#7 Urbanität

philou.

DIVERSITÄT DIVERSITÄT

philou.

Ausgabe 7

Thema: urbanität

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UNABHÄNGIGES STUDIERENDENMAGAZIN AN DER RWTH AACHEN UNIVERSITY

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Wenn du zur Arbeit gehst

am frühen Morgen,

wenn du am Bahnhof stehst

mit deinen Sorgen:

dann zeigt die Stadt

dir asphaltglatt

im Menschentrichter

Millionen Gesichter:

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupillen, die Lider –

Was war das? Vielleicht dein Lebensglück...

vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang

auf tausend Straßen;

du siehst auf deinem Gang,

die dich vergaßen.

Ein Auge winkt, die Seele klingt;

du hast’s gefunden,

nur für Sekunden...

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupillen, die Lider –

Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück...

vorbei, verweht, nie wieder.

Du musst auf deinem Gang

durch Städte wandern;

siehst einen Pulsschlag lang

den fremden Andern.

Es kann ein Feind sein,

es kann ein Freund sein,

es kann im Kampfe dein

Genosse sein.

Es sieht hinüber

und zieht vorüber...

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupillen, die Lider –

Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück!

Vorbei, verweht, nie wieder.

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1890–1935


Editorial

Liebe Leser_innen,

die gegenwärtige Stadt weist ein beispielloses Wachstum

auf: Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten

und bis 2030 wird ein Anstieg auf 5 Milliarden Menschen

erwartet. Damit sind zahlreiche Herausforderungen

verbunden, die in Zeiten der rasant fortschreitenden Globalisierung

zunehmend an Komplexität gewinnen. Als Drehund

Angelpunkt anthropogener Einflüsse stellt die Stadt ein

hochkomplexes Wirkungsgefüge zwischen wirtschaftlichen,

sozialen und ökologischen Faktoren dar.

Stadt wird sowohl als Lebens- als auch als Arbeitswelt verstanden,

als Heimat und Fremde zugleich. Der Drang nach

einem urbanen Leben offenbart die Sehnsucht nach Individualisierung,

Autonomie, nach Öffentlichkeit und Gemeinsamkeit.

Zwischen Sehnsuchtsort und Flüchtigkeit wird

das Leben in der Stadt von kultureller Vielfalt bestimmt

und kennzeichnet das Zentrum menschlicher Interaktion.

Dabei gehen Distanz und Entfremdung, Vereinzelung und

Gemeinschaft Hand in Hand.

Stadt & Mensch: „Die Städte aber wollen nur das Ihre“,

wie Rilke 1903 bezeichnend schrieb. Was macht eine Stadt

besonders, was ist ihr Alleinstellungsmerkmal? (S. 10) Zwischen

Distanz und Nähe, Vereinzelung und Gemeinschaft

liegt das urbane Dilemma: ein Kampf gegen die Entfremdung.

(S. 14)

Stadt & Umwelt: Das hochkomplexe Wirkungsgefüge und

die zahlreichen diversen Einflüsse, denen eine Stadt ausgesetzt

ist, erhöht auch das Gefahren- und Störungs potential.

Kann eine Stadt robust und widerstandsfähig auf Störungen

reagieren? (S. 20) Als dominierender Lebensraum des

Menschen sind die anthropogenen Einflüsse entsprechend

bedeutend – es bedarf Schutzmechanismen, die ein lebenswertes

Leben in der Stadt in Zeiten des Klimawandels und

der Ressourcenverknappung gewährleisten können. (S. 25)

Bedeutende Umweltbelastungen sind beispielsweise neben

der verstärkten Feinstaubbelastung auch die erhöhte Lärmbelastung

(S. 28) sowie die mit einem zunehmenden Bevölkerungswachstum

einhergehende Flächeninanspruchnahme.

Mobilität bleibt ein relevantes Thema für die Zukunft der

Städte. Der Ausbau von Straßen und Parkflächen erhöht

das Verkehrsaufkommen proportional. Können Radfahren

und Sharing-Angebote die Flächennutzung nachhaltig und

effizient gestalten? (S. 31)

Stadt & Gesellschaft: Neben dem alltäglichen Leben

in der Stadt gilt es ebenso, selbiges bewusst zu gestalten,

wahrzunehmen und aktiv darin teilzunehmen. Dabei haben

Bürger_innen häufig die Möglichkeit, an Entscheidungsprozessen

mitzuwirken und mitzubestimmen. Sind diese Beteiligungsverfahren

wirklich demokratisch oder eine Illusion

von Partizipation? (S. 36) Bezeichnet als Gentrifizierung

wird das städtische Bild zwischen Aufwertung und Verdrängung

durch Umstrukturierungsprozesse geprägt – forciert

durch wirtschaftliche und politische Akteure. (S. 40) Neben

den Verdrängungsprozessen gehört die Anonymität zu

den urbanen Phänomenen: Zwischen Verwahrlosung und

Dunkelheit wirkt die Stadt nicht nur als Sehnsuchtsort, als

Zentrum der Selbstverwirklichung, sondern auch als Angstraum.

(S. 43)

Was ist einer Stadt, dem dominierenden Lebensraum der

Menschen, immanent? Was ist Stadt?

Wir freuen uns, diese und weitere Fragen sowie Problemstellungen

mit euch teilen zu können und präsentieren euch

nun die siebte philou. Durch den Fokus auf die Diversität

und Interdisziplinarität der Themen wollen wir zeigen, dass

das inneruniversitäre Gespräch eine der höchsten Prioritäten

im Studium genießen muss. Wir wollen euch hiermit Anreize

zu neuen Überlegungen liefern und hoffen, dass euch

die siebte Ausgabe genauso gefällt wie uns!

Eure philou. Redaktion

Verfasst von Ann-Kristin Winkens

philou.


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Inhalt

06 Urbanität in Zahlen

STADT & Mensch

10 Bilder einer Stadt

Cristina García Mata

Wie ein Leuchtturm-Projekt die Entwicklung

einer Stadt zum Positiven verändern kann.

14 Das Schöne an der Wüste ist,

dass sie irgendwo einen

Brunnen versteckt hält

Thomas Sojer

Über den Kampf gegen die Entfremdung im

Stadtleben.

STADT & Umwelt

20 Die Grenzen der Stadt –

Urbane Resilienz

Ann-Kristin Winkens

What doesn‘t kill you makes you stronger: Wie

resiliente Strukturen Städten dabei helfen, mit

Katastrophen umzugehen.

25 Der Lebensraum des Menschen –

eine ökologische Betrachtung

der Stadt

Aaron Förderer

Mensch versus Umwelt. Wie Städte

Ökosysteme zerstören und erschaffen.

STADT & Gesellschaft

36 Mit weichem Knüppel in die

Mitmachfalle – wie politische

Mediation bürgerliche

Selbstorganisation imitiert

Nils Honkomp & Frédéric Falter

Urbane Demokratie – zwischen Partizipation

und Illusion.

40 Immer diese Künstler... –

Kritik eines eindimensionalen

Gentrifizierungsbegriffes

Moritz Hirmer

Von Künstlern, Yuppies und Investoren – wer

steckt hinter der Gentrifizierung der Stadt?

43 Urbane Angsträume und

rechte Diskurse

Sonja Gaedicke

Angst essen Räume auf. Wie der Diskurs

die Realität überdeckt.

48 Stadt vs. Land

Januskopf

Thomas Ruddigkeit

28 Viel Lärm um nichts?

Merle Riedemann

Von Einflugschneisen und Amateurtrompetern:

Wie Lärm die Gesundheit beeinflussen kann.

31 Copenhagenize – das Fahrrad als

Verkehrsmittel der Zukunft?

Anonym

Wem gehört die Straße? Wie es dazu kam,

dass das Auto Vorfahrt erhielt.

philou.rwth-aachen.de

facebook.com/philoumagazin

info@philou.rwth-aachen.de

philou.


Zahlen

URBANITÄT

in Zahlen

Top 5 Megacities

Gegenwärtig gibt es weltweit 33 Megacities (städtische Agglomerationen mit mehr als

10 Mio. Einwohner). Die meisten von ihnen liegen in Asien (19) und Latein amerika (6). 1,2)

2005 2018

Tokio

35,2

1.

37,6 +2,4

Tokio

Mexiko-Stadt

19,4

2.

28,9 +10,7

Mumbai

New York

18,7

3.

21,6 +3,3

São Paolo

São Paolo

18,3

4.

20,3 +1,6

New York

Mumbai

18,2

5.

20,1 +0,7

Mexiko-Stadt

ANTEIL VON STADT- UND

LANDBEWOHNERN IN DEUTSCHLAND 4)

2020

NATURAL URBAN MODEL

2010

nach Burgess/Park 3) 0,00% 20,00% 40,00% 60,00% 80,00% 100,00% 120,00%

V. PENDLERZONE

2000

IV. MITTELSCHICHT

(EINFAMILIENHÄUSER)

1990

0% 20% 40% 60% 80% 100%

III. ARBEITERWOHNGEBIET

(MIETSKASERNEN)

Stadtbewohner

Landbewohner

II. ÜBERGANGSZONE

Stadt- und Gemeindetypen in

Deutschland 5)

• Landstadt: 2.000–5.000 Einwohner

I. STADTKERN/

GESCHÄFTS-

VIERTEL

• Kleinstadt: 5.000–20.000 Einwohner

• Mittelstadt: 20.000–100.000 Einwohner

Afrika

• Großstadt: > 100.000 Einwohner

Asien

6

Weltweit

Ozeanien


São Paolo

176m 2

Berlin

Peking

58m 2

Genf

42m 2

Singapur

43m 2

Hong

Kong

30m 2

London

30m 2

Monaco

17m 2

New

York

26m 2

WIE

2020 VIEL

WOHN-

FLÄCHE

BEKOMMT

2010

MAN

FÜR

1 MILLION

2000

DOLLAR? 6)

Kapstadt

209m 2

Tokio

91m 2

176m 2 Istanbul

102m 2

Sydney

59m 2

Dubai

162m 2

Miami

79m 2

Paris

55m 2

Shanghai

46m 2

Los Angeles

61m 2

Mumbai

99m 2

Melbourne

110m 2

1990

79

0,00% 20,00% 40,00% 60,00% 80,00% 100,00% 120,00%

Großstädte Stadtbewohner

gibt es

84%

Landbewohner

in Deutschland. 7)

Vier deutsche

Millionenstädte: 7)

Prognostizierter Urbanisierungsgrad

Berlin 3,5 Mio.

in Europa im Jahr 2050 8)

Hamburg 1,7 Mio.

München 1,4 Mio.

Köln 1,05 Mio.

QUELLEN

1) Bundeszentrale für politische

Bildung 2008

2) UN 2018: World Urbanization Prospects

3) Burgess/Park (1925): The City:

Suggestions for Investigation of Human

Behavior in the Urban Environment

4) Statista 2018

5) Bundesinstitut für Bau- und

Raumforschung 2015

6) Statista 2016

7) Statistisches Bundesamt; Statistische

Ämter des Bundes und der Länder 2016

8) UN 2015: World Population Prospects,

the 2015 Revision

URBANISIERUNGSGRAD

Anteil der Stadtbewohner in den Weltregionen im Jahr 2018 4)

Afrika

Asien

Weltweit

Ozeanien

Europa

Lateinamerika und Karibik

Nordamerika

0,00% 0% 20,00% 20% 40,00% 40% 60,00% 60% 80,00% 80% 100,00% 100%

7 philou.


Die kleinen Zimmer oder

Behausungen lenken den

Geist zum Ziel, die großen

lenken ihn ab.

Leonardo Da Vinci

1452–1519

Foto: Sarah Hilker

8


Stadt & Mensch

Charta von Athen

Die funktionale Stadt

Die Charta von Athen ist ein städtebauliches Manifest,

das 1933 im Rahmen des IV. Kongress

der Congrès Internationaux d‘Architecture Moderne

(CIAM) in Athen zum Thema „Die funktionale

Stadt“ verabschiedet wurde. Mit dem Ziel einer

geordneten Stadtentwicklung wird in dem Manifest

eine grundsätzliche Trennung der urbanen Nutzflächen

nach Wohnen und Arbeiten gefordert.

„Stadtbau kann niemals durch ästhetische Überlegungen

bestimmt werden, sondern ausschließlich

durch funktionelle Folgerungen.“ – eine der Forderungen

im Manifest.

Vitruv

Prinzipien der Architektur

Vitruv war ein Architekturtheoretiker, dessen Werk

De architectura libri decem im gesamten Mittelalter

bekannt war und das seit der Renaissance einen

wesentlichen Einfluss auf architektonische Konzepte

aufwies. Nach ihm gibt es drei Hauptanforderungen

an die Architektur: Firmitas (Festigkeit),

Utilitas (Nützlichkeit) und Venustas (Schönheit).

Diese drei Begriffe galten als die grundlegenden

Maßstäbe für die Bewertung von Architektur – sie

mussten alle drei gleichermaßen erfüllt sein.

Nur 21% der Deutschen

möchten in einer Großstadt

leben. Tatsächlich leben

allerdings 31% der Deutschen

in den Großstädten.

1,8 Millionen Wohnungen

in Deutschland stehen leer,

während 860.000 Menschen in

Deutschland wohnungslos sind.

YUPPIE

young urban professional (people)

Junger, karrierebewusster, großen Wert auf seine

äußere Erscheinung legender Stadtmensch,

Aufsteiger. (Duden)

Anleitung: Wie werde ich ein Yuppie

https://de.wikihow.com/Sich-wie-ein-

Yuppie-kleiden

Suburbanisierung

Suburbanisierung beschreibt den Abwanderungsprozess

der Stadtbevölkerung, der Industrie

und des Dienstleitungsgewerbes ins städtische

Umland. Die Zentralität der Stadt wird in Frage

gestellt und nimmt ab.

9 philou.


Opener

Cristina García Mata

TEchnik-kommunikation

philou.

10


Stadt & Mensch

Wäre der Autor des Romans Die unsichtbaren Städte,

Italo Calvino, in seinem Leben jemals in Bilbao gewesen,

hätte er wahrscheinlich nicht gewusst, ob er sie als eine

verborgene oder als eine zusammenhängende Stadt einstufen

sollte. Wahrscheinlich hätte er von einer Wasserzunge gesprochen,

die eine Bevölkerung in zwei aufteilt, von einer

Bergwand, die die Stadt schützt und gleichzeitig isoliert,

und von der Art und Weise, wie die Erde sich zum Meer

hin öffnet. Er hätte mit Sicherheit den konstanten und unaufhaltsamen

Rhythmus des Regens bemerkt, der sogar den

Himmel verwischt und ihn in die Farbe des Stahls verwandeln

kann – derselbe, der aus dieser Erde gekommen ist und

seine Bewohner reich gemacht hat.

In den achtziger Jahren blieben vom goldenen Zeitalter der

Stahlindustrie und des Schiffbaus jedoch nur geschwärzte

Gebäude, eine Ria voll chemischen Abfalls, eine hohe Arbeitslosigkeit,

und die Introvertiertheit und Angst, die durch

politische Instabilität hervorgerufen wurde. Bilbao benötigte

dringend einen Richtungswechsel, einen Wandel von einer

Industrie- zur Dienstleistungs- und Kulturstadt.

Die Lösung der bilbaínos (die Einwohner Bilbaos), wenn

auch utopisch, bestand darin, den Architekten Frank Gehry

mit dem Bau eines völlig bahnbrechenden Gebäudes zu beauftragen:

das Guggenheim Museum Bilbao. Diese Kreuzung

aus Palazzo und Schiff aus Stein und Titan sollte die

Transformation der Stadt repräsentieren und gleichzeitig

der Motor der wirtschaftlichen Erneuerung sein.

Die Einweihung des Museums veränderte die Geschichte

der Stadt schlagartig: Dank des katalytischen Impulses erlebte

Bilbao in den Folgejahren eine für eine Stadt dieser Größenordnung

nie zuvor gesehene urbane und wirtschaftliche

Renaissance, die heute als Bilbao-Effekt bekannt ist. Viele

andere postindustrielle Städte wie Wolfsburg, Graz oder Luzern

haben versucht, den Erfolg, der durch die sogenannte

Star-Architektur erzielt wurde, nachzuahmen. Nach einer

aktuellen Forschung der Technischen Universität München

hatten alle ikonischen Projekte jeweils positiv wirtschaftliche

und soziale Auswirkungen für die Städte, obwohl ein

Erfolg wie in der spanischen Gemeinde sicherlich nicht erreicht

wurde.

Die Wahrheit ist, dass ein einzelnes Gebäude, egal wie

ikonisch es ist, die Zukunft einer Stadt nicht ändern kann.

Frank Gehry selbst hat während des Baus seines Guggenheim

Museums seine Zweifel eingestanden. Der Schlüssel

zum Erfolg von Bilbao liegt in einer Mischung aus einem

gelungenen lokalen und regionalen Kontext, einer wirksamen

Umweltpolitik und einer kontinuierlichen Investition

in neue Infrastrukturen, von denen viele von anderen bekannten

Star-Architekten wie Zaha Hadid, Norman Foster

oder Santiago Calatrava entworfen wurden. All dies

geschah, ohne die Geschichte der Stadt und die dazugehörigen

Gebäude zu vergessen. Das Guggenheim Museum

war schließlich nicht die einzige Maßnahme gewesen, mit

der sich Bilbao erneuert hat.

Jede Stadt, die besonders sein will, muss mit dem arbeiten,

„was an Materialitäten, Praktiken und Repräsentationen

bereits vorhanden [sei]“, wie der Kultursoziologe Andreas

Reckwitz in seinem Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“

schreibt. Jede Stadt, die international anerkannt werden

will, muss auch die lokalen Eigenlogiken kennen und

nicht nur die Formel des Bilbao-Effekts. Möglicherweise

kann der Bilbao-Effekt nur an einem Ort funktionieren:

in Bilbao.

Weiterführende Literatur

Sklair, L. (2017): The Icon Project: Architecture,

Cities and Capitalist Globalization. Oxford: Oxford

University Press.

Ponzini, D.; Nastasi, M. (2016): Starchitecture:

Scenes, Actors and Spectacles in Contemporary

Cities. Turin: The Monacelli Press.

11 philou.


12


13 philou.


Artikel

Das Schöne an

der Wüste ist,

dass sie irgendwo

einen Brunnen

versteckt hält

THOMAS SOJER

THEOLOGIE/RESONANTE WEltBEZIEHUNGEN (ERFURT/GRAZ)

Der Soziologe und katholische Priester Pierre-Marie

Delfieux (1934–2013) wurde 1965 als Studentenseelsorger

an die Sorbonne bestellt. Am 3. Mai 1968 begannen

die Universitätsbesetzungen und es kam zur Geburt der

68er-Revolution in Frankreich. Delfieux war innerlich zerrissen:

Zwar war er den Anliegen der Studierenden wohlgesonnen.

Die sozialphilosophischen Erklärungsmodelle der

Bewegung erschienen ihm jedoch zu seicht, als unmittelbare

Reaktion und nicht als längerfristige Lösung. Im selben Jahr

verließ er die französische Hauptstadt und zog sich für sieben

Jahre in eine Steinbaracke auf dem Assekrem-Plateau

im Ahaggar-Gebirge im Süden Algeriens abseits jeder Zivilisation

zurück. Ausgehend von einer systematischen, jahrelangen

Reflexionspraxis wie sie auf die antiken Wüstenväter

zurückgeht, meditierte er darüber und versuchte all dem,

was er im Herzen von Paris miterlebt hatte, einen Sinn

zu geben. Schließlich gelang er zu einer bemerkenswerten

Beobachtung: Die vollkommene Menschenleere der algerischen

Wüste und die „Monotonie der Fensterreihung der

Hochhäuser und der starren Addition von Siedlungshäusern“

(Mitscherlich 1965: 19) hatten paradoxerweise eine ähnliche

Wirkung auf ihn, nämlich Vereinsamung und Verrohung.

Gleichzeitig machten ihm beide Lebensräume ununterbrochen

das Angebot, Neues zu schaffen und alte Strukturen

zu überwinden.

In dieser Ambiguität schreibt einerseits Hannah Arendt dem

Lebensraum Wüste eine transformierende Qualität zu, und

begründet es damit, „daß wir, die wir nicht der Wüste entstammen,

aber in ihr leben, in der Lage sind, die Wüste in

eine menschliche Welt zu verwandeln“ (Arendt 2003: 181).

Auf der anderen Seite beleuchtet Georg Simmel die Ambiguität

der Stadt in seiner Studie Die Großstädte und das

Geistesleben, indem er ungeahnte Möglichkeiten subjektiver

Beziehungsgestaltung moderner Urbanität herausschälte

und ebenfalls die Gefahr der Melancholie aufgrund einer

damit einhergehenden Reizüberflutung skizzierte. Für Simmel

war es eben diese Ambivalenz, die das städtische Leben

zum Heilsversprechen der Moderne werden ließ, jedoch seine

Bewohner_innen stattdessen mit einer Realität beerbte,

die Simmel subsummierend mit dem Begriff Blasiertheit

bezeichnete (vgl. Simmel 2006: 28).

Wüste und Großstadt vereinen es somit, Hindernis und

Chance in einem zu sein. Als Antwort auf diese coincidentia

oppositorum [gleichzeitige Gültigkeit von Widersprüchen]

formulierte Delfieux eine raumtheoretische Anthropologie, die

Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen

nicht nur auf einer diskursiven oder praktischen Ebene verwurzelt,

sondern sich vor allem ausgehend von den konkreten,

aber meist unbewussten Raumverhältnissen derselben

bestimmt (vgl. Delfieux 2014).

Als François Marty, der damalige Erzbischof von Paris, von

Delfieuxs Beobachtungen erfährt, beordert er ihn 1975 zurück

in die französische Hauptstadt und erteilt ihm den

Auftrag, eine kirchliche Antwort auf die Herausforderung

der Urbanität zu erarbeiten. Mit einer Gruppe ehemaliger

14


Stadt & Mensch

Studierender aus seiner Sorbonnezeit gründete Delfieux im

selben Jahr die Fraternités monastiques de Jérusalem; in Anspielung

an Jerusalem als die Stadt der Städte der drei großen

Buchreligionen. Als Gegenprogramm zu einer „Vertreibung

menschlicher Erlebniserwartungen aus dem aktuellen Bild

unserer Städte“ und einem „umfassenden Prozess der Enthumanisierung

der Lebenswelt“ (Lorenzer 1981: 19), den der

Psychoanalytiker und Soziologe Alfred Lorenzer moniert,

wollte Delfieux Oasen der Ambiguität in der urbanen Monotonie

schaffen. Als Mönche und Nonnen leben die Mitglieder

in gewöhnlichen Wohnhäusern (seit 2009 auch in

Köln) und arbeiten tagsüber im Ordensgewand in besonders

‚urbanen Berufen‘ wie zum Beispiel Metrofahrer_in

oder Stadtparkgärtner_in. Den Rest des Tages bieten sie in

zentralen Stadtkirchen ein öffentliches religiös-künstlerisches

Programm an, das in Anklang an die antike Wüstenvätertradition

die Möglichkeit bietet, in einer kulturellen

(Neu-)Aufladung der Großstadt als Wüste von den „vormodernen

Gesellschaften [zu] lernen, in denen über lange

Zeit eine sehr ambiguitätstolerante Mentalität herrschte“

(Bauer 2018: 95).

Durch ihre Lebensform versuchen sie täglich bewusst Ambiguität

zu verwirklichen und „eine moderne Disposition

zur Vernichtung von Vielfalt“, dessen Kulmination Thomas

Bauer im Urbanen erkennt (Bauer 2018: 12), prismatisch

in Farbfacetten zu brechen. Schon Stefan Zweig verspürte

zum Fin de Siècle hin „ein leises Grauen vor der Monotonisierung

der Welt“, wenn „immer mehr die Städte einander

äußerlich ähnlich“ werden und „dieser Niedersturz in

die Gleichförmigkeit der äußeren Lebensformen“ (Zweig

1990: 33) sichtbar werde. Trotz der unüberschaubaren Anzahl

neuer Initiativen – vom urban gardening bis Skylines,

die dank augmented reality zu gigantischen Kinoleinwänden

werden – bleiben die Bemühung vor dem Hintergrund

der alltäglichen Dynamisierung und Beschleunigung des

städtischen Tagesablaufs wie Baudelaire im Gedicht À une

Passante schreibt „Un éclair... puis la nuit!“ [ein Blitz, dann

wieder Nacht].

Eine recht junge Antwort auf das städtische Entfremdungsproblem

bietet Hartmut Rosa mit seiner Resonanztheorie,

in der er Resonanz als ein Konzept der ‚Nicht-Entfremdung‘

elaboriert (vgl. Rosa 2018: 284). Rosa kommt analog zu Delfieux

zum Schluss, dass Resonanz stets vom entgegenkommenden

Resonanzraum, einer antwortenden Umwelt abhängig ist,

die Resonanzwirkungen zulässt und aktiv fördert; ja, „dass

die materielle und figurative räumliche Umgebung jeweils

einen beträchtlichen Einfluss darauf haben kann, ob sich in

15 philou.


Dicht wie Löcher eines Siebes stehn

Fenster beieinander, drängend fassen

Häuser sich so dicht an, daß die Straßen

Grau geschwollen wie Gewürgte stehn.

einer bestimmten Interaktionssituation horizontale, diagonale

oder vertikale Resonanzen ausbilden oder ob stumme

Beziehungen dominieren“ (Rosa 2018: 642). Steife Räume

resonieren nicht, ist somit Rosas Kurzformel. Interessant ist

hier besonders Rosas Einsicht, dass die disponierende Wirkung

von Räumen Konsequenz „ihrer kulturellen Aufladungen

im Rahmen der affektiven und kognitiven Bedeutungen“

(Rosa 2018: 646) ist.

Den urban sisters und monks können im Anschluss an Rosa

kulturelle Aufladungen des städtischen Lebens im doppelten

Sinn attestiert werden: Einerseits geben sie dem Resonanzraum

Großstadt die affektive und kognitive Bedeutung

einer Wüste, indem sie sakrale Räume als Oasen und damit

lebensnotwendige Orte der Gastfreundschaft (neu-)aufladen.

Diametral zur hostile architecture (vgl. De Fine Licht 2017:

28), die durch bauliche Maßnahmen zweckfremde Verwendung

ausschließt (z. B. Stahlstacheln auf Lüftungsgittern mit

warmer Luft gegen Obdachlose), dürfen die Besucher_innen

die ‚Jerusalemer‘ Kirchen auch als ambigue Orte z.B. für

körperliche Erholung in Gebrauch nehmen. Andererseits

durchbrechen sie affektive und kognitive Bedeutungsparameter

im öffentlichen Raum, indem sie in ihrem sakralen

Erscheinungsbild des Ordensgewandes in säkularen, öffentlichen

Berufsbildern auftreten und damit den öffentlichen

Raum zum ambiguen Raum werden lassen.

Vor fünfzig Jahren interpretierte Delfieux die sozialphilosophischen

Erklärungsmodelle der 68er-Bewegung als unmittelbare

Reaktion und nicht als längerfristige Lösung und

versuchte selbst mit der (Neu-)Aufladung des urbanen Raumes

als Wüste täglich ein anthropologisches Modell zu leben,

das zwar noch nicht konkret auf die sozialpolitischen

Probleme eingeht, aber jenen ambiguen Raum sicherstellt,

der es erst zulässt, „die Wüste in eine menschliche Welt zu

verwandeln“ (Arendt 2003: 181) oder wie der Kleine Prinz

resümiert: „Das Schöne an der Wüste ist, dass sie irgendwo

einen Brunnen versteckt hält.“

Ineinander dicht hineingehakt

Sitzen in den Trams die zwei Fassaden

Leute, ihre nahen Blicke baden

Ineinander, ohne Scheu befragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,

Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.

Unser Flüstern, Denken... wird Gegröle...

Und wie still in dick verschlossner Höhle

Ganz unangerührt und ungeschaut

Steht ein jeder fern und fühlt: alleine.

– Städter, Alfred Wolfenstein

1883–1945

Arendt, H. (2003): Was ist Politik? Fragmente aus dem

Nachlaß. München: Pieper.

Bauer, T. (2018): Die Vereindeutigung der Welt. Über den

Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Ditzingen: Reclam.

De Fine Licht, K. P. (2017): Hostile urban architecture:

A critical discussion of the seemingly offensive art of

keeping people away. In: Etikk I Praksis – Nordic Journal

of Applied Ethics. 11. Jg. 2017/2. S. 27–44.

Delfieux, P.-M. (2014): Jérusalem, livre de vie: Par la Fraternité

monastique de Jérusalem. Paris: Cerf.

Lorenzer, A. (1981): Das Konzil der Buchhalter. Die Zerstörung

der Sinnlichkeit. Eine Religionskritik. Frankfurt

a.M.: Europäische Verlagsanstalt.

Mitscherlich, A. (1965): Die Unwirtlichkeit unserer Städte.

Anstiftung zum Unfrieden. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Rosa, H. (2017): Für eine affirmative Revolution. In: C.

Helge & P. Schulz (Hg.), Resonanzen und Dissonanzen.

Hartmut Rosas kritische Theorie in der Diskussion. Bielefeld:

transcript. S. 311–329.

Rosa, H. (2018): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung.

Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Simmel, G. (2006): Die Großstädte und das Geistesleben.

Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Zweig, S. (1990): Die Monotonisierung der Welt. Frankfurt

a.M.: Suhrkamp.

16


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New york. Originalfoto: Tom adams via unsplash


Stadt & Umwelt

New Clark City

„Die Stadt der Zukunft“

Manila, die dicht bevölkerte Hauptstadt der Philippinen,

ist sowohl bekannt für ihren immerwährenden

Stau als auch für ihre Luftverschmutzung.

2016 wurde Manila als die Stadt mit dem

„schlechtesten Verkehr weltweit“ bewertet.

Um dem entgegenzuwirken, plant das Land eine

komplett neue, nachhaltige Stadt zu bauen –

New Clark City. Die Pläne für die 14 Milliarden

Dollar teure Vision, die mit rund 9450 Hektar

größer als Manhattan werden und 1,2 Millionen

Menschen beherbergen soll, beinhalten Drohnen,

autonome Autos, energie- und wasserreduzierende

Technologien und vor allem viel Grün.

Die Stadt der Brücken

Berlin ist eine grüne Oase: Mehr als 44 Prozent

der Stadt bestehen aus Wasserstraßen, Wäldern,

Flüssen und Grünanlagen. Berlin hat sogar mehr

Brücken als Venedig: Insgesamt zieren 1.700

Brücken das Stadtbild.

Regionale Resilienz Aachen e.V.

Der Verein wurde mit der Zielsetzung gegründet,

die StädteRegion Aachen resilienter und nachhaltiger

zu gestalten. Durch eine Zusammenarbeit

mit Partnern aus der Wissenschaft, Politik,

Wirtschaft und Gesellschaft soll auf kommunaler

Ebene ein ganzheitliches und interdisziplinäres

Transformationskonzept entwickelt werden, das

sich den Nachhaltigkeitszielen auf ökologischer,

ökonomischer und sozialer Ebene verpflichtet:

„Mit dem Ziel, die StädteRegion auf Dauer zu einem

l(i)ebenswerten, ökologisch gesunden und

wirtschaftlich stabilen Raum zu gestalten, möchten

wir – gemeinsam mit allen beteiligten Akteuren

– die Potentiale und Chancen, aber auch

die Verletzlichkeiten unserer Region ausloten,

Visionen und Projekte zu ihrer Entfaltung entwickeln

und diese in einem partizipativen und

transparenten Resilienz-Prozess engagiert umsetzen.“

(Regionale Resilienz Aachen e.V. 2017)

19 philou.


Opener

Urbane Resilienz

Die Grenzen der Stadt

Ann-Kristin Winkens

Umweltingenieurwissenschaften

In Zeiten eines globalen und komplexen Wandels müssen

sich auch Städte an die damit verbundenen Auswirkungen

anpassen, Veränderungen zulassen und plötzlichen Störungen

entgegentreten. Die Herausforderungen des Klimawandels,

der zunehmenden Verstädterung, des demografischen

Wandels sowie des technologischen Fortschritts sind in urbanen

Räumen besonders prägnant. Städte fungieren als

Drehscheibe für wirtschaftlichen Aufschwung, Zentren des

Wohlstands, der Innovation, Produktion und kultureller Interaktion

– gleichzeitig symbolisieren sie die Schere zwischen

Armut und Reichtum, systematischer Ungleichheit

und den anthropogenen Eingriffen in die Natur.

Städte sind hochkomplexe Systeme, die zahlreiche wirtschaftliche,

soziale und ökologische Faktoren miteinander

verknüpfen, wodurch sie extrem anfällig für Bedrohungen

durch beispielsweise Naturkatastrophen sind. Die Merkmale

einer Stadt, wie ihre Architektur, Bevölkerungsstrukturen

sowie Infrastruktursysteme erhöhen gleichzeitig die

Anfälligkeit für Erdbeben, Hochwasser oder Terroranschläge.

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten.

Die Vereinten Nationen sprechen von einem beispiellosen

Wachstum in der Stadt: 2015 lebten knapp 4 Milliarden

Menschen – 54 Prozent der Weltbevölkerung – in Städten

und bis 2030 wird ein Anstieg auf 5 Milliarden Menschen

prognostiziert.

Nach aktuellen Schätzungen einer Studie des Schweizer

Rückversicherungsunternehmens Swiss RE traten im Jahr

2017 301 Katastrophenereignisse auf, von denen 183 als

Naturkatastrophen deklariert wurden, die hauptsächlich auf

schwere Stürme, Niederschlag und Erdbeben zurückzuführen

waren. Insgesamt kamen mehr als 11.000 Menschen

COLONIAL QUITO

1534 Spanish Foundation of San

Francisco de Quito

1534 Checkboard layout of the

new “village”

1541 Quito declared as city

1563 Quito named as a Royal

Audience

QUITO Revolution

1809 First independence uprising

in South America

1822 Battle of Pichincha

Independence

1830 The Republic of Ecuador

is born, with Quito as its

capital city

Global Reference

1736 French Geodesic Mission Visit

defined the location of the

Equator

1978 Declared a World Heritage

Site

1989, 1996 Tumbes-Chocó-

Magdalena and the Northern

Andes declared as biodiversity

hotspots

2012 First Declaration of Areas for

Conservation and Sustainable

Use in the Metropolitan

District of Quito

Seismic

Territory

1541 Mount Antisana • MSK: 8

1587 San Antonio de Pichinch •

Richter: 6,3; MSK: 8

1627 Quito • MSK: 7

1755 Quito • Richter: 7,0; MSK: 9

1797 Riobamba • Richter: 8,3; MSK: 8

1859 Quito/Ibarra • MSK: 9

1868 Ibarra • Richter: 6,3 and 6,7;

MSK: 10

1919 Tambillo/Uyumbicho • MSK: 8

1938 Los Chillos Valley • Richter: 7,1;

MSK: 5

1949 Ambato • Richter: 6,8

1987 Sucumbíos • Richter: 6,9;

MSK: 9

1990 Pomasqu • Richter: 5,0; MSK: 7

2014 Quito • Richter: 5,1

2016 Pedernales • Richter: 7,8

2016 Quito • Richter: 4,7

Rainy Season

1975 Mudslide La Gasca • La Mariscal

1983 Mudslides Cotocollao and

former Quito Airport

1986 Mudslide La Raya

1997 Mudslide Santa Clara de San

Millán

2008 Floods and landslides El Recreo

2009 Mudslide Rumihurco

2010 Landslides and floods across

the city

2011 Landslide La Forestal

2012 Mudslide Ibarra neighborhood

2013 Mudslide Pomasqui

2017 Quito declares an emergency

for rains • Record rains: May

15mm

20


Stadt & Umwelt

durch Katastrophen ums Leben oder gelten seitdem als vermisst,

Millionen Menschen verloren ihr Zuhause. Weiterhin

haben sich die gesamtwirtschaftlichen Verluste 2017 im

Vergleich zu 2016 beinahe verdoppelt (2016: 180 Milliarden

USD; 2017: 337 Milliarden USD) – der zweithöchste weltweite

Gesamtschaden, der je verzeichnet wurde.

Um diesen Herausforderungen auch in urbanen Räumen

entgegenzutreten, wurde im Jahr 2013 von der Rockefeller

Stiftung die Initiative „100 Resilient Cities (100RC)“ ins Leben

gerufen. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, Städte weltweit

dabei zu unterstützen, resilienter gegenüber den physischen,

sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen des 21.

Jahrhunderts zu werden. 100RC definiert urbane Resilienz als

“the capacity of individuals, communities, institutions, businesses,

and systems within a city to survive, adapt, and grow

no matter what kinds of chronic stresses and acute shocks

they experience.”

United Nations

Sustainable Development Goals

Goal 11: Make cities and human

settlements inclusive, safe, resilient

and sustainable.

Eine Stadt kann entsprechend als resilient bezeichnet werden,

wenn sie fähig ist, externe oder interne Störungen vorherzusehen,

diese vorzubeugen, sich von ihnen zu erholen und

aufgrund dieser Erfahrung im besten Fall ihre Strukturen

und Funktionen zu verbessern. Um urbane Resilienz generieren

zu können, muss eine Stadt ganzheitlich betrachtet

werden. Das heißt, die inneren Strukturen sowie die interdependenten

Systeme gilt es gleichermaßen zu erkennen

und zu verstehen wie auch die daraus resultierenden Abhängigkeiten

und verbunden

Risiken. Die 100RC unterscheidet

zwischen „chronic

stresses“ und „acute shocks“:

Unter ersterem werden langsam

voranschreitende Katastrophen

verstanden, die das Gefüge einer Stadt schwächen.

Darunter fallen beispielsweise hohe Arbeitslosigkeit, endemische

Gewalt, chronischer Nahrungs- und Wassermangel

sowie ein ineffizientes oder überlastetes Verkehrssystem.

Acute shocks hingegen sind plötzliche, tief eingreifende Ereignisse,

wie beispielsweise Erdbeben, Überschwemmungen

oder Terroranschläge. Die meisten Städte erfahren jedoch

eine Kombination dieser Ereignisse, wie beispielsweise die

Folgen des Hurrikans Katrina in New Orleans im Jahr 2005

veranschaulicht haben. Die Auswirkungen des Sturms wurden

durch Gewalt, Armut, Umweltzerstörung und andere

chronic stresses verstärkt, wodurch letztlich ein Großteil

der Widerstandsfähigkeit New Orleans eingebüßt wurde.

Durch ein solch verheerendes Ereignis werden die Schwächen

einer Stadt nicht nur sichtbar gemacht, sondern auch

ervhöht – was den Aufbau von resilienten Strukturen erheblich

erschwert.

Städte sind gekennzeichnet von menschlichen Gemeinschaften

sowie physischen Systemen. Darunter sollen alle

konstruierten und natürlichen Komponenten verstanden

werden: Straßen, Gebäude, Infrastruktur, Energieeinrichtungen,

Kommunikationsnetzwerke, Wasser- und Abfallversor-

Volcanic Threat

1534 Mount Cotopaxi eruption

1566 Mount G. Pichincha eruption

1575 Mount G. Pichincha eruption

1582 Mount G. Pichincha eruption

1660 Mount G. Pichincha eruption

1734 Mount Cotopaxi eruption

1742 Mount Cotopaxi eruption

1744 Mount Cotopaxi eruption

1768 Mount Cotopaxi eruption

1802 Mount Reventador eruption

1856 Mount Reventador eruption

1877 Mount Cotopaxi eruption

1894–1898 Mount Reventador eruption

1998–1999 Mount G. Pichincha

eruptions

2000–2002 Mounts Reventador and G.

Pichincha eruptions

2015 Mount Cotopaxi reactivates

ECONOMIC

CRISES

1914 Cocoa crisis

1970 Oil Boom

1999 Financial Crisis/Banking Holiday

2000 Dollarization

2009–2014 Second oil boom

Hotspot for Protest

1592 Tax Revolution

1765 Quito’s Neighborhoods revolution

1875 Assassination of President G.

Moreno

1895 Liberal Revolution

1912 President Eloy Alfaro’s body

dragged through town

1932 Four-day war

1976–1979 Military dictatorship

1990 First indigenous uprising

1997 Fall of President Abdalá Bucaram

1997 Rosalía Arteaga takes power as

president and then is removed

from power in a period of 2 days

1999 Taxi drivers’ demonstration blocks

the streets of the entire city

2000 Fall of President Jamil Mahuad

2000 Military triumvirate takes power

for a few hours

2005 Forajidos Revolution

2005 Fall of President Lucio Gutierrez

2013 Protests against oil exploitation in

the Yasuni National Park

2015 Indigenous protests

2017 Post-presidential election protests

FOREST FIRES

1991 1.231 forest fires

1999 1.567 forest fires

2009 2.700 ha burned

2012 3.796 ha burned •

Quito declares a state

of emergency

2015 3.102 ha burned

INNOVATING

MOBILITY

1908 Guayaquil-Quito Railroad

Route

1914 Electric trams

1995 Trolley (first Bus Rapid Transit

[BRT] line)

2000 Ecovía (second BRT line)

2013 New Airport

2019 Quito Metro

21 philou.


“Resilience is what

helps cities adapt and

transform in the face

of these challenges,

helping them to prepare

for both the expected

and the unexpected.”

100

Resilient

Cities:

Quito,

Ecuador

(100 Resilient Cities)

zersiedlung in quito

1822

1921

1946

1978

1995

2016

Bei dem im Jahre 2013 ausgeschriebenen Wettbewerb

„100 Resilient Cities“ haben sich international

400 Städte beworben, um durch einen unterstützten

Prozess drei Jahre lang ihre jeweilige urbane Resilienz

strategisch verbessern zu können. Ein Beispiel hierfür

ist Quito, die Hauptstadt Ecuadors. Eingebettet in

den Anden, liegt Quito auf einer Höhe von 2850 Metern

– und damit die höchste Hauptstadt der Welt –

nur knapp 20 Kilometer südlich des Äquators. Quito

ist von 14 Vulkanen umgeben und der Großteil der

Stadt befindet sich auf sandigen Böden vulkanischen

Ursprungs. Die Stadt wurde 1978 aufgrund ihrer Architektur

und biologischen Vielfalt zum UNESCO Weltkulturerbe

ernannt. Gleichzeitig ist dieser kulturelle

und natürliche Reichtum durch verschiedene ökologische,

wirtschaftliche und soziale Herausforderungen

bedroht.

Der Großstadtbezirk ist täglich durch massive seismische

Bewegungen, Überschwemmungen und Waldbrände

einem Risiko ausgesetzt – allein im Jahr 2012

wurden 2.600 Waldbrände gemeldet. In den vergangenen

Jahrzehnten wurde die Stadt auch regelmäßig

Erdbeben und Vulkanausbrüchen ausgesetzt. Der Ausbruch

des Vulkans Pichincha im Jahr 1999 zwang den

Flughafen Quito zum Schließen, mit entsprechenden

wirtschaftlichen Folgen. Im Jahr 2011 führten knapp

144 Erdrutsche während der Regenzeit zu zahlreichen

Todesfällen und Schäden an Häusern in den am

stärksten gefährdeten Teilen der Stadt. Insbesondere

die ärmeren Regionen am Stadtrand – kaum stabile

Blechhütten gebaut auf rutschigen Steilhängen – sind

gefährdet, wenn ein Starkbeben auftritt, das die Siedlungen

sofort zerstören würde. Zuletzt im August 2015

wurde für ganz Ecuador der Ausnahmezustand verhängt,

da der Cotopaxi – ein 6.000 Meter hoher Vulkan

bei Quito – nach 75 Jahren tagelang Asche bis zu

22


Stadt & Umwelt

ECUADOR

16,5 Mio.

bevölkerung

fünf Kilometer in die Luft schleuderte, ein Ausbruch

war zur damaligen Zeit ungewiss. Trotz Ausnahmezustand

fand keine Aufklärung beispielsweise an den

Flughäfen statt, die Menschen trugen keine Atemmasken,

obwohl die Luft rußverschmutzt und die Gesichter

schwarz waren – was das Atmen in 2.800 Meter

Höhe beinahe unmöglich machte.

quito

Aktuell: 2,6 Mio.

2020: 2,8 Mio.

2040: 3,4 Mio.

Die Resilienzstrategie Quitos basiert auf einer Analyse

der Stärken und Chancen, die diese Herausforderungen

darstellen. Sie beinhaltet einen integrierten und

interdisziplinären Ansatz für die wichtigsten akuten

Schocks und chronischen Belastungen der Stadt. Bis

2040 soll die Strategie umgesetzt werden – basierend

auf der Vision of Quito 2040:

58

66

Bewohner/km 2 Gemeinden

“Quito in 2040, will be a city with a high quality of life,

capable of successfully facing all the challenges that

arise in the social, cultural, economic and environmental

fields and in the territory. It will thus become

a resilient city and will have ensured the sustainable

development of its population.”

Beispiele für chronic stresses der Hauptstadt Ecuadors

sind Siedlungen in risikoreichen Gebieten, Umweltzerstörung

oder Verlust der biologischen Vielfalt. Acute

shocks sind unter anderem Starkregenfälle, Erdbeben,

Waldbrände oder vulkanische Eruptionen. Interessant

dabei ist jedoch der Fokus auf die weitestgehend externen

Einflüsse, wie Naturkatastrophen.

Auf knapp 70 Seiten wird die Resilienzstrategie der

Stadt unter Einbindung verschiedener Akteure wie Politik

und Wirtschaft dargestellt und erläutert.

Quelle (Informationen & Daten zu Quito):

http://www.100resilientcities.org/strategies/quito/

Jeder zweite Quinteño ist

unter 29 Jahre alt

2,08 Tonnen

C0 2

pro Kopf

14,78ºC

durchschnittliche

Temperatur

16

Vulkanausbrüche in

den letzten 500 Jahren

60%

Jugendarbeitslosigkeit

2,037 Tonnen

Müll pro Tag

1,2ºC

Temperaturanstieg in

den letzten 100 Jahren

23 philou.


gung, Geologie und Topografie. Diese physischen Systeme

halten die Stadt in ihrem Ganzen zusammen und bilden das

Grundgerüst für das menschliche Leben innerhalb der Stadt.

Diese Systeme müssen während einer Belastung standhalten

und funktionieren – ein fragiles Stadtgerüst kann nicht

resilient sein und erhöht die Anfälligkeit für Katastrophen.

Die Hoffnung, die Lösung im technologischen Fortschritt

von Frühwarnsystemen zu finden, bleibt unerfüllt. Präzise

und verlässliche Frühwarnsysteme für Naturkatastrophen

stecken nach dem heutigen Stand der Wissenschaft noch

in den Kinderschuhen. Insbesondere Erdbeben sind unberechenbar,

wie beispielsweise das Starkbeben in Mexiko City

2017 gezeigt hat – ein Hochrisikogebiet für Erdbeben. Die

Vorwarnzeit betrug knapp 20 Sekunden – von Vorhersage

kann hier nicht gesprochen werden, was eine Evakuierung

unmöglich macht. Prognosen sind hier nicht nur unzuverlässig,

sondern auch schlichtweg nicht machbar. Deshalb

müssen Städte, urbane Strukturen und Systeme per se resilient

geplant, konstruiert und betrieben werden – der Fokus

sollte auf Prävention und nicht auf Schadensbehebung

bzw. Nachsorge liegen.

Wenn wir genau wüssten, wann, wo und wie sich Katastrophen

in der Zukunft ereignen würden, könnten Systeme

so entwickelt und geplant werden, dass sie Störungen wiederstehen.

Katastrophen- und Risikomanagement zeichnet

sich jedoch durch Unsicherheiten und Ungewissheiten aus,

entsprechend müssen Städte so entworfen werden, dass sie

mit Eventualitäten effektiv umgehen können. Städte sind

komplexe und dynamische Systeme, in denen technologische

und soziale Komponenten interagieren, wodurch

die Schwierigkeiten in der Planung weiter erhöht werden.

Die Planung einer resilienten Stadt erfordert dichotome

Konzepte, die in sich greifen: Zwischen Redundanz und

Effizienz, Diversität und Interdependenz, Stabilität und

Flexibilität, Autonomie und Zusammenhalt, Kontrolle und

Unvorhersehbarkeit.

Weiterführende Literatur

Figueiredo, L.; Honiden, T.; Schumann, A. (2018): “Indicators

for Resilient Cities”, OECD Regional Development

Working Papers, 2018/02, OECD Publishing, Paris.

Holling, C. S. (1973): Resilience and stability of ecological

systems. In: Annual Review of Ecology and Systematics.

4/1973. Vancouver: Institute of Resource Ecology, University

of British Columbia.

ICLEI – Local Governments for Sustainability (2018): ICLEI

in the urban era. Bonn, Germany.

Institutionelle Trends mit dem

Thema urbane Resilienz

••

Das United Nations Development Programm (UNDP) veröffentlichte

2012 das Community-Based Resilience Analysis tool, mit

dem Ziel, die Schlüsselkomponenten der Community Resilience

zu messen und zu identifizieren sowie verschiedene humanitäre

Maßnahmen zur Umsetzung dieser Merkmale zu bewerten.

••

Die Kampagne der United Nations for Disaster Risk Reduction

(UNISDR) Making Cities Resilient (seit 2010) unterstützt eine

nachhaltige Stadtentwicklung, indem sie Maßnahmen zur Resilienz

fördert sowie das Verständnis für Katastrophenrisiken

vor Ort verbessert.

••

Die Weltbank hat 2013 das Resilient Cities Programm ins Leben

gerufen, eine mehrjährige Initiative, mit deren Hilfe Städte

urbane Resilienz stärken können, die mit dem Klimawandel,

Naturkatastrophen und anderen systemischen Störungen zusammenhängen.

Im Jahr 2016 veröffentlichte die Weltbank in

Zusammenarbeit mit Global Facility for Disaster Reduction and

Recovery den Bericht Investing in Urban Resilience: Protecting

and Promoting Development in a Changing World.

••

Der City Resilience Index der Rockefeller Stiftung (2016) enthält

Grundsätze, Indikatoren und Praktiken zur Bewertung und

Förderung von Resilienz. Dabei wird die Bedeutung eines umfassenden

und ganzheitlichen Rahmens zur Verbesserung der

Funktion von Städten hervorgehoben.

••

Das 100 Resilient Cities Programm wurde 2013 von der Rockefeller

Stiftung mit Unterstützung eines breiten Netzwerks globaler

Partner ins Leben gerufen. Das Programm unterstützt die Entwicklung

neuer Resilienzstrategien und unterstützt die Einstellung

eines Chief Resilience Officer für jede teilnehmende Stadt.

••

ICLEI – Local Governments for Sustainability verfügt über ein

übergreifendes Programm für Resilienz in Städten, Resilient Cities,

das sich mit Fragen der Abschwächung und Anpassung

an den Klimawandel, der Minderung von Katastrophenrisiken

und der Lebensmittelsicherheit befasst. Das Programm bietet

eine Reihe von Konferenzen, Seminaren, Netzwerken, Tools

und Leitfäden an, um sowohl zu informieren als auch direkt von

Führungskräften über Bemühungen zur Stärkung der Resilienz

auf allen Regierungsebenen zu lernen.

••

Die Europäische Kommission hat im Jahr 2016 das Projekt

RESCCUE – RESilience to cope with Climate Change in Urban

arEas – ins Leben gerufen, mit dem der Klimawandel im städtischen

Bereich bewältigt werden soll: ein multisektoraler Ansatz,

der sich auf Wasser konzentriert. Es zielt darauf ab, Städte auf

der ganzen Welt dabei zu unterstützen, physischen, sozialen

und wirtschaftlichen Belastungen oder Schocks zu begegnen,

und den Wassersektor als Einstiegspunkt in die städtischen Systeme

heranzuziehen.

24


Artikel

Stadt & Umwelt

Der Lebensraum

des Menschen

Eine ökologische Betrachtung der Stadt

Aaron FördereR

Angewandte GEowissenschaften

„Hörst du die Sträucher rascheln

Hörst du die Äste knacken

wenn wir die Bäume fällen

Platz für die Städte schaffen“

– Antilopen Gang: Beton

Seitdem der Mensch wie wir ihn kennen vor ca. 300.000

Jahren zum ersten Mal die Erde bevölkerte, ist er einen beeindruckenden

Wandel durchlaufen. Wie auch für andere

Spezies änderten sich die Lebensumstände und -gewohnheiten

des Homo sapiens im Laufe der Zeit. Doch die Geschwindigkeit,

mit der dieser Wandel voranschritt, ist, genau

wie dessen Ausmaße, gewaltig. Innerhalb kürzester Zeit verwandelte

der Mensch das Antlitz der Erde. Er grub Tunnel,

leitete Wasser, bändigte Tiere, stellte Fahrzeuge her und

riss Berge und Wälder nieder, um daraus Städte aufzubauen.

Mittlerweile wird sogar vom Anthropozän gesprochen – das

Erdzeitalter des Menschen.

Bis Anfang dieses Jahrtausends wurden anthropogene (griechisch:

„vom Menschen gemachte“) Aktivitäten in der Erforschung

von Ökosystemen als störend empfunden. Wenn

es um die Erforschung von Lebewesen und deren Lebensräume

ging, wurde von Ökologen zumeist der „natürliche

Zustand“ gesucht, was Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts

wie Charles Darwin an die abgelegensten Orte dieser

Welt führte.

Doch der anthropogene Einfluss steigt mit dem Wachstum

unserer Städte stetig an und es zeigt sich ein Paradigmenwechsel

in der Ökologie. Mittlerweile interessieren sich immer

mehr Forscher für unseren eigenen Lebensraum und

wie dieser mit seiner Umwelt interagiert (vgl. Collins et al.

2000: 416).

Mit dem Bau von Städten gestaltet der Mensch sein Habitat

selber und passt seine Umwelt radikal an seine individuellen

Bedürfnisse an. Dabei werden ganze Landschaften verändert,

Nähr- und Gefahrenstoffe mobilisiert und umgewandelt,

das Überleben anderer Spezies wird gesichert und das

Aussterben anderer Arten wird vorangetrieben. Dies macht

den Homo sapiens zu einem mächtigen, global agierenden

Spieler im Bereich der Ökosysteme. Und hier kommt das

relativ junge Forschungsfeld der urbanen Ökologie ins Spiel:

Dieses erforscht die Organismen in urbanen Lebensräumen

und wie sie miteinander und mit ihrer Umwelt interagieren

(vgl. Niemelä 1999: 119).

Städte sind mittlerweile der dominierende Lebensraum des

Menschen. Ihr Wachstum scheint mit unserem schnellen

technologischen Fortschritt zu korrelieren: Während 1950

bereits 751 Millionen Menschen weltweit in Städten lebten,

wohnen 2018 4,2 Milliarden Menschen im urbanen Raum

– das entspricht 55% der Weltbevölkerung. Die Prognosen

für die Zukunft folgen diesem Trend: Bis 2050 soll der Anteil

der urbanen Bevölkerung auf 68% ansteigen (vgl. United

Nations 2018). Immer mehr Menschen ziehen in Städte, und

wie diese wachsen, so wächst auch der Einfluss, den sie auf

ihre Umwelt haben. In kaum einem anderen Lebensraum hat

der Mensch seine Umwelt so radikal an sich angepasst wie in

der Großstadt. Und diese Anpassung hat Erfolg, denn Städte

erfüllen viele menschliche Bedürfnisse sehr effektiv. Eine

flächendeckende medizinische Versorgung führt zu höheren

Überlebenschancen. Vielfältige Berufsfelder, eine hohe kulturelle

Diversität und leichte Kommunikation durch kurze

Wege machen den urbanen Lebensraum für viele Menschen

attraktiv. Neben diesen Vorteilen ergeben sich allerdings

auch neue Herausforderungen: Durch die mit der Urbanisierung

einhergehende Ballung von Industriestandorten

25 philou.


werden Schadstoffe in Boden, Wasser und Luft freigesetzt,

die dem Menschen und seiner Umwelt großen Schaden zufügen

können. Die Flächenversiegelung durch Beton und

andere Baustoffe verändert den Wasserkreislauf und steigert

die Temperaturen in Städten in erheblichem Ausmaß

(vgl. Murakami et al. 2000; Umweltbundesamt 2013). Die

Zufuhr von Energie und Nährstoffen aus entfernten Gebieten

wird notwendig. In Zeiten der Globalisierung hat dies

Auswirkungen auf weit entfernte Ökosysteme. Menschliche

Ballungsgebiete stören natürliche Abläufe massiv – es wird

sogar vermutet, dass natürliche Niederschlagszyklen durch

unsere Aktivitäten geändert werden (vgl. Cerveny/Balling

1998: 562).

Diese Eingriffe in unser Umfeld bleiben nicht folgenlos. In

2013 führte ein Starkregenereignis in Uttarakhand (Indien)

zu Überflutungen und Landrutschungen, die zu mindestens

5700 Toten führte. Für die katastrophalen Ausmaße

der Flut waren vor allem menschliche Strukturen verantwortlich.

Durch jahrelange Waldrodung sowie den schlecht

durchdachten Bau von Straßen, Hotelanlagen und Dämmen

wurden die Fließwege von Flüssen und Niederschlägen verändert.

Als dann am 16. Juni 2013 besonders viel Wasser auf

die Erde traf, entfaltete es aufgrund neuer Abflusswege eine

ungeahnte Zerstörungskraft (vgl. Shadbolt 2013). Es scheint,

als wäre der technische Fortschritt hier auf Kosten langfristiger

ökologischer Planung bevorzugt worden zu sein – mit

verheerenden Folgen.

Die südafrikanische Wasserkrise ist ein weiteres Beispiel

dafür, dass das Tempo der Urbanisierung oftmals nicht im

Einklang mit den natürlichen Systemen ist, auf die sich unsere

Städte stützen. Seit 1995 ist die Zahl der Bewohner von

Kapstadt um 79% gestiegen, die Wasserspeicherkapazitäten

jedoch nur um 15%. Dies führte immer wieder zu Einschränkungen

des individuellen Wassergebrauchs. 2018 erreichten

die Speicher erneut kritische Werte, sodass vom Eintreffen

des „Day Zero“, dem Tag, an dem der 4,3-Millionen-Stadt

das Wasser ausgeht, gesprochen wurde. Das Desaster wurde

nur abgewandt, indem die Bewohner selbst ihren Wasserverbrauch

limitierten (vgl. Bohatch 2017).

Aus einer größeren Perspektive sind dramatische ökologische

Ereignisse nicht ungewöhnlich: Die Lebensbedingungen

verändern sich und die davon betroffenen Lebewesen müssen

sich anpassen. Die Urbanisierung ist im Vergleich mit

anderen großen Ereignissen der Erdgeschichte gar nicht so

signifikant – der Meteoriteneinschlag zum Ende der Kreidezeit

oder das Massensterben zum Ende des Perms führten

zu weitaus dramatischeren Veränderungen der Lebensräume

als die Urbanisierung heute. Sie sticht jedoch gegenüber

diesen anderen dramatischen Ereignissen der Erdgeschichte

dadurch hervor, dass sie vom Menschen bewusst geschaffen

wird – anders, als die Evolution oder ein großer Vulkanausbruch.

Die Inanspruchnahme der Natur durch den

Menschen scheint zudem in einem unnatürlich schnellen

Tempo voranzuschreiten. Wirtschaftliches Wachstum steht

an erster Stelle und die dramatischen Folgen, die damit einhergehen,

werden häufig erst im Nachhinein beobachtet anstatt

bereits vorher antizipiert zu werden.

Doch ist das Ökosystem der Stadt nun mal auf andere Systeme

angewiesen, die Rohstoffe wie Wasser, Essen und Baumaterial

liefern. Die Betrachtung des urbanen Lebensraumes

aus diesem Standpunkt heraus zwingt uns somit, unsere Rolle

zu hinterfragen. Sehen wir uns als Lebewesen, die in ihrem

urbanen Lebensraum allen anderen Spezies überlegen sind?

Oder verstehen wir uns als Bewohner eines urbanen Ökosystems,

welches Teil eines großen Flickenteppichs voller miteinander

interagierender Systeme ist? Hier zeigt sich einer

der wertvollen Aspekte, den die Stadtökologie beleuchtet.

Den Lebensraum des Menschen zu erforschen heißt, dessen

Rolle in Bezug auf die Pflanzen und Tiere, mit denen

er interagiert, zu erforschen. So entsteht die Notwendigkeit

unser anthropozentrisches Denken zu verlassen und uns als

integralen Teil unserer Umwelt zu sehen. Das bedeutet einerseits,

unsere grundlegenden Bedürfnisse wie Nahrung,

Schutz und soziale Interaktion zu verstehen. Wir passen

die Städte kontinuierlich daran an, um diese Bedürfnisse

zu erfüllen. Deshalb müssen andererseits auch die Folgen

26


Stadt & Umwelt

verstanden werden, die daraus resultieren. Aus Ereignissen

wie der Flut in Uttarakhand muss der Mensch lernen, die

Zusammenhänge zwischen seinem Siedlungsbau und seiner

Umwelt zu verstehen.

Manche Entscheidungsträger in der Stadtentwicklung

haben dies erkannt und ziehen aus neuen Erkenntnissen

Konsequenzen. „Green Citiy“-Initiativen sind ein aktuelles

Beispiel, wie der urbane Raum aus einer umweltbewussteren

Perspektive gestaltet werden kann (vgl. Rosemont 2018).

Neben innovativen Technologien wie neuen Baustoffen ist

hier vor allem intelligente Planung gefordert. Das Städtewachstum

muss in den nächsten Jahrzehnten auf intelligentere

Planung setzen. Von Versorgung über Mobilität bis zu

Grünflächen müssen integrative Konzepte erstellt werden.

Das bedeutet, dass die Konsequenzen der Gestaltung unseres

Lebensraumes sowohl lokal als auch (über-)regional in

Betracht gezogen werden müssen. Durch Ansätze wie diese

werden ökologische Probleme der Stadt bekämpft und

so die Lebensqualität erheblich gesteigert – getrieben von

einem Selbstverständnis des Menschen als Teil eines größeren,

komplexen Systems. In Zeiten des globalen Wandels

ist das sicherlich ein Konzept, dem mehr Beachtung

gebührt.

Bohatch, T. (2017): What’s causing Cape Town’s

water crisis? In: GroundUp. Online verfügbar

unter: https://www.groundup.org.za/article/

whats-causing-cape-towns-water-crisis/ [Zugriff:

05.12.2018].

Cerveny, R. S.; Balling, R. C. (1998): Weekly cycles

of air pollutants, precipitation and tropical

cyclones in the coastal NW Atlantic region. In: Nature.

394. Jg. 1998/6700. S. 561–563.

Collins, J. P. et al. (2000): A New Urban Ecology.

In: American Scientist 5. Jg. 2000/88. S. 416ff.

Murakami, S. et al. (2000): Development of

software platform for total analysis of urban heat

island. In: 14th JSCFD Symposium, D08–3, (in Japanese

with English abstract).

Niemelä, J. (1999): Ecology and Urban Planning.

In: Biodiversity and Conservation. 8.Jg. 1999. S.

119–131.

Rosemont, S. (2018): Earth Day 2020 Cities. In:

Earth Day. Online verfügbar unter: https://www.

earthday.org/campaigns/green-cities/earth-day-

2020-cities/ [Zugriff: 20.11.2018].

Shadbolt, P. (2013): Indian floods a man-made

disaster, say environmentalists. In: CNN,

25.06.2013. Online verfügbar unter: https://

edition.cnn.com/2013/06/25/world/asia/india-floods-development/index.html

[Zugriff:

05.12.2018].

Umweltbundesamt (2013): Flächenversiegelung.

In: Umweltbundesamt, 08.10.2013. Online verfügbar

unter: https://www.umweltbundesamt.de/

daten/flaeche-boden-land-oekosysteme/boden/bodenversiegelung

[Zugriff: 10.11.2018].

Umweltbundesamt (2018): Feinstaub-Belastung.

In: Umweltbundesamt, 12.09.2018. Online verfügbar

unter: https://www.umweltbundesamt.de/

daten/luft/feinstaub-belastung#textpart-1 [Zugriff:

10.11.2018].

United Nations (2018): Revision of world urbanization

prospects. In: UN, 16.05.2018. Online verfügbar

unter: https://www.un.org/development/desa/

en/news/population/2018-revision-of-world-urbanization-prospects.html

[Zugriff: 01.11.2018].

27 philou.


Artikel

Viel Lärm um nichts?

Merle Riedemann

Medizin

Ob Hauptstraße, feiernde Nachbarn oder kläffende Hunde

– mit der Großstadt kommt der Krach, aber ist dieser

nur lästig oder tatsächlich eine gesundheitsgefährdende

„Geräusch-Verschmutzung“?

Mit dieser Frage beschäftigte sich auch die World Health

Organisation im Jahr 2011 (WHO 2011). Sie wollte herausfinden,

wie viele gesunde Lebensjahre in Europa durch

Lärm „verloren gehen“ und erörterte in einer Übersichtsarbeit

unter anderem die Auswirkungen, welche Lärm auf

das Herzkreislauf-System sowie die kognitive Leistungsfähigkeit

von Kindern hat.

Herzkreislauf-Erkrankungen

Aus medizinischer Perspektive ist ein hoher Geräuschpegel

ein „nicht-spezifischer Stressor“ (vgl. WHO 2011), also ein

Reiz, der das vegetative Nervensystem und das hormonelle

System, welche die Funktionen des Körpers kontrollieren,

aktiviert und in Alarmbereitschaft versetzt (vgl. Maschke

et al. 2000). Dies äußert sich durch einen schnelleren Puls

und einen höheren Blutdruck – eigentlich völlig gesunde

Reaktionen auf Stress. Geschieht dies jedoch immer wieder,

kann es zu einer Dysregulation der normalen Körperfunktionen

kommen, was unter anderem mit Herz- und Gefäßerkrankungen

in Zusammenhang steht (vgl. Sabbah et al.

2008). Die kurzfristigen Auswirkungen von Lärm auf das

Herzkreislaufsystem ließen sich, wenn auch in einem etwas

befremdlich anmutenden Versuch, schon vor 30 Jahren im

Labor nachweisen (vgl. Flynn et al. 1988). So konnte man

bei narkotisierten Meerschweinchen, welche fünf Minuten

lang über Kopfhörer einem Geräuschpegel von 115 Dezibel

Die WHO gibt die Anzahl der verlorenen Lebensjahre

in DALY (Disability Adjusted Live Years) an. Der

Wert setzt sich sowohl aus den Lebensjahren zusammen,

die durch frühzeitigen Tod verloren gehen, als

auch aus den Jahren mit eingeschränkter Lebensqualität

auf Grund von Krankheit. Unterschiedlichen Krankheiten

werden dabei in Abhängigkeit ihrer Schwere

ein „disability weight“ beigemessen, welches durch

das Global Burden of Disease Project (GBD)

festgelegt wird. Als Maßstab für die „maximale Lebenserwartung“

gilt dabei die durchschnittliche Lebenserwartung

der Bürger Japans (vgl. WHO 2018).

(dB), in etwa die Lautstärke einer Hupe, ausgesetzt wurden,

einen deutlichen Anstieg des Blutdrucks messen. In Abhängigkeit

des Narkosemittels kam es initial sogar fast zu einer

Verdopplung des Ausgangwertes.

Selbstverständlich lassen sich derartig künstliche Umstände

nicht eins zu eins auf die tatsächliche Lebensrealität von

Menschen übertragen, doch auch im echten Leben lassen

sich Auswirkungen von Lärm, etwa durch einen Flughafen,

bemerken. Beispielsweise wurde im Rahmen einer Studie

aus dem Jahre 2002 untersucht, wie sich der Blutdruck der

Anwohner nahe des Flughafens Schiphol in Amsterdam zu

dem Blutdruck von Einwohnern in weniger lauten Regionen

verhält (vgl. Franssen et al. 2002). Dabei wurde festgestellt,

dass die Anwohner rund um den Flughafen, welche dauerhaft

einem Geräuschpegel über 55dB (etwa Zimmerlautstärke)

ausgesetzt waren, pro 5dB über 55dB, ein 26% höheres

Risiko hatten, an Bluthochdruck zu erkranken.

Auch die WHO kommt in ihrem Report (2011) unter Berücksichtigung

zahlreicher Untersuchungen zu dem Schluss,

dass etwa 1,8% der DALYs in der EU, welche durch Her-

28


Stadt & Umwelt

zerkrankungen entstehen, auf die Auswirkungen von Lärm

zurückzuführen sind. (3,4 Mio. DALYs insgesamt durch

Herzerkrankungen auf 4,1 Mio. Einwohner in High Income

Ländern der EU)

Kognitive Beeinträchtigung bei Kindern

Ob Musik hören beim Lernen hilft oder stört, darüber scheiden

sich die Geister. Gut erforscht ist jedoch, welchen Effekt

Lärm auf die Leistungsfähigkeit von Kindern hat – von

der WHO definiert als:

„Reduktion der kognitiven Leistungsfähigkeit von Schulkindern,

welche während der Exposition von Lärm auftritt

und für einige Zeit nach Beendigung der Exposition anhält.“

(WHO 2011)

Um die Effekte von Lärm in einem möglichst natürlichen

Setting zu beobachten, führte ein internationales Team von

Psychologen 1992 ein Feldexperiment am damals neu eröffneten

Flughafen in München durch. Sie untersuchten in

mehreren Studien, welche Einschränkungen die Kinder im

Einzugsgebiet des alten Flughafens hatten, wie sich diese

nach dessen Schließung verhielten und wie sich die Leistungsfähigkeit

der Kinder entwickelte, welche in der Nähe

des neu in Betrieb genommenen Flughafens wohnten. Es

zeigte sich, dass in beiden Fällen ein hoher Lärmpegel zu

der gleichen Einschränkung des Langzeitgedächtnisses und

des Leseverständnisses führte, der Effekt aber reversibel war

und bei den Kindern um den alten Flughafen zwei Jahre

nach Wegfall des Lärms nicht mehr auftrat (vgl. Evans et

al. 1995–2002).

Dass es durchaus einen Unterschied zwischen Fluglärm und

Straßenlärm geben könnte, zu diesem Schluss kam die großangelegte

RANCH-Studie (Road traffic and Aircraft Noise

exposure and Childrens cognition and Health) von 2005,

an der über 2.800 Kinder aus drei Ländern teilnahmen (vgl.

Stansfeld et al. 2005/2010). Sie bezog unter anderem die

sozioökonomische Situation, Ausbildung und Herkunft der

Eltern mit ein, um zu verhindern, dass es zu einer Verzerrung

der Ergebnisse kommt, etwa weil sozial schwächere Menschen

eher in der Nähe von Flughäfen wohnen. So schien

es einen linearen Zusammenhang zwischen der Exposition

zu Flugzeuglärm und Defiziten im Leseverständnis und

dem Langzeitgedächtnis zu geben, in Zusammenhang mit

Straßenlärm ließ sich dieser Effekt aber nicht feststellen.

Tatsächlich zeigte sich das episodische Gedächtnis bei Kindern,

welche in viel befahrenen Gegenden wohnten, sogar

29 philou.


Leiseste Großstädte

Lauteste Großstädte

Zürich CH

0,02

10,63

Guangzhou CN

1,82

17,43

Wien AT

0,07

10,59

Delhi IN

1,72

19,34

Oslo NO

0,23

11,94

Kairo EG

1,70

18,03

München DE

0,24

12,02

Mumbai IN

1,67

18,58

Stockholm SE

0,26

11,86

Istanbul TR

1,57

18,33

Düsseldorf DE

0,30

12,56

Peking CN

1,41

16,18

Hamburg DE

0,37

11,46

Barcelona ES

1,36

16,01

Portland US

0,41

11,81

Mexiko-Stadt MX

1,32

16,19

Köln DE

0,42

12,01

Paris FR

1,31

15,26

Amsterdam NL

0,43 12,59

Buenos Aires AR

1,30

16,54

Die 10 leisesten/lautesten Großstädte im Mimi Hör-Index.

Daten: mimi.io Hör-Index 2017, via Statista.

GESAMT-HÖRVERLUST

(Index-Wert) 10 HÖRVERLUST IN JAHREN 20

Das zusätzliche, durchschnittliche Höralter,

welches ein Bewohner einer der jeweiligen

Großstädte im Vergleich zu seinem tatsächlichen

Alter aufweist.

als besser ausgeprägt, als das der Kontrollgruppe. Die Wissenschaftler

der RANCH Studie vermuteten daher, dass

Flugzeuglärm durch seine Unvorhersehbarkeit und höhere

Lautstärke einen negativeren Effekt auf die Leistungsfähigkeit

habe, als konstanter Straßenlärm.

Unter Bezugnahme auf weitere Studien errechnete die

WHO 2011 mit den Daten Schwedens als Beispiel für ein

wohlhabendes europäisches Land, dass etwa 107 DALYs

pro 1 Million Einwohner durch kognitive Einschränkungen

bedingt durch Lärmbelästigung verloren gehen.

Störend ist immer der Lärm, den man nicht selbst verursacht

und mitten in der Stadt gibt es unter Umständen mehr davon,

als erträglich ist. Solange man jedoch nicht in der Einflugschneise

eines Flughafens lebt oder einen hauptberuflichen

Trompeter zum Nachbarn hat (vgl. Pressemitteilung Bundesgerichtshof

Nr. 171/2018), halten sich die gesundheitlichen

Einschränkungen hinsichtlich der Leistungsfähigkeit

von Hirn und Herz in Grenzen. Wird man durch anhaltenden

Lärm merkbar am konzentrierten Arbeiten oder im

Schlaf gestört, Schnarchen kann durchaus eine Lautstärke

von 60dB erreichen (vgl. Lee et al. 2016), sollte man über

die Verwendung von Ohrstöpseln oder gegebenenfalls einen

Umzug nachdenken.

Bundesgerichtshof (2018): Trompetenspiel in einem Reihenhaus.

Mitteilung der Pressestelle. Nr. 171/2018. Online verfügbar unter:

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=pm&pm_nummer=0171/18

[Zugriff:

16.12.2018].

Evans, G. W. et al. (1995): Chronic noise and psychological stress.

In: Psychological Science. 6. Jg. 1995/6. S.333–338.

Evans, G. W. et al. (1998): Chronic noise exposure and physiological

response: a prospective study of children living under environmental

stress. In: Psychological Science. 9. Jg. 1998/1. S. 75–77.

Evans, G. W. et al. (2002): A prospective study of some effects of

aircraft noise on cognitive performance in school children. In: Psychological

Science. 13. Jg. 2002/5. S 469–474.

Flynn, A. J. et al. (1988): Blood pressure in resting, anesthetized and

noise-exposed guinea pigs. In: Hearing Research. 34. Jg. 1988/2. S.

201–206.

Franssen, E. A. et al. (2002): Assessing health consequences in

an environmental impact assessment. The case of Amsterdam Airport

Schiphol. In: Environmental Impact Assessment Review. 22. Jg.

2002/6. S. 633–653.

Lee, G. S. et al. (2016): The Frequency and Energy of Snoring

Sounds Are Associated with Common Carotid Artery Intima-Media

Thickness in Obstructive Sleep Apnea Patients. In: Scientific Reports.

6. Jg. 2016/30559.

Maschke, C. et al. (2000): The influence of stressors on biochemical

reactions – a review of present scientific findings with noise. In:

International Journal of Hygiene and Environmental Health. 203. Jg.

2000/1. S. 45–53.

Sabbah, W. et al. (2008): Effects of allostatic load on the social gradient

in ischaemic heart disease and periodontal disease: evidence

from the Third National Health and Nutrition Examination Survey. In:

Journal of Epidemiology and Community Health. 62. Jg. 2008/5.

S.415–420.

Stansfeld, S. A. et al. (2005): Aircraft and road traffic noise and

children’s cognition and health: a cross-sectional study. In: Lancet.

365. Jg. 2005/9475. S. 1942–1949.

Stansfeld, S. A. et al. (2010): The effects of road traffic and aircraft

noise exposure on children´s episodic memory: the RANCH project.

In: Noise and Health. 49. Jg. 2010/12. S. 244–254.

WHO (2011): Burden of Disease from Environmental Noise. Quantification

of Healthy Life Years Lost in Europe. Geneva.

WHO (2018): About the Global Burden of Disease (GBD) project.

Online verfügbar unter: http://www.who.int/healthinfo/global_burden_disease/about/en/

[Zugriff: 01.12.2018].

30


Artikel

Stadt & Umwelt

Copenhagenize

Das Fahrrad als Verkehrsmittel der Zukunft?

Anonym

Mobilität ist ein zentrales und relevantes Thema im Diskurs

um nachhaltige Stadtgestaltung. Neben den Aspekten

wie Nutzerfreundlichkeit, Digitalisierung und städtebaulicher

Umsetzung haben verschiedene Mobilitätskonzepte

auch entsprechend Einfluss auf die Umwelt. Der Ausbau

von Straßen und die Flächeninanspruchnahme durch die

Ausgestaltung weiterer Parkflächen erhöhen das Verkehrsaufkommen

proportional. Damit sind wiederum entsprechend

hohe Feinstaub- und Lärmbelastungen verbunden,

die das Leben in der Stadt enorm beeinträchtigen. Doch

kann ein Verzicht einer privilegierten – automobilen – Verkehrsauswahl

Fußgänger, Radfahrer sowie den öffentlichen

Nahverkehr tatsächlich begünstigen?

Kopenhagen, Utrecht, Amsterdam – laut dem Copenhagenize

Index 2017 sind das die drei fahrradfreundlichsten Städte

weltweit (vgl. Copenhagenize Design Company 2017). Hier

teilen sich sowohl Autos als auch Fahrradfahrer gleichwohl

den Platz auf kommunalen Straßen und Fahrradfahrer sind

sicher vor zu schnell fahrenden oder zu hastig abbiegenden

PKWs. Diese werden wiederum im fließenden Verkehr

nicht aufgehalten und können auf ihrer Spur im vorgegeben

Tempo fahren. Eine solch ausgeglichene Verkehrssituation

ist kaum vorstellbar auf deutschen Straßen. In vielen

deutschen Städten dominieren innerorts PKWs auf der

Straße, Fahrradfahrer werden als der Feind des fließenden

Verkehrs deklariert. Doch wieso ist das so? Warum ist, statistisch

gesehen, das Fahrrad kein sicheres Verkehrsmittel?

Im 21. Jahrhundert, einem Jahrhundert der (verstärkt) voranschreitenden

Urbanisierung, in dem immer mehr Menschen

in die Stadt ziehen, scheinen die Antworten auf diese

Fragen längst überfällig.

In Kopenhagen gibt es für den beispiellosen Wandel der

Infrastruktur in und um die Innenstadt herum sogar einen

Namen: Copenhagenize it! Wer schon einmal in Kopenhagen

oder einer beliebigen Stadt in den Niederlanden gewesen

ist, dem fiel sofort eins auf: Fahrräder sind überall. Wenn

man genauer hinschaut, oder sogar selbst in den Fluss des

31 philou.


3

1

25 27

28

37

2

21

35

12

30

15

14

21

42

52

3

32

KOPENHAGEN MÜNCHEN LONDON PARIS

4

5

1 3 7

9

11

22 29

42

1

78

44

44

LOS ANGELES SINGAPUR JOHANNESBURG

MOTORISIERTER

INDIVIDUALVERKEHR

ÖFFENTLICHER VERKEHR

FAHRRADVERKEHR

FUßGÄNGERVERKEHR

SONSTIGES

Mobilität in Städten. Anteile zurückgelegter Wege nach Fortbewegungsmittel in Großstädten in Prozent (Modal Split).

Eigene Darstellung. Daten: [alle außer Paris] Wulfhorst, G., Priester, R. und Miramontes, M. (2013): What Cities Want, MAN SE

(Auftraggeber und Herausgeber). [Paris] Observatoire de la mobilité en Île-de-France (2012): Enquête Globale Transport (EGT).

Fahrradverkehrs kommt, wird schnell klar, warum sich hier

so viele Menschen auf zwei Rädern fortbewegen: es ist die

Infrastruktur. Allein in Kopenhagen, einer Stadt mit rund

793.500 Einwohnern, ergibt die Strecke aller Fahrradwege

454 km, die allesamt beschildert und mit speziellen Ampeln

ausgestattet sind. Diese systematische Infrastruktur erlaubt

es Fahrradfahrern, sich mit einer Geschwindigkeit von bis

zu 25 km/h durch die Stadt zu bewegen. Aufgrund dessen

wählen lediglich 9% aller Einwohner ihren PKW, um in die

Stadt zu fahren. 62% tun dies lieber auf ihrem Fahrrad (vgl.

Cycling Embassy of Denmark 2015). Verglichen mit München,

einer Stadt mit 1,4 Mio. Einwohnern, liegt die Länge

aller Radwege zwar bei ca. 1.200 km, davon sind jedoch nur

350 km beschildert. Auf ihrer Webseite gibt die Stadt München

an, dass ca. 20% der sich fortbewegenden Menschen

auf ihr Fahrrad zurückgreifen, so viel wie in keiner anderen

deutschen Stadt. In den kommenden Jahren soll München

zur Vorzeigestadt für eine fahrradfreundliche Infrastruktur

werden. Schon jetzt gibt es hier die meisten 30er-Zonen.

Zudem sollen 14 Schnellstraßen mit intelligenten Ampeln

gebaut werden (vgl. Copenhagenize Index 2017). Auch der

Copenhagenize Index, der Städte weltweit nach ihrer Fahrradfreundlichkeit

bewertet, sieht in München großes Potential

und platziert sie als zweitbeste deutsche Stadt auf Rang

15 (hinter Berlin auf Rang 10).

Der Infrastrukturwandel in vielen Innenstädten dieser Welt

wird zu einem großen Teil durch mangelnde Sicherheit für

Radfahrer angetrieben. Als Autos vor 100 Jahren immer präsenter

auf den Straßen wurden, die auch von Fußgängern,

Kutschen und spielenden Kindern genutzt wurden, wurde

beschlossen, für alle jeweils getrennte Bereiche einzurichten.

So wäre es zeitgemäß, diesen Beschluss auf die heutige

Zeit bezüglich der Sicherheit vieler Radfahrer anzuwenden.

Auto vs. Fahrrad – Platz vs. Sicherheit

Auch der so drastisch ansteigende Platzmangel in zahlreichen

Innenstädten bewirkt das Umdenken vieler Städteplaner.

In Deutschland sind etwa 45,5 Mio. PKW zugelassen

(vgl. Destatis 2018). Rund die Hälfte aller Autofahrten wird

von nur einer Person pro PKW angetreten (vgl. BMVI 2018).

Dieselbe Anzahl an Alleinreisenden würde auf einem Fahrrad

also eine sehr viel kleinere Fläche in Anspruch nehmen.

Das Umsatteln aufs Fahrrad würde jedoch nicht nur auf Straßen

zu mehr Platz führen – auch müssten in Zukunft weniger

Parkplätze für PKW errichtet werden – ein Paradigma,

das bereits 1939 gesetzlich festgelegt wurde. Die damalige

Reichsgaragenverordnung sicherte nach dem Auto-Boom,

ausgelöst durch Volkswagen, jeder neu erbauten Wohneinheit

einen PKW-Stellplatz zu. Eine ähnliche Verordnung

für Fahrradstellplätze wurde erstmals 1993 festgelegt. Viele

Städte versuchen durch Zuschüsse bei neu geplanten Bürogebäuden

dem Parkplatzausbau entgegenzusteuern. So hat

die Stadt Dortmund ein Konzept ins Leben gerufen, bei

dem die Stadt die Kosten für teure Stellplätze bezuschusst,

wenn auf gleichem Gelände eine Mindestanzahl an siche-

32


Stadt & Umwelt

ren Fahrradstellplätzen errichtet wird. Auch werden diese

Zuschüsse verteilt, wenn der Arbeitgeber kostengünstige

Jobtickets für den ÖPNV an seine Arbeitnehmer garantiert.

Ein größer aufgestelltes Carsharing-Angebot könnte dem

Platzmangel ebenfalls entgegenwirken. Laut Angaben der

Stadt Aachen könnte ein Carsharing-PKW durchschnittlich

sieben private PKW ersetzen, die sonst rund 23 Stunden

am Tag im Parkmodus stehen (vgl. Brockmeier et al. 2014).

Neuer Raum, der für neue Wohneinheiten, Kindergärten,

Parks, usw. genutzt werden könnte.

In Zeiten der Urbanisierung spielt vor allem Platz für die

stetig wachsende Bevölkerung eine große Rolle. Dieser kann

nur gewährt werden, wenn durch Sharing-Angebote und

intelligente Systeme für diese moderne Art unserer Alltagsgestaltung

gemeinschaftliche Flächen effizient genutzt

werden. Diese können gleichzeitig zu mehr Sicherheit im

Verkehr führen und uns dazu anhalten, auf umweltfreundlichere,

weniger lärmintensive und platzsparende Alternativen

umzusteigen.

BMVI (2018): Mobilität in Deutschland 2017. Tabellarische

Grundauswertung Deutschland. Bonn.

Brockmeier, F. et al. (2014): Urbane Mobilität im

Umbruch? Verkehrliche und ökonomische Bedeutung

des Free-Floating-Carsharing. In: Internationales

Verkehrswesen. 66. Jg. 2014/3.

Copenhagenize Design Company (2017): The

Copenhagenize Bicycle Friendly Cities Index

2017. Online verfügbar unter: http://copenhagenizeindex.eu

[Zugriff: 18.11.2018].

Cycling Embassy of Denmark (2015): Bicycle

Statistics from Denmark.

Danmarks Statistik (2018): Injured and killed

in road traffic accidents 2017. Online verfügbar

unter: https://www.dst.dk/en/Statistik/emner/

levevilkaar/trafikulykker/faerdselsuheld [Zugriff:

23.12.2018].

Statistisches Bundesamt (Destatis) (2018): Unfallentwicklung

auf deutschen Straßen 2017. Statistisches

Bundesamt (Hg.). Wiesbaden.

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34

Originalfoto: Yiran Ding via unsplash


Stadt & Gesellschaft

Städte sind Orte,

an denen zusammenkommt,

was nicht zusammengehört.

Urbanisierung

– Armin Nassehi

*1960 (Soziologe, LMU München)

Im Vergleich zur Verstädterung, die nur demografische

und siedlungsstrukturelle Aspekte beinhaltet,

bezeichnet der Begriff der Urbanisierung zusätzlich

aus sozioökonomischer und sozialpsychologischer

Sicht die Ausbreitungs- und Diffusionsprozesse

städtischer Lebensformen, die sich z.B. in Haushaltsstrukturen,

beruflicher Differenzierung, Konsummustern

und Wertvorstellungen der Einwohner

in Städten ausdrücken.

Megacity

Stadt mit mehr als 10 Millionen Einwohnern.

Weitergeht der unscharf definierte Begriff

„Gigacity“. Er beschreibt zum Beispiel die geplante

Verbindung der Megacities Peking,

Tianjin und Hebel zu einer Metropole mit 130

Millionen Einwohnern und einer Fläche doppelt

so groß wie Bayern.

Segregation

Räumliche Trennung der Wohngebiete von sozialen

(Teil-)Gruppen in einer Stadt oder Region.

Der Grad der Segregation ist umso höher,

je stärker die räumliche Verteilung der Wohnstandorte

einer Gruppe von der Verteilung der

Gesamtbevölkerung abweicht. Das Ghetto stellt

eine extreme Form der Segregation dar.

Metropole

Eine Metropole ist historischer, kultureller, politischer,

sozialer und wirtschaftlicher Mittelpunkt einer

Region, der sogenannten Metropolregion. Die

Konzentration einzelner oder mehrerer genannter

Faktoren bezeichnet man als Metropolisierung. Metropolen

zeichnen sich auch immer durch verhältnismäßige

Größe aus, die sich sowohl auf die Fläche

als auch auf die Anzahl der Einwohner bezieht. Millionenstädte

sind deshalb fast schon zwangsläufig

auch Metropolen.

Glokalisierung

Ist ein Neologismus bzw. ein Kofferwort und

wird aus den Begriffen Globalisierung und Lokalisierung

gebildet. Der Begriff Globalisierung

bezeichnet den Vorgang, dass internationale

Verflechtungen in vielen Bereichen des alltäglichen

Lebens eine Rolle spielen. Die Lokalisierung

bezeichnet das Anpassen an die lokalen

Gegebenheiten eines Ortes. Beide Begriffe stehen

dabei nicht im Gegensatz zu einander, sondern

im Gleichgewicht.

35 philou.


Opener

Mit weichem Knüppel

in die Mitmachfalle

Wie politische Mediation bürgerliche

Selbstorganisation imitiert

Nils Honkomp & FréDéRic Falter

Politikwissenschaft, Gesellschaftswissenschaften

„Hatten Investoren und Eigentümer in früheren Jahren sehr schnell nach der Polizei

gerufen, um ihre Interessen gegen widerständige Bürger durchzusetzen, haben

sie mittlerweile gelernt, die Protestbewegungen mit ihren eigenen Mitteln

zu schlagen.” (Wagner 2013a: 54) So lautet die Analyse des Kultursoziologen

Dr. Thomas Wagner, die er am 31.10.2018 im Kontext der Veranstaltungsreihe

„Demokratie leben“ vom Resilienz Verein Aachen vorgetragen hat.

Dr. Thomas Wagner begreift sich selber Obwohl Wagner die Forderung nach Basisdemokratie frühzeitig als

als politisch links und war Autor für die linke Forderung verstand, konstantiert er, dass vorgefertigte Partizipationsangebote

und Konsultationsverfahren sukzessive zur Aushöhlung

anarchopazifistische Zeitschrift „Graswurzelrevolution“.

Des Weiteren schrieb

er als freier Autor für die deutsche und bürgerlicher Mitbestimmung führen. Unter den Stichworten „politische

Mediation”, „strategische Dialoge“, „Akzeptanzbeschaffung“ und

internationale Presse: unter anderem junge

Welt, Die Zeit, Süddeutsche Zeitung,

Neue Züricher Zeitung, der Freitag etc. „kollaborative Demokratie“ versteht der Soziologe, den spezialisierten

Nach eigenen Angaben hat er auch Anfänge

der Studentenbewegung in seinem Planungsprozesse von Großbauprojekten miteinzubeziehen und das

Einsatz von Dienstleistungsunternehmen um Bürger_innen in die

eigenen Seminar an der RWTH Aachen

Ergebnis in Richtung der Interessen von Wirtschaft und Politik zu

beobachten können.

beeinflussen. Bürger_innenbeteiligung würde damit Teil des Repertoires

an Herrschaftsinstrumenten, die den Politiker_innen, neben dem Einsatz

von Polizeikräften, zur Verfügung stehe. Im Vortrag schlussfolgert Wagner, dass

politische Mediation damit auch als „weicher Knüppel“ der Staatsgewalt bezeichnet

werden könne: Sein erstes zentrales Argument lautet daher, dass politische

Mediation das Kriterium der Ergebnisoffenheit nicht erfülle. In erster Linie gehe

es darum, Diskussionen zu „versachlichen“ und die Politisierung der Projekte im

Vorfeld zu verhindern, indem die betroffenen Bürgerinnen und Bürger in vorstrukturierte

Diskussionsangebote eingeladen werden. Im Sinne der Investoren

sollen hier größere Proteste, also Verzögerungen und steigende Kosten, möglichst

vermieden werden. Daher seien sie per se nicht ergebnisoffen und in die

Landschaft der erwerbbaren Dienstleistungen einzuordnen. Sein zweites Argument

bezieht sich auf die Verbindlichkeit der Ergebnisse des zu durchlaufenden

Beteiligungsprozesses: Werden sie in den Entscheidungen von den gewählten

Volksvertrer_innen berücksichtigt? Oder taktieren sie zusammen mit Unternehmer_innen,

doch im geheimen Hinterzimmer? Rechtlich seien sie, nach Wagner,

zumindest nicht bindend.

Belege dafür findet der Vortragende in der systematischen Auswertung von diversen

Studien und Zeitungsartikeln. Zum Beispiel solle laut einer Studie des

RWE-Konzerns Bürger_innenbeteiligung zum selbstverständlichen Teil von

36


Stadt & Gesellschaft

Großbauprojekten werden. Auch im Manager-Magazin werde

in diesem Kontext empfohlen, den Dialog mit den Bürger_innen

zu forcieren. Aus der Perspektive des Kultursoziologen werden

hier ursprünglich linke Ansätze, Verfahren und Ideen von großen

Unternehmen genutzt und sind folglich als Mittel zur Erreichung

des zugrundeliegenden Zwecks, also der kostengünstigen

Realisierung der Investitionsmittel, zu verstehen.

NIMBY

Als Gegenbeispiel für eine funktionierende politische Mediation

gelte das umstrittene Verkehrs- und Städtebauprojekt Stuttgart

21. Im Verlauf des Projektes formierten sich Proteste, an denen

sich zehntausende Menschen beteiligten. Im Zuge dessen kam

es auch zu schweren Auseinandersetzungen mit der Polizei sowie

einer kontroversen, öffentlichen Debatte. Schon lange bevor

der Moderator Heiner Geißler im Stuttgarter Rathaus mit dem

Schlichtungsverfahren beginnen konnte, sei, nach Wagner, „das Kind schon in den

Brunnen gefallen.“ In diesem Sinne hätte eine politische Mediation, die gelingen

soll, schon im Vorfeld ansetzen müssen, um jene Menschen in die Verfahren miteinzubeziehen,

die sich im Zuge der Proteste politisch selbst organisiert haben.

Wenn Wagner versucht, die Ungerechtigkeiten in Mitbestimmungs- und Partizipationsverfahren

als Mitmachfalle zu demaskieren, analysiert er sehr präzise

die einzelnen Missstände, die aus der Weiterentwicklung von Herrschaftstechniken

des politischen Establishments resultieren. So genau er auch den Fokus

darauflegen kann, was moralisch nicht wünschenswert ist, so schwer fällt es ihm,

Alternativen aufzuzeigen: Wie soll die Partizipation in einer gut funktionierenden

Demokratie aussehen? Wenn sie sich nicht – wie Ingolfur Blühdorn passend

beschrieben hat – zur simulativen Demokratie entwickeln soll, müssen wir

darüber sprechen, wie im Detail vernünftige politische Aushandlungsprozesse

strukturiert werden können. Zum Beispiel beim Bau eines Flughafens, der Planung

einer Stromtrasse oder der Errichtung eines Windparks.

Wie finde ich die Balance zwischen einer der Allgemeinheit dienenden, rationalen

Entscheidung und der angemessenen Berücksichtigung einzelner Menschen?

Und vielleicht als letzte Frage: Wer wird überhaupt berücksichtigt? Wer ist betroffen

von einer Entscheidung, wer nicht? Fest steht, dass diese Fragen kaum

allgemeingültig beantwortet werden können. Sie müssen detailliert aus den un-

Häufiges, aber nicht alleiniges Argumentationsmuster

in lokalen Entscheidungsprozessen:

NIMBY. Das

englischsprachige Akronym steht für Not

In My Backyard („Nicht in meinem Hinterhof“).

Es bezeichnet eine ethische

und politische Position von Menschen,

die sich gegen Entwicklungen richten,

die ihre Nachbarschaft und damit ihre

eigene Lebensqualität beeinträchtigen

könnten. Meist wird eine generelle Zustimmung

für politische Vorhaben unterstellt,

solange diese nur weit genug

weg von der eigenen Haustür realisiert

werden.

Der NIMBY-Ansatz wird besonders in Diskussionen

um die Ansiedlung von marginalisierten

und diskriminierten Gruppen

(Obdachlose, Flüchtlinge usw.), aber

auch um den Aufbau von Industrie-Standorten,

Mülldeponien, Lagerung radioaktiven

Abfalls, Mobilfunkmasten oder

Stromtrassen etc. verfochten. Dabei kommen

teilweise auch soziale oder ökologische

Argumente zum Einsatz, die aber

fadenscheinig sind, solange es nur um

die Verlagerung eines Problems geht.

37 philou.


philou. im Gespräch

Von der Zähmung

unzähmbarer Herdentiere

Ob Bürgerbeteiligungsverfahren wirklich zur Mitmachfalle werden und was

sie vielleicht doch für Chancen für alle Beteiligten bieten, haben wir für euch

mit Dr. Oliver Märker (Foto) besprochen. Er ist Mitbegründer von Zebralog

GmbH & Co. KG und leitet seit 2007 das Bonner Büro. Die Agentur bietet

crossmediale Beteiligungsangebote – also die Verknüpfung von klassischen

und elektronischen Beteiligungsinstrumenten – vor Ort und im Netz an. Kunden

von Zebralog sind diverse Bundesministerien, Kommunen, Unternehmen und

Vereine. Märker ist als Geograph Spezialist in verschiedenen Themenfeldern.

Außerdem ist er reger Twitter-Nutzer und passionierter Mountainbikefahrer.

philou. Was ist „Zebralog“ und was hat das Ganze mit

Zebras zu tun?

Märker: Wir sind eine Agentur für verständigungsorientierte

Kommunikation und Beteiligung. Seit 10 Jahren realisieren wir

partizipative Dialogprozesse, etwa im Auftrag von Kommunen,

Unternehmen oder Ministerien. Was das mit Zebras zu tun hat?

Zebras sind soziale Herdentiere, sie sind aber auch eigenwillig,

wild und nicht zähmbar.

p. Wer ist die Zielgruppe Ihres Beteiligungsangebots?

M.: Das hängt immer von der Zielsetzung des Beteiligungsverfahrens

ab. Wenn wir ein Beteiligungsverfahren planen, fragen

wir daher immer zuerst: Was ist die Zielsetzung? Welche Beteiligungsspielräume

gibt es? Wer ist von dem Beteiligungsthema

betroffen? Je nach Beteiligungsthema variieren daher die

Zielgruppen stark. Mal können es bestimmte Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter in einem Unternehmen sein, ein anderes Mal

Bewohnerinnen und Bewohner eines Quartiers oder einer ganzen

Region, oder auch Anwohner entlang einer in Planung befindlichen

Straßenbahntrasse.

p. Wie läuft ein Beteiligungsverfahren in der Regel ab?

M.: Am Anfang steht immer die Konzeption der Beteiligung,

in der zentrale Fragen nach den Zielsetzungen, Spielräumen

oder Zielgruppen geklärt werden, ebenso Fragen, bis wann

Beteiligungsergebnisse vorliegen sollen, in welcher Form sie

dokumentiert und wie sie anschließend – vielleicht die zentralste

Frage überhaupt – verwendet werden. Letztlich geht es um

die Frage, wie ein fachlicher Planungsprozess zum dem beteiligt

werden soll und Beteiligungsangebote sinnvoll miteinander

verwoben werden. Dazu erstellen wir einen Verfahrensplan aus

dem hervorgeht, in welchen Schritten zu welchen Themen und

Fragestellungen welche Zielgruppen zu welchen Zeitpunkten

mit welchen Formaten beteiligt werden. Hört sich kompliziert

an, ist es aber nicht. Wichtig ist es aber, dass eine Beteiligung

„von der Stange“ in der Regel nicht weiterhilft. Gibt es einen

Plan, dann kann die Beteiligung einfach umgesetzt werden, vor

Ort, online oder crossmedial. Ein Beteiligungsverfahren läuft

also nach einem verlässlichen Plan ab, mit einem klaren Startund

Endzeitpunkt und es ist in Schritte untergliedert, manchmal

auch mit längeren Beteiligungspausen, um Zwischenergebnisse

für die weitere Planung nutzen zu können. Wichtig ist, dass

sich alle darauf verlassen können, damit keine falschen Erwartungen

geweckt, kommunizierte Spielräume der Einflussnahme

aber auch eingelöst werden.

p. Wie sehen die Möglichkeiten und Grenzen der

Beteiligung konkret aus?

M.: Das ist die Kernfrage überhaupt, die es für jede Beteiligung

zu klären gilt. Je nachdem wo eine Planung (zu der beteiligt

werden soll) im Prozess steht, wird diese Frage anders zu beantworten

sein. Steht die Planung noch am Anfang, sind Spielräume

naturgemäß größer als am Ende, wenn beispielsweise

nur noch wenige Alternativen einer schon konkretisierten Planung

zur Diskussion stehen. Die Möglichkeiten und Grenzen

müssen daher geklärt und ohne ehrlich kommuniziert werden.

Gibt es keine Beteiligungsspielräume, dann darf auch keine

Beteiligung angeboten werden.

p. Welches ist das prominenteste Projekt, das Sie

begleitet haben?

M.: Welches das prominenteste ist, das müssen andere entscheiden.

Aber ich habe ein Lieblingsprojekt: www.ludwigshafen-diskutiert.de,

ein Informations-, Dialog- und Beteiligungsangebot,

das die Stadt Ludwigshafen am Rhein mit unserer Unterstützung

etabliert hat, in der sie seit vielen Jahren zu großen Stadtentwicklungsprozessen

immer wieder auf die Öffentlichkeit zugeht und

zu zentralen Fragestellungen Bürgerbeteiligungen durchführt.

Dabei wird immer darauf geachtet, welche Beteiligungsspielräume

es gibt und dies klar kommuniziert. In Ludwigshafen am

Rhein hat sich daher eine vorbildliche Kommunikations- und

Beteiligungskultur entwickelt, die aus meiner Sicht Vorbildcharakter

hat.

38


Stadt & Gesellschaft

p. Was sind die größten Herausforderungen, die sich bei

solchen Projekten herauskristallisieren?

M.: Die größte Herausforderung scheint mir die zu sein, dass

Partizipationsprozesse von denjenigen, die sie anbieten, seien

es Unternehmen, Kommunen, Landkreise, Landes- oder Bundesministerien,

abverlangen, selbst partizipativer zu werden.

Partizipationsprozesse sind so gesehen immer auch mit Veränderungsprozessen

aufseiten der beteiligten Institutionen verbunden.

p. Wie reagieren Sie, wenn die Wertevorstellungen der

Teilnehmenden nicht mit Ihren vereinbar sind?

M.: Das kommt sehr häufig vor. Wenn wir vor Ort oder online

moderieren, dann tun wir das wertschätzend und offen: Wir geben

Räume für viele Perspektiven und Wertesysteme, aber wir

setzen gleichzeitig auch klare Spielregeln, um einen wertschätzenden

und verständigungsorientierten Dialog zu ermöglichen.

Ich würde das mal „souveräne Offenheit“ nennen.

p. Auf ihrer Internetseite sprechen Sie im Hinblick

auf ihre „12 Grundsätze für gute Partizipation“ von

Entscheidungsspielräumen. Was meinen Sie konkret

damit? Sind die getroffenen Entscheidungen rechtlich

bindend?

M.: Nein, rechtlich bindend sind Bürgerbeteiligungen nicht –

das können und sollten sie auch nicht sein. Denn durch sie wird

keine Entscheidungsmacht – im Unterschied zu Bürger- oder

Volksentscheiden – an die Bürgerinnen und Bürger delegiert,

nach dem Motto: „Entscheidet ihr jetzt doch mal!“. Stattdessen

wird – wenn es gut läuft – der fachpolitische Abwägungsprozess

zu komplexen Fragestellungen durch Bürgerbeteiligung

unterstützt. Also zu komplexen Planungen, die nicht mit einem

einfachen „Ich bin dafür“ oder „Ich bin dagegen“ abgehandelt

werden können. Bürgerinnen und Bürger werden also konsultiert

und am Ende entscheiden die, die durch Wahlen legitimiert

wurden. Aber: Bürgerbeteiligung macht nur Sinn, wenn

es fachliche und politische Entscheidungsspielräume gibt, also

die Möglichkeit und den Willen, zuzuhören und sich durch

Ergebnisse aus der Bürgerbeteiligung bereichern zu lassen.

Alles andere wäre „Particitainment“ (so wie es Klaus Selle formulieren

würde).

p. Außerdem sprechen Sie davon „ePartizipations-

Dienstleister“ oder „Partizipationsallrounder“ zu sein. Sind

Sie nicht vielmehr Akzeptanzbeschaffer für Politik und

zahlende Unternehmen?

M.: Wir würden immer dann in Gefahr laufen, zum Akzeptanzbeschaffer

zu werden, wenn wir uns und unseren Kunden

nicht immer wieder genau diese Frage stellen würden. Daher

gehört vor die weiter oben angesprochene Verfahrensplanung

die zentralste Frage überhaupt: Was wird mit der Beteiligung

bezweckt? Hier einfach voran zu gehen, ohne diese Frage (an

der noch viele weitere hängen) zu beantworten, wäre fahrlässig.

Ebenso klären wir immer unsere Rolle: Denn zur Gestaltung

eines Verfahrens gehört, dass wir auch eigenständig agieren

können um unserer Verantwortung als Verfahrensgestalter und

-unterstützer, Moderatoren und Berater gerecht zu werden.

p. Was möchten Sie jungen Menschen mit auf den

Weg geben?

M.: Überlasst den Vereinfachern und Empörten dieser Welt

nicht die Bühne.

terschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden und die

verschiedenen Interessensgruppen müssen miteinander

sprechen lernen. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt

auch eine in Auftrag gegebene Studie des Umweltbundesamtes

mit dem Aufgabenschwerpunkt Konfliktdialog.

Es gehe um das Verständnis des Konfliktes, so die Studie:

die genaue Analyse der jeweilig unterschiedlichen Hintergründe.

Sonst sei es kaum möglich ein passendes Format

zur Konfliktminderung zu finden.

Ein Bericht des Lehrstuhls für Methoden der empirischen

Sozialforschung an der Universität Potsdam liefert sogar

theoretische Ansätze zur Bewertung von abgeschlossenen

Beteiligungsverfahren: den sogenannten Beteiligungs-Bias.

Er widmet sich der Frage, inwieweit die Meinungen

der Beteiligten an einem Bürger_innenbeteiligungsverfahren

von den übrigen Meinungen der nicht teilnehmenden

Bürger_innen auseinandergeht. Dieses Instrument

entstammt dem aus der Survey-Forschung bekannten

Konzept der Verzerrung (Bias). Darüber hinaus sei er

auch als Auswahlkriterium für zu planende Verfahren

anwendbar. Auch wenn es sich bei letzterem Beispiel nur

um theoretische Ansätze handelt, zeigen sie doch die

Aktualität und Relevanz des Themas für die Gesellschaft

eindrucksvoll auf. Welche Verfahren werden zukünftig

angewandt, damit wir in unserer Demokratie auch wirklich

demokratisch entscheiden?

Weiterführende Literatur

Blühdorn, I.: (2013): Simulative Demokratie. Neue Politik nach

der Postdemokratischen Wende. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare

Sicherheit (2014a): Bürgerbeteiligung bei umweltrelevanten

Großprojekten. Der Beteiligungs-Bias als methodisches Instrument

zur Bewertung von Beteiligungsverfahren, 20.11.2014. Online

verfügbar unter: https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/

Pools/Forschungsdatenbank/fkz_um_13_12_934_umweltrelevante_grossvorhaben_bf.pdf

[Zugriff: 05.01.2019].

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit

(2014b): Neuartiger Öffentlichkeitsdialog in Verfahren

mit Umweltprüfung am Beispiel bestimmter Vorhabentypen/

Vorhabeneigenschaften. Leitfäden für Behörden und rechtliche

Verankerung, 18.03.2015. Online verfügbar unter: https://www.

bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Forschungsdatenbank/

fkz_3712_13_101_umweltpruefung_schlussbericht_bf.pdf [Zugriff:

05.01.2019].

o.V. (2013): Ein Gespräch mit Ingolfur Blühdorn. Das etablierte

Lamento trägt nicht zur Veränderung bei. In: INDES. Zeitschrift

für Politik und Gesellschaft. 2013/3. S. 131.

RWE Aktiengesellschaft (2012): Akzeptanz für Großprojekte.

Eine Standortbestimmung über Chancen und Grenzen der Bürgerbeteiligung

in Deutschland. Essen.

Wagner, T. (2013a): Die Mitmachfalle. Bürgerbeteiligung als Herrschaftsinstrument.

Köln: PapyRossa Verlag.

Wagner, T. (2013b): Bürgerprotest in der Mitmachfalle. Wie aus

Partizipation eine Herrschaftsmethode gemacht wird. In: PROK-

LA, Zeitschrift für Kritische Sozialwissenschaft. 43. Jg. 2013/2.

S.297–304.

39 philou.


Artikel

Immer diese Künstler ...

Kritik eines eindimensionalen

Gentrifizierungsbegriffes

Moritz Hirmer

historische Urbanistik (Berlin)

Ob in medialen Berichterstattungen zu städtischem Wandel,

als Thema kommunalpolitischer Veranstaltungen oder

als Diskussionsgegenstand in der WG-Küche – der Begriff

Gentrifizierung und der damit bezeichnete Trend hat in zahlreichen

Städten seinen Weg in die Lebenswelt vieler Menschen

geschlagen. So viele diesen Begriff zur Erklärung von

steigenden Mietpreisen und Veränderungen in Sozial- und

Baustruktur verwenden, so wenige treffen dabei den Kern

dieses sozialräumlichen Prozesses. Gentrifizierung wird hierbei

oftmals mit Yuppisierung und Subkulturalisierung von ehemals

kiezigen Stadträumen assoziiert, in denen Pioniere und

Gentrifier die antreibenden Akteure sind. Dies impliziert eine

Konkurrenzsituation auf dem freien Markt, infolgedessen

beispielsweise Studierende (Pioniere) durch ihr kulturelles

Kapital oder alternative Wohnformen (Wohngemeinschaften)

Altmieter verdrängen, daraufhin einkommensstärkere

Haushalte anziehen (Gentrifier) und somit Viertel grundlegend

verändern. Jedoch ist diese idealtypische Darstellung

oftmals blind gegenüber strukturellen Bedingungen und einflussreichen

Akteuren wie Eigentümerkonstellationen oder

politischen Institutionen. Vielerorts sind es heute zusätzlich

durchgeführte Aufwertungen, wie Luxussanierungen oder

gezielte Investitionsstrategien zur Profitmaximierung, die

ganz unterschiedliche Formen von Gentrifizierung implizieren.

Marktbedingte wie politische-administrative Entscheidungen,

privatwirtschaftliche Akteure und globales Kapital

spielen demzufolge eine immense Rolle bei der Betrachtung

von Gentrifizierung. Wie könnte also eine angemessene und

zeitgemäße Beschreibung des Begriffes lauten?

Gentrifizierung soll in diesem Artikel als ein städtischer

Umstrukturierungsprozess verstanden werden, welcher sich

durch Formen der Aufwertung (physisch-baulich, funktional,

symbolisch) und Verdrängung kennzeichnet (vgl. u.a. Krajewski

2006; Holm 2011; Bouali/Gude 2014). Derweilen

existieren in der Forschung zu Gentrifizierung zahlreiche

Definitionen, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte

markieren. Hartmut Häußermann erläuterte in den 90er

Jahren, dass wir von „Gentrification sprechen [...], wenn

in einem Stadtgebiet die Bewohner mit niedrigem Einkommen

durch Bewohner mit höherem Einkommen und/

oder anderen Konsumstilen ersetzt werden“ (Häußermann

1990: 35) und versteht so Gentrifizierung als sozialökologische

Dominanzsituation zwischen Bevölkerungsgruppen.

Überspitzt gesagt: Reiche verdrängen Arme aufgrund ihres

ökonomischen Kapitals. Daran anschließende nachfrageorientierte

Erklärungsansätze, die, wie in der Einleitung

beschrieben, Gentrifizierung als Resultat von Konkurrenz

unter Gruppen mit unterschiedlichem ökonomischen, kulturellen

und sozialen Kapital erklären, waren dabei treffend

und wichtig. Die Herausbildung als Forschungsgegenstand

in den 60er Jahren durch die britische Soziologin Ruth

Glass und die ersten wissenschaftlichen Arbeiten in den

70er Jahren gründeten sich explizit auf Beobachtungen,

dass der innerstädtische Wohnraum massiv an Relevanz

und Attraktivität gewonnen hat. Das Aufkommen neuer

Lebensstile, Konsum- und Haushaltstypen und der Bedeutungswandel

von Gebäudetypen (Altbau/Neubau) hat

sich in den 80er und 90er Jahren nochmals gesteigert. Die

ehemals von der Arbeiterklasse bewohnten innerstädtischen

Viertel wurden von der Mittelschicht (wieder-)entdeckt, die

zuvor maßgeblich in der Peripherie lebten (Suburbanisierung).

Die Funktion der Stadt veränderte sich im Kontext

des Strukturwandels, welcher sich durch eine Tertiärisierung

(Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft) und allmählich

flexibilisierten Formen der Arbeit, des Lebens und

des Wohnens kennzeichnete. Diese neue Nachfrage, heutzutage

in vielen Großstädten auf ihrem Höhepunkt, ist eine

konkrete Folge dieses fortlaufenden Bedeutungswandels

des Urbanen.

40


Stadt & Gesellschaft

Die Beschreibung von Gentrifizierung alleinig über eine

veränderte Nachfrage und im Besonderen durch kulturelle

Kapitale (Künstler, Studenten etc.), lässt jedoch außer Acht,

dass die Stadt zunehmend global-ökonomisch durchdrungen

ist. Ein immer stärker werdender, globalisierter Wirtschafts-,

Finanz- und vor allem Wohnungsmarkt hat Städte

weltweit in ihren Handlungsansätzen wie auch Eigentumsstrukturen

transformiert. Die Kategorien Pioniere und Gentrifier

spielen dabei kaum noch eine (aktive) Rolle (siehe

Neubau-/Super-Gentrification; Symbolische Gentrification bei

Holm 2011). Dennoch sind sie bis heute beliebte Erklärungsmuster

in der öffentlichen Diskussion und werden vor

allem von immobilienwirtschaftlichen Akteuren genutzt, da

strukturelle und marktbedingte Kontexte ausgeblendet werden.

Angebotsseitige Ansätze, die die ökonomisch-strukturellen

Bedingungen in den Vordergrund ihrer Analyse stellen

und somit die Bereitstellung eines speziellen Angebots fokussieren,

sind demzufolge essentiell. Denn die Grundbausteine

für Aufwertungs- und Verdrängungsprozesse liegen

heute in der Beschaffenheit von Wohnungsmärkten (z.B.

de-/reguliert), spezifischen Inwertsetzungsstrategien von

Eigentümergruppen (v.a. Investoren, Pensionskassen, Fonds)

und generell Maßnahmen politischer Administrationen.

Städte sind nicht mehr nur aus ihrem lokalen, regionalen

oder nationalen Kontext heraus zu erklären. Vielmehr spielen

globales Kapital und institutionelle Investoren eine verstärkte

Rolle im städtischen Wandel, da Wohnungen als

vergleichsweise sichere und dennoch gewinnversprechende

Geldanlage gelten. Ein gegenwärtiges Beispiel in Deutschland

ist das Wohnungsunternehmen Vonovia SE, welche ihren

ursprünglichen Namen Deutsche Annington wohl nicht

nur aus ästhetischen Gründen, sondern wegen ihres schlechten

öffentlichen Rufs ablegte. Bei diesem und ähnlichen

Unternehmen steht das Profitstreben im Vordergrund. Die

Problematik eines privatwirtschaftlich dominierten Wohnungssektors

bedingt sich explizit durch die soziale Blindheit

des Marktes: „Auf dem Markt zählen weder Bedürfnis

noch Bedarf, sondern nur die kaufkräftige Nachfrage zahlungswilliger

Konsumenten.” (Krätke 1995: 196 [hervorgehoben

im Original])

Der Einfluss der bereits angesprochenen politisch-administrativen

Akteure wird vor allem hinsichtlich steuerlicher

Subventionen, Mietpreiseinflussnahme und Bestandsentwicklung

sichtbar. Die Herausbildung der unternehmerischen

Stadt, welche unter den Prämissen des neoliberalen Handels

agiert und Städte in einen Wettbewerb um Investoren

treten lässt, führte vielerorts zum Verlust kommunaler und

städtischer Autonomie. Großflächige Privatisierungsmaßnahmen

(besonders drastisch ist die En-bloc-Strategie, mit

welcher u.a. in Berlin in der Vergangenheit mehrere Häuserblöcke

als Paket verkauft wurden, vgl. hierzu Uffer 2014: 68)

und die Beendigung des sozialen Wohnungsbauprogramms

sind zwei entscheidende Entwicklungen gewesen. Teure Rekommunalisierungsprozesse

und fehlende Steuerungsmöglichkeiten

(z.B. Bestandsschutz) sind heutige Folgen dieser

politischen Entscheidungen.

41 philou.


Insbesondere gilt es, sich bewusst zu machen, dass Wohnungen

in stark kapitalistisch formierten Gesellschaften

als Kapitalanlage und Ware fungieren. Damit verknüpfte,

folgenreiche immobilienwirtschaftliche Strategien zur Ertragssteigerung

verdeutlichen diesen Umstand – Luxuswohnungen

bringen mehr Ertrag als Sozialwohnungen. Durch

die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen werden

dringend benötigte Mietwohnungen dem Markt entzogen.

Auch das Zusammenlegen von einzelnen kleineren

Wohnungen, um diese in einem höheren Preissegment anzusiedeln,

gehört zu diesen Strategien. Luxussanierungen

beeinflussen zudem nicht nur den Bestand, sondern auch

die kleinräumliche Mietentwicklung, denn sie wirken auf

den Mietspiegel. Dieser wiederum dient als Faktor bei der

Rent-Gap, welche die „Ertragslücke zwischen der aktuellen

und potentiell möglichen Nutzung“ (Holm 2014: 102f.) einer

Wohnung darstellt, maßgeblich also das Potential zur

Ertragssteigerung definiert.

Wie zuvor geschildert, gibt es gegenwärtig verschiedene

Hinweise darauf, Abstand zu nehmen von vereinfachten

und idealtypischen Gentrifizierungserklärungen. Die Reduktion

des Begriffes auf veränderte Lebensstile oder Wohnpräferenzen

lässt oftmals die grundlegenden Strukturen des

Wirtschaftssystems und Maßnahmen einzelner privatwirtschaftlicher

und politischer Akteure aus dem Blickfeld verschwinden.

Daher wundert es kaum, dass das framing von

Gentrifizierung als natürlich-positiver Prozess vor allem von

immobilienwirtschaftlichen wie neoliberalen Akteuren vorangetrieben

wird. Doch betrachtet man die Strategien von

immobilienwirtschaftlichen Akteuren zur Ertragssteigerung,

analysiert politisch-administratives Vorgehen zur Strukturierung

des urbanen Raumes und verfolgt das Einwirken

globalen Kapitals auf heutige Städte, kommt man zu einer

anderen Auffassung. Dennoch spielen weiterhin auch

soziodemografische und kulturelle Aspekte eine immense

Rolle. Gegenwärtige Gentrifizierungsforschung impliziert

daher auch eine Verzahnung der vorgestellten theoretischen

Stränge (nachfrage- und angebotsseitige Erklärungsansätze)

und sichert eine zunehmend gesamtheitliche, mehrdimensionale

Analyse. Das Einnehmen einer solchen Perspektive

ist wesentlich, um die gegenwärtigen Auswirkungen auf die

Stadt und ihre Bewohnerschaft in Form von Verdrängung,

Verknappung von Wohnraum und fortschreitender Segregation

gehaltvoll zu adressieren.

Bouali, K.; Gude, S. (2014): Gentrifizierung

oder Wiederkehr der Wohnungsnot? Sozialstrukturelle

Entwicklungstendenzen in Berliner

Innenstadtwohngebieten. In: Holm, Andrej (Hg.)

(2014): Reclaim Berlin. Soziale Kämpfe in der

neoliberalen Stadt. Berlin/Hamburg: Assoziation

A. S. 27–49.

Häußermann, H. (1990): Der Einfluß von ökonomischen

und sozialen Prozessen auf die Gentrification.

In: Blasius, Jörg; Dangschat, Jens S.

(Hg.): Gentrification. Die Aufwertung innenstadtnaher

Wohnviertel. Frankfurt/New York: Campus

Verlag. S. 35–50.

Holm, A. (2011): Gentrification in Berlin: Neue

Investitionsstrategien und lokale Konflikte. In:

Herrmann H., Keller C., Neef R., Ruhne R.

(Hg.): Die Besonderheit des Städtischen. Wiesbaden:

VS Verlag für Sozialwissenschaften. S.

213–232.

Holm, A. (2014): Gentrification. In: Belina,

Bernd; Naumann, Matthias; Strüver, Anke (Hg.)

(2014): Handbuch Kritische Stadtgeographie.

Münster: Westfälisches Dampfboot. S. 102–107.

Krajewski, C. (2006): Urbane Transformationsprozesse

in zentrumsnahen Stadtquartieren:

Gentrifizierung und innere Differenzierung am

Beispiel der Spandauer Vorstadt und der Rosenthaler

Vorstadt in Berlin. Münster: Institut für

Geographie der Westfälischen Wilhelms-Universität

Münster.

Krätke, S. (1995): Stadt – Raum – Ökonomie:

Einführung in aktuelle Problemfelder der Stadtökonomie

und Wirtschaftsgeographie. Basel/

Boston/Berlin: Birkhäuser Verlag.

Uffer, S. (2014): Wohnungsprivatisierung in

Berlin – Eine Analyse verschiedener Investitionsstrategien

und deren Konsequenzen für die

Stadt und ihre Bewohner. In: Holm, Andrej (Hg.)

(2014): Reclaim Berlin. Soziale Kämpfe in der

neoliberalen Stadt. Berlin/Hamburg: Assoziation

A. S. 64–82.

42


Artikel

Stadt & Gesellschaft

Urbane Angsträume

und rechte Diskurse

Sonja Gaedicke

Soziologie

„Wie eine Bausünde zur No-go-Area wurde“ (Schmidt

2018), „Ebertplatz wird zur No-go-Zone – und die Polizei

ist machtlos“ ( Jedicke 2017), „Ebertplatz – Eine No-go-

Zone im Herzen von Köln?“ (afd-fraktion.nrw 2018). Eine

schnelle Google-Suche unter Verwendung der Suchbegriffe

‚Ebertplatz Köln No-go-Area‘ zeigt, wie dieser urbane Raum

als No-go-Zone, teilweise auch als Angstraum bezeichnet wird.

Auffällig ist dabei, dass sich unter den ersten fünf angezeigten

Suchtreffern ein Link zur AfD-Fraktion NRW befindet.

Unter den drei Videovorschlägen, die Google anzeigt,

taucht zudem ein Video der vom Bundesamt für Verfassungsschutz

unter Beobachtung stehenden rechtsextremen

Identitären Bewegung auf.

In dem vorliegenden Beitrag wird die soziale Konstruktion

von sogenannten Angsträumen beleuchtet und die exkludierende

Wirkung dieser Begrifflichkeiten auf unterschiedliche

Personengruppen aufgezeigt. Außerdem wird in diesem Beitrag

erläutert, wie Angsträume von rechten Gruppierungen

instrumentalisiert werden, um ohnehin schon marginalisierte

Personen(gruppen) zu stigmatisieren.

Nachfolgend werden die Begriffe No-go-Area und Angstraum

näher beleuchtet und es wird dargelegt, warum hier der

Begriff Angstraum Verwendung findet. Vorab wird auf den

Zusammenhang zwischen Urbanität und Angsträumen eingegangen.

Auch wenn die Wahrnehmung von Angsträumen

subjektiv ist, werden in der Forschung gewisse Phänomene

genannt, die oftmals charakteristisch für Angsträume sind.

Dazu gehört ein Aspekt der Fremdheit, der sich sowohl auf

fremde Personen beziehen kann als auch auf die Fremdheit

oder Unübersichtlichkeit eines Raumes. Fremde Personen

können in dem hier analysierten Zusammenhang (also in

westlichen, kapitalistischen Industrienationen) all jene sein,

die bspw. aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Handlungen

nicht der weißen, bürgerlichen Mittelschicht entsprechen.

Darunter fallen Personen mit dunkler Hautfarbe ebenso wie

Drogenkonsumierende oder heruntergekommen aussehende

Menschen. Fremde und Anonymität gelten gleichzeitig als

Merkmale urbaner Räume [Anm. d. Verf.: Eine Bestimmung

des Urbanen ist allerdings kaum möglich, da das Urbane

nicht existiert. Bei dem Versuch, Urbanität auf einige

Charakteristika herunter zu brechen, besteht die Gefahr des

Essentialismus sowie einer Simplifizierung der komplexen,

heterogenen Mechanismen, die Urbanität(en) prägen.] (vgl.

Siebel 2015). Auch sogenannte Dis-Order Phänomene, die

in Angsträumen zutage treten, sind charakteristisch für urbane

Räume: Hierzu zählen Verschmutzung, Verwahrlosung,

Betteln, Vandalismus, Drogen- und Alkoholkonsum (vgl.

Wehrheim 2006; Stiegler 2017). All diese Merkmale sind

urbanen Räumen inhärent. Auch wenn Angsträume sicherlich

in suburbanen Bereichen auftreten, so können sie doch

als dem Urbanen immanent angesehen werden.

Die Bezeichnung No-go-Area kommt aus dem Militärbereich

und wurde bspw. im Vietnamkrieg verwendet (vgl.

Clark 1990). Vor gut zehn Jahren wurden in öffentlichen

Debatten Räume als No-go-Area bezeichnet, in denen insbesondere

Personen mit dunkler Hautfarbe vor rechter Gewalt

nicht sicher waren (vgl. Begrich/Weber 2007). Umgangssprachlich

findet der Begriff heutzutage im Zusammenhang

mit urbanen Räumen als Steigerung des Angstraum-Begriffs

Verwendung. Die Nutzung des Begriffs kann einen Framing-Effekt

auslösen, wonach angeblich unsichere Stadtteile,

die eine hohe Migrant_innendichte aufweisen, mit einer

(militärischen) Invasion in Verbindung gebracht werden.

Auch wenn sich die Bedeutung des Begriffs über die Jahre

gewandelt hat, so scheint ihm die Abwesenheit des staatlichen

Gewaltmonopols (vgl. Begrich/Weber 2007) inhärent

zu sein. Deshalb ist die Verwendung dieses Begriffs für

Räume wie den hier beispielhaft genutzten Kölner Ebertplatz

nicht passend, denn dieser ist kein rechtsfreier Raum,

in dem das Gewaltmonopol des Staates keine Wirkmacht

mehr besitzt.

Seit den 1980er Jahren wird der Begriff Angstraum innerhalb

feministischer Strömungen in Geographie, Stadt- und

Raumsoziologie und ähnlichen Disziplinen im deutschsprachigen

Raum kritisch diskutiert (vgl. Ruhne 2011). Diese

Ansätze weisen darauf hin, dass Angst räume angeblich insbesondere

für Frauen existieren. Dabei werden Frauen als

Opfer dargestellt, während Männern eher die Rolle von Tä-

43 philou.


tern oder Beschützern zugeschrieben wird [Anm. d. Verf.:

In diesem Zusammenhang wird sich hier ausschließlich auf

Frauen und Männer bezogen, obwohl dadurch die binäre

Geschlechterordnung reproduziert wird und Personen, die

sich dieser binären Ordnung nicht zugehörig fühlen, unsichtbar

gemacht werden. Dies ist dem Umstand geschuldet,

dass im deutschsprachigen Raum Studien zu Gewalt im

öffentlichen Raum gegen Trans*Personen immer noch sehr

selten sind.]. Angst wird zu einer typisch weiblichen Eigenschaft

und in diesem Angstraum-Verständnis wird eine über

die Kategorie Geschlecht transportierte Machtasymmetrie

deutlich, die Ausschlüsse vom öffentlichen Raum zur Folge

hat. Frauen verlassen in Deutschland das Haus in der Dunkelheit

dreimal seltener als Männer (vgl. Infratest Dimap

2017), was auf eine eingeschränkte Mobilität schließen lässt.

Dass auch andere Personengruppen von Gewalt oder Angst

im öffentlichen urbanen Raum betroffen sein können, wird

durch den Angstraum-Begriff ausgeblendet. Demnach werden

negative Zuschreibungen zu Räumen reproduziert und

die Fakten verschleiert: Frauen sind öfter Gewalt im privaten

Raum ausgesetzt, während Männer eher im öffentlichen

Raum Gewalt erleben (vgl. Ruhne 2011). Angst räume werden

mit räumlichen Merkmalen wie dunklen, verwinkelten

Ecken, Zuständen wie Verwahrlosung und städtebaulichen

Situationen wie Unterführungen in Verbindung gebracht

(vgl. Sailer 2003). Der Angstraum-Begriff weist auch auf eine

Raum-Zeit-Dimension hin, da Angsträume häufig mit Dunkelheit

assoziiert werden (vgl. Zinganel 2003). Jeder Raum

kann für ein Individuum einen Angstraum darstellen. Demnach

erfolgt diese Zuschreibung subjektiv und es sind weniger

die baulichen Strukturen, die Angst vermitteln, sondern

die sozialen Komponenten – also die Menschen, die sich in

Räumen aufhalten und ihr Verhalten (vgl. Sailer 2003). Die

Umsetzung städtebaulicher Maßnahmen gegen Angsträume

kann lediglich oberflächliche Erfolge erzielen, denn „Angst,

ebenso natürlich wie menschlich, wird auf einen Raum projiziert,

sie wird nicht ursächlich von diesem Raum produziert“

(Sailer 2003: 12). Nachhaltiger wäre es, strukturelle

Ungleichheiten und Probleme anzugehen und die Stigmatisierung

bestimmter Personen(gruppen) und Räume einzudämmen,

anstatt diese in medialen Berichterstattungen

zu reproduzieren.

In dem hier vorliegenden Beitrag wird davon ausgegangen,

dass Raum kein starrer Behälter ist, sondern sozial produziert

wird (vgl. Lefebvre 1991). Er wird durch Personen und

deren Handlungen hergestellt und wirkt gleichzeitig auf

diese Personen und Handlungen ein. Somit sind Räume

eher fluide statt starr und unbeweglich. Stark verkürzt dargestellt,

wird Raum als mehrdimensional verstanden. Diese

Herangehensweise an Räume teilt Hille Koskela, die sich

(kameraüberwachten) Räumen mithilfe unterschiedlicher

Raumdimensionen nähert (vgl. Koskela 2000). Auf Angsträume

lassen sich insbesondere zwei von Koskelas Raumdimensionen

anwenden: der power-space und der emotional

space. Machtstrukturen werden in Angsträumen auf vielfältige

Art sichtbar. Die Nutzung oder Aneignung eines (Angst)

Raumes – bspw. durch Polizist_innen, Überwachungstechnologien,

bestimmte Personen(gruppen) – ist nicht frei von

gesellschaftlich vorherrschenden Machtstrukturen. Das

Konzept des emotional space hebt auf die paradoxen Gefühle

ab, die mit einem Raum verknüpft sein können (vgl.

Koskela 2000). Die Nutzung eines Raumes kann Angst oder

Unbehagen auslösen, falls dieser typische Merkmale von

Angsträumen aufweist, selbst wenn dieser Raum statistisch

gesehen nicht als unsicher gilt. Auch die Anwesenheit von

Polizist_innen kann mit ambivalenten Gefühlen einhergehen:

Nutzer_innen können sich gleichzeitig sicherer durch

ihre Anwesenheit fühlen aber auch dafür sensibilisiert werden,

dass dieser Raum scheinbar gefährlich ist, denn wie

sonst wäre die Anwesenheit von Polizist_innen zu erklären?

Gefühle wie Angst sind stark mit Körpern verbunden, da

sie einerseits körperliche Reaktionen, wie einen schnelleren

Herzschlag, hervorrufen können und „fear is felt differently

by different bodies“ (Ahmed 2014: 68). Sara Ahmed

weist darauf hin, dass Körper durch Angst eingedämmt werden,

schrumpfen und somit weniger Raum einnehmen: „fear

works to restrict some bodies through the movement or expansion

of others“ (Ahmed 2014: 69).

Werden (Angst-)Raumkonstruktionen aus einer diskurstheoretischen

Perspektive betrachtet, kommt Sprache eine zentrale

Funktion zu, da sie durch Diskurse Wirklichkeit herstellt

(vgl. Kutschinske/Meier 2000). Diskurse produzieren Wissen

mithilfe von Sprache und beeinflussen unsere Weltsicht.

Insbesondere im Zusammenhang mit der Instrumentalisierung

von Angsträumen durch rechte Gruppierungen muss

danach gefragt werden, wer Wissen produziert und wer entscheidet,

welches Wissen als wahr und gültig verstanden

wird und in Diskurse einfließt. Nach Michel Foucault können

Wissen – und demnach auch Diskurse - nicht neutral

sein (vgl. Foucault 1974; Marquardt/Schreiber 2015). In

postkolonialen Theorien werden diese Überlegungen zu Diskursen

bspw. von Edward Said mit dem Konzept des Anderen

verknüpft. Dabei wird die soziale Konstruiertheit der Kategorien

des Orients und des Westens betont. Diese Konzepte

können genutzt werden, um Menschen zu manipulieren

und Angst sowie Hass gegenüber den Anderen zu schüren.

44


Stadt & Gesellschaft

(vgl. Said 1978). Said und Chandra Mohanty warnen davor,

Personengruppen eine kollektive Identität zuzuschreiben,

anstatt sie als heterogene Gruppen von Individuen wahrzunehmen.

In Mediendiskursen wird diese Heterogenität

häufig nicht beachtet, insbesondere wenn über den Islam,

den Westen, muslimische Männer und deutsche Frauen berichtet

wird. (vgl. Said 1978; Mohanty 1984). Demnach sind

Sprache und Diskurse nicht neutral, sondern von Machtverhältnissen

beeinflusst.

Die AfD NRW schreibt in einer kleinen Anfrage an die

Landesregierung, dass „Einheimische versuchen, den „Krieg

zwischen Schwarzafrikanern und Marokkanern“ auf dem

Ebertplatz zu „meiden“ und dass „insbesondere für Frauen

[…] hier offensichtlich eine größere No-go-Zone in Köln

entstanden“ ist (afd-fraktion.nrw 2018) und bezieht sich

dabei auf Berichterstattungen überregionaler Medien. Mit

derlei Aktionen macht die AfD Angsträume zu einem zentralen

Thema ihrer politischen Agenda. Wenn auch Medienberichte

bestimmte urbane Räume als Angsträume labeln und

dabei insbesondere nordafrikanische, muslimische, zugewanderte

Männer als Täter(gruppe) stigmatisiert werden, dann

hat dies Einfluss auf die gesellschaftliche Wahrnehmung

dieser Personen(gruppen) und dieser Räume. Machtstrukturen

werden dabei insbesondere durch eine postkoloniale

Betrachtungsweise sichtbar (vgl. Said 1978; Hall 1996):

Diejenigen, die Angstraum-Diskurse bestimmen, sprechen

und schreiben über die Anderen, aber lassen sie selber kaum

zu Wort kommen. Die Anderen sind in diesem Fall nordafrikanische

Männer, die objektiviert, stigmatisiert und einer

eigenen Stimme beraubt werden. Demnach werden nicht nur

asymmetrische Machtstrukturen zwischen den Geschlechtern

in Angstraum-Diskursen sichtbar, sondern auch hegemoniale,

(post)koloniale Machtpositionen verfestigt und

reproduziert. Gleichzeitig wird ein Narrativ von den fremden

Männern sowie von Angsträumen durch Diskurse sozial konstruiert.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass Erfahrungen mit

Gewalt oder Kriminalität bspw. am Kölner Ebertplatz nicht

real sind. Dieses dialektische Verhältnis zwischen sozialer

Konstruktion und realen Erfahrungen soll am Beispiel von

Frauen als Analysekategorie beleuchtet werden. Mohanty

schreibt dazu, dass Frauen in feministischen Analysen oftmals

durch ihre vermeintlich geteilte Unterdrückungserfahrung

charakterisiert werden. Die angebliche Gleichheit der

Form ihrer Unterdrückung ist das, was sie ausmacht. Durch

diese Sichtweise wird verschleiert, dass Frauen sowohl als

diskursiv konstruierte Gruppe existieren, als auch als materielle

Subjekte ihre individuellen Geschichten verkörpern.

Dadurch wird die diskursiv hergestellte homogene Gruppe

von Frauen mit der individuellen materiellen Realität unterschiedlicher

Gruppen von Frauen verwechselt (vgl. Mohanty

1984). Die diskursive Konstruktion von Frauen und ihre

Rolle als materielle Subjekte ihrer individuellen Geschichte

zeigen, dass Angsträume sozial konstruiert sein können, ohne

tatsächlich stattgefundene Übergriffe in diesen Räumen zu

negieren (vgl. Gaedicke, im Erscheinen). Somit werden individuelle

Erfahrungen auf der Mikroebene zu einer (Massen-)Erfahrung

auf der Makroebene.

45 philou.


Die teilweise durch mediale Berichterstattung vermittelte

eindimensionale Sicht auf Angsträume lässt verschiedene

Personen(gruppen) besonders sichtbar in Räumen werden –

bspw. nordafrikanische, fremde Männer – während andere

Personen(gruppen) evtl. unsichtbar im öffentlichen Raum

werden, da sie ihn aus Angst kaum noch (alleine) benutzen

– wie bspw. Frauen. Damit einhergehen Formierungen,

die an Bürger_innenwehren erinnern: Der Begleitschutz

Köln e.V. wirbt damit, dass insbesondere ältere Menschen,

Frauen und Kinder der Anonymität der Großstadt hilflos

ausgeliefert sind und es daher dem Service des Begleitschutzes

bedarf, um diese Personengruppen sich an ihr Ziel zu

bringen (vgl. begleitschutz-koeln-ev.de). Der Verein sowie

sein erster Vorsitzender werden der rechten Szene in Köln

zugeordnet (vgl. Marken 2018). Gruppierungen wie diese

können als anti-urban bezeichnet werden, da Merkmale der

Großstadt wie Anonymität und Fremde zu Problemen gemacht

werden (vgl. Wehrheim 2006). Demnach muss ihre

Legitimation in Frage gestellt werden.

“Finally, the discourse of ‘the West and the Rest’ could not

be innocent because it did not represent an encounter between

equals. (…) the Europeans stood, vis-à-vis the Others,

in positions of dominant power. This influenced what they

saw and how they saw it, as well as what they did not

see.” (Hall 1996: 204)

AfD Fraktion NRW (2018): Ebertplatz – Eine No-go-Zone im Herzen von

Köln? In: Kleine Anfrage d474 des Abgeordneten Herbert Strotebeck. Online

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Ausgrenzung. Opladen: Verlag Barbara Budrich.

Zinganel, M. (2003): Real Crime: Architektur, Stadt & Verbrechen, Wien:

edition selene.

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oder vielerlei sonstiger infrastruktureller Hinsicht.

Was will man denn bitte in einem 3.000-Seelen-Dorf mit Schützenverein und Maibaum in der

Mitte sowie angestaubter Mentalität in den Köpfen, wo sich zwar alle kennen mögen, sich aber

auch hinter der Fassade einer sich höflich grüßenden dörflichen Gemeinschaft meist nur die

konservativen Überreste einer längst vergangenen Zeit befinden, die in ihren Einfamilienhäusern

bloß ihre Ruhe haben wollen und beim Stammtisch mit ein und denselben Menschen im

jahrzehntelangen geistigen Inzest ihre Angst vor dem Fremden, Neuen und Andersartigen kultivieren.

Wer nicht in diese Welt reinpassen kann oder will, wird ausgeschlossen und ergreift

verstärkt durch den Mangel an beispielsweise Verkehrsanbindung und einem diverseren Freizeitangebot

die Flucht in die Stadt.

Verständlich, dass man sich, eingeengt durch den fast wie eine omnipräsente Überwachungsinstanz

wirkenden Dorfgossip und den sich so festfahrenden Fremdwahrnehmungen der eigenen

Person, in der großstädtischen Anonymität durch die zahlreichen diversen Möglichkeiten

neu kennenlernen und vor allem neu erfinden will.

Die Landflucht kommt auch nicht von ungefähr. Die Dorfromantik ist schlichtweg vorbei. In den

Dörfern sind viele traditionelle Begegnungsräume verloren gegangen. Kleine Dorfläden oder

Postschalter werden zunehmend geschlossen, die alte Dorflinde ist längst gefällt. Viele Dörfer

sind eher Ansammlungen von lieblos dahingeworfenen Nachkriegsbauten an sich kreuzenden

Hauptstraßen. Auch ist das kulturelle Leben nicht ansatzweise so divers, wie in den Großstädten,

wo neben beispielsweise Cafés oder verschiedenen anderen gemeinschaftsstiftenden Vereinen

und Initiativen auch klassisch dörfliche Institutionen, wie Wochenmärkte Einzug halten.

Es ist ja auch nicht so, dass man in der Großstadt vollständig auf die Vorteile des Landes verzichten

müsste. Die Natur ist im Umland durch die gute Verkehrsinfrastruktur meist zügig zu

erreichen und selbst innerstädtisch bieten sich durch Parkanlagen oder Urban Gardening diverse

Möglichkeiten an.

Und durch die Digitalisierung und den mit ihr einhergehenden Smart-City-Konzepten werden

in naher Zukunft zahlreiche strukturelle Probleme der heutigen Großstädte lösbar. Durch eine

digitalisiert effizientere Wasser- und Energiewirtschaft, abgasfreie Elektromobilität, unterirdisch

roboterbetriebene Paketliefer- und Abfallentsorgungsdienste sowie zahlreichen weiteren innovativen

Zukunftskonzepten und wegweisenden Anpassungen der Städtelandschaft können wir

diesen Lebensraum noch effizienter als bisher und vor allem deutlich ökologischer gestalten.

Ob fahrradfreundliche Verkehrsinfrastruktur, smarte Energienetze oder appbasierte Vernetzungen

– die Möglichkeiten scheinen unbegrenzt. Und dabei befinden wir uns erst am Beginn

einer spannenden Entwicklung. Smart Cities sind die Zukunft!

48


Januskopf

Thomas Ruddigkeit

Stadt oder Land – wo wollen wir zukünftig eher leben? Natürlich auf dem

Land und den kleineren Städten und Gemeinden! Klar, bieten Großstädte zahlreiche Angebote

und komfortable Annehmlichkeiten, doch treten vor allem heutzutage auch zunehmend

ihre negativen Kehrseiten zu Tage – sei es in ökologischer, sozialer, gesundheitlicher

oder vielerlei sonstiger infrastruktureller Hinsicht.

Was will man denn bitte in den überfüllten Metropolen dieser Welt inmitten einer durch kalte

Anonymität voneinander entfremdeten Menschenmasse, die dauergestresst durch die feinstaubbelastete

Betonwüste hastet, um die wenigen Quadratmeter Wohnung in ihrer zunehmenden

Unbezahlbarkeit doch noch finanzieren zu können, während sie zwischen den unzähligen

flüchtigen und oberflächlichen Bekanntschaften die innere Leere im deprimierenden Tinderverschleiß

mit etwas zu füllen sucht, was die zwischenmenschliche Kälte zumindest kurzzeitig

aufzutauen vermag? Wer schließlich im Konkurrenzkampf um den kostbaren Wohnraum den

Kürzeren zieht – gentrifiziert wird – muss noch stärker im Hamsterrad rennen oder letztendlich

den Ausstieg suchen.

Verständlich, dass man diese kalten Moloche nicht mehr ertragend eine Sehnsucht nach zwischenmenschlicher

und regionaler Verbundenheit entwickelt. Dorf bedeutet – vielmehr als

die Großstadt, in die man häufig auch nur aus beruflichen Gründen ziehen muss – Heimat.

Es bedeutet Verwurzelung.

Die Stadtflucht kommt auch nicht von ungefähr. Wohnungsnot und Mietpreisexplosionen zwingen

immer mehr Menschen in die Peripherie. Die Höhe des Anteils an Mietkosten in den Lebenshaltungskosten

von so manchem Städter schmälert deren Kaufkraft enorm und wird dazu

führen, dass sich Armut immer stärker in Städten konzentrieren wird, während die beruflichen

Möglichkeiten sich zunehmend auf dem Land eröffnen, wo zahlreiche Regionen händeringend

nach Fachkräften und Auszubildenden suchen.

Es ist ja auch nicht so, dass man auf dem Land vollständig auf die Vorteile der Stadt verzichten

müsste. Schließlich verliert der Raum zunehmend an Bedeutung im Rahmen der Digitalisierung,

die zu einer Dezentralisierung von Leben und Arbeiten führt. Viele kulturelle Angebote sind

online zugänglich und zahlreiche Arbeiten können im Home Office erledigt werden – regelmäßiges

langes Pendeln ist nicht mehr nötig.

Solange die Digitalisierung auch auf dem Land Einzug hält durch die Etablierung entsprechender

Infrastrukturen, erübrigen sich damit auch viele Gründe für Landflucht. Auf dem Land bedeutet

die Digitalisierung wirklich Freiheit im Gegensatz zu den Großstädten, in denen Smart-City-Konzepte

zwar das Blaue vom Himmel versprechen, aber gerne unter den Tisch fällt, wie viele private

Daten dafür angehäuft werden müssen. Zweifellos wird die Smart City die Abhängigkeit

vieler Städte von der Technologie und privatisierten Infrastruktur datensammelnder Konzerne

befördern, die die Errichtung von hochtechnisierten Wohlhabenden-Enklaven vorantreiben –

Silicon Valley lässt grüßen! Es braucht Alternativen! Das digitalisierte Land ist die Zukunft!

49 philou.


Impressum

philou.

Das unabhängige wissenschaftliche Studierendenmagazin

an der RWTH Aachen University.

Kontakt

http://philou.rwth-aachen.de

info@philou.rwth-aachen.de

Ausgabe 7, 2019

Auflage: 3.000

Mitwirkende

Bendler, Karl

Dogan, Caner

Eleftheriadi-Z., Sofia

Falter, Frédéric

García Mata, Cristina

Hilker, Sarah

Honkomp, Nils

Korr, Jan

Lentzen, Nina

Oschmann, Oliver

Ruddigkeit, Thomas

Winkens, Ann-Kristin

Layout

García Mata, Cristina (Konzept, Illustration, Layout)

Hilker, Sarah (Layout)

Credits

S. 29: Originalbild Jon Tyson via Unsplash

S. 45: Originalbild Freepik.com

S. 48f.: Originalgrafiken von vectorpouch via Freepik.com

Texturen: texturefabrik.com

V.i.S.d.P

Ann-Kristin Winkens

Studierendenmagazin Philou. e.V.

Robensstraße 65

52070 Aachen

Im Namen der gesamten Redaktion bedanken wir uns

herzlichst bei dem AStA, dem VDI Bezirksverein Aachen,

Katrin Klubert, Defne Erel, Tobias Braun, Annika Siepe und

allen anderen Mitwirkenden, die Zeit, Rat und Geld zur

Verfügung gestellt haben.

Diese Ausgabe und die vorigen Ausgaben der philou. können

auch online unter philou.rwth-aachen.de eingesehen werden.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Artikel redaktionell

zu bearbeiten. Eine Abdruckpflicht für eingereichte Beiträge

gibt es nicht. Die in der philou. veröffentlichten, namentlich

gezeichneten Beiträge geben die Meinungen der Autoren

wieder und stellen nicht zwangsläufig die Position der

Redaktion dar.

Nachdruck und Wiedergabe von Beiträgen aus der philou.

sind nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion

erlaubt.

Ausblick: Ausgabe 8

Identität

Wer bin ich und wenn ja,

bin ich morgen noch dieselbe Person?

Der Duden definiert „Identität“ folgendermaßen:

Echtheit einer Person oder Sache; völlige Übereinstimmung mit

dem, was sie ist oder als was sie bezeichnet wird.

Descartes stellte fest: „Ich denke, also bin ich“.

Offen blieb: Bin ich immer dieselbe Person?

Und was ist das „Ich“? Zahlreiche Philosoph_innen,

Psycholog_innen, Soziolog_innen wie auch Biolog_innen

zerbrechen sich seit Jahrhunderten den Kopf darüber. Und wie

verändert sich die eigene Identität in Zeiten des technologischen

Fortschritts, der Digitalisierung und der Entfremdung? Mit

welchen Werten, Kulturen, Beziehungen, Lebensformen

identifizieren wir uns und warum? Und wer sind „Wir“?

Mit diesen und vielen weiteren Aspekten soll sich die nächste

Ausgabe beschäftigen – dabei geht es um einen interdisziplinären

Diskurs.

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