März 2020
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22. Jahrgang<br />
<strong>März</strong> <strong>2020</strong><br />
2,10 €, davon 1,- €<br />
für den Verkäufer<br />
UNABHÄNGIGE STRASSENZEITUNG FÜR FREIBURG UND DAS UMLAND<br />
ZUR UNTERSTÜTZUNG VON MENSCHEN IN SOZIALEN NOTLAGEN<br />
NEUE VORBILDER<br />
Klicken, glauben, kaufen<br />
IM GESPRÄCH MIT...<br />
Stadträtin Sophie Kessl<br />
OBDACHLOS FÜR EINE NACHT<br />
Mein Start ins neue Jahr<br />
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INHALT<br />
3<br />
VORWORT<br />
22<br />
HARTZ IV-STAMMTISCH<br />
4<br />
RECHT AUF STADT<br />
23<br />
VERKÄUFERVORSTELLUNG<br />
6<br />
NEUE VORBILDER<br />
24<br />
BUCHVORSTELLUNG<br />
8<br />
IM GESPRÄCH MIT...<br />
25<br />
KOCHEN<br />
10<br />
LOSLASSEN IST EINE KUNST<br />
26<br />
SPORT<br />
12<br />
GEDANKENPLAUDEREI<br />
28<br />
KRIMI 3. FOLGE<br />
14<br />
FÜR EINE NACHT OBDACHLOS<br />
30<br />
RÄTSEL<br />
18<br />
SKLAVEREI UND GENOZID<br />
31<br />
ÜBER UNS<br />
OHNE IHRE UNTERSTÜTZUNG<br />
GEHT ES NICHT<br />
Liebe LeserInnen,<br />
um weiterhin eine<br />
interessante Straßenzeitung<br />
produzieren und Menschen<br />
durch den Verkauf der<br />
Straßenzeitung einen<br />
Zuverdienst ermöglichen<br />
zu können, benötigen<br />
wir Ihre Hilfe.<br />
Vielen Dank!<br />
Spendenkonto:<br />
DER FREIeBÜRGER e. V.<br />
IBAN: DE80 6809 0000 0002 4773 27<br />
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Denken Sie bitte daran, bei einer Überweisung Ihren Namen<br />
und Ihre Anschrift für eine Spendenbescheinigung anzugeben.<br />
2<br />
FREIeBÜRGER 03 | <strong>2020</strong><br />
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Liebe LeserInnen,<br />
der Frühling ist da, die Sonne scheint wieder häufiger<br />
und die Temperaturen liegen im zweistelligen Plusbereich.<br />
So weit, so gut, könnte man meinen, doch leider ist<br />
nicht alles eitel Sonnenschein! Denn wieder ist es einem<br />
Rassisten gelungen, sein krankes, faschistisches Gedankengut<br />
durch ein Massaker publik zu machen. In ganz<br />
Deutschland zeigt sich Betroffenheit und Bestürzung und<br />
ein breites Bündnis demonstriert wütend auf deutschen<br />
Straßen gegen Rechts. Aber reicht das noch aus?<br />
Politiker aller Couleur stellen sich hin und geben Statements<br />
ab, in denen sie die rechte Gewalt verurteilen und<br />
versprechen, dass in Zukunft härter gegen Nazis und<br />
Rassisten vorgegangen wird – bis zum nächsten Anschlag...<br />
Ungefähr zehn Jahre nach den Mordanschlägen<br />
des NSU scheint man noch immer kein Mittel gegen diese<br />
Rechtsterroristen gefunden zu haben. Diese Leute können<br />
sich immer wieder in Bündnissen zusammenschließen,<br />
ihre Ideologie verbreiten, kommen an scharfe Waffen und<br />
verüben letztendlich Anschläge mit diesen.<br />
Das wäre z. B. ein Handlungsansatz, denn irgendwo müssen<br />
die Waffen ja herkommen. Diesen Weg müsste man<br />
konsequent nachverfolgen und nicht alles als Geheimsache<br />
deklarieren, wenn Polizei oder Bundeswehr als Quelle<br />
infrage kommen. Auch mit den faschistischen Vereinigungen<br />
muss man endlich härter umgehen. Die werden<br />
angeblich alle jahrelang vom Verfassungsschutz beobachtet,<br />
können aber ihre Verbrechen weiter ausüben. Gut,<br />
seit dem NSU wissen wir ja, dass der Verfassungsschutz<br />
oftmals Mitglied bei solchen Vereinen ist, doch was nützt<br />
uns solche Überwachung grundsätzlich? Nichts! Alle<br />
diese Gruppen müssen verboten werden, sobald sie etwas<br />
tun oder publizieren, was sich mit der Verfassung der BRD<br />
nicht vereinbaren lässt. Und das ohne Wenn und Aber!<br />
Angefangen mit der AfD, die mit ihren rassistischen und<br />
faschistischen Äußerungen und Provokationen längst<br />
über den Status einer „zu überwachenden Vereinigung“<br />
hinausgeschossen ist. Bestes Beispiel ist mal wieder<br />
Alexander Gauland, der nach dem Massaker von Hanau<br />
sagte, man könne hier nicht von rechtem Terror sprechen,<br />
das war die Tat einer schwer geistig gestörten Einzelperson.<br />
Das ist Zynismus pur und erinnert stark an das<br />
Attentat auf dem Oktoberfest 1980. Warum die Politik der<br />
Meinung ist, man könne die nicht einfach verbieten, erschließt<br />
sich mir auch nicht. In den 70er Jahren war man<br />
nicht so zimperlich, da wurde die Kommunistische Partei<br />
auch einfach so als staatsfeindlich eingestuft und verboten.<br />
Obendrauf bekamen dank des Radikalenerlasses alle<br />
Mitglieder, die im Staatsdienst standen, Berufsverbot.<br />
Am 20. Februar war der Welttag der sozialen Gerechtigkeit!<br />
Das muss man erst mal sacken lassen. Ich wusste<br />
bisher gar nicht, dass es solch einen Tag gibt, jetzt aber,<br />
wo ich davon Kenntnis habe, frage ich mich, was man an<br />
einem Tag wie diesem macht?<br />
Der Tag wurde irgendwann von der UNO ausgerufen<br />
und soll die Staaten auffordern, die Armut zu bekämpfen<br />
und soziale Ungleichheit abzuschaffen. Das gelingt den<br />
Staaten dieser Welt von Jahr zu Jahr besser. Unser Bundespräsident<br />
stellt sich zu solchen Anlässen immer ans<br />
Rednerpult und verurteilt diese soziale Ungerechtigkeit,<br />
den Hunger in der Welt, die hohe Kindersterblichkeitsrate,<br />
vor allem in Afrika, und natürlich die Obdachlosigkeit<br />
auch hier bei uns. Auch die Regierung schließt sich dem<br />
Appell an, doch leider bleibt es dabei. Irgendwelche Maßnahmen,<br />
welche die Armut wirklich wirksam bekämpfen,<br />
fallen denen dann ja doch nicht ein. Und Vorschläge von<br />
Links werden sehr schnell abgeschmettert, einfach nur,<br />
weil sie von Links kommen.<br />
„Am Unerträglichsten finde ich, dass es Armut in reichen<br />
Ländern und reiche Menschen in armen Ländern gibt. In<br />
beiden Fällen sind sie fehl am Platz!“ In diesem Zitat des<br />
britischen Schauspielers Peter Ustinov ist das Phänomen<br />
Armut eigentlich so ziemlich auf den Punkt gebracht.<br />
Obwohl Armut und Obdachlosigkeit längst abgeschafft<br />
sein müssten, bedrohen sie mittlerweile die Menschen<br />
aller Kontinente, auch im gern so bezeichneten reichen<br />
und freien Westen. Und solang es den Kapitalismus gibt,<br />
werden eben die Reichen alles dafür tun, dass sich daran<br />
nichts ändert!<br />
Ändern wird sich dafür etwas im Freiburger Stadtteil<br />
Stühlinger. Der kleine Laden an der Ecke Eschholz- und<br />
Egonstraße, das „Bis Späti“, muss bis spätestens Mai 2021<br />
wieder schließen (Späti-Soliparty am 06.03.<strong>2020</strong> im ArTik<br />
Freiburg und im Slow Club Freiburg). Das ist dann wieder<br />
mal ein Projekt, das in der Bevölkerung gut ankam und<br />
genutzt wurde und durch den Egoismus einiger weniger<br />
abgeschossen wurde.<br />
Ein Anwohner befürchtet, dass seine Immobilie an Wert<br />
verliert und außerdem befürchtet er, dass durch den<br />
Schlafmangel seine Gesundheit Schaden nimmt. Außerdem<br />
hat besagter Immobilienbesitzer auch den Vermieter<br />
des Spätkaufs angezeigt. Dieser ist nun wohl eingeknickt<br />
und verlängert den Pachtvertrag nicht.<br />
Dazu hätte ich dann eine Frage: Wo waren denn die<br />
genervten und gestressten Hausbesitzer und Anwohner,<br />
bevor der Laden aufgemacht hat? Da war im jetzigen<br />
Spätkauf das „Josefstüble“ beheimatet, eine typisch<br />
deutsche Eckkneipe, wie es sie kaum noch gibt. Da gab<br />
es jeden Abend lärmende, volltrunkene Gäste, die sicher<br />
auch die Ruhe gestört haben. Warum wurde da der Eigentümer<br />
nicht verklagt? Waren die Anwohner vielleicht<br />
Stammgäste?<br />
Für heute war es das mal wieder. Wir wünschen Ihnen<br />
eine gute Zeit und bleiben Sie uns treu.<br />
Carsten<br />
FREIeBÜRGER 03 | <strong>2020</strong> 3<br />
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FREIBURG – STADT FÜR ALLE?!<br />
„WOHNEN FÜR MENSCHEN STATT FÜR PROFITE!“<br />
Housing Action Day: Weingarten, Fritz-Schieler-Platz<br />
10:30 Uhr Infostände, 14 Uhr Stadtteilspaziergang<br />
Der Slogan des europaweiten Housing Action Day gilt<br />
auch für Freiburg. Hier einige der Gründe, warum wir<br />
am 28.03. auf die Straße gehen:<br />
MIETPREISENTWICKLUNG<br />
In ganz Freiburg steigen die Mieten immer weiter, viele<br />
Menschen können sich die aktuellen Mieten kaum mehr<br />
leisten, sind mit Schikanen der VermieterInnen konfrontiert,<br />
müssen noch enger zusammen- oder wegziehen.<br />
Deutschlands größter Immobilienkonzern Vonovia hat<br />
auch in Freiburg unzählige Wohnungen aufgekauft, u. a.<br />
auch in Weingarten (Auggener Weg, Krozinger Straße).<br />
Das Geschäftsmodell des börsennotierten Unternehmens<br />
basiert auf der Erzielung höchstmöglicher Profite auf Kosten<br />
der MieterInnen. Die Folgen: massive Mängel in den<br />
Häusern, Betrug durch falsche Nebenkostenabrechungen,<br />
Mietsteigerungen aufgrund energetischer Sanierungen.<br />
In Freiburg haben sich MieterInnen zu einer Initiative<br />
zusammengeschlossen, um sich gemeinsam gegen den<br />
Konzern zu wehren.<br />
MARKTORIENTIERUNG VON FREIBURGER STADTBAU<br />
(FSB) & GENOSSENSCHAFTEN<br />
Nicht nur für die großen Immobilienkonzerne steht die<br />
Profitmaximierung an erster Stelle. Mieterhöhungen<br />
und Verdrängung durch Sanierung kennen auch Stadtbau-MieterInnen<br />
und MieterInnen der Genossenschaften,<br />
in Freiburg z. B. der Familienheim, des Bauverein<br />
Breisgau und der Heimbau. Der Mieterhöhungsstopp bei<br />
der FSB und der Kampf gegen den Abriss der Häuser in<br />
der Quäkerstraße (durch die Initiative „Wiehre für alle“)<br />
zeigen aber auch, dass Widerstand durch MieterInnen<br />
erfolgreich sein kann. Kündigungen wegen angeblichen<br />
„Eigenbedarfs“ werden in Freiburg immer populärer. Oft<br />
werden die Wohnungen nach der Entmietung saniert<br />
und wesentlich teurer weitervermietet oder an große Immobilienfirmen<br />
verkauft. Profite für die EigentümerInnen<br />
und Wohnungslosigkeit für die ehemaligen MieterInnen<br />
sind die Folge. Prominente Beispiele sind die kurzzeitig<br />
besetzten Häuser in der Guntramstraße 44 und der<br />
Kronenstraße 21. Aus unterschiedlichen Gründen (Spekulation<br />
auf den Bodenpreis, Erbstreitereien etc.) stehen<br />
RECHT-AUF-STADT-NEWSLETTER<br />
TERMINE:<br />
- 07.03. 16.00 Uhr | Buchvorstellung mit Peter Nowak:<br />
Umkämpftes Wohnen | Forum Weingarten<br />
Krozinger Straße 11<br />
- 10.03. 19:30 Uhr | Andrej Holm: – Möglichkeiten einer<br />
anderen Wohnungspolitik | Winterer Foyer (Theater)<br />
- 13.03. 20.00 Uhr | Recht-auf-Stadt-Treffen | Büro für<br />
grenzenlose Solidarität, Grethergelände, Adlerstr. 12<br />
- 24.03. 19 Uhr | Treffen der Freiburger Vonovia-<br />
MieterInnen | Forum Weingarten, Krozinger Str. 11<br />
Andere aktuelle Termine unter: https://tacker.fr/<br />
in Freiburg rund 500 Wohnungen leer, während jährlich<br />
durchschnittlich 1.800 Menschen von Wohnungslosigkeit<br />
betroffen sind. Die Gruppe Wohnraum Gestalten (WG)<br />
versucht, mit Besetzungen auf diesen Leerstand aufmerksam<br />
zu machen. Die FSB will das Quartier Metzgergrün<br />
im Stühlinger abreißen und neu bebauen. Geplant sind<br />
neben einigen Sozialwohnungen aber auch teure Eigentums-<br />
und Mietwohnungen. Das Ziel ist es, Profit zu<br />
erwirtschaften. Die jetzigen MieterInnen fürchten ihre<br />
Verdrängung und kämpfen als IG Metzgergrün gegen<br />
den geplanten Abriss ihrer Häuser. Hier und auch bei der<br />
Neukonzeption der Stadtbau werden die MieterInnen<br />
übergangen. In Freiburg zeigt sich deutlich, dass der kapitalistisch<br />
organisierte Wohnungsmarkt nicht in der Lage<br />
ist, die Menschen mit bezahlbarem Wohnraum zu versorgen.<br />
Im Kapitalismus steht das Prinzip der Maximierung<br />
von Gewinnen über den Bedürfnissen der Einzelnen nach<br />
einer Wohnung. Dies ist in der Struktur unseres aktuellen<br />
Wirtschaftssystems angelegt! Als langfristiges Ziel<br />
streben wir die Enteignung der großen Immobilienkonzerne<br />
sowie die Demokratisierung ihrer Strukturen an.<br />
Die Wohnungswirtschaft sollte nicht nach den kapitalistischen<br />
Prinzipien der Gewinnmaximierung funktionieren,<br />
sondern sich am Gemeinwohl orientieren. Der Aufbau von<br />
selbstorganisierten MieterInnen-Initiativen und deren<br />
Zusammenschluss sind in der Lage, massiven politischen<br />
Druck aufzubauen. Wir blicken gespannt auf die MieterInnen-Bewegung<br />
in Berlin und arbeiten am Aufbau einer<br />
ähnlichen Bewegung auch hier in Freiburg!<br />
4<br />
FREIeBÜRGER 03 | <strong>2020</strong><br />
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STADT-FÜR-ALLE-NACHRICHTEN ( RÜCKBLICK VOM 15. JANUAR BIS 15. FEBRUAR )<br />
[FR] NEUGESTALTUNG DER STADTBAU<br />
Ende <strong>März</strong> debattiert der Gemeinderat über die Neukonzeption<br />
der Stadtbau. Klar scheint zu sein: Die Angleichung<br />
der Stadtbaumieten an den Mietspiegel soll endlich<br />
fallen und es sollen mehr Mietwohnungen entstehen.<br />
Trotzdem wird wohl auch der unsägliche Eigentumswohnungsbau<br />
auf den raren Flächen weitergehen. Zudem ist<br />
unklar, ob wirklich alle FSB-Wohnungen mindestens<br />
25 % unter dem Mietspiegel vermietet werden. Um das<br />
und damit auch Mietsenkungen durchzusetzen, braucht<br />
es Druck der MieterInnen. Auch um eine Demokratisierung<br />
der Stadtbau zu erreichen, müssten sie sich organisieren,<br />
und um den Plänen der Stadtverwaltung eine<br />
Absage zu erteilen: Wer einen Mietnachlass braucht,<br />
müsse zugleich einen Wohngeldantrag stellen. Dies ist<br />
lediglich der Versuch, Bundes-/Landesgelder zu bekommen,<br />
um den Mietwahnsinn besser zu finanzieren, nicht<br />
um ihn zu stoppen und aus der Marktlogik auszusteigen.<br />
Wenn Freiburg mehr Geld für dauerhaft bezahlbaren und<br />
demokratisch verwalteten Wohnraum braucht, sollte es<br />
sich mit Bund und Land anlegen und mehr Geld fordern.<br />
Es kann nicht die Lösung sein, Menschen mit wenig Geld<br />
zum Amt zu zwingen, um Anträge zu stellen.<br />
[FR] STADTBAU ZUR GENOSSENSCHAFT MACHEN?<br />
Der ehemalige Linke Liste-Stadtrat Hendrijk Guzzoni<br />
schlägt in der Debatte um die Zukunft der FSB vor, dass<br />
die StadtbaumieterInnen eine Genossenschaft gründen<br />
und der Stadt die Hälfte der FSB abkaufen. Er geht<br />
davon aus, dass die FSB ca. 900 Millionen Euro wert ist.<br />
Die Genossenschaft müsste dann einen Kredit von 450<br />
Millionen Euro aufnehmen. Guzzoni errechnet für die<br />
einzelnen MieterInnen eine Belastung von durchschnittlich<br />
208 Euro pro Monat, um den Kredit zurückzuzahlen<br />
und ausreichend Rücklagen zu bilden. Da eine Hälfte der<br />
Genossenschaft gehören würde, geht er davon aus, dass<br />
die MieterInnen nur die Hälfte der vorherigen Miete plus<br />
die genannten 208 Euro zahlen müssten. Bei den meisten<br />
Wohnungen wäre dies eine Mietsenkung. Die Frage,<br />
ob eine Demokratisierung der FSB so erkauft werde soll,<br />
muss noch diskutiert werden.<br />
[FR] VORGETÄUSCHTER EIGENBEDARF<br />
Im Dezember 2018 hatten AktivistInnen von Wohnraum<br />
Gestalten (WG) die Guntramstraße 44 besetzt.<br />
Zuvor war das 5-stöckige Mehrfamilienhaus vom Arzt<br />
Bertram Feil durch Mieterhöhungen, laut WG auch dem<br />
Abstellen von Strom sowie fragwürdigen Eigenbedarfskündigungen,<br />
entmietet worden. Der in der Schweiz<br />
lebende Arzt wollte angeblich mit Frau und drei Kindern<br />
nach Freiburg ziehen. Trotz Eigenbedarfskündigung ist<br />
er nun aber doch nicht in die Guntramstraße gezogen.<br />
Der Arme beklagt, dass er und seine Familie sich durch<br />
die „Hetze der Aktivisten traumatisiert“ fühlten und<br />
hat die Wohnungen nun, nach Eigenangaben günstig,<br />
anderweitig vermietet. Auch die SPD-Fraktion spricht von<br />
„vorgetäuschtem Eigenbedarf“ und stellte eine Gemeinderatsanfrage.<br />
Die WG erklärte angesichts der teilweise<br />
zurückgenommenen Strafverfolgung gegen die HausbesetzerInnen:<br />
„Wir halten es auch weiterhin für legitim<br />
und notwendig, ein Recht auf Stadt zu fordern, Häuser zu<br />
besetzen und den öffentlichen Diskurs mitzugestalten.<br />
Dabei finden wir es legitim, Gesetze zu brechen und<br />
Eigentumsverhältnisse infrage zu stellen, denn die Häuser<br />
sollten denen gehören, die darin wohnen. Unser Ziel<br />
ist nicht eine unzureichende Regulierung des Wohnungsmarktes,<br />
die den realen Verhältnissen immer hinterherhinkt,<br />
sondern eine Gesellschaft, in der ein 'Dach über<br />
dem Kopf' für jeden Menschen selbstverständlich ist und<br />
nicht hart erstritten werden muss.“<br />
[FR] KRITIK AN IMMOMESSE<br />
Auf der Immomesse, organisiert von der städtischen<br />
FWTM, durften sich wieder ProfiteurInnen der Spekulation<br />
mit Wohnraum präsentieren. Vertreten waren u. a.<br />
Makler- und Immobilienbüros, Bauträger, Banken, Versicherungen<br />
und Wohnungsunternehmen.<br />
Wohnraum-AktivistInnen wollten die Selbstbeweihräucherung<br />
der Besitzenden und ihrer VerwalterInnen nicht<br />
ungestört geschehen lassen. Das Start-up „Wohnraum<br />
gentrifizieren“ informierte über den besten Weg zur<br />
MieterInnenverdrängung und Gentrifizierung.<br />
Obwohl genau das im Sinn der Messe ist, reagierten die<br />
OrganisatorInnen gereizt.<br />
[FR] ZEITUNG FÜR SICHERHEITSKRITIK<br />
Aus verschiedenen Freiburger Gruppen und Netzwerken<br />
heraus, u. a. dem neu gegründeten AnwohnerInnen-Verein<br />
Stühlinger, ist die Idee entstanden, eine Zeitung zum<br />
Thema „Sicherheit“ herauszugeben. Ziel ist es, die Sicherheitsdebatte<br />
in Freiburg unter anderem Blickwinkel zu<br />
beleuchten als dies bislang durch Polizei, Stadtverwaltung<br />
und Badische Zeitung geschieht. Die Zeitung soll<br />
einen Impuls für eine andere Auswertung der im Jahr<br />
2017 zwischen der Stadt und dem Land geschlossenen<br />
„Sicherheitspartnerschaft“ liefern. Angesichts der massiven<br />
Diskursverschiebung nach rechts setzt sie sich kritisch<br />
mit dem Sicherheitsbegriff auseinander. Häufig wird das<br />
Verweisen auf „Sicherheit“ dazu benutzt, um Repression<br />
und Unterdrückung zu rechtfertigen.<br />
Echte Sicherheit wäre hingegen eine soziale Sicherheit im<br />
Sinne einer Abwesenheit existenzieller Bedrohung und<br />
eines gewaltarmen, freien Zusammenlebens. Die Zeitung<br />
ist auch online unter www.rechtaufstadt-freiburg.de<br />
nachlesbar.<br />
Weiterführende Links zu den Meldungen findet ihr wie<br />
immer auf der Homepage: www.rechtaufstadt-freiburg.de<br />
FREIeBÜRGER 03 | <strong>2020</strong> 5<br />
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Foto: Pixnio<br />
NEUE VORBILDER: KLICKEN, GLAUBEN, KAUFEN<br />
Der Persil-Mann der Millennials heißt Kylie Jenner, Frau<br />
Clementine von Ariel ist eine virtuelle Figur, George<br />
Clooney ein Auslaufmodell. Die Welt der Influencer<br />
globalisiert den Werbemarkt und stellt ihn bisweilen auf<br />
den Kopf.<br />
von Wilhelm Ortmayr<br />
Gegeben hat es sie immer. Sie wurden nur anders<br />
genannt und ihr Einflussbereich war im Vergleich zu<br />
heute recht begrenzt. Aber Menschen, deren Meinung,<br />
Lebensweise und Konsumverhalten andere beeinflussten,<br />
sind als Phänomen so alt wie die Menschheit selbst. Was<br />
heute Influencer genannt wird, war früher der Wortführer<br />
am Wirtshaustisch, die schicke Unternehmersgattin,<br />
der Buchautor, aber auch der „schräge Vogel“, der Aussteiger,<br />
der Revoluzzer. Wir kennen das Beeinflussen nicht<br />
erst, seit es Internet gibt. Trendsetter gab es immer, teils<br />
bis zum Mythos hochgeschaukelt, später von den Medien<br />
auch sehr bewusst instrumentalisiert – von der Gastro-<br />
Kolumne bis zum Kaffee trinkenden George Clooney.<br />
Und es geht um den guten Tipp, also um das Profitieren<br />
von den Erfahrungen anderer. Muss sich ja nicht jeder<br />
selbst den Schädel anrennen.<br />
Mit der Jahrtausendwende aber geriet das Thema aus<br />
den gewohnten Bahnen. Schuld daran war das Internet.<br />
Plötzlich sprach man von „Influencern“, werden konnte<br />
das eigentlich jede/r und die Plattformen und Kanäle im<br />
Internet schossen ärger aus dem Boden als die Schwammerl.<br />
Dabei tun die meist jungen Menschen dort nichts<br />
anderes als einkaufen, kochen, Sport betreiben, Computer<br />
spielen oder Musik hören wie jeder andere. Aber sie<br />
dokumentieren all das professionell mit Fotos, Videos und<br />
Texten auf den sozialen Medien. Trotz ihrer großen Anzahl<br />
an Followern werden sie als bodenständig, authentisch<br />
und vor allem glaubwürdig wahrgenommen.<br />
Vor allem von der Jugend, die klassischer Werbung immer<br />
weniger vertraut. Den Millennials verkaufen „glaubwürdige“<br />
Influencer ihre Gesichtscreme besser als Julia<br />
Roberts.<br />
Warum neigt der Mensch dazu, anderen zu glauben, andere<br />
zu imitieren, sich „etwas abzuschauen“? Am meisten<br />
treibt uns der Wunsch nach Fortschritt, Aufstieg und<br />
der Verbesserung der eigenen Lebensumstände.<br />
Logischer Umkehrschluss: Als Influencer lässt sich Geld<br />
verdienen. Manche machen in kurzer Zeit Millionen, die<br />
Regel ist das aber nicht. Die meisten Blogger oder YouTuber<br />
bleiben klein und erreichen die Gewinnzone nie.<br />
6<br />
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Was nicht heißt, dass sie nicht gute Arbeit liefern. Allein<br />
im kleinen Salzburg leben beispielsweise einige sehr<br />
erfolgreiche BloggerInnen, deren Glaubwürdigkeit hoch<br />
und die Zahl der Klicks beachtlich ist. Zum Geschäft wird<br />
ihre Arbeit freilich nie.<br />
Damit gehören sie zum Normalfall. Der erfolgreichste<br />
deutsche YouTube-Kanal hat 2018 zwar ca. 700.000 Euro<br />
eingespielt, aber gerade mal 500 Kanäle haben die 10.000<br />
Euro-Marke geknackt. Deutlich mehr Potenzial steckt im<br />
US-amerikanischen Markt, wo die Top 10 unter den<br />
YouTubern zusammen etwa 150 Millionen US-Dollar<br />
verdienten.<br />
Mit Nichtstun kommt der Erfolg allerdings nicht. Die<br />
erfolgreichsten Influencer arbeiten mehr als 16 Stunden<br />
am Tag, Burnouts gehören zur Regel. „Dranbleiben<br />
und täglich liefern“ lautet die Devise, denn die Follower<br />
verlangen täglich, ja fast stündlich nach neuem Material.<br />
Lieferst du nicht prompt und in auffälliger Qualität, holen<br />
andere sich die Klicks und Abonnenten. Angetrieben wird<br />
die Hatz auch von den Plattformen selbst, deren Logarithmen<br />
(etwa welche Inhalte den Usern auf der Startseite<br />
angezeigt werden) sich enorm schnell ändern können,<br />
aber selbst für die erfolgreichsten Anbieter stets geheim<br />
bleiben. Das „schnelle“ Medium Internet lebt (auch) davon,<br />
dass es seine Kinder frisst.<br />
Der andere Teil des Erfolgs beruht auf Wachstum. Auf<br />
atemberaubendem Wachstum. Heuer wird „Influencing“<br />
die Schallmauer von zehn Milliarden US-Dollar durchbrechen.<br />
Das ist zwar nur ein Prozent des weltweiten Werbemarktes<br />
von einer Billion, aber immerhin. In China liegt<br />
der Anteil sogar bei zwei bis drei Prozent, dort misst man<br />
den Erfolg von „Influencern“ übrigens nicht in Followern,<br />
sondern darin, wie viel Umsatz sie pro Minute machen. Ja,<br />
pro Minute. Die chinesische „Influencerin“ Becky Li etwa<br />
hat innerhalb von vier Minuten eine limitierte Kollektion<br />
von 100 Mini Coopern zum Stückpreis von 36.000 Euro<br />
verkauft.<br />
Groß werden kann in der Branche eigentlich jeder und<br />
alles. Hauptsache originell und auffällig genug. Es kommt<br />
nur auf die richtigen Plattformen an. Bei Social Media<br />
denken nämlich die meisten an Facebook, Instagram<br />
oder YouTube. Aber je nach Produkt nutzt die Community<br />
zusätzlich oder alternativ noch ganz andere Plattformen.<br />
Twitch zum Beispiel. Dort teilen Menschen Gaming-Inhalte,<br />
also Aufnahmen oder Livebilder davon, wie sie am<br />
Computer spielen. Twitch hat 200 Millionen User, ist also<br />
größer als Snapchat. Und aktive Streamer – so heißen<br />
Spieler, die sich filmen – gibt es dort inzwischen fünf<br />
Millionen. Der 28-jährige US-Amerikaner Tyler Blevins hat<br />
unter dem Namen „Ninja“ inzwischen knapp 15 Millionen<br />
Follower und mehrere Zehntausend zahlende Abonnenten,<br />
er verdiente 2018 zehn Millionen Euro.<br />
Noch etwas besser vermarktet sich Kylie Jenner, die<br />
Halbschwester von Kim Kardashian. Bekannt durch das<br />
Reality-Format „Keeping Up With the Kardashians“ wurde<br />
Jenner dank sozialer Medien zur Milliardärin.<br />
Wenn sie ein Produkt auf Instagram bewirbt, kostet das<br />
über 100.000 Dollar, immerhin folgen der 21-jährigen 130<br />
Millionen Menschen.<br />
Trotz solch beeindruckender Zahlen haben Neulinge stets<br />
die Chance auf weltweite Aufmerksamkeit – auch dank<br />
des enormen Wachstums der Branche. Baddie Winkle ist<br />
eines der besten Beispiele dafür. Mit ihren 91 Jahren ist sie<br />
eine der ältesten und farbenfrohsten Erscheinungen in<br />
der Social Media-Welt. Ihre Enkelin hat 2014 angefangen,<br />
Videos von Baddie hochzuladen, weil die so schön flippig<br />
angezogen war. Vier Millionen Menschen folgen ihr, sie<br />
hat ihre eigene Mode-Linie herausgebracht, mit Sonnenbrillenmarken<br />
kooperiert und ist werbend um die Welt<br />
gereist.<br />
Werber werden angesichts solcher Möglichkeiten natürlich<br />
kreativ. Und testen aus, was geht. Lil Maquela ist eine<br />
Folge davon, die weltweit erste virtuelle „Influencerin“. Ein<br />
Geschöpf aus dem Computer, montiert in reale „Influencer“-Welten.<br />
Sie besucht Fashion Weeks, wird für Markenkooperationen<br />
gebucht, macht Selfies mit Freunden<br />
und fordert vor den „Midterm“-Wahlen in den USA ihre<br />
US-amerikanischen Follower auf, wählen zu gehen.<br />
Ein Rapper und ein Unternehmer aus den USA wiederum<br />
ließen im Vorjahr ein luxuriöses Musik-Festival namens<br />
Fyre auf den Bahamas organisieren und durch Top-Models<br />
im Netz promoten. Tatsächlich zahlten unzählige<br />
User bis zu 12.000 Dollar und flogen hin. Doch auf den<br />
Bahamas gab es kein Festival, nur Chaos.<br />
Doch nicht nur bei Hinz und Kunz funktioniert Werbung,<br />
selbst wenn das Produkt nicht liefert. Auch Influencer<br />
selbst lassen sich täuschen, wie der US-Schuh-Discounthändler<br />
Payless bewiesen hat. Der baute einen Luxus-Schuhladen<br />
namens Palessi, in dessen Regalen standen<br />
aber Payless-Modelle um 20 bis 40 Dollar. Die edle<br />
Präsentation verführte die zum Opening eingeladenen<br />
Influencer dazu, bis zu 640 Dollar pro Paar zu zahlen.<br />
Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von<br />
Apropos / INSP.ngo<br />
FREIeBÜRGER 03 | <strong>2020</strong> 7<br />
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Was gibt es Neues im Gemeinderat?<br />
Uns als Fraktion gibt es neu. Wir haben jetzt einen Hund<br />
und ein Baby im Gemeinderat. Wir werden also jünger,<br />
haariger und cooler, wie ich finde.<br />
Aktuell beschäftige ich mich mit dem Thema Schwangerschaftsabbrüche,<br />
weil ich es ziemlich skandalös finde, dass<br />
durch den Paragraphen § 219 a Ärzte nicht richtig aufklären<br />
können, so wie sie es gerne würden. Ich habe dahingehend<br />
auch eine Anfrage gestellt... Mein Ziel war es ja immer, alte<br />
weiße Männer zu ärgern, damit bin ich auch angetreten.<br />
Und ich finde, dass Frauen selbst darüber entscheiden<br />
dürfen, was mit ihrem Körper passiert. Das sollte keine<br />
Entscheidung von alten weißen Männern sein.<br />
Foto: Moritz Bross<br />
IM GESPRÄCH MIT...<br />
STADTRÄTIN SOPHIE KESSL<br />
Sophie Kessl ist 31 Jahre jung, Sozialarbeiterin und 2. Vorsitzende<br />
der Partei Die PARTEI im Kreisverband Freiburg.<br />
Seit 2019 ist sie für Die PARTEI im Freiburger Gemeinderat<br />
tätig in der JUPI Fraktion.<br />
Die PARTEI wird als Satirepartei teilweise vielleicht nicht<br />
entsprechend ernst genommen. Wie geht es Dir damit?<br />
Fühlst Du Dich selbst ernst genommen?<br />
Ich fühle mich sehr ernst genommen. Ich finde, wir sind in<br />
der Stadtpolitik mit der JUPI Fraktion (Anm. d. Red.: JUPI =<br />
Jung, Urban, Polarisierend, Inklusiv – Fraktion aus Junges<br />
Freiburg, Urbanes Freiburg, Die PARTEI und der Liste für<br />
Teilhabe und Inklusion) gut gestartet.<br />
Als Satirepartei hat man natürlich den Vorteil, bei Positionen<br />
ein bisschen über die Stränge schlagen zu können.<br />
Und ja, sicherlich gibt es da auch den ein oder anderen, der<br />
einen nicht ernst nimmt – aber die nehme ich dann halt<br />
auch nicht ernst.<br />
Wie läuft´s mit der AfD?<br />
Joa... Schwierig, was soll man dazu sagen? Ich finde es<br />
wichtig, die AfD möglichst weit rechts liegen zu lassen. Sie<br />
versuchen, mit ihren zwei kleinen Sitzchen möglichst viel<br />
Krach zu machen. Dem muss natürlich entgegengestanden<br />
werden. Ich finde, wir sind in Freiburg noch in einer Position,<br />
wo wir sie auch wirklich kleinhalten können, weil sie<br />
nur zu zweit sind. Das ist das eine. Und natürlich habe ich<br />
durch die Satire-Rolle, die ich innehabe, die Möglichkeit, ein<br />
bisschen anders mit der AfD umzugehen. Ich verpacke das<br />
dann gerne mal in eine Rede oder so. In meiner letzten Rede<br />
habe ich den SWR für seinen Bericht über 5G-Spinner gelobt<br />
und habe dabei auch gesagt, sollten die Mitarbeitenden<br />
des SWR mal aus ihren Redaktionsstuben vertrieben werden,<br />
sind sie bei der Partei Die PARTEI immer sehr willkommen,<br />
denn das „R“ in unserem Namen steht für Rechtsstaat.<br />
Das gilt für euch natürlich auch... #Zwinkersmiley<br />
Welches sind Deiner Meinung nach die drei wichtigsten<br />
Punkte, die in Freiburg angegangen werden müssen –<br />
und warum?<br />
Also realpolitisch gesehen sind wir auf einem relativ guten<br />
Weg, was die Klimapolitik angeht. Das ist meiner Meinung<br />
nach das Ausschlaggebende, um uns als Menschheit, mal<br />
global gedacht, weiterhin zu erhalten. Freiburg ist bereits<br />
eine Vorzeigestadt, was das angeht. Aber das reicht natürlich<br />
nicht aus, da muss einfach global und landes-/bundesweit<br />
etwas passieren. Auf kommunaler Ebene sind einem<br />
häufig die Hände gebunden.<br />
Das zweite sind für mich humanistische Ansätze. Humanismus<br />
ist für mich eine Sache, die ich bei manchen Parteien<br />
auch vermisse, bei denen man sich auf der einen Seite<br />
irgendwie die kleinen Leute auf die Fahne schreibt und sich<br />
dann auf der anderen Seite für VermieterInnen (z. B. den<br />
Immobilienkonzern Vonovia oder sonstige Immobilienhaie)<br />
einsetzt. Ich glaube Mietenpolitik ist ein wichtiger Punkt,<br />
den würde ich auf Platz zwei setzen.<br />
Und dann ist für mich persönlich das Thema Tierschutz ein<br />
ganz wichtiges. Das „T“ im Namen von der Partei Die PARTEI<br />
steht für Tierschutz. Das nehme ich auch sehr ernst.<br />
8<br />
FREIeBÜRGER 03 | <strong>2020</strong><br />
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Aktuell bin ich da an einem Thema dran was zum Beispiel<br />
Unterstützung von Hunden im Tierheim angeht.<br />
Seit wann bist Du bei der Partei Die PARTEI mit dabei und<br />
warum bist Du genau da gelandet?<br />
Ich bin seit 2014 Mitglied in der Partei Die PARTEI. Ich habe<br />
damals den Mitgliedsantrag unterschrieben bei einer Veranstaltung<br />
mit Martin Sonneborn (Anm. d. Red.: Deutscher<br />
Politiker, Journalist und Satiriker) im E-WERK Freiburg. Ich<br />
habe davor schon mit denen sympathisiert. Ich habe lange<br />
mit mir gerungen... Ich war schon immer politisch aktiv. Ich<br />
war immer auf der Straße gegen Nazis. Ich hatte aber keine<br />
Partei gefunden, die für mich passend war. Als ich dann auf<br />
Die PARTEI gestoßen bin, war das relativ schnell eine große<br />
Liebe... Ich habe ganz früher auch mal die „Front Deutscher<br />
Äpfel“ (Anm. d. Red.: Eine 2004 in Leipzig gegründete satirische<br />
Organisation, die rechtsextreme Parteien parodiert)<br />
ziemlich gefeiert auf den Demos gegen Rechts, die haben<br />
auch mit satirischen Mitteln gearbeitet, das hat mir damals<br />
schon gut gefallen.<br />
Was machst Du, wenn Du nicht politisch tätig bist?<br />
Ich bin Sozialarbeiterin, das mache ich hauptsächlich neben<br />
meiner politischen Arbeit.<br />
Ansonsten versuche ich, möglichst faul zu sein. Ich bin ein<br />
großer Fan von Netflix, ich schaue gerne Serien. Ich brauche<br />
so zwei bis drei Stunden am Tag, in denen ich einfach mal<br />
nichts tue, nur dämlich die Wand anstarre oder so was in<br />
die Richtung.<br />
Was ist für Dich der schönste Ort in Freiburg? Und welches<br />
der hässlichste?<br />
Der schönste Ort ist definitiv mein Bett! Da geht nichts<br />
drüber! Der hässlichste? Pfff, schwierig... Die Ecke vorne am<br />
Bahnhof unter der Stadtbahnbrücke, wo es auch runtergeht<br />
zu diesem Parkhaus, da stinkt es immer nach Pisse – das finde<br />
ich sehr eklig da. Oder die H&M-Herrenabteilung. Oder<br />
die Crash-Toiletten. Oder der Stadtteil Mooswald. Und auf<br />
jeden Fall das Breuninger-Gebäude!<br />
Freiburg wird 900 Jahre. Was wünscht Du Freiburg?<br />
Ich wünsche Freiburg mehr junge, mehr weiblichere Menschen.<br />
Mehr Engagement für den Klimaschutz, mehr Engagement<br />
für die meiner Meinung nach wichtigen Themen<br />
und auf jeden Fall ein bisschen mehr Humor.<br />
Am 06.03. findet im ArTik Freiburg und im Slow Club<br />
Freiburg eine Soliparty zugunsten des Spätis Ecke Egonstr.<br />
/ Eschholzstr. statt als Unterstützung für die erwarteten<br />
Anwaltskosten, die aufgrund von Problemen mit der<br />
Nachbarschaft anfallen werden. Wie stehst Du zum Späti<br />
und allgemein zum Thema Subkultur?<br />
Ich bin eine große Unterstützerin vom Späti. Ich finde,<br />
wir sollten mehr davon in Freiburg haben, das würde die<br />
Problematik, die der Späti gerade mit Anwohnern hat,<br />
ein bisschen entkräften. Entweder hätten wir die Probleme<br />
dann auch in jedem anderen Stadtteil und es würde<br />
sich somit ein wenig verteilen, oder die Leute würden mal<br />
anfangen, alles ein bisschen lockerer zu sehen. Vom Thema<br />
Kneipenlosigkeit bin ich selbst betroffen. Ich weiß manchmal<br />
nicht mehr so richtig, wo ich noch hingehen kann, weil<br />
das Walfisch-Wohnzimmer weggefallen ist. Das finde ich<br />
sehr schade und dem muss einfach entgegengewirkt werden.<br />
Das Thema Subkultur ist jetzt tatsächlich zum Glück<br />
auch bundesweit Thema. Auch im Bundestag wurde das<br />
Clubsterben thematisiert. Ich hoffe, das geht voran. Mehr<br />
Spätis für Freiburg, dann läuft’s besser!<br />
Nun muss der Späti doch schließen – da sind bei manchen<br />
AnwohnerInnen vermutlich die Sektkorken geknallt – und<br />
wir als Die PARTEI mit Slogans wie „Bier trinkt das Volk“<br />
oder „Oettinger stürzen“ sind entsetzt. Aber das lässt sich<br />
natürlich auch satirisch aufarbeiten – macht euch auf was<br />
gefasst! #Verschwörungssmiley<br />
Gibt es noch andere Themen, die für unsere LeserInnen<br />
interessant sein könnten?<br />
Wir haben noch gar nicht über „Fotzenfritze“ gesprochen...<br />
(Anm. d. Red.: www.fotzenfritz.tk – Das war eine Verlinkung<br />
von der Webseite des Satiremagazins TITANIC zur der von<br />
Friedrich Merz, CDU-Politiker). Ein Obdachloser hat mal<br />
Merz’ Laptop gefunden und ihn beim Bundesgrenzschutz<br />
abgegeben. Zum Dank dafür bekam er von Merz ein Buch<br />
geschenkt, in dem es um das Thema Reichtum oder sonst irgendwas<br />
ging. Er dachte: „Willst du mich jetzt verarschen?“<br />
und hat das Buch in die Spree geschmissen. Das ist wieder<br />
sehr aktuell und satirisch gut aufzuarbeiten.<br />
Dann das Thema FDP. Ich bin sehr froh, dass die Freiburger<br />
FDP sich so schnell distanziert hat von Kemmerich (FDP-Politiker),<br />
anders als andere. Christian Lindner (Bundesvorsitzender<br />
der FDP) ist einfach ein Totalausfall meiner Meinung<br />
nach. Wenn es zu einer Neuwahl kommt dort in Thüringen,<br />
wird die FDP hoffentlich aus dem Landtag fliegen, das wäre<br />
zu wünschen. Zukünftig hoffe ich natürlich, dass Die PARTEI<br />
weiterhin ihren Lauf fortführen wird. Nächstes Jahr könnte<br />
es wahrscheinlich ein bisschen eng für die Bundestagswahl<br />
werden, trotz der KlimawissenschaflterInnen, die wir aufstellen<br />
werden. Aber ziemlich sicher dann in fünf Jahren...<br />
Dann kommt die Machtergreifung?<br />
*räusper* Machtsiegreifung bitte – ein Begriff, den ich geprägt<br />
habe... Ja, dann wird die 5 %-Hürde geknackt!<br />
Wäre schon nett...<br />
Liebe Sophie, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen<br />
hast, uns etwas über Dich und Deine Arbeit zu erzählen.<br />
Viel Kraft und Mut und gute Laune wünschen wir Dir für<br />
alles, was kommt!<br />
Oliver, Conny & Ekki<br />
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Foto: Samuel Clara / Unsplash<br />
LOSLASSEN IST EINE KUNST<br />
In unserer heutigen Gesellschaft wird Durchhaltevermögen<br />
als ein äußerst wertvoller Charakterzug verstanden.<br />
Starke Persönlichkeiten geben nie auf. Sie kämpfen<br />
immer weiter und erhalten dafür Anerkennung und<br />
Respekt. Jene allerdings, die von ihren Zielen abkommen<br />
und ihre Aufgaben nicht zu Ende bringen, gelten dagegen<br />
oft als schwache Charakterpersönlichkeiten. Auch<br />
wenn Durchhalten als ein Ideal in unserer Gesellschaft<br />
verstanden wird, so bringt es im Alltag oft nachteilige<br />
Folgen mit sich, da ein stures Verfolgen von Zielen nicht<br />
selten zu Misserfolg und Unglück führt.<br />
Wer sich durchbeißt, erlebt oft eine übermäßig positive<br />
Wahrnehmung von Ausdauer und vermeintlicher Stärke.<br />
Dabei treten sowohl die eigentliche Funktion als auch die<br />
Bedeutung des Aufgebens in den Hintergrund. Es wird<br />
vergessen, dass das Ablassen von Zielen ein natürliches<br />
Werkzeug unseres selbstkorrektiven Handelns ist, welches<br />
uns z. B. vor Fehlentwicklungen in unserer Lebenswegeplanung<br />
schützen soll. Denn wer seine Ziele unerbittlich<br />
verfolgt, der zahlt auch unweigerlich den Preis dafür.<br />
Diabetes, Herzerkrankungen und Formen des vorzeitigen<br />
Alterns sind keine seltenen Entwicklungen bei der Verfolgung<br />
dieses vermeintlichen Ideals. Dagegen erscheinen<br />
Menschen, die sich von unerreichbaren Zielen loslösen<br />
können, oft als weitaus glücklicher und letztendlich auch<br />
gesünder. Eine logische Schlussfolgerung, wenn man<br />
bedenkt, dass permanentes Durchhalten Stress erzeugt,<br />
genauer das Stresshormon Kortisol.<br />
Wer also schwer zu erreichende Ziele aufgeben kann,<br />
erfährt u. a. eine Verringerung der Produktion von<br />
Kortisol und somit auch eine Steigerung des eigenen<br />
Wohlbefindens.<br />
10<br />
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Natürlich gehört zu einer optimalen Lebensgestaltung<br />
eine gut überlegte Kombination aus Durchhalten und<br />
Ablassen, da ein permanentes Aufgeben von Zielen einen<br />
vergleichbar negativen Effekt haben würde, wie eben<br />
das starre Verfolgen jener Ziele. Daher sollte man sich<br />
grundsätzlich auch tatkräftig für die eigenen Wünsche<br />
und Träume einsetzen, diesen jedoch nicht hoffnungslos<br />
verfallen. Man sollte erlernen zu wissen, wann es gilt aufzuhören.<br />
Und das ist keineswegs ein hoffnungsloses Unterfangen.<br />
Zunächst muss man sich klarmachen, warum<br />
es eigentlich so schwerfällt, von bestimmten Zielsetzungen<br />
loszulassen. Vielleicht verspürt man Scham oder hat<br />
einfach nur Angst davor, als charakterschwach zu gelten.<br />
Andererseits kommen auch verschiedenste gedankliche<br />
Steuerungsmechanismen in Gang, sobald ein Ziel anvisiert<br />
wird. So werden z. B. entmutigende Faktoren von<br />
vornherein ausgeblendet oder eine Kostenrechnung über<br />
die bisher erbrachten Bemühungen erstellt, die bei einer<br />
Aufgabe definitiv verloren gehen würden.<br />
Und letztendlich hemmen sich Aufgeben und Durchhalten<br />
auch gegenseitig, was ein überlegtes Loslassen<br />
durchaus erschwert.<br />
Jedoch sollte unbedingt klar sein, dass, egal wie wichtig<br />
auch das angestrebte Ziel sein mag, seine Umsetzung<br />
spätestens dann infrage gestellt werden muss, sobald<br />
das psychische und physische Wohl darunter zu leiden<br />
beginnt. Daher sollte man eine grundsätzliche Achtsamkeit<br />
auf das eigene Wohlbefinden sowie der emotionalen<br />
Lage entwickeln. Zudem empfiehlt sich grundlegend eine<br />
rationale Analyse der Gesamtsituation. Ist das Vorhaben<br />
zu hoch oder die Realisierbarkeit erschwert, droht Stress.<br />
Wir leiden an Schlaflosigkeit, permanenter Unruhe und<br />
Antriebslosigkeit. Zweifel am Vorhaben sind sodann<br />
ein äußerst nützlicher Denkanstoß. Wer seine Lage also<br />
möglichst objektiv und realistisch bewerten möchte,<br />
sollte auch möglichst sensibel mit den ihm zur Verfügung<br />
stehenden Informationen umgehen. So kann man z. B.<br />
hinterfragen, wie man sich fühlt, ob man unzufrieden<br />
ist oder ob das angestrebte Vorhaben sogar den Preis der<br />
Gesundheit rechtfertigt. Und falls ja, inwiefern? Oftmals<br />
können Außenstehende bei der Bewertung helfen oder<br />
zumindest auf mögliche Verzerrungen der eigenen Beurteilung<br />
hinweisen, da sie einen größeren Abstand zu den<br />
Vorgängen besitzen, als man selbst.<br />
Kommt man nun zu dem Entschluss, von seinem Vorhaben<br />
abzulassen, sollte man auch nicht gleich alles<br />
stehen und liegen lassen. Falls möglich, beendet man<br />
seine Aktivitäten in kleinen Schritten und macht einen<br />
„sauberen Schluss“.<br />
Man sollte dem Umfeld respektvoll gegenübertreten, vor<br />
allem aber sich selbst. Denn wenn man sein Ziel aufgibt,<br />
wirkt man oft verletzbarer und sensibler als zuvor.<br />
Schließlich verbindet man seine Ziele und Wünsche gerne<br />
mit der eigenen Identität. Je zentraler nun die Wünsche<br />
für die eigene Lebenssituation stehen, desto belastender<br />
kann auch der Ablösungsprozess empfunden werden.<br />
Eine wirklich gute Methode damit umzugehen scheint,<br />
sich selbst die Vorteile des Loslassens im Gegenzug zu den<br />
Nachteilen des ursprünglichen Ziels vor Augen zu halten.<br />
Zudem könnte man neue, realisierbare Ziele ins Auge<br />
fassen, um sein Seelenheil zu stabilisieren.<br />
Vielleicht eine Freizeitbeschäftigung, etwas, was man immer<br />
schon einmal tun wollte? Auf jeden Fall ist es wichtig,<br />
sich für neue Reize und Handlungsoptionen zu öffnen<br />
sowie neue Perspektiven in Betracht zu ziehen.<br />
Denn dies sollte deutlich geworden sein, Durchhaltevermögen<br />
ist nicht immer positiv, von Zielen ablassen ebenso<br />
nicht. Daher sollte man sich im Sinne einer optimalen<br />
Lebensplanung niemals von seinen Träumen blenden und<br />
schon gar nicht von gesellschaftlichen Überzeugungen<br />
beeinflussen lassen. Es sollte unbedingt erlernt werden,<br />
stärker auf die Signale des eigenen Körpers und der Seele<br />
zu achten, um so schmerzliche Pyrrhussiege zukünftig<br />
vermeiden zu können.<br />
Harry Bejol<br />
<strong>März</strong> <strong>2020</strong><br />
13 Year cicada<br />
So, 1. i 20 H i Dream PoP, Synthie<br />
s Y z Y g Y X + Palais ideal<br />
mi, 4. i 20 H i electro, new wave, PoSt Punk<br />
poınts<br />
SA, 7. i 22 H i elektroniSch<br />
ovo + vontraPP<br />
fr, 13. i 21 H i minimal extreme metal<br />
electro beat club<br />
SA, 14. i 21 H i elektro, techno, houSe<br />
liieK + JuPPXheYncKes<br />
So, 15. i 20 H i PoSt Punk, harDcore<br />
crYPtic coMMands + the good heX<br />
do, 19. i 20 H i lo-fi, inDie rock, noiSe PoP<br />
love labour’s lost + rev rev rev<br />
fr, 20. i 21 H i Gothic rock, ShoeGaze, PSycheDelic<br />
Verein für notwendige Kulturelle MassnahMen e.V.<br />
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www.slowclub-freiburg.de<br />
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FREIeBÜRGER 03 | <strong>2020</strong> 11<br />
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?<br />
?<br />
?<br />
UNWISSENSCHAFTLICHE<br />
GEDANKENPLAUDEREI<br />
Tragen wir für unsere Handlungen immer die Verantwortung?<br />
Denkt man einmal darüber nach, dann kann die<br />
Suche nach einer Antwort einen ganz schön auslaugen,<br />
und zwar bis auf die Knochen.<br />
Wenn man als Mensch bewusst und gewollt handelt, so<br />
trägt man auch die Verantwortung für eine solche Handlung.<br />
Und zwar voll und ganz. Doch ist das wirklich so?<br />
Könnte man nicht derartig argumentieren, dass das auf<br />
manche Situationen zutreffen mag, auf andere wiederum<br />
nicht? Vielleicht wurde man dazu verleitet, eventuell<br />
sogar durch einen unbewussten Apell. Sollte es so etwas<br />
wirklich geben, könnte man in solchen Fällen für seine<br />
Handlungen doch auch eigentlich nicht verantwortlich<br />
gemacht werden. Oder etwa doch? In vielerlei Hinsicht<br />
kann man darüber nachdenken und sicherlich Argumente<br />
auffinden, die so oder so als zutreffend erscheinen.<br />
Tatsächlich ist das auch gängige Praxis. Manchmal ist der<br />
Mensch handlungsverantwortlich, hin und wieder nur<br />
teilweise und selten eben nicht. Angenommen ein Gericht<br />
muss über einen Fall verhandeln, bei dem eine Person<br />
von einer anderen erschossen wurde, obwohl diese sein<br />
Gegenüber lediglich zur Rede stellen wollte, sodann ist<br />
genau dieser Fakt prüfungswürdig. Ist der vermeintliche<br />
Täter schuld im Sinne des ihm Vorgeworfenen? Letztlich<br />
war doch seine Intention nur, den anderen verbal anzugehen,<br />
wenngleich auch das Ergebnis weitaus tragischer<br />
ausfiel. Zur Beurteilung prüfen die Verantwortlichen<br />
nun den persönlichen Kontext von Täter und Opfer, den<br />
Tathergang, die Zurechnungsfähigkeit etc.<br />
Foto: Mathew Schwartz / Unsplash<br />
12<br />
FREIeBÜRGER 03 | <strong>2020</strong><br />
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Nach ausgiebiger Prüfung und Abwägung aller Gegebenheiten<br />
gelangt das Gericht eventuell zu der Überzeugung,<br />
dass die Tötung vorsätzlich und somit bewusst vollzogen<br />
wurde, der vermeintliche Täter ergo die volle Verantwortung<br />
trägt.<br />
Doch auch nach aller Abwägung und Feststellung muss<br />
die Frage zulässig sein, ob das nun tatsächlich auch so ist.<br />
Ein Mensch hat die Absicht, einen anderen Menschen verbal<br />
zurechtzuweisen. Anstatt dies zu tun, erschießt er sein<br />
Gegenüber, ohne jedoch zuvor seine eigentliche Absicht<br />
aufzugeben. Ergo muss es für das letztendliche Ergebnis<br />
einen Grund gegeben haben. Angenommen dieser Grund<br />
hat nichts mit dem Kontext der Beteiligten, ihrer Historie<br />
oder sonstigem zu tun. D. h. zwischen dem Szenario des<br />
verbal Zurechtweisen und dem Ergebnis Tötung durch<br />
Waffe hat sich zwischen den Beteiligten und dem Situationshergang<br />
nichts verändert. Wenn jemand einen anderen<br />
zurechtweisen möchte, so tut er das in der Regel auch.<br />
Es sei denn, er wird durch eine Barriere daran gehindert.<br />
Will er sodann sein Ziel weiterverfolgen, so muss er in der<br />
Lage sein, die Barriere aufzulösen oder diese zu umgehen.<br />
In diesem Fall hat der vermeintliche Täter wohl versucht,<br />
die entstandene Barriere mithilfe einer Waffe umgehen<br />
zu wollen. Doch warum hat er letztendlich geschossen,<br />
wenn er doch einfach nur seine verbale Absicht damit<br />
hätte unterstützen können, den anderen mit der Waffe<br />
zu bedrohen? Eine Frage, mit der sich sicherlich auch das<br />
Gericht befasst haben muss. Die Waffe ist als Schuldiger<br />
auszuschließen, da sie ohne einen Benutzer nicht abgefeuert<br />
werden kann. Da nun das Opfer auch nicht auf sich<br />
selbst geschossen hat, so bleibt nur noch der Täter übrig.<br />
Daher muss der Grund für das Abfeuern der Waffe auch<br />
im Täter zu finden sein.<br />
Jedoch hat sich an seiner Intention nichts geändert.<br />
Lediglich das Umgehen einer etwaigen Barriere könnte<br />
man hier als eine Veränderung in einem Situationsablauf<br />
werten. So gesehen ist die Sachlage paradox und es<br />
erscheint unvorstellbar, eine genaue Aussage darüber<br />
treffen zu können, ob, und vor allem warum der Täter<br />
eigentlich die Verantwortung für seine Handlung zugesprochen<br />
bekommen sollte. Er hat geschossen, das ist ein<br />
unweigerlicher Fakt. Doch warum? Weiter angenommen,<br />
die Sachlage hat sich folgendermaßen entwickelt: Der Täter<br />
hat die Intention, sein Opfer verbal zurechtzuweisen.<br />
Eine Barriere entsteht, sodass der Täter seine ursprüngliche<br />
Intention nicht weiterverfolgen kann. Vielleicht ist<br />
er klein und schmächtig und sein Gegenüber groß und<br />
stark. Somit benötigt er, um seine ursprüngliche Absicht<br />
durchzusetzen, ein Hilfsmittel. Dies ist eine Pistole. In dieser<br />
befinden sich Patronen. Zudem ist die Waffe schussbereit<br />
und sie befindet sich direkt in der Hand des Täters.<br />
Anstatt nun das Opfer verbal zurechtzuweisen feuert<br />
er eine Kugel ab und erschießt das Opfer. Damit dieses<br />
Szenario gebildet werden kann, benötigt es die Faktoren<br />
Täter, Waffe in der Hand, Patronen, die sich bereits in der<br />
Waffe befinden, Schussbereitschaft der Pistole und das<br />
Opfer. Würde man nun einen dieser Faktoren aus dem<br />
Szenario entfernen, und dabei spielt es überhaupt keine<br />
Rolle, welcher Faktor das ist, so könnte das Szenario nicht<br />
stattfinden.<br />
Irrelevant hingegen wäre es vielleicht, würde man Kontext<br />
der Beteiligten, ihre Historie oder sonstiges entfernen<br />
oder austauschen. Dies natürlich nur in einem gewissen<br />
Maße.<br />
Die für das Szenario hingegen wesentlichen Faktoren<br />
sind sozusagen festgesetzt. Ein Teil gehört zum anderen.<br />
Keiner ist höherwertiger als ein anderer. Man könnte also<br />
sagen, dass alle Faktoren gleichwertig sind, da es ja keine<br />
Rolle spielt, welchen Faktor man entfernen müsste, um<br />
das Szenario aufzulösen. Wäre es daher nicht auch logisch<br />
zu sagen, dass alle Faktoren gleichermaßen verantwortlich<br />
sind? D. h. der Täter als auch das Opfer, die Waffe, die<br />
Patronen etc. tragen gleichwertig verantwortlich dazu<br />
bei, das Szenario aufrechtzuerhalten. Demnach wäre ein<br />
Gerichtsurteil, welches einem Täter alleinig und vollverantwortlich<br />
die Schuld zuspricht, nicht korrekt, da es die<br />
anderen Faktoren nicht im Urteil berücksichtigt hätte.<br />
Eine interessante Überlegung, oder?<br />
Wie man es auch drehen und wenden mag, die Frage<br />
nach einer Handlungsverantwortung richtig zu beantworten<br />
ist wahrlich nicht ganz einfach, sie gestaltet sich<br />
so oder so.<br />
Harry Bejol<br />
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FREIeBÜRGER 03 | <strong>2020</strong> 13<br />
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OBDACHLOS<br />
FÜR EINE NACHT<br />
Mein Start in das neue Jahr war zu meiner großen Enttäuschung<br />
ganz anders, als ich mir das vorgestellt und gewünscht<br />
hatte. Anstatt dem kalten Wetter und der damit<br />
verbundenen Grippe-Welle zu trotzen, musste ich nach<br />
einem Frühdienst ambulant in eine Augenklinik gehen.<br />
Diagnose: eine nervige Bindehautentzündung inklusive<br />
ein geschwollener Lymphknoten am Hals, der vom aufmerksamen<br />
Augenarzt gesehen wurde und der mir selbst<br />
nicht aufgefallen wäre. Wenige Tage später lag ich komplett<br />
flach, was bei einer Erkältung oder Grippe ja nichts<br />
Ungewöhnliches ist, doch mein ekliger Nachtschweiß und<br />
meine zunehmende Schwäche bereiteten mir Sorgen.<br />
Auch meine Hausärztin sah das so und organisierte mir<br />
eine Woche später einen Krankentransport in ein Krankenhaus<br />
außerhalb meines jetzigen Wohnortes, da ich<br />
dort schon mal für längere Zeit in Behandlung gewesen<br />
war. Dazu kam, dass ich in meiner neuen Heimat noch<br />
kein soziales Netz gefunden habe, somit lag also nicht nur<br />
eine medizinische Indikation vor. So hatte ich eine zum<br />
Glück staufreie dreistündige Fahrt im Krankentransportwagen.<br />
Ich hatte viel Hoffnung, dass mir im Krankenhaus,<br />
Foto: Nathan Dumlao / Unsplash<br />
in dem ich bereits bekannt war, geholfen werden würde.<br />
Umso größer war mein Entsetzen, als ich dort ankam und<br />
in der Zentralen Notaufnahme niemand von meinem Ankommen<br />
wusste. Angeblich hatte meine Hausärztin vergessen,<br />
mich anzumelden. Schon der Empfang war sehr<br />
unfreundlich, denn ein Pfleger fragte mich, ob ich vor Ort<br />
eine Unterkunft hätte, denn meinen Rückweg müsste ich<br />
alleine antreten. Am liebsten wäre ich mit den sympathischen<br />
Rettungssanitätern wieder dorthin zurückgefahren<br />
wo ich herkam.<br />
Das, was dann kam, ist für mich bis jetzt immer noch unbegreiflich,<br />
schockierend, beschämend und macht mich<br />
größtenteils sprachlos. Ich wurde von zwei Ärzten arg<br />
grob angegangen, warum ich denn wegen so etwas von<br />
meiner Heimatstadt hierher fahren würde, das ginge mal<br />
gar nicht, fern von aller Welt, dass meinetwegen das gesamte<br />
Gesundheitssystem zusammenbrechen würde und<br />
so weiter... Mein gesundheitlicher Zustand spielte keine<br />
Rolle. Meine Versuche, den Ärzten zu erklären, warum<br />
ich die lange Fahrt auf mich genommen hatte, wurden<br />
und wollten anscheinend nicht gehört werden. Meine<br />
Krankenkasse hat die Transportkosten übrigens voll übernommen.<br />
Wenigstens zeigte der eine Arzt minimal einen<br />
guten Willen und stimmte einem Röntgen meiner Lunge<br />
zu. Wenigstens das war unauffällig, wie meine Blutwerte<br />
auch, was mich in dem Moment aber nicht wirklich interessierte.<br />
Letztendlich wurde ich aus der Zentralen Notaufnahme<br />
entlassen, mit dem nüchternen Ergebnis, dass ich<br />
Weiteres ambulant und bei meiner Hausärztin abklären<br />
lassen sollte. Drei Stunden Fahrt für gar nichts.<br />
Ich fühlte mich dermaßen erniedrigt, dämlich und<br />
schämte mich, warum auch immer, über mich selbst.<br />
Es war bereits Abend und ziemlich kalt draußen, als ich<br />
am Hauptbahnhof stand und mir ein Zugticket für den<br />
Nahverkehr zurück nach Hause kaufte. Ich versuchte trotz<br />
meines schlimmen Erlebnisses positiv zu denken, dass ich<br />
bald wieder zuhause sein würde. Doch als der Zug immer<br />
wieder anhielt und dadurch mein Anschlusszug definitiv<br />
nicht mehr zu erreichen war, wurde mir klar, dass ich ein<br />
riesiges Problem hatte. Ich würde die Nacht ohne Dach<br />
über dem Kopf in der Kälte verbringen müssen. Genug<br />
Geld für ein Hotel hatte ich nicht. Ich schämte mich vor<br />
meinen Freunden, die mir sicher hätten helfen können.<br />
Bei meinem Bruder konnte ich nicht übernachten.<br />
Ich fuhr mit einem anderen Zug zurück zum Hauptbahnhof,<br />
um dort erst mal zu bleiben. Viel besser als irgendwo<br />
alleine als Frau in der Pampa zu stehen.<br />
Mein Gesundheitszustand war immer noch nicht der<br />
Beste, mein Magen tat mir leicht weh und ich fühlte mich<br />
komisch. Doch das nahm ich hin und versuchte, alles zu<br />
ignorieren. Am Hauptbahnhof kaufte ich mir sofort<br />
ein Zugticket für meine Rückfahrt, suchte mir dann<br />
eine ruhige Ecke aus und legte mich eine Weile auf eine<br />
14<br />
FREIeBÜRGER 03 | <strong>2020</strong><br />
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gepolsterte Starbucks-Bank. Mein Tag, der für mich schon<br />
mies begonnen hatte, endete also so: gestrandet auf einer<br />
Bank, obdachlos für eine Nacht. Wenigstens hatte ich<br />
mir vor meinem Abtransport schnell ein paar Mandeln<br />
eingepackt, sodass ich eine Kleinigkeit essen konnte.<br />
Einige Zeit später kam ein Sicherheitswachmann und<br />
wies mich darauf hin, dass der Bahnhof nun geschlossen<br />
werden würde. Ich nahm somit wieder meinen großen<br />
schwarzen Rucksack und meine vollgestopfte Tasche und<br />
ging zu McDonald's. Dort trank ich zuerst einen heißen<br />
Tee, beobachtete die Leute und putzte mir auf der Toilette<br />
meine Zähne, was ich im Nachhinein schon schräg finde.<br />
Als es auch für den McDonald's Zeit war zu schließen, war<br />
ich verzweifelt, denn ich wusste nicht, wo ich hingehen<br />
sollte. Deshalb ging ich auf die nächstgelegene Polizeidienststelle<br />
und erzählte was mir passiert war, doch zu<br />
meiner Verwunderung konnte oder wollte mir die Polizei<br />
auch nicht weiterhelfen! Ich beschloss, in der beißenden<br />
Kälte durch die Stadt zu spazieren, bis mir die hilfreiche<br />
Idee kam, einfach mal in einem Hotel zu fragen, ob ich<br />
dort im Foyer sitzen könnte. In das erste Hotel, das ich<br />
fragte, kam ich zunächst gar nicht rein und wurde gleich<br />
abgewiesen. Im zweiten Hotel wurde ich deutlich zuvorkommender<br />
empfangen und durfte, zu meiner abartigen<br />
Erleichterung und Dankbarkeit, eine Stunde im herrlich<br />
geheizten Foyer sitzen.<br />
Um drei Uhr morgens musste ich auch von dort wieder<br />
gehen und lief, ohne mir viele Gedanken und Sorgen um<br />
meine Sicherheit zu machen, in der stillen und einsamen<br />
Dunkelheit Richtung Krankenhaus zurück. Warum? Keine<br />
Ahnung! Vielleicht, weil ich kurz den Gedanken hatte,<br />
wieder in die Notaufnahme zu gehen und mich dort in<br />
den Warteraum zu setzen. Das wäre bestimmt sinnvoll<br />
gewesen, doch nach dem was am Tag gewesen war, kam<br />
das für mich ganz sicher nicht mehr in Frage.<br />
Den Rest der Zeit bis zu meiner Abfahrt mit dem ersten<br />
ICE nach Hause verbrachte ich auf einer lauwarmen Sitzbank<br />
in einem Vorraum eines Personalwohnheimes. Da<br />
ich selber mal in einem anderen gewohnt hatte, hatte ich<br />
gewusst, dass die Türen zu den Vorräumen immer offen<br />
sind. Ich war unbeschreiblich müde und erschöpft, sodass<br />
ich am liebsten eingeschlafen wäre. Doch ich zwang mich<br />
wach zu bleiben, was auch gut war, denn kurze Zeit später<br />
kam der hausinterne Sicherheitsdienst. Natürlich wurde<br />
ich gefragt, ob ich Hilfe bräuchte. Ich schauspielerte<br />
und antwortete lächelnd, dass ich hier wohnen würde.<br />
Das hatte ich auch, nur ist das schon über drei Jahre her.<br />
In dem Falle war Lügen die bessere Wahrheit gewesen.<br />
Später konnte ich mich endlich auf den Weg zum Hauptbahnhof<br />
machen und meine lang ersehnte Heimfahrt antreten.<br />
Ich war emotional und auch körperlich total platt.<br />
Nicht nur das für mich mehr als unmögliche Verhalten<br />
der Ärzte hatte mich zutiefst schockiert. Auch, dass ich<br />
in so einer großen Stadt wie Freiburg, die sich gerne als<br />
weltoffen präsentiert, mehrmals in einer hilflosen Lage<br />
abgewiesen wurde und unzähligen verschlossenen Türen<br />
begegnet bin! Mir ist erst danach aufgefallen, dass ich in<br />
dieser Nacht, die für mich hätte auch ganz anders ausgehen<br />
können, weder meine körperlichen Beschwerden,<br />
noch meine Gefühle wie Verzweiflung, Angst und Wut<br />
wahrgenommen hatte. Ich war so auf Adrenalin und auf<br />
der Suche nach einer Unterkunft gewesen.<br />
Von dem entsprechenden Krankenhaus kam nach einer<br />
schriftlichen Beschwerde meinerseits wenigstens ein Entschuldigungsschreiben<br />
in Papierform. Trotzdem kann ich<br />
immer noch kein Verständnis für den Umgangston der<br />
Ärzte mir gegenüber aufbringen.<br />
Ich hatte immer Angst gehabt, mal obdachlos zu sein.<br />
Nun war ich es und weiß, wie verdammt schrecklich sich<br />
das anfühlt! Und vor allem, wie schnell das einem passieren<br />
kann.<br />
Für mich ein Argument mehr, mich weiterhin gegen Obdachlosigkeit<br />
einzusetzen und darüber zu reden.<br />
Im <strong>März</strong> auf dem Platz<br />
02.03.<br />
04.03.<br />
06.03.<br />
09.03.<br />
11.03.<br />
13.03.<br />
16.03.<br />
20.03.<br />
23.03.<br />
25.03.<br />
27.03.<br />
30.03.<br />
Montag<br />
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Sprechstunden in der Eschholzstraße 86<br />
Dienstag von 14:00 Uhr bis 15:00 Uhr<br />
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FREIeBÜRGER 03 | <strong>2020</strong> 17<br />
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SPINNING AROUND THE WORLD<br />
Baumwolle ist der Urstoff kapitalistischer Inwertsetzung<br />
Foto: H. Tees, West Point, Mississippi<br />
Abb.: Die Postkarte zeigt einen euroamerikanischen Plantagenbesitzer mit Schrotflinte und Hund, mit afroamerikanischen ArbeiterInnen, USA 1908.<br />
Die Herstellung von Kleidung aus Baumwolle ist eine alte<br />
Kulturtechnik. Sie hat sich jedoch durch die Industrialisierung<br />
technisch, räumlich, ökonomisch und kulturell<br />
umfassend gewandelt. Vielen gilt Baumwollproduktion<br />
als Triebfeder der wirtschaftlichen Globalgeschichte. Ihre<br />
Entwicklung hat das, was wir heute Mode nennen, erst<br />
möglich gemacht.<br />
von Sascha Klemz<br />
Mit Kleidung und Mode assoziieren wir sehr unterschiedliche<br />
Dinge. Schönheit, tolles Design, die Auswüchse der<br />
Konsumgesellschaft oder ausbeuterische Fabrikarbeit in<br />
Asien. Selten jedoch ist die Assoziation der (Roh-)Stoff,<br />
aus dem die Kleidung gemacht ist. Dabei spielt dieser<br />
eine entscheidende Rolle dafür, welche Funktionen die<br />
Kleidung erfüllt, wie sie aussieht und sich anfühlt oder<br />
wie viel sie kostet. Betrachtet man die Gesamtmenge<br />
der textilen Fasern (also auch Füllmaterialien, Autositzbezüge<br />
und so weiter), dann sind Polyester und andere<br />
erdölbasierte Kunstfasern das am häufigsten verwendete<br />
Material. Bei Kleidung ist jedoch Baumwolle seit dem 19.<br />
Jahrhundert die wichtigste Faser und auch heute noch in<br />
über der Hälfte der Kleidungsstücke das Hauptmaterial.<br />
Baumwolle wurde vor etwa 250 Jahren zu einem der<br />
wichtigsten Handelsgüter überhaupt. So wichtig, dass<br />
etwa der Historiker Sven Beckert in seinem Buch „King<br />
Cotton – Eine Geschichte des globalen Kapitalismus“<br />
behauptet, der Baumwollhandel sei die entscheidende<br />
Triebfeder der Industrialisierung, des modernen Nationalstaats<br />
und des Imperialismus gewesen. Baumwolle<br />
ist zugleich ein prominentes Beispiel dafür, wie sich der<br />
heutige internationale (Kleidungs-)Handel aus dem Kolonialismus<br />
heraus entwickelt hat.<br />
Dabei fällt die Entstehung der Bekleidungsindustrie mit<br />
der Entwicklung von Maschinen zusammen, welche die<br />
Baumwolle vom Luxusgut zum meist verwendeten Material<br />
der Textilindustrie machte. Für die baumwollbasierte<br />
Textilindustrie wurden ganze Bahnlinien gebaut und<br />
die ersten Dampfmaschinen in den Fabriken eingesetzt.<br />
Diese industrielle Fertigung bedeutete nicht nur das Ende<br />
der handwerklichen Herstellung von Stoffen, sondern<br />
auch den Beginn der Epoche von Massenproduktion und<br />
Massenkonsum.<br />
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ALTE KULTURPFLANZE UND HANDELSWARE<br />
Baumwolle ist eine uralte Kulturpflanze, die bereits vor<br />
6.000 Jahren in Indien, vor 5.000 im heutigen Peru und<br />
vor 4.000 Jahren in Mesopotamien und Ägypten kultiviert<br />
wurde. Baumwollgewebe wurden vor Beginn der Industrialisierung<br />
hauptsächlich in Indien hergestellt und galten<br />
als Luxusgut, ähnlich wie Seide. Beides gelangte im 17.<br />
und 18. Jahrhundert durch die Britische Ostindien-Kompanie<br />
nach England und Europa. Diese Handelsgesellschaft<br />
hatte sich schon früh auf das Geschäft mit persischer<br />
Seide und Baumwollstoffen aus Indien konzentriert.<br />
Die handwerkliche Herstellung von Baumwollstoff benötigte<br />
immens viel Zeit. Eine einzelne Person benötigte<br />
für die Herstellung von einem Pfund Baumwollgarn etwa<br />
13 Arbeitstage. Für eine vergleichbare Menge an Seide<br />
brauchte es nur sechs Arbeitstage, während man für<br />
Leinen nur zwei bis fünf und für Wolle ein bis zwei Tage<br />
brauchte. An Bedeutung gewann Baumwolle in Europa<br />
daher vor allem durch die Industrialisierung, deren Triebfeder<br />
sie zugleich darstellte. Vor 1750 waren englische<br />
Spinner nicht einmal in der Lage, Baumwollfäden zu spinnen,<br />
die ausreichend fest waren, um reine Baumwollgewebe<br />
herzustellen und die Lohnkosten in England waren<br />
etwa sechsmal so hoch wie die in Indien. Gelöst wurde<br />
das Problem mit Hilfe von Maschinen.<br />
IM MASCHINELLEN ARBEITSTAKT<br />
Die Spinning Jenny, eine Spinnmaschine mit mehreren<br />
Spulen, wurde 1764 erfunden, die von Wasserkraft<br />
angetriebenen Spinnmaschinen namens Waterframes<br />
entstanden um 1769. Der Historiker Sven Beckert nennt in<br />
„King Cotton“ als Beispiel für einen der ersten englischen<br />
Industriellen Samuel Greg. Greg wollte die Erzeugnisse<br />
der damals marktführenden indischen SpinnerInnen und<br />
WeberInnen durch maschinell in England hergestellte<br />
Garne und Stoffe ersetzen. Sein Familienvermögen und<br />
das seiner Ehefrau stammten aus karibischen Zuckerrohrplantagen<br />
und dem Sklavenhandel.<br />
Zwei Onkel Gregs, die ebenfalls Kapital für seine Spinnmaschinen<br />
beisteuerten, waren Textilhändler und besaßen<br />
von SklavInnen bewirtschaftete Zuckerrohrplantagen.<br />
Dadurch verfügte Greg über genug Kapital und Handelsbeziehungen,<br />
um sein erfolgreiches Geschäftsmodell zu<br />
entwickeln. In seiner ersten Spinnerei zwischen Liverpool<br />
und Manchester arbeiteten zunächst 90 zehn- bis zwölfjährige<br />
Kinder für sieben Jahre als ‚Lehrlinge‘. Zehn Jahre<br />
beschäftigte er weitere 110 Erwachsene. Seine Fabrik<br />
brachte 18 Prozent Kapitalrendite ein, das Vierfache britischer<br />
Staatsanleihen zu dieser Zeit. Selbst andere Industrieerzeugnisse<br />
wie die Eisenindustrie und die Kohleindustrie<br />
versprachen nur eine Rendite von sieben Prozent.<br />
Greg steht beispielhaft für eine neue Kapitalfraktion, bei<br />
der Baumwollindustrielle einen immensen Reichtum<br />
anhäuften.<br />
Nach kurzer Zeit war die britische Baumwollindustrie<br />
weltweit führend. Bereits 1795 arbeiteten 340.000<br />
Menschen in Spinnereien, davon etwa 100.000 Kinder.<br />
Um 1830 war jede/r sechste ArbeiterIn Englands in der<br />
Baumwollindustrie beschäftigt, über 20 Prozent der Wertschöpfung<br />
kam aus der Baumwollindustrie. 1788 wurden<br />
50.000 Spindeln Baumwollgarn produziert, 1830 waren<br />
es schon sieben Millionen. Nun gaben die Maschinen den<br />
Arbeitstakt vor. Gleichzeitig entstanden zur Erhöhung der<br />
Produktivität eine extrem starke Arbeitsteilung, Schichtarbeit<br />
und Arbeiterbaracken.<br />
Während SpinnerInnen in Indien 50.000 Stunden brauchten,<br />
um 45 Kilogramm Garn herzustellen, waren ab 1825<br />
in England nur noch 125 Arbeitsstunden dafür nötig. Kein<br />
Wunder also, dass auch auf dem indischen Subkontinent<br />
mittlerweile günstige englische Baumwolle gekauft<br />
wurde. Innerhalb des Zeitraums von 1800 bis 1810 brachen<br />
die indischen Garnexporte um etwa 75 Prozent ein.<br />
Baumwolle war somit eines der ersten Produkte, bei dem<br />
eine industrielle Produktion zur Vorherrschaft auf dem<br />
Weltmarkt führte. Entscheidend war nicht mehr traditionelle<br />
Handwerkskunst, sondern vor allem die Erhöhung<br />
der Arbeitsproduktivität durch Maschinen sowie der<br />
Zugang zu Märkten.<br />
Der Erfolg der englischen Baumwollindustrie hatte großen<br />
Einfluss auf den britischen Staat. Da das Spinnen und<br />
das Weben teilweise in dreißig oder vierzig Kilometern<br />
Entfernung voneinander stattfanden, baute der Staat<br />
Eisenbahnstrecken und Kanäle. Der britische Staat konnte<br />
Handelsverträgen auch über weite Entfernungen hinweg<br />
Geltung verschaffen und mit seiner Marine die Handelswege<br />
sichern. Die Steigerung der Produktionskapazität<br />
verhalf wiederum dem Empire zu Steuereinnahmen und<br />
zu wachsendem ökonomischen und politischen Einfluss.<br />
Staat und Kapital banden sich aneinander.<br />
BAUMWOLLE AUS DER NEUEN WELT …<br />
Doch woher kam die Rohbaumwolle? Aufgrund der dortigen<br />
gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen<br />
gelang es kaum, zusätzliche Baumwolle aus Asien und<br />
dem Mittleren Osten zu beziehen. In der Karibik jedoch<br />
waren die Bedingungen gut. Dort waren die kleinbäuerlichen<br />
Strukturen zerstört und gegen Sklavenplantagen<br />
ausgetauscht worden und man hatte zweihundert Jahre<br />
lang Erfahrung im Anbau von Zuckerrohr gesammelt.<br />
Selbst kleinere Plantagen, die mit Zuckerrohr kaum profitabel<br />
waren, konnten auf einmal mit Baumwolle hohe<br />
Gewinne erwirtschaften. Die Plantagenbesitzer konnten<br />
rücksichtslos auf die neue Nachfrage reagieren: Durch<br />
die Ermordung großer Teile der indigenen Bevölkerung<br />
gab es genügend Land und mit der Sklaverei ausreichend<br />
Arbeitskraft, um Baumwolle anzubauen. Von der Karibik<br />
breitete sich der Anbau von Baumwolle weiter in die<br />
US-Südstaaten aus.<br />
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Das historische Bild vom Süden der USA ist eng mit<br />
Sklaverei, Baumwollanbau und dem Sezessionskrieg<br />
verbunden. Es ist allerdings ebenfalls eine Maschine,<br />
die den dortigen Baumwollanbau lukrativ machte: die<br />
1793 erfundene Cotton Gin, die in der Lage war, Kapseln<br />
und Samen von der Faser zu trennen. Eine einzige dieser<br />
Maschinen konnte am Tag so viel Baumwolle entkernen<br />
wie 3.000 SklavInnen, die nun auf die Baumwollfelder<br />
geschickt wurden.Während sich die Zahl der SklavInnen in<br />
den USA vervielfachte, wurde das Anbauland knapp. 1803<br />
kauften die USA Louisiana, 1819 Florida und 1850 wurde<br />
Texas annektiert. Ein weiteres Mittel zur Inwertsetzung<br />
von Land für den Baumwollanbau war die Ermordung<br />
und Vertreibung der Indigenen. Innerhalb von dreißig<br />
Jahren stiegen die Baumwollexporte aus den Südstaaten<br />
um den Faktor 6.500. Im Jahr 1850 stammten zwei Drittel<br />
der in England verarbeiteten Baumwolle von amerikanischen<br />
Sklavenplantagen. Umgekehrt blieb die Bedeutung<br />
der englischen Fabriken enorm: Lediglich ein Viertel der<br />
amerikanischen Baumwolle wurde in den USA verarbeitet,<br />
60 Prozent in Großbritannien.<br />
Der amerikanische Bürgerkrieg hinterließ jedoch deutliche<br />
Spuren. Die Baumwollproduktion in den USA brach<br />
während des Krieges ein. Nach Abschaffung der Sklaverei<br />
wurde sie teurer – und so geriet das Geschäft mit der<br />
Baumwolle dort in eine ernste Krise.<br />
… UND AUF NEUER WANDERSCHAFT<br />
Nun versuchten andere, auf dem Weltmarkt erfolgreich<br />
zu sein. In Zentralasien gab es schon immer Baumwollanbau<br />
für den regionalen Bedarf. Russische Kaufleute<br />
gaben den Bäuerinnen und Bauern zunächst Darlehen<br />
zu immensen Zinssätzen, womit diese sich auf den<br />
Baumwollanbau spezialisierten. Nach Preisstürzen oder<br />
Missernten kauften die Kaufleute das Land, um es in Plantagen<br />
umzuwandeln. Die früheren BesitzerInnen wurden<br />
so zu PächterInnen. Auch in Togo und im Kongo versuchten<br />
deutsche und belgische Kolonialisten in der zweiten<br />
Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht sehr erfolgreich Baumwollproduktionen<br />
aufzubauen. Auch die Verarbeitung<br />
geriet räumlich in Bewegung. Die modernen Fertigungsmethoden<br />
gelangten in andere Weltregionen. Zugleich<br />
ließen erfolgreiche Arbeitskämpfe in England die Kosten<br />
steigen. So verlagerte sich auch die industrielle Fertigung<br />
zunehmend in andere Länder. In und um Petrópolis<br />
(Brasilien) und Ahmedabad (Indien) entstanden nicht nur<br />
Plantagen, sondern auch Fabriken. Das britische Beispiel<br />
setzte sich fort: In Japan, China und Südkorea, aber auch<br />
in Russland, Polen, Indien, Bangladesch, China, Vietnam<br />
und anderen Ländern war die Industrialisierung eng an<br />
die Entwicklung der boomenden Textilindustrie geknüpft.<br />
In all diesen Regionen entstanden Plantagen oder Fabriken,<br />
die sich in den kapitalistischen Weltmarkt integrierten<br />
und die Sozialstrukturen veränderten.<br />
Auch in den letzten drei Jahrzehnten haben sich die<br />
Herstellungsorte der Bekleidungsindustrie immer wieder<br />
verlagert: von Ostdeutschland nach Osteuropa, von<br />
dort nach China und weiter nach Bangladesch oder Vietnam.<br />
Immer wieder soll mit Hilfe von Nähfabriken eine<br />
Industrialisierung angestoßen werden. Immer noch wandert<br />
die Produktion weiter, wenn die Lohnkosten steigen<br />
und Produkte wie T-Shirts günstiger woanders genäht<br />
werden können.<br />
Aktuell ernährt der Baumwollanbau laut der Umweltschutzorganisation<br />
WWF etwa 250 Millionen Menschen<br />
mehr schlecht als recht. Hinzu kommen ca. 60 Millionen<br />
Menschen, die Arbeitsplätze in der Weiterverarbeitung<br />
haben. Der Baumwollanbau schafft weiterhin Wandel,<br />
Reichtum und Ausbeutung auf verschiedenen Ebenen.<br />
Die Arbeitsbedingungen sind (mit Ausnahme der USA, wo<br />
die Anwendung von Maschinen sehr weit fortgeschritten<br />
ist) fast überall schlecht. Kinderarbeit und extreme Ausbeutung<br />
sind in der gesamten Lieferkette weit verbreitet.<br />
Die Arbeit in den Spinnereien, Färbereien und Nähereien<br />
ist extrem hart.<br />
Auch der massive und meist unsachgemäße Einsatz von<br />
Pestiziden sorgt für gesundheitliche Schäden und die<br />
Verseuchung des Grundwassers. Zudem gelangt ein großer<br />
Teil der Abwässer aus der Weiterverarbeitung, etwa<br />
der Färbung, ungeklärt in die Umwelt. Hinzu kommen<br />
der immense Wasserverbrauch und die Abhängigkeit von<br />
Saatgutkonzernen. Mehr als 80 Prozent der Baumwolle ist<br />
mittlerweile gentechnisch verändert, um Ertrag und Produktqualität<br />
zu erhöhen. Heutzutage stammt ein Großteil<br />
der Baumwolle weiterhin aus Indien, den USA, China,<br />
Brasilien, Pakistan, der Türkei und Usbekistan. Die meiste<br />
Baumwolle wird in Asien zu Garn oder Stoff verarbeitet.<br />
Immerhin gibt es mittlerweile Versuche, durch Bioanbau,<br />
fairen Handel und eine unabhängige Kontrolle der<br />
Arbeitsverhältnisse die Bedingungen in der Bekleidungsproduktion<br />
zu verbessern oder beispielsweise kleinbäuerliche<br />
Strukturen zu fördern sowie die Zahlung von<br />
existenzsichernden ‚living wages‘ durchzusetzen. Solche<br />
Initiativen bestehen vor allem in Indien, China, der Türkei<br />
und den USA.<br />
EINE KOLONIALE GLOBALGESCHICHTE<br />
Der Massenkonsum von Kleidung wurde nur möglich,<br />
weil Baumwolle industriell verarbeitet werden konnte<br />
und die Preise für Kleidung somit stark sanken. Innerhalb<br />
von etwa hundert Jahren wurde Baumwolle so kostengünstig,<br />
dass ihr Marktanteil in der Textilindustrie gegen<br />
Ende des 19. Jahrhunderts rund 80 Prozent betrug. Dies<br />
brachte einen weitreichenden kulturellen und technischen<br />
Wandel mit sich. Baumwolle als Massenprodukt<br />
hat die Herstellung neuer Stoffe, Fäden und Fasern mit<br />
neuen Funktionen ermöglicht.<br />
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Abb.: Kinderarbeiterin in einer Spinnerei, Globe Cotton Mill, Augusta/USA 1909<br />
Foto: Lewis Hine<br />
Dank der extremen Vielseitigkeit von Baumwolle konnten<br />
völlig neue Garne, Stoffe, Muster und Schnitte kreiert<br />
werden. Damit konnte ein Modemarkt mit rascheren<br />
Kollektionswechseln entstehen. Zwar gab es auch vorher<br />
Kleidungsmoden, aber die Modeindustrie bot Kleidung<br />
nun zu einem Bruchteil des Preises an, und industriell gefertigte<br />
Mode verbreitete sich in allen gesellschaftlichen<br />
Schichten. Sich modisch zu kleiden ist heute mancherorts<br />
einfacher (und manchen Menschen wichtiger), als sich<br />
beispielsweise gut zu ernähren.<br />
Sklaverei und Genozid waren, neben der Ausbeutung der<br />
IndustriearbeiterInnen, die direkte Voraussetzung für das<br />
Entstehen einer Textilindustrie, welche die Industrielle<br />
Revolution des 19. Jahrhunderts einläutete und so die<br />
Modeindustrie ermöglichte. Die Geschichte der Baumwolle<br />
ist eine Globalgeschichte und zeigt: Der Industriekapitalismus<br />
war nur deswegen so erfolgreich, weil er<br />
von Anfang an auf die Hilfe des Nationalstaats bei der<br />
Ausbeutung von Menschen in anderen Erdteilen setzen<br />
konnte. Ohne den Kolonialismus wäre eine derartige Entwicklung<br />
so nicht möglich gewesen.<br />
Die Wertschöpfungskette der Textil- und Modeindustrie<br />
beruht nach wie vor zu sehr großen Teilen auf einer<br />
massiven und gewaltförmigen Umverteilung von Süd<br />
nach Nord. Vom Rohstoffanbau über die Fertigung bis<br />
hin zur Müllentsorgung tragen die Länder des Südens<br />
noch immer die Hauptlast. Die ausbeuterischen Verhältnisse<br />
in der Modeindustrie sind nicht auf das ‚Versagen‘<br />
einzelner Konzerne zurückzuführen, sondern strukturellen<br />
Ursprungs – historisch wie aktuell. Angebracht wäre<br />
deshalb eine Dekolonisierung der Mode, nicht nur gesellschaftspolitisch,<br />
sondern auch im ökonomischen Sinn.<br />
Sascha Klemz ist Mitarbeiter im iz3w.<br />
Zum Look: Er sei, sagt er, modisch recht langweilig unterwegs<br />
und trägt gerne die Sachen aus seinem eigenen fair<br />
organic-Laden zündstoff: Jeans und Sneaker, dazu T-Shirt,<br />
Hemd oder Wollpulli.<br />
Der Beitrag erschien zuerst in einem umfangreichen<br />
Themenschwerpunkt zu Mode in der Zeitschrift iz3w<br />
(<strong>März</strong>/April <strong>2020</strong>). Siehe www.iz3w.org<br />
FREIeBÜRGER 03 | <strong>2020</strong><br />
21<br />
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Viel zu selten finden Gespräche mit den Menschen statt,<br />
die sich im Behördendschungel verirren, ihr Recht auf<br />
Selbstbestimmung verlieren und ihre Würde im Eingangsbereich<br />
der Jobcenter abgeben müssen. Sind die<br />
wirklich alle unpolitisch? Alle nur noch Einzelkämpfer, die<br />
ihre Widersprüche und Klagen gegen die Behörde austragen,<br />
ohne mit Gleichgesinnten darüber reden zu wollen?<br />
Ist der Überlebenskampf wirklich so zermürbend, dass die<br />
Idee der gegenseitigen Unterstützung verschwunden ist?<br />
Das kann und will ich nicht glauben. Vielleicht gibt es die<br />
Empathie und Solidarität im Bekanntenkreis und zwischen<br />
NachbarInnen ganz selbstverständlich, spontan<br />
und unorganisiert? Vielleicht bin ich viel zu tief im Sumpf<br />
der Organisationen verstrickt, um zu Menschen Zugang<br />
zu finden, die sich längst enttäuscht von diesen Organisationen<br />
abgewandt haben und auf deren Einladungen<br />
nicht mehr reagieren?<br />
Fast hätte ich vergessen, für diese Ausgabe des<br />
FREIeBÜRGER eine Seite über den Hartz IV-Stammtisch<br />
zu schreiben. Angesichts des Skandals in Thüringen und<br />
des dadurch sichtbar gewordenen Rechtsruck bis weit in<br />
die vermeintliche „politische Mitte“ erscheinen mir die<br />
Bemühungen um einen kleinen Stammtisch zunehmend<br />
bedeutungslos. Zumal die ersten Stammtische im Januar<br />
und Februar vorhersehbar verliefen.<br />
Im Januar saßen wir zu viert in den Räumen von<br />
Schwere(s)Los! e. V. im Kleineschholzweg. Ein Kollege von<br />
der Erwerbslosenberatung, eine Gewerkschafterin und<br />
ein Genosse von der Linken waren aus Solidarität erschienen.<br />
Die drei verfügen über umfangreiches Wissen zum<br />
Thema Hartz IV und stehen seit Jahren den Betroffenen<br />
mit Rat und Tat zur Seite.<br />
Im Februar kamen ebenfalls drei Gäste zum Stammtisch.<br />
Ein Freund, der bei der Landesarmutskonferenz aktiv ist,<br />
ein stadtbekannter Erwerbslosenaktivist und ein Genosse<br />
der Linken aus dem Landkreis bildeten die illustre Runde.<br />
Obwohl ich froh und dankbar für das Interesse bin, ist es<br />
doch enttäuschend, nur Leute begrüßen zu dürfen, die<br />
immer bei allen Veranstaltungen zum Thema Hartz IV<br />
erscheinen und seit vielen Jahren politisch aktiv sind. Viel<br />
interessanter wäre es doch, mit den Menschen ins Gespräch<br />
zu kommen, die nicht in einer Partei oder Gewerkschaft<br />
organisiert sind. Mit den immer gleichen Leuten<br />
mit gefestigten Meinungen über die ewig gleichen Dinge<br />
zu debattieren und immer wieder die gleichen vorhersehbaren<br />
Schlüsse zu ziehen, führt zu nichts. Wir drehen<br />
uns seit Jahren im Kreis und schmoren im eigenen Saft.<br />
Klingt alles ziemlich düster, oder? Ich muss zugeben, dass<br />
ich tatsächlich nicht in zuversichtlicher Stimmung bin.<br />
Einige ArbeitsministerInnen der Bundesländer haben sich<br />
bereits dafür ausgesprochen, auch weiterhin Leistungsberechtigten<br />
die Hartz IV-Zahlungen vollständig streichen<br />
zu können. Das Urteil des Bundesverfassungsgericht zur<br />
Sanktionspraxis lässt diesbezüglich viel Spielraum zur<br />
Interpretation. Es wird sich vermutlich kaum etwas am<br />
Hartz IV-System ändern. Alle Kämpfe dagegen scheinen<br />
aussichtslos. Es wird weiter bergab gehen mit der sozialen<br />
Sicherung. Die Zahl der Obdachlosen wird sich nicht verringern.<br />
Die Zahl der Armen wird wachsen und die Anzahl<br />
der Millionäre wird auch zunehmen. Die Reichen werden<br />
reicher und die Armen ärmer. Die Umverteilung von<br />
unten nach oben ist längst nicht beendet. Und die SPD<br />
kann sich einfach nicht dazu durchringen, sich für Hartz<br />
IV und die Hetze gegen Erwerbslose zu entschuldigen.<br />
Es besteht wahrlich kein Grund für Optimismus!<br />
INFO<br />
Hartz IV-Stammtisch<br />
Dienstag, 3. <strong>März</strong> <strong>2020</strong><br />
von 18 bis 20 Uhr<br />
In den Räumen von:<br />
Schwere(s)Los! e. V.<br />
Kleineschholzweg 5<br />
(Haltestelle Eschholzstraße)<br />
79106 Freiburg<br />
U. Zippel<br />
22<br />
FREIeBÜRGER 03 |<strong>2020</strong><br />
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Engagiert für wohnungslose Menschen<br />
Sonntagstreffs <strong>März</strong><br />
01.03.<strong>2020</strong><br />
13 Uhr<br />
Kath. Gemeinde St. Konrad und Elisabeth<br />
Pfarrsaal | Emmendinger Str. 43<br />
Straßenbahn 2 Richtung Hornusstraße<br />
Halt Rennweg<br />
08.03.<strong>2020</strong><br />
13 Uhr<br />
Kath. Gemeinde St. Cyriak Lehen<br />
St. Cyriak-Saal | Kirchbergstr. 8<br />
Straßenbahn 1 Richtung Landwasser<br />
Halt Paduaallee Bus 32 Richtung Opfingen<br />
- St. Nikolaus oder Bus 19 Richtung<br />
Mundenhof | Halt Kirchbergstraße<br />
Foto: Ekki<br />
VERKÄUFER KARSTEN<br />
Moin, ich bin Karsten, für meine Stammkundschaft der<br />
St. Pauli-Karsten und lebe in Freiburg. Aufgewachsen bin<br />
ich im Herzen der Lüneburger Heide. Ein Teil des<br />
FREIeBÜRGER-Teams bin ich seit Mai 2012.<br />
Angefangen habe ich als Verkäufer, bin jetzt mittlerweile<br />
Verkäufersprecher und ein fester Bestandteil der Redaktion.<br />
Ich verkaufe den FREIeBÜRGER von Montag bis Samstag<br />
zwischen 10 und 13 Uhr an meinem Verkaufsplatz in<br />
der Eisenstraße, direkt vor dem Westhoff Kaffeekultur-Geschäft.<br />
Über die Jahre konnte ich mir eine Stammkundschaft<br />
aufbauen, von denen einige Anteil an meinem<br />
Leben nehmen. Die einen fragen nach, wie es mir so geht,<br />
die anderen bringen mir einen Kaffee oder auch mal eine<br />
Currywurst vom Münsterplatz vorbei.<br />
Vor ein paar Jahren wurde ich sogar von einer Stammkundin<br />
auf eine Israel-Reise eingeladen, über die ich im<br />
FREIeBÜRGER berichtet habe. St. Pauli-Fan bin ich schon<br />
immer und so oft es geht fahre ich nach Hamburg, um<br />
live bei dieser einmaligen Atmosphäre eines Spiels dabei<br />
zu sein. Noch wichtiger ist mir meine Tochter, die meine<br />
St. Pauli-Leidenschaft mit mir teilt und nach ihrem Abitur<br />
gerade eine Ausbildung angefangen hat. Durch den Verkauf<br />
kann ich sie etwas unterstützen. Außerdem bin ich<br />
auch ein großer Sympathisant des SC Freiburg.<br />
So Leute, das war es erst einmal von mir. In Hamburg sagt<br />
man Tschüss, das heißt auf Wiedersehen.<br />
Karsten<br />
15.03.<strong>2020</strong><br />
13 Uhr<br />
22.03.<strong>2020</strong><br />
13 Uhr<br />
29.03.<strong>2020</strong><br />
13 Uhr<br />
Evang. Thomasgemeinde<br />
Jägerstraße 4 | Tullastraße |Straßenbahn 4<br />
Richtung Zähringen | Halt Tullastraße<br />
Kath. Gemeinde Bruder Klaus | Gundelfingen<br />
Gemeindehaus | Wildtalstr. 15<br />
Straßenbahn 4 Richtung Zähringen | Endhalt<br />
Gundelfinger Straße | 10 Min. Fußweg<br />
oder Zug bis Bahnhof Gundelfingen<br />
Kath. Gemeinde St. Barbara<br />
Littenweiler Gemeindehaus<br />
Ebneter Str. 11 | Straßenbahn 1 Richtung<br />
Littenweiler | Endhalt Lassbergstraße<br />
Es laden ein: St. Barbara und die<br />
Auferstehungsgemeinde<br />
Heilpraktiker/-in · HP für Psychotherapie<br />
Homöopathie · Heilpflanzenkunde uvm.<br />
Infoabend:<br />
Montag, 12. <strong>März</strong> <strong>2020</strong>, 19 Uhr<br />
Kursprogramm <strong>2020</strong> jetzt anfordern unter:<br />
Tel: 0761.4014452<br />
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FREIeBÜRGER 03 | <strong>2020</strong><br />
23<br />
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Die Familie lebt in ständiger Angst vor den Gewaltausbrüchen<br />
des Vaters. Nach dem Tod seiner Frau verlässt er<br />
seine vier Kinder und stirbt acht Jahre später.<br />
Eine unbeschwerte Kindheit hatte Christian Baron nicht.<br />
Doch es gab auch schöne, zärtliche Momente mit einem<br />
Hauch von Geborgenheit für ihn, seinen Bruder Benny<br />
und die jüngeren Schwestern Laura und Lena. Opa Willy,<br />
der Vater der Mutter, nahm sich oft der Kinder an.<br />
Und Tante Juli, eine jüngere Schwester der Mutter, steht<br />
bei jeder Krise parat und bietet ihrem Schwager Paroli.<br />
Wenn der Vater gute Laune hat, nennt er Christian und<br />
Benny „meine Gutsten“ und überrascht sie mit Geschenken,<br />
die irgendwo „vom Laster gefallen“ sind. Doch wenn<br />
der Vater sturzbetrunken aus der Stammkneipe kommt,<br />
kehrt die Angst zurück.<br />
Christian Baron<br />
„Ein Mann seiner Klasse“<br />
Claassen Verlag<br />
ISBN 978-3-546-10000-7<br />
288 Seiten | 20 €<br />
EIN MANN<br />
SEINER KLASSE<br />
Buchbesprechung von utasch<br />
Der Autor Christian Baron wurde 1985 in Kaiserslautern<br />
geboren. Schonungslos schildert er das große Elend und<br />
die kleinen Freuden seiner Kindheit in einer bildungsfernen<br />
Familie mit einem alkoholkranken Vater und<br />
einer depressiven Mutter. Der autobiographische Bericht<br />
handelt vom Zorn und Glück, dem Schmerz und der Überraschung,<br />
der Scham und dem Stolz, der Angst und Liebe,<br />
dem Hass, der Hoffnung und den Zweifeln eines sensiblen<br />
und intelligenten Kindes.<br />
Die Mutter ist eine feinfühlige Frau, deren Traum es<br />
war, Dichterin zu werden. Dem harten Leben in relativer<br />
Armut an der Seite eines unberechenbaren und gewalttätigen<br />
Ehemannes ist sie nicht gewachsen. Sie wird von<br />
schweren Depressionen heimgesucht, bis sie im Alter von<br />
32 Jahren an einer Krebserkrankung stirbt.<br />
Der Vater ist ein cholerischer Alkoholiker, der im Suff<br />
Frau und Kinder schlägt. Eigentlich wäre er gern Polizist<br />
geworden, arbeitet aber als Möbelpacker.<br />
Nach dem Tod der Mutter geht es, so beklemmend es<br />
auch zu sein scheint, für die Geschwister bergauf. Tante<br />
Juli versprach der Mutter, sich der Kinder anzunehmen.<br />
Der Vater war verschwunden und Juli nahm mit ihrem<br />
Mann Ralf die vier Geschwister auf. Nach anfänglichen<br />
Schwierigkeiten mit dem Jugendamt konnten die Kinder<br />
endlich in einer sicheren Umgebung leben.<br />
Unterstützung erhielten sie weiterhin von Opa Willy, der<br />
auch bei Juli und Ralf einzog. Und dann kam Tante Ella,<br />
die älteste Tochter von Opa Willy, die durch Heirat den sozialen<br />
Aufstieg geschafft und den Kontakt zu ihrer Familie<br />
und dem Herkunftsmilieu abgebrochen hatte. Tante Ella<br />
und deren Mann kümmerten sich um die kulturelle und<br />
politische Bildung von Christian. Noch vor der Abiturprüfung<br />
erschien sein erster Artikel im Sportteil einer Tageszeitung.<br />
Ein wichtiger Schritt auf dem Weg aus einer<br />
bildungsfernen Familie war getan. In diese Zeit des wachsenden<br />
Selbstbewusstseins fällt die letzte Begegnung mit<br />
dem Vater, der nur noch ein Schatten seiner Selbst ist.<br />
Zu einem Besuch am Sterbebett des Vaters kann sich<br />
Christian Baron nicht durchringen und auch das Grab<br />
besucht er erst acht Jahre später.<br />
Christian Barons literarische Bearbeitung seiner sozialen<br />
Herkunft stößt auf großes Medieninteresse. Als hätte<br />
das gesamte Bildungsbürgertum der Republik auf diese<br />
Geschichte gewartet. Werden die vom Schicksal Privilegierten<br />
sich und ihr Geld dafür einsetzen, dass Kinder aus<br />
bildungsfernen Schichten das gleiche Recht auf<br />
Entfaltung ihrer Fähigkeiten erhalten? Oder ist der Blick<br />
auf das Elend der Anderen nur der von Voyeuristen, die<br />
sich mit leichtem Schaudern darüber freuen, es besser<br />
getroffen zu haben?<br />
Lesen Sie selbst und lassen Sie die Geschichte einer<br />
schwierigen Kindheit unvoreingenommen auf sich wirken,<br />
auch wenn sie gängigen Klischees entspricht.<br />
24<br />
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Foto: Ekki<br />
BIHUNSUPPE<br />
Herzlich willkommen auf unserer Kochseite!<br />
Die Geheimnisse der indonesischen Küche brachten unseren<br />
Redaktions-Koch Samir dazu, sich in unsere Küche zu<br />
stellen und uns mal wieder lecker zu bekochen.<br />
Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Wort „Bihun“ hat<br />
nichts mit Huhn zu tun. „Bihun“ ist indonesisch und bedeutet<br />
Reisnudel oder Glasnudel. Die Bihunsuppe ist eine<br />
indonesische Suppe aus Glasnudeln, asiatischen Gewürzen,<br />
Gemüse und reichlich Hühnerfleisch.<br />
Übrigens ist die Bihunsuppe für Indonesien so typisch wie<br />
die Kartoffelsuppe für Deutschland.<br />
Eine Suppe... so köstlich und gesund, wärmt von innen<br />
und wirkt gegen Erkältung. Am besten mit Bio-Hähnchen<br />
zubereiten, das Fleisch hat einfach mehr Geschmack.<br />
Zubereitung:<br />
Die getrockneten Pilze in heißem Wasser etwa 20 Minuten<br />
einweichen und klein schneiden.<br />
Hähnchenschenkel in einen großen Topf geben und mit<br />
Wasser auffüllen. Wasser leicht salzen, bei mittlerer Hitze<br />
kurz aufkochen und etwa 15 Minuten weiter sieden lassen.<br />
Anschließend den Schaum abschöpfen, die Schenkel<br />
herausnehmen und beiseite stellen.<br />
Vor dem Servieren das Fleisch zerkleinern und kurz in der<br />
Suppe erwärmen. Nachdem die Schenkel herausgenommen<br />
wurden, die Brühe mit Sojasauce, Worcestersauce,<br />
Wein, Essig, Sesamöl und gegebenenfalls mit Salz und<br />
Brühe abschmecken.<br />
Zutaten für 4 Personen:<br />
2 Hähnchenschenkel<br />
200 g Glasnudeln<br />
200 g Champignons<br />
15 g Mu-Err Pilze (getrocknet)<br />
100 g Mungobohnensprossen<br />
150 g Bambusscheiben<br />
6 EL Reiswein oder Weißwein<br />
1 Würfel Bio-Hühnerbrühe<br />
1 TL Sambal Oelek<br />
8 EL Sojasauce (dunkel)<br />
2 EL Sesamöl<br />
6 EL Worcestersauce<br />
1 EL Essig (Reisessig)<br />
1 TL Currypulver<br />
1 Karotte<br />
1 rote Paprika<br />
2 Liter Wasser<br />
Salz & Pfeffer<br />
Champignons in Scheiben, Paprika und Karotte in feine<br />
Streifen schneiden und in der Brühe garen. Nach etwa<br />
fünf Minuten die Glasnudeln, Mungobohnensprossen,<br />
Bambusscheiben und das Hähnchenfleisch dazugeben<br />
und garen, bis die Nudeln al dente sind. Ab und zu umrühren,<br />
damit die Nudeln nicht verklumpen.<br />
Nach Belieben mit fein geschnittenen Kräutern oder Frühlingszwiebeln<br />
garnieren.<br />
Guten Appetit!<br />
Oliver & Samir<br />
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25<br />
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Hallöchen, liebe Sportfreunde,<br />
der <strong>März</strong> ist da, mit ihm der Frühling und natürlich endlich<br />
auch die Sonne! Zwar ist es nicht so, dass wir hier im<br />
Breisgau übermäßig viel Winter abgekriegt hätten, aber<br />
das Schmuddelwetter der letzten Wochen konnte einen<br />
depressiv machen... Für mich ist es nun wieder an der<br />
Zeit, meine Fernsehcouch auf die Terrasse zu stellen und<br />
mir bei Waldluft und angenehmen Temperaturen meine<br />
Sportsendungen anzuschauen.<br />
Und momentan bedeutet das natürlich jede Menge Fußball.<br />
Da wäre die Bundesliga, die so richtig Fahrt aufgenommen<br />
hat, im DFB-Pokal wurde auch schon gespielt<br />
und auch in den europäischen Pokalwettbewerben ist<br />
der Startschuss zur K.o.-Runde gegeben worden. Jetzt im<br />
<strong>März</strong> trifft sich auch DIE MANNSCHAFT, um sich in zwei<br />
Testspielen auf die EM vorzubereiten. Denn die findet ja<br />
auch schon in drei Monaten statt, sodass eine erste Bestandsaufnahme<br />
wohl nicht schaden kann. Und diesmal<br />
haben sich die Verantwortlichen auch endlich mal echte<br />
Gegner dafür ausgesucht, denn es geht gegen Spanien<br />
und gegen Italien. Natürlich sind das nur sogenannte<br />
„Freundschaftsspiele“ (wenn das gegen Italien überhaupt<br />
geht?), die offiziell keine Aussagekraft haben – eine Standortbestimmung<br />
sind sie allemal! Denn ich denke, dass die<br />
beiden südeuropäischen Teams nicht mit einer B-Auswahl<br />
antreten werden, nur um die Öffentlichkeit über die<br />
wahre Spielstärke zu täuschen, denn dazu ist bei diesen<br />
Mannschaften das Prestige viel zu wichtig. Ich werde mir<br />
die Spiele auf jeden Fall anschauen und hoffe, dass der<br />
Jogi eine konkurrenzfähige Truppe aufstellen kann, momentan<br />
gibt es ja eine Menge verletzter Spieler.<br />
Ach ja, nachträglich noch alles Gute zum 60. Geburtstag<br />
an den Bundestrainer und mach Dir Dein Geschenk doch<br />
selbst: Einfach Europameister werden.<br />
Aber das ist alles noch Zukunftsmusik, gegenwärtig sind<br />
wir ja noch mit der Bundesliga beschäftigt. Seit letztem<br />
Monat hat sich da einiges geändert, das Unschönste ist<br />
wohl, dass die Bayern nun doch wieder auf Platz 1 stehen.<br />
Allerdings haben die nur einen einzigen Punkt Vorsprung<br />
vor den Rasenballern aus Sachsen, womit da noch gar nix<br />
entschieden ist. Die Leipziger sollten aber bemüht sein,<br />
den Kampf um die Meisterschale auf die letzten Spieltage<br />
zu vertagen, denn im Meisterschaftsendspurt haben sie<br />
im Gegensatz zu den Münchnern keinerlei Erfahrung.<br />
Vor allem haben die am letzten Spieltag auch noch die<br />
Schiedsrichter auf ihrer Seite, um den Ausgang der Meisterschaft<br />
buchstäblich in letzter Sekunde zu entscheiden,<br />
wie die Saison 2000/01 eindrücklich bewiesen hat!<br />
Das ist lange her, werden jetzt einige Fußballfreunde und<br />
sogenannte „Bayern-Fans“ sagen und die haben ja Recht.<br />
Der Punkt ist aber, dass die Bayern und die „Unparteiischen“<br />
seit Mai 2001 nicht mehr zu solchen Mitteln greifen<br />
mussten, da es nie wieder so spannend wurde und<br />
der Meistertitel am letzten Spieltag längst vergeben war!<br />
Außer den beiden wird wohl keine andere Mannschaft<br />
mit dem Titelkampf der 57. Bundesligasaison zu tun haben.<br />
Auch die Lüdenscheider, die sich vor der Saison schon<br />
so klar und deutlich zum Meister erklärten, dass man fast<br />
gratulieren wollte, werden da nicht mehr eingreifen.<br />
Mir schwant, in diesem Falle gäbe es die nächste Trainerentlassung.<br />
Auf jeden Fall werden die Borussen mit<br />
einigen anderen Vereinen um die Teilnahme an den europäischen<br />
Pokalwettbewerben streiten und das sind nicht<br />
gerade wenig! Mittendrin sind auch noch meine Schalker,<br />
obwohl die gerade keinen Zauberfußball spielen und erfolgreich<br />
kann man die letzten Spiele auch nicht nennen.<br />
Na gut, wir haben bisher noch kein Spiel im Februar verloren,<br />
so weit so gut! Aber drei Unentschieden am Stück<br />
machen mich nun auch nicht unbedingt glücklich. Noch<br />
dazu wenn die Gegner Hertha, Paderborn und Mainz<br />
heißen. Man soll ja nicht immer alles auf verletzte oder<br />
formschwache Spieler schieben, aber in dem Fall muss ich<br />
das zumindest teilweise machen. Inzwischen ist bei den<br />
Knappen die gesamte Stammabwehr verletzt. Da werden<br />
manchmal technisch versierte Mittelfeldspieler in die<br />
Verteidigung berufen und wenn das nicht geht, dann holt<br />
man 17-jährige Nachwuchstalente, die dann urplötzlich<br />
im Rampenlicht der Bundesliga stehen. Die machen dann<br />
vor lauter Aufregung natürlich Fehler, die entscheidend<br />
sein können. Denen kann man keine Schuld für die Misere<br />
geben, aber das Management müsste man fragen, wozu<br />
denn die Winterpause da ist?! Schließlich sind die Spieler<br />
schon länger verletzt und da hätte man sich im Winter<br />
eigentlich verstärken müssen, noch dazu wo der eine<br />
oder andere Publikumsliebling der Schalker für wenig<br />
Geld auf dem Markt war. Ich denke da an das Schalker<br />
Urgestein und langjährigen Kapitän Benedikt Höwedes,<br />
26<br />
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Foto: Annegret Hilse / REUTERS<br />
Abb.: „Was erlauben Klinsmann?“ – Jürgen Klinsmann tritt überraschend nach nur zehn Wochen als Hertha-Coach zurück.<br />
der aus dem kalten Moskau weg wollte. Oder der Brasilianer<br />
Naldo, dessen Vertrag in Monaco aufgelöst wurde<br />
und er somit für umme zu haben wäre. Das wären echte<br />
Optionen gewesen, die mit Sicherheit hätten helfen können.<br />
Nun wird der eine oder andere natürlich sagen, Verteidiger<br />
machen keine Tore, doch da kann ich erwidern:<br />
Naldo doch! Da die Gelegenheit verpasst wurde, hoffe ich,<br />
dass der eine oder andere verletzte Spieler bald wieder<br />
einsatzfähig ist und unsere Abwehr zu gewohnter Stabilität<br />
findet. Dann bin ich mir sicher, dass meine Schalker<br />
im nächsten Jahr wieder dort spielen, wo sie hingehören,<br />
nämlich in Europa!<br />
Bis Platz neun haben die Mannschaften noch Chancen<br />
auf Europa und dazu gehört auch der SC Freiburg.<br />
Zwar waren die letzten Spiele der Breisgauer nicht unbedingt<br />
der Hingucker, aber die stehen dank der super Hinrunde<br />
auf Platz sieben und da ist noch einiges möglich.<br />
Das wäre doch toll, wenn der Sportclub im neuen Stadion<br />
gleich mal gegen prominente Gegner aus dem europäischen<br />
Ausland antreten könnte.<br />
Beim Bundesligaabstieg bin ich mir sicher, dass der in<br />
dieser Saison nicht erst am letzten Spieltag ausgespielt<br />
wird. Fortuna Düsseldorf, Werder Bremen und Paderborn<br />
haben sich auf dem Weg in die zweite Liga schon<br />
einen guten Vorsprung erkämpft und ich glaube, dass<br />
der reicht! Obwohl, bei der Hertha weiß man nicht, was<br />
da noch kommt! Die stehen zwar mit einigem Vorsprung<br />
vor den Abstiegsplätzen, aber bei denen herrscht Chaos<br />
pur. Im Winter pumpte der neue Sponsor mächtig Geld in<br />
den Verein, holte Klinsmann als Trainer, was sicher nicht<br />
billig war und ließ dem nun so ziemlich freie Wahl beim<br />
Einkauf neuer Spieler. Dieser nutzte das und kaufte für<br />
77(!) Mio. Euro ein, war allerdings noch nicht fertig mit<br />
seiner Einkaufsliste, auf der unter anderem auch noch<br />
Jérôme Boateng von den Bayern stand. Mit neuer teurer<br />
Mannschaft ging es in die Rückrunde zur Aufholjagd.<br />
Doch so richtig wollte es nicht klappen und dann kommt<br />
der Clou, Klinsmann schmeißt nach ein paar Wochen hin,<br />
unter irgendwelchen fadenscheinigen Begründungen.<br />
Er verschwand einfach, die meisten Verantwortlichen<br />
und Beteiligten erfuhren auf Facebook davon und waren<br />
begeistert von der Art und Weise. Ist Klinsmann echt so<br />
ein Weltstar, dass er sich so etwas erlauben kann? Bleibt<br />
nur zu hoffen, dass sich alle Clubs, bei denen er in Zukunft<br />
anklopft, an dieses Schauspiel erinnern.<br />
Obwohl wir schon <strong>März</strong> haben und bei uns mal wieder<br />
kein Krümel Schnee liegt, gibt es trotzdem noch Wintersport.<br />
Die Biathleten bestreiten gerade ihren Saisonhöhepunkt,<br />
die Weltmeisterschaften, und bisher sieht es für<br />
die erfolgsverwöhnten deutschen Sportler nicht gerade<br />
rosig aus. Zwei Silbermedaillen, beide gehen auf das<br />
Konto der Damen, sonst gab es noch nix. Aber ein paar<br />
Wettkämpfe gibt es ja noch. Über den Abschluss der Wintersportsaison<br />
berichte ich nächstes Mal...<br />
Carsten<br />
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FOLGE 3<br />
Wolf Hammer wanderte in der Wohnung umher. Sein<br />
großer Rollenkoffer und der Trolley standen verloren<br />
inmitten der modernen, kahlen Diele. Schon als er eingetreten<br />
war, hatte er die vielen Bücher bemerkt. Vom<br />
Wohnzimmer blickte er in die Küche, dann schaute er<br />
in die anderen kleineren Zimmer. Erst als er bei seiner<br />
Runde zum dritten Mal im Wohnzimmer ankam, fiel<br />
ihm auf, dass es keine Bücher, sondern Videokassetten<br />
waren.<br />
Abgesehen von der großen Fensterfront waren die<br />
Wände mit deckenhohen Regalen versehen. Links und<br />
rechts neben den Regalen mit den Videos gab es viele<br />
Regalfächer mit DVDs, hauptsächlich Konzerte und<br />
Live-Mitschnitte von Band-Auftritten. Die Wohnung<br />
musste mindestens zweihundert Quadratmeter groß<br />
sein, aber er fand kein Schlafzimmer, nicht einmal ein<br />
Bett. Wo schlief der Musikmanager? Etwa bei einer<br />
Freundin?<br />
Wolfs Handy meldete sich. Es war Mitch, der sich mit<br />
Wolf meldete und ihn mit Mitch begrüßte. Zuerst<br />
stutzte Wolf, dann aber fiel es ihm ein. Sie hatten ja die<br />
Identitäten getauscht, daran musste er sich erst noch<br />
gewöhnen. Der Manager, der wegen seines Hörsturzes<br />
in der Schwarzwaldklinik behandelt wurde, hatte<br />
am Telefon eine warme und melodische Stimme. „Ich<br />
habe dir ja noch gar nicht erzählt, worum es eigentlich<br />
geht“, begann er. „Also der Davis, den hatten sie<br />
vor Jahren schon mal fertig gemacht. Die Firma, die<br />
ihm gehörte und die er selbst gegründet hatte, wurde<br />
einfach aufgekauft und er wurde rausgeschmissen.<br />
Von einem Tag auf den anderen war er arbeitslos. Die<br />
Anwälte, vor allem seine eigenen, sorgten dafür, dass<br />
er auch fast mittellos wurde.“<br />
Der Manager räusperte sich und fuhr fort. „Aber Davis<br />
ist, wer er ist, und gründete einfach eine neue Plattenfirma,<br />
die jetzige VMA. Die Vitriola Music Agencies sind<br />
seit ein paar Jahren in der gleichen Liga wie die anderen,<br />
er ist wieder viele Millionen schwer und nicht nur<br />
mein Arbeitgeber, sondern auch ein guter Freund!"<br />
In einem der kleineren Zimmer mit Blick auf den<br />
Schwarzwald – er konnte die sattelförmige Wiese des<br />
Frauenhemd genannten Berges erkennen – stand ein<br />
amerikanischer Relax-Sessel, dessen Fußbank bereits<br />
ausgeklappt war. Wolf ließ sich in die weichen<br />
Lederpolster sinken und fragte sich, ob er die große<br />
Revox-Bandmaschine, die einladend vor ihm stand,<br />
anwerfen sollte. Doch wo war der Verstärker, wo befanden<br />
sich die Lautsprecher?<br />
„Wo ist das Problem?“, fragte Wolf. „Wer genau es ist,<br />
weiß ich nicht, aber die Typen sind neidisch. Sie gönnen<br />
ihm den Erfolg nicht. Sie, also die anderen großen<br />
Plattenfirmen und Konzertveranstalter, wollen ihn<br />
fertigmachen. Dass er aufgibt, verstehst du?“<br />
Wolf zuckte die Schultern. Als ob Mitch das gehört<br />
hätte, holte er ein wenig weiter aus. „An sich ist das<br />
Musikmanagement gar nicht so schwer. Die Kunden<br />
rennen dir die Türe ein, alle wollen einen Plattenvertrag.<br />
Du musst halt nur entscheiden, bei wem es sich<br />
lohnt zu investieren. Und Davis hat da ein gutes Gespür.<br />
Seine Entdeckungen machten Gold- und Platinschallplatten,<br />
sein Büro ist damit getäfelt!“<br />
Wolf nickte. Der Sessel war genau das Richtige nach<br />
einem langen Managertag. Seiner dauerte jetzt bereits<br />
fünf Minuten.<br />
28<br />
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„Die Schmutzkampagne der Plattenbosse ist versuchter<br />
Rufmord. Bis jetzt. Denn Davis hat keine Skandale,<br />
er fährt nie Aufzug, das heißt, wenn eine Dame einsteigt,<br />
steigt er aus. In seinem Büro ist stets die Türe<br />
offen. Seine Sekretärin bleibt immer bei ihm drin,<br />
angeblich um zu stenographieren – überleg mal, im<br />
Zeitalter des Smartphones!“<br />
„Aber jetzt, nachdem sie gemerkt haben, das fruchtet<br />
nichts, haben diese Gangster eine härtere Gangart<br />
eingeschlagen. Wir haben es nicht gleich gemerkt,<br />
aber jetzt häuft es sich.“ Wolf runzelte die Stirn. Mitch<br />
fuhr fort: "Bühnenunfälle. Es begann im Konzerthaus,<br />
du weißt doch, das gegenüber dem Bahnhof, in Freiburg.<br />
Ich war da, die Blonde, die Manuela, und – du<br />
kennst sie vom Konzert in Colmar – die Sängerin Mary<br />
Sylvester."<br />
Wolf nickte fast ein auf seinem weichen Sessel. Er hielt<br />
das Handy fester ans Ohr. „Wir waren beim Konzert der<br />
New York Gospel Singers, sie sind aus der Bronx, glaube<br />
ich. Stimmgewaltig. Wir standen vorne an der Bühne,<br />
das Konzert hat alle mitgerissen, das Publikum tobte,<br />
Standing Ovations, und als einer mit dem Blumenstrauß<br />
ankam, also für die Frontfrau, auf Deutsch lead<br />
singer, das ist doch die Pheodora Shayne, wir sagen<br />
immer Miss Piggy, aber nur heimlich. Sie nimmt also<br />
die Blumen, schaut hinein, vielleicht schnuppert sie<br />
dran, was weiß ich, da wird sie kreidebleich, schwankt,<br />
die Blumen fliegen ins Publikum und sie auch. Fällt<br />
um, aber weil sie ganz dicht am Bühnenrand ist, okay,<br />
ein Tape war da geklebt, sie hätte da stehen sollen,<br />
aber der Typ mit den Blumen hat das Gemüse so dicht<br />
vor ihre Nase gehalten, sie konnte überhaupt kein Tape<br />
sehen und wenn es noch so gelb-schwarz gestreift war,<br />
und da haut sie's eben runter.“<br />
Wolf wiederholte. „Sie stürzt während ihres Solos von<br />
der Bühne.“ Aber Mitch korrigierte. „Nachdem das<br />
Konzert vorbei war. Nur noch Zugabe, aber damit war's<br />
auch vorbei, ein Arzt kam, schob uns weg, wir standen<br />
ja um sie herum und schauten nach ihr, aber der Arzt<br />
kümmerte sich um sie. Sie war weich gefallen, ein paar<br />
vom Publikum hat's auch umgehauen, auf die fiel sie<br />
nämlich drauf und keiner war verletzt. Tot hätt' sie sein<br />
können, war sie aber nicht.“<br />
"Wir gingen dann alle zu ihr ins Hotel. Der Arzt kam<br />
mit und gab ihr ein Schlafmittel, sie wollte es aber erst<br />
später nehmen. Wir haben alle viel geredet, von Bühnenunfällen,<br />
ich denke, eigentlich hätte man ihr keine<br />
Angst machen dürfen nach dem Schock. Piggy ist aber<br />
hart im Nehmen.“ Eine Weile war es still, Wolf wollte<br />
schon das Gespräch beenden, da sprach Mitch weiter.<br />
„Aber das wollte ich dir noch sagen, meine Wohnung,<br />
du bist doch gerade drin, oder? Ja, ich habe alles mit<br />
so einer Alexa verkabelt, sie steuert die Sachen. Die<br />
Kommandoworte sind zum Beispiel 'schalte das Licht<br />
an', 'öffne das Bett', 'öffne den Safe', 'öffne den Herd',<br />
oder 'öffne den Kühlschrank' und so weiter. Du lernst<br />
das schon!“<br />
Wolf bedankte sich und wollte schon das Handy wieder<br />
einstecken, als es nochmal klingelte.<br />
„Ja, was ist?“, rief er, denn er dachte, es sei noch einmal<br />
Mitch. Aber es war ein Anruf seines Vaters. „Das FBI rief<br />
mich an, es hatte eine Anfrage bekommen, wegen dir.<br />
Was konnte ich denen schon geben? Normalerweise<br />
fragen die nicht, die haben ja den direkten Draht zur<br />
NSA und die zu uns, das weißt du ja. Aber hier lag die<br />
Sache anders. Jemand hatte eine Anfrage an das FBI<br />
gerichtet, verstehst du, jemand von oben. Ich sollte<br />
einen diesbezüglichen Hinweis geben auf eine vertrauenswürdige<br />
Person mit Erfahrung im Musikgeschäft.“<br />
Wolf machte ein zustimmendes Geräusch. „Hatte<br />
ich aber nicht. Da kamen die mit deinem Namen an<br />
und fragten, ob du verlässlich wärest. Darin liegt aber<br />
genau die Crux. Bei den Diensten bist du gelistet, aber<br />
nur als Freelancer, also in Teilzeit. Bei der Kripo bist du<br />
als Tippgeber, also als Spitzel gelistet, und noch dazu<br />
als Hellseher markiert, Rutengänger, beim Auffinden<br />
von Wasseradern und Wasserleichen behilflich. Das<br />
alles macht dich nicht respektabel. Hab der Person<br />
dennoch deine Handynummer übermittelt. Mach mir<br />
keinen Kummer, benimm dich, wenn sie anrufen!“<br />
- Fortsetzung folgt -<br />
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von Carina<br />
von<br />
Carina<br />
Fett-umrandete Kästchen stellen den jeweiligen Lösungsbuchstaben<br />
Fett-umrandete Kästchen stellen den jeweiligen Lösungsbuchstaben des endgültigen<br />
des endgültigen Lösungswortes dar und zwar von oben nach unten gelesen.<br />
Sind pro Einzel-Lösung mehrere Kästchen fett umrandet, sind<br />
Lösungswortes dar und zwar von oben nach unten gelesen. Sind pro Einzel-Lösung mehrere<br />
Kästchen fett umrandet, sind diese Buchstaben identisch! Alles klar? Na dann viel Spaß!<br />
diese Buchstaben identisch! Alles klar?! Na dann viel Spaß!<br />
Zur Beachtung: Ä/Ö/Ü = AE/OE/UE und ß = SS<br />
Zur Beachtung: Ä/Ö/Ü = AE/OE/UE und ß = SS<br />
Miep-miep, Ihr flotten Feger!<br />
Mahlzeit, liebe Rätselfreunde!<br />
Ich Ich weiß nicht, nicht, wie wie es es Euch Euch damit geht geht –- mich mich nervt nervt sie sie ungemein! Nirgendwo Nirgendwo hat hat man man seine<br />
Ruhe! seine Überall Ruhe! Überall brüllt sie brüllt einem sie entgegen, einem entgegen, ob im Radio, ob im TV, Radio, Internet, TV, Internet, auf Straßen, auf Straßen, in Verkehrs-<br />
in Verkehrsmitteln,<br />
Kinos, Stadien, Kinos, Stadien, Einkaufszentren. Einkaufszentren. Ausgefeilte Ausgefeilte Konzepte Konzepte sollen uns sollen stimulieren, uns stimulieren, manipu-<br />
manipulieren und überzeugen! und überzeugen! Nix geht mehr Nix geht ohne mehr sie und ohne jeder sie von und uns jeder kennt von bestimmt uns kennt die bestimmt bekannten<br />
Slogans die bekannten und Strategien. Slogans und Das kostet Strategien. viel Geld Das kostet und bringt viel Geld noch und mehr bringt Geld, noch wenn mehr es funktioniert. Geld,<br />
An wenn mir es prallt funktioniert. sie meist ab An oder mir prallt ich ignoriere sie meist sie, ab soweit oder ich wie’s ignoriere geht. Obwohl, sie, soweit das Geld wie’s für geht. all die<br />
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1.<br />
Flauschiger<br />
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Abwasch-Erlediger<br />
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2. 2. Ein Ein Heilkraut-Gespenst<br />
3. 3. Eine Eine Salbe für den Knast<br />
4. 4. Purzelbaum für für Königsknaben<br />
5. 5. Buchteile Buchteile in in sonniger sonniger Farbe Farbe<br />
6. 6. Halbgriechisches Halbgriechisches Vierergesindel<br />
Vierergesindel<br />
7. 7. Englische Englische Milchstraße<br />
Milchstraße<br />
8. 8. Gefängsstrafen-Stärke<br />
9. 9. Halt Halt für für ein ein Mineraliengemisch<br />
10.Männliches Wesen für für einen Schutzwall<br />
Lösungswort:<br />
LÖSUNGSWORT:<br />
Zu gewinnen für das korrekte Lösungswort:<br />
1.- 3. Preis je ein Gutschein unserer Wahl<br />
UND:<br />
Im Dezember <strong>2020</strong> wird von ALLEN korrekten<br />
Einsendungen ein zusätzlicher Gewinner gezogen,<br />
der eine besondere Überraschung erhält!<br />
Einsendeschluss<br />
ist der 28. <strong>März</strong> <strong>2020</strong><br />
(es gilt das Datum des Poststempels bzw. der E-Mail)<br />
E-Mails NUR mit Adressen-Angabe. Unsere Postanschrift findet Ihr<br />
im Impressum auf Seite 31. Teilnahmeberechtigt sind alle, außer die<br />
Mitglieder des Redaktionsteams. Wenn es mehr richtige Einsendungen als<br />
Gewinne gibt, entscheidet das Los. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.<br />
Lösungswort der letzten Ausgabe: LÖSUNGSWORT der letzten Ausgabe: VOLKSWAGEN<br />
bestehend aus den folgenden Einzellösungen:<br />
bestehend aus den folgenden Einzellösungen:<br />
1.PARKVERBOT, PARKVERBOT 2.BOBBY-CAR, BOBBY-CAR 3.SCHROTT-<br />
SCHROTTPLATZ<br />
PLATZ 4. TANKLASTER 4. TANKLASTER, 5. 5.STANDHEIZUNG, 6. OELWECHSEL<br />
6.OELWECHSEL, 7.RADARFALLE, 8.VOLLGAS,<br />
7. RADARFALLE 8. VOLLGAS<br />
9.BENZINPREIS, 10. FEINSTAUB<br />
9. BENZINPREIS 10. FEINSTAUB<br />
Gewonnen haben: (aus XX korrekten Einsendungen)<br />
Gewonnen haben (aus 72 korrekten Einsendungen):<br />
X. Xyz, Freiburg R. Heller, Merzhausen<br />
X. Xyz, Freiburg M. Waltzer, Freiburg<br />
X. Xyz,, Freiburg S. Maier, Freiburg<br />
HERZLICHEN HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH ! !!!<br />
Die Gewinner Die Gewinner werden schriftlich benachrichtigt.<br />
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30<br />
FREIeBÜRGER 03 | <strong>2020</strong><br />
end_end_27_Maerz_ausgabe_<strong>2020</strong>.indd 30 28.02.<strong>2020</strong> 10:58:15
ÜBER UNS<br />
Seit Jahren geht in unserer Gesellschaft die Schere zwischen<br />
Arm und Reich weiter auseinander. Besonders durch die<br />
Agenda 2010 und die damit verbundenen Hartz IV-Gesetze<br />
wurden Sozialleistungen abgesenkt. Die Lebenshaltungskosten<br />
steigen jedoch von Jahr zu Jahr. Viele Menschen kommen<br />
mit den Sozialleistungen nicht mehr aus oder fallen schon<br />
längst durch das ziemlich löchrig gewordene soziale Netz.<br />
Und heute kann jeder von Arbeitslosigkeit bedroht sein.<br />
Vereine und private Initiativen versuchen die Not, in welche<br />
immer mehr Menschen kommen, zu lindern und die Lücken<br />
im System zu schließen.<br />
Es gibt unterschiedliche nichtstaatliche Einrichtungen wie<br />
z. B. die Tafeln, welche sich um diese ständig wachsende<br />
Bevölkerungsgruppe kümmern. Oder eben die Straßenzeitungen<br />
wie der FREIeBÜRGER. Der FREIeBÜRGER ist eine<br />
klassische Straßenzeitung. Wir geben unseren Verkäufern<br />
die Möglichkeit, ihre knappen finanziellen Mittel durch den<br />
Verkauf unserer Straßenzeitung aufzubessern. 1 Euro (Verkaufspreis<br />
2,10 Euro) pro Ausgabe und das Trinkgeld dürfen<br />
unsere Verkäufer behalten. Der FREIeBÜRGER unterstützt<br />
also Menschen in sozialen Notlagen. Zu unseren Verkäufern<br />
gehören (ehemalige) Obdachlose, Arbeitslose, Geringverdiener,<br />
Rentner mit kleiner Rente, Menschen mit gesundheitlichen<br />
Problemen, Bürger mit Handicap u. a.<br />
Gegründet wurde der Verein DER FREIeBÜRGER e. V. von ehemaligen<br />
Wohnungslosen und deren Umfeld, deshalb kennen<br />
die Mitarbeiter die Probleme und Schwierigkeiten der Verkäufer<br />
aus erster Hand. Ziel des Vereins ist es, dass Menschen<br />
durch den Verkauf der Straßenzeitung sich etwas hinzuverdienen<br />
können, sie durch den Verkauf ihren Tag strukturieren<br />
und beim Verkaufen neue Kontakte finden können.<br />
Es freut uns zum Beispiel sehr, dass einige wohnungslose<br />
Menschen über den Verkauf der Straßenzeitung sich eine<br />
neue Existenz aufbauen konnten. Heute haben diese Menschen<br />
einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz und<br />
eine Wohnung.<br />
In unserer Straßenzeitung möchten wir Themen aufgreifen,<br />
welche in den meisten Presseerzeugnissen oft zu kurz oder<br />
gar nicht auftauchen. Wir wollen mit dem Finger auf Missstände<br />
zeigen, interessante Initiativen vorstellen und kritisch<br />
die Entwicklung unserer Stadt begleiten. Wir schauen aus<br />
einer Perspektive von unten auf Sachverhalte und Probleme<br />
und kommen so zu ungewöhnlichen Einblicken und Ansichten.<br />
Damit tragen wir auch zur Vielfalt in der lokalen Presselandschaft<br />
bei. Unser FREIeBÜRGER-Team besteht derzeit aus<br />
vier Mitarbeitern. Die Entlohnung unserer Mitarbeiter ist<br />
äußerst knapp bemessen und unterscheidet sich aufgrund<br />
der geleisteten Arbeitszeit und Tätigkeit. Dazu kommt die<br />
Unterstützung durch ehrenamtliche Schreiber und Helfer.<br />
Leider können wir durch unsere Einnahmen die Kosten für<br />
unseren Verein, die Straßenzeitung und Löhne unserer Mitarbeiter<br />
nicht stemmen. Daher sind wir auch in Zukunft auf<br />
die Unterstützung unserer Leser und Freunde angewiesen.<br />
SIE KÖNNEN UNS UNTERSTÜTZEN:<br />
• durch den Kauf einer Straßenzeitung oder<br />
die Schaltung einer Werbeanzeige<br />
• durch eine Spende oder eine Fördermitgliedschaft<br />
• durch (langfristige) Förderung eines Arbeitsplatzes<br />
• durch Schreiben eines Artikels<br />
• indem Sie die Werbetrommel für unser<br />
Sozialprojekt rühren<br />
Helfen Sie mit, unser Sozialprojekt zu erhalten und weiter<br />
auszubauen. Helfen Sie uns, damit wir auch in Zukunft<br />
anderen Menschen helfen können.<br />
Impressum<br />
Herausgeber: DER FREIeBÜRGER e. V.<br />
V.i.S.d.P: Oliver Matthes<br />
Chefredakteur: Uli Herrmann († 08.03.2013)<br />
Titelbild: PixxlTeufel<br />
Layout: Ekki<br />
An dieser Ausgabe haben mitgearbeitet:<br />
Carsten, Carina, Ekki, Conny, Oliver, Karsten, utasch,<br />
Rose Blue, H. M. Schemske, Samir, Recht auf Stadt,<br />
Harry Bejol und Gastschreiber<br />
Druck: Freiburger Druck GmbH & Co. KG<br />
Auflage: 5.000 | Erscheinung: monatlich<br />
Vereinsregister: Amtsgericht Freiburg | VR 3146<br />
Kontakt:<br />
DER FREIeBÜRGER e. V.<br />
Engelbergerstraße 3<br />
79106 Freiburg<br />
Tel.: 0761 / 319 65 25<br />
E-Mail: info@frei-e-buerger.de<br />
Öffnungszeiten: Mo - Do: 12 - 16 Uhr<br />
Fr: 12 - 15 Uhr<br />
Mitglied im Internationalen Netzwerk<br />
der Straßenzeitungen<br />
Der Nachdruck von Text und Bild (auch nur in Auszügen)<br />
sowie die Veröffentlichung im Internet sind nur nach<br />
Rücksprache und mit der Genehmigung der Redaktion<br />
erlaubt. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben<br />
nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.<br />
Die nächste Ausgabe des FREIeBÜRGER erscheint am:<br />
1. April <strong>2020</strong><br />
1. und 2. Mittwoch im Monat um 14 Uhr:<br />
Öffentliche Redaktionssitzung<br />
FREIeBÜRGER 03 | <strong>2020</strong><br />
31<br />
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