Leseprobe Buch Herbst 89- in Waren Mueritz
Zeitzeugen berichten über die Friedliche Revolutio 1989 in Waren Müritz. Im Sommer und Herbst 1989 kam es in der DDR zu einer im Nachhinein als Friedliche Revolution bezeichneten Entwicklung. In Waren (Müritz) verließen die Menschen am 16. Oktober 1989 zum ersten Mal in den damaligen DDR-Nordbezirken die schutzgebenden Mauern der Kirchen und trugen ihre Unzufriedenheit und ihren Protest auf die Straßen. Unter den zunächst wenigen, bald immer mehr werdenden Aktiven herrschten noch Furcht und Hoffnung. Unterschiedliche Erfahrungen und Beweggründe ließen sie die Angst überwinden. Dreißig Jahre, eine Generation später, haben sie sich erinnert und das Erlebte aufgeschrieben. Sie haben in den Berichten eine eigene Auswahl getroffen und ihre Worte gewählt. Entstanden ist ein vielfarbiges Mosaik, welches zu einem Bild des Herbstes 1989 in Waren zusammenwächst. Das Wissen um diese Ereignisse soll nicht verlorengehen. Es soll bei den Älteren Erinnerungen, bei den Jüngeren Fragen wecken und sie zur Beschäftigung mit der jüngeren und jüngsten Geschichte der Stadt anregen. Weiterführende Informationen sowie umfangreiches Audiomaterial finden Sie unter: www.herbst-89.de ISBN 978-3-928117-39-5
Zeitzeugen berichten über die Friedliche Revolutio 1989 in Waren Müritz.
Im Sommer und Herbst 1989 kam es in der DDR zu einer im Nachhinein als Friedliche Revolution bezeichneten Entwicklung. In Waren (Müritz) verließen die Menschen am 16. Oktober 1989 zum ersten Mal in den damaligen DDR-Nordbezirken die schutzgebenden Mauern der Kirchen und trugen ihre Unzufriedenheit und ihren Protest auf die Straßen. Unter den zunächst wenigen, bald immer mehr werdenden Aktiven herrschten noch Furcht und Hoffnung. Unterschiedliche Erfahrungen und Beweggründe ließen sie die Angst überwinden. Dreißig Jahre, eine Generation später, haben sie sich erinnert und das Erlebte aufgeschrieben. Sie haben in den Berichten eine eigene Auswahl getroffen und ihre Worte gewählt. Entstanden ist ein vielfarbiges Mosaik, welches zu einem Bild des Herbstes 1989 in Waren zusammenwächst.
Das Wissen um diese Ereignisse soll nicht verlorengehen. Es soll bei den Älteren Erinnerungen, bei den Jüngeren Fragen wecken und sie zur Beschäftigung mit der jüngeren und jüngsten Geschichte der Stadt anregen.
Weiterführende Informationen sowie umfangreiches
Audiomaterial finden Sie unter: www.herbst-89.de
ISBN 978-3-928117-39-5
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Jürgen Kniesz (Hrsg.)<br />
<strong>Herbst</strong><br />
<strong>89</strong><br />
<strong>in</strong> <strong>Waren</strong> (Müritz)<br />
ZEITZEUGEN BERICHTEN ÜBER DIE<br />
FRIEDLICHE REVOLUTION
<strong>Herbst</strong> ’<strong>89</strong> <strong>in</strong><br />
<strong>Waren</strong> (Müritz)<br />
Zeitzeugen berichten über die<br />
Friedliche Revolution<br />
Jürgen Kniesz (Hrsg.)<br />
mit Beiträgen von Gisela Bauer, Christoph de Boor, He<strong>in</strong>er Dittrich,<br />
Mart<strong>in</strong>a Domann, Sven Domann, Jürgen Fischer, Marion Gesell, Gabriele Gest,<br />
Rosemarie Griehl, Gerhard Heclau, Eckart Hübener, Reg<strong>in</strong>a Kascheike,<br />
Dr. Hans Dieter Knapp, Manuel Köpp, Dr. Klaus Kremp, Susan Lambrecht,<br />
Michael Lewek, Klaus-Peter Lück<strong>in</strong>g, Mechthild Lück<strong>in</strong>g, Gerhild Meßner,<br />
Ulrich Meßner, Dr. Thomas Müller, Ruthild Pell-John, Franz Ulrich Poppe,<br />
Christiane Scherfig, Dieter Schröder, Dieter Vibrans<br />
Chronik, Schriftenreihe des <strong>Waren</strong>er Museumsund<br />
Geschichtsvere<strong>in</strong>s e.V., Heft 34<br />
müritz.buch
<strong>Herbst</strong><br />
<strong>89</strong><br />
<strong>in</strong> <strong>Waren</strong> (Müritz)<br />
Zeitzeugen berichten über die<br />
Friedliche Revolution<br />
müritz.buch
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek<br />
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation <strong>in</strong> der Deutschen<br />
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten s<strong>in</strong>d im Internet über<br />
http://dnb.ddb.de abrufbar.<br />
© 2020 müritz.buch<br />
Zweigniederlassung<br />
der Alte-Jeetzel-<strong>Buch</strong>handlung und Verlag GmbH,<br />
Lange Straße 13, 17192 <strong>Waren</strong> (Müritz)<br />
<strong>in</strong> Zusammenarbeit mit dem<br />
<strong>Waren</strong>er Museums- und Geschichtsvere<strong>in</strong> e. V.<br />
<strong>Waren</strong> (Müritz)<br />
ISBN: 978-3-928117-39-5<br />
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist urheberrechtlich<br />
geschützt. Jede Verwertung außerhalb der gesetzlich geregelten<br />
Fälle muss vom Verlag schriftlich genehmigt werden.<br />
E<strong>in</strong> Markenzeichen kann warenrechtlich geschützt se<strong>in</strong>,<br />
ohne dass dies besonders gekennzeichnet wurde.<br />
Umschlaggestaltung: Rob<strong>in</strong> Zimmermann<br />
Titelfoto von Mirko Runge<br />
Gesamtherstellung: xeaven media,<br />
Glockengießerweg 7, 17192 <strong>Waren</strong> (Müritz)<br />
© Illustrationen/Fotos: Stadtgeschichtliches Museum <strong>Waren</strong> (Müritz)<br />
und <strong>Waren</strong>er Museum- und Geschichtsvere<strong>in</strong> e.V.; Privatbesitz<br />
müritz.buch<br />
XEAVEN MEDIA
Vorwort<br />
Am 16. Oktober 19<strong>89</strong> fand <strong>in</strong> <strong>Waren</strong> (Müritz) die erste<br />
Fürbittandacht während der Friedlichen Revolution im <strong>Herbst</strong><br />
19<strong>89</strong> statt. Unter dem Motto „E<strong>in</strong>e Hoffnung lernt laufen“<br />
zogen die Teilnehmenden von der Georgen- zur Marienkirche.<br />
Dieser geme<strong>in</strong>same Gang der ca. 300 mutigen Menschen<br />
gilt heute als die erste Demonstration im <strong>Herbst</strong> 19<strong>89</strong> <strong>in</strong><br />
Mecklenburg-Vorpommern.<br />
2018/2019 beschlossen Landtag und Landesregierung<br />
unseres Bundeslandes, <strong>in</strong> Er<strong>in</strong>nerung an dieses Ereignis<br />
zur zentralen Festveranstaltung des Landes zur Friedlichen<br />
Revolution 19<strong>89</strong> am 16. Oktober 2019 nach <strong>Waren</strong> (Müritz)<br />
e<strong>in</strong>zuladen und dort e<strong>in</strong>en zentralen Er<strong>in</strong>nerungsort<br />
aufzubauen.<br />
Als Bürger<strong>in</strong>nen und Bürger dieser Stadt, die sich 19<strong>89</strong><br />
e<strong>in</strong>gemischt und die Friedliche Revolution <strong>in</strong> <strong>Waren</strong> (Müritz)<br />
mitgestaltetet hatten, haben wir uns entschlossen, unsere<br />
Er<strong>in</strong>nerungen an diese aufregende Zeit aufzuschreiben und zu<br />
veröffentlichen/der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dabei<br />
geht es uns nicht darum, nur Daten, Ereignisse und Zahlen<br />
zusammenzutragen. Vielmehr ist uns wichtig, die jeweils<br />
ganz unterschiedlichen und persönlichen Er<strong>in</strong>nerungen<br />
als subjektive Zeugnisse zur Verfügung zu stellen. Wir<br />
hoffen und wünschen uns, dass aus den unterschiedlichen
emotionalen und subjektiven Er<strong>in</strong>nerungen e<strong>in</strong> farbiges und<br />
bewegendes Bild vom <strong>Herbst</strong> 19<strong>89</strong> <strong>in</strong> unserer Stadt <strong>Waren</strong><br />
(Müritz) entsteht und dass Leser<strong>in</strong>nen und Leser e<strong>in</strong>en tiefen<br />
E<strong>in</strong>druck von dieser Zeit gew<strong>in</strong>nen können.<br />
Zum <strong>Buch</strong> selbst:<br />
Mehr als 25 der damals Beteiligten haben sich bereit erklärt,<br />
ihre Er<strong>in</strong>nerungen aufzuschreiben und zur Verfügung zu<br />
stellen.<br />
Wir haben uns entschlossen, diese Texte nicht e<strong>in</strong>fach<br />
ane<strong>in</strong>anderzureihen, sondern sie <strong>in</strong> e<strong>in</strong>e zeitliche<br />
Rahmengeschichte e<strong>in</strong>zubetten. Diese Rahmengeschichte<br />
hat dankenswerter Weise der Herausgeber und Leiter des<br />
Stadtgeschichtlichen Museums <strong>Waren</strong>, Jürgen Kniesz, erstellt.<br />
Weil viele Texte e<strong>in</strong>en längeren Zeitabschnitt betreffen,<br />
ist e<strong>in</strong>e taggenaue Zuordnung oft nicht möglich. Um die<br />
e<strong>in</strong>zelnen Er<strong>in</strong>nerungen nicht trennen zu müssen, haben wir<br />
uns bei der E<strong>in</strong>ordung am (zeitlichen) Schwerpunkt orientiert.<br />
E<strong>in</strong>e Ausnahme bilden die authentischen<br />
Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahr 19<strong>89</strong>, die Manuel<br />
Köpp festgehalten hat und die sich fortlaufend als<br />
Zeitzeugnisse <strong>in</strong> der Rahmengeschichte f<strong>in</strong>den.<br />
Bei unserer Beschäftigung mit der Friedlichen Revolution<br />
haben wir auch Unterlagen des früheren M<strong>in</strong>isteriums<br />
für Staatssicherheit e<strong>in</strong>gesehen. Wo es uns s<strong>in</strong>nvoll und<br />
angemessen erschien, haben wir solche Unterlagen <strong>in</strong> unser
<strong>Buch</strong> aufgenommen. E<strong>in</strong>e Zeittafel am<br />
Anfang bietet e<strong>in</strong>en knappen Überblick<br />
über wichtige Ereignisse.<br />
Wir danken dem <strong>Waren</strong>er Geschichtsund<br />
Museumsvere<strong>in</strong> für die<br />
Bereitschaft, dieses <strong>Buch</strong> <strong>in</strong> se<strong>in</strong>e<br />
Schriftenreihe aufzunehmen und für<br />
die Unterstützung bei der Herausgabe.<br />
Und nun wünschen wir Ihnen e<strong>in</strong>e<br />
e<strong>in</strong>drückliche Lektüre.<br />
Für die an diesem <strong>Buch</strong> beteiligten<br />
Christoph de Boor
Die wichtigsten Ereignisse<br />
des Jahres 19<strong>89</strong><br />
(Zeittafel)<br />
1. Januar E<strong>in</strong>e neue DDR-„Reiseverordnung“ soll<br />
Privatreisen oder ständige Ausreise <strong>in</strong> den Westen erleichtern.<br />
Von der Opposition wird sie als zu eng und bürokratisch<br />
bezeichnet.<br />
7. Mai Bürgerrechtler 1 decken Wahlfälschungen bei<br />
DDR-Kommunalwahlen auf. In Leipzig demonstrieren 1000<br />
Menschen gegen den Wahlbetrug.<br />
Titelseite des Neuen Deutschlands vom 8.5.19<strong>89</strong><br />
13
<strong>Herbst</strong> ´<strong>89</strong><br />
5. August DDR-Bürger werden gewarnt, <strong>in</strong> den<br />
Botschaften der BRD <strong>in</strong> Ost-Berl<strong>in</strong>, Prag, Warschau und<br />
Wien ihre Ausreise erzw<strong>in</strong>gen zu wollen. Die Ständige<br />
Vertretung <strong>in</strong> Ost-Berl<strong>in</strong> muss wegen Überfüllung den<br />
Publikumsverkehr e<strong>in</strong>stellen.<br />
13. August Am Jahrestag des Mauerbaus demonstrieren<br />
Ausreisewillige am Brandenburger Tor <strong>in</strong> Berl<strong>in</strong>.<br />
4. September In Leipzig versammeln sich rund 1000<br />
Menschen nach e<strong>in</strong>em Friedensgebet <strong>in</strong> der Nikolaikirche.<br />
Sie fordern „Stasi raus“ und Reisefreiheit. Die Aktion ist<br />
die Geburtsstunde der Montagsdemonstrationen.<br />
10. September Das NEUE FORUM veröffentlicht den<br />
„Aufbruch 19<strong>89</strong>“, den Gründungsaufruf der DDR-weiten<br />
Oppositionsbewegung.<br />
30. September Bundesaußenm<strong>in</strong>ister Hans-Dietrich<br />
Genscher verkündet <strong>in</strong> Prag die genehmigte Ausreise der<br />
DDR-Bürger aus der bundesdeutschen Botschaft. 17000<br />
Flüchtl<strong>in</strong>ge fahren mit Sonderzügen <strong>in</strong> die BRD.<br />
4. Oktober Am Dresdner Hauptbahnhof kommt es zu<br />
Ausschreitungen, als Tausende Dresdner versuchen, <strong>in</strong> die<br />
Züge zu gelangen.<br />
14
Die wichtigsten Ereignisse<br />
7. Oktober Die offiziellen Feiern zum DDR-Jubiläum <strong>in</strong><br />
Berl<strong>in</strong> werden durch e<strong>in</strong> riesiges Polizeiaufgebot gesichert.<br />
9. Oktober 70 000 Menschen demonstrieren <strong>in</strong> Leipzig.<br />
Es wird der „Tag der Entscheidung“, die SED-Führung wagt<br />
es nicht, die Demonstration gewaltsam aufzulösen. Am 16.<br />
Oktober demonstrieren 100 000.<br />
17. Oktober Absetzung von Erich Honecker durch<br />
das SED-Politbüro, Egon Krenz wird neuer Generalsekretär.<br />
Er kündigt am 18. Oktober die E<strong>in</strong>leitung e<strong>in</strong>er „Wende“<br />
und die Verabschiedung neuer Reisebestimmungen an.<br />
4. November Auf der größten Massendemonstration<br />
<strong>in</strong> der Geschichte der DDR fordern Hunderttausende auf<br />
dem Berl<strong>in</strong>er Alexanderplatz Reformen, freie Wahlen und<br />
Me<strong>in</strong>ungsfreiheit.<br />
7. November Der DDR-M<strong>in</strong>isterrat tritt zurück.<br />
8. November Das SED-Politbüro tritt zurück.<br />
1<br />
Natürlich gab es auch die Bürgerrechtler<strong>in</strong>nen. Aus Gründen der besseren<br />
Lesbarkeit wird überwiegend die männliche Form <strong>in</strong> der Bezeichnung von<br />
Personen verwendet. Die Bezeichnungen s<strong>in</strong>d geschlechtsneutral zu verstehen.<br />
15
<strong>Herbst</strong> ´<strong>89</strong><br />
9. November Politbüromitglied Günter Schabowski teilt<br />
auf e<strong>in</strong>er Pressekonferenz mit, dass ab sofort die Ausreise<br />
<strong>in</strong>s westliche Ausland ohne das Vorliegen besonderer Gründe<br />
möglich ist. Die Mauer ist gefallen. Tausende überqueren noch<br />
<strong>in</strong> der gleichen Nacht die Grenze.<br />
26. November Bürgerrechtler, Künstler und SED-<br />
Reformer veröffentlichen den Aufruf „Für unser Land“<br />
für e<strong>in</strong>en reformierten Sozialismus und für die<br />
Eigenständigkeit der DDR.<br />
27. November Auf der Leipziger Montagsdemonstration<br />
mit 150 000 Teilnehmern fordern erste<br />
Sprechchöre „Deutschland e<strong>in</strong>ig Vaterland“.<br />
28. November Bundeskanzler Helmut Kohl legt<br />
e<strong>in</strong>en Zehn-Punkte-Plan zur schrittweisen Überw<strong>in</strong>dung<br />
der deutschen Teilung vor.<br />
1. Dezember Der Führungsanspruch der SED<br />
wird aus der DDR-Verfassung gestrichen.<br />
3. Dezember Die Führung der SED unter<br />
Egon Krenz tritt zurück.<br />
16
Die wichtigsten Ereignisse<br />
4. Dezember In Erfurt und e<strong>in</strong>igen anderen<br />
Städten werden die ersten Stasi-Dienststellen von<br />
Bürgerrechtlern besetzt.<br />
7. Dezember In Ost-Berl<strong>in</strong> konstituiert sich der<br />
Zentrale Runde Tisch der DDR mit Vertretern von Parteien,<br />
Kirchen und Bürgerbewegungen.<br />
22. Dezember Das Brandenburger Tor wird unter<br />
dem Jubel von rund 100 000 Menschen geöffnet.<br />
17
HeiSSer Sommer –<br />
Aufbruch im <strong>Herbst</strong><br />
Heiß steht nicht nur für den oberen Teil der Temperaturskala<br />
des Thermometers, heiß waren auch die Me<strong>in</strong>ungen, die<br />
<strong>in</strong> heftigen, gewagten, gefährlichen Gesprächen und<br />
Diskussionen geäußert wurden. Äußerungen wurden nicht<br />
nur verbal vorgebracht, <strong>in</strong> Form e<strong>in</strong>er „Abstimmung mit<br />
den Füßen“ wurden Tatsachen geschaffen - im Land und<br />
über dessen Grenzen h<strong>in</strong>weg. Aufbruch me<strong>in</strong>t nicht nur<br />
das Weggehen, aufgebrochen werden auch alte Schalen<br />
und Strukturen, H<strong>in</strong>derndes wird zerbrochen und damit<br />
zerstört.<br />
1993 – relativ zeitnah zu den Geschehnissen – veröffentlichte<br />
das Regionalmuseum Neubrandenburg <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er Schriftenreihe<br />
Aufzeichnungen des Neubrandenburger Propstes<br />
Fridolf Heydenreich. Peter Maubach, damals amtierender<br />
Direktor des Museums, leitete den Abdruck mit den Worten<br />
e<strong>in</strong>, dass es auch e<strong>in</strong>e Aufgabe der Historiker sei, „Gegenwart<br />
festzuhalten, damit sie der Nachwelt im Gedächtnis<br />
19
<strong>Herbst</strong> ´<strong>89</strong><br />
bleibt … Das gilt für das Alltägliche, was Großeltern den<br />
Enkeln übermitteln, aber besonders für das E<strong>in</strong>schneidende<br />
<strong>in</strong> gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen. Man verh<strong>in</strong>dert<br />
damit Legendenbildungen, die Geschichte später verzerren,<br />
glorifizieren oder abwerten.“ 2<br />
Jetzt, 30 Jahre oder e<strong>in</strong>e Generation<br />
später, sollen Er<strong>in</strong>nerungen von <strong>Waren</strong>er Aktiven<br />
mit zeitlichem Abstand das damals Erlebte und Mitgestaltete<br />
noch e<strong>in</strong>mal widerspiegeln. Die Berichte s<strong>in</strong>d subjektiv und<br />
von dem <strong>in</strong> den letzten 30 Jahren Erfahrenen geprägt. Nahezu<br />
alle, die angesprochen wurden, waren bereit, ihren Beitrag<br />
zu leisten. Es waren Sätzen oder mehrere Seiten. E<strong>in</strong>ige der<br />
Protagonisten der „<strong>Waren</strong>er Wende“ leiten ihr Handeln und<br />
ihr Engagement für Veränderungen aus ihren Erlebnissen <strong>in</strong><br />
den Jahren davor ab. Wie und warum wurden sie zu den<br />
friedlichen Revolutionären? Andere ziehen e<strong>in</strong> Resümee<br />
und machen sich Gedanken um die Zukunft. Wer waren<br />
sie? Sie hatten ähnliche Lebensauffassungen, sehnten sich<br />
nach Freiheit und wehrten sich gegen Bevormundung, Um-<br />
2<br />
Die Geschichte unserer friedlichen Revolution. <strong>Herbst</strong> 19<strong>89</strong> – Frühjahr<br />
1990. E<strong>in</strong>e Chronologie der Ereignisse <strong>in</strong> Neubrandenburg aus der Sicht von<br />
Fridolf Heydenreich. Schriftenreihe des Regionalmuseums Neubrandenburg,<br />
Heft 23. Neubrandenburg 1993<br />
20
Heisser Sommer Aufbruch<br />
weltverschmutzung, Militarisierung und Städtezerfall. E<strong>in</strong>e<br />
Mischung aus politischer und kultureller Unzufriedenheit<br />
war mit dem Willen gepaart, die engen Grenzen des Systems<br />
zu testen und vielleicht zu sprengen. Widersprüche zwischen<br />
offiziellen Verlautbarungen und den realen Alltagserfahrungen<br />
waren Antrieb zum Handeln. Dass sie 19<strong>89</strong>, im Gegensatz<br />
zu anderen, die ähnliches früher versucht hatten, Erfolg<br />
hatten, war ihr Glück.<br />
Heute, 30 Jahre später, reflektieren sie ehrlich und offen<br />
die selbst mitgestalteten Ereignisse und Abläufe. Bei allen<br />
h<strong>in</strong>terließ die „Wende“ Spuren. Was geschrieben wurde,<br />
ist ke<strong>in</strong>e Glorifizierung von Helden, ist ke<strong>in</strong>e Rhetorik des<br />
heldenhaften Handelns.<br />
Fragen suchen Antworten:<br />
- Ausgehend von der berechtigten und multiplen<br />
Kritik am „alten“ Staat und se<strong>in</strong>en Institutionen<br />
– wie entwickelte sich die Stimmung <strong>in</strong> der<br />
Gesellschaft im Verlauf der „friedlichen<br />
Revolution“? Wie haben die Zeitgenossen die<br />
e<strong>in</strong>zelnen Phasen erfahren und durchlebt?<br />
21
<strong>Herbst</strong> ´<strong>89</strong><br />
- Wie setzen sich die Biografien der Protagonisten<br />
bis <strong>in</strong> die Gegenwart fort? Welche Brüche und<br />
Kont<strong>in</strong>uitäten bestimmten ihre Lebenswege?<br />
- Gab es Opfer und Verlierer der „Wende“? Das<br />
Leben <strong>in</strong> der DDR g<strong>in</strong>g verloren, was wurde<br />
gewonnen?<br />
E<strong>in</strong>e öffentliche Er<strong>in</strong>nerungskultur muss demokratisch<br />
se<strong>in</strong>, auch kritische Interpretationen e<strong>in</strong>schließen,<br />
öffentliches Er<strong>in</strong>nern ist e<strong>in</strong> Querschnitt sich verändernder<br />
Wahrnehmungen und politischer Entwicklungen: Die<br />
privaten Er<strong>in</strong>nerungen müssen bewahrt/schriftlich<br />
festgehalten werden.<br />
22
Die Zeit davor – im Lande<br />
Wer 19<strong>89</strong> vierzig Jahre und älter war, hatte Er<strong>in</strong>nerungen<br />
an den „Prager Frühl<strong>in</strong>g“ 1968 und se<strong>in</strong> gewaltsames<br />
Ende. Jüngere erlebten die mit der „Biermann-Ausbürgerung“<br />
verbundenen Proteste und deren Erfolglosigkeit.<br />
Beg<strong>in</strong>nend <strong>in</strong> der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre<br />
bestimmten zunehmend Friedens- und Umweltfragen die<br />
Diskussionen.<br />
Nach dem NATO-Doppelbeschluss von 1979 sollten<br />
amerikanische Raketen nach Westeuropa gebracht<br />
und zugleich mit der UdSSR über die Begrenzung der<br />
Mittelstreckenraketen verhandelt werden. Die <strong>in</strong> der<br />
Bundesrepublik entstandene Friedensbewegung gegen<br />
diesen Beschluss wurde von der DDR-Politik unterstützt.<br />
Seit Anfang der 1980er-Jahre gab es aber auch <strong>in</strong> der<br />
DDR e<strong>in</strong>e „unabhängige Friedensbewegung“, die sich<br />
häufig unter dem Dach der Kirchen entwickelte. Kle<strong>in</strong>e und<br />
lose organisierte Gruppen fanden sich – zunächst <strong>in</strong> den<br />
größeren Städten – <strong>in</strong> Geme<strong>in</strong>dehäusern oder bei Treffen <strong>in</strong><br />
23
<strong>Herbst</strong> ´<strong>89</strong><br />
kirchlichen E<strong>in</strong>richtungen zusammen, um für den Frieden zu<br />
wirken. Sie wendeten sich auch gegen die <strong>in</strong> der DDR – auch<br />
1983 <strong>in</strong> <strong>Waren</strong>shof bei <strong>Waren</strong> – stationierten sowjetischen<br />
Mittelstreckenraketen und forderten e<strong>in</strong>en Sozialen<br />
Friedensdienst (SOFD) für Wehrdienstverweigerer statt des<br />
Dienstes als Bausoldat. Kriegsspielzeug <strong>in</strong> K<strong>in</strong>dergärten<br />
sollte ebenso verschw<strong>in</strong>den wie der Wehrkundeunterricht<br />
<strong>in</strong> den Schulen.<br />
Aufgrund ihrer Unterstützung für die Friedensbewegung<br />
<strong>in</strong> der BRD konnte die DDR-Führung nur schwer gegen<br />
die im eigenen Land wirkenden Pazifisten vorgehen. Die<br />
erst vere<strong>in</strong>zelten Friedensgebete wurden regelmäßiger<br />
und zahlreicher. Am 13. September 1981 begann die<br />
Arbeitsgeme<strong>in</strong>schaft „Friedensdienst“ <strong>in</strong> der Leipziger<br />
Nikolaikirche mit e<strong>in</strong>em montäglichen Friedensgebet,<br />
um das sich e<strong>in</strong>e e<strong>in</strong>geschränkte Öffentlichkeit bildete.<br />
Diese Bewegung wurde 1987 unter dem E<strong>in</strong>fluss Michail<br />
Gorbatschows zunehmend politischer. Als <strong>in</strong> der Nacht auf<br />
den 25. November 1987 Mitglieder der Umweltbibliothek<br />
<strong>in</strong> der Berl<strong>in</strong>er Zionsgeme<strong>in</strong>de verhaftet wurden, gab es<br />
erstmals e<strong>in</strong>e landesweite Welle der Solidarität, die letztlich<br />
24
Die Zeit davor im Lande<br />
zur Freilassung der Verhafteten beitrug. Die wenige<br />
Monate später nach der traditionellen Demonstration zum<br />
Gedenken an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl<br />
Liebknecht im Januar 1988 wegen ihrer DDR-kritischen<br />
Transparente verhafteten Demonstranten wurden aber<br />
zum größten Teil <strong>in</strong> die Bundesrepublik abgeschoben,<br />
was die Situation veränderte. In Leipzig hofften<br />
Ausreisewillige jetzt, durch ihre Teilnahme an Aktionen<br />
der Friedensbewegung ihre Ausreise zu befördern. Sie<br />
sammelten sich nach dem Gebet vor der Kirche und zogen<br />
unter dem Ruf „Wir wollen raus!“ zum Hauptbahnhof. Sie<br />
veränderten die Friedensgebete, trugen den Protest auf die<br />
Straße und schufen mediale Aufmerksamkeit im Westen.<br />
Eigentlich waren sie die Erf<strong>in</strong>der der „Montagsdemos“.<br />
Ihr Handeln hatte aber mit dem ursprünglichen Anliegen<br />
der Friedensgruppen kaum noch etwas geme<strong>in</strong>sam. Die<br />
Friedensgebete wurden nun zu e<strong>in</strong>em politischen Forum<br />
unterschiedlicher Gruppen. Nach dem 15. Januar 19<strong>89</strong>,<br />
als man auf dem Leipziger Marktplatz versuchte, e<strong>in</strong>e<br />
eigenständige Demonstration durchzuführen, wurde<br />
Leipzig zum Zentrum der demokratischen Opposition<br />
und die „Montagsdemo“ zum festen Term<strong>in</strong>. Im Sommer<br />
25
<strong>Herbst</strong> ´<strong>89</strong><br />
19<strong>89</strong> kam es zur Massenflucht. Hunderte DDR-Bürger<br />
öffneten am 19. August 19<strong>89</strong> e<strong>in</strong> Tor an der ungarischösterreichischen<br />
Grenze zur Flucht. Im August flohen etwa<br />
3000 DDR-Bürger über diese „grüne Grenze“.<br />
Nach relativer Ruhe im Sommer, was öffentliche Aktionen<br />
auf der Straße betraf, folgten ab dem 4. September <strong>in</strong><br />
Leipzig auf das Friedensgebet wieder Demonstrationen.<br />
Obwohl die Sicherheitskräfte mit wachsender Härte<br />
reagierten, nahmen von Woche zu Woche mehr Menschen<br />
an den Protestaktionen teil. Als am 11. September 19<strong>89</strong><br />
Ungarn die Schlagbäume öffnete, verließen 7000 weitere<br />
DDR-Bürger das Land. Innerhalb von drei Tagen<br />
gelangten ungefähr 15000 DDR-Bürger „<strong>in</strong> den Westen“.<br />
In Leipzig wurden am 11. und 18. September 19<strong>89</strong> mehrere<br />
Oppositionelle beim Verlassen des Friedensgebetes <strong>in</strong> der<br />
Nikolaikirche festgenommen.<br />
In der DDR formierten sich <strong>in</strong> diesen Tagen die<br />
Bürgerbewegungen: Am 12. September 19<strong>89</strong> trat die<br />
Bürgerbewegung „Demokratie jetzt“ mit e<strong>in</strong>em Aufruf zur<br />
„E<strong>in</strong>mischung <strong>in</strong> eigener Sache“ an die Öffentlichkeit.<br />
26
Die Zeit davor im Lande<br />
Das NEUE FORUM beantragte am 19. September 19<strong>89</strong><br />
se<strong>in</strong>e offizielle Zulassung. Der „Demokratische Aufbruch“<br />
gründet sich am 1. Oktober 19<strong>89</strong>.<br />
Am 25. September zogen 5000 bis 8000 Leipziger Bürger<br />
durch die Innenstadt und demonstrierten u.a. für Me<strong>in</strong>ungsund<br />
Versammlungsfreiheit, ohne dass die Polizei e<strong>in</strong>griff.<br />
Am 1. Oktober 19<strong>89</strong> durften die Flüchtl<strong>in</strong>ge aus den<br />
DDR-Botschaften <strong>in</strong> Prag und Warschau ausreisen.<br />
Am 2. Oktober fanden Friedensgebete <strong>in</strong> mehreren<br />
Kirchen Leipzigs gleichzeitig statt. Nach Abschluss des<br />
Gottesdienstes strömten 20000 bis 25000 Menschen<br />
zum Karl-Marx-Platz. An verschiedenen Punkten der<br />
Stadt kam es zum Handgemenge mit der Polizei. Die<br />
Demonstration wurde durch die Polizei gewaltsam<br />
aufgelöst, ebenso wie Demonstrationen am 5. Oktober <strong>in</strong><br />
Magdeburg und Dresden.<br />
Am 7. Oktober feierte die DDR den 40. Jahrestag<br />
ihrer Gründung. Die Gorbatschow zugesprochenen<br />
Worte „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“,<br />
wurden zur Losung der Erneuerung. In verschiedenen<br />
27
<strong>Herbst</strong> ´<strong>89</strong><br />
Städten der DDR fanden Demonstrationen statt, die<br />
erneut gewaltsam und zum Teil mit großer Brutalität<br />
aufgelöst wurden. Im Pfarrhaus von Schwandte im<br />
Bezirk Potsdam wurde die Sozialdemokratische Partei <strong>in</strong><br />
der DDR (SDP) gegründet. Nach den Polizeie<strong>in</strong>sätzen,<br />
die es am Gründungsfeiertag der DDR auch <strong>in</strong> Leipzig<br />
gab, drohte bei der für den 9. Oktober angekündigten<br />
Montagsdemonstration e<strong>in</strong>e Konfrontation 3 . In Leipzig<br />
g<strong>in</strong>gen 70000 Demonstranten auf die Straße. Sie befolgten<br />
e<strong>in</strong>en am Tag der Demonstration 30000 Mal illegal<br />
gedruckten und verteilten Appell. Den Demonstranten<br />
standen 8000 Polizisten und Soldaten der Nationalen<br />
Volksarmee gegenüber, die nicht e<strong>in</strong>gesetzt wurden. Es<br />
war das „Wunder von Leipzig“. Der 9. Oktober 19<strong>89</strong> gilt<br />
als der eigentliche Tag des „Sieges der Revolution“. Die<br />
Worte „Wir s<strong>in</strong>d e<strong>in</strong> Volk“ galten noch nicht der deutschen<br />
E<strong>in</strong>heit, sie appellierten an die geme<strong>in</strong>samen Interessen<br />
der Bürger im Demonstrationszug und <strong>in</strong> Uniform.<br />
Mit der Entscheidung der noch herrschenden Parteiund<br />
Staatsführung zwischen ch<strong>in</strong>esischer Lösung 4 oder<br />
demokratischer Wende für die zweite Alternative war<br />
28
Die Zeit davor im Lande<br />
Appell zur Demonstration am 9. Oktober 19<strong>89</strong> (Abbildung aus Greenpeace Magaz<strong>in</strong> 1/2015)<br />
3<br />
U.a. Stefan Wolle: Die Montagsdemonstrationen: Heldenstadt Leipzig.<br />
In: Damals Heft 5/2019<br />
4<br />
„Ch<strong>in</strong>esische Lösung“ me<strong>in</strong>t e<strong>in</strong>e gewaltsame Zerschlagung von politischen<br />
Protesten, wie sie im Juni 19<strong>89</strong> <strong>in</strong> Pek<strong>in</strong>g von der ch<strong>in</strong>esischen Führung<br />
gegen Demonstrierende angewendet wurde.<br />
29
<strong>Herbst</strong> ´<strong>89</strong><br />
der weitere Weg vorgezeichnet. „Am 9. Oktober 19<strong>89</strong> sei<br />
mit der Großdemo <strong>in</strong> Leipzig die friedliche Revolution <strong>in</strong><br />
der DDR entschieden worden“, erklärten Vertreter des<br />
Archivs Bürgerbewegung Leipzig, der Robert Havemann-<br />
Gesellschaft und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, die<br />
Publizist<strong>in</strong> Freya Klier, die ehemalige Bundesbeauftragte<br />
für die Stasi-Unterlagen Marianne Birthler und der<br />
Grünen-Politiker Werner Schultz 5 .<br />
5<br />
Siehe Nordkurier vom 2.7.2019: Streit um Rede: Philharmonie Leipzig<br />
verteidigt E<strong>in</strong>ladung für Gregor Gysi<br />
30
Schauplatz<br />
<strong>Waren</strong> an der Müritz<br />
Wie <strong>in</strong> Leipzig und im ganzen Land – welche Erlebnisse<br />
und Erfahrungen bestimmten das Handeln von <strong>Waren</strong>ern,<br />
die zu den Aktivisten der Bürgerbewegungen an der<br />
Müritz wurden? Ihre Er<strong>in</strong>nerungen an die Friedliche<br />
Revolution bestimmen den Inhalt dieser Schrift. Um dabei<br />
die Authentizität und den <strong>in</strong>dividuellen Charakter der<br />
Beiträge zu wahren, wurde auf e<strong>in</strong>e Modernisierung der<br />
Rechtschreibung ebenso verzichtet wie auf e<strong>in</strong>e Korrektur<br />
der Ausdrucksweisen. Die Texte der Beteiligten werden so<br />
wiedergegeben, wie sie geschrieben wurden. Sie wurden<br />
nicht gekürzt oder bearbeitet. Die Zeitzeugen sollen selbst<br />
sprechen – nicht ihre Dolmetscher. Die Autoren haben<br />
auch die Art und den Umfang der Wiedergabe von Namen<br />
selbst gewählt.<br />
Hannes Knapp und Eckart Hübener kamen frühzeitig mit<br />
der DDR-Gesellschaft <strong>in</strong> Konfrontation. Andere lebten<br />
unauffälliger, äußerten ihren Missmut verhaltener und nur<br />
31
<strong>Herbst</strong> ´<strong>89</strong><br />
im privaten Kreis. Ihr Leben wich über Jahre kaum von<br />
den für DDR-Bürger gängigen Lebensläufen und e<strong>in</strong>er<br />
typischen beruflichen Laufbahn ab. Jetzt, im Sommer 19<strong>89</strong><br />
wurden sie zu engagierten Mitstreitern e<strong>in</strong>er friedlichen<br />
Revolution.<br />
32
Gisela<br />
Bauer<br />
Der 9. November 19<strong>89</strong><br />
Forum zur sozialistischen Volksbildung im <strong>in</strong>zwischen abgerissenen<br />
<strong>Waren</strong>er Kreiskulturhaus: Der gesamte Saal war voll besetzt<br />
(sicher auch Malchower Lehrer und Eltern der EOS-Fahrschüler<br />
dabei), ebenso die Stehplätze an den Wänden und das Foyer. Lautsprecher/Mikrophone<br />
standen im Mittelgang, auf der Bühne saßen<br />
Jugendliche /EOS der Jungen Geme<strong>in</strong>de (Pastor Hans-Henn<strong>in</strong>g<br />
Harder), vorn im Präsidium waren Schulrat und Schul- und<br />
Parteifunktionäre platziert. Wir hatten uns im <strong>Waren</strong>er NEUEN<br />
FORUM mit Christoph de Boor im Keller der Polikl<strong>in</strong>ik auf Themen<br />
verständigt, und jeder sollte auf Stichworte reagieren. Ich war<br />
sehr gespannt (Fachl. Kunst/Deu.). Nach e<strong>in</strong>igen unbefriedigenden<br />
Antworten auf oft auch nur zaghaft gestellte Fragen, klagten<br />
die Mitglieder der Jungen Geme<strong>in</strong>de ihre Schwierigkeiten und<br />
Ausgrenzungen an. Das war me<strong>in</strong> Stichwort auf die empörenden<br />
Ausreden. Ich g<strong>in</strong>g zum Mikrophon und fragte den Schulrat: „Warum<br />
wurde ich zum Schulrat bestellt und mußte mich maßregeln<br />
lassen, weil ich im Kunstunterricht wiederholt die Bibel zitiert hatte,<br />
wie es bei vielen historisch großen Kunstwerken e<strong>in</strong>fach se<strong>in</strong><br />
331
<strong>Herbst</strong> ´<strong>89</strong><br />
muß? – Eltern hätten sich beschwert! Gab es pe<strong>in</strong>liche Fragen<br />
wegen des Fehlens e<strong>in</strong>er Bibel im Elternhaus? Und ich hätte den<br />
Schülern auf ihre Frage auch gesagt, e<strong>in</strong>e Bibel gäbe es <strong>in</strong> der<br />
<strong>Buch</strong>handlung im Stadtzentrum. Auch diese Auskunft wurde mir<br />
untersagt.<br />
Nächstes Beispiel: E<strong>in</strong>e Schüler<strong>in</strong> me<strong>in</strong>er Klasse fühlte sich<br />
von ihren Mitschülern unverstanden, weil sie christlich erzogen<br />
wurde und ke<strong>in</strong> Pionier se<strong>in</strong> wollte. E<strong>in</strong>es Sonntages nahm<br />
sie mutig e<strong>in</strong> paar Mädchen me<strong>in</strong>er Klasse mit <strong>in</strong> die Kirche.<br />
Sie waren bee<strong>in</strong>druckt und berichteten ihren Eltern davon.<br />
E<strong>in</strong>e empörte Mutter beschwerte sich bei der Schul-(Partei)-<br />
Leitung, und ich mußte umgehend diese Klasse abgeben, ohne<br />
ihnen sagen zu dürfen – warum, denn ich hatte Obiges nicht<br />
verh<strong>in</strong>dert!“ – e<strong>in</strong> Raunen im Saal –<br />
Das ermutigte mich zu dem Satz: „Über 30 Jahre lang habe<br />
ich junge Menschen sprechen gelehrt – heute haben MIR diese<br />
jungen Menschen gerade MEINE Sprache wiedergegeben. Danke!“<br />
Ich bekam anhaltenden Applaus und bis zu me<strong>in</strong>em Platz<br />
drückten mir zahlreiche fremde Menschen dankbar die Hand.<br />
Später fuhr ich mit zitternden Knien auf me<strong>in</strong>em Fahrrad durch<br />
die dunkle Stadt. Daheim empf<strong>in</strong>g mich me<strong>in</strong> Mann mit den<br />
erlösenden Worten: „Die Grenze ist auf!“<br />
Ich hatte me<strong>in</strong>e Worte nicht vorbereitet, aber während der Veranstaltung<br />
wurde mir klar, daß diese Jugendlichen auf e<strong>in</strong>e Antwort<br />
warteten und me<strong>in</strong>e Aussage verstehen würden, was mir<br />
später Kollegen der EOS bestätigten.<br />
332
Gisela Bauer<br />
April 2015:<br />
In Malchow sammeln Bürger, darunter 2 Pastoren, Er<strong>in</strong>nerungen<br />
an die Wendezeit und das NEUE FORUM (das „leider“ am 9.<br />
November <strong>89</strong> <strong>in</strong> Malchow gegründet wurde, weshalb wichtige<br />
Personen sicher nicht <strong>in</strong> <strong>Waren</strong> anwesend waren“). Ich gab diese<br />
Zeilen dem Interessenkreis nach e<strong>in</strong>em Aufruf <strong>in</strong> der Zeitung<br />
vom 15.04.2015 – nur zur Orientierung und Ergänzung – es soll<br />
e<strong>in</strong>e Broschüre entstehen als Fortsetzung e<strong>in</strong>er solchen Serie<br />
über Malchower Geschichte.<br />
333
An die Zeit der<br />
friedlichen revolution 19<strong>89</strong><br />
hAben sich er<strong>in</strong>nert<br />
Gisela Bauer<br />
19<strong>89</strong><br />
Lehrer<strong>in</strong><br />
cHristopH De Boor<br />
19<strong>89</strong><br />
Vikar<br />
Seite 331<br />
Seite 127<br />
Rentner<strong>in</strong><br />
2019<br />
He<strong>in</strong>er DittricH<br />
19<strong>89</strong><br />
Seite 71<br />
Geschäftsführer<br />
Diakonie<br />
2019<br />
Mart<strong>in</strong>a DoMann<br />
19<strong>89</strong><br />
Dipl.-Ing. Techn.<br />
Gebäudeausrüstung,<br />
Projektbearbeiter<br />
Geme<strong>in</strong>dediakon<strong>in</strong><br />
Seite 149<br />
freiberuflicher<br />
Ingenieur, Rentner<br />
2019<br />
Quartiersentwickler<strong>in</strong><br />
2019
sven arM<strong>in</strong> DoMann<br />
19<strong>89</strong><br />
Künstler<br />
JürGen FiscHer<br />
19<strong>89</strong><br />
Rechtsanwalt<br />
Seite 163<br />
Seite 357<br />
Künstler<br />
2019<br />
Marion Gesell geb. Fischer<br />
19<strong>89</strong><br />
HNO-Assistent<strong>in</strong><br />
Rentner<br />
2019<br />
GaBriele Gest<br />
19<strong>89</strong><br />
Lehrer<strong>in</strong><br />
Seite 173<br />
Seite 193<br />
Sozialpädagog<strong>in</strong><br />
2019<br />
Rentner<strong>in</strong><br />
2019
Zeitzeugen 19<strong>89</strong> und heute<br />
roseMarie GrieHl<br />
19<strong>89</strong><br />
Pastor<strong>in</strong><br />
GerHarD Heclau<br />
19<strong>89</strong><br />
Lehrer<br />
Seite 197<br />
Seite 275<br />
Pastor<strong>in</strong> i.R.<br />
2019<br />
ecKart HüBener<br />
19<strong>89</strong><br />
Pastor<br />
Rentner<br />
2019<br />
reG<strong>in</strong>a KascHeiKe<br />
19<strong>89</strong><br />
Architekt<strong>in</strong><br />
Seite 43<br />
Seite <strong>89</strong><br />
Pastor i.R.,<br />
Psychosoziale<br />
Beratung für SED-<br />
Unrecht<br />
2019<br />
Rentner<strong>in</strong><br />
2019
Dr. Hans Dieter Knapp<br />
19<strong>89</strong><br />
Dipl.-Biol.,<br />
freischaffend<br />
Manuel Köpp<br />
19<strong>89</strong><br />
Mediz<strong>in</strong>physiker<br />
Kreiskrankenhaus<br />
Seite 33<br />
Seiten 105, 203,<br />
223, 253, 315<br />
Rentner,<br />
ehrenamtlich aktiv<br />
2019<br />
Dr. Klaus KreMp<br />
19<strong>89</strong><br />
Arzt<br />
Rentner<br />
2019<br />
MicHael leWeK<br />
19<strong>89</strong><br />
Geme<strong>in</strong>dediakon<br />
Seite 119<br />
Seite 177<br />
Rentner<br />
2019<br />
Diakonie-<br />
Mitarbeiter<br />
2019
Zeitzeugen 19<strong>89</strong> und heute<br />
Klaus peter lücK<strong>in</strong>G<br />
19<strong>89</strong><br />
Dipl. Ing. Päd.,<br />
Berufschullehrer<br />
für Bauwesen<br />
MecHtHilD lücK<strong>in</strong>G<br />
19<strong>89</strong><br />
Dipl. Bau<strong>in</strong>genieur<strong>in</strong><br />
(FH), Hochbau<br />
Seiten 335, 365<br />
Seite 243<br />
Rentner<br />
2019<br />
GerHilD Meßner<br />
19<strong>89</strong><br />
Gartenbau<strong>in</strong>genieur<strong>in</strong>/Freiberufliche<br />
Gartenplaner<strong>in</strong><br />
Seiten 153, 157<br />
Rentner<strong>in</strong><br />
2019<br />
ulricH Meßner<br />
19<strong>89</strong><br />
Diplom-Biologe,<br />
Müritz-Museum<br />
Seite 307<br />
Freiberufliche<br />
Gartenplaner<strong>in</strong>/<br />
Autor<strong>in</strong><br />
2019<br />
Leiter Nationalparkamt<br />
Müritz<br />
2019
Dr. tHoMas Müller<br />
19<strong>89</strong><br />
K<strong>in</strong>derarzt <strong>in</strong><br />
Penzl<strong>in</strong><br />
Seiten 211, 247<br />
Rentner<br />
2019<br />
Franz-ulricH poppe<br />
19<strong>89</strong><br />
Kunsthandwerker<br />
Seiten 115, 321, 377<br />
Kunsthandwerker<br />
2019
Zeitzeugen 19<strong>89</strong> und heute<br />
rutHilD pell-JoHn<br />
19<strong>89</strong><br />
Krankenschwester<br />
Dieter scHröDer<br />
19<strong>89</strong><br />
Leiter Gärtnerei<br />
Schwenz<strong>in</strong><br />
Seite 1<strong>89</strong><br />
Seite 99<br />
Pastor<strong>in</strong><br />
2019<br />
cHristiane scHerFiG<br />
19<strong>89</strong><br />
Lehrer<strong>in</strong><br />
Rentner<br />
2019<br />
Dieter viBrans<br />
19<strong>89</strong><br />
Techn. Leiter<br />
<strong>in</strong> LPG<br />
Seite 257<br />
Seite 387<br />
Unternehmer<strong>in</strong><br />
2019<br />
Rentner<br />
2019