foodforkids

rahel.wenger

Andrea Fischer Schulthess

Food for Kids

Gesunde Ernährung für Kinder

und Jugendliche

Ott Verlag


Die Stiftung für Konsumentenschutz ( SKS ) ist eine unabhängige und kritische Nonprofit-

Organisation, die sich seit 1964 engagiert für die Interessen der Konsumentinnen und

Konsumenten einsetzt. Sie vertritt diese Interessen nicht nur gegenüber der Wirtschaft

und den Anbietern, sondern nimmt auch aktiv am politischen Prozess teil. Ziel dieser

Bemühungen ist es, schon im Parlament und in der Gesetzgebung die Weichen so zu

stellen, dass die Rechte der Konsumenten gestärkt werden und ein Ausgleich zu den

Interessen der Wirtschaft erreicht werden kann.

Seit Beginn ihrer Tätigkeit ist die SKS auch in der Beratung aktiv. Über ihre Hotline

beantwortet sie den Konsumentinnen und Konsumenten Fragen zu Konsum und rechtlichen

Aspekten. Zur Beratung und Information gehören traditionsgemäss auch die SKS-

Ratgeber. Diese Reihe wird nun über das Programm Ott Verlag in der h.e.p. verlag ag

weitergeführt. Unser Bestreben bleibt es weiterhin, verständliche, unabhängige Orientierungshilfen

zu einem erschwinglichen Preis anzubieten. Wir hoffen, dass auch der

vorliegende Ratgeber dieses Ziel erreicht !

Mehr Infos im Internet über :

www.konsumentenschutz.ch


Inhalt

Vorwort 7

1 Eine kleine Essgeschichte 9

2 Runde Kleine werden runde Grosse 13

3 Du bist, was du isst – Kleine Ernährungslehre 13

4 Am Anfang war der Säugling 25

5 Der Ort des Geschehens : Die Küche 53

6 Rennen, Spielen, Verbrennen 65

7 Zu dick, zu dünn, zu dick 83

8 Rezepte 93

9 Kleines Nachschlagewerk für Esserinnen und Esser 103

10 Anhang 113

Hier gibt’s mehr : Links, Adressen und Bücher 129

Tabellen und Schaubilder 143

– Lebensmittelpyramide 144

– Saisontabelle Gemüse 145

– Saisontabelle Früchte 146

– Lebensmittel-Labels 147

– Öl, Gemüse, Früchte … 148



Vorwort

Der kleine Felix strahlt. Vor ihm steht ein Schüsselchen mit weich gekochtem Brei. Mit

beiden Händchen greift er hinein und schaufelt sich mit grossem Genuss Gemüse in den

Mund. Es pappt und tropft und spritzt – eine wahre Freude!

Essen ist nicht nur lebenswichtig, sondern auch etwas wunderbar Sinnliches. In der

Familie hat der Esstisch oftmals auch eine wichtige Funktion – als Fixpunkt, je nach Alter

der Kinder auch als Ort der Ruhe im bewegten Familienalltag.

Mit dem Thema Kinder und Ernährung sind aber auch viele Fragen verknüpft: Wie

den Säugling ernähren, wenn Stillen nicht in Frage kommt ? Wer von der Brust auf feste

Nahrung umstellen will, weiss vor lauter Ernährungslehren und Gläschen, Pülverchen

und Bebedrinks oft kaum mehr, wie sich drehen und wenden. Und was, wenn die Fünfjährige

alles kategorisch ablehnt, dem auch nur ein Hauch von Gesundem anhaftet, bei

Süssem und Salzigem aber kaum zu stoppen ist ? Wie soll sich ein Teenager ernähren,

der kaum Zeit fürs Frühstück hat und erst am Abend wieder zu Hause is(s)t ?

Wer sich solche oder ähnliche Fragen stellt, hat schon einen wichtigen Schritt getan.

Denn einiges läuft falsch in unserer heutigen Ernährung: «Die Hälfte aller Erwachsenen

und ein Fünftel der Kinder in der Europäischen Region der WHO sind übergewichtig.

Von dieser Gruppe ist bereits ein Drittel adipös – mit rasch zunehmender Tendenz», wird

in der europäischen Charta zur Bekämpfung der Adipositas (Fettleibigkeit) festgehalten.

Im November 2006 hat auch die Schweiz die Charta unterschrieben.

Besonders alarmierend ist der Trend bei Kindern und Jugendlichen. In der Schweiz

hat sich die Zahl der übergewichtigen Kinder in den letzten zwanzig Jahren mehr als

verdreifacht, diejenige der fettleibigen Kinder beinahe versechsfacht. Schuld an dieser

Entwicklung, da sind sich die meisten Fachleute einig, ist nicht nur eine übermässige,

unausgewogene Ernährung, sondern auch der Bewegungsmangel. In der Charta wird

aber auch festgehalten, dass die Schuld nicht einzig den Betroffenen in die Schuhe geschoben

werden darf. Eine Umgebung, die den Kindern keinen Raum mehr bietet, um sich


zu bewegen und auszutoben, und deren Verkehrswege so gefährlich sind, dass man sich

am besten im Bus oder im Auto bewegt, fördert das Stillsitzen und die Einschaltquoten

der Fernsehstationen.

Statt schöner Worte sind also auf allen Ebenen Taten gefragt, auch auf der politischen.

Für überzuckerte Riegel und Flocken, die noch mit irgendwelchen «gesunden» Vitaminen

angereichert sind, darf in Schweden und Norwegen seit Jahren nicht mehr am Fernsehen

geworben werden. Auch in England gilt seit kurzem ein solches Werbeverbot, zudem

müssen ungesunde Lebensmittel mit einer roten Ampel gekennzeichnet werden. Von

solchen Schritten sind wir in der Schweiz noch weit entfernt. Hierzulande lanciert man

lieber aufwendige, teure Plakatkampagnen. Hier muss dringend anders gewichtet werden.

Mit unserem Ratgeber wollen wir zeigen, dass richtige Kinderernährung keine Hexerei

ist und gesundes Essen nicht spartanisch, fantasie- und lustlos sein muss – im Gegenteil.

Sie als Erziehende können mit gutem Beispiel und mit Lust und Mass beim Essen

vorangehen. Wir wünschen Ihnen dabei viel Spass, eine reichliche Portion Ausdauer und

viele kleine Erfolgserlebnisse !

Stiftung für Konsumentenschutz


1 Eine kleine Essgeschichte



Eine kleine Essgeschichte

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Essen ist mehr, viel mehr, als sich Verdaubares in den Mund zu stopfen, es zu schlucken

und später auszuscheiden. Essen ist auch weit mehr als ein Mix aus Kalorien, Vitaminen

und Mineralstoffen, über den nie – oder ständig – nachgedacht und geredet werden muss.

Essen ist vor allem Kultur. Nicht nur was wir essen, auch wie wir essen, ist ganz stark

geprägt von Land, Religion, Sitte und Umwelt. Umgekehrt haben viele wichtige Merkmale

einer Kultur mit dem Essen zu tun.

Wusstest du, dass in vielen Kulturen Ratten, Spinnen, Schlangen oder Hunde auf dem

Speisezettel stehen ?

Besprechen Sie mit Ihren Kindern, wie Essen in Ihrer eigenen Kultur aussieht. Wie essen

Sie zu Hause, was kommt zu welchem Anlass und zu welcher Jahreszeit auf den Tisch ?

Die Kinder werden staunen, wie viele solche Rituale und Regeln es gibt.

Kannst du dir vorstellen, zu Weihnachten einen Schokoladenhasen zu essen ? Übrigens : Das

Schokoladenrezept ist fast immer dasselbe, egal, ob für einen Schokonikolaus oder einen

Osterhasen.

Bei uns wird zwar mit Messer und Gabel gegessen, aber bei den meisten Menschen auf der

Welt ist das anders. In Indien oder Afrika zum Beispiel essen die Leute mit den Händen, in China

mit schmalen Stäbchen. Probier mal ein Menü, bei dem alle mit den Händen essen dürfen.

Zum Beispiel Klebreis mit Gemüsesauce. Gar nicht so einfach.

Weil die Rituale rund um das Essen so wichtig sind und Essen immer mehr bedeutet als

bloss Nahrungsaufnahme, ist auch das Elternhaus ein ganz wichtiger Ort, an dem Kinder

ihre Beziehung zum Essen lernen. Nutzen Sie dies aus und schaffen Sie eigene Essrituale,

die den Kindern Sicherheit vermitteln und ihnen Spass machen.

Richten Sie zum Beispiel einen Lieblingsessen-Tag für jedes Familienmitglied ein.

Oder setzen Sie ein bestimmtes Menü immer dann auf den Plan, wenn der Babysitter

kommt, zum Beispiel eine Platte mit Bilder-Brötchen : Brotscheiben, verziert mit Gesichtern

und Bildern aus Mayonnaise, Tomaten, Käse, Gurken usw.


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Food for Kids

Ohne Essen geht nichts

Essen gehört zu den grundlegenden Tätigkeiten unseres Lebens. Nur Atmen, Trinken,

Schlafen und Sichfortpflanzen können da noch mithalten. Kein Wunder also, hat sich

unser Denken von jeher fast ständig ums Essen gedreht. Daran hat sich bis heute wenig

geändert. Neu ist nur, dass in unseren Breitengraden kaum mehr jemand über das Wie

und Woher nachdenken muss. Essen steht einfach beliebig zur Verfügung, und wenn es

mal fehlt, gibt es im Supermarkt an der Ecke mehr davon. Ein paradiesischer Zustand,

möchte man meinen. Endlich bleibt ganz viel Zeit, um über anderes nachzudenken als

darüber, woher die Beeren oder der Rehbock für die nächste Mahlzeit kommen.

Dumm ist nur, dass die Rechnung nicht ganz aufzugehen scheint. Egal, wie viel Nahrung

zur Verfügung steht, das menschliche Hirn ist immer noch das alte essfixierte Organ.

Es denkt «Essen Essen Essen». Selbst wenn es weiss, dass Nahrung im Überfluss vorhanden

ist. Denn es müssen ja Reservepolster angelegt werden, um besser durch die nächste

Hungersnot zu kommen. Bloss bleibt die hierzulande meistens aus, und wir werden

immer dicker. Oder wir machen eine Diät und spiegeln dem Hirn auf künstlichem Weg

eine Hungersnot vor. Die Folge : Es drosselt den Energieverbrauch, damit die Speckpolster

möglichst lange als Notvorrat taugen. Kaum normalisiert sich die Nahrungsaufnahme

wieder, nimmt der Körper erst recht wacker zu. Das erklärt auch den Jojoeffekt und

warum Diäten dick machen.

Ist diese Balance einmal gestört, wird es oft schwierig, sie wieder herzustellen. Daher

sind eine ausgewogene Ernährung und ein natürliches Verhältnis zum Essen die besten

Vorbeugungsmassnahmen gegen Übergewicht und Essstörungen bei Kindern. Von Anfang

an. Denn aus dicken oder essgestörten Kindern werden meist dicke und essgestörte Erwachsene.

Es lohnt sich also, wenn Sie bei Ihren Kindern viel Sorgfalt auf das Thema Ernährung

und Bewegung verwenden. Sie leisten damit einen immens wichtigen Beitrag auch

für deren späteres Erwachsenenleben.

Mehr dazu im folgenden Kapitel > Runde Kleine werden runde Grosse.

Am wichtigsten ist es jedoch, den Kindern den Spass am Essen vorzuleben. Man weiss, dass

Kinder viel mehr durch Abgucken lernen als durch leere Worte. Das gilt auch beim Essen.

In manchen Ländern sollte der Teller nie restlos leer gegessen werden, weil dem Gastgeber sonst

angedeutet würde, dass man nicht genug bekommen hat. Das wäre für ihn sehr beleidigend.

Gesund essen kann und soll Spass machen.

Viel Spass also !


2 Runde Kleine werden runde Grosse



Runde Kleine werden runde Grosse

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Kinder brauchen Vorbilder, auch beim Essen

Jedes fünfte Kind in der Schweiz ist zu dick. Gründe dafür sind einerseits Fehler bei der

Ernährung und andererseits Bewegungsmangel. Wer also möchte, dass seine Kinder

gesund aufwachsen, sollte auf vernünftiges Essen genauso achten wie auf ausreichend

Bewegung an der frischen Luft.

Übergewicht entsteht immer dann, wenn dem Körper mehr Energie zugeführt wird, als er

verbraucht.

Wie ist es überhaupt möglich, dass die Kinder immer dicker werden ? Schliesslich gibt es heute

doch Unmengen von Light-Produkten und Sportangeboten, selbst im kleinsten Dorf ?

Auf diese Frage gibt es keine einfachen Antworten. Denn das menschliche Essverhalten

ist äusserst kompliziert. Zudem wird das Gewicht auf so komplexe Weise geregelt,

dass darüber noch immer nicht alle Details bekannt sind.

Aber eines lässt sich dennoch sagen : Die Erwachsenen können als Vorbilder die

Beziehung zum Essen und damit auch das Gewicht ihrer Kinder entscheidend beeinflussen.

Je früher und konsequenter sie dies tun, umso besser gelingt es. Wenn Eltern also

beispielsweise nur noch Diätprodukte kaufen, sich dafür aber doppelte Portionen gönnen

oder wenn sie am liebsten vor dem Fernseher Augensport treiben, statt nach draussen

zu gehen, nehmen Kinder dies als normales Verhalten wahr.

Schuldzuweisungen sind dennoch fehl am Platz : Eltern von übergewichtigen Kindern

sind keine schlechten Eltern. Gewicht und Essverhalten werden auch von vielen anderen

Einflüssen mitgeprägt. Zudem wissen viele Eltern einfach nicht, wie sie etwas am Essverhalten

ihrer Kinder ändern könnten. Nicht zuletzt, weil das reibungslose Ändern von

Gewohnheiten nicht zu den menschlichen Stärken gehört. Aus diesem Grund ist Auf klärung

so enorm wichtig. Auch in der Schule.

Leider hat die Schule nicht nur die Möglichkeit, Kindern und Jugendlichen die

gesunde Ernährung näherzubringen, wie es erfreulicherweise vielerorts bereits der Fall

ist. Unter Umständen kann sie das Problem von Fehl- und Überernährung auch verschärfen

: Mittlerweile stehen viele Kinder bereits in der Grundschule unter grossem Leistungsdruck.

Das schlägt auf die Psyche, was dann zuweilen mit Trost-Essen zu kompensieren

versucht wird : «Du hattest so einen strengen Tag heute, deshalb gibt es heute einen ganz

besonderen, süssen Zvieri.»


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Food for Kids

Noch einschneidender können aber die vielen Hausaufgaben oder zusätzlichen Fördermassnahmen

sein, die auf Kosten der Spielzeit gehen. Kinder, die sich täglich ums

Haus herum oder im Quartier austoben dürfen, brauchen meist kein spezielles Sportprogramm,

sie bewegen sich ganz von selbst genug. Das hat wiederum einen positiven

Einfluss auf den Schlaf und auch auf die Leistungsfähigkeit in der Schule. Zwischen

Schule und Freizeit eine vernünftige Balance zu finden ist zu einer grossen Herausforderung

für viele Eltern und Kinder geworden. Mit dem Thema Bewegung werden wir uns

daher im Kapitel > Rennen, Spielen, Verbrennen noch eingehend befassen.

Warum ist die Ernährung überhaupt so wichtig ?

Es ist ein fataler Irrtum zu glauben, Übergewicht und schlechte Angewohnheiten würden

sich mit dem Erwachsenwerden ganz von selbst auswachsen. Aus dicken Kindern werden,

wie schon gesagt, meist auch dicke Erwachsene.

Doch der Schaden einer Fehlernährung kann sich schon beim Kind ganz unmittelbar

bemerkbar machen.

Tatsächlich ist eine ausgewogene Ernährung der einzige Weg, einem Kind alle Nährstoffe

zu geben, die es braucht. Weder Vitamintabletten noch andere angereicherte

Lebensmittel können eine vollwertige Ernährung mit viel Obst und Gemüse ersetzen.

Das liegt unter anderem daran, dass Pflanzen eine Vielzahl sogenannter sekundärer

Pflanzenstoffe enthalten. Diese Substanzen aus dem pflanzlichen Stoffwechsel können

auch in unserem Körper vielfältige Wirkungen haben. Zum Beispiel die Blutgefässe schützen

oder die Verdauung anregen.

Allerdings gehören auch viele Gifte zu den sekundären Pflanzenstoffen. Das ist der

Grund, weshalb Menschen nicht alle Pflanzen essen können.

Eine ausreichende Versorgung mit den nötigen Nährstoffen und Freude am Essen sind

ganz wichtige Voraussetzungen für die gesunde Entwicklung von Kindern. Keine Angst :

Das heisst nicht, dass die Familie fortan nur noch Körner picken und rohe Karotten

knabbern darf. Es gibt auch für Rohkostverächter zeitlich, finanziell und geschmacklich

gangbare Wege, Kinder vernünftig zu ernähren. Wir haben dazu eine ganze Reihe von

Rezepten zusammengestellt ( > Rezepte ). Im > Anhang finden Sie zudem einige Hin-


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weise auf Kochbücher. In jeder Buchhandlung oder Bibliothek finden Sie unzählige mehr,

mit vielen abwechslungsreichen Gerichten für den Alltag. Empfehlenswert übrigens auch

für alle Eltern, denen allmählich die Ideen ausgehen, wenn sie jahraus, jahrein täglich

eine bis zwei Mahlzeiten auf den Tisch zaubern müssen.

Mittlerweile eignet sich auch das Internet hervorragend für die Suche nach neuen

Rezepten ( auch hierzu finden Sie einige Vorschläge im > Anhang zu diesem Buch ).

Krankheiten bei übergewichtigen Kindern

Übergewicht, das ist nicht einfach «Babyspeck» oder «starke Knochen». Übergewicht

ist ein ernstes Problem mit im Wortsinne schwerwiegenden Folgen.

Nicht nur zu viele Kalorien, auch eine allgemeine Fehlernährung kann die Gesundheit

eines Kindes ernsthaft beeinträchtigen. Anzeichen dafür können unter anderem

sein :

• andauernde Müdigkeit, Schwäche ( kann z. B. auf Eisenmangel hinweisen ),

• Konzentrationsschwierigkeiten,

• starke Stimmungsschwankungen ( z. B. infolge zu starker Schwankungen des Blutzuckerspiegels

).

Wer seine Kinder liebt, sollte das nicht mit Leckereien zeigen, sondern mit Sorgfalt beim Kochen.

Zu den häufigsten Problemen übergewichtiger Kinder gehören :

• Depressionen,

• Gelenkprobleme,

• Essstörungen,

• Diabetes Typ 2,

• Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Probleme.

Depressionen

Selbst wenn es heute rund dreimal mehr übergewichtige Kinder gibt als noch vor zwanzig

Jahren, ist Dicksein nicht besser akzeptiert als damals. Jede und jeder erinnert sich

bestimmt, wie es dem oder der «Klassendicken» in der Kindheit ergangen ist – vielleicht


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sogar aus eigener Erfahrung. Sie wurden gehänselt, ausgelacht und im Turnunterricht

und bei Klassenfesten links liegen gelassen. Daran hat sich kaum etwas geändert.

Die allerwenigsten Kinder können es einfach wegstecken, wenn sie ausgegrenzt werden.

Solche Erlebnisse verletzen die Seele. Und je nachdem, ob ein Kind gelernt hat, sich

mit Essen über einen Kummer hinwegzuhelfen, wird es sich nun zum Trost oder aus

Resignation erst recht «etwas gönnen». Das verhängnisvolle Wechselspiel von übermässigem

Essen und Selbstverachtung beginnt. Die Folgen können Depressionen oder

Schwierigkeiten in der Schule und auf dem Pausenplatz sein. Viele Kinder, vor allem

Mädchen, kippen in Magersucht und Ess-Brech-Sucht. Mehr dazu im Kapitel > Zu dick,

zu dünn, zu dick.

Gelenkprobleme

Je mehr Gewicht Füsse und Gelenke tragen müssen, desto eher können sie sich während

des Wachstums verformen. Solche Schäden bleiben ein Leben lang und haben oft Probleme

bei sportlicher Betätigung zur Folge – eine ideale Voraussetzung für Bewegungsmangel

und noch mehr Gewichtsprobleme.

Essstörungen

Auf diesen Problemkreis werden wir in einem separaten Kapitel noch eingehend zu

sprechen kommen ( > Zu dick, zu dünn, zu dick ).

Diabetes Typ 2

Ursprünglich nannte man diese Form der Zuckerkrankheit «Altersdiabetes». Typ-2-Diabetes

entsteht hauptsächlich bei übermässigem Konsum von Kohlenhydraten ( z. B.

Zucker ) über längere Zeit. Diese lassen den Insulinspiegel im Blut in die Höhe schiessen.

Insulin ist ein Hormon aus der Bauchspeicheldrüse, das verantwortlich ist für eine ganze

Reihe von Stoffwechselprozessen wie die Regulation des Blutzuckerspiegels oder des

Fettabbaus in Fettzellen. Ist der Insulinspiegel ständig zu hoch, kann es aufgrund verschiedener

Störungen zu Diabetes Typ 2 kommen ( Typ-1-Diabetes ist die vererbte Form, früher

«Jugenddiabetes» genannt ), und Zellen reagieren nicht mehr richtig auf das Insulin. Diese

ernste Krankheit betrifft immer mehr Jugendliche und inzwischen sogar Kinder. Der

Grund liegt – bei einer entsprechenden Veranlagung – klar im übermässigen Zuckerkonsum.

Der Begriff «Altersdiabetes» ist daher leider überholt. Bewegung und ein normales


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Körpergewicht sind die besten Vorbeugungsmassnahmen und oft auch wirkungsvolle

Therapie gegen Typ-2-Diabetes.

Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Probleme

Es mag erstaunen, diese typische Krankheit des zunehmenden Alters in einem Buch über

Kinderernährung zu finden. Leider gehört sie heute hierher. Denn mit der wachsenden

Zahl übergewichtiger Kinder und Jugendlicher gibt es auch immer mehr junge Patientinnen

und Patienten mit Herz-Kreislauf-Problemen wie hohem Blutdruck. Auch hier

sind Gewichtsreduktion und Bewegung zentrale Prävention und Therapie. Je nach Mass

des Übergewichtes ist eine medizinische Begleitung empfehlenswert.

Mut und Geduld

Das klingt nun vielleicht alles so erschreckend, dass Sie sich entmutigen lassen könnten.

Dazu besteht jedoch kein Grund. Im Gegenteil : Selbst wenn Ihr Kind leicht oder sogar

schwer übergewichtig sein sollte, hat eine Umstellung der Ernährung auf jeden Fall Vorteile.

Ganz wichtig und auf den ersten Blick widersprüchlich : Die beste Medizin gegen Essprobleme ist

ein freudiges Verhältnis zum Essen. Angst ist ein schlechter Koch.

Die vielen zum Teil widersprüchlichen Empfehlungen in Sachen Kinderernährung könnten

ganz schön konfus machen. Ist sie jetzt gesund oder nicht, die Kindermilchschnitte mit

der Extraportion Milch ? Ist Fast Food einfach schlecht ? Wie soll man einem dicken Kind

beibringen, weniger zu essen, ohne ihm den Spass am Essen zu verderben ? Was ist

schlimmer, Schlankheitswahn oder Übergewicht ?

Natürlich kann dieser kleine Ratgeber niemals alle Fragen restlos beantworten. Dennoch

gibt er viele gute Tipps und Anhaltspunkte, wie man mit Ernährungsproblemen

umgehen und wo man noch mehr und eingehendere Antworten finden kann.


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Wenn man alles weiss und es doch nichts nützt

Viele Erwachsene kennen das Problem von sich selbst und von ihren Kindern : Sie wissen

eigentlich sehr gut Bescheid, aber die Umsetzung scheitert trotzdem immer wieder am

Alltag. Auch das ist kein Grund aufzugeben. Erstens gibt es immer noch ein paar Kniffe,

die man ausprobieren kann und soll, bis man herausgefunden hat, wie es für die eigene

Familie am besten klappt. Und zweitens braucht eine Umstellung der Ernährung viele

kleine Schritte und Anläufe, bis sie sich langsam etablieren kann. Das gilt ganz besonders

für Kinder, die noch keine Vollwertkost gewohnt sind. Wenn sie von heute auf morgen

tellerweise Gemüse und Vollkornprodukte vorgesetzt bekommen, wird ihnen das gesunde

Essen mit grösster Wahrscheinlichkeit verleiden, bevor es überhaupt angefangen hat. Die

Chancen, dass sie sich bei jeder Gelegenheit Fast Food kaufen, stehen bestens.

Tipp

• Kinder essen nicht mit dem Kopf, sondern mit den Sinnen. Es

ist ihnen ziemlich egal, wie viele Vitamine in einem Broccoli

stecken, Hauptsache, er ist «anmächelig» gekocht.

• Kinder wollen, dass ihr Essen appetitlich aussieht. Ein Beispiel :

Graubraune Vollkornnudeln sehen nun mal nicht besonders

hübsch aus. Mischen Sie sie mit einer saftig roten Sauce, bevor

Sie die Schüssel auf den Tisch stellen.

• Kinder mögen es, wenn das Essen knistert und knuspert. Knuspermüesli,

Karottenstifte oder selbst gemachte Chicken-Nuggets

( > Rezepte ) tun das.

• Kinder mögen es, wenn sich das Essen gut anfühlt. Schlabberiges

Essen hat gute Chancen, für immer und ewig auf dem

Teller liegen zu bleiben.


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Haben wir ein Problem oder haben wir keines ?

Bei Zweifeln rund um die Ernährung der Kinder ist es nie verkehrt, den Rat einer Fachperson

einzuholen. Vor allem bei Essstörungen wie Magersucht ist eine frühzeitige Hilfe

entscheidend für die Heilungschancen. Dasselbe gilt auch für beginnendes Übergewicht.

Wegschauen ist nicht fair dem Kind gegenüber.

Folgende Faustregeln können dabei helfen, mögliche Ernährungsprobleme frühzeitig zu

erkennen :

• Passt dem Kind die altersgemässe Kleidergrösse ? Oder sind die Kleider viel zu eng

oder zu weit ?

• Hat das Kind Speckfalten an Bauch, Armen oder Oberschenkeln oder am Rücken ?

• Wie ist sein BMI ? Der Body-Mass-Index ( BMI ) gibt Auskunft über das Verhältnis

des Gewichts zur Körpergrösse und ist ein ziemlich verlässliches Mass, um effektives

Über- oder Untergewicht festzustellen : Die Formel für den BMI lautet :

BMI = Gewicht in Kilogramm, geteilt durch die Körpergrösse in Meter im Quadrat

Aber Achtung : Der BMI wird bei Kindern und Jugendlichen bis etwa 16 Jahren

anders ausgewertet als bei Erwachsenen ( die Normwerte liegen leicht unter denjenigen

für Erwachsene ).

Den Body-Mass-Index für Ihr Kind können Sie zum Beispiel unter > www.minuweb.ch

bestimmen.

• Isst das Kind nur ein paar wenige Gerichte wie Pommes, Teigwaren oder Pizza, und

verweigert es Gemüse und Co. ?

• Hat sich sein Essverhalten verändert und ist über längere Zeit anders ? ( Kurzfristige

Schwankungen wie Appetitlosigkeit oder Heisshunger sind völlig normal und haben

meist mit dem Wachstum zu tun. )

• Isst das Kind oft zwischendurch ?

• Fragt das Kind schon kurz nach der Mahlzeit nach Essbarem oder holt sich was ?

• Kann sich das Kind in der Schule nicht gut konzentrieren ?

• Ist das Kind sehr unruhig ?

• Hat das Kind Hautprobleme oder Verdauungsschwierigkeiten ?


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Food for Kids

Wenn sich solche Anzeichen häufen, ist es sinnvoll, sich mit dem Kinderarzt zu besprechen.

Vielleicht liegt der Grund nicht in der Ernährung. Aber eine Abklärung lohnt sich

auf jeden Fall. Meist können Kinderärzte auch bei der Hilfe nach einer geeigneten Ernährungsberatung

weiterhelfen.

Wie ist es für die Kids selbst ?

Auch für Kinder und Jugendliche ist es oft verwirrend und nervig, sich mit Essensfragen

herumzuschlagen. Zum Beispiel wenn die eigenen Eltern als Einzige auf dem supergesunden

Znüni bestehen oder ihren Kindern ständig damit in den Ohren liegen, sie seien

zu dick und sollten nicht so viel essen. Nicht minder einflussreich und teils nicht weniger

irritierend sind natürlich die Vorbilder in der Schule und in der Werbung. Zwei von drei

Mädchen finden sich heute zu dick. Selbst wenn Sie ein normales Gewicht auf die Waage

bringen.

Was tun ?

Die folgenden paar Anregungen können dabei helfen, eine gesunde Ernährung der

ganzen Familie zu ermöglichen. Sie gelten, egal, ob Sie früh damit anfangen oder sich

später darauf umstellen.


Runde Kleine werden runde Grosse

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Tipps

• Seien Sie Vorbild. Überlegen Sie, was Ihnen in Sachen Ernährung

und Tischsitten wichtig ist, und halten Sie sich daran.

• Zeigen Sie Ihren Kindern, dass Essen etwas Schönes ist und

nichts Sündhaftes. Ein schlechtes Gewissen beim Essen ist ein

idealer Nährboden für ein gestörtes Verhältnis zum Essen.

• Handeln Sie für jedes Familienmitglied fünf Speisen aus, die es

nicht zu essen braucht, und fünf, von denen es nur wenig schöpfen

muss.

• Seien sie nicht stur. Nichts ist so interessant wie Verbotenes.

• Stellen Sie Tischregeln auf, an die sich alle halten.

• Machen sie den Esstisch mindestens einmal am Tag zum Treffpunkt

für ein gemütliches Beisammensein bei einer schmackhaften

Mahlzeit.

• Essen Sie ohne Fernseher, Zeitung, Radio oder andere Ablenkungen.

Das ist unsozial, und Sie merken nicht rechtzeitig, wenn

Sie satt sind.

• Reden Sie nicht ständig vor Ihren Kindern darüber, dass Sie sich

zu dick finden.

• Bewegen Sie sich gemeinsam an der frischen Luft. Machen Sie

Ausflüge.

• Kochen Sie öfter gemeinsam mit den Kindern, und planen Sie

das Menü miteinander. Zeigen und erklären Sie Ihren Kindern,

woher das Essen kommt.


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Food for Kids

Butter herstellen : Nimm ein Marmeladenglas, fülle Vollrahm ein und verschliesse den Deckel gut.

Schüttle so lange, bis du Butter hast. Was beobachtest du ?

Tipps

• Sorgen Sie für gute Stimmung am Esstisch. Reden Sie mit den

Kindern und hören Sie ihnen zu. Streit gehört jedoch nicht an

den Tisch. Er verdirbt den Appetit.

• Benutzen Sie Essen weder als Belohnung noch als Trost oder

Strafe. Diese Verknüpfung bleibt sonst bestehen, und das Kind

wird auch später bei Frust oder Wut auf Essen zurückgreifen.

• Lassen Sie Ihr Kind selbst schöpfen, und zwar kleine Portionen.

Zwingen Sie es nicht, den Teller leer zu essen. Das zerstört das

natürliche Sättigungsempfinden.

• Machen Sie mit Ihrem Kind ab, dass es durchaus auch mal Dinge

essen darf, die nicht gesund sind. Aber als Ausnahme bei bestimmten

Gelegenheiten.

• Machen Sie Ihrem Kind kein schlechtes Gewissen beim Essen.

Wie Sie vielleicht gemerkt haben, ist bis jetzt noch kaum ein Wort über gesunde Nahrungsmittel

gefallen. Das hat einen triftigen Grund : Verhalten ist für gesundes, lustvolles

Essen fast ebenso wichtig wie das, was auf den Teller kommt.


3 Du bist, was du isst –

Kleine Ernährungslehre

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