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meinviertel

www.meinviertel.berlin

MÄRZ – MAI 2021

kultur

DAS BERLINER STADTMAGAZIN

4

KULTUR UND VERANSTALTUNGEN SIND DER MOTOR UNSERER STADT. SIE BRINGEN FARBE INS LEBEN.

EINE BESTANDSAUFNAHME NACH ZWÖLF MONATEN PANDEMIE IN BERLIN.


Zuhause in Berlin.

#MercedesForCulture

Helfen Sie uns, anderen zu helfen: Kultur-Charity für Berlin.

Klassikkonzerte und Clubnächte, Opernhäuser und alternative Musikszene, Theater aller Art und Künstler*innen aus der

ganzen Welt: Berlin steht wie kaum eine andere Metropole für eine lebendige und breit gefächerte Kulturszene.

Die Covid-19-Pandemie trifft viele Kulturschaffende hart, Existenzen sind massiv bedroht. Nachwuchskünstler sind besonders

von fehlenden Auftritts- und Einnahmemöglichkeiten, Kinder von fehlenden Bildungschancen betroffen. Für die deutsche

Hauptstadt kann dies bedeuten, viele kulturelle Ausdrucksformen und Nachwuchstalente unwiederbringlich zu verlieren.

Die Mercedes-Benz Niederlassung Berlin engagiert sich seit vielen Jahren für die Kultur und für die Nachwuchsförderung

benachteiligter Kinder. Doch diese Phase verlangt ganz besondere Maßnahmen, die dazu beitragen sollen, insbesondere

jungen Talenten und Jugendlichen eine Perspektive für danach aufzuzeigen.

Die Charity-Spendenaktion #MercedesForCulture unterstützt deshalb drei Projekte, mit denen Nachwuchskünstler*innen

und bedürftige Kinder gezielt gefördert werden – gerade um die Pandemie-Zeit auch finanziell zu bewältigen.

„Klassik meets Jazz“

Gibt Nachwuchsmusikern eine Chance.

„Vorlesen hilft bedürftigen Kindern“

Librileo fördert Bildungschancen.

„Kultur für bedürftige Kinder“

Kinderoper der Komischen Oper Berlin.

©mutesouvenir

©Jan Windszus

Photography

Machen auch Sie, macht auch ihr mit und spendet für diese Projekte – jeder Betrag ist willkommen. Die Spendenmöglichkeiten

werden bei den einzelnen Projektvorstellungen unter www.benz.me/charity-aktion separat angegeben.

Mehr Informationen zu unserer aktuellen

Charity-Aktion #MercedesForCulture und

zu den einzelnen Spendenmöglichkeiten

finden Sie unter www.benz.me/charity-aktion

Anbieter:

Mercedes-Benz AG, Niederlassung Berlin | 10 x in und um Berlin

Salzufer 1, 10587 Berlin, Telefon +49 30 3901 2000, www.mercedes-benz-berlin.de

Seeburger Straße 27, Rhinstraße 120, Holzhauser Straße 11, Daimlerstraße 165, Prinzessinnenstraße 21–24,

Hans-Grade-Allee 61 – Schönefeld, Alt-Buch 72, Körnerstraße 50–51, Blankenburger Straße 85–105


VORWORT

Lieber Berlinerinnen, liebe Berliner,

Kultur ist nicht alles in Berlin, aber ohne Kultur wäre Berlin nichts (Besonderes).

Von der weltberühmten Clubkultur bis zu den exzellenten Opern und Orchestern,

von den zahllosen Galerien und Museen bis zum Varieté: Kunst und Kultur prägen

das Lebensgefühl unserer Stadt, ihren Rhythmus, ihre Entwicklung. Künstlerinnen

und Künstler sowie Kreative haben einen enormen Anteil an der Attraktivität

Berlins. Unsere Stadt hat ihren Kulturschaffenden und Kulturbetrieben viel zu

verdanken. Daraus erwächst eine Verantwortung, die der Senat mit Ausbruch

der Pandemie angenommen hat: Berlin hat seine Kunst- und Kulturlandschaft

nicht alleingelassen.

Mit einem Bündel Hilfsprogrammen hat Berlin reagiert, um Künstlerinnen

und Künstler, Kulturschaffende und Kulturinstitutionen vor existenziellen

Notlagen zu bewahren. Die geförderten Institutionen wurden weiterfinanziert,

Zuwendungen für modifizierte Projekte ausgereicht und insbesondere auch

private Kulturangebote mit den Soforthilfeprogrammen unterstützt. Gereicht

hat es wahrscheinlich nicht immer, denn reicher ist Berlin nicht geworden,

und die Bundesprogramme sind ein Kapitel für sich. Heute weiß ich natürlich

auch, was vor einem Jahr alles nicht geklappt hat. Künstlerische Existenzen

sind extrem gefährdet, und ich ahne, dass wir auch manches verloren haben.

Mutig sind wir im März 2020 mit „Kultur trotz(t) Corona“ in die Krise gestartet,

haben über den Sommer einiges möglich gemacht, waren digital weltweit

unterwegs, mit Maske und Abstand in Kino, Theater und Konzert, zum Rave

auf der Industriebrache, haben Festivals und Ausstellungen im Lifestream

eröffnet – und dabei manchmal mehr gesehen als sonst vor Ort. Aber nichts

ersetzt das Liveerlebnis.

Fragen bleiben: Kann Kultur auch unter den Umständen eines besonderen

Gesundheitsschutzes angeboten werden? Können wir künftig die existenzbedrohende

Situation überwinden, ohne dass es zu einem Kahlschlag kommt?

Die Situation war und ist für uns alle neu – oft haben wir in den vergangenen

Monaten gesagt: „Wir fahren auf Sicht.“ Ja, wir fahren … wenn auch umsichtig,

vorsichtig und angemessen. Es darf am Ende nicht heißen, wir haben zwar

den Virus besiegt – dieser aber vorher unsere bunte und vielfältige Kulturlandschaft.

Davon habe ich mich leiten lassen bei dem, was wir bisher getan

haben, und so werde ich es auch künftig halten.

Der Senatsverwaltung für Kultur und Europa haben die Situationsanalysen,

Hinweise und Vorschläge der Verbände, Initiativen und Künstlerinnen

und Künstlern geholfen, sich ein konkretes Bild der Lage zu machen. Allen,

die hierzu beigetragen haben, sei an dieser Stelle herzlich gedankt! Es ist bestärkend

zu sehen, wie solidarisch sich Verbände, Kultureinrichtungen und

Kulturschaffende in dieser Krise gemeinsam um das Wohl unserer Stadt und

ihrer Kunstszene bemühen. Diese Sonderveröffentlichung in Mein/4 gehört

unbedingt dazu. Wir brauchen weiter viele Impulse und Ideen, um das Berliner

Kulturangebot in und vor allem nach der Pandemie im Bewusstsein zu halten.

Der Neustart muss und wird gelingen. Berlin bleibt Kulturhauptstadt. Sie lesen

in diesem Heft über die Mühen der letzten Monate, über Kampf, Traurigkeit

und Zuversicht. Sie erfahren, wie schwer die Pandemie die Kunst getroffen

hat und wie mutig Künstlerinnen und Künstler um ihre Sache kämpfen.

Ich bin sicher: Wir sehen uns wieder

– im Theater, im Kino, im Club, auf

großen und kleinen Bühnen, mit Weltstars

und bei Kinder- und Jugendkulturprojekten,

in der großen Oper und

auf den Plätzen unserer Stadt.

Herzlich

Dr. Klaus Lederer

Bürgermeister von Berlin und

Senator für Kultur und Europa


Am 28.10.2020 organisierte die Gruppe ALARMSTUFE ROT, ein Bündnis der einflussreichsten Initiativen und Verbände

der deutschen Veranstaltungswirtschaft, die zweite Großdemo zur Rettung der Veranstaltungsbranche in Berlin.

Fotos: © Jens Wazel


INHALT

2 Clubszene – Die Clubcommission

4 Jazzclub A-Trane und Jazzsänger Atrin Madani

6 Eventlocation – Frannz Club

8 Eventmanagerin – Ricarda Farnbacher

10 Kino – Dr. Christian Bräuer (Yorck Kinogruppe)

12 Oper – Staatsoper Unter den Linden

14 Theater – GRIPS-Kindertheater

16 Theater – Berliner Kriminal Theater

18 Theater – Ensemble RambaZamba

20 Varieté – Maik M. Paulsen und Axel Hecklau

22 Schauspieler – Heike Feist und Andreas Nickl

24 Autorin – Franziska Hauser

26 Strassenmusiker – Ruperts Kitchen Orchestra

28 Tänzerin – Laura La Risa

30 Ateliergemeinschaft – Skip Pahler

32 Bündnis – #AlarmstufeRot

34 Tourismusverein Berlin-Pankow e.V.

36 Petition – Kultur ins Grundgesetz

Mit freundlicher Unterstützung der

Senatsverwaltung für Kultur und Europa


Clubszene – Die Clubcommission

Innerhalb der schwer gebeutelten Veranstaltungsbranche

hat es die Clubszene

vermutlich am härtesten getroffen. Während

Museen und Galerien recht schnell,

Theater und Konzerthäuser im Spätsommer

und Frühherbst immerhin für einige

Wochen öffnen konnten (wenn auch mit

großen Einschränkungen), so war für die

Clubs und Partylocations auch zwischen

den Lockdowns Lockdown, denn die

Durchführung sogenannter Tanzlustbarkeiten

ist seit Freitag, dem 13. März 2020, in

Innenräumen ausnahmslos verboten. Wie

es den Clubs nach einem Jahr Schließzeit

geht und mit welchen Konzepten sie durch

die Krise kommen, darüber haben wir mit

Lutz Leichsenring gesprochen, der Pressesprecher

und Teil des geschäftsführenden

Vorstands der Clubcommission ist, die vor

20 Jahren als Netzwerk für die Berliner

Clubszene gegründet wurde.

Mit 300 Mitgliedern ist die Clubcommission

heute die weltweit größte regionale

Vereinigung von Clubbetreiberinnen und

-betreibern sowie Organisierenden von

Musikevents. Sie agiert als Vermittlerin

zwischen der Club- und Partyszene und

der Politik, den Behörden, der Wirtschaft

und der Bevölkerung. So bemüht sie sich

um eine endgültige Anerkennung der

Clubs als Kulturstätten, hat mit dem Senat

einen Schallschutzfonds aufgesetzt,

kämpft für den Erhalt von Freiräumen in

der Stadt, kümmert sich um Nachhaltigkeit

bei der Ausrichtung von Festivals

und um andere Awarenessthemen wie

eine faire Türpolitik oder Geschlechtergerechtigkeit

im Veranstaltungsbusiness.

9.000 Menschen verdienen ihr Geld in der

Berliner Club- und Partyszene, 180 Mio.

Euro Umsatz werden hier im Jahr gemacht,

insgesamt spült die Clubkultur jährlich 1,5

Mrd. Euro in die Stadt. Geld, das nun fehlt.

Menschen auf engstem Raum

zusammenbringen

Bereits bevor der erste Corona-Fall in

Berlin auftrat, hielt die Clubcommission

regelmäßige Krisensitzungen ab. „Es gab

zwei Aspekte, die die Katastrophe für

uns schon früh absehbar machten“, erzählt

Lutz. „Zum einen, weil wir unser Geld

damit verdienen, dass wir Menschen auf

engstem Raum zusammenbringen, und

das ist das Gegenteil von dem, was man

in einer Pandemie machen sollte. Und uns

war klar, dass das zu einer Stigmatisierung

führen könnte. Was ja auch eingetroffen

ist.“ Einige Clubs hatten schon Anfang

März Veranstaltungen abgesagt, um ihre

Mitarbeitenden und Gäste zu schützen.

Geplante Sensibilisierungsmaßnahmen

schob der Lockdown beiseite.

#UnitedWeStream

Bereits am ersten Tag der Schließung

beschloss die Clubcommission, mit

#UnitedWeStream eine Streamingplattform

und eine Spendenkampagne zu

starten, die fünf Tage später online gingen.

„Daran sieht man die Kraft eines

Netzwerks: dass wir den Launch in kürzester

Zeit geschafft haben. Mit Partnern

wie ARTE concert, FluxFM oder dem rbb.

Unser Ansatz war, zu zeigen, was wir unter

Clubkultur verstehen, und deshalb war klar:

Wir streamen nicht aus Wohnzimmern, sondern

aus leeren Clubs, vor leeren Bühnen

und leeren Tanzflächen. Um die Dimension

zu zeigen: dass Künstlerinnen und Künstler

Teil unseres Programms sind und dass

die jetzt auch kein Publikum haben. Und

wir wollten hohe Qualität bieten, Fernsehqualität.

Jeden Abend streamten wir aus

einem anderen Club. Live. Und das hat

eingeschlagen, sodass wir in den letzten

Monaten über 600.000 Euro eingesammelt

haben für Berlin.“ Ein Betrag, der bei

Weitem nicht ausreicht, die Clubszene

zu retten, aber ein Einstieg ist, um mit der

Politik zu verhandeln. Die Spenden waren

jedoch in den ersten Wochen ein wichtiger

Puffer. Die Clubcommission nahm direkt

Verhandlungen auf, um finanzielle Unterstützung

zu bekommen, nichtsdestotrotz

dauerte es zum Teil Monate, bis zugesagte

Soforthilfen ankamen. „Landesmittel waren

passgenauer“, erläutert Lutz, „weil sie

sehr stark auf die privaten Kulturbetriebe

ausgerichtet waren, sodass hohe Mieten

und andere laufende Kosten damit gedeckt

2

meinviertel – Kultur Spezial


Infobox

Clubcommission

www.clubcommission.de

Podcast zu diesem Interview

www.kulturfritzen.podigee.

io/40-clubcommission

werden konnten, während die Bundesmittel

bis heute immer wieder Fragezeichen aufwerfen.

Da kennen sich selbst die Steuerberater

nicht aus und raten einem, das Geld

lieber auf dem Konto zu halten. Und gleichzeitig

muss man mehrere Tausend Euro

Miete zahlen und Mitarbeiter entlohnen.

Also, das ist sehr schwierig.“ Und doch hat

die Clubcommission bisher alle Mitglieder

durch die Krise bringen können.

Draußen tanzen

Zahlreiche Clubs entwickelten im letzten

Jahr digitale künstlerische Formate, andere

wurden zur Galerie, zur Teststation, zum

Drehort oder Sitzungssaal. In den warmen

Monaten fanden auch etliche Veranstaltungen

statt: Konzerte, DJ-Sets, kleine Festivals

für bis zu 1.000 Personen, darunter

der vom Senat finanzierte Tag der Clubkultur

am 3. Oktober – alles unter freiem

Himmel und unter kontrollierter Einhaltung

strengster Hygienekonzepte. Argwohn und

Kritik von Seiten der Behörden und Medien

blieb trotzdem nicht aus: „Obwohl die

Ausbrüche anderswo stattfanden, schien

es einfacher zu sagen, das Partyvolk sei

schuld an steigenden Infektionszahlen,

was nachweislich für die Außenbereiche

nicht zutrifft“, sagt Lutz.

Perspektiven

Neben Masken und Abstand gibt es nun

auch einen Impfstoff und finanzierbare

Schnelltests, die im kommenden Sommer

Entspannung für die Veranstaltungsbranche

bringen könnten.

Geduld ist in jedem Fall vonnöten: „Es

wird eine Weile dauern, bis wir von Null

auf Hundert zurückkommen, zu den Variablen

gehört ja nicht nur das Berliner

Publikum, das sich sicher fühlen muss.

Hinzu kommt die Frage, wann wieder

Gäste in die Stadt kommen. Und auch

Künstlerinnen und Künstler müssen wieder

reisen können.“

Gemeinsam

für Berlin

... kulturbegeistert.

Deshalb fördern wir Projekte aus Kunst

und Kultur und tragen so dazu bei,

dass Talente eine Bühne bekommen.

berliner-sparkasse.de/engagement


Jazzclub A-Trane und Jazzsänger Atrin Madani

Erster Adventssonntag 2020, Eiseskälte,

15 Uhr, einsetzende Dämmerung. Weihnachtsmusik

schallt durch die Straße. Auf

den Balkonen: strahlende Gesichter. So

hört sich eine berührende Weihnachtsgeschichte

in Corona-Zeiten an, als Jazz- und

Chansonsänger Atrin Madani im Freien

für die Nachbarschaft Musik macht. Seine

Medaille hat natürlich auch eine andere

Seite. Darüber sprachen wir mit ihm und

dem Betreiber des legendären Jazzclubs

A-Trane, Sedal Sardan.

In der Öffnungsphase zwischen den beiden

Lockdowns hat Sedal Sardan versucht die

Abläufe so umzustrukturieren, dass der

Betrieb kostendeckend läuft, aber das

Feeling nicht verloren geht. Von eigentlich

100 Plätzen konnten nur 33 belegt werden.

„Wir haben eine hohe Nachfrage erwartet,

waren am Ende aber froh, überhaupt die

33 vollzukriegen. Sie Sorge vor einer Ansteckung

in geschlossenen Räumen war

zu groß“, schaut Atrin Madani zurück auf

den Sommer. Sedal Sardan hat alle Hilfsmittel

beantragt, die angeboten wurden.

Insgesamt schildert der Clubbetreiber eine

frustrierende Angelegenheit: „Sie benutzen

Titel wie Soforthilfe. Darunter verstehe ich

was anderes. Überbrückungshilfe müsste

eigentlich auch schnell kommen, weil

man damit ja etwas überbrücken soll. Es

gibt Versprechen, die nicht eingehalten

werden. Daraus entstehen Nervosität und

Misstrauen.“

Mangelnde Gerechtigkeit und Zeichen

von Menschlichkeit in der Krisenzeit

Für Atrin Madani fing 2020 mit seinem Debüt

im A-Trane nahezu perfekt an. Dann

kam ein radikaler Bruch. „Das Schlimmste

war für mich diese Perspektivlosigkeit. Nicht

zu wissen, wie es jetzt weitergeht.“ Auch

wenn der Musiker als Student durch das

Raster der Hilfsgelder fiel, rechnet er dem

Land Berlin die schnelle, unbürokratische

Hilfe hoch an. Doch wie viele Soloselbstständige

bringt er kein Verständnis für

die Betriebskostenklausel auf: „Was sind

denn bei uns Künstlern Betriebskosten?

Unser Proberaum ist nicht gleichzeitig unser

Wohnraum. Unsere Gitarrensaiten oder Mikrofone,

die Wartungen, das sind Betriebskosten,

die wir nicht zum Leben brauchen.“

Um nach dem ersten Lockdown wieder

öffnen zu können, haben viele Läden, ob

Restaurants oder Kulturstätten, renoviert

und in Lüftungsanlagen investiert. Trotzdem

war klar: Die Kulturstätten dürfen als

letztes wieder öffnen. „Finanziell ist das ein

Teufelskreis. Einerseits muss der Club bei

der reduzierten Gästezahl die Eintrittspreise

erhöhen, um die Künstler, die lange kein

Geld verdient haben, einigermaßen zu bezahlen.

Gleichzeitig haben viele Leute lange

Zeit selbst keine Einnahmen gehabt, weil sie

in Kurzarbeit waren.“ Atrin setzt nun große

Hoffnungen in Olaf Scholz, der weitere Hilfsfonds

für den Kulturbereich angekündigt

hat. „Denn warum sollen wir als Künstler

oder warum sollen die Betreiber die Kunst

subventionieren?“ Laut Atrin ist in Sachen

Gerechtigkeit vieles während der Krise

schiefgelaufen: „Wenn man sich anschaut

was für einen Steueranteil die Soloselbstständigen

oder die Kulturschaffenden im

Entertainmentbereich tragen, warum sind

wir nicht angesehener? Warum zählen wir

weniger als die Automobilindustrie? Wir

haben keine Lobby.“ Er bezeichnet das

als ein generelles Gesellschaftsproblem

4

meinviertel – Kultur Spezial


Infobox

Jazzclub A-Trane

www.a-trane.de

Atrin Madani

www.atrinmadani.com

und hofft, dass die Musiker geschlossen aus

dieser Krise herausgehen werden.

Im Dezember 2020 machte Atrin Madani

mit seiner Band draußen Musik für die

Nachbarn: „Wir hätten alle heulen können,

so schön war das. Und dann ist ein Hut

rumgegangen. Das eingesammelte Geld

entsprach der Gage, die wir zu normalen

Zeiten hier im A-Trane bekommen.“ Die

Erfahrung veranlasst den Jazzmusiker zu

diesem leidenschaftlichen Statement: „Die

Politik sagt, sie sieht uns. Aber die können

uns nicht verstehen, weil sie nicht wissen,

was es bedeutet selbstständig zu sein. Das

sind Abgeordnete, die haben feste Gehälter

und oft noch gut bezahlte Nebenbeschäftigungen.

Es steckt so viel Arbeit drin

in dem, was wir machen. Wir haben jahrelang

geübt, wir haben das studiert. Und ich

finde, es wird noch nicht mal angemessen

entschädigt. Im Vergleich zu einem Anwalt

oder Arzt haben wir genauso viel wissenschaftliche

Arbeit geleistet, nur in einem

Bereich, der dazu da ist, die Menschen

seelisch gesund zu machen, seelisch zu

beglücken.“

Jazzmusik im Livestream

Kürzlich ging das A-Trane eine Kooperation

mit der Zeitschrift Jazz thing ein:

Atrin wirkte mit seiner Band an einer

Livestream-Serie mit. Er beschreibt die

Aktion als schön, aber auch speziell: „Ich

bin dankbar, dass ich diese Möglichkeit

habe, denn es ist keine Selbstverständlichkeit.

Es ist ein Schritt in Richtung Digitalisierung.

Aber normalerweise spielen

wir einen Song, bekommen Applaus und

stellen uns währenddessen mental auf

den nächsten Song ein. Online fühlt sich

jede Sekunde komisch an. Es ist alles eine

Tortur. Viele Leute haben gesagt: ‚Vielen

Dank für das schöne Livekonzert.’ Ich

freue mich aber jetzt umso mehr, wieder

live dabei zu sein.“


Eventlocation – Frannz Club

Wo normalerweise gegessen und gefeiert

wird, bleibt es still und dunkel. Auf der

Website läuft ein Ticker: Seit 325 Tagen

gibt es keine Partys und Konzerte mehr.

Auch wenn sie nicht die Einzigen sind, die

vom Stillstand betroffen sind, machen sie

ihre eigenen Erfahrungen im Lockdown.

Wir unterhielten uns mit den beiden Geschäftsführern

des Frannz Clubs Uwe

Lippold und Ingo Witzmann.

Trotz des ersten Lockdowns kann der

Frannz Club auf einige Highlights im Sommer

2020 zurückblicken. Mit der Band

Knorkator fand das erste Konzert statt,

das gestreamt wurde; es hatte enorme

Zugriffszahlen. Es folgte eine Kooperation

mit radioeins, das über den Sommer

live aus dem Garten des Frannz Clubs in

der Kulturbrauerei sendete. Drei Monate

kulturelles Leben unter dem Berliner Himmel

– bis es zu kühl wurde und der nächste

Lockdown vor der Tür stand. Bei all diesen

Aktivitäten war die Maßgabe: „Wir wollen

das Loch nicht noch größer schaufeln,

als es schon ist. Es war von Anfang an

aussichtslos, tatsächlich die Kosten zu

bestreiten, die bei uns auflaufen“, erzählt

uns Uwe Lippold.

Die Hürden mit den Hilfen

Während in „Friedenszeiten“ die Personalkosten

zur entscheidenden Baustelle gehören,

sind es in Corona-Zeiten die Mieten.

Als sich die finanziellen Hilfen endlich ankündigten,

seufzten Uwe Lippold und Ingo

Witzmann auf, denn sie konnten dadurch

die Kündigung in letzter Minute abwenden;

der Vermieter forderte nämlich den Eingang

der Miete: „Wir haben es Gott sei Dank geschafft,

weil endlich das Überbrückungsgeld

I gekommen ist, also Gelder für die Fixkosten

aus Juni bis August 2020. Anfang

August hatten wir es beantragt, Anfang Dezember

kam das Geld“, so Ingo Witzmann.

„Bei Berlin oder dem Land sieht man immer

den guten Willen“, findet er, „sie brauchen

natürlich auch die Unterstützung vom Bund.

Und beim Bund sieht man vor allen Dingen,

dass es sehr lange dauert und immer wieder

Verfahrensänderungen gibt.“ Unsere Gesprächspartner

erzählen von einem irren

Aufwand, der betrieben werden müsse. Man

liest sich ein, beginnt das Ganze zu verstehen

– und fängt dann doch wieder von vorn

an: „Das Ganze hat die Tendenz, sich immer

weiter aufzudröseln und zu verkomplizieren.

Da kann man schon dran verzweifeln und

den Überblick verlieren“, gibt Uwe Lippold

zu und ergänzt: „Ohne einen guten Steuerberater

ist man ohnehin verloren.“

Was die beiden Geschäftsführer wirklich

stört, sind die fehlenden Bescheide. Die

Antragstellungen erfordern gefühlte 1.000

Häkchen und Unterschriften, um Subventionsbetrug

und Vortäuschung falscher

Tatsachen zu verhindern, doch dann … erst

mal nichts. Irgendwann fließt Geld aufs

Konto, aber niemand kennt den dazugehörigen

Bescheid. Ingo Witzmann findet

das frustrierend: „Irgendwie tappt man im

Dunkeln. Du weißt nur: Irgendwann wird alles

nochmal abgerechnet.“ Da macht sich

natürlich die Sorge breit, dass bei der Endabrechnung

plötzlich Rückforderungen

auftauchen könnten, zumal die Zuschnitte

der Programme von Bund und Land unterschiedlich

sind. Der Bund finanziert nur

Fixkosten und rechnet an, was vom Land

kommt. Beim Landesantrag können auch

Investitionskosten eingegeben werden:

6

meinviertel – Kultur Spezial


Infobox

Frannz Club

Ausschank, Club, Biergarten

Kulturbrauerei

Schönhauser Allee 36

10435 Berlin

www.frannz.eu

„Wir haben das gemacht, laufen jetzt aber

Gefahr, dass der Bund uns das Geld wieder

abkassiert“, befürchten die Betreiber

und erklären: „Wenn wir auf eine Hilfe vertrauen,

die im Nachhinein wieder einkassiert

wird, ist das natürlich wirtschaftlich

schwierig. Die Sorge ist schon da, dass wir

bei Rückzahlungsforderungen nach Ende

der Pandemie doch Insolvenz anmelden

müssten.“ Doch noch überwiegt das Vertrauen,

dass die Politiker ihre Versprechen

auch einlösen.

Unterstützung bei der Wiedereröffnung

Beim Kultusministerium können Kulturbetriebe

Anträge stellen, die auf Unterstützung

bei einer Wiedereröffnung ausgerichtet

sind, denn alle rechnen mit einer

Anlaufphase. Diese muss gestemmt werden,

weil die Umsätze erst einmal geringer

ausfallen werden. Sind in der Zeit große

Rückforderungen fällig, geht die Rechnung

nicht auf. „An der Stelle würde es uns das

Genick brechen“, so viel ist Witzmann

klar. Er macht aber in unserem Gespräch

deutlich: „Wir setzen auf Herrn Lederer

und Frau Grütters und hoffen, dass wir

da durchkommen und dass die dann ihre

Kämpfe mit Herrn Scholz oder mit Herrn

Altmaier durchgekämpft kriegen.“

Perspektiven für die Clubkultur

Uwe Lippold und Ingo Witzmann erwarten,

dass die Pandemie keinen nachhaltigen

Effekt auf die Ausgehkultur haben wird:

„Wir hoffen, dass das Bedürfnis auszugehen

nicht verschwindet. Onlineformate ersetzen

ja auch nicht das normale Veranstalten

und Beisammensein im realen Leben. Wie

lange die Angst in den Köpfen sein wird,

kann niemand sagen.“ Letztlich scheint die

Zuversicht die Oberhand zu haben, wenn

die beiden sagen: „Wir sind ja nicht allein.

Das hilft dabei, zuversichtlich zu bleiben.

Du weißt: Es wird Lösungen geben, weil

viele betroffen sind.“

Eine Gesellschaft ohne Kultur

ist wie Drucken ohne Farbe!

Kultur ist bunt – und damit das

so bleibt, möchten wir unseren

Teil zum Erhalt ihrer Vielfalt

beitragen und Kulturschaffende

aktiv unterstützen.

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Eventmanagerin – Ricarda Farnbacher

Vom Politikstudium zur eigenen Event- und

Cateringfirma: Ricarda Farnbacher hat in

ihrem Leben viel gekellnert, hatte beruflich

aber erst einmal anderes im Blick. Doch:

„In Berlin bin ich relativ schnell von der Kellnerin

zur Eventmanagerin geadelt worden.

Dazu haben auch viele Zufälle im Privaten

beigetragen“, schildert sie ihren Einstieg

in die Branche. Ihren schlecht bezahlten

Job als Reporterin hing sie irgendwann an

den Nagel und gründete 2015 ihr eigenes

Label „Ricarda Farnbacher – Event Catering

Location“. Ihrem Verständnis von

Qualität entsprechend stellte sie recht flott

auf Nachhaltig und Regional um. Seit Mitte

2016 hat die Powerfrau ihre eigene Küche

und rockte in der Peakphase mit ihrem

Team 250 Veranstaltungen im Jahr.

Mit nachhaltiger „Farnkost“ trotzt sie

dem Lockdown

Bis zum Lockdown 2020 hat Ricarda

Farnbacher durchgearbeitet. Der Sommer

war schon voll gebucht, ebenso belegt

waren die besten Weihnachtsdaten.

„Ich habe gedacht, ich kriege ein Herzinfarkt“,

schaut sie zurück auf den krassen

Bruch. Die Intention nachhaltiger zu werden,

hatte sie ohnehin. „Mich hat das persönlich

total gestört, wie mit Essen umgegangen

wird und dass es immer viel sein

muss.“ Ihre Kunden habe sie schon immer

darauf trainiert, lieber fünf gute Speisen

zu nehmen. Das ist nicht nur nachhaltiger

und kann die Qualität der Speisen sichern,

es ist auch logistisch besser zu stemmen.

Mit Corona entstand die nachhaltige

Feinkostmarke „Farnkost“, unter deren

Namen Ricarda Farnbacher nachhaltig

produzierte Delikatessen mit Zutaten aus

der Region und ihrem Garten herstellt.

Mit ihren Produkten war sie in der Corona-Zeit

auch auf dem Kollwitzmarkt zu

finden, ihre Food- und Snackboxen im

Onlineshop stoßen auf rege Nachfrage.

Die einfache Kochbox findet vor allem

bei Leuten im Homeoffice Anklang. Zum

Sortiment gehören auch Trinkboxen. „Ein

richtiger Renner sind die Alkoholboxen,

wie die Gin-Cocktail-Boxen“, erklärt die

Frau hinter „Farnkost“. Die Sirups stellt ihr

Team selbst her, dazu gesellen sich ein

lokaler Spirituosenanbieter und als Filler

ein lokaler Softdrinkhersteller.

Den Frust überlässt sie dem

Steuerberater

Aktuell hat Ricarda Farnbacher fünf Mitarbeiter

(früher waren es zwölf), von

denen die vier Vollzeitkräfte in Kurzarbeit

sind. Dazu erhält sie die Betriebskostenzuschüsse

aus Landesmitteln. Anfangs

hat sie sich noch mit den verschiedenen

Mitteln aus Landes- oder Bundestöpfen

beschäftigt, inzwischen überlässt sie das

ihrem Steuerberater: „Ich habe gemerkt,

wie sehr mich das stresst, weil wahnsinnig

viel gestreut wird. Du darfst das haben, du

darfst das nicht haben. Und bis zum letzten

Moment dreht sich das.“

Stattdessen nehme sie nun dankend an,

was sie kriegen kann. Was sie an der ganzen

Sache sehr belastet: „Es wird nicht gesehen,

dass man sein eigenes Leben finanzieren

muss und auch noch sein Unternehmen.

Also hast du zwei Belastungen und eigentlich

kein Einkommen, außer dem Betriebskostenzuschuss.“

Für Ricarda Farnbacher

ist klar: „Wenn ich nichts bekommen würde,

würde einfach nichts mehr gehen. Dann

kann ich mir überlegen, ob ich meine gesamte

Rente ausgebe oder zumache.“

8

meinviertel – Kultur Spezial


Infobox

Ricarda Farnbacher –

Event Catering Location

www.ricardafarnbacher.com

Ricarda Farnbacher Farnkost –

Onlineshop

www.farnkost.com

Ein Blick in die Zukunft

Die passionierte Eventmanagerin geht

davon aus, dass in näherer Zukunft die

Geschäfte weitgehend online ablaufen.

„Wenn man sich ein bisschen besser damit

auskennt und es gut macht, kann man sich

darauf mehr verlassen als auf Events live

mit Corona“, begründet sie ihren Standpunkt.

Langfristig allerdings geht Ricarda

Farnbacher davon aus, dass Events

zurückkommen und die Leute auch Lust

darauf haben. Auf Seiten der Eventbranche

setzt das Flexibilität und auch Spontaneität

voraus. „Ich denke aber, es wird

sehr viel länger brauchen, als wir denken“,

mutmaßt sie.

Planen ohne Plan: aus wirtschaftlicher

Sicht ein unmögliches

Unterfangen

Die Kurzfristigkeit von Beschlüssen zählt zu

Farnbachers größten Kritikpunkten an der

Politik: „Es kann einfach nicht sein, dass wir

erst eine Woche vorher erfahren, was passieren

darf und was nicht. Wir sind schon arg

flexibel, aber innerhalb von sieben Tagen

läuft natürlich gar nichts. Da frage ich mich

schon, wie man eine Wirtschaft überhaupt

planen will. Wenn ein Krisenstab der Regierung

nicht weiß, wie es in den nächsten

zwei Wochen wirtschaftlich für eine ganze

Branche aussieht, kriege sogar ich Angst,

wie das weitergehen soll.“ Ihre Kritik betrifft

auch die Fahrt auf längere Sicht: „Wenn wir

nicht wissen, wie wir planen sollen, wie sollen

wir da planen? Manche würden dann

vielleicht ihre Geschäfte zumachen oder

auf ein anderes Pferd setzen und ihr Geld

für etwas anderes ausgeben.“ ■

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Kino – Dr. Christian Bräuer (Yorck Kinogruppe)

Auch in der Yorck Kinogruppe mit 14 Kinos

plus Freilichtkino herrscht Kurzarbeit. Doch

in unserem Gespräch ging es um so viel

mehr als um das pure Überleben in der Corona-Krise:

Wie sah Kino vor der Pandemie

aus? Wie sind die Zukunftsprognosen für

die Kinobranche? Kaum jemand steckt so

tief in diesem Metier wie Dr. Christian Bräuer.

Die kurze Öffnungsphase zwischen den

Lockdowns hat der Kinogruppe, die für

Arthouse steht, Verluste gebracht. Aber

klar sei gewesen: „Wir müssen da sein und

Flagge zeigen. Abgesehen davon wäre uns

die Decke auf den Kopf gefallen“. In diesem

Sinne sind die Förderprogramme des Senats

auch hier extrem wichtig, um die Zeit

des Lockdowns zu überstehen.

Kino im Wandel der Zeit

Kino, Fernsehen, Videokassette, Digitalisierung

– um ein paar Meilensteine der

Filmkunst zu nennen. „Natürlich hatten

wir Herausforderungen, aber die letzten

Jahre seit der Digitalisierung waren für uns

gute Jahre“, erzählt Bräuer. „Es besteht

ein Interesse an Kultur. Die Faszination der

großen Leinwand wirkt. Aber der Markt

ist im Umbruch, so wie die Gesellschaft

generell. Alles wird immer schneller.“

Das globale Wachstum hat auch vor der

Kinobranche nicht haltgemacht. Die großen

Multiplexketten blieben nicht national,

sondern wurden europäisch: „Wir haben

eine kulturelle Vielfalt, eine sprachliche

Vielfalt, eine Ländervielfalt. Das alles erschwert

es uns.“ Im Studiowesen zeigt

sich eine Marktmacht-Monopolisierung.

Außerdem: „Viele Leute kommen über

Google ins Kino. Es gibt große Spieler, die

mit ihren Algorithmen entscheiden.“ Mit der

Pandemie hat das nichts zu tun, doch sie

beschleunigt diese Tendenzen. „Es gibt ein

paar Sondereffekte, die werden aber nicht

bleiben. Nie haben die Studios mehr Geld

mit dem Kino verdient als 2019. Die Yorck

Kinogruppe hatte fast 1,5 Mio. Besucher“,

zeigt ein Blick in die nicht weit entfernte

Vergangenheit, die aus heutiger Sicht jedoch

anmutet wie die Steinzeit.

Visionen für die Kinozukunft trotz

Pandemie

„Wir sind Kultur, wir sind ein Teil der Nachbarschaft

und Teil der Vielfalt. Viele

Arthouse-Filme hätten ohne die Kinos

überhaupt keine Chance zum Publikum

vorzudringen. So ist das Kino heute immer

noch die Herzkammer für Filme, zumindest

für Filme jenseits des großen,

globalen Mainstreams. Und ich glaube,

das geht nicht verloren, dieser Wert wird

eher gewinnen, auch durch die Pandemie“,

so Bräuers Standpunkt. Erkennt er

irgendetwas Positives an der Pandemie?

„Sie schafft gerade viel Solidarität in der

Kinobranche und in der gesamten Kultur.

Wir sind auf einmal in Kontakt mit Theaterbühnen“,

zeigt sich der Geschäftsführer der

Yorck Kinogruppe angetan. „Ohne die Krise

hätte es das so nicht gegeben.“ Letztlich

demonstriert diese Solidarität, dass Kultur

10

meinviertel – Kultur Spezial


Infobox

Yorck Kinogruppe

„Im richtigen Kino bist du nie im

falschen Film“

www.yorck.de

wechselseitig abhängig und vielfältig ist.

Und dass es genau diese Vielfalt braucht,

betrachtet man die unterschiedlichen

Interessen und Vorlieben der Menschen.

Das Streamen zu Hause ersetzt nicht die

Begegnung vor Ort, ist Bräuer überzeugt:

„Diese analogen Räume sind Teil einer zukünftigen

Stadt. Städte müssen grüner

werden. Wir brauchen faire, gute Jobs. Wir

brauchen bezahlbaren Wohnraum. Und wir

brauchen diese kollektiven Räume.“ Die

Kinos der Yorck Kinogruppe sind stark in

ihren Kiezen eingebunden. Arthouse liegt

bundesweit bei etwa 15 Prozent, in Berlin

bei über 30 Prozent. Diese Zahl spiegelt

das vielfältige Interesse in der Stadt wider.

Mittlerweile kommen nahezu 800 Filme

pro Jahr auf den Markt: „Da wird diese kuratorische

Leistung viel wichtiger. Da muss

ein Kino auf seinen Kiez, auf seine Nachbarschaft

rekurrieren. Ich glaube tatsächlich,

das ist unser Plus. Wir kennen wirklich

das Publikum. Der Algorithmus kennt es

fast. Das ist natürlich gut. Datenmanagement

ist wichtig. Auch im Kino wird das

wichtiger. Jedes Kino braucht eine Digitalstrategie.

Aber letztlich ist es die menschliche

Interaktion, diese Authentizität, die es

am Schluss immer noch ausmacht.“ Bräuer

rechnet damit, dass es eine Weile dauern

wird, bis die Menschen wieder Vertrauen

fassen: „Ich schätze, da liegt ein schwerer

Übergang vor uns. Auf der anderen Seite

waren wir so lange zu Hause. Die Leute

wollen und müssen raus. Das wird dann

auch an Filmen hängen. Diese Sehnsucht

nach Gemeinschaftserlebnis, das ist das

Plus“. Dazu kommt das Herzstück jedes

Filmemachens und Filmeschauens: „Die

Menschen waren immer fasziniert vom Geschichtenerzählen.

Das kann das Theater

sein, das machen Bücher, und das Medium

Film hat durch seine technischen Möglichkeiten

wahnsinnige Mittel“, ist sich Bräuer

sicher. Es wird auch immer Menschen

geben, die gern Geschichten erfinden

und erzählen. Dafür braucht es die Kinobetreiber.

„Ich glaube, dass wir bleiben. Die

Digitalisierung schwemmt diesen Zweig

nicht weg. Es gibt jetzt eben andere Möglichkeiten.“

• Seit 2009 setzt sich EDEKA zusammen

mit WWF für nachhaltiges Handeln ein.

• Hauptziel: ökologischen Fußabdruck

von EDEKA deutlich zu reduzieren.

Mehr Infos unter:

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• Über 400 nachhaltigere EDEKA-Produkte

tragen zur besseren Orientierung den

WWF-Panda auf ihrer Verpackung.

Herausgeber: EDEKA-Markt Minden-Hannover GmbH, Wittelsbacherallee 61, 32427 Minden

Ein Stück Berlin


Oper – Staatsoper Unter den Linden

Um Kinder an die Oper heranzuführen,

hat die Staatsoper Unter den Linden mit

650 Mitarbeitenden inzwischen vier Kinderopernhäuser

aufgebaut. Mit Eifer und

Engagement setzt sich die Leiterin des Kinderopernhauses,

Regina Lux-Hahn, für die

Vision des Hauses ein. Wir sprachen mit

ihr und mit dem Intendanten der Staatsoper,

Matthias Schulz, über die Kraft der

Oper und wie sich diese Kultursparte in

der Pandemie behauptet.

Um eine Oper aufzuführen, braucht es

unglaublich viele Menschen – Orchester

und Chor, Bühnentechnik und Kostümmitarbeitende,

internationale Künstlerinnen

und Künstler und Gäste, um nur einige zu

nennen. Insofern ist der Opernbereich in

besonderem Ausmaß von der Pandemie

betroffen. „Wir sind froh, dass wir in Berlin

sehr schnell in Zusammenarbeit mit dem

Kultursenat eine Ausfallhonorarregelung

getroffen haben“, erzählt uns Matthias

Schulz. Auch wenn das die Probleme nicht

löst, bringt es eine kleine Entlastung. „Hinzu

kommt, dass so eine Spitzeninstitution

viele, ich sage mal, Rennpferde hat, die

endlich laufen wollen, aber quasi im Stall

stehen müssen.“ Damit schildert Matthias

Schulz das Elend aller Künstlerinnen und

Künstler, die auf den Bühnen zu Hause sind

und denen das Auftreten praktisch in den

Genen liegt.

Das Kinderopernhaus begeistert die

Jüngsten für die Oper

Das Kinderopernhaus möchte gemeinsam

mit Musikschulen, Grundschulen und Ausbildungsinstitutionen

Schülerinnen und

Schülern niedrigschwellig an die Oper

heranführen. „Diese Arbeit ist so wichtig:

ergänzend zu den Schulen etwas Einmaliges

anzubieten. Das passiert sowohl beim

Kinderopernhaus als auch beim Opernkinderorchester,

wo die Kinder im Opernhaus

auftreten können und vielleicht mit Künstlern

zusammenkommen, die sie sonst nie

erleben würden. Wir sprechen mit diesem

Angebot auch Kinder aus schwierigeren

Regionen Berlins an“, erklärt der Intendant

des Opernhauses.

Mehr als 200 Kinder sind aktuell an elf

Grundschulen in AGs und arbeiten in normalen

Zeiten aktiv jede Woche an den vier

großen Kinderopernhäusern in Marzahn,

Lichtenberg, Reinickendorf und in Mitte.

„Das letzte Jahr war schlimm“, berichtet

Regina Lux-Hahn, „weil wir zehnjähriges

Jubiläum haben. Wir hatten eine Jubiläumspremiere

mit einem aufwendigen Mozart-Stück

geplant. Das musste zweimal

abgesagt werden.“ Wo sich Kinder jede

Woche auf einen solch großen Auftritt

in Camps und zusätzlichen Workshops

vorbereiten, um die sehr hohe Qualität zu

sichern, hinterlässt die Corona-Krise große

Enttäuschung. Glücklicherweise konnte

das Kinderopernhaus einen Sponsor finden,

der die Szenen professionell gefilmt

hat: „So können wir etwas von dem Ganzen

bewahren. Denn das ist ja wie Eis, das

schmilzt, und dann ist es weg und nicht

mehr zu gebrauchen.“

Eigentlich ist momentan eine Lohengrin-

Produktion im Haus geplant. Seit Januar

finden alle Proben der Kinderopernhäuser

per Zoom statt. Regina Lux-Hahn nennt die

Lösung eine „mentale Brücke“, die hilft, am

Projekt dranzubleiben. „In gewisser Weise

sind die Kinder ja an Unterricht in dieser

Form gewöhnt“, ergänzt Matthias Schulz“,

12

meinviertel – Kultur Spezial


Infobox

Staatsoper Unter den Linden

Unter den Linden 7, 10117 Berlin

www.staatsoper-berlin.de

Kinderopernhaus Berlin

Das Kinderopernhaus Berlin wird gefördert vom Berliner Projektfonds Kulturelle

Bildung, den Kooperationspartnern in den Bezirken und von der Hilti Foundation.

www.staatsoper-berlin.de/de/junge-staatsoper/kinderopernhaus/

„das ist immerhin besser als nichts.“ Doch

was wegfällt ist enorm: „Am Ende entsteht

Musik nun mal im Raum. Und es braucht

auch dieses Gemeinschaftsgefühl. Irgendwie

muss eine Produktion auch zusammenwachsen.“

Das ist der Moment, in dem

die Kinder einen wirklichen Mehrwert erleben

und sich persönlich entwickeln.

Politik und die Zukunft der Oper

„Es ist wichtig, sich immer wieder daran

zu erinnern, dass der Gegner ein Virus ist,

für den kein Verantwortungsträger etwas

kann“, bricht Matthias Schulz eine Lanze

für die Politik. Und er ist sich sicher: „In der

Bundespolitik und hier im Kultursenat tut

man alles dafür, dass wir genauso kräftig

aus der Krise herauskommen können, wie

wir reingegangen sind. Im Moment habe

ich große Hoffnung, dass uns das gelingt.“

Allerdings dürfe niemand vergessen, was

wir auch drohen zu verlieren.

Regina Lux-Hahn weiß: „Viele Menschen

brennen darauf, wiederkommen zu können.

Sie wollen das Liveerlebnis.“ Insofern

ist die Sehnsucht nach dem, was kulturell

gerade fehlt, greifbar. Optimistisch ist die

Leiterin des Kinderopernhauses vor allem

hinsichtlich der Kinder. „Ich sehe, wie sehr

die Kinder die Oper vermissen, diesen

Ausgleich zur Schule und diese Ansprache.

Weil sie das freiwillig machen, haben

sie eine hohe Motivation“, so Regina Lux-

Hahn. „Der Mensch ist ein soziales Wesen.

Die Spannung des gemeinsamen Erlebens,

die in so einem Raum entsteht, kann ein

Bildschirm niemals ersetzen. Je länger diese

Phase andauert, desto größer wird die

Sehnsucht“, ist sich Matthias Schulz sicher.

„An diese Kraft glaube ich ganz stark. Das

wird vielleicht ein bisschen brauchen, aber

es muss und wird zurückkommen.“ ■

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Theater – GRIPS-Kindertheater

Das GRIPS bringt Theaterstücke für Kinder

(Jugendliche und Erwachsene) auf die

Bühne, richtet gemeinsam mit der GASAG

AG den Berliner Kindertheaterpreis aus und

engagiert sich in der kulturellen Bildung an

Schulen. In unserem Gespräch mit Theaterleiter

Philipp Harpain und der Sponsoring-

Referentin Birgit Jammes der GASAG AG

kam der Wert dieser Arbeit deutlich zum

Ausdruck. Umso erfreulicher war für uns

zu hören, dass das Kindertheater einigermaßen

durch die Corona-Krise zu kommen

scheint und in kurzer Zeit wieder startklar

sein könnte.

Berliner Kindertheaterpreis

Seit 2005 richtet GRIPS alle zwei Jahre den

Berliner Kindertheaterpreis aus. Der Wettbewerb

spürt junge Autorinnen und Autoren

auf, die für das Kindertheater schreiben.

„Sie reichen Exposés und Skripte ein,

aus denen eine Jury bis zu fünf Autoren

auswählt“, beschreibt Birgit Jammers das

Prozedere. Das GRIPS unterstützt die Autorinnen

und Autoren mit seinem Knowhow

und vermittelt in Workshops die Skills, um

für ein Kindertheater schreiben zu können.

Was braucht es dafür? „Wir haben bei den

Workshops einen Kinderpsychologen dabei,

der die Entwicklungsstufen der Kinder beschreibt.

Wann verstehen Kinder was? Erwachsene

mögen ja gern Ironie, bestimmte

Altersgruppen bei Kindern verstehen Ironie

aber noch gar nicht.“ Auch Dramaturgie

und Schauspieler werden zur Verfügung

gestellt. Darüber hinaus entwickeln sich die

Schreibenden durch den regen Austausch

und Support untereinander.

Am schwierigsten sei es, für die Fünf- bis

Sechsjährigen zu schreiben, so der Theaterleiter:

„Man darf noch nicht zu komplex

sein in der Geschichte. Aber man braucht

natürlich etwas, woran sie beteiligt sind.

In dieser Altersgruppe sind die Kinder oft

zum ersten Mal in so einem großen Theater.

Wenn sie sich dann langweilen, fangen sie

entweder sofort an zu plappern oder versuchen,

irgendwas auf der Bühne zu ändern.

Für uns heißt das, dass wir diese Beteiligung,

diese Empathie bei den Kindern von

vornherein mitdenken müssen. Ansonsten

hätten wir gelangweilte Kinder, und das ist

natürlich nicht unsere Intention.“ Deshalb

versucht das GRIPS mit seinen Autorinnen

und Autoren etwas auf die Beine zu stellen,

was auf der Bühne spannend wirkt. Dazu

braucht es die passenden Themen – das

kann Mobbing sein, das heute viel früher

beginnt, oder Themen aus dem kindlichen

Umfeld, der Elternwelt oder Umweltgeschichten.

Die diesjährige Gala des Berliner Kindertheaterpreises,

die am 20. April 2021 stattfindet,

wird in einem Livestream unter professionellen

Bedingungen produziert. „Wir

haben uns für dieses Format entschieden

und hoffen, dass wir eine Veranstaltung hinkriegen,

die niemand wegschaltet“, erklärt

Birgit Jammers.

Die GRIPS-Onlinebühne unterhält

Kinder, Eltern und Lehrkräfte in der

Corona-Zeit

In der Krise wachsen die Kinder im Grunde

ohne Theater auf. „Wir wollen trotzdem ein

Erlebnis schaffen, sodass Kinder für sie

gemachte Stücke auch erleben können“,

sagt Philipp Harpain. So hat das GRIPS ein

14

meinviertel – Kultur Spezial


Infobox

GRIPS

Altonaer Straße 22

10557 Berlin

www.grips-theater.de

GRIPS-Blog mit Onlinebühne

www.grips.online

Onlineformat entwickelt, das Kindern digital

einen Vorgeschmack auf das Theatererlebnis

bietet. Unter dem Motto „Wir sind

zu. Aber wir sind da.“ gibt es auf der GRIPS-

Onlinebühne Theaterstücke zum Streamen,

Podcasts zum Hören, Interviews zum Lesen

und Lieder zum Mitsingen. Darüber hinaus

können sich Grundschullehrkräfte mit dem

#GRIPSTheaterPowerPaket, bestehend

aus einer 46-seitigen Broschüre, Ideen

für theaterpraktische Übungen holen. Der

Kontakt zu den Schulen liegt dem GRIPS

am Herzen. Über den E-Mail-Verteiler des

Senats wurden die Schulen informiert, dass

es das Stück „Ab heute heißt du Sara“ zum

Streamen gibt. Philipp Harpain ist stolz: „35

Schulklassen haben das gesehen. Wir versuchen

wirklich, eine Hilfestellung in dieser

Zeit zu geben.“

Weiterleben und Kontaktpflege in

der Krise

Im GRIPS arbeiten etwa 70 Festangestellte

und 80 Freie. Die Autorinnen und

Autoren erhalten für jedes nicht gespielte

Stück eine Ausgleichszahlung. Diese

wertschätzende Art des Umgangs mit

den eigenen Künstlern hat dem Haus

sogar den „Sonderpreis der Deutschen

Theaterverlage“ als coronafreundlichstes

Haus für Autoren eingebracht. Als Privattheater

ist das GRIPS institutionell gefördert

und wird von der Stadt bezuschusst.

„Wir sind sehr froh, dass der Berliner Senat

uns soweit finanziert, dass wir eine Grundversorgung

haben. Das zweite Standbein

ist gerade die Kurzarbeit. Außerdem

haben wir Sponsoren“, mit diesen drei

Standbeinen kann sich das Kindertheater

in der Krise über Wasser halten. Der

Vorlauf, um wieder auf der Bühne stehen

zu können, ist beim GRIPS erstaunlich

kurz: „Innerhalb von drei Wochen sind wir

spielklar“, sagt Philipp Harpain, „das weiß

der Senat auch.“

Rana Begum, WP 412 (Detail) © Begum Studio, Courtesy of Jhaveri Contemporary

17.3.2021–7.2.2022

Ways of

Seeing

Abstraction

Works from the

Deutsche Bank Collection

Unter den Linden 5, 10117 Berlin

db-palaispopulaire.de


Theater – Berliner Kriminal Theater

Das Berliner Kriminal Theater wurde im

Jahr 2000 gegründet. Seither herrscht im

Gebäude in der Palisadenstraße 48 Hochspannung.

Mit dem coronabedingten Lockdown

hat sich die Spannung gewandelt, sie

hat etwas Abwartendes und gleichzeitig

Vorfreudiges an sich. In unserem Gespräch

mit dem Intendanten Wolfgang Rumpf und

dem Geschäftsführer Wolfgang Seppelt

schwappte uns aber eine zuversichtliche

Grundhaltung entgegen.

Im März Komplettschließung, dazwischen

kurze Zeit Spielbetrieb mit Hygienekonzept

und unter Schirmen, seit Oktober erneute

Komplettschließung – diese Szenarien

kennt nicht nur das Berliner Kriminal Theater.

Während der Nachmittagsvorstellung

am 13. März 2020 gab es erste Gerüchte zu

einer angeordneten Schließung der Spielstätten,

die noch am selben Tag während

der Abendveranstaltung zu einer Verordnung

wurden.

Finanzierung in Zeiten von Corona

Das Kriminal Theater mit seinen insgesamt

70 Mitarbeitenden finanziert sich komplett

privat. Das klappt bereits seit mehr als 20

Jahren. Der vorübergehende Spielbetrieb

unter Auflagen im Sommer hat nur wenig

finanzielle Entlastung gebracht. Zu der Zeit

flossen jedoch die ersten Zuwendungen.

Am meisten habe der Senat den privaten

Theatern mit Soforthilfen unter die Arme

gegriffen, verraten uns unsere Gesprächspartner.

Dazu kommen das Überbrückungsgeld

und das Hilfspaket „Neustart Kultur“

vom Bund. Im aktuellen Doppelhaushalt

2020/2021 erhält das Berliner Kriminal

Theater einen Mietzuschuss von 20.000

Euro vom Kultursenat – damit teilt sich das

Theater die Gesamtsumme von 100.000

Euro mit den anderen Privattheatern Tipi

am Kanzleramt, Bar jeder Vernunft, Wintergarten

Varieté und Chamäleon. Während

die Soforthilfe tatsächlich sofort kam,

floss das restliche Geld eher schleppend.

„Beim Bund dauert das viel länger. Die Novemberhilfe

kam jetzt erst. Ohne die Zuwendungen

hätten wir es nicht geschafft.

Unsere Rücklagen waren aufgebraucht. Sie

haben ausgereicht, um zwei Monate lang die

Miete zahlen zu können“, erklärt Wolfgang

Seppelt. Hocherfreut berichten uns Rumpf

und Seppelt auch von den vielen Gästen,

die weder einen Gutschein noch das Geld

für ihr Ticket zurückhaben wollten. Diese

kleinen Spenden beeindrucken.

Schauspieler bleiben bei der Stange

Die Schauspieler haben die Soforthilfen

für Soloselbstständige beantragt und

konnten sich damit über Wasser halten.

Denn ohne Vorstellung gibt es natürlich

auch kein Honorar. Die Stimmung unter

den Kollegen sei positiv, offenbaren uns

Rumpf und Seppelt: „Alle rechnen schwer

damit, dass es irgendwann wieder losgeht.

Aus dem Beschluss des Kultursenators

geht hervor, dass auf den staatlichen und

privaten Bühnen vor Ostern gar nichts

passiert. Wir rechnen damit, dass es

sich noch weiter nach hinten verschieben

wird.“ Trotz dieser misslichen Lage

seien die Schauspieler durchaus motiviert

Termine des

Open-Air-Kriminal-Sommers:

28. + 29.05.2021:

Der Name der Rose

(Kloster Chorin)

04.07.–29.08.2021:

Kriminal-Open-Air-Festspiele

(The Lakeside Burghotel zu

Strausberg)

16

meinviertel – Kultur Spezial


Infobox

Berliner Kriminal Theater

Palisadenstraße 48

10243 Berlin

www.kriminaltheater.de

Conventstraße 1 – 3 | 22089 Hamburg | Germany

Tel. +49 40 25109-0 | albertbauer.com

und halten die Stange. An der Zuversicht,

die Schauspieler zur Wiedereröffnung zusammenzukriegen,

scheitere es jedenfalls

nicht: „Die Abwanderung durch einen

Wechsel des Engagements ist momentan

nicht das Problem. Niemand engagiert

ja gerade. Es spielt nicht eine Bühne in

Deutschland.“ Und Theater im Onlineformat

sei kein Thema (mehr): „Das hat sich

im Schauspiel schnell wieder erledigt. Es

ist nicht nur teuer, es ersetzt einfach nicht

den Theaterbesuch. Wir haben uns bewusst

dagegen entschieden, weil es das

Theater entzaubert“, machen Rumpf und

Seppelt deutlich. Der Intendant spricht

von einem abrufbaren Repertoire von

15–16 Stücken. Das Ensemble steht also

bereit.

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Kampagne/Etat: Gasag Beschnitt: 3 mm Operator

Motiv/Name: „für nachwachsende Eneregien“ MBZ/BGE/SF: 0/5 mm Kundenfreigabe

Publikation/Art mein/4 Stadtmagazin Profil: LWC_improved ABC-Geprüft

Kontakt: Sybille Müller Trapping: nein Revision

Spannungsgeladene Vorfreude auf

die Wiedereröffnung

Das Kriminal Theater gibt neben den

Vorstellungen in Berlin etwa 70–75

Gastspiele im Jahr. Da aber alle Termine

verschieben, ist davon auszugehen,

dass auch mehr oder weniger alle Veranstaltungen

parallel wieder an den Start

gehen. „Und wenn die Zuschauer dann

alle kommen und wir diese Stückzahl

erreichen, sind wir auch wirtschaftlich

wieder auf der sicheren Seite“, verdeutlicht

Wolfgang Seppelt die Kalkulation

und ergänzt: „Meine große Hoffnung für

die nächste Wiedereröffnung ist, dass

das Publikum da sein wird. Die Leute

wollen wieder ins Theater gehen.“

Eine Eröffnung im Sommer würde allerdings

ungünstig liegen. Die letzte Öffnung

fiel auf den September. Und September,

Oktober sind bekanntlich gute

Theatermonate. In diesem Jahr werden

zwar voraussichtlich viele Menschen in

Berlin bleiben, doch die deutschsprachigen

Touristen fallen weg. Sie waren

der Grund, warum das Kriminal Theater

immer den Sommer durchgespielt hat.

Zur Wiedereröffnung im Sommer sagen

Rumpf und Seppelt: „Mal schauen, wie

wir das abfangen können. Allerdings hat

der Senator schon angekündigt, dass

es auch weiterhin Hilfe geben wird.

Die wissen genau: Wenn wir in so einer

schlechten Kartenverkaufszeit anfangen,

saisonal bedingt, dann haben wir

ein Problem.“

FÜR NACHWACHSENDE

ENERGIEN.

Wir fördern Kunst und Kultur.

Berlin ist gelebte Geschichte, bewegte Zukunft und vor allem: unser Zuhause. Deshalb unterstützen wir die Menschen, die hier

leben, und fördern kulturelle Vielfalt in der Stadt. Dazu zählen viele mutige und kreative Nachwuchskünstler in darstellender

und bildender Kunst. Ihre Energiepotenziale bewegen Berlin und inspirieren die ganze Welt.

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Foto: Etienne Girardet, www.pacificografik.de


Theater – Ensemble RambaZamba

Das Ensemble des „Miniatur-Stadttheaters“

RambaZamba bilden 35 Menschen mit Behinderung,

die gemeinsam mit Schauspielerinnen

und Schauspielern von außen das

Publikum verzaubern. Mit Geschäftsführer

und Intendant Jacob Höhne sprachen wir

über die menschlichen Sorgen während der

Pandemie, aber auch über Energie, Optimismus

und Dankbarkeit.

Seit 2017 ist Jacob Höhne Leiter des vor

über 30 Jahren gegründeten Ramba-

Zamba Theaters. Heute ist das staatlich

geförderte Haus eine feste Institution der

Berliner Theaterszene. „Der Kern von

RambaZamba war und ist das Ensemble,

in dem Künstlerinnen und Künstler mit

den unterschiedlichsten Behinderungen

zusammenarbeiten. Ihre Besonderheit ist

nicht ihre Behinderung, sondern ihr besonderer

künstlerischer Ausdruck und ihr

hohes Maß an Professionalität“, schildert

Höhne das Alleinstellungsmerkmal des

Theaters. In regulären Zeiten bringt das

Ensemble bis zu 110 Vorstellungen und

acht Premieren pro Spielzeit auf die Bühne.

Lockdown Nr. 1: katastrophal für

die als Risikogruppe geltenden

Schauspieler

Mehr noch als an anderen Kulturorten war

der erste Lockdown für die Schauspielerinnen

und Schauspieler des RambaZamba

eine persönlich-menschliche Katastrophe.

„Es war ein politisches, ein gesellschaftliches

Problem“, so Höhne, „dass Menschen mit

Behinderungen pauschal als Risikogruppe

kategorisiert und dementsprechend sofort

weggeschlossen wurden.“

Zu Beginn der Pandemie hat sich die

Schließung für die RambaZamba-Crew

ein bisschen wie Hitzefrei angefühlt. „Wir

sind aus einem sehr hohen Aktivitätsniveau

sozusagen ins Nichts gestürzt. Erst

mal war die Reaktion: ‚Cool, wir haben

jetzt frei.‘ Doch diese Freude war nur von

kurzer Dauer“, erzählt Höhne. Es begann

das, was er die „pandemische Extrabelastung“

nennt, und was sich im zweiten

Lockdown noch deutlicher zeigt: „Diese

Belastung, die du als Künstler tragen

musst, wenn du plötzlich als nicht systemrelevant

bezeichnet wirst, deines Ortes

und deines sozialen Umfeldes beraubt

wirst und nicht mehr arbeiten kannst.“

Diese Situation greife das Selbstverständnis

der Kulturschaffenden stark an,

so seine Erfahrung.

Neue digitale Formate sollen

Unsichtbarkeit bekämpfen und

Energie bringen

Höhnes Aufgabenbereich hat sich mit der

Pandemie verlagert: „Ich bin praktisch nur

noch damit beschäftigt, positive Energie

in dieses Haus hineinzutragen und alle zu

motivieren. Die Familien sind überfordert,

und gerade die Singles verenden sozusagen

seelisch in der Einsamkeit.“ Als klar

war, dass die Situation länger andauern

würde, hat das RambaZamba ein neues

digitales Format entwickelt: „Ein Theaterstück

einfach zu streamen, entspricht

uns nicht. RambaZamba ist dieses Unmittelbare,

ist sozusagen die Berührung.

Aus meiner Sicht eignet sich dafür die

filmische Auseinandersetzung.“ Superforecast

ist eine fünfteilige Dada-Webserie,

das Ensemble des RambaZamba

18

meinviertel – Kultur Spezial


Infobox

RambaZamba Theater

Schönhauser Allee 36–39, 10435 Berlin

www.rambazamba-theater.de

Superforecast:

www.rambazamba-theater.de/inszenierungen/

superforecast-eine-dada-webserie/

Theaters hat sich dafür dem Autor Konrad

Bayer und dem Künstler Martin Kippenberger

gewidmet. „Für uns war das ein

großer Energiegewinn, weil das Haus wieder

richtig funktioniert hat, weil wir eine

sinngebende Tätigkeit hatten. Auch das

Publikum hat das Angebot gut angenommen.“

Höhne beschreibt diese Aktion als

„Kampf gegen die Unsichtbarkeit“: „Es betrifft

alle Künstlerinnen und Künstler, aber

jene mit Behinderung noch dreimal mehr,

weil sie aus allen Diskursen verschwunden

sind. Sie wurden nicht besprochen, sie waren

einfach nicht mehr vorhanden.“

Kürzlich hat das RambaZamba damit begonnen,

einen Spielfilm zu drehen, eine

Adaption des eingebildeten Kranken. „Für

wenig Geld durften wir zwei Wochen lang

das Ballsaal-Studio im Wedding nutzen“,

Höhne ist dankbar für diese Unterstützung

und ergänzt: „Das war ein großer Energieschub

ins Haus hinein!“ Dieses Projekt

habe deutlich die Zuversicht gesteigert.

Kulturpolitik und Zukunftsprognosen

Höhne ist einer der Vielen, die dem Kultursenator

großen Respekt zollen: „Man

schaut ja sehr kritisch auf die Politik. Und

ich finde auch, dass sich die Politiker in

letzter Zeit nicht mit Ruhm bekleckern.

Aber wir haben eine besondere Unterstützung

der Kulturpolitik in dieser Pandemie

erfahren. Was Klaus Lederer da leistet, verdient

größten Respekt. Er hat uns stark

unterstützt und durch die Pandemie gebracht.

Ich finde, das muss man an so einer

Stelle auch mal formulieren.“

Der Tag wird kommen, an dem die Theater

ihre Türen wieder öffnen dürfen. Werden

die Menschen in die Theater strömen? „Ich

glaube, das ist ein Gewöhnungsprozess.

Abstand halten, keine Berührungen, das

hat man ja verinnerlicht. Aber der Hunger

nach Berührung und Begegnung ist ganz

groß“, ist sich Höhne sicher. Hinzu kommt

die Tatsache, dass Berlin ein Kulturraum

ist. In Berlin ist zu Hause, wer Kultur liebt

und lebt.

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Varieté – Maik M. Paulsen und Axel Hecklau

Maik M. Paulsen ist als Falschspieler bekannt.

Mit seiner Kunst ist er auf Businessevents

zu Hause. Als Produzent von

Varietéshows tourt er durch Theater in

ganz Deutschland. Axel Hecklau ist Zauberer

aus Leidenschaft und steckt unter

anderem hinter dem Salon der Wunder.

Über Solokünstler in der Corona-Krise,

neue Formate und Zukunftsprognosen.

Interaktives Zaubern im Onlineformat

Zusammen haben die beiden Solokünstler

eine Onlineshow entwickelt, die auf große

Begeisterung stößt. Maik M. Paulsen konnte

sich zu Beginn nicht vorstellen, dass das

funktionieren würde: „Ich glaube, wir sind

eine der wenigen Onlineshows, die Tickets

zu einem halbwegs normalen Preis verkaufen.“

Inhaltlich haben die beiden Künstler

einen Vorteil gegenüber anderen künstlerischen

Richtungen, wo Shows einfach nur

abgefilmt werden (können). Die Zauberei

ermöglicht es ihnen, auch im Videoformat

mit den Zuschauenden zu interagieren.

„Wir picken auch mal einzelne Leute raus,

deren Gedanken wir dann lesen oder die

Entscheidungen treffen. Die Kommunikation

auf diese Weise ist nagelneu. Die Leute

können sich das erst nicht vorstellen und

sind nachher völlig geflashed“, berichtet

Axel Hecklau von den Onlineshows. Die

Zuschauer haben ihr Mikrofon aus, Reaktionen

nehmen die Künstler nur über

die Kamera wahr. „Das ist ein total befremdliches

Gefühl“, gibt Maik M. Paulsen

zu. Eine Alternative zum Theater sei das

nicht: „Ich betrachte es als neue Location.

Es ist eine Ergänzung zu etwas, das vorher

nicht existierte.“ Was hier konzeptionell

super funktioniert, wäre live allerdings gar

nicht abbildbar.

Kunst nach der Krise

Die Sorge, dass bei den Menschen die

Angst bleibt, teilen Maik M. Paulsen und

Axel Hecklau mit vielen anderen Künstlern.

„Ich glaube, dass die Zuschauerzahlen nur

langsam steigen werden“, ist sich Maik M.

Paulsen sicher. Axel Hecklau sieht das

ganz ähnlich: „Hier geht’s um die Angst.

Unsere Erfahrung nach dem ersten Lockdown

zeigt, wie zurückhaltend die Leute

waren. Die meisten hatten ihre Eintrittskarten

in Gutscheine umwandeln lassen.

Der erwartete Ansturm nach der Wiederöffnung

blieb aus. Die Leute hatten einfach

Angst und sind nicht gekommen. Nicht mal

die Hälfte.“ Neben der Angst sieht Axel Hecklau

auch die Gefahr, dass sich die Menschen

irgendwie an die Situation gewöhnt

haben könnten und nicht gleich euphorisch

in die Theater stürmen.

Wie die Künstler finanziell durch die

Krise kommen

Axel Hecklau hat erst spät Hilfen beantragt,

vorher lebte er von seinen Rücklagen.

„Aber wir haben 80 Prozent Einbußen

gehabt. Zusammen mit meinem

Kollegen aus dem Salon der Wunder

habe ich erst vor Kurzem die Novemberhilfe

beantragt“, erzählt er. Bei Maik

M. Paulsen stellt sich die Situation etwas

komplizierter dar, weil er einerseits die

Produktion hat, andererseits als Künstler

arbeitet: „Ich glaube, es gab bei den

Künstlern ganz viel Verwirrung und Frust.

In einem Bundesland konntest du das

Geld für deine Privatausgaben benutzen,

im anderen nicht. Teilweise wurden die

Sachen dann noch während der Vergabe-

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fristen geändert. Es war ein ganz großes anzuschieben, aber davon habe ich gelebt.

Problem, dass es immer hieß: nur für Betriebsmittel.

Wenn mir dann irgendwann hinterher

Aber wenn du ein Artist bist gesagt wird: ‚Zahlen Sie mal die Hilfen

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oder ein Zauberer, dann hast du oft keine

Betriebsmittel. Es kann dir trotzdem keiner

sagen, wovon du deine Miete bezahlen

sollst.“ Das Einmaleins der Förderung ist

gerade aus Produktionssicht nicht nachvollziehbar:

„Das Prinzip ist: Verlust plus

Förderung gleich plus/minus null. Aber

wenn ich eine Produktion plane, dann plane

ich die so, dass die Leute irgendwie

davon leben können. Ich brauche eine

zurück, Sie haben ja theoretischen Gewinn

gemacht’, weiß ich gar nicht, wovon

ich investieren soll, um das nächste Ding

wieder zu starten. Solange sozusagen Gewinn

machen in diesen Zeiten ein No-Go

ist, wird es perspektivisch schwer.“ Maik

M. Paulsen befürchtet: „Manche Sachen

gingen schnell und waren unkompliziert.

Aber man weiß nicht, wer wie viel wieder

zurückzahlen muss. Ich glaube, der große

fünfstellige Summe, um die modulare nächste Tour Knall + funktionale kommt da noch.“ Das möbelsysteme

Zukunftssze-

Theater.“

mehrfach preisgekrönt

nario hört sich durchaus düster an: Es

wird spätestens dann eng, wenn Corona

offiziell vorbei ist, keine Hilfsgelder mehr

fließen, es noch keine großen Events gibt

und nur wenige Leute ins Theater gehen.

Schon jetzt gehen reihenweise Agenturen

und Veranstalter pleite. Die Sorge:

„Wenn für die normale Wirtschaft, also

außerhalb der Kultur- und Kreativbranche,

Corona vorbei ist, es keine Hilfen mehr

gibt und die Leute hochverschuldet sind.

Wenn keine neuen Jobs kommen, weil

alle noch vorsichtig sind – dann fallen die

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Schauspieler – Heike Feist und Andreas Nickl

Seit einem Jahr sind die Theater geschlossen,

die zehn Wochen der Öffnungsmöglichkeiten

im Herbst waren geprägt durch

strengste Hygienekonzepte, ausgedünnte

Sitzreihen und ein zögerliches Publikum.

Auch Dreharbeiten finden kaum statt.

Bei den staatlichen Hilfspaketen fallen

Theater- und Filmschaffende, die zumeist

soloselbstständig sind oder nur projektbezogen

angestellt werden, vielfach durchs

Raster, weil sie unregelmäßig verdienen,

weil sie keine Betriebskosten abrechnen

können oder weil sie keinen Steuerberater

haben. Kurzarbeitergeld kommt für sie

nicht infrage, stattdessen wird ihnen nahegelegt,

Hartz IV zu beantragen und über

einen Berufswechsel nachzudenken. Für

die wenigsten ist das eine Option.

Normalerweise ist Heike Feist das ganze

Jahr unterwegs. Landauf, landab. Entweder

als Solodarstellerin mit den Stücken

Cavewoman und Alle Kassen, auch privat

oder mit Kollegen, um ihre selbstproduzierten,

für zwei Personen konzipierten

Biografien für die Bühne zu zeigen, Abende

über Tucholsky, Ringelnatz oder Hildegard

von Bingen. Einer ihrer Partner ist

Andreas Nickl. Dieser spielt nicht ganz

so viel Theater, steht dafür aber oft vor

der Kamera, dreht unter anderem für die

Rosenheim-Cops, Charité oder Morden

im Norden.

Seit einem Jahr ist alles anders

„Corona tauchte bei mir beim Drehen auf“,

erzählt Andreas. „Also nicht direkt. Eher als

nicht ernst genommene Verrücktheit, uhh,

plötzlich will einem keiner mehr die Hand

geben ... Das war Ende Februar.“ Am letzten

Tag vor dem Lockdown hatte er noch

in München Theater gespielt, da kam aber

nur noch die Hälfte der Leute, weil die Verunsicherung

schon sehr groß war. Eine sehr

spezielle Vorstellung sei das gewesen: „Die

Zuschauer durften nicht mehr eng beisammen

sitzen, aber wir sangen und spielten Saxophon

nur einen Meter von ihnen entfernt.“

Dann ging alles sehr schnell: Alle weiteren

Vorstellungen fielen aus. Auch für Heike.

23 Veranstaltungen wurden ihr im ersten

Lockdown, der sich für die Bühnen bis in

den Sommer zog, abgesagt. Die beiden beantragten

5.000 Euro Soforthilfe vom Land

Berlin und bekamen sie auch.

Zeit für neue Projekte

Nach einer kurzen Zeit der Schockstarre

stürzten sie sich in neue Projekte. Heike

schrieb eine weitere Biografie für die Bühne,

diesmal über Karl Valentin und Liesl

Karlstadt, zugleich machte sie ihre anderen

Zweipersonenstücke coronatauglich,

inszenierte sie auf gebotene Distanz um

und strich Requisitenübergaben, um mit der

Wiedereröffnung der Theater sofort spielbereit

zu sein. Andreas absolvierte derweil

erstmals eine Castinglesung via Zoom: „Die

Beteiligten waren von Schweden bis Wien

verteilt, das war aufregend und lustig und

hat gut funktioniert.“ Ende April traf er sich

mit einer ARTE-Redakteurin, um über einen

Dokumentarfilm in Israel zu sprechen. Das

Projekt wurde immer wieder verschoben, im

Moment hofft Andreas auf den Sommer:

„Aber wenn wir Pech haben, will ARTE das

Projekt nicht mehr.“

Spielen unter Corona-Bedingungen

Im Juli drehten sowohl Heike als auch Andreas

erstmals unter Corona-Bedingungen.

Mit Abstand, regelmäßigen Corona-Tests

und Hygienebeauftragten am Set. Im Herbst,

nachdem die Theater wieder öffnen durften,

spielten sie zusammen zwei corona-kompatible

Vorstellungen vor coronakompatibel

gesetztem Publikum. Heike stand noch

sieben weitere Abende im September und

Oktober auf der Bühne. „Mehr als 20 wären

geplant gewesen“, erzählt sie, „wurden jedoch

schon im Sommer abgesagt. Wegen

fehlender Planbarkeit und weil es für ein

nicht subventioniertes Theater nicht wirt-

22

meinviertel – Kultur Spezial


Infobox

Heike Feist

www.heikefeist.de

Andreas Nickl

www.ankebalzer.de/

andreas-nickl

schaftlich ist, wenn nur 20 Prozent der Plätze

verkauft werden dürfen.“ Dafür zeigten Andreas

und Heike ihren Ringelnatz-Abend

einmal vor der Kamera. Als Amuse-Gueule

eines Online-Firmenevents. „Das war ein

enormer technischer Aufwand für uns, aber

jetzt können wir auch das“, grinst Andreas.

„Das hat echt Spaß gemacht und kam auch

gut an“, ergänzt Heike. „Aber man merkt

eben auch: Live ist live und nicht ersetzbar.“

Doch mit Auftritten kann sie erst einmal

nicht rechnen, im November schlossen die

Theater erneut auf unbestimmte Zeit. „Bis

Ostern ist wieder alles gecancelt, ich kriege

inzwischen Absagen bis Juni rein“, erzählt

Heike. „Keine Ahnung, wann ich überhaupt

wieder auf die Bühne darf.“ Im Dezember

bekamen die beiden jeweils ein Stipendium

über das #TakeCare-Programm des Fonds

Darstellende Künste, das ihnen ermöglicht,

gemeinsam für ein weiteres biografisches

Bühnenprojekt zu recherchieren – Anecken

mit Heine soll es heißen.

Undurchsichtige Finanzhilfen

Von der Novemberhilfe des Bundes, die

Heike beantragt hat, wurde bislang nur ein

Abschlag ausgezahlt, niemand weiß, wann

und ob die restliche Summe überhaupt

überwiesen wird. „Diese ganzen Anträge

sind extrem undurchsichtig und schwierig

zu verstehen – selbst für Steuerberater“,

meint Heike. „Oft fallen Soloselbstständige

durchs Raster, z. B. bei den Überbrückungshilfen,

da wir keine Betriebskosten haben,

aber nur diese angerechnet werden dürfen.“

Davon unterkriegen lassen sich Andreas

und Heike nicht, sondern investieren die

unfreiwillig freie Zeit in die Zukunft. Zur Zeit

proben sie das Valentin-Karlstadt-Stück,

das eigentlich kompakt im August und

September erarbeitet werden sollte. So

entzerren sie die Probenzeit, damit sie den

Sommer auch dafür haben, um ihre anderen

Stücke wieder „hochzuholen“ oder um zu

drehen. Denn beide haben ab Herbst die

Kalender wieder voll mit Terminen. Landauf,

landab.

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Autorin – Franziska Hauser

Dem Buchhandel geht es in der Corona-

Krise gut, was nicht automatisch auch auf

die Autorinnen und Autoren zutrifft. In der

Regel bekommen sie einen Vorschuss für

ihr Buch und leben ansonsten von Lesungen.

In der Pandemie ist das Leben also

auch für die schreibende Zunft eine Herausforderung.

Autorin Franziska Hauser

nahm uns ein Stück mit in ihr Leben während

der Pandemie.

Franziska Hauser ist als Künstlerin und

Deutschlehrerin selbstständig. Es ist

nicht so, dass sie keinen Job mehr hätte,

aber „es ist alles weniger geworden“. Aktuell

unterrichtet sie vor allem Menschen

online, die für deutsche Firmen arbeiten,

aber in Indien oder Ägypten leben. So gut

das bei einem Sprachkurs möglich ist, so

schlecht funktioniert das mit Onlinelesungen:

„Es hat erstens niemand Zeit für Onlinelesungen.

Und es macht auch einfach

niemandem Spaß. Es entsteht kein Bezug

zum Publikum. Da kann man sich noch so

viel Mühe geben. Dieses Medium hat sich

erschöpft.“

Die Krux mit der Künstlersozialkasse

Mit ihrer Autorentätigkeit ist Franziska

Hauser bei der Künstlersozialkasse (KSK)

versichert. Als Deutschlehrerin verdient

sie bei der Sprachschule monatlich 450

Euro. Mehr erlaubt die KSK nicht als Zubrot

aus nichtkünstlerischer Arbeit. „Ich müsste

deutlich mehr bei der Sprachschule verdienen,

um mir eine Versicherung leisten zu

können, die nicht von der KSK bezuschusst

ist. Aber das geht nicht, weil die Sprachschule

auch totale Einbußen hat“, erklärt

uns Franziska Hauser. Dabei ist sie bei weitem

nicht die Einzige, die diesen Spagat

betrifft – aber praktisch die Einzige, die

dazu öffentlich Position bezieht. „Mit der

künstlerischen Arbeit kann ich momentan

nicht genug verdienen und mit der nichtkünstlerischen

darf ich nicht“, bringt es die

Autorin auf den Punkt.

Im März 2020 hat Franziska Hauser die

5.000 Euro Soforthilfe der Stadt Berlin bekommen.

„Das hat bis September gereicht“,

sagt sie, „um auszugleichen, was gefehlt hat.

Im September habe ich langsam Panik gekriegt.“

Im November wollte sie Novemberhilfe

beantragen. Und da fing der Ärger mit

der KSK richtig an. Ihre Anwältin empfahl

ihr, erst einmal die Beitragshöhe anzupassen.

„Das habe ich gemacht und angegeben,

dass ich 600 Euro aus nichtkünstlerischer

Arbeit verdiene, weil die mir aus künstlerischer

Arbeit fehlen. Ich habe das für logisch

gehalten, weil man ja von irgendwas leben

muss. Dann haben die mir kurz vor Weihnachten

zum 1. Januar gekündigt. Das fand

ich krass! Weil ich zu viel verdient habe aus

nichtkünstlerischer Arbeit. Ich hätte es einfach

nur verschweigen müssen, wie alle anderen

auch.“ Dieses Erlebnis hat die Autorin

in einen Facebook-Post verpackt, der hohe

Wellen schlug. Doch öffentlich solidarisieren

möchte sich kaum jemand. Zu groß ist laut

Franziska Hauser die Angst aufzufliegen.

Dabei weiß sie, dass es vielen ähnlich geht

wie ihr. „Die Leute wollen lieber nicht auffallen.

Sie würden sich in eine existenzielle

Notlage bringen, wenn sie jetzt von der KSK

überprüft werden und rausfliegen. Natürlich

will das keiner“, und so sieht es aus, als wäre

die Autorin ein Einzelfall. In der Konsequenz

hat sie sich untergeordnet und ist mittler-

24

meinviertel – Kultur Spezial


Infobox

Franziska Hauser

Bücher:

Die Gewitterschwimmerin

(btb Verlag)

Sommerdreieck

(Rowohlt Verlag)

Wie wir leben wollen

(Suhrkamp Verlag)

Sieben Jahre Luxus

(Kehrer Verlag)

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weile wieder in der KSK. Ob das ohne den

öffentlichen Druck auch so schnell gegangen

wäre? Daran hat sie leise Zweifel. Sie hat

zugesagt, nicht mehr als 450 Euro zu den

aktuell 800 Euro künstlerischem Verdienst

hinzuzuverdienen, doch mit Kind in Berlin

reicht das natürlich nicht.

Arbeitslosengeld II für Künstler in

dieser Situation ist verachtenswert

Wer einst von seiner Kunst leben konnte

und jetzt dazu veranlasst wird, Arbeitslosengeld

II in Anspruch zu nehmen, welche

Spuren hinterlässt das? „Man fühlt sich

degradiert und verachtet von der Politik“,

beschreibt Franziska Hauser das Gefühl

aus Künstlersicht und ergänzt als Bild: „Es

ist so, als ob man alle Künstler in eine Abstellkammer

auf Eis legt. Wenn der Spuk

vorbei ist und man wieder in die Oper gehen

möchte, dann sollen die plötzlich alle wieder

da sein und werden aufgetaut.“ Dabei fehlt

ihr die Einsicht, dass hier gerade ganze Existenzen

zerstört werden. „Es sind ja nicht nur

Künstler, alle Soloselbstständigen werden

ziemlich schlecht behandelt. Sie werden

so behandelt, als würden sie dem Staat

auf der Tasche liegen. Was ja, wenn man

sich das mal genauer anguckt, überhaupt

nicht stimmt. Die zahlen wahnsinnig viele

Steuern und haben davon gar nichts“, so

Franziska Hauser.

Auch sie glaubt, dass es nach der Pandemie

nur langsam so etwas wie Normalität im Kulturbetrieb

geben wird: „Und ich befürchte,

dass danach ein Ellenbogenkampf einsetzt,

weil jeder seinen Platz zurückerobern will.“

Aber dass die Angst vor Nähe bleiben könnte,

diese Bedenken teilt sie nicht. ■


Strassenmusiker – Ruperts Kitchen Orchestra

Ruperts Kitchen Orchestra wurde sozusagen

als Straßenband in Berlin geboren.

Die drei Musiker Cornelia Rösler (Conny),

Leandro Florentino (Leo) und Andreas Raab

(Andi) sind auf den Straßen unserer Welt

unterwegs, um die Menschen in ihren Bann

zu ziehen. Doch gerade sind Auftritte selbst

unter freiem Himmel nicht möglich. Wir

sprachen mit den dreien über die Pandemie,

deren mögliche Ursachen und die Hoffnung

auf die Lernfähigkeit des Menschen.

Aus dem im April geplanten Albumrelease

wurde gezwungenermaßen ein Onlinerelease.

Der „energetische Vibe“ kann online

aber niemals der gleiche sein wie live,

wenn der ganze Raum durch die Musik in

Schwingung gerät. Im Spätsommer gab

sich die Band noch einmal der Straßenmusik

hin. Doch die Leute huschten eher

verängstigt weiter. „Im August waren wir

noch auf dem Ferrara Buskers Festival in

Italien, dem größten Straßenmusik-Festival

der Welt“, erzählt Bassistin Conny. „Das

hat unter strengen Auflagen stattgefunden.

Die eingeladenen Musiker haben sich

auf vier Bühnen, die in der Stadt verteilt

waren, abgewechselt.“ Wo normalerweise

etwa 80.000 Menschen zum Lauschen,

Singen und Feiern zusammenkommen, waren

2020 nur Einheimische vertreten. Von

regelmäßigen Auftritten ist auch Ruperts

Kitchen Orchestra, die regulär im Freien

auftreten, in der Corona-Krise weit entfernt.

Vom Überleben echter Künstler

Die große Ungewissheit und die fehlenden

Perspektiven haben mittlerweile etwa ein

Drittel der Künstlerinnen und Künstler dazu

bewogen, ihren Beruf aufzugeben. Keine

Option für Ruperts Kitchen Orchestra: „Wir

haben uns ausgesucht, das zu sein, was wir

sind. ‚Ich werde ein anderer‘, das ist für uns

gerade nicht angesagt. Aber das Ganze

hängt natürlich wie ein Damoklesschwert

über einem.“ Dass keiner von ihnen Soforthilfe

beantragt hat, liegt nicht nur daran,

dass sie von den Möglichkeiten kaum etwas

mitbekommen haben, sondern dass

sie sich während der Pandemie mit anderen

Berufen über Wasser halten können.

Einzig die GEMA-Soforthilfe haben sie in

Anspruch genommen. Das, was gern als

„echtes Künstlerleben“ bezeichnet wird,

ernährt einen Menschen nicht. Die Frage

ist dann: Wie weit geht es jetzt mit meiner

Kunst? „Im Moment hat es den Anschein,

als würden alle Künstler schreien, sie könnten

keine Künstler mehr sein, weil sie kein

Geld mehr haben“, so Leo. „Das spricht für

mich gegen die Kunst. Wenn jemand ein

wirklicher Künstler ist, wird er nicht aufhören,

Kunst zu machen.“

Gegen die Angst und für das

Bewusstsein

Die Bandmitglieder gehen davon aus, dass

bei den Menschen auch nach der Pandemie

noch eine Weile die Angst mitschwirren

wird. Leo würde sich wünschen, dass

die Menschen diese Situation nutzen, um

innezuhalten und sich zu überlegen, was

sie generell besser machen könnten. Andi

sorgt sich vielmehr um die mediale Vereinfachung

der Situation. „Die Maßnahmen

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meinviertel – Kultur Spezial


Infobox

Ruperts Kitchen Orchestra

www.rupertskitchen.de

sind verängstigend für die Leute. Es ist ja

so: Wenn ich den Urwald abholze, mache

ich erwiesenermaßen das System kaputt.

Dann können sich Viren ungehindert ausbreiten

und auf Menschen überspringen.

Das wird den Leuten nicht kommuniziert.

Leider geht die Kommunikation dahin, dass

die Menschen immer mehr in Angst miteinander

sind und kein Verantwortungsgefühl

aufbauen können, um zu sagen: ‚Wie kann

das Urwaldroden aufhören?‘ Oder: ‚Wie

kriege ich es hin, dass meine Regierung

nicht schon wieder einen Fracking-Vertrag

unterschreibt?‘ Das Klimathema ist

gerade völlig vom Tisch.“ In dieser nötigen

Verlagerung der Zusammenhänge und Bedeutungen

sieht der Drummer eine große

Verantwortung bei den Medien, aber auch

bei ihnen als Künstler. Letztlich muss die

Menschheit besser begreifen (können):

Warum sind wir in so einer Situation? „Die

Angst vor den Ursachen könnte man gerne

mal schüren“, findet Andi. „Dann wäre aber

eine Gemeinschaft ohne Angst voreinander

besser. Nützlicher wäre dann eine Angst

vor dem, was im Namen des Geldes letzten

Endes im Großen passiert. Wir haben vor

der falschen Sache Angst“, ist er sich sicher.

Bei Leo überwiegt das Prinzip Hoffnung. Er

möchte daran glauben, dass der Mensch

seinen Reifeprozess noch vollenden wird

und lernfähig ist. Fasziniert erzählt er von

den Effekten des Lockdowns: aufgeklarte

Kanäle in Venedig und blauer Himmel

über China. „Ich finde, das sind ganz relevante,

gravierende Geschichten. Viele

haben gesehen, was in relativ kurzer Zeit zu

machen ist.“ In diesem Sinne ist der Leadsänger

und Gitarrist davon überzeugt, dass

die Pandemie einen Beitrag dazu leisten

kann, das Bewusstsein der Menschen in

eine wichtige Richtung zu lenken.

Derweil ist Ruperts Kitchen am Köcheln:

„Wir haben ganz viele neue, geile Stücke

auf der Pfanne, die wir gerade zubereiten“,

schwärmt Andi. Die Band ist voller Vorfreude:

„Sobald wir können, werden wir überall

spielen, wo wir nur können.“ ■

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Tänzerin – Laura La Risa

In unserem bewegenden Gespräch mit der

Solokünstlerin und freiberuflichen Tänzerin

Laura la Risa kommen wir nicht umhin festzustellen,

dass sich ihr Leben zweiteilt: in die

Zeit vor Corona und die Zeit seit Corona. Die

Tanzstudio-Inhaberin bereichert bereits seit

den 80er Jahren die Berliner Kulturszene.

Was dank Corona und dem Umgang mit der

Krise bleibt sind Schulden, Zukunftsängste

und Depressionen.

25 Jahre lang hat Laura la Risa beim Karneval

der Kulturen mitgewirkt. Sie war nicht

nur in der Jury, sondern hatte auch einen

Wagen. 2003 gründete sie La Vasca Flamenca

e. V., einen Verein zur Förderung der

Flamencokultur. Zwei Jahre später baute

sie an einem traditionsreichen Ort ihr Tanzstudio

aus, das auch eine Begegnungsstätte

und ein Platz zum Feiern wurde. „Als ich das

übernommen habe, war es einfach ein ausgebrannter,

leerer Raum mit Betonboden

und ohne Wände. Ich habe einen Kredit aufgenommen,

den ich Ende 2019 abbezahlt

habe“, erzählt sie uns.

Laura la Risa engagiert sich seit vielen Jahren

in der Inklusion. Unter anderem leitet sie

eine Gruppe von Menschen mit geistigen

und psychischen Behinderungen. Sie lernen

Flamenco und spielen mit Rhythmus: „Meine

Aufgabe war es, den Menschen den Spaß

an anderen Dingen zu vermitteln. Flamenco

ist Rhythmus, ist Gesang und alles Mögliche.

Du kannst über den Flamenco ganz viel erreichen,

auch bei dir selbst.“ Die umtriebige

Tanzlehrerin hat auch mit inhaftierten und

straffällig gewordenen Frauen gearbeitet.

Ein Flüchtlingsprojekt gehörte ebenso zu

ihrem Engagement für die Menschen.

Seit Corona das Leben bestimmt

Wo einst Hunderte Menschen tanzten, wo

es neben Flamenco auch Ballett, Salsa und

Hip-Hop gab, schwingt derzeit niemand

mehr das Tanzbein. Praktisch seit Mitte

März ist Laura la Risa mit ihrer Veranstaltungslocation

im Lockdown. „Zwischen den

Lockdowns durften nur vier Leute im Raum

sein. Meine Nachbarn achten sehr aufmerksam

darauf, ob hier Leute im Studio sind.

Sonst schicken sie mir das Ordnungsamt

vorbei.“ Alle Kooperationen wurden abgesagt

und liegen bis heute auf Eis. „Im Juni

habe ich noch einen Kurstermin veranstaltet,

mit all den Vorgaben. Von den 67 Leuten

kamen aber aus Angst nur sechs“, damit

reiht sich la Risa ein in die Schilderungen der

anderen Veranstalter, die über verhaltene

Besucherzahlen im Sommer berichten.

In der Tanzschule waren 13 Honorarkräfte

beschäftigt, keiner von ihnen hat mehr

einen Job. Ein großer Teil der Tanzschüler

hat mittlerweile gekündigt. Laura la Risa ist

traurig: „18 Jahre lang habe ich ohne Subventionen

daran gearbeitet, dass Menschen

mit geistigen Behinderungen zusammen mit

‚normalen‘ Menschen hier feiern und auftreten.

Diejenigen, die sich daran gestört haben,

habe ich nach Hause geschickt. Ich habe

diese Form der Inklusion knallhart durchgezogen,

und es hat geklappt.“

Das Überleben gleicht einem Kampf

Als Solokünstlerin musste Laura la Risa Arbeitslosengeld

II beantragen. Die Soforthilfe

des Landes hat sie noch bekommen, seit

Oktober hat sie kein Geld mehr erhalten.

Bislang blieben sowohl die Novemberhilfe

als auch die Überbrückungshilfe aus. „Ich

habe Angst“, gibt die Tänzerin zu, „ich habe

den ganzen Sommer über Marmelade ge-

28

meinviertel – Kultur Spezial


Infobox

Laura la Risa – Tänzerin, Choreografin, Pädagogin, Clownin

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kocht, Masken genäht und Taschen hergestellt,

um sie gegen eine Spende abzugeben.“

Ihre Miete und ihren Lebensunterhalt hat

sie dadurch nicht bestreiten können. „Ich

habe Außenstände von über 5.000 Euro

im Monat“, gibt sie offen zu, „da kann man

sich ausrechnen, dass ich inzwischen hoch

verschuldet bin.“

Neben den großen finanziellen Sorgen sind

die psychischen Belastungen enorm. Die

sonst so fitte, rührige und stressresistente

57-Jährige hat wegen der Corona-Krise gesundheitliche

Probleme bekommen. „Was

soll ich tun?“, fragt sie sich. Die Dramatik

der Situation ist unverkennbar: „Ich habe

Kollegen, die sich umgebracht haben, die

sich wochenlang besaufen oder mit Depressionen

im Bett liegen.“ Wer ihr vorschlägt

doch einfach die Schule zu schließen, dem

schlägt Fassungslosigkeit entgegen: „Da

stecken 30 Jahre Arbeit drin! Ich bin ausgebildete

Tänzerin, Choreografin und Pädagogin.

Ich habe drei Berufe und das ist jetzt

alles bedeutungslos?“

Mit der KünstlerHilfeJetzt! gegen die

Not der Künstlerszene

Laura la Risa gehört zu den Gründern der

Initiative KünstlerHilfeJetzt!, die sich die

Rettung der freien Kulturszene auf die

Fahnen geschrieben haben. „Momentan

sind wir samstags unterwegs. Wir machen

lustige Auftritte im Freien“, für la Risa ist

das eine Win-win-Situation: „Die Leute

freuen sich so. Es wird gelacht, gestaunt

und gewunken. Und wir brauchen es aufzutreten.“

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Ateliergemeinschaft – Skip Pahler

In der Ateliergemeinschaft im Steinmetzhof

geht es sinnlich zu, denn an diesem Ort

entstehen Kunstwerke. Greifbar wird Kunst

erst in Ausstellungen – doch die entfallen

in der Corona-Krise. Und damit geht etwas

ganz Essenzielles verloren: die Sinnlichkeit

der Kunst und der persönliche Dialog.

Wir unterhielten uns mit Skip Pahler und

seinen Künstlerkollegen Eymelt Sehmer

und Ólafur Örn Arnarson.

Die Phase zwischen den beiden Lockdowns

hat die Ateliergemeinschaft für Ausstellungen

genutzt. Aber mit den vielen Vorgaben

– Maske aufziehen, Abstand halten, Namen

aufschreiben – hat das Ganze einen komischen

Beigeschmack bekommen. Auch die

Besucherzahlen waren deutlich verhalten.

Künstlerinnen und Künstler wissen nie, ob

sie bei einer Ausstellung etwas verkaufen

oder nicht. Doch ohne Ausstellung besteht

gar nicht erst die Chance, etwas zu verkaufen.

Zurzeit ist es für die Künstlerinnen und

Künstler der Ateliergemeinschaft eine Frage

der Motivation: neue Bilder malen, Geld

ausgeben – aber nicht wissen, ob und wann

das je wieder reinkommt, das macht mürbe.

Außer der Soforthilfe haben sie keine

Gelder beantragt, weil sie alle auch noch

andere Jobs haben und Skip Pahler seine

Rente: „Die ist grandios. Sie steigt auch immer

mal um 20 Cent oder einen Euro“, sagt

er schmunzelnd.

Im Internet kann Kunst kein Gefühl

vermitteln

Fotografin Eymelt Sehmer ist wie ihre

Kollegen der Überzeugung: „Das Internet

ersetzt niemals dieses Erlebnis, durch eine

Ausstellung zu gehen, sich ein Bild real anzugucken,

die Textur zu erkennen. Auch

das persönliche Gespräch mit der Künstlerin

oder dem Künstler fällt weg.“ Im Internet

kann Kunst niemals das Gefühl vermitteln,

das sie in der Realität beim Betrachtenden

hervorruft. „Das Internet ist einfach totes

Material. Da kann ich das Ganze auch im

Fernsehen bringen, da kann man es noch

spannender machen. Du hast doch gar

kein Gefühl für ein Bild oder eine Skulptur.

Du kannst sie nicht berühren, du kannst

nicht mal mit dem Handrücken drübergehen

und die Oberfläche fühlen. Im Internet

siehst du nur die nackte Abbildung“, macht

Skip Pahler den Unterschied deutlich. Die

Internetseiten und die Social-Media-Profile

der Künstlergemeinschaft laden insofern

zwar zu einem Rundgang ein, können aber

trotzdem nichts weiter als ein Eindruck

sein.

Deshalb wird ein reiner Verkauf über das

Internet auch nicht erfolgversprechend

sein. Eymelt Sehmer fasst zusammen: „Die

Leute, die etwas von mir gekauft haben,

haben das in erster Linie gekauft, weil sie

den persönlichen Kontakt hatten und das

Bild in echt gesehen haben. Ich würde sagen,

dass der Onlineauftritt unterstützend

wirkt, aber ein reiner Verkauf ist über diesen

Kanal nicht möglich.“

Kunst bedeutet Sinnlichkeit

„Kunst ist sinnlich. Und sinnlich bedeutet

auch Anfassen, Berühren, Begreifen.

Mit allen Sinnen eben, die in dem Wort

30

meinviertel – Kultur Spezial


Infobox

Skip Pahler

Maler, Bildhauer, Grafiker

www.skip-pahler.de

Eymelt Sehmer und Ólafur Örn

Arnarson

Fotografie (u. a. mit alter, analoger

Fototechnik)

www.arnarson-sehmer.art

Begreifen drinstecken. Gerade bei skulpturaler

Kunst ist das Anfassbare ganz

wesentlich. Das ist Sinnlichkeit. Und das

geht letztlich nur in einer Ausstellung.“ Die

pure Sinnlichkeit des Kunsterlebens geht

in der Corona-Zeit völlig verloren. Auch

der Dialog zwischen Betrachtenden und

Kunstschaffenden fehlt. „Ich will von den

Besuchern wissen, was sie über ein Bild

denken. Sie sollen mir sagen, was sie empfinden.

Damit ich weiß, was ich da gemalt

habe. Ein solches Gespräch ist unendlich

wichtig. Das gehört einfach zu unserem

Beruf dazu. Ob daraus ein Verkauf entsteht,

das ist nicht unbedingt gesagt. Du

hast als Künstler ja nicht bloß die Aufgabe,

wie der Fleischer seine Wurst loszuwerden,

sondern du willst auch immer etwas

vermitteln“, betont Skip Pahler. Es braucht

Ausstellungen und Tage der offenen Tür,

denn einfach so betreten die wenigsten

Menschen ein Atelier: „Die meisten Menschen

kennen ein Atelier von innen überhaupt

nicht. Da sie es aber nicht kennen,

wissen sie gar nicht: Wie entsteht Kunst

überhaupt?“ Letztlich lebt die Kunst also

von der Atmosphäre einer Galerie. Hoffen

wir, dass auch in der Ateliergemeinschaft

möglichst bald wieder so etwas wie Normalität

einkehren kann.

STREAM ME UP,

SCOTTY!

© SPB / Foto: N. Toczek

Das Universum hat immer

geöffnet. Wir bringen den

Kosmos regelmäßig in die

heimischen Wohnzimmer

– per Livestream aus dem

Planetariumssaal des Zeiss-

Großplanetariums.

#wirsindnichtallein

www.planetarium.berlin

www.youtube.com/stiftungplanetariumberlin


Bündnis – #AlarmstufeRot

Für die Veranstaltungswirtschaft steht

die Ampel längst auf Rot, der sechstgrößte

Wirtschaftszweig Deutschlands

ist am Verkümmern. Das Bündnis #AlarmstufeRot

setzt sich für das Überleben der

deutschen Veranstaltungswirtschaft ein.

Es entstand auf Initiative von Tom Koperek

und geht zurück auf die erste Protestaktion

Night of Lights 2020, bei der

mehr als 9.000 Bauwerke in rotes Licht

getaucht waren. Marcel Fery ist Managing

Director bei dem 1998 gegründeten

Full-Service-Eventdienstleister TSE und

Gründungsmitglied von #AlarmstufeRot.

Wir warfen einen Blick hinter die Kulissen

und sprachen mit Marcel Fery über seine

Hoffnungen und Sorgen.

So streng das Hygienekonzept bei der

ersten Demo war, so frustrierend gestaltete

sich die Suche nach prominenter

Unterstützung. Herbert Grönemeyer

allerdings hielt eine Rede, die unter die

Haut ging. „Die Zuschauer sind unser

Adrenalin, unser Lebenssinn, unsere Lebensversicherung,

und ich glaube, das

ist umgekehrt genauso. Dazu brauchen

wir, um wieder an- und aufzutreten, Abertausende

von helfenden Händen. Ohne

die Menschen, die Crews, die Armadas

von Technikern, Aufbauhelfern, Caterern,

Toningenieuren, Roadies, Truckern, Busfahrern,

Veranstaltern und Clubbesitzern

sind wir Künstler hilf- und glanzlos“, mit

diesen Worten sorgte der Musiker nicht

nur für Gänsehaut, sondern gab der Bewegung

auch einen ordentlichen Schub.

Beim zweiten Mal war die Riege an Prominenten

deutlich gewachsen.

Kann das Bündnis eine Großbranche

bewegen?

„Die Aktion hat sehr viel gebracht. Sie hat

zu einem gewissen Zusammenschluss in

der Branche geführt, die an sich sehr zersplittert

ist. Man hat sich kennengelernt,

man hat miteinander geredet und man

hat mehr Verständnis füreinander aufgebracht“,

erklärt Marcel Fery. Schließlich

habe die Branche selbst begriffen, wie

wichtig sie ist. Kaum einem sei das vorher

bewusst gewesen, auch der Politik nicht,

betont Fery: „Jede zweite Hotelübernachtung

in Berlin ist veranstaltungsbasiert, ob

es nun eine Messe ist, ein Theaterbesuch

oder ein Großevent. Die Veranstaltungsbranche

ist wirklich richtig relevant.“ Der

Bewegung #AlarmstufeRot ist es also gelungen,

auf sich aufmerksam zu machen

und die immense Bedeutung dieses Wirtschaftszweiges

ins Bewusstsein der Politik

zu rücken.

Lässt sich die Branche finanziell

retten?

Die Hilfsmittel für die Branche sollen von

4 Mio. auf 12 Mio. hochgeschraubt werden.

„Damit rettet man auch die großen Firmen“,

so Fery, „das riesige Problem ist, dass alles,

was du bekommst, noch gar nicht da

ist. Überbrückungshilfe I haben jetzt viele

bekommen, Überbrückungshilfe II viele

noch nicht. Auch die November- und Dezemberhilfe

ist bislang kaum angekommen.

Überbrückungshilfe III soll eigentlich seit

November greifen. Dazu gibt‘s noch nicht

mal die FAQ und Regeln.“ Er bemängelt

außerdem, dass sich die Richtlinien oft

ändern: „Selbst wenn du es hast, weißt du

nicht, ob du es behalten darfst. Viele haben

Überbrückungshilfe II beantragt und

zwei Wochen vor Ende dieses Programms

haben sie die Vorschriften diesbezüglich

geändert: Nun brauchst du zwingend Verluste,

um überhaupt was zu bekommen.

Das stand nur vorher nirgendwo oder war

nicht deutlich zu erkennen.“ Da kann das

Problem gleich zur Katastrophe werden.

Denn wer Gelder beantragt, bekommen

und genutzt hat – sprich, ausgegeben hat –

muss diese im Zweifelsfall zurückzahlen,

obwohl er nichts mehr hat. Thema unseres

Gesprächs sind auch die Ungerechtigkeiten,

die Soloselbstständige betreffen. In diesem

32

meinviertel – Kultur Spezial


Infobox

#AlarmstufeRot

www.alarmstuferot.org

Bereich fallen nämlich nicht wenige durchs

Raster. Bei den Richtlinien wird mitunter

bestraft, wer sich in der Krise als kreativ

erweist. „Die Sachen sind teilweise nicht

aufeinander abgestimmt“, fasst Fery für uns

zusammen. Auch wenn er grundsätzlich ein

hohes Verständnis seitens der Politik wahrnimmt,

trifft es die Veranstaltungsbranche

hart: „Es ist teilweise wirklich schlimm. Hätten

#AlarmstufeRot und die Verbände nicht

so einen Druck gemacht was die ersten

Formulierungen der Novemberhilfe angeht,

hätten wir nicht einen Cent bekommen!“

Wird die Veranstaltungsbranche von

einer Pleitewelle überrollt?

In der Krise kursiert immer häufiger das

Wort „Pleitewelle“. Wie sind die Prognosen

für die am stärksten betroffene Branche,

die von so was wie Normalität meilenweit

entfernt ist? Marcel Fery ist deutlich: Er

rechnet mit einer Pleitewelle Ende dieses

Jahres, Anfang nächsten Jahres. Seine Einschätzung:

„Wir werden im Laufe dieses

Jahres für die Veranstaltungswirtschaft keine

Normalität bekommen. Auch im nächsten

Jahr nicht. Deswegen muss es meiner

Meinung nach für besonders betroffene

Unternehmen die Möglichkeit geben, noch

länger Kurzarbeit zu beantragen.“ Denn

sollte im Winter 2021/2022 eine weitere

Viruswelle anrollen und keine Kurzarbeit

möglich sein, wird sich diese Welle wie ein

Tsunami auswirken: Mitarbeitende könnten

entlassen werden und Firmen reihenweise

pleitegehen.

Was, wenn die Angst bleibt?

Der Glaube scheint weitverbreitet, dass wir

noch ein bisschen durchhalten und ordentlich

impfen müssen und dann der Virus verschwindet.

Doch was, wenn er bleibt? Oder

Escapemutationen auftauchen? Und damit

die Angst vor einer (erneuten) Infizierung?

Angst kann unser Leben retten, sie kann

aber auch übersteigerte Ausmaße annehmen.

Marcel Fery beobachtet besorgt die

Art, wie in der Corona-Krise Politik gemacht

werde, gesteuert nämlich durch Angst: „Es

ist zwar nachvollziehbar, aber ich glaube,

es wird enorm schwer, diese Angst wieder

aus den Köpfen herauszubekommen. Ich

würde auch nicht ausschließen, dass manche

Menschen aus Angst nie wieder auf ein

Konzert oder in einen Club gehen werden.“

Trotz dieser Sorgen überwiegt bei ihm die

Zuversicht – dass die Menschen darauf

brennen, wieder ins Theater gehen und

gemeinsam Konzerte erleben zu können.

Demonstration

zur Rettung der

Veranstaltungsbranche in

Berlin am 28.10.2020

Fotos: © Jens Wazel


Tourismusverein Berlin-Pankow e.V.

Der Bezirk Pankow im Berliner Nordosten

steht für gemütliche Kieze, lockt in

normalen Zeiten mit kleinen wie großen

Kulturevents und bietet grüne Zonen

genauso wie quirlige Straßenzüge. Hier

pulsierte vor Corona noch das Leben,

zurzeit findet hier auch vermehrt Ruhe,

wer eigentlich keine sucht.

Nach der auferlegten Atempause

durch die Pandemie wird der vielfältige

Bezirk wieder seine Lebendigkeit

entfalten.

Seit mehr als 25 Jahren schlägt der Tourismusverein

Berlin-Pankow e. V. eine

Brücke zwischen Tourismus, Kultur, Läden

und Gastronomie. Das eine hängt

vom anderen ab, sie alle bedingen einander:

Die Touristen beleben die Stadt

und genießen die einzigarten Kultur- und

Einzelhandelsangebote Pankows. Umgekehrt

leben die Kulturschaffenden sowie

die Einzelhändlerinnen und -händler des

Bezirks in hohem Maße von den Gästen,

die hoffentlich in absehbarer Zukunft

wieder die Kulturhauptstadt besuchen

können.

Um seinen Zielen die nötige Power zu verleihen,

ist der Verein in ein starkes Netzwerk

vor Ort eingebunden und pflegt enge

Kontakte in die Pankower Kultur- und

Tourismusbranche. Erst in dieser Verbundenheit

und zusammen mit den Berlinerinnen

und Berlinern erwachsen eine

Gemeinschaft und ein lebenswertes Miteinander.

Aus Liebe zum Bezirk, zur Kultur

und zu seinen Berlinbesuchern betreibt

34

meinviertel – Kultur Spezial


der Tourismusverein Berlin-Pankow e. V.

auch in Eigenregie das Tourist Information

Center (TIC) Berlin Prenzlauer Berg

in der Kulturbrauerei – optimaler Ausgangspunkt

für ein individuelles Berlin-

Besuchsprogramm.

Die Verbindung zwischen Tourismus

und Kultur spiegelt sich in den Kooperationsprojekten

des Vereins wider. So

organisierte er den Tourismusstammtisch

Tourismus & Kultur – Kultur & Tourismus,

unterstützte das artspring Kunstfestival

sowie den Pankower Wirtschaftstag Pankow

macht Musik – Auch morgen noch?.

Politische Lobbyarbeit gehört genauso

zum Auftrag des Vereins wie Beratung

und Weiterbildungen. Ein monatlicher

Newsletter hält alle Bezirksbegeisterten

auf dem Laufenden.

Damit Visionen dieser Art mit Leben gefüllt

und am Leben erhalten werden können,

braucht es Engagement, Manpower,

Austausch und einen respektvollen

Umgang auf Augenhöhe. Deshalb ist der

Tourismusverein Berlin-Pankow e. V. auf

der Suche nach interessierten Partnern

und Mitgliedern aus Kunst und Kultur, aus

Einzelhandel und Gastronomie. Kulturschaffende

sowie selbstständige Unternehmerinnen

und Unternehmer aus allen

anderen Bezirken sind ebenso willkommen,

denn die Herausforderungen ähneln

sich, und von dem Erfahrungsaustausch

über die Bezirksgrenzen hinaus profitieren

alle Seiten. In der Corona-Krise verzichtet

der Verein auf Aufnahmegebühren

und bietet vergünstigte Beiträge an.

Interessiert? Dann schaut auf der Website

vorbei und nehmt Kontakt auf! ■

Infobox

Tourismusverein Berlin-Pankow e. V.

www.tourismuspankow.berlin

TIC Berlin Prenzlauer Berg

www.pankow-weissenseeprenzlauerberg.berlin/de


Petition – Kultur ins Grundgesetz

36

meinviertel – Kultur Spezial


Kultur macht den Menschen

Eine neue Petition zum Schutz von Kunst, Künstlern und Kultur

„Mir fehlt die selbstverständliche Verankerung der Kultur in der

Mitte der Gesellschaft“, sagt Kathrin Schülein, Leiterin des Theater

Adlershof in Berlins größtem Bezirk Treptow-Köpenick. Sie ist

Teil eines ehrenamtlich agierenden Teams, das Mitte Dezember

die Petition Kultur ins Grundgesetz ins Leben gerufen hat.

Die Forderungen:

• Den Schutz von Kunst und Kultur als Grundrecht im Grundgesetz

zu verankern.

• Das Recht auf unbeschränkte Teilhabe aller Bürgerinnen

und Bürger am kulturellen Leben und an kultureller Bildung

als Grundrecht im Grundgesetz zu verbriefen.

• Langfristige, stabile Sicherungsinstrumente für Kunst- und

Kulturschaffende zu etablieren sowie ein auf sie zugeschnittenes

gesetzliches Regelwerk zu schaffen, das sie vor unverschuldeten

Verdienstausfällen schützt.

In der Vergangenheit gab es schon einige Bestrebungen mit ähnlichem

Ziel. Im Unterschied dazu strebt diese Petition jedoch an,

das Recht auf Kunst und Kultur nicht als sogenanntes Staatsziel

anzusiedeln, sondern juristisch als solideres „Grundrecht“. Im

Grundgesetz ist bislang die Freiheit der Kunst festgeschrieben

und Kulturförderung wird als freiwillige Aufgabe der Länder und

Kommunen betrachtet.

Es geht der Initiative aber nicht nur um den grundsätzlichen

Stellenwert von Kultur, sie vertritt auch die Auffassung,

dass Kulturgenuss unterschiedslos für jedefrau und jedermann

zugänglich sein muss und der Besuch einer Opernvorstellung

nie eine Frage des Portemonnaies sein dürfe.

Wim Wenders und viele andere namhafte Künstlerinnen und

Künstler wie Liedermacher Konstantin Wecker, Schriftstellerin

Marion Brasch, Sebastian Krumbiegel von den Prinzen, Jazztrompeter

und Fotograf Till Brönner, die Intendantin des Maxim

Gorki Theaters Shermin Langhoff, die Regisseure Pepe und Didi

Danquart, Ulrike Kriener alias Kommissarin Lucas gehören zu

den Unterzeichnern dieses Anliegens.

Bis Ende Januar verzeichnete die Petition

rund 20.000 Unterschriften, mit einem Ziel

von 50.000 Unterschriften bis Juni 2021.

Fotos: Christian Schoppe / Roba Images, Valeska Holschen, sandraludewigofficial, RJ Muna, Ferdinando Godenzi, Yan Revazov, Privat

Infobox

Webseite:

Petition:

www.kulturinsgrundgesetz.de

www.openpetition.de/petition/online/kultur-ins-grundgesetz

Die Autorin Bettina Ullmann gehört zu den UnterstützerInnen der Petition.

Redaktion: Jens Wazel


Bei Kultur & Kunst den

Durchblick behalten!

schauen

staunen

vorinformieren

Bötzowstraße 27

10407 Berlin-Prenzlauer Berg

www.augenoptik-in-berlin.de

Mo. bis Fr. 10–19 Uhr, Sa. 10–16 Uhr

Telefon: 030 49 78 03 21

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