Im Duisburger Marxloh

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Ein Bericht über eine Stadt im Ausnahmezustand. Marxloh ist wie viele Städte im Ruhrgebiet, ein Armutsbezirk. Der Mythos Ruhrgebiet, in dem vor Jahrzehnten noch täglich Millionen mit Stahl und Kohle verdient wurden, bröckelt. Der größte Industriestandort Europas wird nicht mehr gebraucht, er verfällt.

Franz Voll

Inside Duisburg-Marxloh

Ein Stadtteil zwischen Alltag und Angst

Unter Mitarbeit von Marilis Kurz-Lunkenbein

orell füssli Verlag

© 2016 Orell Füssli Verlag AG, Zürich

www.ofv.ch

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Lektorat: Thomas Reichert, Grevenbroich

Umschlaggestaltung und Motiv: Hauptmann & Kompanie

Werbeagentur, Zürich

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-280-05634-9

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

((Papier aus verantwortungsvollen

Quellen))


Inhaltsverzeichnis

Marxloh ist anders schön

Vorwort von Franz Voll

Hallo, Marxloh, ich komme!

Wo geht es denn hier zur No-go-Area? Die Geschichte einer

Annäherung an einen Problemstadtteil.

Sind die Medien das Problem?

Wie Journalisten, die Duisburg kaum oder gar nicht kennen,

über No-go-Areas und Krawalle berichten und warum die

Marxloher die Nase voll davon haben.

Multi-Kulti-Karneval

Aussichten und Einsichten vom Karnevalswagen: Wie

verschiedene Nationalitäten in Marxloh zusammen leben und

zusammen feiern.

Pegida lädt zum Spaziergang ein

Duisburg hat sich zum letzten »Wallfahrtsort« für Pegida-

Anhänger entwickelt. Wie deren Kundgebungen ablaufen.

»Wir waren eine typische Thyssen-Familie«

Warum Ursel aus der alteingesessenen Familie Schindler keine

Probleme mit den fremden Menschen um sie herum hat.

Unterwegs auf der Romantischen Straße

An der Weseler Straße in Marxloh reiht sich ein

Hochzeitsausstatter an den anderen. Sie ziehen Brautleute und

ihre Familien aus ganz Europa an.

»Wir in Duisburg können Integration«


Wie der Oberbürgermeister einen Turnaround in Marxloh

schaffen will und warum er die Zukunft des Stadtteils durchaus

positiv sieht.

Die etwas andere Geburtstagsfeier

Wie alteingesessene Marxloher die Entwicklung ihres Stadtteils

beurteilen und warum sie sagen: »Wir haben keine Lust mehr

auf den Multi-Kulti-Scheiß.«

Ein Gymnasium macht von sich reden

80 Prozent der Schülerschaft im »Elly« haben einen

Migrationshintergrund. Was die Lehrer dort leisten und was

Ehemalige über ihre Schule sagen.

»Marxloh ist eine Falle!«

Ahmed ist vor 47 Jahren aus der Türkei nach Marxloh

gekommen. Warum der Türke mit deutschem Pass sagt:

»Heute würde ich es anders machen.«

»Marxloh ist ein Armutsbezirk«

Nikolaus Schneider über Arbeitsplätze, Armut, verschenktes

Vertrauen und mangelnde soziale Verantwortung der Industrie.

Das Gespenst der Werksschließung geht wieder um

16.000 Stahlarbeiter demonstrieren für den Erhalt ihrer

Arbeitsplätze und Franz Voll erfährt, warum sie Angst vor der

Zukunft haben.

Jeder kann glauben, was er will

In Marxloh leben Muslime, Orthodoxe, Hinduisten, Buddhisten,

Juden und noch viele andere Glaubensrichtungen friedlich

nebeneinander.


»Marxloh ist ein schöner Stadtteil«

Bezirksbürgermeister Heider über den Besuch der

Bundeskanzlerin und wie es zum »Wunder von Marxloh«

gekommen ist.

»Auch in Marxloh haben die Bürger Rechte«

Was ein in Duisburg lebender Türke über einen Polizeieinsatz

in Marxloh erzählt und warum er sich ungerecht behandelt fühlt.

»Ja, wir haben Probleme in Marxloh«

Ein Polizeisprecher über Einsatzkräfte, Hundertschaften,

Respektlosigkeit, Kriminalstatistik und Zuwanderer aus

Südosteuropa.

»Integration heißt Respekt vor gewachsenen Traditionen«

Wolfgang Bosbach fordert Klarheit, wie die Eingliederung von

Zuwanderern in die Gesellschaft funktionieren soll.

Leben mit Hartz IV

Warum Harald beim Arbeitsamt angefangen und Günter sich

mit Hartz IV ganz gut eingerichtet hat.

»Schuften, bis die Knochen krachen!«

Petar aus Bulgarien berichtet über den Arbeiterstrich und

darüber, wie sich die Osteuropäer in Marxloh ausbeuten lassen.

Mit Konflikten umgehen

Muhammed hilft Menschen aus allen Nationen, ihre Konflikte

untereinander und mit anderen zu bewältigen. Damit hat er in

Marxloh viel zu tun.

Gabis Traum von einem besseren Leben

Warum eine junge Frau aus Marxloh ihr Geld als Prostituierte


verdient, aber von den dort lebenden Männern nichts wissen

will.

Wenn's in Marxloh brennt!

Ortstermin bei der Freiwilligen Feuerwehr in Duisburg-Marxloh,

Löschzug 310. Warum sich Brandoberinspektor Dieter

Stradmann über wilde Medienberichte ärgert.

»Ihr habt die Roma doch gewollt!«

Der rumänische Tierarzt Dr. Horia Olariu über Korruption in

Rumänien und die Roma in Marxloh.

»Die Kinder nehmen, die klauen nicht!«

Ein rumänischer Roma namens Sorin über das Leben in

Rumänien und warum es in Duisburg so viel besser für ihn ist.

Draußen vor der Tür

Was ein albanischer Türsteher über Drogenhandel, kriminelle

Geschäfte und Securitate-Leute in Marxloh erzählt.

Auf der Suche nach den Friedensrichtern

Wo sind die Friedensrichter, die ohne deutsche Anerkennung

islamisches Recht sprechen? Franz Voll hat vergeblich nach

ihnen gefahndet.

Hier spielt Marxlohs Zukunft

Beim Kinderfest ziehen Ehrenamtliche und Sponsoren an

einem Strang – zugunsten der kommenden Generation.

Was Marxloh für Duisburg leistet

Die Sozialwissenschaftler Sebastian Kurtenbach und Jan

Üblacker über »Ankunftsgebiete« und ihre Bedeutung für die

Stadtgesellschaft.


Hat Marxloh eine No-go-Area?

Warum es in Marxloh Probleme, aber keine No-go-Area gibt,

und warum der Duisburger Stadtteil so ein schlechtes Image

hat.

Marxloh ist überall

Beinahe jede Großstadt hat ihre Problembezirke. Was Berlin,

Dortmund, Hamburg, Köln, Mannheim und andere Städte mit

Marxloh verbindet.


Marxloh ist anders schön

Vorwort von Franz Voll

Der Begriff No-go-Area hat in Deutschland Konjunktur, besser

noch gesagt: Hochkonjunktur. In vielen Städten unseres

Landes werden plötzlich sogenannte No-go-Areas von Presse

und Fernsehen ausgemacht. Wir reden dabei über Bereiche,

die völlig rechtsfrei sind und wo man dem Mob die Straße

überlassen hat.

Schuld an diesem Dilemma sind – wenn man bestimmten

Medien Glauben schenkt – immer die Politiker, die unsere

Polizei kaputtgespart haben, und die Migranten, die nur nach

Deutschland kommen, um ihren kriminellen Neigungen

nachzugehen, und unser Sozialsystem ausplündern wollen.

In ganz besonderem Maße sind dazu noch die

Sozialträumer schuld, diese Multi-Kulti-Idioten, die auch noch

glauben, man könnte Migranten integrieren.

Neben einigen anderen Städten taucht auch immer wieder

Duisburg-Marxloh auf, ein Stadtteil mit vielen Bewohnern, die

einen Migrationshintergrund haben. Außerdem präsentiert sich

Marxloh in einer äußerst ausgefallenen Optik.

Ein Buch über einen so schlecht beleumundeten Stadtteil zu

schreiben, das ihn authentisch und fair in allen seinen Facetten

widerspiegelt, ist eine Herausforderung. Wenn der Stadtteil

dann auch noch als sogenannter »Problemstadtteil« verschrien

ist, wird der Auftrag zu einer Mammutaufgabe. Man läuft ständig

Gefahr, dass man irgendjemandem nicht gerecht wird und

hinterher zu hören bekommt, dass es sooo ja garantiert nicht

ist.

Marxloh polarisiert. Für die einen ist Marxloh eine No-go-

Area, die sie nie betreten würden. Für die anderen bedeutet

Marxloh Heimat und Zufriedenheit. Dazwischen scheint nichts


zu existieren.

Während meiner Recherchearbeit hatte auch ich immer

wieder mal die Befürchtung, dass ich zu sehr in die eine, die

negative Richtung tendiere und dann wieder zu sehr in die

andere, die positive Richtung schreibe. Wer mitten im Zentrum

des Geschehens steckt, kann nicht objektiv sein. Aber er kann

sich bemühen, die Geschichten, die ihm begegnen, möglichst

authentisch widerzuspiegeln. Das habe ich gemacht.

Denn ich wollte wissen und weitergeben, was dran ist an

Marxloh, an den Geschichten, an der No-go-Area, was dran ist

an dem Bild, das immer wieder durch die Medien geistert. Kann

es wirklich sein, dass 17.000 Einwohner überwiegend kriminell

und gewalttätig sind? Gibt es in Marxloh kein normales Leben?

Für die unkundigen Leser und alle, die das Ruhrgebiet nicht

kennen, sei erst mal Grundsätzliches erklärt: Marxloh ist einer

von fünf Stadtteilen Duisburg-Hamborns. Der Bezirk Hamborn

hat 77.000 Einwohner. Die Grenzen zwischen diesen

Stadtteilen sind fließend. Man kann als Außenstehender gar

nicht genau sagen, ob man sich in Marxloh oder in Alt-Hamborn

bewegt. So kann es Ortsunkundigen leicht passieren, dass sie

Begebenheiten aus Neumühl oder Alt-Hamborn Marxloh

zuschreiben.

Marxloh, das durch viele negative Schlagzeilen traurige

Berühmtheit erlangt hat, ist also vor allem ein Synonym und ein

Marketingbegriff. Man hat Marxloh zur Negativmarke

ausgebaut. Das vereinfacht scheinbar vieles und man muss es

dann mit der Berichterstattung offenbar nicht mehr ganz so

genau nehmen. Denn wenn in der Zeitung in großen Lettern

Marxloh auftaucht, weiß man ja schon: No-go-Area. Wer dann

noch weiter recherchiert, macht sich womöglich nur seine

Vorurteile und eine schnelle Story kaputt. Das haben die

Marxloher – wie ich immer wieder zu hören bekommen habe –

einfach zu oft erlebt.


Wer aber nur denen glaubt, die sich für die Version

entschieden haben, dass Marxloh zu einer No-go-Area

abgerutscht ist, dass dort das normale Leben erloschen ist,

dass der gesamte Stadtteil in Müll und Unrat erstickt, dass die

Straßen abends menschenleer sind und alle in ihren Häusern

sitzen und auf die Apokalypse warten, ist auf dem Holzweg.

Genauso daneben liegt aber auch, wer ausschließlich nur

denen glaubt, die sagen, Marxloh sei ein schöner Stadtteil mit

ausgedehnten Parks, sehr grün, anders halt, aber bunt und

lebenswert.

In der Nachrichtenchronik der letzten zehn Jahre kommt

Marxloh schlecht weg. Weder im Fernsehen noch in der

deutschlandweit vertretenen Presse sehe oder lese ich

irgendetwas Positives über Marxloh. Sollte es aber mal ein

Berichterstatter wagen, einen ausgewogenen oder gar einen

positiver Bericht zu veröffentlichen, fallen alle selbsternannten

Marxloh-Kenner, vor allem die, die selbst noch nie in Marxloh

waren, über ihn her und machen sich mit den immer gleichen

Attributen wie Träumer, Multi-Kulti, Versager über ihn lustig.

Da drängt sich mir die Frage auf, wer ein derart starkes

Interesse daran haben könnte, dass Marxloh in der öffentlichen

Wahrnehmung eine No-go-Area ist und bleibt. Kann man

wirklich an dem schlechten Ruf eines Stadtteils verdienen?

Muss es vielleicht aus dem Selbstverständnis der

umliegenden Städte heraus immer noch eine Stadt geben, der

es noch schlechter geht, in der die Verhältnisse noch

katastrophaler sind? Ist es politischer Wille, dass es so etwas

wie Marxloh gibt?

Marxloh hat eine lange wechselvolle Geschichte. Einst war

es ein Stadtteil mit großer Strahlkraft. Die Stadt Duisburg, und

vor allem der Stadtteil Marxloh, waren einmal richtig reich. Wer

früher eine der begehrten Wohnungen in Marxloh bekam, hatte

es geschafft, der war wer!


Marxloh war mal das Einkaufsviertel von Duisburg, nirgends

gab es ein größeres und feineres Warenangebot als dort. Ältere

Marxloher erzählten mir, dass man früher in Duisburg samstags

die Kinder fein machte und dann mit der Straßenbahn nach

Marxloh zum Einkaufen fuhr. Schaut man sich Marxloh heute

an, erscheint diese Vorstellung als absurd.

Das Marxloh im Jahr 2016, das ich erlebt habe, ist ein

Stadtteil, der ein völlig anderes Gesicht hat. Auf der ehemaligen

Flaniermeile und der berühmtesten Kreuzung Marxlohs, dem

Pollmann-Eck, wähnt man sich in der Türkei. Auf der Weseler

Straße haben sich zahlreiche Brautausstatter und Juweliere

niedergelassen. Die Käufer für Brautmoden kommen aus ganz

Europa.

Die Menschen in diesem Stadtteil sind zu 65 Prozent

Migranten. In den Schulen werden Klassen gebildet, die bis zu

85 Prozent aus Migranten bestehen, die aus 40 Nationen

kommen. Manche sprechen beim Eintritt ins Gymnasium kein

einziges Wort Deutsch.

Die Lage in Marxloh wurde zwischenzeitlich so

schlechtgeschrieben, dass sich im August 2015 sogar die

Bundeskanzlerin im Rahmen ihrer Tour »Gut leben in

Deutschland« zu einer Veranstaltung ins Hotel Montan in

Marxloh bemühte. Jedem, der es bis zu diesem Tage noch nicht

wusste, wurde vorher in den Medien erklärt, dass die Kanzlerin

in die No-go-Area Marxloh gehe, um den Menschen Mut zu

machen.

Ich gebe zu: Auch ich bin mit allen üblichen Vorurteilen im

Gepäck angereist, um zu sehen, was in Marxloh wirklich

passiert. Ich wollte erfahren, wie die Menschen in Marxloh

wirklich sind. Ich habe bewusst darauf verzichtet, Soziologen,

Sozialökonomen, Kriminologen oder Politiker zu befragen, die

mir nicht nahe genug dran sind. Außerdem beziehen auch diese

Menschen ihr Wissen aus den üblichen Informationsquellen. Da


kenne ich die Antworten schon, bevor ich überhaupt die Frage

gestellt habe.

Ich habe mich über Monate in Marxloh eingerichtet und bin

auf die Menschen zugegangen, auf der Jagd nach Stimmen.

Nach kurzer Zeit war ich ein Teil Marxlohs. Geht es um einen

Stadtteil und seine Bewohner, kann mir keiner besser Auskunft

geben als die Menschen, die in Marxloh wohnen und ihren

Lebensunterhalt verdienen.

Und besonders wichtig waren mir die jungen Menschen,

Schüler und Schülerinnen, Abiturienten und Lehrlinge, junge

Familien. Denn sie haben vor, sich in Marxloh eine Existenz

aufzubauen. Die jungen Einwohner, die Menschen also, die

noch hier leben, wenn wir alle schon nicht mehr da sind, finden

ihren Stadtteil schön. Sie sehen Perspektiven, gründen

Familien und leben gerne hier.

Ich habe einen jungen Deutschtürken getroffen, der mit

14 Jahren in die SPD eingetreten ist, um in seinem Stadtteil

etwas zu bewegen. Ich treffe Hartz-IV-Empfänger, die gerne

mehr hätten, aber nie einen Gedanken daran verschwendet

haben, fortzugehen.

Ich habe mit Drogendealern und Prostituierten gesprochen,

mit Schwarzarbeitern und Rumänen, denn sie alle sind

Marxloh, sie alle gehören zum Schmelztiegel. Alle sagen

übereinstimmend, dass es an Geld fehlt.

Marxloh verfällt zusehends. Was die Hauseigentümer tun

können, machen sie. Die meisten jedenfalls. Aber die Stadt hat

kein Geld mehr, kein Geld für Schwimmbäder, für Straßen,

Schulen und Kindergärten. Alles kommt zum Stillstand, und

Stillstand bedeutet Verfall.

Und alle, die in Marxloh leben, sind sich einig: Marxloh ist

keine No-go-Area. Marxloh ist ein Armutsbezirk mit einer hohen

Arbeitslosenzahl und mit vielen daraus entstehenden sozialen

Problemen.


Was mir wieder Hoffnung gibt, sind die vielen sozialen

Projekte. In Marxloh haben sich Einrichtungen angesiedelt, die

sich der sozialen Verantwortung stellen, die nicht zuschauen

wollen, sondern eingreifen. Ich habe Industrielle mit hohem

sozialem Engagement getroffen, die – ganz ruhrgebietstypisch

– nicht darüber reden wollen.

Was mich bei jedem Schritt in Marxloh begleitet hat, war

dieses nicht zu beschreibende Ruhrgebietsgefühl, das selbst

Menschen ergreift, die von weit herkommen und dennoch

ticken wie ein Ruhri. Die Menschen hier sind herzlich und reden,

wenn sie gefragt werden, sofort los. Wir haben wahllos

Menschen aller Nationalitäten auf der Straße angesprochen,

die ohne Hemmungen und kritische Nachfragen ihre

Geschichte erzählten.

Eine ehemalige Schülerin des Elly-Heuss-Knapp-

Gymnasiums hat das Leben in Marxloh auf den Punkt gebracht.

Sie sagte im Interview: »Wenn alle sagen, dein Stadtteil ist ein

Ghetto, sage ich: Jep. Aber ich werde hier aufs Leben

vorbereitet.«

Ich habe die Kriminalitätsrate durchleuchtet und festgestellt:

Marxloh liegt in der Statistik an 14. Stelle, weit hinter

Düsseldorf. Auch Braunschweig liegt in der Kriminalitätsrate

noch vor Duisburg. Ich habe mit der Polizei gesprochen, und

dort gab man offen zu: Marxloh hat Probleme. In Marxloh muss

noch viel Arbeit investiert werden, aber man werde mit aller

Kraft die Probleme lösen.

Dass Marxloh Probleme hat, das war immer wieder zu

hören. Aber die Probleme sind auch nicht unlösbar. Den

Problemen verschließt sich keiner. Ein Zeichen, dass die

Bürger zurechtkommen, erlebte ich auf dem Pegida-

Spaziergang. In einer Stadt wie Duisburg sollte man Tausende

erwarten, die zur Montagsdemo erscheinen, um gegen

Zuwanderung und Sozialmissbrauch zu demonstrieren.


Gekommen ist ein kleines Häufchen von gerade mal

200 Menschen. Deren Protest war nicht einmal in der Lage, den

Verkehrslärm am Hauptbahnhof zu übertönen.

Mein Resümee: Marxloh unterscheidet sich derart von

anderen Städten, dass es einen Außenstehenden erschrecken

kann. Im »Innern« ist Marxloh ein Stadtteil, den man vor allem

erleben muss, wenn man ihn beurteilen oder über ihn urteilen

will.

Duisburg, und somit auch Marxloh, war immer schon

Einwanderungsgebiet. Die Stahlwerke und die Kohlegruben

zogen seit jeher Fremde an, die ihr Glück suchten und ein

besseres Leben wollten. Man hat sich über Jahrzehnte an

Fremde gewöhnen können.

Den Marxlohern braucht man auch nicht zu erklären, wie

Integration funktioniert. Die machen das einfach, das haben die

immer schon gemacht. Und diejenigen, die sich nicht

integrieren wollen, die kriminell sind und es auch bleiben wollen,

die werden innigen Kontakt mit der Justiz bekommen.

Was nehme ich mit aus Marxloh? Die Gewissheit, dass es

keinen Sinn macht, über einen so komplexen Stadtteil zu

schreiben und sich ein Urteil zu bilden, wenn man nicht Teil des

Stadtteils wird. Man muss dort leben, morgens zur Arbeit gehen

oder in die Schule, man muss seine Kinder in den Kindergarten

bringen und zum Bäcker Ahmed gehen und sich Brötchen

kaufen.

Ein Lehrer sagte mir im Interview: »Wir haben uns auf den

Ruhr-Marathon vorbereitet. Es war Sommer und die Sonne ging

über dem Stahlwerk Schwelgern auf. Man sah die Schornsteine

und den Rhein im glänzenden Sonnenlicht. Das ist für mich

Ruhrgebiet, das finde ich schön.«

Marxloh kennt weder Schwarz noch Weiß, Marxloh ist

anders schön.


Franz Voll, im Juni 2016

Hallo, Marxloh, ich komme!

Wo geht es denn hier zur No-go-Area? Die Geschichte einer

Annäherung an einen Problemstadtteil.

Ein Freitag im Januar, morgens um halb zehn in Marxloh,

Weseler Straße. Glaubt man den Presseberichten, stehe ich

gerade in einer der gefährlichsten Straßen Deutschlands. Alle,

die noch nie hier waren, haben mich vorher gewarnt: »Geh da

nicht alleine hin. Das ist zu gefährlich.« Und immer wieder hat

man mir erzählt: »Ich habe von einem Bekannten gehört,

dass …«

Wenn alle diese Geschichten wahr wären, müsste es in

Marxloh aussehen wie in einem Kriegsgebiet. Das will ich

herausfinden. Ich will sehen, was dran ist an den

Horrorgeschichten. Ich will wissen, ob das, was erzählt wird,

vielleicht ganz oder teilweise ins Reich der Sagen und Mythen

gehört.

Marxloh liegt mitten in Deutschland und ist leicht erreichbar.

Der Weg führt über die A3 und die A59. Ich habe zunächst mal

einen Bogen um Marxloh gedreht und bin erst in Walsum von

der A59 abgefahren. Von dort aus ging's dann über die

Friedrich-Ebert-Straße bis zum oberen Ende der Weseler

Straße.

Als ich mein Auto am Straßenrand abstelle, höre ich wieder

die warnenden Stimmen im Hinterkopf. »Wenn du dein Auto da

unbeobachtet stehen lässt, ist es nach 20 Minuten geklaut.«


Soll ich das ernst nehmen? Nein, ich will mir einen eigenen

Eindruck verschaffen und »Marxloh Inside« erleben.

Ich stehe im oberen Teil der Weseler Straße auf der Höhe

eines Kleingartenvereins. Im Hintergrund sehe ich die beiden

Türme vom Stahlwerk Schwelgern. Es sind die höchsten

Kamine eines Stahlwerks in Deutschland. Schwelgern gehört

zu ThyssenKrupp und ist das letzte von einst sechs Duisburger

Stahlwerken.

Wenn ich mich hier umschaue, sehe ich weder

marodierende Jugendbanden noch Polizei in Bataillonsstärke.

Die Sonne scheint und Marxloh präsentiert sich mir als eine

Ruhrgebietsstadt, die nicht viel anders aussieht als andere

Städte im Ruhrgebiet. Die Häuser versprühen den rauen

»Charme« der 50er Jahre, aber die Außenfassaden sind in

Ordnung. Die Straße hat Schlaglöcher und die Straßenbahn,

die gerade vorbeifährt, ist laut.

Nach etwa 400 Metern biege ich von der Weseler in die

Warbruckstraße ab, um mir eine der größten Moscheen

Deutschlands anzusehen. Die 2008 eröffnete DITIB-Moschee

hat Platz für mehr als 1200 Betende und wird auch das

»Wunder von Marxloh« genannt. Denn das muslimische

Gotteshaus wurde in ungewöhnlich kurzer Zeit ohne Proteste

oder Rechtsstreitigkeiten gebaut, was auf die in Marxloh

praktizierte gute Zusammenarbeit von Moscheeverein, Stadt,

christlichen Gemeinden und anderen Beteiligten zurückgeführt

wird.

Als ich vor der Moschee stehe, bin ich beeindruckt von dem

schönen Gebäude im traditionell osmanischen Stil. Leider ist

weit und breit kein Mensch zu sehen, mit dem ich über die

Moschee sprechen könnte. Also wende ich mich zurück in

Richtung Weseler Straße. Hier verändert sich die Infrastruktur

total. Ich komme mir vor wie in einer anderen Welt, weil jedes

Geschäft, egal ob Fotostudio, Telefonladen, Textilgeschäft,


Bäckerei, Apotheke oder Lebensmittelladen, einen türkischen

Namen trägt. Nur die Sparkasse mit ihrem vertrauten Logo fällt

im »türkischen« Marxloh völlig aus dem Rahmen.

Viele der An- und Verkauf-Läden haben ein Warenangebot,

das mich staunen lässt. Im Hinterkopf werden wieder die

Stimmen meiner Freunde laut: »Alles Diebesgut.« Das kann ich

mir nicht vorstellen. Schätzungsweise jedes sechste Geschäft

ist ein Telefonladen. Auch Wettbüros sind stark vertreten.

McDonald's oder Burger King sucht man hier ebenso

vergebens wie einen deutschen Supermarkt. Dafür steht an

jeder Ecke eine Dönerbude.

Die Läden mit der größten Fläche aber sind Brautmoden-

Geschäfte. Duisburg-Marxloh gilt als die Hochburg für

muslimische Hochzeitsausstattung und hat auf diesem Gebiet

einen ausgezeichneten Ruf. Die Kunden kommen aus ganz

Europa. In allen Schaufenstern sehe ich Brautkleider in Weiß,

aber auch in grellbunten Farben. Wie ein explodierendes

buntes Feuerwerk sieht das alles aus. Auch die Aufmachung

der Geschäfte irritiert das Auge des deutschen Betrachters. Die

Farben der Außenwerbung und das Design der Schriften

sprechen wohl mehr den orientalischen Geschmack hat. Mich

mutet es eher seltsam an, wenn ich ein 4 mal 4 Meter großes

Transparent sehe, auf dem eine Frau mit Kopftuch abgebildet

ist, unter der in dicken Lettern »Ayden Styl« steht.

Auf der Weseler Straße herrscht um diese Uhrzeit schon

hektisches Treiben. Die Fußgänger bewegen und verteilen sich

in alle Richtungen. Kleidungsmäßig sehe ich ein ganz

gemischtes Bild. Viele der älteren Frauen tragen Kopftuch und

einen bodenlangen grauen Mantel.

Die jungen Leute unterscheiden sich nicht von ihren

Altersgenossen im Revier. Die Frauen sind in Jeans und

Jacken, aber immer mit dem Kopftuch unterwegs. Im Strom der

Fußgänger sehe ich auch Mütter mit Kleinkindern an der Hand.


Manche sehen etwas verwahrlost und schmutzig aus, andere

sind sauber angezogen. Es gibt für mich keinen Unterschied zu

den Straßenbildern in Essen oder Dortmund.

Plötzlich stehe ich vor einem großen Pappschild und bin

erstaunt. Am 7. Februar wird der große Karnevalszug durch die

Weseler Straße ziehen, hier, durch die angebliche No-go-Area. *

Veranstalter ist die Karnevalsgesellschaft Hamborn-Marxloh

1958. Die Gesellschaft führt ihre große Prunksitzung im Hotel

Montan durch. In diesem Hotel hat Kanzlerin Merkel im August

2015 ihre Veranstaltung »Gut leben in Deutschland – was uns

wichtig ist« abgehalten und damals für viele Schlagzeilen über

Marxloh gesorgt. Für Marxloh war das alles wenig

schmeichelhaft.

Ich spreche eine Frau an in der Hoffnung, dass sie

Einheimische ist und etwas zu dem Karnevalszug sagen kann.

Ja, sie wohne in Marxloh und sei begeistert von dem Zug. Da

sei eine tolle Stimmung und alle würden auf der Straße tanzen.

»Und die Ausländer? «, frage ich. »Die machen auch mit, und

deren Kinder stürzen sich genauso auf die Süßigkeiten wie

unsere Kinder.«

Ich wähle die auf dem Plakat angegebene Telefonnummer.

Vielleicht gibt es ja eine Möglichkeit, beim Karnevalszug dabei

zu sein und zu hören, was die Karnevalisten über Multi-Kulti und

No-go-Area denken. Am liebsten würde ich auf einem

Karnevalswagen mitfahren, das wäre ein guter

»Aussichtspunkt«. Es meldet sich Karin Weyers, die verspricht,

sich mit dem Elferrat in Verbindung zu setzen. Kurz darauf ruft

sie zurück und erklärt, dass ich mit einem Kollegen zusammen

auf einem Wagen mitfahren dürfe.

*

Der Begriff »No-go-Area« entstammt der Militärterminologie und steht dort für

militärisches Sperrgebiet. Heute wird der Begriff in der gesellschaftlichen

Diskussion allgemein für Bezirke mit rechtsfreien Räumen oder erhöhter

Gewalttätigkeit verwendet (aus Wikipedia).


Weiter geht's zum August-Bebel-Platz, dem Marktplatz von

Marxloh. An einer Eisdiele steht eine Gruppe von zwölf

Männern, alle so um die 18 bis 20 Jahre alt. Sie unterhalten sich

lautstark in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Als ich an den

jungen Männern vorbeigehe, fühle ich mich unbehaglich und

auch ein bisschen nervös, obwohl sie mich gar nicht beachten.

Der Wochenmarkt ist noch geöffnet. Das Angebot

unterscheidet sich kaum von anderen Märkten. Ist Duisburg-

Marxloh vielleicht nur eine ganz normale Revierstadt? Mit

Problemen, die jede andere Stadt im Ruhrgebiet auch hat? Der

erste Eindruck scheint das zu bestätigen. Für ein echtes Urteil

ist es heute aber noch viel zu früh.

Um nicht wieder an der Gruppe der jungen Männer

vorbeigehen zu müssen, verlasse ich den Markt auf der

anderen Seite. Ein komisches Gefühl. Obwohl man mich

überhaupt nicht belästigt hat und ich auch nichts gesehen habe,

was auf Kriminalität und Gewalt hindeutet, spüre ich den Drang,

so schnell wie möglich diesen Ort wieder zu verlassen.

»Hoffentlich ist mein Auto noch da, wenn ich wieder oben an

der Weseler Straße bin«, sorge ich mich. Um nicht den ganzen

Weg zurücklaufen zu müssen, beschließe ich, die Straßenbahn

zu nehmen. Die Bahn ist in gutem Zustand, keine beschädigten

Sitze, keine zerkratzten Fenster. Auch die Haltestellen sind

sauber. Nirgends ist Graffiti zu sehen. Der Fahrer, ein Türke,

gibt freundlich Auskunft, als sich ein Landsmann nach einer

Haltestelle erkundigt.

Als ich aussteige, klingelt mein Handy. Der Chorleiter des

ThyssenKruppschen Männerchors von 1910 ruft an. Ich hatte

bei ihm angefragt, um die Männer vom Chor zu interviewen.

Jetzt sagt er leider ab. Der Chor wird von Krupp finanziell

unterstützt und die Sponsoren seien skeptisch. Man wisse ja

nicht, was Journalisten im Nachhinein so schreiben. Auch solle

ich doch bitte berücksichtigen, dass das Durchschnittsalter


seiner Sänger bei 80 Jahren liege und die Alten nicht mehr so

viel Aufregung wollten. Er, der Chorleiter, sei ja auch schon

76 Jahre alt und bitte um Verständnis, dass er absagen müsse.

Ich bedauere das sehr und wünsche ihm alles Gute.

In der Zwischenzeit habe ich mein Auto erreicht, es ist noch

da und unbeschädigt. Ich fahre ins Landesarchiv, wo ich eine

Freundin treffe. Ursel ist gebürtige Marxloherin. Sofort

verbessert sie sich, sie sei Alt-Hambornerin. Ob das einen

Unterschied mache, frage ich, ob man in Marxloh oder in Alt-

Hamborn geboren wurde. Sie antwortet: »Ja, wenn man sagt,

man stammt aus Marxloh, wollen immer alle wissen, wie es da

gerade zugeht und ob es wirklich so schlimm ist, wie alle sagen

und so. Alt-Hamborn ist ja nie in der Presse, da fragt auch

keiner.« Weiter erzählt sie von ihren vier Geschwistern, die alle

von Marxloh fortgezogen seien. Man könne den Verfall der

Stadt nicht aufhalten und man fühle sich in Marxloh unsicher.

Ich will deshalb wissen, ob ihre Familie schon mal Opfer eines

Übergriffs war und wie sie darauf kommt, dass es in Marxloh

unsicher sei. Nein, einen Übergriff hat Ursel selbst noch nicht

erlebt, auch ihre Familie nicht. Aber: »Man liest doch ständig

von solchen Sachen.«


Sind die Medien das Problem?

Wie Journalisten, die Duisburg kaum oder gar nicht kennen,

über No-go-Areas und Krawalle berichten und warum die

Marxloher die Nase voll davon haben.

Wer in Marxloh Personen des öffentlichen Lebens sprechen

will, braucht viel Geduld, Verständnis und

Einfühlungsvermögen. Denn die meisten Menschen hier sind

absolut misstrauisch geworden, vor allem denen gegenüber,

die »was mit Medien« machen. Bei meinen Recherchen für

dieses Buch ist auch mir anfangs nichts als Ablehnung

entgegengeschlagen, indem man mir erklärte, dass man

überhaupt kein Interesse daran habe, sich meinen Fragen zu

stellen. Wenn mir nach langem Ringen dann aber endlich

Vertrauen entgegengebracht wurde, verstand ich bald, warum

man hier so vorsichtig ist: weil alle schon oft bitter enttäuscht

worden sind.

Eine durchaus seriöse Informantin, die keinen Mist erzählt,

lieferte mir ein Beispiel, das ich zuerst nicht glauben wollte. Ich

konnte ihren Bericht zwar nicht überprüfen, halte ihn aber für

glaubhaft:

In einer TV-Doku über Duisburg sollte eine deutsche Frau,

die mit einem türkischen Mann verheiratet ist, beim türkischen

Metzger einkaufen. Sie wurde vom Fernsehteam gedrängt, mit

dem Metzger Türkisch zu sprechen. Das tat sie auch, obwohl

Metzger und Kundin gut Deutsch sprechen. In der Doku wurde

von der Offstimme dann behauptet, dass die Frau Türkisch

reden muss, um einen Einkauf zu tätigen, weil man ja in

Duisburg ist, wo die Geschäftsleute kein Deutsch können.

Ich glaube, das sagt alles. Immer wieder höre ich auch den

Vorwurf, dass viele, die über Marxloh schreiben, noch nie hier


waren. OB Sören Link berichtete, dass er von Reportern eines

großen Magazins angerufen wurde und ihm dann ein Text

vorgelesen wurde, den er nur noch abnicken sollte. Für mich ist

das Journalismus 2.0.

Weiter sagen die Leute: Wir merken ja auch, dass viele

Dinge einfach nur gegoogelt sind, denn die Aussagen

wiederholen sich, auch die falschen. Und wenn wirklich mal

jemand hier gewesen ist, dann nur für 20 Minuten. Und der

macht sich dann ein Bild über Marxloh!

Und es komme sogar vor, dass Bilder von Marxloh

veröffentlicht würden, die nachweislich gar nicht aus Marxloh

stammten.

Brandoberinspektor Dieter Stradmann von der Freiwilligen

Feuerwehr erklärt seine Zurückhaltung so: »Ich kenne ja jeden

Winkel in Marxloh. Manchmal sehe ich Fotos in irgendwelchen

Blättern von ganz heruntergekommenen Ecken und frage mich,

wo haben die das denn aufgenommen? Das ist doch nie und

nimmer Marxloh. Wir haben zwar aufgehört, uns zu

beschweren, aber ärgern tut einen das schon. Und darum

reagieren wir so ablehnend, wenn jemand kommt.«

Ich bin, ehrlich gesagt, ziemlich schockiert, denn das ist

nicht mein Arbeitsstil. Ich will richtig hinter die Kulissen von

Marxloh gucken und nehme mir die Zeit für meine Besuche.


Multi-Kulti-Karneval

Aussichten und Einsichten vom Karnevalswagen: Wie

verschiedene Nationalitäten in Marxloh zusammen leben und

zusammen feiern.

An einem Sonntagmorgen im Februar startet der Karnevalszug

des Vereins »Rot-Weiß Hamborn-Marxloh 1958« vom Altmarkt

in Alt-Hamborn Richtung Marxloh. Ich hatte gehört, dass es sich

bei diesem Zug um den größten Kinderkarnevalszug Europas

handele, und wollte unbedingt dabei sein, um die bunt

gemischte Multi-Kulti-Karnevalswelt von Alt-Hamborn bis

Marxloh zu beobachten.

Hamborn war übrigens bis 1929 eine selbständige

Großstadt. Der heutige Stadtteil von Duisburg hat noch immer

ein eigenes Rathaus, einen »Stadtpark« und bis 1998 gab es

auch ein eigenes »Stadtbad«. Der Altmarkt ist der Mittelpunkt

des alten Hamborn, wo schon seit 1898 der wohl größte

Wochenmarkt Nordrhein-Westfalens stattfindet. Mehr als

150 Händler präsentieren dienstags, donnerstags und

samstags ihre Waren mit viel orientalischem Flair und Multi-

Kulti. Aber auch einheimische Verkäufer und einige Duisburger

Originale bedienen auf dem Wochenmarkt eine gewachsene

Kundschaft.

Doch heute regieren hier die Karnevalisten. Mein Kollege

und ich werden schon von Wolfgang erwartet, der dafür gesorgt

hat, dass wir beim Umzug auf dem Wagen des Elferrats

mitfahren dürfen. Und das, obwohl man hier im Duisburger

Norden den Medien äußerst zurückhaltend bis geradezu

feindselig gegenübersteht! Wir sind uns der Ehre bewusst und

wollen Wolfgang auf keinen Fall enttäuschen, denn dank seiner

Empfehlung werden wir auch bei seinen Karnevalskameraden


freundlich aufgenommen. Keiner zeigt uns gegenüber

Vorbehalte, wir sind sofort mitten drin. Vielleicht liegt es auch

daran, dass ich ein Ruhri bin, das schafft Vertrauen, da ist man

schnell auf Du und Du. Wolfgang ist ein waschechter

Duisburger, der aber keine Probleme mit Migration und

Zuwanderung kennt. Denn, so erklärt er mir grinsend, seine

Frau sei Kroatin, seine Schwiegertochter Italienerin und der

Schwiegersohn ein Türke. Mehr Multi-Kulti geht nicht, denke ich

und: Auch das ist typisch Revier, mit den Tatsachen leben und

das Beste daraus machen.

Die Karnevalsgesellschaft »Rot-Weiß Hamborn-Marxloh

1958« pflegt übrigens seit 30 Jahren eine Städtefreundschaft

mit Puerto de la Cruz in Teneriffa und eine Tradition, die richtig

gut ins bunte Multi-Kulti-Bild von Hamborn-Marxloh passt. Denn

jedes Jahr fahren die Blumenkönigin und der Bürgermeister aus

Puerto de la Cruz und ihr Gefolge im Karnevalszug mit. Vorher

aber werden die Gäste aus Teneriffa durch die Offiziere der

Ehrengarde zum feierlichen Empfang bei Bezirksbürgermeister

Uwe Heider geleitet und bekommen vom Kinderkarnevalsprinz

ihre Vereinsorden überreicht.

Zurück auf den Altmarkt. Hier sind inzwischen die Wagen für

den Umzug aufgestellt worden und noch immer werden große

Kartons mit Süßigkeiten und Kuscheltieren aufgeladen. »Das

alles finanzieren wir ausschließlich aus Spenden. Ohne unsere

Sponsoren gäbe es überhaupt keinen Zug. Denn die Stadt hat

kein Geld, um uns zu unterstützen, die ist pleite«, klärt uns

Wolfgang auf.

Auf dem Marktplatz ist das Karnevalstreiben schon in vollem

Gange. Alle sind bunt kostümiert, bei lauter Musik wird gefeiert

und getanzt. Die Kinder laufen aufgeregt hin und her. Sie haben

große Tüten und Taschen dabei, damit sie später ihre Beute –

Süßigkeiten, Werbegeschenke und Kuscheltiere – gut

verstauen zu können.


Wolfgang stellt uns als Erstes Ralf vor, den Einsatzleiter der

Polizei, der heute in Zivil auf dem Wagen des Elferrats mitfährt.

Beim Karnevalszug sind 300 Polizisten im Einsatz, erzählt er

uns, und dass zusätzlich Sicherheitsleute dafür sorgen, dass

keiner unter die Räder kommt. Ich erkundige mich, ob er

Übergriffe auf den Zug erwartet. Ralf schüttelt den Kopf. In den

vergangenen 47 Jahren hätte es keine Probleme gegeben und

er erwarte auch dieses Jahr keine Übergriffe. Aber natürlich

habe man ein entsprechendes Sicherheitskonzept und sei auf

alles vorbereitet. Ich hake nach: »Wir ziehen ja gleich mit dem

Zug durch eine angebliche No-go-Area. Ist das nicht

gefährlich?« Wieder schüttelt er den Kopf. Genau dort stünde

die Ehrentribüne für die Bundestags- und

Landtagsabgeordneten. »Wenn wir dort Probleme erwarten

würden, dann würde die Tribüne dort nicht stehen«, sagt er

knapp.

Endlich geht es los, der Zug setzt sich in Bewegung. Vom

Wagen des Elferrats aus haben wir einen hervorragenden

Überblick und sehen überall feiernde fröhliche Menschen aus

vielen Nationen. Es präsentiert sich uns ein Bild wie überall, wo

Karneval gefeiert wird. Ralf sieht das offenbar anders: »Da

unten«, er zeigt auf das Publikum, »wird noch härter als

anderswo um die Süßigkeiten gekämpft.«

Neben mir auf dem Wagen steht Christoph. »Schau dort«,

sagt er und zeigt auf ein großes Gebäude mit historischer

Fassade. Über dem imposanten Eingang ist noch der

Schriftzug »Stadtbad« zu erkennen. »Das war mal unser

Hallenbad. Es ist seit 18 Jahren zu, weil die Decke der

Schwimmhalle durch die Chlorbelastung so stark geschädigt

war, dass man befürchten musste, dass sie einstürzt. Die Lage

war offenbar so gefährlich, dass die Sicherheitsleute nach der

Überprüfung der Bausubstanz die Badegäste direkt aus dem

Wasser geholt und das Bad sofort geschlossen haben. Seitdem


gammelt das Gebäude nur noch vor sich hin.«

Dem Schwimmbad gegenüber steht die früher ziemlich

berühmte Rhein-Ruhr-Halle. Auch sie ist wegen ihres maroden

Zustands seit fünf Jahren geschlossen. Viele kennen die Halle

dem Namen nach, weil von hier oft die Sendung »Wetten,

dass …?« ausgestrahlt worden ist. Manche erinnern sich auch

noch daran, dass 1995 sogar Michael Jackson mit dabei war.

Auch andere beliebte Fernsehsendungen kamen aus der

Rhein-Ruhr-Halle. Jetzt verkommt das Gebäude immer mehr,

für einen Abriss fehlt das Geld. »Was würdest du denken«, fragt

mich Christoph, »wenn du hier von der Autobahn abfährst und

dich dieses Ensemble begrüßt? Da hat Duisburg doch schon

verloren, bevor du überhaupt angekommen bist.«

Langsam nähert sich der Karnevalszug dem Ortsteil

Marxloh. Wir rollen die Duisburger Straße herunter, die

übergangslos in die Weseler Straße mündet. Wolfgang erklärt:

»Hinter der Autobahnbrücke beginnt Marxloh, wobei das ja im

Ruhrgebiet sowieso kaum auszumachen ist, die eine

Straßenseite ist Hamborn, die andere Marxloh. So ist das hier.«

Die Stimmung ist genauso laut und lustig wie bisher. Nur der

Anteil der Zuwanderer hat sich sichtbar erhöht. Überall sehe

und höre ich Menschen aller Nationalitäten, die Helau rufen,

und Kinder, die den fliegenden Süßigkeiten nachlaufen. Ralf

wechselt jetzt öfter von der einen Seite des Wagens auf die

andere. Er wirkt ein wenig angespannter als vorher. Auffällig

auch, wie viele Polizisten an jeder Straßenkreuzung stehen.

Mein Kollege ist tief beeindruckt, als wir durch die Weseler

Straße fahren und exotisch wirkende Geschäfte an uns

vorbeiziehen. »Das sind ja nur türkische Läden«, sagt er

erstaunt und filmt die Werbungen an den Geschäften. Hier oben

vom Wagen haben wir eine tolle Sicht. Wir können direkt in die

Wohnungen schauen und sehen meistens das gleiche Bild: Der

Mann liegt mit den Kindern im Fenster, und die Frau steht einen


Meter dahinter und winkt in die Kamera.

Christoph kann wohl Gedanken lesen, denn ungefragt

erklärt er: »Wir können froh sein, dass die Türken da sind. Die

sorgen dafür, dass hier überhaupt noch Leben in den Straßen

ist.« Dann deutet er auf ein großes Gebäude: »Da war mal

Horten, daneben war Karstadt. Die sind gegangen, als die

Stahlwerke dicht gemacht wurden.«

»Die türkischen Geschäftsleute halten die Gegend

wenigstens einigermaßen sauber«, meldet sich auch Manfred

aus dem Hintergrund. Als wir an den Hochzeitsläden

vorbeifahren, sagt Wolfgang: »Alle Vereine aus Duisburg und

Umgebung kaufen hier ihre Festroben. Die Geschäfte sind

wirklich gut und führen auch ausgefallene Sachen.«

Aus dem hinteren Teil des Wagens ergänzt jemand: »Wir

können froh sein, dass die da sind, wir kaufen da auch.« Dann

schieben sich die ersten türkischen Cafés ins Bild, wo die

Männer beim Tee sitzen. Die Frauen stehen mit den Kindern

am Straßenrand und erwarten den Zug.

Ich schaue Ralf, den Einsatzleiter von der Polizei, an. »Wo

sind denn jetzt die Leute, die euch Probleme machen?« Er

antwortet: »Warte ab, wir sind gleich an der Straße, in der wir

im Sommer mindestens einen Einsatz täglich hatten.« »Wer

wohnt da?«, frage ich ihn und erfahre: »Rumänen und

Bulgaren, also EU-Bürger, die Freizügigkeit genießen. Die

könnten wir im Ernstfall nicht einmal ausweisen.«

Von hinten kommt ein Einwurf: »Wer die in die EU geholt

hat, der hat die Welt nicht verstanden. Was wollen wir mit

denen? Die sind ungebildet, sprechen unsere Sprache nicht

und sind überwiegend kriminell. Das sorgt für die wahren

Probleme, die Marxloh heute hat.«

»Wieso lernen die denn die deutsche Sprache nicht? Haben

die keine Lust dazu? Oder was ist da los?«, erkundige ich mich.

Was ich als Antwort bekomme, kann ich zunächst kaum


glauben: »Die gehören doch jetzt zur EU. Als EU-Bürger hast

du keinen Anspruch auf einen Sprachkurs oder

Integrationskurs. Weil man davon ausgeht, dass du als EU-

Bürger ja sowieso schon integriert bist.« Alle auf dem Wagen

lachen laut und verächtlich.

»Und wie macht das dann ein Rumäne, der Deutsch lernen

will?«, bohre ich nach. »Er muss den Kurs selbst bezahlen«,

sagt Christoph, »denn nur in ganz wenigen Ausnahmefällen

wird der finanziell gefördert. Seit wir die Plätze in den Kursen

für die Flüchtlinge brauchen, hat aus der EU keiner mehr eine

Chance.«

Tage später bestätigen meine Recherchen beim Bundesamt

für Migration und Flüchtlinge (BAMF) übrigens diese Auskunft.

Da heißt es auf deren Website: »Als EU-Bürger haben Sie

keinen gesetzlichen Anspruch auf Teilnahme an einem

Integrationskurs. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge

kann Sie aber zum Integrationskurs zulassen, wenn Sie noch

nicht ausreichend Deutsch sprechen, besonders

integrationsbedürftig sind und es freie Kursplätze gibt …«

Unterdessen wird auf unserem Karnevalswagen heftig

weiterdiskutiert: »Die würden aber auch gar nicht lernen wollen.

Denn die sind nur zum Klauen gekommen«, kommt eine

Stimme vom hinteren Teil des Wagens. »Außerdem sind die

auch ein Problem auf dem Arbeitsmarkt. Denn die arbeiten für

Stundenlöhne, dafür würde kein anderer Mensch arbeiten. So

können die Firmen, die sie ohne Mindestlohn beschäftigen, die

Preise so drücken, dass kein anderer Betrieb mithalten kann.«

Beim Thema »Arbeit« hake ich nach: »Wie sieht es denn in

Duisburg mit Arbeitsplätzen aus?« »Ganz einfach: Wir haben

keine Arbeit, also auch keine freien Stellen«, antwortet

Christoph. Ich lasse nicht locker: »Aber Arbeitsministerin

Nahles will doch die Flüchtlinge schnell integrieren und in den

Arbeitsmarkt eingliedern!« »Die können dann ja bei Frau


Nahles putzen gehen. Wir haben keine Stellen und schon gar

nicht für Millionen Menschen. Was bildet die sich eigentlich ein?

Denken die Politiker wirklich, dass wir so ein Geschwätz noch

glauben? Wir in Duisburg haben doch am eigenen Leib erlebt,

wie schnell alles den Bach runtergeht, wenn die Werke

schließen. Bei uns sind 20.000 Arbeitsplätze heute schon

Geschichte.« Christoph ist sichtlich erregt, sein Gesicht wird

ziemlich rot, seine Stimme immer lauter.

Irgendwie ist das schon eine skurrile Situation auf dem

Karnevalswagen. Während wir ernsthaft diskutieren, rufen wir

gleichzeitig Helau, lachen und werfen Süßigkeiten ins Volk.

»Aber alle reden doch von Integration!«, beharre ich auf

meinem Wissen. Christoph kontert: »Ja, alle reden darüber,

aber keiner kann dir erklären, was Integration eigentlich

bedeutet. Wenn wir die da unten fragen«, mit einer

Handbewegung zeigt er auf die Menschen im Publikum, »dann

sagen die Älteren: Kopftuch weg und Deutsch lernen! Moschee

abreißen und alle ab zum Fußball! Die im mittleren Alter sagen:

Datt klappt doch sowieso nicht. Und die Jungen sagen: Wir

müssen denen eine Chance geben. Und ich frage: Wer hat

recht?«

»Andrea Nahles hat gesagt, dass Flüchtlinge, die sich nicht

integrieren wollen, mit Leistungskürzungen zu rechnen haben«,

werfe ich ein. Christoph guckt mich jetzt vollends genervt an.

»Die Nahles hat aber, wie die anderen Politiker, nicht gesagt,

was in ihren Augen den Tatbestand der Integration erfüllt und

wer das bewerten soll. Außerdem scheint Frau Nahles

verdrängt zu haben, dass es in manchen deutschen Städten

ernste Probleme gibt, weil die Integration dort gescheitert ist.

Guck nur genau hin: Wir fahren gerade durch so eine Stadt.«

»Für dich ist also die Integration nur ein frommer Wunsch für

realitätsferne Träumer?«, folgere ich etwas provokant.

Christoph lässt sich aber nicht provozieren. »Die Kritiker sagen,


das geht nicht. Integration ist machbar, sagen die Befürworter.

Wer von beiden hat recht, oder wer von beiden kommt der

Wahrheit am nächsten? Wie soll sich ein Zugewanderter

integrieren? Und ab welchem Zeitpunkt gelten Zuwanderer als

integriert? Sind sie integriert, wenn sie die Sprache des Landes

sprechen? Oder müssen sie noch in einem Kegelverein oder in

einem Sportverein tätig sein? Reicht die Funktion des

Kassenwarts aus oder wird mehr Engagement verlangt?«

»Wenn es in Marxloh wirklich nur zwei Straßen sind, in

denen die Probleme so groß sind, warum steht der Stadtteil

dann immer wieder als Brennpunkt in der Presse?«, will ich

wissen. Mein Gegenüber reagiert leicht resigniert: »Das ist

doch ganz einfach. Schau dir die Weseler Straße an, nur

türkische Geschäfte. Diese exotische Kulisse hast du in keiner

anderen Stadt. Und wenn du was über Ausländer schreibst oder

im Fernsehen zeigst, dann brauchst du solche Bilder.«

»Im Großen und Ganzen liegen die Probleme aber nicht bei

der türkischen Bevölkerung. Die erste Generation der

türkischen Gastarbeiter war total ruhig, die haben ihre Arbeit

gemacht, aber keinen Krawall«, sagt Ralf und führt weiter aus:

»Probleme gibt es manchmal mit der zweiten Generation der

Türken. Doch hauptsächlich sind es andere, die Stress

machen.«

»Wir kommen jetzt zur Ehrentribüne«, ruft Wolfgang. Vor der

Sparkasse an der Weseler Straße ist ein Areal von etwa

30 Quadratmetern mit halbhohen Gittern abgetrennt, dahinter

stehen um die fünfzig Karnevalisten mit dunklen Mänteln,

Schals und Kappen des Vereins »Rot-Weiß Hamborn-Marxloh

1958« Mittendrin steht der Karnevalsprinz mit seiner

Prinzessin.

»Hier ist ein guter Platz«, ruft Christoph, bevor die Kanone

im Wagen vor uns Salut schießt und unsere Gespräche

endgültig im Lärm untergehen. Vor der Ehrentribüne schwillt


das Helau merklich an, Süßigkeiten und Stofftiere werden mit

vollen Händen in die Menge geworfen.

Als der Wagen des Elferrats bei der Sparkasse ankommt,

erklärt mir Manfred: »Wir halten gleich an und müssen dann

runter vom Wagen.« Das Durchkommen ist gar nicht so einfach.

Gemeinsam versuchen wir, uns einen Weg durch die Menge

bis in die Sparkasse zu bahnen, wo die Stimmung schon auf

den Höhepunkt zugeht. Hier lerne ich Sören Link, den

Oberbürgermeister der Stadt Duisburg, kennen. Heute, am

Karnevalssonntag, will er aber nicht über die Probleme von

Marxloh reden. Auch mir reicht es für heute. Ich habe genug

Problematisches gehört. Jetzt soll gefeiert werden. In den mit

Luftballons, Girlanden und Laternen bunt geschmückten

Räumen hämmert Karnevalsmusik auf uns ein. Das Buffet ist

schon jetzt reichlich geplündert.

Dann kommt Wolfgang und schildert mir seinen Eindruck

vom Verlauf des Karnevalzuges: »Dieses Jahr war alles noch

friedlicher als sonst, das hat mir auch ein Reporter von der

Zeitung bestätigt, der den ganzen Zug begleitet hat.« Als wir die

Feier verlassen, bin ich überrascht. Die Straße ist schon wieder

sauber, kein Fitzelchen Papier liegt herum und der Verkehr

fließt auch schon wieder. In Marxloh ist wieder alles beim Alten.


Pegida lädt zum Spaziergang ein

Duisburg hat sich zum letzten »Wallfahrtsort« für Pegida-

Anhänger entwickelt. Wie deren Kundgebungen ablaufen.

Es ist Montag, der 11. April 2016 um 19 Uhr. Am

Bahnhofsvorplatz in Duisburg hat sich eine ziemlich

überschaubare Menge von etwa 300 Demonstranten

eingefunden. Wie jeden Montag um diese Zeit! Denn die Stadt

ist zum letzten Sammelbecken aller Pegida-Anhänger in NRW

geworden. Neben Dresden ist Duisburg bundesweit die letzte

Stadt, in der noch regelmäßig Kundgebungen stattfinden.

Die Versammelten postieren sich vor einem aus

Gerüstteilen aufgebauten Rednerpult und harren der Dinge, die

da kommen. Ich sehe keine Hooligans in schwarzen Kutten mit

Baseballschlägern in der Hand, sondern Bürger, die völlig

normal aussehen. Auffällig sind nur die vielen

Deutschlandfahnen, die geschwungen werden. Dann steigt

auch schon der erste Redner in den »Ring« und spricht das

Thema des Abends an: »Für die Erhaltung unserer Kultur und

für die Meinungsfreiheit. Gegen Extremismus, auch gegen

linken Extremismus.« Dann folgt eine Ankündigung, die mich

überrascht: Es sind keine Parteiabzeichen oder Parteisymbole

erlaubt. Pegida ist überparteilich.

Dann wird gebeten, nicht auf Provokationen der

Gegendemonstranten einzugehen oder selbst zu provozieren.

Vor allem soll man sich gegen Störer in den eigenen Reihen

stellen und ihnen klarmachen, dass man so etwas nicht

wünscht.

Thilo, der nächste Redner, betritt die Bühne. Er warnt davor,

Parolen wie »Ausländer raus« zu rufen. Sollte das wieder

passieren, würden die Störer aus dem Demo-Zug entfernt.


Thilo: »Dies schulden wir unseren Teilnehmern mit

ausländischen Wurzeln oder Migrationshintergrund sowie auch

unserer persönlichen Einstellung. Wir sind patriotische

Europäer mit verschiedenen Charakteren und vielfältig. Wir

lassen uns unsere Veranstaltung nicht von wenigen Hohlköpfen

kaputtmachen.«

Das hat gesessen, und ich bin überrascht. Danach verliert

die Versammlung allerdings im Steilflug an Qualität. Eine

weibliche Rednerin mit dünner Stimme liest unbeholfen von

einem Blatt die üblichen Parolen ab, »Die Regierung betrügt

uns, wir werden alle Opfer der Einwanderung, bla, bla, bla«,

dann wird eine Rednerin angekündigt, die noch nie vor

Menschen gesprochen habe, und das merkt man auch sehr

deutlich.

Wenn das mit dem Reden nicht so klappt und die Argumente

nicht so richtig zünden, dann funktioniert eines aber immer.

Wenn »Merkel muss weg« gerufen wird, antworten alle wie auf

Knopfdruck, dass Merkel wegmuss. Dann betritt ein Redner die

Bühne, der anzweifelt, dass Deutschland ein souveräner Staat

ist …

Um mehr über die Gesinnung der Leute zu erfahren,

beschließe ich, mit zu spazieren und mich mit den Pegidas zu

unterhalten. Nach einer Weile treffen wir auf die

Gegendemonstration, etwa 60 bis 80 Demonstranten, die von

einem Zaun und einer Mauer aus Polizisten daran gehindert

wird, sich dem Pegida-Spaziergang zu nähern. Von dort

erschallen unflätige Rufe, die von den Pegida-Anhängern

ignoriert werden.

Ein älterer Herr neben mir sagt: »Sehen Sie, das ist der

Gegenzug.«

Das sind aber nicht besonders viele!

Er: Ja, wir sind mehr, zusammen sind wir aber alle deutschen

Bürger aus Duisburg, der Rest sind Ausländer.


Aber mal ehrlich, warum machen Sie hier mit?

Er: Wenn die jetzt überall diese Flüchtlinge hinbringen, dann

haben wir bald überall Marxloh. Waren Sie schon mal in

Marxloh?

Warum? Was ist denn da so los?

Er: In Marxloh haben sich die Ausländer zusammengerottet, da

kann man nicht mehr hingehen. Da ist es zu gefährlich. An jeder

Ecke warten Jugendbanden darauf, dass die Alten einkaufen

gehen, dann beklauen die Ausländer die Alten. Da krabbeln

Kleinkinder auf Autos und springen auf dem Autodach herum,

und da ist es dreckig, und es stinkt. Und in den Läden, da gehen

Flüchtlinge raus, ohne zu bezahlen. Wenn die aufgehalten

werden, sagen die: »Merkel hat uns eingeladen, Merkel zahlt«.

Die haben sogar auf dem Kinderkarnevalszug Kinder

hingestellt, die unseren Kindern die Süßigkeiten wegnehmen,

und dann verkaufen die die in der Innenstadt.

Er hat nicht unrecht, das mit den Kindern auf Autodächern

habe ich auch im Internet auf einem Bild gesehen. Nur, dass

dieses Bild von 2008 ist, das müsste man ihm mal sagen. Und

dass der Rest, den er erzählt, Blödsinn ist, könnte ich ihm auch

sagen. Aber es hätte wohl wenig Sinn, außerdem würde ich

mich dann verraten.

Aber in Marxloh kann doch nicht jeder kriminell sein!

Jetzt meldet sich eine Vielzahl der »Spaziergänger«, jeder

ruft irgendetwas.

Sie: Nein, nicht jeder, aber sehr viele. Früher haben wir die

Türken nicht gemocht. Heute wissen wir erst einmal, was wir an

den Türken hatten. Diese anderen, die jetzt gekommen sind,

die sind wirklich gefährlich. Die rauben unser Sozialsystem aus.

Warum bekommt ein Bulgare in Duisburg Kindergeld? Wer

veranlasst so etwas? Und warum bekommt der Kindergeld für

Kinder, die nicht in Duisburg leben, können Sie mir das

erklären?


Er: Die Stadt Duisburg ist bettelarm, an unseren Kindern

wird überall gespart, in unseren Schulen wird gespart, überall

wird gespart, und denen werfen wir das Kindergeld hinterher,

warum? Jetzt erhöhen die die Grundsteuern, also steigen

unsere Mieten. Wir bezahlen immer. Warum soll ich für einen

Syrer mitbezahlen?

Ein anderer: Und jetzt kommen die Flüchtlinge. Die Stadt

kann das nicht mehr bezahlen, und wer bezahlt? Überlegen Sie

mal, was passiert wäre, wenn nicht diese ganzen bekloppten

Freiwilligen bei dieser Schwemme von Flüchtlingen geholfen

hätten. Die Merkel ist bekloppt, die macht die Grenzen auf und

hat nicht einmal das Personal, um die Flüchtlinge schnell zu

registrieren. Wo leben wir, in welcher Bananenrepublik?

Er: Wenn Thyssen so gewirtschaftet hätte, wären die schon

1880 pleite gewesen. Und immer diese Vergleiche von denen.

Dabei zeigt er auf die Gegendemo mit den

Willkommensschildern.

Sie: Wenn Krieg ist, o.k. Wenn der Krieg vorbei, dann geh

nach Hause, so muss man mit denen umgehen. Die brauchen

wir nicht auf unserem Arbeitsmarkt, wenn der Krieg vorbei ist,

sollen die abhauen und ihr Land aufbauen. Das haben meine

Eltern auch gemacht; denen hat auch keiner was geschenkt.

Die Flüchtlinge kommen hierher und ernten die Früchte unserer

Arbeit. Dass Deutschland heute das ist, was es ist, haben wir

nicht der Regierung zu verdanken. Das war der Fleiß unserer

Eltern, und darauf wollen die sich jetzt ein neues Leben

aufbauen? Spinnen die?

Er: Das sind doch alles faule Schweine. Was wollen die aus

Marokko und Somalia eigentlich hier? Die sollen ihr Land

aufbauen. Und wenn die Regierung von denen das nicht

zulassen will, dann müssen die eben dafür kämpfen. Haben wir

doch auch gemacht. Und die sollen ihre Weiber anfassen, aber

nicht unsere Mädchen. Die sind nur hier, um Ärger zu machen.


Die müssen wir alle rauswerfen.

Aber wir leben in einer Demokratie, die können wir nicht

einfach rauswerfen!

Er: Demokratie, dass ich nicht lache. Meinungsfreiheit, dass

ich nicht lache. Was habe ich denn davon, wenn mir keiner

zuhört? Ich darf meinen Präsidenten beleidigen und sagen dass

mir das oder das nicht passt. Ja und? Die da oben haben schon

lange aufgehört, uns zuzuhören.

Der andere: Und die Wahlen, was waren die geschockt! Und

jetzt, jetzt schmieden sie Koalitionen, jeder mit jedem, nur damit

man an der Macht bleibt. Wenn ich die SPD wähle, dann, weil

mir die SPD zusagt. Aber dann gehen die mit den Grünen und

der CDU. Und ich stehe da mit einem Koalitionsvertrag, den ich

nicht wollte.

Was wählt ihr 2017?

Alle im Chor: AfD, ist doch klar, und dann wird der

Bundestag aufgemischt.

Meint ihr, dass dann alles besser wird?

Ein anderer Herr: Ne, ich bin 69 Jahre alt und habe treu und

brav 50 Jahre die SPD gewählt. Aber die muss man jetzt

wecken. Wenn die Großen mal so bei 20 Prozent sind und die

AfD auch, dann werden die wach!

Aber einen starken Mann brauchen wir nicht, oder?

Wieder alle durcheinander: Das könnte helfen, die

Flüchtlinge loszuwerden. Einer, der Deutschland aus der EU

nimmt, wäre schon gut. Wir brauchen diese Scheiß-EU nicht,

die kostet nur. Wir brauchen einen, der alles rausschmeißt, was

nicht deutsch ist.

Ich habe genug gehört und tue so, als ob mein Schuh

aufgegangen wäre. Ich trete aus dem Spaziergang aus, bücke

mich und biege dann unbemerkt nach links ab. Eines muss ich

sagen: Bei so manchen »Argumenten« habe ich es mit der

Angst zu tun bekommen.

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