FACTS and STORIES 10 Leseprobe

Comichunter1982

Dieses FACTS & STORIES Heft beschäftigt sich wieder mal mit der Psyche des Menschen. Es geht jedoch mehr darum, wie man sich selbst helfen kann, wie das Umfeld mit einem Menschen mit seelischen Problemen umgeht und wie sich Psychiatrie-Erfahrene selbst engagieren können.

Da wäre zum Ersten die Recovery-Bewegung, die wir beleuchten. Eine Bewegung die von Menschen mit psychiatrischen Diagnosen ausging, die sich nicht mehr damit abfinden wollten, dass sie unheilbar krank seien, sondern durch ihren Umgang mit ihrer Erkrankung, einen Heilungsprozess durchlaufen.

Zum Zweiten wäre da die Anti-Stigma-Arbeit. Da stellen wir Projekte vor, die etwas gegen Vorurteile und Ausgrenzung von Menschen mit seelischen Erkrankungen tun.

Zum Dritten geht es um Selbsthilfe und EX-IN, aber dazu später mehr.

Außerdem werden zwei Bücher von den beiden Autor*innen vorgestellt. Und es gibt mal wieder eine Menge Comics und Illustrationen.
Dieses Heft entstand in Zusammenarbeit mit dem EX-IN Mecklenburg-Vorpommern e. V., dem Landesverband seelische Gesundheit Mecklenburg-Vorpommern e. V. Und dem Instutut für neue Medien Rostock gGmbH. Vielen Dank an Fonds Soziokultur für das Sponsoring. Also viel Spaß mit diesem Heft.

www.facts-and-stories.de


Inhalt

Seite 3:

Seelische Gesundheit von Christian Kaiser

____________________________________________________________________________________________________________

Seite 4:

Fantasy-Illustrationen von Elikal Ial'borcales

____________________________________________________________________________________________________________

Seite 11:

Projekt zur gesellschaftlichen

Anerkennung von Entwicklungstrauma

von www.traumaleben.blog

Seite 26:

Erfahrungsbericht von Anne Wend

_______________________________________________________________________________

Seite 28:

Buchvorstellungen:

AUSwege finden – Kinder

psychisch kranker

Eltern von Gabi Pertus

Und:

Lus Bücher

von Luise Müller

Seite 12:

Die Katze im Badezimmerspiegelschrank

von Benedikt Franke

____________________________________________________________________________________________

Seite 18:

Recovery, Hoffnung, Sinnhaftigkeit,

EX,IN, Anti-Stigma und das verrückte

Schulprojekt von Christian Kaiser

_________________________________________________________________________________________

Seite 22:

Was ist ein Genesungsbegleiter

Von Christian Kaiser

_________________________________________________________________________________________

Seite 24:

„Meltdown“ Erfahrungsbericht einer

Mutter eines autistischen Kindes

__________________________________________________________________________________________

Seite 30:

Der große Hexenmeister

von Suskar Lötzerich

_________________________________________________________________________________

Seite 38:

Eine kurze Geschichte der Psychiatrie

von Mathias Krämer

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Seelische Gesundheit

Liebe Leser,

RÜCKBLICK: Die letzten Monate

waren sehr schwer für mich. Passend

zum Thema des Heftes:

SEELISCHE GESUNDHEIT

kamen im Sommer diesen Jahres

wieder starke seelische Belastungen

auf mich zu, weil ich mich überarbeitet

hatte und wegen privater

Probleme. Doch jetzt liegt sogar

schon Weihnachten hinter uns und

trotz Corona war es ein schönes Fest. Aber was ist der

Geist oder gar der Sinn von Weihnachten? Heuzutage

ist es hier in der westlichen Welt wohl Konsum. Und

trotzdem bleibt für mich der Zauber von Weihnachten

erhalten.

Weihnachten ist nicht nur der Geburtstag von Jesus

Christus. Es ist auch Sinnbild für Besinnlichkeit, aber

auch für Trubel und Weihnachtsstress. Und trotzdem

für Familie und Freunde kann gerade dieses von der

Pandemie heimgesuchte Jahr ein Besonderes werden.

Und das nicht nur im negativen Sinne.

Denken wir an Jesu Geburt zurück. War das nicht auch

eine schwere Zeit für Josef und Maria? Es gab eine

Volkszählung und so mussten sich Maria und Josef auf

eine beschwerliche Reise machen.

So eine Reise habe auch ich hinter mir. Wie schon

Anfangs erwähnt lag ich viele Monate in der Psychiatrie

und bis wenige Tage vor Weihnachten nach einer

Verletzung in der Chirurgie. Es war eine schwere Zeit

und irgendwie auch wie eine Reise. Allerdings eine

Reise der Genesung. Es war teilweise auch eine schöne

Zeit, weil ich neue Freunde gewinnen konnte. Und

wahre Freunde können sogar zur Familie werden.

Jesus hatte echt viele Freunde und auch ich merkte,

dass viele Menschen mich in der Klinik besuchten. Jetzt

wieder zum Sinn von Weihnachten. Dieses Fest soll uns

zeigen, dass Kinder, so wie Jesus eines war, unsere

Zukunft sind. Und jedes Kind ist ein Gottesgeschenk.

Weihnachten ist nicht nur das Fest der Familie, es ist

das Fest der Wunder und vielleicht geschehen dieses

neue Jahr wieder Wunder. Auf diese hoffe ich!

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Dieses FACTS & STORIES Heft beschäftigt

sich wiedermal mit der Psyche des

Menschen. Es geht jedoch mehr darum,

wie man sich selbst helfen kann,

wie das Umfeld mit einem Menschen

mit seelischen Problemen umgeht und

wie sich Psychiatrie-Erfahrene selbst

engagieren können.

Da wäre zum Ersten die Recovery-Bewegung,

die wir beleuchten. Eine Bewegung

die von Menschen mit

psychiatrischen Diagnosen ausging, die

sich nicht mehr damit abfinden wollten,

dass sie unheilbar krank seien,

sondern durch ihren Umgang mit ihrer

Erkrankung, einen Heilungsprozess

durchlaufen.

Zum Zweiten wäre da die Anti-Stigma-

Arbeit. Da stellen wir Projekte vor, die

etwas gegen Vorurteile und Ausgrenzung

von Menschen mit seelischen Erkrankungen

tun.

Zum Dritten geht es um Selbsthilfe und

EX-IN, aber dazu später mehr.

Außerdem werden zwei Bücher von

den beiden Autor*innen vorgestellt.

Und es gibt mal wieder eine Menge

Comics und Illustrationen.

Dieses Heft entstand in Zusammenarbeit

mit dem EX-IN Mecklenburg-Vorpommern

e. V., dem Landesverband

seelische Gesundheit Mecklenburg

Vorpommern e. V. Und dem Instutut

für neue Medien Rostock gGmbH. Vielen

Dank an Fonds Soziokultur für das

Sponsoring. Also viel Spaß mit diesem

Heft.

Chrisitan Kaiser


Fantasy-Illustrationen von Elikal Ial'borcales

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Projekt zur gesellschaftlichen

Anerkennung von Entwicklungstrauma

Dieses Projekt wurde im März 2020 ins Leben

gerufen. Es entwickelt sich ständig weiter,

wächst mit den Autor*innen und

Ambitionen der Teilnehmenden. Aus diesem

Grund gibt es viele verschiedene Medienformate,

so dass jede teilnehmende

Person sich mit dem individuell bevorzugten

Medium ausdrücken kann, z.B.

durch schreiben (Artikelbeiträge), fotografieren,

filmen (Foto- und Videobeiträge)

oder sprachlichen Ausdruck (Podcastbeiträge).

Wenn sich genug Menschen finden, die sich

in diesem Projekt wiederfinden, kann

dieses mit den Ideen jeder einzelnen Person

weiter wachsen, vllt. sogar zu einem Verein.

Mit einem Verein können Projekte von Personen

unterstützt werden, die das Thema

„komplexe posttraumatische Belastungsstörungen

und Traumafolgen“ behandeln –

sowohl finanziell als auch öffentlichkeitswirksam.

In diesem Sinne können Theaterstücke

oder andere Gruppen mit

künstlerischem Ausdruck, Veröffentlichungen

und andere Ideen gefördert werden.

Die Autor*innen von TRAUMALEBEN ermöglichen

in diesem Gemeinschaftsblog

Einblicke in ihre Gefühls- und Bedürfniswelt

sowie Erfahrungen aus Kindheit, Jugend

und Erwachsenenalter. Sie teilen ihren Alltag

sowie Gedanken rund um Schmerz,

Hoffnung, Einschränkungen und weiteren

Geschehnissen, die anderen Menschen vielleicht

nur schwer über die Lippen kommen.

Traumaerfahrene erlernen Inhalte der

Traumathematik nicht theoretisch, in Ausbildung

oder Studium, sie ERLEB(T)EN Trauma,

leben mit ihnen, meist seit einer langen

Zeit. So können sie oftmals auf kognitiver,

als auch auf emotionaler Ebene die Schmerzen,

das Leid und die Ohnmacht aus eigener

Erfahrung nachvollziehen, nachfühlen und

verstehen.

Wir sehen Trauma-Erfahrene als Ressource

für Informationen rund um das Thema, als

Informationsquelle für gesellschaftliche

und soziale Defizite, für wirkungsvolle und

weniger wirkungsvolle Therapieansätze, als

Brückenbauer*innen zwischen Ursachen

von Entwicklungstrauma und Professionellen,

Institutionen u.a. gesellschaftlichen

Einrichtungen. Da Betroffene unmittelbar

und mittelbar an Missständen unserer Gesellschaft

erkranken, also durch frühere sowie

vorherrschende Strukturen und

sozialisierte Normen, Werte und damit soziale

Umgangsweisen – wie z.B. gewaltvolle

Beziehungen in Familien, Freundschaften

oder Partnerschaften, durch ein armutsförderndes

Bildungssystem mit der Aufrechterhaltung

von generationsübertragenen

Privilegien, Mobbing in sozialen Gruppen,

soziale und institutionelle Ausgrenzung von

Randgruppen, Repressionen im Schulsystem,

Strukturen und Zustände unseres Arbeitsmarktes

mit Auswirkungen auf den

Familienhabitus oder durch nicht genügend

sichtbare oder vorhandene Hilfesysteme

für Betroffene jeden Alters – sind sie hervorragende

Informationsquellen und können

zur Aufklärung, Minimierung oder

Auflösung der Defizite beitragen.

In diesem Sinne sehen wir dieses Projekt als

Wissens- und Informationsspeicher. Es umfasst

theoretisches Wissen, genauso wie

Zeugnisse unterschiedlichster Erfahrungen.

Quelle: www.traumaleben.blog

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Immunsystem

Empowerment

Sozialpsychiatrie

Lebensmut

Genesungsbegleiter

Seelische Gesundheit

Peer-Berater

Glück

Vertrauensperson

Resilienz EX-IN

Psychologie

Vertrauen Widerstandskraft

Stehaufmännchen Freundschaften

Recovery

Schutzfaktoren

Psychiatrie

Was ist Recovery?

Das Recovery-Konzept ist von Psychiatrie-

Erfahrenen in den 1990ern in den USA entwickelt

worden. Vorreiterinnen der Bewegung

wie Patricia Deegan wollten sich nicht

damit abfinden, dass Ärzte sie als „unheilbar

krank“ oder „austherapiert“ abstempelten.

Aus eigener Erfahrung wussten sie:

Genesung ist auch bei schweren psychischen

Erkrankungen möglich. Es geht

hierbei nicht um Heilung im klassischen

Sinne, sondern darum trotz Erkrankung eine

gute Lebensqualität zu haben.

Gemeinsam mit engagierten Fachleuten

und Angehörigen setzten sie sich für eine

alternative Art der psychiatrischen Behandlung

ein, in der ein positiver, ganzheitlicher

und gesundheitsfördernder Blick auf psychische

Erkrankungen im Mittelpunkt steht.

Aber was bedeutet „Recovery“ eigentlich?

Wenn wir den Begriff im Englisch-Wörterbuch

nachschauen, dann finden wir folgende

Übersetzungen: Erholung,

Besserung, Gesundung, Wiederherstellung,

Rückgewinnung.

Unter persönlicher Recovery versteht man

den individuellen Entwicklungsprozess eines

Betroffenen aus den Beschränkungen der

Patientenrolle hin zu einem sinnerfüllten,

hoffnungsvollen und selbstbestimmten Leben

mit positiver Identität und positiver sozialer

Rolle (Graf,M. et al. 2014)

Hoffnung

Das ist der Beginn von allem, wenn ein

Mensch keine Hoffnung auf eine bessere

Zukunft hat, fehlt ihm die Kraft, Dinge anzugehen

und zu gestalten. Während einer

schweren Erkrankung ist es für viele Betroffene

schwierig, die Hoffnung auf ein erfülltes

Leben zu bewahren oder neu

aufzubauen. Dies ist in Krisenzeiten normal

und völlig verständlich. Recovery bedeutet,

wieder Hoffnung zu haben. Mit dieser positiven

inneren Haltung ist es möglich, die

Selbstheilungskräfte anzuregen und aktiv

Einfluss auf die Gestaltung des eigenen Lebens

zu nehmen.

Das Erlangen und die Erhaltung von Hoffnung

ist der Schlüssel zu Recovery. Gesundung

ist eine Haltung, eine Einstellung und

ein Weg, die täglichen Herausforderungen

anzugehen. Es ist ein selbstgesteuerter Prozess,

um Sinn und Zielsetzung ins Leben

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zurückzugewinnen. Somit muss aber gleichzeitig

gesagt werden: Recovery braucht ein

hoffnungsstiftendes Umfeld. Betroffene

brauchen Menschen um sich herum, die

ihnen Mut machen und positiv eingestellt

sind. Hoffnung und die Sinnsuche im Leben

sind eng verwoben.

Sinnhaftigkeit

Hoffnung kann nur dort entstehen, wo es

Menschen gelingt, einen Sinn im Leben zu

finden. Um einen Sinn im Leben zu finden,

brauch man aber mehr als Menschen, die

einem Mut machen. Das Leben wird vom

Menschen dann als sinnvoll und lebenswert

empfunden, wenn es gelingt, die eigene

Biographie und den eigenen Weg zu akzeptieren

und gleichzeitig neue Perspektiven

und Ziele zu haben, trotz aller Hindernisse

und Schwierigkeiten.

Wenn man sein Leben als gescheitert ansieht,

verengt sich der Blick, und man betrachtet

sich nur noch als „Kranken“. Dies

gilt nicht nur für psychische Erkrankungen,

sondern für alle Lebensbereiche. Auch

wenn es schwierig ist: Menschen brauchen

in einer solchen dramatischen Krisensituation

eine Perspektive ,um ihr Leben positiv

gestalten zu können. In der Recovery-Arbeit

sollen Betroffene lernen, ein oft unklar

definiertes Behandlungsziel einer „Heilung“

um ein subjektives Sinnkonzept zu ergänzen.

Mit Empowerment werden Prozesse bezeichnet,

in deren Verlauf die betroffenen

Menschen Möglichkeiten und Fähigkeiten

gewinnen, ihr Leben eigenverantwortlich zu

gestalten. Sie werden dabei unterstützt, ihre

Probleme eigenständig zu lösen. Das Empowerment

der Betroffenen und ihre

eindrucksvollen Erfolge sowie die Tatsache,

dass die Betroffenenbewegung Wege und

Formen gefunden hat, das professionelle

System mitzugestalten, ist die Grundlage

für die Entwicklung in Richtung Recovery.

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Das wirklich Neue an Recovery ist die zunehmende

Bereitschaft und Expertise in der

Zusammenarbeit zwischen Betroffenen,

Angehörigen und Freund*innen sowie professionellen

Helfern.

Das Zauberwort ist EX-IN, Psychiatrie-Erfahrene

arbeiten in der Sozialpsychiatrie als

Erfahrungs-Experten*innen.

Was ist EX-IN, was steckt

dahinter?

Jede Form der Unterstützu

ng von Betroffenen durch andere

Betroffene kann man als „Peer-Support“

bezeichnen, was übersetzt so viel

bedeutet wie: „Unterstützung für Betroffene

von Betroffenen“, Peer-Support ergänzt

in vielen Fällen das Behandlungsteam

sinnvoll, indem es die Betroffenenperspektive

einbringt und so den Horizont aller Beteiligten

erweitert.

Die Achtsamkeit der Mitarbeitenden und

der Teams im Umgang mit den Klienten und

sich selbst wird durch den anderen Blickwinkel

der Genesungsbegleiter erhöht.

Durch den Austausch mit Pee

rbegleiter*innen können die Mitarbeiter ihr

eigenes Handeln hinterfragen und zu neuen

Lösungsideen kommen. Unterschiedliche

Zugänge zu Klienten*innen bringen neu

Wege und Lösungen.

Dazu wurde eine Weiterbildung für Psychiatrie-Erfahrene

Menschen entwickelt. In dieser

EX-IN-Weiterbildung beschäftigen sich

die Teilnehmer damit, wie ihre Krise ausgelöst

wurde, wie sie sie erlebten und was sie

von innen und außen unterstützt hat herauszukommen,

also das Leben mit allen

Einschränkungen zu leben. Die Teilnehmer

erfahren auf diesem Weg, dass sich nichts

ändern kann, wenn sie nicht selbst etwas

dafür tun. In der Ausbildung erlernen sie


diese Erfahrung einzusetzen um andere Betroffene

zu unterstützen.

Genesungsbegleiter*innen werden eingesetzt,

um Menschen mit seelischen Handicaps

zu begleiten, statt zu betreuen. Die

Tätigkeitsfelder sind so unterschiedlich wie

wir EX-In-ler*innen selbst.

Wie bereits erwähnt ist der Kurs keine Ausbildung

sondern eine Weiterbildung. Es erfolgt

im Anschluss an den Kurs nicht

automatisch eine Anstellung in der Sozialpsychiatrie.

Jedoch gelingt es immer mehr

Absolvent*innen eine Anstellung zu finden

und somit die Idee von EX-IN in M-V zu

verbreiten. Aus dem jetzigen Kurs haben

viele Teilnehmer*innen eine Anstellung gefunden.

Doch Menschen mit seelischen Handicaps

haben es in der Gesellschaft oftmals schwer

anerkannt zu werden. Die

Genesungsbegleiter*innen wollen dem

durch positive Beispiele entgegenwirken.

Doch woher kommt diese Ausgrenzung, die

Menschen mit psychischen Problemen in

unserer Gesellschaft erleben?

Stigmatisierung durch Vorurteile

Die Ausgrenzung und Diskriminierung von

Menschen mit seelischen Problemen nennt

man auch Stigmatisierung. Sie erfolgt auf

unterschiedlichen Ebenen: Im Rahmen zwischenmenschlicher

Beziehungen, am Arbeitsplatz,

in der Nachbarschaft, durch die

Politik oder allein durch eine diskriminierende

Darstellung in den Medien von Menschen

mit seelischen Erkrankungen.

Die Ausgrenzung findet dabei nicht immer

in offener Ablehnung und Benachteiligung

statt, sondern auch verdeckt und schleichend.

Betroffen sind dabei nicht nur die

Menschen mit seelischen Problemen

selbst, sondern häufig auch ihre Angehörigen.

Sie erfahren ebenfalls Ablehnung

oder müssen die Ausgrenzung der ihnen

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nahestehenden Menschen miterleben.

Stigmatisierung kommt durch die Angst

vor dem, was anders ist. In den Medien

wird Stigma häufig, wenn wohl auch teilweise

ungewollt noch verstärkt.

Eine sehr verbreitete Erklärung für die

Ursache von Stigmatisierung ist fehlendes

und falsches Wissen und das Vorherrschen

von Vorurteilen.

Häufige Erkrankungen wie etwa Depressionen

werden von der Gesellschaft immer

besser akzeptiert. Seltene psychische Störungen,

wie Angstzustände oder Psychosen,

rufen immer noch Vorurteile hervor,

die sich in unserer Sprache zeigen. Menschen

werden dann als "verrückt" bezeichnet.

Es ist wichtig, dass sich jeder

seine eigene Meinung bildet, und nicht

alles ungefiltert aufsaugt.

Da bietet es sich an selbst über die Medien

aktiv zu werden und eine Anti-Stigma-

Kampagne zu starten…

Die Anti-Stigma-Kampagne des Landesverbandes

Sozialpsychiatrie M-V e. V.

Die Kampagne wirbt für die Auseinandersetzung

mit dem Thema Entstigmatisierung

von Menschen mit psychischen

Beeinträchtigungen auf mehreren Wegen.

In einer Arbeitsgruppe, zusammen gesetzt

aus Betroffenen, Angehörigen

und Fachkräften der

Sozialpsychiatrie wurden

Plakate, Postkarten

und die

Homepage

http://antistigma-mv.de/ entwickelt. Die

Plakate und Postkarten können von der

Homepage heruntergeladen werden. Sie

wurden entwickelt, um über diese Bilder

ins Gespräch zu kommen. Begleitend wer-


den Veranstaltungen umgesetzt, die über

psychiatrische Krankheitsbilder und Stigmatisierungsprozesse

informieren und das

Nachdenken über den eigenen Umgang mit

Vorurteilen anregen. Die Veranstaltungen

richten sich unter anderem an Mitarbeitende

aus dem Medienbereich, an Multiplikatoren

aus der Arbeitswelt, an Betroffene,

Angehörige und Fachkräfte aus dem psychiatrischen

Bereich.Eine wichtige Präventionsstrategie

bei den Veranstaltungen ist es,

Begegnungen und Austausch mit Menschen

zu schaffen, die Erfahrungen mit

psychiatrischen Erkrankungen gemacht haben.

Das Schulprojekt

Eine andere Art der Anti-Stigma-Arbeit sind

die Schulprojekte, die es schon in einigen

Städten gibt, unter anderem in Leipzig,

Hamburg, Bremen und Rostock. Aber auch

in vielen anderen Städten, nicht nur in

Deutschland. Jede

Schülerin, jeder

Schüler,

aber auch die

Lehrer und Lehrerinnen

wissen,

welchem Druck

Schüler gerade

in der Pubertät

ausgesetzt sind,

wie stressig der

Schulaltag sein

kann und wie

schwer es manchmal für Teenager ist, zuversichtlich

in die Welt zu schauen.

Ausgerechnet in dieser, für die Zukunft der

Jugendlichen, so wichtigen Lebensphase

beginnen psychische Erkrankungen wie Depressionen

oder Ängste, Süchte und selbstschädigendes

Verhalten so häufig wie in

keinem anderen Lebensabschnitt. Deshalb

brauchen viele Jugendliche Hilfe, um ihre

Probleme besser bewältigen zu können.

Herangehensweise des Schulprojekts

In Projektstunden und Projekttagen der

Schulen setzen sich die Schüler mit dem

Thema seelische Gesundheit auseinander

mit Hilfe eines idealerweise trialogisch besetzten

Teams. Es werden gruppenfördernde

Spiele und Therapieansätze von in

der Sozialpsychiatrie professionell Tätigen

durchgeführt, die ihren Einsatz auch in Therapien

in Kliniken oder anderen sozialen

Einrichtungen finden.

Einbeziehung von Psychiatrie-Erfahrenen

In Gesprächsrunden mit Betroffenen von

psychischen Problemen, können die Schüler

Fragen stellen, zu allem was ihnen auf

den Nägeln brennt. Diese persönlichen Begegnungen

sind besonders wichtig. Idealerweise

sollte auch das Schulprojekt

trialogisch besetzt sein, oft findet es aber

ohne Angehörigenvertreter statt, so dass

nur die Sicht der Menschen mit seelischen

Problemen und der in der Sozialpsychiatrie

Tätigen vertreten ist.

Zahlen und Fakten zu psychischen Krankheiten

bei Jugendlichen

20% der 13- bis 18-Jährigen haben psychische

Gesundheitsprobleme.

Oft vergehen mehrere Jahre, bis sie Hilfe

suchen und bekommen.

Ca. zwei bis drei Millionen Heranwachsende

in Deutschland haben mindestens

einen Elternteil, der psychisch erkrankt ist.

Dies kann für die Heranwachsenden mit

Problemen verbunden sein. Dadurch kann

es dazu kommen, dass sie selbst psychisch

erkranken.

90% der jungen Menschen, die durch Suizid

sterben, hatten zuvor eine psychische Erkrankung.

Lasst es nicht so weit kommen

21

Christian Kaiser


Was ist ein Genesungsbegleiter?

22


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„Meltdown“

Manchmal beschreiben Wörter in einer

anderen Sprache viel besser Vorgänge als

ihre deutsche Übersetzung. So kann meltdown

in diesem Kontext mit Zusammenbruch

übersetzt werden. Aber ist es nicht

viel mehr ein Dahinschmelzen der äußeren

Fassade, wenn zu viele Reize auf ein

autistisches Kind einwirken und er diese

nicht mehr verarbeiten kann? Das scheinbar

angepasste Kind reagiert für Außenstehende

plötzlich völlig unverständlich,

sozial-emotional auffällig oder schlichtweg

schlecht erzogen. Und schon beginnen

einige Hobby-Pädagogen gut

gemeinte Ratschläge über die Eltern zu

ergießen, ohne die Gründe des Verhaltens

zu wissen und ich als sturer Elternteil sehe

mich wiederum auch nicht in der Pflicht,

die selbsternannten Super-Nannys über

mein Kind aufzuklären.

Natürlich ist es für mich manchmal

schwer auszuhalten, wenn sich mein Kind

weigert, im Museum einen bestimmten

Weg zu gehen und wir alleine zurückbleiben,

wenn er sich unter meinem Rock

versteckt, weil zu viele Geräusche auf ihn

einwirken oder wenn er meine Hände

überdehnt und durchknetet oder im besten

Falle einen anderen Gegenstand, weil

für ihn alles zu viel wird. Für ihn ist dies die

einfachste Möglichkeit, mit der Reizüberflutung

fertig zu werden. Aber immerhin

ist dies noch kein Meltdown.

Doch wenn auch dies nicht hilft und andere

Dinge während des Tages geschahen,

von denen wir nicht wissen, schmilzt am

Abend, vor allem zu Hause, die Fassade.

Wie ein Mensch, der an Tourett erkrankt

ist, beleidigt er alles und jeden mit dem

ganzen Repertoire an Schimpfwörtern,

das ihm zur Verfügung steht, und scheint

mit körperlich aggressivem Verhalten zu

drohen. Wir als Eltern reagieren manchmal

mit innerer Anspannung und nicht

immer fällt es uns leicht, ruhig zu bleiben,

aber wir können sein Verhalten kognitiv

verstehen und beziehen dies nicht auf

uns. Aber wie sieht es mit seinen Geschwistern

aus? Wie schaffen wir den

Spagat zwischen Verständnis und Grenzziehung?

Was kann seinen Geschwistern

zugemutet werden? Gelingt es uns meistens,

ihnen zu sagen und ihnen das Gefühl

zu geben, dass es nicht ihre Schuld ist,

wenn er überreagiert? Und immer stehen

auch die Bedürfnisse unseres Kindes, das

besonders ist, dem gegenüber.

Er kann erst nach einem Meltdown erzählen,

was am Tag passiert ist, was für ihn zu

viel oder unverständlich war. Er sucht die

Nähe seiner Geschwister und Eltern, obwohl

es für ihn besser wäre, sich eine

Auszeit in seinem Zimmer zu nehmen,

weil sich ein Meltdown ankündigt. Reize,

die nicht immer von uns kommen müssen

oder die wir abwenden können, bringen

dann das Fass zum Überlaufen. Zwar zeigt

er auf seine linkische Art seinen Geschwistern

und seinen Eltern im Nachhinein,

dass es ihm leid tut, weil er wieder ausgerastet

ist, obwohl er dies nicht möchte

und seine Familie liebt, dennoch schleichen

sich manchmal irrationale Gefühle

ein. Gefühle des Versagens oder der Situation

nicht gerecht zu werden. Da hilft es

auch nicht von Außenstehenden, die unsere

Familie kennen, dies verneint zu bekommen.

Der nagende Restzweifel, nicht

immer „situationsangemessen“ zu reagieren,

bleibt. Aber geht dies anderen Eltern

nicht auch so? Ja, wir haben ein besonde-

24


res Kind und manches ist dadurch anders,

dennoch denke ich, sollte es nicht Ziel

einer Familie sein, perfekt zu sein, sondern

in einer harmonische Grundstimmung,

in der jeder mit seinen Ecken und

Kanten geliebt und akzeptiert wird, zu

leben. Und gleichwohl ich hinter dieser

Einstellung stehe, kann ich meine negativen

Gefühlen, die in schwachen Momenten

aufkommen, nicht zum

Schweigen bringen.

Aber es ist nicht alles schlimm. So bringen

uns seine nüchternen Reaktionen auf

Emotionen oft zum Schmunzeln, was

nicht bedeutet, dass er gefühlskalt ist,

vielmehr kann er manche Dinge viel rationaler

betrachten. Er hat einen besonderen

Blick für das Ästhetische. Welcher

Junge kauft gern Blumen, achtet auf eine

schöne Tischdekoration und gibt sich Mühe

beim Herrichten, wenn ein besonderes

Ereignis ansteht? Seine Leidenschaften

für das Kochen und Züge, reale und Modelleisenbahnen,

versetzen uns immer

wieder ins Staunen. Und sein Kampfgeist

ist bemerkenswert. Er weiß, welche äußeren

Umstände eine Herausforderung für

ihn darstellen. Aber anstatt diesen Situationen

auszuweichen, stellt er sich ihnen –

er will diese aushalten, ohne ein Meltdown

zu erleiden.

Bild: www.asperger-kids.net

25


Erfahrungsbericht von Anne Wend

Tommy und Annika: "Der Sturm wird stärker!"

- Pippi:"Macht nichts. Ich auch!"

Aus "Pippi Langstrumpf"

von Astrid Lindgren

Mein Leben war von Anbeginn geprägt

von Krisen im Elternhaus, einer dysfunktionalen

Familie. Nach außen hin sollte ich

das Bild einer "ordentlichen" Familie präsentieren,

in der alles "gut" läuft. Also

wurde ich eine Vorzeigeschülerin mit besten

Noten und Verhalten. Angepasst, das

zu machen, was von mir erwartet wurde.

Ich wurde erfolgreich.

Um dem eisigen Schweigen in der Familie

zu entkommen, studierte ich ein Jahr im

Ausland und floh später für vier Jahre

nach Bratislava, um dort zu arbeiten.

Ich überlebte die Herkunftsfamilie, indem

ich meine Gefühle von mir abgespaltet

habe (so erklärte es mir ein Psychologe).

Das fühlt sich Scheiße an. Das Gefühl der

Gefühllosigkeit. Ihr wisst, was daraus folgt.

Rückzug von den Menschen. Alleinsein.

Einsamkeit. Alles mit mir allein ausmachen.

Damit bloß niemand weiß, wie es in

dieser Familie zugeht. Alles geschluckt.

Nix rausgelassen.

Dann kam "endlich" die Krankheit Depression.

Sie schlich sich an - lautlos - überfiel

mich - schrecklich - dieses Gefühl im Körper

- ich will gesund werden - ich fragte

die Psychiaterin: Werde ich wieder gesund?

Das war vor 27 Jahren. Das volle

Programm lief ab: Psychiater - Psychopharmaka

- Gesprächstherapie - und doch

nach 8 Jahren das berufliche Aus.

Ein paar Jahre Tagesstätte im Bodelschwingh

- Hof brachten Struktur in den

Tag und viel Übung, um die Konzentration

zu verbessern: das Lesen. Frau Ehrlich und

Frau Oswald hier einen besonderen Dank.

Familiäre Ereignisse waren der Auslöser

für weitere Stunden in der Gesprächstherapie

seit 2011. Die Psychologin erklärte

mir vieles, war mir freundlich zugewandt

und hörte zu. Reden, nach den vielen Jahren

Schweigen. Ich schrieb in der Zeit intensiv

Tagebuch,befreite mich von

Schuld. Es begann ein neues Leben.

Sprache ist Ausdruck der Seele und des

Geistes.

Dann kam ich mit Worten nicht mehr weiter.

Seit Winter 2019 /2020 suche ich eine

Kunsttherapeutin auf. Egal ob ich ein Bild

in nur einer Farbe male oder in zwei Farben

- es ist fantastisch! In den Stunden

konnte ich viel klarer und stärker werden.

"Kunst wäscht den Staub des Alltags von

der Seele" - Picasso

Seit 2012 male ich wieder in Malgruppen,

u.a. war ich 7 Semester an der VHS. Das

Fantastische daran ist, dass ich Hobbykünstlerinnnen

kennen gelernt habe, mit

denen ich Ausstellungen besuche, mit denen

mich etwas verbindet. Was ich seitdem

über die Kunst ab dem 19.Jhd bis

heute erfahren habe, ist interessant, fantastisch,

erfüllend!!!! Ich könnte Vorträge

halten über die Entwicklung der Kunstrichtungen,

egal ob Impressionismus, Expressionismus,

Surrealismus, Kubismus,

Realismus.... Das ist pure Begeisterung!

Ich reise auch mal alleine zu Ausstellungen,

in Potsdam sah ich von Van Gogh 27

26


Stillleben und von Monet 120 Bilder.

Karl Hagemeister ein Havelländischer

Impressionist, wird auch in Potsdam gezeigt.

In Frankfurt am Main gab es 50

Bilder von Van Gogh zu bewundern. Architektur

ist ebenfalls eine feine Sache,

egal ob alte Städte wie Quedlinburg, Bad

Langensalza... Fotografieren und nach

Fotos malen.

Da beginnt die Seele zu fliegen!

Aus dem Leben der Künstler des 19. Jhd,

ihren Ansichten, Weisheiten, finde ich

viel für mich. Und ich bin mutig geworden!

Das umschreibe ich mit einem weiteren

Zitat von Pippi Langstrumpf :

"Das habe ich noch nie vorher gemacht,

also bin ich völlig sicher, dass ich es

schaffe."

Das betrifft auch die Weiterbildung zur

Genesungsbegleiterin, die ich 2017 begann.

Ich dachte vorher oft, dass ich das

nicht kann. Ein Jahr lang lernen? Das

Reflektieren der eigenen Geschichte hat

mich weiter gebracht und gestärkt. Natürlich

der Austausch mit den Teilnehmern

ebenso wie eine Perspektive, in

der Selbsthilfe tätig zu sein:hier im tlpe.

Für Menschen dasein.

Ich führe ein zufriedenes und erfülltes

Leben. Vor 5 Jahren hätte ich das nicht

gedacht, dass ich so viel Lebensqualität

haben würde.

Von Astrid Lindgren ist auch folgender

Satz :"Sei frech und wild und wunderbar!"

Jawoll - egal ob mit Texten oder Bildern.

In diesem Sinne wünsche ich Allen gute

Besserung und nie aufgeben!

Anne - Julie im Mai 2020

27


Dieses Buch richtet

sich an psychisch

kranke

Menschen sowie

deren Angehörige,

Freunde und

Bekannte. Diese

Texte möchten

Menschen erreichen,

welche die

psychische

Krankheit eines

Nachbarn, Kollegen

oder Sportkameraden im Umfeld

registriert haben, aber nicht wissen,

wie sie damit umgehen sollen.

In 24 Interviews berichten nun erwachsene

Personen aus ihrer Kindheit

mit einem psychisch kranken Elternteil.

Der Erzählstil kommt ohne Fachund

Fremdwörter aus. In gleicher Art

und Weise werden die psychischen

Krankheiten im Anhang erklärt.

Die Erkrankung eines Elternteils für

Jungen und Mädchen stellt eine dramatische

Herausforderung dar. Es

geht nicht nur um das Scheidungsrisiko

der Eltern und die krankheitsbedingte

Armut. Es geht vor allem um die

Bindungserfahrungen der Kinder. Sicherheit

und Vertrauen in das elterliche

Erziehungsverhalten sind gestört.

Daran können Kinder unter bestimmten

Voraussetzung wachsen, viele

aber leiden ihr Leben lang darunter.

Sie bleiben verunsichert, beschämt,

misstrauisch und entwickeln Bewältigungsverhalten,

das zerstörerische

Formen annehmen kann.

Die Journalistin Gabi Pertus hat in ihren

bisherigen Veröffentlichungen immer

wieder versucht, hinter die

Sichtschutzmauern der öffentlichen

Wahrnehmung zu leuchten. Sie lässt

die Betroffenen selbst zu Wort kommen,

anrührend und berührend. Es

wird die Auseinandersetzung mit den

Eltern beschrieben, die –von ihrer Erkrankung

vereinnahmt – den kindlichen

Bedürfnissen nicht immer

gerecht werden können. Zur Sprache

kommen die kindliche Wut, die Ängste,

die Einsamkeit und die Überforderung.

Aber auch das Verzeihen als für

die schmerzliche Einsicht in die elterliche

Not.

Ihr Motiv für diese Themenwahl in den

biografischen Zügen von Gabi Pertus

zu suchen. Ihr Engagement für die Belange

von Menschen mit psychischen

Erkrankungen und deren Angehörige

ist groß. Selbst psychiatrieerfahren,

machte sie die EX-IN-Weiterbildung

zur Genesungsbegleiterin und kann

auf diese Art und Weise ihre Erfahrungen

einbringen.

Gabi Pertus „AUSwege finden –

Kinder psychisch kranker Eltern“

erschienen 2017 bei tredition

Paperback, Hardcover, e-Book

Gabi Pertus, Journalistin, Autorin

und EX-IN-lerin (Genesungsbegleiterin)

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Lus Bücher

Hallo Mein Name ist Luise aber die meisten

nennen mich Lu. Ich habe 2017 angefangen

über mein Leben zu schreiben, was bis dahin

nicht gerade sehr einfach war, es gab mehr

Tiefs als Hochs. Aber warum habe ich überhaupt

angefangen zu schreiben und dann

gerade noch über mein Leben .Ich werde es

euch erzählen.

Ich war schon immer anders als andere und

habe Dinge im Leben erlebt die zu keiner

gesunden Entwicklung meiner Psyche beigetragen

haben. Als ich dann 2013 das erste

Mal in der Psychiatrie hier in Rostock war,

habe ich gedacht es sei Endstation und ich

werde mein Leben nicht mehr frei gestalten

und leben können. Ich habe alles verloren

was ich mir bis dahin mit viel Mühe aufgebaut

habe.

Ich habe Diagnosen bekommen von den ich

vorher wenig oder gar nichts wusste und ich

fühlte mich sehr alleine. Da kam schon immer

der Gedanke, eigentlich müsste ich ein

Buch schreiben aber so richtig wusste ich zu

dem Zeitpunkt noch nicht wie und ob es sich

lohnt. Bis mich Ende 2016 eine sehr gute

Freundin nochmals drauf angesprochen hat

und sagte: „Lu du musst das mal aufschreiben,

was du bis jetzt alles erlebt hast!“, und

so kam es das mein erstes Buch 2017 fertig

war und in die Veröffentlichung ging.

Und ja was soll ich sagen mittlerweile habe

ich 3 Bücher über mein Leben geschrieben

.Es geht in den Büchern um Therapien, Klage

vor dem Sozialgericht, um Gedanken und

Gefühle, was die Erkrankungen mit mir und

meinem Umfeld macht und der Umgang mit

Skills. Alle 3 Bücher haben maximal 108 Seiten.

Ich lasse meine Bücher über Bookmundo

vertreiben das heißt das die Bücher erst ab

Bestellung gedruckt und gebunden werden.

Ich wollte nie zu einem großen Verlag mit

meinen Büchern, weil ich ganz alleine entscheide

was rein gehört und was nicht, der

Leser soll nicht das Buch zu klappen und weinen

sondern er soll an sich glauben und seinen

Träumen folgen und Mut finden sein

Leben zu leben. Das ist mir ganz wichtig, dass

die Menschen merken, dass sie nicht alleine

sind. Die Bücher sind für alle geeignet

die sich mit dem Thema Depression und

Borderline auseinandersetzten wollen.

Es wird auch ganz kurz das Thema Posttraumatisch

Belastungsstörung sowie

Schmerzmittel Abhängigkeit angeschnitten

. Es ist nicht nur für Betroffene geschrieben

sondern wirklich für alle auch

in sehr leichter Sprache. Ich wollte nie

ein Fachbuch raus bringen sondern ein

ganz einfaches Buch. Um mit Menschen

in den Austausch zu kommen und meine

Welt zu erklären und zu zeigen, nur so

können wir aufeinander zugehen um

Barrieren abzubauen.


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Eine kurze Geschichte der Psychiatrie - Teil 1

von Mathias Krämer

Die Psychiatrie gilt als das medizinische

Fach, das am stärksten mit dem Zeitgeist

verwoben ist. Im Kern liegen ihr Menschenbilder

und Verhaltenserwar-tungen

zu Grunde, die veränderlich sind und wesentlich

von politischen oder gesellschaftlichen

Trends beeinflusst werden.

Entsprechend ist es auch wenig überraschend,

dass es keine linear verlaufende

Psychiatrie-Geschichte zu beschreiben

gibt. Denn das Wesen des Zeitgeistes ist

es nun mal, dass er sich sprunghaft entwickelt

und immer wieder selbst korrigiert.

In einem fortlaufenden Prozess findet eine

Auseinandersetzung zwischen einer

Vielzahl verschiedener, sich in Teilen widersprechender

Ideen und Haltungen

statt. Zuvor gänzlich fern-liegende Denkmuster

gewinnen die Oberhand und machen

die vormals herrschenden

bedeutungslos. Sei es, weil sich die Verhältnisse

ändern oder Gegenbewegungen

entstehen, nachdem vorherige Absolutsetzungen

zu Exzessen geführt haben. Befördert

wurde die Sprunghaftigkeit auch

dadurch, dass sich gerade psychiatrische

Behandlungs-methoden für lange Zeit aus

einer Abfolge von Versuch und Irrtum ergaben.

Vor diesem Hintergrund sollten wir es uns

nicht zu einfach machen und mit unserem

heutigen Wissen und unseren heutigen

Wertungen zurückblicken und richtend

oder naserümpfend früheres Geschehen

be-trachten. Denn auch wir unterliegen

einem Zeitgeist. Sinnvoller scheint es, mit

Hilfe eines kritischen Blickes auf

Vergangenheit und Gegenwart eine

eigene Perspektive und Haltung zu

gewinnen. Und sich dabei immer vor

Augen zu führen, dass wir nicht nur dem

Zeitgeist unterliegen. Wir gestalten ihn

auch durch unser Verhalten mit.

Altertum und islamisches Mittelalter

Der Beginn der Psychiatriegeschichte wird

meist im Altertum, bei den Hochkulturen

der Ägypter und Griechen gesehen. In

beiden Kulturen gab es bereits eine

ausgeprägte medizinische Kultur. Es

entwickelten sich diverse Theorien über

Krankheitsursachen. Behandlungsformen

wurden weiterentwickelt.

Ägyptische Schriftrollen stellen mit einem

Alter von ungefähr 4.000 Jahre die

ältesten medizinische Texte dar. Darauf

enthalten sind viele Erkrankungen

einschließlich psychischer Störungen. Es

werden Symptome beschrieben und

Behandlungen. Ein zentraler Name der

ägyptischen Heilkunst ist Imhotep (lebte

um 2.700 v. Chr.) Er gilt als einer der

größten Universalgelehrten seiner Zeit. Er

war u.a. Priester, Architekt, Astrologe und

Arzt. Imhotep gilt als Begründer der

ägyptischen Medizin. Und wurde damals

als gottähnliches Wesen und hier speziell

als Heilgott verehrt.

Im alten Griechenland wurde die Erforschung

der Seele fast schon wissenschaftlich

betrieben. So veröffentlichte der

große griechische Universalgelehrte Aristoteles

(384 - 322 v. Chr.) eine Schrift

„Über die Seele“ (= „de anima“). Diese

wird oft als erstes Werk der Psychologie

bezeichnet. Viel diskutiert wurde zu dieser

Zeit bereits, ob psychische Erkrankungen

u.a. auch durch Konflikte oder

Frustrationen ausgelöst werden können.

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Aristoteles verneinte dies und folgte der damals

herrschenden Überzeugung, wonach

Störungen der Psyche durch die Galle verursacht

werden (sog. Humoralpathologie =

Krankheitslehre von den Körpersäften). Bemerkenswert

ist der damals vorherrschende

unaufgeregt, nüchterne Blick auf seelische

Krankheiten. Diese wurden als Krankheiten

wie andere auch angesehen und behandelt.

Verbreitete Behandlungsmethoden waren

Massagen, Diäten, Aderlässe, unterschiedlichste

Medikamente, aber auch Gespräche

oder Gewalt. Vielfach sollte der Verstand

durch Musik, Sport und Theater gestärkt werden.

Besonders verbreitet war der bereits auf

die Ägypter zurückgehende Tempelschlaf.

Hier verbrachten Kranke eine Nacht in einem

meist prächtigen Tempel. Nach Reinigungsund

Fastenritualen wurden sie in einen tranceähnlichen

Zustand versetzt, den sog. Tempelschlaf.

In diesem sollten den Kranken

göttliche Wesen im Traum erscheinen und die

Krankheit heilen oder Ratschläge für eine Behandlung

geben.

Bei all den Beschreibungen darf man aber

nicht vergessen, dass es damals noch lange

keinen rein naturwissenschaftlichen Blick auf

die Medizin gab. So war die Medizin Ägyptens

noch untrennbar mit Magie verwoben. Und

auch im antiken Griechenland war eine Heilbehandlung

zumeist mit religiösen Ritualen

verbunden. Und trotzdem waren beide Hochkulturen

ungemein prägend für die spätere

Weiterentwicklung von Medizin und dem

Wissen um psychische Zusammenhänge.

Bisweilen liest man in Büchern der Psychiatriegeschichte

sogar, dass auf die Periode der

Griechen fast 2.000 Jahre ohne nennenswerte

Entwicklung folgten, bis im 18. Jh. die moderne

Psychiatrie begründet wurde. Weitestgehend

unbestritten ist jedenfalls, dass sich die

Medizin bis zum 12. Jh. n. Chr. im Wesentlichen

auf die Kenntnisse der berühmten

Ärzte des Altertums, wie Hippokrates, Galen

oder Aristoteles, beschränkte.

Vor allem im islamischen Mittelalter setzte

sich (anders als noch in den christlich geprägten

Ländern) zunehmend die Überzeugung

durch, dass Krankheiten des Geistes auf

Störungen des Gehirns zurückzuführen sind.

An zahlreichen Orten wurden Krankenhäuser

gebaut, die zu den modernsten ihrer Zeit zählten.

Entsprechend der Vorgaben des Korans

war der fürsorgliche Umgang mit Kranken

selbstverständlich. Jeder wurde unabhängig

von Glauben und Herkunft kostenlos behandelt.

Zu nennen ist für diese Periode vor allem

der Name Avicenna (ca. 980 – 1037), wieder

ein seine Epoche prägender Universalgelehrter.

Avicenna war Arzt, Naturwissenschaftler,

Physiker, Philosoph, Jurist und einer der berühmtesten

Personen seiner Zeit. Er veröffentlichte

eine Vielzahl medizinischer

Schriften. Bis ins 17. Jahrhundert galten viele

davon als Grundlage der medizinischen Heilkunde,

auch an den medizinischen Fakultäten

Europas.

Fortsetzung folgt!

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IMPRESSUM:

ist ein Comic- und Wissensfanzine der Selbsthilfe- und

Kreativgruppe Mad Artists. Es erscheint in unregelmäßigen

Abständen. Wir sind Mitglied im Landesverband seelische Gesundheit Mecklenburg-Vorpommern

e. V. Wir übernehmen keine Haftung für Manuskripte, die an uns geschickt wurden.

Druck: altstadt-druck GmbH Rostock - Luisenstraße 16 - 18057 Rostock

Herrausgeber: SHG Mad Artists, institut für neue medien. freie bildungsgesellschaft mbH

Unterstützt von: EX-IN M-V e.V. - LSG M-V e.V. und FONDS SOZIOKULTUR

Redaktionsanschrift: Christian Kaiser - Albert-Einstein-Straße 7 - 18059 Rostock

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Internet: www.facts-and-stories.de

Landesverband

seelische Gesundheit M-V e. V.

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