MEDIAkompakt Ausgabe 29

mediapublishing07

Die Zeitung des Studiengangs Mediapublishing an der Hochschule der Medien Stuttgart - www.mediapublishing.org

DIE ZEITUNG DES STUDIENGANGS MEDIAPUBLISHING

DER HOCHSCHULE DER MEDIEN STUTTGART

AUSGABE 01/2021 13.02.2021

media

kompakt

Utopie oder Ausweg Seite 4-5

Angsterfüllt? Angstbefreit! Seite 10-11

„Die wollen doch nur Sex!“ Seite 28-29

SOLVED


2 mediakompakt

Anzeigen

Im Hörsaal die

Zukunft im Blick.

Jetzt schon abschließen und Vorteile nutzen:

die Berufsunfähigkeitslösungen für Studenten.

Mehr dazu unter presse-versorgung.de oder

per E-Mail an info@presse-versorgung.de

Anzeige

MARKSTEIN PUBLISHER

WORKGROUP EDITION

Die neue kollaborative

DTP-Software für das digitale Zeitalter

Vielseitiges Layoutprogramm mit

anpassbarer Oberfläche

Übersichtliche Inspektoren & Paletten

Integrierter Texteditor mit Echtansicht

Zusammenarbeit über die Cloud

Paralleles Arbeiten an Layout und

Text

Posten nach WordPress und Twitter

Ausgabe als E-Book ohne weitere

Tools

Schnittstelle zu ePaper und App

(PressMatrix)

Filter für InDesign IDML-Dokumente

Für macOS Catalina und Windows 10

Einmaliger Lizenzpreis – kein Abo !

Neugierig geworden? Einfach den QR-Code

mit dem Smartphone einscannen und alles

über den MarkStein Publisher erfahren …

Mark Stein Software

Entwicklungs- und Vertriebs GmbH

Marienburgstraße 27 · D-64297 Darmstadt

Tel. +49 (61 51) 3 96 87 0

info@markstein.com · www.markstein.com

Mark Stein

Sof tware


01/ 2021 EDITORIAL, IMPRESSUM, INHALT 3

Liebe Leserinnen,

liebe Leser,

die aktuelle MEDIAkompakt, die vor Ihnen liegt, ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Bitte nicht falsch

verstehen, jeder der bisher 29 (!) Ausgaben ist etwas ganz Besonderes. Und doch ist es uns ein Anliegen,

in diesem Fall auf die ungewöhnlichen Umstände hinzuweisen, unter denen die Studierenden des

Studiengangs Mediapublishing die Zeitung erstellen mussten. Es war von A bis Z ein durchgängig digitaler

Workflow. Vom ersten Treffen in einer Video-Konferenz, der Themensammlung über Mail, erneuten

Video-Calls zur Abstimmung des Leitmotivs über die Recherche und die Interviews mit den

Gesprächspartnern für die Beiträge – bis zum guten Schluss, der Layoutphase. In Zoom wurde dazu

ein virtueller Newsroom eingerichtet, in dem die Studierenden gemeinsam – und doch räumlich getrennt

– die Seiten gestaltet haben.

Doch was am Ende dieses Prozesses steht, ist ein durch und durch analoges Produkt: 40 Seiten auf

Zeitungspapier gedruckt. Ein sehr gelungenes Beispiel für die Verknüpfung von alter und neuer Medienwelt,

wie wir finden. Dabei wollen wir das Wichtigste nicht vergessen, die Inhalte. Jede Menge

Lesestoff von der Analyse über das bedingungslose Grundeinkommen auf den Seiten 4–5 bis zum

Phänomen der ganz persönlich empfundenen Einsamkeit im Zeitalter der weltweiten Vernetzung auf

den letzten Seiten. Und zwischendrin jede Menge weitere hintergründige, spannende, lesenswerte Inhalte.

Ganz wichtig an dieser Stelle ist ein dickes Dankeschön an die Anzeigenpartner der MEDIAkompakt.

Denn ohne ihre Unterstützung gäbe es (auch) diese Zeitung nicht.

Viel Spaß beim Lesen!

Reimund Abel,

Chefredaktion Media Kompakt

INHALT

4 Utopie oder Ausweg

Bedingungsloses Grundeinkommen

6 „Und woher kommst du wirklich?“

Rassismus beginnt mit kleinen Dingen

8 Der beste Freund gegen die Einsamkeit

Besuchshund Lui im Pflegeheim

10 Angsterfüllt

Interview mit einer Betroffenen

11 Angstbefreit

Welche Wege führen aus dem Dilemma?

12 Ein Vermögen für die Abstellkammer

Wohnungssuche in Stuttgart

14 Der Plastikwahnsinn

Plastik verschmutzt die Welt

15 Splitternackt eingepackt!

Alternative Unverpackt-Läden

16 Zwischen Lust und Frust

Wie ist es pornosüchtig zu sein?

18 Raubt der Kommerz dem Fußball die Seele?

Im Fußball steckt immer mehr Geld

20 Was ist denn links?

Auch Links weiß nicht so richtig was links ist

21 Liebe deinen Rechten wie dich selbst

Vergiftete Meinungskultur?

22 Die Not und das Tier

Tier und Mensch auf der Straße

23 Das Glück auf vier Pfoten

„Mein Hund ist alles für mich“

24 Gesünder? Besser? Grüner!

Anteil der Naturkosmetik wächst

I M P R E S S U M

mediakompakt

Zeitung des Studiengangs Mediapublishing

Hochschule der Medien Stuttgart

HERAUSGEBER

Professor Christof Seeger

Studiengang Mediapublishing

Postanschrift:

Nobelstraße 10

70569 Stuttgart

REDAKTION

Reimund Abel (v.i.S.d.P.)

abel@hdm-stuttgart.de

TITELSEITE

Christin Falkenberg, Valerie Jung, Alexandra Kazik

Bild: Unsplash

ANZEIGENVERKAUF

Julia Fuchs, Kristina Maric, Oliver Pfander, Michelle Rapp,

Sascha Renz, Kathrin Weberndörfer

MEDIA-NIGHT

Edith Schwegler, Chiara Oelke

PRODUKTION

Eric Barth, Lea Bauer, Vanessa Dörr, Jana Falkner,

Bastian Fritz, Anna-Sophie Hartauer, Stephanie Haun,

Carla Kienzle, Lisa Kopp, Lena Körner, Carina Krug,

Victoria Krüger, Greta Kuch, Anastasia Kulenko,

Sandra Kutscher, Jessica Langer, Tabea Lehmann,

Anna Nill, Caroline Rohr, Lena Schneider,

Katharina Schulik, Elisa Seidel, Christian Traulsen,

Jennifer Wißmann

DRUCK

Z-Druck Zentrale Zeitungsgesellschaft GmbH & Co. KG

Böblinger Straße 70

71065 Sindelfingen

ERSCHEINUNGSWEISE

Einmal im Semester zur Medianight

Copyright

Stuttgart, 2021

26 Wie gut ist günstig?

Fleisch ist günstig, vielleicht zu günstig?

27 „Für die Tiere da draußen ist es nicht okay.“

Aus Tierliebe Veganerin

28 „Die wollen doch nur Sex!“

Ein Gespräch über Polyamorie

30 Schönheit kommt von innen

Nicht aufgeben trotz Schicksalschlag!

32 Fashion for Future

Absprung vom endlosen Konsum

34 Eine männliche Krankheit

Seit wann ist Männlichkeit toxisch?

35 „Emotionale Männer sind Waschlappen!“

Was tun gegen toxische Männlichkeit

36 Der Charme des Analogen

Onliner gegen Offliner

38 Einsam im Zeitalter der Vernetzung

Millionen Deutsche fühlen sich einsam


4 SOLVED

mediakompakt

Utopie

oder

Ausweg

Mehr als 17.600 Menschen

stimmten per Petition online

für die kurzfristige Einführung

des bedingungslosen Grundeinkommens.

Die Eingabe

wurde vom Bundestag abgelehnt,

doch die Diskussion ist

aktueller denn je.

VON VICTORIA KRÜGER

UND VALERIE JUNG

Bild: Robert Anasch


01/ 2021 SOLVED 5

Die Corona-Krise hat uns alle getroffen.

Vor allem die Kunstschaffenden,

die Kulturbetriebe und die Gastronomiebranche

sind finanziell

ins Straucheln geraten. Nicht wenige

Selbstständige sind in ihrer Existenz bedroht. Die

vom Staat versprochenen Corona-Soforthilfen

sind für viele nicht ausreichend und gelangen

zudem nicht immer an die richtigen Stellen, sagt

die Aktivistin Susanne Wiest.

Sie erläuterte ihre Petition für die kurzfristige

Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens

vor dem Bundestag, ohne Erfolg.

Susanne Wiest fordert „kurzfristig und zeitlich

begrenzt, aber solange wie notwendig“ ein

bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) und

sieht dies als einzige Lösung, die Menschen vor

der Insolvenz zu schützen. Nicht erst durch die

Corona-Pandemie ist das bedingungslose Grundeinkommen

im Gespräch. Viele bekannte Gesichter,

wie zum Beispiel DM-Gründer Götz W. Werner

oder der Philosoph Richard David Precht,

stellen sich seit Jahren in der Öffentlichkeit die

Frage, ob die Zeit nicht reif ist für ein Grundeinkommen,

welches nicht an Bedingungen

geknüpft ist.

Ist es angestoßen durch die Auswirkungen der

Pandemie vielleicht jetzt soweit, das BGE nicht

länger als realitätsferne Utopie zu sehen, sondern

als ernst zu nehmendes Modell für die gesicherte

Zukunft eines Jeden?

Die Idee dahinter, und wie sie

finanziert werden soll

Schon gewusst?

Um ein Haar hätte die USA in den 1970er Jahren

ein Grundeinkommen für amerikanische Familien

eingeführt – durch den damaligen Präsident

Richard Nixon! Doch falsch interpretierte

Ergebnisse aus einem ähnlichen Versuch in

England haben den Senat schlussendlich umgestimmt.

Bücher zu dem Thema

Einkommen für alle – Götz W. Werner

Utopien für Realisten – Rutger Bregman

Jeder Bürger erhält monatlich vom Staat einen

festgelegten Geldbetrag. Diese finanzielle Unterstützung

steht im Widerspruch zur aktuell

vorherrschenden Leistungsgesellschaft: Denn das

BGE setzt keine vorangegangene Leistung voraus

und wird bedingungslos ausgezahlt, wie schon

der Name ausdrückt. Es ist also nicht relevant, ob

man arbeitet oder nicht. Der Staat zahlt monatlich

das BGE aus und ersetzt somit auch alle Sozialleistungen.

Zunächst würde das Grundeinkommen alle

Steuervergünstigungen und Sozialleistungen wie

Hartz IV oder Kindergeld ersetzen, womit nach

Ansicht der BGE-Befürworter monatliche Summen

in Milliardenhöhe freigestellt werden. Die

Vereinfachung der Sozialleistungen würde unterdessen

zum Teilabbau der Bürokratie

führen, die von vielen als undurchdringlicher

Dschungel empfunden wird.

Bisher legt der Staat zudem jährlich eine

steuerfreie Summe fest, die das Existenzminimum

der Bürger gewährleisten soll. Da das Grundeinkommen

das Existenzminimum sichert,

entfällt auch dieser Freibetrag der Einkommensteuer.

Diese Summen reichen jedoch noch nicht

für eine vollständige Finanzierung des Grundeinkommens

aus. Für die Finanzierung gibt es

mehrere unterschiedliche Modelle, die sich

maßgeblich danach richten, welcher Betrag

monatlich als Grundeinkommen ausgezahlt werden

soll. Im Gespräch sind meistens Beträge

zwischen 600 und 1500 Euro im Monat.

Somit gibt es natürlich zahlreiche Lösungsansätze,

wie die unterschiedlich hohen Grundeinkommen

finanziert werden könnten. Die unterschiedlichen

Ansätze gleichen sich insofern, dass

der monatlich festgelegte Betrag dadurch finanziert

wird, dass jeder Bürger individuell nach seinen

Möglichkeiten mittels Steuern zu diesem Modell

beiträgt.

Ein erster Versuch die Theorie in

die Praxis umzusetzen

Schon jetzt gibt es Initiativen wie „mein-

Grundeinkommen“, welche mittels Crowdfunding

finanzierte Einkommen verlosen, um das

BGE sowie die Veränderungen, die dadurch im

Leben der Gewinner auftreten, zu erforschen.

Michael Bohmeyer, der Mitbegründer des Vereins

„meinGrundeinkommen“, hat zusammen mit

dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung

(DIW) ein Pilotprojekt auf die Beine gestellt. Es

wird die erste in Deutschland durchgeführte

Langzeitstudie zum Grundeinkommen und

dessen Folgen sein. In der dreijährigen Studie

werden 1500 Menschen teilnehmen, von denen

120 Personen je 1200 Euro monatlich zur

Verfügung gestellt bekommen. Die restlichen

1300 Personen werden als Kontrollgruppe keine

Finanzierung erhalten. „Diese Studie ist eine

Riesenchance, um die uns seit Jahren begleitende

theoretische Debatte über das bedingungslose

Grundeinkommen in die soziale Wirklichkeit

überführen zu können“, betont der Studienleiter

Jürgen Schupp vom DIW. Laut einer Umfrage des

DIW befürwortet knapp die Hälfte der Bundesbürger

die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Es hört sich ja geradezu paradiesisch an,

monatlich einen Geldbetrag vom Staat geschenkt

zu bekommen. Doch welche Probleme könnten

durch das BGE gelöst werden?

Die mögliche Abschaffung von

Armut und Obdachlosigkeit

Es wird generell angenommen, dass jeder, der

in Armut lebt, auch selbst daran schuld sei. Der

Staat fungiert als Hilfe zur Selbsthilfe und gibt mit

den finanziellen Mitteln einen Schubs in die

richtige Richtung. Daraufhin wird angenommen,

dass die Menschen mit dem Geld und den

Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung selbst einen

Weg aus der Armut herausfinden.

Wie soll das möglich sein? Eldar Shafir, ein

Psychologe der Princeton University, sagt, Menschen

verhielten sich anders, wenn sie das Gefühl

von Knappheit spüren. Dabei sei es egal, was

knapp sei – Geld, Zeit, Freunde oder Nahrung.

Und Menschen, die Knappheit empfinden, seien

gut darin ihre kurzfristigen Probleme zu lösen,

sagt er. Was dabei außen vor bleibe, ist die Perspektive

auf die Zukunft. Die Konzentration fixiere

sich vollständig auf das Lösen des Problems.

Der nächtliche Schlafplatz, die nächste Mahlzeit

oder das Bezahlen der Miete nehme so viele mentale

Kapazitäten in Anspruch, dass das Denken an

die eigene Zukunft keinen Stellenwert mehr hat.

Stellen wir uns nun vor, so ginge es einem jeden

Tag – die wenigsten würden in dieser Position

noch kluge und nachhaltige Entscheidungen für

die Zukunft treffen.

Wird den Armen und Obdachlosen die

existenzielle Angst genommen und ihre niedrigsten

Bedürfnisse werden gestillt, könnte jeder und

jede sein Leben selbstbestimmt leben. Die

Motivation, sich weiterzuentwickeln und einem

Beruf nachzugehen, wird befeuert.

Die Chance für mehr Glück und

Selbstverwirklichung?

Der Druck, der entsteht, nur um die physiologischen

Bedürfnisse abzudecken, zwingt viele

Menschen in Arbeit, die sie a) unglücklich macht,

b) ihnen Zeit und Kraft raubt und c) zumindest in

vielen Fällen nicht ausreichend bezahlt wird. Wie

sähe eine Welt aus, in der Menschen sich ihre

Arbeit nach Interessen aussuchen würden – und

nicht nach Entgelt?

Würde die Büroangestellte nicht lieber ihre

kranke Mutter pflegen? Aber die Care-Arbeit von

Privatpersonen wird nicht ausreichend finanziert?

Oder hätte der vom Lockdown getroffene

Selbstständige womöglich sein Geschäft nicht

schließen müssen, weil die laufenden Kosten

durch die niedrige Auftragslage nicht mehr

gedeckt werden konnten?

Gerade die Auswirkungen der Pandemie auf

Kunstschaffende und Geringverdiener haben

noch einmal deutlich gemacht, dass es an der Zeit

ist, das Grundeinkommen als realistische Zukunftsvision

auf die Agenda der deutschen Politik

zu befördern.


6 SOLVED

mediakompakt

„Und woher kommst

du wirklich?“

Rassismus kann laut oder leise sein, direkt oder subtil,

bewusst oder unbewusst, aber eines ist er für Betroffene

immer: schmerzhaft. Das muss nicht so bleiben, jeder

kann seinen Teil zur Veränderung beitragen.

Das Stuttgarter „Forum der Kulturen“ macht vor, wie es geht.

VON CARINA KRUG

UND ANNA NILL

Für viele Menschen in Deutschland ist

Rassismus Alltag. Manchmal steckt keine

Absicht dahinter, oft zielt er auf bewusste

Herabwürdigung ab. Mit der

Überzeugung, dass bestimmte Personen

aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft oder Religion

weniger wert sind als andere, werden Diskriminierungen

bis hin zu Gewalttaten gegen ganz

normale Menschen gerechtfertigt. Damit ist nicht

nur das körperliche Wohl der betroffenen Personen

gefährdet, sondern auch das mentale, denn

dieser feindseligen Haltung täglich gegenübertreten

zu müssen, ist eine große Bürde.

Die gängige Bezeichnung der Betroffenen als

Minderheiten ist dabei recht irreführend, da diese

in Deutschland, laut dem Statistischen Bundesamt,

aus rund 11,1 Millionen Menschen bestehen.

Davon sind zwar sechs Millionen Menschen

in Deutschland geboren und aufgewachsen, aber

sie haben nichtsdestotrotz mit Fremdenfeindlichkeit

zu kämpfen.

Die gedankenlose Frage nach der „wahren“

Herkunft oder das vermeintliche Kompliment,

wie gut sie Deutsch sprechen, werden für sie zu

grundlegenden Gefühlen der Ausgrenzung und

Ablehnung. Es ist offensichtlich, dass Menschen,

die ein wenig anders aussehen oder eine dunklere

Hautfarbe haben, nicht als Teil des „Wir“ akzeptiert

werden.

Generell ist Rassismus ein Thema, das immer

akuter wird. Laut dem „Verband für Betroffene

rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt“

(VBRG) wurden allein 2019 mindestens 1347

Menschen in Deutschland Opfer von rassistischer

Gewalt, was sich auf circa fünf Personen pro Tag

hochrechnen lässt. Und bei dem rassistisch motivierten

Anschlag in Hanau verloren vergangenes

Jahr zehn unschuldige Menschen ihr Leben. Extremfälle

wie diese lassen die Gesellschaft und die

Politik für kurze Zeit aufhorchen, doch die Betroffenen

fühlen sich vom Staat dauerhaft nicht ausreichend

geschützt. „Es wächst die Angst vor antisemitischer,

rassistischer und rechter Gewalt und

Terror“, so die Vorsitzende des VBRG bei einer

Pressekonferenz.

Auf Eskalationen zu reagieren, genügt nicht

mehr, denn sie sind Symptome eines viel tiefer liegenden

Problems.

Rassismus beginnt

mit kleinen Dingen

In vielen Fällen merken die Schuldigen gar

nicht, wie herabwürdigend ihr Verhalten gegenüber

ihren Mitbürgern ist.

Es geht vor allem um institutionellen Rassismus,

der aus Alltagsrassismus resultiert und als

harmlos betrachtet wird. Durch gelernte Vorurteile

entsteht ein generalisiertes Bild von ethnischen

Gruppen, welches weitergegeben wird.

Basierend darauf werden die Betroffenen in

der Job- und Wohnungssuche, in der Schule, im

Gesundheitssystem, von der Polizei und im öffentlichen

Leben benachteiligt. Es ist ein Problem

des Alltags, dessen Lösung in der Verantwortung

jedes Einzelnen liegt, weil es einen großen Teil der

Gesellschaft betrifft.

Allein in Stuttgart leben nach Angaben des

„Forums der Kulturen“ Angehörige von mehr als

170 verschiedenen Nationen. Rund vierzig Prozent

der Bewohner:innen sind in den letzten fünf-

Bild: Pixabay


01/ 2021 SOLVED 7

zig Jahren zugewandert oder haben ein Elternteil

mit Migrationserfahrung.

Die Unterschiede, die verschiedene Hintergründe

mit sich bringen, sollten aber kein Grund

für Hass und Ablehnung sein. Kulturelle Vielfalt

ist eine enorme Bereicherung für Stadt und Bewohner.

Um diese aufrecht zu erhalten, muss etwas

für die Träger dieser Kulturen getan werden.

Es gilt ein sicheres, gleichberechtigtes Miteinander

zu schaffen, in dem sich alle entfalten können.

Das „Forum der Kulturen“ ist ein wichtiger

Pfeiler für dieses Bestreben in Stuttgart.

Es wurde 1998 gegründet und hat heute mehr

als 130 Migrantenorganisationen in Stuttgart und

Umgebung als Mitglieder. Konkret setzen sich die

Mitarbeiter mit Beratung, Bildungsangeboten

und Möglichkeiten zum Erfahrungsaustausch aktiv

gegen Benachteiligung, Ausgrenzung und Rassismus

ein. Durch öffentlichkeitswirksame Aktionen

und Kampagnen geben sie Betroffenen eine

Stimme und mischen sich da ein, wo andere wegschauen.

Darüber hinaus sorgt das „Forum der Kulturen“

dafür, dass die Vielfalt Stuttgarts sichtbar

und erlebbar wird. Neben verschiedenen Kulturveranstaltungen

ist das wohl bekannteste Angebot

das Sommerfestival der Kulturen. Mit Konzerten

von internationalen Stars und kulinarischen

Köstlichkeiten aus der ganzen Welt, werden die

Besonderheiten von Kulturen zusammengebracht

und gefeiert.

Es muss Einrichtungen wie das „Forum der

Kulturen“ geben. Doch, um den Kampf gegen Rassismus

zu gewinnen, müssen alle an einem Strang

ziehen. Und das funktioniert nur, wenn sich jeder

mit dem Thema Rassismus beschäftigt. Es genügt

nicht gegen Rassismus zu sein, um wirklich etwas

zu verändern muss man selbst aktiv werden.

Im Folgenden wird gezeigt, wie man schon

mit kleinen Dingen im Alltag etwas verändern

kann:

Perspektivwechsel

Der erste Schritt, um die Problematik zu verstehen,

ist es sich in Betroffene hineinzuversetzen.

Durch deren Berichte erfährt man die verschiedenen

Lebensrealitäten und bewegt sich

nicht nur in seiner eigenen Blase. Man ist sich

nicht immer bewusst welche Privilegien man besitzt.

Hinterfragen und nicht alles für selbstverständlich

zu halten, ist wichtig, um durch eigene

Vorteile andere zu stärken.

Zuhören

Wichtig ist, dass Betroffene gehört und ernstgenommen

werden. Und zwar ohne als Zuhörer

gleich in eine Verteidigungshaltung zu verfallen

oder einen Wettbewerb daraus zu machen, wer es

am schlimmsten hat. Stattdessen sollte man aufmerksam

zuhören und die neu gewonnenen Informationen

für sich reflektieren.

tanzen können, spricht ihnen jegliches Talent ab.

Wichtig ist es sich der eigenen Sprache bewusst zu

werden und daran zu arbeiten.

Toleranz

Jeder Mensch hat verschiedene Ansichten und

Meinungen. Diese sollten akzeptiert werden, so

gegensätzlich sie auch sein mögen. Auch kulturelle

Unterschiede sind keine unüberwindbaren Differenzen.

Bild: Pixabay

Natürlich ist diese Liste unvollständig. Es gibt

viele weitere Möglichkeiten das Miteinander zu

verbessern. Wer sich besonders engagieren möchte,

findet bei Organisationen wie dem „Forum der

Kulturen“ viele Angebote und Initiativen. Doch

auf dem Weg zu einer vorurteilsfreien Gesellschaft

genügen zunächst auch kleinere Schritte,

denn Veränderung beginnt beim Einzelnen.

Sprache

Man ist sich oft nicht bewusst, was unüberlegte

Worte oder Fragen bewirken. So löst die Frage

nach der tatsächlichen Herkunft ein Gefühl von

fehlender Zugehörigkeit aus. Und beispielsweise

das ausgesprochene Vorurteil, dass alle Schwarze

Zivilcourage

Wegschauen und weitergehen ist nie der richtige,

sondern immer der falsche Weg. Um Ungleichbehandlungen

entgegenzutreten, muss

man die Thematik Rassismus konkret ansprechen

und Betroffen Hilfe anbieten.

Wenn du aktiv werden willst:

www.verband-brg.de

www.forum-der-kulturen.de


8 SOLVED

mediakompakt

Bild: Pixabay, analogicus

Der beste Freund

gegen die Einsamkeit

Menschen sind soziale Wesen

und benötigen den Austausch

mit anderen. Besonders in

Pflegeheimen scheinen viele

unter sozialer Isolation zu

leiden und sehnen sich nach

Kommunikation und Nähe.

Können die Malteser-Hilfsdienste

dieses Problem lösen?

VON MICHELLE RAPP

UND STEPHANIE HAUN

Er ist schlank, hat weiches Fell und große

Ohren – richtig große Ohren, die

gerne gestreichelt werden. Die Rede ist

von Lui, einem spanischen Lauf- und

Jagdhund der Rasse Podenco. Als vier

Monate alten Welpen nahm Andrea Katzer ihn

aus dem Tierheim bei sich auf und erkannte das

Potenzial eines wunderbaren Besuchshundes in

ihm. Bereits seit zehn Jahren ist sie im Auftrag der

Malteser mit ihren Hunden in Stuttgarter Seniorenheimen

zu Besuch.

Rund 818.300 Pflegebedürftige leben laut dem

Statistischen Bundesamt in deutschen Pflegeheimen.

Manche sind bettlägerig oder zeigen kaum

noch Regungen. Oft sind die Bewohnerinnen und

Bewohner auch sehr einsam: Sie ziehen sich zurück,

verlassen ihr Zimmer nicht mehr und meiden

soziale Kontakte. Sie wirken niedergeschlagen

und antriebslos. Es fehlen Ansprechpersonen,

die den Menschen das Gefühl geben, gebraucht

zu werden.

Einen Weg aus der Einsamkeit bieten die

Malteser-Hilfsdienste. Die zahlreichen Helferinnen

und Helfer der Organisation engagieren sich

im Katastrophenschutz, im Sanitätsdienst, in der

Erste-Hilfe-Ausbildung oder in ehrenamtlichen

Sozialdiensten. Zu dem Team der Stuttgarter Malteser

gehören auch etwa 30 sogenannte Besuchshunde,

darunter Lui mit seinem Frauchen Andrea

Katzer. Die beiden sind spezialisiert auf demenzkranke

Bewohnerinnen und Bewohner.

Demenz ist eine allgemeine Bezeichnung für

eine Minderung der geistigen Fähigkeiten, die

schwerwiegend genug ist, um das tägliche Leben


01/ 2021 SOLVED 9

„Oft reicht

es schon, neben

dem Menschen

zu sitzen, damit

es ihm besser geht.

Es sind die

kleinen Erfolge,

die zählen.“

Lui, die den Bewohnerinnen und Bewohnern

wahre Freude schenken.

Ob die Seniorinnen und Senioren sich selbst

als einsam empfinden? „Besonders Demenzkranke

leben im Hier und Jetzt. Deshalb vergessen sie

manchmal bereits nach drei Stunden, dass Besuch

da war“, erläutert Andrea Katzer. An ihre Kindheit

könnten sie sich zwar gut erinnern und manchmal

an ihre eigenen Hunde von damals, aber: „Sie

haben ihr Zeitgefühl verloren“. Die Hundeführerin

vermutet darum, dass Demenzkranke ihre Einsamkeit

selbst nicht mehr wahrnehmen.

Es gibt Tage, an denen geht es den Heimbewohnern

schlecht und sie möchten keinen Besuch

empfangen, wenn sie zum Beispiel einen Demenzschub

haben. Manchmal haben sie dann

Angst vor dem Hund und der Besuch muss abgebrochen

werden. Die Privatsphäre der Menschen

zu respektieren ist mit das Wichtigste.

Auf die Frage, was die ehrenamtliche Tätigkeit

ihr zurückgibt, strahlt Andrea Katzer: „Ganz, ganz

viel zwischenmenschlicher Lohn.“ Sie liebt den

regelmäßigen Kontakt zu den Menschen und ist

dankbar für jedes Lächeln. Sie ist stolz, zusammen

mit Lui die Fortschritte und auch die Rückschritte

der Demenzkranken begleiten zu dürfen. Und das

kann sie auch sein. Respekt vor so viel Engagement.

Oder wie Lui sagen würde: „Wau!“

Neugierig geworden? Auch

Du kannst Dich engagieren!

Bist Du Hundebesitzer und hast Interesse daran,

ehrenamtlich bei den Maltesern mitzuarbeiten?

Dann melde Dich bei:

Debora Brasse

Soziales Ehrenamt

Malteser Hilfsdienst e. V.

Diözese Rottenburg-Stuttgart

Tel.: (0711) 92582–50

Mail: Debora.brasse@malteser.org

Auch ohne Hund freuen sich die älteren Menschen

auf regelmäßige Besuche: gemeinsam

spazieren gehen, Bücher vorlesen oder einfach

nur reden.

Lass uns gemeinsam gegen die Einsamkeit

vorgehen!

Weitere Informationen unter:

www.malteser-stuttgart.de/dienste-und-leistungen/

ehrenamtliche-mitarbeit.html

zu beeinträchtigen. Gedächtnisverlust ist ein Beispiel.

Die Alzheimer-Krankheit ist die am meisten

verbreitete Demenz-Art.

Andrea Katzer und Lui kommen jede Woche.

Immer als Mensch-Hund-Team und immer in Begleitung

einer Betreuungskraft. Lui weiß genau, in

welche Zimmer er gehen kann und heute zu Besuch

kommen darf oder nicht. Sobald Lui fröhlich

auf vier Pfoten den Raum betritt, sorgt er im

wahrsten Sinne des Wortes für Aufsehen.

So manch geschlossene, müde Augen öffnen

sich und werden plötzlich hellwach. „Mein bester

Freund ist da!“ Oder: „Ich habe schon so lange keinen

Besuch mehr bekommen“, gibt Andrea Katzer

im Gespräch die Freude der Seniorinnen und Senioren

wieder. Lui, mit seinem gepunkteten hellblauen

Halstuch, zaubert ihnen ein Lächeln ins

Gesicht. Der Hund wird gestreichelt, am Fell entlang

– besonders an den großen Ohren. Er läuft

neben dem Rollator her oder seine Leine darf gehalten

werden. Die Bewohner werden gezielt motiviert

und aktiviert, indem sie Lui beispielsweise

mit einer Futtertube füttern oder ihm andere

Leckereien geben dürfen. Im Beisein des Hundes

blühen sie auf.

Das findet auch Lui super. Geduldig macht er

alles mit, wie er es in seiner Ausbildung gelernt

hat. Dort wurde er an den Umgang mit fremden

Menschen, unkoordinierten Bewegungen und

lauten Geräuschen herangeführt. Ebenso an ungewohnte

Gegenstände wie Krücken, Rollstuhl

oder Rollator. Wichtiges Kriterium zum Bestehen

der Prüfung war, dass er niemals aus Unsicherheit

Aggressionen gegenüber den Besuchten zeigt. Lui

ist außerdem sehr sensibel und spürt sofort, wenn

es jemandem nicht gut geht. Oft reicht es schon,

neben dem Menschen zu sitzen, damit es ihm bessergeht.

Es sind die kleinen Erfolge, die zählen.

Besonders erinnert sich Andrea Katzer an einen

Senior, der drei Schlaganfälle hatte und zum

Schluss blind war. Er hat sein Bett nicht mehr verlassen.

Doch Lui motivierte ihn, sich anziehen zu

lassen. Er saß sogar am Tisch und hat lange gesprochen.

„Der Hund ist ein Türöffner“, stellt die

Ehrenamtliche fest und erzählt weiter: Eine der

Bewohnerinnen hatte ihren Ehemann verloren

und zog sich daraufhin sehr zurück. Durch die Besuche

öffnete sie sich dem Hund und konnte ihre

Trauer zulassen. Es seien die Besuchshunde wie

Bild: Andrea Katzer


10 SOLVED

mediakompakt

Bild: Pexels

Angsterfüllt

Herzrasen, kalter Schweiß und Atemnot. Symptome, die statistisch gesehen

mindestens jeder Vierte von euch selbst schon am eigenen Leib erfahren hat.

Denn diese Symptome sind Anzeichen der weitverbreitetsten psychischen

Erkrankung: der Angststörung.

VON TABEA LEHMANN

Wir haben uns vorgenommen, dem

Tabuthema Angst mit einer offenen

Konversation und Aufklärung

gegenüberzutreten und

haben uns dazu mit einer Betroffenen

unterhalten. Nathalie (Name geändert) ist

40 Jahre alt.

mediakompakt: Nathalie, wir sprechen heute mit

Dir, da Angstzustände seit einigen Jahren zu

deinem Leben gehören. Wann war das erste Mal?

Nathalie: Als ich ungefähr 32 war, sie kamen aus

dem Nichts. Zu dem Zeitpunkt war mein Leben

allerdings recht stressig mit Umzug, neuem Job

und anstehender Heirat. Es gab viele Änderungen

in meinen Leben, vielleicht entstanden meine

Angstzustände dadurch.

mediakompakt: Glaubst Du, die Angstzustände in

deinem Leben überstanden zu haben?

Nathalie: Die schlimmste Phase ist sicherlich

vorbei. Da stand hauptsächlich die Frage im

Raum: ‚Was habe ich überhaupt?‘. Man kann gar

nicht einordnen, was einem fehlt. Dann

bekommt man mehr Angst, weil man nicht weiß

was mit einem passiert. Wenn man irgendwann

zuordnen kann, dass es eine Angststörung ist, hat

man wenigstens Gewissheit. Aufgehört haben

diese Probleme allerdings nie. Man lernt nur mit

der Zeit besser mit ihnen umzugehen.

mediakompakt: Wer noch nie mit Angststörungen

zu tun hatte, kann sich das schwer vorstellen.

Kannst Du dies beschreiben?

Nathalie: Anfangs dachte ich, dass körperlich etwas

nicht mit mir stimmt. Ich habe in solchen

Momenten das Gefühl keine Luft zu bekommen.

Als würde ich ersticken. Ich dachte, ich hätte

Probleme mit der Lunge. Daraufhin bin ich zu

einigen Ärzten gerannt, keiner konnte mir helfen.

Natürlich nicht – ich hatte ja kein körperliches

Problem. Und ich denke jeder kann sich

vorstellen, dass man in Panik gerät, wenn man

keine Luft mehr bekommt und nicht den Grund

kennt.

mediakompakt: Viele Angststörungen bleiben

immer noch unerkannt. Wie hast Du erkannt,

dass Du mit einer Angststörung zu kämpfen hast.

Hat diese Erkenntnis etwas für Dich geändert?

Nathalie: Wie gesagt, ich bin zu gefühlt Tausenden

Ärzten gerannt, die mir alle nicht weiterhelfen

konnten. Nach einiger Zeit geriet ich glücklicherweise

an einen Arzt, der sofort eine Angststörung

diagnostizierte. Er sagte, ich solle mir keinen Kopf

machen und dass man manchmal einfach solche

Phasen habe im Leben. Er hat mich nicht als‚

verrückt‘ abgestempelt und mir genau den

Zuspruch gegeben, den ich brauchte. Endlich zu

wissen, was das Problem ist und einen guten

Ansprechpartner zu haben, hat mir wirklich

sehr geholfen. Er hat mir damit die Angst vor der

Angst genommen.

mediakompakt: Hattest Du vor allem zu Beginn

Deines Leidenswegs Unterstützung?

Nathalie: Ja, gerade anfangs war das alles sehr hart.

Da hat mir besonders mein Freund geholfen. Aber

irgendwann mit der Zeit lernt man das Gefühl

besser kennen und lässt sich nicht mehr so tief in

die Angst fallen. Mir hilft es immer am meisten,

wenn ich mich mit irgendetwas ablenke und mir

positive Gedanken mache.

mediakompakt: Psychische Erkrankungen werden

auch heute stigmatisiert. Wie siehst Du das?

Nathalie: Da gibt‘s definitiv Potenzial nach oben.

Ich bin der Meinung, dass das Thema nicht genug

Beachtung in der Gesellschaft findet. Der Umgang

mit psychischen Erkrankungen ist ausbaufähig,

sowohl in der Gesellschaft als auch in den Arztpraxen.

mediakompakt: Was würdest Du gerade jüngeren

Betroffenen noch mit auf den Weg geben?

Nathalie: Schämt euch auf jeden Fall nicht. Sucht

euch jemanden, mit dem ihr reden könnt. Fresst

die Angst nicht in euch hinein, denn sonst wird es

nur schlimmer. Und sucht euch einen Arzt, bei

dem ihr euch wohlfühlt, der euch versteht und

dem ihr euch anvertrauen könnt.


01/ 2021 SOLVED 11

Angstbefreit

Keiner will darüber sprechen, aber viele betrifft es. Angst.

Niemand will sich damit auseinandersetzen.

Und vor allem will sie niemand haben.

Welche Wege führen aus dem Dilemma?

VON KATHARINA SCHULIK

Die bittere Wahrheit ist, dass laut

Statistiken 27,8 Prozent der Deutschen

unter Angststörungen leiden.

Somit zählen Angststörungen zu der

weitverbreitetsten psychischen Erkrankung,

sie liegen damit sogar vor den weit

bekannteren Depressionen. Angststörungen

treten in vielen verschiedenen Arten auf. Zu den

meist verbreiteten Arten zählen unter anderem

die Panikstörungen, die generalisierte Angststörung

sowie und die spezifischen Phobien.

Gerade in akuten Momenten (etwa während einer

Panikattacke) wissen viele nicht, wie sie dem

Betroffenen helfen können.

Letztendlich sollte die professionelle Hilfe

über einen Arzt oder Therapeuten trotzdem

so schnell wie möglich erfolgen. Übliche

Behandlungsmöglichkeiten wie die Konfrontationstherapie

oder die mögliche Einnahme von

Medikamenten können den Alltag und die

Lebenssituation erheblich verbessern.

Erste Symptome bei Angststörungen können

Herzrasen und Schwindel, Atemnot, Zittern

und Konzentrationsschwierigkeiten sein. Darüber

hinaus können sich diese anfänglichen Symptome

in schwerwiegende Zustände entwickeln,

welche den normalen Alltag und das eigene Leben

stark beeinträchtigen. Zum Beispiel Isolation,

Schlaflosigkeit und Depressionen.

Besonders stark von Angststörungen sind

Frauen im Alter von 30 bis 49 Jahren betroffen,

aber auch immer mehr Männer leiden darunter

und suchen nach Hilfe. Die erste Anlaufstelle

sollte am besten ein spezialisierter Arzt oder

Therapeut sein. Doch nicht selten muss erst ein

passender Arzt gefunden werden und zudem

besitzt nicht jeder gleich den Mut sich einer

fremden Person oder sogar der eigenen Familie

und den engsten Freunden zu öffnen. Beratungsstellen

sind daher eine sehr gute Alternative, um

sich ersten Problemen und Ängsten zu stellen. So

haben es sich beispielsweise die Telefonseelsorge

Deutschland und die Deutsche Angst-Hilfe e.V.

zur Aufgabe gemacht Betroffene und Angehörige

zu unterstützen und rund um die Uhr abrufbereit

zu sein. Hier kann sich jeder melden und telefonisch

oder online Hilfe in Anspruch nehmen.

Auch für Angehörige der Betroffenen stehen

Beratungsstellen zur Verfügung und sie finden

dort Unterstützung. Denn die wenigsten sind

intuitiv in der Lage, richtig mit einer an einer

Angststörung erkrankten Person umzugehen.

Bild: Pexels

Neben einer Therapie können auch selbstbestimmte

Rituale helfen, um der Angst entgegenzuwirken.

Rituale wie zum Beispiel Tee trinken,

oder Ablenkung durch andere Beschäftigungen,

können einfach in den Alltag integriert werden.

So ist es möglich, kurze Entspannungstechniken

wie Meditieren, Yoga, Atemübungen, progressive

Muskelentspannung oder autogenes Training im

eigenen Zuhause anzuwenden. Ganz generell

kann es Betroffenen helfen herauszufinden,

welche Aktivität, welcher Ort oder welche

Menschen einem ein geborgenes Gefühl und

somit genug Halt vermitteln, um die Angst zu

bewältigen.

Wenn man das Gefühl hat, der Angst manchmal

unterlegen zu sein, dann wird es jetzt Zeit

etwas zu ändern. Dann ist es nötig, einen Arzt zu

finden, der einen versteht. Angst geht uns alle

etwas an und durch Schweigen löst sie sich nicht

in Luft auf – ganz im Gegenteil. In der Stille hat

die Angst Platz zum Wachsen. Wir sollten darüber

reden! Wir sollten laut sein!

Telefonseelsorge Deutschland

Unter dieser Nummer bekommt ihr Hilfe und

Beratung: 08 00 / 11 10 11 1

Deutsche Angst-Hilfe e.V.

Hier geht es zur Online Beratung:

www.angstselbsthilfe.de


12 SOLVED

mediakompakt

Ein Vermögen für

die Abstellkammer

Bild: Pixabay

Wohnungssuche in Stuttgart:

Selbst vermeintlich perfekte

Nichtraucher-Mieter ohne

Haustiere und mit festen, sehr

gut bezahlten Jobs suchen

ewig. Wie sehen Alternativen

aus, in der Wohnen

kein Wettbewerb ist?

VON JESSICA LANGER

UND LENA KÖRNER

Anna, 22, studiert in Stuttgart. Sie

möchte aus ihrem Elternhaus in eine

WG ziehen. Sie sucht ein Zimmer mit

mindestens 10 Quadratmetern und

für maximal 350 Euro. Anderswo

überhaupt kein Problem, in Stuttgart hingegen

äußerst schwierig.

Stuttgart ist nach Einwohnern die sechstgrößte

Stadt Deutschlands. Schaut man sich die Fläche

an, liegt die baden-württembergische Hauptstadt

Stuttgart gerade mal auf Platz 20. Damit hat Stuttgart

die drittgrößte Bevölkerungsdichte nach Berlin

und München. Zudem werden die Preise für

Mieten und Eigentum immer teurer.

Gleichzeitig leben die Menschen immer isolierter;

fast die Hälfte der Menschen in Großstädten

lebt allein. Insbesondere Alleinerziehende,

Menschen mit Haustieren und Geringverdiener

haben es bei der Wohnungssuche nicht leicht.

Ähnlich ist es für Menschen, die aus der Ferne herziehen

wollen. Wer nicht zu den oft sehr kurzfristigen

Besichtigungsterminen erscheinen kann, ist

nahezu chancenlos.

Anna hat es vergleichsweise gut: Sie wohnt bereits

in der Gegend, braucht das Zimmer nicht sofort

und kann es sich daher auch leisten, nicht das

erstbeste Angebot zu nehmen. Doch auch sie

stößt auf Hindernisse: „Prinzipiell weiß man natürlich

nie, was der genaue Grund für eine Absage

war“, sagt sie. Sehr wohl wurde sie aber nach einem

regelmäßigen Einkommen gefragt, wobei ihre

freiberufliche Tätigkeit dabei, wie sie glaubt, als

Nachteil empfunden wurde. „Mein Migrationshintergrund

könnte durchaus eine Rolle bei WG-

Castings gespielt haben, wenn vielleicht auch keine

so große.“

Wohnungssuchende beschleicht zuweilen das

Gefühl, dass Vermieter beliebige Anforderungen

stellen können und alles über sie erfahren wollen:

Sei es Alter, Geschlecht, Pendler-Status oder detaillierte

Informationen im Rahmen der Mieterselbstauskunft

– und das oftmals bevor sie Interessenten

überhaupt zur Besichtigung einladen.

Aber: Während der Corona-Pandemie haben

es Vermieter nicht immer leicht. So wurden Anna

oftmals günstigere Zimmerpreise angeboten: „Eine

Vermieterin ging mit dem Preis von 560 Euro

auf 350 Euro runter, da es zu Zeiten von Corona

schwer sei, jemanden zu finden. Dieses Angebot

beinhaltete ein Acht-Quadratmeter-Zimmer, das

nur aus einem Bett bestand.“ Nach langer Suche

fand Anna ein mehr als doppelt so großes Zimmer

zu einem ähnlichen Preis im Studentenwohnheim.

Doch nicht jeder hat so viel Glück wie Anna.

Wie kann ein Wohnungsmarkt aussehen, in der

auch der „unbeliebteste“ Mieter fündig wird? Neben

klassischen Ansätzen wie Nachverdichtung


01/ 2021 SOLVED 13

gibt es viele kreative Visionen, die angespannte Situation

zu lösen.

Eine davon sind sogenannte Cluster-Wohnungen.

Dabei handelt es sich um kleine Wohnungen,

gestaltet wie eine große WG. Neben den

Wohnflächen mit eigenem Bad und Kochnische

bieten sie viele Gemeinschaftsräume wie beispielsweise

große Küchen und Sportgelegenheiten

an. Hier leben oftmals verschiedene Generationen

zusammen, die sich gegenseitig unterstützen.

Dadurch können auch Einzelpersonen Teil

einer Gemeinschaft sein anstatt komplett isoliert

zu wohnen. Zudem sparen diese Konzepte oft

Platz. So kommt man dem großen Bedarf an kleinen

Wohnungen nach und bietet gleichzeitig

Menschen, die zuvor in großen Wohnungen lebten,

attraktive Alternativen.

Ähnlich wie bei Cluster-Wohnungen streben

die meisten Anhänger der Tiny-House-Bewegung

eine Gemeinschaft an, in der man sich gegenseitig

hilft, Gegenstände teilt und in der Bewohner unterschiedlichen

Alters vertreten sind. Dabei hat

aber jeder sein eigenes kleines Häuschen.

Tiny Houses ziehen insbesondere Menschen

an, die sich den Traum eines kleinen Eigenheims

verwirklich wollen, ohne dafür jahrzehntelang

verschuldet zu sein. Viele Tiny-House-Bewohner

haben sich ihr kleines Häuschen selbst gebaut

und kennen ihr Haus in- und auswendig. Zudem

legen viele von ihnen Wert auf ein nachhaltiges,

eher minimalistisches Leben und naturnahe Materialien

beim Hausbau.

Ein Haus auf Rädern

Johanna ist erste Vorsitzende des Vereins „Tiny

Houses Region Stuttgart e. V.“. Sie baut gerade

an ihrem eigenen kleinen Haus auf Rädern, in das

sie mit ihrem Freund einziehen will. „Wo es mal

stehen wird, wissen wir noch nicht“, gibt sie allerdings

zu, denn die Suche nach geeigneten Stellplätzen

gestaltet sich in Stuttgart schwierig. Darüber

spricht der Verein bereits mit Stuttgarter Gemeinden:

„Hier und da

stoßen wir durchaus

Tiny Houses

auf Interesse und führen

Gespräche fort.

Wir beobachten aber

auch, dass viele noch

sehr zögerlich sind,

was dieses Thema angeht.

Es gibt bisher

deutschlandweit keine

Vorzeigeprojekte, die

sich als Referenz eignen.

Zudem ist das

Thema Tiny House

noch mit sehr vielen

Vorurteilen und nicht

zuletzt auch baurechtlichen Hürden belastet.“

Die Mitglieder des Vereins wünschen sich „ein

Gelände, welches Platz für mehrere Tinys, ein Gemeinschaftshaus

und eventuell auch eine gemeinschaftlich

bewirtschaftete Gartenanlage

oder andere gemeinschaftsfördernde Einrichtungen

bietet.“

Der Begriff „Tiny House“ (dt.: „winziges

Haus“) kommt aus den USA und beschreibt

im engeren Sinn ein mobiles Haus mit einer

Grundfläche bis zu 37,1 Quadratmeter. Viele

Anhänger dieser Minihäuser möchten in einer

Gemeinschaft naturbezogen und nachhaltiger

leben und ihre geringe Wohnfläche

effizient nutzen, anstatt eine große Fläche

pflegen zu müssen.

Dieser Wunsch steht für die unterschiedlichen

Menschen des Vereins. So gibt es Eltern, die sich

nach dem Auszug der Kinder verkleinern sowie

junge Leute, die minimalistisch und nachhaltig

leben wollen.

Johanna kann sich auch das Leben mit Kindern

im Tiny House vorstellen: “Mit kleineren

Kindern ist das problemlos möglich und später

kann man dann über eine Erweiterung des Tinys

nachdenken.”

Johannas Vision für

einen entspannteren

Wohnungsmarkt sieht

vor, „dass wir weg gehen

vom zentralen Ballungsgebiet,

das sich

auf die Innen stadt und

die innersten Bezirke

richtet. Stadtbezirke

und ebenso die Gemeinden

ringsum müssen

daher so gestal tet

sein, dass alltägliche

Wege allein schon

deshalb autofrei zurückgelegt

werden können, weil sie kurz sind, weil

alle Dinge destäglichen Bedarfs fußläufig oder

mit dem Rad erreichbar sind. So dehnen

sich Städte vielleicht mehr in die Fläche aus,

das Leben dort wird aber attraktiver,

da die Abhängig keit von einem Zentrum geschwächt

wird.“

Bilder: Pixabay


14 SOLVED

mediakompakt

Der Plastikwahnsinn

Plastiküberschwemmte Meere und Strände. Meereslebewesen

mit Plastik im Magen. Müllhalden in der Dritten Welt. Bilder, die

jeder kennt. Und dennoch lässt das Umdenken auf sich warten.

VON JANA FALKNER

Im Jahr 2016 machte das Bild einer geschälten

plastikverpackten Orange der US-amerikanischen

Supermarktkette Whole Foods

auf Twitter die Runde. Die Twitter-Userin

kommentierte den Schnappschuss mit den

Worten: „Wenn die Natur nur einen Weg finden

würde, Orangen so zu verpacken, damit wir nicht

so viel Plastik für sie verschwenden müssten.“ Es

ist gar nicht nötig bis in die USA zu gehen, um die

Ausmaße des Verpackungsmülls zu begreifen. In

Deutschland sind im Jahr 2018 laut des Umweltbundesamts

18,9 Millionen Tonnen Verpackungsabfall

angefallen, im Vergleich zu 2010

sind das 18 Prozent mehr. Dies entspricht ungefähr

227 Kilogramm pro Kopf. Besonders problematisch

ist der Plastikmüll, weil dieser nicht

biologisch abbaubar ist. Auch weltweit nimmt die

Menge an Plastik zu. 1950 wurden nur 1,5 Millionen

Tonnen produziert, heute sind es jährlich etwa

407 Millionen Tonnen.

Kunststoffverpackungen haben ihre Vorteile,

besonders im Lebensmittelbereich. Das Plastik

kann dazu beitragen, dass weniger Lebensmittel

verschwendet werden, da diese durch die Verpackung

länger haltbar sind. Außerdem sichert das

Plastik die eingepackten Lebensmittel vor Keimen

oder mechanischen Einflüssen, sodass sie beispielsweise

beim Transport geschützt sind. Zudem

wird durch das geringe Gewicht Kohlendioxid

eingespart, da der Lkw zum Transport weniger

Kraftstoff verbraucht.

Allerdings verlieren diese Argumente an Kraft,

wenn man sich die gesamte Ökobilanz von Plastik

anschaut. So wird bereits bei der Herstellung Erdöl

benötigt, dessen Vorkommen auf der Erde begrenzt

ist. Außerdem ist Plastik extrem langlebig,

was bei der Entsorgung Probleme bereitet. Recycling

ist nur bedingt möglich. Zwar werden in

Deutschland etwa 90 Prozent aller Kunststoffabfälle

wieder eingesammelt, wiederverwertet

werden davon aber nur 43 Prozent, der größere

Teil wird verbrannt.

Millionen Tonnen Plastik landen in den Ozeanen,

sodass Meeresströmungen durchgängige

Oberflächen aus Abfällen entstehen lassen. Das

bekannteste dieser Gebilde ist das Great Pacific

Garbage Patch, das im Pazifik zwischen Kalifornien

und Hawaii treibt. Die Größe dieses Müllteppichs

wird auf 1,6 Millionen Quadratkilometer

geschätzt. Doch dies ist nur die Spitze des Eisberges,

denn 90 Prozent aller Abfälle sinkt auf den

Meeresboden und ist so gar nicht sichtbar. Das

Plastik ist im Meer nahezu unzerstörbar, es zersetzt

sich nur langsam durch das Salzwasser und

die Sonne und gibt so nach und nach kleine

Bruchstücke an die Umgebung ab.

Eine Lösung für all diese Probleme zu finden,

scheint beinahe unmöglich zu sein, denn Plastik

ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts zum Werkstoff

Nummer eins geworden. Zwar machen

Verpackungsmaterialien einen großen Teil des

Kunststoffmülls aus, doch auch in Kleidung aus

Polyester oder Kosmetik ist es enthalten.

Deswegen reicht es nicht beim Einkauf nur auf

die Verpackungsmaterialien zu achten, sondern

auch Inhaltsstoffe spielen eine nicht unbedeutende

Rolle.

Wenn man durch die Reihen eines gewöhnlichen

Supermarkts läuft, fällt auf, dass es gar nicht

so leicht ist, beim Lebensmittelkauf komplett auf

Plastik zu verzichten, da beinahe alles in dem Material

verpackt ist. Eine Lösung dafür kann der

Einkauf in einem Unverpackt-Laden sein, wo mitgebrachte

Behälter einfach aufgefüllt werden können,

sodass keine Verpackung nötig ist. Eine

andere Alternative sind Wochenmärkte oder Läden

mit Frischetheke.

Auch wenn all die erschreckenden Zahlen,

Fakten und Fotos über diese Probleme manchmal

ein lähmendes Gefühl der Hilflosigkeit hinterlassen

können, so kann doch jeder einzelne einen

Unterschied machen. Auf den ersten Blick scheint

es ergebnislos zu sein, Mehrwegtragetaschen statt

Plastiktüten zu verwenden, Müll zu trennen oder

Obst und Gemüse lose zu kaufen, doch Veränderung

beginnt im Kleinen.

Zahlen und Fakten

Mehr als 40 Prozent aller Kunststoffe wird nur

einmal verwendet und anschließend weggeworfen.

Weltweit werden pro Minuten 1 Million Plastikflaschen

verkauft.

Verpackungsmaterialien machen die Hälfte

des weltweit produzierten Plastikmülls aus.

Bild: Unsplash


01/ 2021 SOLVED 15

Splitternackt

eingepackt!

Bild: Bergerei | Lisa Maier Photographie

Unverpackt gegen den Plastikkonsum: In Deutschland existieren im Jahr 2020 rund 190 Unverpackt-Läden

und 180 weitere sind bereits in Planung. Vom Nischenkonzept zu einem gesellschaftlichen

Trend entwickeln sich die Unverpackt-Läden. Ein Interview.

VON ALEXANDRA KAZIK

Larissa Berger (28), Gründerin des

Schorndorfer Unverpackt-Ladens „Bergerei“,

erläutert, was sie als junger

Mensch dazu bewegt hat einen Unverpackt-Laden

zu gründen und wie man

ohne lästigen Verpackungsmüll der Umwelt

etwas Gutes tun kann.

mediakompakt: Warum hast Du einen Unverpackt-

Laden eröffnet?

Larissa: Da das Verpackungsproblem in unserem

Alltag eine große Rolle spielt, habe ich eine Lösung

gesucht, um dem entgegenzuwirken. Meine

Plastik-Mülltonne war so schnell voll, obwohl ich

versucht habe, viel auf dem Markt zu kaufen und

beim Einkauf darauf zu achten, so wenig Waren

wie möglich in Plastikverpackungen zu wählen.

Mir waren mehr oder weniger die Hände gebunden

komplett plastikfrei in meiner Heimatstadt

Schorndorf einzukaufen. Der nächste Unverpackt-Laden

befindet sich in Stuttgart oder

Schwäbisch Gmünd. Und da extra hinzufahren

macht ökologisch gesehen keinen Sinn. Deshalb

habe ich mich 2019 dazu entschieden einen Unverpackt-Laden

in Schorndorf zu gründen. Nachdem

ich die Idee konkretisiert hatte und auch

passende Räumlichkeiten gefunden habe, konnte

ich die „Bergerei“ im Mai 2020 eröffnen.

mediakompakt: Welche Voraussetzungen muss

man mitbringen, um einen Unverpackt-Laden zu

gründen?

Larissa: Ich habe zuvor Betriebswirtschaftslehre

mit Schwerpunkt Pädagogik studiert. Somit waren

die wirtschaftlichen Kenntnisse gegeben, die

man mitbringen sollte. Bei der Entwicklung des

Geschäftsmodells, der Konzipierung des Businessplans

oder auch der Perso nalkostenkalkulation

war das sehr hilfreich, denn die Wirtschaftlichkeit

ist von hoher Bedeutung. Außerdem sollte man

Interesse für die Lebensmittelbranche mitbringen

und selbst einen starken Willen und Engagement

zeigen. Ein gewisses Eigenkapital darf natürlich

auch nicht fehlen.

mediakompakt: Wie kommt die „Bergerei“ in

Schorndorf an?

Larissa: Auch wenn der Unverpackt-Laden zu einem

Nischenkonzept gehört und nicht die ganze

Bevölkerung meiner Heimatstadt in der „Bergerei“

einkauft, bekomme ich viel positives Feedback.

Die, die wirklich den Willen zeigen und der

Umwelt etwas Gutes tun wollen, kommen regelmäßig,

um ihren Großeinkauf komplett plastikfrei

zu tätigen. Als großen Vorteil, neben den

plastikfreien Produkten, sehen viele die individuelle

Portionierung der Mengen und die regionale

Produktvielfalt.

mediakompakt: Welche Zielgruppe sprichst du

nach deinen bisherigen Erfahrungen mit deinem

Unverpackt-Laden an?

Larissa: Die eine Zielgruppe gibt es nicht, meine

Käufer sind vom Alter her sehr gemischt. Tendenziell

ist meine Hauptkäufergruppe eher weiblich.

Viele junge Familien kommen regelmäßig. Aber

auch im Bereich 60plus gibt es einige interessierte

Käufer, die den Einkauf in der „Bergerei“ so wie

früher erleben, als es noch viele kleine Tante-

Emma-Läden gab.

mediakompakt: Schaffst du es deine Produkte ausschließlich

von regionalen Lieferanten zu beziehen,

wie sieht die Lieferkette aus?

Larissa: Primäres Ziel ist es, so viel wie möglich aus

der Region zu beziehen. Bei der Wahl meiner Produkte

achte ich zunächst darauf, wie weit der

Lieferant entfernt ist, ob es sich um ein saisonales

Bio-Produkt handelt und eine plastikfreie Belieferung

garantiert ist. Da es mir grundsätzlich sehr

wichtig ist, dass meine Käufer bei mir nicht nur

Lebensmittel bekommen, sondern alles, was sie

für den Alltag benötigen, weiche ich auch ab und

zu von den regionalen Lieferanten ab. Ausschlaggebend

ist immer die persönliche Überzeugung

des Produkts und eine unverpackte Lieferkette!

mediakompakt: Haben Unverpackt-Läden einen

großen Einfluss auf den Plastikkonsum?

Larissa: Obwohl die Unverpackt-Läden noch eine

Nische darstellen und die tägliche Versorgung mit

Bedarfsgegenständen nur ein kleiner Bereich einnimmt,

denke ich schon, dass die Summe einen

großen Einfluss hat. Das bestätigen Studien. Je

mehr Haushalte auf Unverpackt-Läden umsteigen

und weitere Haushalte inspirieren, desto weniger

Verpackungsmüll landet im Abfall.

INFO

Bergerei – Unverpackt-Laden & Tagescafé

Karlstraße 3

73614 Schorndorf

www.bergerei-schorndorf.de


16 SOLVED

mediakompakt

Zwischen

Lust und Frust

Bild: Pixabay

Pornos – Viele schauen sie regelmäßig, nur wenige reden

darüber. Noch heute sind die Sexfilme ein Tabuthema,

Aufklärung fehlt. Doch ihr Konsum kann süchtig machen.

Ein Betroffener gibt offen Auskunft.

VON LEA BAUER

UND CARLA KIENZLE

Simon (Name von der Redaktion geändert)

liegt im Bett und starrt seit Stunden

an die Decke. Es ist mitten in der

Nacht. Er kann nicht schlafen. Seine

Gedanken schweifen ab: Von seiner

Frau, die neben ihm schläft, zu den Bildern nackter

Frauen. Schon ist sie da, die Lust auf Pornos.

Simon ist süchtig. Wenn ihm langweilig ist, er

gestresst ist oder Ablenkung braucht, flüchtet er

sich in Pornos. Sie befriedigen ihn, schaffen einen

kurzen Moment des Glücks. Simon wirft einen

Blick auf die Uhr. Die digitale Anzeige verrät:

Inzwischen ist es 2:42 Uhr. Mit einem leisen

Rascheln der Decken erhebt er sich und schleicht

aus dem Schlafzimmer. Vor seinem geistigen Auge

hat er schon die Bilder blanker Beine, Brüste und

Hintern, die er gleich sehen wird.

Wie Simon geht es nach Schätzungen rund

500.000 Menschen in Deutschland. Sie sind pornosüchtig.

Erst im Jahr 2019 hat die Weltgesundheitsorganisation

WHO zwanghaftes Sexualverhalten

als psychische Störung anerkannt. Gleichzeitig

verzeichnete Pornhub, das weltweit größte

Pornografie-Portal, einen Anstieg der Seitenbesuche

von rund 15 Prozent. Das Portal ist nach

X-Hamster der zweitbeliebteste Anbieter von pornografischen

Inhalten in Deutschland. Statistiken

zufolge sind vier der 20 meistbesuchten Internetseiten

der Deutschen Portale mit Sex-Inhalten.

Der Konsum von Pornos kann, muss aber nicht

zur Sucht führen. „Nicht jeder Mann ist heutzutage

pornosüchtig. Es ist eine Frage der Häufigkeit.

Süchtig ist, wer nicht mehr aufhören kann, und

wer Menge und Zeitpunkt des Konsums nicht

kontrollieren kann“, bestätigt der Stuttgarter

Psychologe Adrian Lenkner.

Simon sah mit 18 Jahren das erste Mal ein Sex-

Video. „Der Film fiel mir zufällig in die Hände.

Das war im Über-18-Bereich der Videothek, da

durften nur die Erwachsenen rein. Internet hatten

wir damals noch nicht“, erinnert sich der heute

54-Jährige. Schranken wie die einer Videothek

existieren heute nicht mehr – durch das Internet

steht die Tür zu Pornografie jedem offen. Die

Filme sind nur wenige Klicks entfernt. Jeder, der

ein Smartphone, ein Tablet oder einen Laptop

besitzt, kann von überall auf eine unzählbare

Menge an einschlägigen Inhalten zugreifen. Die

einzige Voraussetzung ist ein Internetzugang.

„Beim Anschauen des Films habe ich gemerkt,

wie heftig ich darauf reagiere. Der Hormonschub

war ein krasses Gefühl“, berichtet Simon. „Männer

können visuell schnell sexuell erregt werden.

Wenn sie eine schöne Frau oder nackte Haut sehen,

springt das ganze Sexualsystem an. Das fühlt

sich gut an. Verhaltensweisen können außerdem

mit sexuellen Empfindungen konditioniert, also


01/ 2021 SOLVED 17

gelernt und verstärkt werden. Und sexuelle

Gefühle sind sehr gute Verstärker“, erläutert Psychologe

Lenkner.

Simon verlor die Kontrolle über sich schleichend.

Nach seinem ersten Mal war sein Konsum

unregelmäßig – ab und zu am Wochenende, ein

Filmchen hier, ein Filmchen da. In seinen 30ern

und 40ern passte sich der Pornokonsum unbemerkt

an den getakteten Tagesablauf seines

Schichtdienstes an. Hinzu kamen Eheprobleme.

„Ich war in meiner Beziehung

unglücklich.

Vor allem im Hinblick

auf mein Sexleben. Mit

den Pornos konnte ich

meine Lust befriedigen.

Sie waren wie eine

Flucht und ich konnte

Stress abbauen. Dass die

Filme süchtig machen

können, war mir nicht

bewusst“, sagt er. Statistiken

zufolge spricht in

Deutschland nur jeder

Zweite mit dem Partner über Masturbation. Der

Rest schweigt. Auch Simons Frau wusste nichts

von seinem Problem. Als sie ihn nachts einmal

auf dem Sofa erwischte, schwiegen beide darüber.

Und er schaute weiter Pornos: mehrmals in der

Woche, bis zu drei Stunden am Stück.

Mehr Alkohol, mehr Zigaretten oder mehr

Pornos – wie andere Süchte will die Abhängigkeit

von sexuellen Inhalten mehr und kann sich in Extreme

steigern. Auf der Suche nach mehr wechseln

Süchtige die Sexformate, suchen intensivere

Reize und schauen ausgefallenere Inhalte. „Wie

bei allen Süchten lässt die Wirkung nach und

„Mit den Pornos

konnte ich meine Lust

befriedigen. Sie waren

wie eine Flucht und

ich konnte Stress

abbauen.“

Pornosüchtige suchen nach dem größeren Kick.

Sie brauchen Abwechslung. Ein Extrem der Pornosucht

sind Livechats und Livecams, für die

Süchtige zahlen. Das andere sind extremere Inhalte

wie etwa Gewaltszenen oder Kinderpornografie”,

erläutert der Psychologe.

Simon schaute länger und mehr Pornos, die

Inhalte wurden heftiger. Durch die Sucht veränderte

sich sein Charakter. Er wurde egoistischer.

Seine Lust auf Sex wuchs. Und wollte seine Frau

nicht, wonach er begehrte,

fühlte er sich gekränkt.

In vielen Beziehungen

geht bei einer

Pornosucht die Intimität

und Nähe zum Partner

verloren. Ein Partner

kann zurückweisen,

Pornos sagen nicht

nein. Simon bemerkte

seine Sucht spät: „Ich

habe mich im Internet

über Pornos informiert

und versucht, sie wegzulassen.

Als ich nachts aufwachte und mein Körper

nach dem Dopamin verlangte, wurde mir klar,

dass ich ein Problem habe”.

Zu dem Zeitpunkt war Simon Anfang 50. Heute

weiß er, warum er seit seinem dreißigsten

Lebensjahr Pornos schaute: nicht mehr aus einer

Laune heraus, sondern zwanghaft. Und dass seine

Ehe beinahe an seiner Sucht zerbrochen wäre.

„Nachdem mir bewusst wurde, dass sich mein

Charakter negativ veränderte, hat etwas in mir

gesagt: ,Nein, ich will das nicht mehr‘.“ Simon zog

die Reißleine und machte einen Entzug, schlechte

Laune und extreme Stimmungsschwankungen

inklusive. Doch mit dem harten Entzug war

das Ende seiner Sucht nicht erreicht. Immer

wieder rutschte er zurück in die Spirale.

Potenzielle Auslöser für Rückfälle lauern

überall. Ob nackte Haut auf Werbebildern in

Mails, Sexszenen in Filmen oder freizügige

Fotos in sozialen Netzwerken. Wie lange der

Weg aus der Sucht ist, weiß niemand. „Bei neuem

Verhalten entstehen neue Spuren im

Gehirn. Ein Rückfall ist letztlich nur ein Wechsel

auf die alte Spur. Ist die neue Spur schon angelegt,

kann man wieder zurückwechseln. Wer

das weiß, hat es leichter”, sagt Adrian Lenkner.

Letztlich schaffte Simon den Ausstieg. Er reduzierte

die Menge der Pornos langsam, stieg

von harten auf leichten Filmstoff um: Anstelle

von Pornos schaute er Youtube-Videos. Kein

Sex, aber nackte Frauen. Bis er auch davon loskam.

„Stattdessen habe ich eine absolute Lust

auf Sex mit meiner Frau entwickelt. Manchmal

wird aus einer Sucht eine andere. Bei mir wurde

es eine Sucht nach Sex und Nähe. Es hat mehrere

Jahre gedauert, bis sich das ausgeglichen

hat”, erinnert sich Simon. Neben einer Eheberatung

mit seiner Frau half ihm ein Therapeut

aus der Sucht. Und in einer Männergruppe teilte

er mit anderen Betroffenen seine Probleme.

„Reden allein ist ein großer Schritt, um mit der

Sucht weiterzukommen”, sagt er.

Heute ist Simon fast vier Jahre suchtfrei.

Den Weg zum genussvollen Konsum ist er nie

zurückgegangen, zu groß ist die Angst vor

einem Rückfall. Er möchte auch keine Pornos

mehr schauen. Stattdessen genießt er den Sex

im realen Leben mit seiner Frau – Nähe und

Intimität an erster Stelle. Denn das können

Pornos nicht bieten.

Bild: Colourbox


18 SOLVED

mediakompakt

Bild: dpa/frei


01/ 2021 SOLVED 19

Raubt der Kommerz

dem Fußball die Seele?

Der deutsche Fußball hat sich

längst zu einem Millionengeschäft

entwickelt. Doch der

Sport muss aufpassen, nicht

den wichtigsten Bestandteil zu

verlieren: seine Fans.

VON OLIVER PFANDER

UND SASCHA RENZ

Geld regiert die Welt. In der Politik, in

der Wirtschaft, in der Gesellschaft

und seit einigen Jahren auch im Fußball.

Die Strukturen und Interessen

der Fußballvereine entwickeln sich

immer mehr in die von Wirtschaftsunternehmen.

Die Fans können sich mit dieser Entwicklung allerdings

nur schwer anfreunden. Der Slogan „Gegen

den modernen Fußball“ ist mittlerweile zu einem

weit verbreiteten Motto der Fans geworden,

die sich nicht mit der zunehmenden Kommerzialisierung

im Profifußball identifizieren können.

Der steigende Einfluss finanzieller Interessengruppen,

explodierende Transfersummen und die

Verteilung der TV-Gelder sind einige Beispiele für

die momentan stattfindende Entwicklung im

Fußballgeschäft. Speziell die Verteilung der Fernseh-Gelder

steht in diesem Zusammenhang besonders

im Fokus. Sie stellt für die meisten Vereine

die Haupteinnahmequelle dar und verursacht

so eine erhebliche Abhängigkeit. Die Deutsche

Fußball Liga (DFL) erwirtschaftete als Organisator

und Vermarkter des deutschen Profifußballs in

der vergangenen Saison 1,16 Milliarden Euro

durch nationale TV-Gelder. Zum Vergleich: in der

Saison 2016/17 waren es noch 628 Millionen Euro,

was einem Zuwachs von etwa 85 Prozent entspricht.

Durch den Anstieg an finanziellen Mitteln

und die leistungsorientierte Verteilung dieser,

ist ein besseres Abschneiden in der Saison von

noch höherer Bedeutung. „Durch langjähriges

gutes Wirtschaften gewinnt man als Verein heutzutage

keinen Blumentopf mehr“, kritisiert Jost

Peter, Vorstandsmitglied im Fanbündnis „Unsere

Kurve“, in dem sich 21 Fanorganisationen unter

einem Dach vereinigt haben. Der Verein repräsentiert

nach eigenen Angaben eine rund sechsstellige

Anzahl von aktiven Anhängern.

Dass das viele Geld seinen Preis hat, wird

durch die Pandemie wie unter einem Brennglas

ans Tageslicht gebracht. Infolge der fehlenden

TV-Einnahmen durch die Spielpause, drohte einigen

Vereinen bereits nach wenigen Wochen der

finanzielle Kollaps. Die „Fanszenen Deutschlands“,

ein bundesweiter Zusammenschluss von

Fan- und Ultraszenen, bemängeln, die Strukturen

des Sports seien vollkommen vom Fluss der Fernsehgelder

abhängig. Die Vereine existierten demnach

nur noch in totaler Abhängigkeit der Geldgeber.

Ein möglicher Lösungsansatz wäre ein anderes

System zur Verteilung der Gelder. Würden

diese gleichmäßig an alle Vereine ausgezahlt werden,

könnten vermutlich alle Vereine Krisen besser

überstehen. Gleichzeitig gäbe es einen gerechteren

und spannenderen Wettbewerb, so die

Überzeugung.

Stichwort gerechter Wettbewerb: Kopfschütteln

lösen auch die in den vergangenen Jahren in die

Höhe geschossenen Transfersummen. Die Ablöse,

die Vereine heutzutage für Spielerwechsel bezahlen,

übersteigen die Summen von vor einigen Jahren

um ein Vielfaches. Lag der Transferrekord

kurz nach der Jahrtausendwende noch bei 77,5

Millionen Euro (Zinédine Zidane), kletterte er seit

dem Jahr 2017 auf die unglaubliche Summe von

222 Millionen Euro, die für den brasilianischen

Superstar Neymar gezahlt werden, als er zu Paris

St. Germain wechselte. Das entspricht knapp einer

Verdreifachung in etwa 20 Jahren. Vor allem

kleinere Vereine geraten durch diese Entwicklung

immer mehr ins Hintertreffen – man kann sagen,

die Kluft zwischen finanzkräftigeren und finanzschwächeren

Vereinen klafft immer weiter auf.

Wo soll das noch hinführen?

Die Transfersummen

im Profifußball

explodieren

Neben der Verteilung der TV-Gelder und den explodierenden

Transfersummen zählt der steigende

Einfluss finanzieller Interessengruppen zu den

aktuell größten Baustellen des deutschen Profifußballs.

Der Sport wird vermehrt von Außenstehenden

als Werbeplattform genutzt. Die Vereine

entwickeln sich dadurch immer mehr zu Unternehmen,

bei denen allein Profit im Fokus steht.

Das kann zum einen durch das Einsteigen eines

Investors als alleinstehende Person erfolgen,

wie es beispielsweise mit dem Multimilliardär

Dietmar Hopp bei 1899 Hoffenheim der Fall ist.

Zum anderen können auch Teile eines Vereins in

eine Kapitalgesellschaft ausgegliedert werden, so

geschehen bei der Lizenzspielerabteilung von RB

Leipzig und dem Unternehmen Red Bull. Beides

ging mit einer enormen Finanzspritze einher. Diese

Entwicklung hat einen bedeutenden Einfluss

auf den sportlichen Wettbewerb, was einigen

Fans missfällt. Sie bangen sowohl um die Identität

ihres Vereins als auch um die Kultur der Fanszene.

Um dem zunehmenden Einfluss von Geld im

Fußball entgegen zu wirken, muss sich einiges ändern.

Ein Ansatz für das Transfergeschehen wäre

die Einführung einer finanziellen Obergrenze bei

Transfersummen und Spielergehältern. Um den

Einstieg von Sponsoren und Investoren weiterhin

zu erschweren, ist die Erhaltung der 50+1-Regel

im deutschen Fußball unausweichlich. So wird

verhindert, dass Kapitalgeber die mehrheitlichen

Anteile an einem Verein erwerben können. Die

Fans sind ein elementarer Bestandteil der Vereine,

sie sollten auch in Zukunft eine wichtige Rolle

spielen. Laut Jost Peter wäre ein vernünftig aufgebauter

Dialog in den Vereinen, in Form von regelmäßigen

Treffen mit den Fanbeauftragten oder

mittels Online-Veranstaltungen mit Mitgliedern,

ein Schritt in die richtige Richtung. „Es würde von

alleine dazu kommen, dass Geld zwar Beachtung

findet, aber nicht an erster Stelle steht. Sehr viele

Dinge, seit Jahren kritisiert werden, wurden durch

Corona wie unter die Lupe gehalten.“ Dass ein

völlig verschuldeter Verein wie Schalke 04 weiter

in der Ersten Liga spielen dürfe, wäre früher nicht

möglich gewesen. Heutzutage bestehe durch die

Ausgliederung (Schalke 04 ist aufgeteilt in mehr

als 30 Gesellschaften) die Möglichkeit, Schulden

zu verstecken. Generell sei der Fußball schon immer

der Kommerzialisierung ausgesetzt gewesen.

Angefangen von Geldflüssen für Spielertransfers,

über die Verdienstmöglichkeiten der Vereine, bis

hin zu Werbung, Sponsorings und Investoren.

Die Kommerzialisierung im Fußball muss als

Teil des Wandels akzeptiert werden, da sich der

Sport – genau wie Gesellschaft und Wirtschaft –

immer weiterentwickeln wird. Den Fans fällt diese

Akzeptanz schwer, sie leisten Widerstand in Form

von Protesten. „Die Proteste haben sich zugespitzt“,

urteilt Jost Peter. Die Fans votieren nach

seiner Aussage allerdings nicht gänzlich gegen

Veränderungen, sie wollten nur Teil des Sports

bleiben und verbinden damit weniger Geld und

Profit, sondern vielmehr Leidenschaft, Wettbewerb

und Gemeinschaft. „Die Kommerzialisierung

hat ein Ausmaß angenommen, welches den

Fußball kaputt macht“, bemängelt der Fan-Beauftragte.

Und: Es braucht eine Lösung, die über

Deutschland hinausgeht. Andernfalls besteht die

Gefahr, dass Spieler ins Ausland wechseln. Generell

sollten sich Spieler wieder mehr mit den Vereinen

und den Fans identifizieren und weniger das

Geld in den Vordergrund stellen. Auch für Jost Peter

sind Veränderungen unerlässlich: „Fußball ist

ein Sport, bei dem es um Fairness und Wettbewerb

geht und diese beiden Dinge müssen wieder ins

Zentrum rücken. Es ist keine Option, so weiterzumachen

wie bisher.“


20 SOLVED

mediakompakt

Was ist

denn

links?

Obwohl gern verkündet wird,

die Begriffe „links“ und

„rechts“ seien überholt und

hätten ihre Bedeutung verloren,

scheint die Unterscheidung

bedeutungsvoller zu

werden. „Links“ führt einen

politischen, kulturellen und sozialen

Kampf gegen „rechts“.

VON KRISTINA MARIC

Bild: Freepik

Befragt man den Bekanntenkreis, die

Familie oder die Kollegen am Arbeitsplatz,

so lässt sich schnell feststellen,

dass die Antworten auf die

Frage, was denn nun links sei, sehr

unterschiedlich ausfallen. Viele antworten, links

sei eben das, was viele auch für links halten: „Die

Linke“, „linke Meinungen“, vielleicht die Gewerkschaften

oder die Antifa-Bewegung. Andere

bringen in ihre Antwort das Wort „eigentlich“

ein: Links heute sei „so und so“, aber eigentlich

müsste links heute „das und das“ bedeuten.

Und wieder andere denken überhaupt nicht

an Politik, sondern an Menschen, ihre Haltung zu

sich, zum Leben, der Umwelt und zu Anderen.

Hier eine kurze Vorgeschichte zur eigentlichen

Bezeichnung: Die Bezeichnung „Linke“ und

„Rechte“ entstand in der Französischen Revolution

von 1789. In der zweiten Nationalversammlung

nahmen die Anhänger, die mit den Resultaten

der ersten Etappe der Revolution zufrieden

waren, auf den Sitzen rechts vom Parlamentspräsidenten

Platz. Andere dagegen, die umfassendere

demokratische und soziale Ziele anstrebten, und

die Revolution weiter antreiben wollten, suchten

sich ihren Platz woanders. Links.

Beide Lager waren von Anfang an direkt auf

die Fragen von Eigentum und Macht fokussiert.

Wie wird Eigentum und politische Macht verteilt?

In welchem Verhältnis stehen Freiheit und

Gleichheit zueinander? Nach welchen Grundsätzen

soll die Bevölkerung leben? Doch die Frage

wie man die linken Positionen zu den jeweiligen

Themen definiert, ist nicht nur im Alltag, in der

Politik und in der Meinungsforschung sehr verschieden.

Sie unterscheiden sich auch nach kultu-

rellem und sozialem Kontext, nach Traditionen

und Erwartungen.

Das linke politische Spektrum erstreckt sich

vom demokratischen Sozialismus über den Linkssozialismus

und die radikale Linke bis hin zum

Kommunismus. Selbst die Fronten zwischen

rechts und links verschwimmen heute manchmal:

Für direkte Demokratie werben nicht nur

Linke und Grüne, sondern auch eine rechtsnationale

Partei wie die AfD. Dass es legale Wege zur

Einreise nach Deutschland braucht, sagen nicht

nur Flüchtlingshelfer, sondern auch die FDP.

Und es war Angela Merkel, eine CDU-Kanzlerin,

die 2015 Hunderttausende Geflüchtete ins

Land ließ – und damit den Beifall der Linken und

gleichzeitig den Hass der Rechten auf sich zog. Die

Linksparteien untereinander bleiben von dem

heutigen „Chaos“ nicht verschont und müssen

sich neu sortieren. Der „Spiegel“-Kolumnist Sascha

Lobo kritisiert die Haltung vieler Linken und

weist anhand eines Beispiels auf eine aus seiner

Sicht vorhandene Verwirrtheit hin: „Es ist eine

Form von Verniedlichungsrassismus, wenn man

zum Beispiel Islamisten und ganzen Ländern die

Verantwortung für ihr eigenes Handeln abspricht

und stattdessen glaubt, alles, was auf der Welt geschieht,

sei ausschließlich eine Reaktion auf den

bösen Kapitalismus der weißen Europäer und

Amerikaner.“ Gab es früher klare Linien zwischen

Radikalen und Pragmatikern, Regierungswilligen

und Oppositionellen, zwischen den Ost- und

Westverbänden, so verlaufen die Fronten nun

zum Teil quer durch diese Lager. Ist man also auf

der Suche nach einer Antwort auf die Frage, was

links eigentlich bedeute, wird einem schnell klar:

Auch Links weiß nicht so richtig was links ist.


01/ 2021 SOLVED 21

Liebe deinen Rechten

wie dich selbst

Ein mutiges Plädoyer für

einen fairen politischen

Meinungsaustausch in den

Staaten und der Welt.

VON EDITH SCHWEGLER

Wir leben, gehen und denken in

den drei Dimensionen einer

Welt, die sich zweidimensional

auseinander zu bewegen droht.

Die politischen Pole lassen nicht

nur jene mit Rechts-Links-Schwäche vor den gesellschaftspolitischen

Kreuzungen der Zeit stocken.

Inzwischen ist das Tönen der Verkehrsteilnehmer

derart laut geworden, dass ein Verordnen

der Richtungen selbst dem mit Unterscheidungskraft

gesegneten Menschen nur auf Abstand möglich

ist. Denn: Die Rhetorik hat ihre Fäuste geballt.

Von Übersee, ein bezeichnendes Beispiel:

„Wenn Sie unschlüssig darüber sind, ob Sie für

mich oder Trump sind, dann sind Sie nicht

schwarz.“ Verlauten ließ dies Demokrat Joe Biden

im Wahlkampf um die Präsidentschaft der Vereinigten

Staaten gegen den Republikaner Donald

Trump, den erklärten Antihelden des progressiven

Menschen von heute. Inzwischen ist Biden

der neue Chef im Weißen Haus.

Die Botschaft ist klar: Auf keinen Fall Trump,

andernfalls verriete man seine gesamte ethnische

Gemeinschaft. Das ist harsch und vor allem nicht

hilfreich, wenn es darum geht, sich eine eigenständige

politische Meinung zu bilden. Nicht in

Frage zu stellen ist natürlich die Fragwürdigkeit

persönlicher und politischer Entscheidungen des

abgewählten republikanischen Präsidenten. Was

allerdings unbedingt diskutiert werden sollte, ist

der Umgang mit konträren politischen und weltanschaulichen

Positionen, in seinem Negativbeispiel

zuvor zitiert. Was das macht, ist nicht,

Schlechtes als schlecht zu benennen, sondern den

Schwarzen auf Identitätsebene seiner gedanklichen

Selbstbestimmung zu berauben. Abzuerkennen,

dazuzugehören, wenn anderer Meinung,

stellt eine Form von gesellschaftlicher Gewalt dar,

die in anderem Kontext, etwa dem der Schutzforderung

von ungeborenem Leben, einem grundkonservativen

Motiv, ähnlich formuliert zu

höchster Empörung auf progressiver Seite führen

würde. Soll heißen? Der politische Diskurs ist infiziert,

die Krankheit trägt den Namen Intoleranz.

Offensichtlich ist das sicherlich in der ab- und

ausgrenzenden Rhetorik der AfD, der NPD und

ebenso Donald Trumps, die Grenzen zieht, wo

Grenzen rettendes Aufnehmen verhindern. Offensichtlich

ist auch die Stigmatisierung des konservativen

Gedankenguts mit dem Stempel der

XY-Feindlichkeit. Offensichtlich ist aber nicht,

wie genau diese bewirkt, dass ein rechtes Feindbild

geschaffen wird, welches in seiner extremen,

der fremdenfeindlichen Form nicht annähernd

dem ursprünglich rechten, also dem konservativen,

Wollen entspricht. Dieses Wollen ist nämlich

ein Bewahrendes, wie das Wort schon beschreibt.

Ein Bewahren von Leben, gerade ungeborenem,

ein Bewahren von Bewährtem und von

Werten, darunter auch solchen, die verfassungsprägend

aus dem jüdisch-christlichen Weltbild

entlehnt sind. Punkte, die natürlich streitbar sind

und auch bestritten werden sollen, dabei aber in

einer Kultur der freien Meinungsäußerung, die

Freiheit nicht nur jenen gewährt, die Gleiches

denken und glauben. Doch genau eine solche Kultur

wird verhindert, wenn Aussagen wie zitierte

fallen und hintendrein inflationär mit dem Suffix

„-phob“ bezeichnet wird. Nicht, um lebensfeindliches

Sprechen zu verdecken, wo lebensfeindliches

Denken herrscht, sondern um das Feuer zu

löschen, dass über unsere politischen Landschaften

gefegt ist und ebenso den Namen der progressiven

Linken trägt.

Denn wenn ein Mensch verstummt, um nicht

Opfer der Cancel Culture zu werden, wenn also

der CEO des Konservenherstellers Goya, Robert

Unanue, für sein Lob an Trumps Führungsqualität

als Präsident mit der Zerstörung seines Lebenswerkes

durch Boykott rechnen muss, dann können

wir von einer politischen Meinungskultur

sprechen, die vergiftet ist und an der sich eine der

wichtigsten Säulen der Demokratie zersetzt: die

freie Meinungsäußerung. Denn eben dadurch,

dass Meinung geäußert werden darf und in ihrer

Äußerung verfassungsrechtlich geschützt ist, ist

freies und selbstbestimmtes Denken im Sinne der

Aufklärung möglich. Und dieses Denken schließt

links wie rechts, oben wie unten, und natürlich

auch die Mitte ein. Nur dann ist ein Miteinander

der Richtungen möglich und das Gegeneinander

darf bleiben, wo die Richtungen noch ins Koordinatensystem

gezeichnet werden.

Bild: Pexels


22 SOLVED

mediakompakt

Die Not

und das

Tier

Viele Menschen, die auf der

Straße leben, haben einen

Hund als Begleiter.

Sie geben den Wohnsitzlosen

Halt – und ein Stück Wärme.

VON CHIARA OELKE

Bild: Adobe Stock

Für die meisten ist Stuttgart eine beliebte

Stadt zum Shoppen auf der Königstraße,

um zu spazieren und zu joggen

im Schlosspark, ein Bierchen am Palast

der Republik zu trinken oder gemütlich

ein Eis am Marienplatz zu schlecken. Für viele

sind diese Plätze nicht temporäre Freizeit-Hotspots,

sondern ihr Zuhause. Auf den Stuttgarter

Straßen leben rund 4200 Obdachlose und kämpfen

um ihre Existenz. Auf der Königstraße wird ein

Exemplar der „Trottwar“-Zeitung der Wohnsitzlosen

angeboten oder an den Straßenseiten um

Nahrung sowie um Geldspenden gebeten.

Das ist meist der einzige Berührungspunkt,

den wir Durchschnitts-Stuttgarter mit ihnen haben.

Die Obdachlosen leben meist unter sich, haben

keinen oder kaum Kontakt zu Personen aus

anderen Gesellschaftsschichten. Auch der Kontakt

untereinander reicht für viele nicht aus und

führt zur Einsamkeit. Daher ist es nicht verwunderlich,

dass man häufig auf Obdachlose mit einem

oder mehreren Hunden stößt. Für diese Menschen

sind es nicht einfach nur Tiere, sondern

vollwertige Familienmitglieder. Sie geben ihnen

Halt, Wärme und Lebensfreude.

Die Stadt Stuttgart hat zahlreiche Anlaufstellen

und Hilfen für Obdachlose, doch meist sind

Hunde nicht berücksichtigt. Einige wenige Einrichtungen,

wie die Evangelische Gesellschaft

Stuttgart (Eva), bieten verschiedene Begegnungsstätten

sowie eine Versorgung der Grundbedürfnisse

von Obdachlosen. Dort ist die Mitnahme

der Tiere zwar gestattet, jedoch sind sie lediglich

der Begleiter und werden nicht selbst betreut oder

unterstützt. Das Übernachtungsangebot in der

kalten Jahreszeit ist in Stuttgart nur getrennt vom

eigenen Tier möglich.

Manche Einrichtungen bieten einen Zwinger

für Sie an, in dem sie alleine in der klirrenden Kälte

schlafen können. Das kommt für die meisten

Besitzer jedoch nicht in Frage. Diese Lücke im System

will der Tierschutzverein Esslingen u. U. e. V.

bewusst schließen und setzt sich für obdachlose

Tierhalter ein. Hier ist es den Betroffenen nicht

nur gestattet, ihre Tiere über Nacht bei sich zu haben,

sondern auch tagsüber in der warmen Stube

gibt es ein freies Plätzchen für die Hunde. Zudem

werden ein voller Futter- und Wassernapf angeboten.

Ebenso wird ihnen mit Beteiligungen an tierärztlichen

Kosten geholfen.

Um all das zu finanzieren, ist der Tierschutzverein

auf Mithilfe angewiesen. Neben Geldspenden

sind vor allem Sachspenden wie Kleidung,

Decken, Tiernahrung und Spielzeug gern gesehen

und werden dringend benötigt. Wer etwas Gutes

tun möchte innerhalb von Stuttgart, findet auch

hier zahlreiche Möglichkeiten für Sach- und Geldspenden.

Nach einem Eis am Marienplatz bietet

sich ein kleiner Spaziergang zum Gabenzaun an,

an diesem können sowohl Lebensmittel, Tiernahrung

als auch andere Geschenke, um bedürftigen

Menschen und Tieren eine Freude zu machen,

platziert werden.

Wer lieber von Zuhause tätig werden möchte,

kann ganz bequem online mit wenigen Klicks unterschiedliche

Anlaufstellen und deren Bankverbindungen

finden.


01/ 2021 SOLVED 23

Das Glück auf vier Pfoten

Das Leben als wohnungslose Person ist nicht einfach.

Viele besitzen auch Haustiere. Oft sind diese der letzte treue Wegbegleiter,

allerdings bringt ein Haustier auf der Straße auch Probleme mit sich.

VON ANASTASIA KULENKO

Bild: Adobe Stock

Laut Schätzungen der BAG Wohnungslosenhilfe

e.V. gab es 2018 in Deutschland

rund 678.000 wohnungslose Personen –

wie viele davon Haustiere besitzen, ist

unbekannt. Auch diese Menschen haben

normale Bedürfnisse, wie ausreichend Nahrung,

Hygiene, Wärme, soziale Kontakte und gesundheitliche

Versorgung. Alleine die Diakonie

bietet rund 800 Angebote für wohnungslose Menschen

an. Selbstverständlich gibt es viele staatliche

Einrichtungen, die sich um Menschen in dieser

Notlage kümmern.

Was viele nicht wissen: Die Haustiere der

Wohnungslosen werden in vielen Hilfsangeboten

nicht berücksichtigt und sind in der Regel in Notunterkünften

verboten. Das stellt ein großes Problem

dar, da die Tiere den Menschen unendlich

viel bedeuten. Der einzige Ausweg ist das Übernachten

auf der Straße.

„Mein Hund ist alles für mich“, antwortet Petje.

Der 64-Jährige lebt seit zwölf Jahren auf der

Straße. Und sein Labrador-Mischling Rico bedeutet

alles für ihn. Petje war früher Technischer

Zeichner in Stuttgart, nach der Insolvenz der Firma

fand er aufgrund seines Alters keinen neuen

Arbeitsplatz mehr. Das führte ihn schlussendlich

in die Wohnungslosigkeit. Petje berichtet, dass er

bereits zwei Jahre wohnungslos war, bevor er Rico

von einer Bekannten geschenkt bekommen habe.

Während der gesamten Unterhaltung streichelte

Petje Ricos Kopf. Der sitzt ruhig neben ihm

auf einer Isomatte und einer warmen Decke, da er

mit seinen fast zehn Jahren bereits leichte Nierenprobleme

hat. Auf die Frage, was die beiden zusammen

unternehmen, antwortet Petje: „Früher

sind wir noch viel Laufen gegangen, heute geht

das nicht mehr. Wir sind beide viel zu alt.“ Ansonsten

verbringen sie jede Minute zusammen.

Ob es schwieriger ist, mit oder ohne Hund auf der

Straße zu überleben, ist für Petje ganz klar: „Auf jeden

Fall mit Hund.“

Er erzählt von Obdachlosenheimen, die keine

Haustiere erlauben, von Tierärzten, die Rico nicht

untersuchen wollten und der Belastung, Nahrung

für zwei Münder zu beschaffen. Hundefutter kann

man zwar relativ günstig im Discounter erwerben,

für Petje ist allerdings auch das auf Dauer zu teuer.

Es gibt Menschen, die ihm Hundefutter schenken,

allerdings bedenken diese oft nicht, dass Petje weder

einen Acht-Kilo-Sack Futter transportieren

kann, noch einen festen Lagerort besitzt. Leider

wird auch unter Wohnungslosen viel geklaut und

geplündert. Hundefutter ist keine Ausnahme.

Über Kleinigkeiten und nette Worte freuen sich

allerdings beide.

Ein weiterer Nachteil sei, sagt Petje, dass staatliche

Hilfen und oft auch private Hilfsangebote

keine Haustiere in ihren Einrichtungen erlauben.

Als Gründe werden Hygienevorschriften und die

mögliche Angst der Bewohner angeführt. „Mein

Hund ist sauberer als die Hälfte der Besucher“,

sagt Petje. Er glaubt nicht, dass Hygiene oder

Angst Gründe für die abweisende Haltung der Einrichtungen

ist. Seiner Meinung nach geht es vielmehr

darum, den Hilfsbedürftigen nicht zu lange

Obdach gewähren zu müssen. Auch hier sind die

Ressourcen begrenzt. Vielen fällt es schwer, sich

von ihrem Haustier zu trennen. Ihre treuen Wegbegleiter

sind ihnen wichtiger als ein Zimmer in

einem Obdachlosenheim oder einer finanzierten

Wohngemeinschaft.

Petjes Hund Rico war trotz seines Alters und

der Nierenprobleme nur einmal bei einem richtigen

Tierarzt. Selbst mit einem festen Einkommen

müssen viele für einen Besuch beim Tierarzt tief in

die Tasche greifen. Eine einfache Untersuchung

und Beratung kann bereits bis zu 50 Euro kosten.

Für Petje ist das eine Summe, die er unmöglich

aufbringen kann. Oft müssen sich die Besitzer

selbst um die Leiden ihrer Haustiere kümmern.

Doch ohne das richtige Wissen bleiben viele Tiere

krank, oder sie sterben an den Folgen ihrer Verletzungen

oder Krankheiten.

Trotzdem würde Petje, ebenso wie viele andere

Wohnungslose alles für ihr Haustier geben. Petje

sagt, sie seien kein Mittel, um Mitleid zu erregen

oder ein Vorteil beim Betteln zu haben, wie viele

denken. Dafür sind die Nachteile einfach zu groß.

Sie sind jedoch Freund und Wegbegleiter, manchmal

auch Beschützer. Mit dem Herrchen oder

Frauchen zusammen bilden sie eine kleine Familie

und sind sehr wichtig für das Wohlbefinden

und die Psyche ihrer Besitzer.


24 SOLVED

mediakompakt

Gesünder?

Besser?

Grüner!

Bild: Unsplash

Wie gesund ist herkömmliche Kosmetik? Was macht Naturkosmetik besser?

Wie grün sind die Produkte in Zukunft? Ein Blick in die Branche.

VON JULIA FUCHS UND ELISA SEIDEL

Die Haut ist unser größtes Organ. Über

sie gelangen die Inhaltsstoffe ins

Blut und damit in unseren Körper,

auch und gerade von Kosmetikprodukten.

Nicht immer sind alle Inhaltsstoffe

ganz unbedenklich. Immer wieder finden

sich hormonell wirksame Stoffe in Kosmetika.

Sogenannte endokrine Disruptoren wie zum

Beispiel Parabene stehen im Verdacht, Hormonstörungen

auszulösen. Parabene dienen als Konservierungsstoffe.

In den Kosmetika sollen sie verhindern

das dort Keime entstehen und sorgen so

für eine gute Haltbarkeit.

Das ZDF hat dazu den Hormonforscher Josef

Köhrle befragt: „In der Literatur und auch in den

entsprechenden Forschungsprojekten werden

zurzeit eine Reihe von Krankheitsbildern diskutiert:

Störungen der Pubertät, Beeinflussung der

Geschlechtsdifferernzierung bei Jungs und Mädchen,

späteres Auftreten von verschiedenen Tumorformen“,

erläuterte er in dem Beitrag. Diskutiert

würden zudem das Auftreten von Brust- oder

Gebärmutterkrebs, zum Teil auch Hodenkrebs bei

Jungen sowie Adipositas, also Übergewichtigkeit.

In einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation

(WHO) ist dies zu lesen: „Endokrine Disruptoren

stellen eine globale Bedrohung dar und müssen

reguliert werden.“ Das Bundesamt für Risikobewertung

(BfR) schreibt, die Höchstmengen an

möglicherweise gefährlichen Substanzen seien so

festgelegt, dass gesundheitliche Risiken ausgeschlossen

werden könnten.

Doch: Wenn mehrere solcher Kosmetika verwendet

werden und sich die Mengen somit summieren,

wäre ein sogenannter „Cocktail-Effekt“

denkbar, bei dem es zu einer gesundheitsgefährdenden

Dosis kommen könnte. Laut Industrieverband

Körperpflege- und Waschmittel e.V. (IKW)

dürfen nur Produkte auf den Markt gebracht werden,

die für die menschliche Gesundheit sicher

sind.

App zeigt Risiken von Kosmetik an

Auch das Bundesamt für Verbraucherschutz

und Lebensmittelsicherheit versichert: „Kosmetik

muss in der Anwendung sicher sein. Die Sicherheit

muss vor dem Verkauf von einschlägigen Experten

geprüft werden. Zu dieser Prüfung gehören


01/ 2021 SOLVED 25

der Nachweis der angepriesenen Wirkungen oder

Verträglichkeiten und die Prüfung der Haltbarkeit.“

Und weiter heißt es: „Kosmetikprodukte,

die in den Verkehr gebracht wurden, werden kontinuierlich

stichprobenartig von den für die Überwachung

zuständigen Behörden der jeweiligen

Bundesländer untersucht.“

Wer selbst sicherstellen möchte, welche Inhaltsstoffe

das Kosmetikprodukt enthält, kann

sich die kostenlose „CodeCheck“ App oder die

ToxFox-App des Bundes für

Umwelt und Naturschutz

Deutschland (BUND) herunterladen.

Die Apps bewerten

Inhaltsstoffe nach

wissenschaftlichen Quellen

und zeigen mögliche

Risiken an. Dazu kann einfach

der Barcode des Produkts mit der App gescannt

werden.

Ein Blick auf dem Markt zeigt, dass sich auch

konventionelle Kosmetikfirmen immer mehr Gedanken

machen und ihre Kosmetika weiterentwickeln.

Tierversuche sind seit sieben Jahren gesetzlich

verboten, auch viele konventionelle Kosmetikfirmen

bieten natürliche und vegane Produkte

an. Der Hersteller Essence schreibt, eine Vielzahl

der Produkte sei bereits vegan. „Clean Beauty“

werde hier gelebt. Artdeco geht noch einen Schritt

weiter in Sachen Nachhaltigkeit und bietet nachfüllbare

Puder-Dosen und Lidschatten-Stifte mit

Refill-Patrone an. Catrice hat eine eigene Produktfamilie

„Catrice ID“ entwickelt, die frei von Parabenen,

Silikonen, Mikroplastik, Mineralöl, reinem

Palmöl, exotischen und tierischen Inhaltsstoffen

sein soll. Dennoch bleibt die Frage: Sollte

man nicht gleich besser auf Naturkosmetik umsteigen?

Anteil der Naturkosmetik wächst

Laut dem Statistischen Bundesamt Statista

stieg der Marktanteil von naturnaher Kosmetik

und Naturkosmetik in Deutschland zwischen

2012 und 2019 von 12,8 Prozent auf 18,3 Prozent

an. Der Marktanteil der klassischen Produkte ist

um 5,5 Prozent gesunken. In diesem Zeitraum ist

auch der weltweite Umsatz der Weleda-Gruppe,

Hersteller für anthroposophische Arzneimittel

und Naturkosmetik mit Sitz in Schwäbisch

Gmünd in Süddeutschland, von 322,5 Millionen

„Kosmetik muss in

der Anwendung

sicher sein.“

Bild: Pixabay

Euro auf 429,3 Millionen Euro angestiegen. Allerdings:

Der Begriff Naturkosmetik ist nicht geschützt,

daher kommt es immer öfters zum sogenannten

Greenwashing. Der Begriff bezeichnet

die Absicht dem Konsumenten, durch gezielte

Marketingmaßnahmen, Nachhaltigkeit und Natürlichkeit

vorzutäuschen. Damit der Verbraucher

sicher sein kann, dass ein Unternehmen

wirklich nachhaltig produziert, gibt es verschiedene

Gütesiegel. So sind die Produkte von Weleda

und von Dr. Hauschka, einer

Marke des Arznei- und

Naturkosmetik Herstellers

Wala mit Sitz in Bad Boll/

Eckwälden, mit dem Nature-Gütesiegel

für echte Natur-

und Biokosmetik zertifiziert.

Zu den Standards des

Gütesiegels gehören ein sanfter Herstellungsprozess,

sowie umweltfreundliche Praktiken. Ausgeschlossen

wird die Verwendung von synthetischen

Duft- oder Farbstoffen, Hormonen, Inhaltsstoffen

aus der Erdölchemie, Tierversuche und die

Bestrahlung von Endprodukten oder pflanzlichen

Inhaltsstoffen.

Aus Rücksicht auf Natur und Umwelt

Laut einer Umfrage von Splendid Research aus

dem Jahr 2020 gaben 81 Prozent der Nutzer von

Naturkosmetik in Deutschland an, die Produkte

zu verwenden, um so auch Rücksicht auf die Natur

und Umwelt zu nehmen. Die dabei verwendeten

Rohstoffe werden oft nachhaltiger angebaut

und stammen zum Großteil aus kontrolliert biologischem

Anbau. Demnach gelangen auch bei

der späteren Verwendung der Produkte keine

Schadstoffe in die Umwelt. Die Pressesprecherin

von Dr. Hauschka, Inka Bihler-Schwarz, sagte dazu

in einem Interview mit dem Magazin „LifeVER-

DE“, es sei ein Ziel von Wala, Umsatzwachstum

Bild: Pixabay

Bild: Sasin Pixabay Tipchai

Bild: Pixabay

und Ressourcenverbrauch kontinuierlich zu entkoppeln.

Ein Trend, der aus dem Wunsch nach mehr

Nachhaltigkeit entstanden ist, sind alternative

Verpackungen. Denn nur wenn nicht nur der Inhalt,

sondern auch die Verpackung stimmen,

kann dem Verbraucher ein rundum nachhaltiges

Produkt geboten werden. Solche Verpackungen

können recycelbare Glas- oder Metallbehälter

sein. Aber auch Bioplastik, auf das zum Beispiel

Weleda in Zukunft setzen möchte, basiert auf biologischen

Materialien wie Zuckerrohr.

Ein anderer nachwachsender Rohstoff, auf

den das Unternehmen ZAO Make-up setzt, ist

Bambus. Dieser ist laut der Unternehmenswebsite

ökologisch, da er ein einzigartiges Wachstum ohne

Düngemittel und Pestizide aufweise. Bambus

brauche nur vier bis fünf Jahre, um sich zu regenerieren,

ein Baum dagegen mindestens 30 Jahre.

Weitere nachhaltige Möglichkeiten sind Zerowaste-Verpackungen,

dabei wird zum Beispiel bei

festem Shampoo vollständig auf die Verpackung

verzichtet.

Schutz vor noch mehr Plastikmüll

Eine Möglichkeit, um auch bei flüssigen Produkten

komplett auf Verpackungsmüll verzichten

zu können sind auch sogenannte Refill-Systeme.

Die Produkte werden so hergestellt, dass die leeren

Produktgefäße vom Verbraucher selbst mit sogenannten

nachkaufbaren Refills aufgefüllt werden.

Vorteil: Der Preis für die Verpackung kann

gespart werden, gleichzeitig wird die Natur vor

noch mehr Plastikmüll geschützt.

Kosmetik geht unter die Haut, deshalb lohnt

es sich immer genau hinzuschauen. Sei es mithilfe

von Apps wie „CodeCheck“. Oder durch eine Information

über Gütesiegel und Verpackungen. Jeder

kann einen wichtigen Teil zu einer grünen Zukunft

beitragen.


26 SOLVED

mediakompakt

Bild: Eric Barth

Wie gut ist günstig?

Fleisch – das gehört dazu. Zumindest für die meisten Menschen.

Im Schnitt isst jeder Deutsche etwa 60 Kilogramm davon im Jahr.

Das Ganze ist dabei längst kein Luxus mehr, denn Fleisch ist

günstig, vielleicht zu günstig. Aber warum ist das so und weshalb

ist das ein Problem?

VON ERIC BARTH

Neunzig Prozent der Schweine kommen

heute nicht von kleinen, regionalen

Bauernhöfen, sondern aus

industriellen Mastfabriken – Stichwort

Massentierhaltung. Die Massentierhaltung

hat viele Namen, wird auch als industrielle,

intensive oder konventionelle Tierhaltung

bezeichnet. Man spricht davon, wenn viele

Tiere einer Art auf engem Raum gehalten werden,

mit dem Ziel, möglichst viele tierische Produkte

zu möglichst geringen Kosten herzustellen.

Viele Tiere zu halten, ist zunächst nicht

zwangsläufig etwas Schlechtes. Die großen Mengen

und die Automatisierung, die solche Betriebe

ausmachen, ergeben den großen Vorteil, den wir

alle im Supermarkt spüren: ein Kilogramm

Schweinekotelett kostet im Durchschnitt nur etwa

6,32 Euro.

Auf der anderen Seite lassen sich die Nachteile

an der Kühltheke nicht so einfach erkennen wie

das Preisschild. Ein kurzer Blick auf drei davon soll

auch die oft unsichtbare Seite der Massentierhaltung

offenlegen.

Zunächst wäre da das „Tierwohl“. Ein Begriff,

der immer wieder auftaucht, wenn es um die

Nutztierhaltung geht. Betrachtet man Lebensqualität

und Wohlergehen der Schweine, Rinder oder

Hühner, sind die Bedingungen allerdings längst

nicht ideal. Laut Gesetz reicht einem Huhn die

Fläche von einem DIN-A4-Blatt, für ein Schwein

weniger als ein Quadratmeter. Auslauf ist nicht

üblich. Häufig sehen die Tiere nie die Sonne.

Damit die frustrierten und gelangweilten

Schweine sich nicht gegenseitig blutig beißen und

verletzen, wird ihnen in vielen Fällen vorsorglich

der Schwanz abgeschnitten – eine Praxis, die eigentlich

verboten ist. Alles ist der Wirtschaftlichkeit

unterworfen, auch die Reproduktion der Tiere

ist komplett optimiert. Durch künstliche Befruchtung

und einen routinemäßigen Einsatz von Hormonen

wird das Maximum aus jeder Sau herausgeholt.

Das geht drei Jahre lang, danach sind die

Tiere ausgelaugt. Die Ferkel werden dann innerhalb

von acht Monaten auf 120 Kilogramm gemästet

und geschlachtet. Mit Natur hat das nicht

viel zu tun.

Dieser optimierte Prozess kann nur durch große

Mengen eiweißhaltigen Futters am Laufen gehalten

werden. Ein Drittel des weltweit produzierten

Getreides wird für die industrielle Tierhaltung

benötigt. Dieser Futterbedarf stellt ein zweites

Problem dar, besonders Soja spielt dabei eine

wichtige Rolle. 70 bis 75 Prozent der weltweiten

Sojaernte landet in Futtertrögen, die Hälfte davon

stammt aus Südamerika.

Es könnten deutlich mehr Menschen ernährt

werden, wenn das Getreide nicht erst den Umweg

über die Fleischproduktion nehmen würde, aber

das Hauptproblem sind die Umweltschäden. Neben

langen Transportwegen ist besonders der Anbau

von Soja in riesigen Monokulturen, denen Regenwälder

und Grasland zum Opfer fallen, problematisch.

Diese Abholzung bedroht das Weltklima

und die Artenvielfalt.

Haben die Tiere das Futter verdaut, müssen sie

es auch wieder ausscheiden, was zum nächsten

Problem führt: Gülle. 300 Milliarden Liter – so viel

fällt in Deutschland jährlich an. Was in Maßen

ein guter Dünger ist, belastet die Böden und das

Grundwasser in Massen allerdings stark. Weil

Mastbetrieben häufig die Fläche für die Gülle

fehlt, sind viele Felder überdüngt und die Böden

können nicht alle Nährstoffe aufnehmen. In der

Folge steigt der Nitratgehalt des Grundwassers an.

Durch Überschreitung der Grenzwerte an vielen

Messstellen verstößt Deutschland seit Jahren gegen

EU-Vorgaben. Wasserversorger stellen zwar

sicher, dass Trinkwasser fast überall unbelastet

bleibt, doch dafür zahlen die Verbraucher: die

Grundwasserpreise steigen.

Günstige Preise gibt es nicht geschenkt. Ob

man Fleisch isst oder nicht, kann jeder selbst entscheiden.

Zu wissen, welche Auswirkungen die

Fleischproduktion hat, kann allerdings helfen, bewusster

zu konsumieren.

Mehr Infos unter:

www.bund.net/massentierhaltung

www.boell.de/fleischatlas

www.nabu.de

www.initiative-tierwohl.de


01/ 2021 SOLVED 27

„Für die Tiere da draußen

ist es nicht okay.“

Tanja Hauser ist Veganerin, Tierrechtsaktivistin und Foodbloggerin.

Sie teilt auf https://ihana.life/ nicht nur vegane Rezepte,

sie interviewt auch Personen mit einem besonderen Verhältnis

zu Tieren oder erklärt, wie Veganer proteinreich essen können.

VON ANNA-SOPHIE HARTAUER

Mediakompakt: Warum lebst Du

vegan?

Tanja: Ich möchte vor allem die

Tierindustrie nicht unterstützen,

die aus Tieren Dinge macht und

ihnen großes Leid antut. Es gibt aber keinen Unterschied

zwischen Nutztieren und Haustieren. Es

sind Tiere – wir haben sie zu Nutztieren gemacht.

Und: Fleischkonsum schadet der Umwelt. Auch

Zoonosen werden begünstigt. Beispiele sind die

Spanische Grippe, Ebola, Covid-19 – alles Krankheiten,

die vom Tier auf den Menschen übertragen

wurden. Fleischkonsum erhöht auch die Gefahr

von antibiotikaresistenten Erregern. 70 bis 80

Prozent der Antibiotika werden in der Tierhaltung

eingesetzt – die Weltgesundheitsorganisation

(WHO) warnt seit Jahren davor. Covid-19 hat aber

auch offenbart, wie schlimm die Zustände in den

Schlachthäusern sind. Jeder, der diese Produkte

kauft, bezahlt dafür. Zudem brauchen wir keine

tierischen Produkte, um gesund zu bleiben, man

kann sich rein pflanzlich ausgewogen ernähren.

mediakompakt: Fühlt sich für Dich vegane Ernährung

wie eine Einschränkung an?

Tanja: Gar nicht. Dieses Gefühl von Verzicht ist

nur dann da, wenn ich denke „Oh Gott, jetzt darf

ich das nicht mehr essen.“ Wenn ich aber die Tiere

in den Fokus stelle, dann verzichte ich gerne. Es

ist ein schönes Gefühl, an der Fleischtheke vorbeizugehen

und kein Geld da reinzustecken. Man

muss sich nur bewusst machen, was das für Produkte

sind: ein Steak ist Gewebe eines toten Tiers,

ein Ei die Periode eines Huhns und Milch ein Eutersekret.

Wir wurden darauf getrimmt, diese Produkte

als völlig normal anzusehen – da hat die Industrie

ganze Arbeit geleistet. Es gibt so viele

Pflanzen auf der Erde, aus denen man leckere Sachen

machen kann, die sind mir echt lieber.

mediakompakt: Was könnten „Baby steps“ sein für

Menschen, die immer noch eine zu hohe Hürde

darin sehen, auf tierische Produkte zu verzichten?

Tanja: Als erstes: offen sein! Es gibt mehr als das

Nackensteak im Sommer oder die Milch im Cappuccino.

Klar ist es bequemer, zu sagen: Es ist okay

wie es ist und ich lass es so. Für die Tiere da draußen

ist es aber nicht okay. Informiert euch. Es gibt

so viele Dokumentationen: „Dominion“ (auf

Youtube verfügbar) oder „Das System Milch“.

Hinterfragt das System an sich.

mediakompakt: Wie meinst Du das?

Tanja: Die Tierindustrie zeigt uns Kühe auf der

Weide, lächelnde Schweine, gesunde Hühner –

nie, wie es in einem Schlachthaus wirklich aussieht.

Wir sind als Verbraucher gefragt, etwas zu

ändern. Man kann als Einzelner etwas bewegen.

Die Regale sind voll mit veganen Produkten, weil

sich viele einzelne Menschen entschieden haben,

sich vegan zu ernähren. Wir müssen raus aus der

Komfortzone und sagen: „Ich kann was tun“.

Wenn mehr Menschen so denken, dann können

wir auch ganz viel erreichen.

mediakompakt: Gab es einen Auslöser, mit veganer

Ernährung zu starten?

Tanja: Das war ein Prozess. Ich bin seit 17 Jahren

Vegetarierin und habe mich irgendwann damit

beschäftigt und gemerkt, wie viel Leid hinter dem

Konsum von Milch und Eiern steckt. Dass da auch

Tiere für sterben, dass Kälber ihren Müttern entrissen

und Küken getötet werden. Mein Mann

und ich haben mit schlechtem Gewissen eingekauft

und so haben wir unseren Kühlschrank leer

gemacht. Das war vor sechs Jahren und seither

kam uns nichts Tierisches mehr ins Haus. Keiner

findet Massentierhaltung oder Tierquälerei cool,

aber wir unterstützen das, wenn wir Fleisch oder

Milch kaufen. Vegan zu leben bringt mich in Einklang

mit meinen moralischen Werten.

Bild: Tanja Hauser


28 SOLVED

mediakompakt

Bild: Bastian Fritz

„Die wollen doch nur Sex!“

Christopher Gottwald lebt polyamor. Wir haben mit ihm über Vorurteile, Ängste

und Selbstentfaltung gesprochen und dabei festgestellt, dass Polyamorie und

Monogamie eigentlich ziemlich gleich sind – nur eben ein bisschen anders.

VON CAROLINE ROHR

UND BASTIAN FRITZ

Die wollen doch nur Sex. Die haben

Angst, richtige Beziehungen einzugehen.

Vorurteile, die einem immer

wieder zu Ohren kommen, wenn es

um das Thema Polyamorie geht.

Doch das ist viel mehr, als ein Mann mit vielen

Frauen. „Wenn wir von Polyamorie als Beziehungsform

sprechen, geht es dabei um langfristige

Beziehungen“, sagt Christopher Gottwald.

Er weiß, wovon er spricht. Christopher Gottwald

ist Sexological Bodyworker und hält regelmäßig

Workshops zu den Themen Polyamorie,

Tantra und Sexualität. Seit 1989 lebt er in Mehrfachbeziehungen.

Der Begriff bezeic hnet einen

Menschen, der romantische Beziehungen zu

mehreren Partnern gleichzeitig unterhält. Dabei

wissen alle Beteiligten von allen anderen Beziehungen.

Was viele an dieser Beziehungsform abschreckt,

ist die Assoziation eines Harems oder der

Kommune 1, die es zur Zeit der Studentenbewegung

gab und bei der jeder wild mit jedem ins Bett

geht. Doch inwieweit ist Polyamorie der Wunsch

nach mehreren sexuellen Partnern?

Es gibt ganz verschiedene Gründe für einen

polyamoren Lebensstil, darunter sind bestimmt

auch Menschen, die die Vielfalt genießen. Vielleicht

besteht der Wunsch dazuzulernen, da der

Sex mit der einen Person den mit einer anderen

inspiriert. Christopher möchte in seiner Beziehung

frei sein, aber auch seinen Partnern Freiheit

schenken. „Ich will den anderen Menschen frei

lassen, so dass er sich entwickeln kann, wie er will

und möchte ihn dabei unterstützen.“

Sex ist mehr als Lust

Doch das Tabuthema mehrerer sexueller Partner

und die damit einhergehende Stigmatisierung

der Schande kennt auch Christopher: „Früher habe

ich meine eigene Lust auf andere Menschen

verurteilt, wenn ich bereits in einer Beziehung

war.“ Ein starkes Bedürfnis nach sexueller Erfüllung

gilt als unanständig, das ist tief in unserer


01/ 2021 SOLVED 29

Gesellschaft verankert. Jedoch ist das Thema Sex

mit viel mehr aufgeladen, als unserem Lustempfinden.

Es ist stark mit unserer Psyche verbunden

und ist nicht immer nur Zärtlichkeit und Ekstase,

sondern beinhaltet auch Empfindungen wie Unterdrückung,

Missbrauch oder Beschämung und

Grenzen. Berührungen, die uns unangenehm

oder sogar zu viel sind fallen uns oft schwer zu äußern.

Häufig sind diese negativen Eindrücke mit

einem Gefühl der Scham verbunden, die wir uns

nicht zu benennen trauen.

Zudem wird der sexuelle Trieb in jungen Jahren

bereits häufig mit Schuld aufgeladen. „Fass

dich da nicht an!“, heißt es manchmal zu Kindern.

Dabei ist Sexualität etwas, das sehr viel Lebendigkeit

und Freude birgt, jedoch muss man

sich mit dem ganzen Spektrum auseinandersetzen

und dazu gehört auch, zu verstehen, was man

möchte und was nicht.

Keineswegs beziehungsunfähig

Christopher bezeichnet sich zwar als körperlichen

Menschen, jedoch führt er nicht mit allen

Personen, denen er sich nahe fühlt, eine sexuelle

Beziehung. Von Liebe spricht er trotzdem. Für ihn

zählt: „Begegnen wir uns wirklich auf einer tiefen

Ebene, zeigen wir, was in uns los ist und können

wir eine Verbindung herstellen?“ Das Vorurteil,

polyamore Menschen seien beziehungsunfähig,

ist falsch, es entspricht also eher dem Gegenteil:

Vielleicht sind sich diese Menschen ihrer Sexualität

viel bewusster und können auch ihre Grenzen

besser benennen. Christopher ist der Ansicht,

dass man bestimmten Themen wie Liebe, Eifersucht

und Sex ausweicht. Das sei sowohl in einer

polyamoren, als auch in einer monogamen Beziehung

möglich. Auch wir gehen einander aus dem

Weg, was bestimmte Themen angeht. Über Eifersucht

zu reden ist verpönt, da in einer monogamen

Beziehung auch das Fremdgehen ein No-Go

ist. Doch vielleicht sollte man gerade darüber in

jeder Beziehung mehr reden. Über die hypothetischen

Fälle, über das Was-wäre-wenn? Was, wenn

der andere sich verliebt? Was, wenn ich mit jemand

anderem schlafe?

fragt er sich, was er selbst braucht. Ist es die Nähe

zu einer anderen Person oder der Wunsch, eine

mögliche Konstellation zu finden, wie die Beziehung

aufrechterhalten werden kann?

Die Angst aus früheren Tagen, aus der auch die

Eifersucht resultierte, hat er jetzt nicht mehr. Warum?

Weil er seine Ängste und Eifersucht so genau

beobachtet habe.

Transparenz. Ehrlichkeit. Treue.

In der Polyamorie sind Transparenz und Ehrlichkeit

der Treue vorangestellt. Und vielleicht

sollte es auch in der Monogamie ein bisschen

mehr so sein, zumindest was die Ehrlichkeit über

seine Bedürfnisse und Fantasien angeht. Dem

Partner zu erzählen, dass man jemanden attraktiv

findet, erzeugt Nähe und Verbundenheit, was in

der Beziehung zusammenschweißt. Diese Gefühle

zu benennen und auch benennen zu dürfen,

nimmt das Gefühl der Scham, sie nicht empfinden

zu dürfen.

In diesem Punkt bereichern sich verschiedene

Beziehungsmodelle gegenseitig. Ein tieferer Blick

in den Beziehungsstil anderer Menschen kann also

nie falsch sein, gerade in einer Zeit des Wandels,

wie wir sie erleben. Nicht nur, was das Ausleben

unserer Sexualität angeht, sondern auch, weil

Info

Bild: Robert-Enke Stiftung

Der Begriff „Polyamorie“ tauchte erstmals

1990 in dem Text „A Bouquet of Lovers“ auf.

Dabei wurde nicht nur der Begriff gefestigt,

sondern auch die drei Grundregeln dieser Beziehungsform:

Einvernehmlichkeit, Transparenz

und Verbindlichkeit. In Deutschland

wurde 2008 das Polyamore Netzwerk (PAN)

gegründet und hat derzeit circa 170 Mitglieder

aus Deutschland, Österreich und der

Schweiz (Stand 2016).

wir Sexismus in Beziehungen immer mehr in Frage

stellen. Früher ging der Mann arbeiten und die

Frau kümmerte sich um die Kinder, heute fragt

man sich: Was will ich eigentlich wirklich, was

willst du und wie können wir das vereinen?

Christopher sagt: „Es ist nicht mein Ziel, andere

nicht zu brauchen. Aber es ist mein Ziel, dass

ich in mir stabil bin.“ Schlussendlich ist keine Beziehungsform

die bessere, sondern die Frage, ob

man sich darin so frei entfalten und entwickeln

kann, wie es einem guttut. Denn jede Beziehung

ist auch eine Reise zu sich selbst.

Mit der Eifersucht auseinandersetzen

Die Angst, verlassen zu werden ist in jeder Beziehungsform

vertreten, doch bei der Polyamorie

kommt das Thema Eifersucht zwangsläufig irgendwann

auf den Tisch. Man muss lernen, sich

damit auseinanderzusetzen. Christopher war in

seiner Jugend sehr eifersüchtig, doch er hat sich

eingehend mit diesem Gefühl beschäftigt und gefragt,

was dahintersteckt. Wut: Dass jemand sich

etwas traut, was ich mich selbst nicht traue. Neid:

Weil jemand etwas hat, was ich nicht habe. „Es

hat was mit mir zu tun. Damit zu tun, dass ich

mich noch nicht vollständig selbst liebe. Ich denke,

das hat alles etwas mit Selbstliebe zu tun.“

Für ihn geht es in seinen Beziehungen weniger

um die Angst, ausgetauscht zu werden, als um die

Angst der Veränderung. Wenn man auf einmal

merkt: „Vielleicht sind wir uns jetzt nicht mehr so

nah.“ Diese Gefühle haben viel mit der Frage nach

den eigenen Ängsten zu tun. Vom Festhalten hält

Christopher jedoch nichts. Wenn es dazu kommt,

dass jemand seinen eigenen Weg gehen möchte,

Bild: Bastian Fritz


30 SOLVED

mediakompakt

Bild:Angie Berbuer

Schönheit kommt von innen

Liebe deinen Körper, fordert die Body-Positivity-Bewegung.

Was das konkret bedeutet, kann Angie Berbuer eindrücklich berichten.

Sie hat bei einem Unfall beide Beine verloren – und ist dennoch voller Lebensmut!

VON LISA KOPP


01/ 2021 SOLVED 31

Das Frauenbild in den Medien lässt einen

häufig mit dem Gefühl zurück:

Du bist fett, du bist hässlich, du bist

wertlos. Nur eine von drei Frauen in

Deutschland ist mit ihrem Aussehen

zufrieden, jede zweite will abnehmen – und dass,

obwohl wir in Zeiten von Female Empowerment

und Body Positivity leben. Zum Glück scheint

sich die allgemeine Herangehensweise an das

Thema Schönheit langsam zu ändern. Die Body

Positivity Bewegung steht hoch im Kurs und ihr

haben wir auch viel zu verdanken. Allerdings setzt

Body Positivity nicht an der Wurzel des Problems

an. Sie kritisiert zwar die enge Definition, welche

Körper als schön gelten. Die Überzeugung, dass

man sich schön fühlen muss, um glücklich zu sein

im Leben, wird nicht infrage gestellt. Und genau

da setzt Body Neutrality an.

Dabei geht es darum, die Bedeutung, die wir unserem

Aussehen geben, zu reduzieren. Schönheit

hat in der Gesellschaft einen viel zu hohen Stellenwert.

Anders als bei Body Positivity ist das Ziel

nicht, den eigenen Körper oder seine Pickel schön

zu finden. Das Ziel von Body Neutrality ist, das

Selbstwertgefühl deutlich weniger

an die äußere Erscheinung

zu binden. Dabei geht es

um die Akzeptanz seines Körpers.

Das bedeutet, die Realität

so anzunehmen, wie sie ist. Neben

Akzeptanz ist die Bewusstmachung

eine der wichtigsten

Aspekte. Das heißt, die Seele, die in einem Körper

steckt, als wertvoll anzuerkennen. Das Aussehen

ist nur ein kleiner und dazu noch ziemlich uninteressanter

Teil eines Menschen. Wir sind so viel

mehr. Unser Körper ist nur eine Hülle, denn wahre

Schönheit kommt tatsächlich von innen!

Im Interview mit Angie Berbuer

Es ist der 5. November 2019, der Angie Berbuers

Leben schlagartig verändert. Beim Absichern

einer Unfallstelle passiert das Unfassbare: Ein Rettungswagen

übersieht die Unfallstelle und fährt

ungebremst auf sie zu. Die 21-Jährige wird zwischen

den Autos eingequetscht und verliert beide

Beine. Mit der „mediakompakt“ hat sie über ihr

Erlebtes und ihre neugefundene Selbstliebe gesprochen

und mehr als deutlich gezeigt, dass sie

so schnell nicht ihre Lebensfreude verliert.

mediakompakt: Was waren Deine ersten Gedanken,

als Du feststellen musstest, dass Du beide Beine

verloren hast? Wie hast Du reagiert und wie hast

Du dich im ersten Moment gefühlt?

Angie: Meine Reaktion darauf war relativ gelassen

und positiv. Ich habe gefragt, ob ich noch Sport

machen und Kinder bekommen kann. Und als die

Antwort „Ja“ war, war das für mich kein Problem.

Es ist ein großer Verlust, aber solange es mich in

meiner Lebensqualität nicht so groß einschränkt,

ist ja alles okay. Keiner hätte gedacht, dass ich damit

so cool umgehe. Es war damals einfach eine

Entscheidung. Entweder ich entscheide mich für

diesen Weg und bin positiv, mache mein Leben

weiter. Oder ich gehe den negativen Weg und verliere

mich selbst.

mediakompakt: Wie hat sich Dein Leben und Deine

Einstellung zum Leben dadurch verändert?

Angie:„Everything happens for a reason“ ist meine

Lebenseinstellung. Alles passiert aus einem

Grund, und wenn dir Scheiße passiert, kannst du

immer noch was Gutes daraus machen. Man kann

definitiv sagen, dass sich durch den Unfall mein

ganzes Leben verändert hat. Doch keinesfalls im

negativen Sinne. Ich habe gelernt, was es heißt,

bedingungslos zu lieben und mich selbst wertzuschätzen.

Mein neues Leben fühlt sich nach Leben

an. Ich habe noch nie so viel Liebe in meinem

Körper gespürt wie heute.

Meine Prothesen bringen

mir noch ein Stück mehr

Freiheit zurück!

mediakompakt: Wie hast Du es geschafft, nach so einem

Schicksalsschlag nicht in ein Loch zu fallen?

Angie: Meine beste Therapie ist Social Media.

Bereits kurz nach dem Unfall entschied ich mich,

als @angieberbuer mit meiner Geschichte an die

Öffentlichkeit zu gehen. Ich wollte anderen Menschen

Hoffnung machen und ihnen zeigen, dass

man nach so einem Schicksalsschlag nicht aufgeben

sollte. Niemals hätte ich damit gerechnet,

dass ich mit meiner Geschichte einmal mehr als

80.000 Follower auf Instagram und auf TikTok sogar

mehr als

130.000 erreichen

würde. Ich

finde es unglaublich!

Aber noch

viel krasser finde

ich, dass ich

nicht allein bin.

Die Interaktion mit den Menschen ist für mich die

beste Therapie. Es ist unbeschreiblich toll zu spüren,

dass ich damit andere Menschen motivieren

kann.

mediakompakt: Was war Dein positivstes Erlebnis

seit dem Unfall, an das Du dich erinnerst?

Angie: Nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen

wurde, bin ich erst mal zu meiner Mama gezogen.

Ich habe mich eher gefühlt wie eine Last und

das war kein schönes Gefühl. Aus diesem Grund

habe ich mich entschieden, auszuziehen. Das war

die beste Entscheidung meines Lebens.

mediakompakt: Wie und vor allem wann hast Du

Deine körperliche Veränderung wahrgenommen

und akzeptiert? Wie hast Du dich dabei gefühlt?

Angie: Gut drei Monate nach dem Unfall bin ich in

der harten Realität angekommen. Am Anfang war

es sehr schwer, mich anzuschauen. Ich musste

dann doch lernen, es so zu akzeptieren wie es ist.

Ich dachte nach dem Unfall, so ohne Beine, dass

man mich nicht mehr schön findet, weil ich dem

Idealbild nicht mehr entspreche.

mediakompakt: Wie hast Du es geschafft, Deinen

Körper wieder zu lieben und lieben zu lernen? Haben

Deine Prothesen dazu beigetragen?

Angie: Ich finde das enorm wichtig, dass wir uns

immer noch hübsch fühlen. Und dass wir den

Menschen zeigen, stolz zu sein, diese Prothesen

tragen zu dürfen. Auch wenn wir vielleicht aus einem

gewissen gesellschaftlichen „Idealbild“ fallen,

sind wir immer noch wir und auf eine gewisse

Weise eben besonders.

mediakompakt: Wie nimmst Du die Reaktionen der

Leute wahr, wenn sie realisieren, dass dir beide

Beine fehlen? Wie fühlst Du dich dabei?

Angie: Manchen siehst du es schon von weitem direkt

an. Sie sind völlig erschüttert und können

mich nicht mal richtig anschauen. Ja, das hat

mich auch echt verletzt am Anfang.

mediakompakt: Bist Du schon mal Opfer von Body-

Shaming geworden, sowohl im Alltag als auch auf

Social Media? Wie bist Du damit umgegangen?

Angie: Generell ist es so, vor allem auf Social

Media, dass andere immer glauben zu wissen, was

das Beste für einen ist. Auch blöde Kommentar

können sich die ein oder anderen nicht verkneifen.

Aussagen wie: „Hast du zugenommen?“,

„Deine Arme sind zu kräftig“, „Deine Augenbrauen

sind zu dick“, „Lern erst mal dich zu schminken“

oder „Die Prothesen sehen unvorteilhaft

aus, das würde ich nicht tragen. Da quillt ja alles

raus.“ Das sind nur ein paar Beispiele von unerwünschter

„Kritik“, die ich in den letzten Wochen

unter meinen Bildern auf Instagram lesen durfte.

Wie soll es einem bei solchen Kommentaren

schon gehen? Es ist zutiefst verletzend. Hin und

wieder fängt man dann doch wieder an, an sich

selbst zu zweifeln. Doch dann bin ich wieder

dankbar. Dankbar dafür, dass ich überlebt habe

und mein Leben weiterleben darf. Die Prothesen

sind für mich keine Einschränkung, sie sind neugewonnene

Freiheit!

mediakompakt: Wie stehst Du zu den sehr aktuellen

Themen Body positivity und Body neutrality?

Angie: Ich sage immer „Das was du bist, das

strahlst du aus und das ziehst du auch an“. Das

heißt, wenn du mit dir unzufrieden bist und immer

an dir rum meckerst, ziehst du Menschen an,

die ständig negative Aussagen tätigen. Du musst

dich auf dich selber verlassen können, du musst

dich selber akzeptieren und respektieren. Nur

wenn du mit dir selber zufrieden bist und sagen

kannst „ich bin gut so wie ich bin“, dann können

andere das genauso sehen!

mediakompakt: Wie wichtig sind Dir die Themen?

Angie: Für mich hat sich besonders das Wort

Selbstliebe verändert. Es geht nicht mehr darum,

die Beste oder Schönste zu sein. Sondern morgens

aufzustehen und dankbar dafür zu sein, dass man

lebt. Es geht darum, anderen Liebe zu schenken,

ohne etwas von ihnen zurückzuerwarten. Geben,

ohne zu nehmen.

mediakompakt: Was würdest Du jungen Frauen mit

auf den Weg geben, wenn sie an sich zweifeln?

Welche Worte hätten Dir in solche Momenten geholfen

wieder an dich zu glauben und nach vorne

schauen zu können?

Angie: Hört nicht auf zu lächeln, genießt das Leben

und schätzt das Leben! Ihr seid gut so wie ihr

seid und müsst nicht perfekt sein. Egal wer was zu

meckern hat. Egal wer besser weiß, was gut für

euch ist und was nicht. Nehmt euch mal nen Augenblick

und überlege was ihr wollt. Vergesst wie

andere euch gern hätten und macht mal nur das

was euch guttut. Ihr werdet merken, das Glück

kommt von ganz allein!


32 SOLVED

mediakompakt

Fashion for Future

Bild: Unsplash

Der Kleiderschrank platzt aus

allen Nähten. Neue Trends

und günstige Preise verleiten

dazu, ihn immer weiter zu füllen.

Doch wie gelingt der Absprung

vom endlosen Konsum

minderwertiger Kleidung hin zu

nachhaltigen Alternativen?

VON CHRISTIN FALKENBERG

UND LENA SCHNEIDER

Wir leben in einer Konsumgesellschaft,

die uns ständig zum Kaufen

drängt. Wir wollen immer

mehr. Immer billiger. Durchschnittlich

werden in Deutschland

60 neue Kleidungsstücke pro Jahr gekauft.

Davon werden rund 40 Prozent nur selten oder

kaum getragen, ergab eine Umfrage von Greenpeace

im Jahr 2015. In der Haute Couture erscheinen

innerhalb eines Jahres lediglich zwei Kollektionen.

Dagegen heizen Billig-Labels wie Primark

mit nahezu monatlich erscheinenden Kollektionen

den Konsum immer weiter an.

Ihre Zielgruppe sind vor allem junge Menschen

und Frauen, die anfällig für Trends sind. Eine

beschleunigte Produktion ermöglicht diesen

schnellen Wechsel. Laut Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

KPMG dauert es heutzutage nur noch

zwischen 12 bis 15 Tagen, bis ein Produkt in den

Handel gelangt. Im Gegensatz dazu brauchte es

früher zwei bis drei Monate. Die Massenproduktion

hat sowohl ökologische als auch ökonomische

Auswirkungen, die fatale Folgen mit sich bringen.

Sei es die Ausbeutung der Arbeitskräfte in ausländischen

Produktionsstätten oder die Grundwasserverunreinigung

durch Mikroplastik oder Chemikalien.

Und was passiert eigentlich mit den

Kleidungsstücken, die wir nicht mehr anziehen

und aussortieren?

Blick in die Kleiderstube des DRK

Birgit Kralisch ist Leiterin der Kleiderstube in

Schorndorf im Rems-Murr-Kreis. Betrieben wird

die Einrichtung von ehrenamtlichen Helfern vom

Ortsverein des Deutschen Roten Kreuzes (DRK).

Dort werden Menschen mit geringem Einkommen

durch gut erhaltene Kleidung unterstützt.

Über einen Hausschacht an der Wand können

Bürger*innen Kleiderspenden abgeben. Von Altkleidercontainern

erhält die Kleiderstube keine

Spenden, worüber Kralisch auch froh ist, denn

„dort ist nur Schrott drin“. Die Qualität der Ware

habe sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich

verschlechtert und besteht hauptsächlich aus

Mischgewebe, das nicht wiederverwertet werden

kann.


01/ 2021 SOLVED 33

Pro Kopf wirft jeder Deutsche jährlich etwa 4,7

Kilogramm Kleidung weg, nur 500 Gramm davon

werden recycelt. Doch nicht nur das, viele missbrauchen

die Altkleidersammlungen und entsorgen

dort ihren Restmüll. „Die Zeiten, in denen die

Leute etwas in den Altkleider-Container schmeißen,

um etwas Gutes zu tun, sind schon lange vorbei“,

erklärt Birgit Kralisch betrübt.

Nur gewaschene Altkleider abgeben

Durch die Corona-Pandemie habe das Problem

zugenommen. Die Menschen sind vermehrt

zu Hause, viele arbeiten im Home-Office und misten

aus. Von dreckigen Unterhosen bis Toilettenpapier

habe sie schon alles unter den Spenden gefunden.

Jeden Monat muss die Kleiderstube die

Entsorgungskosten für einen bis oben hin gefüllten

Restmüllcontainer tragen. Daher ihr Appell:

„Diejenigen, die wirklich etwas spenden wollen,

sollen nur Sachen abgeben, die sie auch selbst

noch tragen würden. Und diese bitte auch gewaschen.

Es tut in der Seele weh, wenn man Sachen

gespendet bekommt, die schön, aber dreckig

sind.“ Mittlerweile erhält die Kleiderstube fast 70

Prozent Neuware von Sponsoren aus der Modeindustrie,

weil die Spenden größtenteils unzumutbar

geworden seien.

Die Kehrseiten der Fast Fashion sind für viele

Menschen keine Neuheit. Trotzdem fällt ihnen

der Umstieg auf einen nachhaltigeren Modekonsum

nicht leicht. Das Image und die vermeintlich

höheren Preise sind nur zwei Aspekte, die die Verbraucher*innen

abschrecken. Rund 59 Prozent

der Deutschen sehen laut einer Studie von Statista

aus dem Jahr 2019 ein weiteres Hindernis im fehlenden

Angebot. Hinzu kommt, dass viele Konsumierende

nicht wissen, was sich tatsächlich alles

hinter dem Begriff „Slow Fashion” verbirgt.

Grundsatz: Klasse statt Masse

Slow Fashion berücksichtigt nicht nur Konsumierende

und Produzierende, sondern auch die

Umwelt und die Innovation von nachhaltigen Fasern

und Produktionstechniken. Der Grundsatz

lautet: Klasse statt Masse. Kleidungsstücke sind

hochwertig verarbeitet, lange haltbar und bestehen

aus nachwachsenden Ressourcen. Die Produktion

ist oftmals regional. Angestellte werden

fair vergütet und arbeiten unter menschenwürdigen

Arbeitsbedingungen. Darüber hinaus zählt

auch das Kaufen von Second-Hand-Kleidung und

das Tauschen und Leihen unter Freund*innen

und Familien dazu.

Die Bandbreite der Slow Fashion ist groß. Dass

sich Fast Fashion Konsumierende wie Lisa Bezdiczka

oftmals überfordert fühlen, ist daher nachvollziehbar.

„Es ist gar nicht so einfach zu beurteilen,

was genau „fair” oder „nachhaltig“ ist.”, bemängelt

Bezdiczka und äußert den Wunsch nach

einer Orientierungshilfe. Folgende Kriterien können

als Anhaltspunkt dienen: Grundsätzlich sollten

entlang der durchgehend transparenten Produktionskette

gute Arbeitsbedingungen herrschen.

Außerdem sollte die Produktpalette des Labels

ausschließlich aus Slow-Fashion Artikeln bestehen.

Aussagekräftig sind zudem zertifizierte

Siegel. Allen voran das GOTS, BEST-Siegel, Blue

Sign oder FWF Siegel.

ALTERNATIVEN ZUR

FAST FASHION

Second Hand Stores in Stuttgart

Vintage Markt, Second Dreams, Oxfam

Nachhaltige Fashion Labels aus Stuttgart

[eyd], Greenality, Wiederbelebt

Nachhaltige Fashion Labels allgemein

Armed Angels, Patagonia, ehrlich Textil

Online Shops Trading Plattformen

Vinted, eBay, Mädchenflohmarkt

Wichtige Fragen beantworten

Den Aufwand, den Lisa Bezdiczka mit der Recherche

über Slow Fashion habe, schreckt sie jedoch

ab. Dass man aber bereits mit kleinen Taten

viel bewirken kann, erklärt Domenico Miceli.

Seit zwei Jahren konsumiert der Berufseinsteiger

hauptsächlich Slow Fashion Produkte. Vom simplen

Prinzip Reduce, Reuse, Recycle macht er vor

allem von Ersterem Gebrauch. Reduce steht für

den bewussten und reduzierten Konsum.

Bevor Miceli neue Kleidung kauft, stellt er sich

selbst eine Auswahl an Fragen:

• Brauche ich dieses Kleidungsstück wirklich?

• Lässt sich das Kleidungsstück mit meinen anderen

Klamotten kombinieren?

• Muss ich dem neusten Trend folgen oder kann

ich stattdessen ein zeitloses Kleidungsstück

kaufen?

• Wie viel ist mir das Kleidungsstück wert (soziale

und ökologische Aspekte)?

• Kann ich das Produkt auch aus zweiter Hand

oder in einer nachhaltigen Version kaufen?

Reuse bedeutet alte Kleidung wiederzuverwenden

bevor sie im Mülleimer oder Altkleidersack

landet. Das T-Shirt mit Fleck eignet sich hervorragend

als neuer Putzlappen. Und die Jeanshose mit

Loch behält ihren Platz im Kleiderschrank als

Shorts für den nächsten Sommer. Recycling

zeichnet sich neben der Entsorgung in Altkleidercontainern

auch durch das Tauschen oder Leihen

und dem Verkauf auf Second-Hand-Plattformen

oder Flohmärkten aus.

Den Konsum von Fast Fashion auf Slow Fashion

umzustellen, ist schon mit wenig Aufwand

möglich. Die Wege sind dabei nahezu grenzenlos.

Es geht nicht darum, von heute auf morgen

perfekt zu handeln, sondern sich ein Bewusstsein

über den Konsum zu schaffen. Im Endeffekt

zählt jeder Kassenbon, denn jeder Kauf eines

nachhaltigen Kleidungsstücks ist ein Stimmzettel.

Ein Stimmzettel, der die Unternehmen zwingt zu

handeln – und Organisationen wie die Kleiderstube

des DRK künftig entlasten.

Bild: Unsplash


34 SOLVED

mediakompakt

Eine

männliche

Krankheit

Was bedeutet es, ein Mann zu

sein? Und seit wann ist Männlichkeit

toxisch? Nicht erst seit

der Debatte um #metoo erhält

das klassische Bild des starken

Geschlechts Risse.

VON VANESSA DÖRR

Bild: Unsplash

Trotz des Umbruches in unserer Gesellschaft,

was die traditionellen Rollen

von Mann und Frau betrifft, bleiben so

manche Vorstellungen, wie ein „echter

Mann“ zu sein hat, in den Köpfen der

Menschen haften. Der echte Mann ist wortkarg,

Ernährer der Familie und heizt im Sommer ordentlich

den Grill an. Er liebt Fußball, lacht mit

seinen Kumpels bei einem Bier über sexistische

Witze, Emotionen sind für ihn ein Fremdwort.

Klingt überspitzt? Ja, aber noch heute gelten solche

Ansprüche an Jungen und Männer.

Toxische Männlichkeit finden wir nicht nur

im Alltag: Sie begegnet uns in Medien, im Beruf

und in der Politik. Schon als Kinder werden wir

dazu erzogen, Männer als erfolgreiche Alpha-Tiere

zu sehen. Männlich sein, heißt mutig und vor

allem stark zu sein. Für Anzeichen von Schwäche

oder Emotionen ist kaum Platz. Ausgenommen

der Wut, nimmt jedes andere Gefühl, wie Verletzlichkeit

oder Traurigkeit, dem Mann die

Glaubwürdigkeit. Deshalb muss Männlichkeit

oft unter Beweis gestellt werden. Zur Not mit Gewalt

als adäquatem Mittel. Es ist ein sich ständig

wiederholendes Kräftemessen – beruflich und

privat.

Doch warum ist diese Auffassung von Männlichkeit

so gefährlich? Die American Psychological

Association (APA) erklärte in den 2019 veröffentlichen

Richtlinien für Psycholog:innen zum

Umgang mit Jungen und Männern, dass die traditionelle

Männlichkeit, mit der schon die Jüngsten

aufwachsen, psychisch schädlich sei. Mit Aussagen

wie „Männer weinen nicht“ oder „Sei doch

keine Pussy!“ wird früh in den Charakter von Kindern

eingegriffen. Dadurch wird ihnen vorgeschrieben,

wie sie am besten zu sein, beziehungsweise

nicht zu sein haben.

Ein Leistungsdruck, der zu Homophobie,

Mobbing und Aggressionen führen kann. Männer

sind bei Gewaltdelikten jedoch nicht nur die

wahrscheinlicheren Täter, sondern auch die verschwiegeneren

Opfer. Schwäche zeigen, passt

eben nicht in das Bild des starken Mannes. Und

das ist in konkreten Zahlen messbar: Die Suizidrate

bei Männern ist in Deutschland dreimal so

hoch wie bei Frauen, sie gehen seltener und erst

bei fortgeschrittenen Symptomen zum Arzt und

sind häufiger in gefährlichere Unfälle verwickelt.

Toxische Männlichkeit schadet jedoch nicht

nur Männern, auch Frauen leiden täglich unter

männlicher Gewalt. Jeden zweiten bis dritten Tag

wird in Deutschland eine Frau durch ihren (ehemaligen)

Partner getötet. Deutschlandweit hatten

2018 rund 114.000 Frauen Gewalt in der Partnerschaft

zur Anzeige gebracht. Bei Männern waren

es hingegen 26.000.

Natürlich sind nicht alle Männer toxisch.

Aber solche Ansichten sind in vielen Denkmustern

verhaftet. Der plakative Hashtag #NotAllMen

in sozialen Medien erscheint zuerst wie ein Beschwichtigungsversuch.

Doch das ist er nicht,

denn er erfasst das Problem nicht. Es stimmt,

nicht alle Männer üben zwangsläufig Gewalt gegen

sich und andere aus. Aber ein beachtlicher

Teil tut es, wie aus diesen Zahlen ersichtlich ist.

Die extremsten Auswüchse von toxischer

Männlichkeit finden sich im Internet. Sogenannte

„Incels”, die Kurzform von „involuntary celibate”,

also „unfreiwillig enthaltsam“, schließen sich

in Foren zusammen und tauschen sich über ihre

sexuelle Frustration aus. Schuld daran sind aus

ihrer Sicht Frauen, die ihnen ihren Körper und

somit ihr Recht auf Sex verwehren, und der Feminismus

als solcher. Als besonders gefährlich ist

diese Bewegung deshalb einzustufen, da sie tatsächlich

schon Menschenleben gefordert hat. Beispielsweise

ließ der antisemitische Attentäter von

Halle ein frauenfeindliches, szenebekanntes Lied

während des gestreamten Anschlags am 9. Oktober

2019 laufen.

Offenkundig haben wir haben ein Problem.

Es zieht sich durch unsere gesamte Gesellschaft

und endet nicht selten in Gewaltexzessen. Kein

Mann sollte heutzutage mehr dazu gezwungen

sein, bestimmte Eigenschaften erfüllen zu müssen.

Männer dürfen sein, wie sie sind. Emotional,

verletzlich, wütend. Kindergärtner und Investmentbanker.

Gefühle verschwinden nicht, wenn

man sie unterdrückt. Es liegt nun an uns allen,

toxische Männlichkeit als Problem zu erkennen

und sexistische Strukturen in unserer Gesellschaft

aufzulösen.


01/ 2021 SOLVED 35

„Emotionale Männer

sind Waschlappen!“

Der Umgang mit toxischer

Männlichkeit in unserer Gesellschaft

ist unterschiedlich.

Die einen distanzieren sich aktiv,

die anderen ignorieren sie

vollkommen. Drei Männer und

eine Frau zeigen ihre Sichtweise

und präsentieren individuelle

Lösungsvorschläge.

VON KATHRIN WEBERNDÖRFER

Um der Ursache der toxischen Männlichkeit

auf den Grund zu gehen

und Lösungsansätze zu finden, haben

wir mehrere Menschen gebeten

sich zu diesem Thema zu äußern.

Dabei wurde es aus verschiedenen Blickwinkeln

betrachtet, doch ein Punkt blieb immer gleich:

Toxische Männlichkeit betrifft jeden, egal ob

Mann oder Frau.

„Emotionale Männer sind Waschlappen”,

sagt Alexander (22) und spricht den Druck, dem

Männer ausgesetzt sind, konkret an. Bei Männern

wird nicht davon ausgegangen, dass sie Hilfe

brauchen. Man(n) muss alles selbstständig lösen –

und dabei stets der Beste sein. Er sieht den Grundstein

für das Problem in der Erziehung. Schon

früh wurde dem kleinen Jungen erklärt, dass er

mit Baggern zu spielen hat, nicht mit Barbies. Babys

werden sogar in „männlichen“ Farben gekleidet.

So ein rosa Strampler könnte ja dem Ego schaden.

Vor allem dem des Vaters. Mit der traditionellen

Erziehung werden Normen und feste Geschlechterrollen

in unserem Denken etabliert.

Später daraus auszubrechen, ist schwer und verlangt

eine Menge Selbstkritik. Ein Schritt wäre,

traditionelle Sichtweisen nicht blind auf die Erziehung

der eigenen Kinder zu übertragen, sondern

einen modernen Weg zu wählen und damit den

Männern den Weg frei zu machen, Gefühle zeigen

zu dürfen.

Philipp (26) ist homosexuell. Als queere Person

spricht er von ähnlichen Erfahrungen: „Ich

habe immer lieber getanzt und gesungen als Fußball

gespielt, was mir nur blöde Sprüche eingebracht

hat.“ Er zeichnet ein Bild von unterdrückten

Gefühlen und Zurückhaltung. Öffentliche

Liebesbekundungen mit seinem Partner seien bis

heute ein Problem für die beiden. Das Risiko, öffentlich

homophoben Kommentaren ausgesetzt

zu sein, ist einfach zu groß. Deswegen wäre ihm

eine gesellschaftliche Aufklärung wichtig. Damit

der Umgang mit Männern, die ihre Gefühle und

Verletzlichkeit zeigen, normalisiert wird.

Nur indirekt betroffen ist die Studentin Katharina

(21), trotzdem ist sie sich den Auswirkungen

bewusst. „Gerade, weil wir diese Art der Männlichkeit

für normal halten, ist es so schwer sich

von der Vorstellung zu lösen.“ Deswegen wäre es

ihrer Meinung nach wichtig, schon in den Schulen

und im Elternhaus über die toxische Art der

Männlichkeit zu reden und mit den Kindern alternatives

Verhalten durchzuspielen.

Die frühkindliche Aufklärung der Gesellschaft

macht den Unterschied. Lehrer:innen, Erzieher:innen

und nicht zuletzt Eltern sollten schon

mit den Kindern üben, sich von klischeebelastetem

Denken zu lösen und einen kritischen Blickwinkel

auf Rollenbilder zu erhalten. So kann die

weitere Entwicklung der Kinder nachhaltig beeinflusst

werden. Gerade in der Pubertät, in der sich

die Persönlichkeiten ausprägen, kann ein klischeebefreites

Denken einen großen Unterschied

machen.

Einen Schritt weiter will Christian (24) gehen.

Er votiert für eine geschlechtsneutrale Erziehung,

die Mann-Frau-Klischees ganz auflösen soll. Den

Kindern wird nicht beigebracht, was als typisch für

ihr biologisches Geschlecht gilt, sondern die Geschlechter

werden gleichberechtigt und ebenbürtig

erzogen. Jedes Kind entscheidet frei, ob es lieber

mit Puppen oder Bauklötzen spielen will. So sollen

Phänomene wie toxische Männlichkeit direkt aus

der Denkweise der Menschen gestrichen werden.

In der deutschen Bildungspolitik fehlen solche

Maßnahmen noch. Aber in Island werden geschlechtsneutral

ausgerichtete Kindergärten immer

beliebter. Die Kinder können sich frei als Individuum

entwickeln, heißt es in einem Beitrag

aus der „Süddeutschen Zeitung“.

Die Akzeptanz in der deutschen Gesellschaft

dafür steht aus. Das Bild der toxischen Männlichkeit

scheint für viele unausweichlich mit dem eigenen

Weltbild verknüpft zu sein. Auch wenn es

vielen gar nicht bewusst ist, da die klassischen

Rollenbilder als „normal“ gelten. Nötig wäre ein

fundamentaler Richtungswechsel des Denkens.

Aber so etwas braucht Zeit, Geduld und vor allem

den nötigen Antrieb.

Bild: Unsplash


36 SOLVED

mediakompakt

Bild: C.Traulsen

Der Charme

des Analogen

Der technische Fortschritt

boomt. Doch in einer vernetzten

Welt gibt es eine

Bewegung, die ihren Fokus

ganz bewusst auf die Beständigkeit

des herkömmlichen

Lebens legt. Ein Vergleich

zweier Parteien.

VON CHRISTIAN TRAULSEN

UND JENNIFER WISSMANN

Morgens vibriert das Smartphone

und spielt den eigenen Lieblingssong.

Im 21. Jahrhundert klingt

dies nach absoluter Normalität.

Mit dem ersten Blick auf unseren

Alltagsbegleiter wissen wir sofort, wie das Wetter

wird oder erfahren die aktuellen Nachrichten von

Freunden und aus der ganzen Welt. Eine Studie

aus dem Jahr 2018 belegt, dass zwei Drittel aller

Befragten innerhalb der ersten und letzten 15 Minuten

nach dem Aufstehen und vor dem Schlafengehen

aufs Handy schauen. Besonders die Generation

Z hat damit kein Problem, denn sie ist

mit dem digitalen Zeitalter aufgewachsen. Das Internet

ermöglicht eine dauerhafte Vernetzung,

doch durch die Masse an Informationen und deren

Schnelllebigkeit wird das Gehirn dauerhaft

mit Reizen überflutet.

Aktiv gegen den Wandel

Daher beginnt der Start in den Tag nicht bei jedem

mit der digitalen Welt. „Wenn ich mich

nicht gleich fertigmachen muss, gehe ich in die

Küche, mache mir etwas zu essen und lese nebenher

die Fellbacher Zeitung”, sagt Oliver Pfander,

Student an der Hochschule der Medien. Obwohl

sich die Digitalisierung immer stärker ausweitet,

gibt es eine Gegenbewegung, die sich aktiv gegen

diesen Wandel ausspricht, die sogenannten Offliner.

Dabei wollen sie nicht das Internet generell

ablehnen. Sie wehren sich gegen die Undurchsichtigkeit

und den selbstverständlichen Umgang

mit Daten und deren Verarbeitung. „Für die Offliner

ist nicht die digitale Zukunft störend, sondern

die Art und Weise, wie uns die Herrscher des digitalen

Raums in eine hyperdigitale Zukunft führen“,

sagt der Autor Joël Luc Cachelin. „Die Bewe-


01/ 2021 SOLVED 37

gung richtet sich weniger gegen die Digitalisierung

an und für sich, als vielmehr gegen deren

technische, soziale, ökonomische und ökologische

Nebenwirkungen.”

Kritiker und Romantiker

Dabei kann es ganz unterschiedliche Gründe

geben, sich gegen die Digitalisierung zu verschreiben.

Während die Kapitalismuskritiker die Digitalisierung

als Bedrohung für das herkömmliche

Konsumverhalten sehen, kritisieren Datenschützer

den leichtsinnigen Umgang mit Daten und

den damit immer weiterwachsenden digitalen

Fußabdruck. Mehr auf der emotionalen Ebene

sind die Romantiker unterwegs, die den Zeiten

nachtrauern, als noch nicht jede zwischenmenschliche

Interaktion digital beeinflusst wurde.

Hinzu kommen die Nachhaltigen, die befürchten,

mit dem stetig wachsenden Energiebedarf

und gleichzeitig immensen Mengen an Elektroschrott

werde die Lebensgrundlage für künftige

Generationen zerstört. Folgt man den Aussagen

des Autors Joël Luc Cachelin, lassen sich Offliner

in insgesamt 16 differenzierte Kategorien einteilen,

wobei eine Person mehrere Interessen vertreten

kann.

Sachen in die Hand nehmen

Während nun die Onliner den Großteil ihres

Alltags mit der digitalen Welt vereinfachen und

sich nicht einmal für neue Kleidung aus dem Haus

bewegen müssen, wissen Offliner den Wert des

Einzelhandels weiterhin zu schätzen. Ein Internetzugang

verleitet nun mal automatisch dazu,

die bequemen Vorzüge auszunutzen und online

zu bestellen. „Ich finde es schöner, Sachen noch

in die Hand zu nehmen und im Laden zu kaufen.

Vor allem, weil ich damit Amazon nicht unterstütze“,

erläutert Oliver Pfander weiter. Für ihn ist

es wichtig, ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen

digitaler und realer Welt einzuhalten und

sich dabei bewusst Zeit für die wichtigen Dinge

abseits des Bildschirms zu nehmen.

Doch bereits die Arbeitswelt macht es vielerorts

unmöglich, gänzlich die digitale Vernetzung

zu ignorieren. In vielen Unternehmen findet bereits

die Datenarchivierung und der Austausch derer

über zentrale Server statt. Auch die Kommunikation

wird immer weiter auf die digitale Ebene

verlegt. Erst dadurch ist eine Globalisierung, wie

wir sie heute kennen und vorfinden, möglich. Eine

Bewegung, wie sie seit Jahren auch in der privaten

Kommunikation stattfindet.

„Ich finde es

schöner, Sachen

noch in die

Hand zu nehmen

und im Laden zu

kaufen.“

Mit der zunehmenden Reizauslastung sinkt

gleichzeitig die Aufmerksamkeitsspanne. Aufgrund

der Vielfalt an Unterhaltungsmedien können

wir selbst bestimmen, was wir wann, wo und

wie lange schauen wollen. Diese Flexibilität

macht uns nicht länger von festen Sendeprogrammen

oder bestimmten Ausstrahlzeiten abhängig.

Je jünger die Generation, umso wichtiger wird

dieser Aspekt. Daher sind auch Plattformen wie

YouTube oder Streamingdienste wie Twitch, Netflix

und Co. so erfolgreich. Grund genug, warum

die regulären TV-Sender versuchen, mit ihren Online-Mediatheken

nachzuziehen, um die ursprüngliche

Relevanz nicht zu verlieren. Ihr größtes

Problem ist, dass das lineare Fernsehprogramm

nur noch bei der Altersgruppe der über Fünfzigjährigen

Zuwachs findet.

Nicht nur auf ein Medium fokussiert

Die Nutzung der Massenmedien geht sogar so

weit, dass die Konsumierung eines Mediums alleine

nicht mehr für eine ausreichende Befriedigung

sorgt. Der laufende Film wird zum Passivmedium,

während man am Smartphone die neuste Onlinebestellung

aufgibt oder sich mit der endlosen Bilderflut

auf Instagram die Zeit vertreibt. Menschen

in der modernen Welt haben einfach nicht mehr

die Zeit sich auf ein Medium alleine zu fokussieren,

weswegen diese häufig parallel zueinander

konsumiert werden.

Dieses Nutzungsverhalten macht es auch für

Medienunternehmen unumgänglich, ihre Informationen

für verschiedene Kanäle gleichzeitig

aufzubereiten. Nur so kann die größtmögliche

Zielgruppe, von Jugendlichen bis hin zu Personen

im Rentenalter, erreicht werden. Wissenschaftler

der Universität Stanford haben allerdings bewiesen,

dass sich intensives Medien-Multitasking negativ

auf das Gedächtnis auswirkt.

Am Ende ist es jedem selbst überlassen, in welche

Welten man seine Zeit investiert. Fakt ist jedoch:

Im Zeitalter der Digitalisierung behalten die

analogen Medien ihren ganz eigenen Charme

und sind noch lange nicht wegzudenken.

Erste Anlaufstelle für Unterhaltung

Angefangen in den späten 90ern machen Messenger

und Chatportale den Austausch von persönlichen

Nachrichten zunehmend einfacher.

Laut einer Statistik erreichte WhatsApp Anfang

2020 als erster Nachrichtendienst mehr als zwei

Milliarden monatliche Nutzer weltweit. Alleine in

Deutschland nutzen rund 95 Prozent der Befragten

den Dienst regelmäßig. Hinzu kommen die

Social-Media-Kanäle, welche nicht auf den ausschließlichen

Nachrichtenaustausch ausgelegt

sind. Längst sind Facebook, Instagram und Tik-

Tok die erste Anlaufstelle für persönliche Unterhaltungszwecke.

Bild: Pixabay


38 SOLVED

mediakompakt

Bild: Unsplash


01/ 2021 SOLVED 39

Einsam im Zeitalter

der Vernetzung

Alte Schulfreunde findet man

plötzlich bei Facebook wieder,

die große Liebe womöglich

über Tinder. Noch nie waren

die Menschen so vernetzt wie

heute. Trotzdem fühlen sich

Millionen Deutsche einsam.

Eine Spurensuche.

VON SANDRA KUTSCHER

UND GRETA KUCH

Jana Zeh, 19 Jahre alt, kennt das Gefühl

von Einsamkeit. Aus der Not heraus, entwickelte

sie die Idee eine alternative

Selbsthilfegruppe für diejenigen zu gründen,

denen es genauso geht. Im Gespräch

berichtet Jana, sie hätte ihren ersten Aufruf anonym

über Facebook gestartet. Das Besondere an

den Zusammentreffen sei, dass alle Krankheitsbilder

und Altersgruppen vertreten sind: von Menschen

mit Lebenskrisen bis hin zu schweren psychischen

Erkrankungen. Viele von ihnen hielten

die Einsamkeit nur schwer aus, sagt Jana.

In Deutschland leiden laut einer Umfrage von

Splendid Research aus dem Jahr 2019 rund ein

Viertel der 18 bis 39-Jährigen ständig, beziehungsweise

häufig an Einsamkeit. Je älter die Befragten,

desto seltener fühlen sie sich einsam. Unter den

60-69-Jährigen sind es nur noch elf Prozent. Betroffen

sind also nicht nur Erwachsene, sondern

zunehmend auch Jugendliche.

Aber was genau unterscheidet Einsamkeit vom

Alleinsein? Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl,

auf sich allein gestellt zu sein. Wir können uns

auch dann einsam fühlen, wenn wir von Menschen

umgeben sind. In der Psychologie unterscheidet

man seit den 70er Jahren dieses Phänomen

in zwei Arten: die soziale und die emotionale

Einsamkeit. Laut dem Soziologen Robert Weiss erfasst

die soziale Einsamkeit einen Mangel an sozialer

Integration, während die emotionale Einsamkeit

den Mangel an festen Vertrauenspersonen

definiert. Alleinsein beschreibt dagegen den

physischen Zustand, keine anderen Menschen

um sich herum zu haben.

Einsamkeit ist zum großen Thema unserer Zeit

geworden. Und dass, obwohl unser Alltag von der

Kommunikation durch soziale Medien geprägt

ist. In den sozialen Netzwerken werden wir mit

dem vermeintlich perfekten Leben anderer Menschen

konfrontiert. Das digitale Sozialleben und

die Art und Weise, wie wir uns selbst in den sozialen

Medien präsentieren, wird immer wichtiger.

Dafür rücken die persönliche Kommunikation

und enge soziale Bindungen immer mehr in den

Hintergrund. Beziehungen und Verabredungen

werden unverbindlicher, Freundschaften schnelllebiger.

Insbesondere bei jungen Menschen spielt sich

das soziale Leben immer mehr im digitalen ab.

Dabei kann dies vor allem im jungen Alter zu Problemen

führen. Eine Studie der Université de

Montréal und des Kinderkrankenhauses CHU

Sainte-Justine hat ergeben, dass Jugendliche, die

mehr Zeit auf sozialen Medien verbringen, schwerere

Symptome einer Depression aufweisen. Im

Zuge der vierjährigen Studie wurden fast 4000 Jugendliche

im Alter zwischen 12 und 16 Jahren befragt.

Die Symptome traten insbesondere dann

auf, wenn die Jugendlichen sich vermehrt auf

Plattformen aufhielten, auf denen der Vergleich

mit anderen eine große Rolle spielt. Da psychische

Krankheiten noch immer ein Tabuthema

in unserer Gesellschaft sind, fällt es Betroffenen

oft schwer sich Hilfe zu suchen. Sie ziehen sich

stattdessen meist zurück und verbringen noch

„Unsere Gruppe

lebt von dem

Persönlichen,

dem Vertrauten“

mehr Zeit alleine und auf sozialen Medien, was

die Symptome nur weiter verschlimmert.

Auch im Online-Dating lässt sich ein Widerspruch

zwischen unserer vernetzten Gesellschaft

und der Einsamkeit erkennen. Dating Apps geben

uns die Möglichkeit, innerhalb von wenigen Minuten

von der Couch aus Kontakt zu einem neuen

potentiellen Partner aufzunehmen. Die meisten

Kontakte bleiben jedoch eher unverbindlich

und können unser Bedürfnis nach tiefgründigen,

sozialen Kontakten nicht stillen. In einem Interview

mit dem Online-Frauenmagazin „Libertine“

spricht die deutsche Psychologin, Therapeutin

und Autorin Stefanie Stahl über das Thema Beziehungsunfähigkeit

im Zusammenhang mit Dating-Plattformen.

Der Grund für die Unverbindlichkeit

in vielen Beziehungen und die Beliebtheit

von Dating Apps sei, dass es in unserer Gesellschaft

immer mehr akzeptiert sei, seine Beziehungsängste

auch offen auszuleben. Dating-Apps

sehe sie deswegen eher als „Unterstützer und

nicht als Auslöser“.

Dating Apps und soziale Netzwerke kratzen

nur oberflächlich an dem, wonach wir uns in einem

glücklichen und erfüllten Leben sehnen. Das

Liken und Kommentieren bleibt eine Illusion von

echten sozialen Kontakten und können diese

nicht ersetzen. Die Teilnehmer haben in Zeiten

von Corona keine Lust auf ein digitales Treffen.

„Unsere Gruppe lebt von dem Persönlichen, dem

Vertrauten, dem gemeinsamen herzlichen Lachen

und dem gemeinsamen Tanzen, wenn ich

spontan Musik anmache und anfange durch den

Raum zu springen – online ist das einfach nicht

das Gleiche“, erläutert Jana.

Für einige Menschen kann die Vernetzung

durch digitale Medien jedoch auch ein Weg aus

der Einsamkeit heraus sein. Gerade für ältere Menschen

bieten sich hier viele Möglichkeiten. Sie

können sich durch soziale Medien mit ihren Enkelkindern

in Verbindung setzen, sich in Online

Gruppen mit Gleichgesinnten vernetzen oder

auch Gottesdienste online besuchen. Minderheiten

und Personen mit speziellen Vorlieben können

sich in Foren mit anderen austauschen und

sich als Teil einer Gruppe sehen: Wer beispielsweise

Angststörungen hat und nicht vor die Tür

kann, findet im digitalen Raum Gehör.

Die digitale Vernetzung bietet im richtigen

Maß eine Möglichkeit, um soziale Kontakte zu

pflegen und sich dadurch weniger einsam zu fühlen.

Die Kontaktpflege über große Distanzen fällt

leichter und ein „Gefällt mir“ kann zu einem

wichtigen Symbol der Zuwendung werden. Für Jana

sind soziale Netzwerke eine Möglichkeit mit

ihrer Community zu interagieren. Sie fühle sich

damit nicht mit ihren Problemen alleine und bestärkt

in dem, was sie tue. Durch soziale Netzwerke

habe sie viele Freunde und Mitstreiter für die

gleichen Ziele kennengelernt, die sie auch im echten

Leben getroffen hat.

Das richtige Maß und die richtige Intensität

für die Nutzung von sozialen Medien zu finden,

ist nicht leicht. Wichtig ist es, die Medienkompetenz

schon von klein auf bei Kindern zu fördern

und ihnen einen bewussten Umgang mit digitalen

Medien zu vermitteln. Dabei ist das Trennen

von analoger und digitaler Welt ein wichtiger

Aspekt. Jana erzählt, wie sie bei ihrem Treffen versuchen

das Thema Einsamkeit zu enttabuisieren,

ihm Raum zu geben. Sie selbst sehe die Selbsthilfegruppe

nicht als „goldenen Schlüssel zur Lösung”,

sondern lediglich als Unterstützung. Gegen die

Einsamkeit helfe bei jedem etwas anderes. Sie habe

versucht, den Grund für ihre Gefühle zu finden

und Initiative zu ergreifen, indem sie mehr von

dem macht, was ihr Freude bereitet.

Laut Jana Zeh sei es nicht immer leicht aus der

Einsamkeit herauszukommen. Jedoch lohne sich

die Anstrengung. „Auch heute fühle ich mich

noch oft einsam.“ Jedoch habe sie gelernt damit

umzugehen, „und ich weiß, was ich tun kann, um

mich besser zu fühlen“.


Anzeige

Politik

oder Pop?

Exklusiv für Studenten:

unbegrenzt alle Artikel auf

stuttgarter-zeitung.de und

in der News App lesen.

Ab 4 Euro/Monat

statt 9,90 Euro

Wissen, was die Welt bewegt: Halte dich mobil auf dem Laufenden

mit dem StZ Plus Basispaket der Stuttgarter Zeitung. Ab 4 Euro/

Monat kannst du unbegrenzt auf alle Artikel auf stuttgarterzeitung.de

und in der News App zugreifen. Du willst mehr gute

Nachrichten? Dann hol‘ dir für 15,50€/Monat das Komplettpaket:

Freue dich auf LIFT Das Stuttgartmagazin, die Digitalausgabe der

Zeitung, unbegrenzten Zugriff auf stuttgarter-zeitung.de sowie die

StZ News App, inkl. StZ Plus Artikel. Alle Angebote findest du auf

stuttgarter-zeitung.de/student

STZ_Studenten_AZ_LIFT_223x297.indd 1 30.11.2020 13:50:35

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine