Drag-Strip_mit_Porsche_Taycan_und_Energica

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Kann ein Auto so gut beschleunigen wie ein Motorrad?
Unruhig scharrt der Porsche akustisch mit den Hufen. 3, 2, 1, LOS! BÄNG! Ein gigantischer Tritt in den Hintern katapultiert dich nach vorne, die Energica ist verschwunden. Doch – was ist das?

Die besten Beschleuniger

ZISCH UND WEG

Kann ein Auto so gut beschleunigen wie ein Motorrad? Die letzten Jahrzehnte war das

kein Thema. Autos an der Ampel waren Opfer. Zu schwer, zu wenig Druck, schlechtere

Fahrer. Porsche sagt nun: Mit E-Power sind wir sogar schneller! MOTORRAD hat es ausprobiert.

Die bärenstarke Energica Eva Ribelle trifft auf den Porsche Taycan Turbo S.

Der Ort: die haftfreudige Runway des Flughafens Neuhausen ob Eck.

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Technische Daten Porsche Taycan Turbo S

Zwei permantenerregte Synchronmotoren, Nennleistung 460 kW (625 PS), Overboost-

Leistung 560 kW (761 PS) 1 , max. Drehmoment 950 Nm, Overboost-Drehmoment 1050

Nm 1 , Zweiganggetriebe, Lithium-Ionen-Batterie, maximale/nominale Akkukapazität

93,4/ 83,7 kWh, Lademöglichkeiten über 230 V/max. 11 kW; Typ 2/max. 22 kW; CCS/

max. 270 kW, Reichweite kombiniert (Stadt/Landstraße) 415 km*, Reifen 265/35 R 21;

305/30 R 21, Gewicht 2365 kg*, Grundpreis 181 638 Euro

Herstellerangaben; 1 Mit Launch Control; * MOTORRAD-Messung

Technische Daten Energica Eva Ribelle

Permanenterregter Synchronmotor, Nennleistung 107 kW (145 PS) bei 6000/min,

max. Drehmoment 215 Nm, Lithium-Ionen-Batterie, maximale/nominale Akkukapazität

21,5/18,9 kWh, Lademöglichkeiten über 230 V/ max. 3,5 kW; Typ 2/ max. 3,5 kW;

CCS/max. 25 kW, Reichweite kombiniert (Stadt/Landstraße) 185 km*,

Reifen 120/70 ZR 17; 180/55 ZR 17, Gewicht 274 kg*, Grundpreis 22 934 Euro

Herstellerangaben; * MOTORRAD-Messung

Eines gleich vorneweg: Wir können

nicht über mit Höchstdrehzahl

kreischende Motoren, rauchende

Kupplungen und durchdrehende

Räder schreiben. Das alte Kunststück, die

brachiale Kraft eines ultrastarken Motors

optimal über eine Kupplung auf die Straße

zu bringen, übernehmen bei Energica und

Porsche schnelle Rechner. Und Kupplungen

gibt es auch keine. Denn beide Beschleunigungsmonster

werden von Elektromotoren

angetrieben. Und die schicken

bereits aus dem Stand jede Menge Drehmoment

an die Antriebsräder, wobei der

Porsche davon vier besitzt. Gleich zwei

Elektromotoren kümmern sich um den

Vortrieb des Zuffenhauseners, der auf der

Hinterachse darf zur noch besseren Performance

sogar über ein Zweiganggetriebe

wirken. Da wirkt die in Ferrari-Rot getauchte

Schönheit aus Modena technisch eher

schlicht. Ein Motor, ein Antriebsrad, reicht.

Reicht wirklich? Ein Blick auf die Daten

weckt Zweifel. 761 PS und 1050 Nm kann

der Taycan Turbo S abrufen, da wirken

selbst die von der Energica gelieferten

215 Nm Drehmoment schmächtig. Allerdings:

Für ein Motorrad und dazu für ein

kurzes Naked Bike ist das Rekord. Eine

Ducati Streetfighter V4 liefert um die 140

Nm, die allerdings mithilfe einer Kupplung

dosiert werden müssten.

Top-Tester Timo streift sein Leder über,

das Data-Recording via schnelle GPS­

Messung ist bereits verkabelt. „Bück dich

leicht über den Lenker, sonst steigt das

Vorderrad zu sehr, und du musst abbrechen.“

Stefano, der die Energica für unseren

Test direkt aus Italien gebracht hat,

schaut besorgt. Schließlich soll die rohe

Gewalt der Ribelle nicht zu einem unkontrollierbaren

Fahrzustand, sprich Wheelie

mit anschließendem Rückwärtssalto, führen.

Timo bleibt cool. Parkt die potente Italienerin

am Ende der gut einen Kilometer

langen Runway, beugt sich mit der Routine

eines Ex-Motocrossers über den Lenker

und zieht… ja, woran eigentlich? Am Kabel,

oder sagen wir besser, am Potenziometer.

Aufdrehen und festhalten. Sehr gut

festhalten! Die Energica schießt nach vorne,

hebt nur ganz leicht das Vorderrad.

Ein leises Surren und Zischen beweist, hier

fährt keine Lichterscheinung, das ist ein

konkretes Motorrad. Kaum neun Sekunden

später ist der Spuk vorbei. Die Ribelle

schafft gerade mal knapp 200 km/h.

Auch die Porsche-Presseabteilung,

die uns dankenswerterweise das 200 000-

Euro-Geschoss zur Verfügung stellte, spart

nicht mit guten Ratschlägen: „Wichtig ist,

sich beim Betätigen der Launch Control

nicht nach vorne zu beugen, sondern sich

in den Sitz zu pressen. Auch der Kopf sollte

nicht zu weit von der Kopfstütze entfernt

sein. Bitte das auch bei möglichen

Passagieren beherzigen, die Beschleunigung

ist wirklich stark!“

Nur in der Launch-Control-Ebene gibt

der Taycan seine vollen 1050 Nm ab. Aber

wie kommen wir dahin? Vier Displays informieren

bei Bedarf Fahrer und Beifahrer

über alles mögliche in und um den Porsche,

die vielfältig einstellbaren Sitze passen

irgendwann wie angegossen, sogar die

Leistungsverteilung der Sitzheizung kann

per Touchscreen-Menü verändert werden.

Launch Control geht so: Gesamt-Setup

des Taycan auf Sport-Pro stellen, das legt

ihn etwas tiefer, verhärtet die Dämpfung,

das Soundsystem spielt anregende Rennatmosphäre

ins Cockpit, die volle Leistung

wird bereitgestellt. Dann Bremse und

Beschleunigung

über Zeit: Allradantrieb

und fette

305er-Klebereifen

erzeugen sensationellen

Vortrieb, die

Energica bremst

die Physik. Dafür

holt sie nach drei

Sekunden auf und

zieht kurz vorbei,

bevor ihr dann die

Luft ausgeht

Beschleunigung in m/s 2 Geschwindigkeit in km/h

12

11

10

9

8

7

6

5

4

3

2

1

Porsche

Taycan Turbo S

0-50 km/h 1,2 sek

0-100 km/h 2,8 sek

0-150 km/h 5,3 sek

0-180 km/h 7,4 sek

Energica

Eva Ribelle

1,5 sek

3,1 sek

5,2 sek

7,6 sek

0

0

0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13

Zeit in sek

250

200

150

100

50

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Zehnkolben-Festsattelbremse auf 440er-

Keramikscheibe: Noch Fragen?

Vierkolben-Brembos: auch nicht schlecht,

fürs Motorrad auch ausreichend

Reichweite ist genügend vorhanden,

300 Kilometer gehen immer, 450 sind drin

Sparsames Display, Reichweite um die

180 Kilometer, 230 sind maximal drin

Auch elektrisch angetrieben bleibt Porsche

ein echter Porsche. Schnell, stark, geil

Stolzer Hersteller: Energica baut nur Elektromotorräder,

Ferrari ist nicht weit weg

„Gas“-Pedal voll drücken, Bremse loslassen,

ab geht die Post.

Wir stellen uns auf. Die Seitenscheibe

bleibt offen, der Starter gibt das Kommando.

Unruhig scharrt der Porsche akustisch

mit den Hufen. 3, 2, 1, LOS! BÄNG! Ein

gigantischer Tritt in den Hintern katapultiert

dich nach vorne, die Energica ist verschwunden.

Nach einer gefühlten Sekunde

haut das Getriebe den zweiten Gang

an der Hinterachse rein, der Porsche zieht

und zieht, da bleibt einem echt die Spucke

weg. Doch – was ist das? Sirrend taucht

die Energica wieder in der Seitenscheibe

auf, zieht sogar kurz vorbei. Schon stehen

150 km/h auf dem Taycan-Display, das

kann doch nicht sein? Unvermindert zieht

der Taycan weiter, die Energica verliert

schon an Kraft, bei 180 Sachen zieht das

Auto wieder vorbei, drückt weiter, weiter,

immer weiter, 220, 238 – uups! Wir sind auf

einem Flughafen, Flugzeuge starten jetzt,

wir müssen bremsen, denn die Piste geht

zu Ende. Der Tritt aufs Bremspedal verzögert

die Fuhre extrem. 1,6 g messen wir,

wenn sich die Zehnkolben-Festsättel in

die 420-Millimeter-Keramikscheiben ver­

Vereint: Speicher füllen geht dank Schnellladesystemen bei beiden erstaunlich fix.

Mit Gleichstrom unter 40 Minuten beim Bike, der Porsche schafft das fast auch

beißen. Eigentlich genauso brutal wie

die Beschleunigung.

Und das Rennen? Die nackten Zahlen

sagen: Der Porsche kommt deutlich besser

weg. 2,8 Sekunden auf 100 km/h, fantastisch!

3,1 braucht die Energica, ebenfalls

exzellent für ein Motorrad. Bis 150 Sachen

gleicht sich das fast aus. Beide reißen die

Marke nach nur gut fünf Sekunden. Oben

geht der Porsche besser. Die Energica ist

gedrosselt. Warum auch immer. Der Porsche

übrigens auch. Auf 260 km/h.

Autor: Michael Pfeiffer

chefredakteur@motorradonline.de

Fotos: Jörg Künstle

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