Entwicklungspsychologie - *ISBN 978-3-8689 ... - Pearson Studium

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Entwicklungspsychologie - *ISBN 978-3-8689 ... - Pearson Studium

Selbst wenn ein durch Strahlung belasteter Säugling

normal erscheint, können später Probleme auftreten.

So kann zum Beispiel selbst eine niedrige Strahlenbelastung,

etwa aufgrund eines defekten Strahlenschutzes

in Industrieanlagen oder medizinischer Röntgenaufnahmen

das Risiko von Krebs in der Kindheit

erhöhen (Fattibene et al., 1999). In der mittleren Kindheit

zeigten Kinder in Tschernobyl, die pränatal der

Strahlung ausgesetzt waren, abnorme Gehirnwellenaktivitäten,

niedrigere Testwerte bei Intelligenztests

und zwei- bis dreimal häufi gere sprachliche oder emotionale

Störungen als andere russische Kinder, die

nicht exponiert waren. Und je mehr von Spannungen

aufgrund erzwungener Evakuierung aus ihren Häusern

und Sorge über ein Leben in einer verseuchten

Umwelt berichtet wurde, desto schlechter waren die

emotionalen Reaktionen der Kinder (Loganowski et

al., 2008). Belastende Erziehungsbedingungen schienen

sich mit den schädlichen Effekten pränataler Bestrahlung

zu verbinden und die Entwicklung der Kinder

zu beeinträchtigen.

Umweltverschmutzung

In Industrieländern wird eine erstaunliche Menge an

potenziell gefährlichen Chemikalien in die Umwelt

entlassen. Über 75.000 davon sind in den Vereinigten

Staaten im allgemeinen Gebrauch und jedes Jahr werden

viele neue Umweltgifte zugelassen. Als in US-

Krankenhäusern zehn Neugeborene zufällig ausgewählt

wurden, um das Blut aus ihrer Nabelschnur zu

analysieren, fanden Wissenschaftler ein alarmierendes

Sortiment an industriellen Umweltgiften – insgesamt

287 davon! Sie kamen zu dem Schluss, dass viele

Säuglinge „vergiftet geboren“ werden, durch Chemikalien,

die nicht nur die pränatale Entwicklung beeinträchtigen,

sondern auch das Risiko späterer lebensbedrohlicher

Krankheiten und Gesundheitsprobleme

erhöhen (Houlihan et al., 2005).

In den 1950er-Jahren entsorgte eine japanische Fabrik

ihren Abfall, der große Mengen Quecksilber

enthielt, in eine Bucht, die Fische und Wasser für die

Stadt Minamata in Japan lieferte. Viele Kinder, die zu

dieser Zeit dort geboren wurden, zeigten körperliche

Missbildungen, geistige Retardierung, abnormes Sprechen,

Kau- und Schluckbeschwerden sowie unkoordinierte

Bewegungen. Hohe Quecksilberbelastungen

stören die Produktion und Migration von Neuronen

und verursachen so umfangreiche Gehirnschäden

(Clarkson, Magos & Myers, 2003; Hubbs-Tait et al.,

2005). Schwangere Frauen sollten vorsichtshalber auf

den Verzehr langlebiger Raubfi scharten, zum Beispiel

Schwertfi sch, Weißer Thunfi sch und Haifi sch, verzichten,

da diese Fischarten stark durch Quecksilber

belastet sind.

Viele Jahre lang wurden polychlorierte Biphenyle

(PCBs) als Isolationsmaterial für elektrische Geräte

eingesetzt, bis die Forschung zeigte, dass sie – wie

Quecksilber – ihren Weg in viele Gewässer und damit

in die Nahrungskette fanden. In Taiwan führte pränataler

Kontakt mit sehr hohen Dosen von PCB in Reisöl

zu niedrigem Geburtsgewicht, Hautverfärbungen, Deformierungen

von Gaumen und Nägeln, Anomalien

der Hirnströme und verzögerter kognitiver Entwicklung

(Chen & Hsu, 1994; Chen et al., 1994). Ständig

niedrigen Dosen von PCB ausgesetzt zu sein, ist ebenfalls

schädlich. Frauen, die häufi g PCB-kontaminierten

Fisch aus den Großen Seen aßen, hatten im Vergleich

zu Frauen, die wenig oder gar keinen Fisch aßen,

Säuglinge mit niedrigerem Geburtsgewicht, kleineren

Köpfen, anhaltenden Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen

sowie niedrigeren Testwerten bei Intelligenztests

während der Kindheit (Jacobson & Jacobson,

2003; Stewart et al., 2000; Walkowiak et al., 2001).

Ein anderer Giftstoff, nämlich Blei , fi ndet sich in

Farbe, die von den Wänden alter Gebäude abblättert,

sowie in bestimmten Materialien, die in industriellen

Berufen eingesetzt werden. Hohe pränatale Belastung

mit Blei steht im Zusammenhang mit Frühgeburten,

geringem Geburtsgewicht, Hirnschäden und einer großen

Anzahl körperlicher Defekte. Selbst niedrige Belastungen

können gefährlich sein. In etlichen Studien

zeigten betroffene Säuglinge eine etwas schlechtere

geistige und motorische Entwicklung (Bellinger,

2005). In einer Studie zeigten sich ungünstige langfristige

Folgen – in Form vermehrten strafbaren und antisozialen

Verhaltens – in der Adoleszenz (Dietrich et

al., 2001).

Schließlich hängt die pränatale Belastung durch

Dioxine – giftige chemische Verbindungen, die durch

Müllverbrennung entstehen – mit Schädigungen des

Gehirns, des Immunsystems und der Schilddrüsen

von Säuglingen zusammen sowie einer erhöhten Häufi

gkeit von Brust- und Gebärmutterkrebs bei Frauen,

womöglich durch Veränderungen von Hormonspiegeln

(ten Tusscher & Koppe, 2004). Ferner können

schon kleinste Mengen Dioxin im Blutkreislauf des

Vaters eine dramatische Veränderung der Geschlechterverteilung

des Nachwuchses herbeiführen: Betroffene

Männer zeugen beinahe doppelt so häufi g Mädchen

wie Jungen (Ishihara et al., 2007; Mocarelli et al.,

2000). Dioxin scheint die Fruchtbarkeit Y-tragender

Spermien vor einer Empfängnis zu beeinträchtigen.

Infektionskrankheiten

3.2 Pränatale Umwelteinflüsse

Bei ihrer ersten Schwangerschaftskontrolluntersuchung

fragte Danas Arzt, ob sie und Jörg schon bestimmte

Krankheiten wie Masern, Mumps und Windpocken

sowie einige andere Krankheiten gehabt hätten. Obwohl

die meisten ansteckenden Krankheiten keinen

Einfl uss auf den Embryo oder Fetus haben, können

einige wenige davon – wie die Tabelle 3.2 zeigt –

schwere Schäden verursachen.

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