Das Hochhaus als Gewebe von Gestaltung und Technik

JovisVerlag

ISBN 978-3-86859-655-7

Falk Schneemann

Das Hochhaus als

Gewebe von Gestaltung

und Technik

Bauten und Projekte in

Westdeutschland zwischen

1945 und 1980

research 1

3


4


Teil 1: Einleitung

Relevanz und Rezeption des Bautyps: Emotion und Kontroverse 11

Motivation: aktuelle Herausforderungen 13

Perspektive und Kernthese: Gestaltung und Technik 14

Methode: Genese, Text und Grundriss 16

Eingrenzung: Westdeutschland zwischen 1945 und 1980 18

Forschungsfragen 19

Zusammenfassung der Projektbetrachtungen 20

Projektkatalog 21

Inhalt

Teil 2: Das Hochhaus als Gewebe von Gestaltung und Technik

Grundlagen 23

Akteur-Netzwerk 27

Gewebe von Gestaltung und Technik 28

Gilbert Simondon 31

Teil 3: Das Hochhaus in den USA von 1880 bis 1930: eine Bricolage

Einführung 37

Tacoma Building, 1887 40

Reliance Building, 1890 42

Monadnock Building, 1891 43

American Tract Society Building, 1893 44

Guaranty Building, 1895 45

Chicago Tribune Tower, 1922 45

Bilanz 46

Teil 4: Das Hochhaus in Deutschland von 1900 bis 1930:

eine gestalterische Revolution der Technik

Einführung 51

Hochhaus an der Friedrichstraße, Stuttgart, 1921 58

Wilhelm-Marx-Haus, 1921 59

Hochhaus an der Friedrichstraße, Berlin – »Wabe«, 1921 60

Hochhaus an der Friedrichstraße, Berlin – »Funktionale Form«, 1921 67

Hansahochhaus, 1924 68

Tagblatt-Turm, 1924 69

Wohnhochhäuser am Wannsee, 1931 70

Bilanz 71

5


6

Inhalt

Teil 5: Das Hochhaus in Westdeutschland von 1945 bis 1980:

ein Gewebe von Gestaltung und Technik

Improvisation und Genesepfade 75

Die Ausgangslage in Westdeutschland 1945 76

Genesepfad 1: Verbundkern – Prototyp der Hochhausstruktur 80

Einführung 80

Hochhaus am Plärrer, 1951 82

BASF-Hochhaus, 1953 83

Verwaltungsgebäude Mannesmann AG, 1954 86

Mona-Hochhaus, 1957 88

Hamburg-Süd, 1958 89

Unilever-Haus, 1960 90

Bilanz 91

Genesepfad 2: Brikettgrundriss – Formalismus und Komplexität 92

Einführung 92

Rathaus Düren, 1954 94

Wohnhochhaus Bartningallee 5, 1955 95

Telefunken-Hochhaus, 1957 96

Niedersächsische Landesverwaltung, 1960 97

Bilanz 98

Genesepfad 3: Räumliche Komplexität – Effizienz und Überschätzung 99

Einführung 99

Versuchsbau des Bundesministeriums für Wohnungsbau, 1953 100

Kollegiengebäude 1, 1955 102

Wohnhochhaus Bartningallee 7, 1956 103

Verwaltungs- und Forschungszentrum Osram, 1962 104

Wohnblock mit schwebenden Gärten, 1966 105

Bilanz 105

Genesepfad 4: Hängehochhaus – vom technischen Minimalismus

zum technischen Expressionismus 107

Einführung 107

Hängehausentwurf, 1950 110

Rathaus Marl, 1957 111

Sparkasse Wuppertal, 1967 112

Olivetti-Hochhäuser, 1967 113

BMW-Verwaltungsgebäude, 1968 114

Reversibler Stahl-Container-Turm, 1971 116

Bilanz 116

Genesepfad 5: Brutale Konstruktion – die Versuchung des Machbaren 120

Einführung 120

Verwaltungsgebäude Commerzbank Düsseldorf, 1960 122

Postcheckamt, 1962 123

IBM-Hochhaus, 1963 124

Kreissparkasse Recklinghausen, 1964 126


Deutsche-Bank-Hochhaus, 1978 127

Bilanz 129

Genesepfad 6: Großraum – Kampf mit dem Widerspruch 130

Einführung 130

Thyssenhaus, 1957 132

Deckel-Maschinenfabrik, 1961 134

Verwaltungs- und Forschungsgebäude Osram, 1962 135

Hypo-Hochhaus, 1970 136

Silberturm, 1972 138

Bilanz 141

Genesepfad 7: Treppe – Betrachtung eines Individuums 142

Einführung 142

Hochhaus am Plärrer, 1951 144

Sternhochhaus I, Siemenssiedlung, 1952 144

Klöckner-Humboldt-Deutz AG, 1961 146

HNO- und Augenklinik, 1967 148

Bank für Gemeinwirtschaft, 1969 150

Rathaus Göttingen, 1975 152

Bilanz 154

Inhalt

Teil 6: Schlussbetrachtung

Das Hochhaus als Gewebe von Gestaltung und Technik 157

Gültigkeit 157

Genese 157

Innovationen und Brüche 162

Jenseits des Hochhauses: die Entstehung von Typologien 165

Das Hochhaus: aktuelle Entwicklungen 167

Auswirkungen der Genesepfade 167

Zukunftspotenziale: sieben Thesen 169

Gestaltung und Technik jenseits des Hochhauses 172

Exkurs zur Gültigkeit 172

Architektur und Technik: Ausblick jenseits des Hochhauses 173

Gestaltung und Technik: aktueller Stand und Ausblick 174

Bautyp Hochhaus: aktueller Stand und Ausblick 175

Teil 7: Projektkatalog 177

Endnoten 280

Quellen 293

7


Einleitung

Relevanz und Rezeption des Bautyps: Emotion und Kontroverse

Teil 1: Einleitung

Das Hochhaus ist derzeit einer der meist diskutierten Bautypen weltweit. Gründe

hierfür sind die durch seine Größe bedingte technische und visuelle Faszination, die

Rolle, die es bei den aktuellen Umwälzungen der Städte spielt oder spielen könnte,1

sowie eine anhaltend hohe Bautätigkeit. Diese Bautätigkeit hat sich auch gegen

wirtschaftliche und politische Unsicherheiten als erstaunlich resistent erwiesen, was

sich zum Beispiel daran ablesen lässt, dass im Jahr 2016 in London 236 Hochhäuser

in Planung waren2 oder dass im Jahr 2017 weltweit 144 Hochhäuser mit mehr als 200

Metern Höhe fertiggestellt wurden – so viele wie nie zuvor.3 Bei den Hochhausprojekten

können drei Kategorien unterschieden werden: erstens das Megahochhaus.

In diesem Bereich entstehen ikonografische Gebäude der Superlative, Entwurfsverfasser4

sind global agierende Architekturfirmen mit großem Prestige. Diese Gebäude

entstehen in den wirtschaftlichen Epizentren Nordamerikas, des Mittleren Ostens

und Asiens, aber auch an Orten wie London und Sydney. Es handelt sich hierbei um

die höchsten Vertreter des Bautyps, die selten unter 200 Meter messen und bald die

1000-Meter-Marke überschreiten werden.5 Die zweite Kategorie betrifft das anonyme

Hochhaus. Besonders in Asien entstehen ganze Hochhausstädte, in denen ein großer

Teil der Menschen der extrem schnell wachsenden Megacitys wohnt und arbeitet.

Planverfasser für die Kategorie anonymes Hochhaus sind meist große, ortsansässige

Firmen, welche diese Hochhäuser in höchster Geschwindigkeit und mit einem großen

Kopierfaktor planen und errichten. Diese Gebäude erreichen nur selten die Höhe

von 200 Metern.6 Die dritte Kategorie wird hier als kontextuelles Hochhaus bezeichnet.

Diese Hochhäuser sind, was ihre Höhe betrifft, meist gemäßigt – oft bleiben sie

unter 60, fast immer unter 120 Metern Höhe – und werden einzeln oder in Clustern

in einen oft bestehenden städtischen Kontext implantiert. Diese Kategorie macht

den größten Teil der Hochhausbauten in Europa aus. Der Schwerpunkt der Fachdiskussion

liegt allerdings deutlich auf den spektakulären Bauten Nordamerikas und

Asiens. Dies zeigt sich zum Beispiel beim zweijährlich ausgelobten Internationalen

Hochhauspreis,7 in dessen Katalog Ole Scheeren 2016/17 im Jurystatement schrieb:

»Asien versus Amerika lässt hier einen interessanten Rückschluss zu – sie sind die

global bestimmenden Kräfte.«8

Aber auch in deutschen Metropolen wie Berlin, Hamburg oder Frankfurt am

Main herrscht, was das Hochhaus betrifft, eine rege Bautätigkeit: So sollen in Deutschland

in den kommenden fünf Jahren allein 97 Wohnhochhäuser mit 18.400 Wohnungen

fertiggestellt werden.9 Allgemein liegt der Schwerpunkt des Hochhausbaues

in Deutschland inzwischen beim Wohnen im gehobenen bis luxuriösen Preissegment.10

Dabei zeigen sich auch kleinere Städte wieder offen gegenüber dem Hochhaus.

11


12 Teil 1: Einleitung

Ingolstadt11, Karlsruhe12 und Ludwigsburg13 zum Beispiel sind dabei, Hochhauskonzepte

zu entwickeln oder haben dies schon getan.

Sowohl auf die Fachwelt als auch auf die interessierte Öffentlichkeit hat das

Hochhaus dabei eine stark polarisierende Wirkung. Einerseits wird es, wie schon angedeutet,

als Hoffnungsträger bei der notwendigen Entlastung der überforderten Städte14

und der Schaffung von Wohnraum und der damit einhergehenden Verdichtung

der Ballungszentren gehandelt15 und von Politik, Wirtschaft, Teilen der Bürger- und

der Architektenschaft mit großem Stolz als Zeichen von Prosperität, Urbanität und

Fortschrittlichkeit präsentiert. Anderseits werden die Hochhäuser als Phänomene

der Gentrifizierung, Konkurrenz zur alten Stadtsilhouette oder ästhetische Unmöglichkeit

abgelehnt. Auch ihre tatsächliche oder gefühlte Größe bringt das Hochhaus

in einer Zeit, in der bei bestehenden Großprojekten hauptsächlich das Negative wie

»der unmenschliche Maßstab, die Hässlichkeit des Betons, [und] die Gnadenlosigkeit

des Rasters«16 gesehen wird und die Planung von Großprojekten mit Geldverschwendung

und Fehlerhaftigkeit gleichgesetzt wird,17 in Misskredit. Nicht zuletzt

die Gestaltung der Hochhäuser ruft kontroverse Meinungen hervor, so werden zum

Beispiel die extravaganten Entwürfe der Luxushochhäuser von Niklas Maak als »verlegen,

verbogen, sich krampfhaft krümmend und windend«18 sowie als »eine Reihe

misslungener Versuche, den sogenannten ›Bilbao-Effekt‹ zu wiederholen«19 bezeichnet.

Dieter Hoffmann-Axthelm fasst all dies treffend zusammen, wenn er hinsichtlich

des Hochhauses von einer »Spannung zwischen Hass und Begeisterung«,20 spricht.

Als nicht weniger ambivalent zeigt sich der Umgang mit dem Hochhausbestand.

Wie groß dieser ist, lässt sich erahnen, wenn man bedenkt, dass es in Frankfurt am

Main, der deutschen Hochhausstadt schlechthin, im Jahr 2014 insgesamt 530 Hochhäuser

gab.21 Dieser Bestand, der zum großen Teil aus der Zeit von Wiederaufbau und

Wirtschaftswunder stammt, prägt das Bild vieler mittler und großer, teilweise sogar

kleiner Städte in nicht unerheblichem Maß. Dies wird oft schlicht als ästhetischer Ballast

erfahren und ihm haftet in vielen Fällen das schlechte Image des sozialen Brennpunktes

an, oder, wo das nicht zutrifft, das des fehlgesteuerten Strebens nach Profit,

seien es die Bürohochhäuser der Konzerne und Banken oder der Wohnungsbau aus

Investorenhand. Darüber hinaus verkörpert ein großer Teil des Hochhausbestandes

die überholten Ideale der autogerechten Stadt mit all ihren Problemen.22 Die Sanierungen

sind bautechnisch, wirtschaftlich, energetisch und ästhetisch oft schwierige

Unterfangen und tragen nicht immer zu einer Verbesserung des Images des Bautyps

bei. Trotzdem erfährt der Hochhausbestand der 1950er, 1960er und 1970er Jahre eine

immer größere Wertschätzung. Allgemein werden die Qualitäten der Architektur

dieser Jahrzehnte zunehmend nicht mehr nur von kleinen Expertenkreisen erkannt

und geschätzt.23 Die Hochhäuser werden im Zuge dieser sich verändernden Wahrnehmung

als identitätsstiftend begriffen. So ergibt sich die Situation, dass der Grat

zwischen Abriss und aufwendiger Sanierung oft ein sehr schmaler ist. Als schmerzlicher

Verlust müssen in diesem Zusammenhang der Abriss des BASF-Hochhauses

in Ludwigshafen oder der des AfE-Turmes in Frankfurt am Main gewertet werden, als

Glücksfälle dagegen der Erhalt und die Sanierung des Dreischeibenhochhauses in

Düsseldorf und des Silberturms in Frankfurt am Main. Aufschlussreich ist in dieser

Hinsicht der Umgang mit dem Henninger Turm in Frankfurt am Main. Obwohl die


32 Teil 2: Das Hochhaus als Gewebe von Gestaltung und Technik

finden einzelne technische Elemente zusammen. Das Bilden einer solchen Struktur

ist kein Kompromiss, keine Schwächung, sondern es bilden sich in ihr symbiotische

Beziehungen der Elemente. Die neue Struktur ist aus sich selbst heraus stabil und

besitzt eine emergente Logik. Sie ist etwas gänzlich Neues, ohne Vorgänger, und stellt

mehr dar, als die Summe ihrer Teile. Diese Logik ist auch ein wichtiger Impuls, der

Formen trägt oder generiert.56 Aus der neuen Logik entsteht also eine neue Form, eine

neue Gestalt. Die Herausbildung der Logik vergleicht Simondon dahingehend mit

dem Bau eines Gewölbes, dass Stabilität erst im Moment der Fertigstellung erreicht

wird.57 Es gibt also ein Schlüsselmoment, in dem die schon länger sich anbahnende

Logik einer Struktur sich entfaltet und wirksam wird. Genauso verhält es sich mit

der Logik und Struktur des Hochhauses. Aus Skelettbau, Lift, Tragwerk etc. bildet

sich etwas noch nicht Dagewesenes, eine Struktur mit einer völlig neuen Logik. Der

Schlüsselmoment, in dem diese Logik sich entfaltet, so hier die These, zeigt sich in

den Hochhausentwürfen der Avantgarde der 1920er Jahre. Davor war der Schlussstein

der Hochhauslogik noch nicht gesetzt, im Inneren der Hochhäuser herrschte Chaos

statt Struktur, wie sich bei den weiteren Betrachtungen deutlich aufzeigen lässt.

Freiheitsgrade und Imagination: Den technischen Objekten wohnen nach

Simondon Freiheitsgrade in Anwendung, Anschlussfähigkeit und Funktionieren

inne. Diese Freiheitsgrade sind die Voraussetzung für das Bilden von komplexen

technischen Strukturen. Die Strukturen bilden sich aber nicht aus einem technischen

Determinismus, sondern der Mensch, »das zur Vorschau und schöpferischer

Vorstellungskraft [imagination] [sic!] fähige Denken«58, stellt die Relationen her,

denen die Technik folgt und innerhalb derer sie ihre Logik entfaltet. Das Hochhaus

ist auch hierfür ein Beispiel. Skelettbau und Lift entstanden nicht für oder mit dem

Hochhaus, sondern in einem jeweils anderen Kontext. Durch die Freiheitsgrade, die

sie in ihrer Anwendbarkeit besitzen, konnten sie aber in das Hochhaus transferiert

werden beziehungsweise dieses in einer wechselseitigen Beziehung überhaupt erst

ermöglichen. Dabei folgten sie aber keinem vorgezeichneten Pfad, sondern erst der

Mensch setzte die notwendigen Relationen.

Element, Individuum und Ensemble: Simondon unterscheidet drei Kategorien

der technischen Objekte: Element, Individuum und Ensemble. In ihnen steigern

sich schrittweise die Komplexität und Eigenständigkeit des Objektes. Ein Element

ist quasi neutral, es besitzt die maximalen Freiheitsgrade in der Anwendung und

die minimale eigene Logik. Dies ist auf das Hochhaus übersetzt zum Beispiel ein

Stahlträger. Im Individuum liegen dann bereits mehrere Elemente in Kombination,

das heißt in gegenseitiger Abhängigkeit, vor. Sie bilden zwar eine eigene Logik, sind

aber funktional nicht autark und benötigen ihren spezifischen Kontext. Sie haben

Freiheitsgrade in der Anwendung, die jedoch schon deutlich geringer als bei einem

Element sind. 59Beispielhaft für das Individuum ist der Lift. Er besteht aus einer Vielzahl

von Elementen, hat seine eigene Logik und Form, ist für sich allein genommen

jedoch funktional unsinnig. Das Hochhaus selbst ist schließlich ein Ensemble. Es

bindet Individuen in eine Struktur ein, die in sich geschlossen und autark ist.

Milieu: Die Beziehungen von Elementen, Individuen und Ensembles können als

intern technisch bezeichnet werden, auch wenn die Beziehungen, die hier bestehen,

vom Menschen gelegt oder gestaltet werden. Der Begriff des Milieus steht dann für die


Gestaltung

Entwurf

Assoziiertes Milieu

Assoziiertes Milieu

Technik Technik

Abbildung 3: Wechselwirkungen von Gestaltung, Technik, Entwurf und assoziiertem Milieu.

Eigene Grafik.

Beziehungen der Objekte mit der Umwelt, der die Objekte wechselseitig verbunden

sind und die damit Bedingung für ihr Funktionieren und Existieren sind. Simondon

spricht daher auch von einem assoziierten Milieu.60 Simondons Modell wird hier so

verstanden, dass das Hochhaus, oder ein Hochhaus, verschiedenen Milieus zugeordnet

werden kann und von diesen geprägt wird, sie aber auch prägt. Beispiele für solche

Milieus sind das New York der 1890er, die deutsche Avantgarde der 1920er oder das

Deutschland des Wirtschaftswunders. Die Grenzen der Milieus sind unscharf, was

sich mit der Akteur-Netzwerk-Theorie erklären lässt.

Genese: Simondon betrachtet die Entwicklungen der technischen Objekte und

damit auch ihre Beziehung zur Kultur als eine Genese. Die Logik der Individuen und

Ensembles kann also auf Basis ihrer Geschichte verstanden werden. Zwar treten hier

Brüche und Sprünge auf, trotzdem baut eine Generation der Objekte unter Übernahme

von Informationen auf die nächste auf.

Auf Basis von Simondons Existenzweise technischer Objekte ist damit die These,

dass Gestaltung und Technik die bestimmenden Faktoren der Gestaltfindung des

Bautyps Hochhaus sind, so weit zu einer theoretischen Betrachtungsweise erweitert,

dass dieses im Folgenden durch die Analyse der Hochhäuser des Projektkataloges

überprüft und weiter ausgebaut werden kann. Diese Betrachtungsweise, vereinfacht

in Abbildung 3 dargestellt, überholt gleichsam das sich auf die Frühzeit des Hochhauses

beziehende Modell Mumfords, bei dem die Technik als ein die Gestaltung

entmündigender Faktor gesehen wird. Für die vorliegende Publikation von größter

Relevanz ist dabei Simondons Aussage, dass aus der Interferenz von Gestaltung und

Technik emergent neue Strukturen und Formen entstehen. An dieser Stelle lässt sich

Teil 2: Das Hochhaus als Gewebe von Gestaltung und Technik

33


36 Teil 3: Das Hochhaus als Gewebe von Gestaltung und Technik

Teil 3


Das Hochhaus in den USA von

1880 bis 1930: eine Bricolage

Einführung

Mit den Jahren 1880 bis 1930 wird die Frühzeit des Hochhauses in den USA betrachtet.

Der Beginn dieser Zeit wird durch jenes Jahrzehnt definiert, in dem die ersten bis

heute als Hochhäuser einzustufenden Bauwerke entstehen. Das Ende der Frühzeit

wird hier mit dem Bau zweier Hochhäuser markiert, mit denen der Bautyp seiner

Frühzeit entwächst: das zwischen 1929 und 1932 geplante und errichtete Saving Funds

Society Building der Architekten Howe & Lescaze in Philadelphia1 und das zwischen

1931 und 1940 von einer Architektengemeinschaft unter Führung von Raymond Hood

geplante und errichtete Rockefeller Center in New York. Beide sind in ihren Strukturen

voll entwickelte »moderne« Hochhäuser, die der bis heute geltenden Grundlogik des

Bautyps entsprechen. Es ergeben sich für die Frühzeit folglich die Jahre 1880 bis 1930.

Bei deren nun folgender Betrachtung wird die Kluft aufgezeigt, die sich hier zwischen

Gestaltung und Technik auftut. Anhand von Projektbeispielen werden die ersten

Schritte der Genese des Hochhauses verfolgt. Dabei können die internen Spannungen

aufgezeigt werden, die zwischen den im Hochhaus neu zusammengebrachten

Elementen wie Lift und Treppe entstehen. Ebenso können aber auch erste Konvergenzen

und Synergien beobachtet werden, in denen sich die Logik der entwickelten

Hochhausstruktur andeutet. Neun Projektbeispiele aus der Frühzeit des Hochhauses

in den USA wurden für den Projektkatalog ausgewählt, sechs werden im Folgenden

betrachtet. Wichtig bei der Auswahl war das Vorhandensein von Besonderheiten,

Brüchen, Neuerungen etc. Im Zuge des Auswahlverfahrens der Projekte hat sich

gezeigt, dass es eine Periode gibt, in der diese besonderen Punkte in großer Dichte

auftreten: Dies ist die Zeit zwischen circa 1885 und 1900. In ihr findet der Umbruch

von ersten mit Liften bestückten Massivbauten zu Hochhäusern in Skelettbauweise

statt. Fünf der betrachteten Projekte stammen aus dieser Periode. Ergänzt werden sie

von einem Bau aus dem Jahr 1922. Er bildet die chronologische Brücke zur Frühzeit

des Hochhauses in Deutschland und zeigt, wie sich die anfänglichen Entwicklungen

konsolidieren. Dabei wird deutlich, dass sich die verschiedenen Entwicklungsstände

zeitlich überlappen. Das Monadnock Building von 1891 ist ein Massivbau – folgt also

noch den Regeln des klassischen Bauens –, während das Tacoma Building von 1887

schon deutlich dem Einfluss des Skelettbaues unterliegt. Damit bedeutet ein späteres

Baujahr nicht automatisch einen höheren Entwicklungsstand.

Doch wie kann der Entwicklungsstand einer Hochhausstruktur beurteilt werden?

Gemeinhin wird der Entwicklungsstand des Hochhauses an seiner Höhe festgemacht.

Dies scheint eine lineare und bis heute andauernde Progression zu ergeben.

Ebenso gut könnte man aber den Entwicklungsstand des Automobils an dessen

Teil 3: Das Hochhaus in den USA von 1880 bis 1930: eine Bricolage

37


38 Teil 3: Das Hochhaus in den USA von 1880 bis 1930: eine Bricolage

Höchstgeschwindigkeit messen. Da dies offensichtlich unbefriedigend ist, soll nun

ein weiterer Gradmesser zur Beurteilung des Entwicklungsstandes einer Hochhausstruktur

hergeleitet werden. Einen Anhaltpunkt hierzu bietet Simondon, wenn er

schreibt: »Das technische Wesen evoluiert durch Konvergenz und Selbstadaptation;

gemäß einem Prinzip der inneren Resonanz schließt es sich zu einer inneren Einheit

zusammen.«2 Diese Konvergenz ist, wie im Kapitel »Das Hochhaus als Gewebe von

Gestaltung und Technik« schon dargestellt, ein räumliches, geometrisches, aber vor

allem auch funktionales Zusammenstreben der einzelnen Elemente des technischen

Objektes. Mit fortschreitender Entwicklung findet in anderen Worten eine Systemintegration

statt. Ein Beispiel hierfür sind die Kühlrippen eines Verbrennungsmotors.3

Sie dienen nicht nur der Vergrößerung der Oberfläche und damit der Kühlung, sie

sorgen auch für Stabilität gegen den Explosionsdruck von innen. Dadurch kann die

Wandung des Motors dünner ausgeführt werden, was wiederum der Kühlung zuträglich

ist. Durch eine funktionale Doppelbelegung der (Kühl-)Rippen ist folglich

ein komplexes System mit einer eigenen Logik und Form entstanden. »Es ist also

im Wesentlichen die Entdeckung funktionaler Synergien, die den Fortschritt in der

Entwicklung des technischen Objekts ausmacht«4, folgert Simondon. Dieser Zustand

ist in den frühen Hochhäusern noch nicht erreicht. So scheinen die vier Aufzüge im

Tacoma Building (1887 B ) zufällig im Grundriss abgestellt. Für die Horizontalerschließung

und das Tragwerk scheinen sie eher ein Hindernis zu sein. Auch die Beziehung

von Lift und Treppe kann in keinem Fall als symbiotisch bezeichnet werden, da die

Lifte den Zugang zur Treppe abzuschneiden scheinen, was im Gegensatz zu deren

räumlicher Großzügigkeit steht. Ganz anders beim Telefunken-Hochhaus (1957 EA ):

Die Liftschächte sind hier als aussteifende Elemente integraler und unverzichtbarer

Teil des Tragwerkes. Die sich aus der Position der Lifte ergebende Liftlobby schafft

räumlich und funktional einen angemessenen Übergang von vertikaler zu horizontaler

Erschließung und die Fassade wird von den Liften beziehungsweise den Liftschächten

gegliedert. Beim Telefunken-Hochhaus kann in Simondons Worten also

die »Kondensation der multiplen Funktionen in der gleichen Struktur«5 beobachtet

werden. Die Hochhausstruktur hat sich spezialisiert und differenziert und es so geschafft,

»Sekundäreffekte, die zuvor Hindernisse waren, auszuräumen (indem sie

in die Funktionsweise integriert werden) […].«6 Diese Spezialisierung der Struktur

unter Herausbildung synergetischer Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen

soll hier als Gradmesser für den Entwicklungsstand des Hochhauses verwendet

werden. Der Prozess, Simondon spricht von »Konkretisierung«7, kann auch als eine

fortschreitende Systemintegration bezeichnet werden.


Tacoma Building, Chicago

1887 B , Holabird & Roche

0 5m 10m

0 5m

20m

Reliance Building, Chicago

1890 B , Burnham & Root

0

5m

10m

Teil 3: Das Hochhaus in den USA von 1880 bis 1930: eine Bricolage

0

5m

20m

geschätzt

Monadnock Building, Chicago

1891 F , Burnham & Root

American Tract Society Building, New York

1893 B , Robert Henderson Robertson

0

5m

20m

0 5m

20m

Guaranty Building, Buffalo

1896 F , Adler & Sullivan

Chicago Tribune Tower, Chicago

1922 E , Raymond Hood, John Mead Howell

Abbildung 4: Grundrisse der in diesem Kapitel betrachteten Hochhäuser aus der Frühzeit des

Bautyps in den USA. Eigene Grafik.

39


56 Teil 4: Das Hochhaus in Deutschland von 1900 bis 1930: eine gestalterische Revolution der Technik

und demografischen Entwicklungen, die man erwartete, dann eher als Notwendigkeit

akzeptiert, denn als architektonische Chance willkommen geheißen.54

Eine wichtige Hürde, die zur Umsetzung der ersten Hochhausprojekte genommen

werden musste, war die Änderung der Gesetzgebung. Anders als in den USA,

wo zunächst keinerlei Einschränkungen hinsichtlich Bauhöhen bestanden, war in

Deutschland zunächst jegliches über das übliche Maß hinausgehende vertikale Bauen

gesetzlich unterbunden. Die Entwicklung der Gesetzgebung spiegelt dabei einerseits

die Skepsis, andererseits aber die Einsicht der Notwendigkeit des Hochhauses wider.

1921 erlaubte Preußen Gebäude höher als 21 Meter oder 6 Geschosse, wenn eine baurechtliche

Befreiung erfolgt. Viele Architekten meinten darin einen Startschuss für

einen Hochhausboom in Deutschland zu vernehmen.55 Noch im selben Jahr wurde

dann auch der Wettbewerb für das Hochhaus an der Friedrichstraße in Berlin ausgeschrieben.

Besonders kritisch sah allerdings der Gesetzgeber das Wohnen im Hochhaus.

Die »Reichsrichtlinien über das Wohnungsweßen« von 1929 gesteht dem Wohnen nur

in Ausnahmefällen mehr als vier Geschosse zu.56

Das Akteur-Netzwerk, das der Frühzeit des Hochhauses in Deutschland zugrunde

liegt, ist deutlich anders gelagert als das der Frühzeit in den USA. Das Hochhaus

in den USA ist ein technischer Archetyp, der sich in realisierten Bauten manifestiert.

Theoretische Auseinandersetzungen sind äußerst rar, die gestalterische Komponente

beschränkt sich auf die Fassade der Hochhäuser. Neben der Technik ist ein

enormer Pragmatismus für die Entstehung dieser Bauten bezeichnend. Ganz anders

in Deutschland: Das Hochhaus wird hier als im Kern gestalterische und kulturelle

Aufgabe betrachtet. Die Technik ist zwar ein Thema und Technikbegeisterung eine

Treiberin der Frühphase des Hochhauses in Deutschland, trotzdem steht sie bei der

Hochhausdebatte nicht im Vordergrund. Dafür können hier zwei Gründe genannt

werden: Zum einen war die Machbarkeit der hohen Bauten in den USA schon bewiesen

und die entsprechenden Informationen waren ab circa Mitte der 1910er Jahre in

Deutschland abrufbar.57 Zum anderen war die Bauindustrie in Deutschland auf einem

recht hohen Entwicklungsstand. Sie hatte in Südamerika schon Hochhäuser erbaut,

war außerdem als Zulieferin für US-amerikanische Hochhäuser aktiv gewesen58 und

durch komplexe industrielle und zivile Bauaufgaben im eigenen Land auf einem hohen

technischen Niveau angekommen.59 Auch die wissenschaftlichen Grundlagen waren

in Deutschland vorhanden. So griffen die Hochhausplaner aus den USA mehrfach

auf die Ergebnisse aus deutschen Laboren und Instituten zurück.60 Das alles führte

dazu, dass die deutschen Planer – noch bevor sie das erste Hochhaus im eigenen Land

fertiggestellt hatten – nicht nur den Anspruch formulierten, selbst Hochhäuser bauen

zu können, sondern sich dabei aus ihrer Sicht auch höhere Standards setzten als die

in den USA üblichen. Wie sich dies alles in den Hochhausprojekten der Frühzeit in

Deutschland und deren Struktur und Gestalt auswirkte, wird nun anhand von sechs

Projekten untersucht.


0 5m

Hochhaus an der Friedrichstraße, Stuttgart

1921 E , Richard Döcker und Hugo Keuerleber

»Wabe«, Hochhaus an der Friedrichstraße,

Berlin

1921 W , Ludwig Mies van der Rohe

0

10m

30m

20m

0 5m 10m

Wilhelm-Marx-Haus, Düsseldorf

1921 W , Wilhelm Kreis

0 10m

30m

»Funktionale Form«, Hochhaus an der Friedrichstraße,

Berlin

1921 W , Hugo Häring

Teil 4: Das Hochhaus in Deutschland von 1900 bis 1930: eine gestalterische Revolution der Technik

0 5m 10m

0 5m 10m

Hansahochhaus, Köln

1924 E , Jakob Koerfer

Tagblatt-Turm, Stuttgart

1924 E , Ernst Otto Oswald

Abbildung 5: Grundrisse der in diesem Kapitel betrachteten Hochhäuser aus der Frühzeit des

Bautyps in Deutschland. Eigene Grafik.

57


76 Teil 5: Das Hochhaus in Westdeutschland von 1945 bis 1980: ein Gewebe von Gestaltung und Technik

Sieben sich im Projektkatalog zeigende Genesepfade wurden zur Betrachtung ausgewählt,

wobei nicht alle Projekte des Kataloges einem dieser Pfade zugeordnet sind.

Mühelos ließen sich weitere Pfade identifizieren. Ausgewählt wurden diese sieben

Pfade, bei denen das Gewebe aus Gestaltung und Technik deutlich hervortritt: Verbundkern,

Brikettgrundriss, räumliche Komplexität, brutales Tragwerk, hängende

Konstruktion, Großraum und Treppe.

Die Ausgangslage in Westdeutschland 1945

Der Zustand der deutschen Städte unmittelbar nach der Kapitulation und dem Ende

des Zweiten Weltkrieges ließ keinen Zweifel daran, dass allerdringendster baulicher

Handlungsbedarf bestand. Je nachdem, um welche Stadt es sich handelte, und je

nach Perspektive des Betrachters schien dabei ein Wiederaufbau der zerstörten oder

beschädigten Bausubstanz oder aber ein kompletter Neubau der Stadt als die geeignete

Methode. Die Zerstörung des Weltkrieges verschaffte den Planern somit neue

Freiheiten im Denken und Handeln. So verlor zum Beispiel Otto Kohtz keine Zeit

und veröffentlichte noch 1945 seinen Vorschlag zum Wiederaufbau von Berlin. Dabei

spielte, wie von Kohtz nicht anders zu erwarten, der Bautyp des Hochhauses die zentrale

Rolle. Kohtz machte damit sofort dort weiter, wo er vor dem Zweiten Weltkrieg

aufgehört hatte: dem Zeichnen von Hochhausfantasien, die nie umgesetzt wurden.

Anders als bei Kohtz zeigte sich die Zeit der Naziherrschaft im Werk vieler Architekten

als deutlicher Bruch, da sie sich nach der Niederlage hastig um eine neue Haltung

bemühten. Manch ein als Traditionalist ausgebildeter Architekt versuchte sich nun

also am Neuen Bauen, andere hielten wiederum an ihren alten Überzeugungen fest.3

Das Baugewerbe war unmittelbar nach dem Krieg jedoch durch Kapital- und Materialmangel

gelähmt. Obwohl die Bautechnik in Deutschland, wie sogar Hugo Häring

zugibt, während der Naziherrschaft große Fortschritte gemacht hatte,4 musste also

zunächst mit einfachsten Mitteln gebaut werden und es entstanden meist provisorische

Wiederherstellungen und Behelfsheime. Die Währungsreform 1948 verschaffte

eine erste Besserung der Umstände.5 Wirklich bergauf ging es mit dem Baugewerbe

aber erst 1953.6 Aus dieser Situation heraus und aufgrund der Tatsache, dass Wohnraum

zunächst am notwendigsten gebraucht wurde, erklärt sich die Geschichte der

Grindelhochhäuser in Hamburg (▶Projektkatalog S. 196), der ersten Hochhäuser

in Deutschland nach 1945. Mit zwölf 15-geschossigen Gebäuden handelt es sich bei

den Hochhäusern am Grindelberg um eine Siedlung von beachtlicher Größe. Möglich

wurde diese nur als gemeinschaftliche Anstrengung der britischen Besatzer und

der Gruppe Grindelberg-Architekten, einem Zusammenschluss junger idealistischer

Architekturschaffender.7 Die Siedlung war zunächst für die Unterbringung des britischen

Stabes und dessen Angehörigen gedacht. Durch die Zusammenfassung der

britischen und amerikanischen Zonen zur Bizone mit Verwaltungssitz in Frankfurt

am Main entfiel dieser Bedarf aber und die Gebäude wurden deutschen Stellen übergeben

und von diesen zur zivilen Nutzung fertiggebaut.8


Frühzeit

USA

Frühzeit

Deutschland

Frühzeit

Deutschland

Grundlogik

entsteht

1880 1921 1945 1980

Abbildung 6: Frühzeit des Hochhauses als Bricolage mit Konvergenz hin zur Entstehung der

Grundlogik des Hochhauses in den Entwürfen der Avantgarde der 1920er Jahre; und divergente

Pfade der Hochhäuser Westdeutschlands zwischen 1945 und 1980. Eigene Grafik.

Die Probleme, welche die Realisierung der Grindelhochhäuser damals erschwerten

und in Gefahr brachten, dürften typisch für diese Jahre gewesen sein. Sowohl die

Politik als auch die Bevölkerung hatte zunächst Mühe, sich mit dem Hochhaus im

Allgemeinen und dem Wohnhochhaus im Besonderen anzufreunden. Besonders

konservative und linke Politiker wendeten sich gegen eine Amerikanisierung der

Stadt und des Bauens, die sie im Hochhaus sahen.9 In der Bevölkerung herrschte

zum Beispiel Skepsis, ob Frauen die Lifte bedienen könnten10 und man erachtete

das Hochhaus als komplett ungeeignet, um hier Kinder aufzuziehen.11 Doch auch

ganz praktische Probleme stellten sich Hochhausprojekten in den Weg. Dies waren

vor allem der Zwang, bestehende unterirdische Infrastrukturen wie Leitungen und

Rohre zu nutzen oder zumindest zu erhalten, die Machtlosigkeit der Städtebauer und

Planer gegen spontanen Wiederaufbau in Eigenregie und das Problem des Eingriffes

in die Besitzverhältnisse sowie die kleinteiligen Parzellierungen.12

Doch genauso, wie sich anhand der Grindelhochhäuser die Schwierigkeiten

aufzeigen lassen, mit denen Hochhausplanungen in den ersten Nachkriegsjahren

zu kämpfen hatten, zeigt sich hier auch der Beginn der Erfolgsgeschichte des Hochhauses,

die erst in den 1970er Jahren ein Ende finden sollte.13 Die Wohnungen in den

Grindelhochhäusern waren von Anfang an sehr begehrt. Besonders die technische

Ausrüstung von der Heizung bis zur gemeinschaftlichen Waschküche überzeugte.

Zwar gab es anfangs ein paar Schwierigkeiten,14 so den ungenügenden Schallschutz

und die nicht funktionierenden Müllabwurfschächte, trotzdem waren die Bewohner

mit der Ausstattung ihres neuen Heimes höchst zufrieden. Dies soll aber nicht darüber

hinwegtäuschen, dass das erste Nachkriegsjahrzehnt, nicht nur was das Bauen

Teil 5: Das Hochhaus in Westdeutschland von 1945 bis 1980: ein Gewebe von Gestaltung und Technik

77


92 Teil 5: Das Hochhaus in Westdeutschland von 1945 bis 1980: ein Gewebe von Gestaltung und Technik

ein Überwinden der baupolizeilichen Barrieren. Hierzu spielen sie den Wunsch des

Bauherrn nach einem wirtschaftlichen Gebäude aus. Ihre Technikaffinität und die

Erfahrungen ihrer USA-Reisen dürften dabei gleichzeitig Triebfeder und Erfahrungsschatz

für den Planungs- und Genehmigungsprozess gewesen sein. Die Freiheit, die

ihnen das Sicherheitstreppenhaus bei der Gestaltung des Unilever-Hochhauses verschaffte,

nutzten Hentrich und Petschnigg konsequent aus. Auch hierbei stellen sie eine

Synergie zwischen dem Wunsch der Bauherren nach einem wirtschaftlichen Gebäude

und ihrem Gestaltungswillen dar. Dieser Gestaltungswille zeigt sich in der expressiven

und plastischen Form des Gebäudes, die wie ein Vorgriff auf die von Strukturalismus

und Kybernetik geprägten Bürobauten wirkt. Der Kern ist hier zum voll entwickelten

Subensemble aus Tragwerk, Liften, Sicherheitstreppen, Haustechnik und Horizontalverkehr

geworden. Gestaltung und Technik sind dabei in eine enge Wechselbeziehung

eingetreten, folglich wird bauliche Realität, was Mies 1921 schematisch vorgedacht hat.

Genesepfad 2: Brikettgrundriss – Formalismus und Komplexität

Einführung

Le Corbusier war ein Verfechter des Hochhauses, verachtete jedoch die US-amerikanische

Architektur und sah in Manhattan das »mit allen Mitteln zu bekämpfende,

neo-mittelalterliche Schreckensszenario.«78 Konsequenterweise entwickelte er eigene

Hochhaustypen, am bekanntesten sind der Typ des im Grundriss kreuzförmigen

Hochhauses der Ville Radieuse sowie die Unité d’Habitation. Ein weiterer Typ zeigt

sich 1931–1934 im Kontext von Corbusiers Arbeiten für Algier.79 Der Grundriss ergibt

sich aus einem Rechteck, dessen Längsseiten man mittig teilt und so dreht, dass in

der Mitte ein stumpfer Winkel entsteht. Der Genesepfad, der sich ausgehend von

diesem Entwurf aufzeigen und bei den Hochhäusern Westdeutschlands bis in die

1960er Jahre verfolgen lässt, soll als der des Brikettgrundrisses bezeichnet werden.80

Bei Corbusier folgen weitere Entwürfe aus diesem Schema heraus: der Entwurf für

die Rentenanstalt in Zürich aus dem Jahr 193381 und ein weiterer Hochhausentwurf

für Algier aus den Jahren 1938–1941.82 Corbusier arbeitet bei all diesen Entwürfen mit

dem plastischen Potenzial, das sich aus der Grundrissform für das Gebäude ergibt.

Entsprechend widmet er sich besonders der Fassadengestaltung, den Aufbauten und

dem Sockel. Die Grundrisse dagegen wirken generisch und ziehen kaum Gewinn aus

den Besonderheiten der Geometrie. Wenig differenzierte Stützenraster und lose verteilte

Elemente der Vertikalerschließung bestimmen das Bild, lediglich die sich zu

ihren Enden verjüngenden zentralen Erschließungsgänge bringen etwas Spannung

in den Grundriss. Aspekte wie Tragwerk und Vertikalerschließung sind zwar durchaus

sauber gelöst, strukturelle Synergien mit der Erscheinung der Gebäude bleiben

aber aus. Mit ihrem Entwurf für das Pirelli-Hochhaus in Mailand aus dem Jahr 195583

drücken Giò Ponti und Pier Luigi Nervi dem Brikettgrundriss dann ihren Stempel auf.

An jeder Stirnseite positionieren sie im Grundriss dreieckige Kerne, die Längs- und


Rathaus Düren

1954 W , Denis Boniver

Telefunken-Hochhaus, Berlin

1957 EA , Paul Schwebes und Hans

Schoszberger

0

5m

0

5m

20m

20m

0 5m 10m

Wohnhochhaus, Bartningallee 5, Berlin

1955 EA , Luciano Baldessari

0 5m

20m

Niedersächsische Landesverwaltung,

Hannover

1960 EA , Gerd Fesel

Abbildung 8: Grundrisse der im Rahmen des Genesepfades Brikettgrundriss betrachteten

Hochhäuser. Eigene Grafik.

Querkräfte sowie vertikale Infrastrukturen aufnehmen. In Querrichtung wird das Gebäude

außerdem durch zwei sich nach oben verästelnde Querschotten geteilt. In der

Mitte des Grundrisses zeigt sich der typische, sich verjüngende Mittelgang. Schotten

und Kerne prägen und gliedern auch die Fassaden. Die Zusammenarbeit des Betonpioniers

Nervi und des Architekten Ponti führt hier zu einer untrennbaren Einheit von

Gestaltung und Technik. Die Zweistufigkeit im Genesepfad des Brikettgrundrisses

– zunächst nach dem Modell Corbusier, dann in der strukturell komplexeren Form von

Ponti und Nervi – lässt sich auch in Deutschland beobachten. Das Rathaus in Düren

von Denis Boniver aus dem Jahr 1954E orientiert sich an Le Corbusier, während das

Wohnhochhaus der Internationalen Bauausstellung 1957 von Luciano Baldessari an

der Bartningallee 5 deutlich den Einfluss von Ponti und Nervi zeigt. Die beiden Gebäude

sind die ersten Vertreter des Typs in Deutschland, bei denen der Brikettgrundriss

als Alternative zum geometrisch-kubischen Konzept des Hochhauses von der

Teil 5: Das Hochhaus in Westdeutschland von 1945 bis 1980: ein Gewebe von Gestaltung und Technik

93


112 Teil 5: Das Hochhaus in Westdeutschland von 1945 bis 1980: ein Gewebe von Gestaltung und Technik

was sie unglücklich groß werden ließ.131 Der Wettbewerbserfolg von Bakema und van

den Broek und die darauffolgende (Teil-)Realisierung des Projektes blieben von Heinz

Rasch nicht unbemerkt. Rasch hatte das Prinzip des Hängehochhauses inzwischen

durch mehrere Studien und Wettbewerbsbeiträge weiterentwickelt und das »Gebäude

mit einem oder mehreren vertikalen Röhren und an deren oberen Enden aufgehängten

Geschossdecken« 1956 patentieren lassen.132 In Briefen an den Stadtdirektor von

Marl, die Architekten van den Broek und Bakema sowie die Zeitschrift Bauwelt versuchte

Rasch sich als wahrer Experte für Hängehochhäuser zu positionieren.133 Ob

van den Broek und Bakema die Projekte und Schriften der Brüder Rasch kannten, ist

nicht belegt. Sehr wohl belegt ist, dass die Niederländer sich schon vor Marl intensiv

mit Hängekonstruktionen beschäftigt hatten.134

Sparkasse Wuppertal, 1967 EA

Paul Schneider-Esleben gewann 1962 den Wettbewerb für die Ausführung des Neubaues

der Sparkasse Wuppertal (▶Projektkatalog S. 256). Der Entwurf gliedert sich

in einen Flachbau, der sowohl die Schalterhalle mit Büros als auch eine große Parkgarage

aufnimmt, und ein sich darüber erhebendes Hochhaus. Am Wettbewerb nahm

auch Heinz Rasch teil, selbstverständlich mit einem Hängehochhaus. Baubeginn

nach Plänen von Schneider-Esleben war erst im Jahr 1969, in der Zwischenzeit wurde

der Entwurf grundlegend umgearbeitet. Der Bauherr wünschte im Erdgeschoss

stützenfreie Räume,135 daraufhin kam sowohl für das 75 Meter hohe Hochhaus als

auch für den Flachbau im Bereich der Schalterhalle eine Hängekonstruktion zur Anwendung.

Der Wettbewerbsbeitrag von Schneider-Esleben basierte auf einem konventionellen

Tragwerk. Die formale Umsetzung des Konstruktionsprinzips ist bei

beiden Gebäudeteilen sehr ähnlich. Heinz Rasch empörte sich über die Änderung

des Wettbewerbsentwurfes und sah sein Patentrecht verletzt. Zu einer juristischen

Auseinandersetzung kam es hier aber nicht.136 Die Änderung hin zur Hängekonstruktion

kam Schneider-Esleben sicher entgegen, da er so einen guten Nährboden für

seine technikaffine Architektursprache fand.

Der Grundriss des Hängehochhauses in Wuppertal zeigt sich als sehr klar und

sauber strukturiert. Der Kern ist symmetrisch aufgebaut. Ein Gang, der zugleich

Liftlobby ist, durchschneidet ihn quer. Auf der einen Seite des Ganges liegen zwei

Fluchttreppen und drei Lifte, auf der anderen die Sanitäranlagen und ein zentraler

Technikschacht. Es ist anzunehmen, dass für die innen liegenden Fluchttreppen wie

in Marl eine Sondergenehmigung vorlag. Schächte für eine Drucklüftung und damit

verbundene Entrauchung, wie beim Unilever-Hochhaus von Hentrich und Petschnigg

oder beim Abgeordnetenhochhaus von Eiermann, sind im Grundriss nicht zu sehen.

Dafür sind die Treppenhäuser durch eine Schleuse vom Gang entkoppelt, um die Verrauchung

zu verhindern. Es ergibt sich außerdem, ebenfalls wie in Marl, die Möglichkeit,

die Treppenhäuser nach oben zu entrauchen. Stützenfrei liegt um den Kern die

circa 5 Meter tiefe Bürofläche. Vor jeder Fassade liegen zwei Hängeelemente, die über

Konsolen an die Geschossdecken anschließen. Kantig und plastisch hat Schneider-


Esleben den oberen Abschluss des Hochhauses herausgearbeitet. Das oberste Geschoss

ist auf die Kragkonstruktion aufgestellt und bildet eine abschließende Laterne. Nach

unten läuft dieses Geschoss im Winkel der Druckstäbe der Kragkonstruktion bis auf

den Kern zurück, sodass sich eine umlaufende Nut ergibt, welche die Laterne von den

Bürogeschossen trennt und die Kragkonstruktion nach außen sichtbar belässt. Die

Hängeelemente aus Spannbeton werden nach unten immer dünner und bilden damit

die Abnahme der in ihnen wirkenden Zugkräfte ab. Das Dach der Laterne ruht auf kräftigen

Stützen, die in Verlängerung der Hängeelemente liegen. Die Fassade des Turmes

ist durch den horizontalen Wechsel der Betonbrüstungen und der durchlaufenden

Fensterbänder horizontal gegliedert. Die Proportionen des Hochhauses sind elegant,

die sichtbaren Tragwerkselemente fügen sich in ihrem Maßstab, ihrer Formensprache

und Detaillierung schlüssig in das Gesamtbild ein. Besonders überzeugend wirkt das

Hochhaus im Zusammenspiel mit dem Flachbau der Schalterhalle. Bis ins Detail, wie

die Materialwahl des Ausbaues und die Möblierung, konnte Schneider-Esleben hier

seinen Gestaltungswillen mit aller Konsequenz durchhalten.

Olivetti-Hochhäuser, 1967 E

1967 beauftragte die italienische Firma Olivetti Egon Eiermann mit der Planung für ein

Verwaltungs- und Fortbildungszentrum in Frankfurt-Niederrad (▶Projektkatalog

S. 254). Das Projekt besteht aus einem zweiteiligen, zweigeschossigen Flachbau und zwei

sich darüber erhebenden Hochhäusern. Der erste Entwurf Eiermanns sah eines der

Hochhäuser als Hänge- und eines als Kelchkonstruktion vor. Eine in ihrer Erscheinung

identische Pyramide, die sich aus dem Kern heraus entwickelt, liegt beim Kelchhaus

unter dem Skelett der Geschosse und stützt diese; beim Hängehochhaus liegt sie über

den Geschossen und bildet eine Kragkonstruktion, von der diese abgehängt sind.

Sowohl bei den Hochhäusern als auch beim Flachbau sah Eiermann dabei ein Mischkonstruktion

vor: Beton für die Kerne und Stahl für das sie umgebende Skelett. So würde

er bei der Ausformulierung der Gebäude nicht auf die ihm so wichtige Präzision und

Filigranität von Stahl verzichten müssen und genügte gleichzeitig den konstruktiven

und wirtschaftlichen Anforderungen an die Primärkonstruktion der Kerne. Die grundsätzliche

Wahl eines Konstruktionsprinzips, das sich im Erdgeschoss auf den Kern des

Hochhauses reduziert, begründete Eiermann mit der organisatorischen Notwendigkeit,

die Hochhäuser unmittelbar an den Flachbau heranzurücken, sowie mit dem

knappen Zuschnitt des Grundstückes.137 Obwohl Olivetti Eiermann ansonsten völlig

freie Hand ließ, einigte man sich aus Kostengründen doch darauf, beide Hochhäuser

als Kelchkonstruktionen auszuführen.138 Damit sind die Olivetti-Hochhäuser streng

genommen nicht Teil des Genesepfades der Hängehochhäuser. Gerade weil sie, oder

genauer gesagt eines von ihnen, aber als gescheiterte Hängehochhäuser betrachtet

werden können, sind hier interessante Schlüsse zu ziehen.

Mit 22 × 26 Metern Grundfläche weichen die Türme im Grundriss leicht vom Quadrat

ab. Der Kern liegt als inneres Offset der Fassade mittig im Grundriss. Auch dieser

kompakte Kern ist durch einen quer liegenden Gang, der gleichzeitig als Liftlobby dient,

Teil 5: Das Hochhaus in Westdeutschland von 1945 bis 1980: ein Gewebe von Gestaltung und Technik

113


136 Teil 5: Das Hochhaus in Westdeutschland von 1945 bis 1980: ein Gewebe von Gestaltung und Technik

Wie schon beim Genesepfad der räumlichen Komplexität beschrieben, liegt der

Einraum diagonal im Grundriss des Hochhauses. Er ist knapp 1000 Quadratmeter

groß, was eine Belegung von circa 100 Personen ergeben hätte.218 Es gibt zwei Kerne

zu beiden Seiten des Großraumes. Wie beim Verwaltungsbau der Deckel-Maschinenfabrik

öffnen sich die Lifte mit Blick in den Großraum hinein. Vor den Liften

befindet sich ein Luftraum, der die Großräume zweier Geschosse visuell und mit

großzügigen Treppen verbindet. Nur vier Stützen stehen frei im Großraum. Damit

folgten Siegel und Wonneberg dem von Siegel für das Großraumbüro ausgegebenen

Credo: »Stützen stören immer, und sollten durch große Deckenspannweiten auf ein

Minimum reduziert werden.«219 Durch diese Aussage legt Siegel auch die Verbindung

des Genesepfades des Großraumes mit dem der brutalen Konstruktion offen. Mit

der Aufteilung des Kernes gingen Siegel und Wonneberg einen neuen Weg, der tatsächlich

einer neuen, aus den Anforderungen und Eigenschaften des Großraumes

generierten Logik entspricht. Bis auf Weiteres als Sackgasse erwiesen hat sich aber

bis heute der Versuch, den Großraum über mehrere Hochhausgeschosse hinweg als

einen Einraum zu behandeln. Vor allem der Brandschutz, aber auch die aufwendige

Konstruktion können mit großer Sicherheit als Gründe benannt werden, dass sich

der Entwurf von Siegel und Wonneberg weder im Wettbewerb durchsetzen konnte

noch irgendwo aufgegriffen wurde. Die horizontale Teilung der Geschosse auch als

Teilung in Brandabschnitte zu betrachten, ist bis heute aus gutem Grund eine Regel,

von der nur unter enormem technischem Aufwand wenige Ausnahmen gelingen.

Durch sein Scheitern ist der Entwurf für das Verwaltungs- und Forschungsgebäude

der Firma Osram also ein unerreichter Höhepunkt des Großraumbüros im Hochhaus.

Der Entwurf bleibt skizzenhaft, trotzdem ist zu beobachten, dass die diagonale

Ausrichtung des Großraumes sowie die Geometrie der Kerne und der Lufträume zu

einer Formensprache führten, die einerseits in Wechselwirkung mit den technischen

Anforderungen des Großraumes steht; und die anderseits nicht leugnen kann, von

der eigenständigen Ästhetik der Bürolandschaften inspiriert zu sein.

Hypo-Hochhaus, 1970 E

Ab 1970 begannen Bea und Walter Betz im Auftrag der HypoVereinsbank mit der

Planung für ein Verwaltungsgebäude (▶Projektkatalog S. 266), in dem die Bank

ihre über verschiedene Standorte verteilte Zentrale zusammenziehen wollte. 1975

war dann Baubeginn für das Hypo-Hochhaus, heute HVB Tower genannt. Das Gebäude

wurde 1981 fertiggestellt und war mit einer Höhe von knapp 114 Metern und 27

oberirdischen Geschossen lange das höchste Bürogebäude Münchens. Zusammen

mit dem BMW-Hochhaus markiert das Hypo-Hochhaus ein kurzes Aufblühen expressiver,

futuristischer Architektur in München. Auch wenn dies auf den ersten Blick

nicht zu erkennen ist, haben die beiden Hochhäuser auch konstruktiv eine große

Gemeinsamkeit: Wie das BMW-Hochhaus ist auch das Hypo-Hochhaus in Teilen eine

Hängekonstruktion. Zwischen den vier Kernen spannt auf ungefähr einem Drittel der

Gebäudehöhe eine Rahmenkonstruktion, von der bis zu fünf Geschosse abgehängt


sind, während die oberen Geschosse auf diesem Rahmen stehen. Das Hochhaus

scheint daher teilweise über dem zu ihm gehörigen Flachbau zu schweben. Eine

weitere Gemeinsamkeit zwischen BMW-Hochhaus und Hypo-Hochhaus ist, dass

beide gleichzeitig nach oben und unten gebaut wurden. Die Rahmenkonstruktion

des Hypo-Hauses wurde am Boden gebaut, dann an den Kernen emporgezogen und

schließlich wurden parallel die Hängegeschosse nach unten und die Druckgeschosse

nach oben gebaut.220

Der Grundriss wird von fünf runden Kernen bestimmt. Sie nehmen alle Vertikalund

Horizontalkräfte auf und leiten diese ins Erdreich. Einer dieser Kerne hat mit

14 Metern circa den doppelten Durchmesser der anderen Kerne und in seiner Mitte

liegt eine Liftlobby, um die neun Lifte im Dreiviertelkreis angeordnet sind. Das verbleibende

Viertel des Kreises dient dem Zugang. Dieser Hauptkern ist mit einem der

kleinen Kerne verschmolzen, in dem sich eine Treppe befindet. In den verbleibenden

drei Kernen sind jeweils eine weitere Treppe und Technikschächte untergebracht.

Zwischen den Kernen befindet sich die komplexe Geometrie der Bürofläche. Sie

ergibt sich aus der Überlagerung von drei verschieden großen gleichschenkligen

Dreiecken, die zur Gebäudemitte zeigen. Diese Dreiecke treten in der äußeren Erscheinung

des Hypo-Hochhauses klar hervor, da sie unterschiedlich hoch sind und

zwei von ihnen über dem Sockelbau schweben. Im Grundriss erscheint die Fassade

damit als vielfach im 45- und 90-Grad-Winkel abknickende Linie und steht so im

spannungsvollen Kontrast zu den runden Kernen. Diese liegen teils vor der Fassade,

teils in Nischen, die sich aus den Abständen zwischen den Dreiecken ergeben. In

der Bürofläche stehen beziehungsweise hängen in einem Raster von 10 auf 10 Meter

Stützen. Angrenzend an den Hauptkern befindet sich frei in der Nutzfläche stehend

ein nicht tragender Block, in dem unter anderem Sanitärräume untergebracht sind.

Im Hypo-Hochhaus ist damit die technische, organisatorische und gestalterische

Konvergenz, die schrittweise zur Entwicklung des Verbundkernes geführt hat, aufgehoben.

Während im Verbundkern Wandscheiben, Lifte, Schächte, Räume und die

Vertikalverteilung zu einer kompakten synergetischen Einheit zusammengefunden

haben, wird diese hier wieder aufgelöst. Es setzt sich damit eine Entwicklung fort,

die schon im zuvor besprochenen Verwaltungs- und Forschungszentrum für Osram

Ausdruck fand. Die Aufspaltung des Kernes in mehrere kleine Kerne löst den Konflikt

zwischen Hochhausstruktur und Großraumbüro nicht nur auf, sondern schafft

neue Synergien und funktionale Mehrfachbelegungen, in anderen Worten: eine neu

gelagerte Konvergenz. Die Bürofläche erscheint plötzlich nicht mehr als Offset des

Kernes, sondern als richtungslose offene Fläche, auf der sich die Bürolandschaft frei

ausbreiten kann. Die Kerne am Rand dieser Fläche erlauben optimale Fluchtwege,

über die Treppen entstehen kurze Wege in andere Geschosse und auch die Haustechnik

profitiert von kurzen horizontalen Wegen auf den Geschossen. Diese neue

Logik scheint der Quellcode des Entwurfes zu sein.221 Auch hier handelt es sich um

eine Interferenz von Gestaltung und Technik. Diese wechselseitige Beziehung zeigt

sich zum Beispiel in den Kernen, die voll der technisch-strukturellen Logik folgen,

aber ebenso ein spannungsreiches gestalterisches Element sowohl des Grundrisses

als auch der äußeren Erscheinung sind. Ebenso generiert die gesamte Grundrissgeometrie

eine ganz eigene Ästhetik aus der Logik der damaligen Bürolandschaften.

Teil 5: Das Hochhaus in Westdeutschland von 1945 bis 1980: ein Gewebe von Gestaltung und Technik

137


152 Teil 5: Das Hochhaus in Westdeutschland von 1945 bis 1980: ein Gewebe von Gestaltung und Technik

des Projektes zu reagieren. Er zahlte dafür jedoch einen Preis und löste die Zwänge

nicht völlig auf: Die Schotten liegen als Störfaktor in der Nutzfläche. Die Treppenhäuser,

die als technische Individuen zunächst eine eher untergeordnete Rolle zu spielen

scheinen, zeigen auf den zweiten Blick, dass sie in diesem engmaschigen Gewebe aus

Gestaltung und Technik eine Schlüsselrolle spielen und in engster Wechselbeziehung

zur Volumetrie des Gebäudes stehen.

Rathaus Göttingen, 1975 E

Da die Verwaltung der Stadt über viele Standorte verteilt war, beschloss der Stadtrat

1969 einen Rathausneubau für Göttingen (▶Projektkatalog S. 275). Am Wettbewerb

hierzu beteiligten sich 100 Büros. Das Programm und die Planung erwiesen sich aber

als zu ambitioniert und kostspielig, sodass ein neuer Anlauf genommen wurde. Für

diesen wurden aus den Wettbewerbsteilnehmern drei Göttinger Büros ausgewählt und

zu einem Gutachterverfahren eingeladen. 1975 erhielten dann zwei dieser Büros den

Auftrag, zusammen das Rathaus zu planen: Das Büro von Gerhard Brütt und Heinrich

Brandis und das Büro Friedrich Wageners.270 Sowohl Gerhard Brütt als auch Heinrich

Brandis hatten vor der gemeinsamen Bürogründung im Jahr 1966 leitende Positionen

im Stadtbauamt Göttingen bestritten.271 Das Hochhaus mit 17 Geschossen und einer

geschätzten Höhe von 70 Metern wurde 1978 fertiggestellt und wird bis heute als Rathaus

genutzt. Zum Rathaus gehört ein zweigeschossiger Sockelbau, der den Ratssaal

sowie andere vom Publikum stark frequentierte Verwaltungsfunktionen beherbergt.

Beim Göttinger Rathaus handelt es sich um ein Punkthochhaus mit einer kristallin

erscheinenden und sehr plastischen Kubatur. Das Zentrum des Grundrisses

nimmt ein rechteckiger, sehr klar organisierter Kern ein. In einer seiner Längsfronten

liegen vier Personenlifte in einer Reihe. Die daraus resultierende Teilung zieht sich

durch den ganzen Kern und ergibt hinter den Liften Raum für zwei Sanitärräume,

einen Servicelift mit Vorraum und einen Technikraum mit Schacht. Um den Kern

herum erstreckt sich ein Gang als Horizontalerschließung, er weitet sich an den

Kernecken auf und ist hier windmühlenförmig zur Fassade hin fortgesetzt. Wo der

Gang auf die Fassade trifft, erhält er Tageslicht und schließt an die vier Fluchttreppen

an, die um 45 Grad zum Kern verdreht sind. Zwischen den Treppenhäusern ergeben

sich so vier Quadranten, in denen die Büronutzung liegt. Die Fassade zwischen zwei

Treppenhäusern knickt jeweils zweimal um 45 Grad ab, die Ecken der Treppenhäuser

und des Kernes sowie die Trennwände zwischen Erschließungsgang und Büros

knicken ebenfalls mehrfach in 45-Grad-Winkeln ab, sodass die Dynamik der Windmühlengeometrie

verstärkt wird und sich eine für die 1970er Jahre charakteristische

strukturalistische Formensprache ergibt. Kern und Treppenhäuser sind als Betonröhren

ausgebildet, die Bodenplatten dazwischen werden von Stützen getragen, die

in einem Raster von 7,2 mal 7,2 Metern angeordnet sind. Der Grundriss ist sehr klar

strukturiert und bietet kurze (Flucht-)Wege. Der Erschließungsgang hat durch seine

Großzügigkeit und das vorhandene Tageslicht Aufenthaltsqualitäten. Dem gegenüber

steht die geringe Effizienz des Grundrisses: Auf jedem Regelgeschoss stehen circa


500 Quadratmeter Bürofläche zur Verfügung, was einer Effizienz von nur circa 54 Prozent

entspricht.272 Der Grund hierfür ist neben der großzügigen Erschließungsfläche

das Überangebot an Treppenhäusern. Hinsichtlich Fluchtweglängen und -kapazität

hätten zwei der vier Treppen ausgereicht.

Die äußere Erscheinung des Rathauses ist von Fensterbändern in spiegelndem

Sonnenschutzglas und braunen Aluminiumprofilen sowie aufwendig detaillierten,

vorgehängten Waschbetonfertigteilen geprägt. Die Treppenhäuser sind bis auf einen

über die gesamte Gebäudehöhe durchlaufenden Fensterschlitz als geschlossene

Volumen ausgebildet. Die Vertikale der Treppentürme wird des Weiteren durch den

schrägen oberen Abschnitt und die vertikale Kannelur der Betonfassade in diesen Bereichen

betont. Es scheint, als wollten die Architekten mit der extremen Betonung der

Vertikalen bei den Treppenhäusern die gedrungene Proportion des Rathausturmes

kompensieren. Die Höhe ist mehrfach abgestuft. Am niedrigsten ist das Hochhaus

im Bereich des von der Innenstadt abgewandten Quadranten. Ein weiterer Quadrant

ist um ein Geschoss höher und nur zwei der Quadranten haben die volle Höhe von

17 Geschossen. Im Zentrum überragt ein Technikaufbau alle Quadranten. Er endet

auf derselben Höhe wie die schrägen Abschnitte der Treppenhäuser. Den oberen Abschluss

des Gebäudes im Bereich der Bürofassade bildet eine zwei Geschosse hohe

Betonfassade, in die vereinzelt Fenster und Lüftungsgitter eingeschnitten sind. In

den zwei höchsten Quadranten liegt die Kantine des Rathauses im Bereich des oberen

Abschlusses. Sie wird durch große rechteckige Fensteröffnungen in der Fassade

ablesbar. Der durch ein Vordach markierte Haupteingang befindet sich im Bereich

des Hochhauses, dort ist die Fassade hinter die Stützen eingezogen und großflächig

verglast. Teile der Fassade setzen hier knallgelbe Akzente und stehen in überraschendem

Kontrast zum restlichen Gebäude.

Das Göttinger Rathaus zeigt sich als ausgereifte Hochhausstruktur und Improvisation

der Logik des Verbundkernes, bei der die Fluchttreppen aus dem Kern ausgelagert

sind. Technisch wird durch diese Auslagerung die notwendige Entrauchung

der Treppenhäuser ermöglicht. Gestalterisch sind die Treppen, ganz anders als beim

Verbundkern, sowohl im Grundriss als auch in der äußeren Erscheinung exponiert und

avancieren damit zu einem kraftvollen Gestaltungselement. Im Grundriss erscheint

das Hochhaus als wiederholbares Modul einer Großstruktur, die Treppenhäuser gleichen

den Kupplungen zu den nächsten Modulen. Verstärkt wird dieser Effekt durch

den Flachbau, der sich im Grundriss in derselben Logik als modular erweist. Auch

die äußere Erscheinung ist von den Treppenhäusern geprägt. Sie sind das Bindeglied

zwischen dem logisch-geometrischen Aufbau des Grundrisses und der plastischen

Volumetrie. Ohne Weiteres kann für das Göttinger Rathaus der Begriff der Stadtplastik

im Sinne der Hochhäuser der 1920er Jahre gebraucht werden. In Göttingen entspringt

die Gestalt des Gebäudes einer Haltung, wie dies beim BMW-Hochhaus und beim

Hypo-Hochhaus schon herausgearbeitet wurde: Beim BMW-Hochhaus ergab sich

die expressive Form durch eine Auseinandersetzung mit dem Tragwerk; beim Hypo-

Hochhaus aus einer Auseinandersetzung mit der Organisation, dem Großraum und

sekundär auch mit dem Tragwerk. In Göttingen sind es die Fluchttreppen, an denen

sich die Architekten abarbeiteten, um hieraus eine charakteristische plastische Form

zu schaffen. Die Architekten Brütt, Matthies und Wagener gingen dabei aber einen

Teil 5: Das Hochhaus in Westdeutschland von 1945 bis 1980: ein Gewebe von Gestaltung und Technik

153


168 Teil 6: Schlussbetrachtung

Damit sind die Erkenntnisse aus der hier vorgenommenen Betrachtung nur sehr bedingt

auf die gegenwärtige Situation anwendbar, die Fasern des Taues reichen nicht

bis in die Gegenwart. Es sei an dieser Stelle aber auf den potenziell diskontinuierlichen

Charakter von Genesepfaden erinnert. Durch ihn ist es möglich, dass Pfade, die als

beendet erscheinen, in zukünftigen Entwicklungen wieder aufgenommen werden.

Prognosen hierzu lassen sich an dieser Stelle aber nicht geben.

Der Verbundkern hat nichts an Relevanz eingebüßt und scheint ein Urtyp, der

in seiner intrinsischen Logik extrem stabil ist. Derartige Strukturen und Formen, zu

denen es zwar Alternativen gibt, die sich aber dauerhaft als Archetypen halten, gibt

es auch in anderen Bereichen von Gestaltung und Technik, so zum Beispiel der Diamant-Rahmen

des Fahrrades oder die Form von Glocken.21

Wie der Pfad des Verbundkernes so setzt sich auch der rein bauteilbezogene

Pfad der Treppe naturgemäß in die heutige Zeit fort. Der Bautyp Hochhaus kann

nicht ohne ihn – außer die Lifte können die Funktionen der Treppe eines Tages vollständig

übernehmen, was aber trotz der raschen Entwicklungen in diesem Bereich

weder kurz- noch mittelfristig realistisch erscheint. Im Genesepfad der Treppe und

dessen aktuellen Entwicklungen zeigt sich, dass die technische Konvergenz ihre

Wirkung weiter entfaltet hat. Wie schon ausgeführt, bedeutet die fortschreitende

Systemintegration und Konvergenz für ein System oder Bauteil auch einen Verlust von

Freiheitsgraden. Im Weiteren kann es zu funktionalen Überanpassungen kommen,

welche die Genese blockieren und daher funktionale Probleme zur Folge haben, wenn

es zu Veränderungen des Milieus kommt. Als Beispiel nennt Simondon Flugzeuge,

die zwar in großer Höhe sehr gut funktionieren, die aber Probleme bei Start und

Landung haben.22 Eine funktionale Überspezialisierung ist heute bei der Treppe im

Hochhaus zu beobachten. Sie erscheint im Verbundkern als fast schon normiertes,

immer nahezu gleiches Bauteil, was als eine Überanpassung an die Anforderungen

der Wirtschaftlichkeit und des Brandschutzes gedeutet werden muss. Der Druck der

Wirtschaftlichkeit verlangt von der Treppe räumliche Kompaktheit, die immer strikter

und komplexer gewordene Gesetzgebung des Brandschutzes führt zu Repetition und

Modulbildung. Im Gegensatz zu dieser Homogenisierung weist der Projektkatalog der

Jahre 1945–1980 eine enorme Vielfalt hinsichtlich der Gestalt der Treppen auf. Dem

Beispiel Simondons folgend könnte die Überspezialisierung der Treppe dann zu Problemen

führen, wenn sich das assoziierte Milieu des Hochhauses ändert. Dies könnte

geschehen, wenn der Bautyp des Hochhauses als Reaktion auf die sich gerade stark

verändernden gesellschaftlichen und städtebaulichen Rahmenbedingungen – etwa

infolge des enormen Bedarfs nach Wohnraum – in anderen als den bisher bekannten

Situationen Anwendung finden sollte, da die Überspezialisierung die Anpassungsfähigkeit

und die strukturellen Freiheitsgrade einschränkt.

Die durch die Betrachtung der Genesepfade herausgearbeiteten Impulse oder

auch die den Genesepfaden innewohnende Logik direkt auf die aktuelle Situation

anzuwenden, muss abschließend als schwierig bezeichnet werden. Indirekt kann

dies basierend auf dem hier generierten Wissen und Bewusstsein hinsichtlich sowohl

theoretischer Zusammenhänge der Genese des Hochhauses als auch konkreter praktischer

Möglichkeiten, Lösungen aber auch Probleme durchaus geschehen. Wie in der

Einleitung dargestellt, wird der Bautyp Hochhaus oft als architektonische Blackbox


wahrgenommen. In sie wird mit der Betrachtung der Genesepfade nun etwas Licht

gebracht. Da nur gestaltet werden kann, was verstanden wird, ergibt sich hieraus die

Hoffnung, dass die Betrachtungen der Genesepfade einen Impuls auf die aktuellen

und zukünftigen Entwicklungen haben können.

Zukunftspotenziale: sieben Thesen

Die mit einer funktionalen Überspezialisierung einhergehende Homogenisierung –

oder auch typologische Erschöpfung – ist nicht nur bei der Treppe, sie ist auch beim

Kern des Hochhauses zu beobachten. Er zeigt sich als hochkomplexes Bauteil oder

Subensemble mit relativ geringen Varianzen. Je normierter aber die Teile eines Systems,

zum Beispiel Treppe und Kern, desto vorhersehbarer ist das Ergebnis.23 Damit

wirkt sich die aufgezeigte Homogenisierung auf die gesamte Hochhausstruktur aus

und entzieht sie zu einem gewissen Grad der Gestaltung, die im Wechselspiel mit der

Technik auf Freiheitsgrade angewiesen ist. Es entsteht eine Situation, die, trotz eines

ganz anderen Hintergrundes, an die der Frühzeit des Hochhauses erinnert, und es

kann der Bogen zurück zur Einleitung der vorliegenden Arbeit geschlagen werden.

Dort wurde Niklas Maak zitiert, der einige der aktuellen Hochhäuser als »verlegen,

verbogen, sich krampfhaft krümmend und windend«24 kritisiert. Dies kann in der

vorgeschlagenen Lesart damit begründet werden, dass durch die funktionale Überspezialisierung

und die damit einhergehende Homogenisierung die rekursive Beziehung

zwischen Gestaltung und Technik unterbrochen wurde und die Gestaltung

dies nun zu kompensieren sucht. Anders als in der Frühzeit des Hochhauses wird

dazu aber nicht das Formenrepertoire der Baugeschichte herangezogen, sondern

ein expressives und ikonografisches Vokabular, das Maak nicht ohne Grund mit dem

Bilbao-Effekt in Verbindung bringt und das der typologisch erschöpften Hochhausstruktur

einfach übergeworfen wird.25

Anhand von sieben Thesen soll nun unterstrichen werden, dass im Bautyp des

Hochhauses ungenutzte Potenziale liegen, die zur Lösung der aktuellen Herausforderungen

unserer gebauten Umwelt – Schaffen von Wohnraum, suffizienter Umgang

mit Ressourcen, Vitalisierung und Aufwertung der Städte sowie die mit all dem verbundene

Verdichtung derselben – beitragen können.

1. Gewebe von Gestaltung und Technik: Dass ein Mangel an Interaktion zwischen

Gestaltung und Technik die Genese des Bautyps Hochhaus bremsen und

damit Anpassungen an Verschiebungen im assoziierten Milieu verhindern kann, ist

in dieser Arbeit mehrfach dargestellt worden. In genau diesen Anpassungen oder

Spezialisierungen liegen aber die Potenziale des Hochhauses im Hinblick auf die

aktuellen Herausforderungen. Damit gilt es, die Interaktion zwischen Gestaltung

und Technik bewusst zu aktivieren und sie auf die Verschiebungen des assoziierten

Milieus zu projizieren. Die Gestaltung muss dabei Offenheit für die Technik zeigen

und darf sich dieser nicht verschließen. Die Technik wiederum muss die ihr innewohnenden

Freiheitsgrade aktivieren und gleichzeitig dazu bereit sein, ergebnisoffen

in den Dialog mit der Gestaltung zu treten.

Teil 6: Schlussbetrachtung

169


180 Teil 7: Projektkatalog

Projekt Reliance Building

Architekt Burnham & Root,

später D.H. Burnham

& Co.

Ort

Chicago

Jahr Baubeginn: 1890

Fertigstellung: 1895

Nutzung Büro

Geschosse 15

Betrachtung Frühzeit USA, S. 42–43

Konstruktion Skelett mit Schotten: Stahl/Eisen

Bemerkungen Anfangs mit nur 5 Geschossen geplant

Quellen Grube et al. 1973, S. 16–17 (Grundriss)

Saliga, Zukowsky (Hg.) 1990, S. 33–35

Korom 2008, S. 200–203

Foto Unbekannt, nach Grube et al. 1973, S. 17

0

5m

10m


Projekt Monadnock Building

Architekt Burnham & Root

Ort

Chicago

Jahr Fertigstellung: 1891

Nutzung Büro

Geschosse 16

Betrachtung Frühzeit USA, S. 43–44

Teil 7: Projektkatalog

0

5m

20m

Konstruktion Massiv: Mauwerk und Stahl/Eisen

Bemerkungen Das Gebäude wurde 1893 verlängert.

Alle Angaben beziehen sich auf den ersten Bauabschnitt

Quellen Grube et al. 1973, S. 14–15 (Grundriss)

Saliga, Zukowsky (Hg.) 1990, S. 41–42

Korom 2008, S. 160–163

Foto Unbekannt, nach Grube et al. 1973, S. 14

181


184 Teil 7: Projektkatalog

Projekt Guaranty Building

Architekt Adler & Sullivan

Ort

Buffalo

Jahr Fertigstellung: 1896

Nutzung Büro

Geschosse 13

Betrachtung Frühzeit USA, S. 45

Konstruktion Skelett: Stahl/Eisen

Bemerkungen —

Quellen Korom 2008, S. 209–210 (Grundriss)

Foto Unbekannt, nach Korom 2008, S. 210

0

5m

20m


Projekt Flatiron Building

Architekt Daniel Burnham

Ort

New York

Jahr Fertigstellung: 1902

Nutzung Büro

Geschosse 22

Betrachtung —

Teil 7: Projektkatalog

0

5m

20m

Konstruktion Skelett: Stahl/Eisen

Bemerkungen —

Quellen Landau, Condit 1999, S. 298–304 (Grundriss)

Korom 2008, S. 253–256

Foto Unbekannt, nach Landau, Condit 1999, S. 300

185


194 Teil 7: Projektkatalog

Projekt Tagblatt-Turm

Architekt Ernst Otto Oßwald

Ort

Stuttgart

Jahr Entwurf: 1924

Baubeginn: 1927

Fertigstellung: 1928

Nutzung Büro

Geschosse 18

Betrachtung Frühzeit Deutschland,

S. 69–70

0 5m 10m

Konstruktion Hybrid: Beton

Adresse Eberhardstr. 61, 70173 Stuttgart

Bemerkungen —

Quellen Verlag des Stuttgarter Neuen Tagblatts (Hg.) 1928

Stommer, Mayer-Gürr 1990, S. 211–218


Projekt Wohnhochhäuser am Wannsee

Architekt Walter Gropius

Ort

Berlin

Jahr Entwurf: 1931

Nutzung Wohnen

Geschosse 12

Betrachtung Frühzeit Deutschland, S. 70–71

Teil 7: Projektkatalog

0 5m

20m

Konstruktion Skelett mit Schotten: Stahl

Bemerkungen Nicht realisiert, von Gropius initiativ vorangetrieben

Quellen Giedion 1954, S. 201–203

Probst, Schädlich 1985, Band 1, S. 135–136 (Grundriss)

Nerdinger 1996, S. 156–157

Perspektive Architekt, Bauhaus-Archin, Inv.-Nr. 8755/6 Berlin

195


200 Teil 7: Projektkatalog

Projekt Studienarbeit für ein

Wohnhochhaus

Architekt Frei Otto

Ort

Ohne

Jahr Studie: 1951

Nutzung Wohnen

Geschosse 13

Betrachtung —

0 5m 10m

Konstruktion Schalenkonstruktion: Beton

Bemerkungen Nicht realisiert

Quellen Vrachliotis et al. (Hg.) 2017, S. 286–289

(Grundriss)

Modellfoto Architekt, Südwestdeutsches Archiv für Architektur

und Ingenieurbau


Projekt Hochhaus am Plärrer

Architekt Wilhelm Schlegtendal

Ort

Nürnberg

Jahr

Entwurf: 1951 A

Baubeginn: 1952

Fertigstellung: 1953

Nutzung Büro

Geschosse 16

Betrachtung Genesepfade

Verbundkern und

Treppe, S. 82–83

und S. 144

Teil 7: Projektkatalog

0 5m 20m

Konstruktion Skelett mit Kern: Beton

Adresse: Am Plärrer 43, 90429 Nürnberg

Bemerkungen —

Quellen www.stwn.de

Baumeister, Dezember 1954, S. 792

Hart 1956, Tafel 7

DBZ, Februar 1957, S. 142–143 (Grundriss)

Rimpl 1959, S. 181–183

201


208 Teil 7: Projektkatalog

Projekt Verwaltungsgebäude

Mannesmann AG

Architekt Paul Schneider-

Esleben

Ort

Düsseldorf

Jahr Wettbewerb: 1954

Fertigstellung: 1958

Nutzung Büro

Geschosse 23

Betrachtung Genesepfad

Verbundkern, S. 86–87

Konstruktion Skelett mit Kern: Stahl und Beton

Adresse Berger Allee 9, 40213 Düsseldorf

Bemerkungen —

Quellen Bauen + Wohnen, Heft 9, 1956, S. 313

Rimpl 1959, S. 111–114

Joedicke 1959, S. 158–159

DBZ, Februar 1960, S. 165–183 (Grundriss)

DBZ, März 1965, S. 349–361

Drechsel 1967, S. 202

Lepik, Heß 2015, S. 118–123

0

5m

20m


Projekt Rathaus Düren

Architekt Denis Boniver

Ort

Düren

Jahr Wettbewerb: 1954

Fertigstellung: 1957

Nutzung Rathaus

Geschosse 9

Betrachtung Genesepfad

Brikettgrundriss,

S. 94–95

Teil 7: Projektkatalog

0

5m

20m

Konstruktion Skelett mit Kern und Schotten: Beton

Adresse Kaiserplatz 2, 52349 Düren

Bemerkungen —

Quellen Korrespondenz mit Stadtarchiv Düren (Grundriss)

Wikipedia, zuletzt abgerufen am 01.03.2019

209


226 Teil 7: Projektkatalog

Projekt IBM-Haus

Architekt Rolf Gutbrod und

Bernhard Binder

Ort

Berlin

Jahr Wettbewerb: 1959

Fertigstellung: 1962

Nutzung Büro

Geschosse 9

Betrachtung —

Konstruktion Skelett mit Kern und Scheiben: Beton

Adresse Schillerstr. 2, 10625 Berlin

Bemerkungen —

Quellen Bäte (Hg.) 1963, S. 80–85

DBZ, Februar 1965, S. 161–163 (Grundriss)

0

5m

20m


Projekt Badenwerke AG,

heute Landratsamt

Architekt Theodor Kelter und

Möckel & Schmidt

Ort

Karlsruhe

Jahr

Entwurf: 1960 A

Fertigstellung: 1962

Abriss: geplant

Nutzung Büro

Geschosse 21

Betrachtung —

Teil 7: Projektkatalog

0

5m

20m

Konstruktion Skelett mit Kern und Scheiben: Stahl

Adresse Beiertheimer Allee 2, 76137 Karlsruhe

Bemerkungen —

Quellen Drechsel 1967, S. 198

DBZ, April 1970, S. 611–614 (Grundriss)

Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik

Deutschland (Hg.) 2012, S. 94–97

Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Heft 2, 2013, S. 121–122

227


236 Teil 7: Projektkatalog

Projekt Klöckner-Humboldt-

Deutz AG

Architekt Hentrich und

Petschnigg

Ort

Köln

Jahr Entwurf: 1961

Fertigstellung: 1964

Nutzung Büro

Geschosse 15

Betrachtung Genesepfad Treppe,

S. 146–148

Konstruktion Skelett: Stahl

Adresse Deutz-Mülheimerstr. 111, 51063 Köln-Mülheim

Bemerkungen —

Quellen Peters 1965

Baumeister, April 1966, S. 382–386 (Grundriss)

Hitchcock 1973, S. 68–73

0

5m

20m


Projekt Wohnhochhaus Salute

Architekt Hans Scharoun

Ort

Stuttgart

Jahr Entwurf: 1961

Fertigstellung: 1963

Nutzung Wohnen

Geschosse 20

Betrachtung —

Teil 7: Projektkatalog

0 5m 20m

Konstruktion Massiv: Beton und Mauerwerk

Adresse Sautterweg 5, 70565 Stuttgart

Bemerkungen —

Quellen Bürkle 1993, S. 134–135

Schaukasten vor Ort (Grundriss)

237


242 Teil 7: Projektkatalog

Projekt Gropiusstadt

Architekt Walter Gropius

Ort

Berlin

Jahr Entwurf: 1962

Fertigstellung: 1969

Nutzung Wohnen

Geschosse 31

Betrachtung —

0

geschätzt

Konstruktion Schotten: Beton

Adresse Fritz-Erler-Allee 120, 12351 Berlin

Bemerkungen —

Quellen Probst, Schädlich 1985, Band 1, S. 146–147

(Grundriss)

5m

20m


Projekt Verwaltungs- und

Forschungszentrum

Osram

Architekt Curt Siegel und

Rudolf Wonneberg

Ort

München

Jahr Wettbewerb: 1962

Nutzung Büro

Geschosse 21

Betrachtung

Genesepfade räumliche

Komplexität und

Großraum, S. 104

und S. 135–136

Teil 7: Projektkatalog

0 5m

20m

Konstruktion Skelett mit Kernen

Bemerkungen Der Entwurf wurde mit dem zweiten Preis prämiert und

nicht realisiert

Quellen Ströbel in Baumeister, Juli 1962, S. 685–694 (Grundriss)

Modellfoto Unbekannt, nach Ströbel in Baumeister, Juli 1962, S. 690

243


254 Teil 7: Projektkatalog

Projekt Olivetti-Hochhaus

Architekt Egon Eiermann

Ort

Frankfurt am Main

Jahr Entwurf: 1967

Fertigstellung: 1972

Nutzung Büro

Geschosse 9

Betrachtung Genesepfad

Hängehochhaus,

S. 113–114

0 5m

20m

Konstruktion Hängend: Beton und Stahl

Adresse Lyoner Str. 34, 60528 Frankfurt-Niederrad

Bemerkungen —

QuelleN Eiermann 1974

Bauwelt, Heft 13, 1973, S. 513–529 (Grundriss)

Marta Herford GmbH (Hg.) 2014, S. 143

Sturm, Cachola Schmal (Hg.) 2014, S. 268


Projekt HNO- und Augenklinik

Architekt Universitätsbauamt

Freiburg

Ort

Freiburg im Breisgau

Jahr

Entwurf: 1967 A

Fertigstellung: 1970 A

Nutzung Klinik

Geschosse 13

Betrachtung Genesepfad Treppe,

S. 148–150

Teil 7: Projektkatalog

0

5m

20m

Konstruktion Skelett mit Scheiben: Beton

Adresse Kilianstr. 5, 79106 Freiburg im Breisgau

Bemerkungen —

Quellen DBZ, September 1970, S. 1637–1638 (Grundriss)

255


266 Teil 7: Projektkatalog

Projekt Hypo-Hochhaus,

heute HVB Tower

Architekt Bea und Walter Betz

Ort

München

Jahr Entwurf: 1970

Fertigstellung: 1978

Nutzung Büro

Geschosse 27

Betrachtung Genesepfad

Großraum, S. 136–138

0 5m

20m

geschätzt

Konstruktion Skelett mit Kernen, teils hängend: Beton und Stahl

Adresse Arabellastr. 12, 81925 München

Bemerkungen —

Quellen Meyer-Bohe 1984, S. 79 (Grundriss)

Bode 1982


Projekt Wohnkomplex an

der Heerstraße

Architekt Klaus Müller-Rehm

Ort

Berlin

Jahr Entwurf: 1970

Nutzung Wohnen

Geschosse 16

Betrachtung —

Teil 7: Projektkatalog

0

10m

30m

Konstruktion Massiv: Beton

Bemerkungen Status des Projektes unklar

Quellen Architekt, Berlinische Galerie, Ausschnitt

267


268 Teil 7: Projektkatalog

Projekt Reversibler Stahl-

Container-Turm

Architekt Jochen Meyer und

Horst Rinne

Ort

Ohne

Jahr Entwurf: 1971

Nutzung Wohnen und Büro

Geschosse Variabel

Betrachtung Genesepfad

Hängehochhaus,

S. 116

0 5m 10m

Konstruktion Hängend: Kern aus Holz [sic!], Stahl

Bemerkungen Nicht realisiert

Quellen Baumeister, Januar 1975, S. 74 (Grundriss)

Modellfoto Unbekannt in Baumeister, Januar 1972, S. 74


Projekt Westend Gate

Architekt Siegfried Hoyer

Ort

Frankfurt am Main

Jahr Entwurf: 1972

Fertigstellung: 1976

Nutzung Hotel und Büro

Geschosse 47

Betrachtung —

Teil 7: Projektkatalog

0 5m

20m

Konstruktion Skelett mit Kernen: Beton

Adresse Hamburger Allee 2, 60486 Frankfurt am Main

Bemerkungen Bis 1978 höchstes Gebäude Deutschlands

Quellen Baumeister, April 1975, S. 294 (Grundriss)

Sturm, Cachola Schmal (Hg.) 2014, S. 210

269


Impressum

Zugleich: Dissertation an der Fakultät für Architektur des

Karlsruher Institutes für Technologie (KIT), Fachgebiet

Baukonstruktion (»Das Hochhaus als Gewebe von Gestaltung

und Technik. Hochhäuser in Westdeutschland von 1945 bis

1980 als Impuls für die aktuelle Diskussion«)

Referent: Prof. Dipl. Ing. Ludwig Wappner

Korreferent: Prof. Dr. Georg Vrachliotis

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Das Copyright für die Texte liegt beim Autor.

Das Copyright für die Abbildungen liegt bei den Fotografen/

Inhabern der Bildrechte.

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagmotiv: Falk Schneemann (Zeichnungen)

Lektorat: Miriam Seifert-Waibel, Hamburg

Gestaltung und Satz: Felix Holler, Stoffers Graphik-Design,

Leipzig

Lithografie: Stefan Rolle, Stoffers Graphik-Design, Leipzig

Gedruckt in der Europäischen Union

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

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bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de

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