Die Schreie der Fledermäuse DDR-Literatur nach 1961 Von Jörg B ...

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Die Schreie der Fledermäuse DDR-Literatur nach 1961 Von Jörg B ...

Die Schreie der Fledermäuse

DDR-Literatur nach 1961

Von Jörg B. Bilke

DDR-Literatur, für sich genommen ein scheinbar klarer Begriff, ist schwer einzugrenzen,

chronologisch und geografisch! Bezogen nur auf das Gebiet des SED-Staats und auf den

Zeitraum 1949/89, ergäbe das, zumindest bis zum Mauerbau 1961, eine höchst langweilige

und unglaubwürdige Literatur. Erst durch die seit 24. April 1959, der ersten „Bitterfelder

Konferenz“, vehement betriebene Literaturplanung verschärfte sich das Spannungsverhältnis

zwischen dem Selbstverständnis des Autors, der die Wirklichkeit unverstellt sah und

beschreiben wollte, und dem angeblich „gesellschaftlichen Auftrag“, den er zu erfüllen hatte.

DDR-Literatur hat aber auch, deshalb die Ausweitung des Begriffs, eine Vorgeschichte und

eine Nachgeschichte. Die Vorgeschichte besteht in einem gewaltigen Rekurs auf die deutsche

Literatur im 18./19. Jahrhundert, der auch die linksorientierten Strömungen in der Literatur

vom Ersten Weltkrieg über die Weimarer Republik bis zum Exil 1933/45 einschließt. Diese

zur Traditionsbildung genutzten Literaturströmungen waren von aufklärerischen und

gesellschaftskritischen Tendenzen erfüllt (von den Schriften Georg Forsters und Heinrich

Heines bis zu den Romanen Heinrich Manns und Lion Feuchtwangers) und deshalb denkbar

ungeeignet beim Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung, die der Aufklärung über ihren

Zustand nicht bedurfte und sie schließlich auch strafrechtlich verfolgte.

Und sie hat eine Nachgeschichte, weil ehemalige DDR-Schriftsteller, beispielsweise Erich

Loest und Reiner Kunze, aber auch Hermann Kant und Erik Neutsch, noch heute von dem

Stoffvorrat zehren, den sie zu DDR-Zeiten angesammelt haben. Das galt auch schon für

Gerhard Zwerenz und Uwe Johnson, die 1957 und 1959 emigrierten und eine „DDR-Literatur

im westdeutschen Exil“ begründeten, deren Vertreter beim Mauerfall 1989 rund drei Dutzend

Autoren umfasste. Das bedeutet, dass man ein zutreffendes und gültiges Bild von DDR-

Literatur nicht nur aus den Buchveröffentlichungen gewinnt, die zwischen den Eckdaten 7.

Oktober 1949 und 9. November 1989 in DDR-Verlagen erschienen sind, sondern dass man

einbeziehen muss, was geflüchtete und ausgebürgerte DDR-Schriftsteller in Westdeutschland

über DDR-Themen schrieben, auch noch zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall. Dazu gehören

dann merkwürdigerweise auch einzelne Bücher, etwa Romane (Fritz Rudolf Fries, Jurek

Becker) oder Gedichtbände (Christa Reinig, Wolf Biermann, Peter Huchel, Wolfgang Hilbig),

die nur in Westverlagen erschienen, deren Verfasser aber noch DDR-Bürger waren.


Und eine dritte, wenn auch heute kaum noch wahrnehmbare Variante von DDR-Literatur

muss erwähnt werden. Das sind Gedichte und Prosatexte, die in oppositionellen Zirkeln

vorgetragen und im „Ringtauschverfahren“ weitergereicht wurden. Solche Texte sind heute

entweder verschollen, wenn sie nicht nach 1989/90 doch noch in Sammelbänden

veröffentlicht wurden. Aber auch sie sind literarischer Ausdruck und Deutung einer

Gesellschaftsordnung, die offiziell so nicht interpretiert werden wollte.

DDR-Literatur nach der Bitterfelder Konferenz

Wenn man die DDR-Literatur, die nach der Bitterfelder Konferenz von 1959 geschrieben

wurde, genauer betrachtet, so wird man feststellen, dass die Autoren durch und nach dem

Mauerfall mit einer Realität konfrontiert wurden, die sie vorher in ihrer Widersprüchlichkeit

nicht gekannt hatten. Wer in der eingemauerten Republik lebte und schrieb, für den verlor der

bislang verordnete Dualismus zwischen westdeutschem Kapitalismus und DDR-Sozialismus

zunehmend an Bedeutung. Die Wirklichkeit, auf die man jetzt stieß in den volkseigenen

Betrieben und Industriekombinaten, auf den Bauplätzen und in den Landwirtschaftlichen

Produktionsgenossenschaften, das war die des eigenen Staates, die es nun literarisch zu

erforschen und zu bewältigen galt. In Bitterfeld wurden am 25. April 1959 die

Berufsschriftsteller, in der Mehrzahl Autoren, die den Krieg nur als Kinder und Jugendliche

erlebt und erst danach zu schreiben begonnen hatten, verpflichtet, ihre Schreibtische zu

verlassen, damit sie in der Arbeitswelt, an der „ökonomischen Basis“, neue Erfahrungen

sammeln konnten. Was sie dort aber entdeckten, war keineswegs das vielbeschworene

Bündnis zwischen Arbeiterklasse und Partei, sondern eine in heftige Widersprüche

aufgespaltene DDR-Gesellschaft, wie sie von Brigitte Reimann, die damals im

Industriekombinat „Schwarze Pumpe“ bei Hoyerswerda arbeitete, in ihrem „Offenen Brief“

vom 8. Dezember 1962 geschildert wurde.

Im Jahr zuvor schon, als die Mauer noch nicht stand, war Karl-Heinz Jakobs´ Roman

„Beschreibung eines Sommers“ (1961) erschienen, eine unglaublich schöne Liebesgeschichte,

die auf der fiktiven Großbaustelle Wartha spielt. Der Held ist unverheiratet und verliebt sich

in eine verheiratete Genossin. Die Liebe zerbricht an den strengen Normen der sozialistischen

Moral, die die Partei vertritt. Die Romanhandlung ist eingebettet in den rauhen Arbeitsalltag

der Baustelle, es gibt Plandiskussionen, Überstunden, Materialverschwendung, Sabotage. Die

Bitterfelder Vorgaben, die Realität an der „Basis“ zu beschreiben, wurden zwar aufgegriffen,

diskutiert aber von den Lesern wurde die an der Unerbittlichkeit der Partei gescheiterte Liebe.


Mit anderen Worten: Die mutige Behauptung der Rechte des Individuums gegenüber den

Ansprüchen von Staat und Gesellschaft wurde verteidigt!

Brigitte Reimanns Brief und dieser unkonventionelle Roman gehören zusammen, weil hier

Widerspruch artikuliert wurde. Buch und Brief wurden publiziert und diskutiert, weil hier wie

dort Missstände aufgegriffen wurden, die auch die Partei beseitigt wissen wollte. Beide

Publikationen waren aber auch frühe Anzeichen dafür, dass der „Bitterfelder Weg“ in eine

ganz andere Richtung führte, als es geplant war. Zwei weitere Beispiele mögen das

bestätigen: Im Jahr 1963, als die Mauer schon zwei Jahre stand und eine Flucht über die

innerdeutsche Grenze nur unter Lebensgefahr möglich war, erschienen von Brigitte Reimann

und Christa Wolf die beiden Romane „Die Geschwister“ und „Der geteilte Himmel“. Auch

hier wurden die Requisiten des sozialistischen Aufbaus, das Schiffsbaukombinat und die

Waggonfabrik, vorgezeigt, waren aber nur Kulisse für das nie auszudiskutierende Thema

„Republikflucht“, woran auch hier die Liebe zerbrach. Diese beiden Prosatexte sind auch

deshalb nicht als die Vorzeigestücke des „Bitterfelder Weges“ betrachtet worden, weil in

ihnen Konfliktstoffe angehäuft waren, die die Substanz der DDR-Gesellschaft berührten.

Paradigma einer Literaturgattung

Zum Paradigma dieser neuen Literaturgattung dagegen wurde 1964 Erik Neutsch´s 911-

Seiten-Roman „Spur der Steine“, der pünktlich zur zweiten „Bitterfelder Konferenz“ (24./25.

April 1964) erschien und 1966 auch verfilmt wurde. Die Wirklichkeitsnähe dieses Romans,

der immerhin als Erfüllung einer staatlich verordneten Literaturbewegung und als Illustrator

des sozialistischen Aufbruchs angesehen wurde, war erstaunlich! Da wurden Wirtschaftspläne

als Fehlkonstruktionen bezeichnet; falsche Planvorgaben führten zu Materialverschwendung;

die „Weisheit der Partei“, in einer Hörfunkrede angesprochen, wurde „hohles Getön“ genannt;

ein Bauer, der 1960 der Produktionsgenossenschaft nicht beitreten wollte, erfror nachts auf

seinem Acker; eine sozialistische Brigade badete nackt im Dorfteich, während im

Lautsprecher zu hören war: „Die Verantwortung, die wir tragen, ist von wahrhaft

geschichtlicher Größe.“ Am schlimmsten aber war das Verhalten des Brigadiers Hannes

Balla, der mit seinen Leuten auf Nachbarbaustellen Material klaute, um das Plansoll erfüllen

zu können, und des Parteisekretärs Werner Horrath, der verheiratet war, dennoch die ledige

Ingenieurin Katrin Klee schwängerte und die Partei belog, als er nach dem Vater des Kindes

befragt wurde. Dieses drastische Spektrum einer Gesellschaft, das nur durch eine vage

„Parteilichkeit“ gebändigt werden konnte, zeigte deutlich, dass auch ein staatstreuer Autor

wie Erik Neutsch die unglaublichen Erfahrungen, die er an der „Basis“ machen musste, nicht


negieren konnte. Gegen Ende des Romans fragte Katrin Klee, die wegen des Vaters ihres

Kindes schamlose Verhöre hatte erdulden müssen, wobei sie auf ihr Herz deutete: „Aber hier

drinnen? Wie sieht der Kommunismus hier drinnen aus?“ Die Frage blieb unbeantwortet.

Der „Bitterfelder Weg“ war mit Erik Neutschs Roman „Spur der Steine“ schon beendet,

kaum, dass er begonnen hatte! Die Literatur konnte die ihr zugewiesenen Aufgaben nicht

erfüllen, weil die Autoren von anderen Prämissen ausgingen, trotz aller verbaler Zustimmung

zur Literaturpolitik nach 1959/61. Die Bitterfelder Literatur hatte in der Nacht des 12./13.

August 1961 eine andere Richtung eingeschlagen, nicht Verklärung der bestehenden

Verhältnisse, wie von der Partei eingefordert, war ihr Thema, sondern Aufklärung über

Defizite aller Art in der DDR-Gesellschaft, auch wenn beide Begriffe nicht verwendet

wurden.

Kritik an Missständen, staatlicher Willkür und Machtmissbrauch

Alles, was in den 28 Jahren bis 1989 geschrieben und veröffentlicht wurde, entweder offiziell

in DDR-Verlagen oder inoffiziell in Westdeutschland, nachdem die Manuskripte über die

innerdeutsche Grenze geschmuggelt worden waren, ist erfüllt von Kritik an Missständen wie

staatlicher Willkür und Machtmissbrauch durch Funktionäre. Selbst in der systemaffirmativen

Literatur, wie sie Günter Görlich, Hermann Kant, Dieter Noll lieferten und in der

„Parteilichkeit“ waltete, waren diese kritischen Akzente, beispielsweise in der Erzählung „Der

dritte Nagel“ (1981), unüberhörbar. Man musste diese Texte nur „gegen den Strich“ lesen, um

den realen Kern aus der ideologischen Kruste herausschälen zu können.

Diese realistische und nicht mehr ideologische Komponente in der Literatur nach 1961 sorgte

schließlich auch dafür, dass Romane und Erzählungen, seltener Gedichte, zu einer Art von

Zeitungsersatz wurden. So erklärte der nach München emigrierte Autor Manfred Bieler,

dessen Roman „Maria Morzeck oder Das Kaninchen bin ich“ (1969) wegen seines

realistischen Zuschnitts nur in Westdeutschland erscheinen konnte, in einem Interview 1969

die DDR-Literatur zu einem „wesentlichen Informationsträger“, denn sie „durchlöchert die

Käseglocke zwischen Rennsteig und Rostock“. Dieses Urteil wurde 1978 von Klaus Poche,

der, seinem exilierten Roman „Atemnot“ (1978) nachreisend, ausgebürgert worden war,

bestätigt: „In unseren Zeitungen wird vorwiegend ein Leben geschildert, wie es sein soll,

nicht, wie es wirklich ist. Die Leute mit ihren Nöten, Sorgen und Problemen finden sich nicht

wieder. Diese Diskrepanz zwischen der Realität und den kosmetisch aufbereiteten Berichten


auszufüllen, das erwarten sich die Leser in irgendeiner Form von der Literatur.“ Und ein Jahr

später griff der inzwischen auch ausgebürgerte Karl-Heinz Jakobs diese Einschätzung noch

einmal auf: „Wir haben den beklagenswerten Zustand, dass unsere Presse nicht das schreibt,

was den Bürger interessiert. Es gibt keine tiefgehenden Auseinandersetzungen über Prozesse

in unserem Land. Und nun kommen die Schriftsteller und versuchen das, was in der Presse

nicht geleistet wird, in ihre Bücher reinzunehmen.“

Vom Schönschreiben der DDR-Wirklichkeit

Eine solche Befragung der Literatur durch ihre Leser nach Realitätspartikeln aus dem DDR-

Alltag, was die sozialistische Presse verweigerte, hatte weitreichende Folgen. Die Kalligrafie

der DDR-Wirklichkeit durch Ausmerzung aller Schwarz- und Grautöne konnten den Leser,

der diese Wirklichkeit aus täglicher Erfahrung kannte, nicht überzeugen. Begehrt waren

deshalb nicht Romane wie „Kippenberg“ (1979) von Dieter Noll, auch wenn er in der

Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ von „Bücherminister“ Klaus Höpcke mit ausuferndem

Lob bedacht wurde, sondern Volker Brauns „Unvollendete Geschichte“ (1975) oder Jurek

Beckers Roman „Schlaflose Tage“ (1978), der im SED-Staat nicht gedruckt wurde.

Manchmal fühlten sich die DDR-Leser sogar beim Lesen oder Hören literarischer Texte aus

dem 19. Jahrhundert an die DDR-Gegenwart erinnert. So wurde 1977 im „Deutschen

Theater“ in Ostberlin Heinrich Heines Dichtung „Deutschland, ein Wintermärchen“

vorgetragen. Die Kritik an preußischen Zuständen, die den eigenen so ähnlich waren,

erheiterte die Zuhörer sichtlich. Als der Dichter eine preußische Grenzkontrolle beschrieb,

spendeten sie aufbrausenden Beifall, der nicht enden wollte, als die Zensur erwähnt wurde:

„Und viele Bücher trag` ich im Kopf. Ich darf es Euch versichern, mein Kopf ist ein

zwitscherndes Vogelnest von konfiszierten Büchern.“

Literatur als Zeitungsersatz

Schließlich kam es 1979 im Leipziger Literaturinstitut unter sieben Studenten des dritten

Studienjahrs zu einer erregten Diskussion über verordnete „Zeitungswahrheit“ und

unverstellte „Literaturwahrheit“, die in der Zeitschrift „Weimarer Beiträge“ dokumentiert

wurde. Das zeigt, dass dieser offiziell bestrittene Komplex „Literatur als Zeitungsersatz“

sowohl Schriftstellern, deren Selbstverständnis darunter litt, wie Germanisten und

Literaturstudenten durchaus bekannt war.


Es waren vor allem zwei Prosatexte, die die Grenzen des vom Staat gesetzten Rahmens

zwischen noch geduldeter und schon verbotener Literatur ausloteten: Volker Brauns

„Unvollendete Geschichte“ (1975) und Reiner Kunzes Miniaturen „Die wunderbaren Jahre“

(1976). Volker Brauns Erzählung wurde im Dezemberheft 1975 in der Zeitschrift „Sinn und

Form“ gedruckt, als Wilhelm Girnus Chefredakteur war. Das Heft war heiß begehrt und rasch

vergriffen, die westdeutsche Taschenbuch-Ausgabe wanderte konspirativ durch die Republik,

als Buch gedruckt wurde der aufrührerische Text erst nach dem Mauerfall, als er nur noch

historischen Wert hatte. Diese Erzählung, deren Titel sowohl das unglaubliche Schicksal von

Karin und Frank in Magdeburg meint als auch den DDR-Geschichtsverlauf , der eines Tages

in die klassenlose Gesellschaft einmünden soll, wurde im „Spiegel“ vom 22. Dezember 1979

als „ungewöhnlich kritisches und pessimistisches“ DDR-Bild bezeichnet . Sie spielt in

Funktionärskreisen des Bezirks Magdeburg, wo der Vater der 18jährigen Heldin Karin SED-

Kreissekretär ist. Er fordert seine Tochter am 23. Dezember eines ungenannten Jahres

ultimativ auf, sich von ihrem Freund Frank zu trennen, der vorbestraft und jetzt auch noch in

eine dunkle Sache verwickelt sei. Karin kündigt telefonisch das Liebesverhältnis auf,

verbringt ein unruhiges Weihnachtsfest und fährt am 2. Januar nach Magdeburg, um ein

Volontariat in der SED-Bezirkszeitung „Volksstimme“ anzutreten. Sie trifft sich heimlich mit

Frank, von dem sie ein Kind erwartet und der ihr erzählt, er würde vermutlich von der

„Staatssicherheit“ überwacht, weil er mit einem Freund korrespondiere, der über die

„Staatsgrenze West“ geflohen sei und ihm von einem sicheren Fluchtweg geschrieben habe.

Der Autor, der geschickt mit dem Spannungsverhältnis zwischen der „Volksstimme“, die nur

gefilterte Realität bietet, und des realen Volkes Stimme arbeitet, zeigt in überzeugender

Weise, wie Karins sozialistisches Weltbild nach und nach zerbröckelt. Nachdem sie ihrem

Parteisekretär Franks Liebesbriefe ausgehändigt hat, wird sie mit Berufsverbot bestraft und

zur „Bewährung in die Produktion“ geschickt, während Frank einen Selbstmordversuch

unternimmt.

Selbstheilungsversuche vs. Beobachtungen über Mangel, Entwürdigungen und

Demütigungen

Volker Braun freilich war überzeugter Kommunist und glaubte an die Selbstheilung der

DDR-Gesellschaft, während Reiner Kunze diese Grenze längst überschritten hatte. Er bietet

keine fiktiven Texte, sondern verdichtete Beobachtungen über Entwürdigungen und

Demütigungen einfacher Menschen, oft nur in wenigen Zeilen wie der Fluchtgeschichte

„Schießbefehl“, die den Staat insgesamt in Frage stellte. Das hatte zur Folge, dass der Autor


von Greiz, wo er wohnte, nach Ostberlin ins höchste Parteigremium einbestellt und bedroht

wurde („Das überleben Sie nicht!“), ein halbes Jahr später wurde er ausgebürgert.

Auch Reiner Kunze war in seiner Jugend Kommunist gewesen und dann „Renegat“

geworden. Ähnlich verlief die Entwicklung auch bei Kurt Bartsch, der aus einer

altkommunistischen Familie stammte und wegen seines 1979 in Hamburg erschienen Buches

„Kaderakte“ ausgebürgert wurde. Er hatte in seinen Kurzerzählungen einen Tatbestand

aufgegriffen, der streng tabuisiert war: die von DDR-Frauen gegen Westgeld betriebene

Prostitution. Und selbst der Dramatiker Peter Hacks, der 1955 als Kommunist von München

nach Ostberlin übergesiedelt war, konnte sich die „klassenlose Gesellschaft“ nur durch den

Umsturz gegenwärtiger Verhältnisse vorstellen, wenn er in seinem schließlich verbotenen

Stück „Die Sorgen und die Macht“ (1962) schreibt: „Kollegen, Kommunismus, wenn Ihr

Euch den vorstellen wollt, dann richtet Eure Augen auf das, was jetzt ist, und nehmt das

Gegenteil; denn wenig ähnlich ist dem Ziel der Weg. Nehmt so viel Freuden, wie Ihr Sorgen

kennt, nehmt so viel Überfluss, wie Mangel ist und malt Euch also mit den grauen Tinten der

Gegenwart der Zukunft buntes Bild.“

Die spannungsreiche und diskussionswürdige DDR-Literatur wurde nach dem Mauerbau

ohnehin in Westdeutschland veröffentlicht, wobei Christa Wolfs unkonventioneller und stark

pessimistischer Roman „Nachdenken über Christa T.“ (1968/69) in derart niedriger Auflage

erschien, dass er die Öffentlichkeit kaum erreichte und zudem sofort von

Literaturfunktionären wegen angeblicher Verzerrung der DDR-Wirklichkeit niedergemacht

wurde. Das gleiche Verdikt traf Jurek Beckers Lehrerroman „Schlaflose Tage“ (1978) und

Monika Marons Umweltverschmutzungsroman „Flugasche“ (1981), die beide nach jenem

Stichdatum 17. November 1976, als Erich Mielkes „Ministerium für Staatssicherheit“ die

DDR-Literaturpolitik übernommen hatte, nur in Westverlagen erschienen. Zu den verbotenen

Büchern zählte auch der Bericht Joachim Seyppels „Ich bin ein kaputter Typ“ (1982). Der

Westberliner Autor wurde 1973 DDR-Bürger und reiste sechs Jahre später, vom SED-Staat

bitter enttäuscht, nach München aus. Von dort fuhr er heimlich mit seinem noch gültigen

DDR-Pass nach Leipzig, um nach gedruckten, aber nie veröffentlichen Büchern zu fahnden.

Im Schweinestall eines LPG-Bauern im Leipziger Umland fand er Hunderte von verbotenen

Büchern, darunter auch seine eigenen, die dort von der Kulturbürokratie eingelagert worden

waren. Nichts wirft ein dunkleres Licht auf die Behandlung von Schriftstellern, wenn sie nicht

im Zuchthaus saßen wie Erich Loest und Jürgen Fuchs, als dieser Vorgang!


Offizielle DDR-Literatur als literarischer Ausdruck einer sozialistischen

Gesellschaftsordnung

So ergibt sich abschließend ein höchst widersprüchliches Bild: Die offizielle DDR-Literatur

hielt nicht, was sie versprach, nämlich literarischer Ausdruck einer sozialistischen

Gesellschaftsordnung zu sein, die es schließlich bis 1989 nirgendwo zwischen Rennsteig und

Rostock gegeben hatte; die inoffizielle DDR-Literatur im westdeutschen Exil durfte ihre

Leser nicht erreichen oder erst dann, als das düstere Kapitel DDR von der Geschichte

abgeschlossen war. Schönstes Beispiel eines zu spät gekommenen Buches ist Werner

Bräunigs nachgelassener Roman „Rummelplatz“ (2007), der uns vorführt, was DDR-Literatur

hätte sein können, jenseits aller Verheißungen.

Was diese Literatur hätte leisten können, hat Günter Kunert, damals schon ausgereist, in

seinem Essay „Die Schreie der Fledermäuse“ (1979) beschrieben. Fledermäuse stoßen zur

Orientierung Schreie aus, die der Mensch nicht hört. Hierin sind sich Fledermäuse und

Schriftsteller ähnlich: „Nimmt man ihnen die Stimme, finden sie keinen Weg mehr; überall

anstoßend und gegen Wände fahrend fallen sie tot zu Boden. Ohne sie nimmt, was sonst sie

vertilgen, überhand und großen Aufschwung: das Ungeziefer.“

Jörg B. Bilke | Germanist | Coburg

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