füreinander da!

Unsere Neujahrsempfänge müssen 2021 leider ausfallen.

Um die Zahl der Corona-Neuinfektionen zu verringern, sollten

wir uns konsequent an die Regeln halten und unsere Kontakte

auf das unbedingt Notwendige beschränken.

Bleiben Sie gesund!

Es grüßt Sie herzlichst

Martina Leib-Herr

Vorstand

Evangelisches Diakoniewerk Zoar

Zoar-Magazin 1 | 2020 5


Grußwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Das Thema „Corona“ ist unser Schwer-Punkt. Seit März lässt uns das Thema

nicht los. Wir leben in dieser besonderen Zeit und in dieser besonderen

Situation MIT den Menschen anders, als es bisher war und auch anders, als

es sich irgendjemand von uns jemals hätte vorstellen können. Dies Krise hat

uns aber auch gezeigt, dass wir trotz der Distanz, die wir halten müssen, in

allen Bereichen näher zusammengerückt sind. Nach dem Motto: Wir halten

Abstand, aber zusammen!

Die Mitarbeiter in den Einrichtungen und Häusern von Zoar haben Großes

geleistet. Dafür kann nicht oft genug DANKE gesagt werden. Sie tragen

eine sehr hohe Last – noch immer. Angesichts der Schutz-Maßnahmen

und Hygiene-Vorschriften ist es eine ganz große Leistung, jeden Arbeits-Tag

den speziellen Anforderungen gerecht zu werden. Es hat sich bewährt,

dass Herr Rose, Leiter der Alten-Hilfe, sich intern dem Thema „Corona“

angenommen hat. Auch unser Betriebs-Arzt Herr Klöckner ist lobend zu

nennen. Von außen wurde uns bestätigt, dass wir in diesem Bereich

sehr gut aufgestellt und die Konzepte durchdacht sind. Unser Corona

Jour Fixe-Team tagt aktuell einmal in der Woche.

Ausblick auf 2021 und Rückblick auf 2020

Was Bau-Maßnahmen betrifft, haben uns 2020 vor allem der Neu-Bau der

Einrichtung „Wohnen am Betzenberg“ in Kaiserslautern und das neue

Wohn-Projekt in Oppenheim beschäftigt. Ein anderes wichtiges Thema, das

wir abgearbeitet haben, war und ist der Brand-Schutz auf dem Inkelthalerhof.

Auch 2021 werden wir an vielen Projekten weiterarbeiten, zum Beispiel

Dezentralisierungs-Projekte in Kirchheimbolanden und Ingelheim sowie

Erweiterung am Zoar-Standort Kusel. Dort soll angebaut werden. Außerdem

soll das bestehende Gebäude saniert werden.

6 Zoar-Magazin 1 | 2020


Grußwort

Ende September ist mein ehemaliger Vorstands-Kollege Peter Kaiser aus

dem Unternehmen ausgeschieden. Seither leite ich Zoar allein, gemeinsam

mit dem engeren Führungs-Kreis. Mein Schwer-Punkt liegt momentan

darauf, mich dem Bereich Eingliederungs-Hilfe, den Herr Kaiser bisher allein

verantwortet hat, intensiv zu widmen. Dank der guten Unterstützung des

Leitungs-Teams und aller anderen Mitarbeiter bin ich zuversichtlich, dass es

uns gelingt, die Einrichtung entsprechend weiter nach vorne zu bringen.

Beste Wünsche für das neue Jahr

Gottes Segen sei mit Ihnen in den kommenden Wochen und Monaten.

Für das neue Jahr wünsche ich Ihnen das Allerbeste − Wohlergehen,

Zuversicht, Glück und Zufriedenheit sowie vor allem Gesundheit.

Mein ausdrücklicher Dank geht an alle haupt- und ehrenamtlichen

Mitarbeitenden, die in diesem besonderen Jahr Herausragendes

geleistet haben. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie ein frohes und

gesegnetes Weihnachts-Fest. Kommen Sie gut ins neue Jahr.

Bleiben Sie gesund!

Es grüßt Sie herzlich

Martina Leib-Herr

Vorstand

Evangelisches Diakoniewerk Zoar

Zoar-Magazin 1 | 2020

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Geistliches Wort

Advent:

Gott kommt zu uns

und hält bei uns an

Von einem D-Zug der besonderen Art erzählt ein uralter Gospel-Song: „The Gospeltrain“, der

„Gute-Nachricht-Zug“. Advent heißt ja: Gott kommt an. Wie ein Zug am Bahnhof ankommt.

Lange erwartet. Endlich ist er da. Was ist das für ein rätselhafter Zug, der da kommt?

Der anhält. In den ich einsteigen kann?

8 Zoar-Magazin 1 | 2020


Geistliches Wort

Wo ich wohne, im Lautertal, haben alle Züge Namen.

Ich sage dann immer: „Gerade fährt der Fritz Walter

vorbei oder der „Horst Eckel“. Leider gibt es bei uns

keinen „Gospeltrain“ oder „Gute-Nachricht-Zug“.

Zum Zug gehört eine Lokomotive mit einigen Wagen.

So ein Zug ist eine kleine, in sich geschlossene Welt.

Der Zug durchfährt eine Landschaft. Drinnen im Zug

sind Menschen. Draußen in der Landschaft leben

Menschen. Sie kennen einander nicht. Jeder lebt in

seiner eigenen Welt.

Der „Gute-Nachricht-Zug“ im Gospel-Lied symbolisiert

Gottes Welt. Der „Gute-Nachricht-Zug“ kreuzt und

durchfährt unsere Welt. Es gibt Berührungspunkte.

Einstiegsmöglichkeiten. Gott hält bei uns an. Fragt uns:

„Möchtest Du mitkommen? Eine spannende Fahrt liegt

vor Dir. Lass Dich überraschen“.

Inspiriert vom Gospel-Song hat die Künstlerin Ruth Starr

Rose im Jahr 1939 ein für mich wunderbares Bild gemalt:

Menschen sind unterwegs zu einer Kirche. Gebeugte,

Alte, Junge, Männer und Frauen. Es sind Menschen mit

dunkler Hautfarbe. Sklaven Nordamerikas. Die Kirche,

zu der sie unterwegs sind, hat etwas Einladendes.

Helles, warmes Licht kommt aus ihren Fenstern und der

Tür. Im Eingang steht der Pastor, der aus der Bibel

vorliest. Doch er schaut und zeigt zugleich auf etwas, das

hinter der Kirche ist. Da düst gerade der „Gospeltrain“

vorbei. Er scheint fahrplanmäßig an dieser kleinen

Kirche zu halten. Die Kirche ist der Bahnhof für den

„Gute-Nachricht-Zug“.

Die beiden Esel vor der Transportkutsche scheuen.

Sie werden vom Dampf und Krach der Räder erschreckt.

Der eine keilt nach hinten aus. Der andere erstarrt.

Der Kutscher hat alle Mühe, sich auf dem Wagen zu

halten. Denn es ist ein grandioses Schauspiel! Dieser

„Gute-Nachricht-Zug“ braucht kein Gleis. Er hebt ab

wie ein gewaltiges Flugzeug. Im Führerhaus sehen wir

den Lokführer. Ein Engel fliegt dem Zug voraus.

Er bestimmt die Richtung und bläst das Signalhorn.

Der Zug gewinnt nun so gewaltig an Fahrt, dass es gut

und sicher ist, wenn der Engel ein lautes Signal gibt.

Und dann ist da noch ein Engel. Er legt seine Hand

segnend und schützend auf das Wagendach.

Das beruhigt die Passagiere. Sie winken fröhlich

ihren Freunden draußen zu. Diese warten auf den

nächsten Halt des „Gute-Nachricht-Zugs“, um

zusteigen zu können.

Das ist Advent: Gott hält bei uns an. Er lädt uns ein,

einzusteigen. Er lädt uns ein, seine Welt kennenzulernen.

Seine Welt ist mitten in unserer Welt.

Die, die eingestiegen sind, strahlen Fröhlichkeit aus.

Sie machen den „Mühseligen und Beladenen“

draußen Mut. „Steigt auch ein und fahrt mit uns!“

Es würde mich nicht wundern, wenn der nächste Halt

des „Gute-Nachricht-Zugs“ in Bethlehem wäre; direkt

am Stall, da wo Jesus geboren wird.

„Der Gospel-Zug kommt gerade an.

Man hört ihn schon ganz nah.

Man hört die Räder rumpeln.

Er kommt gleich bei uns an.

Steig ein, kleiner Mann, kleine Frau, kleines Kind!

Es ist noch Platz für ganz viele.“

(Übersetzung von „The Gospeltrain is coming“)

Den Advent kann man sich vorstellen wie einen Zug,

der bei uns hält. Ich kann einsteigen und mich

mitnehmen lassen, wenn ich will.

Nie hat Gott die Welt so deutlich berührt wie in der

Person Jesu. Gott selbst macht im Stall von

Bethlehem Halt bei uns. Da steige ich mit ein.

Auch in diesem Jahr hält Gott bei uns an!

Es grüßt Sie herzlich und wünscht Ihnen einen gesegneten Advent und

ein gesegnetes Weihnachtsfest in dieser so merkwürdigen Corona-Zeit,

Ihr Pfarrer Jochen Walker

Zoar-Magazin 1 | 2020

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Aktuell

Das Corona-Virus und seine Auswirkungen

„Wir halten Abstand – aber zusammen“

Wir befinden uns in einer Pandemie, ausgelöst durch das Virus „Sars-CoV-2“. Die Folgen?

Lockdown, Beschränkungen, Schutzmaßnahmen, Hygiene-Konzepte, Hilfsprogramme, deren

Kosten in die Milliarden gehen. Einiges muss sich bewegen, damit auf zukünftige Epidemien

noch besser und schneller reagiert werden kann.

Kontaktbeschränkungen und

Hygiene-Schutzmaßnahmen

prägen unseren Alltag seit

Monaten. Dies dient der Verhinderung

der weiteren Ausbreitung des

Corona-Virus. Das kommt uns allen

zugute; vor allem aber ist es wichtig

für ältere Menschen, Menschen mit

Beeinträchtigungen und/oder Vorerkrankungen.

Deshalb stehen Infektionsschutz

und Hygienemaßnahmen

überall dort, wo Kontakte notwendig

sind beziehungsweise Kontaktbeschränkungen

gelockert wurden, im

Mittelpunkt. Damit soll erreicht

werden, uns vor der Infektion mit

SARS-CoV-2 zu schützen, um nicht an

Covid-19 zu erkranken und somit eine

Überforderung des Gesundheitssystems

zu vermeiden. Neue Infektionsketten

müssen bestmöglich

vermieden werden. Rasant steigende

Infektionszahlen müssen unbedingt

wieder abflachen.

Hilfreiche Anteilnahme und

süße Überraschungen

Beim Evangelischen Diakoniewerk

Zoar mit seinen Tochtergesellschaften

an zahlreichen Standorten

in Rheinland-Pfalz ging die Arbeit

unter Einhaltung angepasster

Schutzvorkehrungen kontinuierlich

weiter. Menschen, die uns anvertraut

sind, wurden und werden umfänglich

betreut und versorgt. Alle

müssen lernen, mit der Pandemie zu

leben. Noch gibt es keinen Impfstoff

und keine wirksame Therapie gegen

Covid-19. So lange ist Vorsicht

geboten, und wir müssen auf unsere

Nächsten und uns achten. Hilfreiche

Anteilnahme an der krisenhaften

Situation nahm auch ein Großteil der

Bevölkerung. Bewohner der Zoar-

Einrichtung erhielten zum Beispiel

liebe Briefe, gemalte Bilder und

schöne Basteleien. Selbstgenähte

Mund-Nasen-Masken wurden ehrenamtlich

hergestellt und abgegeben.

Spenden gingen ein, zum Beispiel

Tablets für das Videotelefonat mit

den Angehörigen sowie kleine

Aufmerksamkeiten für die Pflegekräfte,

um sie in dieser Zeit mit Eis

und Kuchen sowie sonstigen schönen

Dingen zu überraschen.

10 Zoar-Magazin 1 | 2020


Aktuell

Zur aktuellen Lage lesen Sie hier, liebe Leserinnen und Leser,

fachliche Einschätzungen der Pandemie-Entwicklung von

Zoar-Betriebsarzt, Dr. Michael Klöckner, und

Erich Rose, Leitung Altenhilfe.

Das Interview führte Alexandra Koch.

1. 2020 – ein Jahr großer Herausforderungen:

Was glauben Sie, war die größte Herausforderung

in dieser für uns alle schwierigen Situation?

Dr. Michael Klöckner:

Die größte Herausforderung ist die

Pandemie selbst, und das, was sie

für Auswirkungen mit sich bringt

– auf Zoar und auf unsere Gesellschaft

allgemein. Das war und ist

das entscheidende Thema, und es

ist nach wie vor stark präsent und

längst nicht abgehakt. Das Thema

wird auch noch 2021 präsent sein.

Letztendlich hängt alles davon ab, inwiefern es gelingt,

einen schützenden Impfstoff zu entwickeln.

Erich Rose:

Wir als Einrichtung und unsere

Gesellschaft generell sind erstmalig

mit dieser Form von Pandemie

konfrontiert. Zum einen ist es

eine grundsätzliche Auseinandersetzung

mit dem „Sars-CoV-2“-

Virus bei jedem Einzelnen in

persönlicher und gesundheitlicher

Hinsicht und zum anderen, mit

Blick auf konkret unseren Betrieb, sind es die vielfältigen

Auswirkungen auf das Arbeitsgeschehen beziehungsweise

der Schutz von Klienten, Mitarbeitern und Gästen.

Ohne übertreiben zu wollen, kann man sagen, dass die

Pandemie kolossale Auswirkungen auf die täglichen

Arbeitsabläufe hat; sowohl was den Umgang mit

Klienten und Mitarbeitern betrifft als auch deren Schutz.

Das kommt bei den ambulanten Angeboten und bei der

stationären Versorgung zum Tragen. Hier nenne ich zum

Beispiel die umfänglichen Besuchsregelungen.

2. Was ist Ihrer Meinung nach im Umgang mit der Pandemie

bei Zoar besonders gut, was weniger gut gelaufen?

Erich Rose:

Wir können bei dieser Krise auf keinerlei

Erfahrungswerte aus der Vergangenheit

zurückgreifen. Trotzdem wage ich zu

behaupten, dass wir innerbetrieblich gut

und angemessen mit der Situation umgegangen sind.

Dazu ein großes Lob an alle Mitarbeiter in den verschiedenen

Bereichen. Ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein

war überall zu erkennen. Informationen

wurden offen und transparent sowie kontinuierlich an

die gesamte Belegschaft weitergegeben. Von Vorteil war,

dass wir zeitnah ein Corona-Pandemie-Team gegründet

haben; besetzt mit dem Vorstand, dem Betriebsarzt, der

Gesamtmitarbeitervertretung, Verantwortlichen der

Arbeitssicherheit, des Personalbereichs und der Zentralen

Dienste. Wir treffen uns seit März wöchentlich für

circa ein bis zwei Stunden und haben dann immer

aktuelle Themen auf der Agenda. Die gilt es abzuarbeiten

und Rückschlüsse daraus zu ziehen.

Jedoch steht und fällt jede Maßnahme mit der Bereitschaft

der Mitarbeiter, Klienten und Gäste, diese mitzutragen

und umzusetzen. Dies war und ist dankenswerterweise

gegeben. Die gesamte Dienstgemeinschaft

zeigt ein enormes Maß an Einsatzbereitschaft und

Verantwortungsbewusstsein. Nur gemeinsam schaffen

wir es, den Anforderungen durch die Pandemie angemessen

gerecht zu werden.

Dr. Michael Klöckner:

Nicht gut Gelaufenes kann ich bei Zoar

gar nicht erkennen. Ich hatte auch den

Vergleich zu anderen Betrieben und

Einrichtungen und muss sagen, dass das

Zoar-Magazin 1 | 2020

11


Aktuell

Thema dort vielfach nicht so systematisch angegangen

wurde. Auch die Regelmäßigkeit der Arbeitsgruppensitzungen

über einen langen Zeitraum ist bei Zoar vorbildlich.

Was bereits im Vorfeld sehr gut aufgebaut war, ist

der ganze Bereich des Infektionsschutzes und der Hygienemaßnahmen

bei Zoar. Federführend durch Herrn Rose

und sein Team (konkret genannt sei hier Liesel Sköries als

Zentrale Hygienebeauftragte; Anm. d. Red.) war das

schon vor Jahren aufgebaut und umgesetzt worden. Und

so konnte man auf das Hygienemanagement von Zoar,

was die Pandemie betrifft, sehr stark zurückgreifen. Die

Instrumente zum Umgang mit dem Virus sind in der

Einrichtung vorhanden. Daher ist man hier dem neuen

Angreifer nicht schutzlos ausgesetzt. Es galt lediglich,

alle Maßgaben konform zu halten mit den Empfehlungen

des Robert Koch-Instituts und auch die immer neuen und

aktualisierten Landesverordnungen in die Informationen

an die Mitarbeiter einfließen zu lassen. Aufgrund der

guten vorhandenen Basis ist man bei Zoar nicht in Panik

geraten. Auch bezüglich der Körperschutzmaßnahmen

beziehungsweise der Schutzausrüstung hat man hier gut

und zeitig reagiert, noch bevor es große Engpässe gab.

Erich Rose:

Seit März haben wir konsequent darauf

geachtet, dass wir die Artikel der persönlichen

Schutzausrüstung vorrätig haben.

Das war in den ersten Wochen und

Monaten sehr zeitintensiv und auch schwierig, weil es

aufgrund der weltweiten Masse, die benötigt wurde, zu

Lieferengpässen auf dem freien Markt kam. Wir mussten

sehr genau prüfen, ob die Artikel den gesetzten Normen

entsprachen. Denn es wurde auch minderwertige Ware

angeboten. Ich muss dazu sagen, dass bei uns zu keinem

Zeitpunkt ein Defizit herrschte. Wir waren immer

flächendeckend an allen Zoar-Standorten mit den Artikeln

für die persönliche Schutzausrüstung versorgt.

3. Wie schätzen Sie den weiteren Verlauf

der Pandemie ein?

Dr. Michael Klöckner:

Das Corona-Virus ist angekommen und

wird auch bleiben. Es wird nicht gelingen,

das Corona-Virus auf null zurückzuführen.

Es wird noch dauern, bis ein verfügbarer

Impfstoff auf dem Markt verimpft werden kann. Es gibt

Hinweise diverser Studien, die besagen, dass sich die

Virus-Eigenschaften verändern. Das würde möglicherweise

bedeuten, dass das Virus in Zukunft nicht mehr

ganz so gefährliche Auswirkungen hat und sich dann am

ehesten mit einem grippalen Infekt vergleichen ließe.

Dass die Infektionszahlen im Herbst wieder ansteigen

würden, war zu erwarten. Diese Entwicklung musste

zwangsläufig so geschehen. Im Sommer während der

Urlaubs- und Ferienzeit wurden die Vorgaben nicht mehr

eingehalten, wie es nötig gewesen wäre. Im Zuge der im

Herbst beginnenden Erkältungszeit ist außerdem

häufiger getestet worden. Auch das ließ die Zahlen

steigen. Denn je mehr getestet wird, desto höher ist die

Wahrscheinlichkeit, dass auch asymptomatische

Corona-Virus-Infektionen festgestellt werden.

Vorsichtig optimistisch macht die Tatsache, dass die

Sterblichkeitsrate nicht so stark und schnell ansteigt wie

die Neuinfektionen. Außerdem haben wir nun auch

mehr Praxis-Erfahrung im Umgang mit dem Virus. Die

Menschen, die, wie bei Zoar, in den systemrelevanten

Berufen arbeiten, sind auf diese Infektionskrankheit

eingestellt. Sie wissen, wie sie mit dem Virus und dessen

Vorbeugung sowie den Schutzmaßnahmen umgehen

müssen und kennen auch die Auswirkungen auf die

Bewohner und Beschäftigten. Ihr Interesse gilt nicht nur

ihrem Schutz, sondern auch dem Schutz derer, für die sie

da sind.

Erich Rose:

Wie es Herr Dr. Klöckner bereits sagte, das

Corona-Virus wird uns in unserem Alltag,

privat und beruflich, auch weiterhin

begleiten. Daher ist es wichtig, immer auf

die entsprechenden Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln

zu achten. Es kommt auf jeden Einzelnen und

dessen Kontaktpersonen an. Es ist und bleibt wichtig,

dass wir die Hygieneaspekte, gerade im Umgang mit

unseren Klienten, immer wieder auf die Agenda der

Corona-Pandemie-Teamsitzungen setzen. Das darf nicht

12 Zoar-Magazin 1 | 2020


Aktuell

in Vergessenheit geraten. Wichtig ist, dass bei Symptomen,

die ab der Herbst-Winterzeit vermehrt auftreten

werden, frühzeitig Maßnahmen ergriffen und Kontakte

nachverfolgt werden. Nur so kann eine Verbreitung in

der Belegschaft und unter den Klienten vermieden

werden. So lange kein Impfstoff da ist, der auch entsprechende

Wirksamkeit hat, stehen Hygienemaßnahmen

zur Vorbeugung absolut im Vordergrund. Selbst wenn

ein wirksamer Impfstoff auf dem Markt wäre, dauert es

voraussichtlich Monate, bis ein entsprechender Impfschutz

in der Gesellschaft vorliegt, der das Infektionsrisiko

minimiert; und auch nur, wenn die Impfbereitschaft

entsprechend gegeben ist.

Dr. Michael Klöckner:

Es wird ein neuartiger Impfstoff sein −

mit noch unklaren Risiken und Nebenwirkungen.

Viele Menschen sind daher

eher skeptisch. Sie warten ab und lassen

erst einmal anderen den Vortritt. Generell wird ohnehin

die Meinung vertreten, dass zuerst die Risikogruppen

geimpft werden sollen. Ich bin sehr gespannt, wie die

Impfquoten letztendlich sein werden.

4. Herr Rose, halten Sie die jeweiligen Maßnahmen

beziehungsweise Regeln in ihrer Tragweite für ältere

Menschen in den Zoar-Alten- und Pflegeheimen für

begreifbar und nachvollziehbar?

Erich Rose:

Teils, teils. In der Mehrheit werden die

Konsequenzen aus den Schutzmaßnahmen

verstanden und finden Akzeptanz.

Die meisten Bewohner können es

nachvollziehen und tragen diese Beschränkungen mit,

ebenso die Angehörigen. Es gibt aber auch einzelfallbezogene

Situationen, in denen die Maßnahmen nicht

voll umfänglich nachvollzogen werden können. Es ist

stark von der jeweiligen Person abhängig und davon,

inwiefern ein Mensch kognitiv in der Lage ist, das Risiko

einer Infektion einzuschätzen und entsprechende

Schutzmaßnahmen nachzuvollziehen. Schaut man sich

die Reaktionen in der Allgemeinbevölkerung an, ist es

grundsätzlich nichts Anderes. Es gibt Personen, die das

umfänglich mittragen und nachvollziehen können, und

ebenso gibt es Personen, die Aspekte ablehnen. Es entspricht

dem Bild der Gesellschaft. Schwieriger wird es

mit zunehmender Dauer der Kontakteinschränkung. Je

länger sie dauert, desto gravierender werden die Folgen

des Kontaktverlustes.

5. Herr Dr. Klöckner, kamen im Rahmen der Pandemie

mehr Menschen als sonst auf Sie als Betriebsarzt zu?

Gab es mehr Fragen?

Dr. Michael Klöckner:

Es kamen schon mehr Fragen auf als

sonst, und es kamen auch mehr Leute auf

mich zu. Das meiste lief telefonisch und

per E-Mail. Die Pandemie ist für alle das

vorherrschende Thema. Es ging häufig um die Gefährdung

von Risikogruppen und um Infektionsgefahren für

Angehörige. Auch gab es häufiger Fragen zum Arbeitsschutz,

zur Hygiene und Schutzausrüstung. Ganz selten

war es so, dass jemand vom Dienst freigestellt werden

musste, wenn er nicht auf einen unbedenklichen

Arbeitsplatz versetzt werden konnte. In der Regel aber

konnte durch verschiedene Schutzmaßnahmen die

Arbeitsfähigkeit erhalten werden.

Der Eigenschutz der Mitarbeiter wurde erhöht, indem

zum Beispiel anstatt einer normalen Mund-Nasen-

Bedeckung eine spezielle FFP2-Maske zur Verfügung

gestellt wurde. Dies wurde an der Arbeitssituation festgemacht.

Denn eine FFP2-Maske zum höheren Eigenschutz

bedeutet auch einen höheren Atemwiderstand.

Man kann sie nicht längere Zeit bequem tragen. Daher

macht man die Tragedauer im Hygienekonzept davon

abhängig, wie lange Zeit der Mitarbeiter direkt am

Bewohner eingesetzt ist. Macht er andere Arbeiten, bei

denen der Abstand eingehalten werden kann, braucht

er die FFP2-Maske nicht zu tragen.

Meine Beratung der Mitarbeiter hat vorrangig kontaktlos

stattgefunden. Auch Routineuntersuchungen wurden,

soweit es geht, aufgeschoben. Die Einstellungsuntersu-

Zoar-Magazin 1 | 2020

13


Aktuell

chungen und Schutzimpfungen haben jedoch stattgefunden.

Der Wunsch nach ärztlicher Beratung ist in

diesen Zeiten schon groß. Im Sommer schwächte sich

das mit zunehmendem Rückgang der Infektionen mal

eine Weile ab und nahm dann wieder zu.

6. Was glauben Sie: Hat der Virus unsere Gesellschaft

verändert, wohlmöglich gespalten?

Dr. Michael Klöckner:

Am Anfang der Pandemie hat man noch

gedacht, dass jetzt Vieles anders wird,

dass man politisch-gesellschaftlich

aufwacht und merkt, dass man nicht

mehr so weiter wirtschaften kann wie bisher, dass man

schauen muss, dass die Gesundheitsversorgung weltweit

besser wird, auch in Deutschland; dass mehr auf den

Schutz geachtet wird und die Lieferketten jetzt neu

angepasst werden, dass man nicht mehr so sehr

abhängig ist von China und anderen weltweiten Lieferanten,

dass man wieder mehr Produktion in Deutschland

hat und dass auch wieder mehr Medikamente, die

ja auch zwischendurch knapp wurden, in Europa beziehungsweise

Deutschland produziert werden. Ich bin da

eher skeptisch. Sobald die Pandemie bekämpft sein wird,

kommt es wieder zu „business as usual“ und da steht

das Rendite- und Gewinnstreben immer im Vordergrund.

Und wenn irgendwo etwas zu sparen ist, werden die

Unternehmen die Lieferketten, so wie sie sind, beibehalten.

Ein bisschen wird vielleicht nach Europa/Deutschland

zurückverlagert, aber nicht in dem Ausmaß wie gedacht.

Je länger die Pandemie und die Schutzmaßnahmen

gehen werden, die ja zur Bekämpfung zwingend

notwendig sind, und Menschen die Fallzahlen nur aus

Statistiken kennen und keine konkreten Krankheitsfälle

in ihrem näheren Umfeld haben, wächst der Nährboden

für Verschwörungstheorien. Frust kann sich diesbezüglich

zuspitzen – Frust auf den Kapitalismus, Frust auf

gesellschaftliche Veränderungen. So eine gewisse Spaltung

der Gesellschaft muss man im Moment leider

schon erkennen. Es ist eine Minderheit, aber eine lautstarke.

Es herrscht keine einheitliche Meinung, sondern

es finden sich Menschen zusammen, die grundsätzlich

gegen alles sind. Aber auch da wird es mit dem Greifen

des Impfstoffes und seiner zuverlässigen Wirkung, und

wenn die Schutzmaßnahmen sukzessive abgebaut

werden können, zu einer Besserung kommen.

Ich denke nicht, dass das auf Dauer so sein wird. Beim

Zwischenmenschlichen sehe ich schon eine gewisse

Form von Distanz, notwendigerweise wegen der

Abstandsgebote. Die Frage wird sich aber stellen, inwieweit

man danach, wenn man die Abstandsregeln nicht

mehr so streng einhalten muss, wieder zu einer Normalisierung

kommen wird. Ich glaube es wird eine gewisse

Form von wohlüberlegter Distanzierung bei vielen

Menschen bleiben. Da könnte ich mir schon so eine

gewisse Reserviertheit vorstellen.

Erich Rose:

Durch die Pandemie ist unsere Gesellschaft

gleichzeitig mit einer Vielzahl von

Themen konfrontiert, mit denen wir uns

aktuell beziehungsweise mittel- und

langfristig konkret auseinandersetzen müssen. Es geht

um den Umgang mit dem Virus, die Entwicklung des

Impfstoffes und der Medikamente. Wo finden zukünftig

Entwicklung und Produktion statt? Wer sorgt für die

entsprechende Lagerhaltigkeit? Aktuell stellen sich

zudem die Fragen nach der digitalen Infrastruktur, nach

der zukünftigen Gestaltung von Arbeitsplätzen usw.

Man muss sich nun vielen Themen stellen. Ich nenne

nur Beispiele: Lüftungstechnik im öffentlichen

Personenverkehr, personelle Ausstattung des Gesundheitswesens,

Aufrechterhaltung der Wirtschaft allgemein.

Das ist schon ein riesiges Thema. Welche Lehren

werden wir als Gesellschaft aus dieser Situation ziehen?

Zu wünschen sind positive Konsequenzen im Sinne von

Nachhaltigkeit; auch, um in Zukunft präventiver

gewappnet zu sein.

14 Zoar-Magazin 1 | 2020


Aktuell

In der Zwischenzeit haben wir ja schon viel dazugelernt

und bei den Behandlungsmethoden einiges verbessert.

Zum Beispiel hat man am Anfang definitiv zu viel

beatmet, denn es ist ganz schwer, die Menschen von der

Beatmung wieder zu entwöhnen. Man beatmet jetzt bei

weitem nicht mehr so schnell. Hochdosiertes Cortison

und die Verabreichung von Medikamenten zur Blutverdünnung

haben sich sehr gut bewährt. Man muss dringend

verhindern, dass Blutgerinnsel im Kreislauf

entstehen. Seitdem sind Ärzte und Pflegepersonal auf

den Intensivstationen besser aufgestellt. Man weiß

durch die bestehenden Erfahrungen nun besser, mit dem

Virus umzugehen. Trotzdem sind noch viele Fragen offen,

zum Beispiel in Bezug auf einen zuverlässigen Antikörperschutz.

Zu welchem Zeitpunkt ist man immun? Wenn

man das genau wüsste, könnte man diesen Menschen

einen Immunitätspass in die Hand geben.

7. Mit welcher Überzeugung blicken Sie in die Zukunft?

Wie wird die Lage in einem Jahr aussehen?

Erich Rose:

Das Virus wird sich nicht in Luft auflösen.

Letztendlich wird es maßgeblich davon

abhängen, wie sich jeder Einzelne im

Rahmen der Pandemie verhält. Davon

hängt es ab, wie sich die Infektionsraten entwickeln. Im

weiteren Verlauf wird es eine große Rolle spielen, wie

schnell ein wirksamer Impfstoff zur Vorbeugung und

wirksame Medikamente zur Behandlung auf dem Markt

sein werden.

Dr. Michael Klöckner:

Je schneller man einen zuverlässigen

Impfstoff entwickelt, desto besser. Und je

mehr Menschen sich dann impfen lassen,

desto besser. Aber es wird seine Zeit brauchen.

Denn es ist klar, dass es bei einem neuen Impfstoff

auch Widerstände geben wird, vor allem bei der jüngeren

Bevölkerung. Heute in einem Jahr wird man hoffentlich

schon viele Menschen geimpft haben. Wenn das Virus

aber genauso gefährlich bleibt wie heute, wird uns das

dann noch keine große Erleichterung bringen. Nimmt

jedoch die Gefährlichkeit des Virus wohlmöglich ab; das

heißt, wenn sich die These bestätigen sollte, dass das

Virus im Laufe der Zeit an Gefährlichkeit verliert, dann

würden wir nächstes Jahr um diese Zeit viel besser

dastehen als heute.

Aber dazu bräuchte man eine zuverlässige Antikörperentwicklung

und man müsste wissen, ab welchem Punkt

man von einem wirklichen Eigenschutz ausgehen kann,

so wie zum Beispiel bei Hepatitis B. Beim Corona-Virus

ist es anders, noch zumindest. Außerdem neigt das

Corona-Virus zur Mutation. Es bleibt nicht stabil. Wenn

es dadurch harmloser wird, wäre es unser Vorteil, wenn

aber der zukünftige Impfstoff deshalb nicht richtig

greifen kann, ist es unser Nachteil. Alles Fragen, die wir

weit ins Jahr 2021 mitnehmen werden. Und deshalb darf

man bei diesem für uns alle wichtigen Thema nicht

nachlässig werden.

Erich Rose:

Es muss vor allem darum gehen, die

systemrelevanten Bereiche funktionsfähig

aufrechtzuerhalten. Zuerst sollten daher

Risikogruppen und Mitarbeiter in systemrelevanten

Berufen geimpft werden. Es ist jedoch klar,

dass das für jeden eine freiwillige Handlung sein wird; so

wie bei der Grippeimpfung ja auch. Zusammenfassend

lässt sich sagen, dass in unserer Mitarbeiterschaft ein

großer Zusammenhalt herrscht, fast noch mehr als vor

Corona. Das persönliche Verantwortungsbewusstsein,

sich und andere zu schützen, ist sehr hoch. Alle

Maßnahmen wurden aktiv mitgetragen, auch um das

Infektionsgeschehen zu verlangsamen. Unsere Mitarbeiter

haben bisher einen sehr guten Job gemacht, denn

es steht und fällt mit der Verhaltensweise eines jeden

Einzelnen. Wir leben in einer krisenhaften Zeit und

müssen weiterhin achtsam bleiben. Trotzdem dürfen wir

den Mut nicht verlieren. Ja. Es ist eine gesellschaftliche

Kraftanstrengung, aber es werden auch wieder andere

Zeiten kommen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Anm. d. Red.: 2021 werden wir über die weitere

Entwicklung berichten: Zoar im Umgang mit der Pandemie.

Zoar-Magazin 1 | 2020

15


Wir stellen vor

3. Teil der Serie „Arbeitssicherheit“

Baulicher und technischer Brandschutz

für Arbeits- und Wohnsicherheit

Die Sicherstellung der Flucht- und Rettungswege gehört unter das Projektdach

„Brandschutz Inkelthalerhof“. Das betrifft sämtliche Wohn- und Betriebsgebäude

auf dem Inkelthalerhof in Rockenhausen.

Vorrangig geht es dabei um Austausch sowie

Ergänzung von Feuerschutztüren, die Herstellung

des jeweils zweiten baulichen Rettungswegs

mittels Treppenanlagen und die Installation einer

Brandmeldeanlage mit Sicherheitsbeleuchtung. Die von

außen montierten Gerüsttreppenanlagen können jederzeit

auch an anderer Stelle wiederverwendet oder bei

Nicht-Bedarf verkauft werden.

Treppentürme mit bis zu 12 Metern Höhe

Die Maßgabe und das Ziel des Projekts „Brandschutz

Inkelthalerhof“ waren die Sicherung der Flucht- und

Rettungswege sowie die Brandfrüherkennung. Baubeginn

war im Frühjahr 2018 mit dem Projektstart im

Fliednerhaus. Die Abnahme erfolgte bereits wenige

Wochen später; und zwar im Juni 2018. Es folgten

Bodelschwinghhaus 1 und 2 sowie Wichernhaus, Falkhäuser,

Kunstgewerbe, Cafeteria, Kegelbahn, Nähstube

und Zentrale Wäscheversorgung. „Es wurden insgesamt

14 Gerüsttreppen und Steganlagen gebaut“, informiert

Astrid Justen vom Architekturbüro Müller-Mizera-Archi-

tekten in Kirchheimbolanden. „Außerdem haben wir

insgesamt 134 neue Türen eingebaut, davon 88 Feuerschutztüren

und 35 Notausgangstüren ins Freie.“ Auf

diese Weise wurden die baulichen Rettungswege

wesentlich optimiert. „Der größte der von außen angebauten

Treppentürme steht am Falkhaus 3 und hat 49

Steigungen und eine Höhe von 11,20 Metern“, ergänzt

die Architektin. Das Gesamtprojekt ist jedoch noch nicht

abgeschlossen; die Brandmeldeanlage und das Sicherheitslicht

werden zurzeit installiert. Insgesamt wird der

Kostenrahmen von drei Millionen Euro (brutto) voraussichtlich

überstiegen.

Regelmäßige Wartung und Sichtprüfung

Die Treppentürme sind aus verzinktem Stahlblech gefertigt

und somit nicht brennbar. Die Treppenstufen haben

eine standardisierte Breite von 1,20 Metern sowie eine

maximale Steigung von 20 Zentimetern. All dies dient

der möglichst problemlosen Nutzung von Menschen mit

Beeinträchtigung; zumal im Brandfall, wenn es hektisch

zugeht und Panik vermieden werden muss. Alle Treppen-

16 Zoar-Magazin 1 | 2020


Wir stellen vor

Alles für den Brandschutz: baulicher Brandschutz zur Sicherheit der Mitarbeiter,

Bewohner und Gäste

Zoar-Magazin 1 | 2020

17


Wir stellen vor

Zur entsprechenden Recherche für den Bericht

„Brandschutz Inkelthalerhof Rockenhausen“ gab es

eine Führung auf dem Gelände. Die Fachleute

zum Thema sind: (v.l.n.r.)

die Zoar-Mitarbeiter Denis Bäcker

und Karin Hartig sowie Astrid Justen

vom Architekturbüro

Müller-Mizera-Architekten.

Von außen montierte Gerüsttreppenanlagen sorgen für den

dringend erforderlichen zweiten baulichen Rettungsweg. Die

Treppentürme sind aus verzinktem Stahlblech gefertigt und

somit nicht brennbar. Die Treppenstufen haben eine standardisierte

Breite von 1,20 Metern sowie eine maximale

Steigung von 20 Zentimetern. All dies dient der möglichst

problemlosen Nutzung von Menschen mit Beeinträchtigung;

zumal im Brandfall, wenn es hektisch zugeht und Panik vermieden

werden muss. Dies bestätigen auch (v.l.n.r.) Astrid

Justen, Karin Hartig und Denis Bäcker bei der Begehung.

türme wurden ordnungsgemäß vom Gerüstbauer freigegeben,

so dass sie im Notfall von zahlenmäßig vielen

Menschen benutzt werden können. Mit dem Gerüstbauer

wurde ein Wartungsvertrag abgeschlossen;

zweimal im Jahr wird fachgerecht geprüft. Darüber

hinaus organisieren die Zentralen Dienste eine wöchentliche

Sichtprüfung der Gerüsttreppen und Steganlagen,

um die Sicherheit zu gewährleisten. Denn vor allem im

Herbst könnten die Treppenstufen durch herabfallendes

Laub und herumfliegende Zweige unpassierbar sein, was

selbstverständlich stetig verhindert werden muss.

Die Arbeiten bezüglich des baulichen Brandschutzes

waren aufwendig, denn zum Teil mussten für die Schaffung

von Notausgängen beziehungsweise zur Sicherstellung

der Flucht- und Rettungswege Fenster demontiert

und Brüstungen heruntergebrochen werden. „Alle

Bauarbeiten sind im laufenden Betrieb durchgeführt

worden“, berichtet Astrid Justen. „Natürlich wurde

dadurch die gewohnte Routine gestört.“ Trotzdem sei

man auf großes Verständnis und viel Geduld der Mitarbeiter

und Bewohner gestoßen. „Alle Mitarbeiter und

Bewohner, die aufgrund der Bauarbeiten im Umfeld des

Brandschutzes Einschränkungen, Schmutz- und Lärmbelästigungen

erfahren mussten, bitten wir um Entschuldigung“,

sagt Zoar-Direktorin Martina Leib-Herr. „Die

Sicherstellung der Flucht- und Rettungswege ist

aufgrund der notwendigen Brandschutzanforderungen

jedoch alternativlos.“ Umso glücklicher sei man, dass die

baulichen Maßnahmen erfolgreich abgeschlossen seien.

Allen Beteiligten sei dafür großer Dank ausgesprochen.

Brandabschnitte und Evakuierungspläne

Im Rahmen der Baumaßnahmen in den Häusern auf

dem Inkelthalerhof wurden einzelne Brandabschnitte

gebildet. Dafür wurden Bereiche für maximal zehn

Bewohner geformt. Neue, schwere Feuerschutztüren

(mit Öffnungsunterstützung) verhindern, dass mögliches

Feuer ungehindert in einen anderen Brandabschnitt

übertritt. Eine vollzählige Evakuierung vor Brandausbreitung

ist so wesentlich wahrscheinlicher. Auch Evakuierungspläne

(Erstellung, Überprüfung, Durchführung)

zählen zu diesem hochkomplexen Thema. Um das

entsprechend effizient zu bearbeiten, bedurfte es einer

18 Zoar-Magazin 1 | 2020


Wir stellen vor

Windfeste Verkleidung hilft, die Verschmutzung der Gerüsttreppenanlagen durch herunterfallende

Blätter und umherfliegende Zweige einzudämmen. Das Foto zeigt die

Gerüsttreppe hinter dem Wichernhaus. Die baulichen Rettungswege wurden durch die

Treppentürme im Außenbereich der Häuser wesentlich optimiert. Alle Treppentürme

wurden ordnungsgemäß vom Gerüstbauer freigegeben, so dass sie im Notfall von zahlenmäßig

vielen Menschen benutzt werden können. Mit dem Gerüstbauer wurde ein

Wartungsvertrag abgeschlossen; zweimal im Jahr wird fachgerecht geprüft.

Arbeitsgruppe mit regelmäßigen „Jour Fixe“-Sitzungen,

in die sich jeder Teilnehmer mit seinem speziellen Sachverstand

einbrachte. Hier die Arbeitsgruppenteilnehmer:

Denis Bäcker, Zentrale Dienste, Barbara Venske, Regionalleitung

Eingliederungshilfe Nordpfalz (Bereich Wohnen),

Dr. Florence Asmus, Regionalleitung Eingliederungshilfe

Nordpfalz (Bereich Arbeiten), Karin Hartig, Standortentwicklung

Eingliederungshilfe, und Astrid Justen vom

Architekturbüro Müller-Mizera-Architekten. Ihr oblag die

Objektüberwachung, denn zum Teil waren zehn verschiedene

Gewerke am Bauprojekt tätig; das heißt, es

mussten zehn verschiedene Firmen mit ihren Mitarbeitern

und Tätigkeiten koordiniert werden. „In den Arbeitsgruppensitzungen

sind wir auch immer die von mir

vorbereiteten Terminpläne durchgegangen“, berichtet

Astrid Justen.

Mit am Wichtigsten sei es allen Beteiligten gewesen, die

Mitarbeiter und Bewohner eng und fortlaufend in die

baulichen Veränderungen einzubeziehen. „Wir haben

großen Wert daraufgelegt, vor allem die Bewohner über

die Brandschutzmaßnahmen aufzuklären und kontinuierlich

über die neuesten Baufortschritte zu informieren“,

sagt Regionalleiterin Barbara Venske im Interview.

Das habe mit einem großen zeitlichen Vorlauf stattgefunden.

„Und so waren die Bewohner schon gut vorbereitet,

als es dann tatsächlich mit den Bauarbeiten in

den Häusern losging.“

Großes Verständnis für Bauarbeiten

im laufenden Betrieb

Neuralgische Punkte im Inneren der Häuser waren unter

anderem die Übergänge von den Fluren in die Treppenhäuser.

Neu verbaut wurden Türen mit Feststellanlagen,

die sich in Richtung des Fluchtwegs öffnen und im

Brandfall schließen, um einzelne Brandabschnitte zu

definieren. Dafür waren zum Teil auch neue Stromanschlüsse

nötig. „Es war schon alles sehr aufwendig.

Trotzdem haben wir versucht, den normalen Betrieb in

den Häusern so wenig wie möglich zu stören“, so Astrid

Justen, die werktäglich im engen Austausch mit den

beauftragten Firmen stand. „Natürlich ist durch die

Bauarbeiten Schmutz und Staub entstanden, so dass es

da oft Kritik der Leidtragenden gab.“ Letztendlich hätten

Zoar-Magazin 1 | 2020

19


Wir stellen vor

die Mitarbeiter der Hauswirtschaft aber einen tollen Job

gemacht. Auch zusätzliche Reinigungsarbeiten einer

externen Firma seien durchgeführt worden. Auf diese

Weise konnte das Konfliktthema des anfallenden

Bauschmutzes entschärft werden.

„Ansonsten war das Ver-ständnis für die baubedingten

Unannehmlichkeiten groß“, berichtet

Denis Bäcker von den Zentralen Diensten.

„Baulärm war zwar nicht immer vermeidbar, aber

dadurch, dass die Bewohner genau wussten, um was

es geht, wurde es so auch akzeptiert.“ Im Gegenteil,

manche hatten sogar großen Spaß daran, bei den

Bauarbeiten zuzuschauen und mit den Bauarbeitern

zu sprechen.

Da dies vor Ausbruch der Corona-Pandemie geschah und

Externe noch Zutritt zu den Häusern hatten, stand einem

werktäglichen Austausch nichts im Wege. Es gab durchaus

interessante Dinge zu beobachten, zum Beispiel als

im Sommer 2019 die Arbeiten außen an der Cafeteria

durchgeführt wurden. Dort wurde eine neue Notausgangstür

gesetzt, weswegen Mauerwerk an den Fensteröffnungen

zurückgebaut wurde, um eine bodentiefe

Öffnung zu erhalten. Außerdem wurde eine Rinne mit

Abwasserleitung gesetzt. Im Inneren ging es dann

weiter. Der Flurbereich vor der Kegelbahn

erhielt eine neue Akustikdecke. Im lobenswerten

Einsatz waren hauptsächlich diese

regionalen Firmen: Elektro Müller, Maler Nieder,

Heizung Sanitär Keller, HS Bauunternehmung,

Daiber Bauunternehmung, Metallbau

Wellstein, BMH Trockenbau und Graf Trockenbau.

Technischer Brandschutz

Die Arbeiten am technischen Brandschutz haben bereits

begonnen – mit der Installation der Brandmeldeanlage

in allen Häusern. Das bedeutet, dass die Brandmeldeanlage

zukünftig auf die Leitstelle der Feuerwehr in Rockenhausen

aufgeschaltet wird. Zurzeit sind die Häuser noch

über die Notrufnummer im Bodelschwinghhaus II mit

der Feuerwehr verbunden. Corona bedingt haben sich

die Restarbeiten am technischen Brandschutz verzögert,

auch weil die Häuser für Externe geschlossen waren. Nur

dringend notwendige, betriebserhaltende Reparaturen

waren in dieser Zeit möglich. Da die Brandmeldeanlage

im Zuge des technischen Brandschutzes ein komplexes

Projekt ist, wurde dies getrennt vom baulichen Brandschutz

terminiert. Auch hier gilt Teamwork, so dass

jede Firma ihr jeweiliges Fachwissen einbringen kann.

So beauftragte man die Ludwigshafener Fachfirma

Ingenieurbüro Stümpert & Strunk für die Evakuierungspläne

und -konzepte, die im Rahmen der brandschutztechnischen

Stellungnahme für die Planung der

Flucht- und Rettungswegpläne verantwortlich

ist. Das Ingenieurbüro Jürgen Theuer mit Sitz

in Speyer betreut die Planung und Objektüberwachung

der Brandmeldeanlage und der Sicherheitsbeleuchtung.

Außerdem liegt es in der

Ausführung der Firma Hieronymus, Sicherheits-Systemhaus

aus Mainz, die technischen Geräte der Brandmeldeanlage

zu montieren. Die Firma Müller aus Nussbach

verlegt dafür die erforderlichen elektrischen Leitungen.

Arbeits- und Wohnsicherheit

Experten auf dem Gebiet „Brandschutz“ arbeiten auch

bei der Firma „FaMaCom“, die im Mai 2018 für vielfältige

Dienstleistungen rund um die Themen Arbeitssicherheit,

Gesundheits- und Brandschutz vom Evangelischen

Diakoniewerk beauftragt wurde. Das komplexe Aufgabengebiet

umfasst zahlreiche wichtige Punkte, zum Beispiel

die jährlichen Arbeitsschutz- und Brandschutzbegehungen

mit „FaMaCom“-Mitarbeitern unter der

Leitung von Monika Boeckmann, verantwortlich für

Arbeitssicherheit und Brandschutz. Auch die regelmäßigen

Mitarbeiterschulungen zur Arbeitssicherheit,

Schulung und Zertifizierung für

Brandschutzhelfer und Evakuierungshelfer,

Überprüfung und gegebenenfalls Aktualisierung

der Feuerwehrpläne sowie der Flucht- und

Rettungspläne obliegt den Mitarbeitern der

Firma „FaMaCom“ aus Spiesen-Elversberg, mit denen

Markus Helfrich als Koordinator für Brandschutz und

Denis Bäcker als Koordinator für Arbeitssicherheit im

regelmäßigen Kontakt stehen. Gemeinsam organisiert die

Firma „FaMaCom“ in allen Einrichtungen Evakuierungsübungen

und führt sie durch. Wenn notwendig, werden

die jeweiligen Evakuierungskonzepte beziehungsweise

Notfallpläne aktualisiert.

Bereits zweimal haben wir in Zoar-Magazinen

ausführlich über die Themen Arbeitssicherheit,

Gesundheitsschutz, Brandschutz berichtet –

mit zahlreichen Hintergrundinformationen und

Interviews. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können

dies gerne nachlesen; und zwar in folgenden

Zoar-Magazin-Ausgaben: 4/2018 und 3+4/2019.

Alexandra Koch

20 Zoar-Magazin 1 | 2020


Inklusion & Arbeit

Wege auf den allgemeinen Arbeitsmarkt

Sportlich ambitioniert und beruflich

voller Ehrgeiz

Schieba Nasiri (27) ist eine selbstbewusste, moderne,

junge Frau mit festen Vorstellungen von ihrem

Leben. Sie ist zielstrebig und ehrgeizig, wenn es darum

geht, einen Weg mit einem von ihr gesteckten Ziel zu

gehen und noch dazu erfolgreich dort anzukommen.

Schieba Nasiri mit ihren zwei

Special Olympics-Medaillen

(Gold und Silber), die sie 2019 im

Voltigier-Team in Hamm gewann.

Darauf ist sie sehr stolz.

So erhielt sie zum Beispiel im

Sommer 2019 ein Zertifikat

für ihren erfolgreichen

Abschluss des Zertifikatslehrgangs

„Fachhelfer/in in Sozialeinrichtungen

(IHK)“ (siehe dazu den Bericht im

Zoar-Magazin 2, 2019, auf den Seiten

49 bis 55; Anm. d. Red.). Auch von

Corona lässt sie sich nicht unterkriegen.

Schieba Nasiri, Mitarbeiterin

mit Beeinträchtigung der Zoar-Werkstätten

Heidesheim, ist nicht nur

beruflich gern aktiv, sondern auch

privat. Sie liebt Pferde und alles

rund um den Reitsport.

Das Voltigieren ist daher der ideale

Sport für sie; zumal dadurch der

Gleichgewichtssinn, die Motorik

und Beweglichkeit trainiert werden.

Beim Voltigieren werden der

Gleichgewichtssinn, die Motorik

und Beweglichkeit trainiert.

Es ist immer schön anzuschauen,

denn die Vorführungen werden so

präsentiert, dass sie unterhaltsam

sind. Choreographie, Musik,

Bewegungen und Kostüme

erzählen eine Geschichte.

Zoar-Magazin 1 | 2020

21


Inklusion & Arbeit

In dieser Sportart hat sie bei Special

Olympics schon insgesamt dreimal

Silber und zweimal Gold gewonnen.

Das regelmäßige Training bewirkt,

dass das Selbstvertrauen gestärkt

und das Körpergefühl geschult

werden“, erklärt Sigrid Wolf vom

Therapeutischen Pferdehof in

Wackernheim, wo rund 100 Klienten,

die regelmäßig zum Reiten und Voltigieren

kommen, „betreut“ werden.

Die Besitzerin gründete 2009

zusammen mit anderen den Verein

„Integratives Förderzentrum (IFZ)

Mensch und Pferd in Sport und

Therapie Rhein-Main“. Der Verein

fördert mit gut ausgebildeten

Therapiepferden das Wohlergehen

seiner Mitglieder. „Wir pflegen ein

ausgewogenes Miteinander von

Menschen mit und ohne Beeinträchtigung“,

sagt Sigrid Wolf über den

Pferdehof mit seiner rund 30-jährigen

Tradition. „Pferde haben eine enorme

Heilkraft. Der Umgang mit ihnen

macht ganz viel mit einem. Dies

erfährt jeder, der sich unvoreingenommen

auf die Tiere einlässt.“

Seit 2015 ist der Pferdehof an

seinem jetzigen Standort in

Wackernheim angesiedelt. Im Zoar-

Magazin 2, 2019, auf den Seiten 24

bis 31, finden Sie, liebe Leserinnen

und Leser, einen ausführlichen

Bericht über den Therapeutischen

Pferdehof in Wackernheim, in dem

auch die Menschen vorgestellt

werden, die dort arbeiten; ebenso

wie die Pferde und alle dort zu

verrichtenden Arbeiten.

Gold und Silber in 2019

„Als ich bei den Special Olympics

2019 in Hamm zwei Medaillen, Gold

und Silber, gewonnen habe, war ich

sehr glücklich und auch stolz auf

mich“, berichtet Schieba Nasiri aus

Gau-Bischofsheim. Das liegt nun

zwar schon eine Zeit lang zurück,

und dieses Jahr konnten aufgrund

der Corona-Krise gar kein Training

und keine Wettbewerbe stattfinden,

aber an die Großveranstaltung der

Special Olympics in Nordrhein-Westfalen

im Juni 2019 kann sich die

junge Frau, ebenso wie die anderen

Voltigierer aus ihrer Gruppe, noch

sehr gut erinnern. Dort holten sie

zuerst Mannschaftsgold (Filip Mohr,

Susanne Dietz, Marcel von Zwehl,

Julius Neufang, Lina Daniel, Julia

Reichert, Alexandra Beier und

Schieba Nasiri) und außerdem Gold

im Doppel (Lena Gresser, Julia

Reichert) sowie Silber im Doppel

(Alexandra Beier, Schieba Nasiri). Der

Medaillenregen für den Pferdehof

Wackernheim ging sogar noch

weiter: Gold im Einzel für Marcel

von Zwehl und Filip Mohr sowie

Silber im Einzel für Susanne Dietz,

die mit ihrer Elfen-Kür überzeugte.

Ein Teil der Vorführungen wird in

Special Olympics 2019 in

Hamm in Nordrhein-

Westfalen: große Freude

über das Mannschaftsgold

im Voltigier-Sport.

Verkleidung präsentiert, so dass

Choreographie, Musik, Bewegungen

und Kostüme eine ganz eigene

„runde“ Geschichte erzählen.

Schieba Nasiri zum Beispiel spielte

in ihrer Kür zusammen mit

Alexandra Beier die sagenumwobene

Geschichte um die Zauberkünste

von „Harry Potter“ nach und trat

entsprechend im weißen Hemd und

gestreifter Krawatte auf. Die Brille,

die sie ohnehin trägt, war natürlich

auch ein wichtiges Accessoire.

„Wir hatten an den drei Tagen in

Hamm so viel Spaß.“

Übungen und Figuren

auf dem Pferderücken

Großen Anteil am damaligen Erfolg

hatten natürlich auch die Vierbeiner

„Aragon“ und „Havanna“ vom Pferdehof

Wackernheim. Einmal in der

Woche, immer dienstags, trainiert

Schieba Nasiri dort. Das war

zumindest vor Corona so und wird,

22 Zoar-Magazin 1 | 2020


Inklusion & Arbeit

so hoffen alle, in baldiger Zukunft

wieder so sein. Ihre Voltigier-Gruppe

besteht mit Trainer aus insgesamt

acht Personen. „Wir verstehen uns

alle sehr gut und haben auch schon

viel gemeinsam erreicht“, sagt die

Pferdenärrin, deren absolutes Lieblingspferd

„Aragon“, ein 13-jähriges

Noriker Kaltblut, ist. Beide Pferde,

„Aragon“ und „Havanna“ haben sich

in ihrer ruhigen und zuverlässigen

Art mit den fließenden Bewegungen

und dem gleichmäßigen Schritt ideal

dem Voltigier-Sport angepasst.

Begeistert erzählt Schieba Nasiri, die

mit zwei älteren Schwestern aufgewachsen

ist, von den verschiedenen

Übungen und Figuren auf dem Rücken

der Pferde. Abgesehen davon, dass

es einen Grundsitz gibt, „machen

wir ganz viel auf dem Pferderücken,

zum Beispiel stehen, knien, Beine

und Arme ausstrecken, Doppelformationen

zeigen, bei denen sich

die eine über den Rücken der anderen

beugt und an den Schultern festhält,

um das Bein abzuspreizen“. In diesem

Jahr jedoch ist alles anders. Diese Art

Gruppentraining darf in Zeiten der

Corona-Pandemie nicht stattfinden.

Daher sind alle Voltigierer, ähnlich

wie andere Mannschaftssportler,

dieses Jahr nicht sonderlich gut

trainiert. „Ist aber nicht so schlimm“,

sagt Schieba Nasiri. „Wichtiger ist es,

gesund zu bleiben.“ Daher hält sie

sich strikt an die Regelvorgaben

bezüglich der Corona-Maßnahmen.

Corona und die Auswirkungen für Menschen mit Beeinträchtigungen

auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt

Schieba Nasiri war sehr stolz auf

ihren ausgelagerten Werkstatt-

Arbeitsplatz und darauf, eine

Festanstellung anzustreben. Ihren

Job in der Tagespflege „Vergiss

mein nicht“ des Caritas-Zentrums

„St. Alban“ in Bodenheim füllte sie

zuverlässig und erfolgreich aus –

drei Jahre lang. Dann kam Corona

und mit dem Virus weitreichende

Änderungen und Einschnitte für

uns alle. Da Schieba Nasiri als

Mensch mit Beeinträchtigungen

zu einer der Risikogruppen

gehört, endeten ihr Dienst und

ihre werktägliche, berufliche Aufgabe bereits Mitte März 2020. Im Zuge

des „Shutdowns“ wurde die Tagespflege-Einrichtung geschlossen. Sie

ist zwar mittlerweile wieder eingeschränkt geöffnet, aber Schieba Nasiri

befindet sich als Angehörige einer Risikogruppe noch immer zuhause

– im Schutz der eigenen vier Wände. „Aufgrund ihrer Vorerkrankungen

ist das auch notwendig“, sagt ihre Mutter Monika Müller im Telefoninterview.

„Gern würde sie dort wieder arbeiten. Sie vermisst die Kollegen

und Tagespflegegäste sehr. Aber momentan ist das unmöglich.“

In der ersten Zeit habe man viel zuhause gebastelt und die Wohnung

verschönert, so die Mutter. Auch das Treffen mit den Freundinnen ist

zu einem wichtigen Ritual geworden. Dann kam der Sommer. „Wir

gingen viel spazieren und unternahmen draußen kleinere Aktivitäten.

In Österreich haben wir zum Beispiel meine Schwester besucht. Man

kann da sehr schön wandern.“ Schieba Nasiri ist eine tapfere, junge

Frau, die noch viel vorhat. Jeder, der sie kennt, weiß, dass sie diese Zeit,

wie so viele andere auch, überstehen wird, um dann wieder ihrem

geliebten Sport und den beruflichen Zielen nachgehen zu können.

„Ich bin mir sicher, auch an diesen Erfahrungen gewachsen zu sein“,

sagt die 27-Jährige. Sie freue sich auf das bald beginnende neue Jahr.

Gesundes Selbstbewusstsein

Trotz der aktuellen Einschränkungen

bleibt der Gau-Bischofsheimerin die

Liebe zu den Pferden ungenommen.

Bereits mit neun Jahren begann sie

zu reiten. Gelernt hat sie es an einer

Leine, der sogenannten Longe, im

Schritt und ohne Sattel. „Longieren

ist das Laufenlassen eines Pferds auf

einer kreisförmigen Bahn, wobei es

vom Longen-Führer geführt wird.

Der steht beim Longieren in der

Mitte des Longier-Zirkels und hält

die Longe in der Hand, die in die Laufrichtung

des Pferdes weist“, so ist es

bei „Wikipedia“ nachzulesen. Schieba

Nasiri schmunzelt, wenn sie an so

manche frühere Begegnung mit den

Pferden auf dem Pferdehof denkt, wo

die Arbeit im Stall schon immer ganz

selbstverständlich dazugehörte.

„Wenn Aragon mit seinen weichen

Nüstern an mir schnuppert, ist das

toll. Aber er darf nicht zupfen und

knaffen. Das ist verboten. Da bin ich

streng“, sagt die junge Frau überzeugend.

„Dann sage ich ‚Lass das!‘, und

er hört auf. Pferde müssen Respekt

Zoar-Magazin 1 | 2020

23


Inklusion & Arbeit

vor dem Menschen haben; genauso

aber sollte auch der Mensch Respekt

vor dem Pferd haben.“ Die Arbeiten

im Stall, wie zum Beispiel ausmisten

und füttern, verrichtet Schieba Nasiri

nicht unbedingt gern, aber sie weiß,

dass es zur Tierpflege untrennbar

dazugehört; genauso wie striegeln,

Mähne und Schweif kämmen, Hufe

auskratzen sowie zur Gesunderhaltung

der Tiere beitragen. „Den Tieren

darf man nicht mit Angst begegnen,

aber auch nicht zu herrisch. Ein

gesundes Selbstbewusstsein ist

angebracht, was man im Umgang

mit Pferden ganz gut lernen kann“,

so Pferdehof-Besitzerin Sigrid Wolf.

Vor, während und nach Corona

Doch nicht nur beim Hobby hat

Schieba Nasiri schon viel fürs Leben

gelernt, sondern auch bei ihrer

Ausbildung und fachlichen Praktikas.

So arbeitete die junge Frau, die

Beschäftigte der Zoar-Werkstätten

Heidesheim ist, vor Ausbruch der

Corona-Krise zum Beispiel in der

Tagespflege „Vergiss mein nicht“ des

Caritas-Zentrums „St. Alban“ in

Bodenheim, und zwar rund drei Jahre

im Bereich der Hauswirtschaft. Im

Rahmen ihrer abwechslungsreichen

Aufgaben hatte sie dort auch regelmäßig

Kontakt zu den älteren Tagespflegegästen,

die die junge Frau fest

ins Herz geschlossen hatten. „Wenn

ich morgens kam, habe ich zuerst

geholfen, Frühstück zu machen.

Dann habe ich den Tisch für die

Tagespflegegäste gedeckt, die kurz

darauf gebracht wurden. Wenn wir

fertig gefrühstückt hatten, habe ich

den Tisch wieder abgeräumt“,

beschreibt Schieba Nasiri ihren

Arbeitsalltag vor Corona (unser Interview

fand Mitte Februar 2020 statt;

Anm. d. Red.). Während der Corona-

Krise hat die Werkstatt-Beschäftigte

als Zugehörige einer Risikogruppe

Schieba Nasiris berufliche Pläne

Im Sommer 2019 erhielt Schieba Nasiri die besten Wünsche für ihren

bestandenen Abschluss des Zertifikatslehrgangs Fachhelfer/in in Sozialeinrichtungen

(IHK). Das war ein großer Tag mit feierlicher IHK-Zertifikatsvergabe

an sechs glückliche Absolventen, unter anderem sie. Die damalige

Feier fand in Wasems Kloster Engelthal in Ingelheim statt. Für Schieba Nasiri

hat sich damit ein Traum erfüllt. Sie wünschte sich sehr, einen Beruf zu erlernen

und im Bereich der Altenhilfe arbeiten zu können. Ihre Mutter erfuhr

damals von dem Qualifizierungsangebot der Zoar-Werkstätten Heidesheim

und meldete ihre Tochter auf deren Wunsch an. Schieba Nasiri wechselte

zum 1. November 2018 von einem anderen Träger zu den Zoar-Werkstätten

Heidesheim und wurde gleich im Anschluss Teilnehmerin der Qualifizierungsmaßnahme

„Fachhelfer/in in Sozialeinrichtungen“.

Das berufliche Bildungsangebot Fachhelfer/in

in Sozialeinrichtungen (IHK) umfasste 128 Unterrichtseinheiten.

Das Angebot mit verschiedenen

Lernmodulen ist individuell angepasst und eingebettet

in eine bis zu 27-monatige Praxisphase

in einem Partnerbetrieb des regionalen, allgemeinen

Arbeitsmarkts. Der Berufsbildungsund

Integrationsservice (BIS) am Zoar-Standort

Ingelheim plant, gestaltet und organisiert

diese Weiterqualifizierung in Kooperation

mit der Industrie- und Handelskammer (IHK)

für Rheinhessen.

Ein Praktikum machte Schieba Nasiri in

der Tagespflege des Caritaszentrums

„St. Alban“ in Bodenheim, wo sie im Bereich

der Hauswirtschaft arbeitete; werktäglich

fünf Stunden von 8.30 bis 14.00 Uhr. An diesen

Wochentagen kamen durchschnittlich 15 Personen, die nachmittags um

16.00 Uhr wieder abgeholt wurden. Während der Corona-Pandemie war

die Tagespflege jedoch monatelang geschlossen. Nun hat sie zwar wieder

geöffnet, aber nur für eine stark eingeschränkte Personenzahl.

Guter Draht zu Menschen mit Demenz

Schieba Nasiris Arbeitsplan umfasste vorwiegend Arbeiten, die sie ohne

fremde Hilfe bewältigen konnte. „Denn sie arbeitet auch gern für sich allein

und plant und organisiert die Abläufe selbst“, berichtete Nicole Knobloch

vom Zoar − Berufsbildungs- und Integrationsservice im Interview. „Tätigkeiten,

die ihr gefallen, sind zum Beispiel Schränke auswischen, Servietten

falten, Nachtisch zubereiten und in Gläser füllen. Bei solchen Aufgaben

steht der Rahmen schon, und sie entscheidet dann selbst, wie und in

welcher Reihenfolge sie ihn ausfüllt.“

24 Zoar-Magazin 1 | 2020


Inklusion & Arbeit

Schieba Nasiri mit

Roland Seher, Gast der

Tagespflege des Caritaszentrums

„St. Alban“ in

Bodenheim, wo die junge

Frau ein Praktikum im

Bereich der Hauswirtschaft

absolvierte.

Schieba Nasiri (links) und Nicole Knobloch vom

Zoar − Berufsbildungs- und Integrationsservice

(BIS) der Zoar-Werkstätten Heidesheim

Mit dem Mixgerät leckere

Desserts zaubern – das

ist genau ihr Ding!

Schieba Nasiri hatte beim

Praktikum einige Lieblingstätigkeiten,

unter anderem

Nachtisch zubereiten und

in Gläser füllen.

Schieba Nasiri hat einen besonders guten Draht zu dementen Menschen,

was ihr im Rahmen ihrer Tätigkeit in der Tagespflege „Vergiss mein nicht“

sehr hilfreich war. Sie bezieht Menschen mit dementiellen Erkrankungen

ganz selbstverständlich mit ein und kümmert sich sogar erfolgreich um

Menschen mit Weglauftendenzen. Auch an Dienstbesprechungen nahm

Schieba Nasiri in der Zeit ihres Praktikums teil. Ihr Ziel ist es, nach der

Corona-Pandemie wieder im Bereich der Altenhilfe arbeiten zu können,

denn der enge Bezug zu älteren Menschen, die Unterstützung benötigen,

liegt ihr ungemein.

Beim Praktikum im Caritaszentrums

„St. Alban“ in Bodenheim hatte

Schieba Nasiri vielfältige Aufgaben.

Dazu gehörten zum Beispiel das

Tischdecken und Abräumen.

lange Zeit nicht gearbeitet, sondern

sich in ihrem Zuhause bei ihren

Eltern in Gau-Bischofsheim aufgehalten

– bis heute.

Geduldig, fleißig

und aufmerksam

„Die Arbeit und die Menschen dort

vermisse ich sehr“, sagt sie. Denn,

wenn man sich fast jeden Tag sieht,

gewöhnt man sich schnell aneinander.

Und für Schieba Nasiri war es

eine wichtige Aufgabe, die ihr liegt:

älteren Menschen behilflich sein, sie

morgens vom Bus abholen, mit dem

sie gebracht werden, und sie in den

Gemeinschaftsraum begleiten. Auch

beim Essen Richten war die junge

Frau eine echte Unterstützung.

Besonders gern füllte sie zum

Beispiel Nachtisch in die Dessert-

Gläser; nicht, ohne den Pudding

wenigstens mal kurz probiert zu

haben. „Die gleichmäßige Füllung

der Gläser ist wichtig, damit es

beim Mittagessen der Gäste gerecht

zugeht“, sagt sie. Die Menschen

aus der „Vergiss mein nicht“-Tagespflegegruppe

mögen die junge Frau

auch vor allem für ihren Humor und

die lustige und offene Art. Wenn sie

was macht, macht sie es richtig –

stets gewissenhaft und sorgfältig.

„Wenn Schieba den Tisch deckt, dann

fehlt es an nichts“, so der Tenor aus

der Belegschaft. Von allen Seiten

wird ihr ein toller Umgang mit den

älteren Menschen bestätigt.

Schieba Nasiri ist geduldig, fleißig

und aufmerksam.

Alexandra Koch

Zoar-Magazin 1 | 2020

25


Inklusion & Arbeit

Schieba Nasiri und ihr Ehr-Geiz im Sport und Beruf

Schieba Nasiri ist 27 Jahre alt. Sie ist eine selbst-bewusste, moderne,

junge Frau mit festen Vorstellungen von ihrem Leben. Im Sommer 2019

erhielt sie ein Zertifikat für ihren erfolgreichen Abschluss des Lehrgangs

„Fach-Helfer in Sozial-Einrichtungen (IHK)“. Auch von Corona lässt sie sich

nicht unterkriegen. Schieba Nasiri, Mitarbeiterin mit Beeinträchtigung

der Zoar-Werk-Stätten Heidesheim, ist nicht nur beruflich gern aktiv,

sondern auch privat. Sie liebt Pferde und alles rund um den Reit-Sport.

Gold und Silber in 2019

Voltigieren ist daher der ideale Sport für sie. In dieser Sport-Art hat

Schieba Nasiri bei Special Olympics schon insgesamt dreimal Silber und

zweimal Gold gewonnen. „Pferde haben eine enorme Heil-Kraft“, sagt

Sigrid Wolf vom Therapeutischen Pferde-Hof in Wackernheim, wo

Schieba Nasiri reitet. „Als ich bei den Special Olympics 2019 in Hammzwei

Medaillen, Gold und Silber, gewonnen habe, war ich sehr glücklich

und auch stolz auf mich“, berichtet Schieba Nasiri aus Gau-Bischofsheim.

Das liegt nun schon eine Zeit lang zurück. Dieses Jahr konnten aufgrund

der Corona-Krise gar kein Training und keine Wett-Bewerbe stattfinden.

Dafür gab es 2019 gleich zwei Medaillen. Mannschafts-Gold für Filip

Mohr, Susanne Dietz, Marcel von Zwehl, Julius Neufang, Lina Daniel,

Julia Reichert, Alexandra Beier und Schieba Nasiri sowie Silber im

Doppel für Alexandra Beier und Schieba Nasiri.

Übungen und Figuren auf dem Pferde-Rücken

Anteil am Erfolg hatten auch die Pferde „Aragon“ und „Havanna“ vom

Pferde-Hof Wackernheim. Einmal in der Woche, immer dienstags,

trainiert Schieba Nasiri dort. Das war zumindest vor Corona so und wird,

26 Zoar-Magazin 1 | 2020


Inklusion & Arbeit

so hoffen alle, in baldiger Zukunft wieder so sein. Ihre Voltigier-Gruppe

besteht mit Trainer aus insgesamt acht Personen. „Wir verstehen uns alle

sehr gut und haben auch schon viel gemeinsam erreicht“, sagt Schieba Nasiri.

Sie erzählt auch von den verschiedenen Übungen und Figuren auf dem Rücken

der Pferde, zum Beispiel stehen, knien, Beine und Arme ausstrecken, Doppel-

Formationen zeigen, bei denen sich die eine über den Rücken der anderen

beugt und an den Schultern festhält, um das Bein abzuspreizen. Schieba

Nasiri begann bereits mit neun Jahren zu reiten. Gelernt hat sie es an einer

Leine, der sogenannten Longe, im Schritt und ohne Sattel. Die Arbeiten im

Stall, wie zum Beispiel ausmisten und füttern, macht sie nicht unbedingt

gern, aber sie weiß, dass es zur Tier-Pflege dazugehört; genauso wie striegeln,

Mähne und Schweif kämmen sowie Hufe auskratzen.

Vor, während und nach Corona

Doch nicht nur beim Hobby hat Schieba Nasiri schon viel fürs Leben gelernt,

sondern auch bei ihrer Ausbildung und im Praktikum. Vor Ausbruch der Corona-

Krise arbeitete sie in der Haus-Wirtschaft der Tages-Pflege „Vergiss mein

nicht“, Caritas-Zentrum „St. Alban“ in Bodenheim. Dort hatte sie auch

regelmäßig Kontakt zu den älteren Tages-Pflege-Gästen, die die junge Frau

fest ins Herz geschlossen haben. Während der Corona-Krise hat sie, weil sie

zu einer Risiko-Gruppe gehört, lange Zeit nicht gearbeitet, sondern sich in

ihrem Zuhause bei ihren Eltern aufgehalten – bis heute. „Die Arbeit und die

Menschen in der Tages-Pflege vermisse ich sehr“, sagt sie. Für Schieba Nasiri

war es eine wichtige Aufgabe, die ihr liegt: älteren Menschen behilflich sein,

sie morgens vom Bus abholen, mit dem sie gebracht werden, und sie in den

Gemeinschafts-Raum begleiten, kurze Gespräche führen, Essen richten, Tisch

decken und Dessert-Gläser füllen. Die junge Frau machte all das und noch

mehr. Schieba Nasiri ist geduldig, fleißig und aufmerksam. Ihr Ziel ist es, nach

der Corona-Krise wieder im Bereich der Alten-Hilfe zu arbeiten. Der enge

Bezug zu älteren Menschen, die Unterstützung brauchen, gefällt ihr.

Zoar-Magazin 1 | 2020

27


Altenhilfe

Zoar – Wohnen am Betzenberg in Kaiserslautern

Der Neubau schreitet voran

Im Juli 2020 war die Grundsteinlegung für

das Bauprojekt Zoar − Wohnen am Betzenberg

in Kaiserslautern, das mit Bauherr und Investor

Hans Sachs und seiner Firma Sachs Real Estate GmbH

umgesetzt wird. Im St.-Quentin-Ring auf dem Betzenberg

in Kaiserslautern entsteht eine neue Zoar-Einrichtung,

die im Herbst 2021 bezugsfertig sein soll.

Saxophonspieler

Helmut Engelhardt

unterhielt die Gäste.

Zoar-Direktorin Martina Leib-Herr

und Bauherr und Investor Hans Sachs

stehen bereit für die Grundsteinlegung.

28 Zoar-Magazin 1 | 2020


Altenhilfe

Zoar-Direktorin

Martina Leib-Herr

bei ihrer Ansprache

Beate Kimmel, Bürgermeisterin

von Kaiserslautern

Landesdiakoniepfarrer

Albrecht Bähr

Geplant sind 80 vollstationäre Plätze (Betten) auf den Etagen eins

und zwei, wovon ein Platz kontinuierlich als Kriseninterventionszimmer

zur Verfügung stehen wird; des Weiteren 42 Appartements

für Service-Wohnen auf den Etagen drei und vier, im Dachgeschoss vier

Penthouse-Wohnungen zur freien Vermietung sowie ein von allen Parteien

nutzbarer Dachgarten, Büroflächen sowie eine Tagespflege, Friseursalon,

Physiotherapie-Praxis, Café und Andachtsraum im Erdgeschoss.

Bei der feierlichen Grundsteinlegung wurde eine Edelstahl-Kapsel mit Gravur

im Deckel (Logos, Anlass, Datum) und vielen schönen Erinnerungen an dieses

Ereignis eingemauert. Zoar-Direktorin Martina Leib-Herr und Hans Sachs

(siehe das Interview im Anschluss; Anm. d. Red.) begrüßten im Rahmen ihrer

jeweiligen Ansprache die Gäste auf der Terrasse des „Best Western“-Hotels.

Grußworte sprachen Beate Kimmel, Bürgermeisterin von Kaiserslautern, und

Landesdiakoniepfarrer Albrecht Bähr. Zoar-Pfarrer Jochen Walker sagte ebenfalls

Grüße und sprach dem Bauprojekt sowie der späteren Gebäudenutzung

seinen Segen aus. Zur musikalischen Begleitung spielte Helmut Engelhardt

aus Kaiserslautern auf dem Saxophon.

Vorfreude auf die Inbetriebnahme des neuen Gebäudes

Nach der Fertigstellung des neuen Hauses im dritten Quartal 2021 werden

die Bewohner des Zoar – Bürgerhospitals in der Mennonitenstraße in Kaiserslautern

umziehen. Das dortige Gebäude ist in die Jahre gekommen und

entspricht nicht mehr den heutigen Standards. Die Freude über den Umzug in

das neue Gebäude ist schon jetzt groß. „Unser Haus in der Mennonitenstraße

ist nicht mehr zeitgemäß“, berichtet Einrichtungsleiterin Elke Bäcker (siehe

das Interview im Anschluss; Anm. d. Red.). „Und da die Bewohner bei uns an

erster Stelle stehen, möchten wir ihnen natürlich ein ansprechendes und

komfortables Ambiente bieten.“ Bezüglich der Effizienz wird es selbstverständlich

auch für die Mitarbeiter ein Gewinn sein, denn die Laufwege

werden sich verkürzen. Das hängt mit der neuen Raumplanung zusammen.

Das wiederum kommt auch den Bewohnern zugute, die auf den Wegen durch

das Haus zum Teil begleitet werden müssen. „Und so wird es eine Erleichterung

für uns alle sein, für Bewohner und Pflegekräfte“, sagt Elke Bäcker.

Möge das Bauprojekt, wie geplant, gelingen und sich fortschreitend durch

einen guten Verlauf auszeichnen. Bezüglich des weiteren Baufortschritts

werden wir an dieser Stelle in einer der nächsten Ausgaben über das

Richtfest berichten.

Zoar-Pfarrer Jochen Walker bei

seinem Grußwort und Segen

Zoar-Magazin 1 | 2020

29


Altenhilfe

Die Grundsteinhülse beziehungsweise Zeitkapsel

wurde mit vielen schönen Erinnerungen an

dieses Ereignis befüllt.

Lesen Sie hier

das Interview mit

Einrichtungsleiterin

Elke Bäcker.

Was ist momentan die größte Herausforderung?

Die Zoar aktuell,

Ausgabe Juli 2020,

bekam ihren Platz

in der Zeitkapsel.

Einrichtungsleiterin Elke Bäcker:

Aktuell ist es eine große Herausforderung zu überlegen

und zu prüfen, was wir aus unserer Einrichtung in der

Mennonitenstraße mitnehmen können und was nicht.

Das betrifft nicht nur die Bewohnerzimmer, sondern

auch Küche, Verwaltung, Haustechnik. Was ist brauchbar

und was nicht? Daraus ergibt sich die Beantwortung der

Frage, was wir bis zum Umzug in das neue Gebäude auf

dem Betzenberg noch anschaffen müssen. In der aktuellen

Pandemie sind Zeitressourcen knapp und die

Monate bis zum Umzug vergehen schnell, daher sind

eine gute Organisation und Terminplanung sehr wichtig.

Sprechen wir über die Bewohner, sind wir bezüglich der

Planungen sicher, dass wir bei Einzug in das neue Haus

„Wohnen am Betzenberg“ mit einem vollbelegten Haus

rechnen können. Da wir hier in der Mennonitenstraße 88

vollstationäre Plätze haben, wird dieser zahlenmäßige

„Puffer“ vorteilhaft sein und voraussichtlich dazu führen,

dass wir im vollstationären Bereich nach dem Umzug

von Anfang an vollbelegt sein werden. Unseren jetzigen

Bewohnern, Betreuern und Bevollmächtigten wird das

Angebot zum Umzug unterbreitet, ob sie dieses

annehmen, ist deren freiwillige Entscheidung. Für die

Vermietung der Appartements und der Penthouse-

Wohnungen liegen bereits Anfragen vor. Wir wissen,

dass Bedarf an bezahlbaren, barrierearmen Wohnungen

besteht und sind auch hier guter Dinge, dass sie zum

größten Teil bis zur Inbetriebnahme des Gebäudes

vermietet sein werden.

Die Kapsel mit Gravur wurde von Martina Leib-Herr und

Hans Sachs eingemauert; im Anschluss halfen noch viele

Ehrengäste mit.

30 Zoar-Magazin 1 | 2020


Altenhilfe

Sind Sie in die Planungen und die einzelnen

Entwicklungsschritte involviert?

Einrichtungsleiterin Elke Bäcker:

Ja. Von Anfang an war ich mit dabei. Wir treffen uns seit

2018 regelmäßig in der Arbeitsgruppe. Seit dem

Ausbruch der Corona-Pandemie machen wir auch viel

digital und übers Telefon. Ab Mitte 2019 ist Herr Sachs

(Hans Sachs, Investor; Anm. d. Red.) dazu gestoßen. Mit

ihm haben wir aus unserer Praxissicht viel über Raumplanung

und Ausstattung gesprochen. In der aktuellen

Bauphase bekomme ich von Herrn Ogonowski (Leiter der

Zentralen Dienste; Anm. d. Red.) regelmäßig die Baufortschritte

mitgeteilt.

Auch hier im Haus hatten wir in der Planungsvorbereitung

eine Arbeitsgruppe aus Mitarbeitern der einzelnen

Bereiche des Bürgerhospitals. Dazu gehörten zusammen

mit mir circa zwölf Mitarbeiter. Wir haben uns mit

folgenden Fragen beschäftigt: Wie soll unsere Konzeption

aussehen? Welche Räumlichkeiten brauchen wir

wo? Außerdem haben wir eine Liste erarbeitet; was

benötigen wir unbedingt? Was wäre hilfreich? Und was

würden wir uns mit unserem Praxiswissen für die Bewältigung

des Arbeitsalltags wünschen? Alle unsere

Empfehlungen haben wir schriftlich festgehalten, zum

Beispiel unser Hinweis, die Laufwege zu verkürzen. Des

Weiteren haben wir darauf hingewiesen, dass es sehr

wichtig ist, dass alles, was im Wohnbereich an Materialien

benötigt wird, auch entsprechend dort gelagert

wird; also auf einer Etage. Mit Blick auf das Zeitmanagement

ist das von großem Vorteil.

Auch für unsere Bewohner, die immer an erster Stelle

stehen, wird der Umzug vorteilhaft sein. Die Ausstattung

im hiesigen Bürgerhospital ist nicht mehr zeitgemäß.

Stellenweise haben wir aufgrund der Räumlichkeiten

Probleme bei der Belegung. Hier im Bürgerhospital gibt

es zum Beispiel noch viele Doppelzimmer. Daher ist der

moderne Neubau für uns so wichtig. Der Investor, Herr

Sachs, hat sich von Anfang an für unsere Belange interessiert.

Da es für ihn das erste Projekt einer Sozialeinrichtung

ist, die von seiner Firma federführend geplant und

umgesetzt wird, hat er auch an uns viele Fragen und

nimmt praxisbezogene Hinweise gerne an. Beim Bau

einer Sozialeinrichtung müssen bestimmte Vorgaben

erfüllt sein. Das ist gesetzlich geregelt (Landesgesetz

über Wohnformen und Teilhabe (LWTG); Anm. d. Red.)

und wird auch geprüft (Beratungs- und Prüfbehörde;

Anm. d. Red.). Solche Vorgaben beziehen sich unter

anderem auf die Größe der Bewohnerzimmer, barrierefreie

Räume mit dem notwendigen Wendekreis und

barrierefreie Zugänge sowie Brandschutz.

Freuen Sie sich auf den Umzug?

Einrichtungsleiterin Elke Bäcker:

Natürlich. Aber wie! Unseren Bewohnern wird das eine

bessere Wohnqualität bieten, auch bezüglich des Raumklimas.

Im neuen Gebäude hat jeder Bewohner, der das

möchte, einen Raum für sich und kann sich bei Bedarf

zurückziehen. Die älteren Menschen kommen leichter in

ihre jeweiligen Bäder, die zu den Einzelzimmern gehören.

Außerdem können sie sich noch individueller einrichten,

als bislang möglich. Es wird in unserem neuen Alten- und

Pflegeheim vier Doppelzimmer und zwei Tandemzimmer

mit jeweils einem gemeinsamen Bad geben. Diese Räume

sind unter anderem für Paare sowie für Menschen

gedacht, die bereits im Bürgerhospital zusammen auf

einem Zimmer gewohnt haben, sich bestens ergänzen

und sich aneinander gewöhnt haben. Vieles wird praktikabler

und einfacher werden. So wird zum Beispiel jede

Wohngruppe auf den einzelnen Etagen ihren eigenen

Speiseraum haben. Wir fiebern dem Umzug deshalb

entgegen, weil es eine Erleichterung für uns alle sein

wird. Das sind sehr gute Aussichten und motiviert auch

unsere Mitarbeiter, die sich alle freuen, dieses Umzugsprojekt

begleiten zu dürfen.

Wie hat man sich den Umzug vorzustellen?

Wie wird das zu bewältigen sein?

Einrichtungsleiterin Elke Bäcker:

Das ist auf jeden Fall eine große organisatorische

Herausforderung. Wir hoffen dabei auf Erfahrungswerte

von Mitarbeitern, die derartige Umzüge innerbetrieblich

bereits begleitet haben, auch mit älteren Menschen.

Diese Arbeit kann nur im Team und mit einem Projektplan

„Umzug“ gestemmt werden. Viele Abteilungen

werden großen Anteil an der erfolgreichen Durchführung

haben, wie zum Beispiel unsere Hauswirtschaft mit

Unterstützung von Frau Rose (Susanne Rose, Leitung

Hauswirtschaft Altenhilfe; Anm. d. Red.) und die Haustechnik

(Uwe Dengel, Hausmeister; Anm. d. Red.),

außerdem natürlich die Zentralen Dienste und die IT.

Aktiv beteiligt sein werden Mitarbeiter und andere Helfer,

Zoar-Magazin 1 | 2020

31


Altenhilfe

Einrichtungsleiterin Elke Bäcker:

Die Arbeit in der Pflege bleibt gleich. Unsere Konzeption

ist die Grundlage für die zukünftige Arbeit im neuen

Haus. Die organisatorischen Abläufe werden sich verbessern.

Die Zusammensetzung der Teams wird sich etwas

ändern, weil die Wohngruppen im neuen Gebäude gleich

groß sind; und nicht, wie hier in der Mennonitenstraße,

ein kleiner Wohnbereich und ein großer Wohnbereich,

der sich über mehrere Ebenen erstreckt. Die Anzahl der

Bewohner mit ihren Pflegegraden bestimmt die Verteilung

der Mitarbeiter. Da hier viele schon seit Jahrzehnten

kollegial zusammenarbeiten, könnte die Gruppenneuzusammensetzung

schwierig werden, was jedoch sicher

durch die besseren Arbeitsbedingungen im neuen Haus

ausgeglichen wird. Für die Mitarbeiter gibt es im Erdgeschoss

einen eigenen Bereich: Umkleideräume mit

Dusche, Aufenthaltsbereich, Ruhezimmer, um sich in den

Pausen aus dem unmittelbaren Geschehen herausziehen

zu können.

Melanie Jungmann und David

Laessing sind nur zwei von vielen

Mitarbeitern des Zoar – Bürgerhospitals

Kaiserslautern, die sich

sehr freuen über den Umzug in

das neue Gebäude. Im Haus in

der Mennonitenstraße haben sie

sich beim Arbeitsalltag eine Weile

zuschauen lassen.

zum Beispiel weitere Mitarbeiter des Bürgerhospitals

und der Rockenhausener Beschäftigungsgesellschaft

(RBG) sowie gegebenenfalls externe Helfer, die beim

Umzug benötigt werden. Der Arbeitsumfang hängt auch

davon ab, wie viel Inventar im Neubau am Betzenberg

schon vorhanden sein beziehungsweise neu gekauft und

direkt dorthin geliefert wird. In den Wochen davor, wenn

die ganzen Anschlüsse für Wasser, Strom und die

Computer gesetzt werden, ist es natürlich wichtig, regelmäßig

vor Ort zu sein. Wir sind in der Mennonitenstraße

schon dabei, auszusortieren und über den Sperrmüll zu

entsorgen. Wenn es dann soweit ist, und wir umziehen,

dann übergeben wir dieses Gebäude besenrein an die

Stadt Kaiserslautern. Alles, was nicht fest eingebaut ist,

muss von uns herausgeräumt werden.

Wird die Arbeit im neuen Haus der im alten Haus ähneln?

Geplant ist das neue Gebäude so, dass zwei nebeneinanderliegende

Eingänge zum einen für die Bewohner der

stationären Bereiche und zum anderen für die Mieter der

Wohnungen vorhanden sind. Hinter den getrennten

Haupteingängen sind jedoch vielerlei Angebote

gemeinsam nutzbar. Empfangen wird man zum Beispiel

von einer öffentlichen Cafeteria, die den Gästen eine

schöne, große Außenterrasse bietet. Im Eingangsbereich

des mehrstöckigen Gebäudes ist zudem der Empfang zu

finden. Das ist ein bisschen so wie die Rezeption in

einem Hotel. Außerdem werden im Erdgeschoss noch

eine Tagespflege, ein Friseursalon, eine Physiotherapie-

Praxis und der Mitarbeiterbereich zu finden sein.

Was ist Ihre persönliche Meinung zum Projekt

„Wohnen am Betzenberg“?

Einrichtungsleiterin Elke Bäcker:

Ich finde es gut und notwendig. Es ist eine sehr schöne

Aufgabe, dieses Projekt begleiten zu dürfen. Die Gewissheit,

unseren Kunden damit etwas Gutes zu tun, beflügelt

mich sehr. Unser ganzes Team steckt da voller Herzblut

drin. Die Vorfreude ist groß. Durch die kürzeren Laufwege

wird die Arbeit im neuen Haus effizienter ablaufen. Ich

denke auch, dass es weniger unruhig sein wird, da nicht so

viel hin- und hergelaufen werden muss. Unsere Mitarbeiter

werden aufgrund der besseren Ausstattung zufriedener

sein, denn es wird ihre Arbeit erleichtern. Und auch

für die Bewohner gibt es vermehrt Annehmlichkeiten. Sie

können sich zum Beispiel mit ihren Angehörigen in der

Cafeteria im Erdgeschoss treffen und dort entweder

drinnen oder draußen sitzen. Sie können ohne weite Wege

im selben Gebäude zum Friseur und zur Physiotherapie

gehen. Auch die Dachterrasse kann von allen Bewohnern

genutzt werden. Von dort kann der herrliche Ausblick auf

die Stadt Kaiserslautern genossen werden.

Das Interview mit Elke Bäcker führte Alexandra Koch.

32 Zoar-Magazin 1 | 2020


Altenhilfe

Lesen Sie hier das Interview

mit Bauherr und Investor Hans Sachs,

Gesellschafter und Geschäftsführer

der Firma Sachs Real Estate GmbH.

Warum investieren Sie in dieses Projekt?

Hans Sachs:

Mit diesem Bauprojekt schließen wir eine Lücke. Es ist

aber nicht nur eine Baulücke, die wir schließen, sondern

eine Lücke innerhalb der Entwicklung eines ganzen Viertels,

das früher einmal ein Leuchtturm-Areal war. Im

„Dorint“-Hotel sind Prominente abgestiegen, und das

Wohnviertel war geprägt durch ein gut situiertes

Bürgertum, eine bürgerliche Mitte. Mittlerweile hat hier

jedoch ein Strukturwandel eingesetzt, und es drohte vor

einigen Jahren ein partielles Abdriften des Viertels in

eine untere soziale Schicht.

Mit dem Erwerb des ehemaligen renovierungsbedürftigen

„Dorint“-Hotels und dessen umfassender Renovierung

in ein schickes „Best Western“-Hotel mit guten

Auslastungszahlen sowie dem nun folgenden Erweiterungsbau

mit dem Zoar-Seniorenheim, wird über den

Zuzug und die damit verbundene Belebung des Areals

mit Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten das

Gebiet wieder urban und damit sozial eine Balance

hergestellt. Urbanität entsteht, sozioökonomisch

gesprochen, wenn an einem Platz oder in einem Gebiet

alle sozialen Schichten abgebildet sind: schwarz/weiß,

arm/reich, jung/alt.

In diesem Kontext ist mir wichtig, dass ein guter

Austausch erfolgt und nicht eine soziale Schicht das ganze

Gebiet determiniert. Wir möchten das Quartier neu

beleben, so dass es wie früher ein attraktives Wohngebiet

bleibt. Mit diesem Bauprojekt, maßgeschneidert für Zoar,

haben wir für beide Seiten eine Win-Win-Situation

geschaffen. Mit Blick auf die vorhandene Infrastruktur, die

lange Jahre brachlag, können wir sagen, dass wir nicht nur

die bauliche Lücke schließen, sondern auch eine inhalt-

liche. Zoar ist hierbei ein idealer Partner bei der Belebung

des Quartiers. Ein wichtiger Eckpfeiler für die zukünftige

Struktur des Wohngebiets.

Hat Corona in diesem Zusammenhang

zu Verzögerungen geführt?

Hans Sachs:

Bisher hat Corona zu keinen Verzögerungen geführt.

Das Ganze steht und fällt mit einem guten Projektmanagement.

Denn es ist ja nicht damit getan, dass

man ein Grundstück kauft, ein Gebäude errichtet und

die Aufträge vergibt. Man muss immer auf Anomalien

vorbereitet sein; gerade bei Projekten dieser Größenordnungen,

die sich in der Fertigstellung über Jahre

erstrecken. Im Rahmen unseres Projektmanagements

schauen wir, wo die möglichen Risiken liegen, und die

werden dann zuerst angepackt. Mit Beginn der Corona-

Pandemie im März haben wir mit dem zuständigen

Bauunternehmer bereits über dieses Thema gesprochen.

In diesem Zusammenhang wurden Passagen in den

Vertrag aufgenommen, die ihn bezüglich des Umgangs

mit der Corona-Pandemie dynamisch halten, sodass das

Vertragswerk im Bedarfsfall angepasst werden kann.

Die zurzeit rund fünfzig Mitarbeiter an der Baustelle

des neuen Gebäudes „Wohnen am Betzenberg“, die

zum größten Teil zu Subunternehmen aus europäischen

Ländern gehören, sind alle gemäß der 12. Corona-

Bekämpfungsverordnung Rheinland-Pfalz erfasst.

Wir setzen Fieberpistolen zur Körpertemperaturmessung

ein und planen eine Zugangsschleuse zur Baustelle,

damit die vollständige Kontakterfassung gewährleistet

bleibt. Im Inneren des Gebäudes sollte nach Möglichkeit

Mund-Nasen-Schutz getragen werden, bei Arbeiten

Zoar-Magazin 1 | 2020

33


Altenhilfe

Am richtigen Platz:

Betonring mit der

eingemauerten

Zeitkapsel auf

dem Boden der

Tiefgarage

im Freien nicht zwingend. Aktuell sind wir dabei,

Ausweise zu erstellen. Diese personalisierten Ausweise

erhalten alle Mitarbeiter auf der Baustelle. Damit sollen

die Angaben bei der Kontakterfassung geprüft werden.

Wir haben auch im weiteren Verlauf der Baumaßnahme

einen Wachdienst vor Ort, der täglich Stichproben und

Ausweiskontrollen/Kontakterfassung durchführt. Für

uns ist die Corona-Pandemie im Moment jedenfalls keine

große Behinderung. Eine Behinderung würde es sein,

wenn wir tatsächlich einen Krankheitsfall hätten, und die

Baustelle eingestellt werden müsste. Dem müssen wir mit

geeigneten Maßnahmen vorbeugen.

Mit Blick auf die Zielgerade – was ist im Moment

für Sie der größte Ansporn bezüglich der Übergabe

und Eröffnung des Gebäudes?

Hans Sachs:

Ich möchte das Gebäude Zoar so zur Verfügung stellen,

wie Zoar sich das Gebäude im Rahmen unserer Vereinbarungen

vorstellt und damit die guten Voraussetzungen

für einen Umzug von der Mennonitenstraße auf

den Betzenberg schaffen.

Der Rohbau im St.-Quentin-

Ring auf dem Betzenberg in

Kaiserslautern schreitet

voran. Circa alle vier Wochen

wird eine Geschossdecke

betoniert. Der Rohbau des

Gebäudes „Zoar – Wohnen

am Betzenberg“ soll Ende

Dezember 2020

abgeschlossen sein.

Das ist für mich im Moment der größte Ansporn.

Wir möchten die Themen so abarbeiten, dass unsere

Gesprächspartner von Zoar in die bauliche Umsetzung

immer gut einbezogen sind – bis zur Übergabe. Mit der

Übergabe gibt man als Bauherr und Projektmanager das

„Baby“ aus der Hand. Man kommt dann immer wieder

mal vorbei und freut sich, wenn man sieht, dass sich

der Bau gerade in der Nutzung als praktikabel erweist

und voller Leben ist. Was ich generell gut finde, ist der

Mix im Gebäude, angefangen im Erdgeschoss bei der

Tagespflege und dem Café; dann weiter zu zwei Etagen

stationärer Pflege und Service-Wohnen; bis hin zu

schönen Appartements im obersten Stockwerk mit

einem tollen Blick auf die Stadt sowie einem weitläufigen

Bürotrakt; und die Dachterrasse nicht zu

vergessen. Unsere zentrale Aufgabe ist es, das Gebäude

aus baulicher Sicht so zur Verfügung zu stellen, damit

sich die Menschen, die in Zukunft im Gebäude wohnen

werden, wohlfühlen. Die Zoar-Direktion soll auch in

Jahren noch davon überzeugt sein, bezüglich dieses

Projekts die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Das Interview mit Hans Sachs führte Alexandra Koch.

34 Zoar-Magazin 1 | 2020


Menschen bei Zoar

Vorstellung der Frauenbeauftragten der Zoar-Werkstätten Rockenhausen

Unterstützung der Frauen

als wichtige Funktion

der Frauenbeauftragten

Jede Werkstatt für Menschen mit Behinderung muss

eine Frauenbeauftragte und eventuell eine Stellvertreterin

haben.Sie setzen sich in dieser Funktion für die Frauen in der

Werkstatt ein. Gerade beeinträchtigte Frauen erfahren in

ihrem Umfeld oft eine ungerechte und nicht-wertschätzende

Behandlung. Daher sollen sie von den Frauenbeauftragten

über ihre Rechte im Sinne der Gleichstellung aufgeklärt

werden, so dass sie Rückhalt und Unterstützung erfahren.

Anja Spieß

Die Frauenbeauftragten unterstützen die

Frauen in der Werkstatt. Sie hören den

Frauen zu, wenn sie Probleme haben und

geben Tipps, wo Hilfe und Rat eingeholt werden kann.

Anja Spieß: Frauenbeauftragte der

Zoar-Werkstätten Rockenhausen

Anja Spieß (45), die Frauenbeauftragte der Zoar-Werkstätten

Rockenhausen, wurde 2018 bei den Wahlen als

stellvertretende Frauenbeauftragte gewählt. Jetzt ist

sie Frauenbeauftragte der Zoar-Werkstätten Rockenhausen.

Es hat sich so ergeben, weil die gewählte Frauenbeauftragte

ihre Tätigkeit beendet hat. Deswegen

wurden damit verbundene Aufgaben an Anja Spieß

weitergeleitet. Für sie war das zwar unerwartet, aber

sie stieg voller Kraft und Energie in die neue Materie

ein. Mittlerweile hat sie sich in ihre Funktion eingefunden,

und es klappt richtig gut.

Die glücklich verheiratete Mutter war nicht immer so

glücklich. In ihrem Leben ist schon vieles passiert, und

leider hat sie nach eigenen Angaben auch Mobbing

erlebt. Damals hätte sie selbst Hilfe gebraucht. Jetzt ist

es alles anders. Nun versucht sie, anderen in schwierigen

Situationen zu helfen. „Ich versuche es nicht nur,

sondern tue es auch“, sagt die Frauenbeauftragte Anja

Spieß. Früher sei sie sehr zurückhaltend gewesen.

„Heute bin ich das Gegenteil davon.“ Anja Spieß hat ihr

Arbeitsleben in den Zoar-Werkstätten Rockenhausen

gefunden. Ihr macht die Arbeit Spaß, und sie fühlt sich

im Umfeld mit ihren Kollegen wohl. „Die Menschen

hier sind wie eine zweite Familie für mich“, berichtet

sie weiter. Anja Spieß ist in der Abteilung „Mechanik“

beschäftigt. „Mir gefallen eher technische Sachen, und

diese Arbeit passt einfach zu mir.“

Ein tolles Programm für das ganze Jahr

In Rockenhausen organisiert die Frauenbeauftragte

zusammen mit der Vertrauensperson der Frauenbeauftragten

nicht nur regelmäßige Treffen, sondern auch

verschiedene Unterhaltungsangebote. So wird

Gemeinsamkeit und Zusammensein geschaffen. „Es

freut mich, dass die von uns angebotenen Maßnahmen

so gut bei den Frauen aus der Werkstatt ankommen.

Zoar-Magazin 1 | 2020

35


Menschen bei Zoar

Seit dem 1. Januar 2017 ist das neue Bundesteilhabegesetz (BTHG) in Kraft getreten.

Es hat auch eine Neufassung der Diakonie-Werkstätten-Mitwirkungsverordnung

(DWMV-EKD) mit sich gebracht. Auch in Werkstätten für Menschen mit Behinderung

soll es eine Frauenbeauftragte geben, die sich um die Belange ihrer Kolleginnen

kümmert. Paragraph 49 (2) der DWMV-EKD lautet: „Die Frauenbeauftragte vertritt die

Interessen der in der Werkstatt beschäftigten Frauen mit Behinderung gegenüber der

Werkstattleitung, insbesondere in den Bereichen der Gleichstellung von Frauen und

Männern, Vereinbarkeit von Familie und Beschäftigung sowie Schutz vor körperlicher,

sexueller und psychischer Belästigung oder Gewalt.“ Die

Stärkung der Autonomie soll vorangetrieben werden; im

Sinne von „Empowerment“ der betroffenen Frauen. Den

Frauenbeauftragten wird eine Unterstützerin zur Seite

gestellt, eine Vertrauensperson, die Hilfestellung und

Begleitung leistet.

Anja Spieß bei der Arbeit

in der Abteilung „Mechanik“

der Zoar-Werkstätten

Rockenhausen

Anja Spieß (links) fühlt sich

wohl im Kreis der Kollegen

und mag es, wenn es etwas

zu werkeln gibt.

Das hätte ich nie gedacht“, so Anja Spieß. „Wenn wir

bei unseren Angeboten Pausen oder Unterbrechungen,

wie jetzt wegen Corona, haben, dann vermissen die

Leute das und fragen ständig nach, wann es wieder

stattfinden wird. Das ist für mich mehr als ein Lob.“ Die

Angebote mit verschiedenen Themen begeistern die

Teilnehmerinnen. Gut ist, dass Zeit miteinander

verbracht und gleichzeitig etwas Interessantes

gemacht wird; zum Beispiel Masken basteln. „Für mich

war es wichtig, nicht einfach nur Kaffeepausen,

sondern abwechslungsreiche Treffen zu organisieren“,

erklärt Anja Spieß. Das ist auch gelungen; zum Beispiel

Wellness-Angebote und ein Ausflug zum Hanauerhof

in Dielkirchen kamen sehr gut an. Im Programm steht

natürlich viel mehr, und es werden ständig neue Ideen

generiert. Grundsätzlich gibt es monatlich einen

Termin; entweder ein Treffen oder ein Unterhaltungsangebot.

Natürlich kann jede Frau die Frauenbeauftragte

jederzeit ansprechen und muss nicht unbedingt

erst auf einen Termin warten. Das kommt gut bei den

Frauen an. Ein Vorteil regelmäßiger Treffen ist, dass die

Frauen sich gegenseitig austauschen können. Anja

Spieß und ihre Vertrauensperson überlegen sich am

Jahresanfang ein Programm, das sie in diesem Jahr

durchführen möchten. Dieses besprechen sie mit

Regionalleiterin Dr. Florence Asmus. Bei den einzelnen

Veranstaltungen werden sie je nach Angebot von

einigen Fachkräften unterstützt.

36 Zoar-Magazin 1 | 2020


Menschen bei Zoar

Auch Basteln gehört zum Programm. Etwas aufzuzeichnen und

auszuschneiden, macht allen Spaß. Auch dieses Foto entstand vor Corona.

So entstanden zum Beispiel

tolle und farbenfrohe Masken.

„Corona“ hat alle Pläne durcheinandergebracht.

Wie geht es nun weiter?

Das Jahr 2020 hat die bekannten Abläufe verändert.

Vieles musste abgesagt werden. Anja Spieß hatte auch

für dieses Jahr ein tolles Programm geplant. Leider wurde

Corona bedingt nichts daraus. Die Zoar-Werkstätten für

Menschen mit Beeinträchtigung waren einige Wochen

komplett geschlossen. Glücklicherweise konnte im März

2020 noch ein Wellnessangebot durchführt werden. Nach

der Wiedereröffnung gab es viele Regeln und Schutzvorkehrungen

zu beachten. „Das ist heute noch so“, sagt

Anja Spieß. „Wir alle müssen uns an das Hygienekonzept

halten.“ Und weiter: „Die Zeit der Schließung war für

viele Mitarbeiter sehr schwer. Das zu bewältigen war eine

große Herausforderung“. Nun hoffe sie, dass die regelmäßigen

Treffen im Kreis rund um die Frauenbeauftragte

bald wieder stattfinden werden. „Das Programm kann

Gemütliche Runde bei einem der regelmäßigen Treffen

(vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie)

dann zwar nicht mehr so erfüllt werden wie geplant,

aber immerhin.“ Seit August wurde wieder eine Sprechstunde

angeboten. Im September hat wieder ein schöner

Ausflug auf den Hanauerhof stattgefunden. Corona

bedingt können leider nur einige Frauen mitfahren.

Pfalz-Steine: ein interessantes Hobby

Wie wir alle hat auch Anja Spieß diverse Hobbys. Sie mag

es, ihre freie Zeit mit der Familie zu verbringen. Egal, ob

beim Fernsehschauen oder Spazierengehen; Hauptsache,

entspannen. Es gibt noch eine Leidenschaft, die ganz

interessant ist. Das ist das Bemalen von Pfalz-Steinen,

das Verstecken und

natürlich auch die

Suche nach interessanten

anderen Pfalz-

Steinen. Dabei zeigt

Anja Spieß ihre Kreativität

und lässt ihrer

Phantasie freien Lauf.

„Für mich ist das eine

sehr gute Abwechslung,

die mir großen Spaß

macht“, sagt die

Frauenbeauftragte der

Zoar-Werkstätten

Eine Auswahl schöner Pfalz-Steine:

ein Hobby, das Anja Spieß viel

Freude macht.

Rockenhausen. Bei diesem „Spiel“ gibt es ganz einfache

Regeln: Man sucht interessante Steine und bemalt sie,

dann versteckt man sie und postet in den sozialen

Medien, dass es da und dort etwas Schönes zu suchen

gibt. Das Spiel ist sehr beliebt.

Diana Aglamova

Zoar-Magazin 1 | 2020

37


Menschen bei Zoar

Anja Spieß:

Frauen-Beauftragte der Zoar-Werkstätten Rockenhausen

Jede Werkstatt für Menschen mit Behinderung muss eine Frauen-Beauftragte

und eventuell Stellvertreterin haben. Sie setzen sich für die Frauen in der

Werkstatt ein und unterstützen sie. Die Frauen-Beauftragte stellt wichtige

Rechte der Gleich-Stellung vor und klärt auf.

In den Zoar-Werkstätten Rockenhausen ist Anja Spieß die Frauen-Beauftragte.

Sie ist 45 Jahre alt. Anja Spieß ist verheiratet und hat einen Sohn. Die Aufgabe

als Frauen-Beauftragte gefällt ihr gut. In ihrem Leben ist schon vieles passiert.

Sie hat auch schwierige Zeiten erlebt. Damals hätte sie selbst Hilfe gebraucht.

Daher versucht sie jetzt, anderen Frauen in schwierigen Situationen zu helfen.

Anja Spieß hat ihr Arbeits-Leben in den Zoar-Werkstätten Rockenhausen

gefunden. Ihr macht die Arbeit viel Spaß. Sie fühlt sich im Umfeld mit ihren

Kollegen wohl. „Die Menschen hier sind wie eine zweite Familie für mich“,

berichtet sie. Anja Spieß ist in der Abteilung „Mechanik“ beschäftigt.

Ein tolles Programm für das ganze Jahr

In den Zoar-Werkstätten Rockenhausen organisiert Anja Spieß zusammen mit

der Vertrauens-Person der Frauen-Beauftragten regelmäßige Treffen. Außerdem

plant sie verschiedene Unterhaltungs-Angebote. Die Angebote kommen bei

den Teilnehmerinnen immer sehr gut an. Das freut Anja Spieß. „Das ist für

mich mehr als ein Lob“, sagt Anja Spieß. Angeboten werden zum Beispiel

38 Zoar-Magazin 1 | 2020


Menschen bei Zoar

Wellness-Programme und Ausflüge, unter anderem zum Hanauerhof in

Dielkirchen. Jede Frau kann die Frauen-Beauftragte jederzeit ansprechen.

Sie muss nicht erst auf einen Termin warten.

Corona-Zeit? Wie geht es nun weiter?

Anja Spieß hatte für das Jahr 2020 ein tolles Programm geplant. Leider fand das

Programm nur eingeschränkt statt. Das ist wegen dem Corona-Ausbruch so.

Glücklicherweise hat im März noch ein Wellness-Angebot stattgefunden. Später

wurden die Zoar-Werkstätten für einige Zeit geschlossen. In dieser Zeit blieben

alle zu Hause. Die regelmäßigen Treffen mit der Frauen-Beauftragten fanden

nicht statt. Das haben die Frauen vermisst. Aktuell gibt es viele Regeln und

Schutz-Maßnahmen zu beachten. Im August wurde wieder eine Sprech-Stunde

angeboten. Im September hat ein schöner Ausflug auf den Hanauerhof

stattgefunden.

Das Hobby von Anja Spieß

Anja Spieß hat viele Hobbys. Sie verbringt gerne ihre freie Zeit mit der Familie.

Sie entspannt sich beim Fernseh-Schauen und Spazieren-Gehen. Es gibt noch

eine andere Leidenschaft von ihr. Das ist das Bemalen von Pfalz-Steinen. Dabei

zeigt Anja Spieß ihre Kreativität und lässt ihrer Phantasie freien Lauf. Das Spiel

hat ganz einfache Regeln. Die Leute suchen interessante Steine und bemalen sie.

Die bemalten Steine versteckt man. Das postet man in den sozialen Medien. Die

anderen Teilnehmer können die Steine suchen und finden. Das Spiel ist sehr beliebt.

Zoar-Magazin 1 | 2020

39


Altenhilfe

Zoar – Service-Wohnen

Service-Leistungen sind auf die

jeweiligen Bedürfnisse abgestimmt

Service-Wohnen − was genau verbirgt sich

hinter dieser Bezeichnung? Und wie gestaltet

sich der Alltag in diesen Wohnformen?

Diesen und noch mehr Fragen sind wir nachgegangen

und konnten drei Bewohnerinnen

aus der Seniorenresidenz Kirchheimbolanden

und fünf weitere Bewohnerinnen des

Zoar – Service-Wohnens am Altstadtring in

Rockenhausen für ein Gespräch gewinnen.

Diese Gespräche fanden im

Spätsommer vor dem

erneuten Teil-Lockdown ab

Anfang November statt

(Anm. d. Red.).

Die häufigste Antwort auf

die Frage, warum eine

Person sich für eins der

Appartements an einem der fünf

Standorte entschieden hat, ist

meistens ähnlich. Sechs der acht

Befragten wollten nach dem Tod

ihres Partners nicht alleine sein und

fanden sowohl das eigene Haus als

auch die Wohnung plötzlich zu groß.

Auch andere Gründe sprechen dafür,

einen solchen Schritt zu machen.

So wurde beispielsweise bei Lucia

Deicke der Zugang zu ihrer damaligen

Wohnung ohne die Hilfe ihres

verstorbenen Ehemanns unüberwindbar.

„Durch meine Erkrankung

konnte ich die Treppe ohne seine

Hilfe nicht mehr hinaufsteigen“,

erzählt sie. Die gebürtige Koblenzerin

kam der Liebe wegen nach Winnweiler

und lebt nun seit April 2020

im Zoar − Service-Wohnen am

Altstadtring in Rockenhausen

(Speyerstraße). Gisela Molter aus

Dreisen wohnte früher mit ihrer

Schwester zusammen. „Wir verstanden

uns nicht mehr, und deshalb bin ich

mit Hilfe meiner Betreuerin ausgezogen“,

erklärt sie. Auch sie ist dieses

Jahr nach Rockenhausen gezogen.

Hans-Jürgen Berndt aus Dresden

kam in die Nordpfalz, genauer gesagt

nach Rockenhausen, wegen seiner

Ehefrau und der gemeinsamen

Tochter. „Durch die Demenz-

Erkrankung meiner Frau konnte ich

nicht mehr in Dresden bleiben.

Unsere Tochter wohnt in Hefersweiler

und unterstützt mich bei der

Pflege. Daher bot sich Rockenhausen

örtlich an. Die Pflege ist für mich nun

machbar, und ich verbringe weiterhin

eine schöne Zeit mit meiner Frau,

ohne zu viel Stress. Hier habe ich

auch Zeit für mich“, beschreibt er

seine momentane Situation.

Vorteile und Angebote

Die Vorteile sind kurz in folgendem

Satz zusammengefasst: „Wenn Sie

sich entscheiden, dorthin zu ziehen,

dann können sie sich ihre Eigen-

40 Zoar-Magazin 1 | 2020


Altenhilfe

ständigkeit noch lange erhalten“.

Diesen Satz hörte Ruth Weigel von

ihrer Ärztin in Rockenhausen.

„Damals nach dem Tod meines

Mannes war ich verständlicherweise

verunsichert und wusste nicht, wie

es weitergehen soll. Als ich von

meiner Ärztin diese Möglichkeit des

Service-Wohnens vorgestellt bekam,

gewann ich wieder ein Stück Lebensenergie

zurück“, lächelt Ruth Weigel.

Die 95-jährige Göllheimerin fühlt

sich im Bereich des Service-Wohnens

der Seniorenresidenz Kirchheimbolanden

sehr wohl. Seit sieben

Jahren wohnt sie in ihrem jetzigen

Appartement. In ihrer Kochnische

kann sie auch selbst kochen. Trotzdem

isst sie gern gemeinsam mit ihren

Mitbewohnern im Speisesaal der

Seniorenresidenz. Auch, wenn es am

Essen immer mal wieder etwas

auszusetzen gibt. Geschmäcker sind

verschieden. Kritik und Verbesserungsvorschläge

geben sie immer

gern weiter. „Nur so können sich

Dinge verbessern.“

„Babuschka“ (Oma) und

„Deduschka“ (Opa) − so nennen

sich die beiden guten Freunde aus

der Speyerstraße in Rockenhausen.

Links sitzt Lothar Schiller und rechts

Ida Rifel. Ida Rifel kommt aus

Moldawien und Lothar Schiller aus

Sachsen-Anhalt. Beide können

russisch sprechen, weshalb sie sich

gerne so betiteln.

Sichtlich wohl fühlt sich Hans-Jürgen Berndt auf der Couch, flankiert von zwei

netten Damen. Links sitzt Lucia Deicke und rechts Gisela Molter. Die beiden

Frauen fühlen sich in ihrer neuen Wohnung in der Speyerstraße jeweils sehr

wohl, so wie Hans-Jürgen Berndt auch.

Auch Lothar Schiller, wohnhaft im

Zoar − Service-Wohnen am Altstadtring

in Rockenhausen, spricht gern

über das Essen. Sein Vorschlag ist

unter anderem, einen Gewürzständer

auf jeden Tisch zu stellen, damit

man die Speisen gegebenenfalls

nachwürzen kann. Dies bekräftigt

auch Hans-Jürgen Berndt. Lothar

Schiller wohnt seit Januar 2016 in

der Speyerstraße. Im Frühjahr 2020

hat er beschlossen, in seiner

Wohnung für sich selbst zu kochen.

Gegenwind bezüglich des Essens

kommt von Lucia Deicke und Gisela

Molter. Beide finden das Essen

hervorragend. Beim gemeinsamen

Gespräch in der Speyerstraße wird

deutlich, dass Männer und Frauen

tatsächlich ein unterschiedliches

Geschmacksempfinden haben.

Es ist ein sehr interessantes

Gespräch, und es wird gelacht.

Weitere Vorteile des Service-

Wohnens sind die altersgerechten

Zugänge zu den Wohnungen. Mit

einem Aufzug und ohne jegliche

Stufen sind die Wohnbereiche und

gemeinschaftlich genutzten Räumlichkeiten

für Bewohner mit eingeschränkter

Mobilität, wie zum

Beispiel mit Rollstuhl oder Rollator,

leicht zu erreichen. Wenn die

Bewohner gelegentlich schwerere

Einkäufe tätigen, erhalten sie Hilfe

von den Mitarbeitern. Das wissen

alle sehr zu schätzen. Ganz individuell

lassen sich verschiedene

Service-Leistungen dazu buchen, wie

zum Beispiel hauswirtschaftliche

und pflegerische Dienstleistungen.

Standorte und Ausstattung

Die Wohnungen sind zwischen 24

und 68 Quadratmeter groß und

verfügen neben einem Schlafraum

und Wohnraum über ein Bad und

eine Kochnische. Die Seniorenresidenz

in Kirchheimbolanden

hat 17 Ein- und Zwei-Zimmer-

Wohnungen. Ebenfalls in Kirchheimbolanden

bietet die Zoar-Wohnanlage

„Am Torbogen“ 15 Zwei-

Zimmer-Wohnungen. Die Zoar-

Wohnanlage „Am Altstadtring“ in

Rockenhausen verfügt über die

gleiche Anzahl an Wohnungen wie

„Am Torbogen“ in Kirchheimbolanden.

In Kusel hat man sogar die Möglichkeit,

Drei-Zimmer-Wohnungen zu

beziehen. Allerdings gibt es dort

erst fünf Appartements. Zwei Zwei-

Zimmer-Wohnungen werden in

Zoar-Magazin 1 | 2020

41


Altenhilfe

Dies ist der Flur in der Seniorenresidenz

Kirchheimbolanden, der zu den

einzelnen Wohnungen des Bereichs

„Service-Wohnen“ führt. Hier gibt

es viele Möglichkeiten, sich mit den

anderen Bewohnern zu einem

Gespräch zu treffen.

Ingrid Langer in ihrer Wohnung in der

Seniorenresidenz in Kirchheimbolanden;

hier in ihrem mit eigenen Möbeln

eingerichteten Wohnzimmerbereich.

Alsenz in der Zoar-Wohnanlage

„Am Uferweg“ angeboten. Alle

Wohnungen befinden sich im

Zentrum der jeweiligen Städte und

Orte und ermöglichen es, dass die

Bewohner zahlreiche Geschäfte,

Apotheken oder Ärzte auf relativ

kurzen Wegen erreichen. Manche der

Service-Wohnformen liegen direkt

neben einem Zoar-Alten- und Pflegeheim.

Auf diese Weise lassen sich

Synergien vorteilhaft nutzen.

Zoar-Mitarbeiter Dieter Steiner ist

verantwortlich für den Bereich des

Service-Wohnens beim Evangelischen

Diakoniewerk Zoar. „Er hat immer

ein offenes Ohr für meine Anliegen

und Wünsche“, schwärmt Ida Rifel

aus Rockenhausen. „Außerdem ist

er immer freundlich und lustig.“

Auch Ingrid Langer, wohnhaft in

der Seniorenresidenz in Kirchheimbolanden,

bestätigt, dass sich die

Mitarbeiter im Bereich „Service-

Wohnen“, die bei der Sozialstation

Brücken beschäftigt sind, erfreulicherweise

auch Zeit für persönliche

Gespräche lassen. „Allerdings

vermisse ich die frühere familiäre

Atmosphäre im Haus. Aufgrund der

Corona-Pandemie fallen die Yoga-,

Sitztanz- und Singstunden aus“,

erzählt die weitgereiste Hannoveranerin

Ingrid Langer. „Drei Jahre habe

ich mit meiner fünfköpfigen Familie

in Montreal in Kanada gelebt. Dann

sind wir ins sonnige Kalifornien in

den USA gezogen und haben dort

weitere 17 Jahre verbracht“, berichtet

Ingrid Langer. Fehlende Aktivitäten

bemängelt auch Lothar Schiller:

„Früher bin ich wöchentlich zum

Schachspielen in die Wohnanlage in

der Wiesenstraße in Rockenhausen

gegangen. Ein solches Angebot

würde ich mir auch für unser Haus in

der Speyerstraße wünschen“. Auch

Lucia Deicke hätte nichts gegen ein

sonntägliches Kuchenangebot aus

einem Automaten. Eine Kaffeemaschine,

an der man sich kostenlos

einen Kaffee ziehen kann, wurde

zwischenzeitlich angeschafft.

Da die Wohnanlagen meist zentral

liegen und sich Cafés und Geschäfte

in der Nähe befinden, kann Lucia

Deicke verstehen, dass sich in den

Häusern nicht auch noch ein öffentliches

Café befinden kann. „Gerade

deshalb wäre ein Kuchenautomat

eine gute Idee.“

42 Zoar-Magazin 1 | 2020


Altenhilfe

Der geschmackvoll eingerichtete

Eingangsbereich von Hedwig

Leibrocks Wohnung.

Hedwig „Heddi“ Leibrock in ihrem

Wohnzimmer in der Seniorenresidenz

in Kirchheimbolanden.

Der persönliche Touch

Jeder Mensch ist einzigartig und individuell,

darauf darf sich auch in

diesen Wohnbereichen jeder berufen.

Die Wünsche und Lebensmodelle

werden mit den potentiellen

Wohnungsmietern im Vorfeld

besprochen. Hedwig Leibrock ist in

ihrer früheren Wahlheimat Kirchheimbolanden

im Bereich „Service-

Wohnen“ geblieben. „Nach 18

Ehejahren ist mein Mann vor etwa

acht Jahren gestorben. So zog ich

dann kurze Zeit später hierher. Ich

mag es, in der Natur spazieren zu

gehen und koche seit Beginn immer

für mich selbst. Ich war schon immer

gern für mich“, erzählt sie. Sie fühlt

sich in der Seniorenresidenz sehr

wohl und führt gern mit ihren Mitbewohnern,

von denen sie liebevoll

„Heddi“ gerufen wird, Gespräche.

Ida Rifel darf in ihrer Wohnung in der

Speyerstraße in Rockenhausen einen

jungen, schwarz-weißen Kater halten

und zeigt ihn stolz jedem Besucher.

Überglücklich erzählt sie, wie viel

Freude sie mit ihrem Haustier hat.

Auch, wenn es das ein oder andere zu

bemängeln gibt, ist der Umzug ins

Service-Wohnen für alle acht vorgestellten

Bewohner die beste

Entscheidung gewesen.

Der offene Schlafraum

Hedwig Leibrock im Außengelände

der Seniorenresidenz

Kirchheimbolanden.

Die Naturliebhaberin steht vor

dem alten Wasserbrunnen und

genießt die herrliche Sonne

an diesem Tag.

Das ganze Leben über hat man

jemanden, der einen zu bestimmten

Sachen drängelt. Hier kann ich

endlich ich selbst sein und mich

frei entfalten“, sagt Lucia Deicke.

Außerdem könne man die Wohnung

so dekorieren, wie es einem selbst

am besten gefalle. „Die Rockenhausener

sind alle sehr freundlich. Jeder

grüßt, ob man sie kennst oder nicht.

Das habe ich vorher noch nie so

erlebt. Ich möchte hier nie wieder

weg“, weiß Lucia Deicke ganz sicher.

Helena Gomes Oester

Zoar-Magazin 1 | 2020

43


Aktuell

Information über

das Ausscheiden

des Vorstandsmitglieds

Peter Kaiser

Peter Kaiser ist nicht mehr Direktor des Evangelischen Diakoniewerks Zoar.

Der Verwaltungsrat hat am Montag, 17.08.2020, beschlossen, Vorstandssprecher

Peter Kaiser wegen unterschiedlicher Auffassungen über die Zukunft von Zoar,

auch angesichts der Vielzahl der Projekte, vom Dienst freizustellen.

Dies ist am 18.08.2020 erfolgt.

Der Zoar-Verwaltungsratsvorsitzende, Klaus Rüter, und der ehemalige

Zoar-Direktor, Peter Kaiser, haben sich auf eine einvernehmliche Aufhebung

und damit zeitnahe Beendigung des Vertragsverhältnisses von Herrn Peter Kaiser

geeinigt. Nach Billigung des Vertragstextes, für den beiderseitige Verschwiegenheit

vereinbart wurde, durch den Verwaltungsrat wurde der Vertrag von beiden

Parteien unterschrieben und somit rechtsgültig.

Klaus Rüter, Zoar-Verwaltungsratsvorsitzender, stellt klar, dass Spekulationen

um Verfehlungen von Peter Kaiser keine Grundlage haben. Es ging und geht

dem Verwaltungsrat allein um die weitere Entwicklung und Zukunft des

Evangelischen Diakoniewerks Zoar. Zu diesem wichtigen Punkt bestanden seit

geraumer Zeit nicht zu überbrückende Meinungsunterschiede beider Seiten.

Peter Kaisers Verdienste um Zoar werden vom Verwaltungsrat anerkannt.

Verwaltungsratsvorsitzender Klaus Rüter spricht ihm dafür den Dank des

Gremiums aus.

Die „Zoar-Magazin“-Redaktion

Rockenhausen im Dezember 2020

44 Zoar-Magazin 1 | 2020


Weiterbildung & Seminare

Wichtiges Instrument im Rahmen der Personalführung

Die Entwicklung der Jahresmitarbeitergespräche

von 2018 bis heute

2018 sind die Jahresmitarbeitergespräche

beim Evangelischen

Diakoniewerk Zoar und den

Tochtergesellschaften eingeführt

worden. Es geschah unter

anderem auf Wunsch der

Mitarbeiter, die das im Rahmen

einer zweitägigen Leitbildkonferenz

mehrfach äußerten.

Die Leitbildkonferenz-

Ergebnisse flossen

damals in das aktuelle

Zoar-Leitbild ein. Es ist heute

weit verbreitet, steht auf der

Zoar-Internetseite und wird jedem

neuen Mitarbeiter zu Beginn seiner

Tätigkeit an die Hand gegeben.

Moderner Ansatz

für die Umsetzung

„Fundierte Jahresmitarbeitergespräche

bilden eine Brücke zwischen dem

Vorgesetzten und seinen Mitarbeitern

und somit die Grundlage für

eine erfolgreiche und zufriedenstellende

Zusammenarbeit“, erklärt

Sabine Schmitt, Leiterin Personalentwicklung.

„Davon profitieren

beide Seiten und natürlich das

Evangelische Diakoniewerk Zoar als

moderner und zukunftsweisender

Arbeitgeber.“ Um eine adäquate

Umsetzung zu realisieren, wurden

Multiplikatoren für das Projekt

„Jahresmitarbeitergespräche“

ausgebildet, die die Aufgabe haben,

alles Wissenswerte über das

Personalführungsinstrument im

Unternehmen zu verbreiten. Alle

zehn Multiplikatoren waren von

Anfang an und über einen langen

Zeitraum mit Herzblut bei der Sache

(siehe dazu den Bericht „Einführung

von Jahresmitarbeitergesprächen

ab 2018“ im Zoar-Magazin 3+4, 2017;

Seite 7 bis 11). Das Besondere an

ihrer Qualifizierung war, dass sowohl

Strukturelles als auch Inhaltliches

über das Mitarbeitergespräch vermittelt

wurde und dass die Multiplikatoren

lernten, die Führungskräfte in

den darauffolgenden verschiedenen

Workshops „Bottom-Up“ (engl.

von unten nach oben; Anm. d. Red.)

Multiplikatoren-Schulung 2017: mit Mitarbeitern verschiedener Zoar-Bereiche

zum Thema „Jahresmitarbeitergespräche“

Zoar-Magazin 1 | 2020

45


Weiterbildung & Seminare

Das Jahresmitarbeitergespräch

Das Mitarbeitergespräch bietet die Möglichkeit, Vereinbarungen und

Ziele über die Arbeitsaufgaben, das Arbeitsumfeld, die Zusammenarbeit

und Führung und die Veränderungs- und Entwicklungsperspektiven zu

treffen. Gerade die Entwicklungsperspektiven der Mitarbeiter sind ein

zentrales Thema, um vorhandene Ressourcen und Potentiale zu nutzen.

Mit Hilfe des strukturierten Jahresmitarbeitergesprächs haben Mitarbeiter

und Führungskraft einmal im Jahr die Möglichkeit, in Ruhe und

gut vorbereitet über wichtige Themen der Aufgabenerfüllung und Zusammenarbeit

zu sprechen. Dieses Gespräch dient sowohl der Orientierung

des Mitarbeiters als auch der Führungskraft und soll Arbeitsfreude,

Motivation und Leistungsbereitschaft fördern. Im Jahresmitarbeitergespräch

wird der Fortbildungsbedarf des Mitarbeiters besprochen, und

es werden gemeinsam Qualifizierungsperspektiven entwickelt, um eine

nachhaltige Personalentwicklung zu etablieren.

zu schulen. Dieser moderne Ansatz

führte zum Umgang auf Augenhöhe

und zur Überwindung von Hierarchien.

Die Multiplikatoren sind auch heute

noch davon überzeugt, dass sich ihr

Einsatz gelohnt hat, denn in der

Beurteilung sind sie sich einig: „Das

Jahresmitarbeitergespräch kann als

wechselseitiger Austausch Missverständnisse

und Konflikte in der

Zusammenarbeit ausräumen, Ziele

definieren und für ein ausgewogenes

Unternehmensklima sorgen“.

Entsprechend schulten sie rund

100 Führungskräfte des Evangelischen

Diakoniewerks Zoar.

Ansteigende Gesprächszahlen

Ziel ist es nun, das Jahresmitarbeitergespräch

mit jedem Mitarbeiter

(ausgenommen Mitarbeiter in Probezeit,

Auszubildende und geringfügig

Beschäftigte) einmal jährlich durchzuführen.

„Bei der Anzahl der

geführten Mitarbeitergespräche

müssen wir noch zulegen“, sagt

Sabine Schmitt. „Hier ist noch Luft

nach oben.“ Das Gute ist, dass von

2018 bis heute ein Anstieg zu

verzeichnen ist. „Insgesamt wurden

im vergangenen Jahr 25,5 Prozent der

Gespräche geführt.“ Die Personalentwicklung

sieht es als ihre Aufgabe an,

ohne Unterlass für das Mitarbeiterge-

spräch zu werben und immer wieder

fundierte Informationen über dieses

Führungsinstrument zu verbreiten.

„Unsere Mitarbeiter haben sich

bewusst dafür entschieden“, so

Schmitt, „daher sollte es auch in

allen Bereichen umgesetzt werden“.

Die Bedeutung wird unterstrichen

durch eine Dienstvereinbarung,

einen Leitfaden, Vorbereitungsbogen

und Gesprächsbogen

sowie Schulungen, die der Wieder-

Auffrischung dienen.

Oft gibt es auch Erinnerungs-

E-Mails mit Inhalten wie diesem:

„Vor zwei Jahren haben wir das

Jahresmitarbeitergespräch eingeführt.

Eins der wichtigsten Führungsinstrumente.

Viele von Ihnen haben

dieses Jahr schon Gespräche geführt.

Wie sieht es bei Ihnen aus? Haben

Sie schon Ihre Gespräche geführt

oder zumindest terminiert? Nutzen

Sie dieses Instrument! Fundierte

Jahresmitarbeitergespräche, ein

Austausch auf Augenhöhe, bilden

eine Brücke zwischen Führungskraft

und Mitarbeiter und somit die

Grundlage für eine erfolgreiche und

zufriedenstellende Zusammenarbeit.

Haben Sie noch Fragen oder

Schulungsbedarf?“ Im Anschluss

daran werden Schulungstermine der

Personalentwicklung genannt, wobei

diese im Corona-Jahr 2020 leider

ausfallen mussten. 2021 aber geht es

weiter. „Wenn sich die Pandemie-

Situation entschärft hat, führen wir

auch wieder Schulungen durch“,

so Sabine Schmitt.

Kontinuierliche Optimierungen

Der Bereich Personalentwicklung

arbeitet immer an Optimierungen.

So ist zum Beispiel der Vorbereitungsbogen

für das Mitarbeiterjahresgespräch

überarbeitet worden. Auf

diese Weise wurde der Vorgang

46 Zoar-Magazin 1 | 2020


Weiterbildung & Seminare

Berichte über die Erfahrung, Jahresmitarbeitergespräche zu führen;

beidseitig – als Vorgesetzter und als Mitarbeiter. Hier einige Kommentare:

Jutta Kunz,

Einrichtungsleitung Zoar – Alten- und Pflegeheim Kusel

„Lange habe ich das Thema der Jahresmitarbeitergespräche vor mir hergeschoben. Bis es

dann plötzlich Klick gemacht hat. Ich habe jetzt einen guten Weg gefunden, mir das nicht

als einen zusätzlichen Berg an Arbeit vorzustellen, sondern es strukturiert, geplant und

effizient zu gestalten. Keine Zeit zu haben, ist ja doch meistens nur eine Ausrede. Da ich

jedoch voll hinter den Jahresmitarbeitergesprächen stehe, ist mir die Notwendigkeit, sich die Zeit zu nehmen,

völlig klar. Es fängt damit an, dass ich alle 16 Gespräche frühzeitig plane und im Outlook-Kalender festhalte.

Beim Gespräch darf niemand stören. Da bin ich in dieser Stunde auch wirklich für niemanden sonst erreichbar;

es sei denn, es ist ein Notfall. Außerdem ist es wichtig, beim Durchführen der Gespräche im Jahresrhythmus

zu bleiben und nicht wieder mit dem Aufschieben anzufangen, dann ballt sich nämlich gegen Ende des Jahres

alles. Mir liegt es am Herzen, im Gespräch Feedback zu geben und keine Kritik zu üben.“

Barbara Venske,

Regionalleitung

Eingliederungshilfe Nordpfalz

„Sich einmal im Jahr richtig Zeit

zu nehmen und ungestört mit

dem jeweiligen Mitarbeiter

zu sprechen, ist eine besondere Form der Wertschätzung.

Kein Zeitdruck, angenehme Atmosphäre.

Ich persönlich nutze diese Gespräche, um mit dem

Mitarbeiter über aktuelle Themen zu diskutieren,

unsere strategischen Ziele zu benennen und im

Austausch zielführende Ideen und Arbeitsschritte

gemeinsam zu gestalten und festzulegen. Eine

Würdigung der Arbeit und ein Lob sollten auch

nicht fehlen. Grundsätzlich ist es mir wichtig,

dass mein Gesprächspartner und ich uns auf das

gemeinsame Gespräch vorbereiten. Gleichzeitig

empfinde ich spontane Themen immer als gewinnbringend.

Die Zeit vergeht oft sehr schnell. Das,

was im Gesprächsbogen festgehalten wird, wird

gemeinsam erarbeitet und formuliert. So ist es

eine runde Sache und passend für beide.“

Vanessa Steingaß,

Mitarbeiterin der Finanzbuchhaltung,

Verwaltung,

Rockenhausen

„Ich finde es toll, dass

wir dieses Personalentwicklungsinstrument

haben. Vorher mache

ich mir immer Notizen, damit ich nicht vergesse,

was ich sagen möchte. Zur Grundlage nehmen

wir die Stellenbeschreibung und schauen

gemeinsam, ob alles enthalten ist oder etwas

angepasst werden muss. Dass das so konkret ist,

gefällt mir gut. In dem Zusammenhang mache

ich auch gern Verbesserungsvorschläge. Oft sind

das Dinge, die mir übers Jahr hinweg einfallen

und die ich mir dann notiere. Für Vorgesetzte

ist das Jahresmitarbeitergespräch eine sehr

gute Möglichkeit, den Mitarbeitern gegenüber

Wertschätzung zu zeigen.“

Felix Steinmüller,

Teamleitung AWG II, Mainz

„Wichtig ist vor allem, dass man beim Jahresmitarbeitergespräch ungestört ist.

Denn diese Zeit gehört ganz allein dem Mitarbeiter. Dafür blocke ich vorneweg zwei

Stunden. Ich finde es gut, wenn man dafür eine schöne Atmosphäre schafft, zum

Beispiel nach draußen geht und sich in den Schatten der Bäume setzt. Dabei lässt

sich gut ein Eis essen oder Kaffee trinken. Beim Austausch ist es mir schon passiert, dass ich Dinge, die

ich zwar schon wusste, nochmal ganz anders wahrgenommen und mir bewusst gemacht habe.“

Zoar-Magazin 1 | 2020

47


Weiterbildung & Seminare

Multiplikatoren-Schulung 2017:

gemeinsam viel bewegen!

verschlankt. „Damit gingen wir auf

Anregungen der Führungskräfte ein,

die uns zurückmeldeten, dass der

Vorbereitungsbogen als Grundlage

für das Gespräch zu inhaltsreich und

kompliziert ist“, berichtet Personalerin

Schmitt. „Uns ist es wichtig, immer

wieder darauf hinzuweisen, dass

Vorbereitungs- und Gesprächsbogen

als roter Faden dienen sollen und

keine verbindliche Vorgabe sind.“

In das Thema der Jahresmitarbeitergespräche

sind auch ganz stark die

Mitglieder der Gesamtmitarbeitervertretung

(GMAV) eingebunden.

Auch sie sind der Meinung, dass sich

sowohl das „Bottom-Up“-System als

auch das Schulungsverfahren im

Trainer-Team („Buddy-Team“) ausgezahlt

haben. Die schulenden Multiplikatoren

sind auch heute noch

Ansprechpartner bei Unklarheiten

und stehen bei Fragen zum Jahresmitarbeitergespräch

mit Rat und

Tat zur Seite.

Positive Bewertung bei der

Mitarbeiterbefragung 2019

Zoar-Direktorin Martina Leib-Herr ist

stolz auf das, was die „Buddy-Teams“

geschafft haben. Es gibt zwar immer

noch Bereiche, in denen die Anzahl

der geführten Gespräche zu wünschen

übriglässt, aber „die Saat ist aufgegangen“,

so die Direktorin. „Für

uns alle ist dies ein wichtiges

Instrument der Personalführung

und Mitarbeitermotivation.“

Verbesserungspotential sei

angesichts der Quantität zwar

vorhanden, aber das ist auch gut

so, sagt die Direktorin. „Es entspricht

einer gesunden Entwicklung, wenn

nicht alles von Beginn an perfekt ist.“

Wichtig sei vor allem, dass keine

Führungskraft, die diese Gespräche

mit den zugeordneten Mitarbeitern

führt, allein gelassen wird.

Im Gegenteil.

Zahlreiche Mitarbeiter bestätigen

im Rahmen der letzten Mitarbeiterbefragung,

dass sie das Jahresmitarbeitergespräch

grundsätzlich

als Chance für alle Mitarbeiter

sehen. Ganz sicher sei es kein

Kontrollinstrument. Auf die Aussage

„Ich schätze das Jahresmitarbeitergespräch

als gute Möglichkeit

für den Austausch“ reagierte die

weitaus größte Anzahl befragter

Mitarbeiter mit „Trifft voll zu“.

Warum? Beim Jahresmitarbeitergespräch

reflektieren sich beide

Gegenüber − Mitarbeiter und

Führungskraft. Gegenseitig gibt man

sich Impulse, und das wiederum

ist gut für den „Workflow“, für die

gute Zusammenarbeit.

Alexandra Koch

48 Zoar-Magazin 1 | 2020


Hospiz

Ehrenamtliche Hospizarbeit

Marc Becker: offen und interessiert –

Tod ist kein Tabu

Marc Becker (22) hat keine Probleme mit den Tabuthemen

„Tod“ und „Trauer“. Und obwohl er bislang wenig damit zu

tun hatte, öffnete er sich für diese schwere Thematik und ließ

sich auf Hintergrundwissen dazu ein. 2018/2019 absolvierte

er die halbjährige Grundausbildung zum ehrenamtlichen

Hospizhelfer beziehungsweise Sterbebegleiter, die in

Kooperation zwischen dem Stationären Hospiz Nordpfalz

und dem ambulanten Hospiz- und Palliativ-Beratungsdienst

Rockenhausen regelmäßig angeboten wird. Damit aber

nicht genug. Marc Becker wollte gleich noch eine zweite

Weiterbildung anschließen: „Hospiz macht Schule“.

Diese wurde jedoch Corona bedingt verschoben. „Ich freue

mich schon jetzt darauf, wenn es losgeht“, so der

ehrenamtliche Hospizhelfer.

Der junge Mann aus Ramsen studiert „Soziale

Arbeit“ und befindet sich im 5. Semester.

„Mein Einstieg in die Hospizarbeit war völlig

unspektakulär“, sagt Marc Becker. „In zahlreichen

Gesprächen mit meiner Mutter, die lange im Bereich

der Altenhilfe gearbeitet hat, fielen auch immer wieder

Begriffe wie ‚Krankheit‘ und ‚Tod‘. Da ist es doch klar,

dass man auch mal nachfragt, vor allem, wenn man

sich für den Gesprächspartner interessiert und seine

Arbeit wertschätzt.“

Der 22-Jährige, dessen Studium, wie das so vieler

anderer Studenten in der Zeit der Corona-Pandemie,

online stattfindet, ist darauf bedacht, möglichst viele

unterschiedliche Berufsfelder im Bereich der „Sozialen

Arbeit“ kennenzulernen. „An einem Wochenende im

November 2018 hatte ich dann mein erstes Blockseminar

zum Thema ‚Hospiz‘“, erinnert er sich. Es sei um Tod

und Trauer sowie Begleitung der Sterbenden und

Angehörigen gegangen. Gemeinsam mit rund zwölf

anderen Teilnehmerinnen (Marc Becker war der einzige

Mann bei dieser Weitbildung; Anm. d. Red.) lernte er

in den Räumen des ambulanten Hospiz- und Palliativ-

Beratungsdienstes Rockenhausen in der Rognacallee

und im Stationären Hospiz Nordpfalz in der Speyerstraße

viel zum Thema „Hospiz“.

Zoar-Magazin 1 | 2020

49


Hospiz

Sich aktiv einbringen

„Vermittelt wurde nicht nur Theorie“, informiert Birgit

Edinger, Leiterin des Stationären Hospizes Nordpfalz,

„auch Praxisanteile gehörten dazu“. Marc Becker ist

ehrlich und gibt geradewegs zu, dass die Auseinandersetzung

mit diesem Thema Überwindung gekostet hat.

„Genauso stark hat es mich aber auch gefangen

genommen. Ich wurde immer neugieriger auf all diese

Infos und wollte immer mehr wissen.“ Genau dafür

waren die Weiterbildungsseminare da. Der Lehrstoff

wurde vermittelt von Birgit Edinger, Silke Schmidt, stellvertretende

Leiterin des Stationären Hospizes Nordpfalz,

Tanja Keller vom ambulanten Hospiz- und Palliativ-

Beratungsdienst sowie Gastreferenten zu bestimmten

Fachthemen. „Hier wurde ganz normal über den Tod und

das Sterben gesprochen“, so Marc Becker. Folglich habe

er auch immer mehr Interesse daran gehabt, sich aktiv

einzubringen. „Ich konnte es noch nie verstehen, dass

so wenig oder gar nicht über den Tod gesprochen wird.

Er gehört doch ganz natürlich zum Leben dazu.“ Im

Rahmen der Weiterbildungsseminare war es nicht nur

das Referentenwissen, das der junge Ramsener aufsog

wie ein Schwamm, sondern auch der Austausch mit den

anderen Lehrgangsteilnehmern. Einmal im Monat

Aktionsprojekt „Hospiz macht Schule“

Bei „Hospiz macht Schule“ handelt es sich um eine Projektwoche an Grundschulen.

Sie wird durchgeführt von zuvor befähigten und ehrenamtlich engagierten

Menschen aus örtlichen Hospizgruppen in Kooperation mit den Grundschulen.

Die Ehrenamtlichen werden im Rahmen der speziell für das Projekt entwickelten

Ausbildungsstandards der Bundes-Hospiz-Akademie vorbereitet. Das Projekt richtet

sich an Kinder der 3. und 4. Klasse. In der Projektwoche „Hospiz macht Schule“ gehen,

wenn möglich, mindestens fünf oder sechs Ehrenamtliche einer Hospizbewegung

für fünf Tage gemeinsam als Team in eine Schulklasse. Die Projektwoche hat jeden

Tag der Woche einen neuen Themenschwerpunkt.

1. Tag: Werden und Vergehen − Wandlungserfahrungen

2. Tag: Krankheit und Leid

3. Tag: Sterben und Tod

4. Tag: Vom Traurigsein

5. Tag: Trost und Trösten

Durch die Anzahl von fünf Ehrenamtlichen in einer Klasse ist gewährleistet, dass

die Kinder in den Kleingruppen ausreichend zu Wort kommen und ihre Fragen in

diesem geschützten Rahmen stellen können. Es geht grundsätzlich auch darum, zu

vermitteln, dass Leben und Sterben untrennbar miteinander verbunden sind. Die

Themenschwerpunkte werden den Grundschülern sach- und altersangemessen mit

Geschichten, Bilderbüchern und Filmausschnitten nahegebracht. Die Auseinandersetzung

damit erfolgt in Kleingruppen. Es entstehen zum Beispiel Collagen.

Pantomimisch werden eigene Gefühle bei Krankheit dargestellt. Fantasiereisen,

Meditationen sowie der Umgang mit Farben und Musik ergänzen das konkrete

Handeln der Kinder. Die Kinder lernen darüber hinaus auch Jenseits-Vorstellungen

anderer Religionen kennen.

„Hospiz macht Schule“ wurde 2006 von einer Arbeitsgruppe entwickelt und seit 2008

von der Bundes-Hospiz-Akademie bundesweit multipliziert, fortentwickelt und über

einen speziellen Befähigungskurs an ehrenamtliche Hospizhelfer weitergegeben.

50 Zoar-Magazin 1 | 2020


Hospiz

Marc Becker privat

Marc Beckers Schwerpunkt beim Studium sind alte Menschen und Menschen mit Beeinträchtigung.

Es gibt ihm persönlich sehr viel, alte Menschen, die Hilfe benötigen, zu unterstützen. Sein Fachabitur hat

Marc Becker an der IGS in Enkenbach-Alsenborn gemacht. Danach absolvierte er ein Freiwilliges Soziales

Jahr (FSJ). Nach seinem FSJ-Dienst im katholischen Kindergarten in Ramsen, startete er mit dem Studium

der Sozialen Arbeit in Wiesbaden. Aktuell absolviert er Corona bedingt Online-Semester und wohnt

wieder bei seinen Eltern in Ramsen. Auch der ehrenamtliche Einsatz im Stationären Hospiz Nordpfalz ist

momentan nur bedingt möglich. „Es kommen auch wieder andere Zeiten“, sagt der junge Mann. „Sobald

es möglich sein wird, bin ich auf jeden Fall wieder dabei.“ Marc Becker ist es

gewohnt, mit fremden Menschen „Small Talk“ zu führen. So ist er zum Beispiel

schon jahrelang im Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ)

aktiv und begleitet FSJler in verschiedenen Kursen zu sozialpädagogischen

Themen. Demnächst möchte er sich zum Rettungssanitäter ausbilden

lassen. „Das könnte ich dann während des Studiums im Nebenjob machen,

auch um Geld zu verdienen.“ Denn Marc Becker hat noch viele Träume;

auch ein Auslandssemester im englischsprachigen Raum gehört dazu.

Fußball ist in der Freizeit seine größte Leidenschaft; Freundin Sabrina

natürlich nicht zu vergessen. Die Mannschaft „Leinigerland“ trainiert

normalerweise zweimal in der Woche und hat an den Wochenenden

Spiele. Dann kam Corona und mit dem Virus

weitreichende Änderungen und Einschnitte

für alle. „Ich spiele aber auch gern alle

möglichen Gesellschaftsspiele“, berichtet

der junge Mann. Und das lässt sich ja

gerade in dieser Pandemie-Zeit hervorragend

professionalisieren. Marc Becker hat

eine 19-jährige Schwester, die Jura studiert.

Marc Becker (7. von links, im blauen IKK-Trikot)

spielt leidenschaftlich gern Fußball.

treffen sich alle Hospiz-Ehrenamtlichen zu einer Art

Stammtisch, um sich kennenzulernen, auszutauschen

und Themen zu besprechen (Corona bedingt sind diese

Treffen, wie natürlich auch die Schulungen, aktuell

nicht möglich; Anm. der Red.). „Auch Supervision

findet normalerweise regelmäßig statt“, berichtet

Hospizleiterin Birgit Edinger. „Das ist wichtig, denn wir

möchten die ehrenamtlich Tätigen mit ihren Eindrücken

und Grenzerfahrungen nicht alleine lassen.“ Sobald es

zu einer deutlichen Entspannung der Corona-Lage

komme, würden Schulungen, Ehrenamtlichen-

Stammtisch und Supervision wiederaufgenommen,

so die Hospizleitung.

Vertrauen und Ehrlichkeit

Im Zuge seiner Ausbildung war Marc Becker auch einige

Male im Stationären Hospiz in der Speyerstraße. So

wie er erzählt, hat er sich den Gästen dort langsam

angenähert. „Ganz wichtig sind Vertrauen und Ehrlichkeit.

Man muss erst warm werden miteinander.“ Auch

als „Anfänger“ sei ihm das sofort klar gewesen, so

Marc Becker. Und so habe er sich im Haus einfach unter

die Gäste gemischt. „Ich habe mit gefrühstückt oder zu

Abend gegessen, habe mit den Menschen im Flur oder

auf der Terrasse gesprochen oder auf den Zimmern mit

ihnen zusammen Fernsehen geschaut.“ Es seien nur

Kleinigkeiten gewesen, die den schwerkranken

Zoar-Magazin 1 | 2020

51


Hospiz

Was man über das Stationäre Hospiz wissen sollte!

95 Prozent des vereinbarten Tagessatzes werden von den

Kranken- und Pflegekassen getragen. 5 Prozent der Investitionskosten

für den Bau müssen über Spenden generiert werden.

Dies betrifft auch den Tagessatz (ebenfalls 5 Prozent) bei

laufendem Betrieb und muss jährlich durch Spendenerlöse

gedeckt werden. Ein privater Eigenanteil der schwerkranken Menschen, die stationär aufgenommen werden,

entfällt. Achtung und Anerkennung der Würde des Menschen sowie die Sicherung der Lebensqualität, auch

in der letzten Lebensphase, sind die Zielsetzungen des Hospizes.

Das Stationäre Hospiz Nordpfalz im Stadtzentrum von Rockenhausen hat acht Plätze. Es ist das erste und

einzige in der Nordpfalz. Jedes Zimmer hat aufgrund der ebenerdigen Lage eine geschützte und nicht

einsehbare Terrasse, deren Größe es ermöglicht, die Betten bei Bedarf hinauszuschieben. Im Raum der Stille

hat man die Möglichkeit zum Beten, zum Innehalten und zum Meditieren. Das Stationäre Hospiz war für

Angehörige auch während der Corona-Pandemie geöffnet – natürlich unter den gegebenen Schutzmaßnahmen

und Hygienevorschriften. „Ein Abschied vom Sterbenden muss unbedingt möglich sein. Dieser Kontakt

darf nicht unterbunden werden“, beschreibt Hospizleiterin Birgit Edinger den hospizeigenen Weg im

Umgang mit der Corona bedingt veränderten Situation.

Menschen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hätten.

„Da ist ganz viel Dankbarkeit zu spüren.“

Birgit Edinger und Silke Schmidt bestätigen diese

grenzenlose Dankbarkeit der Gäste im Hospiz, die ihren

Tod vor Augen haben. „Gerade männliche Hospizbegleiter

kommen gut an.“ Das sei mal etwas Anderes.

„Da kommt meinerseits auch schon mal ein flotter

Spruch, oder wir tauschen Fußballergebnisse aus“,

lacht der junge Hospizbegleiter. „Alles ganz normal.

Ein Hospiz ist kein dunkler und trauriger Ort.“ Das lerne

man, wenn man ein Hospiz betrete. Im Gegenteil. Es

sei beidseitig ein förderliches Erlebnis, und noch dazu

könne man den hauptamtlichen Mitarbeitern ein

wenig Arbeit abnehmen.

Über das Stationäre Hospiz Nordpfalz in

Rockenhausen ist schon viel geschrieben worden,

unter anderem im Zoar-Magazin 1 + 2, 2018, auf

den Seiten 24 bis 33, im Zoar-Magazin 1/2019, auf

den Seiten 60 bis 70, und im Zoar-Magazin 2/2019,

auf den Seiten 10 bis 19.

Weitere Informationen zur ehrenamtlichen Hospizarbeit

gibt Hospizleiterin Birgit Edinger sehr gerne.

Kontakt:

Tel.: 06361/25407-0,

E-Mail: birgit.edinger@zoar.de

Alexandra Koch

52 Zoar-Magazin 1 | 2020


Inklusion & Arbeit

Wege auf den allgemeinen Arbeitsmarkt

Christian Biffar: ein Teil

der großen FCK-Familie

Christian Biffar hat einen ganz besonderen Arbeitsplatz im

Fritz-Walter-Stadion auf dem Betzenberg in Kaiserslautern. Mit

Spielern, Trainern und dem gesamten Team ist er auf Du und

Du. Mit ihnen hat er schon so manche Höhen und Tiefen erlebt.

Für Christian Biffar ist es ein

Traumjob, beim 1. FCK zu

arbeiten, auch wenn dieser

„nur“ in der 3. Liga spielt. Er lebt und

liebt den Verein; so wie alle anderen,

die dort arbeiten. Er hat das sogenannte

FCK-Gen und die Leidenschaft

für den Fußball im Blut. Bei

seinem Arbeitgeber wird er in den

höchsten Tönen gelobt und als vollwertiger

Mitarbeiter anerkannt. Bei

den „Roten Teufeln“ arbeitet Christian

Biffar auf einem ausgelagerten

Werkstatt-Arbeitsplatz – und das seit

nunmehr über zwei Jahren; auch

Corona machte ihm keine Angst. Er

blieb dem 1. FCK nicht nur als Mitarbeiter

treu, sondern auch als Fan.

Jeder ist ein Teil des Ganzen

Der 1. FC Kaiserslautern ist ein

Traditionsverein mit vielen Höhen

und Tiefen, wie so oft im Sport.

Besonders 2020 ging es hoch her;

vom Insolvenzantrag bis hin zum

neuen Trainer. Am 15. Juni 2020

hat die Geschäftsführung der

1. FC Kaiserslautern GmbH & Co. KGaA

(FCK KGaA) beim zuständigen Amtsgericht

in Kaiserslautern Antrag auf

Eröffnung eines Insolvenzverfahrens

in Eigenverwaltung gestellt. „Ziel

des Verfahrens ist es, zügig die

Zoar-Magazin 1 | 2020

53


Inklusion & Arbeit

Das Fritz-Walter-Stadion auf

dem Betzenberg hat fünf

Zugänge. Alle Wege, die auf

dem Betriebsgelände

zum Stadion führen,

müssen sicher sein. Daher

muss das Laub regelmäßig

entfernt werden. Hier sehen

wir Christian Biffar

mit dem Laubsauger.

Hinweis: Alle Fotos aus dem aktiven Praxisbetrieb

wurden im Dezember 2019 aufgenommen.

Christian Biffar in der Werkstatt

des 1. FCK. Auch hier gibt es

immer etwas zu tun. Das Foto

zeigt ihn beim Anbringen

einer Vorrichtung über der

Werkbank. Der Umgang mit

dem Akkuschrauber ist für den

jungen Mann kein Problem.

Zusammen mit Till Mohrbach arbeitet

Christian Biffar auch in der Instandhaltung.

Hier befinden sie sich in den Katakomben

des Stadions, um ein Notlicht zu ersetzen.

Manchmal muss auch etwas erklärt werden; wie hier zum Beispiel von Tobias Schmidt

(rechts), Leiter Stadionbetrieb. Till Mohrbach (links) und Christian Biffar hören aufmerksam

zu, damit sie bei den diversen Instandsetzungsarbeiten immer besser werden.

Hier kontrolliert Christian Biffar die

fest installierten Sitzplätze mit

Sitzschalen aus Kunststoff in den

verschiedenen Stadionblöcken.

Es kommt häufig vor, dass

Reparaturen gemacht werden

müssen. Diese Arbeit gehört zu

den Instandsetzungsaufgaben,

wie zum Beispiel die

Beleuchtungskontrolle.

wirtschaftliche Leistungsfähigkeit

wiederherzustellen“, erklärte Soeren

Oliver Voigt, Geschäftsführer der

FCK KGaA. „Das Investoren-Interesse

an der Marke FCK war und ist enorm,

ebenso der Wille, diese Marke weiter

zu entwickeln.“ Die Kraftanstrengung

war erfolgreich. Das Insolvenzverfahren

ist nunmehr vom Tisch. Auch

Christian Biffar sieht den 1. FCK als

sanierungswürdig. In der offiziellen

Pressemitteilung steht: „Bei positiver

Fortführungsprognose geht das

Gericht davon aus, dass der FCK

überwiegend wahrscheinlich in der

Lage sein wird, künftig wieder

Gewinne zu erwirtschaften und

den Zahlungsverpflichtungen

uneingeschränkt nachzukommen“.

„Jeder in unserem Team trägt zum

Erfolg auf dem Platz bei, nicht nur

wenn er Fußball spielt und Tore

schießt“, sagt Pressesprecher Stefan

Roßkopf. „Unser Betrieb ist ein komplexes

Gebilde.“ Die enge Bindung

zum Verein schweißt zusammen.

„Jeder ist an seinem speziellen Platz

54 Zoar-Magazin 1 | 2020


Inklusion & Arbeit

Christian Biffar als Fan, als Arbeitnehmer und privat

Christian Biffar arbeitet beim 1. FCK auf einem ausgelagerten Werkstatt-

Arbeitsplatz. Zuvor war er bei den Zoar-Werkstätten am Volkspark in

Kaiserslautern in der Kleinteilemontage (KTM) beschäftigt. Ende 2019

hat er bei der Fußball-GmbH einen einjährigen Vertrag unterschrieben.

Am liebsten möchte er für immer dort arbeiten. Das ist sein Ziel.

Zu tun gibt es auf jeden Fall genug, bestätigt Tobias Schmidt vom

Stadionbetrieb. Von ihm erhält der 38-Jährige seine Arbeitsaufträge

im und um das Stadion auf dem Betzenberg.

Christian Biffar ist handwerklich begabt. Er ist offen und kommunikativ

und durch diese Art schon mehrfach an verschiedenen Stellen positiv

aufgefallen. „Er weiß sich aber auch zurückzuhalten, zum Beispiel, wenn

wir vor oder während der Spiele alle extrem angespannt sind“, so der

Tenor aus dem Kader. Es gehört zum eingespielten Ablauf, dass sich Spieler

und Trainer bei Bedarf zurückziehen. Hier ist auch Fingerspitzengefühl

gefragt. „Klar, muss man hier offen sein und auf jeden zugehen können,

genauso aber muss man auch auf höfliche Art und Weise zurückhaltend

sein können“, so Pressesprecher Stefan Roßkopf. Christian wisse das alles

sehr gut einzuschätzen.

Immer hoch motiviert und offen für Neues

Christian Biffar spielt auch selbst gern Fußball und engagiert sich in

der Zoar-Spielgemeinschaft, in der sich Spieler der Zoar-Standorte Alzey,

Heidesheim und Kaiserslautern zusammenfinden. Rockenhausen hat am

gleichnamigen Standort eine eigene Fußballmannschaft. Der Fußball-Fan

nimmt seit Dezember 2019 außerdem an einer Weiterbildung zum „Fachhelfer

Gartenpflege und Gebäudeservice (IHK)“ teil. Dieser Lehrgang wird

von den Zoar-Werkstätten Heidesheim in Kooperation mit der Industrieund

Handelskammer für Rheinhessen (IHK) angeboten. Es handelt sich

dabei um ein neues, berufliches Qualifizierungsangebot, das die Zoar-

Werkstätten Heidesheim gemeinsam mit der Industrie- und Handelskammer

für Rheinhessen für Menschen mit Unterstützungsbedarf

entwickelt haben. Das Praxis-Training umfasst 230 Unterrichtsstunden

und dauert insgesamt etwa ein Jahr. In der Corona-Krise musste es

zeitweise auf Eis gelegt werden; es wird aber weitergehen, so dass die

Zertifikatsvergabe gewiss ist.

Die berufliche Praxisbezogenheit erfolgt direkt im Job; bei Christian Biffar

demnach bei der Arbeit im Stadionbetrieb des FCK. Dort arbeitet er, wie

seine Lehrgangs-Kollegen in den anderen Betrieben, an vier Tagen in der

Woche. Freitags nimmt er am Praxis-Training in Heidesheim teil. Corona

bedingt wurde beim Berufsbildungs- und Integrationsservice (BIS) der

Zoar-Werkstätten das „Virtuelle Klassenzimmer“ eingeführt – mit innovativen

Lösungen über die Corona-Zeit hinaus. Am Lehrgangsende erhalten

die erfolgreichen Absolventen ein bundesweit gültiges IHK-Zertifikat, das

bescheinigt, welche konkreten Kenntnisse und Fähigkeiten während des

Qualifizierungslehrgangs erworben wurden.

Gutes Verhältnis zum Chef:

Christian Biffar (rechts) mit

Tobias Schmidt, Leiter Stadionbetrieb

mit seiner speziellen Aufgabe wichtig

und ein Teil des Ganzen.“ So auch

Christian Biffar. Seine Aufgaben beim

FCK sind vielfältig. Was gehört alles

dazu? Grünschnitt mit der Motorsense

auf dem riesigen Außengelände,

Pflege der Parkflächen, Entfernen

von Unkraut, kleinere Reparaturen,

Auf- und Abhängen der Vereinsfahnen,

Aufstellen und Abbauen

des Sichtschutzes zwischen den

Fan-Blöcken, Reparaturen an den

fest installierten Sitzplätzen mit

Sitzschalen aus Kunststoff in den

verschiedenen Stadionblöcken.

Dies gehört schon zu den Instandsetzungsarbeiten,

ebenso wie zum

Beispiel die Beleuchtungskontrolle

und das Beheben diverser Störungen.

Sicherheit geht vor

„Es werden Tickets erstellt, in denen

die Störungen und Reparaturbedarfe

notiert sind“, erklärt Tobias Schmidt,

Leiter Stadionbetrieb. Und weiter:

„Die Mitarbeiter im Bereich ‚Stadionbetrieb‘

arbeiten diese ab. Jeden

Montag findet im Stadion ein Sicherheitsrundgang

auf der Suche nach

Fehlern statt. Unser Sicherheitskonzept

hat feste Positionen“. Auch die

Flucht-Tore hat Christian Biffar

schon allein überprüft, „nachdem er

Zoar-Magazin 1 | 2020

55


Inklusion & Arbeit

Der FCK – Ein Traditionsverein

Der Verein wurde 1900 gegründet

und ist auch Gründungsmitglied der

1963 gegründeten Bundesliga. 2006

zur Weltmeisterschaft wurde das

Fritz-Walter-Stadion umgebaut.

Jeder Spieltag im Stadion auf dem

„Betze“ ist stressig – von der Corona-

Zeit einmal abgesehen. Es tritt ein

eingespielter Ablauf in Kraft, um

den regulären Spielbetrieb zu gewährleisten.

An Spieltagen arbeiten

rund 400 Ordner rund ums Stadion.

50.000 Zuschauer passen ins Fritz-

Walter-Stadion. Die FCK-Familie

hofft darauf, dass diese Vor-Corona-

Zeit bald wieder beginnt.

Jubiläumsjahr 2020:

Fritz Walter wäre 100 geworden

Der FCK hat auch ein Museum.

Dort wird die über hundertjährige

Geschichte des Vereins gezeigt und

bewahrt. Das Museum im Stadion

zeigt die spannende Geschichte des

Fußballs in Kaiserslautern. Von der

Gründung des Vereins über die Zeiten,

in denen Fritz Walter und seine

Kameraden Geschichte schrieben,

bis zu den Triumphen und Tragödien

der vergangenen Jahrzehnte. Fritz

Walter − sein Name ist ganz eng mit

dem 1. FC Kaiserslautern verbunden.

Der Ehrenspielführer der deutschen

Nationalmannschaft und Kapitän

der Weltmeisterelf von 1954 führte

als Lenker und Denker der legendären

„Walter-Elf” den FCK 1951 und 1953

zur Deutschen Meisterschaft. Am

31. Oktober 2020 wäre Fritz Walter

100 Jahre alt geworden. An diesem

Tag wurde ihm besonders ehrend

gedacht.

Neue Mannschaftsvorstellung am 27. Oktober 2020

Jeff Saibene (rechts), Chef-Trainer seit Oktober 2020

Co-Trainer: Ryszard Komornicki

FCK-Spieltag am 1. September 2019:

Blick in die Westkurve

56 Zoar-Magazin 1 | 2020


Inklusion & Arbeit

Das Wahrzeichen

der „Roten Teufel“

Stadion Ostansicht

mehrfach intensiv eingewiesen

wurde“, ergänzt Schmidt, zu dessen

Abteilung sechs Mitarbeiter gehören,

darunter Christian Biffar. Bezüglich

des Grünschnitts teilt man sich die

Arbeit mit dem „Green Keeper“ vom

Golf-Club „Barbarossa“. In dieser

Kooperation sind die Kosten geringer,

„und außerdem bedarf der Rasen im

Stadion der gleichen Pflege wie das

Grün auf dem Golfplatz. „Daher

haben die Platzwarte natürlich eine

wichtige Aufgabe“, so Schmidt.

Hoch motiviert und anerkannt

„Christian ist jeden Tag top motiviert.

Er hat immer gute Laune, ist höflich

und zuvorkommend“, lobt ihn Tobias

Schmidt, dem er direkt unterstellt ist.

„Er hat eine gute Auffassungsgabe

und kann auch allein und selbstständig

seiner Arbeit nachgehen.“

Christian Biffar steht dem 1. FCK

ganz nahe, hofft und bangt, jubelt

und feuert an. Zoar-Mitarbeiterin

Sarah Linnebacher ist das Bindeglied

zwischen Christian Biffars ausgelagertem

Werkstatt-Arbeitsplatz und

der Sozialkompetenz des Trägers

Zoar. Wenn es Fragen seitens des FCK

gibt, steht sie als Ansprechpartnerin

zur Verfügung. Viel macht Christian

Biffar aber auch selbst. Bei der Suche

nach einem Praktikum engagierte er

sich stark und fand es bei den „Roten

Teufeln“ auf dem Betzenberg. Ein

Traum ging in Erfüllung! Nun möchte

er dort gar nicht mehr weg. Da passt

es, dass er einen Jahresvertrag unterschreiben

durfte. „Das hat mich sehr

stolz gemacht“, schwärmt er und

hofft schon jetzt auf eine Verlängerung.

Christian Biffars Arbeit im

Stadionbetrieb wird gewürdigt. Er ist

Vollzeit beschäftigt und arbeitet dort

auch, ohne zu klagen, an den angesetzten

Wochenend-Spieltagen.

Dafür gibt es in der Folgewoche

einen Freizeitausgleich. „Jeder

Spieltag im heimischen Stadion ist

ein Highlight“, sagt der leidenschaftliche

FCK-Fan. Das alles hat sich,

wie wir wissen, in der Zeit der

Corona-Pandemie, geändert. Großveranstaltungen

dürfen nur zahlenmäßig

eingeschränkt oder gar nicht

Beeindruckende Choreographie

in der Westkurve des

Fritz-Walter-Stadions

Ein gutes Kollegen-Team:

(v.l.n.r.) Tobias Schmidt, Marco Christ,

Christian Biffar, Till Mohrbach und Bernd Schmitt

Zoar-Magazin 1 | 2020

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Inklusion & Arbeit

Christian Biffar: Wie hat er die Corona-Krise erlebt?

Der junge Mann muss immer etwas zu tun haben und ist am liebsten

aktiv. Daher fiel es ihm auch entsprechend schwer, während der

„Lockdowns“ nicht zu arbeiten. „Ich habe mir dann aber klargemacht,

dass es besser ist, sich und andere zu schützen“, beschreibt er diese

schwere Situation. Als es die ersten Lockerungen im Frühsommer gab,

war Christian Biffar voller Bewegungsdrang und wollte unbedingt

etwas tun. Man einigte sich darauf, dass er die Außenanlagen der

Zoar-Einrichtungen „Am Volkspark“ pflegen kann. „Ich durfte sehr

selbstständig arbeiten und habe dann noch die Müll-Entsorgung

mit übernommen“, erzählt er. Weitere sechs Wochen später durfte er

dann wieder auf den „Betze“ zu seinem Lieblingsverein und seinem

Lieblingsarbeitgeber. Ihm fiel ein Stern von Herzen. Endlich! „Meine

Arbeitsaufgaben hier habe ich ganz normal weitergeführt, wie vor

Corona.“ Seitdem arbeitete Christian Biffar wieder Vollzeit für den

FCK, bis er dann im November wieder in den beruflichen „Lockdown“

gehen musste.

stattfinden – und so blieben auch die

Fußballstadien vorerst leer oder nur

zur Hälfte gefüllt.

Eingeschworene FCK-Familie

„Seine hohe Motivation schlägt sich

in seiner Arbeit nieder,“ lobt Stefan

Roßkopf, der als Pressesprecher den

Bereich „Medien, Kommunikation

und Fanangelegenheiten“ leitet,

FCK-Mitarbeiter Christian Biffar.

„Er weiß, wo er sich einbringen kann

beziehungsweise einbringen sollte.

Er sieht die Arbeit und muss nicht

ständig darauf hingewiesen werden.“

In der Geschäftsstelle beim Fritz-

Walter-Stadion auf dem Betzenberg

in Kaiserslautern arbeiten (bei

normalem Betrieb) rund fünfzig

Mitarbeiter. Das ist der Geschäftsstab,

wozu auch der Bereich

„Medien, Kommunikation und

Fanangelegenheiten“ gehört. Pressesprecher

Stefan Roßkopf ist dem

1. FCK schon lange verbunden und

arbeitet seit 17 Jahren für den Club.

Christian Biffar hat sich schnell im

Umfeld der eingeschworenen FCK-

Familie zurechtgefunden; wahrscheinlich,

weil er selbst ein ganz

großer Fan ist. „Christian hat ganz

schnell verstanden, wie es hier bei

uns läuft. Er versteht sich mit allen

gut und ist immer freundlich. Seine

Aufgaben erfasst er schnell, fragt

nicht lange und macht einfach“, so

der allgemeine Tenor. Eine hohe

soziale Kompetenz wird ihm von

seinen Vorgesetzten sowie dem

gesamten Team zugesprochen.

„Wenn wir uns hier im Stadion über

den Weg laufen, quatschen wir

immer ein paar Worte. Das gehört

bei uns ganz einfach dazu. Hier kennt

jeder jeden und lässt andere teilhaben.

Auf diese Weise sind wir zu

einer großen Familie zusammengewachsen“,

berichtet Roßkopf. „In

diesem Verbund sind auch Probleme

viel besser zu bewältigen.“

Emotionaler Arbeitsplatz

der besonderen Art

„Wir bieten hier bei uns einen

besonderen Arbeitsplatz und noch

dazu hoch emotional. Ob wir

gewinnen oder verlieren, in unserem

Spielbetrieb geht es immer sehr

Unterwegs auf dem Betriebsgelände

mit dem Caddy; Christian Biffar liebt es.

emotional zu. Das muss man mögen,

sonst kann diese Verbindung nicht

hergestellt werden“, sagt Stefan

Roßkopf. Nur so sei es möglich,

schwankende Stimmungen, auch

wenn die Nerven mal blank liegen,

richtig einzuschätzen und sich dem

entsprechend anzupassen. „Ich gehe

jeden Morgen gern zur Arbeit“,

sagt Christian Biffar. „Es ist mein

Lieblingsverein und mein Lieblingsstadion.“

Der 1. FCK hat schon

Erfolge gefeiert und dann wieder

tiefe Täler durchschritten. „In

schweren Zeiten lastet der Druck

dreifach so hoch auf uns“, so der

Pressesprecher. Umso größer die

Freude, wenn es in guten Zeiten

wieder rund läuft. Stefan Roßkopf

und seine Mitstreiter haben schon

alles erlebt. Erfolg und Niederlage

liegen oft sehr nah beieinander.

Aber egal, wie es läuft, ein richtiger

FCK-Fan bleibt in jeder Situation ein

Fan. „Fan ist man in guten und in

schlechten Zeiten.“ Die Devise lautet:

Das war schon immer mein Verein

und wird es auch bleiben“. Die

Spieler sind für Christian Biffar

echte Ikonen. „Ich erlebe hier im

Arbeitsalltag das, was andere,

wenn sie Glück haben, vielleicht im

Preisausschreiben gewinnen.“

Alexandra Koch

58 Zoar-Magazin 1 | 2020


Wohnen & Assistenz

Bundesverband evangelische Behindertenhilfe (BeB)

Webinar zum Thema

„Inklusives Wohnen – besser Wohnen“

Der Bundesverband evangelische Behindertenhilfe

(BeB) hat kürzlich ein Webinar zum

Thema „Inklusives Wohnen – besser Wohnen“

veranstaltet. Genannt wird es daher „BeBinar“.

Hier haben verschiedene Experten zu verschiedenen

Themen einen Vortrag gehalten.

Das Evangelische Diakoniewerk Zoar hat am

26.10.2020 das Wohnangebot „Wohnen am

Ebertpark“, Ludwigshafen, als gutes Beispiel

vorgestellt. Wie Partizipation hilft, inklusiven

Wohnraum mit Leben zu füllen, war das Thema.

Der Vortrag wurde von Nadja Bier, Regionalleitung

West- und Vorderpfalz, gehalten.

Das Webinar, also das Online-Seminar im Web,

fand über „Zoom“ statt. „Zoom“ ist ein virtueller

Video-Konferenzraum, in dem man sich

online zu einer bestimmten Zeit trifft. Die teilnehmenden

Menschen sehen und hören sich. Man kann sich

also gut mit vielen anderen Menschen austauschen.

Es können auch Präsentationen und Videos gezeigt

werden. „Zoom“ ermöglicht, sich zu treffen und

auszutauschen, ohne dass die Teilnehmer an einem Ort,

in einem Raum sind. Die Akteure vor Ort in Ludwigshafen

saßen dabei im großzügigen Café „MittenDrin“.

Sie hielten den notwendigen Abstand zueinander und

hatten ihren Mund-Nasen-Schutz auf, wenn sie nicht

sprachen. So konnte trotz der Corona-Einschränkungen

ein tolles Seminar gestaltet werden. Für den reibungslosen

Ablauf der Schalte vor Ort sorgte Anatoli Peplauf,

der „PIKSL“-Projektkoordinator, der auch die Videos für

das „BeBinar“ gedreht hat.

Dem Team um Nadja Bier, Regionalleitung West- und

Vorderpfalz, ging es darum, am Beispiel des Wohnens

Gleich zu Beginn des „BeBinars“ wurde Partizipation noch

einmal erklärt.

in Ludwigshafen zu zeigen, wie Teilhabe gelebt wird und

was Mitbestimmung für die Menschen bedeutet, die

dort wohnen und arbeiten. Nadja Bier bekam Unterstützung

von Anja Seepe, Leitung „WIR gestalten ZUKUNFT“,

Björn Schmitt, Hausleiter „Wohnen am Ebertpark“,

Angela Neuhard, Hauswirtschaftsleitung „Wohnen am

Ebertpark“ und Silke Wolff, Mieterin im Haus „Wohnen

am Ebertpark“ in Ludwigshafen.

Beschreibung einer Entwicklung

Die Teilnehmer des Webinars erfuhren von diesen

Experten, was für sie persönlich Teilhabe ausmacht und

was das Besondere daran im Wohnangebot in Ludwigshafen

ist. Anja Seepe berichtete in diesem Zusammenhang,

welche Rolle „WIR gestalten ZUKUNFT“ für die

Wohnangebote spielt und wie durch die Umsetzung des

Zoar-Aktionsplans mehr Teilhabe bei Zoar erreicht wird.

Silke Wolff erklärte aus ihrer Sicht, welche Entwicklung

sie im „Wohnen am Ebertpark“ durchlaufen hat. Sie

wurde zuerst Mieterin in der besonderen Wohnform und

erhielt dort die nötige Assistenz der Mitarbeiter, die sie

brauchte, um drei Jahre später in ein frei gemietetes

Appartement im Haus umzuziehen, in dem sie seither

lebt. Während ihres Beitrags war im Hintergrund eines

Zoar-Magazin 1 | 2020

59


Wohnen & Assistenz

ihrer Kunstwerke an der Wand zu sehen. Das hatte nach

dem „BeBinar“ zur erfreulichen Folge, dass sich eine

Interessentin dafür meldete.

Kurz-Videos geben Einblicke

In Kurz-Videos wurden verschiedene Bereiche gezeigt,

die das Leben im „Wohnen am Ebertpark“ in Ludwigshafen

ganz besonders machen. Es wurde ein Video zum

Thema Mitkochen gezeigt, bei dem man sehen kann, wie

die Essensplanung, das Einkaufen und Zubereiten des

Essens gemeinsam in der Wohngruppe stattfinden.

Hierzu sagte Angela Neuhard im Interview: „Partizipation

fängt bei uns, auch im hauswirtschaft-lichen

Bereich, schon vor dem Einzug an und zieht sich weiter

durch alle Bereiche. Ob es das Zimmer ist, das nach

eigenen Wünschen möbliert und gestaltet werden kann,

Vorlieben/Abneigungen beim Essen, die erfragt und

berücksichtigt werden oder auch die Wäsche, die

selbstverständlich selbst gewaschen wird (oder auch

mit Assistenz). Hier bei uns in Ludwigshafen sind es eben

nicht die Wurst, der Käse, der Speiseplan, die sich alle

acht Wochen wiederholen oder ein Zimmer, das wie

jedes andere Zimmer aussehen muss. Hier kann jeder

mitbestimmen, was auf den Tisch kommt. Zusammen

einkaufen und kochen ist bei uns an der Tagesordnung.

Hier soll jeder so leben und essen, wie er sich wohlfühlt.

Hier is(s)t man daheim!“.

Ein anderes Video zeigt, wie Hausleiter Björn Schmitt

das Wohnhaus im Rahmen einer Hausbesichtigung

präsentiert, wenn sich Menschen für ein Zimmer im

Wohnangebot in Ludwigshafen interessieren. Björn

Schmitt findet: „Aus meiner Sicht ist die Partizipation

der einzelnen Bewohner unserer besonderen Wohnform

bei Themen, die sie betreffen, wie zum Beispiel Teilnahme

an Team-Gesprächen, Teilnahme an Bewerbungsgesprächen,

gemeinsames Planen und Kochen der

Speisen, ein wichtiges Instrument, um den Weg der

Inklusion gehen zu können. Zudem sind individuelle

Angebote und Vereinbarungen mit den Menschen

wichtig, statt allgemeingültige Regeln für jeden gleich

aufzustellen. Es ist wichtig, keine eigene Expertise über

den Menschen zu erstellen, sondern diese gemeinsam

zu erarbeiten“.

Mitwirkung und Mitbestimmung

Außerdem sahen die Teilnehmer des Webinars in einem

weiteren Video wie Mieter, Mitarbeiter und Bewohner

gemeinsam im Café „MittenDrin“ musizieren. Allerdings

Team-Arbeit: (v.l.n.r.)

Angela Neuhard,

Björn Schmitt, Nadja Bier

und Silke Wolff während

der Übertragung

Spannende Fragen gingen

von Interessierten

während des „BeBinars “

per Chat ein.

60 Zoar-Magazin 1 | 2020


Wohnen & Assistenz

in dieser Zeit unter den allgemein geltenden Corona-

Schutzmaßnahmen, wie Abstands- und Hygieneregeln.

Zum Schluss konnten die Teilnehmer den Vortragenden

Fragen stellen, die ausführlich von allen Beteiligten

beantwortet wurden. Nadja Bier gab in diesem Rahmen

eine ausführliche Zusammenfassung, die den Hauptgedanken

der Idee von Partizipation und inklusivem

Wohnraum wiedergibt: „Partizipation hilft, inklusiven

Wohnraum mit Leben zu füllen, weil nur dann, wenn

Menschen sich beteiligen und mitgestalten können und

zu Dingen befragt werden, werden sie echte Teilhabe

am Leben erfahren können“.

Anatoli Peplauf unterstützt Nadja Bier bei der technischen

Umsetzung der Übertragung. Im Hintergrund sind Angela

Neuhard (links) und Silke Wolff zu sehen.

Während des Webinars ist der Bildschirm der

anderen Teilnehmer an der Wand zu sehen.

Und weiter: „Wir möchten als Unternehmen innovativ,

kundenorientiert und zukunftssicher sein. Dafür müssen

unsere Angebote angenommen und gekauft werden.

Das kann nur mit Partizipation gelingen. Denn nur die

Menschen, die zukünftig in den neuen Wohnhäusern

leben werden oder sollen, wissen, wie diese Wohnhäuser

oder die Assistenzangebote sein müssen, damit sie ihnen

gefallen. Das Bundesteilhabegesetz (siehe dazu

auch den Bericht auf den Seiten 62 bis 75;

Anm. d. Red.) und die UN-Behindertenrechtskonvention

fordern Beteiligung und

Mitbestimmung und nur wer Angebote

schafft, die von den Kunden angenommen

werden, wird sicher in die Zukunft gehen.

Deshalb ist Partizipation der Schlüssel zum

Erfolg und wie man in Ludwigshafen sieht,

auch der Schlüssel zur Zufriedenheit der dort

wohnenden Menschen“.

Silke Wolff: „BeBinar“-Teilnehmerin

Silke Wolff schaute im Nachgang des Webinars mit

Freude auf die Veranstaltung und deren Vorbereitung

zurück. Sie findet es eine große Sache für Zoar, in

einer Live-Schalte in die Öffentlichkeit zu gehen.

Begeistert erinnert sie sich daran, dass sie beteiligt

wurde, sich einen Text für ihren Beitrag überlegte und

diesen auswendig lernte, um am Tag des Online-

Seminars auch alles mitzuteilen, was ihr wichtig ist.

Die Generalprobe verlief reibungslos, und am Tag der

Übertragung bekam sie Applaus, was sie sehr freute.

Begeistert war Silke Wolff auch davon, dass eine der

Veranstalterinnen sich für ihre Kunstwerke interessierte.

Vielleicht kommt es durch das „BeBinar“ zu einem

Kunstverkauf für sie − oder sogar zu einer Ausstellung.

Wir wünschen es ihr.

Anja Seepe

Zoar-Magazin 1 | 2020

61


BTHG

Bundesteilhabegesetz (BTHG)

Gesetzlicher Rahmen für einen Systembeziehungsweise

Paradigmenwechsel

Unter Berufung auf die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung ist das

Bundesteilhabegesetz (BTHG) erarbeitet und 2016 verabschiedet worden. Am 1.1.2020 ist mit

der dritten Reformstufe des BTHG die neue Eingliederungshilfe in Kraft getreten. Mit ihr sollen

die gesellschaftliche Entwicklung und die moderne Gesetzgebung in Bezug auf

behinderte Menschen auch die Menschen erreichen, die für die Verwirklichung

von Teilhabe und Selbstbestimmung auf institutionalisierte Unterstützung

angewiesen sind. Damit verbunden sind grundlegende Änderungen bei den

Leistungsansprüchen, beispielsweise durch die Trennung von Fachleistungen

und existenzsichernden Leistungen.

Grundsätzlich geht es um

die Neuordnung der

Eingliederungshilfe und

die damit verbundene wünschenswerte

Entwicklung der Inklusion.

Hierbei geht es um nichts weniger als

einen System- beziehungsweise Paradigmenwechsel.

Leistungen

für Menschen, die aufgrund einer

Beeinträchtigung nur eingeschränkte

Möglichkeiten haben, sollen aus dem

bisherigen Fürsorgesystem herausgeführt

und die Eingliederungshilfe

zu einem modernen Teilhaberecht

weiterentwickelt werden. Im Laufe

der stufenweisen Einführung des

BTHG haben wir im Zoar-Magazin

schon mehrfach darüber berichtet;

und zwar in den Exemplaren 3,4/2017,

1/2019 sowie 2/2019. Dieser Bericht

ist somit der vierte zum Thema

„BTHG“. 2023 soll Reformstufe vier

erreicht sein. Diese letzte Reformstufe

wird abschließend auch noch

den leistungsberechtigten Personenkreis

neu definieren.

Reformen sind das Ziel

Denkmuster und Sonderwelten

fallen zugunsten einer neuen

Betrachtungsweise weg. Menschen

mit Beeinträchtigung sind die

Kunden der Sozialunternehmen,

wie zum Beispiel Zoar. In Zukunft

werden sie viel stärker als früher als

Auftraggeber gesehen, für die

passende und speziell auf ihre Person

bezogene Angebote entwickelt

werden. Selbstbestimmung heißt

auch Wahlfreiheit. Dieser Einfachklausel

sollte sich jeder soziale

Dienstleister bewusst sein. Um den

Verlauf des BTHG mit den wichtigen

Reformzielen zu verstehen, müssen

die verschiedenen Seiten betrachtet

werden: Leistungsträger (Städte

und Kommunen, Rentenkassen,

Agentur für Arbeit), Leistungserbringer

(wie zum Beispiel Zoar)

und Leistungsberechtigte (Menschen

mit Beeinträchtigungen).

62 Zoar-Magazin 1 | 2020


BTHG

Wie es zum Beispiel Hans Michael

Eberle, Leiter des Bereichs Teilhabe,

Pflege und Senioren der Stadt

Ludwigshafen, erklärt, ist eine

Bilanzierung der Entwicklungsschritte

bislang noch gar nicht

möglich, „da wir uns noch mitten in

der Umsetzung befinden“. Schließlich

sei dieses Thema an Komplexität

kaum zu überbieten. Der Begriff

„Systemwechsel“ sei da durchaus

angebracht. „Der Systemwechsel

muss in den Köpfen aller beteiligten

Menschen geschehen“, sagte

Referatsleiter Hans Michael Eberle

im Interview. „Gesetzliche Vorgaben

können lediglich Rahmenbedingungen

vorgeben.“

Neue Eingliederungshilfe

Die Vergütung durch Pauschalen

sowie die Trennung zwischen

ambulant, teilstationär und stationär

gibt es seit diesem Jahr nicht mehr.

Schwerpunkte des Wandels liegen

vor allem in der Umsetzung von

mehr Teilhabe; letztlich eine ganz

selbstverständliche Teilhabe

beeinträchtigter Menschen in den

Bereichen Arbeit, Wohnen und

Freizeit. Zum Selbstverständnis der

neuen Eingliederungshilfe gehören

Personenzentrierung, Umsetzung

des Wunsch- und Wahlrechts (zum

Beispiel Wohnform und -ort sowie

passende Assistenz) und Mitwirkung

und Mitbestimmung in Gremien.

Unter diesem Fokus steht zum einen

die Weiterentwicklung der Angebote

der Werkstätten für Menschen mit

Beeinträchtigung und zum anderen

die Weiterentwicklung der Assistenzleistungen

im Bereich Wohnen. Das

Ziel ist überall gleich: mehr Raum

schaffen für Persönlichkeitsentwicklung

und Eigenständigkeit.

In diesem Zusammenhang startete

im September 2017 das Projekt

„WIR sind alle BUNT“, aus dem sich

„WIR gestalten ZUKUNFT“ (Leitung:

Anja Seepe; Anm. d. Red.) entwickelte,

mit einem großen Kick-Off, in dessen

Rahmen Austausch und Begegnung

stattfanden. In verschiedenen

Arbeitsgruppen wurden die Kernthemen

„Wie wollen wir wohnen“,

„Wie wollen wir miteinander

umgehen“, „Wie wollen wir arbeiten“

und „Partnerschaft und Zweisamkeit“

erarbeitet. Ziel war ein

Aktionsplan, der im September 2019

verabschiedet wurde. Dieser enthält

sowohl Maßgaben zur Kommunikation,

um eine Haltungsänderung

deutlich zu machen als auch

konkrete Maßnahmen zur Partizipation.

Außerdem gibt der Aktionsplan

konkrete Handlungsanweisungen für

den respektvollen Umgang miteinander,

so sollte zum Beispiel vor

Betreten eines Zimmers angeklopft

werden. Weil es hierbei um eine

veränderte Haltung und einen

Umgang auf Augenhöhe geht, ist

das „WIR“-Projekt bei Zoar eng mit

einer erfolgreichen Umsetzung des

BTHG verknüpft.

Decken sich Theorie und Wirklichkeit?

In den Informationsveranstaltungen 2019 erhielten die Leistungsanbieter häufig die Rückmeldung von

den Angehörigen sowie gesetzlichen Betreuern und Betroffenen, dass dieses neue System komplexer und

komplizierter ist als das vorherige. Mehr Aufwand. So, wie es war, war es doch gut, so die Äußerung vieler.

Wo ist unser Mehrwert durch das Bundesteilhabegesetz? Viele wünschten sich zwar schon lange einen

individuelleren, personenzentrierten Ansatz, sind aber trotzdem der Meinung, dass das System dafür

nicht in der Gänze hätte reformiert werden müssen.

Das BTHG sieht auch vor, dass der Klient prozessbegleitend einbezogen wird. Zu Beginn steht der Beratungsprozess,

dann die Bedarfsermittlung, dann werden Ziele formuliert, zum Beispiel „Ich möchte lernen mit

dem Bus, mit dem Zug zu fahren“, „Ich möchte einmal die Woche einkaufen gehen“, „Ich möchte einen

Putzplan erstellen“. Gemeinsam werden die Ziele festgelegt. Was sind Deine Ziele? Wo sind Deine

Problemlagen? Wo stehst Du im Moment und welche Unterstützung brauchst Du, um Dein Ziel zu

erreichen? Danach sollte sich die Unterstützung orientieren. Im nächsten Schritt wird überlegt, wer diese

Unterstützung anbieten kann. Erst dann kommt der Leistungsanbieter ins Spiel. Die Leistung, die finanziert

werden soll, ist nun festgelegt. Aus der Vielzahl von Leistungsanbietern wählt der behinderte Mensch mit

Unterstützung des Trägers der Eingliederungshilfe einen Anbieter aus.

Zoar-Magazin 1 | 2020

63


BTHG

Interview mit Volker Conrad, Leiter der Abteilung „Soziale Hilfen“

der Kreisverwaltung Mainz-Bingen, zum Thema „BTHG“

Das Interview führte Alexandra Koch.

Ist die Umsetzung des BTHG gut oder weniger

gut gelungen? Wie hat sich die Eingliederungshilfe

seitdem verändert?

Volker Conrad: Das Ganze ist ein Prozess. Es kann nicht

die Erwartung sein, dass alle, also die Betroffenen, die

Leistungsanbieter und die Träger der Eingliederungshilfe,

das BTHG innerhalb eines Jahres umgesetzt haben. Das

ist ein noch nie dagewesener Systemumbruch in der

Eingliederungshilfe. Das braucht Zeit. Wir kommen aus

einer Ära, in der vor allem beim stationären Wohnen das

Fürsorgeprinzip vorherrschend war, und jetzt möchte

man genau in diesem Bereich mehr Selbstbestimmung.

Das wird noch die ein oder andere kontroverse Diskussion

mit sich bringen. Zur Selbstbestimmung gehört

auch, zu akzeptieren, dass es keine Bewohner mehr gibt,

sondern Mieter von Wohnraum und Menschen, die eine

Dienstleistung zahlen. Daraus ergeben sich Standards,

die auch mit Respekt und Haltung zu tun haben, zum

Beispiel Anklopfen und vorher Bescheid geben, wenn

Fenster geputzt oder Reparaturen durchgeführt werden,

denn die Räume sind ja privat, also sollte man nur mit

Einverständnis eintreten. Menschen mit Behinderung

kommen auch in eine neue Rolle hinein. Dem ein oder

anderen ist das offensichtlich noch gar nicht so bewusst.

In diese neue Rolle müssen viele erst hinwachsen.

Auch das ist ein Prozess. Menschen, die neu in dieses

System kommen, das heißt erstmalig Leistungen

beantragen, sind da wahrscheinlich offener. Da erleben

wir auch ganz andere Vorstellungen und Haltungen,

denn wir hören von diesen Menschen zum Beispiel:

„Wir wollen nicht versorgt werden, sondern selbstbestimmt

leben“. Das sind ganz andere Anforderungen

an uns. Über die Gesamt- und Teilhabeplanung kann

man den Systemwechsel dezidiert deutlich machen.

Kommentare von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung,

die bei Zoar arbeiten und/oder wohnen:

Manfred Lamby; wohnt im Wichernhaus, Inkelthalerhof, Rockenhausen / er kann gut mit Zahlen

umgehen und hat fast jeden Tag den Taschenrechner in der Hand. Warum? Weil er für seine

Mitbewohner gern kleine Einkäufe übernimmt und dann auf den Cent genau abrechnen muss.

Man nenn ihn auch den „wandelnden Einkaufsladen“. Manfred Lamby ist Haussprecher

im Wichernhaus und Mitglied im Bewohnerbeirat.

„Mit Geld umgehen zu können, ist wichtig. Jeder braucht Geld. Damit kauft man

ein und erfüllt sich Wünsche. Auch die Miete muss davon bezahlt werden. Das ist

ja jetzt anders geworden. So wissen wir wenigstens, was das Wohnen kostet. Das

ist gut. Jeder sollte das wissen. Wie das mit der EC-Karte und PIN-Nummer geht,

habe ich einmal gezeigt bekommen. Seitdem mache ich es alleine. Ich habe schon

lange ein eigenes Girokonto. Zu meinen Mitbewohnern habe ich einen guten Kontakt.

Für einige von ihnen kaufe ich, wenn ich in der Stadt bin, mit ein. Was sie brauchen,

schreiben sie mir vorher auf einen Zettel. Manchmal gebe ich auch Kredit. Da ich aber alles ganz

genau aufschreibe, weiß ich immer, von wem ich noch Geld zu bekommen habe.“

64 Zoar-Magazin 1 | 2020


BTHG

Ist der Systemwechsel zur Ablösung des Fürsorgesystems

der Sozialhilfe hin zu mehr Selbstbestimmung

in der Eingliederungshilfe gelungen?

Volker Conrad: Ja. Er befindet sich jedoch noch in der

Umsetzung. Das BTHG setzt genau an dem Punkt an,

nämlich auf Augenhöhe mit Menschen mit Behinderung

die Bedarfserhebung und -planung durchzuführen. Es ist

das große Ziel, dass nicht über die Köpfe der Menschen

mit Behinderung hinweg entschieden wird, sondern dass

man sie ernst nimmt und fragt, was ihre Ziele, Wünsche

und Vorstellungen sind. Wie möchtest Du leben? Mit

wem möchtest Du leben? Wie möchtest Du arbeiten? Wie

möchtest Du Deine Freizeit gestalten? Es ist ein guter

Ansatz des BTHG, dass es bundesweit neutrale Beratungsinstanzen

gibt, deren Aufgabe es ist, Menschen mit

Behinderung zu beraten; das sind hier in der Region zum

Beispiel das ‚ZSL‘, Mainz, und ‚Rhein-Main inklusiv‘.

Dortige Mitarbeiter haben oft selbst eine Beeinträchtigung.

Die Devise lautet, Betroffene unterstützen Betroffene,

beraten vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen

und unterstützen bei der Beantragung von Leistungen.

Die persönliche Einbindung ist ein ganz wichtiger Aspekt.

Die sachgerechte Umsetzung dieses Ziels erfordert

personelle Ressourcen. Es wird wesentlich individueller,

aber auch zeitaufwendiger. Wenn Zoar zum Beispiel

früher ein Geldbetrag als ‚All inclusive‘-Paket überwiesen

wurde, ist es heute so, dass Zoar einen Teil überwiesen

bekommt und der Mensch mit Behinderung ebenfalls,

nämlich einen sehr individuellen Grundsicherungsbetrag,

der ständig überprüft werden muss, weil sich unter

anderem Rentenbeiträge und Regelsätze ändern und

Mieten anpassen. Das, was im ambulanten Bereich,

schon lange normal ist, trifft jetzt eine große Personengruppe,

die in stationären Wohnformen lebt und bisher

immer anders behandelt wurde. Sie bekamen zum

Beispiel ein wöchentliches ‚Taschengeld‘ zur besseren

Einteilung der Finanzen.

Mitwirkung und Mitbestimmung von Menschen mit

Beeinträchtigung sind wichtige Begriffe in diesem

Zusammenhang. Hat sich Teilhabe in beruflicher

und gesellschaftlicher Hinsicht verändert?

Volker Conrad: Das BTHG birgt eine Riesen-Chance,

gerade für Menschen mit hohen Unterstützungsbedarfen,

wo man bislang immer gesagt hat: „Weil Dein

Unterstützungsbedarf so hoch ist, solltest Du im Heim

wohnen“. Mit der besonderen Wohnform wird jetzt alles

viel transparenter. Was bezahlt jemand an Miete?

Michael Zimmermann; wohnt im Bodelschwinghhaus 1, Inkelthalerhof,

Rockenhausen / er malt sehr gerne (seine Bilder wurden in den verschiedenen

Zoar-Publikationen schon mehrfach vorgestellt; Anm. d. Red.). Für die

Malutensilien gibt er gern Geld aus. Trotzdem weiß er mit Geld umzugehen

und schaut sich auch seine Kontoauszüge regelmäßig an. Das macht er schon

immer so, obwohl er einen gesetzlichen Betreuer hat. Seiner Meinung nach,

sollte man sich um die eigenen Sachen so gut es geht selbst kümmern. Daher

findet er den Selbstbestimmungsgedanken des BTHG sehr gut.

„Für mich hat sich bisher nicht viel geändert seit der Einführung vom BTHG. Das ist gut so,

denn Veränderungen mag ich nicht so sehr. Seit der Änderung bleibt auf meinem Girokonto sogar

mehr Geld hängen. Daher kann ich mich nicht beklagen. Seitdem ich die monatlichen Zu- und

Abgänge von meinem Konto sehe, weiß ich erst, wie viel Geld das Wohnen kostet. Das Leben ist

generell teuer. Jeder von uns muss mit seinem Geld haushalten können, besonders, wenn man sich

auch noch private Wünsche erfüllen möchte. Ich zum Beispiel gehe gern essen, wenn wir das nach

der Corona-Zeit hoffentlich bald wieder können, und kaufe mir auch gern mal neue Klamotten.

Ich persönlich finde es gut, hier in dem geschützten Rahmen zu leben. Trotzdem mag ich es auch,

mitzubestimmen und selbst aktiv zu werden.“

Zoar-Magazin 1 | 2020

65


BTHG

Wie hoch ist der Regelsatz? Was ist die Eingliederungshilfemaßnahme?

Noch hapert es bei der personenzentrierten

Finanzierung der Eingliederungshilfemaßnahme.

Das sind langjährige Prozesse. Man kann nicht

von heute auf morgen ein Finanzierungssystem in der

Gänze umstellen. Wir sind bei der Umsetzung des BTHG

noch sehr am Anfang, was ich aber auch gar nicht

negativ sehe. Wir müssen jetzt erstmal den Schritt

schaffen, Fachleistung und Existenzsicherung sauber zu

trennen, um dann die Fachleistung personenzentriert

auszurichten. Damit es Menschen, auch mit hohem

Unterstützungsbedarf, möglich gemacht wird, bei Bedarf

außerhalb von besonderen Wohnformen zu leben.

In welcher Weise hat die Corona-Pandemie die

Reformschritte verzögert oder gar ganz verhindert?

Volker Conrad: Auf verschiedenen Ebenen ist das ein

deutlicher Einschnitt. Wenn Bewohner verselbstständigt

werden sollen, einkaufen zu gehen, dann hat Corona

da sehr viel an guter Entwicklung zunichte gemacht.

Denn da Menschen mit Behinderung zumeist zu den

Risikogruppen zählen, sind sie zum eigenen Schutz

im geschützten Rahmen verblieben, und es sind,

um bei diesem Beispiel zu bleiben, andere für sie

einkaufen gegangen.

Mit Blick auf den BTHG-Umsetzungsprozess sind viele

Besprechungen aufgrund der Corona-Pandemie ausgefallen.

Das verlangsamt den Prozess momentan deutlich.

Es ist aber auch richtig, dass wir verantwortungsvoll mit

der Pandemie umgehen. Der Mensch mit Behinderung

hat verschiedene Lebensbereiche: Arbeit, das wurde ihm

verwehrt beim ersten ‚Lockdown‘, Wohnen in der

besonderen Wohnform und die Herkunftsfamilie.

Und wenn sich das von heute auf morgen auf einen

Lebensbereich reduziert, ist das natürlich eine sehr

massive Einschränkung und Belastung. Es waren

politische Entscheidungen, die getroffen wurden und

die der Pandemie-Lage geschuldet waren und sind.

Hätte man diese Maßnahmen nicht ergriffen, wäre die

Situation für uns alle noch viel kritischer gewesen. Es ist

ein Abwägen. Was ist im Moment wichtiger? Da sind wir

wieder beim Thema Fürsorge und der Spannung

zwischen Fürsorge und Selbstbestimmung. Corona

geschuldet sind aktuell mehr die fürsorgenden Elemente

in den Vordergrund gerückt. Wenn es dann einen Impf-

Thomas Spintler; wohnt im Haus am Park, Zoar Heidesheim / er fühlt sich relativ

fit und kann sich um vieles selbst kümmern. Gern gibt er auch mal Mitbewohnern

Rat, Rentner zum Beispiel haben einen höheren Selbstbehalt, was dazu

führt, dass ihnen monatlich etwas mehr Geld zur Verfügung steht. Andererseits

hat er auch gern seine Ruhe und hält sich in seinem Zimmer auf. Während dem

Corona-Lockdown haben Mitarbeiter für die Hausbewohner eingekauft. Zum

Teil seien sie mit über dreißig Umschlägen mit Geld „losgezogen“. Thomas Spintler

empfand Dankbarkeit dafür, obwohl er es eigentlich gewohnt ist, seine Wege selbst zu

erledigen; eben auch, weil er so aktiv ist.

„Ich finde, es war längst überfällig, uns mehr mitwirken und mitbestimmen zu lassen. Durch Corona ist

vieles wieder verdrängt worden. Dinge haben sich verzögert oder liegen immer noch auf Eis. Rund um das

BTHG gibt es eine Fülle an Informationen. Je nachdem, welche kognitive Einschränkung man hat, ist das

alles mehr oder weniger gut zu verstehen. Jeder sollte in dem Rahmen, der ihm möglich ist und seinen

Fähigkeiten entspricht, selbstbestimmt leben können. Teilhabe am beruflichen und gesellschaftlichen

Leben ist auf jeden Fall sehr wichtig. Ich selbst sehe mich nicht als ausgegrenzt.“

66 Zoar-Magazin 1 | 2020


BTHG

stoff gibt und sich die Lage entspannt, muss man die

BTHG-Umsetzung wieder mehr in den Fokus nehmen.

Wenn man Menschen mit Beeinträchtigungen als

Kunden für zu erbringende soziale Dienstleistungen

sieht, ändert sich das Verhalten gegenüber diesen

Menschen. Sehen Sie das auch so?

Volker Conrad: Ganz klar, ja. Es sind Kunden für eine

soziale Dienstleistung. Wichtig ist da die Transparenz.

Was kostet der soziale Dienstleister? Was kostet die

Fachleistung und welche Leistung wird genau erbracht?

Welche Qualifikationen haben die Mitarbeiter des

sozialen Dienstleisters? Der Mensch mit Behinderung ist

nicht mehr Objekt, sondern er steuert den Prozess, wenn

er einen anerkannten Bedarf hat, aktiv mit.

Tatsache ist, dass die Eingliederungshilfe dem Träger

der besonderen Wohnform bis zum 31.12.2019 einen

Pauschalbetrag gezahlt hat. In diesem Pauschalbetrag

waren Positionen wie Unterkunft und Verpflegung nicht

sauber getrennt von der Fachleistung. Jetzt müssen

aufgrund des Systemwechsels diese Positionen

auseinanderdividiert werden. Durch die Trennung der

Leistungen wird erst richtig transparent, was wie viel

kostet. Was kostet das Wohnen? Was kostet die Fachleistung?

Das nächste wird sein, diese Fachleistungen

personenzentriert zu finanzieren. Da gibt es verschiedene

Denkmodelle, wie das geschehen könnte. Klar ist jedoch,

je personenzentrierter ich die Finanzierung gestalte,

umso mehr kann der Verwaltungsaufwand für alle

Beteiligten steigen. In den ambulanten Bereichen

haben wir diese Finanzierungsstrukturen ja schon lange.

Vorranging dreht es sich um die Bedarfserhebung und

entsprechende Finanzierung. Es ist zwar zeit- und

personalintensiv, birgt aber eine große Chance für

mehr Teilhabe und Selbstbestimmung.

Für den stationären Bereich und die Menschen, die

dort wohnen, ist das eine neue Form, selbst zu

bestimmen, zum Beispiel: Der Regelsatz kommt auf

das private Konto und der Empfänger kann entscheiden,

wie er ihn einsetzt. Wenn ihm das Essen nicht schmeckt,

dann kann er selbstständig die Entscheidung treffen,

woanders sein Essen zu sich zu nehmen. Das ist

auch eine Form der Selbstbestimmung. Diese eigenständige

Entscheidung möchten wir Menschen mit

Kerstin Kessel; wohnt im Haus Rheinblick, Zoar Heidesheim / sie bekommt

Grundsicherung und Blindenhilfe. Bis die Umstellung geklappt hat und

das Geld nach Wochen endlich erstmals auf ihrem Konto eingegangen ist, war

die Erleichterung groß. Denn seit dem 01.01.2020 haben die Mieter ja auch monatliche

Abzüge. Und um diese bezahlen zu können, müssen auch die Zugänge aufs Konto

sichergestellt sein. Jetzt fühlt sich Kerstin Kessel wieder entspannter, zumal ihr die

Blindenhilfe rückwirkend von Dezember 2019 ausgezahlt wurde. Die junge Frau führt

ihre Bankgeschäfte über eine Handy-App online.

Dass so eine Systemumstellung viel Arbeit macht, verstehe ich ja.

Trotzdem war es für mich ärgerlich und nervenaufreibend, denn

irgendwann waren auch meine Rücklagen aufgebraucht. Trotz

meiner Einschränkung versuche ich, aktiv zu sein. Das gelingt mir

eigentlich auch. Natürlich war der Corona-Lockdown für uns alle ein

Rückschritt. Aber es werden auch wieder bessere Zeiten kommen.“

Zoar-Magazin 1 | 2020

67


BTHG

Behinderung zutrauen; und sie erhalten ja die

fachliche Unterstützung, genau bei diesem Punkt in

eine Diskussion einzutreten.

Welche Aufgabe im Zusammenhang mit dem BTHG

beschäftigt Sie derzeit in Ihrer beruflichen Funktion

besonders? Welche Herausforderungen müssen noch

bewältigt werden?

etwas an ihren gewohnten Abläufen zu ändern. Gerade

da sind wir auf die Mitarbeit der Leistungserbringer

angewiesen, diesen Prozess zu unterstützen und die

Menschen genau an diesem Punkt zu ermutigen, sich

mehr zuzutrauen. Prozesse der Verselbstständigung

sollten aktiv unterstützt werden. Das Evangelische

Diakoniewerk Zoar sehen wir in dieser Hinsicht als

verlässlichen Kooperationspartner.

Volker Conrad: Die größte Herausforderung wird sein,

dass die Fachleistung personenzentriert ausgerichtet

wird. Dass der individuelle Bedarf des Menschen auch

finanziell dargestellt wird, weg von der pauschalen

Finanzierung, hin zu einem Finanzierungssystem, das

es berücksichtigt, dass es Menschen mit hohen und

niedrigen Unterstützungsbedarfen gibt. So kann das

System der besonderen Wohnformen durchlässiger

gemacht werden.

Die zweite Herausforderung ist, dass es uns weiterhin

gelingt, Menschen mit Behinderung aktiv in die

Teilhabeplanung einzubinden. Es gibt Menschen,

bei denen das gut klappt; andere, die schon lange in

Wohnheimen leben, können sich oft schwer vorstellen,

Jörg Andreas Petersen; wohnt im Haus Rheinblick, Zoar Heidesheim / er war früher Busfahrer

und befindet sich in Frührente. Er sagt, dass er sich mit seiner psychischen Krankheit

arrangiert und sich sein Zustand stabilisiert hat. Gern würde Jörg Andreas Petersen auf

einem ausgelagerten Arbeitsplatz, am liebsten in einer Buchhandlung, arbeiten. Allerdings

weiß er auch, dass er aufgrund seiner Einschränkung nicht so belastbar ist. Daher würde

er dort gern Teilzeit arbeiten. Er hofft auf die Zeit nach Corona und hält an seinem

beruflichen Teilhabewunsch fest. In seiner Freizeit hört er gern Musik, zum Beispiel

Jazz, Klassik und Christrock.

„Ich bekomme Rente und Grundsicherung. Durch das BTHG und die damit verbundenen

Umstellungen weiß ich jetzt, was Miete, Verpflegung und Assistenzleistungen kosten.

Vieles ist transparenter geworden. Das finde ich gut. Denn so fühlt man sich viel mehr einbezogen.

Es bringt nichts, wenn man zu überbehütet lebt, dann verlernt man die Alltagstauglichkeit.

Als Ersatz für den Heimvertrag bekamen wir den Wohn- und Assistenzvertrag.

Allein schon der Wechsel der Begrifflichkeiten ist ein großer Schritt. Ich fühle mich hier als

Mieter. Wir alle sollten uns mit Respekt und auf Augenhöhe begegnen.“

68 Zoar-Magazin 1 | 2020


BTHG

Interview mit Hans Michael Eberle, Leiter des Bereichs Teilhabe,

Pflege und Senioren der Stadt Ludwigshafen, zum Thema „BTHG“

Das Interview führte Alexandra Koch.

Ist die Umsetzung des BTHG gut oder weniger gut

gelungen? Wie hat sich die Eingliederungshilfe

seitdem verändert?

Hans Michael Eberle: Um diese Frage beantworten zu

können, müssen die verschiedenen Seiten betrachtet

werden: Leistungsträger – Leistungserbringer –

Leistungsberechtigter. Hier handelt es sich um das

sozialrechtliche Dreiecksverhältnis. Wir als Leistungsträger,

aus dessen Sicht ich spreche, sind noch mitten

in der Umsetzung, die ja noch mindestens bis zum

31.12.2022, dem Ende der Umsetzungsvereinbarung

Rheinland-Pfalz, andauern wird. Zudem sind Dinge, wie

die Sozialraumorientierung, die im SGB IX mehrmals

vorgesehen ist, noch nicht umgesetzt. Wenn ich an die

ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit,

Behinderung und Gesundheit; Anm. d. Red.) orientierte

Gesamtplanung denke, sind wir ebenfalls mitten in der

Umsetzung. Daher kann meines Erachtens noch nicht

davon gesprochen werden, ob die Umsetzung des

BTHG gelungen ist.

Ist der Systemwechsel zur Ablösung des Fürsorgesystems

der Sozialhilfe hin zu mehr Selbstbestimmung

in der Eingliederungshilfe gelungen?

Hans Michael Eberle: Meines Erachtens kann ein

Systemwechsel nicht durch gesetzliche Vorgaben

beziehungsweise Veränderungen gelingen. Sie können

lediglich einen Rahmen vorgeben. Ein Systemwechsel

kann nur in den Köpfen aller beteiligten Menschen

geschehen. Und davon sind wir, so meine Meinung,

leider immer noch meilenweit entfernt. Das Wort

‚Inklusion‘ möchte ich da gar nicht erst in den

Mund nehmen.

Ute Ganneck; wohnt im Haus am Park, Zoar Heidesheim / 2019 hat sie ein

Praktikum in der Abteilung Kunst & Gewerbe gemacht. Das hat ihr zwar gut

gefallen, war aber auch anstrengend für sie. Ute Ganneck braucht nach eigener

Einschätzung den geschützten Rahmen mehr als manch anderer und ist daher

froh, dass die Assistenzleistungen so personenzentriert sind. Zurzeit besucht sie

die tagesstrukturierenden Maßnahmen am Zoar-Standort Heidesheim.

„Ich wohne hier seit einem Jahr und fühle mich wohl, trotzdem würde ich aber auch gerne

mal in eine anthroposophische Klinik gehen, weil ich denke, dass die dortige Therapie mir

helfen würde. Ich habe multiple Einschränkungen und traue mir auch nicht so viel zu. Das

Thema ‚BTHG‘ ist komplex. Für mich ist es manchmal kompliziert. Wenn uns das Taschengeld

wöchentlich bar ausgezahlt wird, ist das doch ok. Es war auf jeden Fall einfacher und

nicht so umständlich.“

Zoar-Magazin 1 | 2020

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BTHG

Gern möchte ich ein Beispiel nennen: Seit dem

01.01.2020 haben wir die Trennung der Fachleistungen

von den existenzsichernden Leistungen. Diese Trennung

wirkt sich vor allem bei den bisherigen Wohnheimen,

also den jetzigen besonderen Wohnformen, aus. Gesetzlich

im BTHG vorgesehen ist, dass die Fachleistung direkt

vom Leistungsträger an den Leistungserbringer gezahlt

wird. Die existenzsichernde Leistung sollte normalerweise

an den leistungsberechtigten Menschen direkt gezahlt

werden. Der zahlt dann die Miete selbst an den

Vermieter, und der Regelsatz steht ihm für seinen täglichen

Bedarf, also für Verpflegung, Strom, Kleidung und

Freizeitgestaltung, zur Verfügung. So funktioniert es im

besten Fall, und so ist es auch im BTHG gemeint.

Allerdings gab und gibt es vielfältige Alltagsanpassungen

und Verwässerungen des BTHG. Das ‚All inclusive‘-

Angebot der Leistungserbringer hat eigentlich immer

noch Bestand. Leistungserbringer haben Mietverträge

gestaltet, mit denen die direkte Mietzahlung vom

Leistungsträger an den Leistungserbringer vorgesehen

ist. Diese haben darüber hinaus angeboten, dass die

entsprechenden Anteile des Regelsatzes direkt an den

Leistungserbringer gezahlt werden. Der Einfachheit

halber haben sie zudem angeboten, dass die Barmittel

gleich mit überwiesen werden. Und so haben wir unter

dem Strich eine Situation wie vorher. Alle Leistungen

werden direkt an den Leistungserbringer gezahlt, der

dann wie bisher ‚Taschengeld‘ an den Leistungsberechtigten

auszahlt.

In welcher Weise hat die Corona-Pandemie die

Reformschritte verzögert oder gar ganz verhindert?

Hans Michael Eberle: Selbstverständlich hat die Corona-

Pandemie zu Verzögerungen geführt. Auch mussten wir

erleben, dass Menschen mit und ohne Behinderung in

Pierre Leis; wohnt im Haus Rheinblick, Zoar Heidesheim / er wohnt seit Sommer 2020

dort. Er erzählt, dass er 2001 psychisch krank wurde und sich auch einige Zeit in der

Forensik aufhielt. Davor hat er in der IT-Branche gearbeitet. Da hofft er auch, wieder

beruflich Fuß zu fassen. Momentan liegt Corona bedingt jedoch alles auf Eis. Pierre Leis

macht das meiste allein. Er findet es gut, Eigenverantwortung zu tragen. Bei seinen

Bewerbungen erhält er Assistenz, zum Beispiel, wenn es darum geht, Passfotos machen

zu lassen oder das Anschreiben zu formulieren.

„Seit dem 01.01.2020 bekomme ich etwas mehr Geld als früher. Es bleibt zum Selbstbehalt einfach

mehr übrig. Später möchte ich im Alltag auf jeden Fall wieder Fuß fassen. Hier wohne ich ein Jahr

zur Probe. Das An- und Abmelden im Haus funktioniert mittlerweile gut. An die Hausordnung sollte

sich am besten jeder halten. Dafür ist sie ja da. Ich bin es gewohnt, ein eigenes Konto zu haben. Für

mich ist das nichts, was mir erklärt werden müsste. Während der Corona-Zeit ist der Zusammenhalt

unter den Bewohnern im Haus noch größer geworden. Ich glaube, das ist in allen Häusern so.“

Bei den Gesprächen mit dabei war Melanie Getto, Zoar-Mitarbeiterin am Standort Heidesheim.

70 Zoar-Magazin 1 | 2020


BTHG

dieser Krise unterschiedlich behandelt wurden. Aber wir

dürfen nicht vergessen, es diente dem Schutz dieser

Menschen, von denen viele zur Risikogruppe gehören.

Außerdem sind es Bund-Länder-Verordnungen, deren

Sinnhaftigkeit man nicht anzweifeln sollte. Auch

Vorwürfe sind hier fehl am Platz. Wenn ich mir überlege,

was passiert wäre, wenn zum Beispiel in einer Werkstatt

für Menschen mit Behinderung oder in einem Wohnheim

Corona ausgebrochen wäre, Menschen erkrankt

oder gestorben wären. Nicht auszudenken. Werkstätten

sind in die Wertschöpfungskette eingebunden, wurden

aber nicht wegen wegfallender Aufträge, sondern

aufgrund der Vorsichtsmaßnahmen gegenüber der

Personengruppe geschlossen.

Wenn man Menschen mit Beeinträchtigungen als Kunden

für zu erbringende soziale Dienstleistungen sieht, ändert

sich das Verhalten gegenüber diesen Menschen.

Sehen Sie das auch so?

Hans Michael Eberle: Im Bundessozialhilfegesetz hat

man noch von Hilfesuchenden und Hilfeempfängern

gesprochen. Dann kam zum 01.01.2005 das SGB XII

und hat das Bundessozialhilfegesetz abgelöst. Darin

wurde erstmals von nachfragenden Personen und

Leistungsberechtigten gesprochen. Das SGB IX spricht

auch heute nicht von Kunden. Im Gesetz ist mir diese

Begrifflichkeit fremd.

Hilfeempfänger – Leistungsberechtigter: Es kommt

immer auf das Individuum an. Wie gehe ich mit den

Menschen um? Wie verwende ich Sprache? Sehe ich

einen Menschen, egal, ob er Grundsicherung oder

Eingliederungshilfe beantragt, als Hilfesuchenden und

Hilfeempfänger? Oder sehe ich ihn als einen Menschen

an, der auf diese Leistung einen Anspruch hat. Im BTHG

ist es sogar so geregelt, dass wir bei jedem Prozessschritt

den Menschen mit Behinderung zu beteiligen haben.

Das macht sehr viel Arbeit und ist daher personalintensiv.

Ein Beispiel: Wir hatten bisher sechs Stellen fürs

Fallmanagement Eingliederungshilfe; ab 2020 stehen

mir dafür in diesem Bereich zwanzig Mitarbeiter zur

Verfügung. Wir haben massiv Personal aufgestockt,

um diesem gesetzlichen Auftrag, den Menschen mit

Behinderung am Prozess zu beteiligen, nachzukommen.

Wir setzen im Fallmanagement Mitarbeiter ein, die ein

Studium der Sozialen Arbeit haben; außerdem erhalten

sie berufsbegleitend eine 18-modulige zertifizierte

Weiterbildung zum Fallmanager. Sie stehen im

Frank Theobald, Hausleiter Falkhaus, Inkelthalerhof Rockenhausen

„Wir merken, dass die Veränderung für manche schwer zu verstehen ist, weil

es eben ganz lange anders war. Die Menschen wurden mehr betreut und Dinge

wurden für sie entschieden. Heute stehen Selbstbestimmung und Eigenverantwortlichkeit

im Mittelpunkt; auch unterstützt durch das BTHG. Trotzdem ist es für

manche unserer langjährigen Bewohner zu viel. Sie können damit nicht umgehen.

Sind hospitalisiert. Wir müssen das immer am jeweiligen Einzelfall sehen. Alles funktioniert

eben sehr personenzentriert. Der mögliche Grad der Mitbestimmung und Mitwirkung hängt auch

von den persönlichen Möglichkeiten ab und davon, in wie weit die Mieter dies überhaupt möchten.

Manche ja, manche nein; bei denen erledigt die Bankgeschäfte dann der gesetzliche Betreuer, so wie

die anderen Formalitäten auch.

Bei einigen, die hier wohnen, bleibt finanziell mehr hängen als früher. Das ist gut. So wird zum Beispiel

eventuelles Vermögen nicht mehr komplett für den Platz in der besonderen Wohnform angerechnet. Früher

war das dann weg. Auch von der Rente bleibt mehr für den Einzelnen übrig. Auf der anderen Seite finde ich

es auch gut, dass die Kosten für Miete, Verpflegung und Assistenz nun offen liegen. So weiß jeder, was das

Leben kostet. Außerdem misst man Dingen, die etwas kosten, einen größeren Wert bei.“

Zoar-Magazin 1 | 2020

71


BTHG

unmittelbaren Kontakt zu den Leistungsberechtigten

und schauen sich den betroffenen Menschen

ganzheitlich an, auch in dessen Umfeld.

Ein Miteinander auf Augenhöhe – zuhören, ernst

nehmen, nicht über Köpfe hinweg entscheiden.

Diese Wünsche äußerten viele Teilnehmer der Zoar-AGs

zum Thema „WIR gestalten ZUKUNFT“. Sind Sie der

Ansicht, dass das BTHG und seine Umsetzung in vier

Reformstufen genau dort ansetzt? Ist es idealerweise

so entworfen und geplant, dass es den Menschen

in den Mittelpunkt stellt?

Hans Michael Eberle: Das Bundesteilhabegesetz setzt

genau dort an, denn es spricht zum Beispiel von Sozialraumorientierung.

Was ist das? In Ludwigshafen haben

wir mit Zoar und vier anderen Leistungserbringern eine

Art Kooperation geschlossen, mit dem Ziel an einem

Modellprojekt des Landes teilzunehmen. Wir möchten

ein gemeinsames Verständnis dafür entwickeln, was

Sozialraumorientierung ist und auch so arbeiten.

Der ‚Papst‘ der Sozialraumorientierung ist Professor

Wolfgang Hinte. Er war schon einige Male hier in

Ludwigshafen. Er begleitet uns zu diesem Thema.

Außerdem sehen wir uns gut funktionierende

Beispiele mit Vorbildcharakter an, zum Beispiel in

Husum. Auch hier in Ludwigshafen soll ein Modellprojekt

entstehen. Dafür müssen wir jedoch erst eine

gemeinsame Sprache finden, denn oftmals gibt es

verschiedene Vorstellungen, so auch zu den Begriffen

‚Inklusion‘ und ‚Sozialraumorientierung‘.

Das SGB IX stellt den Menschen in den Mittelpunkt.

Der Mensch soll an allen Schritten im Rahmen der

Gesamtplanung beteiligt werden. Umsetzung der

Selbstbestimmung − wenn uns das gelingt, dann

haben wir Inklusion. Selbstbestimmung des

Jennifer Helt-Armbrüster, Zoar-Mitarbeiterin der Finanzbuchhaltung

Das BTHG in seiner Umsetzung ist aufwendig, vor allem im Bereich der Finanzbuchhaltung.

Früher wurde eine Rechnung an den Kostenträger gestellt. Heute

muss für alles separat eine Rechnung geschrieben werden. Die Rechnungsstellung

hat sich vermehrt und verändert. Heute gehen Gelder ein, die man erst nach intensiver

Recherche zuordnen kann. Die Zahlungseingänge kommen von vielen unterschiedlichen Stellen: von

diversen Kostenträgern, aus privater Hand, von Rententrägern und vom Grundsicherungsamt. Früher

waren die meisten eingehenden Beträge immer gleich und konnten einfach und schnell

verbucht werden. Heute ist alles sehr diffizil geworden.

Problematisch wird es auch aufgrund der dynamischen und nicht statischen Strukturen.

Grundsicherungs- und Rentenbescheide zum Beispiel ändern sich aufgrund von Anpassungen

regelmäßig, daher müssen sie in bestimmten Abständen alle händisch überprüft werden; und das

bei uns für 570 Menschen mit Beeinträchtigung. Das muss sauber organisiert sein, sonst wird es

chaotisch. Gerade für Menschen mit Beeinträchtigung sind klare Strukturen wichtig. So waren

sie es gewohnt, und so waren auch die Geldzuflüsse und -abgänge ordentlich geregelt. Gut.

Jede Veränderung bringt immer erst einmal Unruhe und Mehraufwand mit sich. Das ist normal.

2019 gab es ja viele Informationsveranstaltung für die Betroffenen. Und die, die fit sind und fest

im Leben stehen, schaffen das auch gut, wo sie vielleicht früher unterschätzt wurden.

Alle sind gefordert.“

72 Zoar-Magazin 1 | 2020


BTHG

Menschen mit Behinderung bedeutet, im Gesetz wird

von Wunsch- und Wahlrecht gesprochen, dass der Wille

des Menschen das Entscheidende ist und nicht das, was

Leistungsträger und Leistungserbringer meinen, was für

den Menschen aus professioneller Sicht gut wäre. Wenn

wir den Willen des Menschen als Maß setzen und dies in

der Gesamtgesellschaft so umsetzen, dann ist Inklusion

gelungen. Dafür ist es unabdingbar, dass der Mensch mit

Behinderung seinen Willen äußert. Was will er? Das muss

er uns sagen.

Welche Aufgabe im Zusammenhang mit dem

BTHG beschäftigt Sie derzeit in Ihrer beruflichen

Funktion besonders? Welche Herausforderungen

müssen noch bewältigt werden?

Hans Michael Eberle: Die Umsetzung des BTHG ist sehr

personalintensiv. Es wird zunehmend zum Problem

werden, an die entsprechenden Fachkräfte heranzukommen.

Durch die Umsetzungsvereinbarung

auf Landesebene, die besagt, dass es ein Basismodul

und sieben Leistungsmodule geben wird,

haben wir im zweiten Halbjahr 2022 noch einmal

ähnlich Großes vor wie 2019/20. Wir hier in

Ludwigshafen müssen dann erneut rund 1.300

Fälle in die Hand nehmen, zur ICF (Internationale

Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung

und Gesundheit; Anm. d. Red.) basierten

Bedarfsermittlung; daraus dann die Verknüpfung

zur Finanzstruktur Eingliederungshilfe. Bis dahin

sollten sich Land und Leistungserbringer über die

neue Finanzstruktur einig geworden sein. Ich bin

gespannt, wann wir als Leistungsträger in die

Lage versetzt werden, das Ganze anzuwenden.

Wobei wir wieder beim Punkt wären: Das Ganze

ist ein Prozess.

Alexandra Koch

Statement von Kurt Philipp,

Strategische Ausrichtung Eingliederungshilfe / Projektleitung BTHG

Das BTHG hat für viele Menschen Ansatzpunkte in Bezug auf mehr Selbstbestimmung

vorgesehen. Vieles davon ist auf dem Weg, aber einige wünschenswerte Auswirkungen sind

nur in Ansätzen wahrnehmbar. Bei den Leistungserbringern der besonderen Wohnformen

ist die Verunsicherung über eine fehlende landesweite Vereinbarung bezüglich der

Vorgehensweise und Umsetzung deutlich spürbar. Es gibt im Landesrahmenvertrag Punkte,

die noch nicht einvernehmlich geklärt werden konnten, und auch fehlende Vereinbarungen

zwischen den Mitwirkungsgremien, der Liga und dem Land als Träger der Eingliederungshilfe.

Die gewollte zunehmende Individualität scheitert noch an fehlenden generellen Strukturen. Denn, um die

Umsetzung dieser Individualität gewährleisten zu können, sind verlässliche Vereinbarungen beziehungsweise

Spielregeln, die als Qualitätsstandard im Sinne der Partizipation und Selbstbestimmung zu sehen

sind, erforderlich.

Da die entsprechenden Instrumente und Strukturen diese Qualitätsstandards noch nicht gewährleisten

können und ein wahrnehmbarer Sparwillen bei den Kommunen spürbar ist, hat dies auch Einfluss auf die

Entwicklung der Umsetzung des BTHG. Zurzeit erfolgt die Umsetzung noch nach den jeweiligen Vorstellungen

der einzelnen Kommunen, denn die klaren, landesweiten Regeln lassen auf sich warten. Die hier

notwendigen Gespräche wurden mittlerweile wieder aufgenommen, ohne dass es bisher zu gemeinsamen

Vereinbarungen kam. Deutlich wird jedoch, dass sich die positive Entwicklung des BTHG für die Menschen

mit Beeinträchtigung nicht umkehren lässt und sie auch weiterhin in die richtige Richtung zu mehr

Eigenverantwortlichkeit läuft. Für das Evangelische Diakoniewerk Zoar gilt es, den beschrittenen Weg

weiter zu verfolgen und in den Lebensbereichen und Organisationsabläufen, in denen Partizipation und

Selbstbestimmung noch nicht adäquat umgesetzt werden, die entsprechenden Veränderungen unter

der Beteiligung aller vorzunehmen.“

Zoar-Magazin 1 | 2020

73


BTHG

Bundes-Teilhabe-Gesetz (BTHG)

Das Bundes-Teilhabe-Gesetz gibt es seit 2016. Es wird in mehreren Reform-

Stufen umgesetzt. Am 1.1.2020 ist mit der dritten Reform-Stufe die neue

Eingliederungs-Hilfe in Kraft getreten. Grund-legende Änderungen bei

den Leistungs-Ansprüchen gehören dazu, zum Beispiel die Trennung von

Fach-Leistung und existenz-sichernder Leistung.

Die Eingliederungs-Hilfe wird neu geordnet. Die Inklusion wird verbessert.

Das ist ein wichtiger System-Wechsel. Leistungen an Menschen mit

Beeinträchtigung sollen aus dem bisherigen Fürsorge-System herausgeführt

werden. So soll ein modernes Teilhabe-Recht entstehen. 2023

soll Reform-Stufe vier erreicht sein. Das ist dann die letzte Reform-Stufe.

Reformen sind das Ziel

Menschen mit Beeinträchtigung sind die Kunden der Sozial-Unternehmen,

wie zum Beispiel Zoar. Wir nennen sie auch Nutzer. Für sie werden

passende und speziell auf ihre Person bezogene Angebote entwickelt.

Selbst-Bestimmung heißt auch Wahl-Freiheit. Es gibt verschiedene

Beteiligte: Leistungs-Träger (Städte und Kommunen, Renten-Kassen,

Agentur für Arbeit), Leistungs-Erbringer (Zoar) und Leistungs-Berechtigte

(Menschen mit Beeinträchtigung). Die Vergütung durch Pauschalen sowie

die Trennung zwischen ambulant, teil-stationär und stationär gibt es nicht

mehr. Schwer-Punkte liegen vor allem in der Umsetzung von mehr Teil-Habe.

In diesem Zusammen-Hang startete im September 2017 das Projekt

„WIR sind alle BUNT“, aus dem sich „WIR gestalten ZUKUNFT“, unter der

Leitung von Anja Seepe, entwickelte. Ziel war ein Aktions-Plan, der im

September 2019 verabschiedet wurde. Dieser enthält Maß-Gaben zur

Kommunikation und Teil-Habe. Außerdem gibt der Aktions-Plan

74 Zoar-Magazin 1 | 2020


BTHG

Handlungs-Anweisungen für den respekt-vollen Umgang miteinander,

so sollte zum Beispiel vor Betreten eines Zimmers angeklopft werden.

Weil es hierbei um eine veränderte Haltung und einen Umgang auf

Augen-Höhe geht, ist das „WIR“-Projekt bei Zoar eng mit einer

erfolgreichen BTHG-Umsetzung verbunden.

Gespräche über das BTHG

Zum Thema BTHG führte Zoar-Mitarbeiterin Alexandra Koch viele unterschiedliche

Gespräche: mit Volker Conrad, Leiter der Abteilung „Soziale Hilfen“

der Kreis-Verwaltung Mainz-Bingen, mit Hans Michael Eberle, Leiter des

Bereichs Teil-Habe, Pflege und Senioren der Stadt Ludwigshafen, mit

Manfred Lamby, Michael Zimmermann, Thomas Spintler, Kerstin Kessel,

Ute Ganneck, Jörg Andreas Petersen und Pierre Leis sowie mit Frank Theobald

und Jennifer Helt-Armbrüster. Kurt Philipp, strategische Ausrichtung

Eingliederungs-Hilfe und Projekt-Leitung BTHG, gab einen Kommentar ab.

Es wurden verschiedene Fragen gestellt. Alle antworteten mit ihrem

speziellen Erfahrungs-Hintergrund. Wer möchte, kann die Antworten auf

den Seiten 64 bis 73 nachlesen. Fragen können an die Zoar-Redaktion gestellt

werden. Wir leiten sie gern weiter.

Zoar-Magazin 1 | 2020

75


Ehrenamt & Engagement

Monika Beyer: 2. Vorsitzende des Fördervereins Zoar

Soziales Engagement als ein wichtiger

Bestandteil des Lebens

Der Beruf war für sie

Berufung. Studiert hat sie

Biologie, Geografie und

Politik in Mainz – für Lehramt

Gymnasium. Von Anfang an hatte

Monika Beyer ihre speziellen Vorstellungen,

vor allem, was ihre berufliche

Zukunft betrifft. Sie wollte nicht

einfach unterrichten: „Ich war zwar

Gymnasiallehrerin, wollte aber nicht

an einem Gymnasium arbeiten. Ich

wollte Kinder aller gesellschaftlichen

Schichten von der 5. Klasse bis zum

Abitur unterrichten. Das war nur an

den inzwischen neu gegründeten

Integrierten Gesamtschulen

möglich“, sagt Monika Beyer. Ihr

Wunsch wurde erfüllt. Nach dem

erfolgreich abgeschlossenen

Studium war sie als Lehrerin an einer

IGS (Integrierte Gesamtschule) in

Wiesbaden und dann an einer IGS in

Mainz tätig. Seit 2013 befindet sie

sich im (Un)ruhestand. Auch diese

Lebensphase hat sie, gemäß ihrer

aktiven Lebensplanung, aktiv geplant

und gestaltet und verbringt sie mit

vielfältigem sozialem Engagement.

Monika Beyer (72) aus Mainz ist

verheiratet und hat eine erwachsene

Tochter. 40 Jahre lang arbeitete

Monika Beyer als Lehrerin.

Vor dem Erlebnisbad „Rheinwelle“ in Gau-Algesheim

bei Ingelheim: (v.l.n.r.) Martina Brühl, Monika Beyer

und „Mister X“ mit Maske

Für Monika Beyer war es immer

wichtig, Menschen mit Beeinträchtigung

in ihren speziellen Bedürfnissen

personenzentriert zu unterstützen

und für deren Rechte einzutreten.

Schon während ihrer Schulzeit war

sie sozial engagiert. „Ich habe zum

Beispiel kinderreiche Familien und

alleinstehende Mütter an zwei Nachmittagen

die Woche unterstützt. Das

lief über den kirchlichen Dienst. Ich

habe auch Nachhilfe gegeben und an

den Wochenenden im Krankenhaus

Patienten vorgelesen und Hilfsarbeiten

in der Pflege verrichtet“,

erzählt sie. Später während des

Studiums war sie im Rahmen der

Studentenbewegung engagiert; das

schloss neben studentischer Selbstverwaltung

politische Arbeit mit

Jugendlichen über die Gewerkschaften

ein. Soziales Handeln war

und ist in ihrem Leben ein ganz

wichtiger Aspekt.

Ehrenamt bei Zoar, wie ist es?

Schon seit langer Zeit hat sie regelmäßigen

Kontakt zu Zoar-Einrichtungen

in Heidesheim, was nicht

weit von ihrem Zuhause entfernt ist.

76 Zoar-Magazin 1 | 2020


Ehrenamt & Engagement

Ihre Tochter wohnt im Haus „Rheinblick“

auf dem Gelände des Zoar −

Rheinhessischen Diakonie-Zentrums.

„Die Mitarbeiter sind so liebevoll und

so engagiert und haben so viel zu

tun. Sie haben darüber hinaus so

tolle Ideen, die sie aber nicht immer

umsetzen können, da die Zeit fehlt.

Das finde ich schade. Aus diesem

Grund habe ich mir gedacht, die

Mitarbeiter, wenn möglich, zu unterstützen“,

sagt Beyer. So begann ihre

ehrenamtliche Tätigkeit beim

Evangelischen Diakoniewerk Zoar.

In dieser Funktion ist sie nicht nur

für ihre Tochter da, sondern für

viele Bewohner.

Monika Beyer ist ein Mensch, der

zuhören kann und es auch tut. Wenn

die Bewohner des Hauses „Rheinblick“

sie sehen, freuen sie sich und

kommen gern mit ihr ins Gespräch.

Sie hat ein offenes Ohr für alles und

jeden. „Sehr interessant sind die

Lebensgeschichten der Bewohner,

ihre verborgenen Talente und ihre

Lebenserfahrungen. Ich höre zu,

wenn sie erzählen; zum Beispiel wie

sie ihre Krankheit verarbeiten, oft

mit fröhlicher Selbstironie.“ Mit

einigen Bewohnern ergab sich unter

anderem ein gemeinsames Kartenund

Brettspiel, mit anderen ein

längerer Spaziergang. Freundinnen

ihrer Tochter hat sie zum Shoppen

begleitet, Bücher auf Wunsch weitergegeben,

einen Ausflug in den

Rheingau organisiert und durchgeführt

und vieles mehr.

Aktivitäten, Bewegung

und Ausflüge machen Spaß

und tun gut

Im Rahmen ihres ehrenamtlichen

Engagements bei Zoar in Heidesheim

bringt sie viel Abwechslung ins Leben

der Bewohner. Das schafft sie auch

durch die Organisation verschiedener

Aktivitäten. Die meisten Ideen hat

sie zusammen mit der Mutter einer

anderen Bewohnerin ins Leben

gerufen. Sie heißt Corina Hagedorn-

Hähnel. „Bewegung und Ausflüge

machen Spaß und tun gut.“ Das

dachten sich Corina Hagedorn-

Hähnel und Monika Beyer und sind

da einer Meinung. Von diesem

Tandem gingen viele gute Ideen aus,

die dann auch, leider nur zum Teil,

umgesetzt wurden; zum Beispiel

Kino-Besuche, Üben von Bus- und

Bahnfahrten, Minigolf im sommerlichen

Bad Kreuznach mit wunderbarem

Picknick und vieles mehr.

Leider kann Corina Hagedorn-Hähnel

aus gesundheitlichen Gründen nicht

mehr am Aktiv-Programm teilnehmen,

aber das ist ja aktuell

aufgrund der Corona-Krise ohnehin

komplett gestrichen. „Ich bin Frau

Hagedorn-Hähnel sehr dankbar für

die zurückliegende Unterstützung

und ihr Engagement.“

Aktuell hat Monika Beyer auch

andere Unterstützer. Dieses

Engagement, das sie im Rahmen

ihres Ehrenamts anbietet, wird von

Bewohnern der Zoar-Einrichtungen

sehr geschätzt. Auch bei zahlreichen

Zoar-Veranstaltungen ist sie dabei,

Vor der Corona-Krise − glücklich in gemeinsamer

Runde: (v.l.n.r.) Heiko Reidenbach, Monika Beyer,

Susanna Salfelder und Sascha Heinze

zum Beispiel beim Singen, organisiert

vom Zoar-Besuchsdienstkreis in

Heidesheim. Das gemeinsame Feiern

im Advent, Sommerfeste, Fastnachtssitzungen,

aber auch inhaltsreiche

Arbeit in fachlichen Workshops oder

die glücklichen Gesichter im Rahmen

der Schwimmbadbesuche beim

Eintauchen ins Wasser – all das

begeistert Monika Beyer immer

wieder aufs Neue.

Schwimmgruppe und Minigolf

Eine Aktion, die vielen Teilnehmern

große Freude bereitet, ist die sogenannte

„Schwimmgruppe“;

entstanden auf den speziellen

Wunsch der Bewohner. Schnell

fanden sich sechs „Wasserratten“,

die nun einmal im Monat in das

Erlebnisbad „Rheinwelle“ in Gau-

Algesheim bei Ingelheim fahren.

„Wir freuen uns, dass wir unterstützt

werden, zum Beispiel vom Förderverein

Zoar. Der Verein zahlt den

Eintritt ins Schwimmbad und je ein

Getränk“, erzählt die Ehrenamtliche.

Inzwischen ist aus dem

Schwimmbad-Besuch eine schöne

Tradition geworden, mit teilweise

wechselnden Teilnehmern. Nicht

nur der Besuch des Schwimmbads

kommt gut an, sondern auch Mini-

Zoar-Magazin 1 | 2020

77


Ehrenamt & Engagement

Was hat Corona verändert? Wie war das Leben in dieser Zeit?

Wie geht es weiter?

Der Ausbruch der Corona-Krise hat das Leben und den Alltag vieler Menschen

verändert. Kaum etwas ist so geblieben, wie es war. So war es auch beim

Evangelischen Diakoniewerk Zoar. Nicht leicht war diese Zeit für alle Bewohner.

Auf einmal war alles anders. Es gab keine Veranstaltungen und Besuche

mehr. Das war hart, auch für Monika Beyer. „Ich konnte die Zeit nicht mehr

mit den Bewohnern verbringen. Ich habe sie alle sehr vermisst. Diese Zeit

war für mich sehr traurig.“ Gerade deswegen wollte sie das Leben der

Bewohner in dieser Zeit etwas schöner machen. Dank der Unterstützung

des Fördervereins ist sie auf die tolle Idee gekommen, Eis an alle Bewohner

zu verteilen. „Ich habe unsere Lebensmittelmärkte fast leer gekauft. Das

hat sich aber gelohnt. Die Bewohner haben sich sehr gefreut.“

Vor allem in den letzten „Corona“-Monaten waren die Mitarbeiter in den

Zoar-Wohnanlagen und Einrichtungen extrem gefordert: Werkstätten

geschlossen, keine Besuche der Angehörigen, keine Ehrenamtlichen zur

Unterstützung, Sorge um die eigene Gesundheit, stressige Vorsichtsmaßnahmen

und Abstandsregelungen, immer wieder Erklärungen und der

Aufbau einer völlig neuen Tagesstruktur für viele Bewohner. „Ich als Mutter

und Betreuerin habe hier in Heidesheim die Erfahrung gemacht, dass diese

Mammutaufgabe hervorragend gelungen ist. Unsere Tochter hat keine

zusätzlichen Ängste, Mängel oder Einschränkungen empfunden. Sie wurde

ja toll betreut und versorgt und hatte viel Abwechslung im Haus mit den

anderen Bewohnern. Dazu konnten sie sich bei herrlichem Wetter in dem

wunderschönen Park bewegen. Für dieses große Engagement, die zusätzliche

Arbeit und kreativen Problemlösungen bin ich den Zoar-Mitarbeitern

außerordentlich dankbar. In erster Linie sage ich das als Angehörige, aber

auch im Namen des Fördervereins Zoar. Vielen herzlichen Dank!“

Zwischenzeitlich wurden die Maßnahmen gelockert. Das sind gute Nachrichten.

Alle hoffen, dass es so bleibt. Ehrenamtliche durften die Bewohner

auf der Wiese vor dem Haus treffen, sich begegnen und austauschen, natürlich

mit Mund- und Nasenschutz.

Ab August durfte das Schwimmbad

wieder besucht werden. Immer mehr

Bewohner haben Interesse daran.

Bewegung tut einfach gut und sorgt

für Abwechslung. „Ich freue mich

so sehr, dass das für viele Bewohner

so etwas Besonderes ist und dass

sie diese Aktionen voller Vorfreude

herbeisehnen.“ Nach der Corona-

Krise werden alle diese Aktivitäten

wieder möglich sein.

Monika Bayer

golf. „Da das Schwimmbad während

der Schulferien im Sommer oft stark

besucht ist, hatten wir die Idee, mit

der Gruppe mal eine andere sportliche

Freizeitaktivität zu unternehmen.

Da fiel uns Minigolf ein.

Und so fuhren wir in den wunderschönen

Oranienpark nach Bad

Kreuznach“, erinnert sich Beyer. Bei

den hohen Temperaturen im Juli des

vergangenen Jahres boten die alten

Bäume angenehmen Schatten und

somit einen richtig guten Platz für

ein gemütliches Picknick.

Förderverein Zoar e.V.

„In der hinzugewonnenen Freizeit

nach meiner Pensionierung habe ich

viel gelesen, in einem Chor gesungen

und einige Kurse zur Betreuung

gemacht, da unsere Tochter sich

gewünscht hat, dass wir ihre gesetzlichen

Betreuer sein sollten“, erzählt

Monika Beyer. Seit dieser Zeit hat sie

Zoar besser kennengelernt, und ist

begeistert von der Arbeit dort. Das

Wort „Unterstützung“ bedeutet für

sie sehr viel. Ihr Mann und sie hatten

dann die Idee der Gründung eines

Fördervereins; diese gaben sie weiter

an den damaligen Zoar-Direktor

Peter Kaiser und Regionalleiterin

Monja Seckler-Classen. „Jede Schule

hat einen Förderverein, Zoar damals

nicht, nur in Alzey“, erinnert sich

Monika Beyer. Dann war es irgendwann

klar, dass für Zoar ein Förderverein

gegründet werden soll. Gesagt,

getan. Im März 2016 wurde ein Zoar

übergreifender Förderverein mit

Hauptsitz Rockenhausen gegründet.

Erster Vorsitzender wurde Apotheker

Ullrich Geib. Monika Beyer wurde

zur zweiten Vorsitzenden gewählt.

Mit diesem Amt war und ist sie

sehr zufrieden. Die Zusammenarbeit

zwischen ihr und Ullrich Geib

funktioniert gut.

Diana Aglamova

78 Zoar-Magazin 1 | 2020


Wir stellen vor

Der Inklusionator

© Thomas Rothländer

Teil 2 der Comic-Serie von Thomas Rothländer zeigt

den Inklusionator erneut in Aktion. Es gibt viel zu

tun, und der Inklusionator möchte am liebsten

überall gleichzeitig sein. Aber klonen kann er sich nicht,

zumindest noch nicht. Trotzdem ist er immer zur richtigen

Zeit am richtigen Ort, zum Beispiel wie in dieser Geschichte,

um dem König das Leben zu retten. Diese Kurzgeschichte

schrieb Thomas Rothländer im Herbst 2019.

Thomas Rothländer

Der Inklusionator wurde von Thomas Rothländer erfunden

und am PC „geschaffen“. Thomas Rothländer arbeitet in den

Zoar-Werkstätten Kaiserslautern. „Sein“ Inklusionator agiert

im Bild und ist einfach zu verstehen. Er hilft und handelt.

Seine Aktionen und seine Erscheinung sind anschaulich.

Er trägt das „Z“ für Zoar auf der Brust und reckt den Arm

siegessicher nach oben. All das sind starke Symbole, die ohne

viele Worte zu verstehen sind. In dieser Comic-Reihe ist der

Superheld die Hauptperson. Er ist nicht nur stark, sondern

auch klug; und er setzt sich für die Gemeinschaft ein.

Alexandra Koch

Zoar-Magazin 1 | 2020

79


Wir stellen vor

Der Inklusionator wird von einem König in seine

Burg gerufen, um über seine Fortschritte bei der

Inklusion zu berichten. Er fliegt mit seinem

Düsenjet in das Land des Königs, der seit Jahren

im Rollstuhl sitzt, und freut sich auf eine nette

Begegnung und interessante Gespräche mit ihm.

Auf der Burg angekommen, wird der Inklusionator

herzlich begrüßt und hereingebeten, um in der

Burg die Nacht zu verbringen und um gemeinsam

mit dem König zu speisen.

80 Zoar-Magazin 1 | 2020


Wir stellen vor

Nach dem ausgiebigen Abendessen und dem Gespräch liegt der König noch lange wach.

Die Pfeife, sein kleines Laster, liegt neben ihm auf dem Nachttisch. Leider vergisst er, sie

auszumachen. Es entsteht ein Brand mit Rauchentwicklung. Aber, zum Glück, ist ja der

Superheld „Inklusionator“ in der Burg und schreitet, ohne zu zögern, zur Tat. Er nimmt den

Feuerlöscher und löscht den Brand im Schlafgemach des Königs, womit er diesem das Leben

rettet. Der König hätte sich aufgrund seiner Beeinträchtigung nicht selbst helfen können.

Am nächsten Morgen bedankt sich der König herzlich beim Inklusionator.

Er findet, dass der Inklusionator Fortschritte bei der Inklusion gemacht hat.

Sie verabschieden sich und sind sich einig, dass Inklusion notwendig ist und

immer weiterentwickelt werden muss.

Zoar-Magazin 1 | 2020

81


Wir wünschen Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest

mit diesem Gedicht von Rainer Maria Rilke.

„Es treibt der Wind im Winterwalde

die Flockenherde wie ein Hirt

und manche Tanne ahnt wie balde

sie fromm und lichterheilig wird.

Und lauscht hinaus: den weißen Wegen

streckt sie die Zweige hin – bereit

und wehrt dem Wind und wächst entgegen

der einen Nacht der Herrlichkeit.“

Für das neue Jahr wünschen wir Ihnen alles erdenklich Gute,

vor allem Gesundheit, Zuversicht, Wohlergehen und Gottes Segen.

Die „Zoar-Magazin“-Redaktion

82 Zoar-Magazin 1 | 2020


Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Im Mittelpunkt der Tätigkeiten des Evangelischen

Diakoniewerks Zoar und seiner Tochtergesellschaften

steht der hilfebedürftige Mensch.

Zoar bietet ein breites Angebot in der Betreuung,

Pflege, Förderung und Beschäftigung der Menschen,

die Unterstützung brauchen, und ist somit auch ein

bedeutender Arbeitgeber an den Standorten

Alsenz, Alzey, Bad Kreuznach, Brücken, Heidesheim,

Ingelheim, Kaiserslautern, Kirchheimbolanden, Kusel,

Ludwigshafen, Mainz, Rockenhausen und Winnweiler.

In Zeiten der institutionellen Geldknappheit und

dünner Personaldecken im sozialen Bereich sollten

Haupt- und Ehrenamtliche bei der Ideenfindung

und -umsetzung nicht ständig an finanzielle Grenzen

stoßen, wenn es darum geht, Menschen mit Beeinträchtigung

zu fördern. Im Rahmen der begleitenden

Assistenz können Spenden sinnvoll, vielfältig und

nachhaltig eingesetzt werden.

Auch Sie können dabei helfen. Helfen tut gut!

Sprechen Sie uns an!

Selbstverständlich sind Spenden und Mitgliedsbeiträge

steuerlich absetzbar, da wir gemeinnützig sind.

Es grüßen Sie herzlichst,

Förderverein Zoar e.V.

Ullrich Geib

Monika Beyer

1. Vorsitzender 2. Vorsitzende

Porto

bezahlt

Empfänger

Interessieren Sie sich für den Förderverein Zoar e.V.

und/oder möchten Sie Mitglied werden?

Füllen Sie einfach die Rückseite dieser Postkarte aus

und schicken Sie sie an den Förderverein Zoar mit

Sitz in Rockenhausen.

Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldung und werden

uns zeitnah bei Ihnen melden.

Herzlichen Dank im Voraus!

Inkelthalerhof

67806 Rockenhausen


Impressum

Impressum

Liebe Leserinnen und Leser,

Herausgeber:

Evangelisches Diakoniewerk Zoar

Inkelthalerhof

67806 Rockenhausen

Verantwortlich:

Martina Leib-Herr, Vorstand

Redaktion:

Alexandra Koch, Leiterin

Öffentlichkeitsarbeit,

Marketing und Fundraising

Layout und Satz:

Andrea Adler & Alice Hubert

hauptsache:design, Mainz

Druck:

Volkhardt Caruna Medien

GmbH & Co. KG, Amorbach

Auflage: 2.700

Fotos:

Alexandra Koch, Diana Aglamova, Zoar-Mitarbeiter,

Foto: Hoffmann (Seite 3), Doris Büschel (Seite 11),

Fotowerkstatt Patric Dressel (Seite 11, 71+73), Astrid Justen

(Seite 4+17), Michael Schmitt (Seite 28-30 und 33+34),

Reiner Voß (Seite 28), Helena Gomes Oester (41-43), Ursula

Engelmann (Seite 52), lunisolar fotodesign: Friedhelm Rettig

(Seite 62+64); stock.adobe.com: Strichfiguren.de (Seite 1),

AlejandroIvanSuarez (Seite 1, 3+10), Alexander Raths

(Seite 5), Belkin & Co (Seite 12-15), Maridav (Seite 12+13),

Kunstzeug (Seite 12-13), Robert Leßmann (Seite 14),

Satjawat (Seite 14- 15), Алина Бузунова (Seite 15),

andrejco (Seite 17-20), dechevm (Seite 40), ink drop

(Seite 45), fotogestoeber (Seite 46+48), Christian Solf

(Seite 49), zinkevych (Seite 50), jro-grafik (Seite 62), Cmon

(Seite 68), patpitchaya (Seite 70), vectorpocket (Seite 82),

Spencer (Seite 83)

Der Inhalt dieses Heftes wurde sorgfältig geprüft, aber

dennoch übernimmt die Redaktion keine Haftung für die

Richtigkeit aller Angaben.

In dieser Publikation wird auf eine geschlechtsneutrale

Schreibweise geachtet. Wo dies nicht möglich ist, wird

zugunsten der besseren Lesbarkeit das ursprüngliche

grammatische Geschlecht verwendet. Es wird hier ausdrücklich

darauf hingewiesen, dass damit auch jeweils

das andere Geschlecht angesprochen ist.

Zoar in Kooperation mit

lange haben Sie in diesem Jahr auf

unser Zoar-Magazin warten müssen.

Weil Corona bedingt alle Veranstaltungen

ausgefallen sind, gab es auch

weniger zu berichten. Dafür haben

wir unsere monatlich erscheinende

„Zoar aktuell“ mit mehr Inhalten

noch attraktiver gemacht. Für viele

war das Monatsheft in den Zeiten

der Pandemie eine willkommene Lektüre.

Seit diesem Jahr veröffentlichen wir

das „Zoar aktuell“ auch digital auf

unserer Internetseite.

Nun aber noch einmal zum Zoar-Magazin.

Wir freuen uns, dass Sie es jetzt vor

Weihnachten in den Händen halten und

vielleicht während der freien Tage darin

schmökern können. Es gibt viele interessante

Themen. Natürlich widmen wir unserem

Umgang mit Corona in diesem Heft einen

großen Seitenanteil. Uns allen hat das

Corona-Virus in diesem Jahr viel abverlangt.

Für alle war das eine große Herausforderung.

Den umfänglichen Dank an alle Mitarbeiter

formuliert Zoar-Direktorin Martina Leib-Herr

in ihrem Vorwort am Anfang des Heftes.

Getreu dem Motto „Wir halten Abstand,

aber zusammen“.

Im Jahr 2021 werden wieder

zwei Zoar-Magazine erscheinen –

im Frühjahr und Herbst.

Alexandra Koch

Leiterin Öffentlichkeitsarbeit,

Marketing und Fundraising

Zoar-Werkstätten sind nach

folgenden Systemen zertifiziert:

Zertifikat der Bundesagentur für

Arbeit Mainz für erfolgreiche Inklusion

Qualitätsmanagement DIN EN ISO 9001,

Umweltmanagement DIN EN ISO 14001

und nach AZAV (Akkreditierungs- und

Zulassungsverordnung Arbeitsförderung)

Zoar-Magazin 1 | 2020 83


Unsere Ziele

Der Förderverein Zoar e.V. hat sich sein

Ziel in der Förderung und Unterstützung

alter und beeinträchtigter Menschen gesetzt.

Diese Menschen wohnen und/oder

arbeiten in einer Einrichtung des Evangelischen

Diakoniewerks Zoar oder werden

von Zoar-Diensten ambulant betreut.

Unsere Aktivitäten

Werden Sie Mitglied

im Förderverein Zoar.

Der Mitgliedsbeitrag beträgt

24,00, 60,00 oder 120,00 Euro jährlich.

Ansprechpartner

1. Vorsitzender Ullrich Geib

2. Vorsitzende Monika Beyer

• finanzielle Hilfen und unterstützende

Angebote, die zur Verbesserung der

individuellen Lebensqualität beitragen

• Unterstützung bei der Anschaffung

therapeutischen Materials

• Unterstützung der Kinder der

Zoar-Kindertagesstätte Heidesheim

• Ermöglichung diverser Freizeitaktivitäten

• Unterstützung des Stationären Hospizes

Nordpfalz in Rockenhausen

Förderverein Zoar e.V.

Inkelthalerhof

67806 Rockenhausen

Telefon: 06361/452-288

E-Mail: foerderverein@zoar.de

Besuchen Sie uns im Internet unter:

http://foerderverein.zoar.de

Ich möchte helfen! Helfen tut gut!

Ich möchte gern Mitglied im Förderverein Zoar e.V. werden.

Name:

Bitte lassen Sie mir einen

Mitgliedsantrag zukommen.

Vorname:

per E-Mail

per Post

Straße:

PLZ/Ort:

E-Mail:

Ich möchte (noch) kein Mitglied werden,

interessiere mich aber für den Förderverein.

Bitte lassen Sie mir regelmäßig

Informationen aus dem Verein zukommen.

per E-Mail

per Post

Ort, Datum:

Unterschrift:


www.zoar.de

Ingelheim

Bad Kreuznach

Waldgrehweiler

Rockenhausen

Kusel

Winnweiler

Brücken

Kaiserslautern

Alzey

Alsenz

Kirchheimbolanden

Heidesheim

Mainz

Oppenheim

Eisenberg

Ludwigshafen

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