Entwicklungspsychologie - *ISBN 978-3-8689 ... - Pearson Studium

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Entwicklungspsychologie - *ISBN 978-3-8689 ... - Pearson Studium

Pränatale Entwicklung,

die Geburt und das Neugeborene

3.1 Pränatale Entwicklung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102

Die Empfängnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102

Das Stadium der befruchteten Eizelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103

Embryonalstadium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106

Fetalstadium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107

3.2 Pränatale Umwelteinflüsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109

Teratogene: Missbildungen hervorrufende Stoffe (Teratogene) . . . . . . 109

Ausblick auf die Lebensspanne: Pränatale Umwelt und spätere Gesundheit . . . 112

Andere durch die Mutter wirkende Faktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119

Die Wichtigkeit pränataler Gesundheitsvorsorge . . . . . . . . . . . . . . . . . 122

3.3 Die Geburt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124

Die Phasen der Geburt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124

Die Anpassung des Kindes an die Wehen und die Geburt . . . . . . . . . . 124

Das Aussehen des Neugeborenen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124

Beurteilung der körperlichen Verfassung des Neugeborenen

mithilfe der Apgar-Skala. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125

3.4 Umgang mit der Geburt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126

Die natürliche Geburt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126

Die Hausgeburt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127

3.5 Medizinische Interventionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128

Das Überwachen des Fetus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129

Medikamente während der Wehen und der Entbindung . . . . . . . . . . . 129

Der Kaiserschnitt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129

3.6 Frühgeburten und Säuglinge mit niedrigem Geburtsgewicht . . . 130

Frühgeburt versus Unterentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131

Konsequenzen für die elterliche Fürsorge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131

Interventionen bei Frühgeburten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132

Soziale Aspekte: Ein Überblick über Gesundheitsfürsorge und andere politische

Maßnahmen für Eltern und Neugeborene in verschiedenen Ländern . . . 134

3.7 Geburtskomplikationen, Elternschaft und Resilienz . . . . . . . . . 136

3.8 Die Fähigkeiten eines Neugeborenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137

Die Reflexe eines Neugeborenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137

Spontane Motorik und Haltungsbewegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139

Zustände des Neugeborenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139

Biologie & Umwelt: Plötzlicher Kindstod, eine mysteriöse Tragödie . . . . . . . 142

Sensorische Fähigkeiten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144

Die Erfassung des Verhaltens Neugeborener . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146

3.9 Anpassung an die neue Familienstruktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148

ÜBERBLICK

3


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

102

Als Dana und Jörg vor einigen Jahren in eine Vorlesung

über die Entwicklung des Kindes gingen, war

Dana im zweiten Monat schwanger. Nachdem sie sich

monatelang gefragt hatten, ob dies die richtige Zeit in

ihrem Leben für ein Kind sei, hatten sie sich schließlich

dazu entschlossen. Beide fragten endlos: „Wie

wächst das Baby vor der Geburt? Wann bildet sich jedes

Organ? Hat sein Herz schon angefangen zu schlagen?

Kann es hören, fühlen und unsere Gegenwart

spüren?“

Vor allem aber wollten Dana und Jörg alles tun, um

sicherzustellen, dass ihr Baby gesund zur Welt kommen

würde. Zuerst glaubten sie, dass die Gebärmutter

den sich entwickelnden Organismus von allen Gefahren

aus der Umwelt abschirmen würde. Sie dachten,

dass alle Babys, die mit Problemen geboren wurden,

ungünstige Gene hätten. Nachdem sie etliche Bücher

über Schwangerschaft gelesen hatten, erkannten Dana

und Jörg, dass ihre Ansicht falsch war. Dana machte

sich über ihre Ernährung Gedanken und ob sie ihre

täglichen Aerobic-Übungen fortsetzen sollte. Sie fragte

im Seminar, ob ein Aspirin gegen Kopfschmerzen,

ein Glas Wein zum Abendessen oder einige Tassen

Kaffee während der Stunden, in denen sie lernte,

schädlich sein könnten.

In diesem Kapitel beantworten wir die Fragen von

Dana und Jörg sowie viele weitere, die sich Wissenschaftler

über die Vorgänge vor der Geburt gestellt haben.

Zunächst lernen wir die pränatale Entwicklung

kennen, indem sowohl auf entwicklungsfördernde

Umwelteinfl üsse für ein gesundes Wachstum als auch

auf entwicklungsschädliche Einfl üsse, die die Gesundheit

und das Überleben des Kindes bedrohen,

eingegangen wird. Danach wenden wir uns den Vorgängen

während der Geburt zu. Heute haben Frauen

in den Industrieländern viel mehr Möglichkeiten als

je zuvor, zu entscheiden, wo und wie sie gebären

möchten, und moderne Krankenhäuser bemühen sich

oft sehr, die Geburt zu einem bewegenden, familienorientierten

Ereignis werden zu lassen.

Pränatale Entwicklung 3.1

Das Spermium und die Eizelle, die sich vereinen, um

den neuen Menschen zu bilden, sind hervorragend für

die Aufgabe der Fortpfl anzung geeignet. Die Eizelle ist

eine winzige Kugel mit einem Durchmesser von 0,15

mm – ein Pünktchen, das kaum so groß ist wie der

Punkt am Ende dieses Satzes. Aber in ihrer mikroskopischen

Welt ist sie ein Riese – die größte Zelle im

menschlichen Körper. Die Größe der Eizelle macht sie

Die Aufmerksamkeit der Eltern Dana und Jörg für

die Bedürfnisse ihres Sohnes Jonas während der

Schwangerschaft erwies sich für ihn als sehr günstig.

Er war bei der Geburt kräftig, munter und gesund.

Aber der Geburtsvorgang verläuft nicht immer glatt.

Das Für und Wider medizinischer Interventionen wie

schmerzlindernde Medikamente und chirurgische

Entbindungen, die dazu geschaffen wurden, eine

schwierige Geburt zu erleichtern und die Gesundheit

von Mutter und Kind zu schützen, werden vorgestellt.

Unsere Diskussion wird auch auf die Entwicklung von

Säuglingen eingehen, die mit Untergewicht oder zu

früh, vor Vollendung der pränatalen Periode, geboren

werden. Wir schließen ab mit einer Betrachtung der

bemerkenswerten Fähigkeiten Neugeborener.

zu einem perfekten Ziel für das viel kleinere Spermium,

das nur etwa 0,05 mm misst.

3.1.1 Die Empfängnis

Ungefähr einmal alle 28 Tage, in der Mitte des Menstruationszyklus

der Frau, erscheint aus einem ihrer

Eierstöcke , zwei walnussgroßen Organen tief im Inneren

ihres Unterleibs, eine Eizelle und wird in eine ih-


1 2

Zygote

Fallopische Röhre (Eileiter)

Blastozyste

Eisprung

Eierstock

1

Zygote

Befruchtung

Die Zygote bewegt sich

den Eileiter entlang,

währenddessen teilt sie

sich zunächst langsam,

dann schneller.

reifende

Eier

3

Implantation

reifes Ei

Gebärmutter

Muttermund

rer zwei Eileiter – langen, dünnen röhrenförmigen

Gebilden, die in die hohle, weich gefütterte Gebärmutter

führen, geleitet (siehe Abbildung 3.1). Während die

Eizelle unterwegs ist, bringt der Punkt auf dem Eierstock,

von dem die Eizelle freigelassen wurde, Gelbkörper

genannt, ein Hormon hervor, das die Wand der

Gebärmutter darauf vorbereitet, eine befruchtete Eizelle

aufzunehmen. Wenn keine Schwangerschaft eintritt,

schrumpft der Gelbkörper zusammen und die

Auskleidung des Uterus wird zwei Wochen später bei

der Menstruation ausgeschieden.

Der Mann produziert Spermien in riesigen Mengen

– durchschnittlich 300 Millionen pro Tag – in den

Hoden , zwei Drüsen, die sich im Hodensack befi nden,

der gleich hinter dem Penis liegt. Im letzten Teil des

Reifungsprozesses entwickelt jedes Spermium einen

Fortsatz, der es ihm ermöglicht, lange Strecken zu

schwimmen, den weiblichen Fortpfl anzungstrakt hinauf,

durch den Gebärmutterhals (Öffnung der Gebärmutter)

in den Eileiter , wo die Befruchtung stattfi ndet.

Die Reise ist schwierig und viele Spermien sterben ab.

Nur 300 bis 500 erreichen die Eizelle, wenn sie denn

vorhanden ist. Sperma bleibt bis zu sechs Tage am Leben

und kann damit auf die Eizelle warten, die nach

ihrer Entlassung in den Eileiter nur einen Tag überlebt.

In den meisten Fällen fi ndet die Empfängnis

durch einen Geschlechtsverkehr innerhalb eines Zeitraums

von drei Tagen statt – am Tag des Eisprungs

2

Blastozyste

Keimscheibe

Trophoblast

Gebärmutterwand

Vagina

Am 4. Tag formt sie einen hohlen mit

Flüssigkeit gefüllten Ball, der Blastozyste

genannt wird. Die inneren Zellen, als

Keimscheibe bezeichnet, werden zum

neuen Organismus. Die äußeren Zellen,

als Trophoblast bezeichnet, werden zur

Schutzhülle.

3

Implantation

Am Ende der ersten Woche

beginnt die Blastozyste, sich

im Uterus festzusetzen.

oder an einem der zwei vorhergehenden Tage (Wilcox,

Weinberg & Baird, 1995).

Nach der Vereinigung von Ei- und Spermazelle beginnt

sich die pränatale Entwicklung zu entfalten. Die

gewaltigen Veränderungen, die während der 38 Wochen

der Schwangerschaft stattfi nden, teilen sich in

der Regel in drei Phasen auf: (1) die der befruchteten

Eizelle, (2) die des Embryos und (3) die des Fetus. Tabelle

3.1 fasst die wichtigsten Veränderungen in der

pränatalen Entwicklung in jedem der drei Stadien zusammen.

3.1.2 Das Stadium der

befruchteten Eizelle

3.1 Pränatale Entwicklung

Abbildung 3.1: Die weiblichen Fortpflanzungsorgane. Die Abbildung zeigt die Befruchtung, frühe Zellteilung und Einnistung der Eizelle (aus

K. L. Moore und T. V. N. Persaud, Before We Are Born, 6. Ausgabe, S. 87 ).

Das Stadium der befruchteten Zelle, der Zygote , dauert

von der Befruchtung an etwa zwei Wochen, bis die

winzige Zellmasse den Eileiter hinuntertreibt und ihn

dann verlässt, um sich in der Gebärmutterwand festzusetzen.

Die erste Zellteilung der befruchteten Eizelle

ist lang und ausgedehnt; sie ist erst 30 Stunden nach

der Empfängnis abgeschlossen. Allmählich werden

immer schneller neue Zellen hinzugefügt. Um den

vierten Tag herum existieren 60 bis 70 Zellen, die eine

hohle, mit Flüssigkeit gefüllte Kugel bilden, Blastozyste

genannt (siehe wieder Abbildung 3.1). Die Zellen

auf der Innenseite, der Keimscheibe , werden der

103


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

104

Auf diesem durch ein leistungsfähiges Mikroskop aufgenommenen Foto haben die Spermien ihre Reise durch das weibliche Fortpflanzungssystem

beendet und beginnen, in die Oberfläche der riesig wirkenden Eizelle, der größten Zelle im menschlichen Körper, einzudringen. Wenn ein

Spermium die Eizelle erfolgreich befruchtet hat, beginnt die entstandene Zygote, sich zu teilen.

neue Organismus sein; der äußere Zellenring, Trophoblast

genannt, wird zu den Strukturen, die eine schützende

Hülle bilden und Nährstoffe liefern.

Einnistung

Zwischen dem siebten und neunten Tag nach der Befruchtung

fi ndet die Einnistung (Implantation) statt: Die

Blastozyste gräbt sich tief in die Gebärmutterwand ein.

Umgeben vom nährenden mütterlichen Blut beginnt

sie rasch zu wachsen. Der Trophoblast (die schützende

äußere Schicht) teilt sich am schnellsten. Er formt eine

Membran oder Embryonalhülle, Amnion genannt, die

sich zu einer Höhle, der Amnionhöhle formt. Die Flüssigkeit

in der Amnionhöhle, die amniotische Flüssigkeit

(Fruchtwasser) , umhüllt den sich entwickelnden

Organismus und erhält die Temperatur der pränatalen

Welt konstant; sie bildet ein Kissen gegen alle möglichen

Erschütterungen, die durch Bewegungen der Mutter

verursacht werden. Ein Dottersack formt sich, der

so lange Blutzellen herstellt, bis Leber, Milz und Knochenmark

reif genug sind, diese Aufgabe zu übernehmen

(Moore & Persaud, 2008).

Die Entwicklungen dieser ersten beiden Wochen

sind kritisch und von ungewissem Ausgang. Bis zu 30

Prozent der befruchteten Eizellen überleben diese

Phase nicht. Bei einigen vereinen sich Samen und Eizelle

nicht richtig. Bei anderen fängt die Zellteilung

gar nicht erst an. Durch die Verhinderung der Einnistung

schafft die Natur in solchen Fällen schnell fast

alle pränatalen Anomalien aus dem Weg (Sadler,

2006).

Plazenta und Nabelschnur

Gegen Ende der zweiten Woche bilden Zellen des Trophoblasts

eine weitere schützende Membran – das

Chorion (die Zottenhaut) , die das Amnion umgibt. Aus

dem Chorion wachsen winzige, fi ngerähnliche Zotten-

Stadium der Zygote , der befruchteten Eizelle: siebter bis neunter Tag.

Die befruchtete Eizelle teilt sich rasch und formt einen hohlen Zellball

oder eine Blastozyste um den vierten Tag nach der Befruchtung. Hier

gräbt sich die Blastozyste, tausendfach vergrößert, zwischen dem

siebten und neunten Tag in die Gebärmutterwand ein.


Tabelle 3.1: Die wichtigsten Veränderungen der pränatalen Entwicklung

Trimester Stadium Woche Länge und Gewicht wichtigste Entwicklungen

Erstes befruchtete Eizelle 1 Die einzellige, befruchtete Eizelle teilt sich und

bildet eine Blastozyste.

2 Die Blastozyste gräbt sich in die Gebärmutterwand

ein. Strukturen entstehen, die den sich entwickelnden

Organismus ernähren und schützen – Embryonalhüllen:

Amnion u. Zottenhaut (Chorion),

Nabelbläschen („Dottersack“), Mutterkuchen

(Plazenta) und Nabelschnur.

Embryo 3 bis 4 6 mm Ein primitives Gehirn und Rückenmark erscheinen.

Herz, Muskeln, Rippen, Wirbelsäule und Verdauungstrakt

beginnen sich zu entwickeln.

5 bis 8 2,5 cm; 4 g Viele äußere Körperstrukturen bilden sich (Gesicht,

Arme, Beine, Zehen, Finger) und innere Organe

entstehen. Der Berührungssinn beginnt sich zu

entwickeln und der Embryo kann sich bewegen.

Fetus 9 bis 12 7,6 cm; weniger als 28 g Eine rapide Zunahme der Größe setzt ein. Nervensystem,

Organe und Muskeln werden organisiert

und verbunden und neue Verhaltensfähigkeiten

(Treten, Saugen, Öffnen des Mundes und Versuche

zu atmen) erscheinen. Äußere Genitalien sind im

Ansatz sichtbar und das Geschlecht des Fetus steht

fest.

Zweites 13 bis 24 30 cm; 820 g Der Fetus wächst weiterhin sehr schnell. In der

Mitte dieses Stadiums können Bewegungen des

Fetus von der Mutter gespürt werden. Käse-/

Fruchtschmiere und Flaumhaar bewahren die Haut

des Fetus davor, in der Flüssigkeit der Fruchtblase

rissig zu werden. Die meisten Nerven des Gehirns

sind um die 24. Woche vorhanden. Die Augen sind

lichtempfindlich und der Fetus reagiert auf Laute.

Drittes 25 bis 38 50 cm; 3400 g Der Fetus hat Überlebenschancen, wenn er zu

diesem Zeitpunkt geboren wird. Die Größe nimmt

zu. Die Lunge reift. Die schnelle Entwicklung des

Gehirns führt zur Zunahme von sensorischen und

Verhaltensfertigkeiten. In der Mitte dieser Periode

wird unter der Haut eine neue Fettschicht gebildet.

Von der Mutter werden Antikörper auf den Fetus

übertragen, um ihn vor Krankheit zu schützen.

Die meisten Feten drehen sich in eine aufrechte

Position mit Kopf nach unten zur Vorbereitung der

Geburt.

Quellen: Moore & Persaud, 2008.

3.1 Pränatale Entwicklung

105


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

106

haare oder Blutgefäße hervor. 1 Wenn sich diese Zottenhaare

in die Gebärmutterwand eingraben, beginnt sich

die Plazenta (der Mutterkuchen ) zu entwickeln. Indem

sie das Blut von Mutter und Embryo dicht zusammenführt,

ermöglicht es die Plazenta, den sich entwickelnden

Organismus mit Nährstoffen und Sauerstoff zu

versorgen und Abfallprodukte zu entsorgen. Es bildet

sich eine Membran, die für den Austausch dieser Substanzen

sorgt, aber verhindert, dass das Blut von Mutter

und Embryo sich direkt vermischen.

Die Plazenta ist mit dem sich entwickelnden Organismus

über die Nabelschnur verbunden, die zunächst

wie ein winziger Stängel erscheint und nach und nach

auf eine Länge von 30 bis 90 cm wächst. Die Nabelschnur

enthält eine große Vene, die Blut mit Nahrungsstoffen,

insbesondere Sauerstoff, transportiert, und

zwei Arterien, die Abfallprodukte entfernen. Die Kraft

des Blutstroms, der durch die Nabelschnur fl ießt, hält

diese straff, so dass sie sich selten mit dem Embryo

verheddert. Dieser, gleich einem Astronauten, der im

Weltall spazieren geht, treibt frei in seiner mit Flüssigkeit

gefüllten Kammer (Moore & Persaud, 2008).

Am Ende des Stadiums der befruchteten Eizelle hat

der sich entwickelnde Organismus Nahrung und eine

Unterkunft gefunden. Diese bemerkenswerten Anfänge

geschehen, bevor die meisten Frauen wissen, dass

sie schwanger sind.

3.1.3 Embryonalstadium

Das Embryonalstadium dauert von der Einnistung bis zur

achten Woche der Schwangerschaft. Während dieser

sechs kurzen Wochen ereignen sich die schnellsten pränatalen

Veränderungen, da für alle Körperstrukturen

und inneren Organe der Grundstein gelegt wird.

Zweite Hälfte des ersten Monats

In der ersten Woche dieser Periode bildet die Embryonalscheibe

drei Zellschichten: (1) das Ektoderm , aus

dem das Nervensystem und die Haut entstehen; (2)

das Mesoderm , aus dem sich Muskeln, das Skelett, das

Kreislaufsystem und andere innere Organe entwickeln;

und (3) das Endoderm , aus dem das Verdauungssystem,

Lunge, Harntrakt und Drüsen entstehen.

Aus diesen drei Schichten entstehen alle Teile des

Körpers.

Anfänglich entwickelt sich das Nervensystem am

schnellsten. Das Ektoderm faltet sich ein und bildet das

Neuralrohr , aus dem Rückenmark und Gehirn entstehen.

Nach 3½ Wochen beginnt tief im Inneren des

Neuralrohrs die Produktion von Neuronen (Nerven-

1 Aus Tabelle 3.4 lässt sich ersehen, dass die Chorion-villosum-

Untersuchung ein pränatales Diagnoseverfahren ist, das am

frühesten eingesetzt werden kann, und zwar ab der neunten

Woche nach der Empfängnis.

Embryonalstadium: vierte Woche. Dieser vier Wochen alte Embryo ist

nur 6 mm groß, doch viele Körperstrukturen sind bereits im Entstehen

begriffen. Der primitive Schwanz wird zum Ende des Embryonalstadiums

verschwinden.

zellen, die Informationen speichern und übermitteln)

in ganz erstaunlichem Tempo – es entstehen über

250.000 neue Zellen pro Minute. Die neu gebildeten

Neuronen wandern entlang winziger Fasern an ihren

endgültigen Ort, wo sie wichtige Teile des Gehirns bilden

(Nelson, Thomas & de Haan, 2006).

Während das Nervensystem sich entwickelt, beginnt

das Herz, Blut zu pumpen, und Muskeln, Rückgrat,

Rippen und Verdauungstrakt werden erkennbar.

Am Ende des Monats besteht der zusammengerollte

Embryonalstadium: siebte Woche. Die Haltung des Embryos ist aufrechter.

Körperstrukturen – Augen, Nase, Arme, Beine und innere

Organe – sind ausgeprägter. Ein Embryo in diesem Alter reagiert auf

Berührung. Er kann sich auch bewegen, obwohl er mit weniger als

3 cm Länge und 28 g Gewicht noch zu winzig ist, um von seiner

Mutter gespürt zu werden.


Embryo – nur 6,4 mm lang – aus mehreren Millionen

organisierter Zellgruppen mit spezifi schen Funktionen.

Der zweite Monat

Im zweiten Monat schreitet das Wachstum rasch voran.

Augen, Ohren, Nase, Kinn und Hals bilden sich.

Winzige Knospen werden zu Armen, Beinen, Fingern

und Zehen. Innere Organe bilden sich aus: Die Eingeweide

wachsen, das Herz teilt sich in getrennte Kammern

und Leber und Milz übernehmen die Produktion

von Blutzellen, so dass der Dottersack nicht mehr benötigt

wird. Die sich verändernden Körperproportionen

führen dazu, dass die Haltung des Embryos aufrechter

wird. Mittlerweile 25 mm lang und 4 g schwer,

kann der Embryo seine Welt spüren. Er reagiert auf

Berührung, besonders in der Mundgegend und an den

Fußsohlen, und er kann sich bewegen, obwohl sein

zartes Flattern noch zu leicht ist, um von der Mutter

wahrgenommen zu werden (Moore & Persaud, 2008).

3.1.4 Fetalstadium

Das Fetalstadium von der neunten Woche bis zum Ende

der Schwangerschaft ist die längste pränatale Phase. In

diesem Stadium von „Wachstum und Vollendung“

nimmt der Organismus rapide an Größe zu.

Der dritte Monat

Im dritten Monat fangen Organe, Muskeln und Nervensystem

an, sich zu organisieren und zu verbinden.

Vom Gehirn gesteuert, tritt der Fetus, beugt seine

Arme, macht eine Faust, krümmt seine Zehen, öffnet

den Mund und lutscht sogar am Daumen. Die winzige

Lunge beginnt sich auszudehnen und kontrahiert in

einem frühen Versuch von Atmung. In der zwölften

Woche sind die äußeren Geschlechtsorgane ausgebildet

und das Geschlecht des Fetus kann durch eine

Ultraschalluntersuchung festgestellt werden (Sadler,

2006). Andere Merkmale erscheinen: Fingernägel,

Fußnägel, Zahnknospen und Augenlider, die sich öffnen

und schließen. Der Herzschlag kann nun mithilfe

eines Stethoskops gehört werden.

Die Pränatale Entwicklung wird manchmal in

Schwangerschaftsdrittel , drei gleich lange Trimester eingeteilt.

Mit dem Ende des dritten Monats ist das erste

Drittel vollendet. Zwei weitere müssen vergehen, bevor

der Fetus so weit ausgebildet ist, dass er außerhalb

des Mutterleibs überleben kann.

Das zweite Schwangerschaftsdrittel

Um die Mitte des zweiten Schwangerschaftsdrittels,

zwischen der 17. und 20. Woche, ist das neue Wesen

groß genug, dass die Mutter seine Bewegungen spüren

3.1 Pränatale Entwicklung

Fetusstadium: elfte Woche. Der Organismus wächst rasch. Nach elf

Wochen sind Gehirn und Muskeln besser miteinander verbunden.

Der Fetus kann treten, die Arme beugen, Hände und Mund öffnen

und schließen und am Daumen lutschen. Bitte beachten Sie, wie der

Dottersack mit fortschreitender Schwangerschaft schrumpft – die

inneren Organe haben seine Funktion, die Produktion von Blut, übernommen.

Fetalstadium: 22. Woche. Dieser Fetus ist fast 33 cm groß und

wiegt etwas mehr als 450 g. Seine Bewegungen können

leicht von der Mutter und anderen, die ihre Hand auf ihren

Bauch legen, gefühlt werden. Der Fetus hat das Stadium der

Lebensfähigkeit erreicht. Wenn er geboren wird, hat er eine

geringe Überlebenschance.

107


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

108

kann. Eine weiße, käseähnliche Substanz, Vernix caseosa

(Käse- oder Fruchtschmiere) genannt, schützt seine

Haut davor, in den langen Monaten, in denen sie im

Fruchtwasser schwimmt, spröde zu werden. Weißes,

seidiges Haar, auch Lanugo (Flaumhaar) genannt, zeigt

sich auf dem ganzen Körper und hilft der Fruchtschmiere,

an der Haut zu haften.

Am Ende des zweiten Drittels sind viele Organe gut

entwickelt und die meisten der vielen Milliarden Neuronen

des Gehirns sind an Ort und Stelle; nur wenige

werden nach dieser Zeit gebildet werden. Gliazellen

jedoch, an denen entlang die Zellwanderung vonstatten

geht, die die Nerven unterstützen und ernähren,

nehmen weiterhin sehr schnell während der Schwangerschaft

und ebenso nach der Geburt zu. Daher verzehnfacht

sich das Gewicht des Gehirns von der 20.

Woche bis zur Geburt (Roelfsema et al., 2004).

Das Wachstum des Gehirns bedeutet neue Verhaltensfähigkeiten.

Der 20 Wochen alte Fetus kann durch

Geräusche sowohl angeregt als auch irritiert werden

und wenn ein Arzt bei einer Fetoskopie (siehe Tabelle

3.3) in die Gebärmutter schaut, versucht der Fetus ,

seine Augen mit den Händen vor dem Licht zu schützen,

ein Hinweis darauf, dass er sehen kann (Moore &

Persaud, 2008). Dennoch kann ein Fetus, der zu dieser

Zeit geboren wird, nicht überleben. Seine Lungen sind

nicht ausgereift und das Gehirn kann noch nicht die

Atmung und die Körpertemperatur kontrollieren.

Das dritte Schwangerschaftsdrittel

Ein Fetus, der innerhalb des letzten Schwangerschaftsdrittels

zu früh geboren wird, hat eine Überlebenschance.

Der Zeitpunkt, an dem ein Fetus erstmals außerhalb

des Mutterleibes überleben könnte, wird

lebensfähiges Alter genannt und tritt etwa zwischen der

22. und 26. Woche auf (Moore & Persaud, 2008). Wenn

das Baby jedoch zwischen dem siebten und achten

Monat geboren wird, benötigt es in der Regel Sauerstoff

zur Unterstützung der Atmung. Obwohl das

Atemzentrum im Gehirn reif ist, sind die winzigen

Luftsäckchen in der Lunge noch nicht in der Lage,

einzuatmen und Kohlendioxyd mit Sauerstoff auszutauschen.

Das Gehirn macht weiterhin enorme Fortschritte.

Die Großhirnrinde , Sitz der menschlichen Intelligenz,

wird größer. Da die neurologische Organisation sich

verbessert, bleibt der Fetus häufi ger wach. In der 20.

Woche lässt die Herzfrequenz keine Phasen von Wachheit

erkennen. Aber um die 28. Woche herum ist der

Fetus etwa elf Prozent der Zeit wach, ein Wert, der

kurz vor der Geburt auf 16 Prozent ansteigt (DiPietro

et al., 1996). Zwischen der 30. und 34. Woche zeigt der

Fetus abwechselnde Schlaf- und Wachphasen, die allmählich

immer regelmäßiger werden (Rivkees, 2003).

Etwa um diese Zeit ist der Zusammenhang zwischen

Pulsfrequenz und motorischer Aktivität des Fetus am

ausgeprägtesten: Auf einen Anstieg der Pulsfrequenz

Fetusstadium: 36. Woche. Dieser Fetus füllt die Gebärmutter aus. Um

sein Bedürfnis nach Nahrung zu unterstützen, sind die Nabelschnur

und die Plazenta sehr groß geworden. Beachten sie die Vernix caseosa

(käseähnliche Substanz) auf der Haut, die sie davor bewahrt spröde zu

werden. Der Fetus hat eine Fettschicht angesetzt, die, nach der Geburt

dem Temperaturausgleich dient. Zwei Wochen später ist der Geburtstermin.

folgt gewöhnlich innerhalb von fünf Sekunden ein

Schub motorischer Aktivität (DiPietro et al., 2006).

Dies sind deutliche Anzeichen für das Entstehen koordinierter

neuronaler Netzwerke im Gehirn.

Zudem beginnt der Fetus, Ansätze einer Persönlichkeit

zu entwickeln. Zwischen fetaler Aktivität und

dem Temperament des Säuglings besteht ein Zusammenhang.

In einer Studie wurde festgestellt, dass im

dritten Trimester aktivere Feten als Einjährige besser

mit Frustrationen umgehen konnten und als Zweijährige

weniger ängstlich waren, was sich daran zeigte,

dass sie bereitwilliger mit Spielzeugen und einem ihnen

fremden Erwachsenen im Labor interagierten (Di-

Pietro et al., 2002). Möglicherweise ist fetale Aktivität

ein Indikator für eine gesunde neurologische Entwicklung,

die in der Kindheit eine bessere Anpassungsfähigkeit

fördert. Allerdings sind diese Zusammenhänge

nur schwach ausgeprägt; wie Sie in Kapitel 6 sehen

werden, kann eine sensible Fürsorge das Wesen eines

Kindes verändern, das Schwierigkeiten hat, sich an

neue Erfahrungen anzupassen.

Das dritte Trimester bringt erhöhte Reagibilität auf

Stimulation mit sich. Später, wenn wir die Fähigkeiten

des Neugeborenen erörtern, sehen wir wie ein

Fetus Geschmacks- und Geruchs-Vorlieben erwirbt,

wenn er im Fruchtwasser schwimmt und es mitunter

schluckt. Zwischen der 23. und 30. Woche bilden sich

Verbindungen zwischen der Hirnrinde und den Ge


hirnregionen, die für Schmerzempfi ndlichkeit zuständig

sind. Von dieser Zeit an sollten bei jeder am Fetus

durchgeführten Operation schmerzstillende Medikamente

eingesetzt werden (Lee et al., 2005). Ab etwa der

28. Woche reagiert ein Fetus auf Geräusche in seiner

Nähe mit Augenblinzeln (Kisilevsky & Low, 1998; Saffran,

Werker & Werner, 2006).

Im Laufe der nächsten sechs Wochen entwickelt der

Fetus die Fähigkeit, den Klang und Rhythmus verschiedener

Stimmen und Geräusche zu unterscheiden.

Er reagiert durch systematische Änderungen der

Pulsfrequenz auf eine männliche versus weibliche

Stimme, die Stimme der Mutter versus eine fremde

Stimme und eine einfache, vertraute Melodie versus

eine unbekannte Melodie (Granier-Deferre et al., 2003;

Huotilainen et al., 2005; Kisilevsky et al., 2003; Lecanuet

et al., 1993) und in einer gut kontrollierten Studie

lasen Mütter in den letzten sechs Wochen ihrer

Schwangerschaft aus dem lebhaften Buch The Cat in

the Hat von Dr. Seuss laut vor. Nach der Geburt lernte

ihr jeweiliger Säugling, Tonbandaufnahmen der

Stimme der Mutter durch Saugen an einem Nippel

einzuschalten. Am stärksten saugten sie, um The Cat

in the Hat zu hören – das Geräusch, das ihnen bereits

in der Gebärmutter vertraut geworden war (DeCasper

& Spence, 1986).

Im Laufe der letzten drei Monate nimmt der Fetus

um mehr als 2000 g zu und wächst um 18 cm. Im achten

Monat wird eine Fettschicht aufgebaut, die dem

Temperaturausgleich nach der Geburt dient. Der Fetus

erhält auch Antikörper aus dem Blut der Mutter, die

gegen Krankheiten schützen, denn das Immunsystem

des Neugeborenen wird erst einige Monate nach der

Geburt arbeiten. In den letzten Wochen erlangen die

meisten Feten eine aufrechte Position mit dem Kopf

nach unten, teilweise wegen der Form der Gebärmutter,

aber auch weil der Kopf schwerer ist als die

Füße. Das Wachstum lässt nach und die Geburt kann

einsetzen.

Prüfen Sie sich selbst…

Rückblick

Warum wird die embryonale Periode als die dramatischste pränatale

Phase angesehen? Warum heißt die Periode des Fetus die

„Wachstums- und Vollendungs“-Phase?

Anwendung

Amy, im zweiten Monat schwanger, fragt sich, wie der sich entwickelnde

Organismus ernährt wird und welche Körperteile sich

bereits ausgebildet haben. Sie fragt: „Ich sehe noch gar nicht

schwanger aus – heißt das etwa, dass noch nicht viel Entwicklung

stattgefunden hat?“ Was würden Sie Amy antworten?

Zusammenhänge

Wie hängt die Entwicklung des Gehirns mit den Fähigkeiten und

dem Verhalten des Fetus zusammen?

3.2 Pränatale Umwelteinflüsse

Pränatale Umwelteinflüsse 3.2

Obwohl die pränatale Umwelt weit konstanter ist als

die Welt außerhalb des Mutterleibes, können viele

Faktoren den sich entwickelnden Embryo und Fetus

beeinfl ussen. Dana und Jörg lernten, dass Eltern – und

die Gesellschaft insgesamt – viel dafür tun können,

um für ihr Kind eine sichere Umwelt für die Entwicklung

vor der Geburt zu schaffen.

3.2.1 Teratogene: Missbildungen

hervorrufende Stoffe (Teratogene)

Der Begriff teratogen (Missbildungen hervorrufend) bezieht

sich auf jeden Umweltstoff, der während der pränatalen

Periode (Schwangerschaft) Schaden verursacht.

Wissenschaftler haben diese Bezeichnung – die von

dem griechischen Wort teras („Missbildung“ oder

„Monstrosität“) abstammt – gewählt, da sie ursprünglich

durch Fälle schwerer Missbildungen bei Neugeborenen

auf schädliche pränatale Einfl üsse aufmerksam

geworden waren. Allerdings ist der Schaden

durch Teratogene nicht immer einfach und geradlinig;

er hängt von folgenden Faktoren ab:

Dosis. Wenn wir bestimmte Teratogene erörtern,

werden Sie sehen, dass höhere Dosen über längere

Zeiträume hinweg in der Regel stärkere negative

Auswirkungen haben.

Erblichkeit. Die genetische Ausstattung der Mutter

und des sich entwickelnden Organismus spielen

eine wichtige Rolle. Einige Individuen sind besser

in der Lage, schädlichen Umwelteinflüssen während

der Schwangerschaft zu widerstehen als andere.

Andere negative Einflüsse. Durch das gleichzeitige

Zusammenwirken mehrerer negativer Faktoren, etwa

mangelhafte Ernährung, unzulängliche medizinische

Versorgung und andere Teratogene, kann

der Einfluss eines einzigen Schadstoffs verstärkt

werden.

Alter. Die Auswirkungen von Teratogenen verändern

sich mit dem Alter des betroffenen Organismus

zur Zeit der schädlichen Wirkung. Wir können

diesen letzten Punkt am besten verstehen, wenn

wir an das Konzept der sensiblen Phase denken,

das in Kapitel 1 eingeführt wurde. Eine sensible

Phase ist eine begrenzte Zeitspanne, in der ein Körperteil

oder eine Verhaltensweise biologisch zur

schnellen Entwicklung bereit ist. In dieser Zeit reagieren

sie besonders sensibel auf die Umwelt.

Wenn die Umwelt schädlich ist, tritt eine Beeinträchtigung

ein und eine Erholung davon ist

schwierig und manchmal unmöglich.

109


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

110

Abbildung 3.2 fasst pränatale sensible Phasen zusammen.

In der Periode der befruchteten Eizelle, vor der

Einnistung, haben Teratogene selten irgendeinen Einfl

uss. Wenn doch, wird die winzige Zellmasse in der

Regel so schwer geschädigt, dass sie abstirbt. Die embryonale

Periode ist die Zeit, in der schwere Defekte

am ehesten eintreten, weil die Grundlage für alle Teile

des Körpers gelegt wird. Während des fetalen Stadiums

ist der teratogene Schaden meistens eher gering. Jedoch

können Organe wie Gehirn, Ohren, Augen, Zähne

und Genitalien noch stark beeinträchtigt werden.

Die Auswirkungen von Teratogenen gehen über unmittelbare

körperliche Schädigungen hinaus (vgl.

O’Rahilly & Müller, 1999). Einige Folgen für die Gesundheit

sind subtil und treten verzögert auf. Darüber

hinaus können psychologische Folgen indirekt aufgrund

körperlicher Schädigungen entstehen. Zum

Beispiel kann eine Schädigung, die von der Medikamenteneinnahme

der Mutter während der Schwangerschaft

herrührt, sowohl die Reaktionen anderer auf

das Kind verändern als auch dessen Fähigkeit, seine

Umwelt zu erkunden. Im Laufe der Zeit können die

Eltern-Kind-Beziehung, Beziehungen zu Gleichaltrigen

und die kognitive und soziale Entwicklung darun-

Stadium der sich

teilenden Zygote,

Einnistung

1 2 3

Gewöhnlich keine

Teratogenauswirkungen

(Ausnahme:

Alkohol)

Abortus

(Fehlgeburt)

ter leiden. Ferner können pränatal exponierte Kinder

im Hinblick auf Umweltrisiken, etwa ein alleinerziehendes

Elternteil, emotionale Störungen der Bezugsperson

oder erziehungsbedingte Fehlanpassungen

weniger resilient sein (Yumoto, Jacobson & Jacobson,

2008).

Hier kommt ein zentraler Gedanke über Entwicklung,

den wir in vorhergehenden Kapiteln diskutierten,

zum Tragen: die Einfl üsse zwischen Kind und

Umwelt in beiden Richtungen. Im Folgenden sollen

die wissenschaftlichen Erkenntnisse über eine Reihe

von Teratogenen vorgestellt werden.

Verschreibungspfl ichtige und

frei verkäufl iche Medikamente

In den frühen sechziger Jahren erlebte die Welt ein

tragisches Lehrstück über Medikamente und pränatale

Entwicklung. Zu dieser Zeit war ein Beruhigungsmittel

mit dem Namen Thalidomid (Contergan ) in Kanada,

Europa und Südamerika leicht erhältlich. Wenn

Thalidomid von Müttern vier bis sechs Wochen nach

der Empfängnis eingenommen wurde, erzeugte es

schwere Missbildungen der Arme und Beine des Em-

Embryostadium (in Wochen) Fetusstadium (in Wochen) – Geburtstermin

4 5 6 7 8 9 16 20 – 36 38

Zentral-

Bereiche, auf die sich Teratogene meist auswirken

Gehirn

nervensystem

Auge Herz Auge Zähne Ohr Ohr

Herz

Arm

Bein

Auge

Größere strukturelle Abnormalitäten

Ohr Gaumen äußere Genitalien

Zentralnervensystem

Herz

obere Gliedmaßen

untere Gliedmaßen

Ohren

Augen

Zähne

Gaumen

äußere Genitalien

Physiologische Defekte und geringe

strukturelle Abnormalitäten

Abbildung 3.2: Sensible Phasen in der pränatalen Entwicklung. Jedes Organ und jede Struktur hat eine sensible Phase, in der ihre Entwicklung

gestört werden kann. Blaue horizontale Balken zeigen hochsensible Phasen an. Grüne horizontale Balken weisen auf Phasen, die weniger

sensibel auf Teratogene reagieren, obwohl Schäden auftreten können (nach K. L. Moore und T. V. N. Persaud, Before we are born, 7. Ausgabe,

S. 313 ).


yos, weniger häufi g Schädigungen der Ohren, des

Herzens, der Nieren und Genitalien. Weltweit waren

etwa 7000 Kinder betroffen (Moore & Persaud, 2008).

Als die dem Thalidomid ausgesetzten Kinder älter

wurden, hatten viele von ihnen einen unterdurchschnittlichen

Intelligenzwert. Vielleicht beschädigte

das Medikament das zentrale Nervensystem direkt

oder vielleicht beschädigten die Bedingungen des

Aufwachsens dieser schwer deformierten jungen

Menschen ihre intellektuelle Entwicklung.

Eine andere medizinische Verordnung, ein synthetisches

Hormon mit dem Namen Diethylstilböstrol

(DES) wurde zwischen 1945 und 1970 weithin verschrieben,

um Fehlgeburten zu verhindern. Wenn

Töchter dieser Mütter die Pubertät und das junge Erwachsenenalter

erreichten, traten bei ihnen ungewöhnlich

häufi g Vaginalkarzinome und Fehlbildungen

der Gebärmutter auf. Wenn sie versuchten, Kinder

zu bekommen, führten ihre Schwangerschaften häufi -

ger zu Frühgeburten, niedrigem Geburtsgewicht und

Fehlgeburten als bei jenen, die nicht dem DES ausgesetzt

worden waren. Junge Männer wiesen ein erhöhtes

Risiko genitaler Anomalien und Hodenkrebs auf

(Hammes & Laitman, 2003; Palmer et al., 2001).

Heute ist das am häufi gsten eingesetzte starke Teratogen

ein Vitamin-A-Derivat namens Accutane , das

zur Behandlung schwerer Akne eingesetzt wird (und

auch unter der generischen Bezeichnung Isotretinoin

bekannt ist). Hunderttausende Frauen im gebärfähigen

Alter nehmen es ein. Seine Anwendung im ersten

Trimester kann zu Anomalien von Augen, Ohren,

Schädel, Gehirn, Herz und Immunsystem führen (Honein,

Paulozzi & Erickson, 2001). Der Beipackzettel

warnt, dass eine Anwenderin des Medikaments eine

Schwangerschaft sicherheitshalber durch zwei Verhütungsmethoden

verhindern sollte, doch viele Frauen

beachten diesen Hinweis nicht (Garcia-Bournissen et

al., 2008).

Tatsächlich kann jedes von der Mutter eingenommene

Medikament, das ein Molekül besitzt, welches

klein genug ist, die Barriere der Plazenta zu durchbrechen,

in den Blutstrom des Embryos oder Fetus gelangen.

Viele schwangere Frauen fahren jedoch fort, verschreibungsfreie

Medikamente einzunehmen, ohne

einen Arzt zu befragen. Eines der am weitesten verbreiteten

ist Aspirin. Viele Studien haben darauf hingewiesen,

dass die regelmäßige Einnahme von Aspirin

mit niedrigem Geburtsgewicht, Kindstod um die Zeit

der Geburt herum, schlechterer motorischer Entwicklung

und niedrigeren Intelligenzwerten in der frühen

Kindheit in Verbindung gebracht werden kann, obwohl

es andere Forschungen gibt, die diese Ergebnisse

nicht bestätigen (Barr et al., 1990; Kozer et al., 2003;

Streissguth et al., 1987). Kaffee, Tee, Cola und Kakao

enthalten eine andere häufi g konsumierte Droge, das

Koffein. Wenn pro Tag mehr als 100 mg davon konsumiert

werden (eine Dosis, die einer Tasse Kaffee entspricht),

steigt bei Neugeborenen die Häufi gkeit eines

zu niedrigen Geburtsgewichts und von Fehlgeburten

(CARE Study Group, 2008; Weng, Odouli & Li, 2008).

Die Einnahme von Antidepressiva im dritten Trimester

hängt mit einem erhöhten Risiko von Komplikationen

bei der Geburt zusammen, etwa akute Atemnot

des Säuglings (Oberlander et al., 2006).

Da es um das Leben von Kindern geht, müssen wir

solche Erkenntnisse sehr ernst nehmen. Zugleich können

wir nicht sicher sein, dass diese häufi g angewendeten

Medikamente tatsächlich die besagten Probleme

verursachen. Oft nehmen Frauen mehrere Drogen

oder Medikamente. Wenn der Embryo oder Fetus geschädigt

wird, ist es schwer zu sagen, welche Substanz

dafür verantwortlich ist oder ob andere Faktoren, die

mit der Einnahme zusammenhängen, die wirkliche

Ursache sind. Bevor wir nicht mehr Informationen darüber

haben, ist es am sichersten, wie Dana zu verfahren:

die Einnahme dieser Medikamente gänzlich zu

unterlassen. Leider wissen viele Frauen in den frühen

Wochen der embryonalen Phase nicht, dass sie

schwanger sind – gerade dann, wenn die Gefährdung

durch teratogene Substanzen am größten ist.

Illegale Drogen

3.2 Pränatale Umwelteinflüsse

Der Konsum hochgradig suchterzeugender, stimmungsverändernder

Drogen wie etwa Kokain und Heroin hat

sich weiter ausgebreitet, vor allem in den von Armut

befallenen Innenstädten, wo Drogen eine kurze Flucht

aus einem täglichen Leben voller Hoffnungslosigkeit

gewähren. Nahezu vier Prozent der Schwangeren in

den USA konsumieren solche Substanzen (US Department

of Health and Human Services, 2007e).

Neugeborene von Müttern, die Kokain, Heroin oder

Methadon (einer weniger süchtig machenden Substanz,

die verabreicht wird, um vom Heroin zu entwöhnen)

weisen ein Risiko auf für eine große Anzahl

von Problemen bei Schwangerschaft und Geburt, einschließlich

zu früher Geburt, niedrigem Geburtsgewicht,

körperlichen Defekten, Atemschwierigkeiten

und Tod bei der Geburt (Behnke et al., 2001; Schuetze &

Eiden, 2006; Walker, Rosenberg & Balaban-Gil, 1999).

Zusätzlich kommen solche Kinder als Drogensüchtige

zur Welt. Sie sind oft fi ebrig und reizbar bei der Geburt,

haben Schlafstörungen und ihr Schreien ist abnorm

schrill und schneidend – ein übliches Symptom

bei belasteten Neugeborenen (Bauer et al., 2005). Wenn

Mütter mit vielen eigenen Problemen diese Babys versorgen

müssen, die schwer zu beruhigen, zu liebkosen

und zu füttern sind, werden die Verhaltensprobleme

wahrscheinlich weiterbestehen.

In ihrem ersten Lebensjahr reagieren Kinder, die

Heroin oder Methadon ausgesetzt waren, weniger aufmerksam

auf die Umwelt als andere Säuglinge und

ihre motorische Entwicklung ist verlangsamt. Nach

dem Säuglingsalter geht es einigen Kindern besser,

während andere nervös und unaufmerksam bleiben.

Die Art der Fürsorge durch die Eltern, die diese Kinder

111


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

112

Ausblick auf die Lebensspanne:

Pränatale Umwelt und spätere Gesundheit

Als Michael vor 55 Jahren auf die Welt kam, sechs Wochen

zu früh und mit einem Gewicht von nur 2200 g,

war sich der Arzt, der ihn entband, nicht sicher, ob er

durchkommen würde. Aber Michael überlebte nicht

nur, sondern erfreute sich bis in seine Mittvierziger guter

Gesundheit. Dann wurden bei einer medizinischen

Routineuntersuchung hoher Blutdruck und Altersdiabetes

bei ihm diagnostiziert. Michael hatte keine besonderen

Risikofaktoren für diese Diagnose: Weder

hatte er Übergewicht, rauchte oder aß zu fette Speisen,

noch kam die Krankheit in seiner Familie vor. Konnten

die Wurzeln für Michaels Gesundheitsprobleme auf

seine pränatale Entwicklung zurückgeführt werden?

Zunehmende Belege weisen darauf hin, dass pränatale

Umweltfaktoren – die nicht toxisch sind (wie etwa

Tabak oder Alkohol) und normalerweise nicht bemerkt

werden, zum Beispiel der Fluss von Nahrung und Hormonen

durch die Plazenta – noch Jahrzehnte später die

Gesundheit einer Person beeinträchtigen können.

Niedriges Geburtsgewicht und Herzkrankheiten,

Schlaganfall und Diabetes

Sorgfältig kontrollierte Tierversuche zeigen, dass ein

schlecht ernährter, untergewichtiger Fetus Veränderungen

in der Körperstruktur und -funktion erfährt, die

das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Erwachsenenalter

erheblich steigern (Franco et al., 2002).

Um diese Beziehung bei Menschen zu untersuchen,

nahmen Forscher öffentliche Gesundheitsdaten zu Hilfe,

die Informationen über das Geburtsgewicht von

15.000 britischen Männern und Frauen und das Vorkommen

von Krankheiten im mittleren Erwachsenenalter

beinhalteten. Jene, die bei der Geburt weniger als

2200 g wogen, hatten eine 50 Prozent größere Wahrscheinlichkeit,

an Herzerkrankungen und einem

Schlaganfall zu sterben, selbst nachdem SÖS und eine

Reihe von Gesundheitsrisiken kontrolliert worden waren.

Die Verbindung zwischen Geburtsgewicht und

Herz-Kreislauf-Erkrankung war bei den Menschen am

stärksten, deren Verhältnis von Gewicht zu Länge bei

der Geburt sehr niedrig war – ein Zeichen für pränatale

Wachstumshemmung (Godfrey & Barker, 2000; Martyn,

Barker & Osmond, 1996).

In anderen groß angelegten Studien zeigte sich eine

konsistente Verbindung zwischen niedrigem Geburtsgewicht

und Herzerkrankungen, Schlaganfall und Diabetes

im mittleren Erwachsenenalter – für beide Geschlechter

und in verschiedenen Ländern einschließlich

Finnland, Indien, Jamaika und den Vereinigten Staaten

(Barker, 2002; Fowden, Giussani & Forhead, 2005; Roseboom,

de Rooij & Painter, 2006). Eine unterdurchschnittliche

Geburtsgröße an sich verursacht keine

späteren Gesundheitsprobleme, vielmehr nehmen Forscher

an, dass komplexe Faktoren, die damit zusammenhängen,

dazu beitragen.

Gelegentlich wird spekuliert, dass ein mangelhaft

ernährter Fetus große Mengen von Blut an das Gehirn

umleitet, was bei Organen im Bauchraum wie Leber

und Niere (die dazu beitragen, Cholesterinspiegel und

Pränatale Umweltfaktoren – sogar subtile wie etwa die Versorgung

mit Nährstoffen und Hormonen über die Plazenta – können

sich im späteren Leben auf die Gesundheit eines Menschen

auswirken. Das hohe Geburtsgewicht dieses neugeborenen

Mädchens bedeutet, dass es als erwachsene Frau ein erhöhtes

Brustkrebsrisiko haben wird.

Blutdruck zu kontrollieren) dazu führt, dass sie in der

Größe zurückbleiben (Hales & Ozanne, 2003). Das Ergebnis

ist ein erhöhtes späteres Risiko für Herzkrankheiten

und Schlaganfall. Im Falle von Diabetes könnte

inadäquate pränatale Ernährung die Funktion der

Bauchspeicheldrüse permanent beeinträchtigen, was

zu einem nicht mehr beherrschbaren Anstieg des Blutzuckerspiegels

(Glukosespiegels) führen kann, wenn

der Betroffene älter wird (Wu et al., 1999). Eine weitere,

sowohl von der Tier- als auch der Humanforschung gestützte

Hypothese besagt, dass die Fehlfunktionen der

Plazenta bei manchen schwangeren Frauen es ermöglichen,

dass hohe Konzentrationen von Stresshormonen

den Fetus erreichen, was dessen Wachstum hemmt,

seinen Blutdruck erhöht und einen zu hohen Blutzuckerspiegel

(Hyperglykämie) fördert und so zu einer

erhöhten Prädisposition des sich entwickelnden Menschen

für spätere Krankheiten führt (Stocker, Arch &

Cawthorne, 2005).


Schließlich nehmen Säuglinge, deren Wachstum vor

der Geburt beeinträchtigt war, in ihrer Kindheit häufi g

extrem zu, wenn sie Zugang zu reichlich Nahrung haben.

Dieses Übergewicht bleibt zumeist auch später

erhalten und erhöht das Diabetesrisiko erheblich (Hyppönen,

Power & Smith, 2003).

Hohes Geburtsgewicht und Krebs

Das andere pränatale Wachstumsextrem – hohes Geburtsgewicht

– wird mit Brustkrebs, der häufi gsten bösartigen

Erkrankung bei erwachsenen Frauen, in Verbindung

gebracht (Ahlgren et al., 2004; Vatten et al., 2002).

Bei einer Stichprobe von über 2000 britischen

Frauen ging ein hohes Geburtsge-

wicht – insbesondere bei über 4000 g –

mit einem weit häufi geren Auftreten von

Brustkrebs einher, auch nachdem andere

Krebsrisiken kontrolliert wurden (siehe

Abbildung 3.1) (dos Santos, Silva et al.,

2004). Etliche Forscher nehmen an, dass

daran überhöhtes mütterliches Östrogen

während der Schwangerschaft Schuld

trägt, welches ein starkes Wachstum des

Fetus fördert und sich bildendes Brustgewebe

verändert, so dass es im Erwachsenenalter

auf Östrogen mit dem Wachstum

bösartigen Zellgewebes reagiert.

Hohes Geburtsgewicht hängt darüber

hinaus sowohl bei Männern als auch bei

Frauen mit häufi gerem Auftreten von

Magen- und Darmkrebs sowie bösartigem

Lymphgefäßkrebs zusammen (McCormack

et al., 2005). Die Gründe dafür sind

bislang unklar.

Vorbeugung

Die Beziehungen zwischen pränataler

Entwicklung und Krankheiten im späteren

Leben, wie sie in der Forschung auftauchen,

bedeuten nicht, dass die Krankheiten

unvermeidlich sind; vielmehr

Brustkrebs-Vorkommen

(pro 1.000.000 Personen im Jahr)

erfahren, mag erklären, warum bei einigen die Probleme

weiterhin bestehen, bei anderen aber nicht (Cosden,

Peerson & Elliott, 1997).

Erkenntnisse über Kokain weisen darauf hin, dass

viele Kinder, die dem Stoff vor der Geburt ausgesetzt

waren, bleibende Probleme entwickeln. Kokain zieht

die Blutgefäße zusammen, was dazu führt, dass der

Gehalt des Sauerstoffs, der dem sich entwickelnden

Organismus zugeführt wird, 15 Minuten nach der Einnahme

einer hohen Dosis dramatisch abfällt. Es kann

auch die Bildung und Funktion von Nervenzellen verändern

und das chemische Gleichgewicht im Gehirn

des Fetus stören. Diese Wirkungen können zu einer

ganzen Reihe mit Kokain zusammenhängender körperlicher

Defekte, etwa Fehlbildungen der Augen,

Knochen, Geschlechtsorgane, des Harntrakts, der Nie-

180

160

140

120

100

80

60

40

20

0

3999 g

Abbildung 3.3: Beziehung von Geburtsgewicht und Brustkrebsrisiko im

Erwachsenenalter. In einer Studie mit über 2000 britischen Neugeborenen und

Nachuntersuchungen im Erwachsenenalter sagte ein hohes Geburtsgewicht das

Auftreten von Brustkrebs voraus, nachdem viele prä- und postnatale Gesundheitsrisiken

kontrolliert worden waren. Das Risiko für Brustkrebs war besonders hoch

bei Frauen, deren Geburtsgewicht mehr als 4000 g betrug (nach dos Santos, Silva

et al., 2004).

ren und des Herzens, beitragen sowie zu Gehirnblutungen,

Krampfanfällen im Gehirn und gravierenden

Wachstumsverzögerungen führen (Covington et al.,

2002; Feng, 2005; Mayes, 1999). In einigen Studien

wurden Störungen der Wahrnehmung, der motorischen

Aktivität, der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses,

der Sprache und Impulskontrolle festgestellt, die

bis ins Vorschulalter anhalten (Dennis et al., 2006;

Lester et al., 2003; Linares et al., 2006; Noland et al.,

2005; Singer et al., 2004).

In anderen Studien zeigten sich dagegen keine gravierenden

negativen Auswirkungen durch Kokainkonsum

der Mutter während der Schwangerschaft

(Behnke et al., 2006; Frank et al., 2005; Hurt et al.,

2005). Diese widersprüchlichen Ergebnisse zeigen,

wie schwierig es ist, die genauen, durch illegale Dro-

113


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

114

gen verursachten Schädigungen zu isolieren. Kokainkonsumenten

nehmen häufi g mehrere Drogen, zeigen

andere sehr riskante Verhaltensweisen, leiden unter

den Auswirkungen von Armut und Stress und sind

keine fürsorglichen Eltern – allesamt Bedingungen,

die die Entwicklung eines Kindes beeinträchtigen

(Jones, 2006). Gleichwohl müssen die Wissenschaftler

erst noch herausfi nden, warum in manchen Studien

durch Kokain bedingte Schädigungen festgestellt wurden,

in anderen dagegen nicht.

Eine andere illegale Droge, Marihuana, ist noch verbreiteter

als Heroin und Kokain. Studien, die seine

Beziehung zu niedrigem Geburtsgewicht und Frühgeburten

untersuchen, kommen zu unterschiedlichen

Ergebnissen (Fried, 1993). Etliche Forscher haben Zusammenhänge

zwischen Marihuana-Konsum der Mutter

in der Schwangerschaft und einem kleineren Kopf

des Neugeborenen (Maß des Hirnwachstums), Schlaf-,

Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen in der

Kind heit und zu schlechteren Leistungen beim Problemlösen

während der Adoleszenz festgestellt (Dahl et al.,

1995; Goldschmidt et al., 2004; Gray et al., 2005; Huizink

& Mulder, 2006). Wie auch beim Kokain sind jedoch

bleibende Wirkungen nicht gesichert. Insgesamt sind

die Auswirkungen illegaler Drogen weit weniger konsistent

als diejenigen zweier legaler Substanzen, über

die wir jetzt sprechen wollen: Nikotin und Alkohol.

Nikotin

Obwohl der Tabakkonsum in den westlichen Ländern

zurückgegangen ist, rauchen schätzungsweise 17 Prozent

US-amerikanischer Frauen während der Schwangerschaft

(US Department of Health and Human Services,

Dieser drei Tage alte Säugling, der viele Wochen zu früh geboren

wurde und zu wenig wiegt, muss durch eine Atemhilfe atmen. Eine zu

frühe Geburt und zu geringes Geburtsgewicht können durch vielerlei

Umwelteinflüsse während der Schwangerschaft verursacht werden,

zum Beispiel durch Drogenkonsum oder Rauchen der Mutter.

2007e). In Deutschland werden 24 Prozent berichtet

(BQS-Perinataldaten: http://de.statista.com). Die bekannteste

Folge von Rauchen während der Schwangerschaft

ist ein zu niedriges Geburtsgewicht. Aber die

Wahrscheinlichkeit anderer ernsthafter Folgen wie

Fehlgeburten, Frühgeburten, gestörte Pulsfrequenz

und Atmung im Schlaf, plötzlicher Kindstod sowie

Asthma und Krebserkrankungen in der späteren Kindheit

sind ebenfalls erhöht (Franco et al., 2000, Jaakkola

& Gissler, 2004). Je stärker eine Mutter raucht, desto

größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Baby dadurch

geschädigt wird. Wenn eine werdende Mutter

zu einem beliebigen Zeitpunkt ihrer Schwangerschaft

das Rauchen einstellt, selbst im letzten Trimester, reduziert

sie die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Kind untergewichtig

geboren wird und unter späteren Problemen

zu leiden hat (Klesges et al., 2001).

Selbst wenn das Baby einer rauchenden Mutter bei

der Geburt in gutem körperlichen Zustand zu sein

scheint, können leichte Verhaltensanomalien die Entwicklung

des Kindes beeinträchtigen. Neugeborene

von rauchenden Müttern reagieren weniger aufmerksam

auf Geräusche, zeigen höhere Muskelanspannung,

sind leichter erregbar durch Berührung und visuelle

Reize und leiden häufi ger unter Koliken (die

sich durch anhaltendes Schreien zeigen) – Ergebnisse,

die auf subtile, negative Auswirkungen auf die Entwicklung

des Gehirns hindeuten (Law et al., 2003;

Sondergaard et al., 2002). Einige Studien berichten,

dass Kinder und Heranwachsende, deren Mütter während

der Schwangerschaft geraucht haben, kürzere

Aufmerksamkeitsspannen zeigen, ein schlechteres

Gedächtnis, niedrigere Leistungstestwerte und mehr

Verhaltensprobleme in Kindheit und Schule (Fried,

Watkinson & Gray, 2003; Huizink & Mulder, 2006;

Nigg & Breslau, 2007; Thapar et al., 2003). Allerdings

können auch andere, eng mit Rauchen zusammenhängende

Faktoren wie geringe Bildung und niedriges

Einkommen der Mutter zu solchen Entwicklungen

beitragen (Huijbregts et al., 2006).

Wie kann das Rauchen nun den Fetus schädigen?

Nikotin, die abhängig machende Substanz im Tabak,

zieht die Blutgefäße zusammen, vermindert den Blutstrom

in die Gebärmutter und führt zu ungewöhnlichem

Wachstum der Plazenta. Dadurch wird der

Transport von Nährstoffen reduziert, so dass der Fetus

langsam an Gewicht zunimmt. Auch erhöht das Nikotin

die Konzentration von Kohlenmonoxid im Blutstrom

der Mutter wie in dem des Fetus. Kohlenmo noxid

verdrängt Sauerstoff aus den roten Blutzellen,

beschädigt das zentrale Nervensystem und verlangsamt

das Körperwachstum von Feten bei Versuchstieren

(Friedman, 1996). Beim Menschen können ähnliche

Auswirkungen auftreten.

Etwa 30 bis 50 Prozent nicht rauchender schwangerer

Mütter sind Passivraucherinnen, da ihre Ehemänner,

Verwandten oder Arbeitskollegen rauchen.

Passives Rauchen ist ebenfalls mit niedrigem Geburts


gewicht, plötzlichem Kindstod, Atemwegserkrankungen

in der Kindheit und potenziell schädlichen Einfl

üssen auf die Aufmerksamkeit und das Lernen

verbunden (Hanke, Sobala & Kalinka, 2004; Makin,

Fried & Watkinson, 1991; Pattenden et al., 2006). Eindeutig

sollten werdende Mütter verrauchte Umgebungen

meiden.

Alkohol

In seinem bewegenden Buch The Broken Cord („Das

zerrissene Band“) beschrieb Michael Dorris (1989),

Anthropologieprofessor an der Dartmouth University,

wie es war, seinen adoptierten Sohn Abel (im Buch

Adam genannt) aufzuziehen, dessen biologische Mutter

während der Schwangerschaft stark getrunken hatte

und kurz nach der Geburt an einer Alkoholvergiftung

gestorben war. Adam wurde mit der fetalen

Alkohol-Spektrum-Störung (FASD) geboren, ein Begriff,

der eine Reihe von körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen

sowie Verhaltensstörungen umfasst, die

durch Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft

verursacht werden können. Von einer FASD

betroffene Kinder fallen in eine von drei Diagnosekategorien

mit unterschiedlich schweren Symptomen:

1 Fetales Alkoholsyndrom (FAS) ist gekennzeichnet

durch (a) langsames körperliches Wachstum, (b) ein

Muster aus Anomalien des Gesichts (enge Lidspalten,

eine schmale Oberlippe, ein glattes oder abgeflachtes

Philtrum, die Rinne in der Oberlippenmitte),

kürzere Nase und (c) Gehirnschädigungen, die

sich durch einen kleinen Kopf und Beeinträchtigungen

mindestens dreier Funktionsbereiche zei-

3.2 Pränatale Umwelteinflüsse

gen – etwa Gedächtnis, Sprache und Kommunikation,

Aufmerksamkeitsspanne und Aktivitätsniveau (Überaktivität),

Planungsvermögen und logisches Denken,

motorische Koordination oder soziale Fertigkeiten.

Auch andere Defekte – an Augen, Ohren,

Nase, Rachen, Herz, Geschlechtsorganen, Harntrakt

oder Immunsystem – können auftreten. Bei Abel

wurde eine FAS diagnostiziert. Wie es für diese

Störung typisch ist, hatte seine Mutter während

der gesamten Schwangerschaft stark getrunken.

2 Partielles fetales Alkoholsyndrom (p-FAS) ist gekennzeichnet

durch (a) zwei der drei vorgenannten Gesichtsanomalien,

(b) Gehirnschädigungen, die sich

auch hier durch mindestens drei beeinträchtigte

Funktionsbereiche zeigen. Die Mütter von Kindern

mit p-FAS haben im Allgemeinen in kleineren Mengen

Alkohol konsumiert und die Schädigungen der

Kinder variieren mit Zeitpunkt und Dauer der Exposition.

Darüber hinaus lassen jüngere Forschungsergebnisse

vermuten, dass auch ein Alkoholkonsum

des Vaters um die Zeit der Zeugung herum

genetische Veränderungen herbeiführen kann, die

zu solchen Symptomen beitragen können (Abel,

2004).

3 Alkoholbedingte neurologische Entwicklungsstörung ,

bei der mindestens drei geistige Funktionsbereiche

beeinträchtigt sind, ungeachtet eines normalen körperlichen

Wachstums und fehlender Gesichtsanomalien.

Auch hier ist die pränatale Alkoholexposition

zwar gesichert, jedoch weniger gravierend als

bei FAS (Chudley et al., 2005; Loock et al., 2005).

Die Mütter dieser retardierten Mädchen tranken heftig während der Schwangerschaft. Die weit auseinander liegenden Augen, die dünne Oberlippe

und enge Lidspalten sind typisch für Alkoholismus im Fetalstadium.

115


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

116

Selbst wenn sie mit angereicherter Nahrung versorgt

werden, können FAS-Kinder das Wachstum im Säuglingsalter

und in der späteren Kindheit nicht aufholen.

Auch die geistigen, bei allen drei Diagnosevarianten

von FAS beobachteten Schädigungen sind permanent:

Als Teenager und in seinen Zwanzigern hatte Abel

Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, sein Urteilsvermögen

war beeinträchtigt und er hatte Mühe einen

wenig anspruchsvollen Job zu halten. Zum Beispiel

kaufte er etwas ein und wartete nicht auf das Wechselgeld

oder er lief mitten in einer Aufgabe einfach davon.

Er starb 1991 im Alter von 23, nachdem er von

einem Auto angefahren worden war.

Je mehr Alkohol eine Frau in der Schwangerschaft

konsumiert, desto schlechter sind die motorische Koordination,

die Schnelligkeit der Informationsverarbeitung,

die Urteilsfähigkeit und die Testwerte bei

Intelligenz- und Leistungstests der Kinder im Vorschul-

und Schulalter (Burden, Jacobson & Jacobson,

2005; Korkman, Kettunen & Autti-Raemoe, 2003). In

der Adoleszenz und im frühen Erwachsenenalter ist

FAS assoziiert mit anhaltenden Defi ziten der Aufmerksamkeit

und motorischen Koordination, schlechten

schulischen Leistungen, strafbarem Verhalten,

unpassendem Sexualverhalten, Alkohol- und Drogenmissbrauch

sowie bleibenden psychischen Problemen

(Barr et al., 2006; Connor et al., 2006; Howell et al.,

2006).

Opfer der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986. Wesnowa, Weißrussland

Natascha Popowa (12) und Wadim Kuleschow (8). Natascha

kam mit einer Mikrozephalie zur Welt, ihr Kopf ist zu klein. Wadim

leidet an einer Knochenkrankheit und ist zudem geistig behindert.

Wie verursacht Alkohol seine verheerenden Auswirkungen?

Erstens stört er die Bildung und Migration

von Neuronen im primitiven Neuralrohr. Untersuchungen

mit bildgebenden Verfahren haben reduzierte

Gehirngrößen gezeigt, Schädigungen zahlreicher

Gehirnstrukturen und Anomalien der Gehirnfunktionen,

etwa der elektrischen und chemischen Aktivitäten

zur Übermittlung von Botschaften von einem Teil

des Gehirns an einen anderen (Riley, McGee & Sowell,

2004; Spadoni et al., 2007). Zweitens braucht der Körper

große Sauerstoffmengen, um den Alkohol in seinem

Stoffwechsel zu verarbeiten. Das starke Trinken

einer schwangeren Frau zieht Sauerstoff ab, den der

sich entwickelnde Organismus zum Zellwachstum

benötigt.

Etwa 25 Prozent der US-amerikanischen Frauen (in

Deutschland 58 Prozent; Bundesministerium für Gesundheit,

www.bmg.bund.de; Ergebnisse der Charité

Berlin ) geben an, irgendwann während ihrer Schwangerschaft

getrunken zu haben. Wie bei Heroin und

Kokain tritt Alkoholmissbrauch häufi ger bei Frauen

auf, die in Armut leben. In einigen Indianer-Reservaten

tritt FAS bei zehn bis 20 Prozent der Neugeborenen

auf (Szlemko, Wood & Thurman, 2006; US Department

of Health and Human Services, 2007e). Leider führt

das durch das Syndrom verursachte schlechte Urteilsvermögen

betroffener Mädchen bei einer späteren

Schwangerschaft häufi g dazu, dass sie nicht verstehen,

warum sie selbst den Alkohol meiden sollten.

Somit setzt sich wahrscheinlich der tragische Teufelskreis

in der folgenden Generation fort.

Wie viel Alkohol ist in der Schwangerschaft unschädlich?

Sogar leichtes Trinken, weniger als ein alkoholisches

Getränk am Tag, wird mit reduzierter Größe

des Kopfes und des Körperwachstums bei Kindern

in Verbindung gebracht, die man bis in die Pubertät

beobachtet hat (Jacobson et al., 2004; Martinez-Frias et

al., 2004). Denken Sie daran, dass andere Faktoren –

sowohl genetische als auch umweltbedingte – manche

Feten empfi ndlicher für Teratogene machen können

als andere. Daher ist jeglicher Alkoholkonsum ungesund

– Paare, die eine Schwangerschaft planen und

werdende Mütter sollten ihn gänzlich meiden.

Strahlung

Durch ionisierende Strahlung verursachte Schädigungen

waren auf tragische Weise sichtbar bei Kindern

von schwangeren Müttern, die die Bombardierung

von Hiroshima und Nagasaki während des Zweiten

Weltkriegs überlebten. Ähnliche Anomalien tauchten

1986 während der neun Monate nach dem Unfall in

einem Atomkraftwerk in Tschernobyl in der Ukraine

auf. Das Auftreten von Fehlgeburten und Babys, die

mit unterentwickelten Gehirnen, körperlichen Deformierungen

und langsamem körperlichen Wachstum

geboren wurden, stieg jeweils dramatisch an (Hoffmann,

2001; Schull, 2003).


Selbst wenn ein durch Strahlung belasteter Säugling

normal erscheint, können später Probleme auftreten.

So kann zum Beispiel selbst eine niedrige Strahlenbelastung,

etwa aufgrund eines defekten Strahlenschutzes

in Industrieanlagen oder medizinischer Röntgenaufnahmen

das Risiko von Krebs in der Kindheit

erhöhen (Fattibene et al., 1999). In der mittleren Kindheit

zeigten Kinder in Tschernobyl, die pränatal der

Strahlung ausgesetzt waren, abnorme Gehirnwellenaktivitäten,

niedrigere Testwerte bei Intelligenztests

und zwei- bis dreimal häufi gere sprachliche oder emotionale

Störungen als andere russische Kinder, die

nicht exponiert waren. Und je mehr von Spannungen

aufgrund erzwungener Evakuierung aus ihren Häusern

und Sorge über ein Leben in einer verseuchten

Umwelt berichtet wurde, desto schlechter waren die

emotionalen Reaktionen der Kinder (Loganowski et

al., 2008). Belastende Erziehungsbedingungen schienen

sich mit den schädlichen Effekten pränataler Bestrahlung

zu verbinden und die Entwicklung der Kinder

zu beeinträchtigen.

Umweltverschmutzung

In Industrieländern wird eine erstaunliche Menge an

potenziell gefährlichen Chemikalien in die Umwelt

entlassen. Über 75.000 davon sind in den Vereinigten

Staaten im allgemeinen Gebrauch und jedes Jahr werden

viele neue Umweltgifte zugelassen. Als in US-

Krankenhäusern zehn Neugeborene zufällig ausgewählt

wurden, um das Blut aus ihrer Nabelschnur zu

analysieren, fanden Wissenschaftler ein alarmierendes

Sortiment an industriellen Umweltgiften – insgesamt

287 davon! Sie kamen zu dem Schluss, dass viele

Säuglinge „vergiftet geboren“ werden, durch Chemikalien,

die nicht nur die pränatale Entwicklung beeinträchtigen,

sondern auch das Risiko späterer lebensbedrohlicher

Krankheiten und Gesundheitsprobleme

erhöhen (Houlihan et al., 2005).

In den 1950er-Jahren entsorgte eine japanische Fabrik

ihren Abfall, der große Mengen Quecksilber

enthielt, in eine Bucht, die Fische und Wasser für die

Stadt Minamata in Japan lieferte. Viele Kinder, die zu

dieser Zeit dort geboren wurden, zeigten körperliche

Missbildungen, geistige Retardierung, abnormes Sprechen,

Kau- und Schluckbeschwerden sowie unkoordinierte

Bewegungen. Hohe Quecksilberbelastungen

stören die Produktion und Migration von Neuronen

und verursachen so umfangreiche Gehirnschäden

(Clarkson, Magos & Myers, 2003; Hubbs-Tait et al.,

2005). Schwangere Frauen sollten vorsichtshalber auf

den Verzehr langlebiger Raubfi scharten, zum Beispiel

Schwertfi sch, Weißer Thunfi sch und Haifi sch, verzichten,

da diese Fischarten stark durch Quecksilber

belastet sind.

Viele Jahre lang wurden polychlorierte Biphenyle

(PCBs) als Isolationsmaterial für elektrische Geräte

eingesetzt, bis die Forschung zeigte, dass sie – wie

Quecksilber – ihren Weg in viele Gewässer und damit

in die Nahrungskette fanden. In Taiwan führte pränataler

Kontakt mit sehr hohen Dosen von PCB in Reisöl

zu niedrigem Geburtsgewicht, Hautverfärbungen, Deformierungen

von Gaumen und Nägeln, Anomalien

der Hirnströme und verzögerter kognitiver Entwicklung

(Chen & Hsu, 1994; Chen et al., 1994). Ständig

niedrigen Dosen von PCB ausgesetzt zu sein, ist ebenfalls

schädlich. Frauen, die häufi g PCB-kontaminierten

Fisch aus den Großen Seen aßen, hatten im Vergleich

zu Frauen, die wenig oder gar keinen Fisch aßen,

Säuglinge mit niedrigerem Geburtsgewicht, kleineren

Köpfen, anhaltenden Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen

sowie niedrigeren Testwerten bei Intelligenztests

während der Kindheit (Jacobson & Jacobson,

2003; Stewart et al., 2000; Walkowiak et al., 2001).

Ein anderer Giftstoff, nämlich Blei , fi ndet sich in

Farbe, die von den Wänden alter Gebäude abblättert,

sowie in bestimmten Materialien, die in industriellen

Berufen eingesetzt werden. Hohe pränatale Belastung

mit Blei steht im Zusammenhang mit Frühgeburten,

geringem Geburtsgewicht, Hirnschäden und einer großen

Anzahl körperlicher Defekte. Selbst niedrige Belastungen

können gefährlich sein. In etlichen Studien

zeigten betroffene Säuglinge eine etwas schlechtere

geistige und motorische Entwicklung (Bellinger,

2005). In einer Studie zeigten sich ungünstige langfristige

Folgen – in Form vermehrten strafbaren und antisozialen

Verhaltens – in der Adoleszenz (Dietrich et

al., 2001).

Schließlich hängt die pränatale Belastung durch

Dioxine – giftige chemische Verbindungen, die durch

Müllverbrennung entstehen – mit Schädigungen des

Gehirns, des Immunsystems und der Schilddrüsen

von Säuglingen zusammen sowie einer erhöhten Häufi

gkeit von Brust- und Gebärmutterkrebs bei Frauen,

womöglich durch Veränderungen von Hormonspiegeln

(ten Tusscher & Koppe, 2004). Ferner können

schon kleinste Mengen Dioxin im Blutkreislauf des

Vaters eine dramatische Veränderung der Geschlechterverteilung

des Nachwuchses herbeiführen: Betroffene

Männer zeugen beinahe doppelt so häufi g Mädchen

wie Jungen (Ishihara et al., 2007; Mocarelli et al.,

2000). Dioxin scheint die Fruchtbarkeit Y-tragender

Spermien vor einer Empfängnis zu beeinträchtigen.

Infektionskrankheiten

3.2 Pränatale Umwelteinflüsse

Bei ihrer ersten Schwangerschaftskontrolluntersuchung

fragte Danas Arzt, ob sie und Jörg schon bestimmte

Krankheiten wie Masern, Mumps und Windpocken

sowie einige andere Krankheiten gehabt hätten. Obwohl

die meisten ansteckenden Krankheiten keinen

Einfl uss auf den Embryo oder Fetus haben, können

einige wenige davon – wie die Tabelle 3.2 zeigt –

schwere Schäden verursachen.

117


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

118

Tabelle 3.2: Auswirkungen einiger Infektionskrankheiten während der Schwangerschaft

Krankheit Fehlgeburt körperliche

Missbildungen

Virusinfektionen

erworbenes Immunschwäche-Syndrom

(AIDS)

Viren

Mitte der 1960er-Jahre führte eine weltweite Rötelepidemie

zur Geburt von über 20.000 schwer geschädigten

nordamerikanischen Kindern. In Übereinstimmung

mit dem Konzept der sensiblen Phasen tritt der

größte Schaden ein, wenn die Röteln während der embryonalen

Phase auftreten. Über 50 Prozent der Säuglinge,

deren Mütter in dieser Phase krank werden,

zeigen einen Katarakt (Grauen Star), Taubheit oder

Anomalien des Herzens, der Geschlechtsorgane, des

Harn- oder Verdauungstrakts oder geistige Retardierung

(Eberhart-Phillips, Frederick & Baron, 1993).

Eine Ansteckung während der fetalen Periode ist

weniger gefährlich, aber auch dann können ein niedriges

Geburtsgewicht, Hörverlust und Knochenschädigungen

vorkommen und die durch pränatale Röteln

verursachten Gehirnanomalien erhöhen das Risiko

schwerer geistiger Störungen im Erwachsenenalter

(Brown, 2006). Durch Routine-Impfungen von Säuglingen

und Kindern in den industrialisierten Ländern

ist ein erneutes Ausbrechen von Röteln unwahrscheinlich

(Hyde et al., 2006), doch weiterhin gesche-

geistige

Retardierung

0 2 + 2

Windpocken 0 + + +

humanes Zytomegalie-Virus, HZMV (oder

humanes Herpes-Virus 5, HHV5)

humanes Herpes-Virus 2 (HSV 2, Herpes

genitalis)

+ + + +

+ + + +

Mumps + 2 0 0

Röteln + + + +

bakterielle Infektionen

Chlamydien + 2 0 +

Syphilis + + + 2

Tuberkulose + 2 + +

Infektionen durch Parasiten

Malaria + 0 0 +

Toxoplasmose + + + +

Legende: + = gesicherte Erkenntnis; 0 = es liegen zurzeit keine Erkenntnisse vor; 2 = mögliche, nicht gesicherte Folge.

Quellen: Jones, Lopez & Wilson, 2003; Kliegman et al., 2008; Mardh, 2002; O’Rahilly & Müller, 2001.

niedriges Geburtsgewicht

und Frühgeburt

hen weltweit etwa 100.000 pränatale Ansteckungen,

überwiegend in Entwicklungsländern in Afrika und

Asien mit unzulänglichen oder fehlenden Impfprogrammen

(Robinson et al., 2006).

Das menschliche (humane) Immunschwächevirus

(HIV) , das zum erworbenen Immunschwäche-Syndrom

führen kann, einer Krankheit, die das Immunsystem

zerstört, hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer

mehr Frauen infi ziert. In den Entwicklungsländern,

in denen 95 Prozent der Neuinfektionen geschehen,

sind in der Mehrzahl der Fälle Frauen betroffen.

So ist zum Beispiel in Südafrika ein Viertel aller

Schwangeren HIV-positiv (Kasmauski & Jaret, 2003;

Quinn & Overbaugh, 2005). HIV-infi zierte werdende

Mütter geben in 20 bis 30 Prozent der Fälle den tödlichen

Virus an den sich entwickelnden Organismus

weiter.

AIDS schreitet bei Säuglingen sehr rasch voran. Um

den 6. Monat herum sind Gewichtsverlust, Durchfall

und wiederholte Atemwegserkrankungen üblich. Das

Virus verursacht auch Gehirnschäden. Die meisten

pränatalen AIDS-Babys überleben nur fünf bis acht


Monate nach Erscheinen der Symptome (O’Rahilly &

Müller, 2001). Das Antivirus-Medikament Zidovudin

(ZDV) vermindert die pränatale Übertragung von AIDS

bis zu 95 Prozent, ohne schädliche Folgen der Medikamentenbehandlung

für die Kinder (Culnane et al.,

1999). ZDV hat in den westlichen Ländern zu einem

dramatischen Rückgang von pränatal erworbenem AIDS

geführt, ist jedoch in verarmten Regionen der Welt

nicht allgemein verfügbar (United Nations, 2006a).

Wie Tabelle 3.2 zeigt, reagiert der sich entwickelnde

Organismus besonders empfi ndlich auf die Familie

der Herpes-Viren, für die es keinen Impfstoff und keine

Behandlung gibt. Unter ihnen sind das Zytomegalie-Virus

(die häufi gste pränatale Infektion, die über

die Atemluft oder durch Geschlechtsverkehr übertragen

wird) und das humane Herpes-Virus 2 oder Herpes

genitalis (das durch Geschlechtsverkehr übertragen

wird) besonders gefährlich. Bei beiden dringt das

Virus in den Geschlechtstrakt der Mutter ein und infi -

ziert das Kind entweder während der Schwangerschaft

oder bei der Geburt. Die Auftretenshäufi gkeit schwankt

zwischen einem und vier Prozent der Frauen nach

deutschen Angaben (vgl. Zetkin & Schaldach, 2005).

Bakterielle und parasitäre Infektionen

Tabelle 3.2 führt auch durch Bakterien und Parasiten

verursachte Krankheiten auf. Am häufi gsten ist die

Toxoplasmose , die durch einen Parasiten, der in vielen

Tieren zu fi nden ist, verursacht wird. Schwangere

Frauen können durch den Genuss von rohem oder

nicht ganz garem Fleisch oder durch den Kontakt mit

Kot infi zierter Katzen angesteckt werden. Etwa 40 Prozent

der Frauen, die die Krankheit haben, übertragen

sie auf den sich entwickelnden Organismus. Wenn sie

während des ersten Schwangerschaftsdrittels ausbricht,

kann sie Augen- und Gehirnschäden verursachen

(Jones, Lopez & Wilson, 2003). Werdende Mütter

können Toxoplasmose vermeiden, indem sie sicherstellen,

dass sie nur gar gekochtes Fleisch verzehren,

ihre Haustiere auf die Krankheit untersuchen lassen

und die Entsorgung von Haustiertoiletten anderen Familienmitgliedern

überlassen.

3.2.2 Andere durch die Mutter

wirkende Faktoren

Neben der Vermeidung von Teratogenen können werdende

Eltern die Entwicklung des Embryos und Fetus

noch auf andere Weise unterstützen. Bei gesunden

Frauen in gutem körperlichen Zustand ist regelmäßiger

leichter Sport wie Laufen, Schwimmen, Radfahren

oder Aerobic mit einem höheren Geburtsgewicht verbunden

(Leiferman & Evenson, 2003). Häufi ges, anstrengendes

Training, insbesondere in der späten

Schwangerschaft, hat jedoch das genaue Gegenteil zur

Folge – ein geringeres Geburtsgewicht als bei einer

gesunden, nicht trainierenden Kontrollgruppe (Clapp

et al., 2002). (Schwangere Frauen mit Gesundheitsproblemen

wie Kreislaufbeschwerden oder vorangegangenen

Fehlgeburten sollten ihren Arzt wegen

Fitnessprogrammen konsultieren.) In den folgenden

Ab schnitten behandeln wir andere, durch die Mutter

wirkende Faktoren – Ernährung, emotionaler Stress,

Blutgruppe, Alter und vorangegangene Geburten.

Ernährung

3.2 Pränatale Umwelteinflüsse

Vor der Geburt, wenn Kinder schneller wachsen als zu

jeder anderen Zeit, hängen sie für ihre Versorgung mit

Nährstoffen völlig von der Mutter ab. Eine gesunde

Ernährung der Mutter, die zu einer Gewichtszunahme

von 10 bis 13,5 kg führt, hilft dabei, die Gesundheit

von Mutter und Kind zu erhalten.

Folgen pränataler Mangelernährung

Pränatale Mangelernährung kann schwere Schäden

des Zentralnervensystems verursachen. Je schlechter

die Ernährung der Mutter ist, desto größer ist der Verlust

an Hirngewicht, besonders wenn die Mangelernährung

im letzten Schwangerschaftsdrittel stattfand.

Während dieser Zeit nimmt das Gehirn sehr schnell

an Größe zu und eine Ernährung der Mutter mit allen

grundlegenden Nährstoffen ist notwendig, damit es

sein volles Potenzial erreicht (Morgane et al., 1993).

Eine unzureichende Ernährung während der Schwangerschaft

kann auch die Struktur anderer Organe, etwa

der Leber, der Nieren und der Bauchspeicheldrüse,

schädigen und so zu lebenslangen Gesundheitsproblemen

führen (siehe auch Info-Kasten „Ausblick auf die

Lebensspanne“).

Diese südafrikanische Mutter und ihr Säugling, die unter AIDS leiden,

zeigen beide ausgedehnten Kopfgrind. Ihr geschwächtes Immunsystem

lässt normalerweise harmlose Infektionen lebensbedrohlich werden.

Da AIDS bei Kleinkindern sehr rasch voranschreitet, hat der Säugling

vielleicht nur noch einige Monate zu leben.

119


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

120

Da Mangelernährung die Entwicklung des Immunsystems

hemmt, stecken sich pränatal schlecht ernährte

Kinder häufi g mit Atemwegserkrankungen an

(Chandra, 1991). Zudem sind sie häufi g unausgeglichen

und reagieren nur schwach auf Stimulierung. In

armen Familien treten solche Auswirkungen rasch in

Zusammenhang mit einem belasteten häuslichen Leben

auf. Mit zunehmendem Alter werden niedrige

Intelligenz und schwere Lernstörungen immer offensichtlicher

(Pollitt, 1996).

Vorbeugung und Behandlung

Viele Studien belegen, dass die Versorgung schwangerer

Mütter mit gesunder Ernährung positive Auswirkungen

auf die Gesundheit ihrer Neugeborenen hat.

Jedoch benötigen die Wachstumsanforderungen der

pränatalen Periode mehr als nur die Erhöhung der

Menge der sonst üblichen Ernährung. Es müssen auch

vermehrt Vitamine und Mineralien zu sich genommen

werden. So reduziert zum Beispiel die zusätzliche

Einnahme eines Folsäurepräparats um die Zeit der

Empfängnis Anomalien des Neuralrohrs wie Anenzephalie

(Hirnabschnitte degenerieren, da exponiert)

und Spina bifi da (Defekt im Wirbelsäulenskelett) um

über 70 Prozent (siehe Tabelle 3.4) Darüber hinaus halbiert

die Gabe von Folsäuren während der letzten zehn

Schwangerschaftswochen das Risiko einer Frühgeburt

und eines geringen Geburtsgewichts (MCR Vitamin

Study Research Group, 1991; Scholl, Heidiger & Belsky,

1996). Daher empfehlen Richtlinien der US-Regierung

allen Frauen im gebärfähigen Alter die tägliche

Einnahme von mindestens 0,4 mg Folsäure. Für Frauen,

die in einer früheren Schwangerschaft von einer

Neuralrohrschädigung betroffen waren, wird eine Tagesdosis

von 4 bis 5 mg empfohlen (die Dosierung muss

sorgfältig beachtet werden, da eine zu hohe Dosis

schädlich sein kann) (American Academy of Pediatrics,

2006). Zurzeit werden Brot, Mehl, Reis, Nudeln und

andere Getreideprodukte mit Folsäure angereichert.

Wenn eine schlechte Ernährung über die ganze

Schwangerschaft hinweg anhält, benötigen die Säuglinge

in der Regel mehr als eine bessere Ernährung.

Erfolgreiche Interventionen müssen auch den Zirkel

von Gleichgültigkeit in den Mutter-Kind-Interaktionen

durchbrechen. Einige tun das, indem sie Eltern

beibringen, wie man mit Babys umgehen kann, so dass

sie gut gedeihen, während andere sich darauf konzentrieren,

die Säuglinge zu stimulieren, um die aktive

Auseinandersetzung mit ihrer physischen und sozialen

Umwelt zu fördern (Grantham-McGregor et al., 1994;

Grantham-McGregor, Schofi eld & Powell, 1987).

Obwohl pränatale Mangelernährung am weitesten

verbreitet in den von Armut betroffenen Regionen der

Welt ist, ist sie nicht auf die Entwicklungsländer begrenzt.

Das U.S. Special Supplemental Food Program

for Women, Infants and Children (WIC, „Spezielles

Zusatzernährungsprogramm für Frauen, Säuglinge

und Kinder“), das schwangere Frauen mit niedrigem

Einkommen mit Nahrungspaketen versorgt, erreicht

etwa 90 Prozent der Berechtigten (US Department of

Agriculture, 2008). Doch viele Frauen in den Vereinigten

Staaten, die eine Ernährungsintervention benötigen,

erfüllen nicht die Voraussetzungen für das WIC.

In Deutschland sorgt die staatliche Gesundheitsfürsorge

für die Kontrolle und Unterstützung der bedürftigen

Mütter und ihrer Kinder.

Emotionaler Stress

Wenn eine Frau in der Schwangerschaft schwere seelische

Belastungen ertragen muss, ist ihr Kind vielerlei

Risiken ausgesetzt. Starke Ängste stehen im Zusammenhang

mit häufi geren Fehl- und Frühgeburten,

geringem Geburtsgewicht, Erkrankungen der Atemwege

und des Verdauungstrakts, Schlafstörungen und

Reizbarkeit in den ersten drei Lebensjahren (Field et

al., 2007; Mulder et al., 2002; Wadhwa, Sandman &

Garite, 2001). Sie wird auch mit bestimmten körperlichen

Defekten verbunden wie Lippen- und Gaumenspalten,

Missbildungen des Herzens und Magenpförtnerstenose

(Verengung des Magenausgangs beim

Säugling, der häufi g chirurgisch behandelt werden

muss) (Carmichael & Shaw, 2000).

Wie kann Stress der Mutter sich auf den Fetus auswirken?

Um diesen Vorgang besser zu verstehen,

NEHMEN SIE SICH BITTE EINEN MOMENT ZEIT

und notieren Sie eine Liste mit den Veränderungen,

die Sie in Ihrem eigenen Körper festgestellt haben, als

Sie das letzte Mal unter Stress standen. Wenn wir

Furcht und Angst erleben, führen Hormonstimulanzien,

die in unseren Blutstrom gelangen, dazu, ausgleichende

Reaktionen einzuleiten. Große Mengen von

Blut werden in die Körperteile geschickt, die an der

defensiven Reaktion beteiligt sind – Gehirn, Herz,

Muskeln, Arme, Beine und Rumpf. Der Blutfl uss in

andere Organe einschließlich der Gebärmutter ist reduziert.

Folglich erhält der Fetus weniger Sauerstoff

und Nährstoffe.

Stresshormone dringen auch in die Gebärmutter

ein, was zu einer dramatischen Zunahme der Herzfrequenz

beim Fetus führt (Monk et al., 2000, 2004). Sie

können auch die neurologischen Funktionen des Fetus

dauerhaft verändern, wodurch die Stressempfi ndlichkeit

im späteren Leben erhöht wird (Monk et al.,

2003). Für eine Studie suchten Wissenschaftler Mütter,

die den Einsturz des World Trade Centers am

11. September 2001 unmittelbar miterlebt hatten, während

sie schwanger waren. Im Alter von neun Monaten

wurde bei ihren Säuglingen die Konzentration von

Kortisol im Speichel gemessen, einem Hormon, das

eine Rolle bei der Regulierung von Stressreaktionen

spielt. Kinder, deren Mütter mit ausgeprägten Angstzuständen

auf die Katastrophe reagiert hatten, wiesen

abnorm niedrige Kortisolpegel auf, ein Symptom für

eine verminderte physiologische Fähigkeit, Stress zu


ewältigen (Yehuda et al., 2005). In Übereinstimmung

mit diesem Ergebnis prognostiziert emotionaler Stress

der Mutter während der Schwangerschaft bei Vorschul-

und Schulkindern Ängste, kurze Aufmerksamkeitsspannen,

Wut, Aggression und Überaktivität, zusätzlich

zu den Auswirkungen anderer Risiken, etwa

Rauchen der Mutter während der Schwangerschaft,

niedriges Geburtsgewicht, postnatale Ängste der Mutter

und niedrigem SÖS (de Weerth & Buitelaar, 2005;

Gutteling et al., 2006; Van den Bergh, 2004).

Stressbezogene pränatale Komplikationen werden

jedoch stark eingeschränkt, wenn Mütter Partner, andere

Familienmitglieder und Freunde haben, die sie

unterstützen (Federenko & Wadhwa, 2004). Der Zusammenhang

zwischen sozialer Unterstützung und

positiven Schwangerschaftsentwicklungen ist besonders

stark bei Frauen mit niedrigem Einkommen, die

oft einen sehr belasteten Alltag haben (Hoffman &

Hatch, 1996).

Rhesusfaktor-Unverträglichkeit

Wenn die ererbten Blutgruppen von Mutter und Fetus

unterschiedlich sind, können ernsthafte Probleme

entstehen. Der häufi gste Grund dieser Schwierigkeiten

ist die Rhesusfaktor-Unverträglichkeit . Wenn die

Mutter Rh-negativ ist (Mangel an Rh-Blutprotein) und

der Vater Rh-positiv (das Protein besitzt), kann das

Baby die Rh-positive Blutgruppe des Vaters erben.

Selbst wenn nur ganz wenig des Rh-positiven Blutes

vom Fetus die Gebärmutter durchquert und in den Rhnegativen

Blutstrom der Mutter gelangt, fängt sie an,

Antikörper gegen das fremde Rh-Protein zu bilden.

Häufigkeit pro 1000 Entbindungen

160

140

120

100

80

60

40

20

0

20 – 25 Jahre

30 – 39 Jahre

40 – 49 Jahre

50 – 55 Jahre

Präeklampsie

der Mutter

niedriges

Geburtsgewicht

Tod des Fetus

Wenn diese in das System des Fetus gelangen, zerstören

sie rote Blutzellen, was die Sauerstoffversorgung von

Organen und Gewebe reduziert. Geistige Retardierung,

Fehlgeburt, Herzschäden und Tod des Säuglings können

auftreten.

Da es einige Zeit dauert, bis die Mutter Rh-Antikörper

bildet, sind erstgeborene Kinder nur selten betroffen.

Die Gefahr nimmt bei jeder weiteren Schwangerschaft

zu. Zum Glück können schädliche Auswirkungen der

Rh-Unverträglichkeit in den meisten Fällen verhindert

werden. Nach der Geburt eines jeden Rh-positiven

Babys erhalten Rh-negative Mütter routinemäßig

eine Impfung, um die Bildung von Antikörpern zu

verhindern. Bei Notfällen können unmittelbar nach

oder sogar vor der Geburt Bluttransfusionen durchgeführt

werden.

Alter der Mutter

3.2 Pränatale Umwelteinflüsse

In Kapitel 2 haben wir darauf hingewiesen, dass Frauen,

die das Gebären verschieben, bis sie über Dreißig

oder über Vierzig sind, sich einem zunehmenden Risiko

von Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten und Babys

mit Chromosomdefekten aussetzen. Sind noch weitere

Schwangerschaftskomplikationen bei älteren Müttern

verbreitet? Die Forschung hat immer wieder gezeigt,

dass bei gesunden Müttern in ihren Dreißigern

etwa die gleiche Häufi gkeit von pränatalen und Geburts-Komplikationen

zu beobachten ist wie bei solchen

Frauen in ihren Zwanzigern (Bianco et al., 1996;

Dildy et al., 1996; Prysak, Lorenz & Kisly, 1995). Wie

Abbildung 3.8 zeigt, steigt danach die Häufi gkeit von

Komplikationen an, mit einem steilen Anstieg bei

Abbildung 3.4: Zusammenhang zwischen dem Alter

der Mutter und Komplikationen vor und während der

Geburt. Ab einem Alter von 40 treten häufiger Komplikationen

auf, mit einem steilen Anstieg zwischen 50 und

55 Jahren.

121


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

122

Frauen zwischen 50 und 55 – einem Alter, in dem

aufgrund der Menopause (Ende der Menstruation)

und dem Altern der Fortpfl anzungsorgane nur noch

wenige Frauen auf natürlichem Wege schwanger werden

können (Salihu et al., 2003).

Verursacht die körperliche Unreife von Teenagern

bei Schwangerschaften pränatale Komplikationen?

Wieder zeigt die Forschung, dass das nicht so ist. Wie

in Kapitel 11 dargestellt wird, versucht die Natur sicherzustellen,

dass ein Mädchen, sobald es empfangen

kann, auch körperlich zum Austragen und Gebären

eines Babys in der Lage ist. Bei Säuglingen, die von

Teenagern geboren werden, treten häufi ger Probleme

auf, allerdings nicht direkt wegen des geringen Alters

der Mutter. Die meisten schwangeren Teenager kommen

aus einkommensschwachen Familien, in denen

Stress, mangelhafte Ernährung und gesundheitliche

Probleme verbreitet sind. Darüber hinaus scheuen

sich viele von ihnen, zum Arzt zu gehen, oder haben –

in den Vereinigten Staaten – keinen Zugang zu medizinischen

Leistungen, weil sie nicht krankenversichert

sind (US Department of Health and Human Services,

2008g).

Heranwachsende haben keinen eigenständigen Zugang

zur medizinischen Versorgung oder Angst davor,

sie in Anspruch zu nehmen. Zusätzlich kommen die

meisten schwangeren Teenager aus einem niedrigen

sozialen Milieu, in denen stressauslösende Faktoren

(Stressoren), schlechte Ernährung und Gesundheitsprobleme

häufi ger zu fi nden sind (Coley & Chase-

Lansdale, 1998).

3.2.3 Die Wichtigkeit pränataler

Gesundheitsvorsorge

Dana hatte ihren ersten pränatalen Untersuchungstermin

drei Wochen nach dem Ausbleiben ihrer Periode.

Danach ging sie bis in den siebten Monat ihrer Schwangerschaft

einmal im Monat zum Arzt, im achten dann

zweimal. Mit dem Näherrücken der Geburt ließ sie

sich einmal in der Woche untersuchen. Der Arzt überwachte

ihre allgemeine Gesundheit sowie die Gewichtszunahme

und die Fähigkeit ihrer Gebärmutter

und des Muttermundes, den Fetus zu stützen. Das

Wachstum des Fetus wurde ebenfalls sorgfältig überwacht.

Danas Schwangerschaft war, wie die meisten, frei

von Komplikationen. Aber unerwartete Schwierigkeiten

können auftreten, zumal wenn eine Mutter Gesundheitsprobleme

hat. Zum Beispiel brauchen Diabetikerinnen

eine sorgfältige Überwachung. Zu viel

Zucker im Kreislauf der Mutter führt dazu, dass der

Fetus überdurchschnittlich groß wird, was zu häufi geren

Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen

führt. Eine weitere Komplikation ist die Präeklampsie ,

bei der der Blutdruck stark ansteigt und sich Protein

im Urin ansammelt. Gesicht, Hände und Füße schwel-

len in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft an; sie

wird bei fünf bis zehn Prozent der schwangeren Frauen

beobachtet. Wenn sie nicht behandelt wird, kann

Präeklampsie zu Krämpfen bei der Mutter und zum

Tod des Fetus führen. Gewöhnlich können die Einweisung

in ein Krankenhaus, Bettruhe und Medikamente

den Blutdruck auf ein ungefährliches Niveau senken

(Vidaeff, Carroll & Ramin, 2005). Andernfalls muss

sofort die Geburt eingeleitet werden.

Leider warten 16 Prozent der Schwangeren in den

Vereinigten Staaten bis nach dem ersten Schwangerschaftsdrittel,

bevor sie die Schwangerschaftsvorsorge

in Anspruch nehmen, und vier Prozent erhalten überhaupt

keine Vorsorge. In Deutschland nehmen zehn

Prozent der schwangeren Frauen keine regelmäßige

Vorsorge in Anspruch. In Sachsen mit einer relativ

hohen Zahl an minderjährigen Müttern (15 von 1000

im Vergleich zur gesamten Bundesrepublik mit zehn

von 1000) wird das Vorsorgeangebot schlechter als

von erwachsenen Schwangeren angenommen (Tillich,

2005). Die meisten von ihnen sind Heranwachsende,

unverheiratet oder gehören in den USA zu in Armut

lebenden ethnischen Minderheiten. Ihre Kinder werden

dreimal häufi ger untergewichtig geboren und sterben

fünfmal häufi ger als Neugeborene von Müttern,

die frühzeitig medizinische Betreuung erfahren (Child

Trends, 2007). Obwohl die ärmsten dieser Mütter ein

Anrecht auf staatlich fi nanzierte Gesundheitsdienste

haben, treffen die Bestimmungen für die Inanspruchnahme

dieser Dienste auf viele Frauen mit niedrigem

Einkommen in den USA nicht zu. Später in diesem

Kapitel werden Geburts-Komplikationen vorgestellt,

und es wird ersichtlich, dass in Ländern, in denen

eine erschwingliche medizinische Versorgung allge-

Während einer pränatalen Routineuntersuchung benutzt ein Arzt

Ultraschall, um dieser werdenden Mutter ein Bild ihres Fetus zu zeigen

und seine Entwicklung zu beurteilen. Alle schwangeren Frauen sollten

frühe und regelmäßige pränatale Vorsorge erhalten, um ihre eigene

Gesundheit und die ihres Kindes zu schützen.


mein zugänglich ist, zum Beispiel Australien, Kanada,

Japan und vielen europäischen Ländern, darunter

Deutschland, Schwangerschaften mit später Versorgung

und Komplikationen bei Mutter und Kind weniger

häufi g zu beobachten sind.

Neben fi nanzieller Not gibt es auch andere Gründe,

warum manche Mütter keine Schwangerschaftsvorsorge

in Anspruch nehmen. Dazu zählen situative Hürden

(Schwierigkeiten, einen Arzt zu fi nden, einen Termin

zu bekommen und den Transport in die Praxis zu organisieren)

und persönliche Hürden (psychische Belastungen,

die Notwendigkeit, andere kleine Kinder

versorgen zu müssen, ambivalente Einstellung zur

Schwangerschaft und Familienkrisen. Viele zeigten

auch starkes Risikoverhalten wie Rauchen und Medikamenten-

und Drogenmissbrauch (Daniels, Noe & Mayberry,

2006; Maupin et al., 2004). Solche Frauen, die

wenig oder keine pränatale Fürsorge erfuhren, zählten

zu denjenigen, die sie am nötigsten gehabt hätten!

Sicher ist öffentliche Aufklärung über die Bedeutung

früher und regelmäßiger Schwangerschaftsvorsorge

für alle Frauen dringend notwendig. Der Kasten

über Anwendung des Gelernten mit dem Thema fasst

Verhaltensempfehlungen für eine gesunde Schwangerschaft

zusammen, die aus der Diskussion über die

pränatale Umwelt abgeleitet sind.

Prüfen Sie sich selbst…

Rückblick

Warum ist es schwierig, die Wirkung einiger Substanzen aus der

Umwelt, zum Beispiel rezeptfreie Medikamente oder Umweltgifte,

auf Embryo und Fetus festzustellen?

Anwendung

Nora ist zum ersten Male schwanger und glaubt, ein paar Zigaretten

und ein Glas Wein pro Tag würden nicht schaden. Halten Sie

Nora mit wissenschaftlich fundierten Argumenten an, nicht zu

trinken und zu rauchen.

Zusammenhänge

Wie illustrieren Teratogene die Annahme der in Kapitel 2 erörterten

Epigenese, dass Umwelteinflüsse sich auf die Genexpression

auswirken können?

Zum Nachdenken

Wenn Sie in einer Kampagne zur Förderung gesunder pränataler

Entwicklung fünf Umwelteinflüsse zur Veröffentlichung auswählen

müssten, welche Faktoren würden Sie aus welchen Gründen

wählen?

Anwendung des Gelernten: Verhaltensempfehlungen für eine gesunde Schwangerschaft

Was Sie tun sollten Was Sie unterlassen sollten

Stellen Sie sicher, bevor Sie schwanger werden, dass Sie gegen

gefährliche Infektionen, die dem Embryo und Fetus schaden

könnten, geimpft sind, so etwa gegen Röteln. Die meisten

Impfungen bieten während der Schwangerschaft keinen sicheren

Schutz.

Gehen Sie zum Arzt, sobald Sie vermuten, dass Sie schwanger

sind, und lassen Sie sich während der gesamten Schwangerschaft

regelmäßig ärztlich untersuchen.

Ernähren Sie sich ausgewogen und nehmen Sie ärztlich verschriebene

ergänzende Vitamin- und Mineralpräparate ein, sowohl vor

als auch während Ihrer Schwangerschaft. Nehmen Sie allmählich

11 bis 14 kg zu.

Besorgen Sie sich Literatur über pränatale Entwicklung und

Vorsorge von Ihrem Arzt, Ihrer Stadtbücherei oder im Buchladen.

Konsultieren Sie Ihren Arzt, falls Sie Fragen haben.

Halten Sie sich durch leichte Gymnastik körperlich fit. Falls

möglich, nehmen Sie an einem speziellen Kurs für Schwangerschaftsgymnastik

teil.

Vermeiden Sie emotionale Belastungen. Falls Sie alleinstehend

sind, suchen Sie sich eine Verwandte oder Freundin, auf deren

emotionale Unterstützung Sie zählen können.

Sorgen Sie für viel Ruhe. Eine übermüdete Mutter riskiert

Schwangerschaftskomplikationen.

Melden Sie sich mit Ihrem Partner oder einem anderen Freund für

einen Kurs über pränatale Probleme und Geburtsinformationen

an. Wenn Sie wissen, was sie erwartet, können die neun Monate

bis zur Geburt eine der schönsten Phasen in ihrem Leben sein.

3.2 Pränatale Umwelteinflüsse

Nehmen Sie keine Medikamente ein, ohne vorher Ihren Arzt

gefragt zu haben.

Rauchen Sie nicht. Falls Sie Raucherin sind, rauchen Sie weniger

oder hören Sie am besten ganz damit auf. Meiden Sie das Passivrauchen.

Falls andere Familienmitglieder Raucher sind, bitten Sie

sie darum, entweder aufzuhören oder draußen zu rauchen.

Trinken Sie von dem Zeitpunkt an, an dem Sie sich für eine

Schwangerschaft entscheiden, keinen Alkohol.

Nehmen Sie nicht an Aktivitäten teil, die Ihr Kind Umweltbelastungen

wie Strahlung oder Umweltgiften aussetzen könnten.

Nehmen Sie nicht an Aktivitäten teil, die Ihr Kind gefährlichen

Infektionskrankheiten wie Toxoplasmose aussetzen könnten.

Machen Sie während der Schwangerschaft keine Schlankheitskur.

Nehmen Sie während der Schwangerschaft nicht zu viel an

Gewicht zu. Eine zu große Gewichtszunahme kann zu Komplikationen

führen.

123


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

124

Die Geburt 3.3

Obwohl Dana und Jörg ein Seminar zur Entwicklungspsychologie

drei Monate vor der Geburt ihres Kindes

abschlossen, sagten beide zu, im folgenden Frühjahr

wiederzukommen, um ihre Erfahrungen den nächsten

Seminarteilnehmern mitzuteilen. Der zwei Wochen

alte Jonas war auch dabei. Danas und Jörgs Geschichte

offenbart, dass die Geburt eines Kindes als eines der

dramatischsten und emotionalsten Ereignisse erfahren

wird. Jörg war während der Wehen und bei der

Entbindung dabei. Dana berichtete:

Gegen Morgen war uns klar, dass die Wehen

begonnen hatten. Es war ein Donnerstag und so

gingen wir zu meinem üblichen Untersuchungstermin.

Der Arzt sagte, ja, das Baby

wäre unterwegs, aber es würde eine Weile dauern.

Er sagte uns, dass wir nach Hause gehen

sollten, um uns zu entspannen und dann in

drei oder vier Stunden wieder ins Krankenhaus

kommen sollten. Wir meldeten uns um drei

Uhr nachmittags im Krankenhaus an; Jonas

traf um zwei Uhr am nächsten Morgen ein. Als

die eigentliche Geburt endlich begann, ging alles

sehr schnell; nach ungefähr einer halben

Stunde und einigen starken Presswehen war er

da! Sein Gesicht war rot und verquollen und

sein Kopf verformt, aber ich dachte: Unser

Sohn! Ich kann es gar nicht fassen, dass er

wirklich da ist.

Auch Jörg war durch Jonas’ Geburt in Hochstimmung.

„Ich wollte Dana unterstützen und so viel mitbekommen,

wie möglich. Es war unbeschreiblich“, sagte er,

während er Jonas über seiner Schulter hielt und ihn

sanft streichelte und küsste. In den folgenden Kapiteln

wird das Erlebnis der Geburt sowohl vom Standpunkt

der Eltern wie von dem des Babys her erläutert.

3.3.1 Die Phasen der Geburt

Es überrascht nicht, dass die Geburt im Englischen oft

als Arbeit (labor) bezeichnet wird. Es ist die schwerste

körperliche Arbeit, die eine Frau vielleicht jemals auf

sich nimmt. Eine komplexe Reihe hormoneller Veränderungen

bringt den Prozess in Gang, der sich natürlicherweise

in drei perinatale Phasen gliedert (siehe

Abbildung 3.5):

1 Erweiterung und Rückzug des Muttermundes. Das

ist die längste Phase des Geburtsvorganges, die

durchschnittlich zwölf bis 14 Stunden bei der ersten

und vier bis sechs Stunden bei späteren Geburten

dauert. Die Kontraktionen der Gebärmutter

werden zunehmend häufiger und stärker, was dazu

führt, dass der Muttermund sich erweitert und

wieder ganz zusammenzieht. So wird ein Vaginal-

rohr von der Gebärmutter in die Vagina hinein gebildet,

der Geburtskanal.

2 Austreibung und Geburt des Kindes. Diese Phase

ist viel kürzer, bei der ersten Geburt dauert sie etwa

50 Minuten, bei späteren Geburten 20 Minuten.

Die starken Kontraktionen der Gebärmutter bestehen

fort und die Mutter hat ein natürliches Bedürfnis,

mit ihren Bauchmuskeln zu pressen und zu

stoßen. Damit treibt sie mit jeder Kontraktion das

Baby hinunter und hinaus.

3 Nachgeburt der Plazenta. Die Wehen gehen mit

einigen letzten Kontraktionen und Stößen zu Ende.

Hierbei löst sich die Plazenta von der Gebärmutterwand

und nach etwa fünf bis zehn Minuten

wird sie ausgestoßen.

3.3.2 Die Anpassung des Kindes an

die Wehen und die Geburt

Auf den ersten Blick erscheinen Wehen und Entbindung

wie eine regelrechte Feuerprobe für das Baby.

Die starken Kontraktionen der Gebärmutter von Dana

setzten Jonas’ Kopf einem sehr hohen Druck aus und

Plazenta und Nabelschnur wurden dabei fortwährend

gequetscht. Jedes Mal wurde Jonas’ Sauerstoffversorgung

kurzzeitig reduziert.

Zum Glück sind gesunde Babys gut ausgestattet, um

das Trauma der Geburt auszuhalten. Die Stärke der

Wehen führt beim Kind zur Produktion großer Mengen

von Stresshormonen . Doch im Gegensatz zu hohen

Belastungen der Mutter während der Schwangerschaft,

die das Kind gefährden können, ist während

der Geburt die Produktion der kindlichen Stresshormone

angepasst. Diese Hormone helfen dem Baby,

einer Mangelversorgung mit Sauerstoff zu widerstehen,

indem ein reicher Vorrat an Blut ins Gehirn und

zum Herzen geschickt wird (Gluckman, Sizonenko &

Bassett, 1999). Zusätzlich bereiten Stresshormone das

Kind darauf vor, zu atmen, indem sie die Lunge sämtliche

Flüssigkeitsreste absorbieren lassen und die

Bronchialäste (Durchgänge zur Lunge) erweitern.

Schließlich erhöhen Stresshormone die Wachheit des

Babys. Jonas wurde hellwach geboren, bereit, mit der

umgebenden Welt in Kontakt zu treten (Lagercrantz &

Slotkin, 1986).

3.3.3 Das Aussehen des Neugeborenen

Frischgebackene Eltern sind häufi g erstaunt über das

seltsame Aussehen ihres Neugeborenen – weit entfernt

von der Bilderbuch-Vorstellung, die sie vielleicht

vorher hatten. Das durchschnittliche Neugeborene ist

etwa 50 cm lang und 3300 g schwer, Jungen sind in der

Regel etwas länger und schwerer als Mädchen. Der

Kopf ist sehr groß im Vergleich zum Rumpf und den


Phase 1

Phase 2

Phase 3

(a) Erweiterung und Rückzug des Muttermundes

Die Kontraktionen des Uterus während der Wehen führen

zur Öffnung und zum Rückzug des Muttermundes.

(c) Pressen

Mit jeder Kontraktion presst die Mutter das Kind den Geburtskanal

hinunter, bis der Kopf zu sehen ist.

(e) Austritt der Plazenta

Mit wenig weiterem Pressen wird die Plazenta abgestoßen

und tritt aus.

Abbildung 3.5: Die drei Phasen der Geburt.

Beinen, die kurz und gekrümmt sind. Diese Verbindung

von einem großen Kopf (mit seinem gut entwickelten

Gehirn) und einem kleinen Körper bedeutet,

dass menschliche Säuglinge in den ersten Lebensmonaten

rasch lernen. Doch im Gegensatz zu den meisten

anderen Säugetieren kommen sie erst viel später allein

zurecht.

Wenn auch ein Neugeborenes nicht der Idealvorstellung

seiner Eltern gerecht werden mag, so hat es

doch einige attraktive Merkmale. Sein rundes Gesicht,

seine dicken Wangen, große Stirn und Augen entsprechen

dem Kindchenschema und führen dazu, dass

Erwachsene das Bedürfnis haben, es auf den Arm zu

nehmen und zu liebkosen (Berman, 1980).

3.3 Die Geburt

(b) Austritt

Der Austritt wird eingeleitet, wenn die Kontraktionen

in ihrer schnellen Aufeinanderfolge und Intensität

ihren Höhepunkt erreicht haben.

(d) Geburt des Babies

Gegen Ende der zweiten Phase zeigen sich auch die

Schultern; der übrige Körper folgt nach.

3.3.4 Beurteilung der körperlichen

Verfassung des Neugeborenen

mithilfe der Apgar-Skala

Neugeborene, die Schwierigkeiten beim Eintritt ins

Leben außerhalb der Gebärmutter haben, müssen sofort

spezielle Hilfe erfahren. Um schnell die körperliche

Verfassung eines Neugeborenen einzuschätzen,

verwenden Ärzte und Krankenschwestern die Apgar-

Skala . Wie Tabelle 3.3 zeigt, wird nach einer und nach

fünf Minuten nach der Geburt jeweils eine Einschätzung

jedes der fünf Merkmale mit dem Wert 0, 1 oder

2 vorgenommen. Ein zusammengesetzter Apgar-Testwert

von 7 oder höher gibt an, dass das neugeborene

125


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

126

Um Platz für sein gut entwickeltes Gehirn zu bieten, ist der Kopf eines

Neugeborenen im Verhältnis zu seinem Körper und den Beinen recht

groß. Der Körper dieses Neugeborenen wird schnell rosa, während es

seine ersten Atemzüge macht.

Kind in guter körperlicher Verfassung ist. Wenn der

Score zwischen 4 und 6 liegt, braucht das Baby Hilfe,

um Atmung und andere wichtige Funktionen einzuleiten.

Wenn der Score 3 oder weniger beträgt, ist das

Baby in ernsthafter Gefahr und es werden Notfallmaßnahmen

nötig. Es werden zwei Apgar-Testwerte ermittelt,

weil einige Babys zunächst Anpassungsschwierigkeiten

haben, aber dann nach ein paar Minuten

ganz gut reagieren (Apgar, 1953).

Umgang mit der Geburt 3.4

Geburtspraktiken werden, wie andere Aspekte des Familienlebens,

durch die Gesellschaft geprägt, zu denen

Mutter und Kind gehören. In vielen dörfl ichen

und Stammeskulturen ist werdenden Müttern der Geburtsprozess

sehr vertraut. Zum Beispiel betrachten

die Jarara in Südamerika und die Pukapukans auf den

pazifi schen Inseln die Geburt als vitalen Teil ihres täglichen

Lebens. Die Jarara-Mutter gebärt ihr Kind vor

den Augen der ganzen Gemeinschaft, einschließlich

kleiner Kinder. Ein Mädchen der Pukapukans ist so

vertraut mit den Vorgängen der Wehen und der Entbindung,

dass man es häufi g dabei beobachten kann,

wie es diese nachspielt. Sie stopft eine Kokosnuss, die

das Baby darstellt, unter ihr Kleid, imitiert das Pressen

der Mutter und lässt die Nuss im richtigen Moment

fallen. In den meisten nicht industrialisierten Kulturen

erfährt die Mutter während des Geburtsprozesses

Unterstützung. Bei den Nachfolgern der Mayas in Yukatan

lehnt sich die Mutter an eine Frau, die „Haupthelferin“

genannt wird, diese stützt ihr Gewicht und

atmet mit ihr während jeder Wehe (Jordan, 1993; Mead

& Newton, 1967).

In den großen westlichen Nationen hat die Geburt

über die Jahrhunderte hinweg einen einschneidenden

Wandel erfahren. Vor Ende des 19. Jahrhunderts fand

die Geburt in der Regel zu Hause statt und war ein

Familienereignis. Die industrielle Revolution brachte

Massen von Menschen in die Städte, was mit neuen

Gesundheitsproblemen einherging. Das führte dazu,

dass sich Geburten von zu Hause in die Krankenhäuser

verlagerten, wo die Gesundheit von Müttern und

ihren Kindern geschützt werden konnte. Indem die

Ärzte die Verantwortung für die Geburt übernahmen,

ließ das Wissen der Frauen darüber nach und Verwandte

und Freunde nahmen nicht mehr daran teil

(Borst, 1995).

Im Laufe der 1950-er und 60er-Jahre hatten Frauen

begonnen, die routinemäßig bei Wehen und während

der Entbindung eingesetzten medizinischen Maßnahmen

infrage zu stellen. Viele von ihnen hatten das

Gefühl, dass die häufi g eingesetzten starken Medikamente

und bestimmte Geburtshilfeinstrumente sie

einer wertvollen Erfahrung beraubten und in vielen

Fällen weder notwendig noch unbedenklich für das

Kind waren. Nach und nach entstand in Europa eine

Bewegung zur sogenannten natürlichen Geburt und

breitete sich von dort nach Nordamerika aus. Sie hatte

zum Ziel, Krankenhausgeburten so bequem und schön

wie möglich für Mutter und Kind zu gestalten. Heute

bieten viele Krankenhäuser Entbindungsstationen an,

die familienfreundlich und häuslich eingerichtet sind.

Zudem gibt es auch unabhängige Entbindungskliniken

, die der Mutter mehr Einfl uss auf den Ablauf von

Wehen und Entbindung zugestehen, zum Beispiel

durch freie Wahl ihrer Körperhaltung während der

Geburt, die Anwesenheit von Familienmitgliedern

und Freunden sowie frühen Kontakt zwischen Eltern

und Kind. Eine kleine Minderheit der nordamerikanischen

und europäischen Frauen lehnt die Geburt in

einer Klinik gänzlich ab und entscheidet sich für eine

Hausgeburt.

3.4.1 Die natürliche Geburt

Dana und Jörg wählten eine natürliche Geburt – eine

Reihe von Maßnahmen, die darauf abzielen, Schmerzen

und medizinische Interventionen zu reduzieren,

um die Geburt zu einer so umfassenden Erfahrung zu

machen, wie es irgend geht. Obwohl viele Programme

für eine natürliche Geburt bestehen, orientieren sich

die meisten an Methoden, die Grantly Dick-Read

(1959) in England and Fernand Lamaze (1958) in

Frankreich entwickelt haben. Diese Ärzte erkannten,

dass kulturell verwurzelte Einstellungen den Frauen


Tabelle 3.3: Die Apgar-Skala

Indikator a 0 1 2

Herzschlag kein Herzschlag unter 100 Schlägen pro Minute 100 bis 140 Schläge pro

Minute

Atmung 60 Sekunden lang keine

Atmung

Reflex-Reizbarkeit (Niesen,

Husten und Grimassieren)

vermittelt hatten, die Erfahrung der Geburt zu fürchten.

Eine ängstliche, erschreckte Frau in den Wehen

verspannt ihre Muskeln und die zu ertragenden

Schmerzen, die die Wehentätigkeit begleiten können,

steigern sich zu intensiven Schmerzen.

In einem typischen Programm für natürliche Geburt

nehmen die werdende Mutter und ein Begleiter (der

Vater, eine Verwandte, Freund oder Freundin) an drei

Aktivitäten teil:

Kurse. Dana und Jörg besuchten eine Reihe von

Kursen, in welchen sie etwas über die Anatomie

und Physiologie von Wehentätigkeit und Entbindung

lernten. Das Wissen um die Geburtsvorgänge

verringert die Angst der Mutter.

Entspannung und Atemtechniken. In jeder Unterrichtsstunde

leitete man Dana zu Entspannungs-

und Atemübungen an, die dazu dienten, gegen den

Schmerz der Gebärmutterkontraktionen zu wirken.

Hilfe während der Geburt. Jörg lernte, wie er Dana

während der Geburt helfen konnte, indem er sie an

die Entspannung und das Atmen erinnerte, ihren

Rücken massierte, ihren Körper stützte und Worte

der Ermutigung und Zuneigung äußerte.

Soziale Unterstützung ist ein wichtiger Teil des Erfolges

natürlicher Geburtstechniken. In Krankenhäusern

in Guatemala und den Vereinigten Staaten, welche

routinemäßig Patientinnen während der Geburt allein

ließen, wurde einigen Müttern nach dem Zufallsprinzip

eine Person zugeteilt, die während der Geburt bei

ihnen blieb, mit ihnen sprach, ihre Hand hielt und

Wert

unregelmäßige, flache Atmung kräftige Atmung und Schreien

keine Reaktionen schwache Reflexreaktionen starke Reflexreaktionen

Muskeltonus völlig schlaff schwache Arm- und Beinbewegungen

Hautfarbe b Körper, Arme und Beine sind

blau angelaufen

Körper rosa mit blau angelaufenen

Armen und Beinen

ihnen den Rücken massierte, um die Entspannung zu

fördern. Diese Mütter hatten weniger Geburtskomplikationen

und kürzere Wehenzeiten als Mütter ohne

Begleitung. Mütter aus Guatemala, die Unterstützung

erfuhren, kommunizierten auch mit ihren Babys während

der ersten Stunde nach der Entbindung positiver,

indem sie mit ihnen sprachen, lächelten und sie sanft

streichelten (Kennell et al., 1991; Sosa et al., 1980).

Andere Studien haben gezeigt, dass Mütter, die während

der Wehen und Entbindung unterstützt werden,

seltener durch einen Kaiserschnitt (operativ) entbinden

müssen und dass die Apgar-Scores ihrer Neugeborenen

höher sind (Sauls, 2002). Darüber hinaus

macht soziale Unterstützung westliche Sitten der

Krankenhausentbindung für Frauen aus Teilen der

Welt akzeptabler, in denen Hilfe von Familie und Gemeinschaft

die Norm ist (Granot et al., 1996).

3.4.2 Die Hausgeburt

kräftige Arm- und Beinbewegungen

Körper, Arme und Beine

vollständig rosa

a Um sich diese Indikatoren merken zu können, hilft Ihnen vielleicht eine Technik, bei der die ursprünglichen Bezeichnungen in eine

andere Ordnung gebracht und wie folgt umbenannt wurden: Atmung, Puls, Grundtonus, Aussehen, Reflexe. Die ersten Buchstaben

dieser Indikatoren-Bezeichnungen ergeben den Namen der Skala: Apgar.

b Die Hautfarbe nichtweißer Säuglinge macht es schwierig, das „Rosa“-Merkmal anzuwenden. Jedoch können Neugeborene aller

Hautfarben nach dem rosa Schimmer eingeschätzt werden, der durch den Fluss des Sauerstoffs durch das Körpergewebe bedingt ist.

Quelle: Apgar, 1953.

3.4 Umgang mit der Geburt

Hausgeburten sind in bestimmten Industrieländern

wie England, den Niederlanden und Schweden von

jeher beliebt gewesen. Die Anzahl nordamerikanischer

Frauen, die sich dafür entschied, ihr Kind zu

Hause zu bekommen, ist in den 1970er und 80er-Jahren

gestiegen, bleibt jedoch nach wie vor klein, mit

etwa einem Prozent (Studelska, 2006). In Deutschland

fi nden zwei bis drei Prozent der Geburten zu Hause

statt (Berufsverband der Frauenärzte, Pressemitteilung

2009). Sogenannte Geburtshäuser werden von

1,7 Prozent gewählt (Statistisches Bundesamt/Geburten,

2009). Manche Hausgeburten werden von einem

127


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

128

Arzt betreut, die meisten jedoch von einer ausgebildeten

Hebamme , die eine Krankenpfl eger-Ausbildung

absolviert hat und zusätzlich ausgebildet ist, Entbindungen

zu organisieren und durchzuführen.

Die Freuden und Risiken einer Hausgeburt werden

sehr gut durch die Geschichte von Don illustriert:

„Unser erstes Kind wurde im Krankenhaus entbunden“,

erzählte er. „Obwohl ich dabei war, fanden Kathy

und ich die Atmosphäre unpersönlich und kalt.

Wir wünschten uns eine wärmere, persönlichere Umgebung

für die Geburt.“ Mit der Unterstützung einer

auch als Krankenschwester ausgebildeten Hebamme

entband Don ihr zweites Kind, Cindy, in ihrem Bauernhaus,

5 km außerhalb der Stadt. Drei Jahre später,

als bei Kathy die Wehen mit Marnie einsetzten, hinderte

ein schwerer Schneesturm die Hebamme daran,

rechtzeitig das Haus zu erreichen. Don entband das

Kind allein, aber die Geburt war schwierig. Marnie

atmete die ersten Minuten nicht und unter großer Anstrengung

setzte Don Wiederbelebungsversuche ein.

Die erschreckende Erinnerung an Marnies schlaffen,

blauen Körper brachte Don und Kathy zu der Überzeugung,

mit ihrem letzten Kind wieder ins Krankenhaus

zu gehen. Zu der Zeit hatten sich die Praktiken im

Krankenhaus verändert und das Erlebnis war für beide

Eltern beglückend.

Die Erfahrung von Don und Kathy wirft die Frage

auf: Ist eine Hausgeburt ebenso sicher wie eine Geburt

im Krankenhaus? Für gesunde Frauen, die von einem

gut ausgebildeten Arzt oder einer Hebamme unterstützt

werden, scheint das der Fall zu sein, da selten

Komplikationen auftreten (Fullerton, Navarro & Young,

2007; Johnson & Davis, 2005). Wenn jedoch die Helfer

nicht sorgfältig ausgebildet und nicht auf Notsituationen

vorbereitet sind, ist die Todesrate der Säuglinge

hoch (Mehlmadrona & Madrona, 1997). Wenn die

Mütter ein Risiko für irgendwelche Komplikationen

tragen, ist der angemessene Platz für Geburtsvorgang

und Entbindung das Krankenhaus, wo lebensrettende

Maßnahmen schnell möglich sind.

Medizinische Interventionen 3.5

Während des Geburtsvorganges können Komplikationen

auftreten, die langfristige Folgen für die Entwicklung

haben können. Sauerstoffmangel tritt immer

dann auf, wenn sich das Kind zu lange im Geburtsvorgang

befi ndet oder wenn die Nabelschnur keine Sauerstoffzufuhr

mehr zulässt, sei es aus Gründen der

Lage oder aus anderen Gründen. Frühgeburt ist eine

weitere häufi ge Komplikation. Bei einer Frühgeburt

sind möglicherweise vorrangig sprachliche und motorische

Entwicklungsbeeinträchtigungen zu beobachten.

Erreichen die Kinder mit Geburtskomplikationen

die erste Klasse der Grundschule und sind noch

Diese Hebamme prüft den Puls des Neugeborenen, wenige Minuten,

nachdem es Zuhause zur Welt gekommen ist. Wenn eine Frau gesund

ist und Arzt oder Hebamme mit einer guten Ausbildung zur Seite hat,

ist eine Hausgeburt ebenso sicher wie die Entbindung in einer Klinik.

Sprachstörungen (mit und ohne normales Entwicklungsniveau

in anderen Bereichen) zu beobachten, so

weist die Entwicklung dieser Gruppe von Kindern mit

18 Monaten einen verzögerten Spracherwerbsbeginn

auf, spätere Reinlichkeitsentwicklung und verzögerte

motorische Entwicklung. Stamm, Schöler und Weuffen

(2002) verglichen eineiige und zweieiige Zwillinge

im Alter von sechs Jahren in der 1. Klasse und konnten

eine hohe Übereinstimmung in den Sprachstörungen

bei eineiigen Zwillingen feststellen (100 Prozent Konkordanz),

ebenso hoch war die Konkordanz beim Beginn

des Spracherwerbs. Bei zweieiigen Zwillingen

betrugen die Konkordanzen 83 und 53 Prozent.

Die vierjährige Melinda hinkt und bewegt sich

schwerfällig und hat Schwierigkeiten, ihr Gleichgewicht

zu halten. Sie leidet unter einer infantilen Zerebralparese

, einer allgemeinen Bezeichnung für eine

Reihe von Schädigungen der Muskelkoordination, die

von einem Gehirnschaden vor, während (perinatal)

oder kurz nach der Geburt (postnatal) verursacht werden.

Bei etwa zehn Prozent solcher Kinder, auch Melinda,

wird das Gehirn durch Anoxie geschädigt, der

unzureichenden Sauerstoffversorgung während der

Wehen und der Entbindung (Anslow, 1998; Bracci,

Perrone & Buonocore, 2006). Ihre Mutter war ungewollt

schwanger geworden, war ängstlich und allein

und erreichte das Krankenhaus in letzter Minute. Melinda

war in einer Steißlage , so dass Gesäß oder Füße

zuerst zum Vorschein gekommen wären, und die Nabelschnur

war um ihren Hals gewickelt. Wäre ihre

Mutter früher ins Krankenhaus gefahren, hätten die

Ärzte Melindas Zustand überwachen können und sie,

sobald das Quetschen der Nabelschnur zur Notlage

geführt hätte, mit einer Operation entbinden und so

den Schaden begrenzen oder ganz vermeiden können.

In Fällen wie Melindas ist das ärztliche Eingreifen

während der Geburt zweifellos gerechtfertigt. In anderen

Fällen aber kann es die Entbindung stören und


sogar neue Risiken schaffen. In den folgenden Abschnitten

wollen wir einige der bei Geburten häufi g

eingesetzten medizinischen Verfahren erörtern.

3.5.1 Das Überwachen des Fetus

Ein Fetusmonitor ist ein elektronisches Gerät, das während

einer Geburt den Puls des Kindes überwacht. Ein

anormaler Herzschlag kann anzeigen, dass das Baby

wegen Sauerstoffmangels in Gefahr ist und sofort entbunden

werden muss. Die meisten amerikanischen

Krankenhäuser fordern eine fortlaufende Überwachung

mit dem Monitor, sie wird bei mehr als 80 Prozent

aller amerikanischen Geburten angewandt (Natale

& Dodman, 2003). Die gebräuchlichste Monitorart

wird während der Wehen auf den Bauch der Mutter

geschnallt. Eine zweite, genauere Methode besteht darin,

ein Aufzeichnungsgerät durch den Muttermund

zu ziehen und es direkt unter den Schädel des Babys

zu bringen.

Das Überwachen des Fetus mit einem Monitor ist

ein gefahrloses medizinisches Verfahren, das vielen

Kindern in sehr riskanten Situationen das Leben gerettet

hat. Doch bei gesunden Schwangerschaften vermindert

es nicht die ohnehin geringe Häufi gkeit kindlicher

Hirnschäden oder Totgeburten (Priddy, 2004).

Darüber hinaus zeigen die meisten Kinder während

der Wehen gewisse Unregelmäßigkeiten ihres Herzschlags

und daher sind Kritiker des Verfahrens besorgt,

dass der Monitor viele Babys als gefährdet kennzeichnet,

die es in Wirklichkeit nicht sind. Das

Aufzeichnen mit dem Monitor wird mit einer gesteigerten

Rate von Kaiserschnittentbindungen in Verbindung

gebracht, die wir in Kürze erörtern werden (Thacker

& Stroup, 2003). Außerdem klagen manche

Frauen, das Gerät sei unbequem und halte sie davon

ab, sich frei bewegen zu können und behindere so den

normalen Ablauf der Geburt.

Dennoch wird wahrscheinlich die Überwachung

mit dem Fetusmonitor in den Vereinigten Staaten

auch weiterhin routinemäßig angewendet werden, obwohl

es in den meisten Fällen nicht notwendig ist.

Viele Ärzte befürchten, wegen Fahrlässigkeit juristisch

belangt zu werden, wenn ein Neugeborenes stirbt

oder mit Problemen geboren wird und sie nicht beweisen

können, dass sie alles Notwendige unternommen

haben, das Baby zu retten.

3.5.2 Medikamente während der Wehen

und der Entbindung

Bei 80 bis 95 Prozent aller Geburten in den Vereinigten

Staaten wird mindestens ein Medikament verabreicht

(Althaus & Wax, 2005). So können zum Beispiel während

der Wehen schmerzlindernde Analgetika in geringer

Dosierung gegeben werden, um der Mutter zu

helfen, sich zu entspannen. Anästhetika sind stärkere

Schmerzmittel, die die Sinneswahrnehmungen blockieren.

Heute ist der am häufi gsten gewählte Ansatz

zur Linderung von Schmerzen während der Wehen

die Periduralanästhesie , bei der kontinuierlich durch

einen Katheter ein Schmerzmittel in einen kleinen

Bereich der unteren Wirbelsäule eingebracht wird. Im

Gegensatz zu früheren Verfahren, bei denen die Wirbelsäule

blockiert und somit die gesamte untere Körperhälfte

betäubt wurde, wird durch die Periduralanästhesie

die schmerzlindernde Wirkung auf die

Beckenregion begrenzt. Da der Mutter die Fähigkeit

erhalten bleibt, den Druck der Wehen zu spüren und

ihren Körper und die Beine zu bewegen, ist sie in der

Lage, in der zweiten Wehenphase zu pressen.

Wenngleich schmerzlindernde Medikamente einer

Frau helfen können, die Geburt angenehmer durchzustehen

und Ärzte in die Lage versetzen, wichtige medizinische

Eingriffe vorzunehmen, können sie jedoch

auch Probleme verursachen. So schwächt zum Beispiel

eine Periduralanästhesie die Kontraktionen der

Gebärmutter, wodurch die Wehen verlängert werden

und das Risiko eines Kaiserschnitts steigt (Klein,

2006), und da Drogen sich sehr rasch in der gesamten

Plazenta ausbreiten, neigen exponierte Neugeborene

zu geringeren Apgar-Werten, Schläfrigkeit und Zurückgezogenheit,

schwacher Saugtätigkeit beim Füttern

sowie Reizbarkeit im Wachzustand (Caton et al.,

2002; Eltzschig, Lieberman & Camann, 2003).

Hat der hochdosierte Einsatz von Medikamenten

während der Geburt bleibende Auswirkungen auf die

körperliche und seelische Entwicklung? Einige Forscher

sind dieser Auffassung (Brackbill, McManus &

Woodward, 1985), doch ihre Ergebnisse sind infrage

gestellt worden (Riordan et al., 2000). Der Einsatz von

Medikamenten könnte mit anderen Risikofaktoren

verbunden sein, die in einigen Studien auf Langzeitfolgen

hinweisen. Dennoch stützen die Auswirkungen

solcher Medikamente auf die Anpassung des Neugeborenen

den aktuellen Trend, ihren Einsatz einzuschränken.

3.5.3 Der Kaiserschnitt

3.5 Medizinische Interventionen

Ein Kaiserschnitt ist eine operative Geburt; der Arzt

macht einen Schnitt in die Bauchdecke der Mutter und

hebt das Baby aus der Gebärmutter heraus. Vor vierzig

Jahren waren Kaiserschnitte selten. Seither ist der Anteil

von Geburten durch Kaiserschnitt angestiegen und

hat Werte von 17,4 Prozent in Finnland, 27,3 Prozent

in Deutschland, 20 Prozent in Neuseeland, 22 Prozent

in Australien, 26 Prozent in Kanada und 30 Prozent in

den Vereinigten Staaten erreicht (Betrán et al., 2007;

Society of Obstetricians and Gynaecologists, 2008; US

Department of Health and Human Services, 2008g;

Europäischer Perinatalbericht 2008, S. 66, Tabelle S. 1

der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung).

129


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

130

Kaiserschnittentbindungen sind immer durch medizinische

Notsituationen gerechtfertigt, zum Beispiel

Rh-Unverträglichkeit, zu früh erfolgte Loslösung der

Plazenta von der Gebärmutter oder schwere mütterliche

Erkrankungen oder Infektionen (zum Beispiel das

Herpes-simplex-Virus, welches das Baby während einer

vaginalen Geburt infi zieren kann). Jedoch ist die

operative Entbindung in anderen Fällen nicht immer

nötig. Obwohl zum Beispiel der häufi gste Grund für

einen Kaiserschnitt ein vorhergehender Kaiserschnitt

ist, macht die heute angewandte Technik – ein kurzer

horizontaler Schnitt im unteren Teil der Gebärmutter

– Vaginalgeburten bei späteren Schwangerschaften

sicherer. Kaiserschnittentbindungen sind oft bei Steißlagen

gerechtfertigt, bei denen das Baby das Risiko

einer Kopfverletzung oder von Anoxie hat (wie im Falle

von Melinda). Dabei spielt die genaue Lage des Babys

eine Rolle: Einigen Babys in Steißlage ergeht es mit

einer normalen Entbindung genauso gut wie mit einem

Kaiserschnitt (Giuliani et al., 2002). Manchmal

kann der Arzt das Baby auf sanfte Weise in der frühen

Phase des Geburtsvorganges in eine Lage mit dem

Kopf nach unten drehen.

Bis vor Kurzem wurde vielen Frauen, die schon einmal

durch einen Kaiserschnitt entbunden hatten, bei

späteren Schwangerschaften die Option einer vaginalen

Geburt angeboten. Neuere Forschungsergebnisse

zeigen jedoch, dass im Vergleich zu einer abermaligen

Kaiserschnittentbindung ein natürlicher Geburtsvorgang

nach einem früheren Kaiserschnitt ein geringfügig

erhöhtes Risiko einer Uterusverletzung und Totgeburt

mit sich bringt (Gerten et al., 2005). Daher wird

die alte Regel „Einmal Kaiserschnitt, immer Kaiserschnitt“

wieder mit steigender Häufi gkeit befolgt.

Wiederholte Kaiserschnittgeburten können allerdings

die weltweite Zunahme von Kaiserschnitten

nicht erklären. Vielmehr ist dafür weitgehend der

Wunsch nach medizinischer Kontrolle über die Geburt

verantwortlich. Da viele unnötige Kaiserschnitte

durchgeführt werden, sollte eine schwangere Frau

nach den Einzelheiten des Eingriffs fragen, bevor sie

sich für einen Arzt entscheidet. Wenngleich die Operation

an sich ungefährlich ist, brauchen Mutter und

Kind danach länger, um sich zu erholen. Das Anästhetikum

könnte sich in der Plazenta ausgebreitet haben

und das Kind daher schläfrig sein, keine Reaktionen

zeigen und einem erhöhten Risiko für Atembeschwerden

ausgesetzt sein (McDonagh, Osterweil & Guise,

2005).

Prüfen Sie sich selbst…

Rückblick

Beschreiben Sie die Eigenschaften und Vorteile einer natürlichen

Geburt. Welcher Aspekt trägt stark zu positiven Ergebnissen bei

und warum?

Anwendung

Als sie ihr Neugeborenes zum ersten Mal sieht, fragt Caroline erstaunt:

„Warum ist sie so unproportioniert?“ Welche Beobachtungen

haben Caroline zu dieser Frage bewegt? Bitte erklären Sie,

warum das Aussehen ihres Kindes vorteilhaft für es ist.

Zusammenhänge

Wie könnte eine Periduralanästhesie sich negativ auf das Verhältnis

zwischen Mutter und Neugeborenem auswirken? Berücksichtigt

Ihre Antwort die bidirektionalen Einflüsse zwischen Mutter

und Kind, die in der ökologischen Systemtheorie betont werden?

Bitte erklären Sie.

Zum Nachdenken

Würden Sie sich für eine Hausgeburt entscheiden, wenn Sie

schwanger wären? Warum oder warum nicht?

Frühgeburten und Säuglinge

mit niedrigem

Geburtsgewicht 3.6

Säuglinge, die drei oder mehr Wochen vor der Beendigung

einer vollen Schwangerschaft von 38 Wochen

geboren werden, oder solche, die weniger als 2500 g

wiegen, wurden viele Jahre lang als „Frühgeburten“

bezeichnet. Eine sehr ausgedehnte Forschung dazu

zeigt, dass frühreife Babys ein Risiko für viele Probleme

haben. Das Geburtsgewicht ist der beste zugängliche

Vorhersagewert für das Überleben und eine gesunde

Entwicklung des Kindes. Viele Neugeborene, die

unter 1500 g wiegen, sind Belastungen ausgesetzt, die

nicht überwunden werden – ein Effekt, der umso stärker

ausgeprägt ist, je kürzer die Schwangerschaft und

je niedriger das Geburtsgewicht ist (siehe Abbildung

3.6). (Dombrowski, Noonan & Martin, 2007; Bolisetty

et al., 2006). Häufi ge Krankheiten, Unaufmerksamkeit,

Überaktivität, sensorische Beeinträchtigungen, schwache

motorische Koordination, verzögerte Sprachentwicklung,

niedrige Werte bei Intelligenztests, Lernschwächen

in der Schule, emotionale Probleme und

Verhaltensstörungen sind einige der Probleme, die

sich in Kindheit und Adoleszenz bis hin ins Erwachsenenalter

zeigen (Grunau, Whitfi eld & Fay, 2004;

Hultman et al., 2007; Lefebvre, Mazurier & Tessier,

2005).

Etwa einer von 13 US-amerikanischen Säuglingen

wird mit Untergewicht geboren. Obwohl das Problem

unerwartet auftreten kann, ist es am häufi gsten unter

Frauen, die von Armut betroffen sind (US Department

of Health and Human Services, 2007b). Diese Mütter,


wie zuvor bemerkt, sind oft unterernährt und anderen

schädlichen Umwelteinfl üssen ausgesetzt. Zudem erhalten

sie oft nicht die notwendige pränatale Vorsorge.

In Deutschland liegt die Zahl der Frühgeburten und

untergewichtig Geborenen gegenwärtig bei fünf bis

acht Prozent der lebendgeborenen Kindern (Staatlich

anerkannte Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen

an den Landratsämtern in Bayern, 2007).

Wie in Kapitel 2 erwähnt, treten Frühgeburten oft

bei Zwillingen auf, die in der Regel etwa drei Wochen

zu früh geboren werden. Weil der Platz in der Gebärmutter

beschränkt ist, nehmen Zwillinge nach der

zwanzigsten Schwangerschaftswoche weniger an Gewicht

zu als Einzelföten.

3.6.1 Frühgeburt versus

Unterentwicklung

Obwohl sich Babys mit niedrigem Geburtsgewicht

vielen Hindernissen für eine gesunde Entwicklung

gegenübersehen, entwickeln sich die meisten so, dass

sie ein normales Leben führen können; die Hälfte von

denen, die in der 23. bis 24. Schwangerschaftswoche

geboren werden und bei der Geburt nur 900 g wiegen,

haben keine Behinderung (vergleichen Sie wieder Abbildung

3.1). Um besser zu verstehen, warum sich einige

Babys besser entwickeln als andere, haben Forscher

sie in zwei Gruppen geteilt. Frühgeburten sind

Säuglinge, die einige Wochen oder mehr vor ihrem errechneten

Geburtstermin geboren werden. Obwohl sie

klein sind, ist ihr Gewicht, gemessen an der Zeit, die

sie in der Gebärmutter verbrachten, noch angemessen.

Unterentwickelt sind Kinder, die in Anbetracht der Länge

der Schwangerschaft unter dem erwarteten Gewicht

liegen. Tatsächlich werden manche unterentwickelten

Kinder nicht zu früh geboren; andere sind dagegen

besonders untergewichtige Frühgeburten.

Von den beiden Typen haben die für den Entwicklungszeitpunkt

zu kleinen Babys in der Regel schwerere Probleme.

Ihre Sterblichkeit im ersten Lebensjahr ist höher,

Anteil der Frühgeburten

(in %)

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

Lebend aus dem

Krankenhaus entlassen

Mäßige bis schwere

Behinderung

23 24 25 26 27 28

Schwangerschaftswoche

3.6 Frühgeburten und Säuglinge mit niedrigem Geburtsgewicht

sie holen sich leichter Infektionen oder zeigen Hinweise

auf Hirnschäden. In der mittleren Kindheit können sie

niedrigere Intelligenzwerte haben, sind schlechter in

der Schule und sozial unreif (Hediger et al., 2002;

O’Keefe et al., 2003). Die bei der Geburt unterentwickelten

Babys sind wahrscheinlich vor der Geburt unangemessen

ernährt worden. Vielleicht aßen ihre Mütter

nicht richtig, die Plazenta funktionierte nicht normal

oder die Babys selber hatten Defekte, die ein normales

Wachstum verhinderten. Bitte denken Sie daran, dass

eine gestört funktionierende Plazenta zu einer einfachen

Übertragung von Stresshormonen von der Mutter

auf den Fetus führen kann. Daher sind unterentwickelte

Säuglinge einem besonderen Risiko ausgesetzt, unter

pränatalen Beeinträchtigungen ihrer neu rologischen

Entwicklung zu leiden, die ihre Fähigkeit, Stress zu bewältigen,

permanent schwächen (Wust et al., 2005).

Sogar bei Frühgeburten, deren Gewicht in Anbetracht

der Länge der Schwangerschaft normal ist, reduzieren

schon sieben weitere Tage – von der 34. zur

35. Woche – die Häufi gkeit von Krankheiten, teuren

medizinischen Maßnahmen und langen Krankenhausaufenthalten

ganz erheblich (Gladstone & Katz, 2004),

und obwohl sie kaum Gefahr laufen, behindert zu

sein, zeigt ein erheblicher Anteil der in der 34. Woche

zur Welt gekommenen Frühgeburten ein unterdurchschnittliches

Körperwachstum und eine leicht bis moderat

verzögerte kognitive Entwicklung in der frühen

und mittleren Kindheit (de Haan et al., 2000; Pietz et

al., 2004). Dennoch leiten Ärzte häufi g eine Geburt

schon mehrere Wochen vor dem errechneten Termin

ein, unter der irrigen Annahme, solche Kinder seien

hinreichend „reif entwickelt“.

3.6.2 Konsequenzen für die

elterliche Fürsorge

Stellen Sie sich ein schrumpeliges, dünnhäutiges

Baby vor, dessen Körper nur wenig größer ist als Ihre

Hand. Sie versuchen, mit dem Baby zu spielen, und

Abbildung 3.6: Häufigkeit des Überlebens von Säuglingen

und der Behinderungen bei Kindern im Vergleich

zur Länge der Schwangerschaft. In einer Studie

mit über 2300 Kindern, die zwischen der 23. und 28.

Schwangerschaftswoche geboren wurden, stieg der Anteil

überlebender Kinder und sank der Anteil von Kindern mit

schweren (im Vorschulalter erfassten) Behinderungen mit

zunehmender Schwangerschaftslänge. Zu den schweren

Behinderungen zählten infantile Zerebralparese (wahrscheinlich

permanent gehunfähig), erheblich verzögerte

geistige Entwicklung, Taubheit und Blindheit. Zu den

moderaten Behinderungen zählten infantile Zerebralparese

(gehfähig mit Gehhilfe), moderat verzögerte geistige

Entwicklung und Hörschwächen, die teilweise durch ein

Hörgerät ausgeglichen werden konnten (nach Bolisetty et

al., 2006).

131


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

132

streicheln es und sprechen sanft mit ihm, aber es ist

schläfrig und reagiert nicht. Wenn Sie es füttern, saugt

es schlecht. Es ist gewöhnlich in den kurzen, nicht

vorhersehbaren Phasen, in denen es wach ist, sehr

reizbar.

Erscheinung und Verhalten früh geborener Babys

können Eltern dazu bringen, sie weniger einfühlsam

und verantwortlich zu pfl egen. Im Vergleich mit voll

ausgetragenen Kindern werden früh geborene – vor

allem solche, die bei der Geburt krank waren – weniger

häufi g eng gehalten, berührt und es wird weniger

auf sanfte Weise mit ihnen gesprochen. Zeitweise nehmen

Mütter dieser Kinder Zufl ucht dazu, das Kind

leicht zu stoßen oder ihm Befehle zu geben, um damit

stärkere Reaktionen von ihm zu erhalten (Barratt,

Roach & Leavitt, 1996; Feldman, 2007). Das mag erklären,

warum Frühgeborene eine Risikogruppe für Missbrauch

darstellen. Wenn sie von Müttern geboren wurden,

die isoliert und von Armut betroffen sind, die

keine gute Ernährung, Gesundheitspfl ege und Elternliebe

geben können, ist die Wahrscheinlichkeit ungünstiger

Entwicklung erhöht. Im Gegensatz dazu

können Eltern mit stabilen Lebensumständen und sozialem

Stützsystem die Belastungen der Pfl ege eines

früh geborenen Kindes überwinden. In diesen Fällen

haben sogar kranke, zu früh geborene Babys eine gute

Chance, während der mittleren Kindheit die Entwicklung

aufzuholen (Ment et al., 2003).

Diese Erkenntnisse weisen darauf hin, dass es viel

mit der Eltern-Kind-Beziehung zu tun hat, wie gut sich

früh geborene Babys entwickeln. Daraus folgt, dass

Interventionen, die darauf abzielen, beiden Seiten dieser

Beziehung zu helfen, der Entwicklung der Babys

am zuträglichsten sind.

3.6.3 Interventionen bei Frühgeburten

Ein früh geborenes Baby wird in einem speziellen, von

Plexiglas umschlossenen Bett, Brutkasten genannt,

gepfl egt. Die Temperatur wird sorgfältig kontrolliert,

weil die Babys ihre eigene Körpertemperatur noch

nicht wirksam regulieren können. Um das Baby vor

Infektionen zu schützen, wird die Luft gefi ltert, bevor

sie in den Brutkasten eintritt. Neugeborene, die mehr

als sechs Wochen zu früh geboren wurden, haben in

der Regel eine Störung, genannt Atemnot-Syndrom :

die winzige Lunge ist so schlecht entwickelt, dass der

Luftsack zusammenbricht, was zu schweren Atemstörungen

führt. Wenn ein früh geborenes Kind mithilfe

eines Atemgerätes atmet, wird es durch einen Magenschlauch

gefüttert und erhält Medikamente durch

eine intravenöse Nadel. Der Brutkasten isoliert das

Kind dann noch mehr. Körperliche Bedürfnisse, die

sonst zu engem Kontakt und anderer menschlicher

Stimulierung führen würden, werden mechanisch erfüllt.

Spezielle Stimulierung des Säuglings

Früher nahmen viele Ärzte an, dass es schädlich sein

könnte, ein so empfi ndliches Kind zu stimulieren.

Heute wissen wir dagegen, dass bestimmte Arten von

Stimulierung in angemessener Dosierung bei der Entwicklung

früh geborener Babys hilfreich sein können.

In einigen Intensivstationen für früh geborene Kinder

kann man sehen, wie diese in aufgespannten Hängematten

geschaukelt werden oder auf Wasserbetten liegen,

die so angelegt sind, dass sie die sanfte Bewegung

ersetzen, welche das Baby erfahren würde, wenn es

sich noch in der Gebärmutter befände. Auch andere

Formen der Stimulierung werden benutzt – ein hübsches

Mobile oder Aufnahmen mit dem Herzschlag,

mit sanfter Musik oder der Stimme der Mutter. Diese

Anregungen fördern schnellere Gewichtszunahme,

besser vorhersehbare Schlafmuster und größere Wachheit

(Arnon et al., 2006; Marshall-Baker, Lickliter &

Cooper, 1998).

Berührung ist eine besonders wichtige Form der

Stimulierung. Bei Tierjungen setzt das Berühren der

Haut bestimmte Hirnstoffe frei, welche das körperliche

Wachstum unterstützen – man nimmt an, dass die

Berührung beim Menschen dieselben Effekte hat

(Field, 1998). Wenn man früh geborene Kinder im

Krankenhaus mehrmals täglich massierte, nahmen sie

Junge Mütter in der Entbindungsstation eines philippinischen Krankenhauses

praktizieren Hautkontakt nach der „Känguru-Therapie“ , die

in Entwicklungsländern weithin eingesetzt wird, um das Überleben

und die Gesundung von Frühgeburten zu fördern. Wegen ihres vielfältigen

körperlichen und psychischen Nutzens hat die Känguru-Therapie

auch in westlichen Ländern Verbreitung gefunden, wo sie die Intensivpflege

im Krankenhaus ergänzt.


schneller an Gewicht zu und waren am Ende ihres

ersten Lebensjahres früh geborenen Kindern ohne diese

Stimulierung in der geistigen und motorischen Entwicklung

voraus (Field, 2001; Field, Hernandez-Reif

& Freedman, 2004).

In Entwicklungsländern, wo die Einweisung in ein

Krankenhaus nicht immer möglich ist, stellt Hautkontakt

durch die „Känguru-Therapie“ die am einfachsten

verfügbare Intervention dar, um das Überleben

und die Gesundung von Frühgeburten zu fördern. Dabei

wird der Säugling in aufrechter Lage zwischen die

Brüste der Mutter oder an den Brustkasten des Vaters

gelegt (unter der jeweiligen Kleidung), so dass der Körper

des Elternteils als menschlicher Brutkasten dient.

Die Känguru-Therapie bietet dem Vater die einmalige

Gelegenheit, sich stärker an der Fürsorge für das Frühgeborene

zu beteiligen. Wegen seines vielfältigen körperlichen

und psychischen Nutzens wird dieses Verfahren

häufi g in westlichen Ländern als ergänzende

Maßnahme neben der Intensivpfl ege im Krankenhaus

eingesetzt.

Der Känguru-Hautkontakt verbessert die Sauerstoffversorgung,

die Regulierung der Körpertemperatur

sowie Schlaf, Füttern und Überleben des Säuglings

(Feldman & Eidelman, 2003). Darüber hinaus versorgt

die Känguru-Haltung den Säugling mit einer sanften

Stimulation sämtlicher Sinne: Hören (durch die Stimme

der Mutter), Riechen (durch die Nähe zum Körper

der Mutter), Fühlen (durch Hautkontakt) und Sehen

(durch die aufrechte Lage). Mütter und Väter, die die

Känguru-Therapie praktizieren, fühlen sich sicherer,

wenn sie für ihr empfi ndliches Kind sorgen, und gehen

sensibler und liebevoller mit ihm um (Dodd, 2005;

Feldman et al., 2002, 2003).

Insgesamt mögen diese Faktoren erklären, warum

Frühgeborene, die in ihren ersten Lebenswochen viele

Stunden lang in den Genuss der Känguru-Therapie

kamen, im Vergleich zu anderen, die nur wenig oder

gar keine solche Fürsorge erfuhren, im ersten Lebensjahr

bessere Scores für ihre geistige und motorische

Entwicklung erzielen (Charpak, Ruiz-Peláez & Figueroa,

2005; Tessier et al., 2003). Wegen ihres vielfältigen

Nutzens bieten inzwischen über 80 Prozent der nordamerikanischen

Entbindungskliniken die Känguru-

Therapie für Frühgeborene an (Field et al., 2006).

Säuglingspfl egekurse für Eltern

Interventionen zur Unterstützung der Eltern von Frühgeborenen

unterrichten sie im Allgemeinen über die

Eigenschaften des Säuglings und fördern die Fertigkeiten

zur Versorgung des Kindes. Bei Eltern, die über

genügend fi nanzielle und persönliche Mittel verfügen,

für ein früh geborenes Kind zu sorgen, reichen einige

Beratungssitzungen, um die Bedürfnisse des Kindes

zu erkennen und darauf zu reagieren. Das ist verbunden

mit sich ständig verbessernden Werten bei Entwicklungstests,

die nach einigen Jahren denen von

3.6 Frühgeburten und Säuglinge mit niedrigem Geburtsgewicht

voll entwickelten Kindern ähneln (Achenbach et al.,

1990).

Wenn früh geborene Kinder in Haushalten mit geringem

Einkommen und Belastungen leben, ist eine

intensive Langzeitintervention nötig, um Entwicklungsprobleme

zu reduzieren. Im Infant Health and

Development Project (Projekt für Gesundheit und Entwicklung

von Kleinkindern) erhielten früh geborene

Kinder, die unter Armutsverhältnissen geboren wurden,

eine umfassende Intervention, die vom ersten bis

zum dritten Lebensjahr medizinische Folgeuntersuchungen,

wöchentliche Beratungsstunden für die Eltern

und Teilnahme an kognitiv stimulierender Babypfl

ege in sich vereinte. Mehr als viermal so viele

Kinder mit dieser Intervention (39 gegenüber neun

Prozent) waren im Vergleich zur Kontrollgruppe in

ihrer Intelligenz, psychologischen Anpassung und ihrem

körperlichen Wachstum altersgemäß (Bradley et

al., 1994). Außerdem waren Mütter in der Interventionsgruppe

liebevoller und ermutigten bei ihren Kindern

Spiel- und kognitive Fähigkeiten – vielleicht

auch ein Grund, warum sich ihre Dreijährigen so gut

entwickelt haben (McCarton, 1998).

Jeweils im Alter von fünf und acht Jahren zeigten

Kinder, die regelmäßig an dem Beratungsprogramm

teilgenommen hatten – an mehr als 350 Tagen in den

drei Jahren des Programms –, auch weiterhin bessere

Leistungen bei Intelligenztests. Je häufi ger sie teilgenommen

hatten, desto bessere Testwerte erzielten sie,

und die deutlichsten Verbesserungen waren bei Kindern

mit einem höheren Geburtsgewicht – zwischen

2001 und 2500 g – zu beobachten. Dagegen erzielten

Kinder, die nur sporadisch teilgenommen hatten, nur

geringfügig bessere oder gar schlechtere Leistungen

(Hill, Brooks-Gunn & Waldfogel, 2003). Diese Ergebnisse

bestätigen, dass Säuglinge, die sowohl zu früh

geboren werden als auch aus wirtschaftlich benachteiligten

Verhältnissen stammen, intensive Interventionen

benötigen. Besondere Strategien wie vermehrte

Erwachsenen-Kinder-Interaktionen können notwendig

sein, um langfristige günstige Veränderungen bei

Kindern mit sehr geringem Geburtsgewicht aufrechtzuerhalten.

Sehr niedriges Geburtsgewicht, umweltbedingte

Vorteile und langfristige Auswirkungen

Obwohl Säuglinge mit sehr niedrigem Geburtsgewicht

in vielen Fällen anhaltende Probleme haben, zeigte

sich in einer kanadischen Studie, dass Teilnehmer, die

bei der Geburt zwischen 500 und 1000 g gewogen hatten,

sich bis zum jungen Erwachsenenalter gut entwickelten

(Saigal et al., 2006). Im Alter zwischen 22 und

25 Jahren ähnelten sie Personen mit normalem Geburtsgewicht

im Hinblick auf die erreichten Bildungsabschlüsse,

die Häufi gkeit von Verheiratung und Elternschaft

sowie (für diejenigen ohne neurologische

und sensorische Beeinträchtigungen) ihren berufl i-

133


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

134

Soziale Aspekte:

Ein Überblick über Gesundheitsfürsorge und andere politische Maßnahmen für Eltern

und Neugeborene in verschiedenen Ländern

Säuglingssterblichkeit ist ein Index für die Gesundheit

der Kinder eines Landes, der in der ganzen Welt verwendet

wird. Er gibt die Anzahl von Todesfällen im

ersten Lebensjahr auf 1000 Lebendgeburten wieder.

Obwohl die Vereinigten Staaten die modernste Technologie

zur Gesundheitsfürsorge besitzen, haben sie weniger

Fortschritt als viele andere Länder darin erzielt,

die Säuglingssterblichkeit zu reduzieren. Über die vergangenen

drei Jahrzehnte hinweg sind sie im internationalen

Vergleich vom 7. in den 1950er-Jahren auf den

26. Platz im Jahr 2008 abgesunken. Angehörige von

Amerikas armen ethnischen Minderheiten sind besonders

gefährdet. Von den afroamerikanischen und indianischen

Säuglingen sterben mehr als doppelt so viele

im ersten Lebensjahr als weiße Babys (US Census Bureau,

2009a, 2009b). Deutschland liegt

mit seiner Säuglingssterblichkeit von vier

Prozent an achter Stelle.

Neugeborenensterblichkeit , die Sterblichkeit

innerhalb des ersten Lebensmonats,

beträgt 67 Prozent der Säuglingssterberate

im ersten Lebensjahr in den

Vereinigten Staaten. In Deutschland sind

es 65,7 Prozent (errechnet nach Angaben

des Statistischen Bundesamtes für die Bundesrepublik

Deutschland, 2008). Zwei

Faktoren sind wesentlich für die Neugeborenensterblichkeit.

Der erste besteht in

ernsthaften körperlichen Defekten, von

denen die meisten nicht verhindert werden

können. Der Prozentsatz von Babys,

die mit körperlichen Defekten geboren

werden, ist in allen ethnischen und Einkommensgruppen

etwa gleich. Der zweite

wesentliche Grund für die Neugeborenensterblichkeit

liegt im niedrigen Geburtsgewicht,

das größtenteils vermeidbar

ist. Afroamerikanische und Säuglinge von

Indianern werden mehr als doppelt so

häufi g zu früh und mit Untergewicht geboren

als weiße Kinder (US Census Bureau,

2009b).

Weit verbreitete Armut und zu wenig

Programme für die Gesundheitsfürsorge

von Müttern und kleinen Kindern sind

wesentlich verantwortlich für diese Trends.

Die Länder in Abbildung 3.7, die die Vereinigten

Staaten im Überleben von Säuglingen

überfl ügeln, versorgen alle Bürger

mit einer staatlich unterstützten Gesundheitsvorsorge,

und jedes Land unternimmt

Extraschritte, um sicherzustellen, dass

schwangere Mütter und Babys Zugang zu

guter Ernährung, hochqualifi zierter medizinischer

Vorsorge und sozialer und fi -

nanzieller Unterstützung erhalten, die

eine für das Kind günstige Elternschaft

ermöglichen.

Zum Beispiel ermöglichen alle westeuropäischen

Länder den Frauen eine be-

stimmte Anzahl von Arztbesuchen vor der Entbindung

zu niedrigen Preisen oder kostenlos. Nachdem ein

Kind geboren ist, macht eine Gesundheitsexpertin

und/oder Hebamme regelmäßig Hausbesuche, um Beratungen

zur Pfl ege des Kindes zu geben und um die

fortlaufende medizinische Versorgung zu organisieren.

Hilfe zu Hause ist ganz besonders intensiv in den Niederlanden.

Jede Mutter hat das Recht auf unentgeltliche

Hilfe durch speziell ausgebildete Helfer für Mütter,

die bei der Babypfl ege, beim Einkauf, der Hausarbeit,

Zubereitung von Mahlzeiten und der Pfl ege der anderen

Kinder in den Tagen nach der Entbindung helfen

(Bradley & Bray, 1996; Zwart, 2007).

Bezahlte und gesetzlich geschützte Unterbrechung

der Beschäftigung ist eine weitere lebenswichtige so-

Singapur

Schweden

Japan

Hongkong

Frankreich

Finnland

Tschechien

Deutschland

Schweiz

Spanien

Israel

Südkorea

Slowenien

Dänemark

Österreich

Luxemburg

Niederlande

Australien

Portugal

Großbritannien

Neuseeland

Kanada

Irland

Griechenland

Taiwan

Italien

Kuba

USA

Kroatien

Litauen

0

2 4 6 8

Säuglingssterblichkeit

(Anzahl Todesfälle pro 1000 Geburten)

Abbildung 3.7: Säuglingssterblichkeit in 32 Ländern. Trotz ihrer fortschrittlichen

Technologie in der Gesundheitsfürsorge nehmen die Vereinigten Staaten

einen schlechten Platz ein. Es ist der 28. Platz weltweit mit einer Sterblichkeitsrate

von 6,6 Kindern pro 1000 Geburten (nach US Census Bureau, 2009a). Deutschland

nimmt den 8. Platz ein mit 4,0 Todesfällen pro 1000 Geburten.

10


ziale Maßnahme für junge Eltern.

Kanadische Mütter haben ein Anrecht

auf bis zu 15 Wochen Mutterschaftsurlaub

bei 55 Prozent der

vorherigen Bezüge (mit einem

Höchstbetrag pro Woche) und kanadische

Mütter oder Väter können

in bestimmten Fällen – wenn

zum Beispiel ein Kind nach der

Geburt oder Adoption krank ist –

ein weiteres Jahr Elternurlaub bei

den gleichen Bezügen in Anspruch

nehmen. Bezahlter Urlaub ist in

anderen industrialisierten Ländern

ebenfalls weithin üblich. Schweden

hat das großzügigste Arbeitsunterbrechungsprogramm

für Eltern

auf der ganzen Welt. Mütter

können bereits 60 Tage vor dem errechneten

Geburtstermin Mutterschaftsurlaub

nehmen und auf bis

zu sechs Wochen nach der Geburt

ausdehnen; Väter erhalten anlässlich

der Geburt zwei Wochen Urlaub.

Darüber hinaus können beide

Eltern zu 80 Prozent ihrer vorherigen

Bezüge Urlaub nehmen, bis das Kind 18 Monate alt

ist, gefolgt von weiteren drei Monaten bei bescheidenen

Pauschalbezügen. Ferner haben beide Eltern Anspruch

auf weitere 18 Monate unbezahlten Urlaub.

Selbst weniger entwickelte Länder gewähren Elternschaftsurlaub

. In der Volksrepublik China zum Beispiel

hat eine frischgebackene Mutter das Recht auf drei freie

Arbeitsmonate mit regulärer Bezahlung. Darüber hinaus

unterstützen viele Länder grundsätzlich fi nanzierten

Mutterschaftsurlaub. In Deutschland etwa kann

seit 2007 ein Elternteil zwölf Monate Elterngeld mit

67 Prozent des letzten Einkommens und ein zweites

Elternteil noch weitere zwei Monate beziehen. Drei

Jahre Elternzeit ohne Bezahlung kann sich ein Elternteil

frei nehmen (OECD, 2006; Bundesministerium für

Familie, Senioren, Freizeit und Jugend, 2009)

Doch in den Vereinigten Staaten gewährt die Bundesregierung

nur zwölf Wochen unbezahlten Urlaub

und zwar nur für Mitarbeiter von Unternehmen mit

mindestens 50 Beschäftigten. Die meisten Frauen arbeiten

allerdings in kleineren Firmen und selbst diejenigen,

die in Unternehmen beschäftigt sind, die groß

genug sind, können es sich häufi g nicht leisten, unbezahlten

Urlaub zu nehmen (Hewlett, 2003). Aufgrund

fi nanzieller Zwänge nehmen sich viele junge Mütter,

die einen Anspruch auf unbezahlten Urlaub haben,

weit weniger als zwölf Wochen frei und frischgebackene

Väter nehmen in den meisten Fällen sehr wenig

oder gar keinen Vaterschaftsurlaub (OECD, 2006). Im

Jahre 2002 wurde Kalifornien der erste US-Bundesstaat,

der einer Mutter oder einem Vater bezahlten Urlaub

garantierte – bis zu sechs Wochen bei 50 Prozent

Bezügen, unabhängig von der Größe des Unternehmens.

3.6 Frühgeburten und Säuglinge mit niedrigem Geburtsgewicht

Bei dieser Inuit-Mutter von der Baffin-Insel im hohen Norden Kanadas traten Schwangerschaftskomplikationen

auf und sie musste über 300 km ins nächste Krankenhaus geflogen

werden, um ihren Sohn zur Welt zu bringen. Beschränkter Zugang zu medizinischen

Einrichtungen und sozialen Diensten in abgelegenen Regionen gefährdet die Zukunft

vieler Inuit-Neugeborener.

Dennoch sind sechs Wochen Urlaub nach der Geburt

(die Norm in den Vereinigten Staaten) nicht genug.

Wenn eine Familie durch die Ankunft von Nachwuchs

belastet ist, sind bis zu sechs Wochen nach der Geburt

durch Angststörungen der Mutter, nachgeburtliche depressive

Verstimmungen, eheliche Schwierigkeiten,

ein Gefühl der Rollenüberlastung (Konfl ikt zwischen

berufl ichen und familiären Verpfl ichtungen) und durch

Überforderung und Unsicherheit geprägte Interaktionen

mit dem Säugling gekennzeichnet. Ein längerer

Urlaub (mindestens zwölf Wochen) begünstigt eine

bessere psychische Gesundheit der Mutter, unterstützt

eheliche Interaktionen und intensive Fürsorge für das

Neugeborene (Feldman, Sussman & Zigler, 2004; Hyde

et al., 2001). Alleinstehende Mütter und ihre Kinder

sind vom Fehlen einer großzügigen Regelung für bezahlten

Elternschaftsurlaub am meisten betroffen. Solche

Mütter, die zumeist die einzige Einkommensquelle

für die Familie sind, können es sich am wenigsten leisten,

eine Auszeit von ihrem Job zu nehmen.

In Ländern mit niedriger Säuglingssterblichkeit

müssen werdende Eltern nicht darüber nachdenken,

wie sie zu einer Gesundheitsfürsorge und anderen Mitteln

für die Entwicklung ihrer Kinder kommen können.

Die erheblichen positiven Auswirkungen allgemein

zugänglicher, qualifi zierter Gesundheitsversorgung,

großzügigen Elternschaftsurlaubs und anderer sozialer

Dienstleistungen auf das Wohlergehen von Mutter und

Kind rechtfertigen solche familienpolitischen Maßnahmen

völlig. Deutschland gehört zu diesen Ländern mit

guter Gesundheitsfürsorge durch gesetzlich geregelte

Krankenversicherungen mit Mutterschaftsgeld und Erziehungsgeld

für maximal zwei Jahre. Die Höhe des

Erziehungsgeldes ist einkommensabhängig.

135


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

136

chen Status. Wissenschaftler meinen, dass familiäre,

schulische und gesellschaftliche Vorteile sich verbinden,

um solche hervorragenden Ergebnisse zu erklären

(Hack & Klein, 2006). Die meisten Teilnehmer

wuchsen in Familien mit beiden Eltern und mittlerem

SÖS heran, besuchten gute Schulen, wo sie besondere

Dienste in Anspruch nehmen konnten, und profi tierten

von Kanadas staatlich gefördertem, allgemein zugänglichen

Gesundheitssystem.

Freilich können auch die besten Umweltbedingungen

die gravierenden biologischen Risiken, die mit einem

sehr niedrigen Geburtsgewicht einhergehen, nicht

„beseitigen“. Weit klüger wäre es, solche gravierenden

Gefahren für das Überleben und die Entwicklung von

Kleinkindern zu verhindern, bevor sie überhaupt entstehen.

Der hohe Anteil untergewichtiger Säuglinge in

den Vereinigten Staaten – der zu den schlechtesten

Werten in den Industrieländern zählt – könnte stark

reduziert werden, indem man die gesundheitlichen

und sozialen Bedingungen verbessert, wie es im Info-

Kasten „Soziale Fragen“ beschrieben ist.

Geburtskomplikationen,

Elternschaft und Resilienz 3.7

In den vorangegangenen Abschnitten haben wir eine

Reihe von Geburtskomplikationen erörtert. Jetzt soll

versucht werden, die einzelnen Erkenntnisse zusammenzuführen.

Können irgendwelche generellen Prinzipien

Aufschluss darüber geben, wie Kinder, die eine

traumatische Geburt überleben, sich wahrscheinlich

entwickeln? Ein Meilenstein der Forschung, eine auf

Hawaii durchgeführte Studie, gibt Antworten auf diese

Frage.

Im Jahr 1955 begannen Emmy Werner und Ruth

Smith auf der Insel Kauai die Entwicklung von fast

700 Kleinkindern zu beobachten, die leichte, mittlere

oder schwere Geburtskomplikationen erlitten hatten.

Jedes von ihnen wurde in Vergleich gesetzt zu einem

gesunden Neugeborenen und zwar auf der Grundlage

des sozioökonomischen Status (SÖS) und der ethnischen

Zugehörigkeit (Werner & Smith, 1982). Die Ergebnisse

machten deutlich, dass die Wahrscheinlichkeit

von Langzeitschwierigkeiten zunahm, wenn das

Geburtstrauma stark gewesen war. Aber bei leicht oder

mittel belasteten Kindern war die beste Vorhersage

dafür, wie gut sie in späteren Jahren zurechtkommen

würden, aufgrund der Qualität ihrer häuslichen Umgebung

möglich. Kinder, die in stabilen Familien aufwuchsen,

schnitten bei Intelligenzmessungen und in

der psychischen Anpassungsfähigkeit fast genau so gut

ab wie Kinder ohne Geburtsprobleme. Jene, die Armut,

desorganisierten Familien und psychisch kranken Eltern

ausgesetzt waren, entwickelten häufi g ernsthafte

Lernschwierigkeiten, Verhaltensprobleme und emotionale

Störungen.

Die Kauai-Studie lehrt uns, dass eine unterstützende

häusliche Umgebung die Entwicklung der Kinder

normalisieren kann, solange Geburtsschäden nicht

überwältigend sind. Die verblüffendsten Fälle dieser

Studie waren jedoch die wenigen Ausnahmen. Einige

wenige Kinder mit sowohl relativ schwer wiegenden

Geburtskomplikationen als auch gestörtem Familienumfeld

entwickelten sich zu kompetenten Erwachsenen,

denen es hinsichtlich Berufsfertigkeiten und psychologischer

Anpassungsfähigkeit genauso gut erging

wie den Kontrollkindern. Werner und Smith fanden

heraus, dass diese Kinder gestützt wurden durch vorteilhafte

Umstände außerhalb der Familie und eine

günstige eigene Disposition, die ihnen halfen, die Belastungen

zu überwinden. Etliche hatten ein liebenswertes

Wesen, das zu positiven Reaktionen von Verwandten,

Nachbarn und Altersgenossen führte. In

anderen Fällen bauten Großmutter oder Großvater,

Tante, Onkel oder ein Babysitter eine warmherzige

Beziehung auf und leistete so die nötige emotionale

Unterstützung (Werner, 1989, 1993, 2001; Werner &

Smith, 1992).

Die umfassende Studie des Robert-Koch-Instituts,

die Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS)

2006) erbrachte auch Ergebnisse zu perinatalen Risiken

auf die spätere Gesundheit (Bergmann, Bergmann,

Ellert & Dudenhausen, 2007). Die Untersuchung bezog

insgesamt 17.641 Kinder in 167 für die Bundesrepublik

repräsentativen Städten und Gemeinden mit ein.

Die Untersuchung ergab, dass in den zurückliegenden

20 Jahren die durchschnittliche Gewichtszunahme bei

der Geburt um 50 g gestiegen war, aber kein sicherer

signifi kanter Trend für die Einfl ussfaktoren Rauchen

und Alkohol festgestellt werden konnte. Während der

Anteil der Frauen in der niedrigen SÖS-Gruppe mit

Angaben zu Rauchen während der Schwangerschaft

am höchsten war (31,1 Prozent im Vergleich zu 15,8

Prozent und 7,8 Prozent mit mittlerem und hohem

SÖS), tranken schwangere Frauen aus der hohen SÖS-

Gruppe am meisten Alkohol ( 20,3 Prozent verglichen

mit 13, 2 und 8,5 Prozent aus der mittleren und niedrigen

SÖS Gruppe).

Erinnern Sie diese Ergebnisse nicht an die Merkmale

resilienter Kinder, wie sie in Kapitel 1 diskutiert

wurden? Die Kauai-Studie und andere, ähnliche

Studien zeigen, dass der Einfl uss eines frühen biologischen

Risikos oft verschwindet, wenn persönliche

Merkmale der Kinder und soziale Erfahrungen zunehmend

zu ihrer Bewältigungskapazität beitragen

(Laucht, Esser & Schmidt, 1997; Resnick et al., 1999).

Zusammenfassend kann man sagen, dass sich Kinder

mit schweren Geburtsproblemen auch erfolgreich entwickeln

können, wenn sich insgesamt die Waagschale

mit positiven und negativen kritischen Lebensereignissen

mehr zur positiven Seite neigt.


Prüfen Sie sich selbst…

Rückblick

Einfühlsame Fürsorge kann Frühgeborenen helfen, gesund zu werden,

doch erhalten sie seltener als voll ausgetragene Neugeborene

diese Art von Zuwendung. Bitte erklären Sie, warum das so ist.

Anwendung

Cäcilie und Adena brachten beide Babys von etwa 1350 g sieben

Wochen vor dem Geburtstermin zur Welt. Cäcilie ist alleinerziehend

und lebt von der Sozialhilfe. Adena und ihr Mann sind glücklich

verheiratet und haben ein gutes Einkommen. Erstellen Sie einen

Interventionsplan, der den Babys hilft, sich zu entwickeln.

Zusammenhänge

Zählen Sie alle in diesem Kapitel genannten Faktoren auf, welche

die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ein Kind untergewichtig geboren

wird. Wie viele dieser Faktoren könnten durch bessere Gesundheitsvorsorge

für Mütter und Babys vermieden werden?

Zum Nachdenken

Viele Menschen stellen den Einsatz außergewöhnlicher medizinischer

Maßnahmen zur Rettung von Kindern mit extrem niedrigem

Geburtsgewicht in Frage und zwar wegen ihres hohen Risikos,

schwer wiegende körperliche, kognitive und emotionale Probleme

nach sich zu ziehen. Was denken Sie über diese Frage? Bitte erklären

Sie.

Die Fähigkeiten eines

Neugeborenen 3.8

Neugeborene Kinder haben eine bemerkenswerte Reihe

von Fähigkeiten zum Überleben und um Aufmerksamkeit

und Fürsorge der Eltern auszulösen. In ihrem

Bezug zur Welt um sie herum und dem Aufbau ihrer

ersten sozialen Beziehungen sind Babys von Anfang

an aktiv.

3.8.1 Die Refl exe eines Neugeborenen

Ein Refl ex ist eine angeborene automatische Reaktion

auf eine bestimmte Art von Stimulation. Refl exe sind

das auffälligste Verhaltensmuster neugeborener Babys.

Als Jörg Jonas auf einen Tisch im Seminarraum

legte, konnten etliche Refl exe beobachtet werden. Als

Jörg an die Seite des Tisches stieß, reagierte Jonas damit,

seine Arme weit auseinanderzustrecken und sie

dann wieder an seinen Körper zu bringen. Als Dana

Jonas’ Wange streichelte, drehte er den Kopf in ihre

Richtung. Als sie ihren Finger in Jonas’ Handfl äche

legte, umschloss er ihn fest. Bitte NEHMEN SIE SICH

EINEN MOMENT ZEIT, sehen Sie sich Tabelle 3.4 an

und versuchen Sie, die von Jonas gezeigten Refl exe zu

benennen.

Einige Refl exe haben Überlebenswert. So hilft zum

Beispiel der Suchrefl ex einem Kind, das gestillt wird,

die Brustwarze der Mutter zu fi nden. Säuglinge zeigen

3.8 Die Fähigkeiten eines Neugeborenen

ihn nur, wenn sie hungrig sind und von einer anderen

Person berührt werden, nicht aber, wenn sie sich

selbst berühren (Rochat & Hespos, 1997), und wenn

Neugeborene nicht saugen könnten, hätte unsere Spezies

wahrscheinlich keine einzige Generation überlebt!

Nach der Geburt passt ein Säugling seinen Saugdruck

daran an, wie leicht die Milch aus der

Brustwarze fl ießt (Craig & Lee, 1999).

Einige Refl exe bilden die Grundlage für komplexe

motorische Fähigkeiten, die sich später entwickeln

werden. Der Schreitrefl ex sieht aus wie eine primitive

Laufreaktion. Im Gegensatz zu anderen Refl exen zeigt

sich der Schreitrefl ex in vielerlei Situationen – bei

seitlicher oder auf dem Kopf stehender Körperhaltung,

wenn die Füße eine Wand oder Zimmerdecke

berühren oder gar, wenn die Beine frei in der Luft hängen

(Adolph & Berger, 2006). Ein Grund, warum bei

Säuglingen so häufi g die abwechselnde Beinbewegung

des Schreitens zu beobachten ist, liegt darin,

dass sie im Vergleich zu anderen Bewegungsabläufen

so einfach ist: Die wiederholte Bewegung nur eines

Beines oder beider Beine zusammen erfordert mehr

Anstrengung.

Bei Kindern, die in den ersten Wochen nach der

Geburt schnell an Gewicht zunehmen, fällt der Schreitrefl

ex fort, weil Schenkel- und Wadenmuskeln nicht

stark genug sind, die rundlichen Beine des Babys zu

heben. Wenn aber der Unterkörper des Babys in Wasser

getaucht wird, erscheint der Refl ex wieder, weil

die Tragkraft des Wassers die Last auf den Muskeln des

Babys vermindert (Thelen, Fisher & Ridley-Johnson,

1984). Wenn der Schreitrefl ex regelmäßig trainiert

wird, können Babys mehr refl exhafte Gehbewegungen

Beim Moro-Reflex bringt der Verlust an Stütze oder ein plötzliches

lautes Geräusch dieses Baby dazu, seinen Rücken zu krümmen, die

Arme auswärts zu strecken und sie dann wieder über der Brust zusammenzuführen.

137


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

138

machen und werden wahrscheinlich einige Wochen

früher laufen können, als wenn das Schreiten nicht

geübt wird (Zelazo, 1983; Zelazo et al., 1993). Jedoch

besteht für Babys keine spezielle Notwendigkeit, den

Schreitrefl ex zu trainieren, weil alle normalen Babys

zur vorgesehenen Zeit laufen können.

Einige Refl exe verhelfen Eltern und Säuglingen zu

erfreulichen Interaktionen. Ein Baby, das nach der

Brustwarze sucht und Erfolg dabei hat, während der

Nahrungsgabe mit Leichtigkeit saugt und greift, wenn

seine Hand berührt wird, ermutigt damit seine Eltern,

liebevoll zu reagieren und sich als kompetente Pfl egepersonen

zu fühlen. Refl exe helfen den fürsorglichen

Eltern auch dabei, das Baby zu beruhigen, weil

Tabelle 3.4: Einige Reflexe eines Neugeborenen

Reflex Stimulation Reaktion Verschwindet

im Alter von

Lidschlussreflex Helles Licht den Augen

nähern oder nahe am

Kopf in die Hände

klatschen

Suchreflex Wange nahe am Mundwinkel

berühren

Saugreflex Finger in den Mund des

Säuglings stecken

Moro-Reflex Halten Sie den Säugling

horizontal auf dem

Rücken und lassen Sie

seinen Kopf leicht fallen

oder erzeugen Sie ein

plötzliches lautes Geräusch

an der das Kind

stützenden Oberfläche.

Handgreifreflex Legen Sie einen Finger

in die Hand des Säuglings

und pressen Sie

den Handballen.

asymmetrisch tonischer

Nackenreflex

Drehen Sie den Kopf des

Babys auf eine Seite,

während es wach auf

dem Rücken liegt.

Schreitreflex Halten Sie den Säugling

unter den Armen und

lassen Sie die nackten

Füße eine flache Oberfläche

berühren.

Babinski-Reflex Streichen Sie die

Fußsohle vom Zeh bis

zur Ferse.

Das Baby schließt rasch

die Augen.

Der Kopf dreht sich hin

zum Reiz.

Der Säugling saugt

rhythmisch am Finger.

Der Säugling macht eine

„umarmende“ Bewegung,

indem er sich

zurückbeugt, die Beine

ausstreckt, die Arme

nach außen streckt und

dann die Arme wieder

an den Körper bringt.

Spontanes Ergreifen des

Fingers

Säugling liegt in einer

„gesicherten Position“.

Ein Arm ist vor den

Augen auf der Seite

ausgestreckt, auf die

sich der Kopf dreht, der

andere Arm ist gebeugt.

Der Säugling hebt einen

Fuß nach dem anderen

in einem Schreitreflex.

Zehen fächern sich auf

und krümmen sich,

während sich der Fuß

dreht.

sie dem Baby damit erlauben, Kummer und Umfang

der Stimulierung zu kontrollieren. Zum Beispiel

nahm Dana bei kurzen Ausgängen mit Jonas in den

Lebensmittelladen einen Schnuller mit. Wenn er unruhig

wurde, half ihm das Saugen, sich zu beruhigen,

bis sie ihn füttern, die Windeln wechseln oder halten

konnte.

Wie Tabelle 3.4 zeigt, verschwinden die meisten

Refl exe der Neugeborenen im Laufe der ersten sechs

Monate wieder. Forscher glauben, dass das durch eine

graduelle Zunahme der Kontrolle über das Verhalten

bedingt ist, während die Hirnrinde sich entwickelt.

Kinderärzte prüfen Refl exe sehr sorgfältig, besonders

wenn ein Neugeborenes ein Geburtstrauma erlitten

Funktion

permanent Schützt den Säugling

vor starker Reizung

3 Wochen (wird zu

dieser Zeit autonomes

Kopfdrehen)

Wird nach 4 Monaten

durch willentliches

Saugen ersetzt

Hilft dem Säugling, die

Brustwarze zu finden

Erlaubt das Füttern

6 Monaten Hat in der Entwicklungsgeschichte

des

Menschen dem Säugling

möglicherweise

geholfen, sich an die

Mutter zu klammern

3 bis 4 Monaten Bereitet den Säugling

auf willentliches

Greifen vor

4 Monaten Könnte den Säugling

darauf vorbereiten, sich

willentlich nach etwas

zu strecken

2 Monaten bei Kindern,

die schnell zunehmen;

besteht bei leichteren

Säuglingen länger fort

Bereitet den Säugling

auf willentliches

Gehen vor

8 bis 12 Monate Unbekannt

Quellen: Knobloch & Pasamanick, 1974; Prechtl & Beintema, 1965; Thelen, Fisher & Ridley-Johnson, 1984.


Der Greifreflex ist in der ersten Woche nach der Geburt so stark, dass

viele Säuglinge damit ihr gesamtes Gewicht halten können.

hat, weil Refl exe etwas über die Gesundheit des kindlichen

Nervensystems aussagen. Schwache oder fehlende

Refl exe, zu heftige oder übertriebene Refl exe

und solche, die über den richtigen Entwicklungszeitpunkt

hinweg fortbestehen und nicht verschwinden,

können eine Hirnschädigung signalisieren (Schott &

Rossor, 2003; Zafeiriou, 2000).

3.8.2 Spontane Motorik und

Haltungsbewegungen

Die spontanen Bewegungen von Säuglingen in den

ersten Lebenswochen, besonders wenn sie zu früh geboren

werden, können eine langfristige kognitive Entwicklung

vorhersagen, wie Butcher und ihre niederländischen

Kollegen (2009) nachweisen konnten. Sie

untersuchten die spontanen Bewegungen von elf bis

16 Wochen alten Frühgeborenen (früher als oder in der

33. Woche) mit der von dem Entwicklungsneurologen

Prechtl entwickelten Methode (Prechtl, 2001). Die frühen

allgemeinen Spontanbewegungen verändern sich

wenig von der pränatalen Phase bis zum Alter von

etwa neun Wochen nach der Geburt. Zu diesem Zeitpunkt

gehen die elliptische Bahnen beschreibenden

Bewegungen von kleinerer bis mittlerer Amplitude

3.8 Die Fähigkeiten eines Neugeborenen

und mäßiger Geschwindigkeit (Englisch: writhing movements)

in Bewegungen in horizontaler, vertikaler

und in Kopfrichtung über. Diese im Englischen „fi dgety“

genannten Bewegungen bleiben erhalten, bis der

Säugling etwa sechs Monate alt ist. Danach werden

zunehmend intentionale und Bewegungen zur Aufrechtstellung

des Körpers beobachtet. Die Abwesenheit

von Bewegungen in der vertikalen und in Richtung

über den Kopf deutet auf neurologische Störungen

hin, besonders wenn der Mangel an solchen Bewegungen

zwischen der 11. und der 16. Woche auftritt. Es

wurden sowohl altersgemäße Bewegungsformen als

auch Haltungsmuster erfasst; z. B. wurde darauf geachtet,

ob der asymmetrische tonische Nackenrefl ex

bereits verschwunden war. Im Alter von sieben bis elf

Jahren sagten die frühen freien Bewegungsmuster die

verbale und nichtverbale Intelligenz nicht signifi kant

voraus, wohl aber die frühen Haltungsmuster. Der Anteil

der elterlichen Bildung war in den Analysen kontrolliert

und trug auch signifi kant zu den Intelligenztestwerten

bei.

3.8.3 Zustände des Neugeborenen

Tagsüber und während der Nacht gelangen neugebore ne

Kinder immer wieder in fünf verschiedene Aktivierungszustände

(oder Erregungszustände oder einen bestimmten

Grad von Schlaf oder Wachsein), beschrieben in

Tabelle 3.5. Im ersten Lebensmonat wechseln diese

Zustände häufi g. Der fl üchtigste ist ruhige Aufmerksamkeit,

die rasch in Aufregung und Schreien übergeht.

Sehr zur Erleichterung ihrer ermüdeten Eltern bringen

Neugeborene die meiste Zeit schlafend zu – etwa 16 bis

18 Stunden am Tag. Obwohl Neugeborene nachts mehr

schlafen als am Tage, wird ihr Schlaf-Wach-Rhythmus

mehr durch Sattheit und Hunger als durch Dunkelheit

und Licht beeinfl usst (Davis, Parker & Montgomery,

2004; Goodlin-Jones, Burnham & Anders, 2000).

Allerdings existieren bemerkenswerte Unterschiede

im täglichen Rhythmus, welche die Haltung der

Eltern ihrem Kind gegenüber und die Kommunikation

mit ihm beeinfl ussen. Einige wenige Neugeborene

schlafen lange Perioden hindurch und vermehren damit

die Energie, die ihre wohl ausgeruhten Eltern

dann für einfühlsame und empfängliche Fürsorge einsetzen

können. Andere Babys schreien sehr viel und

ihre Eltern müssen große Anstrengungen darauf verwenden,

sie zu beruhigen. Wenn ihnen das nicht gelingt,

fühlen sich solche Eltern möglicherweise in

Bezug auf ihr Kleinkind beunruhigt, weniger kompetent

und weniger positiv. Säuglinge, die mehr Zeit im

Zustand ruhiger Aufmerksamkeit verbringen, erleben

wahrscheinlich mehr soziale Stimulation und Gelegenheiten,

ihr Umfeld zu erkunden und könnten daher

einen kleinen Vorteil bei ihrer kognitiven Entwicklung

haben (Gertner et al., 2002; Sadeh et al.,

2007; Smart & Hiscock, 2007).

139


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

140

Von den fünf Zuständen, die in Tabelle 3.5 aufgeführt

sind, sind die beiden Extreme von Schlaf und

Schreien von größtem Interesse für die Wissenschaftler.

Beide erzählen uns etwas über die normale und

die von der Norm abweichende frühe Entwicklung.

Schlaf

Eines Tages beobachteten Dana und Jörg ihren Sohn

Jonas im Schlaf und wunderten sich darüber, dass seine

Augenlider und sein Körper zuckten und sein

Atemrhythmus sich veränderte. Der Schlaf besteht aus

mindestens zwei Stadien. Während des paradoxen oder

REM-Schlafes (Schlaf mit raschen Augenbewegungen)

ist die elektrische Aktivität der Hirnwellen derjenigen

im Wachzustand bemerkenswert ähnlich. Die Augen

bewegen sich sehr rasch hinter den Lidern, Puls, Blutdruck

und Atmung sind unregelmäßig und es fi nden

leichte Körperbewegungen statt. Im Gegensatz dazu ist

während des NREM-Schlafes der Körper fast bewegungslos

und Puls, Atmung und Gehirnwellenaktivität sind

langsam und regelmäßig.

Wie Kinder und Erwachsene wechseln Neugeborene

zwischen REM- und NREM-Schlaf. Jedoch verweilen

sie viel länger im REM-Stadium, als sie es später

tun werden. REM-Schlaf nimmt 50 Prozent der Schlafzeit

eines Neugeborenen ein. Im Alter von drei bis fünf

Jahren ist er auf das Niveau eines Erwachsenen mit 20

Prozent gesunken (Louis et al., 1997).

Tabelle 3.5: Aktivierungszustände des Neugeborenen

Warum verbringen kleine Kinder so viel Zeit im

REM-Schlaf? Bei älteren Kindern und Erwachsenen

wird das REM-Stadium mit dem Träumen in Verbindung

gebracht. Babys träumen wahrscheinlich nicht,

jedenfalls nicht auf die gleiche Weise wie wir. Doch

Wissenschaftler glauben, dass die Stimulation durch

REM-Schlaf entscheidend für das Wachstum des Zentralnervensystems

ist. Bei kleinen Säuglingen scheint

ein besonderes Bedürfnis für solche Stimulation zu

bestehen, da sie nur wenig Zeit im wachen Zustand

verbringen, in dem sie aus ihrem Umfeld anregende

Reize erhalten. Unterstützt wird diese Vorstellung dadurch,

dass der Anteil des REM-Schlafs besonders

groß ist beim Fetus und bei Frühgeborenen, die noch

weniger als voll ausgetragene Babys in der Lage sind,

von externer Stimulierung in ihrer Entwicklung zu

profi tieren (de Weerd & van den Bossche, 2003; DiPietro

et al., 1996).

Da das normale Schlafverhalten eines Neugeborenen

organisiert ist und bestimmten Mustern folgt, können

Beobachtungen der Schlafzustände dabei helfen,

Anomalien des Zentralnervensystems zu erkennen

(Gordlin-Jones & Anders, 2004) Bei Kindern mit Hirnschäden

oder schweren Geburtstraumata sind oft gestörte

REM- und NREM-Schlafrhythmen vorhanden.

Babys mit schlechtem Schlafverhalten sind eher auf

der Verhaltensebene desorganisiert und haben deshalb

Schwierigkeiten, bei ihren Pfl egepersonen Interaktionen

auszulösen, die ihre Entwicklung fördern.

Zustand Beschreibung Tägliche Dauer beim Neugeborenen

regelmäßiger Schlaf Das Kind befindet sich in voller Ruhe und zeigt wenig

oder keine Körperaktivität. Die Augenlider sind geschlossen,

es gibt keine Augenbewegungen, das Gesicht ist

entspannt und der Atem ruhig und regelmäßig.

unregelmäßiger Schlaf Leichte Bewegung der Gliedmaßen, gelegentliche Bewegungen

und Grimassen des Gesichts treten auf. Obwohl

die Augenlider geschlossen sind, können hinter ihnen

gelegentliche Augenbewegungen ausgemacht werden.

Der Atem ist unregelmäßig.

Schläfrigkeit Das Baby schläft entweder ein oder es wacht auf. Der

Körper ist weniger aktiv als im unregelmäßigen Schlaf,

aber aktiver als im regelmäßigen. Die Augen öffnen und

schließen sich; wenn sie offen sind, haben sie einen

glasigen Ausdruck. Der Atem ist ebenmäßig, aber etwas

schneller als im regelmäßigen Schlaf.

ruhige Aufmerksamkeit Der Körper des Säuglings ist relativ inaktiv, die Augen

offen und aufmerksam. Der Atem ist ruhig.

Wachaktivität und Schreien Das Baby zeigt häufige Ausbrüche von unkoordinierter

Körperbewegung. Der Atem ist unregelmäßig. Das

Gesicht kann entspannt sein oder gespannt und faltig.

Schreien ist möglich.

Quelle: Wolff, 1966.

8 bis 9 Stunden

8 bis 9 Stunden

veränderlich

2 bis 3 Stunden

1 bis 4 Stunden


Im Vorschulalter zeigten sie verzögerte motorische,

kognitive und sprachliche Entwicklung (de Weerd &

van den Bossche, 2003; Feldman et al., 2006; Holditch-

Davis, Belyea & Edwards, 2005). Die Probleme der

Hirnfunktion, die den Schlafunregelmäßigkeiten von

Neugeborenen zugrunde liegen, können zum plötzlichen

Kindstod führen, einer Hauptursache von Säuglingssterblichkeit

(siehe Info-Kasten „Biologie und

Umwelt“).

Schreien

Schreien ist die erste Art der Babys zu kommunizieren.

So lassen sie ihre Eltern wissen, dass sie Nahrung,

Trost oder Stimulierung brauchen. Während der Wochen

nach der Geburt haben alle Säuglinge aufgeregte

Perioden, in denen sie schwer zu beruhigen sind.

Meistens hilft die Art des Schreiens in Verbindung mit

dem auslösenden Erlebnis den Eltern dabei, den

Grund zu verstehen. Das Schreien des Babys ist ein

komplexer Reiz, der in der Intensität von einem Wimmern

bis zum Ausdruck der größten Verzweifl ung

wechselt (Gustafson, Wood & Green, 2000). Bereits in

den ersten Lebenswochen können einzelne Säuglinge

anhand der einzigartigen vokalen „Signatur“ ihres

Schreiens unterschieden werden, was ihren Eltern dabei

hilft, ihr Baby bereits aus der Entfernung zu erkennen

(Gustafson, Green & Cleland, 1994).

Um seinen schreienden Säugling zu beruhigen, hält dieser Vater sein

Kind aufrecht gegen seinen sich sanft bewegenden Körper. Neben dem

Effekt, Kinder vom Schreien abzulenken, bewirkt diese Technik, dass

sie auf eine ruhige Weise wachsam und aufmerksam gegenüber der

Umgebung werden.

3.8 Die Fähigkeiten eines Neugeborenen

Säuglinge schreien in den ersten Wochen in der Regel

wegen körperlicher Bedürfnisse. Hunger ist der

häufi gste Grund, jedoch können Babys auch als Reaktion

auf Temperaturwechsel, wenn sie entkleidet werden,

auf ein plötzliches Geräusch oder einen schmerzhaften

Reiz schreien. Neugeborene (wie auch ältere

Babys) schreien oft beim Klang eines anderen schreienden

Babys (Dondi, Simion & Caltran, 1999). Einige

Forscher nehmen an, dass diese Reaktion die angeborene

Fähigkeit, auf das Leiden anderer zu reagieren,

widerspiegelt. Außerdem nimmt das Schreien typischerweise

in den ersten Wochen zu, hat seinen Höhepunkt

um die sechste Woche und nimmt dann ab.

Weil dieser Trend sich in vielen Kulturen mit sehr unterschiedlichen

Pfl egepraktiken der Kinder zeigt,

glauben Forscher, dass ihm universale Anpassungsprozesse

des Zentralnervensystems zugrunde liegen

(Barr, 2001).

Bitte NEHMEN SIE SICH EINEN MOMENT ZEIT,

wenn Sie das nächste Mal ein Baby schreien hören,

und beobachten Sie dabei Ihre eigene Reaktion. Das

Geräusch erweckt fast in jedem starke Gefühle der Erregung

und des Unbehagens (Boukydis & Burgess,

1982; Murray, 1985). Diese Reaktion ist wahrscheinlich

den Menschen angeboren, um sicherzustellen,

dass Babys die Fürsorge und den Schutz erhalten, die

sie zum Überleben benötigen.

Schreiende Babys beruhigen

Zwar interpretieren Eltern das Schreien ihres Babys

nicht immer richtig, aber das ändert sich oft mit zunehmender

Erfahrung (Thompson & Leger, 1999).

Zum Glück gibt es viele Methoden, um ein schreiendes

Baby zu beruhigen, wenn Füttern und Windelnwechseln

nicht funktionieren (siehe Info-Kasten „Anwendung

des Gelernten“). Die Technik, die westliche

Eltern meistens zuerst probieren, nämlich das Baby an

die eigene Brust auf Schulterhöhe zu nehmen und

dann zu gehen oder es zu schaukeln, ist die wirksamste.

Eine andere gebräuchliche Methode zur Beruhigung

ist das Wickeln – das Baby behaglich in eine

Decke einwickeln. Bei den Quechua, die in kalten,

hochgelegenen Wüstenregionen Perus leben, werden

kleine Kinder in mehrere Lagen von Kleidung und Decken

gewickelt, die ihren Kopf und Körper bedecken.

Das Ergebnis – ein warmer Beutel auf dem Rücken

der Mutter, der sich rhythmisch bewegt, wenn sie

geht – vermindert das Schreien und fördert den Schlaf.

Zudem spart so das Kind Energie für sein frühes

Wachstum im rauen peruanischen Hochland (Tronick,

Thomas & Daltabuit, 1994).

In vielen Stammes- und Dorfgemeinschaften und

nicht-westlichen Gesellschaften verbringen Säuglinge

fast den ganzen Tag und die ganze Nacht im engen

Körperkontakt mit ihrer Mutter. Bei den Kung in den

Wüstenregionen Botswanas in Afrika tragen Mütter

ihr Baby in einer Schlinge über der Hüfte, so dass es

141


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

142

Biologie & Umwelt:

Plötzlicher Kindstod, eine mysteriöse Tragödie

Marlene erwachte eines Morgens

ganz unvermittelt und sah auf die

Uhr. Es war 7.30 und Sascha war

weder in der Nacht noch frühmorgens

aufgewacht, um gefüttert zu

werden. Marlene und ihr Ehemann

Stephan fragten sich, ob alles in

Ordnung wäre und gingen auf Zehenspitzen

in das Zimmer. Sascha

lag still da, zusammengerollt unter

seiner Decke. Er war ruhig während

des Schlafes gestorben.

Sascha war ein Opfer des plötzlichen

Kindstods , eines unerwarteten

To des, der in der Regel nachts bei

Kindern unter einem Jahr auftritt

und auch nach genauer Untersuchung

unerklärlich bleibt. In indus -

trialisierten Ländern ist der plötzliche

Kindstod eine der Haupt-

ursachen für Säuglingssterblich -

keit zwischen einem und zwölf

Monaten, verantwortlich für etwa

20 Prozent solcher Todesfälle in den Vereinigten Staaten

(Mathews & MacDorman, 2008). In Deutschland

liegt die Sterblichkeitsziffer durch plötzlichen Kindstod

bei neun Prozent und ist keineswegs die häufi gste

Todesursache im ersten Lebensjahr (Bundesamtes für

Statistik, 2007).

Obwohl die genaue Ursache des plötzlichen Kindstods

unbekannt ist, zeigen seine Opfer in der Regel von

Anfang an körperliche Probleme. Frühe medizinische

Daten bei Babys mit plötzlichem Tod weisen auf höhere

Raten von Unreife und niedrigem Geburtsgewicht,

schlechte Apgar-Scores und einen schlaffen Muskeltonus

hin. Abnormer Puls, Störungen der Atmung und

des Schlaf-Wach-Rhythmus sowie der REM-NREM-

Zyklen im Schlafzustand spielen ebenfalls eine Rolle

(Cornwell & Feigenbaum, 2006; Kato et al., 2003). Zum

Zeitpunkt ihres Todes haben viele der verstorbenen

Kinder eine leichte Infektion der Atemwege (Samuels,

2003). Sie scheint die Wahrscheinlichkeit eines Atemversagens

bei einem bereits empfi ndlichen Kind zu

erhöhen.

Eine Hypothese über die Ursache des plötzlichen

Kindstodes ist die einer gestörten Hirnfunktion. Sie

hindert die Kinder daran zu lernen, wie sie reagieren

müssen, wenn ihr Überleben bedroht ist, zum Beispiel,

wenn die Atmung plötzlich unterbrochen ist. Im Alter

zwischen zwei und vier Monaten, wenn der plötzliche

Kindstod am häufi gsten auftritt, schwächen sich Refl exe

ab und werden von freien, gelernten Reaktionen ersetzt.

Schwächen in der Atmung und in den Muskeln

können solche Babys daran hindern, Verhaltensweisen

zu erwerben, die Abwehrrefl exe ersetzen (Lipsitt, 2003).

Daraus folgt, dass die Babys nicht erwachen, ihre Position

verändern oder nach Hilfe schreien, wenn während

des Schlafes Atemschwierigkeiten auftreten.

Stattdessen ergeben sie sich einfach dem Sauerstoffmangel

und dem Tod. Diese Interpretation wird durch

Autopsie-Ergebnisse gestützt, die zeigen, dass vom

Aufklärungskampagnen, die Eltern dazu ermutigen, ihren Säugling zum Schlafen auf den

Rücken zu legen, haben dazu beigetragen, die Häufigkeit der Fälle von plötzlichem

Kindstod in vielen westlichen Ländern um die Hälfte zu reduzieren.

plötzlichen Kindstod betroffene Kinder häufi ger als andere

Kinder Abnormitäten in Gehirnzentren aufweisen,

die die Atmung steuern (Paterson et al., 2006).

In dem Bemühen, das Vorkommen des plötzlichen

Kindstodes zu reduzieren, untersuchen Forscher Umweltfaktoren,

die damit verbunden sind: Rauchen der

Mutter sowohl während als auch nach der Schwangerschaft

sowie Rauchen anderer Pfl egepersonen gehören

dazu. Babys, die Zigarettenrauch ausgesetzt sind, haben

mehr Atemwegsinfektionen, erwachen weniger

leicht aus dem Schlaf und sterben doppelt so häufi g am

plötzlichen Kindstod wie Säuglinge, die dieser Belastung

nicht ausgesetzt sind (Anderson, Johnson & Batal,

2005; Shah, Sullivan & Carter, 2006). Pränataler Missbrauch

von Drogen, die das zentrale Nervensystem

dämpfen (Opiate und Barbiturate), erhöhen das Risiko

bis zu fünfzehnfach (Hunt & Hauck, 2006). Vom plötzlichen

Kindstod betroffene Säuglinge schlafen auch

häufi ger auf dem Bauch als auf dem Rücken und sind

oft sehr warm in Kleidung und Decken eingepackt

(Hauck et al., 2003).

Einige Forscher vermuten, dass Nikotin, dämpfende

Medikamente und Drogen, stark erhöhte Körpertemperatur

und Atemwegsinfektionen allesamt zu einer physiologischen

Belastung führen, die das normale Schlafmuster

zerstört. Wenn Babys nach Schlafmangel einen

Schlaf-„Rückfall“ erleben, schlafen sie tiefer, was zu

einem Verlust der Muskelspannung in den Atemwegen

führt. Bei Risikobabys können die Atemwege kollabieren

und das Kind schafft es nicht, die Atmung wieder

ausreichend aufzunehmen (Simpson, 2001). In anderen

Fällen können gesunde Babys, die in weichem Bettzeug

mit dem Gesicht nach unten schlafen, daran sterben,

dass sie fortwährend ihre eigene ausgestoßene

Atemluft einatmen.

Das Rauchen aufgeben, die Schlafposition des Kindes

verändern oder die Liegefl äche im Bett günstiger

gestalten können das Risiko des plötzlichen Kindsto-


des reduzieren. Zum Beispiel könnten geschätzte

30 Prozent von Todesfällen verhindert werden, wenn

Frauen während der Schwangerschaft das Rauchen

aufgeben würden. Aufklärungskampagnen, die Eltern

dazu ermutigen, ihren Säugling zum Schlafen auf den

Rücken zu legen, haben die Häufi gkeit der Fälle von

plötzlichem Kindstod in vielen westlichen Ländern

um die Hälfte reduziert (Byard & Krous, 2003). Eine

weitere Schutzmaßnahme ist die Verwendung eines

Schnullers: Schlafende Säuglinge, die saugen, erwachen

leichter durch Unregelmäßigkeiten von Atmung

und Puls (Li et al., 2006). Dennoch tritt der plötzliche

Kindstod im zwei- bis sechsmal häufi ger bei Kindern

aus von Armut betroffenen Minderheiten auf, in denen

die Umgebung sehen und nach eigenem Wunsch gestillt

werden kann. Japanische Mütter und Kinder verbringen

ebenfalls viel Zeit in engem Körperkontakt

(Small, 1998). Säuglinge in diesen Kulturen zeigen

kürzere Schreiperioden als ihre nordamerikanischen

Altersgenossen (Barr, 2001).

Aber nicht alle Forschungsergebnisse belegen, dass

rasche Reaktionen der Eltern das Schreien von Säuglingen

reduzieren (van Ijzendoorn & Hubbard, 2000).

Eltern müssen begründete Entscheidungen darüber

treffen, was zu tun ist, und zwar auf der Basis kulturell

akzeptierter Sitten, dem mutmaßlichen Grund für das

Schreien und dem Umfeld, in dem es stattfi ndet – zum

Beispiel in der Abgeschlossenheit der eigenen Woh-

Stress der Eltern und Drogenmissbrauch weit verbreitet

sind, schlechter Zugang zu medizinischen

Dienstleistungen besteht und es an Wissen über risikolose

Schlafpraktiken fehlt, als bei weißen Säuglingen

aus Mittelklassefamilien (Pickett, Luo & Lauderdale,

2005).

Wenn aber der plötzliche Kindstod auftritt, brauchen

die Mitglieder betroffener Familien umfassende

Hilfe, um einen solchen unerwarteten Todesfall verkraften

zu können. Wie Marlene es sechs Monate nach

Saschas Tod formulierte: „Es war die schlimmste Krise,

die wir je erlebt haben. Am meisten halfen uns die tröstenden

Worte von anderen, die das Gleiche durchgemacht

haben.“

nung oder während des Essens in einem Restaurant.

Zum Glück lässt das Schreien mit zunehmendem Alter

nach. Praktisch alle Wissenschaftler sind sich darüber

einig, dass Eltern bei älteren Kindern das Schreien

reduzieren können, indem sie es zu reiferen

Ausdrucksformen anleiten, zum Beispiel zum Gebrauch

von Gesten und verbalen Äußerungen.

Schreikinder

Wie Refl exe und Schlafmuster ist das Schreien des

Säuglings ein Schlüssel zu Notlagen (Qual, Schmerz,

Pein) des Zentralnervensystems. Das Schreien von

hirngeschädigten Kindern und von Babys, die präna-

Anwendung des Gelernten: Wie man ein schreiendes Neugeborenes beruhigt

Methode Erklärung

Das Baby an die Schulter heben und schaukeln oder herumgehen Diese Kombination aus körperlichem Kontakt, aufrechter Haltung

und Bewegung ist die wirksamste Methode zur Beruhigung. Der

Säugling wird in den Zustand ruhiger Aufmerksamkeit versetzt.

Das Baby fest wickeln Verminderte Bewegung und Zunahme der Wärme beruhigen oft

ein sehr kleines Kind.

Einen Schnuller anbieten Saugen hilft den Babys dabei, ihren eigenen Erregungszustand zu

kontrollieren. Das Saugen an einem (gesüßten) Schnuller mildert

Schmerzen und beruhigt ein schreiendes Baby.

Sanft sprechen oder rhythmische Laute erzeugen Fortlaufende, monotone, rhythmische Geräusche wie das Ticken

einer Uhr, das Summen eines Ventilators oder ruhige Musik sind

häufig wirksamer als wechselnde Geräusche.

Das Baby kurz im Auto herumfahren oder im Kinderwagen

schieben, das Baby in einer Wiege schaukeln

Sanfte, rhythmische Bewegung jeder Art hilft dabei, das Baby in

den Schlaf zu lullen.

Den Körper des Babys massieren Über den Rumpf und die Gliedmaßen des Babys mit stetigen,

sanften Bewegungen streichen, was die Muskeln des Babys

entspannt.

Eine Kombination von mehreren der hier genannten Methoden Das gleichzeitige Stimulieren mehrerer Sinne des Babys ist oft

wirksamer als nur einen Sinn zu stimulieren.

Wenn alle diese Methoden nicht funktionieren, dem Baby

erlauben, für eine kurze Zeit zu schreien

Quelle: Evano, 2007; Campos, 1989; Lester, 1985; Reisman, 1987).

3.8 Die Fähigkeiten eines Neugeborenen

Mitunter reagiert ein Baby gut darauf, einfach hingelegt zu

werden und schläft nach ein paar Minuten ein.

143


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

144

tale und Geburtskomplikationen erlitten haben, ist oft

schrill, schneidend und von kürzerer Dauer als das

Schreien gesunder Säuglinge (Boukydis & Lester,

1998; Green, Irwin & Gustafson, 2000). Selbst Neugeborene

mit einem recht häufi gen Problem – ausdauerndem

und häufi gem Schreien – neigen zu hohem,

krächzend klingendem Schreien und werden umgangssprachlich

als „Schreibabys“ bezeichnet (Zeskind

& Barr, 1997). Wenngleich der Grund für übermäßiges

Schreien nicht bekannt ist, weiß man doch, dass

bestimmte Neugeborene, die besonders stark auf unangenehme

Reize reagieren, dafür anfällig sind. Da ihr

Schreien sehr intensiv ist, fällt es ihnen schwerer als

anderen Säuglingen, sich zu beruhigen. Exzessives

Schreiverhalten verschwindet allmählich, normalerweise

zwischen dem dritten und sechsten Lebensmonat

(Barr et al., 2005; St. James-Roberts et al., 2003).

Die meisten Eltern versuchen, auf ein schreiendes

Baby mit zusätzlicher Fürsorge und Aufmerksamkeit

zu reagieren, aber manchmal ist das Schreien so unangenehm

und das Kind so schwer zu beruhigen, dass

die Eltern frustriert und wütend werden. Bei zu früh

geborenen und kranken Babys ist die Wahrscheinlichkeit

größer, von gestressten Eltern misshandelt zu werden,

die oft ein hohes, die Nerven belastendes Schreien

erwähnen, wenn sie erklären, was sie die Kontrolle

verlieren und dem Baby wehtun ließ (St. James-Roberts,

2007; Zeskind & Lester, 2001). Wir werden in

Kapitel 8 ein ganze Reihe weiterer Einfl ussfaktoren für

Kindesmisshandlungen erörtern.

3.8.4 Sensorische Fähigkeiten

Bei einem Besuch sah Jonas mit großen Augen auf die

helle, pinkfarbene Bluse einer Frau und drehte sich

um zum Klang der Stimme seiner Mutter. Während

des Fütterns lässt er Dana durch den Rhythmus seines

Saugens wissen, dass er den Geschmack von Milch

aus der Brust dem einer Flasche mit einfachem Wasser

vorzieht. Ganz offenkundig hat Jonas einige gut entwickelte

sensorische Fähigkeiten. In den folgenden Abschnitten

erkunden wir die Reaktionen des Neugeborenen

auf Berührung, Geschmack, Geruch, Geräusche

und visuelle Reize.

Berührung

Bei unserer Diskussion von Frühgeborenen haben wir

gesehen, dass Berührung das frühe körperliche Wachstum

stimuliert. Wie wir in Kapitel 6 sehen werden, ist

sie für die emotionale Entwicklung ebenfalls lebenswichtig.

Daher ist es kein Wunder, dass Empfi ndsamkeit

für Berührungen schon bei der Geburt gut

entwickelt ist. Die in Tabelle 3.4 aufgeführten Refl exe

machen klar, dass das Baby auf Berührung reagiert,

besonders um den Mund herum, auf den Handfl ächen

und an den Fußsohlen. Während der pränatalen Phase

Diese Quechua-Frauen, die in den kalten, hochgelegenen Wüstenregionen

Perus leben, wickeln ihre Kleinkinder in mehrere Lagen von

Kleidung und Decken ein, die Kopf und Körper bedecken. Das vermindert

nicht nur das Schreien und fördert den Schlaf, sondern hilft dem

Kind, Energie für sein frühes Wachstum im rauen peruanischen Hochland

zu sparen.

sind diese Bereiche zusammen mit den Genitalien die

ersten, die empfi ndlich für Berührung sind (Humphrey,

1978; Streri, 2005).

Bei der Geburt sind Säuglinge sehr schmerz empfi

ndlich. Bei der Beschneidung männlicher Neugeborener

wird mitunter, wegen des Risikos, das Me dikamente

für jedes Kleinkind darstellen, auf Betäubungsmittel

verzichtet. Die Babys reagieren oft mit einem hohen,

angstvollen Schrei und einem dramatischen Anstieg

des Herzschlags, des Blutdrucks, Schwitzen der Hände,

Verengung der Pupillen und Muskelspannung (Lehr

et al., 2007; Warnock & Sandrin, 2004). Studien mit

bildgebenden Verfahren deuten darauf hin, dass früh

geborene und männliche Säuglinge aufgrund mangelnder

Reife ihres Zentralnervensystems den Schmerz

einer medizinischen Injektion besonders intensiv empfi

nden (Bartocci et al., 2006).

Neuere Forschungen zur Unbedenklichkeit bestimmter

Lokalanästhetika für Neugeborene versprechen,

den Schmerz bei solchen Eingriffen zu lindern.

Das Reichen eines Schnullers, der in eine Zuckerlösung

getaucht wurde, ist ebenso hilfreich; es vermindert

schnell das Schreien und das Unbehagen, sowohl

bei früh geborenen als auch ausgetragenen Säuglingen,

und die Kombination der süßen Flüssigkeit mit

einem sanften Halten durch die Eltern vermindert den

Schmerz sogar noch mehr. Forschungen an jungen

Säugetieren haben gezeigt, dass durch körperliche Berührung

Endorphine ausgeschüttet werden – schmerzlindernde

Substanzen im Gehirn (Axelin, Salanterä &

Lehtonen, 2006; Gormally et al., 2001). Lässt man es

zu, dass ein Säugling starke Schmerzen ertragen muss,

wird das Nervensystem mit Stresshormonen überfl utet,

wodurch die sich entwickelnde Fähigkeit des Kindes,

mit normalen, alltäglichen Stressfaktoren umzugehen,

gestört werden kann. Das führt zu erhöhter


Schmerzempfi ndlichkeit, Schlafstörungen, Problemen

beim Füttern sowie Schwierigkeiten, sich nach

einer Aufregung wieder zu beruhigen (Mitchell &

Boss, 2002).

Schmecken und Riechen

Der Gesichtsausdruck verrät, dass Neugeborene zwischen

verschiedenen grundlegenden Geschmacksrichtungen

unterscheiden können. Wie Erwachsene

entspannen sie ihre Gesichtsmuskeln als Reaktion auf

Süßes, kräuseln ihre Lippen, wenn der Geschmack

sauer ist, und zeigen ein deutliches bogenähnliches

Öffnen des Mundes, wenn der Geschmack bitter ist

(Steiner, 1979; Steiner et al., 2001). Solche Reaktionen

sind wichtig für das Überleben, denn die Nahrung, die

auf ideale Weise das frühe Wachstum unterstützt, ist

die süße Milch der Mutterbrust. Erst im Alter von vier

Monaten ziehen Babys einen salzigen Geschmack einfachem

Wasser vor, eine Veränderung, die sie möglicherweise

darauf vorbereitet, feste Nahrung aufzunehmen

(Mennella & Beauchamp, 1998).

Dennoch können Neugeborene schnell Gefallen an

einem neuen Geschmack fi nden, der anfänglich eine

neutrale oder negative Reaktion hervorrief. Zum Beispiel

bevorzugen Babys, die allergisch auf Kuhmilch

reagieren und denen man einen Ersatz aus Soja oder

einen anderen Ersatz auf Gemüsebasis gibt (typischer-

(a) Reaktionen von Neugeborenen von Müttern, die Anis essen

(b) Reaktionen von Neugeborenen von Müttern, die kein Anis essen

Abbildung 3.8: Beispiele für den Gesichtsausdruck von Neugeborenen,

denen der Geruch von Anis dargeboten wird und

deren Mütter während der späten Schwangerschaft entweder

regelmäßig Anis zu sich genommen hatten oder nicht. (a) Kinder

von Müttern, die Anis verzehrt hatten, verbrachten mehr Zeit damit,

sich dem Geruch zuzuwenden und zu saugen, zu lecken und zu kauen.

(b) Kinder von Müttern, die kein Anis verzehrt hatten, wandten sich

häufiger mit einem negativen Gesichtsausdruck ab (aus B. Schaal,

L. Marlier & R. Soussignan, „Human Foetuses Learn Odours from Their

Pregnant Mother’s Diet“, Chemical Senses, 25, 2000, S. 731. Nachdruck

mit freundlicher Genehmigung von Benoist Schaal).

3.8 Die Fähigkeiten eines Neugeborenen

weise sehr streng und bitter im Geschmack), diesen

sehr schnell gegenüber der regulären Babynahrung.

Ein Geschmack, der zunächst wenig Zustimmung

fand, kann zu einem bevorzugten werden, wenn er mit

der Entlastung vom Hunger verbunden ist (Harris,

1997).

Wie beim Geschmack sind auch gewisse Geruchsvorlieben

angeboren. Zum Beispiel verursacht der Geruch

von Bananen oder Schokolade einen entspannten,

angenehmen Gesichtsausdruck, während das

Kind beim Geruch von faulen Eiern sein Gesicht verzieht

(Steiner, 1979). Während der Schwangerschaft

bietet das Fruchtwasser eine Vielfalt von Geschmacksrichtungen

und Gerüchen, die sich mit der Kost der

Mutter verändern – frühe Erfahrungen, die die Vorlieben

des Neugeborenen beeinfl ussen. Im französischen

Elsass, wo zum Würzen häufi g Anis verwendet wird,

wurde eine Studie durchgeführt, bei der die Wissenschaftler

die Reaktionen von Neugeborenen auf den

Geruch von Anis untersuchten (Schaal, Marlier &

Soussignan, 2000). Die Mütter einiger Säuglinge hatten

während der letzten beiden Schwangerschaftswochen

regelmäßig Anis zu sich genommen, die anderen

Mütter dagegen gar nicht. Als ihnen am Tag ihrer Geburt

der Geruch von Anis dargeboten wurde, wandten

sich die Säuglinge der Mütter, die kein Anis verzehrt

hatten, weit häufi ger als die anderen mit einem negativen

Gesichtsausdruck ab (siehe Abbildung 3.8). Diese

unterschiedlichen Reaktionen waren auch vier Tage

später noch zu beobachten, obwohl alle Mütter in diesem

Zeitraum auf Anis verzichtet hatten.

Bei vielen Säugetieren spielt der Geruchssinn eine

wichtige Rolle beim Füttern und zum Schutz der Jungen

vor wilden Tieren, indem er Muttertieren und dem

Nachwuchs hilft, sich gegenseitig zu erkennen. Obwohl

der Geruchssinn beim Menschen weniger gut

entwickelt ist, bleiben Spuren seiner Bedeutung für

das Überleben bestehen.

Unmittelbar nach der Geburt drängen sich Babys,

die mit dem Gesicht nach vorne zwischen die Brüste

ihrer Mutter gelegt werden, spontan an eine Brust und

beginnen innerhalb einer Stunde zu saugen. Wenn

eine Brust gewaschen wurde, um ihren natürlichen

Geruch zu entfernen, greifen die meisten Neugeborenen

zur ungewaschenen Brust und beweisen damit,

dass sie vom Geruch geleitet werden (Varendi & Porter,

2001). Im Alter von vier Tagen ziehen Babys, die mit

der Brust ernährt werden, den Geruch der Brust ihrer

Mutter dem einer ihnen unbekannten stillenden Mutter

vor (Cernoch & Porter, 1985), und sowohl mit der

Brust als auch mit der Flasche gestillte, drei bis vier

Tage alte Säuglinge reagieren stärker mit Hinwendung

und Mundbewegungen auf den Geruch ihnen unbekannter

menschlicher Milch als auf Muttermilchersatz,

was zeigt, dass der Geruch menschlicher Milch

(auch ohne vorherige Exposition) für Neugeborene attraktiver

ist (Marlier & Schaal, 2005). Dass Neugeborene

sich sowohl zum Geruch der Mutter als auch dem-

145


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

146

jenigen von Muttermilch hingezogen fühlen, hilft

ihnen dabei, eine passende Nahrungsquelle zu fi nden,

und zugleich lernen sie, ihre Versorgerin von anderen

Menschen zu unterscheiden.

Hören

Neugeborene können eine große Vielfalt von Geräuschen

hören und ihr Hören verbessert sich im Laufe

der ersten Lebensmonate ganz erheblich (Saffran,

Werker & Werner, 2006; Tharpe & Ashmead, 2001).

Nach der Geburt bevorzugen sie komplexe Laute wie

Geräusche und Stimmen gegenüber einzelnen Tönen

und schon im Alter von wenigen Tagen können Säuglinge

einige Klangmuster voneinander unterscheiden

– eine Reihe von Tönen, die in aufsteigender versus

absteigender Reihenfolge arrangiert sind, Äußerungen

mit zwei versus drei Silben, die Betonungsmuster von

Wörtern wie ma-ma versus ma-ma und heiter klingende

Äußerungen im Gegensatz zu solchen mit negativen

oder neutralem emotionalen Gehalt (Mastropieri

& Turkewitz, 1999; Sansavini, Bertoncini & Giovanelli,

1997; Trehub, 2001).

Kleine Säuglinge hören menschlicher Sprache mit

größerer Ausdauer zu als ähnlich strukturierten, nichtsprachlichen

Lauten (Vouloumanos & Werker, 2004)

und sie können den Klang rhythmisch deutlich unterschiedlicher

menschlicher Sprache erkennen (Nazzi &

Ramus, 2003). Neugeborene machen feine Unterschiede

zwischen vielen sprachlichen Lauten. Wenn sie

zum Beispiel einen Schnuller erhalten, der das Abspielen

des Lautes „ba“ auslöst, saugen sie heftig und

werden dann langsamer, wenn sich der Neuigkeitswert

verliert. Wenn der Laut zu einem „ga“ überspringt,

nimmt das Saugen wieder zu, was darauf hinweist,

dass die Säuglinge diesen feinen Unterschied

erkennen. Forscher haben nur wenige Sprachlaute gefunden,

die Säuglinge nicht unterscheiden können

(Aldridge, Stillman & Bower, 2001; Jusczyk & Luce,

2002). Diese Fähigkeiten zeigen, dass der Säugling

wunderbar vorbereitet ist auf die komplexe Aufgabe

des Spracherwerbs.

Bitte NEHMEN SIE SICH EINEN MOMENT ZEIT,

wenn Sie das nächste Mal zu einem Säugling sprechen,

und hören Sie sich selbst genau zu. Wahrscheinlich

werden Sie so sprechen, dass Sie wichtige Teile

des Redefl usses hervorheben – zum Beispiel durch

langsames Sprechen mit hoher, ausdrucksvoller Stimme

und Anheben der Sprechmelodie am Ende von

Ausdrücken und Sätzen mit einer anschließenden

Pause. Erwachsene kommunizieren wahrscheinlich

auf diese Weise, weil sie bemerken, dass Säuglinge

dann aufmerksamer sind. In der Tat bevorzugen Säuglinge

eine Sprache mit diesen Merkmalen (Saffran,

Werker & Werner, 2006). Sie saugen auch stärker an

einem Schnuller, um die Aufnahme der Stimme ihrer

Mutter zu hören statt derjenigen einer unbekannten

Frau oder um ihre Muttersprache zu hören im Gegen-

satz zu einer Fremdsprache (Moon, Cooper & Fifer,

1993; Spence & DeCasper, 1987). Solche Vorlieben haben

sich möglicherweise durch das Hören der gedämpften

Laute der Stimme ihrer Mutter vor der Geburt

entwickelt.

Sehen

Das Sehvermögen ist der am wenigsten entwickelte

Sinn eines Neugeborenen. Die Sehstrukturen im Auge

und im Gehirn sind noch nicht voll ausgebildet. So

sind zum Beispiel die Zellen der Netzhaut (Retina) ,

einer Membran, die das Innere des Auges bedeckt,

Licht einfängt und es in Botschaften umwandelt, die

zum Gehirn gesendet werden, noch nicht so ausgereift

oder dicht gepackt, wie sie es einige Monate später

sein werden. Der Sehnerv, der solche Botschaften

überträgt und die Sehzentren im Gehirn, die sie empfangen,

werden erst in einigen Jahren denjenigen eines

Erwachsenen gleichen, und die Muskeln der Augenlinse

, die es uns ermöglichen, den visuellen Brennpunkt

auf unterschiedliche Entfernungen einzustellen,

sind noch schwach (Kellman & Arterberry, 2006).

Daher kann ein Neugeborenes seine Augen nicht so

gut fokussieren wie ein Erwachsener und seine Sehschärfe

oder sein Unterscheidungsvermögen ist begrenzt.

Nach der Geburt nimmt ein Neugeborenes einen sechs

Meter entfernten Gegenstand etwa so genau wahr wie

ein Erwachsener bei einer Entfernung von 180 Metern

(Slater, 2001). Außerdem sieht ein Neugeborenes über

einen großen Entfernungsbereich unscharf, im Gegensatz

zu einem Erwachsenen, der nahe Gegenstände am

klarsten erkennen kann (Banks, 1980; Hainline, 1998).

Daher sieht ein Motiv wie das Gesicht der Mutter selbst

aus großer Nähe ziemlich verschwommen aus.

Obgleich Neugeborene nicht gut sehen können, erkunden

sie ihr Umfeld aktiv, indem sie es nach interessanten

optischen Eindrücken absuchen und sich bewegende

Gegenstände mit den Augen verfolgen. Allerdings

sind ihre Augenbewegungen langsam und ungenau

(von Hofsten & Rosander, 1998). Jonas’ intensives Interesse

für eine pinkfarbene Bluse zeigt, dass er sich zu

hellen Gegenständen hingezogen fühlt. Obwohl Neugeborene

es vorziehen, bunte statt grauer Reize anzusehen,

können sie Farben noch nicht gut unterscheiden.

Es wird noch etwa vier Monate dauern, bis sie Farben

so gut wie ein Erwachsener sehen können (Adams &

Courage, 1998; Kellman & Arterberry, 2006).

3.8.5 Die Erfassung des Verhaltens

Neugeborener

Eine Vielfalt von Instrumenten erlaubt es Ärzten,

Krankenschwestern und Wissenschaftlern, das Verhalten

eines Neugeborenen zu beurteilen. Der am häufi

gsten eingesetzte Test, T. Berry Brazeltons Neonatal

Behavioral Assessment Scale (NBAS, „Skala zur Beurtei


lung des Verhaltens Neugeborener“), beurteilt Refl exe,

Muskeltonus, Zustandsänderungen, Reaktionen auf

körperliche und soziale Reize sowie anderes Verhalten

(Brazelton & Nugent, 1995). Vor Kurzem wurde ein

Test mit ähnlichem Inventar entwickelt, die Neonatal

Intensive Care Unit Network Neurobehavioral Scale

(NNNS, „Skala des Neugeborenen-Intensivpfl egenetzes

zur neurologischen Entwicklung und zum Verhalten“),

der speziell für Neugeborene entwickelt wurde,

die aufgrund eines niedrigen Geburtsgewichts, einer

Geburt vor dem errechneten Termin, pränataler Schadstoff-Exposition

oder anderer Umstände erhöhten Risiken

für ihre Entwicklung ausgesetzt sind (Lester &

Tronick, 2004). Dabei werden Testwerte eingeführt,

um die individuellen Fähigkeiten eines Säuglings einzuschätzen,

Zuwendungen der Pfl egeperson herbeizuführen

und sein Verhalten anzupassen, um eine Reizüberfl

utung zu vermeiden. Aufgrund der Ergebnisse

werden geeignete Interventionen empfohlen.

Die NBAS wurde mit vielen Kindern auf der ganzen

Welt durchgeführt. Dadurch haben Forscher einiges

über individuelle und kulturelle Unterschiede im Verhalten

Neugeborener gelernt und wie Praktiken der

Kinderpfl ege die Reaktionen des Babys erhalten oder

verändern können. So haben zum Beispiel NBAS-

Testwerte asiatischer und indianischer Kinder gezeigt,

dass sie weniger erregt sind als weiße Säuglinge. Mütter

in diesen Kulturen bestärken die ruhige Disposition

ihrer Kinder durch Halten und Stillen bei den ersten

Anzeichen von Unbehagen (Muret-Wagstaff &

Moore, 1989; Small, 1998). Dagegen verbesserte ein

Ähnlich den Frauen in der sambianischen Kultur trägt diese Mutter aus

Namibia ihr Kind den ganzen Tag über der Hüfte, hält auf diese Weise

engen Körperkontakt, bietet ihm vielerlei Anregungen und kann es

jederzeit füttern.

3.8 Die Fähigkeiten eines Neugeborenen

enger Kontakt zwischen Mutter und Säugling über den

gesamten Tag rasch die NBAS-Testwerte unterernährter

Neugeborener im afrikanischen Sambia. Als er im

Alter von einer Woche erneut beurteilt wurde, zeigte

sich ein zuvor nicht reagierender Neugeborener aufmerksam

und zufrieden (Brazelton, Koslowski & Tronick,

1976).

Bitte NEHMEN SIE SICH EINEN MOMENT ZEIT –

können Sie anhand dieser Beispiele erklären, warum

ein einziges NBAS-Testergebnis keine gute Prognose

für die spätere Entwicklung leisten kann? Da das Verhalten

des Neugeborenen und der Stil der elterlichen

Pfl ege in der Entwicklung zusammenwirken, ergeben

Veränderungen in den NBAS-Scores während der ersten

und zweiten Lebenswoche (statt nur eines einzigen

Wertes) die beste Einschätzung der Fähigkeit des

Babys, sich vom Geburtsstress zu erholen. NBAS-

„Erholungskurven“ prognostizieren die Intelligenz

und das Fehlen emotionaler Probleme und Verhaltensstörungen

bis in die Vorschuljahre hinein mit moderatem

Erfolg (Brazelton, Nugent & Lester, 1987; Ohgi

et al., 2003a, 2003b).

In manchen Krankenhäusern setzen Mediziner den

NBAS- oder NNNS-Test ein, um Eltern dabei zu helfen,

ihr Neugeborenes besser kennenzulernen, indem

sie die mithilfe dieser Tests beurteilten Fähigkeiten

erklären oder demonstrieren. Sowohl Eltern von Frühgeburten

als auch die von voll ausgetragenen Kindern,

die an diesen Programmen teilnehmen, gehen mit ihren

Kindern vertrauensvoller und wirkungsvoller um

(Browne & Talmi, 2005; Bruschweiler-Stern, 2004).

Wenngleich bleibende Auswirkungen auf die Entwicklung

noch nicht nachgewiesen werden konnten,

sind NBAS-basierte Interventionen günstig für einen

guten Start der Eltern-Kind-Beziehung.

Prüfen Sie sich selbst…

Rückblick

Welche Funktionen hat REM-Schlaf bei ganz kleinen Säuglingen?

Kann uns der Schlaf irgendetwas über die Gesundheit des Zentralnervensystems

sagen? Erklären Sie.

Anwendung

Johanna, die eine schwierige Entbindung hatte, beobachtet ihre

zwei Tage alte Tochter Katja, bei der der NBAS durchgeführt wurde.

Katja hat bei vielen Prüfungsaufgaben schlechte Werte. Johanna

fragt sich, ob das bedeutet, dass Katja sich nicht normal entwickeln

wird. Wie würden Sie auf Johannas Sorgen reagieren?

Zusammenhänge

Wie tragen die vielen verschiedenen Fähigkeiten neugeborener

Babys zu ihren ersten sozialen Beziehungen bei? Geben Sie möglichst

viele Beispiele.

Zum Nachdenken

Sind Neugeborene kompetenter, als Sie es gedacht hatten, bevor

Sie dieses Kapitel gelesen haben? Welche ihrer Fähigkeiten hat Sie

am meisten erstaunt?

147


3 Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

148

Anpassung an die neue

Familienstruktur 3.9

Da wirkungsvolle elterliche Fürsorge entscheidend

für das Überleben und die optimale Entwicklung eines

Säuglings ist, leistet die Natur ihren Beitrag, um werdende

Mütter und Väter auf ihre neuen Rollen vorzubereiten.

Gegen Ende der Schwangerschaft beginnt die

Mutter, das Hormon Oxytozin zu produzieren, das

Kontraktionen der Gebärmutter stimuliert, die Laktation

(Milchproduktion) in den Brüsten einleitet, eine

ruhige, entspannte Stimmung herbeiführt und sie auf

den Säugling einstimmt (Russell, Douglas & Ingram,

2001). In mehreren Studien wiesen Erstväter, die an

Säuglingspfl egekursen teilnahmen, etwa zur Zeit der

Geburt hormonelle Veränderungen auf, die denen der

Mutter entsprachen, und zwar eine leicht erhöhte

Produktion von Prolaktin (einem Hormon, dass die

Laktation von Frauen stimuliert) und Östrogenen (Geschlechtshormone,

die in größeren Mengen von Frau en

produziert werden) sowie eine etwas geringere Produktion

von Androgenen (Geschlechtshormone, die

in größeren Mengen von Männern produziert werden).

In Forschungen sowohl mit Versuchstieren als auch

Menschen zeigten sich Zusammenhänge zwischen

solchen Veränderungen und positiven emotionalen

Reaktionen auf Säuglinge sowie elterlicher Fürsorge

(Storey et al., 2000; Wynne-Edwards, 2001).

Zwar können mit der Geburt zusammenhängende

Hormone die Säuglingspfl ege erleichtern, doch ihre

Ausschüttung und Wirkung können von bestimmten

Erfahrungen abhängen, etwa einer positiven Paarbeziehung

und einem engen Kontakt zwischen dem Vater und

der schwangeren Mutter. Darüber hinaus können Menschen

auch ohne mit der Geburt zusammenhängende

Hormonveränderungen zu guten Eltern werden, wie es

zum Beispiel erfolgreiche Adoptionen zeigen, und wie

wir bereits gesehen haben, können sehr viele Faktoren –

vom Funktionieren der Familie bis hin zur Sozialpolitik

– einen Einfl uss auf gute Säuglingspfl ege haben.

Die ersten Wochen nach der Geburt des Kindes stecken

in der Tat voll tief greifender Herausforderungen.

Die Mutter muss sich von der Geburt erholen. Falls sie

stillt, muss sie viel Energie darauf verwenden, diese

intime Beziehung aufzubauen. Der Vater muss die

Mutter bei ihrer Erholung unterstützen und zu einem

Teil dieser neuen Dreierbeziehung werden. Mitunter

mag er widersprüchliche Gefühle gegenüber dem

Kind hegen, das ständig die Aufmerksamkeit der Mutter

fordert und bekommt, und wie wir in Kapitel 6

sehen werden, fühlen sich Geschwister – zumal sehr

kleine oder Erstgeborene – verständlicherweise bei

Seite geschoben und reagieren zuweilen mit Eifersucht

und Wut.

Während sich all das abspielt, fordert der winzige

Säugling mit großem Nachdruck die Befriedigung seiner

drängenden körperlichen Bedürfnisse und will

gefüttert, trocken gelegt und zu allen möglichen und

unmöglichen Tages- und Nachtzeiten beruhigt werden.

Die Familienroutine wird unregelmäßig und ungewiss.

Dana sprach offen über die Veränderungen,

die sie und Jörg erlebten:

Als wir Jonas heimbrachten, mussten wir uns

mit den Realitäten unserer neuen Verantwortlichkeit

auseinandersetzen. Jonas schien so

klein und hilfl os, und wir fragten uns, ob wir in

der Lage wären, ihm die angemessene Fürsorge

angedeihen zu lassen. Wir brauchten 20 Minuten,

als wir ihn das erste Mal neu wickelten! Ich

fühle mich selten ausgeruht, weil ich zwei- bis

viermal jede Nacht aufstehen muss, und ich

verbringe einen guten Teil meiner wachen

Stunden damit, Jonas’ Rhythmus und seine Bedürfnisse

herauszufi nden. Wenn Jörg nicht so

bereitwillig helfen würde, Jonas zu tragen und

mit ihm umherzugehen, glaube ich, würde ich

es als viel härter empfi nden.

Wie lange dauert diese Phase der Anpassung an die

Elternschaft? In Kapitel 14 werden wir sehen, dass der

durch die Geburt eines Kindes entstehende Stress bewältigt

werden kann, wenn die Beziehung der Eltern

gut ist, soziale Unterstützung verfügbar ist und die Familie

ein ausreichendes Einkommen hat. Doch wie ein

Beraterpaar, das mit vielen neuen Eltern gearbeitet

hat, sagt: „Solange Kinder abhängig von ihren Eltern

sind, sind diese Eltern mit Gedanken an ihre Kinder

beschäftigt. Das hält sie nicht davon ab, andere Aspekte

ihres Lebens zu genießen, aber es bedeutet, dass sie

nie wieder die gleichen Menschen sein werden, die sie

waren, bevor sie Eltern wurden.“ (Colman & Colman,

1991, S. 198)


ZUSAMMENFASSUNG

Pränatale Entwicklung

Zählen Sie die drei Phasen der pränatalen Entwicklung

auf und beschreiben Sie die wichtigsten Meilensteine

jeder Phase.

Die erste pränatale Phase, die Periode der Zygote,

dauert etwa zwei Wochen, von der Befruchtung bis

zur Einnistung der Blastozyste in die Gebärmutterwand.

In dieser Zeit beginnen sich Strukturen zu

bilden, die das pränatale Wachstum unterstützen

werden, etwa die Plazenta (Mutterkuchen) und die

Nabelschnur.

Das Embryonalstadium dauert von der zweiten/

dritten bis zur achten Woche. Während dieser Zeit

werden die Grundlagen für alle Körperstrukturen

gelegt. In der ersten Woche bildet sich das Neuralrohr

und das Nervensystem beginnt mit seiner Entwicklung.

Andere Organe folgen und wachsen sehr

schnell. Am Ende dieser Phase reagiert der Embryo

auf Berührung und kann sich bewegen.

Das Fetusstadium, das bis zum Ende der Schwangerschaft

andauert, umfasst eine starke Zunahme

an Körpergröße und die Vervollständigung körperlicher

Strukturen. Gegen Ende des zweiten Schwangerschaftsdrittels

(Trimesters) sind die meisten

Nervenzellen (Neuronen) des Gehirns an Ort und

Stelle. Am Anfang des dritten Schwangerschaftsdrittels,

zwischen der 22. und 26. Woche, erreicht

der Fetus das lebensfähige Alter. Das Gehirn entwickelt

sich rasch weiter und neue sensorische und

Verhaltensfähigkeiten entstehen. Die Lunge reift

allmählich, der Fetus füllt die Gebärmutter aus und

der Zeitpunkt der Geburt naht heran.

Pränatale Umwelteinfl üsse

Was sind Teratogene (schädliche Stoffe) und welche

Faktoren tragen zu ihrem Einfl uss bei?

Teratogene sind Umweltstoffe, die während der

pränatalen Periode Schädigungen verursachen. Ihre

Auswirkungen gleichen dem Konzept der sensiblen

Phase. Der Einfluss der Teratogene gestaltet

sich unterschiedlich durch Stärke und Dauer der

Einwirkungen auf den Organismus, der genetischen

Ausstattung von Mutter und Fetus, An- oder

Abwesenheit anderer schädlicher Stoffe und dem

Alter des Organismus zum Zeitpunkt der Einwirkungen.

Der sich entwickelnde Organismus ist

während der Embryonalphase besonders anfällig.

Zählen Sie Substanzen auf, die erwiesene oder mutmaßliche

Teratogene sind und diskutieren Sie Beweise

für den schädlichen Einfl uss eines jeden Stoffes.

Das zurzeit am häufigsten eingesetzte starke Teratogen

ist das Medikament Accutane, das gegen Akne

eingesetzt wird. Der pränatale Einfluss vieler anderer

häufig eingesetzter Medikamente, etwa Aspirin

und Koffein, ist schwer von anderen Faktoren zu

trennen, die mit Medikamenteneinnahme korreliert

sind. Kinder, deren Mütter während der

Schwangerschaft Heroin, Methadon oder Kokain

konsumierten, tragen ein erhöhtes Risiko für vielfältige

Probleme, zum Beispiel verfrühte Geburt,

niedriges Geburtsgewicht, körperliche Schäden

und Atembeschwerden um die Zeit der Geburt.

Kinder von Rauchern werden oft mit Untergewicht

geboren und können Aufmerksamkeits-, Lern- und

Verhaltensprobleme während der Kindheit zeigen.

Alkoholkonsum der Mutter kann zu einer fetalen

Alkohol-Spektrum-Störung (FASD) führen. Das fetale

Alkoholsyndrom (FAS) ist das am stärksten

ausgeprägte Erscheinungsbild mit verzögertem

Körperwachstum, Anomalien im Gesicht und Beeinträchtigung

der geistigen Funktionen. Mildere

Formen – wie das partielle fetale Alkoholsyndrom

(p-FAS) und die alkoholbedingte neurologische

Entwicklungsstörung (ARND) – betreffen Kinder,

deren Mütter Alkohol in geringeren Mengen konsumiert

hatten.

Pränatale Exposition mit hohen Dosen von Strahlung,

Quecksilber, Blei und PCBs (polychlorierte

Biphenyle) führt zu körperlichen Missbildungen und

schweren Gehirnschäden. Exposition mit niedrigeren

Dosen ist ebenfalls mit verschiedenen Beeinträchtigungen

in Zusammenhang gebracht worden,

zum Beispiel niedrigen Testwerten bei Intelligenztests

und, im Falle von Strahlungsbelastungen, mit

sprachlichen und emotionalen Störungen.

Unter den Infektionskrankheiten sind die Röteln

zu nennen, die sehr vielfältige Schädigungen verursachen.

Kinder, die sich vor der Geburt mit HIV

angesteckt haben, erkranken sehr rasch an AIDS,

was zu Gehirnschäden und einem frühen Tod führt.

Das Zytomegalie-Virus (HZMV), das Herpes-Virus

2 und die Toxoplasmose können ebenfalls verheerende

Auswirkungen auf den Fetus haben.

Beschreiben Sie den Einfl uss anderer durch die Mutter

wirkender Faktoren auf die pränatale Entwicklung.

Regelmäßige, leichte Gymnastik während der

Schwangerschaft führt zu einem höheren Geburtsgewicht,

doch sehr häufige, anstrengende Übungen

können ein niedrigeres Geburtsgewicht verursachen.

Wenn die Ernährung der Mutter unzureichend ist,

sind ein niedriges Geburtsgewicht und Schäden am

Gehirn und anderen Organen zu befürchten.

Gravierender emotionaler Stress wird mit vielen

Schwangerschaftskomplikationen in Verbindung gebracht,

obwohl sein Einfluss dadurch vermindert

werden kann, dass man der Mutter emotionale Unterstützung

gewährt. Rhesus-Faktor-Unverträglich keit

– eine Rh-negative Mutter und ein Rh-positiver Fetus

– können zu Sauerstoffmangel, Gehirn- und Herzschäden

und zum plötzlichen Kindstod führen.

149


3

Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

150

Abgesehen von Risiken durch Chromosomenanomalien

bei älteren Frauen ist das Alter der Mutter

bis zum 40. Lebensjahr keine Hauptursache für

pränatale Probleme. Vielmehr sind schlechte Gesundheit

und armutsbedingte Umweltrisiken die

stärksten Prädiktoren für Schwangerschaftskomplikationen.

Warum ist frühe und regelmäßige Gesundheitsvorsorge

während der pränatalen Periode so lebenswichtig

für den Fetus?

Unerwartete Schwierigkeiten wie Präeklampsie

(hoher Blutdruck und Eiweiß im Urin) oder Toxämie

(Toxine/Giftstoffe im Blut) können insbesondere

dann auftreten, wenn eine Mutter ohnehin

Gesundheitsprobleme hat. Pränatale Gesundheitsvorsorge

ist besonders wichtig für Frauen, die sie

selten in Anspruch nehmen – zumal diejenigen,

die jung, alleinstehend und arm sind.

Die Geburt

Beschreiben Sie die drei Stadien der Geburt, die Anpassung

des Kindes an Wehen und Entbindung und

das Aussehen des Neugeborenen.

In der ersten Phase der Geburt bewirken Kontraktionen,

dass der Muttermund sich erweitert und wieder

zusammenzieht. In der zweiten Phase verspürt

die Mutter den Drang, das Kind durch den Geburtskanal

hinaus zu pressen. In der letzten Phase tritt

die Plazenta aus. Während der Wehentätigkeit erzeugt

das Kind große Mengen von Stresshormonen,

die ihm helfen, Sauerstoffmangel auszuhalten, die

Lunge für die Atmung zu reinigen und sie bei der

Geburt in Bereitschaft zu versetzen.

Ein Neugeborenes hat einen großen Kopf, einen

kleinen Körper und bestimmte Gesichtsmerkmale

(Kindchenschema), die Erwachsene zu liebevoller

Fürsorge veranlassen. Anhand der Apgar-Skala

kann die körperliche Verfassung des Kindes nach

der Geburt beurteilt werden.

Umgang mit der Geburt

Beschreiben Sie die natürliche Geburt und Hausgeburten

und führen Sie die jeweiligen Vor- und Nachteile

auf.

Die natürliche Geburt umfasst Kurse für zukünftige

Eltern über Wehentätigkeit und Entbindung,

Entspannung und Atemtechniken gegen den

Schmerz sowie eine Anleitung bei der Geburt. Diese

Vorgehensweise hilft, Stress, Schmerz und Gebrauch

von Medikamenten zu vermindern. Soziale

Unterstützung, ein wesentlicher Teil der natürlichen

Geburt, wird mit weniger Geburtskomplikationen

und kürzerer Wehentätigkeit in Verbindung

gebracht. Eine Hausgeburt ist ungefährlich für eine

gesunde Mutter, die von einem gut ausgebildeten

Arzt oder einer Hebamme unterstützt wird, doch

für Mütter, die ein erhöhtes Risiko für mögliche

Komplikationen aufweisen, ist eine Entbindung im

Krankenhaus sicherer.

Medizinische Interventionen

Führen Sie medizinische Interventionen bei der Geburt

auf, mögliche Umstände, die solche Maßnahmen

rechtfertigen, sowie die Gefahren, die dadurch entstehen

können.

Wenn bei Schwangerschaft und Geburt durch Komplikationen

eine Anoxie (Sauerstoffmangel im

Blut) droht, kann in vielen Fällen ein Fetusmonitor

das Leben des Kindes retten. Allerdings kann der

routinemäßige Einsatz eines solchen Monitors auch

dazu führen, dass Kinder als gefährdet angezeigt

werden, die tatsächlich nicht gefährdet sind.

Schmerzlindernde Medikamente sind bei komplizierten

Entbindungen notwendig. Wenn sie in

großen Dosen gegeben werden, können sie die

Wehentätigkeit verlängern und das Baby in einen

apathischen Zustand versetzen, der die erste Mutter-Kind-Beziehung

direkt nach der Geburt negativ

beeinflussen kann.

Ein Kaiserschnitt ist bei medizinischen Notfällen

oder schwerer Krankheit der Mutter gerechtfertigt

und gelegentlich auch dann, wenn sich das Kind in

einer Steißlage befindet. Es werden viele unnötige

Kaiserschnitt-Entbindungen durchgeführt, insbesondere

in den Vereinigten Staaten.

Frühgeburten und Kinder mit niedrigem

Geburtsgewicht

Bitte beschreiben Sie die mit einer Frühgeburt und

niedrigem Geburtsgewicht einhergehenden Risiken

sowie entsprechende Maßnahmen zu einer wirksamen

Intervention.

Ein niedriges Geburtsgewicht, eine der Hauptursachen

von Totgeburten, Säuglingssterblichkeit und

vielfältigen Entwicklungsproblemen, tritt am häufigsten

bei Säuglingen auf, die von in Armut lebenden

Müttern geboren werden. Im Vergleich zu

Frühgeburten, deren Gewicht der Länge der

Schwangerschaft angemessen ist, haben Kinder,

die in Anbetracht der Länge der Schwangerschaft

unterentwickelt sind, zumeist länger andauernde

Schwierigkeiten.

Manche Interventionen bieten eine spezielle Stimulierung

in der Intensivstation des Kinderkrankenhauses

an. Andere unterrichten die Eltern, wie

sie für ihr Kind sorgen und mit ihm umgehen

sollten. Frühgeburten in belasteten, einkommensschwachen

Haushalten benötigen eine langfristige,

intensive Intervention.


Geburtskomplikationen, Elternschaft

und Resilienz

Welche Faktoren prognostizieren die positive Entwicklung

eines Säuglings, der eine traumatische Geburt

überlebt hat?

Wenn ein Säugling eine traumatische Geburt erlebt,

kann ein unterstützendes häusliches Umfeld dazu

beitragen, sein Wachstum wiederherzustellen. Selbst

nach relativ schweren Geburtskomplikationen kann

sich ein Kind durch günstige Erfahrungen mit Eltern,

Verwandten, Nachbarn und Gleichaltrigen

wieder erholen.

Die Fähigkeiten des Neugeborenen

Beschreiben Sie die Refl exe des neugeborenen Kindes

und seine Aktivierungszustände; gehen Sie dabei

auch auf die Schlafcharakteristika ein und auf die verschiedenen

Methoden, um einen schreienden Säugling

zu beruhigen.

Kinder beginnen das Leben mit beachtlichen Fähigkeiten,

um sich auf ihre physische und soziale

Umwelt zu beziehen. Reflexe sind offensichtlich

die am besten organisierten Verhaltensmuster. Einige

haben eine Bedeutung für das Überleben, andere

ergeben die Grundlage für spontane motorische

Fertigkeiten und wieder andere tragen zu frühen

sozialen Beziehungen bei.

Obwohl sich Neugeborene zwischen fünf Aktivierungszuständen

hin und her bewegen, verbringen

sie die meiste Zeit im Schlaf. Der Schlaf besteht aus

mindestens zwei Stadien, dem REM-Schlaf (rapideye-movement

sleep) und dem NREM-Schlaf (nonrapid-eye-movement

sleep). Neugeborene verbringen

mehr Zeit im REM-Schlaf als in einem beliebigen

späteren Alter. Dieser Zustand bietet Stimulationen,

die für die Entwicklung des Zentralnervensystems

entscheidend sind.

Ein schreiender Säugling bewirkt erhebliches Unbehagen

bei Erwachsenen in seiner Nähe. Die Intensität

des Schreiens und die Erfahrungen, die

dazu führten, helfen Eltern zu erkennen, was nicht

in Ordnung ist. Nachdem Füttern und Trockenlegen

versucht wurden, ist es die beste Methode zur

Beruhigung des Kindes, es aufzunehmen, an der

Schulter zu tragen und es zu wiegen oder mit ihm

umherzugehen.

Zusammenfassung

Beschreiben Sie die sensorischen Fähigkeiten des Neugeborenen.

Tast-, Geschmacks-, Geruchs- und Gehörsinn sind

bei der Geburt gut entwickelt. Neugeborene reagieren

sensibel auf Schmerz, bevorzugen süßen Geschmack

und süße Düfte und orientieren sich am

Geruch des Fruchtwassers und der stillenden Brust

ihrer Mutter. Sie können bereits einige Lautmuster

und fast alle Sprachlaute unterscheiden. Sie reagieren

besonders auf hohe, ausdrucksstarke Stimmen,

die Stimme ihrer eigenen Mutter und auf ihre Muttersprache.

Das Sehvermögen ist der am wenigsten ausgereifte

Sinn des Neugeborenen. Bei der Geburt sind die

Fähigkeit zum Fokussieren und die Sehschärfe begrenzt.

Beim Explorieren des Sehfeldes werden

neugeborene Babys von hellen und sich bewegenden

Gegenständen angezogen, haben aber Schwierigkeiten,

Farben zu unterscheiden.

Warum ist die Beurteilung des Verhaltens von

Neugeborenen nützlich?

Das am häufigsten eingesetzte Instrument zur Beurteilung

des Verhaltens von Neugeborenen ist Brazeltons

Neonatal Behavioral Assessment Scale

(NBAS, „Skala zur Beurteilung des Verhaltens

Neugeborener“). Die NBAS hat Forschern dabei geholfen,

individuelle und kulturelle Unterschiede

im Verhalten Neugeborener zu verstehen. Manchmal

wird sie auch verwendet, Eltern über die Fähigkeiten

ihres Neugeborenen aufzuklären.

Die Anpassung an die neue Familienstruktur

Beschreiben Sie die typischen Veränderungen in einer

Familie nach der Geburt eines Kindes.

Die Ankunft des neuen Familienmitglieds ist aufregend,

aber anstrengend – die Mutter erholt sich von

der Geburt und die Familienroutine wird unregelmäßig

und ungewiss. Wenn die Eltern sensibel auf

die jeweiligen Bedürfnisse des anderen reagieren,

sind Anpassungsprobleme in der Regel nur vorübergehend

und der Übergang in die Elternschaft

verläuft gut.

151


3

Pränatale Entwicklung, die Geburt und das Neugeborene

152

Wichtige Fachbegriffe

Aktivierungszustände

( Erregungszustände) S. 139

alkoholbedingte neurobiologische

Entwicklungsstörung (ARND)

S. 150

Amnion (Embryonalhülle) S. 104

Anoxie S. 128

Apgar-Skala S. 125

Chorion (Zottenhaut) S. 104

Einnistung der befruchteten

Eizelle S. 104

Embryo S. 103

fetale Alkohol-Spektrum-Störung

(FASD) S. 115

fetales Alkohol-Syndrom (FAS)

S. 115

Fetus S. 103

Fetusmonitor S. 129

Fruchtwasser (amniotische

Flüssigkeit) S. 104

Frühgeburt S. 130

Kaiserschnitt S. 129

Kritisches Lebensereignis S. 136

Lanugo (Flaumhaar) S. 108

lebensfähiges Alter S. 108

Nabelschnur S. 104

natürliche Geburt S. 126

Neonatal Behavioral Assessment

Scale (NBAS) S. 146

Neuralrohr S. 106

NREM-Schlaf (non-rapid-eyemovement

sleep) S. 140

partielles fetales Alkohol-

Syndrom (p-FAS) S. 115

perinatal S.124

Plazenta (Mutterkuchen) S. 104

plötzlicher Kindstod (sudden

infant death syndrome, SIDS)

S. 142

Refl ex S. 137

REM-Schlaf (rapid-eye-movement

sleep) S. 140

Rhesusfaktor-Unverträglichkeit

S. 121

Säuglingssterblichkeit S. 134

Schwangerschaftsdrittel

( Trimester) S. 107

Sehschärfe S. 146

Steißlage S. 128

teratogen S. 109

Toxämie S. 150

unterentwickelter Säugling S. 131

Vernix caseosa (Käse- oder

Fruchtschmiere) S. 108

Weitere kostenlose Zusatzmaterialien zu diesem Kapitel, sowie Multiple-Choice-Tests,

fi nden Sie auf der Companion Website unter www.pearson-studium.de/entwicklungspsychologie.


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