War die DDR eine Republik - Geschichtswerkstatt Jena eV

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War die DDR eine Republik - Geschichtswerkstatt Jena eV

Vortrag Geschichtswerkstatt Jena - War die DDR eine Republik der Gartenzwerge?

Von Dr. Peter Wurschi

War die DDR eine Republik der Gartenzwerge? Mit diesem wenn gleich etwas kühnen

Metapher möchte ich den Rahmen meines Vortrages zu den Jugendlichen Subkulturen in

Thüringen abstecken.

Gartenzwerge sind sauber, sie stehen für einen gepflegten und umzäunten Vorgarten, sind

nicht unmoralisch und reisen vor allem nicht! Sie sehen adrett aus und ihr Besitzer kann stolz

auf sie sein. Die Darbietungen, welche die Staatsmacht bei den alljährlichen Umzügen zu

ihren Ehren von der parteieigenen Jugendorganisation geboten bekam, unterstützen dieses

Bild. Da zogen tausende Jugendliche im frisch gebügelten Blauhemd mit Fackeln und Fahnen

an den Herrschenden vorbei, stählten ihren Körper bei den Spartakiaden und maßen ihren

Geist bei den Wissensolympiaden.

Frohgemut und siegesgewiss sollten die „Hausherren von Morgen“ – so ein Schlagwort aus

den 1960er Jahren - der Zukunft entgegen gehen. Nur leider wollten nicht alle Jugendliche in

den vorgegebenen Bahnen mitmarschieren: Einige der Gartenzwerge machten sich schmutzig,

ließen sich lange Haare wachsen, schnallten die Gitarre um und machten sich auf die Reise.

Was innerhalb der Garten(zwerg)kolonie noch als divergierende Meinung eines generativen

Konfliktes oder kulturelles Aufbegehren der einen gegenüber den anderen bzw. als

Herauskehren der eigenen Individualität verstanden werden konnte, musste bei dem Besitzer

der Gartenzwerge auf Unverständnis, Irritation und Unbehagen stoßen.

... Denn sie passten eben nicht in das sorgsam gepflegte und immer wieder neu inszenierte

Bild einer sozialistischen Jugend. Ein guter sozialistischer Jugendlicher, musste sauber, adrett,

lernwillig und dem Sozialismus zugetan sein. Und in der Tat, vermeintlich waren es auch die

meisten Heranwachsenden. Oder besser gesagt, die meisten Jugendlichen (und auch

Erwachsenen) konnten sehr gut zwischen privater Meinung und öffentlicher Aussage trennen.

Diejenigen, die dieses letztlich verlogene Spiel nicht mitmachen wollten, waren eben jene

jugendlichen Subkulturen über deren Protagonisten heute zu reden ist. Eines sei dazu jedoch

im Vorhinein schon festgestellt: Sie stellten stets eine absolute Minderheit in der Gesellschaft

dar.

Doch möchte ich heute Abend weniger über die Subkulturen in der DDR selbst, eben über ihr

konkretes Auftreten bzw. ihr Aussehen berichten - darüber kann im Anschluss gerne noch

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diskutieret werden - sondern vielmehr einer Frage nachgehen, die meines Erachtens die

Bedeutung der alternativen Jugendkulturen in der DDR offenbart: Aus welchen Gründen

reagierte die Staatsmacht mit derartig enormer Vehemenz auf die marginale Anzahl von

Jugendlichen die in ihrem Aussehen und Verhalten den staatlich gesetzten Normen nicht

entsprachen: Sprich, auf die Protagonisten der Subkulturen?

Um die Entwicklung der Jugendkultur in der DDR zu verstehen, ist es wesentlich die vier

Jahrzehnte der Existenz der Deutschen Demokratischen Republik nicht außen vor zu lassen.

Die DDR war Anfang der 1960er Jahre z.B. eine andere, als sie sich Mitte der 1980er Jahre

darstellte. Vereinfacht möchte ich hier feststellen, dass die Bevölkerung in den Jahrzehnten

des Bestehens einen Prozess durchlief, der als zunehmende Gewinnung von individuellen

Handlungsspielräumen gegenüber dem zentralistisch verfassten Staat angesehen werden kann.

Ganz einfach gesagt: Es war ein Weg vom kollektivistischen Wir zum individualistischen Ich.

Den Subkulturen in der DDR kam dabei die Rolle zu, dass sie eher als andere und auffälliger

als die meisten, diese Handlungsspielräume weiteten und den öffentlichen Raum für sich

beanspruchten.

Dabei entwickelten sich Jugendkulturen - etwas gerafft dargestellt - innerhalb der begrenzten

DDR-Gesellschaft folgendermaßen:

In den 1950er und 1960er Jahren entstanden auch im Osten Deutschlands die ersten

alternativen Lebensentwürfe. Es war eben auch den dort lebenden Jugendlichen nicht

gleichgültig als Elvis Presley 1958 die Landungsbrücken in Bremerhaven hinunter stieg. Zu

gleicher Zeit entwickelte sich eine Jugend- und Kulturszene die sich gegenüber den

althergebrachten Handlungsmustern auflehnte und immer wieder westliche Trends adaptierte.

Denn zur Rock- und später Beatmusik wurde in der DDR genauso gerne getanzt wie in

Westeuropa. Beatgruppen wie die Sputniks, die Butlers oder eben die The Polars füllten die

Säle und erste Langspielplatten wurden veröffentlicht. Bis zum Dezember 1965 als auf dem

11. Plenum des ZK der SED die Partei in ihrer Kulturpolitik rigide umsteuerte und viele

Gruppen, Filme und Theaterstücke mit Verboten belegte. Legendär wurde dabei der

Redebeitrag Walter Ulbrichts, der auf diesem Plenum verbal gegen den Beat aufrüstete:

„Ich bin der Meinung, Genossen, mit der Monotonie des yeah, yeah, yeah und wie das alles

heißt, sollte man doch Schluss machen, (…) Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der

vom Westen kommt, kopieren müssen? (…) Mich interessiert die Hauptfrage: Wem nützt

was? (…) Nützt das der Verseuchung der Bevölkerung oder der Jugend, oder nützt das

sozialistischer Entwicklung? Das ist die einfache Frage.“

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Diese „einfache Frage“ beantwortete die SED ebenso schlicht wie schnell. Schon im Vorfeld

wurden in den Zeitungen „Gammler“ und Beatniks diffamiert. Die Musik der Rolling Stones

wurde in Zeitungsartikeln mit den verheerenden Wirkungen der Atomkraft verglichen und die

für die Jugendpolitik Verantwortlichen in der DDR, versuchten durch Gitarrenwettbewerbe

oder den neu entwickelten „Lipsi-Schritt“ die Interessen der Jugendlichen im Sozialismus

einzufangen. Doch der Eigensinn einiger Jugendlicher, musikalisch und stilistisch eigene

Wege zu gehen, lief dem zunehmenden Kontrollbestreben der SED zuwider. So

versammelten sich am 31. Oktober 1965 über fünfhundert Beat-Anhänger in Leipzig zu einer

friedlichen Demonstration gegen die sich verstärkenden Verbote von Gruppen. Viele der

Teilnehmenden wurden an diesem Tag verhaftet, ihre Haare wurden geschnitten und einige

von ihnen landeten im nahen Tagebau, wo sie bei Zwangsarbeit über ihr Verhalten

nachdenken sollten.

Doch einige Jugendlichen ließen sich davon auf Dauer nicht einschüchtern. Auf leisen

Gummisohlen, mit wallendem Haar, zum Teil politisch irritiert von der Ereignissen, die aus

dem Westen und Osten im Jahre 1968 auf sie einschwappten, kulturell geprägt von den

Hippies, Woodstock und der Bluesmusik machten sich in den folgenden Jahren die

sogenannten Blueser und Tramper auf dem Weg. Auf ihre Art waren die Blueser wahre

Kinder der DDR. Sie waren zumeist bereits in der DDR geboren, die Fluchtmöglichkeiten

waren nach 1961 massiv eingeschränkt und ihre Art des Protestes trug zum Teil die

resignativen Züge einer inneren Emigration. Aber zugleich wollten sie ihr Leben leben, ihre

Musik hören und sich nicht in die auferlegten Beschränkungen der Gesellschaft eingliedern.

Schwerpunkt dieser Szene war der südliche Raum der DDR. Man fuhr den Bands hinterher,

feierte in zumeist privaten Kneipen ihre musikalischen Darbietungen und das Trampen und

Umherreisen am Wochenende wurde sinnstiftender Konsens dieser Szene. Mit dieser

Mobilität brachten die Tramper immer wieder die Staatsorgane vor erhebliche Probleme und

förderten damit zugleich die Vernetzung untereinander. Die Ausbürgerung Biermanns 1976

und die sich abzeichnende Verschärfung der kulturellen Lebensumstände ab Mitte der 1970er

Jahre verstärkte dabei die Kommunikation der Jugendlichen untereinander. Und auch der

generell stattfindende Werte- und Mentalitätswandel der die Jugendlichen in der DDR ab

Mitte der 1970er Jahre erfasste, ging nicht spurlos an ihnen vorüber. Nicht mehr das

Arrangement mit den Gegebenheiten der DDR stand im Vordergrund des alltäglichen Lebens,

sondern - so bald sich die Gelegenheit dazu bot - der konsequente Rückzug aus der

öffentlichen Sphäre. Auf diese Individualisierungsprozesse reagierte die Staatsmacht mit

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einem verfeinerten Repressions- und Überwachungsapparat. Es wurden sogenannte

„Tramper-Karteien“ angelegt und die Vorfeldaufklärung unter dem Kürzel „Wer ist Wer?“

wurde seitens des MfS verstärkt. Die Lage der subkulturellen Szene verschlechterte sich

aufgrund dessen wieder.

So erlitt bereits im Juli 1976 die Blueser- und Rockerszene einen schweren Rückschlag. Bei

der 1000-Jahr-Feier der Stadt Altenburg trafen sich dort ca. 2500 „Gammler“ und

Jugendliche, die durch ihr Auftreten schon alleine ein Affront für das schöne sozialistische

Fest waren. Die Staatsgewalt wusste sich nur mit einem rigorosen Einschreiten zu helfen. Der

Mobilität der subkulturellen Jugendlichen nahm dieses Ereignis jedoch nicht die Energie.

Alljährlich kam es im Sommer zu größeren Zusammentreffen auf Pressefesten, Volksfesten

oder eben Stadtfesten und im Winter traf man sich in Wasungen!

Ende der 1970er Jahre formierten sich auch unter dem Dach der evangelischen Kirche erste

Gruppen, die z.B. der Einführung des sogenannten „Wehrkundeunterrichtes“ kritisch

gegenüber standen. Hatte die Kirche bereits in den 1950er und 1960er Jahren den

zivilgesellschaftlichen Raum ausgefüllt, der noch vorhanden war, bot sie nun gerade den

Jugendlichen, die mit den Ritualen und Inszenierungen der Staatsmacht nichts mehr anfangen

konnten, einen Raum für Diskussionen und Aktivitäten. In diesen Gruppen konnten sie sich

kritisch mit dem System und der Gesellschaft auseinandersetzen, ohne gleich vollkommen aus

ihr auszusteigen.

Doch dabei behielten viele Subkulturen ihren „DDR- typischen Touch“, wobei die

auffälligsten unter ihnen wieder mehr westlich geprägt waren. Punks, Skinheads und Gruftis

traten immer offensiver und offensichtlicher in den DDR-Alltag ein.

Die Punks, die ab Anfang der 1980er Jahre immer wieder die Straßenszene belebten, waren

wohl die auffälligste Subkultur in der DDR. Und doch blieben auch sie „Punks in ihrer

Gesellschaft“. Am deutlichsten konnte man das daran sehen, dass Punks in gesellschaftlichen

Diskussionen - wie es der Soziologe Manfred Stock ausdrückt - „(…) ihre dominante Null-

Bock-Haltung noch ideologisch unterlegen mussten, ehe sie praktiziert wurde.“

Das politische Wesen der DDR, in dem Jede und Jeder einen Klassenstandpunkt zu beziehen

hatte, erforderte dies.

Skinheads traten erstmals nach dem Vorfall in der Berliner Zionskirche 1987 offiziell in das

DDR-Bewusstsein. Jedoch hatten schon Mitte der 1980er einige Jugendliche die

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Zeichensprache der Skins aus England übernommen. 1987 begann ein breiter Zustrom aus der

Punk- und New Romantic-Szene, die Skinhead-Szene zu verstärken. Gerade in den Zeiten der

Herausbildung dieser neuen Gruppen waren die Grenzen jedoch fließend. Ihr Feindbild - und

das vereinte letztlich alle - war das System im Allgemeinen und hier im Besonderen das der

DDR.

Doch was verband all die gerade kurz skizzierten Jugendkulturen der Halbstarken, Beatfans,

Blueser Punker, Popper etc? Was zeichnet sie in der Gesellschaft der DDR aus?

Ein wesentliches Element der DDR-Jugendkulturen war, dass ihr Auftreten stets von

Seiten des Staates politisch dekodiert wurde. Sie wurden in das ideologisch

vorgegebene Bild von sozialistisch versus antisozialistisch eingepasst. Der daraus

entstehende Balanceakt zwischen dem Auftreten als Person im öffentlichen Raum und

dem eigentlich Gedachten bzw. Empfundenen konnten die nonkonformen Jugendlichen

letztlich nur dadurch entgehen, indem sich die in die „private Sphäre“ zurückzogen.

Dieser Rückzug schien ihnen als Möglichkeit, sich zum einen

- der Verregelung ihres Tagesablaufes und einer verplanten Zukunft zu entziehen,

- wie zum zweiten, der inflationären Politisierung des Alltags zu entkommen.

Die zumeist gefundene Antwort der nonkonformen Jugendlichen war der freiwillig gewählte

Rückzug. Es ist exemplarisch, dass die Kluft zwischen der Selbstbeschreibung der

subkulturellen Protagonisten und dem, was der Staat in ihnen sah, nicht hätte größer sein

können. Individualismus und Fremdbestimmung – in dieser Spannbreite ist das Konflikt- und

Handlungspotential der ostdeutschen Jugendlichen gegenüber ihrem Staat zu verorten. Dabei

boten sich ihnen zwei in der Einheitsgesellschaft der DDR fest verankerte Reizthemen, die sie

immer wieder zur Provokation nutzen konnten. Zum einen, die

- sich über Arbeit definierende Hegemonialkultur,

- und zum anderen, der für die SED legitimatorisch wesentliche Antifaschismus.

Beides bot, alleine schon durch Verweigerung, provokative Ansatzpunkte, die von den

Jugendlichen dann auch genutzt wurden. Weiterhin spielte westliche (Pop)Musik bei der

Strukturierung der Subkulturen eine herausgehobene Rolle. Über Musik wird auf

ursprüngliche Weise Emotion transportiert. Sie braucht keine Interpretation, erfordert

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vordergründig keine intellektuelle Leistung, sondern spricht direkt das Gefühl an. Ein von mir

interviewter Punker berichtet davon, wie es ihm erging, als er das erste Mal auf selbst

kopierten Kassetten Punk hörte. Er war begeistert:

„(…) vor allem von den englischen Sachen. Es ging um die Musik und um nichts anderes. Ich

wollte auch diese Musik machen. (…) Ich wollte diese Musik machen, bevor ich überhaupt

einen Begriff von dieser Musik hatte. Ich dachte, die Musik könnte ich immer spielen.“

Um es noch einmal zusammen zu fassen:

- die alternativen Jugendkulturen entstanden in der DDR genauso wie in der westlichen

Hemisphäre, wenn auch zeitlich leicht verzögert und je provinzieller die Gegend war,

um so später kamen die Jugendkulturen dort an.

- Zumeist gespeist aus einem Lebensgefühl, welches viel mit dem Hören von Musik zu

tun hatte, jedoch nicht ausschließlich auf den Genuss der westlichen Musik

zurückzuführen war, fanden sich Jugendliche mit Gleichaltrigen und Gleichgesinnten

zusammen, um ihrer Leidenschaft zu frönen.

- Ausgegrenzt und kriminalisiert von der Mainstreamgesellschaft und den staatlichen

Organen fanden alternative Jugendliche im kleinen Rahmen ihrer Subkultur

Ausdrucksmittel ihrer eigenen Lebensvorstellungen.

- Dabei konnten sie wiederum leicht die „Anderen“ provozieren

o Durch modisches Auftreten

o Die Verneinung von Arbeit

o Dem Hören von Westmusik

o Der Verneinung des Antifaschismus

- Durch die gesellschaftliche Konstruktion des DDR Staates wurde der

Generationskonflikt auf eine politische Ebene verschoben und „Vater Staat“ fühlte

sich bemüßigt erzieherisch auf die Jugendlichen einzuwirken. Und um es klar zu

sagen, in seiner nationalen und konservativen Grundausrichtung auf kulturellem

Gebiet wurde der SED-Staat von einem Großteil der Bevölkerung unterstützt. Viele

Bürger waren froh, dass Polizei und andere Sicherheitskräfte rigoros gegen alternative

Jugendliche durchgriffen.

Der SED-Staat tat sich in der Tat schwer mit Jugendlichem die dem Bild des sozialistischen

Menschen nicht entsprechen wollten. Denn in der Ideologie der Herrschenden konnte alles,

was aus dem Kanon der sozialistischen Befindlichkeiten heraus brach, nur vom

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„imperialistischen Feind“ - namentlich USA und BRD - in die heile Welt der DDR

konspirativ eingebracht worden sein.

Trotz aller Unterschiede in Weltanschauung, Stil und Musikgeschmack einte die alternativen

Jugendlichen in der DDR die Sehnsucht nach Freiheit oder zumindest der Wille zum

Ausbruch. Dieser Ausbruch konnte verschieden aussehen. Er konnte mit dem Verlust lieb

gewonnener Strukturen, mit Abschied von alten Ängsten oder dem Aufbruch zu neuen Ufern

einhergehen. Der Ausbruch konnte in der Kirche, an der Bushaltestelle oder als Teil einer

Peergroup gelebt werden. Entscheidend war meines Erachtens die Sehnsucht nach ihm, denn

alleine diese innere Sehnsucht nach einem diffusem mehr, untergrub auf Dauer die

sozialistische Zukunftsgewissheit der SED.

Im Rückblick auf die DDR und ihre jugendkulturellen Konflikte ist sehr gut der

dynamisierende Faktor, der von Jugendkulturen und an deren Spitze von den alternativen

Jugendkulturen ausgeht, zu erkennen. Der Eigensinn Jugendlicher, ihre Spürnase für neue

Trends und das Auflehnen gegen als überaltert empfundene Strukturen, lassen sie immer

wieder zu einer Gefahr für totalitäre Systeme werden. Trotz aller staatlichen Sanktionsgewalt

schaffte es die SED nicht, das Individualisierungs- und Differenzierungsbestreben der

Gesellschaft aufzuhalten. Und damit ist auch die anfangs gestellte Frage, warum die

Sicherheitsorgane der DDR so vehement gegen einzelne alternative Protagonisten vorgingen,

zu beantworten: Wenn es eine Gesellschaft nicht vermag, jugendliche Innovationen und den

Veränderungswillen der Menschen in ihre Entwicklung zu integrieren, und wenn politische

Systeme versuchen, die Emanzipation der Gesellschaft aufzuhalten, dann kennzeichnen

Subkulturen und alternative Jugendkulturen Sollbruchstelle eines solchen Systems. Diese

Kraft der Jugend kann dabei nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Und so behält auch der Satz von Karl Liebknecht, der ironischerweise immer wieder in Zeiten

des Kalten Krieges in der ideologischen Systemauseinandersetzung von Seiten der

Kommunisten benutzt wurde, um auf die bessere Zukunft in ihrem Machtbereich

hinzuweisen, über diese Zeit hinaus seine prophetische Gültigkeit: „Die Jugend ist die reinste

Flamme der Revolution!

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