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Belgische Ardennen – Wandermagazin 209

Belgische Ardennen: Zu den Quellen guten Lebens Wandermagazin-Herausgeber zeigt auf 22 Seiten die grünen und genussvollen und erfrischenden Seiten der Belgischen Ardennen rund um Spa, Bouillon und das Hohe Venn.

Belgische Ardennen: Zu den Quellen guten Lebens
Wandermagazin-Herausgeber zeigt auf 22 Seiten die grünen und genussvollen und erfrischenden Seiten der Belgischen Ardennen rund um Spa, Bouillon und das Hohe Venn.

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RegioPanorama

Belgische Ardennen

www.wandermagazin.de

© Titelfoto: Andreas Pacek,

www.fototour-deutschland.de


REGIOPANORAMA I BELGISCHE ARDENNEN

BELGISCHE

ARDENNEN

2

WANDERMAGAZIN Winter 2020/2021


REGION SPA

die Mutter aller Kurorte

Die Furt durch die Hoëgne und die Fuß-

gängerbrücke über den Fluss aus dem

Hohen Venn führen zum Startpunkt eines

von vielen Wanderträumen der Re-

gion Spa. Das bernsteinfarbene Wasser

spielt dabei die erste Geige. Port Bel-

heid an der Hoëgne liegt vor den Toren

von Spa, der Mutter aller Kurorte. Der

Kurort mit mondäner Geschichte ist

zum Synonym für weltweite Wellness-

wonnen geworden. Mit Fug und Recht.

Seine weit über 300 Quellen liefern

seit Jahrhunderten den Stoff, aus dem

Wohlbefinden, Heilung und Erfrischung

bestehen reinstes Wasser. Regen- und

Schmelzwasser aus Mooren des Hohen

Venn gelangt nach Jahrzehnten allmählicher

Versickerung auf wasserundurch-

lässige Schichten, reichert sich mit

wertvollen Mineralien, Spurenelementen

und Kohlensäure an und tritt in klei-

nen Quellen zutage.

Foto: © FTPL, P. Fagnoul

www.wandermagazin.de

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REGIOPANORAMA I BELGISCHE ARDENNEN

Die Burg Bouillon, was für eine Anlage.

Strategisch exzellent auf einem

Felshocker im Halbrund der Semois

gelegen, thronen die wehrhaften

Mauern und Türme schon ein Jahrtausend

über der sehenswerten Stadt.

Die Semois ist einer der typischen

Ardennenflüsse. Tief eingeschnitten

in das Gestein, voller Schlingen und

Schleifen, liefern sie felsige Hochufer

und immer wieder sensationelle

Ausblicke auf die waldreiche bucklige

Welt der Ardennen. Schmucke

Dörfer, ausgesucht schöne Wanderwege

und überall versteckte Kostbarkeiten.

Vom Zweisternekoch in

einem 200 Seelendorf, vom Schokoladenkünstler,

von einem Fluss, der

im Berg verschwindet, von Bauern,

Handwerkern, Brauern und Menschen,

die fest in der Region verwurzelt

sind und es verstehen zu leben.

Foto: © WBT, Daniel Elke

4

WANDERMAGAZIN Winter 2020/2021


REGION

BOUILLON

Tief in den Wäldern

der Ardennen

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REGIOPANORAMA I BELGISCHE ARDENNEN

REGION

HOHES VENN

Der Schwamm in der Höhe

Eigentlich fließt das Wasser ja talwärts.

Das tut es auch im Hohen Venn, einer der

letzten intakten Urlandschaften Europas

an der Grenze zu Deutschland. Doch dort

oben gibt es mehr Wasser, als Rur, Weser,

Warche, Hill und all die anderen zu Tale befördern

können. Die rund zehntausend Jahre

Torfschichten des Hohen Venn sind meterdick

und wachsen weiter. Bohlenstege

führen durch die Hochmoorlandschaft und

dort wo die Vennflüsse aus rund 650 Metern

über zwei- oder dreihundert Meter

ins Tal stürzen, gibt es sagenhaft wilde

Bachtäler. Das üppig strömende Wasser

füllt Talsperren und bildet wie schon vor

vielen Jahrhunderten die Lebensadern des

Hohen Venn und seiner Menschen.

Foto: © WBT, Dominik Ketz

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WANDERMAGAZIN Winter 2020/2021


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REGIOPANORAMA I BELGISCHE ARDENNEN

ZU DEN QUELLEN

GUTEN LEBENS

VON DER URLANDSCHAFT DES HOHEN

VENNS ZUR SEMOIS, DER MÄANDERKÖNIGIN

IN DEN SÜDLICHEN ARDENNEN. VON DEN

SPRUDELNDEN QUELLEN IN UND UM SPA ZU

DEN GESCHMACKSEXPLOSIONEN IN DEN

ARDENNENDÖRFERN. WER WANDERN WILL

UND SICH GERNE VERFÜHREN LÄSST, DEM

SEIEN VIELE WEGE ZU DEN WURZELN GUTEN

LEBENS VERSPROCHEN.

In Spa, umgeben von sprudelnden Bergen, wo aus Hunderten

Quellen reinstes Wasser strömt, schlenderte ich auf den

Spuren einer mondänen Kurstadt von europäischem Rang.

Ich trank aus der Quelle, die 1717 bereits Zar Peter der Große

nutzte. Wanderte wie einst der hünenhafte russische Kaiser

von der Quelle „Geronstière“ zurück nach Spa. Durchstieg

Bachtäler von faszinierender Wildheit und genoss die Melancholie

der Hochmoore. Ich ließ mich durch die Grotten

von Remouchamps in die Unterwelt führen. Weiter ging die

Entdeckungsreise nach Bouillon. Unvergessen, wie mich Marie-Laure

in der Burg Bouillon zu 13 Fresken aus ihrer Hand in

einem Seitengang der Burg führte. Sie zeichnen die Geschichte

Gottfrieds von Bouillon von der Geburt bis zum Einzug in

Jerusalem am Ende des Ersten Kreuzzugs im Jahr 1100 nach.

Es ist jener Gottfried, der in Bouillon und Umgebung als Held

verehrt wird. Beeindruckt von dem majestätischen Flug des

Weißkopfadlers eines holländischen Falkners im großen Burghof,

stieg ich in die Altstadt ab. Bei Monsieur Legrand in der

Grand Rue kaufte ich mir für 15 Euro einen leckeren Apfelkuchen

aus Mürbeteig (Tarte aux pommes). Wieder so eine

Quelle besonderen Genusses. Das letzte Stück vertilgte ich

zur Halbzeit meiner Tour am Prachtausguck auf die

Semoisschleife in Botassart.

Abends dann die Geschmacksexplosionen bei Maxime

Collard im Restaurant „La Table de Maxime“ im Ardennendorf

Our. Was der 37-Jährige mit seinem Team in

fünf Gängen auf Tisch und Teller zauberte, kann ich

leider nicht in Worte fassen. Ich schloss einfach die

Augen und befahl meinen Geschmacksknospen, jedes

Aromamolekül, jedes verarbeitete Produkt zu schmecken.

Maxime ist einer von 24 Spitzenköchen der „Generation

W“ (W steht für Wallonie), die sich verpflichtet

haben, überwiegend mit heimischen Produkten zu kochen.

Für mich ist seine virtuose Zauberei eine Quelle

des guten Lebens.

Mit größter Begeisterung wanderte ich tags drauf von

Rochehaut hinunter zur Semois und stieg über Stufen

und Leitern wieder hinauf. Ich war wie beseelt und begeistert.

Nur einen Tag später stand ich an der prachtvollen,

restaurierten Mühle von Resteigne am Ufer der

Lesse, im Herzen des UNESCO-Geoparks Famenne-Ardenne.

Lesse, Moment mal! Es ist jene Lesse, die bei

Han-sur-Lesse einfach in einem unscheinbaren Loch

verschwindet und nach 10 km Irrfahrt wieder aus dem

Berg austritt. Abends lag ich dann in einem Liegestuhl

an der alten Wassermühle in Éprave, nur einen Steinwurf

von der Lesse entfernt, trank ein Glas Chinette

(ein helles Bier) von der gerade einmal acht Jahre

alten „Brasserie de la Lesse“ im Dorf. Ich ließ meine

Erlebnisse zu den Wurzeln des Geschmacks und Quellen

der Echtheit in der Wallonie Revue passieren. Waren

das nicht allesamt Quellen puren Wohlbefindens?

Stimmt genau!

8 WANDERMAGAZIN Winter 2020/2021

Panorama auf die Semois-

Schleife bei Frahan von

Rochehaut aus

© WBT, JP Remy


WANDERN IN DER

WALLONIE

DAS WASSER DER

ARDENNEN

DAS SAVOIR-VIVRE

DER ARDENNEN

© Andreas Pacek Im Hoëgne-Tal © Andreas Pacek Spitzenkoch

Maxime Collard

in seiner Küche

© Michael Sänger

Die Wallonen sind große Naturliebhaber

und schätzen das Wandern. Daher gibt

es eine Reihe von Fernwanderwegen (sogenannte

GR-Wege Sentiers de Grande

Randonnée), darunter mit dem E 2 und

dem E 3 auch zwei Europäische Fernwanderwege.

Darüber hinaus gibt es ein

dichtes Wegenetz an lokalen Rundwanderwegen.

In der Nähe der meisten Städte

der Wallonie werden sie noch durch

örtliche Rundwanderwege ergänzt. Eine

Auswahl der schönsten Rundwanderungen

hält das Fremdenverkehrsamt des

Belgien-Tourismus Wallonie in Deutschland

(s. unten) kostenlos zum Download

bereit. Darunter eine Broschüre mit den

20 bezauberndsten Wanderungen in

den Ardennen oder ein handlicher Pocketguide

mit 26 ausgewählten Wandertouren.

Ergänzt wird das Angebot durch

die acht Geowanderungen des UNESCO-

Geoparks Famenne-Ardenne. Alle Infos

dazu kann man sich auf der Webseite

in deutscher Sprache downloaden.

www.geoparcfamenneardenne.be/de

Klar, da sind die sprudelnden Quellen

in und um Spa. Kaum vorstellbar, dass

sie eine von Hydrologen und Geologen

nachgewiesene Verbindung zwischen den

Hochmooren des Venns und den mehr als

300 natürlichen Quellen herstellen. Vor

Jahrzehnten als Niederschlag im Hohen

Venn gefallen, gelangt das Regen- und

Schmelzwasser in einer der vielen Quellen

wieder ans Licht. Da wären jene Wildbäche

der Wallonie, die ihren tosenden,

schäumenden Ritt aus der Höhe der Moore

ins Tal mit bizarren und unglaublich wilden

Bachtälern verschönt haben. Von besonderer

Anmut und gestalterischer Kraft

seien die Ardennenflüsse erwähnt. Sie

sind Landschaftskünstler und -gestalter.

Es sind Lebensadern und sie bilden den

roten Faden für lohnenswerte Wander-,

Kajak- und Radtouren. An ihnen liegen

wunderschöne Dörfer wie Chassepierre

oder La Fôret und einladende Städte. Semois,

Amblève, Ourthe oder Lesse diese

quicklebendigen Flussdamen sollte man

besuchen.

Die Menschen in den Ardennen sind sehr

heimatverbunden. Sie schätzen das gute

Leben. Einer ihrer Wahlsprüche lautet:

Essen und Trinken hält Leib und Seele

zusammen. Die Bedeutung regionaler

landwirtschaftlicher Produkte und einer

handwerklichen Herstellung oder Verarbeitung

ist groß. Man schaue nur in

die Auslagen der Bäckereien und Metzgereien

oder besuche einen der zahlreichen

Wochenmärkte. Ich fand in einem

400 Seelendorf eine Metzgerei und im

kleinen Our in den Ardennen hat sich

Maxime Collard sogar zwei Michelinsterne

erkocht und kann sich vor Reservierungsanfragen

kaum retten. Vom Müller

zur Ziegenkäserei, vom Kartoffelbauern

zum Chocolatier heißt es immer: Regional

kommt zuerst. Man trinkt das Bier

aus einem der Trappistenklöster oder

einer Brauerei der Umgebung, genießt

den Schinken nach Ardenner Art und verwöhnt

sich mit Wild, Pilzen und Beeren

aus heimischen Wäldern. Hier lässt es

sich leben. (ms)

Zu den Quellen des guten Lebens

In diesen gekenzeichneten Regionen

wurden die Wanderungen und Touren

vorgenommen.

Bouillon

UNESCO-Geopark Famenne-Ardenne

Spa

Hohes Venn

Florenville

AKTUELLE BROSCHÜRE ZUM

HERUNTERLADEN UNTER:

www.belgien-tourismuswallonie.de/broschueren

www.wandermagazin.de

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REGIOPANORAMA I BELGISCHE ARDENNEN

QUELLEN WIE

PERLENDER SEKT

Der Wildbach Hoëgne

mit der Brücke Pont du Centenaire

© FTPL, P. Fagnoul

Mein Spaziergang durch die Altstadt von Spa gleicht einer

Zeitreise ins 18. oder 19. Jh. Ich stehe an einem kleinen Platz

mit Brunnen, wo sich die Rue Delhasse und die Rue Dagly treffen.

Ich schlendere durch die schmalen Gassen, die gesäumt

sind von dreistöckigen Backsteinbauten mit hölzernen Kassetten-Fenstern

und schmiedeeisernen Balkonen. Die schmucken

Bauten aus dem späten 18. und frühen 19. Jh., einst

Hotels, Logierhäuser und Pensionen für die in der Liste der

„Lords and Ladies“ aufgeführten betuchten Kurgäste, laden

zum Träumen ein. Am Eingang vieler Häuser erzählen Plaketten

davon, welche prominenten Persönlichkeiten aus Adel,

Klerus und Bourgeoisie wann hier logierten. In der Rue Delhasse

wohnte z. B. der amerikanische Erfolgsautor Fenimore

Cooper (Der letzte Mohikaner). Unweit von ihm der berühmte

Galan Giacomo Casanova.

BETUCHTE KURGÄSTE

Es heißt, schon Plinius dem Älteren, einem römischen Gelehrten

zurzeit von Jesus Christus, sei der Sauerbrunnen in den

Ardennen bekannt gewesen. Der Legende nach soll der Heilige

Remaclus, Missionsbischof der Ardennen im 7. Jh., mit

seinem Bischofsstab auf die heilenden Quellen gestoßen sein.

Gesichert ist das nicht. Völlig sicher und sogar zu besichtigen

ist die gemalte Gästeliste bedeutender Kurgäste der Ardennenstadt

im Brunnengebäude Pierre-le-Grand im Herzen der

Stadt. 95 Persönlichkeiten aus drei Jahrhunderten porträtierte

der Maler Antoine Fontaine auf einem monumentalen

Fresko. Es hängt im Foyer zur Quelle „Peter der Große“. Interessant

finde ich allerdings auch, welche Berühmtheiten er

nicht würdig genug befand, obwohl ihr Aufenthalt verbrieft

ist. So fehlen auf dem knapp neun Meter langen „Livre d‘Or“

etwa der Komponist Franz Liszt, Casanova, der Maler William

Turner, die Geliebte des bayerischen Königs Ludwig I. Lola

Montez oder Zar Alexander I.

ÜBER 300 QUELLEN

Der russische Zar Peter der Große kurte 1717 fünf Wochen in

Spa und die nach ihm benannte Quelle ist die bekannteste aller

Quellen in und um Spa. In der Mitte des sechseckigen Pavillons

im Zentrum von Spa ragen fünf rostrote Eisenstelen, kunstvoll

ineinander verwoben, in die Höhe und aus einem Wasserhahn

sprudelt das eisenhaltige und stets zehn Grad kühle Quellwasser.

Wer in Spa und Umgebung unterwegs ist, sollte übrigens

immer einen Trinkbecher parat haben. Denn Spa ist reich an

sprudelnden Quellen. In der Stadt fußläufig erreichbar sind mindestens

sieben Brunnen. Weitere gut 300 Quellen liegen in der

näheren und weiteren Umgebung. Von Peter dem Großen weiß

man, dass er sich frühmorgens mit dem Zweispänner zur Quelle

Géronstère (422 m) in der Nähe der Domaine de Berinzenne

Auf dem Weg vom Stadtzentrum zur Therme liegt der

Brunnen „Fontaine des Yeux“ © Michael Sänger

10 WANDERMAGAZIN Winter 2020/2021


DIE HOCHARDENNEN

NATUR PUR

Ganz oben in den Ardennen sind die Täler besonders tief, die

Wälder größer und die Flüsse wilder. Hier, in Höhenlagen von

400 bis 650 m, kann man durchatmen, neue Energie tanken,

wandern, radeln und sich nach allen Regeln der Kunst verwöhnen

lassen. Orte wie Gouvy, Lierneux, Trois-Ponts und

Vielsalm laden zum Spaziergang oder einer anspruchsvollen

Entdeckerwanderung mit Freunden ein. Es gibt Aktivitätsangebote

für alle Natur- und Sportbegeisterte. Ob klassisch mit

dem Drahtesel, dynamisch per Moutainbike oder e-Bike das

Streckennetz ist riesig. Es gibt Fahrrad-Verleihstationen, dazu

beschilderte Wege oder RAVeL-Wege auf ehemaligen Bahnstrecken

und Treidelpfaden. Das Wanderwegenetz ist umfassend

und spezielle Bike-Parks erfreuen besonders Bike-Enthusiasten.

Wer will, kann sich sogar e-Roller leihen, so genannte

„Trottinettes électriques“. Es stehen auch Tandems und Buggys

zur Verfügung, damit sich jeder in der Familie bewegen

kann. Sehenswerte kleine Museen, traditionsreiche Feste,

Märkte mit regionalen Produkten und gute Restaurants sind

weitere Trümpfe für einen unvergesslichen Aufenthalt. Ach ja,

abends macht man es sich am Kamin gemütlich, genießt die

Erlebnisse des Tages und den Augenblick. Alles gute Gründe

es bald auszuprobieren oder? (ms)

www.haute-ardenne.be

© Christian Deblanc

© Christian Deblanc

(von dem Haus des Waldes dort starten viele Wandertouren

ins Venn und durch eines der atemberaubend schönen

Tälchen zurück nach Spa) kutschieren ließ, um dann wieder

zu Fuß in die Stadt zurückzulaufen. Das Geheimnis des

Quellenreichtums von Spa ruht tief in und auf den Bergen

um Spa. Es sind wasserundurchlässige Gesteinsschichten,

die das in vielen Jahrzehnten aus den Hochmooren des

Venn in das Erdreich sickernde Regen- und Schmelzwasser

zu ihren Quellhorizonten leiten. Mehrere hundert Meter

tiefer stößt das inzwischen jahrzehntealte Regen- und

Schmelzwasser auf das wasserundurchlässige Gestein,

schwemmt Spuren von Mineralien heraus und reichert

sich gelegentlich mit Kohlendioxid an. Die Quellgalerie der

Marie-Henriette-Quelle schüttet pro Stunde sechs Kubikmeter,

also 15.000 Liter, reinsten, eisen- und kohlensäurehaltigen

Wassers. Einen Großteil des Wassers nutzt das

1921 gegründete, städtische Mineralwasserunternehmen

„Spa Monopole“. Die Badekuren von einst werden heute

auf einer Anhöhe in der Thermenlandschaft von Spa angeboten.

In Sichtweite der alten Wandelhallen Leopold II.

und dem „Parc de Sept Heures“ im Stadtzentrum befördern

zwei Glaskabinen den Badegast nach oben.

Blick von der Brasserie des Bobelines am Parc de 7

Heures auf die Kirche St. Remaclus © Adobe Stock

SPA UND DIE BOBELINS

Hier ist man stolz auf die mondäne Kurklientel, die man

liebevoll „Bobelins“ nannte. Der Begriff hat lateinische

Wurzeln. Bibulus, Bibula oder Bibulum steht für Trinkfreudigkeit.

Daraus wurde im Volksmund der Bobelin. Er, der

Bobelin, mit einem Messstab aus Elfenbein in der Tasche,

um die verordnete Menge des Heilwassers messen zu können.

Sie, die Bobeline, mit Anis und Cardamon im Gepäck,

um dem leicht fad und säuerlich schmeckenden Mineral-

www.wandermagazin.de

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REGIOPANORAMA I BELGISCHE ARDENNEN

Beste Aussicht ins

Tal des Ninglinspo

hat man vom Pavillon

„Point de vue Druet“

© Michael Sänger

wasser eine angenehmere Note zu verleihen.

Die Bobelins dinierten anschließend

in Restaurants, spekulierten in

einem der beiden Kasinos (Redoute und

Waux-Hall), vergnügten sich bei Spielen,

Pferderennen und Gesprächen und

lustwandelten allabendlich ab 19.00 Uhr

durch den „Parc de Sept Heures“ von

Pavillon zu Pavillon, um gesehen zu

werden und die eigene Neugier zu befriedigen.

Ich entdecke immerhin zwei

in den nackten Fels gehauene Eiskeller,

das Denkmal des Komponisten Meyerbeer

sowie die abseits gelegene Quelle

„Fontaine des Yeux“ und das sehenswerte

Wäschemuseum. Bei 600 bis 1.200

Bobelins pro Sommersaison samt der

vielköpfigen Entourage aus Dienern, Kutschern,

Zofen und Sekretären kam eine

Menge schmutziger Wäsche zusammen.

Die Idee, aus diesem Anlass dem „Waschen

der schmutzigen Wäsche“ ein Museum

zu widmen, ist großartig. Das gilt

auch für das Museum des Waldes und

des Wassers im Haus des Waldes oben

auf knapp 480 m Höhe an der Domaine

de Berinzenne.

Wanderweg am Wildbach Ninglinspo

© FTPL, P. Fagnoul

RAUSCHENDE WILDBÄCHE

Wasser bestimmt auch die Region Spa

insgesamt. Stadtnah laden rund 21 markierte

Rundwanderwege zwischen 5 und

15 km Länge zum genussvollen Wandern

ein. Ob von dem Doppelbrunnen der

„Sauvenière“ und „Groesbeek“ durch das

wildromantische Tal der Ruisseau de la

Sauvenière, die Promenade des Artistes

durch das Tal des Ruisseau du Pendu

oder oben auf dem Dach von Spa durch

die melancholische Landschaft des Fagne

de Malchamps, einem von Moorseen,

meterdicken Torfschichten mit Wollgrasbüschen

und Torfmoospulten übersäten

Hochmoor, Wasser spielt immer eine

Rolle. Nicht weit von Spa entfernt, an

der Pont de Belheid mit großem Wanderparkplatz

im Tal der Hoëgne, ist der Startpunkt einer unglaublich schönen Wildbachtour.

Das Bachbett der ca. 30 km langen Hoëgne, einem Zufluss der Weser, ist

steineübersät. Der Fluss entspringt im Polleur-Venn in rund 660 m Höhe. Zwischen

dem Pont de Belheid und dem Pont du Centenaire (Jahrhundertbrücke) begibt sich

das bernsteinfarbene, klare und reine Wasser auf eine atemberaubende Sturzfahrt.

Gewaltige, rundgeschliffene Gesteinsbrocken liegen im Bachbett, über Kaskadenstufen

gischtet das Wasser bergab. Links und rechts säumen mal monumental

große Buchen, mal mächtige Rotfichten das Ufer. Mal links, mal rechts schwingt

sich das Flüsschen durch Schiefergestein und schäumt bei jedem Hindernis, denn

das aus den Torfmooren stammende, saure und vollkommen reine Wasser enthält

pflanzliche Saponine und ungesättigte Fettsäuren, die in Strudeln weißen Schaum

ausbilden. Immer höher steigt der Pfad, mal links, mal rechts der Hoëgne, turnt über

Holzstege und kleine Brücken bis zur Jahrhundertbrücke am Fuße des Venns. Diese

Brücke wurde 1930, also 100 Jahre nach der Gründung des Königreichs Belgien,

erbaut und führt zur ehemaligen Bahnstation Jalhay Wald, wo die Bahntrasse heute

von dem Radweg (Ravel 44) genutzt wird.

WILDER, QUICKLEBENDIGER NINGLINSPO

In 308 m Höhe, im Fagne Porallée, entsteht der Ninglinspo aus dem Zusammenfluss

von zwei Vennbächen, der Hornay und der Pierre blanche. Was dieser Wildbach auf

130 Höhenmetern durch das Schiefergestein vollführt, durchsetzt mit rötlich schimmerndem

Limonit, ist sensationell. Schon der Einstieg in Sedoz an der schlingen-

12 WANDERMAGAZIN Winter 2020/2021


eichen Amblève in der Nähe der weltbekannten

Grotten von Remouchamps ist ein Wandergedicht

mit seinen Tropfsteinsälen und der sagenhaften

Bootsfahrt auf einem Höhlenfluss. Unter dichtem

Blätterbach kann man das noch breite und mit

flachen Steinen übersäte Bachbett nach links und

rechts queren. Dann wird das Tal rasch enger und

der mit blauem Rechteck markierte Wanderweg

steigt steil an. Unten gurgelt das Wasser. Dieser

Wildbach bietet Einzigartiges für die Ohren, mal gurgelt,

mal säuselt und raunt er, um dann wieder zu

plätschern, zu wimmern und zu brausen. Für die Augen

und Füße bietet der schmale, oft mit Fixierseilen

gesicherte Traumpfad faszinierende Momente.

Mal wähne ich mich in einer Schlangengrube, derart

winden sich fingerdünne und armdicke Wurzeln

über den Weg, mal steige ich über Steine so groß

wie Kleinfahrzeuge. Es wirkt zuweilen, als hätten

sich zwei Riesen im Wettstreit befunden und einander

mit schiefergrauen Steinen beworfen. Ich quere

den Bach über schmale Stege und Brücken, steige

über Holzstufen, um sogleich faszinierende Kaskaden

oder kleine Wasserfälle zu bestaunen. Was für

ein grandioser Weg. Für eine kurze Variante kann

man sich der Markierung mit dem gelben Rechteck

anvertrauen. Die blaue Markierung führt von dem

Punkt „La Porallée“ rechts ab über den traumhaft

schönen Aussichtspunkt „Point de vue Druet“ in drei

bis vier Stunden zurück nach Sedoz. Es ist ein Land

wie geschaffen fürs Wandern … (ms)

BURG REINHARDSTEIN

Im Hohen Venn trafen einst die Herrschaftsgebiete der

Herzöge von Luxemburg und des Bischofs von Lüttich

zusammen. Zur strategischen Sicherung baute Reinhardt

aus Weismes im Auftrag seines luxemburgischen Herzogs

die Höhenburg im 14. Jh. auf einem Felssporn über

der Warche. Die 40 km lange Warche entspringt im Hohen

Venn und beginnt, nachdem sie die Bütgenbacher

und Robertviller Talsperre speist, ihren rasanten Ritt hinunter

nach Malmedy. Gleich unterhalb der stolzen Feste

stürzt sie sich spektakulär 60 m in die Tiefe. Kein Wunder,

dass sich um die Dreiecksburg mit drei Türmen zwischen

Warche, Talsperren und Hohem Venn interessante Wanderwege,

ob Fernwanderwege (GR 14 oder GR 56V) oder

Rundwanderwege, ein Stelldichein geben. Die Burg gehörte

u. a. nahezu 300 Jahre den Fürsten von Metternich und

wurde ab 1969 wieder nach alten Vorlagen originalgetreu

von Prof. Jean Overloop aufgebaut. Die knapp 75-minütige

Führung durch die Anlage und ihre Räumlichkeiten ist

spannend und empfehlenswert. (ms)

Info zu Öffnungszeiten, Führungen, Eintrittspreise und

besonderen Veranstaltungen etc. www.reinhardstein.net

Burg Reinhardstein

© ostbelgien.eu, Dominik Ketz

Peter der Große war vielleicht der berühmteste

Kurgast von Spa. Die Statue steht vor dem

gleichnamigen Brunnen im Zentrum der Stadt.

© Michael Sänger

Burg

Reinhardstein

© WBT, Denis

Erroyaux

www.wandermagazin.de

13


REGIOPANORAMA I BELGISCHE ARDENNEN

ZU DEN

QUELLEN DES

GESCHMACKS

Vencimont ist ein hübsches Dorf an den Ufern der Houille, einem

munteren Ardennenflüsschen. Dort bestaune ich an einem

Spätsommerabend drei gut zwei Meter große unterschächtige

Mühlräder in der Moulin de Vencimont. Originellerweise sind

die Wasserräder kaskadenförmig angelegt und treiben Mühlsteine

aus Lavagestein an. Die Wassermühle aus dem 18. Jh. ist

weit über die Region hinaus als eine Quelle des besonderen Geschmacks

bekannt, denn das Mehl wird nur aus heimischem Getreide

gemahlen. Besonderer Beliebtheit erfreut sich das weiße

Dinkelmehl aus nachhaltigem Anbau. Feine Aromen von Nüssen

und gerösteten Mandeln bestimmen den Geschmack des Mehls,

das zudem wertvolle Mineralien und Nährstoffe enthält. In der

angeschlossenen kleinen Bäckerei kaufe ich eines der kross gebackenen,

duftenden Weißbrote und beiße hinein. Was für eine

Geschmacksexplosion!

GOTTFRIED VON BOUILLON

Sein Konterfei schmückt Biermarken, Fahnen, Plakate, Bücher,

Restaurants und Hotels in Bouillon und Umgebung. Die gewaltige

Burganlage auf dem Felssporn in der wundervollen Flussschleife

der Semois in Bouillon gehörte im 11 Jh. den Grafen

Ardenne. Von den drei Burgherren des Geschlechts erlangte

Gottfried von Bouillon (alias Gottfried V.) als Heerführer im

Ersten Kreuzzug und als erster Regent nach der Eroberung

Jerusalems im Jahre 1100 Berühmtheit. 1096 verpfändete er

die Burg an den Lütticher Bischof, um die Teilnahme an dem

Kreuzzug ins gelobte Land mit bewaffneten Männern, Pferden

und Waffen zu finanzieren. Heute ist die Burg, die Vauban

im 17. Jh. zur Festungsanlage umbaute, der Hingucker. Drei

Vorburgen, ein fensterloser Gang mit Knick, aberwitzig viele

Treppen, Türmchen, Tore, Säle und Plattformen gibt es zu

besichtigen. Den schönsten Blick auf die Burg, die Stadt, die

waldreichen Ardennen und die Semois habe ich dann vom

Kanonenturm aus dem 16. Jh. von der obersten Plattform.

Links überspannt an der Stelle einer alten Furt eine Steinbrücke

die Semois. Unter mir zeigt ein holländischer Falkner

vor Publikum mit seinen Greifvögeln einstudierte Kunststücke,

rechts unten der alte Stadtkern von Bouillon beidseits

der Semois, auf der an diesem sonnig-warmen Tag sicher

um die 40 bunte Tretboote schippern. 340 m lang ist das Festungswerk

in der Höhe und misst an seiner breitesten Stelle

40 Meter. Kein Wunder, dass die Anlage nur durch Aushungern

oder Seuchen zu bezwingen war.

Bild oben:

Die Burg von Bouillon

© WBT, Holger

Bernert

Bild links:

Im Sommer

präsentieren

Falkner in der

Burg regelmäßig

eine Greifvogel-

Schau. Auch ein

Weißkopfadler ist

dabei. © Michael

Sänger

14 WANDERMAGAZIN Winter 2020/2021


IM BANN DER CALESTIENNE

Im Mittelpunkt des UNESCO-Geoparks Famenne-Ardenne

steht ein 140 km langer und bis 4 km breiter Kalkrücken,

der vom Nordosten der Wallonie bis in den Südwesten

reicht. Die Verbindung von Karsthöhlen, Grotten, unterirdischen

Flüssen mit den in Jahrhunderten entwickelten Traditionen,

Bräuchen, der Landnutzung, der Architektur und

der Lebensweisen ist eine Kernaufgabe des Geoparks. Eindrucksvolle

Karstphänomene wie das Verschwinden eines

Flusses bei Han-sur-Lesse, die Grotten von Rochefort oder

Hotton stehen im engen Kontext zu alten Wassermühlen,

Steinbrüchen, Brauereien, landwirtschaftlichen und handwerklichen

Produkten der Region. Empfehlenswert sind

die acht Geowanderungen mit zwischen 2,5 und 12,7 km

Länge. Sie garantieren Spannung pur. (ms)

www.geoparkfamenneardenne.be

SPUREN DER VERFÜHRUNG

Nur neun große Mäander weiter flussaufwärts stehe ich staunend

in Chassepierre. Es ist ein bezauberndes Dorf, wie es

mehrere in den Ardennen gibt. Etwa Laforêt oder Torgny. Keck

reckt die weiß getünchte Kirche St. Martin ihren Turm über das

Hochufer der Semois in die Höhe. Von der Mauer des Kirchhofs

fällt der Blick hinunter auf Obst- und Gemüsegärten, auf

ein altes Mühlengebäude und Reste von unterirdischen Gewölben.

Hinter mir steigt der ovale Dorfplatz bergan und umschließt

in der Mitte ein Restaurant. Das Dorf verströmt Ruhe.

Weiter geht es auf dem Fernwanderweg GR 16 (Sentier de la

Semois) mit einer Abkürzung nach Florenville. Die Kleinstadt

hoch über dem Prallufer der Semois sprudelt vor Lebensfreude.

Der GR 16 führt mich direkt zur Aussichtsplattform vor

der Kirche Notre Dame und weiter zum quirligen zentralen

Place Albert Ier und zu einer außergewöhnlichen Quelle des

Geschmacks, zu Monsieur Edouard. Seit 2004 kreiert der 47

Jahre alte Chocolatier die köstlichsten Schleckereien aus den

Kakaobohnen dieser Welt. Er empfängt mich strahlend mit

großen dunklen Augen, erzählt, welche Unterschiede es zwischen

Kakaobohnen aus Vietnam oder Madagaskar gibt und

warum Schokolade bei falscher Lagerung Fett ausschwitzt

und weiß wird. Als ich ihn nach einem coolen Wandertipp frage,

schlägt er seine Lieblingstour auf dem GR 129 von Florenville

zum Kloster Orval vor. Dass Monsieur Edouard eine

ganz besondere Beziehung zu dem weltberühmten Trappistenkloster

hat, demonstriert er wenig später. Auf der weißen

Serviette eines Silbertabletts liegen drei Pralinen. Die habe

er speziell für das Kloster Orval kreiert. „Orval“ heißt die

zylinderförmige Praline mit einem Überzug, der goldfarben

glänzt. Der bittere Schokoladengeschmack rühre von Kakaobohnen

aus Uganda und Ecuador her und so könne die Praline

auch zum herben Bier aus der Klosterbrauerei gereicht

werden. Die auf „Mathilde“ getaufte quaderförmige und mit

einer goldfarbenen Ganache und filigraner Ornamentik überzogene

Praline erinnere an die Zeit der Klostergründung im

12. Jh. und die Legende mit dem verlorenen golden Ring der

Gräfin Mathilde. Der Chocolatier präsentiert mir den schmel-

Stolz posiert

Metzgermeister

Martin vor

seinem

Ladengeschäft

in Naomé

© Michael

Sänger

Die Grotte von Hotton © Gaetan Rochez

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REGIOPANORAMA I BELGISCHE ARDENNEN

Monsieur Edouard

präsentiert seine Pralinenserie

für das Kloster Orval

© Michael Sänger

zenden Schokoladen- und Grüntee-Rosen-Überzug

mit einem Hauch Passionsfrucht wie ein Gemälde

von Picasso. Die dritte Praline, im Format eines

Würfels, tiefbraun mit glänzendem Überzug, enthalte

Rosmarin und einer silbrigen Geschmacksnote,

habe er auf den Namen „Toscana“ getauft. Zum

Abschluss gibt mir der Chocolatier einen letzten

Tipp: Auch kalte Schokolade laufe weiß an, wenn

sie zu rasch erwärmt wird. Kondenswasser löse

den Zucker aus der Schokomasse und der setze

sich dann als weißer Belag ab. Gut zu wissen!

DER VIRTUOSE UND SEINE PRODUZENTEN

Ortswechsel! Ich stehe in Our, noch so eines der

pittoresken Ardennendörfer. Idyllisch an der knapp

14 km langen Our, einem der linken Zuflüsse der

Lesse, gelegen, ist Our Schnittpunkt von zwei großen

Fernwanderwegen, der Transardennaise und

dem GR 14. Heute will ich Maxime Collard, einen

der Mitbegründer der „Generation W“, besuchen.

Das W steht für Wallonie und verpflichte aktuell

24 Spitzenköche aus der Wallonie, ihre virtuosen

Kochkünste vorzugsweise mit regionalen Produkten

zu realisieren. Wer dem Kollektiv angehören

möchte, muss mit mindestens fünf verschiedenen

regionalen Produzenten kooperieren. Dabei, so erklärt

mir der Sternekoch aus dem 200-Seelendorf,

soll der Gast die Produkte, die er in einem der Restaurants

des Kollektivs entdeckt, möglichst auch

selbst beim Erzeuger kaufen können. So etwa das

Brot der Moulin de Vencimont von Ambroise De

Greift, dessen Brote wie vor 400 Jahren noch von

Hand hergestellt werden.

Während der 36-jährige Meisterkoch in der Küche seines Restaurants „La

Table de Maxime“ eine Sauce cremig rührt, erzählt er von der Fülle regionaler

Produkte aus der näheren Umgebung. Zum Beispiel die Kartoffeln

der Sorte „Plate de Florenville“, festkochend mit rötlicher Schale und goldgelbem

Fruchtfleisch. Oder der würzige Ziegenfrischkäse von Madame Ann

Loicq aus dem Nachbardorf Maissin. Die freundliche Dame in der Ziegenkäserei

wird mir anderntags erzählen, dass sie für 250 Gramm Weichkäse

2,5 Liter Ziegenmilch benötige und seit 22 Jahren Ziegen züchte. Maxime

Collard kocht seit Kindheitstagen, anfangs mit Mama und Großmutter. Er

entdeckt alte, regionale Rezepte immer wieder neu und verfeinert sie. Für

die Tarte sorgt Pierre Legrand aus Bouillon. Die besten Würste, schlachtfrisches

Fleisch vom Rind, Schwein oder Lamm liefert Metzgermeister Martin

aus dem kleinen Naomé, nur einige Minuten von Our entfernt. Für die edlen

Pralinen ist, natürlich, Monsieur Edouard aus Florenville zuständig. Ob er

schon wisse, was im Dezember in den Topf und auf den Teller kommen

werde, will ich wissen. Maxime schließt kurz die Augen und murmelt dann

etwas vom Filet vom Hirschkalb, vielleicht Hase und bestimmt auch etwas

Antiklinale in Durbuy

ein geologisches Highlight

© WBT, Bruno d‘Alimonte

16 WANDERMAGAZIN Winter 2020/2021


vom Fasan. Selbstredend stehen Trappistenbiere

aus Orval ganz oben auf der eigenen Bierkarte und

auch einige Weine auf der imposanten Weinkarte

stammen aus der Nachbarschaft. Nach einem

für mich unübertroffenen Augen- und Gaumenschmaus

mit fünf Gängen und erlesenen Weinen

am Vorabend fahre ich heute zu Monsieur Martin

und seiner „Boucherie de la Ferme Martin“. Wieder

so ein kleines Ardennennest. Ich frage mich, wie

sich in einem Dorf mit 400 Einwohnern eine Metzgerei

halten kann. Monsieur Martin lacht und meint,

die Wallonen seien große Fleischliebhaber. Er halte

eigene Rinder, Schafe und Schweine. Er verarbeite

das Fleisch, die Würste und Schinken nach alten

Rezepten und die Menschen mögen es. Kurze

Wege, ökologische Landwirtschaft, beste Qualität.

TREPPEN, LEITERN UND DAS

VERSCHWUNDENE WASSER

Die Sonne dieses Augustmorgens verheißt größtes

Wandervergnügen. Rochehaut liegt hoch über einer

der graziösen 180 Grad-Schleifen der Semois

mit sagenhaften Ausblicken. Im Ort tummeln sich

die Touristen, einige Rucksackwanderer folgen wie

ich der Markierung mit dem roten Rechteck. Schon

bald windet sich der Weg steil hinunter zur Semois,

die hier behäbig und breit über Schieferbänke flussabwärts

strömt. Für die nur 11,2 km lange, aber

dank einiger Steilanstiege mit Treppen und Leitern

ambitionierte Wanderrunde sollte man sich gute

vier Stunden Gehzeit gönnen. Ein Wandertraum.

„Geht‘s denn noch besser?“, frage ich mich. Und ob!

Gelegenheit zur Nagelprobe bietet der UNESCO-

Geopark Famenne-Ardenne. Und wieder liegen die

Wurzeln für diese wanderbaren Geheimnisse in der

besonderen geologischen Geschichte. Genauer gesagt

in einem 140 km langen und zwischen einem

und vier Kilometer breiten Kalkgebirge, das sich

vom Nordosten der Wallonie um das wunderschöne

Durbuy über Marche-en-Famenne und Rochefort

in den Südwesten bei Wellin und Tellin erstreckt.

Die Besonderheiten des Karst sind die Dolinen,

Erdfälle, Tropfsteinhöhlen, Kalkriffe, Grotten und

das Phänomen des verschwindenden Wassers.

Bei Han-sur-Lesse verschwindet sogar ein ganzer

Fluss in einem Loch und gelangt erst nach etwa 10

km unterirdischer Odyssee wieder ans Tageslicht.

Auch die Grotten von Lorette oberhalb von Rochefort,

deren Höhlengewirr sich auf rund 7 km Länge

erstreckt, gehen auf durchströmendes Wasser zurück.

Über mehrere hundert Stufen steigt man bis

zu 60 m tief in die Unterwelt ein. Eine Wunderwelt,

die im Lichte der Scheinwerfer glitzert und strahlt.

Beeindruckt wandere ich über die Höhen zu einem

Aussichtspunkt des als „Calestienne“ bezeichneten

Kalkgebirges. Steil fallen die Kalkrippen in das Tal

unter mir ab. Auf dem sonnenwarmen Kalkmagerrasen

betört der Geruch nach Salbei, Bohnenkraut

und Oregano, bezirzt das Gezirpe der Grillen und

Grashüpfer die Ohren und der rauschhafte Flug der

Schmetterlinge begeistert das Auge. Wundervoll!

(ms)

FREŸR - EIN GARTEN EDEN

Es ist ein Paradiesgarten an den Ufern der Maas, überragt

von 120 m hohen Felsen. 20 Generationen der Herzöge Beaufort-Spontin

haben in der Sommerresidenz (dem Versailles

an der Maas) gelebt und das Anwesen liebevoll gestaltet.

Der Besucher ist eingeladen, nicht nur die Geschichte

des Schlosses, sondern auch die grandiose Umgebung vor

den Toren von Dinant zu erleben. Gekrönte Häupter waren

in Freÿr zu Besuch. Die Gärten und Terrassen im Stile der

Renaissance zeigen sich in einer ausnehmend prachtvollen

und doch intimen Gestaltung. Das Plätschern der Springbrunnen,

der Duft der 300 Jahre alten Orangenbäume in

Belgiens ältester Orangerie und die 6 km langen kleinen

Labyrinthe begeistern Jung und Alt. (ms)

© Axel Bonaert

Die Semois bei Botassart © Andreas Pacek

freyr.be

Typisch: Der Rennsteig als knorriger Pfad

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REGIOPANORAMA I BELGISCHE ARDENNEN

Wandern auf Bohlenwegen im Hohen Venn

© Wandermagazin, Natalie Glatter

DAS HOHE VENN

EINE URLANDSCHAFT

Das Hohe Venn ist ein Hochplateau, das sich von Nordost

nach Südwest erstreckt und dann in die Ardennen übergeht.

Obwohl das Vennmassiv, das sich im geologischen Altertum

des Kambrium herausbildete, keine wirkliche Berggipfel hat,

gibt es neben Belgiens höchstem Punkt, dem 694 m hohen

Signal de Botrange, noch weitere im Relief des Plateaus erkennbare

Kuppen. Nach der tektonischen Auffaltung des Massivs

verwitterte der graue Tonschiefer aus dem Erdaltertum

durch starke Erosion und bildete eine wasserundurchlässige

Schicht. Mit bis zu 1.500 mm Jahresniederschlag, der an bis

zu 220 Tagen des Jahres als Regen und an weiteren 70 bis

80 Tagen als Schnee niedergeht, entwickelten sich auf dem

Plateau in den zahlreichen Mulden und Vertiefungen ideale

Voraussetzungen zur Bildung von Hochmooren. So wächst

das Moor mit jährlich etwa einem bis zwei Millimetern seit

Jahrtausenden in die Höhe. Moore bestehen aus weichen,

verdächtig nachgebenden Moospolstern und ebenso verdächtigen

Tümpeln braunen Moorwassers. Nicht von ungefähr

bezeichnet man das Hohe Venn auch als vollgesogenen

Schwamm. Damit nicht genug: Im Venn entspringen dank des

Wasserreichtums viele Bäche und Flüsse, wie Rur, Hill, Weser,

Gileppe, Trôs-Marets, Warche oder Hoëgne. Einige, wie

die Trôs Marets, sind lediglich 6 km lang. So stürzen die Wassermassen

teils in beeindruckenden Rinnen, über lotrecht

abfallende Wände in die Tiefe und bilden wildromantische

Bachtäler. Das Hohe Venn bietet die einzigartige Gelegenheit,

in eine noch intakte Urlandschaft zu blicken und sie auf eigens

angelegten Bohlenstegen oder durch wilde Bachtäler

zu durchwandern. (ms)

© www.ostbelgien.eu, Dominik Ketz

BELGIENS

WILDER OSTEN

Schmale, naturbelassene Pfade, Wiesenwege fürs „Querfeldein“-

Feeling und Holzbohlenstege, die bis zum Horizont reichen. Willkommen

in Ostbelgien. Mal ist es ein See, der die Weite des Himmels,

vor allem Ruhe und Gelassenheit spiegelt. Mal ist es ein

Fluss mit zwei Gesichtern, eines sanft, das andere verspielt und

wild. Wasser begleitet den Wanderer in Ostbelgien überall. Meist

ist es ein Plätschern im Dickicht, ein schmales Rinnsal zwischen

Wiesen und durch Wälder oder der Blick in die dunklen Augen

der stillen Moorseen im Hohen Venn. Und waldreich ist der wilde

Osten! Das größte zusammenhängende Waldstück Belgiens befindet

sich hier. Auf der einen Seite geht der Hertogenwald über in

eine wiesenreiche Tal- und Hügellandschaft. Auf der anderen Seite

schraubt er sich bis zum höchsten Punkt des Landes empor. Der

sieht allerdings so gar nicht wie ein Gipfel aus, wundert sich der

Wanderer, wenn er das 692 m hohe Signal de Botrange im Hohen

Venn erreicht. Statt Gebirge gibt‘s Weitblick über eine urwüchsige

Moorlandschaft, die sich gerne mal in Nebel hüllt. „Genusstouren

Am Wasser entlang, im Wald und Panoramen“ heißt die Broschüre,

in der Entdecker und Genießer die schönsten Wanderungen Ostbelgiens

finden. Enthalten sind auch Wanderungen, die nach dem

neuen Knotenpunktsystem funktionieren. (ms)

INFO: OSTBELGIEN.EU

18 WANDERMAGAZIN Winter 2020/2021


GEWINNSPIEL

MITMACHEN UND EINEN

GENUSSAUFENTHALT

IN OSTBELGIEN GEWINNEN!

Gewinnen Sie einen Preis im Wert von 744 Euro. Den/die Gewinner*in

entführen wir in Begleitung einer zweiten Person in

das familiengeführte Hotel Bütgenbacher Hof **** am Rande des

vor allem bei Wanderern beliebten Hohen Venns. Dort haben

Sie sogar Anschluss an den Vennbahn-Radweg und können sich

auf die Kulisse am Bütgenbacher Stausee freuen. Das liebenswerte

Hotel ist für seine Gastlichkeit und seine exzellente Küche

(sechs Köche sorgen für Ihr leibliches Wohl) weit über die Grenzen

Ostbelgiens hinaus bekannt.

© Christian Charlier

© Christian Charlier

DER PREIS FÜR ZWEI PERSONEN BEINHALTET:

Zwei Übernachtungen im Doppelzimmer der Kategorie

„Heimatgefühl“ inkl. Frühstück sowie pro Person

• 1 Vier-Gang-Menü inkl. Getränkepauschale

• 1 Sieben-Gang-Gourmetmenü inkl. Getränkepauschale

• 1 Sektfrühstück

• Zugang zum Wellness- und Fitnessbereich

mit Saunen und Schwimmbad

Um am Gewinnspiel teilzunehmen, beantworten

Sie einfach die folgende Frage:

WELCHER ORT IN BELGIEN IST AUCH ALS

„MUTTER ALLER KURORTE“ BEKANNT?

A: NAMUR B: CHARLEROI C: SPA

Senden Sie Ihre Antwort mit Angabe Ihres vollständigen Namens und Ihrer

Adresse einfach per E-Mail an info@belgien-tourismus-wallonie.de. Teilnahmeschluss

ist der 31.3.2021 um 24:00 Uhr. Danach werden wir den/die Gewinner*in

per einfachem Losverfahren ermitteln und benachrichtigen.

© Christian Charlier

WIR WÜNSCHEN VIEL GLÜCK!

EIN ORT DES

WOHLBEFINDENS

Bütgenbach ist ein Dorf südlich des Hohen Venn und liegt an

der 125 ha großen Talsperre Bütgenbach im deutschsprachigen

Teil Ostbelgiens. Mittendrin liegt das Viersternehotel der

Familie Maraite, das seit 2011 in zweiter Generation geleitet

wird. Das Hotel Bütgenbacher Hof begeistert schon, wenn

man sich von dem kleinen Park im Herzen des Dorfes kommend

über die Straße „Marktplatz“ dem Haus nähert. Bei der

aufwendigen Gestaltung der Innenausstattung des Hauses

und seiner Zimmer spielt Holz eine zentrale Rolle. Kein Wunder,

die filigranen Umrisse von fünf Blättern der Kastanie sind

sichtbares Symbol des Hauses. Sechs Köche sorgen im Haubenrestaurant

für exquisites Essvergnügen. Dabei werden

vorzugsweise regionale Produkte verwendet. Der Weinkeller

ist bestens sortiert. Die Terrasse, der Wintergarten, die liebevoll

gestalteten Zimmer und Suiten, der Wellnessbereich

mit Schwimmbad, Saunen, Whirlpool und Fitnessangeboten

bieten viel Platz und eine gemütliche Atmosphäre zum Entspannen.

Denn dank der einzigartigen Lage an der Warche,

einem Vennfluss, an der Bütgenbacher Talsperre und einem

der größten erhaltenen Hochmoore Europas, dem Hohen

Venn, gibt es fantastische Möglichkeiten, sich zu Fuß oder zu

Rad in der Natur zu betätigen. (ms)

INFO: WWW.HBH.BE

www.wandermagazin.de

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REGIOPANORAMA I BELGISCHE ARDENNEN

Charmante

UNTERKÜNFTE

IN DEN BELGISCHEN ARDENNEN

Ob individuelles Landhotel, gemütliches Ferienhaus

mit Kamin und Sauna, Bed & Breakfast mit

persönlichem Empfang oder Campingplatz direkt am

Fluss die belgischen Ardennen bieten vielfältige

Übernachtungsmöglichkeiten. Ein besonderes

Bonbon bildet in vielen Hotels und Restaurants die

gute belgische Küche, die jeden Aufenthalt in der

Wallonie zu einem besonderen Genuss-Erlebnis

macht. Hier ein paar Impressionen …

Gemütliche, elegante oder

außergewöhnliche Ferienhäuser

gibt es in den Ardennen viele.

© Ardennes-Etape

Baumhäuser

im Wald findet

man beim

Anbieter

Cabanes

de Rensiwez

in Houffalize.

© WBT, Olivier

Bourgi

Diese Zeichen

stehen für

ländliche

Bauernhof-

Unterkünfte

© WBT, Olivier

Legardien

© WBT, Olivier Bourgi

Auch gibt es viele Ferienhäuser mit besonderer Ausstattung,

etwa Kamin, Schwimmbad oder Sauna. © Ardennes-Etape

20 WANDERMAGAZIN Winter 2020/2021


© WBT,

Denis

Erroyaux

Die Aqualodge in Ermeton-sur-Biert bietet naturnahe

Entspannung am Wasser … © Aqualodge

… und ist ein außergewöhnliches

Hideaway © Aqualodge

Das Hotel

Floréal

in La Rocheen-Ardenne

© WBT,

Denis

Erroyaux

Noblesse oblige: Das Manoir

de Lébioles bei Spa

© Eliophot - Aix-en-Provence

Ein weiterer Ort

mit Wellness-Charme:

Das Château

des Thermes in

Chaudfontaine

© WBT, JP Remy

Idylle pur und Spitzenküche

das Hotel-Restaurant Moulin Hideux

bei Bouillon © Philippe Saenen,

Auberge du Moulin Hideux

Camping am Fluss

hier an der Amblève

bei Stavelot

© WBT, Peripleties

Oder man campt außergewöhnlich,

wie hier in „Sphair“ genannten Kugeln

auf dem Campingplatz Val de l‘Aisne.

© Camping le Val de l‘Aisne

INFO:

Inspirationen und

Buchungsmöglichkeiten

für Unterkünfte in den

belgischen Ardennen

gibt es hier

HOTELS/

FERIENHÄUSER/B&BS:

visitwallonia.be/buchen

FERIENHÄUSER:

ardennes-etape.de

gitesdewallonie.be

accueilchampetre.be

CAMPINGPLÄTZE:

campingbelgique.be

www.wandermagazin.de

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