BIBER 03_21 Ansicht

dasbibermitscharf

Österreichische Post AG; PZ 18Z041372 P; Biber Verlagsgesellschaft mbH, Museumsplatz 1, E 1.4, 1070 Wien

www.dasbiber.at

MIT SCHARF

MÄRZ

2021

+

MAMA, WIRST DU

ABGESCHOBEN?

+

SIGI MAURER

IN ZAHLEN

+

FRAUEN

EMPOWERMENT

SPECIAL

+

ZWISCHEN PROTZ

UND TROTZ

ÖSTERREICHS JUNGER ADEL ÜBER DIE

EIGENE PARALLELGESELLSCHAFT


Uvek

ispravno,

ali sada

dvostruko

važno!

Smanjite fizicke kontakte

Držite rastojanje od najmanje 2 m

Nosite FFP2 masku

Redovno provetravajte

Sve informacije o zaštitnim merama

na oesterreich.gv.at

Ove jednostavne zaštitne mere pomažu

i protiv novih sojeva virusa, koji su mnogo

zarazniji od prethodne verzije virusa.

Ako svi te mere poštujemo.

Zajedno ćemo uspeti.

Čuvaj

sebe,

čuvaj

mene.


3

minuten

mit

Nenda

Mit ihrem Nr. 1 Hit „Mixed Feelings“ ist

die Tiroler Rapperin Nenda in aller Munde.

Die Ötztalerin mit nigerianischen

Wurzeln über das „Tiroler Corona-Malheur“,

Herkunftsfragen und die heimische

Rap-Szene.

Von Aleksandra Tulej

© Yuki Gaderer

BIBER: Nenda, du bist im Tiroler Ötztal

aufgewachsen, lebst aber seit einigen

Jahren in London. Wird dir die ewige

„Woher kommst du wirklich?“-Frage

dort auch gestellt, oder ist das ein

österreichisches Phänomen?

NENDA: Das werde ich in England auch

gefragt, aber weniger als in Österreich.

Die Menschen reagieren aber

überrascht, wenn ich sage, dass ich

Österreicherin bin. Vor allem, weil mein

Akzent sehr britisch klingt. Die Leute

erwarten, dass ich Familie entweder in

England, in Nigeria oder Jamaika habe

– weil viele Menschen, die in London

leben, westafrikanische oder jamaikanische

Wurzeln haben. Mein Vater kommt

tatsächlich aus Nigeria, aber ich bin

nicht mit ihm aufgewachsen, deshalb

bin ich durch und durch Österreicherin.

Ist Alltagsrassismus deinen Erfahrungen

nach in England und Österreich

gleichmäßig präsent?

In Österreich habe ich das wöchentlich

erlebt. Oft als Kompliment versteckt,

wenn Leute meinen: „Mei, du bist ja so

schön, woher kommst du denn?“ Wenn

ich dann antworte: „Aus dem Ötztal“,

meinen sie dann lachend: „Nein, aber

jetzt wirklich, woher?“ Ich weiß, dass

das lieb gemeint ist, aber es kommt

falsch rüber. Oder dass Menschen mich

auf Englisch ansprechen, ich ihnen auf

Deutsch antworte und sie dann erst

recht auf Englisch weiterreden.

Ganz Österreich schaut ja gerade mit

dem erhobenen Zeigefinger nach Tirol

rüber – Stichwort Mutation und Ski-

Tourismus. Wie ist die Stimmung im

Ötztal?

Ich kann das schwer beantworten, weil

ich ja nicht vor Ort bin. Aber ich glaube,

man kann schon zugeben und sagen:

Wir haben vielleicht einen Fehler

gemacht - und die Kritik annehmen.

Kriegen die Leute in London das eigentlich

mit, was gerade in Tirol abgeht?

Ich glaube, in England hat noch nie

jemand von Tirol gehört. (lacht)

Wie würdest du Wiener*innen die Tiroler

Mentalität erklären?

Es ist ein bisschen chilliger als in Wien,

man stresst sich weniger. In Wien wird

viel gemotzt und gejammert, in Tirol

sind die Leute ein bisschen entspannter.

Bist du stolz darauf, Tirolerin zu sein?

Auch gerade jetzt?

Sehr stolz! Trotz des Corona-Malheurs.

Wie steht's in deinen Augen momentan

um die österreichische Rapszene?

Ich habe die österreichische Rapszene

gerade erst entdeckt. Dadurch, dass ich

ja in London lebe, habe ich bisher nicht

viel aus der österreichischen Szene

mitbekommen. Aber ich bin voll begeistert

und positiv überrascht, was es da

alles so gibt. Ich bin ein großer Fan von

Kerosin95. Ansonsten feiere ich Frauen

wie Little Simz, No Name und Rapsody,

weil sie wichtige Themen ansprechen,

es aber cool klingen lassen.

Mit welchen Problemen hat man als

Künstlerin während der Pandemie zu

kämpfen? Musstest du beim Videodreh

für „Mixed Feelings“ etwas umdisponieren

oder umdenken?

Ich wollte eigentlich eine ganze Musikkapelle

im Video haben, das ging dann

aber wegen der Regelungen nicht. Wir

mussten aufpassen, dass wir nicht zu

viele Leute sind. Aber ansonsten hat

alles gut geklappt – nur die Kapelle

hätte ich wirklich gerne gehabt.

Alter: 26

Geburtsort: Nenda ist in Wien geboren,

und im Ötztal aufgewachsen.

Besonderes: Sie kann überall und immer

einschlafen. Sie wurde sogar auf

Narkolepsie getestet, aber zum Glück

nicht mit der Krankheit diagnostiziert.

/ 3 MINUTEN / 3


3 3 MINUTEN MIT

NENDA

Die Ötztaler Rapperin über Heimat, Identität

und Corona in Tirol.

8 IVANAS WELT

Kolumnistin Ivana Cucujkić ist zum zweiten Mal

Mama geworden und hat die Schnauze voll.

POLITIKA

10 FREMD IN DER HEIMAT

Wie es ist, in Österreich geboren und

aufgewachsen zu sein – aber ohne

Staatsbürgerschaft.

14 „FRAU MAURER,

WIE KORRUPT IST

ÖSTERREICHS POLITIK?“

Biber fragt in Worten,

Sigrid Maurer antwortet in Zahlen

16 „KEINE ANGST VOR DER

POLIZEI, NUR VOR ALLAH.“

An der bosnisch-kroatischen Grenze zeigen

starke Frauen, wie Zivilcourage geht.

14

„FRAU MAURER, WIE VIELE MACHOS

GIBT ES IM PARLAMENT?“

Sigrid Maurer im Interview in Zahlen.

IN

RAMBAZAMBA

22 ZWISCHEN PROTZ

UND TROTZ

Was es bedeutet, jung und adelig im

21. Jahrhundert zu sein.

SPECIAL: EMPOWERMENT

30 WAS SOLLEN DIE

ANDEREN DENKEN?

Wenn die Tochter für den „Ruf der Familie“

zuständig ist.

32 „EIN MANN KANN

FRAUEN NICHT HELFEN.“

Tanya Kayhan über ihre Flucht vor den Taliban

und Empowerment afghanischer Frauen.

36 BYE BYE, EUROZENTRISCHE

SCHÖNHEITSIDEALE

Junge Frauen aus der Iranischen Community

fordern: „Decolonize your beauty standards.“

16

DIE HÜTERINNEN

DER MENSCHLICHKEIT

Petar Rosandićs Reportage über

den Einsatz starker Frauen im

bosnisch-kroatischen Grenzgebiet.


42 „DAS GEHÖRT SICH NICHT

FÜR EINE SOMALI“

Sihaam ist Aktivistin – in ihrer strengen,

somalischen Community eine Seltenheit.

LIFE&STYLE

45 DIE ARMEN

KARRIEREMÄNNER

Über Trends der Nullerjahre, frustrierte

Karrieremänner und „Kanak Iz Da“

22

HALT MÄRZ

2021

„KOMM INS

PALAIS, WIR

MÜSSEN

REDEN.“

Junge Adelige über

den Spagat zwischen

Tradition und

Moderne.

28

GROSSES

EMPOWERMENT-

SPECIAL

Vier Frauen über

ihren individuellen

Weg zu mehr

Selbstbestimmung.

© Zoe Opratko, © Hasan Ulukisa, © Eugénie Sophie ,Cover: © Zoe Opratko

48 „ICH BIN DER

QUOTENMANN“

Ljubiša Bušić über seinen neuen Posten als stv.

Chefredakteur des Magazins „Wienerin“

KARRIERE

50 FÜR MEHR SOLIDARITÄT

Was sich in puncto Frauen und Karriere getan

hat, beschreibt Anna Jandrisevits.

51 IVOS WELT

Ein Gespräch über türkische Vereine

in Österreich und warum die aktuelle

Integrationspolitik eine „Katastrophe“ ist.

52 SELBERMACHER

Zwei Schwestern gaben Wien-Favoriten ein

lang ersehntes Kindergeschäft.

TECHNIK

55 KAPUTTE SPIELEBRANCHE

Adam Bezeczky über das Fiasko „Cyberpunk

2077“

KULTUR

56 KULTURA NEWS

Nada El-Azar über russisches Reality-TV

und Tipps für Kulturhungrige.

59 DIPLOMIERTER

FLÜCHTLING

Jad Turjman über seine Erfahrung als Flüchtling

und seine Migrationskompetenzen.

60 VOM BRAINFUCK AUF DIE

LEINWAND

Arman T. Riahi und Aleksandar Petrović über

ihren neuen Film „Fuchs im Bau“.


Liebe Leserinnen und Leser,

Vieles im Leben kann man sich nicht aussuchen, darunter die Umstände

der eigenen Geburt. Während die einen in Österreich mit silbernem Löffel

zur Welt kommen und Kaiserin Sissi in ihrer Blutlinie nachweisen können,

müssen andere Säuglinge von Stunde null an ihre Integration beweisen

und können sich dankbar schätzen, wenn sie nicht mit Mama abgeschoben

werden. Willkommen in den Parallelgesellschaften Österreichs!

Chefreporterin Aleksandra Tulej hat mal wieder eine beeindruckende

Reportage vom Rand der Gesellschaft geschrieben – dem jungen Adel

Österreichs. Sie sprach mit drei Aristo-Sprösslingen über ihr Leben

zwischen „Protz und Trotz“, über ein Geburtsrecht, das sich schwer

ablegen lässt und über Etikette-Shaming beim Dating. Merke: Mahlzeit

sagt man nicht, das sagen nur Proleten. Ab Seite 22

Frauen 2021 in Österreich:

Sie dürfen nicht daten. Sie

müssen heiraten. Sie sollen

nicht politisch sein, nicht

aktivistisch, nicht frei. Frauen

in Österreich kämpfen für

ihre Selbstbestimmung. Im

biber-Empowerment-Spezial

machen Community-Rolemodels

die Kampfansage:

mein Körper, mein Leben, meine

Entscheidung. Ab S. 28

Delna Antia-Tatić “

Chefredakteurin

Mit einem anderen Geburtsrecht, das sich schwer ablegen lässt, haben

die Jugendlichen Meri, Aylin und Mirjana zu kämpfen: Sie haben keine

österreichische Staatsbürgerschaft, obwohl sie in Österreich geboren sind,

hier groß werden, zur Schule gehen und verwurzelt sind. Die Journalistin

Anna Jandrisevits geht in der Reportage „Fremd in der Heimat“ einem

neuen Gefühl der Angst nach, das sich seit den Abschiebungen unter

Jugendlichen breitmacht. Denn zugehörig fühlten sie sich oft nicht, aber

kann man sie wegschicken? Seite 10

Tanya Kayhan hat sie, jene ultimative Integrationslizenz und höchste

Sicherheitsstufe: Die geflüchtete afghanische Star-Reporterin ist seit

2020 Österreicherin. Im Interview erzählt sie von ihrem Leben mit

Chauffeur in Kabul, von ihren „Ressorts“ Taliban, Opium und Korruption,

und vom Schock in Österreich plötzlich nur mehr „die Afghanin“ zu

sein, die am Flughafen jobbt. Sie berichtet über die Furcht vor ihrer

Community, die Scham eine „schlechte“ Frau zu sein, und wie afghanische

Männer bewusst Analphabetinnen hierzulande ausnutzen. Seite 32.

Frau zu sein ist nicht leicht – weder in den Communitys, noch in der Politik.

So erzählt etwa Sigi Maurer im Interview in Zahlen (Seite 14) , dass sie

allein in der letzten Woche 100 sexistische Nachrichten erhalten hat und

sich auch bei den feministischen Grünen Machos tummeln.

Wir sagen viel Spaß beim Lesen und wünschen Protz Mahlzeit!

Bussis, Eure biber-Redaktion

© Zoe Opratko

6 / MIT SCHARF /


IMPRESSUM

MEDIENINHABER:

Biber Verlagsgesellschaft mbH, Quartier 21, Musuemsplatz 1, E-1.4,

1070 Wien

HERAUSGEBER

Simon Kravagna

CHEFREDAKTEURIN:

Delna Antia-Tatić

GESCHÄFTSFÜHRUNG:

Wilfried Wiesinger

KONTAKT: biber Verlagsgesellschaft mbH Quartier 21, Museumsplatz 1,

E-1.4, 1070 Wien

Tel: +43/1/ 9577528 redaktion@dasbiber.at marketing@

dasbiber.at abo@dasbiber.at

WEBSITE: www.dasbiber.at

STV. CHEFREDAKTEUR:

Amar Rajković

CHEFiN VOM DIENST:

Aleksandra Tulej

CHEFREPORTERIN:

Aleksandra Tulej

FOTOCHEFIN:

Zoe Opratko

ART DIRECTOR: Dieter Auracher

KOLUMNIST/IN:

Ivana Cucujkić-Panić, Todor Ovtcharov, Jad Turjman

ÖAK GEPRÜFT laut Bericht über die Jahresprüfung im 1. HJ 2020:

Druckauflage 70.663 Stück

verbreitete Auflage 66.363 Stück

DRUCK: Mediaprint

LEKTORAT: Florian Haderer

REDAKTION & FOTOGRAFIE:

Adam Bezeczky, Nada El-Azar, Yasmin Maatouk, Benjamin

Jaffery, Tansu Akinci, Anna Jandrisevits

CONTENT CREATION, CAMPAIGN MANAGEMENT

Aida Durić

SOCIAL MEDIA:

Weronika Korban

REDAKTIONSHUND:

Casper

BUSINESS DEVELOPMENT:

Andreas Wiesmüller

Erklärung zu gendergerechter Sprache:

In welcher Form bei den Texten gegendert wird, entscheiden

die jeweiligen Autoren und Autorinnen selbst: Somit bleibt die

Authentizität der Texte erhalten - wie immer „mit scharf“.

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Frauen.

Gestalten.

Zukunft.

„Gerade im abgelaufenen Jahr haben wir Frauen

einmal mehr gezeigt, was in uns steckt. Mit Willensstärke,

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Herausforderungen. Sei es die Liebe zur Musik,

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oder unsere Partnerin, die uns Halt gibt. Umso mehr

feiern wir am diesjährigen Internationalen Frauentag

unsere Leistungen und Errungen schaften. Und

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Virginia Ernst,

Singer-Songwriterin/

Künstlerin

Internationaler Frauentag

8. März 2021

Online-Programm:

frauentag.wien.gv.at


In Ivanas WELT berichtet die biber-Redakteurin

Ivana Cucujkić über ihr daily life.

IVANAS WELT

Ivan Minić

SCHEISS AUF SUPERMUTTI

Mein Name ist Ivana, ich bin zweifache Mutter und ich hab‘ die Schnauze voll.

Was sich nach einer Vorstellungsrunde der „anonymen

schlechten Mütter“ anhört, ist der Versuch,

das Kind beim Namen zu nennen: Mutterschaft ist ein

beschissen harter Job. Man darf es nur nicht laut sagen.

Ups.

Zugegeben, die Tonalität dieser Zeilen ist dezent aggressiv.

Es gelingt mir nicht auf Anhieb mitten in der

Nacht mit drei Stunden Schlaf in den Knochen, einem

von Koliken geplagten Neugeborenen im Arm und

einem Dreijährigen am Peak der Trotzphase, weichgespülte

Kitschphrasen übers Mutterglück in die Tastatur

zu klopfen. Entweder mein Oxytocin-Pegel ist

im Keller oder meine Mom-Skills sind einfach grottenschlecht.

Aber hey, Mutti hat’s doch auch gepackt!

Bin ich doch genau mit diesem Frauenbild sozialisiert

worden: Die Mutter als stoische Heldin des Alltags,

die täglich (!) eine warme Mahlzeit (selber) zubereitet,

für den Parkettboden ein eigenes Putzmittel verwendet,

Übergriffigkeiten der Schwiegerfamilie zenartig

mit einem Lächeln abschmettert und es schafft, ihren

Morgenkaffee heiß zu trinken. Aber vielleicht ist da ja

ein Schuss Schnaps drin…

FRAU, MUTTER, KÖNIGIN

Anyway. Diese glorifizierte Standhaftigkeit wird seit

Generationen hindurch mit dem Slogan „Kad je Majka

mogla“, also „Wenn Mutti das gepackt hat“, weiter auf

dem Podest gehalten. Nix anderes als ein Marketing-

Schmäh. Und damit sich diese Mogelpackung der anzustrebenden

Überfrau besser verkaufen lässt, drückt

man ihr ein sexy Branding auf: Žena, Majka, Kraljica.

Frau, Mutter, Königin. Für eine Balkanfrau ist damit

der Plafond der Komplimenten-Skala erreicht: Über ihr

thront niemand mehr. Super-Woman auf Jugo quasi.

Denn wehe, eine Jungmutter drängt der Alltag mal an

den Rand des Nervenzusammenbruchs, dann kommt

stracks ein Witzbold um die Ecke und watscht sie verbal

ab: „Kad je Majka mogla“. Will meinen: Goschn

halten, Krönchen richten und Babykotze vom Cape

wischen.

DAS KRÖNCHEN WACKELT

Mein Krönchen rutscht mir ständig von den fettigen

Haaren beim Versuch, die Nummer vom Chinesen ins

Handy zu tippen, die Staubwolken unter die Couch zu

schieben, das Shirt von letzter Woche mit Parfum zu

übertünchen und dabei my inner soul auf der Think-

Positive-App auszubalancieren.

Oh, aber da haben die Jugos für das Vernachlässigen

der eigenen Bedürfnisse noch so einen flotten Slogan

in petto: „Slatke muke“ - „süße Qualen“- dieses Elternleben.

Für so viel Zynismus hab‘ ich einfach keine

Kapazitäten. Wir sind grad mitten im dritten Entwicklungssprung

und ein in die Hälfte geschnittenes Croissant

ist für den Dreijährigen pretty serious shit. Nein,

das süße Babylächeln ist nicht Belohnung genug und

alles ist damit sicher auch nicht vergessen.

Aber sehen wir das ganze mal positiv, sagt meine

App: Das Leben mit zwei kleinen Kindern qualifiziert

mich für jeden CEO-Job der Welt. Stressresistenz,

Hands-on-Mentalität, Durchhaltevermögen, Leadership,

Risiko-Management – Mommy got skills. Meine

Bewerbung schick’ ich morgen ab. Mutti muss den

Busen auspacken, die Nachtschicht beginnt.

* Oxytocin ist ein Kuschel-Hormon

cucujkic@dasbiber.at

8 / MIT SCHARF /


NEMA PROBLEMA

FOTONOVELA

Nenad hat die HTL abgebrochen und keinen Plan, was er mit

seinem Leben anfangen will. Viel Zeit zum Grübeln bleibt

ihm aber nicht – Mutter Senada sitzt ihm schon im Nacken.

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NEUES AUS DEM LEBEN

DER FAMILIE PRAVDOVIĆ

Boah

jetzt lässt du mich

auch noch im

Stich??

Sine, was

soll ich nur mit

dir machen? Jetzt hast

du sogar die Schule

abgebrochen …

„… was

sollen da nur die

Leute denken …“,

ich weiß, Mama! Aber

Elektrotechnik ist

ur fad.

Anscheinend

nicht, wenn es

um PlayStation

geht!

Spiel

mal lieber mit

der Jopsy App von

der AK statt mit der

PlayStation!

Ja chill,

mach ich!

Bože, womit habe

ich zwei Mütter

verdient?

Nenad erlebt mit dem Berufsinteressentool

der Jopsy App eine Überraschung:

Technik liegt ihm gar nicht. Dafür ist er der

geborene Versicherungsmakler – denn vom

Interessentyp her ist er zu 82% Überzeuger.

Oha schau!

So viel wie du

redest, kannst eh jedem

was verkaufen. Die AK

Bildungsberatung ist eh auf

WhatsApp! Hajde, keine

Ausreden mehr, schreib

ihnen gleich!

Hab‘ ich dir

schon fünf Mal

gesagt

Fotos: Zoe Opratko

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FREMD

IN DER

HEIMAT

Kann Mama

abgeschoben

werden?

“ Kani, 17

10 / POLITIKA /


Österreichs Gesetzeslage verweigert Tausenden

hier geborenen Menschen die Staatsbürgerschaft.

Die Abschiebungen der letzten Zeit lösen ein neues

Gefühl der Angst unter den Kindern der Diaspora

aus. Junge Menschen erzählen, wie es ist,

wenn man in der Heimat nie zu Hause ist.

Text: Anna Jandrisevits, Fotos: Zoe Opratko

Kann Mama abgeschoben werden?“, schreibt Kani

ihrer Schwester. Die 17-Jährige macht sich Sorgen.

Auf Instagram hat sie von den Abschiebungen in

Wien erfahren, sie hat Menschen gesehen, die mitten in der

Nacht ihr Zuhause verloren haben. Mit Schrecken hat sie die

Geschichte von den Kindern Tina, Lea, Sona und Ashot und

ihren Müttern verfolgt. Kanis Eltern sind Kurden aus dem Iran.

Sie selbst hat die österreichische Staatsbürgerschaft, ihre

Mutter jedoch nicht. Kann ihrer Mutter also dasselbe passieren?

Kanis Schwester beruhigt sie, sagt ihr, dass Mama

nichts geschehen wird. Es ist ein Gespräch, das viele mit

ihren Geschwistern, Kindern, Müttern und Vätern in Österreich

führen. Dass sie niemals „richtig“ dazugehören werden, fühlen

sie schon lang. Aber diese Angst ist neu: Könnten sie oder ihre

Liebsten einfach weggeschickt werden?

Um erst einmal zu beruhigen: Österreich schiebt niemanden

ab, der sich legal im Land aufhält.

Auch nicht Kanis Mutter, die eine

Aufenthaltsgenehmigung hat. Die

dramatischen Abschiebungen haben

allerdings gezeigt, dass „Illegalität“

moralisch dann absurd und grausam

wird, wenn Kinder sie erben. Unabhängig

davon, ob sie hier geboren

wurden, hier aufwuchsen, zur Schule

gehen und verwurzelt sind: Wie etwa im Fall der 12-jährigen

Tina. Die Frage, warum Kinder wie sie nicht längst ÖsterreicherInnen

werden konnten, drängt sich ebenso auf, wie die

generelle Frage: Warum wird man nicht per Geburt Österreicherin

und Österreicher? Denn es betrifft nicht nur Extremfälle

im Asylbereich, sondern alltäglich viele Migrantenkinder zweiter

und dritter Generation.

PROZESS VOLLER HÜRDEN

Mehr als 220.000 Menschen sind in diesem Land geboren,

haben aber keine österreichische Staatsbürgerschaft. Weitere

Tausende leben schon seit Jahrzehnten in Österreich und

stehen vor massiven Einbürgerungshürden. In fast keinem

anderen Land ist es so schwierig, die Staatsbürgerschaft zu

In fast keinem anderen

Land ist es so schwierig,

die Staatsbürgerschaft zu

bekommen, wie in Österreich.

bekommen, wie in Österreich. Laut einer Studie des „Migrant

Integration Policy Index“, die 52 Länder untersucht hat, ist

Österreich beim Zugang zur Einbürgerung gemeinsam mit

Bulgarien Schlusslicht in Europa. Europäische Spitzenreiter

bei der Einbürgerung sind Portugal und Schweden und selbst

in den USA sind dort geborene Menschen automatisch US-

Staatsbürger. Hierzulande schaut man stattdessen auf den

Pass der Eltern, es gilt das Abstammungsprinzip (Ius sanguinis),

und nicht das Geburtsrecht, das den Geburtsort berücksichtigt

(Ius soli). So haben selbst hier geborene Kinder erst

nach sechs Jahren Aufenthalt die Möglichkeit der Einbürgerung

und müssen denselben komplizierten und kostspieligen Prozess

durchlaufen, wie neu Zugezogene: Sie müssen bis zu 2000

Euro bezahlen, Deutsch- und Integrationsnachweise erbringen

und dürfen oft nicht einmal harmlose Verkehrsdelikte begangen

haben.

Diese österreichische Gesetzeslage

führt nicht nur zur Ungleichbehandlung,

sie nimmt Jugendlichen das

Gefühl von Zugehörigkeit. Im Extremfall

droht die Abschiebung, wie

Ende Jänner in Wien, als die Kinder

mitten in der Nacht mit einem riesigen

Polizeiaufgebot vor den Augen ihrer

protestierenden MitschülerInnen

abgeschoben wurden. Diese Geschehnisse sind keine Einzelfälle.

In Österreich stehen Hunderte Kinder und Jugendliche

vor ihrer Abschiebung. „Wer hat das Recht, sie einfach so

abzuschieben und ihnen das alles zu nehmen?“, fragt sich

Meri. Seit 18 Jahren ist Wien ihr Zuhause, wie Kani ist sie hier

geboren, aufgewachsen und geht zur Schule. Österreich ist

ihr Leben. Trotzdem hat Meri die mazedonische und nicht die

österreichische Staatsbürgerschaft, weil ihre Eltern sie zwar

beantragt aber nie bekommen haben. Wenn die Zeit kommt,

will sie unbedingt die Staatsbürgerschaft beantragen. „Das

wäre eigentlich nur die Bestätigung von dem, was ich eh schon

bin.“

Infolge der Abschiebungen in Wien hat die Menschenrechtsorganisation

SOS Mitmensch eine Initiative für die faire Einbürge-

/ POLITIKA / 11


Man kann sich nie sicher

sein, dass es einem nicht

selbst passiert.

“ Mirjana, 17

rung hier geborener Kinder gestartet, die dazugehörige Petition

wurde bereits mehr als 35.000 Mal unterzeichnet. Die Menschenrechtsorganisation

fordert, dass die Staatsbürgerschaft

mit der Geburt automatisch verliehen wird, wenn zumindest ein

Elternteil schon 6 Jahre in Österreich lebt – ähnlich wie es etwa

in Deutschland der Fall ist. Zudem fordert die Petition, dass in

Österreich geborene Kinder, deren Elternteil kürzer hier lebt,

im Alter von 6 Jahren eine bedingungslose und kostenfreie

Staatsbürgerschaft erhalten. Dadurch sollen auch Fälle von

abgeschobenen Minderjährigen verhindert werden. „Es geht

darum, dass Kinder, die hier zur Welt kommen, als Österreicher

und Österreicherinnen die gleichen Rechte, die gleiche Anerkennung

und den gleichen Schutz durch den Staat haben“,

sagt Alexander Pollak, Sprecher von SOS Mitmensch.

DER EWIGE KAMPF

Die Abschiebungen in Wien schockierten vor allem Jugendliche,

die sich mit den Betroffenen identifizieren können. Als

Mirjana von den Schicksalen der Kinder in der Zeitung las,

hatte sie trotz ihrer Aufenthaltsgenehmigung Angst, dass ihr

dasselbe drohen könnte. „Man kann sich nie sicher sein, dass

es einem nicht selbst passiert.“ Mirjana,

deren Eltern aus Serbien stammen,

ist in Wien geboren. Wie die

17-Jährige kommen jedes Jahr etwa

14.000 Menschen in Österreich zur

Welt, die keine österreichische Staatsbürgerschaft

erhalten und dadurch

weniger Rechte haben, so Pollak von

SOS-Mitmensch: „Das Thema wird

Viele junge Menschen passen

ihr Verhalten an die fehlende

Staatsbürgerschaft oder den

Migrationshintergrund an.

von Jahr zu Jahr dringlicher.“ Auch Aylin, Mirjanas Mitschülerin,

spürt plötzlich ein neues Gefühl der Angst, seit sie von den

Abschiebungen weiß. Ihre Eltern kommen ursprünglich aus der

Türkei und Versuche, die österreichische Staatsbürgerschaft

zu beantragen, scheiterten. Auch ihre Familie hat eine Aufenthaltsgenehmigung,

obwohl sie schon lange in Wien lebt. „Ich

werde oft von Verwandten gefragt, wieso ich die Staatsbürgerschaft

nicht habe, und ich kann es nicht ordentlich erklären“,

erzählt Aylin. „In solchen Momenten fühle ich mich, als

wäre ich nicht ein Teil von diesem Land. Es ist zwar nur Papier,

aber trotzdem.“ Aylin lebt seit 17 Jahren in Wien, sie ist hier

geboren und aufgewachsen. Als sie neben der Schule im Einzelhandel

tätig werden wollte, musste sie eine Arbeitserlaubnis

nachweisen.

Es ist nur Papier, aber es beeinflusst das gesamte Leben.

Nicht nur bürokratische Angelegenheiten sind komplizierter,

auch das Wohlbefinden und der soziale Umgang der Kinder

wird beeinträchtigt. Viele junge Menschen passen ihr Verhalten

an die fehlende Staatsbürgerschaft an. Manchmal hat

Mirjana den Eindruck, dass sie sich nicht schlecht benehmen

darf. Seit sie klein ist, hat sie das Gefühl, dass sie sich von

ihrer besten Seite zeigen muss. „Ich

darf nichts falsch machen, weil ich

Migrationshintergrund habe. Sonst

denkt man vielleicht schlecht von

mir oder hat Vorurteile.“ Auch Kani

fühlt sich in bestimmten Situationen

unter Druck gesetzt. „Wenn jemand

in der Schule mit mir diskutiert und

mich provozieren will, halte ich mich

12 / POLITIKA /


zurück, obwohl ich mir das eigentlich nicht gefallen lassen

möchte.“ Schon mehrmals war die 17-Jährige kurz davor,

mit der Schule aufzuhören. Während sich bei anderen

SchülerInnen mit schlechten Noten nichts ändert, werden

jenen mit Migrationshintergrund, wie Kani, oft Alternativen

zur Matura aufgezeigt. „Es sind immer nur wir bei der

Vertrauenslehrerin. Es sind wir, die schlimm sind und wir,

die angeschrien werden. Es ist dieser ewige Kampf, den

ich eigentlich langsam leid werde.“ Und dabei hat Kani die

österreichische Staatsbürgerschaft. Gleichwertig zugehörig

fühlt sie sich dennoch nicht.

EIN TEIL VON ÖSTERREICH

Bei Mirjana spielte die Staatsbürgerschaft letztes Jahr zum

ersten Mal keine Rolle. In ihrer Schule fand eine „Pass-

Egal-Wahl“ statt, das Klassenzimmer wurde zum Wahllokal.

Mit echten Wahlkabinen, ausgewerteten Stimmen und

Staatsbürgerschaften aus der ganzen Welt. Alle, die bei

der richtigen Wahl nicht wählen konnten, durften teilnehmen.

Viele SchülerInnen wählten zum ersten Mal in ihrem

Leben. Während andere in ihrem Alter schon an richtigen

Wahlen teilnehmen konnten, durfte Mirjana erstmalig ihre

Stimme abgeben. „Die Stimmen haben nicht gezählt, aber

trotzdem. Es war sehr schön.“ Auch Meri nahm an der

„Pass-Egal-Wahl“ teil und beschreibt eine unvergleichbare

Freude. „Obwohl es eine ungültige Wahl war, war es einfach

dieses schöne Gefühl. Und ich würde dieses Gefühl

gerne im echten Leben spüren. Ich wäre gerne ein Teil

dieser Demokratie.“

Ginge es nach der Gesetzeslage in anderen Ländern

könnten Aylin, Mirjana und Meri schon Staatsbürgerinnen

sein. Sie könnten problemlos wählen gehen, und arbeiten,

ohne um Erlaubnis bitten zu müssen – und sie müssten

nie ängstlich daran zweifeln müssen, dass dieses Land

für immer ihr Zuhause sein kann. Es sind nicht die jungen

Menschen selbst, die sich hier nicht zu Hause fühlen, es

sind andere Menschen, die ihr Heimatgefühl unterwandern

und ihnen große Unsicherheit über die eigene Zukunft aufbürden.

Es ist die Politik, die ihnen bürokratische Hürden

in den Weg legt, und ein Teil der Gesellschaft, der sie im

Glauben lässt, sie wären nicht „österreichisch genug“ für

den Pass. Ein Argument, das man im Zusammenhang mit

der Staatsbürgerschaft oft hört, ist, das Vorhandensein

einer guten Integration. Wer gut integriert sei, habe die

österreichische Staatsbürgerschaft verdient, so heißt es.

Dadurch haben Kinder das ständige Gefühl, sich beweisen

zu müssen, um in diesem Land wertgeschätzt zu

werden. „Wir müssen ihnen zeigen, dass wir uns hier zu

Hause fühlen und dass sie uns dieses Gefühl nicht einfach

nehmen können.“, sagt Meri. Dabei sollten sich Kinder in

ihrem Zuhause nicht behaupten müssen. Es sollte keine

Rolle spielen, ob Tina, Lea, Sona und Ashot gut Deutsch

sprechen oder ihre Eltern berufstätig sind. Sie verbringen

ihr Leben in diesem Land, sie gehen hier zur Schule, sie

haben hier ihre Freunde. Österreich ist ihre Heimat, so wie

es die Heimat von Kani, Meri, Aylin und Mirjana ist. Das

sollte Beweis genug sein. ●

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Clemens Nitsch

T. +43 (0)1 878 28 1216

E. clemens.nitsch@buwog.com

www.liwi.buwog.com


Frau Maurer,

wie korrupt ist

Österreichs

Politik?

Wie viele

Machos gibt

es im österreichischen

Parlament?

Wie viele

Machos kennen

sie bei den

Grünen?

Wie oft haben

Sie sich in

den letzten

Wochen für Ihr

Bundesland

Tirol geschämt?

Interview in Zahlen:

In der Politik wird genug geredet.

Biber fragt in Worten, die

Klubobfrau der Grünen, Sigrid

Maurer, antwortet mit einer Zahl.

27

8

1

Von Amar Rajković, Fotos: Eugénie Sophie

4 Mal war Sigrid Maurer in Ihrem Leben verliebt.

Mit 6 türkisen KollegInnen würde Maurer auch in Ihrer Freizeit

einen Spritzer trinken.

Wie viele

Kinder aus

griechischen

Flüchtlingslagern

sollte

Österreich

aufnehmen?

Wie viele

sexistische

Nachrichten

haben Sie in

der letzten

Woche

bekommen?

Wie oft

haben Sie Ihr

Mittelfinger-

Schampus-

Foto bereut?

Wie oft haben

Sie Schadenersatz

von der

Kronen Zeitung

gefordert?

Wie oft waren

Sie in Ihrem

Leben verliebt?

100

100

3

2

4

14 / POLITIKA /


Bis zu welchem

Jahr wird die

Koalition mit

Türkis halten?

Mit wie vielen

Türkisen

würden Sie in

Ihrer Freizeit

einen Spritzer

trinken?

Wenn heute

Wahlen wären,

wie viele

Prozent würden

die Grünen

bekommen?

Wie hoch ist die

Wahrscheinlichkeit

in Prozent,

dass Gernot

Blümel vor Ende

der Legislaturperiode

gehen muss?

Wie korrupt

ist Österreichs

Politik?

(1=gar nicht;

10=sehr)

2024

6

13

2

2

Nur 1 Mal in der letzten Woche hat sich die gebürtige Tirolerin

über die COVID-Politik von Platter & Co geschämt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Gernot Blümel vor dem Ende der

Koalition gehen muss, betitelt die Grüne Klubobfrau mit 2%.

Wie alt wollen

Sie mindestens

werden?

Vor wie vielen

Monaten

sind Sie das

letzte Mal als

Sängerin vor

einem Publikum

aufgetreten?

Wie viele

Menschen

kennen Sie, die

an den Folgen

von COVID-19

verstorben

sind?

Wie groß (in

Quadratmetern)

ist Ihre

Wohnung?

Wie viele

Bekannte

wollen seit dem

Zustandekommen

der Türkis-

Grünen-Regierung

mit Ihnen streiten?

77

2

0

50

5

/ POLITIKA / 15


ZEMIRA, DIE

BOSNISCHE

UTE BOCK:

„ICH HABE KEINE

ANGST VOR DER

POLIZEI, NUR

VOR ALLAH“

Frauen, die hierzulande meist als unterdrückte Hinterwäldlerinnen abgestempelt werden, zeigen

in der bosnisch/kroatischen Grenzregion wie Zivilcourage geht. Sie unterstützen geflüchtete

Menschen, während die europäische Hilfe nur stockend bis gar nicht ankommt. Der

Gründer der „SOS Balkanroute“, Petar Rosandić, über Heldinnen im Kopftuch.

© Ben Owen-Browne

16 / POLITIKA /


In solchen Objekten leben Flüchtlinge in Bosnien: Das

nie in Betrieb gegangene Pensionistenheim in Bihać

Die Fabrikshallen des einstigen jugoslawischen

Landwirtschaftsimperiums „Agrokomerc“

Es riecht nach Abfall und

Fäkalien als wir das unfertige

Gebäude des nie in Betrieb

gegangenen und heute

leerstehenden Pensionistenheims in

der nordwestbosnischen Stadt Bihać

betreten. Gelegen am wunderschönen

Fluss Una hätten nach den Plänen von

Titos jugoslawischen Kommunisten hier

Menschen leben sollen, die auf eine

Pflege und Versorgung rund um die

Uhr angewiesen sind. Doch als Anfang

der neunziger Jahre der Krieg in Bosnien

ausbrach, zogen die Bauarbeiter

endgültig ab und das Heim wurde nie

fertiggestellt.

Drei Jahrzehnte später wirkt das

leerstehende, graue Gebäude wie der

Schauplatz eines Ostblock-Horrorfilms.

„As-Salamu Alleykum, wie gehts dir,

mein Sohn?“, sagt unsere Begleiterin

Zemira zu einem der ungefähr hundert

Geflüchteten, die seit der Schließung

der Balkanroute in den labyrinthartigen

Räumen zumindest ein Dach über dem

Kopf gefunden haben. Die Menschen, die

hier in unmöglichen Bedingungen - ohne

Strom, Wasser und Nahrungsversorgung

- leben, freuen sich sichtlich über den

Besuch von Zemira.

HÜHNERSUPPE AUS DEM

VW POLO

Viele der dort lebenden Burschen sprechen

sie auch mit „Mama“ an. „Nein, es

sind nicht meine Kinder, aber es sind die

Kinder von jemandem, der sich Sorgen

um diese macht. Heute schreibe ich auf,

wer alles Hosen, Socken und Schuhe

braucht. Morgen kommen wir dann

wieder. Ich werde vorher kochen und

eine Hühnersuppe für die Jungs machen.

Kannst du das Feuerholz besorgen,

Pero?“, weiht mich die Frau, die wir seit

fast zwei Jahren als SOS Balkanroute

regelmäßig mit humanitären Transporten

und Geldspenden versorgen, in ihre

Pläne für die nächsten Tage ein. Als wir

einen Tag später aus dem Kofferraum

ihres polizeibekannten, hellblauen VW

Polos Hühnersuppe, Feuerholz und

Kleidung verteilen, strahlen nicht nur für

einen kurzen Moment die sonst so hoffnungslosen

Gesichter der Geflüchteten,

sondern auch das von Zemira.

Die dunklen Räume, in denen einige

Gruppen von Geflüchteten Feuer machen

und sich so zumindest wärmen können,

passen zur völlig aussichtslosen

Lage dieser Menschen. Viele von ihnen

stecken seit Jahren bereits in Bosnien

fest und sie versuchen - allen Rückschlägen

zum Trotz - immer und immer

wieder, über die Grenze nach Kroatien

zu gelangen. Die Rede ist von „The

Game“, dem Spiel die kroatische Grenze

zu übertreten, ohne dabei von Polizisten

grün und blau geschlagen und anschließend

- ohne die Möglichkeit, überhaupt

einen Asylantrag zu stellen - nach

Bosnien zurückgeschoben zu werden.

Die Berichte, Beweise und Dokumen-

© Hasan Ulukisa, Ben Owen-Browne

Für immer mehr Familien wird die EU-Außengrenze

zum Teufelskreis: Sie können weder rein, noch zurück.

Helferinnen Alma (ganz rechts) und Zehida (ganz links)

/ POLITIKA / 17


Zwei Schwestern, eine Mission: Amina und

Merdija versorgen die Flüchtlinge

Auch für Dženeta ist es selbstverständlich, zu helfen.

tationen über die brutale Gewalt der

EU-GrenzschützerInnen haben wir

Justizministerin Alma Zadić bereits im

Juni 2020 persönlich übergeben, ebenso

wie den Menschenrechtssprechern aller

Parteien im österreichischen Nationalrat,

nur nicht dem der FPÖ. Doch bis auf

den Antrag und die Initiative von Nurten

Yilmaz (SPÖ), abgelehnt von Türkis-Grün,

ist wenig passiert und nichts hat sich für

die Menschen, die wir täglich in Bosnien

versorgen, geändert.

DIE SUCHE NACH

DER MILLION

Seit zwei Jahren sind wir Zeugen, dass

in Bosnien-Herzegowina die Hilfe für

die ungefähr 10.000 Geflüchteten vor

allem von Einzelpersonen wie Zemira und

kleinen, zivilgesellschaftlichen Initiativen

abhängt. Ob es sich um Helferin

Anela in Bihać, die jungen Schwestern

und Studentinnen Amina und Merdija in

Zenica oder die Volksschullehrerin Alma

in Velika Kladuša handelt: Es sind vor

allem die Frauen, die in der bosnischen

Gesellschaft und in der seit drei Jahren

andauernden Flüchtlingskrise auf der

Balkanroute die Verantwortung übernommen

haben. Von der einen Million

Euro Soforthilfe der österreichischen

Regierung ist hingegen nichts zu bemerken.

Auch die grüne Abgeordnete Ewa

Ernst-Dziedzic, die mit uns vor Kurzem

in Bosnien war, versuchte in Gesprächen

mit LokalpolitikerInnen erfolglos, die

Spuren des von Österreich propagierten

Konzepts der „Hilfe vor Ort“ zu identifizieren.

Genauso erfolglos übrigens wie

die Suche nach den von Karl Nehammer

versprochenen Spenden für die Flüchtlinge

in den Lagern auf dem griechischen

Lesbos.

Wer vor Ort hingegen jeden Tag in

Aktion zu finden ist, ist die junge Anwältin

Dženeta Delić Sadiković in Tuzla. Als

in ihrer Stadt vor zwei Jahren rund um

den Busbahnhof Menschen begannen

ihre Zelte aufzuschlagen, war sie zur

Stelle und ist es bis heute auch geblieben.

Mittlerweile hat sie die Anwaltskanzlei

verlassen und betreut täglich

von 9 bis 18 Uhr Geflüchtete, die ins von

uns finanzierte Tageszentrum kommen.

„Ich bin froh, dass wir den Menschen

wenigstens 9 Stunden pro Tag einen

warmen Raum anbieten können“, sagt

Dženeta stolz. Dank Powerfrauen wie

ihr und ihrer Kollegin Mirela haben die

Menschen im bosnischen Dschungel der

Hoffnungslosigkeit - auf der geschlossenen

Balkanroute - wenigstens die Gelegenheit,

für ein paar Stunden täglich eine

gewisse „Normalität“ zu leben. Als wir

sie besuchen, schneiden sich die Jungs

gegenseitig die Haare, kochen Kaffee

oder spielen gemeinsam Schach.

Wie viel Einzelpersonen auch in so

einer großen Krise bewegen können,

zeigt zudem das Beispiel der Schwestern

Amina und Merdija in Zenica.

„Wir können gar nicht anders. Unsere

Im Dorf Bojna nahe der kroatischen Grenze

leben zahlreiche Kinder auf der Straße.

Das Horrorcamp Vučjak wurde als „Lager

auf der Müllhalde“ bekannt

© Hasan Ulukisa, Ben Owen-Browne

18 / POLITIKA /


Sanela war selbst mal Flüchtlingskind in der Schweiz.

Heute hilft sie anderen Geflüchteten.

Volksschullehrerin Alma hilft Menschen

am Grenzgebiet zu Kroatien.

Eltern haben uns dazu erzogen, dass

wir Menschen, die in Not sind, helfen.

Dabei ist es egal, woher diese Menschen

kommen“, sagt Amina, die mit ihrer

Schwester Merdija täglich Gruppen von

100 bis 200 Menschen in der bosnischen

Stahlstadt Zenica versorgt.

Die Mädels zeigen uns Zeichnungen

von einem Geflüchteten, der - wie

sie uns erzählen - „von vielen gemobbt

wurde“. „Jetzt hat er schon einige Zeichnungen

verkauft, weil sie den Leuten so

gut gefallen. Das hat sein Selbstbewusstsein

wieder auf Vordermann gebracht“,

sagt Merdija, die gemeinsam mit ihrer

Schwester und ihrem Vater, einem islamischen

Religionslehrer, täglich Essen

und Sachspenden in die Abbruchhäuser

bringt.

„ANGST VOR ALLAH, ABER

NICHT VOR DEN BULLEN“

„Letztens haben wir einen Jungen zur

Fremdenpolizei begleitet und wollten

einen Asylantrag mit ihm stellen. Der

Beamte hat uns schimpfend rausgeschickt

mit der Aussage, die ‚Migranten‘

seien alles Kriminelle“, erzählt uns Amina

enttäuscht. Doch so wie viele bosnische

Frauen entlang der Balkanroute kennt

auch sie kein Aufgeben. „Jetzt schauen

wir nach Sarajevo mit ihm. Dort sollen

die Beamten freundlicher sein“, so

Amina.

Dabei haben Amina, Zemira, Alma,

Sanela, Anela, Mirela oder Dženeta in

ihrer humanen Mission oft Probleme mit

der Polizei gehabt. Insbesondere im Una-

Sana-Kanton sind die Bedingungen für

Flüchtlingshilfe schwierig und die Hilfe

von Einzelpersonen ist auch offiziell verboten.

„Ich wurde schon so oft zur Polizeistation

geladen, kontrolliert, bestraft…

Aber in Wirklichkeit habe ich keine Angst

vor der Polizei, nur vor Allah“, erklärt uns

die bosnische Ute Bock Zemira.

In einer Zeit, in der Europa sich stufenweise

von seinen eigens festgelegten

Menschenrechtskonventionen verabschiedet

und die kroatische EU-Außengrenze

mit Bosnien immer mehr zum

Moria vor der Haustür wird, ist auf diese

Frauen - im Gegensatz zur Politik - auch

Verlass. Dass es sich dabei oft um Frauen

mit Kopftuch handelt, kann ein Zufall

sein oder auch nicht. Im Grunde spielt

das auch keine Rolle. Tatsache jedoch

ist: Genau jene Frauen, die von Europas

Rechtspopulisten aufgrund dieses religiösen

Symbols als „radikale Hinterwäldler“

abgestempelt werden, sind die letzten

Botinnen der Menschlichkeit entlang der

EU-Außengrenze.

Der tägliche Einsatz dieser Frauen ist

die wahrhaftige und gelebte Solidarität,

stärker als jeder Reisepass, jede Grenze,

jede Hautfarbe und jedes rechtspopulistische

Hetzplakat der Welt. ●

© Hasan Ulukisa, Ben Owen-Browne

Warten auf bessere Zeiten: Die

Zustände sind unzumutbar

HelferInnen vermerken in Listen, wer

Schuhe oder Kleidung braucht.

/ POLITIKA / 19


BIBER MACHT DEUTSCHLAND SCHARF!

Stipendiat*innen der biber-Akademie haben ab 2021 die

Chance, ihr Folgepraktikum bei jetzt in München zu machen –

dem jungen Onlinemagazin der Süddeutschen Zeitung.

Während Tirol und Bayern hart an

der Grenze sind, gehen Wien

und München eine Fernbeziehung ein.

Die biber-Akademie kooperiert von nun

an mit jetzt, dem jungen Onlinemagazin

der Süddeutschen Zeitung. Biber bringt

Nachwuchsjournalist*innen mit scharf

nach Deutschland und darauf sind wir

mächtig stolz.

Exzellente Stipendiaten aus der

biber-Akademie können seit 2021 ihr

Folgepraktikum in der Redaktion von

jetzt machen. Ein Anreiz, eine Chance

und vor allem eine Auszeichnung für

die Leistungen der biber-Akademie im

letzten Jahrzehnt. Seit 2011 macht die

biber-Akademie mit ihren Absolventinnen

und Absolventen die österreichische

Medienlandschaft diverser. Ziel war und

ist es, Jungjournalist*innen mit Migrationshintergrund

zu rekrutieren, die sonst

den Schritt in den Journalismus nicht

wagen würden, deren Perspektive aber

in den Redaktionen oft gänzlich fehlt: Sie

haben Gastarbeitereltern, Fluchterfahrung

und sie wissen, was es heißt, Rassismus

und Diskriminierung am eigenen

Leib zu erfahren – gleichzeitig sind sie

mehrsprachig, kennen kulturelle Codes

und haben Zugang zu völlig anderen

Geschichten. Die biber-Akademie versteht

sich als Talentepool und legt ihren

Stipendiat*innen durch Folgepraktika

in bewährten Redaktionen ein Sprungbrett.

Mit Erfolg: Ob im Boulevard oder in

Qualitätsmedien, biber-Stipendiat*innen

haben inzwischen Festanstellungen quer

durch die Medienwelt und machen sich

dort einen Namen.

„Die Kooperation mit jetzt freut uns

außerordentlich – nicht nur aufgrund der

langjährigen redaktionellen Partnerschaft

mit jetzt. Das Interesse aus Deutschland

zeigt, dass Diversität auch international

in den Redaktionen noch längst keine

Selbstverständlichkeit ist und es mehr als

Versprechen bedarf, diese zu erreichen.

Es braucht Expertise und Know-How.

Dass wir Stipendiat*innen nun ein Folgepraktikum

bei einem deutschen Jung-

Medium dieses Kalibers ermöglichen

können, ist eine schöne Errungenschaft“,

so Delna Antia-Tatic, Chefredakteurin

von biber.

„Das Biber ist nicht nur bekannt für

guten und vielfältigen Journalismus,

sondern auch für seine ausgezeichnete

Nachwuchsarbeit. Die Journalist*innen,

die bei Biber arbeiten, bringen spannende

Perspektiven mit, sie schreiben

Geschichten, die nah am Leben sind

und Menschen repräsentieren, die

von anderen Medien zu oft übersehen

werden. Nachdem wir inhaltlich schon

seit 2016 mit dem Magazin kooperieren,

freuen wir uns deshalb in Zukunft Biber-

Praktikant*innen auch bei uns ausbilden

zu dürfen“, so Patrick Wehner, Initiator

der Kooperation und Chef vom Dienst bei

jetzt.

Du hast Interesse an der biber-Akademie

oder möchtest dich bewerben? Dann

informiere dich auf www.dasbiber.at/

akademie und/oder schicke deine aussagekräftige

Bewerbung an Amar Rajković

rajkovic@dasbiber.at

© Andrea Zapanta Scharf

20 / MIT SCHARF /


WIR SORGEN

FÜR EINEN

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IHRE SORGEN MÖCHTEN WIR HABEN


Alle Fotos wurden für die Geschichte nachgestellt.

Auf den Bildern handelt es sich nicht um die

ProtagonistInnen aus dem Artikel. Herzlichen

Dank an das Grand Hotel Wien, das uns eine

wunderschöne Suite für das Fotoshooting zur

Verfügung gestellt hat.

22 / POLITIKA /


KOMM INS PALAIS,

WIR MÜSSEN

REDEN

Sisi, Krönchen und Schlösser: Die Monarchie in Österreich ist vor über

hundert Jahren gefallen. Trotzdem gibt es noch adelige Familien, die

den Status von damals aufrechterhalten wollen. Dabei ist der Glamour

nach außen nicht alles – wie sieht das Leben des sagenumworbenen

Blauen Bluts im Jahre 2021 von innen aus? Drei junge Adelige über ein

Geburtsrecht, das man nur schwer ablegen kann.

Text: Aleksandra Tulej, Fotos: Zoe Opratko

Das ist ein Birth-Code: Wie

du isst, wie du das Besteck

hältst, wie du die Hand

reichst, wie du jemanden

ansprichst. Etikette wurde uns immer

eingetrichtert. Ordentlich kleiden, nicht

zu viel Schmuck tragen. Das war meiner

Großmutter sehr wichtig, die war noch

von der ganz alten Schule. Ohrringe habe

ich mir heimlich stechen lassen“, erzählt

die 29-Jährige Mia. Kaiserin Sisi von

Österreich war Mias Ur-Ur-Ur-Ur-Großmutter,

in der direkten Linie väterlicherseits.

Wenn es heute noch die Monarchie

gäbe, würde Mias voller Name „Mia, Prinzessin

zu Windisch-Graetz“ lauten.

„An Weihnachten bei meiner

Groß mutter in Wien hatten wir immer

Köche, Angestellte und Kellner. Das war

normal.“ Genau wie antike Möbel und

Gemälde zuhause, damit ist Mia aufgewachsen.

„Die Weihnachtsfeste an sich

waren sehr schön, aber sie waren eben

nie intim. Meine Großmutter hat sich

auch nie selbst die Haare gewaschen

oder gekocht. Sie ist leider vor einigen

Jahren verstorben. Sie war eine tolle

Frau, ich hatte eine starke Bindung zu

ihr.“ Mias Großmutter hat es geliebt,

Tees und Feiern zu veranstalten – die

ganz großen dann auf einem Schloss.

„Aber sie war eben noch sehr traditionell.“

Mias Eltern sehen all das schon

wesentlich lockerer. Und Mia sowieso.

„Meine Tante hat heute noch jemanden,

der ihr die Haare wäscht. So ein dekadentes

Leben in der heutigen Zeit zu führen,

lehne ich ab. Das ist erstens nicht

zeitgemäß, zweitens zeugt das davon,

dass man nie unabhängig sein kann“, so

die 29-Jährige. Sie verwendet heute den

bürgerlichen Nachnamen ihrer Mutter.

Sie hat ihren eigentlichen Namen immer

gehasst, erzählt sie. „Wenn ich Briefe

bekomme, die an „Mia, Prinzessin zu

Windisch-Graetz“ adressiert sind, muss

ich einfach nur lachen.“ Mia hat sich

heute stark von diesen Kreisen distanziert

– auch wenn ihre Herkunft immer

Teil ihrer Identität sein wird.

MEHR SCHEIN

ALS SEIN

Die kaiserlich und königliche Monarchie

(k. u. k.) in Österreich ist 1918 gefallen.

Seit dem Adelsaufhebungsgesetz 1919

sind über hundert Jahre vergangen. Das

„von“ im Nachnamen darf man seitdem

in Österreich nicht mehr führen. Schätzungsweise

würden 1,4 Prozent der

österreichischen Bevölkerung heute zum

Hochadel gehören. Ein kleiner Kreis also

– und einer, der sich für Außenstehende

nur schwer öffnet. Trotzdem oder genau

deshalb bringt die sagenumwobene

Aristokratie noch immer eine gewisse

Faszination mit sich – sie trägt hierzulande

eine lange Tradition. Allerdings liest

man, wenn überhaupt, dann nur in der

Klatschpresse oder in Historienromanen

darüber: Wie steht es wirklich um den

jungen Adel in Österreich? Wie leben

junge Adelige? Ist alles Glitzer und Glamour?

Und vor allem: Was spielt sich in

diesen geschlossenen Kreisen ab, in die

man schwer hineinkommt?

Mia klärt auf: „Es ist mehr Schein

als Sein. Diese ganzen Schlösser und

Angestellten, das hört sich ja irgendwann

auch auf. Aber es ist schwierig,

einen Lebensstandard, den Adelige

früher hatten, aufrechtzuerhalten. Und

das erfordert heute mehr als nur einen

Namen.“ Es herrscht die Annahme, dass

alle Adeligen nach wie vor sehr reich

sind. „Ja, man hat vielleicht Familienschmuck,

den andere nicht haben, aber

es ist ganz bestimmt nicht mehr so, wie

damals.“ Vorab: Den „Typus Adeliger“

gibt es nicht. Vor allem heutzutage hält

/ POLITIKA / 23


sich nicht mehr jeder und jede an die

vorgegebenen Regeln. Wie überall gibt

es die, die Klischees bedienen, und die,

die den Zuschreibungen ganz und gar

nicht entsprechen. Und jene, die all dies

kritisch hinterfragen.

Wie Anna * , die aus einem anderen

österreichischen Adelsgeschlecht

stammt. Anna ist heute in der Kreativbranche

tätig. Sie möchte anonym

bleiben. Soviel muss reichen: Ihre Eltern

wären, wenn es die Monarchie noch

gäbe, beide Graf und Gräfin. Der Adel

in Österreich ist eng vernetzt, also ist

Vorsicht geboten, wenn man aus dem

Nähkästchen der eigenen Familie plaudert.

Soviel muss reichen: Ihre Eltern

sind beide Graf und Gräfin. „Dieser Kreis

will etwas aufrechterhalten, das einfach

nicht mehr existiert. Richtig viele Familien

können sich das aber einfach nicht

mehr leisten, die ganzen Schlösser zum

Beispiel, von denen sie sich aber nicht

trennen können. Es ist ein riesiges Privileg,

so aufzuwachsen. Aber es ist Fluch

und Segen zugleich“, so die 31-Jährige.

Besitztümer und Materielles sind eine

Sache. Aber was beide Frauen wirklich

beschäftigt, sind die Werte, die ihnen

von klein auf beigebracht wurden.

„MAHLZEIT“ SAGT

MAN NICHT

Etikette sei wichtig, besonders Manieren

„Dieser Kreis

will etwas aufrechterhalten,

das so nicht

mehr existiert.“

beim Essen. Bei Tisch gerade sitzen, die

Gabel speziell halten, und die Serviette

auf den Schoß legen. „Wer diese Etikette

nicht beherrscht, wird bei uns schief

angeschaut.“ Adelige erkennen Adelige

– da sind sich Anna und Mia einig. Vor

allem an ihren Tischmanieren.“

„Wir essen nicht wie Bauern“, hieß es

immer in Annas Familie. „Guten Appetit“

oder „Mahlzeit“ sage man nicht vor dem

Essen. Niemals. Das kommt laut Mia

daher, dass in gediegenen Kreisen Essen

nichts Besonderes sein durfte. „Mahlzeit“

war etwas für die Armen, die sich über

Essen am Tisch gefreut hatten. „Das war

bei uns ein totales No-Go.“ Mia erinnert

sich, als sie eines Tages ihren damaligen

Freund zu einem Essen bei ihrer

Großmutter mitgenommen hatte. Er war

Musiker aus Berlin und die Adels-Etikette

war ihm fremd. Als das Essen serviert

wurde, hatte er allen „Guten Appetit“

gewünscht und damit die Runde in Verlegenheit

gebracht. Mia und Anna haben

sich beide schon dabei erwischt, wie sie

bei vergangenen Partnern darauf geachtet

haben, ob diese auch Tischetikette

beherrschen. „Ob er gerade sitzt, ob er

„richtig“ isst“, erzählt Mia. Heute hat sich

diese Denkweise bei ihr stark geändert.

“Das war so bescheuert von mir. Aber

es war einfach so tief in mir verankert.“

Es hat auch bei Anna Jahre gedauert,

bis sie es geschafft hat, die Denkmuster

aus ihrer Kindheit aufzubrechen. Vieles

werde so gelebt, weil "man das eben

so macht": Die Etikette, der sonntägliche

Gang in die Messe, die Exklusivität.

Irgendwann hat Anna begonnen, all dies

stark zu hinterfragen. „Ich musste mich

quasi selbst neu erziehen, damit ich mich

für die Welt öffnen kann.“ Heute erzählt

Anna reflektiert und offen über ihre Vergangenheit.

Ihre Kindheit hat sie trotz all

der Regeln aber gut in Erinnerung.

Auch der 26-Jährige Medizinstudent

Friedrich*, dessen Mutter aus einem

österreichischen Ritterstand stammt, und

dessen Vater aus Deutschland kommt,

hat eine strenge Erziehung genossen,

wie er selbst sagt. „Vor allem was die

Tischkultur angeht. Vernünftig und höflich

benehmen – das heißt: leise sein und

sich den Gepflogenheiten anpassen, das

wurde uns immer eingebläut.“ Friedrichs

Eltern war es immer sehr wichtig, dass

ihre Kinder „etwas vorzeigen können“:

Wie Klavierspielen oder gute sportliche

Leistungen. „Da waren meine Eltern

sehr bedacht darauf.“ Nach Außen eben.

Innerhalb der Familie war das anders:

„Meine Familie ist sehr distanziert. Es

wird wenig mit Emotionen umgegangen.

Ich habe so gut wie nie gesehen, dass

meine Eltern sich küssen oder körperliche

Nähe zeigen.“

„AM LIEBSTEN WÄRE

IHR JA PRINZ HARRY

GEWESEN.“

Friedrich lässt das „von“ bei seinem

Nachnamen gerne aus - vor allem auf

seinem Namensschild im Krankenhaus,

in dem er gerade arbeitet. Er dürfte es

offiziell noch angeben, da er halb Deutscher

ist. In Deutschland ist das „von“

nicht abgeschafft, aber Friedrich lebt in

Österreich. „Dann fragt mich niemand

über meine Familie aus. Das würdest

du ja andere Leute auch nicht fragen.“

Mia und Anna hängen ihre Herkunft

auch nicht an die große Glocke. Es sei

irgendwo ein Stigma, von dem man

nicht loskommt: Ob Bemerkungen im

Geschichtsunterricht, Mobbing durch

MitschülerInnen und die Tatsache, dass

jeder alles über deine Familiengeschichte

nachlesen kann – auch durchaus negative

Vorfälle. Das Gefühl, sich rechtfertigen

zu müssen, sei sehr präsent.

„Ich habe lange gedacht, dass ich

24 / POLITIKA /


„Es ist ein riesiges Privileg, so aufzuwachsen. Aber es ist Fluch und Segen zugleich.“

benachteiligt werde. In der Schule, bei

zwischenmenschlichen Situationen. Aber

ich bin natürlich krass privilegiert bei den

Dingen, auf die es wirklich ankommt.

Wie beispielsweise in der Arbeitswelt“,

resümiert Anna.

Nach außen hin wolle man sich

bedeckt halten. „Untereinander“ sei das

aber anders: „Du wirst mehr akzeptiert,

wenn du aus „gutem Hause“ bist,

vor allem von den älteren Leuten“, so

Mia. Man wolle unter sich bleiben. „Der

Kreis öffnet sich für Außenstehende

sehr schwer“, so Friedrich. Und dieser

Kreis ist hier in Österreich klein. „Ab der

dritten Feier, auf der du warst, weißt

du schon genau, wer wer ist.“ Das wird

von den älteren Generationen auch so

propagiert: Cocktailpartys und Feste, auf

denen die Sprösslinge aus Adelsfamilien

zusammengewürfelt werden. Anna*

konnte damit nie richtig etwas anfangen:

„In diesen Kreisen sind ganz basale patriarchale

Strukturen so präsent. Vor allem

beim Dating – Slutshaming sei gang und

gäbe. „Das habe ich selbst erlebt und

von einigen Frauen gehört. Dieses „Der

Mann ist der Held, und die Frau wird

verurteilt“ werde ganz stark gelebt. Nach

außen hin zählt aber der Schein.

Mias Großmutter war erpicht darauf,

dass ihre Enkelinnen einen adeligen

Partner finden. „Am liebsten wäre ihr

ja Prinz Harry gewesen“, lacht Mia.

„Sie war eben noch von der ganz alten

Schule. Ich selbst habe mich immer

dagegen gesträubt, jemand mit adeligem

Hintergrund zu daten.“ Den Prototyp des

adeligen jungen Mannes, der rote Hosen

und ein Jägersakko trägt und Familienwappen

vergleicht, lehnt Mia entschieden

ab. Obwohl sie genug davon kennt.

„Ich wollte immer das Gegenteil: Ich

fühlte mich immer zu Rebellen hingezogen“

Da Mias Vater auch schon gegen

diese Limitationen rebelliert hat, wurde

es nach und nach akzeptiert. Weder

Mias, noch Annas, noch Friedrichs Eltern

haben sie dazu gedrängt, „standeswürdige“

Partnerschaften zu schließen. Alle

drei haben ein gutes Verhältnis zu ihrer

engen Familie. Im erweiterten Kreis sieht

das allerdings schon problematischer

aus.

BLACKFACE, SEXISMUS

UND CHAMPAGNER

Im September 2015 war Anna auf einer

Aristo-Hochzeit eingeladen. „Der Empfang

war in einem Park aufgebaut: Und

dann haben wir erfahren, dass genau

da, wo wir jetzt unter dem weißen Zelt

mit unserem Champagner und Kanapees

stehen, in der Nacht zuvor Flüchtlinge

übernachtet haben. Da habe ich wirklich

gemerkt, dass unsere Welt realitätsfern

ist.“ Stichwort Parallelgesellschaft. Anna

führt heute immer wieder hitzige Diskussionen

über Feminismus und Gleichberechtigung

mit Familienmitgliedern

– und stößt teils auf Zustimmung, aber

teils auch auf taube Ohren. „Man spricht

nicht darüber, dass es Leute gibt, denen

es schlechter geht als einem selber. Es

kommt auf die Leute drauf an; manche

sind offener, manche kritischer, auch was

das Politische angeht, die sind aber eher

die Ausnahme“, so Friedrich. „Österreich

ist ein goldener Käfig. Wir haben hier

nicht so viele Kulturen wie beispielsweise

in London oder Paris. Und: Unser Sozialsystem

ist sehr gut und das kaschiert viel

/ POLITIKA / 25


an Armut.“ Wie gut ihre gesellschaftliche

und finanzielle Situation ist, ist nicht allen

so bewusst, wie Anna, Mia und Friedrich.

Eine Arroganz und ein Obrigkeitsgefühl

seien durchaus präsent.

„Bei diesen Adels-Festen werden teilweise

Sexismen und Rassismen reproduziert,

das ist wirklich arg. Es werden

Witze über Menschen gerissen, die einen

anderen Background haben.“ Anna ist

besonders eine Situation in Erinnerung

geblieben. „Es gab eine Kostümparty.

Das Motto war Safari – die Gäste waren

als Tiere oder Dandys verkleidet. Und es

gab tatsächlich einen, der als Sklave verkleidet

war. Inklusive Blackface und Kette

am Fuß. Und da hieß es dann von einigen

anderen Anwesenden: ‚Darf ich die

Kette auch mal halten?‘“, erinnert sich

Anna. „Ich habe so viel Scham gespürt.

Es war ein betretenes Schweigen im

Raum, aber gesagt wurde trotzdem

nichts. Ich war aber erst 16 Jahre alt und

wusste nicht, wie ich mich verhalten soll.

Mir war aber klar, dass das ganz falsch

ist. Das war auch der erste Moment, wo

ich gemerkt habe, dass ich weiß bin.“

Sowohl Anna als auch Mia haben sich

viel mit ihrer Identität und den Strukturen,

in denen sie aufgewachsen sind,

beschäftigt. Sie sind sich ihrer Privilegien

bewusst und kritisieren deshalb

auch das, was falsch läuft. Wie in allen

Gruppen, die von außen als homogen

betrachtet werden, aber eigentlich divers

sind, gerät man auch in Adels-Kreisen

schnell in einen Topf. „Es gibt wie überall

solche und solche“, so Mia. Die Erfahrungen

der drei sind subjektiv –und stehen

nicht representativ für die ganze Gruppe–

aber sie sind hilfreich, um einen Blick

„von innen“ zu bekommen.

EIN WELTWEITES

NETZWERK

Der familiäre Zusammenhalt wird in

Familien aristokratischer Herkunft groß

geschrieben, wie Mia, Anna und Friedrich

berichten. Alles wird groß gefeiert:

Geburtstage, Hochzeiten und Feiern aller

Art. Bei Todesfällen beispielsweise wird

von allen Seiten Geld gesammelt und

Unterstützung geboten. So war es auch,

als Annas Vater vor einigen Jahren plötzlich

verstorben ist. Man hält zusammen,

auch international. „Das ist ein riesiges

weltweites Netzwerk. Ich kann sagen: Ich

will an irgendeinen beliebigen Ort auf

der Welt und es gibt immer irgendeine

Tante, die irgendwen dort kennt, wo man

unterkommen kann“, lacht Anna. Auch

Friedrich bestätigt das: „Das schöne

ist: Man kennt überall Menschen, man

weiß, wenn man nach Madrid fliegt,

dann kennt man irgendeinen Cousin und

kann dort schlafen. Auch wenn man den

vielleicht nicht so gut kennt.“ Mia hat

ihre Au-Pair Monate in Italien verbracht

- bei einer adeligen, sehr wohlhabenden

Familie, die sie durch ihre Großmutter

kennengelernt hat. „Unsere Familien sind

sehr groß und vernetzt - und das auf

der ganzen Welt. Dadurch kann man viel

reisen und ist meist dann auch überall

sehr willkommen.“ Mia findet es schön,

dass sie durch ihren Background so viel

über ihre Familie lesen kann. „Ich weiß,

dass es außergewöhnlich ist, dass ich

über meine Vorfahren so viel erfahren

kann“, sagt sie.

„MAN KANN NICHT

ALLE STRUKTUREN

AUFBRECHEN“

„Das Interessante ist ja: Man denkt

heutzutage, dass man alle möglichen

Strukturen durchbrechen kann. Aber das

hier, das bleibt aufrecht. Auch 100 Jahre

später.“ Man würde immer und immer

wieder untereinander bleiben und untereinander

heiraten. Richtig werten will

Friedrich das nicht. Mia und Anna haben

noch nicht aufgegeben: Sie können sich

EXPERTIN DR. GUDULA WALTERSKIRCHEN IM INTERVIEW

Die Historikerin, Journalistin

und Autorin Gudula Walterskirchen

hat mehrere Bücher

veröffentlicht, die sich mit der

Entwicklung des österreichischen

Adels auseinandersetzen.,

wie unter anderem das

Buch „Der verborgene Stand.

Adel in Österreich heute“. Sie

liefert die Hintergründe:

BIBER: Frau Walterskirchen, seit dem Adelsaufhebungsgesetz

1919 sind mehr als hundert Jahre vergangen. Wieso gibt es

dann noch heute, im Jahre 2021, Familien, in denen die adelige

Abstammung, die Traditionen und die Blutlinie noch solch

eine Rolle spielen?

GUDULA WALTERSKIRCHEN: Man muss erstmal zwischen

Hochadel und niederem Adel unterscheiden. Das hatte lange

mit der Hoffähigkeit zu tun: Nur der Hochadel hatte Zugang

zum kaiserlichen Hof. Nachdem wir schon hundert Jahre Republik

haben, spielt das heute natürlich keine Rolle mehr. Aber

einiges hat sich erhalten: Da hingehend, dass diese bekannten

© Rita Newman

und früher einflussreichen Familien noch immer einen exklusiven

Zirkel bilden. Aber auch jene, die früher dem niederen Adel

angehört haben, bei denen das mitunter am Familiennamen

nicht gleich zu erkennen ist, legen großen Wert auf ihren Status,

auf die Traditionen. Das alles wird aber nach innen gelebt,

innerhalb der Familie und der sozialen Gruppe. Nach außen hin

versucht man eher unauffällig zu sein. Beim Standesbewusstsein

muss man unterscheiden zwischen jenen, die noch über

einen angestammten Besitz verfügen, und denen, die alles

verloren haben, weil sie beispielweise aus kommunistischen

Staaten vertrieben wurden. Das ist ein kollektives Trauma, und

man will den früheren Status wieder erreichen.

Man will also „unter sich“ bleiben. Inwiefern spielt das auch bei

Beziehungen oder Heirat eine Rolle?

Grundsätzlich wird es oft noch immer lieber gesehen, wenn

der Partner aus einer Familie stammt, die man kennt. Man will

unter sich bleiben, um das Vermögen und den Besitz abzusichern

und den Status zu erhalten. Dabei geht es nicht bloß um

Geldvermögen, sondern viel mehr um den Erhalt von Traditionen

und Werten: Beispielsweise über Generationen zu denken,

viele Kinder zu haben und sehr religiös zu sein.

26 / POLITIKA /


nicht vorstellen, dass diese Muster noch

lange erhalten bleiben – und das wollen

sie auch nicht. Sie sehen nicht ein, dass

man etwas, das einfach nicht mehr existent

ist, mit einer künstlichen Arroganz

weitertragen will.

Anna wünscht sich, dass interne

Strukturen aufgebrochen werden und

man offener wird. „Über den heutigen

Adel liest du in der Klatschpresse oder in

Historienromanen, die alte weiße Männer

geschrieben haben.“ Es gäbe selten

etwas dazwischen. „Das einzige, was du

von außen mitbekommst, ist, dass in der

Berufswelt recht hohe Positionen von

solchen Familien eingenommen werden.

Und die ganze Freunderlwirtschaft. Aber

die internen strukturellen Probleme reichen

viele Generationen zurück, werden

teils nicht hinterfragt oder offen aufgearbeitet.

Das muss sich endlich ändern.“ ●

„Über den heutigen

Adel liest du in der

Klatschpresse oder

in Historienromanen,

die alte weiße Männer

geschrieben haben.“

Alle Fotos wurden für die Geschichte nachgestellt

– bei den abgebildeten Personen handelt es sich

nicht um die Protagonistinnen aus dem Artikel.

Die Namen, die mit einem * versehen sind, wurden

von der Redaktion geändert.

Die Aufnahmen sind im Grand Hotel Wien entstanden.

Man geht in diesen Familien davon aus, dass die Werte und

Traditionen eher weitergegeben werden, wenn man jemanden

heiratet, der aus genauso einer Familie stammt. Wie überall,

wenn man einer gewissen „Gruppe“ angehört. Von Generation

zu Generation wird der Anteil der rein aristokratischen Ehen

allerdings immer geringer, das habe ich auch statistisch untersucht

– die Verbindungen zu bürgerlichen Familien nehmen

immer mehr zu. Mangels Kaisertum gibt es keine Nobilitierungen

(anm.d. Red.: Erhebungen in den Adelsstand) mehr, Familien

sterben aus, es gibt immer weniger die „infrage kämen“

und die Standesdünkel nehmen ab.

Und wenn man jemanden heiratet, der nicht „standesgemäß“

ist?

Das ist von Familie zu Familie unterschiedlich. Ein prominentes

Beispiel, wie schwierig das mitunter sein kann, war die Ehe von

Karl Habsburg-Lothringen und Francesca Thyssen-Bornemisza.

Francesca Thyssen kommt aus dem niederen Adel und ist eine

extravagante Frau. Da hat es in Habsburg-Kreisen geheißen

„Die passt nicht zu uns, das wird nicht gut gehen.“ Obwohl sie

viel Geld in die Ehe mit eingebracht und versucht hat, sich dem

konservativen Lebensstil anzupassen, hat das nicht viel geändert.

Nach der Scheidung hieß es dann: „Kein Wunder, dass die

Ehe gescheitert ist, die hat nie zu uns gepasst.“ Die Vorbehalte

bei nicht-standesgemäßen Verbindungen sind also nach wie

vor präsent.

Mit welchen Problemen und Vorurteilen, die dem Mainstream

unbekannt sind, hat der heutige „Adel“ zu kämpfen?

Die Abgeschlossenheit mag nach außen hin wie die einer versnobten

Elite wirken. Es steckt aber auch die Sorge dahinter,

dass die Außenwelt einem wegen seiner Abstammung feindselig

begegnet. Daher sind Angehörige aus Adelskreisen oft

sehr vorsichtig, wenn man sich noch nicht gut kennt. Das hat

sehr viel mit den Vorurteilen zu tun, die Adeligen häufig entgegengebracht

werden: Wenn wir „normalerweise“ Menschen

kennenlernen, nehmen wir die Person als Individuum wahr.

Wenn man aber einen prominenten Nachnamen wie beispielsweise

„Schwarzenberg“ trägt, ist man kein Individuum mehr,

sondern man ist Mitglied einer Gruppe. Und hier gibt es zwei

Möglichkeiten, wie einem gegenüber begegnet wird: Entweder

mit Bewunderung und fast schon Unterwürfigkeit, oder mit

Feindseligkeit. Niemand aber begegnet einem ohne eine Reaktion.

Man wird nicht wirklich als eigenständige Person wahrgenommen,

sondern als Mitglied einer sozialen Gruppe, der Ruf

der gesamten Familie ist entscheidend. Das kann nützen, aber

auch schaden. Unbelastet davon sind diese Menschen nie.

/ POLITIKA / 27


28 / EMPOWERMENT SPECIAL /

© Zoe Opratko, Tina Herzl, bereitgestellt


ICH

BESTIMME.

PUNKT.

Mein Körper, mein Leben, meine Entscheidung – ein

biber-Special über die Selbstbestimmung von Frauen.

Junge Journalistinnen, Aktivistinnen und Community-Insiderinnen

berichten, warum auch 2021 ein freies

und gleichwertiges Leben für sie keine Selbstverständlichkeit

ist. Und wie sie dafür kämpfen.

Ob es darum geht, westlichen Schönheitsidealen nicht mehr nachzueifern, der

konservativen somalischen Community zu trotzen oder als afghanische Frau

ein neues Leben in Österreich zu beginnen: Junge, migrantische Frauen zeigen,

wie Selbstbestimmung geht. Das Empowerment-Special erscheint in print und

online.

Die besten Texte übersetzen wir auf mehrere Sprachen – von Farsi bis Russisch.

Das Ergebnis lest ihr auf den folgenden Seiten. Dort findet ihr Frauenpower

in völlig neuer Dimension und mit klarer Ansage: Wir bestimmen. Punkt.

Das Projekt „Du bestimmst.Punkt.“ findet im Rahmen des Aufrufs „Maßnahmen gegen

Gewalt und zur Stärkung von Frauen und Mädchen im Kontext von Integration“ des

Österreichischen Integrationsfonds statt. Dieses Projekt wird durch den Österreichischen

Integrationsfonds finanziert. Die Redaktionelle Verantwortung liegt allein bei biber.

/ EMPOWERMENT SPECIAL / 29


DER RUF

DER FAMILIE

Was sollen die anderen denken? Dieser

Satz ist Teil ihrer DNA. Yasmin Maatouk

ist Österreicherin und Feministin, für

ihre koptischen Eltern ist sie vor allem

„Ehrenfrau“. Warum sie sich an strenge

Regeln halten muss, da sie sonst nicht nur

Schande über ihre Familie, sondern auch die

von anderen bringen könnte, erzählt sie hier.

Ich, als gebürtige Österreicherin und Tochter ägyptischstämmiger

Eltern, habe die Unterschiede der zwei Kulturen

früh erkannt. Der für mich signifikanteste Unterschied liegt

im Stellenwert der Familie. Innerhalb meiner arabischen vier

Wände, die mich von den österreichischen Werten abgrenzen,

wurde mir bereits in meine Windeln gelegt, was Familie bedeutet:

alles. Und ich, das Mädchen, die Frau, die Tochter, kann

mich mit meinen Lebensvorstellungen hinten anstellen. Falls

Schlange stehen überhaupt etwas bringt. Individuelle Wünsche?

So was gibt es bei uns nicht, so was kennen nur Österreicher.

Zunächst geht das Tochtersein natürlich mit Verpflichtun-

© Ūla Šveikauskaitė

30 / EMPOWERMENT SPECIAL /


gen einher. Auch wenn ich nicht die älteste Tochter bin, bleibt

in Sachen Haushalt, Küche und Wäsche, genügend für mich

übrig. Bin ich damit fertig, wartet schon die familiäre „Paper-

Work“ auf mich. Ich kümmere mich um die E-Mails meiner

Mutter, die als Altenpflegerin in Österreich zwar seit 13 Jahren

schuftet, deren Deutsch für das Magistratskauderwelsch aber

leider nicht ausreicht. Und natürlich bin es auch ich, die das

Home-Schooling meines neunjährigen Bruders begleitet. Diese

Familienarbeit ist zwar energieraubend und hält mich nicht

selten von meinem Studium ab, aber darüber beklage ich mich

nicht, denn sie gehört gemacht und ist notwendig. Was mich

stört, ist etwas anderes. Etwas, das mit meinem österreichischen

Blick auf die Welt nicht existenziell ist: koptische Family

Affairs.

KOPTISCHE FAMILY AFFAIRS

Warum muss ich überall dabei sein? Warum muss ich dreimal

die Woche zu Community-Veranstaltungen der Kopten Wiens,

warum muss ich mein Outfit für diese Veranstaltungen wie ein

kleines Kind von meiner Mutter absegnen lassen? Und warum

muss ich bei der Bewirtung der Eltern des Verlobten meiner

großen Schwester – ja langsam lesen – jedes einelne Mal den

Kaffee servieren? Obwohl ich eigentlich eigene Termine hätte,

an der Uni zum Beispiel. Doch da zuckt meine Mutter nur mit

den Schultern: Absagen ist ihre Divise, die Familie geht vor.

Für sie ist das nämlich so: Eine Tochter zu haben, die nicht an

allen Familienaktivitäten teilnimmt, wirft ein schlechtes Licht

auf die gesamte Familie. Es wäre ein Anstoß für die misstrauische

Frage: „Was kann für deine Tochter denn wichtiger sein

als die Familie?“ Damit solche Fragen gar nicht erst entstehen,

die Ehre der Tochter nicht hinterfragt wird und womöglich die

Ehre unserer Familie leidet, heißt es: Yasmin, anwesend sein!

Meine eigenen „Wünsche“ fallen nicht ins Gewicht und ich rede

hier nicht von Spaziergängen mit Freundinnen, sondern meinen

Arztterminen oder sogar Prüfungen. Wenn ich meinen autochthonen

Freund*innen diese Sorgen schildere, kommt immer

dieselbe Aussage: „Mach es doch einfach nicht!“ Wenn es nur

so einfach wäre. Die Verpflichtungen, mit denen ich in meinem

Alltag konfrontiert werde, sind anders als auf arabischen Märkten,

nicht verhandelbar. Und auch wenn mir persönlich der

Familienruf seit Kindesalter unwichtig ist, bin ich mir bewusst,

wie wichtig er meiner Familie ist. Der „Ruf der Familie“ wurde

mir angeboren, als ich in meine Familie hineingeboren wurde.

„Was sollen denn die anderen von uns denken?“, lautet

Mamas Lieblingssatz. In letzter Zeit sind diese anderen übrigens

ganz besondere Leute: Es sind die zahlreichen Verwandten

des Verlobten meiner Schwester. Dass meine Schwester

sich einen Kopten gesucht hat, macht die Sache nicht unbedingt

leichter. Denn für mich bedeutet das nicht nur, dass ich

zweimal wöchentlich die Barista daheim mime und mit nettem

Geplänkel den Besuch unterhalte. Nein, ich muss auch mein

Verhalten abseits dieser Zusammentreffen noch sorgfältiger

prüfen als früher. Denn zu der ewigbekannten Frage, was würde

meine Familie dazu sagen, kommt nun die Metaebene dazu:

Was würde seine Familie dazusagen? Die des Verlobten meiner

Schwester. Kompliziert? Welcome to my world. Nach arabischer

Logik kann ich nämlich den Ruf seiner Familie ruinieren.

„EHRENFRAU“ DATET NICHT

Dass ich eine Tochter, sprich Frau bin, spielt hier natürlich eine

Schlüsselrolle. Bestimmte Restriktionen treffen mich gezielt,

weil bestimmtes Verhalten in unserer Community nicht „Lady-

Like“ ist. Wenn ich bei einer Freundin übernachten möchte,

kriege ich zu hören: „Du bist kein Mann, dass du woanders

nächtigen darfst.“ Obwohl ich nach österreichischem Gesetz

mit meinen 19 Jahren eine mündige Erwachsene bin, bin ich

nach arabischem Gesetz vor allem eines: „Ehrenfrau“. Und

die darf nicht daten. Mit Mitte 20 erwartet man aber von mir,

dass ich einen Ring am Finger habe. Die ungeklärte Frage: Wie

bekomme ich meinen Ehemann? Es ist 2021 und eine Pandemie

prägt unseren Alltag. Clubs und Bars sind eh nichts für

Ehrenfrauen. Aber nicht einmal die Universität bietet Kennenlernmöglichkeit.

Doch Gott bewahre, wenn eine koptische

Frau eine Dating App wie zum Beispiel Tinder benützt. Man

sollte meinen, dass sie nicht erwischt werden würde, weil ja

auch alle männlichen Kopten „Ehrenmänner“ sind und darauf

verzichten. Ein Blick auf die App verrät jedoch, dass männliche

Kopten vom ungeschriebenen Tinder-Tabu ausgenommen

sind. Freundinnen von mir nehmen sich trotzdem die Freiheit

heraus, Tinder zu nutzen, aber das Credo lautet immer: „Bloß

keinen Kopten sehen oder irgendjemanden der möglicherweise

in seinem Leben einen Kopten oder eine Koptin kennt.“ Wenn

eine von uns ohne bevorstehende Hochzeit händchenhaltend

mit einem Mann sehen würde, wäre das eine Katastrophe,

eine Schande. Würde ich theoretisch eine Dating-App nutzen,

würde das mit Sicherheit so ablaufen: Es würde sich in kürzester

Zeit in der Community herumsprechen, Gerüchte würden

entstehen und meiner Familien-Bewertung würde ein Stern

abgezogen werden. Und das Schlimmste: Der Ruf meiner Familie

wäre beschädigt, der meiner Schwester, der ihres Verlobten

und der seiner Familie. Denn die Rechnung ist so einfach

wie belastend: Prestige meinerseits heißt Prestige für meine

Familie. Schande meinerseits heißt Schande für meine gesamte

Familie. Und das ist der entscheidende Unterschied, der sich

nicht leicht ins Deutsche übersetzen lässt. Wenn es um den

Ruf der Familie geht, geht es um viel mehr als nur ein positives

Auftreten und möglichst wenig kursierende Gerüchte. Es geht

um das Aufrechterhalten von zwischenmenschlichen Beziehungen

und den Respekt innerhalb der Community. Das, was ich

mache, wird von gefühlt tausenden Augen meiner Community

beobachtet und auf meine ganze Familie projiziert.

Ich glaube, das ist das Schlimmste an dem Versuch, eine

moderne Frau in einer arabischen Community sein zu wollen:

die lähmende Angst. Sei es beim Daten, beim Händchen halten

oder bei einem anderen Community-Verstoß. Denn unabhängig

wie überzeugt ich von meinen Werten bin, es geht immer um

meine Verantwortung für den Ruf der Familie. ●

Yasmin Maatouk ist 19 Jahre alt und

absolviert gerade die biber-Akademie. Yasmin

studiert Publizistik und setzt sich für

Emanzipation und Frauenrechte innerhalb

ihrer koptischen Community in Wien ein.

/ EMPOWERMENT SPECIAL / 31


JOURNALISTIN TANYA KAYHAN:

„Männer können

Frauen nicht helfen“

Sie war ein Medienstar mit Chauffeur, berichtete über die Taliban, bis sie vor ihnen fliehen musste.

In Österreich war Tanya Kayhan plötzlich nur mehr die Afghanin und Muslima. In ihrer Community

fürchtete sie ein schlechtes Image, weil sie als Frau allein war. Im biber-Interview erzählt sie, warum sie

den persischen TV-Sender OXUS gegründet hat, wie afghanische Männer bewusst Analphabetinnen

ausnutzen und warum sich die Integrationspolitik mehr auf afghanische Obfrauen konzentrieren sollte.

Interview: Delna Antia-Tatić

BIBER: Führen afghanische Frauen in

Österreich ein selbstbestimmtes Leben?

TANYA KAYHAN: Sie können in Österreich

an Selbstbestimmung dazugewinnen,

das ja. Erstens, weil die Regierung

ihnen hilft. Zweitens, weil die österreichischen

Gesetze den Frauen mehr Rechte

geben und die Gesellschaft sehr offen

ist. Und drittens, weil sie hier in Österreich

ausgebildet werden – im Gegensatz

zu ihrer Heimat Afghanistan. Meistens

haben sie hier die Chance in die Schule

oder an die Universität zu gehen, oder

eine Ausbildung zu machen.

Du zählst natürlich zu den gebildeten

Frauen aus Afghanistan. Du hast in

Kabul als Journalistin gearbeitet. Wie

war das?

Ja, ich war eine bekannte Journalistin in

Afghanistan – ein bekanntes Gesicht in

der Medienwelt. Trotzdem hatte ich nicht

genug Freiheit. Damals, kurz nach dem

Talibansturz 2005, war die Gesellschaft

nicht bereit für uns Frauen in den Medien.

Bei unserer Arbeit wurden wir diskriminiert,

was eine Karriere sehr schwierig

machte. Obwohl Frauen die Chance

haben, in den afghanischen Arbeitsmarkt

einzutreten, nach oben schaffen sie es

selten.

Du schon.

Ja. Weil ich viel gearbeitet habe und vor

allem viel gekämpft habe. Ich war sehr

stark. Deswegen habe ich es geschafft,

vor die Kamera zu kommen. Aber es war

nicht einfach zu meiner Zeit.

Warum bist du geflüchtet?

Ich hatte zwei Probleme. Einerseits

konnte ich nicht mehr auf die Straße

gehen, als ich bekannt geworden war.

Die Leute auf der Straße haben mich

belästigt und es kam vor, dass sie auch

auf bekannte Frauen einprügelten oder

sie als Geisel nahmen. Das andere

Problem waren die Taliban. Sie haben

damals mit Journalistenmorden gedroht.

So wie auch jetzt. Allein in den letzten

zwei Monaten wurden viele Journalisten,

darunter auch Frauen, getötet. In Kabul

habe ich zunächst als Moderatorin für

das Staatsfernsehen 1TV gearbeitet.

Dort habe ich Kopftuch getragen. Doch

zuletzt, von 2010-2011, habe ich für den

TV-Sender Voice of America gearbeitet.

Dort trug ich kein Kopftuch mehr. Ich

war eine Reporterin, die über die Taliban,

über Opium und Korruption berichtete.

Das wurde schwierig für mich. Deshalb

musste ich 2011 flüchten.

Wie alt warst du da?

25 Jahre.

Als junge, afghanische Frau allein in

Wien - wie ist es dir ergangen?

Es war schwierig. Gerade die ersten

Jahre. Vor allem wegen der Sprache. Das

zweite Problem war, dass der Arbeitsmarkt

in Österreich Journalistinnen und

Journalisten nicht hilft. Das AMS hat

keine Ausbildung für sie und findet keine

Arbeit für sie in der Medienbranche. Und

das dritte Problem war der Name meines

Herkunftslands. Wenn ich gesagt habe,

dass ich aus Afghanistan komme, haben

alle von mir Abstand genommen. Doch

trotz aller Schwierigkeiten habe ich auch

Hilfe gehabt.

Hattest du in Österreich Kontakt zu

anderen Afghaninnen oder Afghanen?

Nein. Ich wollte nicht nochmal hier als

Journalistin in der afghanischen Community

bekannt werden. Ich hatte einfach

zu viele Probleme in Afghanistan gehabt,

deshalb wollte ich in Wien Abstand von

meinen Leuten haben. Denn es ist auch

problematisch für eine afghanische Frau

allein herzukommen. Dann wird falsch

über dich gedacht. Wenn du keine Familie,

keinen Bruder, keine Schwester hier

hast… vielleicht bist du dann keine gute

Frau?!

© Maria Noisternig

32 / EMPOWERMENT SPECIAL /


„Ich glaube, die afghanischen

Frauen sind offener als die

Männer.“ Journalistin Tanya

Kayhan über die afghanische

Community in Wien

/ POLITIKA / 33


Tanya gründete OXUS, das erste persische Fernsehen für geflüchtete

Menschen aus Afghanistan in Österreich.

Hattest du Angst?

Ja, viel. Denn mein Leben warf zu viele

Fragen auf: Warum ich allein bin, was

ich für eine Familie haben muss, die mir

erlaubt, als Flüchtling allein zu kommen...

Deswegen habe ich die ersten fünf

Jahre Abstand zu meiner Community

genommen – bis ich 2015 zu biber in die

Akademie kam.

Wo hast du vor der biber-Journalismus-

Akademie gearbeitet?

Am Flughafen.

Wie war das für dich? Immerhin warst

du in deinem Leben davor ein Star mit

Chauffeur.

Psychisch war ich damals nicht gut

beieinander. Ich war in Afghanistan

„Jemand“. Ich war eine sehr bekannte

Frau, die aus einer bekannten Familie

kommt und auf einmal bin ich hier ein

Flüchtling, eine Afghanin, eine Muslima.

Das war sehr schwierig für mich. Und

auch wenn meine Arbeit am Flughafen

okay war, es war nicht meine Branche.

Also habe ich den Wiedereinstieg in

meinen Beruf gewagt – und bei der

Fairversity-Messe bin ich auf die biber-

Akademie gestoßen.

Du hast auch begonnen, dich in deiner

Community zu engagieren. Warum?

In den fünf Jahren Abstand von meiner

Community war ich meistens in der

österreichischen Gesellschaft unterwegs.

Da habe ich gemerkt: Alle haben mich

respektiert, bis sie sie erfahren haben,

dass ich aus Afghanistan komme. Dann

sind sie auf Distanz gegangen. Damals

habe ich mich gefragt, warum die Leute

so denken. Durch biber habe ich mehr

erfahren und auch mehr Nachrichten

gehört. Ich habe plötzlich realisiert,

welch negatives Image die Afghanen

in Österreich haben. Also habe ich

begonnen, etwas zu machen, um die

Integration der afghanischen Leute zu

beschleunigen und das negative Image

zu bekämpfen.

Was machst du genau bei deinem Medienprojekt

OXUS?

Ich mache die positiven Beispiele sichtbar.

In der afghanischen Community

Wenn du keine Familie,

keinen Bruder hier

hast, bist du dann noch

eine gute Frau?

haben wir genügend Jugendliche, die

etwas geschafft haben. Sie haben eine

Ausbildung, eine Arbeit… 30-40 Prozent

arbeiten in sehr guten Bereichen und

bringen gute Leistungen. Aber niemand

berichtet darüber. Nur wenn einer etwas

Schlimmes gemacht hat, dann explodiert

das wie eine Bombe und betrifft alle

Afghanen. Das ist schade. Deswegen

habe ich OXUS gegründet, das erste

persische Fernsehen für geflüchtete

Menschen aus Afghanistan in Österreich.

Einmal um zu informieren, was in Österreich

im Bereich Asyl, Integration und

Co passiert. Das zweite Ziel: Wir wollen

afghanische Jugendliche und Frauen

motivieren.

Wobei motivieren?

Afghanische Frauen sind in einer nichtoffenen

Gesellschaft aufgewachsen. Sie

wurden in Afghanistan stets unterdrückt.

Ob im Bildungsbereich, in der Arbeit und

in der Gesellschaft – Frauen werden diskriminiert.

Wenn sie nun hierherkommen,

dann wollen sie meist schnell heiraten.

Die Heirat steht im Mittelpunkt für

afghanische Frauen. Das ist Tradition. Sie

haben Angst, zu alt zu werden und dass

sie dann keiner mehr will. Deswegen ist

es auch für Familien sehr wichtig, dass

sie ihre Töchter schnell verheiraten.

Auch in Österreich?

Ja, auch für die meisten afghanischen

Frauen in Österreich. Karriere ist keine

wichtige Sache. Deswegen machen wir

bei OXUS Portraits und Reportagen über

starke Frauen, die zum Beispiel trotz oder

mit Mann und Kindern Karriere gemacht

haben und sich in der Community engagieren.

Wir erreichen damit wirklich gute

Aufrufzahlen: Zuletzt hat eine Reportage

eine halbe Million Aufrufe und 1.800

Shares gehabt. Und auch für Wirbel in

der Community gesorgt.

Worum ging es da?

Es war eine Reportage über eine Frau,

die in Wieneine erfolgreiche Unternehmerin

ist. Aber das Problem für

unsere Community war, dass sie einen

arabischen Mann geheiratet hat. Denn

Heiraten mit anderen Kulturen sind ein

Tabu für afghanische Frauen. Obwohl

ihr Ehemann Muslim war. Es ging um

seine Nationalität, er stammt aus dem

Irak. So wie für Österreicher Menschen

aus Afghanistan keine gute „Bewertung“

genießen, so ist das auch bei uns in

Afghanistan mit Ländern wie dem Irak.

Sehen die Frauen das auch so – oder

würden sie gerne einen Nicht-Muslim

oder Nicht-Afghanen heiraten?

Ich glaube, die afghanischen Frauen sind

offener als die Männer. Für eine gebildete

afghanische Frau ist es kein Problem

einen Mann aus einem anderen Land,

einer anderen Religion oder Kultur zu

heiraten. Aber trotzdem ist es schwer.

Weil sie damit ein anderes Bild in der

Gemeinschaft bekommen wird – ein

negatives.

In deinen zahlreichen Projekten gehst du

auch die Problematik der Analphabetin-

© OXUS TV

34 / EMPOWERMENT SPECIAL /


nen an. Wie kann denn eine analphabetische

Frau, die nach Österreich kommt,

ein selbstbestimmtes Leben führen?

Schwierig. Die meisten verheirateten

Frauen und älteren Frauen über 30 sind

nicht ausgebildet, oft sogar eben analphabetisch.

Daher können wir sie nicht

über ein Magazin informieren, sondern

der einzige Weg ist über das Hören und

Sehen. Deswegen produzieren wir extra

Reportagen für diese Frauen, die zuhause

sind.

Aus Recherchen weiß ich selbst, dass

geflüchtete Frauen und Mädchen oft von

Männern, also ihren Vätern oder Brüdern,

abgeschottet werden. Sie werden

von Integrationskursen abgeholt oder

dürfen gar nicht erst hin. Da entsteht

eine gefährliche Abhängigkeit und auch

Sozialarbeiterinnen haben oft keine

Chance auf Zugang.

Ja solche Fälle gibt es. Oft „holen“ sich

afghanische Männer aus Österreich extra

eine ungebildete und sogar in manchen

Fällen auch explizit eine analphabetische

Frau aus Afghanistan und nutzen sie aus.

Diese Männer verstehen in Österreich

alles, die Sprache, Schrift, die Kultur. Die

Frau ist hingegen ohne ihren Mann aufgeschmissen

und akzeptiert, was er sagt.

Kannst du diese Frauen erreichen?

Ich erinnere mich an einen Mann, der

eine Afghanin geheiratet und sie hergebracht

hat. Dieser Mann wollte seine

Frau nicht zum Deutschkurs bringen.

Sie durfte nicht einmal Kontakt mit ihrer

afghanischen Community haben. Sie war

damals 28 Jahre alt. Natürlich besaß

sie kein Handy. Ich habe ihn angerufen:

Kannst du bitte dein Handy deiner Frau

geben, ich will mit ihr sprechen. Aber er

hat nein gesagt. Ich habe es zwei, dreimal

probiert, aber er hat es nicht zugelassen.

Dieser Mann wollte nicht, dass

seine Frau durch Kontakt mit anderen

Frauen auf ihre Rechte in Österreich aufmerksam

wird. Solche Fälle sind wenige,

aber es gibt sie.

Welche Hilfe wünschst du dir für die

Frauen?

Ich wünsche mir, dass die österreichische

Regierung mehr die afghanischen

Vereine unterstützt, die in diesem

Bereich tätig sind. Aber nicht nur die

Karriere ist für afghanische

Frauen keine

wichtige Sache.

Vereine, die einen Obmann haben,

sondern solche, die Obfrauen haben. Ein

Obmann, der unter der Taliban und Mujaheddin

und in einer patriarchalischen

Gesellschaft aufgewachsen ist, kann

den Frauen nicht helfen. Wir müssen die

Frauen aus der Community aktivieren,

damit sie in der Zivilgesellschaft aktiv

werden, damit sie Vereine gründen zum

Beispiel. Denn die meisten Projekte

werden von österreichischen Vereinen

umgesetzt, aber die haben in der

Community keine große Wirkung. Der

ÖIF macht viele Projekte – aber da sind

ÖsterreicherInnen im Mittelpunkt. Es wird

von ÖsterreicherInnen implementiert, die

die Probleme einer afghanischen Frau

nicht kennen. Die Projektleitung sammelt

zwar Meinungen von afghanischen Verei-

nen, aber das ist nicht genug.

Bei der Redaktionssitzung zu diesem

Empowerment-Special haben wir über

Scham und Tabus in der Community

gesprochen. Du hast erwähnt, dass Artikel

über Tampons oder Jungfräulichkeit

zwar interessant sind, aber nie im Social

Media geshared würden. Obwohl wir sie

extra auch auf Farsi übersetzt haben.

Ja, das stimmt. Die Frauen möchten es

lesen, aber keine möchte es teilen. Sie

schämen sich. Selbst ich als Journalistin,

die sehr offen ist, könnte solche Artikel

nicht teilen.

Weil?

Weil die Leute das schlecht kommentieren

würden. Sie würden denken: Tanya

ist nach Europa gegangen und ist eine

schlechte Frau geworden. Und sie will

die anderen Frauen auf falsche Wege

leiten.

Bedeutet falsche Wege „Sex mit Männern“?

Richtig. Weil Sexualität kommt in unserer

Kultur nicht vor – außer mit dem Ehemann.

Hättest du dir damals in Kabul gedacht,

dass Sozialarbeit mal dein Leben bestimmen

wird?

Nein. Aber ich habe gedacht, dass ich

in die Politik eintreten würde – wie mein

Vater. Das war ein Traum von mir.

Das kann ja noch kommen! Nach sechs

Jahren kannst du ja Österreicherin werden,

oder?

Jetzt bin ich schon Österreicherin. Seit

2020.

Na dann!

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/ EMPOWERMENT SPECIAL / 35


FALSCHE

VORBILDER

HÖRT AUF, DEN WESTLICHEN

SCHÖNHEITSIDEALEN NACHZUEIFERN!

36 / EMPOWERMENT SPECIAL /


Kleine Nase, blaue Augen, keine Körperbehaarung: Mädchen und

Frauen aus der iranischen und kurdischen Community in Österreich

versuchen ihr ganzes Leben lang, einem weißen, eurozentrischen

Schönheitsideal nachzueifern. In BIPOC (Black, Indigenous, People of

Colour)-Kreisen werden Rufe wie „Decolonize your beauty-standards!“

laut. Es wird Zeit, rassistische Schönheitsideale abzulegen und zu

natürlichen Features zu stehen. Als Akt radikaler Selbstliebe.

Text: Sara Mohammadi, Fotos: Tina Herzl

Sara jan, ich habe dir etwas

für deine Schulaufführung

gekauft“, sagt meine Mutter

zu mir und überreicht mir

ein schönes, weißes T-Shirt, das etwas

bauchfrei ist. Stolz und glücklich ziehe

ich es an. Ich bin gerade einmal neun

Jahre alt. Heute findet eine Talentshow

in meiner Volksschule statt, bei der die

verschiedenen Klassen etwas aufführen.

Meine Klasse hatte beschlossen, zu

„Lucky“ von Britney Spears zu tanzen.

Doch während wir noch im Unterricht

sitzen, bemerke ich, wie sich meine

Mitschüler*innen etwas zuraunen.

„Schau, die Sara hat voll die Rückenhaare“,

flüstern sie sich zu. „Boah, das ist

so eklig!“ Im Laufe meiner Kindheit und

Jugend hören die Kommentare bezüglich

meiner Körperbehaarung nicht auf

– seien es eher harmlose Kommentare,

die einfach den „state of the art“ meines

Körpers kommentieren, wie „du bist voll

behaart“ oder rassistische Aussagen wie

„Du Affe“. Die Lästereien führen dazu,

dass ich einige Zeit akribisch meinen

gesamten Körper enthaare und erst

wieder ein Croptop anziehe, als ich als

Teenager eine Enthaarungscreme für

den Rücken entdecke. Schmerzvolle

Erfahrungen dieser Art habe nicht nur ich

gemacht, sie sind gang und gäbe in der

iranischen und westasiatischen Community.

KÖRPERBEHAARUNG UND

MONOBRAUE

„Ich hatte immer Angst, dass jemand

meine Körperbehaarung sehen könnte.

Ich habe deswegen immer lange

Hosen und T-Shirts getragen. In der

Schule habe ich immer ein Unterleiberl

angehabt, damit, falls ich mich bücke,

niemand meine Rückenbehaarung sehen

kann“, erzählt Gülden. Gülden ist Kurdin

und 24 Jahre alt. Auch sie wurde in der

Schule aufgrund ihrer Körperbehaarung

und Hautfarbe gemobbt, auch sie wollte

blond und hell sein. „Das Mobbing hat

dazu geführt, dass ich früher alles, was

„orientalisch“ aussah, nicht schön fand.

So begann ich früh meine Augenbrauen

zu zupfen und mein Gesicht zu waxen.“

Heute findet sie, dass sich vor allem

durch Social Media langsam etwas

verändert. „Mittlerweile gibt es ja auf Instagram

Accounts, die Körperbehaarung

normalisieren möchten. Mich stört aber,

dass es vor allem weiße Menschen sind,

die vielleicht ein paar Härchen unter der

Achsel haben, weil sie sich zwei, drei

Monate nicht rasiert haben. Ich würde

mir da viel mehr BIPoC wünschen, die

ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht

haben.“

Eine dieser Frauen, wenn auch nicht

als Influencerin aktiv, ist Jasmin, 23.

Jasmin hat iranische Wurzeln. Sie hat

sich bis in die Oberstufe im Gymnasium

die Augenbrauen gezupft – weil sie aufgrund

ihrer dunklen Gesichtsbehaarung

gemobbt wurde. Doch dann beschloss

sie, sich ihre natürlichen Features wieder

anzueignen. Heute trägt sie stolz eine

Monobraue. „Die meisten weißen Frauen

sich plötzlich dickere Augenbrauen ins

Gesicht malen, sich aber nicht trauen,

eine Monobraue ins Gesicht zu ‚malen‘.

Mittlerweile will ja fast jede dichte

Augenbrauen haben.“

CARA DELEVINGNE UND

DER EUROZENTRISMUS

Jasmin spricht damit einen wichtigen

Punkt an. Denn seitdem das Model

Cara Delevingne mit ihren dichten

Augenbrauen die Laufstege eroberte,

sind buschige, aber nicht zu buschige

Augenbrauen vollkommen in Mode. Das,

wofür westasiatische und nordafrikanische

Frauen jahrelang gemobbt wurden,

wurde wieder in, weil es eine weiße Frau

trug. Während ich lange gerne geglaubt

habe, dass ich heute meine Augenbrauen

wieder dicht trage, weil ich mich

gegen eurozentrische Schönheitsideale

auflehnen will, hat das wohl eher mit

dem Aufstieg von Cara Delevingne zu

tun gehabt.

Eurozentrismus in Schönheitsidealen

bedeutet, dass unser Konzept von

Schönheit, also das, was wir als schön

empfinden, vom Westen beeinflusst und

/ EMPOWERMENT SPECIAL / 37


vorgegeben wird. Das geht von Hautfarbe

über Haartextur bis zu gewissen

„Features“, also Gesichtszügen. Eines

der wichtigsten Features dabei ist die

kleine, europäische Nase. Wie absurd

das Streben nach diesem Ideal werden

kann, zeigen eindeutig die zahlreichen

Nasenoperationen im Iran und im

westasiatischen Raum, die sich oft auf

die Diaspora dieser Länder im Westen

auswirken.

NASEN-OP ZUR

VOLLJÄHRIGKEIT

Etwa 200.000 Nasenoperationen pro

Jahr finden im Iran statt. Unabhängig

von Geschlecht oder Alter: Nasenoperationen

sind so normal wie eine Zahnspange

oder eine Pediküre. In meiner

DIe Lästereien

führen dazu,

dass ich

jahrelang

akribisch

meinen Körper

enthaare.

“ Sara, 24

Familie sind sie total normalisiert und ich

bin mit Gesprächen über vermeintlich

„perfekte“ Nasen und dem Wunsch,

solch eine zu haben, aufgewachsen. Ich

habe es mir auch schon mehr als einmal

überlegt, meine Nase zu operieren. Nicht

selten wird Töchtern und Söhnen zum

18. Geburtstag eine Nasenverkleinerung

geschenkt. Auch viele Iraner*innen, die

in der Diaspora leben, streben die kleine,

europäische Nase an. Dafür reisen sie

extra in den Iran ein, nicht zuletzt aus

Kostengründen.

„Ich glaube, dass der kulturelle

Einfluss aus dem Iran in Österreich

eine große Rolle spielt. Dort lassen sich

so viele Frauen und Männer die Nase

operieren, man macht sich also schneller

Gedanken darüber. Es ist einfach

sehr üblich dort, man hat einfach einen

leichteren Zugriff auf Operationen“,

erklärt Kani, 24. Kani ist Kurdin aus dem

Iran und hat sich vor fast zwei Jahren die

Nase operieren lassen. „Mit 14 habe ich

angefangen zu merken, dass mir meine

Nase nicht so gefallen hat. Die Mädchen

in meiner Klasse hatten alle kleine Nasen

und ich habe mich mit ihnen verglichen.

Die Jungen haben mich öfters auf

meine Nase angesprochen und ich habe

mich damit unwohl gefühlt.“ Kani hat

ihren Unmut über ihre Nase zwar ihrer

Mutter gegenüber öfters erwähnt, ihrem

Vater jedoch nicht direkt gesagt, da sie

wusste, dass so eine Operation nicht

billig ist. „Er hat es aber irgendwann

gemerkt und mich direkt gefragt, ob ich

eine Nasen-OP haben möchte.“ Ihr Vater

finanzierte schließlich die Operation, ein

Familienmitglied kümmerte sich um die

Organisation: „Die Frau meines Cousins

hatte schon öfters Nasen-Operationen

für Familienmitglieder organisiert. Ich

musste nur mehr in den Iran fliegen, mir

die Nase von dem Schönheitschirurgen

ansehen lassen und zur Operation

gehen. Den Arzt habe ich vor der OP

eigentlich nur einmal gesehen. Dieser

wollte ein Foto von meinem Nasenprofil,

hat mir Blut abgenommen und mir

erklärt, wie die OP verlaufen wird. Insgesamt

hat die OP sechs Stunden gedauert.“

Kani steht zu ihrer Entscheidung:

„Ich habe lange wegen meiner Nase mit

meinem Selbstbewusstsein gekämpft.

Durch die Operation bin ich selbstbewusster

geworden. Ich finde es nicht

schlimm, wenn man das haben möchte.“

BEAUTY-DOC-INSPO AUF

INSTAGRAM

Doch im Boom der weltweiten Schönheitsindustrie

gibt es einen wichtigen

Faktor, den man nicht vergessen darf:

Instagram, eine Plattform, die Fluch und

Segen zugleich ist. Zwar finden dort

immer mehr Body-Positivity und Inklusivität

bezüglich Schönheit statt, gleichzeitig

spielt Instagram keine unwichtige Rolle,

was Body-Image-Issues betrifft.

Laut der Deutschen Gesellschaft für

ästhetisch-plastische Chirurgie kurbeln

soziale Medien die Nachfrage nach

Schönheitsoperationen an. So sagten

14 Prozent der von ihnen befragten

Patient*innen, dass sie durch Selfies zu

38 / EMPOWERMENT SPECIAL /


einer Schönheitsoperation motiviert wurden.

Jede*r Zehnte konsultierte bei der

Suche nach Informationen zu ästhetischplastischen

Behandlungen Instagram,

Facebook & Co.

So gibt es nicht wenige Instagram-

Kanäle von Schönheitschirurgen, die Vorher-Nachher

Fotos ihrer Patient*innen

posten, auch Influencer*innen mischen

da ganz schön mit. „Ich habe vor allem

durch Influencerinnen auf Instagram

gelernt, dass man sich die Nase auch

mittels Hyaluron spritzen und sie so

entweder kleiner oder größer aussehen

lassen kann. Das ist weniger aufwendig

als eine Operation und kostet auch weniger“,

erzählt Susanna, 23. Sie führt einen

ständigen Kampf mit sich und ihrer Nase.

„Ich mag einfach meinen Höcker nicht

und hätte gerne eine Stupsnase“, erzählt

sie. „Aber ich versuche mich, damit

abzufinden und meine Nase zu mögen.

Manchmal gelingt es mir jedoch nicht. In

diesen Momenten würde ich schon gerne

zur Spritze greifen.“

Neben Detox-Tees und Öko-Unterwäsche

finden sich also mittlerweile auch

Werbungen für Schönheitseingriffe und

Gesichts-Korrekturen. Schönheit wird

also immer mehr ein kapitalistisches

Instrument: Es wird jungen Mädchen und

Frauen gezeigt, wie sie sich Features

kaufen können, um letztendlich dem

immer noch sehr weißen Schönheitsideal

entsprechen zu können. Doch woher

kommen unsere Schönheitsideale?

Die Mädchen in

meiner Klasse hatten

alle kleine Nasen, und

ich hab mich mit ihnen

verglichen.

“ Kani, 24

Kani, 24 (links), Susanna, 23

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SCHÖNHEIT – EIN

KOLONIALES ERBE

In einer Folge des deutschen Podcastes

„Realitäterinnen“ sprachen die afghanisch-deutsche

Künstlerin Moshtari Hilal

und die Gründerin Nana Addisson über

den Ursprung dieser Schönheitsideale.

Beide sind sich dabei einig, dass Vieles

auf die Kolonialzeit zurückzuführen sei,

in der weiße Menschen gegenüber BIPoC

hierarchisch überlegen definiert wurden.

Das Ideal sei also gewesen: Helle Haare,

helle Augen, helle Haut, kleine Nase.

Diese kolonialen Vorstellungen breiteten

sich mit der Globalisierung immer weiter

aus, sodass sie sich bis heute auf unsere

Wahrnehmungen von Schönheit auswirken.

„Beauty“ ist also auch etwas, was

systematisch zu betrachten und historisch

gewachsen ist.

Die rassistischen Ideale lassen sich

damit insbesondere in der Schönheitsindustrie

finden. Laut einem Bericht der

Süddeutschen Zeitung sind 80% aller

Models auf Laufstegen und Magazincovern

weiß, nur 2,3 Prozent kommen

aus Westasien und Nordafrika. Wenn

sie medial auf irgendeine Art und Weise

repräsentiert werden, dann auf dem

„Vorher“-Bild eines Instagramsposts über

Nasen-OPs.

Viele Frauen, die nicht in das Schönheitsideal

passen, greifen zu anderen

Mitteln, die auch gefährlich sein können.

Neben der Nasenverkleinerung bietet die

VOGUE Arabia, der arabische Ableger

des Modemagazins, unter dem Suchwort

„slimmer nose“ Anleitungen an, wie

Leser*innen ihre Nase nicht-operativ kleiner

erscheinen lassen können – von Contouring

bis zu einer speziellen Massage.

In der Jugendzeit meiner Mutter war es

nicht unüblich, die Armhaare mit Bleichmittel

heller zu machen, in vielen Ländern

bleichen sich WoC (Women of Colour)

sogar die Haut, um weißer zu wirken. Das

bleibt jedoch nicht nur bei der Hautfarbe:

„Blaue oder grüne Augen waren voll mein

Ideal. Ich habe mir sogar extra grüne

Kontaktlinsen gekauft“, erzählt Susanna.

Das passiert nicht selten in migrantischen

Communities in Österreich. Auch im Iran

und im westasiatischen Raum gelten vor

allem Frauen mit heller Haut und entweder

grünen oder blauen Augen als „schöner“

oder „besonderer“, weil sie dadurch

als ‚Weiß‘ markierte Features haben.

Ich fand mein

orientalisches Aussehen

früher nicht schön.

Schluss damit!

“ Gülden,24

„DECOLONIZE YOUR

BEAUTY-STANDARDS!“

In BIPoC-Communities werden Rufe

laut, diese kolonialen und kapitalistischen

Strukturen der Schönheitsideale

abzulegen. Nicht-weiße Frauen sollen

erkennen, dass die Standards von dem,

was sie als „schön“ empfinden, uns

eingetrichtert wurden und wir diese

Ideale internalisiert haben, ohne darüber

nachzudenken, woher sie eigentlich

stammen. „Decolonize your beautystandards!“

fordert, sich aktiv mit diesen

Konzepten auseinanderzusetzen und

damit die Vorstellungen von Schönheit

zu entkolonialisieren. Steh zu deinen

eigenen natürlichen Features!

Um eines aber klarzustellen: Ich bin

nicht hier, um die zu verurteilen, die sich

für eine Nasen-OP entscheiden – denn,

wenn etwas nicht einfach ist, dann

Unsicherheiten, die einem jahrelang von

anderen Menschen eingetrichtert worden

sind, abzulegen. Aber uns muss klar sein,

dass, wenn wir uns die Nase machen

oder sämtliche Körperhaare entfernen,

die Gründe dafür auch problematisch

sein können. Und so wird jeder bewusste

Schritt in Richtung Ablehnung kolonialer

Schönheitsideale ein radikaler Akt der

Liebe gegenüber uns selbst und unserer

Herkunft. ●

Zur Autorin: Sara Mohammadi ist 24

Jahre alt und hat iranische Wurzeln. Sie

ist Absolventin der biber-Akademie und

studiert Internationale Entwicklung. Sara

schreibt vor allem über Rassismus, Feminismus

und arbeitspolitische Themen.

40 / EMPOWERMENT SPECIAL /


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/ MIT SCHARF / 41


„Das gehört

sich nicht für

eine Somali“

42 / EMPOWERMENT SPECIAL /


Sihaam Abdillahi ist 17 Jahre alt, politische Aktivistin

– und Teil der Somali-Community in Wien. In ihrem

Gastkommentar erzählt sie, wie sie sich trotz

der traditionellen und patriarchalen Werte ihrer

Community eine Stimme verschafft hat.

© Zoe Opratko

Schämst du dich nicht, dass

man dein Gesicht überall

sieht?“ – Sätze wie diesen

durfte ich mir von meiner

Community schon oft anhören. Ich bin

Somali und Aktivistin. Das eine schließt

für mich das andere nicht aus. Aber

mein Umfeld will es nicht verstehen.

Aufgrund der traditionalistischen Haltung

von vielen in der Community gibt es

sehr wenige somalische Flint*(Anm. d.

Red.: Frauen, Lesben, Inter, Non-Binary,

Trans)- Personen, die sich den Raum

nehmen und ihre Geschichten erzählen.

Sie haben die Befürchtung, sie

könnten in Ungnade fallen. Unsere

Community ist so darauf versessen, dass

ein Mädchen nur dann wirklich glänzen

kann, wenn sie sich zurückhält. Das

heißt konkret: Wenn sie im Haushalt hilft

und die große weite und ein wenig verkorkste

Welt meidet. Nicht aufzufallen ist

eine Tugend, die jedes Somali Mädchen

besitzen sollte.

ICH VERSCHAFFE MIR

EINE STIMME UND NERVE

WEISSE ALTE CIS-

MÄNNER

Mein Aktivismus ist von meiner intersektionalen

(Anm. d. Red,: Intersektional

bedeutet die Überschneidung mehrerer

Diskriminierungskategorien) Identität

geprägt. Als schwarze Hijabi und als

Flint*-Person bin ich eine Zielscheibe

für rassistische, sexistische und faschistische

Sprüche und genau dagegen

kämpfe ich. Und obwohl meine Familie

sich mit meinem Aktivismus identifizieren

kann – immerhin behandle ich Themen

wie Antirassismus, Politik, oder Bildung

-, stellen sie mir immer die ein- und dieselbe

Frage: „Warum musst du diejenige

sein, die das thematisiert?“ Ich antworte

ihnen darauf, dass ich nicht länger auf

eine idealisierte Heldin, die mich repräsentiert,

warten werde. Ich will selbst

diese Heldin sein. Sie sind zwar nicht

begeistert davon, dass ich schon mit 17

derart politisiert bin. Ich habe ihnen aber

bewusst gemacht, dass ich sicher nicht

aufhören werde. Die Dickköpfigkeit liegt

in der Familie. Selbst als ich als erste

schwarze Hijabi Landesschulvertreterin

geworden bin und das eigentlich nur

zelebrieren wollte, ist es einigen negativ

aufgestoßen. Warum ist es so verwerflich,

gesehen und gehört werden zu

wollen, wenn weiße alte Männer unsere

Community als ein Pack voller gewalttätiger,

ungebildeter Asylanten darstellen?

Sollte nicht eine Lobeshymne gesungen

werden, wenn ich den Menschen

zeige, was unsere Community alles zu

bieten hat? Das einmalige und kaum zu

übertreffende Essen zum Beispiel, den

Zusammenhalt innerhalb der Community,

die Schönheit unserer Festtage

und unsere traditionelle Kleidung, die

unsere Verbundenheit zu unserem Land

repräsentiert. Oder liegt es schlicht und

einfach daran, dass ich eine weiblich

assoziierte Person bin?

Ich bin da draußen, verschaffe mir

eine Stimme und nerve weiße alte

Cis-Männer. Ich zeige ihnen mit meiner

Stärke und meinem Durchhaltevermögen,

dass ich hergekommen bin, um zu

bleiben. Und ich soll damit aufhören,

damit ich eine gute Hausfrau* werde?

Damit ich mir diktieren lasse, wie ich sein

soll? Sicher nicht.

ICH ENTFERNE TOXISCHE

MENSCHEN AUS MEINEM

LEBEN. NATÜRLICH

HÖFLICH, WIE SICH DAS

FÜR EINE SOMALI ZIEMT.

Am Anfang dachte ich, dass ich gezwungen

bin, eine Art Doppelleben zu führen.

Zu verheimlichen, dass ich auf Demos

gehe und meine Erfolge, wie beispielsweise

die Wahl in die Landesschulvertretung

oder auch den Sieg beim

Redewettbewerb „Sag‘s Multi“ oder auch

die Tatsache, dass ich im Landesteam

der Aktion Kritischer SchülerInnen Wien

bin, geheim zu halten.

Die somalische Community tendiert

dazu, zu denken, dass eine Flint*-Person

am besten aufgehoben ist, wenn sie

sich lediglich in den Kreisen ihrer Familie

aufhält. Kritisch und auffallend zu sein

würden nur der Reputation der Flint*-

Person schaden und nach außen sollte

sie wie ein stets eleganter, zurückhaltender

Schatten sein, der weder gesehen,

noch gehört wird.

Aber das widerspricht meiner Natur.

Ich liebe es, auf Demos zu gehen, und

ich feiere gerne mit meinen geliebten

Menschen meine hart erarbeiteten Erfolge

und auch Niederlagen. Wie kurz nach

dem Terroranschlag im November, als ich

kurz davor war aufzugeben, weil ich es

nicht mehr geschafft habe, mich von den

Hassnachrichten nicht treffen zu lassen.

Ich habe aufgehört, toxische Menschen

– seien es Leute aus der somalischen

Community oder die alten weißen

Männer, die mich verunsichern möchten

und mich meiner Stimme und meiner

Stärke berauben wollen – zu rechtfertigen.

Manche Menschen in meiner

Umgebung wollen mich daran hindern,

ich selbst zu sein, und deshalb spreche

ich ihren Meinungen jeglichen Wert ab.

Ich weiß, wer ich bin und wohin ich will,

und was ich will – das ist alles, was zählt.

Und so entferne ich sie aus meinem

Leben. Natürlich mache ich das höflich,

wie sich das für eine Somali ziemt. ●

Zur Autorin: Sihaam Abdillahi ist 17

Jahre alt, Landesschülervertreterin und

politische Aktivistin. Sie setzt sich für

Selbstbestimmung und Ermächtigung

junger Frauen ein.

/ EMPOWERMENT SPECIAL / 43


NEHMEN WIR

DEM SCHWARZ

DIE KRAFT.


© Zoe Opratko, Jonathan Friolo / Zuma / picturedesk.com, Milan Amini

MEINUNG

Die armen,

frustrierten

Karrieremänner

Wenn du als Frau noch keine dreißig bist

und dabei eine relativ stabile „Karriere“ am

Laufen, jedoch keinen Freund hast, dann

ist da bestimmt etwas faul. Erstens: Welche

Karriere? Ich tue das, was ich liebe,

und bekomme auch noch Geld dafür. Das

ist für mich meine „Karriere“. Zweitens:

Das mit den Beziehungen, die ewige Leier.

Ich mochte die noch nie und das ändert

sich mit dem Alter auch nicht. Es hat eh

tausend Gründe, aber dafür müssten wir

die Seitenzahl dieser Ausgabe ins Unendliche

vervielfachen. Ich bin nicht frustriert,

ich mag einfach nicht. Ich bin so eine Art

extrovertierter Einsiedlerkrebs. Nach dem

Motto: Bist eh leiwand, aber lass mich

dann irgendwann halt in Ruhe. Umgekehrt,

wenn ich mir Männer in meinem Alter

ansehe, die alleine leben, single sind und

für ihren Job brennen – die müssen sich

dafür nie rechtfertigen. Bei mir hingegen

heißt es: „Also langsam frage ich mich

echt, was mit dir nicht stimmt.“ Eh so einiges

nicht, sicherlich, danke der Nachfrage.

Aber was mich mehr beschäftigt: Was ist

mit den Männern? Den armen, frustrierten

Karriere-Powermännern, die keine Frau

haben? Fragt doch mal bei denen nach.

Bei den Armen muss ja so viel schieflaufen.

tulej@dasbiber.at

LIFE & STYLE

Mache mir die Welt,

wie sie mir gefällt

Von Aleksandra Tulej

Haut-Retter

TEEBAUMÖL,

ICH LIEBE DICH

Wie heißt es so schön: Ein

Pickel kommt selten allein. Den

Spruch habe ich jetzt erfunden,

aber hear me out: Ich habe

wochenlang reine Haut und dann

beschließt mein Gesicht, dass

das zu viel des Guten war und

liefert mir Pickel an den besten

Stellen: Stirn, Nasenspitze, Kinn.

Schön präsent. Das ist die Strafe

dafür, dass ich als Teenager keinerlei

Hautprobleme hatte. Oder,

dass ich mich halt abwechselnd

von Döner und Redbull ernähre.

Aber wie dem auch sei. Die

Wunderwaffe: Teebaumöl aus der

Apotheke. Es wirkt antiseptisch

und antibakteriell – und riecht

auch noch extrem gut und wohltuend.

Einfach mehrmals täglich

auftupfen, und schon sind die

Unreinheiten verschwunden. Bis

zum nächsten Mal halt.

3 FRAGEN AN:

KANAK IZ DA

Schadi gibt euch in seinem

Podcast „Kanak Iz da“

Life-Tipps der anderen Art.

Auf Instagram findet ihr

Schadi unter: kanak_iz_da

BAM,

OIDA:

VON DUTCH-

TRUCKER-CAP

Ein klassischer Fall von: Was ist peinlich,

wenn du arm bist, aber cool, wenn du reich

bist?

Richtig, eine Trucker-Cap mit Riesen-Logo

drauf. Während in Wien erst nach 2007

die aus dem Nichts aufgetauchten Krocha

diese Sparte für sich vereinnahmten, trug

2006 in Hollywood jeder, der etwas auf sich

hielt, eine Trucker-Cap. Am besten von der

Kultmarke Von Dutch. Seither hat niemand

mehr etwas von dieser Marke gehört, aber

sie existiert tatsächlich noch. Was so besonders

an diesen stinknormalen Kappen war,

die nicht einmal außergewöhnlich gut genäht

waren? Amerikas It-Girls haben sie getragen.

Mein 13-Jähriges Ich musste damals

natürlich auch so eine besitzen. Ich habe

sie getragen, bis die Krocha es mir vermiest

haben. Oida.

Schadi, in deinem Podcast behandelst du u.a.

Themen wie Beziehungen, Life-Hacks, gelegentlich

Insider-Stories aus dem Deutschrap ‚biz‘:

Was kommt am besten an?

Man glaubt, Deutschrap siegt im Internet.

Aber es ist wie auch im echten Leben eher

das Thema Beziehungen. Beziehung zu sich

selbst, zur Familie oder zur großen Liebe,

alles Beziehungen über die man gerne redet

und sich austauscht. Ich behandle aber gerne

Persönlichkeits entwicklung, aber eben auf cool

und nicht so Fachsprachen-Scheiße. Bildung

ohne Niveau also!

Wer ist deine Zielgruppe?

Junge Leute bis 35 Jahren mit Migrationsbackground.

Ich habe auch eine 55-jährige

Schweizerin als großen Fan, sowie 12-jährige

ur-deutsche Kinder. Alles dabei.

Wie kommst du zu deinen Inhalten?

Es ist immer das, was ich grad erlebe und

fühle. Mal ist es mehr über Frauen, mal ist es

mehr über persönliche Motivation.

/ LIFESTYLE / 45


DER CLUBHOUSE-CLAN:

EIN BISSCHEN GEHT NOCH.

Streitigkeiten arabischer Clans,

nervige Start-Up-Gründer und

ein kaputter Schlafrhythmus:

Redakteurin Aleksandra Tulej

hat eine Woche lang jede

Nacht in der Clubhouse-Sekte

verbracht. Und langsam

braucht sie Detox. Aber

ein bisschen geht noch.

Text: Aleksandra Tulej,

Collage: Zoe Opratko

Ich habe seit einer Woche

jeden Tag meinen Wecker

verschlafen. Der Grund?

Scheinbar habe ich jetzt einen

zweiten Vollzeitjob: Tagsüber bin ich

als Journalistin tätig, meine Nachtschichten

schiebe ich neuerdings auf

Clubhouse - der App, die gerade alle

in meinem Umfeld ohne Ende hypen.

Die Phase wird sich nicht lange

halten. Aber noch habe ich nicht

genug. Da kann man doch noch was

rausholen. Das Konzept von Clubhouse

ist im Prinzip ganz banal: Es

ist eine Drop-In-Audio-App, auf der

Menschen in virtuellen Räumen

miteinander verschiedenste Themen

diskutieren können. Der Haken: Du

brauchst ein iPhone – die App gibt

es momentan nur für iOS. Und eine

Einladung – von einer Person, die

bereits auf der App aktiv ist. Da meine

Freunde genau solche Hype- und

Konsum-Opfer sind wie ich, war das

aber keine Hürde. Ein paar Klicks und

schon wurde ich Teil dieser pseudoexklusiven

Sekte.

DER GUTE ALTE

LOVEROOM 69

Die App ist ja eigentlich zum Networken

gedacht: Man findet allerhand

Talks zu politischem Tagesgeschehen,

Marketing, oder Start-Up-Gründer-Chats,

in denen dir Hamburger

Typen namens Nils versichern, sie

würden mit DER innovativen Idee für

biologisch abbaubare Tischtennis-

Tische kurz vor dem Durchbruch

stehen. Immerhin haben sie ja

alle Entrepreneur in ihrer Bio stehen.

Die sind aber super fad. Gut - mir ist

halt auch fad, weil Lockdown. Und

so lande ich eines nachts in Farid

Bangs „Loveroom 69“ – Eine Art

Speeddating, Deutschrapper Farid

spielt den Kuppler. Die Frauen sehen

alle zwanzig mal geiler aus als ich,

keine Chance. Raus hier. Ich überlege,

es gut sein zu lassen und wie in

den guten alten Zeiten anno 2020

BC (before Clubhouse – Danke, ich

cringe selbst über meine Erfindung.)

ein Buch zu lesen.

DIE NÄCHTLICHEN

CLAN-TALKS

Auf meinem Nachtkästchen liegt

„Die Macht der Clans“. Inhalt: Die

kriminellen Machenschaften arabischer

Großfamilien wie Abou-Chaker,

Miri und Rammo. Geschrieben von:

Claas Meyer-Heuer. Noch ein letzter

© unsplash.com, pexels.com, Britta Pedersen / dpa / picturedesk.com

46 / LIFESTYLE /


Blick aufs Handy: Mir poppt just in der

Sekunde ein Room auf, in dem besagter

Arafat Abou-Chaker, der halbe Miri-Clan

und Claas Meyer-Heuer von Spiegel-TV

ihre Diskrepanzen öffentlich austragen.

Vor über dreitausend Menschen. Das

muss Schicksal sein. Wozu soll ich

darüber lesen, wenn ich mir das auch

live und unzensiert ins Ohr geben kann?

Und so vergehen vier Stunden, in denen

ich gemeinsam mit tausenden anderen

diesem voyeuristischen Spektakel beiwohne.

Wo sonst bekommst du mit, dass

sich Arafats Anwältin und Fler gegenseitig

überschreien? Wo sonst hörst du, wie

sich jüngere Clan-Mitglieder beschweren,

dass sie aufgrund ihres Nachnamens

keinen Studienplatz bekommen? Es fühlt

sich an, als würdest du einem Streit auf

der Straße zusehen – aber aus sicherer

Entfernung. Wieder ist es fast fünf Uhr

morgens. Aber das war es wert.

IST STAUBSAUGEN ALS

MANN HARAM?

Als ich am nächsten Tag die Redaktionssitzung

verschlafe, macht sich die erste

Red Flag meines Doppellebens bemerkbar.

Aber egal. Das war doch nur einmal,

ich kann jederzeit aufhören. Heute gehe

ich früher ins Bett. Fehlanzeige. Während

sich untertags auf Clubhouse nur die

Start-Up-Talks der Entrepreneur-Nils-

Clans häufen, wird es - wie so Vieles

– erst spannend, wenn die guten Bürger

schon schlafen. Mein Algorithmus ist

jedenfalls nachtaktiv. Ich könnte mich ja

zu Bitcoins und „Medienmenschen Vernetzung“

informieren, aber irgendeine

unerklärliche Kraft treibt mich in Räume

mit klingenden Namen wie „Ist Staubsaugen

als Mann haram?“ Ge bitte - ich

sollte einfach schlafen gehen.

ES IST WIE EINE RIESIGE,

NERVIGE WG. ABER MAN

WILL NICHT AUSZIEHEN.

Aber: Meine Clubhouse-Kontakte erwachen

um circa ein Uhr nachts zu ihrer

Prime Time. Ich fühle mich wie in einer

riesigen WG, in der ständig jemand an

meine Tür klopft. Oder, um es in Clubhouse-Jargon

zu sagen: „In den Room

pinged.“ Niemand zwingt mich, aufzumachen.

Außer ich mich selbst. Ausziehen

will ich auch nicht, ich hab die Menschen

ja irgendwie lieb. Und dann geht es

richtig los. Diskussionen über Gott und

die Welt – wortwörtlich – die katholische

Kirche und Kannibalismus. Es ist

wie Freunde treffen, nur ohne Freunde

zu treffen. Der nächste Gedanke: Wozu

machen wir das eigentlich öffentlich?

Damit unschuldige fremde Menschen

beitreten und sich fragen, was das für

ein Haufen Verwirrter ist? Kann mir egal

sein. Die Sekten-Exklusivität steigt zu

Kopf. Man könnte die App natürlich auch

seriös nutzen, aber was heißt heutzutage

schon seriös. Der Hype um die App wird

sich, denke ich, nicht lange halten – für

Lockdown-Zeiten ist es aber eine willkommene

Abwechslung. Vielleicht finde

ich in Farids Loveroom 69 ja die Liebe

meines Lebens – einen Enterpreneur-Nils

oder ein missverstandenes Clan-Mitglied.

Wir sehen uns dann in einem Monat auf

meiner Hochzeit, oder in der Clubhouse-

Aussteiger-Selbsthilfegruppe wieder.

Aber ich muss jetzt weiter, irgendwer hat

wieder einen neuen Room aufgemacht.

Nur kurz. Ein bisschen geht noch. Ihr

wisst ja, wo ihr mich findet. ●

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„Ich bin hier nicht der Jugo.

Ich bin hier der Quotenmann.“

Endometriose, Clown-Contouring und eine Clutch – was viele Männer nicht

einmal buchstabieren können, gehört zu seinem Tagesgeschäft. Die WIENERIN

hat seit Anfang 2021 einen neuen stv. Chefredakteur. Der ist nicht nur ein Mann,

sondern auch ein „Jugo“. Im biber-Interview spricht Ljubiša Bušić über Frauen,

Männer und verrät, warum er der Typ „überintergiert“ ist.

Interview: Delna Antia-Tatić, Foto: Susanne Einzenberger

DASBIBER: Herzliche Gratulation zur

neuen Position. Gab es eigentlich Bedenken,

wenn ein Mann Teil der Chefredaktion

wird – oder ist das ein Zeichen von

Feminismus?

LJUBIŠA BUŠIĆ: Ich würde es als Zeichen

von Feminismus sehen: Dass wir

keine Grenzen ziehen und sich auch ein

Mann mit feministischen Themen befasst

– und keine Berührungsängste hat.

Habt ihr eine Obergrenze für Männer?

(lacht) Nicht dass ich wüsste. Das Thema

hatten wir noch nie. Ich bin bis jetzt

immer der eine Quotenmann gewesen.

Bist du auch der Quotenmigrant?

Nein, bin ich nicht. Wir haben in der WIE-

NERIN andere Redakteurinnen mit Migrationshintergrund.

Es war der WIENERIN

immer wichtig, divers zu sein.

Wie geht es denn Frauen 2021 in Österreich

und was steht auf deiner Agenda?

Ganz groß steht da natürlich, wie sehr

Corona die Ungleichheit gezeigt hat und

die Belastungen für Frauen noch größer

gemacht hat. Stichwort: Homeschooling,

Care-Arbeit, unbezahlte Arbeit etc.

Nach sechs Jahren als Insider - würdest

du dich als Frauen-Experte bezeichnen?

Immerhin bist du sicher einer der wenigen,

der Endometriose buchstabieren

kann.

Ja, das kann ich. (schmunzelt) Ich würde

mich trotzdem nicht als Frauenexperte

bezeichnen, sondern, dass ich keine

Scheu vor „Frauenthemen“ habe.

Was sind denn Frauenthemen? Ich

selbst ärgere mich manchmal über diese

Schublade und denke mir, das sind doch

Gesellschaftsthemen.

Deswegen habe ich auch unter Anführungszeichen

gesagt. Das Lustige ist ja:

Als ich mich bei der Wienerin beworben

habe, hatte ich überhaupt nicht erwartet,

der einzige Mann zu sein. Ich habe

die Inhalte des Magazins gar nicht als

Frauenthemen gesehen. Für mich war

die WIENERIN mehr ein Lifestyle-Magazin

und da ging es um gutes Leben, um

Genuss und Self-Care.

Wie ist es denn ausschließlich mit Frauen

zusammenzuarbeiten?

Für mich macht es keinen Unterschied,

ob ich jetzt mit 20 Frauen oder Männern

arbeite, ich muss mich immer auf die

Leute einlassen. Vor der WIENERIN war

ich bei KOSMO. Da gab es nur Typen, aus

allen Ländern des ehemaligen Jugoslawiens.

Aber auch dort war ich der Fremde,

ich war der Schwabo. Die KOSMO-

Redakteure waren alle viel mehr in der

Ex-Yu-Community verwurzelt. Ich war

tatsächlich der pünktlich kommende und

korrekte, strebsame Schwabo-Kollege

und musste auch dort ganz viel lernen.

Bist du dann umgekehrt hier bei der

Wienerin der Jugo?

Ich bin hier nicht der Jugo. Ich bin ein

Mann bei einem Frauenmagazin.

Was heißt das?

Dass ich Vieles zu lernen habe und Vieles

nicht kenne. Stichwort: Clown-Counturing,

Keypieces. Ich weiß jetzt, was

eine Clutch und was Endometriose ist.

Trotz „Überintegration“ – wo kommt

denn der Jugo in dir raus?

Beim Essen. Fleisch, Fleisch, Fleisch und

immer wieder Burek.

Klischeefrage: Aber was sagt die Familie

unten zu deinem Job beim Frauenmagazin?

Die Familie unten hat das nicht so ganz

verstanden, was ich da mache und

denkt, ich arbeite bei einem Modemagazin.

Stolz sind sie natürlich trotzdem,

dass ich hier weiterkomme.

In Österreich bezeichnen sich junge, linke

Männer selbstverständlich als Feministen

– ist das in Bosnien auch so?

Das glaube ich nicht. Sicher gibt es

schon welche, aber es ist noch nicht so

Mainstream wie hier.

Wir reden grad viel über Männer versus

Frauen, dabei ist diese Geschlechtereinteilung

längst überholt. In Deutschland

wurde das dritte Geschlecht eingeführt,

auf Instagram gehört es dazu das Pronomen

dazu zu schreiben und junge Frauen

bezeichnen sich als Flint-Personen und

bekämpfen den Cis-Mann. Steht das

Geschlecht in Zeiten des Gender-Queer

weniger im Vordergrund oder bräuchte

die WIENERIN ein Sternchen* am Cover?

…ein Sternchen am Cover – müssen

wir uns überlegen. (lacht) Wir sind ein

feministisches Magazin, so gesehen ist

das Geschlecht natürlich ein Thema, an

dem wir uns viel abarbeiten. Dass das

jetzt fließender wird, schließt ja nicht aus,

48 / LIFESTYLE /


dass man sich trotzdem damit beschäftigt

und es irgendwie ein Teil der Identität

ist. Fließend bedeutet ja nicht, dass

ich kein Mann mehr bin, sondern dass

ich ein Mann bin und aber trotzdem

Yoga mache und Mandalas ausmale.

Was sagst du zur Frauenquote?

Bin ich dafür. Sie ist notwendig und

man kann sie definitiv einer Regierung,

den öffentlichen Einrichtungen und

größeren Konzernen zumuten. Vielleicht

nicht jeder kleinen Firma ums Eck, aber

jenen, die groß in der Gesellschaft eine

Funktion haben, sollten doch eine Verantwortung

übernehmen und nicht nur

draufschauen, was für sie bequem ist.

Was hältst du von einer Migrantenquote?

Da hätte ich nichts dagegen.

Am 8 März ist Frauentag, am Balkan

eine große Sache und traditionell gibt es

Blumen. Warum braucht es diesen Tag

und schenkst du einen Strauß?

Klar braucht es den Frauentag, aber

Blumen schenke ich nicht. Auch nicht

meiner Mama, obwohl sie es sich wohl

so vorstellen würde. Aber das ist eine

Verwechslung mit dem Muttertag und

Valentinstag. Der Frauentag ist ein politischer

Tag, wo es nicht darum geht, dass

man lieb ist zu Frauen, sondern dass

Frauenpolitik in den Mittelpunkt rückt.

Zum Schluss, verrätst du uns dein

Beauty-Geheimnis?

Natürlich, ausreichend Schlaf und viel

frisches Wasser.

Ljubiša Bušić, stv. Chefredakteur und

erster Jugo-Mann bei der „Wienerin“


KARRIERE & KOHLE

Para gut, alles gut

Von Anna Jandrisevits

MEINUNG

Für mehr Solidarität

Zum Thema Frauen und Karriere könnte ich

über Vieles schreiben. Etwa über das Homeoffice,

das für viele Frauen ein beruflicher

Rückschritt ist, weil Betreuungspflichten und

Hausarbeit an ihnen hängen bleiben. Oder

über Frauen, die gar nicht im Homeoffice sein

können, weil sie in systemrelevanten Berufen

tätig sind, in denen sie weder ausreichend

bezahlt noch wertgeschätzt werden. Statt

mich dem Comeback traditioneller Geschlechterrollen

zu widmen (vielleicht waren sie nie

weg?) oder der geringen Wertschätzung von

überwiegend weiblich besetzten Berufen,

möchte ich dieses Mal die Aufmerksamkeit

auf Frauen und Organisationen lenken, die

unsere Teilhabe und Unterstützung brauchen,

damit strukturelle Ungleichheit in der

Gesellschaft irgendwann ein Ende nimmt. Die

Frauendomäne ist eine kostenlose Datenbank

für Expertinnen aus allen Fachbereichen,

damit die Ausrede, man hätte keine weibliche

Expertin gefunden, endgültig hinfällig ist.

Im Podcast Große Töchter spricht Beatrice

Frasl mit weiblichen Gästen über Feminismus,

Geschlecht und Gleichbehandlungspolitik. Die

Schwarze Frauen Community ist ein Verein,

der schwarze Frauen, Kinder und Jugendliche

begleitet, fördert und berät. Mit der Aktion

#ReframingQuotenfrau fordert das Frauennetzwerk

Medien auf allen Ebenen Frauenquoten

von 50%. Die Liste geht endlos weiter,

unsere Solidarität ist gefragt. Für mehr fehlt

mir jetzt erst mal der Platz, aber die nächste

Kolumne kommt bestimmt.

jandrisevits@dasbiber.at

FOMO („FEAR OF MISSING OUT“)

WAR GESTERN!

Die Tage werden länger, die Motivation steigt und auch die VHS

startet wieder mit tausenden Kursen ins neue Semester. Nach

dem etwas längeren Winterschlaf zwischen Netflix und Co. ist

es wieder an der Zeit, um voll durchzustarten. Keinen Plan wie´s

weitergehen soll? Mit dem zweiten Bildungsweg der VHS kann

man günstig und unkompliziert den Bildungsabschluss nachholen.

Ob Pflichtschulabschluss, Berufsreifeprüfung oder Studienberechtigungsprüfung

– auf vhs.at/de/bildungsabschluesse findet ihr alle

wichtigen Infos auf einen Blick! Jetzt gibt’s keine Ausreden mehr.

Tipps

WOMEN

EMPOWERMENT

Lesen: „Unsichtbare Hürden“.

Unsere Welt wurde von

Männern für Männer gemacht.

Caroline Criado-Perez erklärt, wie

ein System, das die Hälfte der

Bevölkerung ignoriert, funktioniert.

Ein starker Appell für

Veränderung.

Sehen: Insecure“. Die

Comedy-Serie begleitet zwei junge

Schwarze Frauen, die gemeinsam

die Herausforderungen

ihrer Karrieren und Beziehungen

meistern. Es geht sowohl um

Feminismus und Freundschaft,

als auch um Gesellschaftskritik

und Rassismus.

Hören: „Femality“. Das

feministische Radiomagazin auf

Radio NJOY 91.3 widmet sich

Themen aus Kultur, Politik und

Wissenschaft, und räumt dabei

mit Geschlechterstereotypen auf.

Jeden Mittwoch um 20 Uhr auf

91.3.

Projekt

des Monats

FAIR PLUS SER-

VICE

Frauen stehen in der Pandemie

be sonders häufig vor existenziellen

Herausforderungen. Noch immer

herrscht ein zu großer Unterschied

zwischen Männern und Frauen in

der beruflichen Entwicklung und nun

beeinträchtigt die Wirtschaftskrise

stark weiblich besetzte Bereiche

zusätzlich. Mehr denn je braucht es

Projekte, die für Chancengleichheit

und die Selbstermächtigung von Frauen

einstehen. Fair Plus Service zum

Beispiel ist ein kostenfreies Beratungsund

Coachingangebot für Unternehmen

aus dem Niedrig lohnsektor, die

besonders viele Frauen beschäftigen.

Das Projekt unterstützt Betriebe bei

der Aus- und Weiterbildung von

gering qualifizierten und dequalifiziert

beschäftigten Frauen. Das Projekt

erarbeitet Strategien, damit Betriebe

kompetente Mitarbeiterinnen gewinnen

und die Arbeitssituation von bildungsbenachteiligten

Frauen verbessert

wird. So leistet Fair Plus Service einen

aktiven Beitrag zur Gleichstellung von

Frauen und Männern auf dem Arbeitsmarkt.

Gerne mehr davon!

www.fairplusservice.at

© Zoe Opratko

50 / KARRIERE /


IVOS WELT

Ivo Davidovski erzählt uns, warum

er das Studium zugunsten der neuen

Spar-Lehre abgebrochen hat und

gibt uns einen Einblick in seinen

Arbeitsalltag zwischen Regale

schlichten und Wurst aufschneiden.

Interview: Benjamin Jaffery, Foto: Eugénie Sophie

DASBIBER: Was hast du gemacht, bevor du bei Spar angefangen

hast?

IVO DAVIDOVSKI: Ich habe davor Wirtschaftsingenieurwesen

studiert. Als ich im zweiten Jahr mehr im Bereich

Softwareentwicklung machen musste, habe ich einen

Schlussstrich gezogen. Das war nämlich gar nicht so meins.

Und warum hast du dich dann für diese Stelle entschieden?

Bei Spar hab ich viele Aufstiegschancen. Die 2-jährige

Lehre nach der Matura bietet mir nicht nur einen sicheren

Arbeitsplatz, auch in Pandemiezeiten, sondern auch von

Anfang an ein super Einstiegsgehalt.

Wie sieht dein Arbeitsalltag hier aus?

Ich habe eine 38,5 Stundenwoche. Davon bin ich 28,5

Stunden in der Filiale. Aktuell arbeite ich bei den Milchprodukten,

davor war ich in der Obst- und Gemüseabteilung.

Die restlichen zehn Stunden verbringe ich mit Weiterbildung.

Dort wird mir theoretisches Wissen vermittelt, wie

z.B. das Bedienen einer Kassa oder richtiges Einschlichten.

Als nächstes bin ich in der Feinkostabteilung. Darauf bin ich

schon sehr gespannt.

Wie sieht die Ausbildung aus?

Alle paar Monate wechselt man Abteilungen, dort lernt man

die Basics. Alles verläuft nach einem fixen Plan, der wird

einem am Anfang der Ausbildung mitgeteilt. Dazu kommt

Büroarbeit und ein abschließendes Karrieregespräch. Darin

geht’s um die Ziele, die man als nächstes erreichen möchte.

Wohin führt dich deine Reise bei Spar?

Wir sind aktuell 18 Leute, die gerade die Ausbildung nach

der Matura machen. Die meisten streben eine Stelle als

Gebiets oder Marktleiter an. In die Richtung soll es auch bei

mir gehen, endgültig festgelegt habe ich mich aber noch

nicht.

Ist die Lehre in deinem Freundeskreis auch ein Thema?

Ja schon, viele meiner Freunde machen eine, aber ich bin

der Einzige der die Lehre nach der Matura macht.

Name: Ivo Davidovski

Alter: 27

Macht seit September die

zweijährige Lehre nach der Matura

/ KARRIERE / 51


Selbermacher

Zwei Schwestern

geben Wien-Favoriten

ein lang ersehntes

Kindergeschäft. Für

die beiden ein nachhaltiges

Heimspiel.

Text: Nada El-Azar, Fotos: Lisa Leutner

J

asmin und Melanie sind zwei waschechte

Favoritnerinnen. Die Schwestern,

35 und 41 Jahre alt, wuchsen

in der Per-Albin-Hansson-Siedlung auf und

bezeichnen den Bezirk als ihre Heimat.

Jeweils haben sie zwei Kinder und wohnen

im trendigen Sonnwendviertel in der Nähe

des Hauptbahnhofs. Die erste Idee für ein

Baby- und Kindergeschäft entstand vor

etwa fünf Jahren. „Uns fiel auf, dass es in

Favoriten eigentlich kein richtiges Kindergeschäft

gab und alle immer in die Stadt zum

Einkaufen fuhren. Dabei ist Favoriten die

drittgrößte Stadt Österreichs!“, so Jasmin.

Im Jahr 2019 eröffneten sie deshalb

„1100Kind“ in einem Gassenlokal beim Helmut-Zilk-Park.

Melanie, die Volksschullehrerin

ist, und Jasmin, die Soziologie studiert

hat, nahmen hierzu den Gründerservice der

Wirtschaftskammer Wien in Anspruch.

Wenn die

Krisenzeit zur

Trotzphase

wird

INDIVIDUELLE GESCHENKE

UND BERATUNG

„Unsere Produkte sind nachhaltig und

langlebig, selbstverständlich ist die Kleidung

aus Bio-Baumwolle“, so die ältere Schwester

Melanie, die auch Trageberatung für die

Kundschaft anbietet. Die hohen Regalwände

des Geschäfts bieten eine große Auswahl

an Spielzeug, Kleidung, Bilderbüchern,

Puzzles, Schuhen und praktischen Gadgets

für den Alltag, geeignet für Kinder im Alter

von 0 bis 12 Jahren. Gefördert werden

heimische Produzenten so gut es geht – der

Großteil des Sortiments wurde in Europa

produziert. Kleine Besonderheiten und

Geschenkideen abseits der großen Ketten

lassen sich bei „1100Kind“ leicht finden. Für

Erwachsene und angehende Mütter gibt es

liebevoll gestaltete Schwangerschaftsbü-

52 / KARRIERE /


cher und Grußkarten, sowie robuste Trinkflaschen,

die man mittels individueller Gravur

personalisieren kann. Durch die Coronakrise

wurden die Schwestern kreativ und setzten

auf Online-Beratungen über Social Media und

führten abends Lieferungen und Postsendungen

durch. „Gerade bauen wir unseren

Onlineshop auf und stehen in der Zwischenzeit

unseren Kunden weiterhin mit Rat und Tat

zur Seite.“

UNTERSTÜTZUNG AUS DER

BUNTEN NACHBARSCHAFT

Der Standort im lichtdurchfluteten

Sonnwendviertel bringt eine bunte

Mischung von Kunden ins Geschäft. „Viele

Menschen denken, dass hier im Viertel nur

Bobos wohnen, aber hier treffen so viele

unterschiedliche Menschen aufeinander“,

so die Schwestern. Durch Zufall sind beide

von ihnen mit türkischstämmigen Männern

verheiratet. „Es ist natürlich ein großer

Vorteil für das Geschäft, wenn man mit den

türkischen Kundinnen einige Worte in ihrer

Sprache wechseln kann“, grinst Melanie. Wir

finden: Ein Ausflug mit Kind nach Favoriten

lohnt sich auf alle Fälle.

Bei 1100Kind ist für Kleine und Große

Schönes zu finden.

1100Kind

Sissy-Löwinger-Weg 5/4

1100 Wien

www.1100kind.com

WKO-WIEN HILFT

Im Gründerservice der

WKO-Wien kann man bei

einem Beratungsgespräch

alle Fragen stellen, die die

Gründung eines Unternehmens

betreffen. Im Vorhinein

kann man sich auch

schon eigenständig online

informieren. Ob generelle

Tipps zur Selbstständigkeit,

rechtliche Voraussetzungen,

Amtswege oder

Finanzierungs- und Förderungsmöglichkeiten:

Auf

der Website kommt man

mit wenigen Klicks zu allen

wichtigen Informationen.

wko.at/wien

www.gruenderservice.at

Die Selbermacher-Serie ist

eine redaktionelle Kooperation

von das biber mit der

Wirtschaftskammer Wien.

Jetzt online informieren.

© philipp nemenz/Shutterstock

VON DER IDEE

BIS ZUR GRÜNDUNG

» GRÜNDUNG UND ÜBERGABE

» Basis-Informationen und Tools zur Gründung

finden Sie auf unserer Webseite.

© Randy Faris/Corbis

W www.gruenderservice.at/wien


GEGENDARSTELLUNG

„DAS ENDE EINES GENERATIONEN-FLUCHS“

Gegendarstellung von Metin K. zum Beitrag von Berfin Marx mit dem

Titel „Das Ende eines Generationen-Fluchs“ in der biber Winter-Ausgabe

2020 und Online-Veröffentlichung am 2.12.2020

„In der biber Printausgabe vom Dezember 2020

sowie auf der biber-Website wurde ein Beitrag

der Online-Aktivistin Berfin Marx veröffentlicht. In

diesem Beitrag erzählt sie die Lebensgeschichten

ihrer Mutter und Großmutter und deren Auswirkungen

auf ihr eigenes Leben. Berfin Marx berichtet,

dass ihre Großmutter und ihre Mutter mit 15

Jahren zwangsverheiratet wurden. Ihr Vater soll 15

Jahre älter sein als ihre Mutter. Angeblich standen

Gewalt, Vergewaltigung und Alkoholmissbrauch auf

der Tagesordnung.

Diese Anschuldigungen entsprechen nicht der

Wahrheit.

Die Mutter war bei der Heirat 21 Jahre alt und

die Eheschließung erfolgte im beidseitigen Einverständnis.

Auch ist der Vorwurf der Anwendung

jeglicher Art von Gewalt und der missbräuchliche

Konsum von Alkohol völlig haltlos!

Aus staatlich ausgestellten Dokumenten geht

hervor, dass der Altersunterschied zwischen dem

Vater und der Mutter von Berfin Marx nicht wie

angegeben 15 Jahre beträgt, sondern nur knapp

6 Jahre. Zudem war die Mutter bei der Heirat nicht

15, sondern 21 Jahre alt!

Die Mutter wurde von ihrem Onkel nach Stuttgart

geholt, damit sie bessere Zukunftschancen hat

als in der Türkei. Dort wurde sie wie die eigenen

Kinder behandelt. Auch die Vorwürfe gegen die

Verwandten in Deutschland sind völlig haltlos.

Um seiner Ex-Frau ein eigenes Einkommen zu

ermöglichen, hat Herr Metin K. den Kredit für ihren

Frisörsalon aufgenommen. So konnte sie ihren

Traum verwirklichen. Selbst nach der Scheidung

wurde der Kredit von Herrn Metin K. weiterbezahlt,

damit seine Töchter keine finanziellen Einbußen

spüren. Zudem hat Herr Metin K. etliche Jahre vor

der Scheidung seine Ex-Schwiegermutter nach

Österreich geholt, um seine Ex-Frau zu entlasten.

Berfin Marx hat viele Tanten und Cousinen, die

Akademikerinnen sind und ein emanzipiertes Leben

führen.

Berfin Marx stellt sich im Beitrag als Feministin

dar und als erste Frau in ihrer Familie, die nicht

zwangsverheiratet wird und sich ihrer Bildung widmen

kann. Diese Darstellung ist unwahr. Mehrere

Tanten und Cousinen ersten Grades sind Akademikerinnen,

die ein selbstbestimmtes Leben führen.

Der Vater, Herr Metin K., hat alles in Gang gesetzt,

damit seine Töchter über den Bildungsweg den

sozialen Aufstieg schaffen und ein emanzipiertes

Leben führen können. Auch nach der Scheidung

hat er regelmäßigen Kontakt zu seinen Töchtern

gehalten.

Offensichtlich hat Berfin Marx beabsichtigt,

über eine erfundene Familiengeschichte und die

Selbstinszenierung als Opfer die eigene Popularität

zu erhöhen und die eigene Reichweite in den sozialen

Medien zu steigern.“

STELLUNGNAHME VON BIBER

Die biber-Redaktion entschuldigt sich hiermit bei der Familie K., besonders bei Herrn Metin K., bei den Verwandten

der Familie in Österreich, in der Türkei und in Deutschland für die Veröffentlichung des Gastbeitrages

und den möglicherweise entstandenen Eindruck, dass die Darstellung von Berfin Marx von der biber-Redaktion

mitgetragen würde. Das ist nicht der Fall. Sollte dies missverstanden worden sein, erklären wir hiermit ausdrücklich

unsere Distanzierung als auch Entschuldigung.

Hiermit veröffentlichen wir die Gegendarstellung von Herrn Metin K. und seiner Familie in unserem Medium.

Darüber hinaus wird sich biber in Zukunft nicht weiter mit dieser Angelegenheit befassen. Im Sinne einer

Distanzierung wird biber dieses Thema journalistisch nicht behandeln. Auch werden zu diesem Thema keine

weiteren Gastbeiträge von Berfin Marx oder anderen Dritten veröffentlicht. Sollten in Zukunft Gastbeiträge von

Berfin Marx erscheinen, werden diese ausdrücklich und unmissverständlich als Gastbeiträge gekennzeichnet.

Gastbeiträge, die die Familie betreffen, werden nicht veröffentlicht.

54 / MIT SCHARF /


© Marko Mestrovic, E Ink Holdings, Cyberpunk, Space X

MEINUNG

Kaputte

Spielebranche

Ausbeutung, Sexismus und Missmanagement.

So oder so ähnlich könnte man die

Welt hinter der glitzernden Fassade der

Spieleentwicklung beschreiben. Berichte

über bis ans Ende geschundene MitarbeiterInnen

vor Veröffentlichungen, über latenten

Sexismus und herumirrendes Management

wollen nicht abreißen. Das letzte Beispiel

dafür: Das Chaos um Cyberpunk 2077.

Das vielversprechende Spiel wurde von

der Gamingwelt heiß herbeigesehnt und

hat herb enttäuscht. Die EntwicklerInnen

wurden beschimpft, bedroht und runtergemacht.

Dabei waren es das Management

und Marketing, die das Spiel totgehyped

haben – die EntwicklerInnen haben nur

die Rechnung kassiert. Auch bei Amazon

Game Studios soll die Lage nicht rosig sein:

Grabenkämpfe und Streit im Management

haben vielversprechende Veröffentlichungen

versenkt, kreative Köpfe schmeißen

ihre Jobs hin. Leute, was ist los?

Gerade in einer Zukunftsbranche

sollten doch altbackene Traditionen

überwunden sein und das Management

auf das Team hören – und nicht

blindlings in das nächste Desaster

laufen! Anscheinend gilt das Sprichwort,

dass man nur aus dem eigenen

Schaden klug wird, auch im 21. Jahrhundert.

bezeczky@dasbiber.at

TECHNIK & MOBIL

Alt+F4 und der Tag gehört dir.

Von Adam Bezeczky

Digitale

Bekleidung

Die Unternehmen „Plastic Logic“ und

„E-Ink“ haben sich zusammengetan,

um farbenfrohe, stromsparende und vor

allem biegsame E-Ink Displays herzustellen.

Damit könnten in der Zukunft

auch smarte Kleidungsstücke versehen

werden. Wer glaubt, dass dies „nur mal

wieder mehr Elektroschrott“ bedeutet,

möge kurz innehalten: Wie wäre es,

wenn dadurch weniger Textilien erzeugt,

geliefert und schlussendlich weggeschmissen

werden müssten – weil man

das Aussehen mit einem Tastendruck

verändern könnte? Zudem könnten diese

Anzeigenfelder auch mit smarten Geräten

gekoppelt werden, die bei Notfällen

automatisch für Aufmerksamkeit sorgen.

Solarzellen-

Sandwich

Forscher des Helmholtz-

Zentrums in Berlin haben

die zwei herkömmlichen

Arten von Solarzellen

übereinander gelegt – und

steigern den Leistungszuwachs

bei „billigen“ Solarmodulen

auf 29 Prozent.

Für die Zukunft (und die

Natur) bedeutet das mehr

Energie aus günstigeren

Solarzellen, womit wir der

nachhaltigen Energieerzeugung

wieder einen

Schritt näher kommen.

MAL

WIEDER

ÄRGER

FÜR MUSK

Elon Musk hat mal wieder

Ärger. Diesmal mit seiner

Raumfahrtfirma SpaceX

und der US Flugbehörde.

Offensichtlich wurde beim

Test des letzten Spaceship-Modells

getrickst,

jetzt schaut ihnen die

Behörde besonders genau

auf die Finger. Folge:

Startverzögerungen für

das Modell SN9 und

SN10.

/ TECHNIK / 55


KULTURA NEWS

Klappe zu und Vorhang auf!

Von Nada El-Azar

MEINUNG

Freakshow auf

Russisch

Ich, eine Araberin, habe Slawistik studiert.

Ja, sogar fertig studiert! Für viele Leute ist

das etwas so Außergewöhnliches, ja fast

Unbegreifliches. Ich frage mich, ob man all

die „Autochthonen“ im Romanistik- oder

Skandinavistik-Institut nicht auch mit Aussagen

à la „warum nicht Germanistik?“ nervt,

so wie mir Leute die Orientalistik an den

Kopf werfen. Nun aber habe ich den wahren

Nutzen des jahrelangen Russischlernens

entdeckt: Reality TV-Shows. Allem voran

steht ein würziges Format namens „Давай

поженимся!“ („Lass uns heiraten!“), in dem

seit dem Jahr 2008 liebeswillige Singles

nach dem idealen Partner suchen. Zwei

zynische Kupplerinnen stellen dem Kandidaten

drei potenzielle PartnerInnen vor. Sie

erzählen von ihren Affären in der Vergangenheit,

sind ehrlich über ihre Macken – oft

ein wenig zu ehrlich. Die Buhler müssen

nicht nur sympathisch sein, sondern stellen

auch ihre Talente zur Schau. Auch wenn sie

keine haben. Frauen, die ein wenig zu oft

beim Beauty-Doc gewesen sind, gehören

genauso zur Klientel, wie Männer, die teilweise

noch bei ihrer Mutter wohnen. Es ist

schlicht gesagt eine absolute Freakshow –

unterhaltsam bis fremdschamerregend. Das

perfekte Lockdown-Programm eben.

el-azar@dasbiber.at

Netflix Tipp

Lupin

Assane Diop wächst als

Sohn eines einfachen senegalesischen

Chauffeurs für

eine wohlhabende Familie

in Paris auf. Im Jahr 1995

wurde sein Vater zu Unrecht

des Diebstahls eines kostbaren

Colliers bezichtigt und

landet im Gefängnis. Diops

Vater begeht scheinbar Suizid in seiner Zelle – Assane wird mit 14 Jahren zur

Vollwaise. 25 Jahre später taucht das Schmuckstück wieder auf. Assane, der

in jungen Jahren von seinem Vater Bücher über den französischen Meisterdieb

Arsène Lupin bekam und der mittlerweile seine tiefe Faszination für diese literarische

Kultfigur mit seinem Sohn teilt, begibt sich mit den raffiniertesten Tricks

auf die Suche nach der Wahrheit und will Gerechtigkeit für seinen Vater. Omar

Sy („Ziemlich beste Freunde“) brilliert in der Hauptrolle als moderner Trickster.

Staffel 1 jetzt auf Netflix sehen!

Ausstellungstipp

CORONAS

AHNEN

In der Kaiserlichen Wagenburg

dreht sich alles um Masken

und Seuchen am Wiener Hof

von 1500 bis zum Ende der

Spanischen Grippe 1918. Der

Bogen spannt sich um eine

jahrhundealte, lang verdrängte

Angst der Menschen vor

Seuchen. Aus aktuellem Anlass

leider eine notwendiger, dafür

aber spannende Reise in die

Vergangenheit.

Bis 11. April 2021 zu sehen!

© Christoph Liebentritt, Emmanuel Guimier / Netflix, KHM-Museumsverband, Nourhan Maayouf, Filmarchiv Austria

56 / KULTURA /


Fotos: shutterstock

Banal Complexities

Zwischen März und September veranstaltet philomena+

vier kollaborative Kunstinterventionen im öffentlichen

Raum. Im Fokus: Der 2. Bezirk zwischen Praterstern und

Volkertmarkt. Für die Projektserie kommen Kunstschaffende

aus Wien und Nordafrika zusammen. Im März/April

machen so Margareta Klose und Nourhan Maayouf ihre

„Grüne Pause“. Gefüllte Melanzani, eingelegte Gurken

und Schnitzel treffen am Volkertmarkt so auf die Themen

Rollenbilder und Migration. Geplant sind neben einer

Open-Air-Ausstellung mit Fotografien auch eine Reihe

partizipativer Workshops. Kuratiert von Christine Bruckbauer

und Aline Lenzhofer.

Mehr Informationen auf: www.philomena.plus

Probier‘s

jetzt

ONLINE!

Zeit für

Erfolgserlebnisse

Für alle, die sich einen langersehnten Wunsch

erfüllen wollen: Lernen Sie jetzt online bei den

Wiener Volkshochschulen Ihr Lieblingsinstrument!

Houchang Allahyari

Wie alle anderen Kinos wird das Filmarchiv vorerst

auf digitales Heimkino setzen müssen. Bis zum 18.

März kann man eine umfassende Retrospektive des

Filmwerks des 1941 in Teheran geborenen Regisseurs

und Psychiaters Houchang Allahyari sehen. Allahyari,

der als Jugendlicher nach Österreich auswanderte,

thematisiert Flucht und Asyl mit humoristischen Elementen.

Mit dabei ist auch der bekannte Kurzfilm „I

Love Vienna“ aus dem Jahr 1994.

Mehr Informationen unter: www.filmarchiv.at

#meinerfolgserlebnis

www.vhs.at

Bildung

und Jugend


UNERHÖRT?!

STARKE

FRAUEN

IN DER

DIASPORA

Als Beitrag zum Internationalen Frauentag 2021 feiert das VIDC, in Kooperation

mit Seti Women, Okto TV und das Biber, all die zahlreichen Frauen aus der Diaspora,

die Empowerment tagtäglich und doch ungesehen vorantreiben.

Ihre Arbeit ist unersetzlich. Ihre Wirkung

enorm. Ihre Vorbildrolle groß. Aber wer

kennt die Gesichter und Geschichten

dieser Frauen? Abseits ihrer Communities

sind die Empowerment-Leistungen von

Frauen mit Migrationshintergrund kaum

sichtbar.

Dabei sind es so viele, die in Österreich

ihre neue Heimat gefunden haben und

heute als Lehrerinnen, Ärztinnen, Unternehmerinnen,

Wissenschaftlerinnen u.v.m.

tätig sind. Ihr Beitrag für Diversität,

ihre Leistung bei der Bekämpfung von

Gewalt, Rassismus und Diskriminierung

als auch ihre Rolle in der Pandemie sind

enorm. Frauen sind die zentralen Akteurinnen

bei der Forcierung von Bildung in

den Communities. Sie wirken als „Role

Models“ und machen anderen Frauen

und Mädchen Mut, ihr Leben selbst in

die Hand zu nehmen. Es sind Frauen wie

Hawwa, Vanessa und Soraya.

SORAYA OHADI

2012 flüchtete Soraya mit ihrer Familie

aus Afghanistan. Die heute 23-Jährige

studiert inzwischen an der Wirtschaftsuniversität

Wien. Gleichzeitig betreibt sie

zusammen mit ihrer Familie das afghanische

Restaurant Asman in Wien. Ihr

Motto: „Glaub an dich! So kannst du die

Welt verändern.“

VANESSA OSAYI EDIONWE

Vanessa war zwei Jahre alt, als sie mit

ihrer Familie nach Österreich auswanderte.

Heute studiert die 20-Jährige

Rechtswissenschaften, weil sie sich für

mehr Gerechtigkeit einsetzen möchte.

„Als schwarze Frau in Österreich habe

ich oftmals das Gefühl, mich doppelt

beweisen zu müssen, einerseits weil ich

eine Frau bin und andererseits, weil ich

schwarz bin.“

HAWWA OZOTU OSHAFU

Hawwa ist Senior Technikerin in der Tierimpfstoff-Produktion.

Für die gebürtige

Österreicherin mit nigerianischen Wurzeln

waren ihre Eltern stets Vorbild: Sie

haben ihr beigebracht, mit wenigen Ressourcen

viel zu bewirken. Die 31-Jährige

kämpft gegen das „Schubladendenken“

und lässt sich durch Vorurteile über ihre

Religion oder Hautfarbe nicht beirren.

TV-TIPP MIT SCHARF. Einschalten, zuschauen, zuhören!

Als Beitrag zum Internationalen

Frauentag 2021

lädt das VIDC, in Kooperation

mit Seti Women

und dasBiber, zum Studiogespräch

„Unerhört?!

Starke Frauen in der

Diaspora“ auf OKTO TV.

Montag, 1. März 2021,

19:00 - 21:00 Uhr

Live auf Okto TV und auf

dem Facebook-Kanal

des VIDC

Es diskutieren:

Esther Maria Kürmayr - Antidiskriminierungsexpertin, Sozialarbeiterin,

Lehrerin, Obfrau des Vereins Schwarze Frauen

Community,

Ishraga Mustafa Hamid - Politologin, Autorin und Menschenrechtsaktivistin,

2020 erhielt sie das Goldene Verdienstzeichen

des Landes Wien

Rojin Ali - Soziologin, Dolmetscherin und Sozialarbeiterin, Diakonie

Frauenberatung, Wien

Noreen Mughal - Maturantin, Black Lives Matter, Vorarlberg

Aadilah Amin - Studentin an der Universität Wien, Gründungsmitglied

des afghanischen Studenten*innenvereins IGASUS

Moderation:

Delna Antia-Tatić, Biber-Chefredakteurin

© privat

58 / MIT SCHARF /


KOLUMNE

Ich bin diplomierter Flüchtling mit Auszeichnung

von der Balkanroute-Universität.

Lieber Verstand der Menschheit, dürfte

ich Sie kurz entführen und auf einen

Kaffee auf dem Mond weit weg von

dem Lärm der ringenden Egos einladen?

Ich bin ein geradliniger Gesprächspartner,

der kein Interesse an vorgetäuschten

Höflichkeiten hat. Lassen

Sie unsere Kaffeepause hemmungslos

und übergangslos ablaufen. Ich

möchte Ihre Betrachtung bestimmter

Dinge neu verhandeln.

Exil ist nicht, wenn Sie in der

Fremde leben. Exil ist, wenn Sie sich

in der eigenen Heimat fremd fühlen.

Exil ist, wenn Sie als Kind jeden

Tag in der Schule für den Diktator, der

Ihre Zukunft stiehlt, rufen müssen: “Es lebe der ewige

Führer”.

ICH MACHE DEN MASTER AN DER

HOCHSCHULE DER FREMDE

Diaspora ist nicht die Verstreuung eines ganzen

Volkes vor den Toren der Ungewissheit, hoffend,

dass die Raupe ein Schmetterling werden kann,

ohne ihre Flügel mit der Schere der Herabwürdigung

zu beschneiden

Diaspora ist, wenn Sie in der Blüte ihres Lebens

wegen eines Rufes nach Freiheit gefangengenommen

werden, mit jedem Schlag Ihrer Peiniger ein

Stück von Ihrem Menschsein verlieren, und während

des Folterns laut rufen müssen: “Es lebe der ewige

Führer.”

Lieber Verstand der Menschheit, Sie runzeln die

Stirn, als schmecke Ihnen der Kaffee nicht! Und bitte

turjman@dasbiber.at

Jad Turjman

ist Comedian, Buch-Autor

und Flüchtling aus Syrien.

In seiner Kolumne schreibt

er über sein Leben in

Österreich. In dieser

Ausgabe in Form eines

Gedichtes.

blicken Sie nicht besorgt auf die Erde,

sie werden Ihre Abwesenheit nicht

merken. Oder sind Sie überrascht,

weil sie doch eine Kugel ist?

Lieber Verstand der Menschheit,

ich möchte auch, dass mein Studienabschluss

anerkannt wird. Ich bin

diplomierter Flüchtling mit Auszeichnung

von der Balkanroute-Universität.

Ich machte dann den Master an der

Hochschule der Fremde. Dort lernte

ich, dass es keine Fremde gibt. Es

gibt nur fehlendes Interesse, den

Anderen kennenzulernen.

ICH TRAGE DIE PERSPEKTIVE

DREIER MENSCHEN IN MIR

Kann ich künftig meine Flucht- und Fremdsein-Kompetenzen

in meinen Lebenslauf einfügen und darauf

hoffen, höheres Gehalt dadurch zu bekommen? Ich

werde an meinem ersten Arbeitstag meine Zertifikate

stolz im neuen Büro aufhängen und die Bewunderungsblicke

genießen. Ich habe immerhin für dieses

Studium viel bezahlt. Es hat mich den Verzicht auf die

Umarmungen meiner Mutter gekostet.

Lieber Verstand der Menschheit, es wäre nur

gerecht, mein Fluchtstudium und meine Migrationskompetenzen

anzuerkennen. Denn ich trage die

Perspektive dreier Menschen in mir. Eine des Einheimischen,

eine des Fremden und eine desjenigen, der

die beiden in mir beobachtet.

Lieber Verstand der Menschheit, wohin gehen Sie,

warten Sie...

C‘est la vie. Ich bin es gewohnt, die Rechnung

alleine zu bezahlen...

Robert Herbe

/ MIT SCHARF / 59


In Arman T. Riahis Film

„Fuchs im Bau“ fängt der

Protagonist Hannes Fuchs

nach einem schweren

Schicksalsschlag einen

Job als Gefängnislehrer

an. Gemeinsam mit

Hauptdarsteller Aleksandar

Petrović sprach der Regisseur

mit biber über den neuen

Film, geschlossene Kinos und

das Krisenmanagement der

türkis-grünen Regierung.

Interview: Nada El-Azar

Der Regisseur

Arman Riahi…

Vom

Brainfuck auf

die Leinwand

… und Hauptdarsteller

Aleksandar Petrović.

BIBER: Wie genau entstand die Idee für

„Fuchs im Bau“?

ARMAN T. RIAHI: Vor zwölf Jahren habe

ich für meine erste Doku „Schwarzkopf“

recherchiert, die von Jugendlichen mit

Migrationshintergrund handelte, die

sich nicht als Teil der österreichischen

Gesellschaft wahrgenommen haben

und kriminell wurden. Dabei wurde ich

letztlich an die Justizanstalt Josefstadt

verwiesen und traf junge Häftlinge sowie

den Gefängnislehrer Wolfgang Riebniger.

Das war sehr faszinierend, zumal ich gar

nicht gewusst hatte, dass so etwas wie

eine Gefängnisschule überhaupt existiert.

Ich sah ihm damals bei der Arbeit über

die Schulter und wusste sofort, dass ich

darüber einen Film drehen wollte. Die

Figur des „Neulings“ Hannes Fuchs in

der Gefängnisschule und das Geschehene

dort ist inspiriert von wahren Begebenheiten.

Wie bereitet man sich auf die Hauptrolle

des Hannes Fuchs vor?

ALEKSANDAR PETROVIĆ: Anders als

bei Fernsehproduktionen, kann man

sich beim Film wirklich Zeit zum Recherchieren

nehmen. In der Handlung des

Films gibt es Anknüpfungspunkte für

mich als Darsteller, mit denen ich mich

intensiv beschäftige. Ich war oft im

Gefängnis und habe Bücher gelesen. Ich

habe sogar über Füchse gelernt, weil

die Figur Fuchs heißt – manchmal findet

man da eine spannende Schnittstelle.

Und ich habe ja das Glück, mit Arman

© Ivory Rose Photography, Arman T. Riahi, Filmladen Filmverleih

60 / KULTURA /


einen Regisseur zu haben, mit dem ich

gemeinsam das Drehbuch geschrieben

habe und ewig über die Figuren im Film

„brainfucken“ kann.

Neben dir sind noch andere bekannte

Gesichter wie Maria Hofstätter und Sibel

Kekili zu sehen.

ALEKSANDAR: Ich wusste zuerst nicht,

dass ich die Hauptrolle bekommen würde.

„Fuchs im Bau“ ist Armans zweiter

Spielfilm, und das ist nicht zuletzt eine

große Vertrauenssache, auch wenn wir

seit 20 Jahren befreundet sind und lange

unsere Leidenschaft für Film teilen. Die

Besetzung muss immer auch vor der Produktionsfirma

gerechtfertigt werden. In

„Die Migrantigen“ spielte ich auch schon

eine der Hauptrollen.

ARMAN: Bei „Die Migrantigen“ war es

schön, dass zwei relativ unbekannte

Schauspieler rund 100.000 Zuschauer

ins Kino locken können. Sonst setzen

Regisseure ja oft auf Zugpferde,

also große Namen. Damals war es

irgendwo auch Kalkül gewesen, dass

in den Nebenrollen sehr bekannte

Schauspieler mitgespielt haben. Bei

„Fuchs im Bau“ geschah das weniger

durch Kalkül, als dadurch, dass unsere

Schauspieler*innen vom Drehbuch überzeugt

waren. Es ist ja nicht so, dass man

uns Ausländern einen Gefallen getan

hätte. (lacht)

Welche Konsequenzen hat die Corona-

Pandemie auf das Filmemachen?

ARMAN: Ich hatte Glück im Unglück,

da unser Film fertig geworden ist. Die

Dreharbeiten waren nur minimal von

der Pandemie betroffen – aber dafür die

Auswertung. Der Film sollte auf Festivals

kommen, und im Kino gespielt werden.

In der ganzen Szene herrscht eine große

Vorsicht vor Kinofilmen, durch die unsichere

Lage. Viele verkaufen daher ihre

Filme an Streaming-Plattformen, aber

ich mache einfach Filme fürs Kino und

möchte Projekte nicht online verbraten,

wo man im Überangebot untergehen

kann.

Herrscht in der Szene eine Skepsis

gegenüber Netflix und Co.?

ARMAN: Bei mir persönlich sind Streaming-Plattformen

nicht verpönt, aber

es gibt dort schon viel Mittelmäßiges

zu finden. Selbst wenn wir einen Film

online verkaufen, würden wir auf einen

Kinostart in Deutschland, Österreich und

„Fuchs im Bau“ beruht auf wahren Begebenheiten aus der JVA Josefstadt

in Wien.

Maria Hofstätter und Aleksandar Petrovic sind

Kollegen in der Gefängnisschule.

der Schweiz bestehen. Aber es wäre auf

jeden Fall eine Option, wenn die Spielzeit

im Kino zu Ende ist.

Seid ihr zufrieden mit dem aktuellen Kulturmanagement

der Regierung?

ARMAN: Von Freunden aus der Szene

habe ich mitbekommen, dass es sehr

schlecht läuft mit den Antragsstellungen

und der finanziellen Hilfe. Ich kenne

mindestens drei Filmemacher, die durch

die Pandemie vor dem Konkurs stehen.

Man muss der Tatsache ins Auge sehen,

dass Kultur und Film in Österreich keinen

besonders großen Stellenwert bei den

Regierenden haben. Egal ob ÖVP, Grüne

oder SPÖ. Die Kulturszene ist, neben der

Gastronomie, die am schwersten getroffene

Branche.

ALEKSANDAR: Ich habe keine Unterstützungen

beantragt und kam irgendwie so

durch. Wir schreiben parallel schon an

den nächsten Drehbüchern, für die wir

schon vor der Pandemie Förderungen

bekommen haben. Vergangenes Jahr

gab es für mich ab August auch einige

Drehs, also komme ich gerade zurecht.

Aber Theater und die freie Szene? Denen

geht es wirklich schlecht. Ohne Publikum

kann man nicht spielen. Und was ich von

den Proben mitbekommen habe: Manche

Ensembles sind kein fixes Team, sondern

kommen für einen Zeitraum zum Arbeiten

zustande. Durch ständige Verschiebungen

fallen Produktionen aber einfach

auseinander und aus.

Wie geht es euch mit den derzeit

geschlossenen Kinos?

ARMAN: Durch die Pandemie mussten

einige Kinostarts aufgeschoben werden.

Im Oktober waren die Kinos ja nur

einen Monat lang geöffnet, und unser

Filmverleih musste andere Filme, die

schon länger in der Warteschleife waren,

vorziehen. Das ist natürlich blöd für uns,

aber so geht es momentan allen in der

Szene. Nun ist „Fuchs im Bau“ aber

Eröffnungsfilm bei der Diagonale, die

von 8. – 13. Juni in Graz stattfindet.

INSIDER LOCKDOWN-FILMTIPPS:

ARMAN T. RIAHI:

„Glücklich wie Lazzaro“ (Alice

Rohrwacher, 2018)

ALEKSANDAR PETROVIĆ:

„Pieces of a Woman” (Kornél

Mundruczó, 2020)

/ KULTURA / 61


„Die Leiden des jungen Todor“

Von Todor Ovtcharov

Schlösser

Diktatoren lieben Schlösser. Egal ob

Ceaușescu in Rumänien, Erdoğan in

der Türkei oder Putin in Russland.

Alle sind der Meinung, dass ihnen zwei, drei

oder sogar zwölf Zimmer nicht ausreichen.

Man braucht mindestens zweihundert Zimmer,

dazu Swimmingpools, wo das Wasser aus

goldenen Röhren hineinrinnt, private Kinosäle

und Parkplätze mit der Größe des Praters.

Das ist natürlich kein neues Phänomen. Im

Frankreich zum Beispiel wurden sehr viele

Schlösser gebaut. Das hat aber eine Erklärung:

Es gab damals keine WCs und die Adeligen

mussten ihre Geschäfte in den Ecken der

Zimmer verrichten. Deshalb brauchte man so

viele Zimmer. Und wenn das ganze Gebäude

so stark nach Urin gerochen hat, dass man es

nicht mehr aushalten konnte, dann baute man

halt ein neues. Aber das Innen-WC gibt es

schon lange, deshalb fragt man sich, warum

heutige Diktatoren wohl riesige Schlösser

brauchen.

Es schaut so aus: Je schlechter es dem

Volk geht, desto größere Schlösser brauchen

die Herrschenden. Man kann nachschauen,

wie der Durchschnittsrusse heute lebt und wie

groß das Schloss von Putin in Gelendschik ist.

Oder wie die Menschen in der Türkei zu Zeiten

einer 20-prozentigen jährlichen Inflation

ausharren und wie die Häuser von Erdoğan

ausschauen. Gerüchten zufolge, soll im

türkischen Haushalt schon das Geld für zwei

weitere Schlösser eingerechnet sein. Dieses

Jahr sollten sie gebaut werden.

Alle Diktatoren glauben, dass es ihnen

zusteht in Schlössern zu leben. Sie sagen,

dass das gar nicht ihre Schlösser sind, sondern

Schlösser des Volkes. Warum wird dann

das Volk immer eine Schusslänge von den

Schlössern weggehalten? Vielleicht, weil sich

alle erinnern, wie das Schloss von Gadaffi

2011 gestürmt wurde und Obdachlose in

seinen Ruinen einzogen.

Man macht alles nur des Volkes wegen.

Jedes Schloss verschafft Arbeitsplätze. Wenn

man das Land mit Schlösser bedeckt, können

alle zum Schlosspersonal werden. Man sagt,

dass es im Topkapi-Schloss in Istanbul allein

für die Versorgung der Öfen 2000 Menschen

Personal gebraucht hatte. Erdoğan bezieht

sich immer wieder auf die Größe des Osmanischen

Reiches, durch Schlösserbau mag

er die Arbeitslosigkeit bekämpfen. Und Putin

wird dafür sorgen, dass jeder Russe ein eigenes

Schloss hat. Wenn nicht auf dieser Welt,

dann im nächsten Leben. ●

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