hoermen

rahel.wenger

… verzeichnet


Hörmen … verzeichnet


«Kunst kommt von Können …» schreibt Robert Gernhardt

in seiner Generalbeichte (Der letzte Zeichner).

Noch schwieriger wird es bei der sogenannten komischen

Kunst, dem Cartoon, der Karikatur, beim satirischen

Zeichner. Wir leiden doch so sehr darunter

nicht unter dem allgemeingültigen Kunstbegriff anstehen

zu dürfen … Wir, die zeichnenden Hof narren

mit dem Auftrag dem Publikum in den Rücken zu

fallen, ihm den grausig verzerrten Spiegel vor die

Nase zu halten, sodass daraus die Wirklichkeit des

täglichen Wahnsinns sichtbar wird!


Hörmen … verzeichnet


Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

Karikaturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11

Die Seele der Holzpferde – Marco Ratschiller . . . . 15

Szenenbilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83

Cartoons . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87

Illustrationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139

Radierungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153

Gerichtszeichnungen . . . . . . . . . . . . . . . . 163

Malereizeichnungen . . . . . . . . . . . . . . . . 171

Reiseskizzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183

Biografisches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201

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Bau(m)stelle – Röhrchenfeder, 30 42 cm, Privatbesitz

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Vorwort

Hörmen capriccioso

Es ist mir eine Ehre, Herman Schmutz als Hörmen capriccioso vorstellen zu

dürfen. 1

Mit dem Begriff «Capriccio» 2 versucht die Kunsttheorie seit mehr als 400

Jahren Kunstwerke in den Sprach-Griff zu bekommen, die es sich zur Regel

S I M O N E T H A L M A N N W E N G E R

gemacht haben, sich Regeln zu entziehen,

ohne diese Regeln ausser Kraft zu

setzen. Kurzum, das Capriccio ist der freie Geist der Kunst. Welcher Begriff also

vermag treffender als das Capriccio die Kunst von Herman Schmutz (Hörmen)

zu beschreiben?! «Kapriziös» nennen wir auch heute noch die Züge der menschlichen

Verhaltensweisen und geistigen Disposition, für die wir keine Erklärungen

finden: den Impuls, einen dreisten Einfall, eigenwillige und spontane Hingabe an

jegliche Launen. Oder anders gesagt: Alles, was über Normen und Grenzen des

Erwartbaren hinausreicht, oder unorthodox, widersinnig und paradox erscheint.

Es ist folglich nicht erstaunlich, dass nicht nur das Capriccio

sondern auch Hörmen mit seinen Werken den Betrachter ganz

empfindlich stört, stören will, verstören kann. Künstlerische Konventionen

wie Perspektive, Komposition, Proportionen und viele mehr

werden bewusst vieldeutig oder fragwürdig. Man spielt innovativ mit

Irritationsmustern, die von Werk zu Werk selbst entwickelt werden.

Kritisch, reizbar und streitbar werden das Fantastische und das Bedrohliche

thematisiert. Das Capriccio und Hörmen lächeln beide

über die heiteren oder lächerlichen Seiten und die Gefälligkeiten der

menschlichen Seele und wagen es spielerisch verhüllt, Wahrheiten

in bildlicher Form auszusprechen, die manch einer lieber nicht erwähnt

haben möchte. Insofern steht besonders

die gesellschaftskritische Wirklichkeitsbewältigung

immer wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit, – ein

Anliegen, das Hörmen mit seinen Vorbildern Käthe Kollwitz,

Horst Janssen und Tomi Ungerer teilt. > verkehrstod-1

Hörmen hat sich vor allem mit grossem Können der agilen

und autonomen Technik der Zeichnung – in der Drucktechnik

der Radierung mit der Kaltnadel – zugewandt. Diese

eignen sich – ob als Reiseskizze, freie Improvisation,

Randeinfall, Cartoon, Karikatur, Gerichtszeichnung oder als

kritische Notiz – besonders für einen direkten Zugang zum Gegenstand der

Darstellung. > bernbundeshaus Es ist diese gekonnte, spontane und schnelle

Vermittlung zwischen der objektiv erfahrbaren Welt und deren subjektiven Umsetzung

und kritischen Deutung, welche sein gesamtes Oeuvre auszeichnet.

7


Dank seiner exzellenten Beobachtungsgabe kann Hörmen

Landschaften, Architektur, Situationen, Personen und

Themen in einem Blick erfassen. Mittels starker Reduktion

vermag er so auch das Komplexeste

wiederzugeben. Details werden wie

kostbare Gewürze darüber gestreut.

Immer wieder geht es Hörmen um

das Ausloten von Grenzen des Darstellbaren.

Dass dabei die Ambivalenz

als Grundstimmung und Realitätserfahrung in all seinen

Werken – ja selbst in den Cartoons und Karikaturen – erhalten

bleibt, ist sein grosses Geheimnis. > kafipause-3 und

smaragdechse So ist es nicht verwunderlich, dass sich

besonders Hörmens Reiseskizzen, private Zeichnungen

und Radierungen, ja selbst seine gemalten Werke mehr

oder weniger einer direkten Übersetzbarkeit entziehen.

Selbst wenn ihnen handschriftliche, kritische Kommentare

beigefügt sind, helfen diese nur wenig

zur vollständigen Entschlüsselung. Zu

gross ist hierbei meist die Konkurrenz

zwischen Bild und Text. > kanderfirn

Hörmens satirische Begabung und

sein Wortwitz, seine Ruhe und Gelassenheit

und sein unbestechlich kritisches

Auge verleihen all seinen Werken

ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Stil. Und wie

er sich selbst zum Ziel setzt: «Ich suche beim Zeichnen die

Symbiose der grossen Form mit den Details, ohne mir dabei

einen Arm auszureissen.» > leseratte

Simone Thalmann Wenger ist Kunsthistorikerin lic. phil., Kulturmanagerin

MAS UniBS und war Direktorin des Kari katur & Cartoon Museum Basel von

2004 bis 2008.

1

(ca|p|ric|cio|so: (in der Musik) eigenwillig, launenhaft, kapriziös, scherzhaft. In: Duden, Fremdwörterbuch,

2001) «Capriccioso» ist eine Vortragsanweisung! Und beschreibt somit die Art

und Weise der Ausführung, Handhabung und Emotionalität einer künstlerischen Tätigkeit.

2

Die grossen, von Herman Schmutz verehrten Capriccio-Zeichner/-Graphiker: Jacques Callot

(1592–1635): Capricci di varie figure. Giovanni Battista Tiepolo (1696–1770): Capricci. Gio vanni

Battista Piranesi (1720–1778): Invenzioni Capricciose di Carceri. Franciso de Goya (1746–1828):

Caprichos.

8


Der Urtrax oder die Rückeroberung – Röhrchenfeder, 50 70 cm, Privatbesitz

9


10


Karikaturen

11


Fulvio Pelli

12


Die verzeichnet heikle Umrisslinie einer

Physiognomie …

Die Verlustierung des Zeichners an seinem Opfer hat hier

einen ganz besonderen Effekt …, man zieht los, bewaffnet

mit Bleistift und Feder, mit des Zeichners Lust, zu verzeichnen,

was die Feder hält …, um eben den Opfern das

Grauen zu lernen … und nicht selten kostet sie das ein

«angemessenes» Honorar.

Wohlgemerkt: Es gibt hier die mit der feinen Klinge (Pericoli),

wie die Sackgroben (Deix und Krüger).

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Balz-Kämpfe – Frank A. Meyer & Christoph Mörgeli

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Die Seele der Holzpferde

«Und kommen Sie mir jetzt bloss nicht mit diesem unseligen

Tucholsky-Zitat», beschied vor einiger Zeit ein zutiefst

verärgerter Leserbriefschreiber, dem es nicht genügte, sein

M A R C O R A T S C H I L L E R

Missfallen über einen satirischen

Beitrag in unserer Zeitschrift

zu Papier zu bringen, sondern vorweg auch schon

festgelegt haben wollte, welche Gegenargumente er nicht

ins Feld geführt sehen möchte.

Ob es im konkreten Fall ein Beitrag von Hermann

Schmutz war, der zur Forderung geführt hatte, gefälligst

nicht auf das allseits bekannte «Satire darf alles» zu verweisen,

ist meiner Erinnerung entschwunden. Tatsache ist,

dass «Hörmen» zuverlässig eine gewisse Grundauslastung

unseres Leserbriefkastens zu garantieren vermochte. Und

das ist gut so.

Der verärgerte Briefeschreiber hatte allerdings grundsätzlich

nicht Unrecht: Im Werk des vor 75 Jahren verstorbenen

deutschen Schriftstellers Kurt Tucholsky finden sich

weit bessere Weisheiten, als dass man sich mit einem trotzigen

«Satire darf alles» jeder Kritik am eigenen Schaffen zu

entziehen versuchen müsste – und das Zitat, das für unsere

Zeit und für dieses Buch kaum geeigneter sein könnte,

heisst: «Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist.» Ist er das?

Muss er das sein?

Offen gestanden: Der Glaube an starre Definitionen,

Normen und Regeln ist mir in der Kunst- und Humor kritik

seit Jahren zuwider. Früher hegte ich Bewunderung für

Leute, die mit scheinbar fundierter Fachkompetenz ihr absolutes

Urteil über gut oder schlecht, richtig oder falsch,

über gelungene oder misslungene Pointen fällten und nur

schon immer trennscharf wussten, was Humor oder Satire,

was Karikatur oder Cartoon sei – obwohl es die letztgenannte

Unterscheidung in den meisten Sprachen so gar

nicht gibt. Heute bewundere ich bestenfalls die Fähigkeit

dieser Leute, am neusten Stand des Forschungsdiskurses

vorbei die eigene Subjektivität unbeirrt zur Norm erklären

zu können.

Gerade um den Begriff der Karikatur ist, seit Annibale

Carracci im 16. Jahrhundert seine ersten «überladenen» (=

caricatura) Porträts von Handwerkern, Bettlern und Gauklern

anfertigte, eine unüberblickbare Zahl von Definitionsversuchen

zusammengekommen, und dennoch ist mir bis

jetzt noch keine restlos taugliche begegnet. Eigentlich würde

ein Blick auf die heutige Breite bildsatirischer Techniken

und Stile dafür genügen: Wer diese Gattung in Bausteine

und Kompositionsregeln zerlegen will, muss zwangsläufig

an ihrem steten Wandel scheitern. Und zwar, weil er die

falsche Frage gestellt hat. Das eigentliche Wesen der Satire

liegt weniger im «Womit?» als vielmehr im «Wozu?». Und

hier kommt der gekränkte Idealist wieder ins Spiel.

Satiriker sind kleine Agitatoren. Sie wollen etwas bewegen.

Ob es ihnen gelingt, ist zugegeben oft schwer zu ermitteln.

Leichter ermitteln lässt sich, wie sie das tun – mit

dem Bau von Trojanischen Pferden. Als Hülle des Pferdes

dient der Humor, beziehungsweise all das, was an frechen

Überzeichnungen, geistreichen Vereinfachungen oder

überraschenden Vergleichen die Leute zum Schmunzeln

und Nachdenken bringt. Die Fracht des Pferdes ist die Absicht,

sein Gegenüber im Sinne der eigenen Analyse und

Position zu beeinflussen.

Wie dies gelingt, hat zuerst einmal nichts mit richtig oder

falsch, gut oder schlecht, links oder rechts zu tun. Sondern

mit der Frage, wie der Karikaturist, Kolumnist oder

Kabarettist beim jeweils angepeilten Zielpublikum reüssiert.

So gesehen darf Satire alles – alles, was es braucht, um

das Trojanische Pferd hinter die Stadtmauern zu bringen.

Stösst Satire aber statt auf Zuspruch und konstruktiven Widerspruch

nur noch auf einhel lige Ablehnung, oder erntet

Satire einzig den Beifall jener, die sie schon zuvor auf ihrer

Seite hatte, hat sie ihr Ziel kaum erreicht. Dann ist das «Alles

dürfen» nur die trotzige Ausflucht zum eigenen Scheitern.

Müssen Satiriker also gekränkte Idealisten sein? Idealisten,

weil sie es im Gegensatz zu den meisten anderen nicht

aufgegeben haben, in der Unübersichtlichkeit unserer pluralistischen

Gesellschaft klare Positionen und Antworten zu

suchen? Gekränkt, weil letztlich nur eigenes Leiden auch

die Leidenschaft weckt, sich für etwas zu engagieren?

Mit Blick auf das, was uns heute im Bereich der satirischen

Kunst oft geboten wird, kommt man nicht umhin zu

vermuten, dass grösstenteils nur noch Trojanische Pferde

15


ohne Fracht unterwegs sind: gebaut nach den überlieferten

Bauplänen, doch ohne ursprüngliche Bestimmung, auf eine

lustige Pointe abzielend, doch ohne innere Mission.

Einen Hermann Schmutz wird man hier, wo Unterhaltung

reiner Selbstzweck ist und die gesellschaftspolitische

Botschaft eine austauschbare Geste, wo neben dem Zuckerbrot

auch die Peitsche aus Marzipan gebacken wird,

vergeblich suchen. Denn Hörmen ist in meinen Augen einer

der wenigen echten «gekränkten Idealisten» der Schweizer

Karikaturszene – und nach den vorangegangenen Zeilen

dürfte klar sein, weshalb das ausschliesslich als Kompliment

zu verstehen ist. In seinen Arbeiten ist der 1943

geborene Thuner, der seit Mitte der siebziger Jahre regelmässig

zur spitzen Feder greift und seit 1983 zum festen

Nebelspalter-Inventar gehört, seiner Mission immer treu

geblieben. In seinen Werken zeigt sich nicht nur der beharrliche

Kämpfer – allem voran in seiner Sorge um unsere

Umwelt – sondern auch ein sensibler Beobachter und ein

begnadeter Zeichner. Dies und vielleicht auch die richtige

Entscheidung, beruflich bei allem Erfolg nicht alles allein

auf die Karte Pressezeichner zu setzen, sind die Gründe,

weshalb sich in Hörmens Arbeiten nie die erstarrte Routine

vieler Baukasten-Karikaturisten eingestellt hat, weshalb in

seinen Zeichnungen fast immer das Ganze mehr ist als die

Summe des Einzelnen. Man begegnet nicht formelhaften

Konstrukten, sondern aus dem Papier heraus gearbeiteten

Kompositionen, in denen die Energie ihres Entstehungsprozesses

noch spürbar ist. Oder anders formuliert: Hörmens

Trojanische Pferde haben – wie dieses Buch eindrücklich

vermittelt – nicht allein «Aussenhülle» und «Frachtraum»,

sondern immer wieder auch eine Seele.

Marco Ratschiller ist seit 2005 Chefredaktor des «Nebelspalter»

und hat Zeitgeschichte und Germanistik studiert.

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… hommage à moi

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Ueli Maurer


Arnold Koller

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Moritz Leuenberger

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Christophe Darbellay

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Ueli Maurer

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