simmentalunddiemtigtal

rahel.wenger


4 | Simmental und Diemtigtal

Seebergsee

Landschaftlich gesehen gehört der Seebergsee zum Diemtigtal,

befindet sich aber auf Boden der Gemeinde Zweisimmen. Der

häufig besuchte See besitzt eine Fläche von 5,76 Hektaren und

eine maximale Tiefe von 15,3 Meter. Die Quellwolken im Bild

haben sich recht rasch zu Gewitterwolken weiter entwickelt.


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6 | Simmental und Diemtigtal

Übersichtskarte des Simmen- und Diemtigtales

mit ihren Nachbartälern


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Vorwort

Vor 25 Jahren ist mein erstes Buch über das Simmental erschienen. Im Vorwort habe ich damals

geschrieben: «Nachdem mir seit Jahren anlässlich meiner Diavorträge über das Simmental

immer wieder die Frage gestellt wurde, ob ich nicht ein Buch darüber herausgeben möchte,

ging ich nun letztes Jahr daran, erste Ideen zu einem Buch über mein Heimattal zu entwerfen.»

Und nun ist etwas Ähnliches passiert. Diesmal war es vorab der lokale Buchhandel, der Interesse

an einer neuen Veröffentlichung über das Simmental zeigte.

Im Gegensatz zum Buch von 1983, in welchem Bild und Text den gleichen Raum einnahmen,

liegt nun das Schwergewicht eindeutig auf der Bildseite. Im Laufe der Jahre haben sich in

meinem Fotoarchiv Motive für mehr als nur ein Simmentalbuch angesammelt. Dies gilt vor

allem für den obersten Talabschnitt. Um auch das untere Simmental ausreichend dokumentieren

zu können, waren in den letzten Monaten noch etliche Fotogänge nötig. Dabei ist mir einmal

mehr bewusst geworden, wie das Tal der Simme und das Diemtigtal in ihrer ganzen Länge

sehenswert sind.

Gewiss ist die Landschaft ganz oben im Obersimmental, wo am Wildstrubel auch noch Gletscherreste

vorhanden sind, am vielfältigsten. Aber am meisten Simmental im Sinne einer naturnahen,

seit Jahrhunderten landwirtschaftlich genutzten Landschaft, ist das Simmental in

seinem mittleren Abschnitt geblieben. Wie schade, haben die Gemeinden im unteren Tal die

in Diemtigen laufenden Bestrebungen zur Errichtung eines regionalen Naturparks nicht unterstützt.

Die Landschaft des unteren Simmentales wäre in idealer Weise dazu geeignet, die beiden

geplanten Naturparks Diemtigtal und Gantrisch miteinander zu verbinden. Offenbar geht

es den Simmentaler Gemeinden und der Landwirtschaft derart gut, dass man nicht auf neue

Ideen und Einnahmen angewiesen ist.

Das vorliegende Buch gibt einleitend eine kurze Einführung in die Entstehung der Simmentaler

Landschaft. Nach je einem Kapitel über die Pflanzen- und Tierwelt folgt ein Abschnitt über

die Aktivitäten des Menschen, der bereits seit mehreren zehntausend Jahren im Diemtigund

Simmental unterwegs ist. Danach werden die einzelnen Gemeinden zwischen der Lenk

und Wimmis vorgestellt. Die flächenmässig grösseren Gemeinden nehmen auch seitenmässig

mehr Platz ein als die kleinen Ortschaften.

Um in die Textseiten etwas Abwechslung zu bringen, hatte ich die Idee, im Abschnitt über die

Gemeinden jeweils eine Schulklasse ihre Wohngemeinde vorstellen zu lassen. Wie gut und

lebendig dies die jungen Schreiberinnen und Schreiber in den Gemeinden Lenk, St. Stephan,

Boltigen, Oberwil und Därstetten gemacht haben, können Sie auf den betreffenden Seiten

selbst feststellen. Leider waren nicht alle angefragten Schulleitungen dazu bereit, mitzumachen.


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Im Jahre 1983 neigte sich die jahrelange Auseinandersetzung um den damals im Simmental

geplanten Autobahnbau ihrem Ende zu. Die durch den Bau eines Sondiertunnels auf Walliserseite

eingetretenen schweren Schäden an der Staumauer von Tseuzier haben schliesslich

wesentlich dazu beigetragen, dass die eidgenössischen Räte 1986 die Nationalstrassenverbindung

durch den Rawil gestrichen haben.

Als Initiant des damaligen Widerstandes möchte ich mit zwanzigjähriger Verspätung danken:

Den mehreren Tausend Leuten in- und ausserhalb des Simmentals, die den jahrelangen Kampf

von «Pro Simmental» unterstützt haben. Den Vertretern der Medien, die stets ein offenes Ohr

für unsere Anliegen hatten. Den Politikern auf Kantons- und Bundesebene, die parlamentarische

Vorstösse gegen den Autobahnbau einreichten, unterstützten oder bei den entscheidenden

Abstimmungen im National- und Ständerat die Simmental-Autobahn endgültig gestrichen

haben. Sie alle haben dazu beigetragen, dass das Simmental «Simmental bleiben darf».

Ihnen allen widme ich dieses Buch.

Die Herausgabe des Buches zu einem tragbaren Preis war nur dank namhaften Druckkostenbeiträgen

möglich. Beachten Sie hierzu das Impressum auf Seite 2. Herzlichen Dank auch an

Geraldine Blatter (Lektorin) vom Ott Verlag für die angenehme Zusammenarbeit und an Jan

Dubach (tasty.ch) und dem Atelier Mühlberg in Basel für die Gestaltung des Umschlages und

der 176 Buchseiten.

St. Stephan, im Herbst 2008

Ernst Zbären


Simmental und Diemtigtal | 9

Inhaltsverzeichnis

Willkommen ....................................................11

Jahrmillionen ...................................................14

Felsenblümchen .................................................24

«Pfiffoltera» und grössere Tiere. .....................................36

Simmentaler − gestern, heute, morgen ................................48

Lenk ..........................................................58

St.Stephan .....................................................72

Zweisimmen ....................................................86

Boltigen. ......................................................100

Oberwil .......................................................112

Därstetten .....................................................124

Erlenbach .....................................................134

Diemtigen .....................................................144

Wimmis .......................................................158

Literaturverzeichnis. .............................................169

Ortsverzeichnis .................................................171


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Simmental und Diemtigtal | 11

Willkommen im grünen Bergland

zwischen Wildstrubel, Stockhorn

und Niesen

Abgesehen vom Tal der Aare mit dem Brienzer- und Thunersee ist das Simmental das mit

Abstand längste Tal des Berner Oberlandes. Vom Wildstrubelmassiv ob der Lenk bis zum Talausgang

in der Port bei Wimmis fliesst die Simme über eine Strecke von 50 Kilometern dem

Thunersee entgegen. Auch das im unteren Simmental abzweigende Diemtigtal weist mit nicht

weniger als 18 Kilometern eine beachtliche Länge auf.

Von Thun – Spiez her in Richtung Wimmis und Simmental fahrend, mag sich mancher erstmalige

Besucher des Tales fragen, wo sich denn dieses angeblich so sanfte und grüne Tal wohl

versteckt. Mächtig ragt rechter Hand die helle Felswand der Simmeflue empor. Links, niedriger

zwar, aber ebenfalls steil zur Simme hin abfallend, steht die Burgflue. Und zwischen den beiden

Flüenen liegt die Port, die Türe zum Simmental. Die Bahnlinie, ein Lokalsträsschen, die

Simme und die Hauptstrasse füllen den engen Talgrund vollständig aus, mehr hat hier nicht

Platz.

Viehzucht und Landwirtschaft seit Jahrhunderten

Der Schreck ist von kurzer Dauer. Nach kaum zwei Minuten Fahrzeit weichen die steilen Talflanken

zurück. Ein mehrere hundert Meter breiter und fast topfebener Talboden taucht auf.

Vergleichbare Ebenen trifft man bei der weiteren Fahrt talaufwärts erst wieder im Talabschnitt

Boltigen und im Bereich der obersten Gemeinden Zweisimmen, St. Stephan und Lenk an.

Dazwischen hat sich die Simme tiefer eingegraben. Etwa zwischen Weissenburg und Boltigen,

wo die kurvenreiche Talstrasse direkt neben der Simme verläuft.

Bewimperter Steinbrech

Das Simmental wird nicht selten als das grünste Tal der Alpen

bezeichnet. Dies mag stimmen, doch grün ist das Simmental

längst nicht überall. Beachtliche 7,8 bis 39,2 Prozent der Gemeindeflächen

sind unproduktives Land, wo Steine und Felsen

vorherrschen. Aber auch hier wachsen da und dort grüne Blätter

heran und es öffnen sich farbige kleine Blüten. Das Bild des

Bewimperten Steinbrechs ist hoch oben im Wildstrubelgebiet

aufgenommen worden.


12 | Simmental und Diemtigtal

Wer garantiert staufrei im Zug sitzt, hat gerade hier beim Durchfahren der Gemeinde Oberwil

den besseren Überblick. Er stellt fest, dass ob dem Einschnitt der Simme Land vorhanden ist,

das sich häufig bestens für die landwirtschaftliche Nutzung eignet. Im Simmental wurde denn

auch schon vor etlichen hundert Jahren mit beachtlichem Erfolg Landwirtschaft betrieben.

Nichts beweist dies derart deutlich, wie die ungewöhnlich grosse Zahl prächtiger, alter Bauernhäuser.

Der Verkauf von Butter und Käse sowie der Handel mit Tieren brachte Wohlstand in

manches Haus. Rindvieh aus dem Simmental wurde über den Rawil- und Simplonpass nach

«Lamparten» − in die Lombardei − getrieben. Noch mehr Tiere verliessen das Tal in nördlicher

Richtung. So lange die Original-Vierbeiner-Pferdestärken die einzigen vorhandenen Antriebsmotoren

für Personen- und Gütertransporte waren, bildete zudem die Aufzucht und der Verkauf

von Pferden im Simmental eine überaus einträgliche Tätigkeit.

Ferien im Simmental

Möchte man als Simmentaler schauen, wie sich der Fremdenverkehr nicht entwickeln sollte,

braucht man nicht weit weg zu fahren. Die masslose Chaletbauerei im benachbarten Saanenland

ist ebenso fragwürdig wie manches, was gleich jenseits der Walliser Kantonsgrenze an der

Südseite des Rawilpass entstanden ist. Im Simmental ist die Zahl der ansässigen Bevölkerung

noch nicht mehrfach kleiner als die Bettenzahl in Hotels und Ferienwohnungen. Wer hier Ferientage

verbringt, wechselt nicht von seiner Wohnstadt in eine Tourismusstadt, die brutal in die

Landschaft «hineingeklotzt» worden ist.

Das Tal und seine Dörfer bieten noch den gesuchten echten Kontrast zum Alltag. Grossflächige

Geländeplanierungen für Skipisten sind hier nirgends zu finden. Ebenso unbekannt sind kilometerlange,

breit in die Wälder hinein geschlagene Pisten-Rodungen. Unterkunft findet man in

Ferienwohnungen im ganzen Tal. Hotels gibt es vom einfachen Gasthof bis zum Fünfsternhaus

«Lenkerhof» an der Lenk, aber auch «Schlafen im Stroh» wird angeboten.

Millionenbeträge sind in den letzten Jahren im Simmen- und Diemtigtal in Beschneiungsanlagen

investiert worden. Aber der gute alte Wettermacher Petrus redet in den Wintermonaten

trotzdem immer noch ein Wörtchen mit. Liefert er flotte Schneemengen, so können sich auch

all jene Wintergäste aktiv betätigen, die aufs Skifahren verzichten. Langläufer und Winterwanderer

können 18 Kilometer zurücklegen, wenn sie ab Zweisimmen über St. Stephan und Lenk

bis zu den Simmenfällen am Fusse des Wildstrubels unterwegs sind. Die Winterwanderwege

im Gebiet Betelberg-Leiterli über der Lenk sind ganz grosse Klasse. In einer schneesicheren

Höhenlage von leicht über oder unter 2000 Metern gewähren die mit Pistenfahrzeugen präparierten

Wege weite Ausblicke in die umliegende Landschaft der Vor- und Hochalpen.

Auch Zweisimmen hat im Winterangebot einen Trumpf, der weitherum einzigartig ist: das

Langlaufzentrum Sparenmoos. Vom Ausgangspunkt auf 1600 Meter steigen seine Loipen bis

auf 1800 Meter an, eingebettet in die dazu ideal geeignete, sanft geformte Alpweidelandschaft

an der Südostseite des Hundsrüggs. Man gleitet zwischen Baumgruppen hindurch, unmittelbar

danach wandert der Blick weithin über die Berge und Täler des westlichen Berner

Oberlandes.


Simmental und Diemtigtal | 13

Holz und Metallbearbeitung

Neben der Landwirtschaft und dem Tourismus sind im Simmental auch Arbeitsplätze in anderen

Branchen vorhanden. Aus viel einheimischem Holz entsteht in den Holzwerken Rieder in

St. Stephan Hobelware, z. B. Täfer für den Innenausbau. Kleine «Holztruckli» und meterlange

schwere Holzkisten für weltweite Exporte der Schweizer Maschinenindustrie werden von den

60 Beschäftigten des Betriebes ebenso fabriziert wie Kartonverpackungen mit Schaumstoff-

Innenpolsterungen in allen gewünschten Grössen.

Das grösste Sägewerk im Kanton Bern befindet sich in Erlenbach. Über 40 Häuser des Dorfes

beziehen ihr Heizungs- und Warmwasser von der Holzschnitzelheizung, die mit den im Sägewerk

anfallenden Holz- und Rindenresten betrieben wird. Auch Aluminium, Eisen und Stahl

wird in Erlenbach bearbeitet. Auf der Drehbank, mit Bohr-, Fräs-, Hobel- und Schleifmaschinen

stellen die Mitarbeiter der Firma Maschinen- & Apparatebau «Zum Wald» die gewünschten

Werkstücke mit grosser Präzision her. Bis weit ins vorige Jahrhundert hinein belastete eine

Karbidfabrik mit ihren ungefilterten Abgasen die Luft im untersten Simmental. Nun stehen

an ihrer Stelle die hohen Silos der Mühle Burgholz. 15 000 Tonnen Getreide werden pro Jahr

angeliefert, über 30 Leute arbeiten im Mühlebetrieb. Verschiedene Getreidesorten werden zu

Mehlen für Bäckereien gemahlen oder zu Futtermittel für Hühner, Kaninchen, Rindvieh und

Schweine verarbeitet.

Direkt neben der Mühle ist ein Zweimannbetrieb tätig. Die Gebrüder Imboden arbeiten mit

ganzen Baumstämmen, lassen daraus Wohnhäuser in Rundholz-Blockbauweise entstehen.

Gleich daneben passiert bei «Ryter Holzbau» das pure Gegenteil. Hier wird das im ganzen

Berner Oberland anfallende Abbruchholz von Häusern, alte Holzmöbel und Holz von Baustellen

zu Kleinholz von einigen Zentimeter Länge zerhackt. In Italien – der Transport erfolgt in

Bahngüterwagen – entstehen daraus Spanplatten.

Simmental und Diemtigtal – eine grüne lebendige Landschaft. Zwar hat die laufende Zentralisierungswelle

im Kanton Bern Arbeitsplätze verschwinden lassen, desgleichen der Abbau bei

den Militärbetrieben. Die Landwirte sorgen sich um ihre Zukunft. Aber noch überwiegt das Positive,

noch leben die beiden Täler. Willkommen an der Simme, dem Fildrich und der Chirel.


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Verbogene Felsschichten in der Niesenkette

Man spürt sie förmlich, die gewaltigen Urkräfte unserer Erde, wenn man am Albristhorn vor diesen

intensiv verfalteten Flyschschichten steht. Vor Jahrmillionen sind diese Felsmassen Dutzende von

Kilometer nach Norden verschoben und mehrere Kilometer emporgehoben worden.


Simmental und Diemtigtal | 15

Jahrmillionen


16 | Simmental und Diemtigtal

Versteinerte Muscheln auf 2700 Meter Höhe

Die Geologie ist eine etwas trockene, arg steinige Wissenschaft.

Lebendig wird sie etwa dann, wenn man hoch oben im Wildhorngebiet

bei einem Blick auf den felsigen Boden den vorzüglich

erhalten gebliebenen kleinen Abdruck einer versteinerten Muschel

sieht. Da wird einem ganz plötzlich bewusst, dass man auf einem

alten Meeresboden unterwegs ist. Im Gebiet Wildstrubel-Wildhorn

kann man an mehreren Stellen zahlreiche Versteinerungen finden,

doch leider sind sie häufig stark verformt.


Simmental und Diemtigtal | 17

Unser Planet Erde soll jetzt etwa viereinhalb Milliarden Jahre alt sein. Da nimmt sich das Alter

der ältesten Gesteine im Berner Oberland mit rund 300 Millionen Jahren geradezu jugendlich

aus. Und nur knapp halb so alt wie diese Aaregranite der Grimselregion sind die ältesten

Felsen im Simmental. Während der Granit in mehreren Kilometern Tiefe bei der allmählichen

Erstarrung des flüssigen Magmas entstanden ist, sind die Berge des westlichen Berner Oberlandes

durchwegs aus einstigen Meeresböden aufgebaut. Die Ablagerungen oder Sedimente

haben sich in sehr unterschiedlicher Wassertiefe gebildet.

In oftmals grosser Tiefe und über lange Zeiträume hinweg sind die festen hellen Kalk- oder

Dolomitfelsen abgelagert worden, die uns etwa an der Simmeflue oder am Stockhorn, in der

Spillgertegruppe oder dem Wildstrubelgebiet auffallen. Kalkgesteine werden mehrheitlich

durch Überreste von kleinen Meeresorganismen gebildet. Ganz anders verlief die Entstehung

des im Diemtig- und Simmental weit verbreiteten Flyschs. Die aus ganz unterschiedlich grobem

Material bestehenden Flyschschichten sind das Ergebnis rasch ablaufender Verlagerungen

von Schlamm, Sand und Steinen. Diese haben sich in erdgeschichtlich jüngerer Zeit

ereignet. Nicht selten trifft man im Simmental auch auf eine Art Naturbeton, die sogenannte

Brekzie. In feinstes Schlamm- und Sandmaterial eingelagerte, eckig-scharfkantige Felsstücke

bieten einen Anblick, wie eine soeben erstarrte Betonmischung. Neuzeitliche Mischungen dieser

Art müssen oft schon nach wenigen Jahrzehnten wieder erneuert werden, wie an mancher

Baustelle besichtigt werden kann – der Naturbeton Brekzie dagegen ist auch nach einigen

Millionen Jahren noch von hervorragender Qualität.

Das Bild der heutigen Simmentaler Landschaft ist nicht von Dauer. Unsere Berge sind alles

andere als auf ewige Zeiten stolz dastehende Felsmassive. Die in der Erdkruste wirksamen

planetaren Kräfte haben die einstigen Meeresböden über grosse Distanzen übereinandergeschoben

und mehrere Kilometer hoch angehoben. Während Jahrhunderttausenden bearbeiteten

die gewaltigen Eismassen der Eiszeitgletscher die über das Meeresniveau aufragenden

Kontinente. Erst vor etwa zehntausend Jahren hat der letzte eiszeitliche Simmegletscher die

heutige Landschaft freigegeben.

Auch die Erosionskraft des fliessenden Wassers spielt bei der Gestaltung der Landschaft

eine wichtige Rolle. Als älterer Simmentaler erinnert man sich an eine ganze Reihe von Erdrutschen,

Felsstürzen, Steinschlägen oder an tonnenweise Schuttmaterial, das ein wild gewordener

Bergbach zu Tal beförderte und auf Wiesen und Strassen ablagerte. Nur schon während

einem kurzen Menschenleben passiert in der Landschaft draussen manche Änderung. Man

kann sich unschwer vorstellen, wie tiefgreifend sich das Bild in einigen zehntausend Jahren

wandelt. Und zehntausend Jahre sind im Gang der Jahrmillionen ein Nichts.


18 | Simmental und Diemtigtal

Türmlihorn

Ein unverwechselbarer Berg ist das Türmlihorn. Es befindet sich

zwischen den hintersten Abschnitten des Diemtig- und Färmeltales.

Viele Hundert, bei genauer Zählung vielleicht sogar einige

Tausend horizontal liegende Flyschschichten bauen das Türmlihorn

auf. Wenn Wasser in feinste Zwischenräume zwischen den

Schichten eindringt und während der kalten Jahreszeit gefriert,

wird dadurch das Gestein auseinandergetrieben. Grosse und

kleine Bruchstücke lösen sich nach dem Schmelzen des Eises

und haben am Fusse des Türmlihorns bereits eine grossflächige

Schutthalde gebildet. Aber noch stehen einige Türme. Es dauert

noch eine ganze Weile, bis der allerletzte Felsturm in seinem

eigenen Schutt verschwinden wird.


Simmental und Diemtigtal | 19

Gipstrichter

Im Bereich der Gemeindegrenze Lenk – Lauenen befindet sich

zwischen dem Stüblenen- und Trüttlisbergpass eine selten schöne,

ausgedehnte Kraterlandschaft, die Stüblenen oder Gryden. Im

wasserlöslichen Gipsgestein sind hier im Laufe der Zeit einige

Hundert grössere oder kleinere Einsturztrichter oder Dolinen

entstanden. Der Gips ist vor langer Zeit in einer nur wenig tiefen

Meeresbucht abgelagert worden. Über einigen etliche Meter

grossen Kratern stehen im Hintergrund die Berge auf der Kantonsgrenze

Bern – Wallis. Es sind von links nach rechts Schneide-,

Niesen-, Wild- und Geltenhorn. Davor befindet sich der grüne

Alpweidebuckel des Rothorns.


20 | Simmental und Diemtigtal

Farbige Welt aus Fels und Stein

Vom Gipfel des Gletscherhorns am Rande des Glacier de la Plaine

Morte schauen wir nach Osten. Rechts ist der Mittelgipfel des

Wildstrubels sichtbar, in der Bildmitte der Grosse Lohner zwischen

Adelboden und Kandersteg. Vor dem Lohner liegt der flache Grat

des Ammertenhorns. Dieses Bild zeigt nichts als Felsen und

Steine − aber wie unglaublich farbig und lebendig ist doch diese

Landschaft. Bei den unterschiedlich gefärbten Felsmassen handelt

es sich durchwegs um Sedimente, also ehemalige Meeresböden.

«Roti Steine» heisst die auffallend farbige Geländepartie

in der Bildmitte auf der 25 000er Landeskarte. Dabei handelt es

sich um einen erdgeschichtlich noch jüngeren, nicht ganz 100

Millionen Jahre alten Sandstein.

Karstrillen im Kalkfels

Dieses Bild zeigt einen knapp meterhohen Ausschnitt aus einer

schräg stehenden Kalkfelsplatte hinten im Iffigental. In der Falllinie

hat das abfliessende Niederschlags- und Schmelzwasser

tiefe Rillen aus dem Fels herausgelöst. Die dazwischen stehenden

Kanten sind messerscharf. Jenseits der Kantonsgrenze erstrecken

sich an der Südseite von Schneide- und Wildhorn die formenreichen

Karrenfelder des Ténéhet über eine Fläche von mehreren

Quadratkilometern.


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22 | Simmental und Diemtigtal

Räzligletscher in einem Sommer der Zwanzigerjahre

In den Jahren 1917 bis 1946 war Alfred Bigler in der Lenk als

Schulmeister tätig. Mit seiner schweren Plattenkamera samt Stativ

hat er aber nicht allein im Bereich des Talbodens fotografiert. Er

hat seine Fotoausrüstung auch hinaufgetragen in die Berge, wie

diese Aufnahme aus dem Wildstrubelgebiet anschaulich zeigt. Die

Personen im Vordergrund befinden sich auf dem Räzligletscher.

Ziemlich genau eineinhalb Kilometer breit war der Gletscher noch

Anfang der Zwanzigerjahre, als diese Aufnahme wahrscheinlich

entstanden ist.


Simmental und Diemtigtal | 23

Räzligletscher 1994

Rund 70 Jahre nach Alfred Bigler hat Ernst Zbären den gleichen

Aufnahmestandort im Gelände aufgesucht. Die Aufnahme in

genau derselben Richtung zeigt eine radikal andere Landschaft.

Vom Räzligletscher ist nur noch eine kläglich kleine Zunge erhalten

geblieben, der Rest ist in der Zwischenzeit abgeschmolzen.

Würden Sie heute diesen Ort aufsuchen, dann wäre auch vom

Gletscher kaum noch etwas zu sehen. Wenn Sie vom Fluesee auf

dem steinigen Pfad in Richtung Wildstrubel aufsteigen und rechts

vom Gletscherhorn über dem Tierbergsattel das Wildhorn sichtbar

wird, befinden Sie sich nahe an dieser Stelle.

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