Entwicklungspsychologie - *ISBN 978-3-8689 ... - Pearson Studium

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Entwicklungspsychologie - *ISBN 978-3-8689 ... - Pearson Studium

schneller an Gewicht zu und waren am Ende ihres

ersten Lebensjahres früh geborenen Kindern ohne diese

Stimulierung in der geistigen und motorischen Entwicklung

voraus (Field, 2001; Field, Hernandez-Reif

& Freedman, 2004).

In Entwicklungsländern, wo die Einweisung in ein

Krankenhaus nicht immer möglich ist, stellt Hautkontakt

durch die „Känguru-Therapie“ die am einfachsten

verfügbare Intervention dar, um das Überleben

und die Gesundung von Frühgeburten zu fördern. Dabei

wird der Säugling in aufrechter Lage zwischen die

Brüste der Mutter oder an den Brustkasten des Vaters

gelegt (unter der jeweiligen Kleidung), so dass der Körper

des Elternteils als menschlicher Brutkasten dient.

Die Känguru-Therapie bietet dem Vater die einmalige

Gelegenheit, sich stärker an der Fürsorge für das Frühgeborene

zu beteiligen. Wegen seines vielfältigen körperlichen

und psychischen Nutzens wird dieses Verfahren

häufi g in westlichen Ländern als ergänzende

Maßnahme neben der Intensivpfl ege im Krankenhaus

eingesetzt.

Der Känguru-Hautkontakt verbessert die Sauerstoffversorgung,

die Regulierung der Körpertemperatur

sowie Schlaf, Füttern und Überleben des Säuglings

(Feldman & Eidelman, 2003). Darüber hinaus versorgt

die Känguru-Haltung den Säugling mit einer sanften

Stimulation sämtlicher Sinne: Hören (durch die Stimme

der Mutter), Riechen (durch die Nähe zum Körper

der Mutter), Fühlen (durch Hautkontakt) und Sehen

(durch die aufrechte Lage). Mütter und Väter, die die

Känguru-Therapie praktizieren, fühlen sich sicherer,

wenn sie für ihr empfi ndliches Kind sorgen, und gehen

sensibler und liebevoller mit ihm um (Dodd, 2005;

Feldman et al., 2002, 2003).

Insgesamt mögen diese Faktoren erklären, warum

Frühgeborene, die in ihren ersten Lebenswochen viele

Stunden lang in den Genuss der Känguru-Therapie

kamen, im Vergleich zu anderen, die nur wenig oder

gar keine solche Fürsorge erfuhren, im ersten Lebensjahr

bessere Scores für ihre geistige und motorische

Entwicklung erzielen (Charpak, Ruiz-Peláez & Figueroa,

2005; Tessier et al., 2003). Wegen ihres vielfältigen

Nutzens bieten inzwischen über 80 Prozent der nordamerikanischen

Entbindungskliniken die Känguru-

Therapie für Frühgeborene an (Field et al., 2006).

Säuglingspfl egekurse für Eltern

Interventionen zur Unterstützung der Eltern von Frühgeborenen

unterrichten sie im Allgemeinen über die

Eigenschaften des Säuglings und fördern die Fertigkeiten

zur Versorgung des Kindes. Bei Eltern, die über

genügend fi nanzielle und persönliche Mittel verfügen,

für ein früh geborenes Kind zu sorgen, reichen einige

Beratungssitzungen, um die Bedürfnisse des Kindes

zu erkennen und darauf zu reagieren. Das ist verbunden

mit sich ständig verbessernden Werten bei Entwicklungstests,

die nach einigen Jahren denen von

3.6 Frühgeburten und Säuglinge mit niedrigem Geburtsgewicht

voll entwickelten Kindern ähneln (Achenbach et al.,

1990).

Wenn früh geborene Kinder in Haushalten mit geringem

Einkommen und Belastungen leben, ist eine

intensive Langzeitintervention nötig, um Entwicklungsprobleme

zu reduzieren. Im Infant Health and

Development Project (Projekt für Gesundheit und Entwicklung

von Kleinkindern) erhielten früh geborene

Kinder, die unter Armutsverhältnissen geboren wurden,

eine umfassende Intervention, die vom ersten bis

zum dritten Lebensjahr medizinische Folgeuntersuchungen,

wöchentliche Beratungsstunden für die Eltern

und Teilnahme an kognitiv stimulierender Babypfl

ege in sich vereinte. Mehr als viermal so viele

Kinder mit dieser Intervention (39 gegenüber neun

Prozent) waren im Vergleich zur Kontrollgruppe in

ihrer Intelligenz, psychologischen Anpassung und ihrem

körperlichen Wachstum altersgemäß (Bradley et

al., 1994). Außerdem waren Mütter in der Interventionsgruppe

liebevoller und ermutigten bei ihren Kindern

Spiel- und kognitive Fähigkeiten – vielleicht

auch ein Grund, warum sich ihre Dreijährigen so gut

entwickelt haben (McCarton, 1998).

Jeweils im Alter von fünf und acht Jahren zeigten

Kinder, die regelmäßig an dem Beratungsprogramm

teilgenommen hatten – an mehr als 350 Tagen in den

drei Jahren des Programms –, auch weiterhin bessere

Leistungen bei Intelligenztests. Je häufi ger sie teilgenommen

hatten, desto bessere Testwerte erzielten sie,

und die deutlichsten Verbesserungen waren bei Kindern

mit einem höheren Geburtsgewicht – zwischen

2001 und 2500 g – zu beobachten. Dagegen erzielten

Kinder, die nur sporadisch teilgenommen hatten, nur

geringfügig bessere oder gar schlechtere Leistungen

(Hill, Brooks-Gunn & Waldfogel, 2003). Diese Ergebnisse

bestätigen, dass Säuglinge, die sowohl zu früh

geboren werden als auch aus wirtschaftlich benachteiligten

Verhältnissen stammen, intensive Interventionen

benötigen. Besondere Strategien wie vermehrte

Erwachsenen-Kinder-Interaktionen können notwendig

sein, um langfristige günstige Veränderungen bei

Kindern mit sehr geringem Geburtsgewicht aufrechtzuerhalten.

Sehr niedriges Geburtsgewicht, umweltbedingte

Vorteile und langfristige Auswirkungen

Obwohl Säuglinge mit sehr niedrigem Geburtsgewicht

in vielen Fällen anhaltende Probleme haben, zeigte

sich in einer kanadischen Studie, dass Teilnehmer, die

bei der Geburt zwischen 500 und 1000 g gewogen hatten,

sich bis zum jungen Erwachsenenalter gut entwickelten

(Saigal et al., 2006). Im Alter zwischen 22 und

25 Jahren ähnelten sie Personen mit normalem Geburtsgewicht

im Hinblick auf die erreichten Bildungsabschlüsse,

die Häufi gkeit von Verheiratung und Elternschaft

sowie (für diejenigen ohne neurologische

und sensorische Beeinträchtigungen) ihren berufl i-

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