Entwicklungspsychologie - *ISBN 978-3-8689 ... - Pearson Studium

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Entwicklungspsychologie - *ISBN 978-3-8689 ... - Pearson Studium

Schmerzempfi ndlichkeit, Schlafstörungen, Problemen

beim Füttern sowie Schwierigkeiten, sich nach

einer Aufregung wieder zu beruhigen (Mitchell &

Boss, 2002).

Schmecken und Riechen

Der Gesichtsausdruck verrät, dass Neugeborene zwischen

verschiedenen grundlegenden Geschmacksrichtungen

unterscheiden können. Wie Erwachsene

entspannen sie ihre Gesichtsmuskeln als Reaktion auf

Süßes, kräuseln ihre Lippen, wenn der Geschmack

sauer ist, und zeigen ein deutliches bogenähnliches

Öffnen des Mundes, wenn der Geschmack bitter ist

(Steiner, 1979; Steiner et al., 2001). Solche Reaktionen

sind wichtig für das Überleben, denn die Nahrung, die

auf ideale Weise das frühe Wachstum unterstützt, ist

die süße Milch der Mutterbrust. Erst im Alter von vier

Monaten ziehen Babys einen salzigen Geschmack einfachem

Wasser vor, eine Veränderung, die sie möglicherweise

darauf vorbereitet, feste Nahrung aufzunehmen

(Mennella & Beauchamp, 1998).

Dennoch können Neugeborene schnell Gefallen an

einem neuen Geschmack fi nden, der anfänglich eine

neutrale oder negative Reaktion hervorrief. Zum Beispiel

bevorzugen Babys, die allergisch auf Kuhmilch

reagieren und denen man einen Ersatz aus Soja oder

einen anderen Ersatz auf Gemüsebasis gibt (typischer-

(a) Reaktionen von Neugeborenen von Müttern, die Anis essen

(b) Reaktionen von Neugeborenen von Müttern, die kein Anis essen

Abbildung 3.8: Beispiele für den Gesichtsausdruck von Neugeborenen,

denen der Geruch von Anis dargeboten wird und

deren Mütter während der späten Schwangerschaft entweder

regelmäßig Anis zu sich genommen hatten oder nicht. (a) Kinder

von Müttern, die Anis verzehrt hatten, verbrachten mehr Zeit damit,

sich dem Geruch zuzuwenden und zu saugen, zu lecken und zu kauen.

(b) Kinder von Müttern, die kein Anis verzehrt hatten, wandten sich

häufiger mit einem negativen Gesichtsausdruck ab (aus B. Schaal,

L. Marlier & R. Soussignan, „Human Foetuses Learn Odours from Their

Pregnant Mother’s Diet“, Chemical Senses, 25, 2000, S. 731. Nachdruck

mit freundlicher Genehmigung von Benoist Schaal).

3.8 Die Fähigkeiten eines Neugeborenen

weise sehr streng und bitter im Geschmack), diesen

sehr schnell gegenüber der regulären Babynahrung.

Ein Geschmack, der zunächst wenig Zustimmung

fand, kann zu einem bevorzugten werden, wenn er mit

der Entlastung vom Hunger verbunden ist (Harris,

1997).

Wie beim Geschmack sind auch gewisse Geruchsvorlieben

angeboren. Zum Beispiel verursacht der Geruch

von Bananen oder Schokolade einen entspannten,

angenehmen Gesichtsausdruck, während das

Kind beim Geruch von faulen Eiern sein Gesicht verzieht

(Steiner, 1979). Während der Schwangerschaft

bietet das Fruchtwasser eine Vielfalt von Geschmacksrichtungen

und Gerüchen, die sich mit der Kost der

Mutter verändern – frühe Erfahrungen, die die Vorlieben

des Neugeborenen beeinfl ussen. Im französischen

Elsass, wo zum Würzen häufi g Anis verwendet wird,

wurde eine Studie durchgeführt, bei der die Wissenschaftler

die Reaktionen von Neugeborenen auf den

Geruch von Anis untersuchten (Schaal, Marlier &

Soussignan, 2000). Die Mütter einiger Säuglinge hatten

während der letzten beiden Schwangerschaftswochen

regelmäßig Anis zu sich genommen, die anderen

Mütter dagegen gar nicht. Als ihnen am Tag ihrer Geburt

der Geruch von Anis dargeboten wurde, wandten

sich die Säuglinge der Mütter, die kein Anis verzehrt

hatten, weit häufi ger als die anderen mit einem negativen

Gesichtsausdruck ab (siehe Abbildung 3.8). Diese

unterschiedlichen Reaktionen waren auch vier Tage

später noch zu beobachten, obwohl alle Mütter in diesem

Zeitraum auf Anis verzichtet hatten.

Bei vielen Säugetieren spielt der Geruchssinn eine

wichtige Rolle beim Füttern und zum Schutz der Jungen

vor wilden Tieren, indem er Muttertieren und dem

Nachwuchs hilft, sich gegenseitig zu erkennen. Obwohl

der Geruchssinn beim Menschen weniger gut

entwickelt ist, bleiben Spuren seiner Bedeutung für

das Überleben bestehen.

Unmittelbar nach der Geburt drängen sich Babys,

die mit dem Gesicht nach vorne zwischen die Brüste

ihrer Mutter gelegt werden, spontan an eine Brust und

beginnen innerhalb einer Stunde zu saugen. Wenn

eine Brust gewaschen wurde, um ihren natürlichen

Geruch zu entfernen, greifen die meisten Neugeborenen

zur ungewaschenen Brust und beweisen damit,

dass sie vom Geruch geleitet werden (Varendi & Porter,

2001). Im Alter von vier Tagen ziehen Babys, die mit

der Brust ernährt werden, den Geruch der Brust ihrer

Mutter dem einer ihnen unbekannten stillenden Mutter

vor (Cernoch & Porter, 1985), und sowohl mit der

Brust als auch mit der Flasche gestillte, drei bis vier

Tage alte Säuglinge reagieren stärker mit Hinwendung

und Mundbewegungen auf den Geruch ihnen unbekannter

menschlicher Milch als auf Muttermilchersatz,

was zeigt, dass der Geruch menschlicher Milch

(auch ohne vorherige Exposition) für Neugeborene attraktiver

ist (Marlier & Schaal, 2005). Dass Neugeborene

sich sowohl zum Geruch der Mutter als auch dem-

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