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WeltWeit 01 2021

Zeitschrift für Entwicklungspartnerschaft und globale Gerechtigkeit

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weltweit

ENTWICKLUNGSPARTNERSCHAFT GLOBALEGERECHTIGKEIT

Selber denken: lebensnah,

beglückend, widerständig SEITE 16

Rassismus: doch nicht auch

bei uns!? SEITE 4

1/2021


2

weltweit VORWORT

Wesentlich werden

Schon eine Weile ist Weihnachten-Neujahr wieder

vorbei. Obwohl: Wir sind nicht sicher, ob

beide schon 2025 Mal stattfanden, ob Jesu’

Geburtsjahr gemäss wissenschaftlichen Quellen

wirklich 4 vor Chr. war. Nun wenden Sie, liebe

Leserin, lieber Leser, vielleicht ein, solche Zahlenspiele

seien weniger wichtig, als dass wir

auch unter dem Jahr den christlichen Geist der

Versöhnung, der Gerechtigkeit, der Solidarität

mit den Benachteiligten und Ausgestossenen

leben. Dazu gehört die österliche Überzeugung,

dass unsere irdischen Realitäten nicht die endgültigen

sind und wir sie deshalb auch jetzt

schon anders gestalten könnten.

Es gehört zusätzlich die Einsicht dazu, dass

unser Verständnis, welche Wirklichkeit und Welt

für uns richtig ist, nur eines unter anderen sein

kann. Deshalb geht es darum, dass wir in unserem

Glauben – woran wir uns im dies- und jenseitigen

Leben halten – selbst wahrhaftig und

überzeugend werden. Und «das Christliche»

nicht nur dann «hervorgenommen» wird, wenn

es durch andere (religiöse) Auffassungen herausgefordert

scheint.

Echte Überzeugung fragt nicht nach Unterschieden

im Formalen und in der Ausgestaltung, sondern

nach dem Kern: Er bietet Menschen eine

Lebens- und Gemeinschaftshilfe, unterstützt

Frieden zwischen Geschlechtern, Völkern, Kulturen

und gegenüber der Umwelt. Wenn wir uns

diesen in unserem Dasein entscheidenden

Punkte zuwenden, müssen wir uns wirklich nicht

wegen Aussehens-, Mentalitäts- oder Glaubensunterschieden

ereifern. Dann können wir mit

«Geist und Herz» darüber debattieren, wie wir all

das wegräumen, was Menschlichkeit, gegenseitigem

Verstehen und Wohlergehen, der Gerechtigkeit,

der Teilnahme aller an der Gesellschaftsbildung

im Wege steht. Dann sehen wir auch,

wie viel wir an unserer eigenen Integration ins

Leben noch zu arbeiten haben.

Theo Bühlmann

Aus Dankbarkeit: übers Leben hinaus ein Zeichen setzen

Gutes tun – über den Tod hinaus? Das ist auf einfache Art möglich: In einem handgeschriebenen

Testament können Sie einen Betrag bestimmen, mit dem Sie sich für Ziele einsetzen,

die Ihnen am Herzen liegen. Durch Unterstützung der Anliegen von WeltWeit.

In unseren Projekten setzen sich Ordensleute und Mitarbeitende Tag für Tag in vielen Ländern

der Welt für benachteiligte und notleidende Menschen ein. Unsere Hilfe gilt den Armen,

Existenzgefährdeten und Hungernden; Jugendlichen, die Bildung brauchen; alten Menschen,

die ein sicheres Zuhause brauchen; Familienväter, die Arbeit suchen; Frauen, die Gewalt erfahren;

Kindern, die zu Waisen geworden sind; Kranken, die medizinische Versorgung benötigen.

Und sie gilt jenen, die sich nach der Frohen Botschaft sehnen. Für sie alle setzen wir

uns mit Ihrer Solidarität durch ganzheitliche Entwicklungsarbeit ein.

Verhelfen Sie mit einem Legat zugunsten Benachteiligter, deren grossen Wunsch nach Wohlergehen

und Frieden zu verwirklichen. Damit können Sie Ihre Verbundenheit mit Menschen

in Not noch einmal bekräftigen und übers Leben hinaus nachhaltig viel Gutes bewirken.

Vergelt’s Ihnen Gott.

Nehmen Sie mit uns Kontakt auf: Tel. 026 422 11 36, Chantal Tinguely-Neuhaus,

Thérèse Corpataux-Roggo. WeltWeit, Postfach 345, 1701 Freiburg, info@weltweit.ch


weltweit AUFTAKT

3

INHALT

WERTEGRUND

04 Rassismus: doch nicht auch bei uns?

STANDPUNKT

07 Politik, Wirtschaft und Medien vermenschlichen!

ZUSAMMENHALT

08 Vielfältige Hilfe für geflüchtete Menschen

LEBENSGRUND

12 Gesundheit: Körper und Seele, eine Einheit

ANGEBOTE

15 Veranstaltungen von Herausgebergemeinschaften

THEMENSEITEN

16 Zivilcouragiert selber denken,

in gesunder Infragestellung von Autoritäten

08 Flüchtlingshilfe konkret, herzlich, menschlich

Wie geht ein solidarisches Unterstützen und Beistehen

Migierter in der Schweiz? Im Kontakt-sein mit Geflüchteten

überwindetet nicht nur Angst, Vorurteile und Abneigung,

sondern bringt Herzlichkeit, Miteinander-Reichtum, Hoffnung.

Was erleben Einheimische und «Fremde», wenn sie sich treffen?

Wir haben vielfältige Stimmen eingeholt und berichten

über erstaunliche Erfahrungen.

23 INNEHALT

AUFERSTEHEN

24 Ostern wird’s: Alles und nichts ist, wie es war

DENKBAR

26 Jacqueline Straub möchte Priesterin werden

PROJEKTHILFE

28 Ein Pater bringt Freude und Hoffnung im Kongo

PROJEKTHILFE

30 Eine kenianische Schule wird digitalisiert

NOTHILFE

32 Überschwemmungen in den Philippinen lindern

PROJEKTHILFE

34 Theologie-Ausbildungen in Namibia

16 Wer bin ich denn, um selber zu denken?

Für alles und alle gibt es Fachleute, die einem raten und die

Welt erklären; mit der Digitalisierung nimmt die Vereinnahmung

zu. Ist das gut – und richtig für mich? Bleibe ich besser

«mein eigener Experte»? WeltWeit auf Spurensuche eines

Selber-Denkens und -Empfindens, welches für ein gutes

Leben Spiritualität und Solidarität miterschliesst.

BRÜCKENSCHLAG

37 Centro Profissional Gráfico in Südbrasilien

MUTMACHER

40 Ägyptische Ärztin hilft Flüchtlingsfrauen

Titelbild (Matthias Rabbe): (Nach)denken, Sinnen und

sich mitteilen: zwischen (genug) vertrauensvoll und

(nicht zu) kritsch.

Alle in dieser Ausgabe verwendeten Gruppen- und

Gemeinschaftsbilder ohne Schutzmasken sind vor der

Corona-Pandemie entstanden.

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Rassisten:

Wir sicher nicht!?

Lassen wir Vorurteile nicht ausarten; setzen wir uns mit ihnen auseinander. Und pflegen wir offene

Zugehörigkeiten!

Vielfalt im sozialen Umgang ist zu oft

keine Selbstverständlichkeit: Die Schule

ist ein guter Ort, ihn zu lernen.

(Bild: presse-image)


5

weltweit

WERTEGRUND

TEXTE: CELIA GOMEZ

Am 25. Mai wurde in den USA George Floyd von der Polizei

umgebracht. Dieser Mord löste etwas aus. Plötzlich fragten sich

viele, ob Rassismus in ihren jeweiligen Ländern eigentlich ein

Problem ist und sie selbst wirklich frei davon sind. Diese Reaktion

zeigt, dass die meisten Menschen das Thema abgehackt

und schubladisiert haben. «People of Colour»* beantworteten

die Frage nach Rassismus als fortbestehendes Problem mit

einem lauten «Ja!» und rissen viele aus ihrem Schlummertraum,

in einer Welt ohne Rassismus zu leben.

Also gehen wir mal kritisch, aber auch pragmatisch der unbequemen

Fragestellung nach: Sind wir in irgendeiner Weise rassistisch?

Auch wenn die Geschichte des Begriffs fast einen eigenen

Artikel hergäbe, nennen wir hier die vom Soziologen Albert

Memmi stammende Definition: Rassismus ist die verabsolutierte

Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Schaden

eines Opfers und Nutzen seines Anklägers, um dessen Privilegien

oder Aggressionen zu rechtfertigten.

Wir leben mit Vorurteilen

Vorurteile sind eine Form der Verallgemeinerung, die vielfältige

Fakten und Meinungen über extrem viele komplexe Themen der

Welt, die wir kaum kennen oder verstehen, einebnen. Wir können

gar nicht alles eingehend «untersuchen», sondern müssen oft

mit schwachen Grundlagen werten und entscheiden. Psychologische

Studien zeigen, dass wir uns innerhalb 15 Sekunden eine

Meinung über eine Person bilden, die wir eben getroffen haben.

Eine Studie über Vorstellungsgespräche ergab, dass sich ArbeitgeberInnen

zutiefst von Augenkontakt, äusserlicher Erscheinung,

Small Talk-Fähigkeiten und der Stärke des Händedrucks beeinflussen

lassen; und sich Meinungen und Urteile aufgrund ihrer

eigenen Erfahrungen bilden. Das sind völlig subjektive Grössen

und können zu falschen Entscheidungen führen, vor allem dann,

wenn die Person, die sich vorstellt, einen anderen Hintergrund

hat. In seinem Buch «Our racist heart» spricht der Psychologe

Geoffrey Beattie von einem «unbegründeten Urteil und Gefühl

über eine Person oder Sache, das ohne genügend Rechtfertigung

positiv oder negativ ist».

am besten alle WeltbürgerInnen und fühlten uns überall zugehörig.

Doch wir kommen nicht darum herum, unsere Welt zu

kategorisieren.

Auch die Unterscheidung von «Wir» und «Sie» gehört dazu: Untersuchungen

haben gezeigt, dass wir unsere «In-Group» bevorzugen,

selbst wenn diese künstlich herbeigeführt wurde (etwa

mit dem Zufallsprinzip in Rot und Blau eingeteilt). Dies geht so

weit, dass Problematisches von Gruppenmitgliedern akzeptiert

und das gleiche Verhalten in der anderen Gruppe nicht toleriert

wird. Diese Dynamik zeigt sich in Diskussionen um die Integration

von MigrantInnen und Geflüchteten: Wie weit müssen sich

Menschen, die nicht zu «uns» gehören, anpassen, inwieweit können

sie sich bleiben, um als «Mitglied» zu gelten? Wo hört Unterschiedlichkeit

auf? Viele «People of Colour» beschweren sich

heute über sogenannte Farbenblindheit: Im guten Willen, Hautfarbe

komplett zu übersehen, behandeln Nicht-Diskriminierte

(oft Weisse) «People of Colour», als ob sie auch zu ihrer In-Group

gehören. Dies führt aber dazu, mit der überbetonten Gleichbehandlung

die Bedürfnisse oder Traumata letzterer zu übersehen.

Darunter liegt die Forderung nach Assimilation – «Seid wie wir

und ihr werdet uns gleichberechtigt sein» – die oft einem rassistischen,

kulturellen oder religiösen Vorurteil entspringt.

Die Zugehörigkeitsgruppe bietet mit ihrer Selbst-Harmonie einen

Schutz für das Individuum. Aus dem Ethnozentrismus kann

jedoch auch ein offensiver Schutz entstehen, indem Mitglieder

fremder Gruppen verachtet und diskriminiert werden. Es kommt

auch zum Rassismus, indem Menschen um die Integrität ihrer

Gruppe fürchten und feindlich gegen Leute mit gemischter

Herkunft agieren. Dies zeigt sich in der Geschichte des europäischen

Kolonialismus, der Apartheid in Südafrika und der

US-Bürgerrechtsbewegung.

Alle leben mit Vorurteilen. Ergeben wir

uns ihnen nicht, sondern erkennen

Situationen, wo wir für sie anfällig sind –

um anders handeln zu lernen!

Von Zugehörigkeit zum Ausschluss...

Sicher ist nicht bei jeder negativen Reaktion zwingend ein Vorurteil

am Werk. Es ist jedoch wichtig, uns einzugestehen, dass

Urteile oft vorschnell, ohne Berücksichtigung genügender Faktoren

gemacht werden, zum Beispiel aufgrund des Geschlechts

oder Ethnie einer Person. Am Ursprung dieser Art von Vorurteil

steht ein menschlicher Wunsch nach Zugehörigkeit. Wir zählen

uns zur Familie, zum Heimatort, zu unserer Schule, Religion,

Partei, identifizieren uns mit unserem Beruf, Geschlecht, Alter,

Hobby, Club, mit der Art, wie wir sprechen, leben usw. Unsere

Gruppen sind uns wichtiger als die vielen, zu denen wir nicht

gehören, wie Nicht-Familienmitglieder, Kinder anderer Klassen

oder Schulen, Fans anderer Fussballmannschaften und Menschen

anderer Länder. Nationalhymnen vermitteln unseren Staat

als Mutter oder Vater. Viele PsychologInnen finden, wir wären

... bis todbringender Feindschaft

Aus Vorurteilen können Überverallgemeinerung auf Basis von

Ignoranz, begrenzten Erfahrungen bis zu bösartigen Unterstellungen

geschehen, mit grossen Auswirkungen auf so verurteilte

Personen und Gruppen. Sind Vorurteile einmal gefällt und verfestigt,

haben sie Auswirkungen auf das menschliche Handeln.

Sie können eine vermeintlich «natürliche» Dynamik erschaffen,

in der eine ganze Reihe von schlimmen Taten «viel einfacher»

geschehen und die diskriminierten Gruppemitglieder Würde und

gar ihr Menschsein absprechen.

Dies ist auch durch den Antisemitismus geschehen. Eine Reihe

von Vorurteilen ist schon in den ersten Jahrhunderten nach

Christus entstanden und hält sich bis heute. Die Dehumani-

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weltweit

WERTEGRUND

sierung des Jüdischen führte zu Pogromen und Verfolgungen

über Jahrhunderte – bis hin zum ultimativen Schrecken des

Holocaust.

Was können wir tun?

Vorurteile sind automatische und emotionale Prozesse, die in

den «primitiven» Teilen des menschlichen Gehirns stattfinden.

Sie spielen eine enorme Rolle in den komplexen Denkfunktionen,

welche unser tägliches Leben führen – inklusive Bewertungen,

Erinnerung und Kategorisierungen. Unterliegen wir also doch alle

einer gewissen rassistischen Tendenz?

Die Antwort ist Ja und Nein. Wir leben alle mit Vorurteilen und es

ist wichtig, dies zu erkennen. Doch wir müssen uns ihnen nicht

ergeben. Wir können unser Gehirn trainieren, um Situationen zu

erkennen, in denen wir besonders anfällig für Vorurteile sind, um

dann bewusst entgegen diesen zu handeln. Unter Zeitdruck neigen

wir besonders dazu, auf beschränkende Muster und Kategorien

zurückzugreifen, um eine Entscheidung zu treffen wie

beim Vorstellungsgespräch. Anti-Bias-Trainings fokussieren auf

diese Momente und stossen die Leute dazu an, sich ihrer eigenen

Vorurteile bewusst zu werden und sich in Beurteilungsprozessen

mehr Zeit zu lassen. Insbesondere die Kategorien «Erster

Eindruck» und «Bauchgefühl» sollte aus Entscheidungsfindungen

verbannt werden, da Vorurteile genau dort zuschlagen. Wir

müssen mit solchem Üben jetzt beginnen, und dranbleiben.

Damit wir nicht unseren irrationalen Teil gewinnen lassen gegen

Menschen, sondern Fairness und eine die Vielfältigkeit wertschätzende

Kultur leben.

Bild: presse-image

* Person oder People of Color wird aktivistisch und wissenschaftlich verwendet

und meint Individuen und Gruppen, die vielfältigen Formen von

Rassismus ausgesetzt sind aufgrund körperlicher und kultureller Fremdzuschreibungen

weisser Dominanzgesellschaft. Im Deutschen existiert

kein brauchbarer bzw. positiv konnotierter Begriff dazu.

Gefährliches Erbe

Sozialdarwinismus ist eine der Denkbewegungen, die heutige

rassistische Vorurteile mitgeprägt hat. Anfangs der 1870er-Jahre

wurde die Darwinistische Evolutionstheorie auf menschliche Gesellschaften

übertragen. Der Sozialdarwinismus erlebte in der

zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts übergrosse

Popularität in vielen Ländern und politischen Lagern.

Wobei aus der Darwinistischen Theorie oft das herausgenommen

wurde, was für die Verwirklichung der je eigenen Ziele grad

genehm war.

Sozialdarwinisten übertrugen Darwins Konzepte der «Kampf um

Existenz» und des «Überleben des Stärksten» auf Menschen.

Gemäss des britischen Philosophen Herbert Spencer (1820-

1903) sind die «Stärksten» jene, welche sich den Anforderungen

des Marktes und des sozialen Lebens am besten anpassen. Der

britische Pfarrer und Ökonom Thomas Robert Malthus (1766-

1834) glaubte, dass die Bevölkerungszahl von Natur aus schneller

als die Produktion von Lebensmitteln wachse. Die daraus

resultierende Überbevölkerung würde durch «nachwirkende

Hemmnisse» korrigiert, etwa durch Katastrophen und Hungersnöte.

Dies wiederum führe zu einem andauernden Kampf um

Platz und Nahrungsmittel. Diese Theorie gab dem Naturforscher

Charles Darwin den Anstoss zu seiner Evolutionstheorie, in dem

er Malthus Beobachtung der englischen Gesellschaft seiner Zeit

auf die Naturgeschichte übertrug – nicht umgekehrt!

Sozialdarwinismus begann nicht a priori als Theorie mit rassistischer

Tendenz, auch nicht durch Karl Marx, der sie als «naturwissenschaftliche

Unterlage des gesellschaftlichen Klassenkampfes»

sah. Sie wurde jedoch auch von jenen verwendet, die

Angst vor der «Degeneration» einer «Rasse» hatten und Konzepte

wie Eugenik und Rassenhygiene entwickelten. Existenzkampf

wurde kollektivistisch auf «Rassen» umgedeutet. Tragischer

Höhepunkt war in Europa der Holocaust, dem durch des

Nazi-Regime sechs Millionen Juden und weitere Millionen Minderheiten

wie Menschen mit Behinderungen, alte Menschen,

Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, slawische Menschen, Menschen

mit dunkler Hautfarbe, Homosexuelle und Transpersonen

zum Opfer fielen.


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weltweit

STANDPUNKT

Empathie kultivieren

JOSÉ BALMER

José Balmer studierte Philosophie und Theologie

und war über 20 Jahre im kirchlichen Dienst

tätig, davon sechs Jahre in Bolivien. Er war

Mitarbeiter des Hilfswerks Brücke · Le pont, ist

WeltWeit-Kolumnist und bearbeitet Projekteingaben

für die Redemptoristen.

Mitgefühl-Liebe-Barmherzigkeit: Diese drei Worte bezeichnen

das Wesen Gottes in allen Religionen. Im Alten Testament heisst

es, Jahwe habe das jüdische Volk aus Mitgefühl aus der Sklaverei

in Ägypten befreit. Jesus sagte: «Seid barmherzig, wie euer

Vater im Himmel barmherzig ist.» Im Islam ist Barmherzigkeit die

wichtigste Eigenschaft Allahs. Empathie ist grundlegend. Aus ihr

entsteht Wertschätzung. Und daraus wachsen Werte, ohne die

es kein friedliches Zusammenleben gibt.

Doch die heutige Wirtschaft, die einseitig auf Konkurrenz basiert,

macht alle zu Gegnern. Sie belohnt Rücksichtslosigkeit und betrügerisches

Verhalten. Der soziale Zusammenhalt zerfällt und

vegetiert nur noch als Pseudo-Solidarität unter Familien, Clans

und Seilschaften zum Zweck der Selbstbereicherung. Die Werbung

heizt den Egoismus und die

Habgier zusätzlich an. Die Folgen

sind Stress, Frust, psychische Schäden,

soziale Spannungen, Krieg,

aber auch zynische Gleichgültigkeit

gegenüber den benachteiligten Menschen.

Es ist dringend, dass wir diese entmenschlichende

Dynamik in den

Griff bekommen und die Werte Respekt,

Gemeinsinn und Solidarität

wieder höher einschätzen und fördern.

Der chinesische Philosoph Menzius

sagte: «Ohne Mitgefühl ist der

Mensch kein Mensch.» Politik, Wirtschaft

und Medien müssen wieder

menschlicher werden und nebst den

profitorientierten Leistungen auch

die sozialen Leistungen honorieren.

Diese sind für das Gemeinwohl und

die Weltgemeinschaft von grösstem

Wert. Und sie machen unser Wesen

aus.

Äthiopier bingen Ernte ein.

(Bild: tr-niebel)

Dieser Text stammt aus dem 120-seitigen

Büchlein «frei und engagiert – 52 Impulse

für ein spirituelles Leben» von José Balmer,

das 2014 im Rex-Verlag Luzern

erschienen ist. Es kann für Fr. 20.- (inkl.

Versand) bestellt werden bei:

José Balmer, Maggenbergstr. 5,

1712 Tafers, humano@sensemail.ch

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Reichen wir einander

die Hand!

Die Einen fühlen sich bedrängt und hilflos, Andere helfen und unterstützen. Überall im Land setzen sich

Menschen für die Flüchtlingshilfe ein.

ANNINA GUTMANN

Auf Reisen und Projekten im Ausland erlebte Eva Wimmer verschiedene

Spannungsfelder hautnah mit. Es sind Notsituationen –

bedingt durch Kultur, Konflikte oder Klima – welchen Menschen

ausgesetzt sind und irgendwann so gross werden, dass sie sich

auf den Weg nach Europa machen. Wimmer kann aus ihrer Perspektive

gut nachvollziehen, was anderen Schweizern fremd

bleibt, weil sie solche Lebensumstände nicht kennen. Klar, dass

dies nebst Widerstand Fragen aufwirft. Wie viele können wir aufnehmen?

Worauf lassen wir uns ein? Im Ausland wurde Wimmer

klar, dass sie sich diesem Thema und ihrer Angst stellen möchte.


9

weltweit

ZUSAMMENHALT

Als Mitgründerin des Vereins FRW Interkultureller Dialog in Zug

engagiert sie sich seit sieben Jahren für die Integration von

Flüchtlingen. Waren es anfangs fünf, sind es heute 180 Freiwillige

bei FRW, davon fast die Hälfte Flüchtlinge und Zugewanderte.

Entsprechend nimmt der wertvolle Austausch zwischen

Einheimischen und Flüchtlingen stetig zu. «Miteinander Leben

und voneinander lernen», darum geht es Eva Wimmer auch in

den Projekten. Auf Spaziergängen zeigt sie Flüchtlingen die Gegend

und nimmt dabei wahr, dass die Angst der Bevölkerung

gegenüber «den Anderen» ebenso gross ist wie jene der Flüchtlinge,

hier zu sein. «Einheimische fragen mich, woher die Flüchtlinge

kommen, obwohl sie neben mir stehen und mithören.»

Dass Menschen, die anders aussehen als wir, gut Deutsch sprechen,

manche sogar Schweizerdeutsch, wird vielfach ausgeblendet.

Durch Projekte mit Schwerpunkt Sprache, Begegnung,

Prävention oder Berufsleben erhalten Flüchtlinge eine Chance,

Andere auf Grund von Krieg in Afghanistan und Syrien. Bell

respektiert, dass «sie nicht gerne über die Gründe und ihren

schwierigen Fluchtweg sprechen». Die Geschichte eines eritreischen

Jungen, wie er ohne Billet zu fünft in einer Zugtoilette

durch Italien gereist ist, vergisst sie nicht mehr. «Der Weg zu

Fuss durch die Sahara und in einem Boot übers Meer müssen

traumatisch gewesen sein.»

Menschen bringen aus andern Ländern

eine enorme Hilfsbereitschaft und

Herzlichkeit mit, die hier oft ungesehen

bleiben.

Gelingende Begegnung und

hilfreicher Austausch erfreut

Geflüchtete und «Einheimische»:

Deutschkurs beim

Mittagessen im Stauffacher

in Zürich und in der Kirche

Fluntern.

(Bilder: H. Gehrig, Solinetz)

ihre Talente und Ressourcen zu entwickeln. Wimmer erlebt sie

sehr dankbar, motiviert und bemüht, sich unserem Wertesystem

anzupassen. «Ihre Arbeitsfreude und ihr Wille, etwas bewirken

zu können, ist ihnen so wichtig, dass sie sich als FRW-Freiwillige

engagieren, dolmetschen und den sehr wertvollen kulturellen

Transfer herstellen.»

Existenzielle Not

Karin Bell* integriert unbegleitete minderjährige Asylsuchende

(UMA) in ihrer Jugendwohngruppe. Es sind Jugendliche, die ihr

Heimatland Eritrea verliessen, um dem Militärdienst zu entgehen.

* Namen geändert

Als Hanna Gerig 2009 erfuhr, dass abgewiesene Asylsuchende

mit nur 8.50 Franken pro Tag auskommen müssen, konnte sie es

kaum glauben. «In der Schweiz gibt es Menschen, die sich zwischen

Brot und Zugticket entscheiden müssen?» Aus Empörung

über dieses System begann sie sich zu engagieren, unterrichtete

Deutsch für Geflüchtete. Sie ging einen ihrer Schüler im Ausschaffungsgefängnis

besuchen und war schockiert zu sehen,

dass in der Schweiz Menschen nur deshalb eingesperrt werden,

weil sie geflüchtet sind. «Niemand verlässt seine Heimat, wenn

es nicht existentielle Nöte sind, die einen dazu zwingen», ist sich

Gerig, inzwischen Geschäftsleiterin von Solinetz Zürich, sicher.

«Menschen gegen ihren Willen, teils gefesselt und geknebelt, in

das Land zurückzufliegen, aus dem sie geflohen sind, ist brutal

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10

und unmenschlich.» Geldüberweisungen von Migrierten in ihre

Ursprungsländer sieht Wimmer als effizienteste Entwicklungshilfe.

Von acht verdienten Franken pro Tag würden viele einen

Fünflieber für ihre Familien weglegen. Viele von ihnen können

sich nur so am Leben erhalten. Sie erfuhr in den Ländern, wo

sie selbst war, eine enorme Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit –

Werte, welche diese Menschen mitbringen und die hier oft ungesehen

bleiben. «Wir sollten darüber

nachdenken, wie wir als

Gesellschaft Menschen, die

da sind, unterstützen, mit und

von ihnen lernen können.»

Fuss. Durch unseren Eigenheim-Anspruch werde die Zersiedelung

vorangetrieben, viel mehr als durch Immigration. «Unsere

Flüchtlingspolitik finde ich beschämend. Mit einem Funken

Menschlichkeit wird auch eine dem Menschen zugewandte Haltung

in der Politik möglich.»

Die Frage, ob es nicht zu viele Flüchtlinge sind, wehrt Hanna

Gerig ab. «Zürich wirft Essen weg, von dem sich ganz Winterthur

Etwas zurückzugeben

Werner Hufschmid gibt als ehemaliger

Primarlehrer ausländischen

Kindern zuhause Nachhilfeunterricht

und ist so auf ihre

Probleme aufmerksam geworden.

Einem Vater aus Bangladesh

wurde gekündigt, weil er

den Regionalleiter von Missständen

in seiner Filiale unterrichtete.

Seit einem Jahr

schreibt er sich im Auftrag der

RAV die Finger wund – ohne

Erfolg und Unterstützung. Eine

freundliche Muslima wird von

der Hauswartin als unerwünschtes

«Kopftüechli» schikaniert.

Die grosse Dankbarkeit und

Wertschätzung seitens hierher

gekommener Menschen berühren

Hufschmid immer wieder

zutiefst. Er findet, das Flüchtlings-

und Asylwesen der

reichen Schweiz werde ihrem

humanitären Anspruch absolut

nicht gerecht. «Das Boot ist

auch jetzt nicht voll.»

Gesetze sollen nicht Abwehr

und Angst, sondern Hoffnung

erzeugen.

ernähren könnte». Dieser Reichtum baue darauf, dass andere

Regionen der Welt ausgebeutet werden: Essen, Handy, Kleidung,

Mobilität, die Dinge unseres täglichen Bedarfs stammen

aus im Ausland erarbeiteten Produkten und Rohstoffen. «Hören

wir auf, davon zu reden, wir hätten keinen Platz. Der Reichtum

gehört nicht uns.»

Ueli Wildberger, der seit vielen Jahren in diversen Friedensorganisationen

mitwirkt, realisiert mit Workshops gewaltfreie Aktivitäten.

Ihn interessiert in der Asylbewegung die Frage, wie aktuelle

Konflikte möglichst gewaltfrei und konstruktiv zu lösen sind. Wie

kann ein Flüchtling mit Vorurteilen, Feindseligkeit und Fremdenfeindlichkeit

umgehen? Wie können SchweizerInnen darauf reagieren?

Welche Wege für Dialog und Verständigung gibt es –

anders als mit Gewalt, wie somalische Flüchtlinge es im Bürgerkrieg

kennen? «Menschen lernen und können sich dadurch verändern»,

weiss Wildberger. Die Schweiz lebt auf zu grossem

Vielfalt tut uns gut

Sadou Bah kam vor 18 Jahren aus Guinea als Flüchtling in die

Schweiz. Er weiss, wie es Menschen geht, die alles hinter sich

liessen. Flüchtlinge sollten nicht isoliert werden, Orte der Begegnung

findet er grundlegend. Nur so könne voneinander gelernt

werden. In der autonomen Schule in Zürich sind es bis zu

200 Asylsuchende, die in Gruppen Deutsch lernen. Als in Teilzeit

angestellter Sekretär-Koordinator ist Bah glücklich mit seiner

sinnstiftenden Aufgabe. Dass so viele Ehrenamtliche mithelfen,

zeigt ihm, wie viel Solidarität und Menschlichkeit vorhanden ist.


11

weltweit

ZUSAMMENHALT

Einst wurde er kriminalisiert und als Illegaler betitelt. «Als Abgewiesener

gilt man als nicht normaler Mensch, hat keine Rechte,

und mit den Ausweisen wird einem die Identität weggenommen.»

Wenn Verfahren wie früher vier Jahre gehen, ist dieses Warten

verlorene Zeit, in der die so wichtige Integration nicht stattfinden

könne. In Zentren haben isolierte Asylsuchende keine Chance

auf Kontakte zu Einheimischen. Die «andere Seite» kennt Bah

Nur Zwischenhalt? Bei der

Migration ist die Reise nicht

das Ziel: Das Kofferorchester

am Landsgemeindeplatz Zug

beim Strassentheater «Sich

finden».

Begegnungsessen zum Flüchtlingssonntag

mit traditionellen Speisen

aus verschiedenen Ländern im

Chilematt-Zentrum Steinhausen.

(Bilder: Verein FRW

Interkultureller Dialog)

ebenfalls: Faul und «schmarotzerhaft» werden Leute durch jahrelang

angeordnetes Nichtstun, auch, indem man ihnen Bildung

und angemessene Lebensbedingungen vorenthält. Sie wirft man

in einen Topf mit MigrantInnen, die krank sind. Viele hätten Dramen

erlebt, sind traumatisiert und brauchen Therapie. Für Sadou

Bah sind Menschen ein Reichtum: «Je vielfältiger wir sind, desto

besser geht es uns.» Er wünscht sich eine Gesellschaft mit Offenheit.

Mit Gesetzen, die nicht Abwehr und Angst, sondern

Hoffnung erzeugen. «Auch wenn es bei uns gut ist – wir sollten

auch zum Leben anderswo Sorge tragen.»

Amina Haj Mohammad aus Syrien ist seit 1991 unterwegs. Sie

ist seit sieben Jahren in der Schweiz, nachdem sie sich in mehreren

Ländern für eine kurdische Frauenorganisation eingesetzt

hat. Gezwungen, die eigene Heimat zu verlassen, weiss sie, wie

weh es tut, anderswo ein Leben zu suchen. Viele Tränen und

Verzweiflung hat sie gesehen, was ihr zusätzliche Motivation

gibt, sich für diese Menschen einzusetzen. Als Fremde kam sie

mit Respekt hierher: vor dem Fremden, der Sprache, dem System.

Aber auch vor Schweizern, und anderen Flüchtlingen. «Ich

suchte immer ein Lachen in den Gesichtern, um darauf zu antworten.»

Diszipliniert büffelte sie am Computer Deutsch, zählte

ihre Schritte, um Zahlen zu lernen. Mohammad, die Kurdisch,

Türkisch und Arabisch spricht, erlebte, wie «schnell sich Angst

auflösen kann durch Begegnungen und positive Erfahrungen

miteinander». Sie ist unendlich dankbar für die erhaltene Unterstützung.

Sie bekam ein Zimmer bei einer allein lebenden Frau

und pflegte zu ihr eine gute Freundschaft. In ihrer Verschiedenheit

konnten sie viel voneinander lernen: «Unser Vertrauen gab

mir Zuversicht.» Mohammad arbeitete zuerst als Freiwillige,

heute als fest angestellte Mitarbeiterin beim FRW. Sie wird als

Brückenbauerin zwischen den Kulturen sehr geschätzt. «Was

ich bekomme, will ich auch zurückgeben. Gemeinsam im Frieden

leben, ist mein Lebensziel.» Heute fühlt sich Amina Haj Mohammad

in Zug so zu Hause wie damals in ihrer Heimatstadt

Derik in Syrien. «Die Leute haben viel verloren, aber sie behalten

ihre Träume. Sie hier zu verwirklichen, möchte ich ihnen mit meiner

Arbeit helfen.»

Dass vieles gut gelingt, betont auch Hanna Gerig. Der Fokus

liegt zu oft auf dem Negativen. Doch es gibt glücklicherweise

viele gute Erfahrungen mit unserem Staat. Wenn Leute mit einer

Sozialarbeiterin an ihrer Seite arbeiten und sich eine Wohnung

leisten können, Asyl bekommen und dank Unterstützung von

Freiwilligen Deutsch lernen, sind das «wunderschöne Fälle».

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12

Bild:

Hassan Ouajbir, Pexels


13

weltweit

LEBENSGRUND

Körper und Seele

Forschungsresultate bestätigen: Der menschliche Körper ist beseelt, Psyche und Soziales bestimmen

die Gesundheit mit.

THEO BÜHLMANN

Angesichts der Corona-Pandemie mit vielen Angesteckten und

Erkrankten und dem «fieberhaften» Impfstart geraten weit verbreitete

andere schwere Erkrankungen aus dem öffentlichen

Bewusstsein. Dabei sind speziell Krebs und Herzerkrankungen

Langzeitthemen, die nach möglichen «Horizontausweitungen»

rufen.

Emotionale Belastungen gehören – gleich nach dem Rauchen

und den Fettstoffwechselstörungen – zu den wichtigsten Ursachen

des Herzinfarkts. Was lange als spekulativ galt, bewies

2005 ein Forscherteam um den kanadischen Mediziner Salim

Yusuf anhand von 15 000 Infarktpatienten und ebenso vielen gesunden

Vergleichspersonen in 52 Ländern. Man fragte sie nach

ihren Lebensgewohnheiten, mass ihre Blutzucker- und Fettwerte.

Sie wurden interviewt, ob sie finanzielle Bedrängnis, Einschneidendes

wie Scheidung oder Tod eines Angehörigen erlebten.

Nicht jede seelische Belastung ist gleichbedeutend,

belegten die Forscher. So erhöhen Ängste und Phobien die Gefahr

von Herzrhythmusstörungen. Ungewiss bleibt, ob sie auch

die Arterienverkalkung begünstigen. Dies ist bei Depressionen

regelmässig der Fall, wie die US-Psychiater Lawson Wulsin und

Bonita Singal festgestellten. Schädlich für das Herz sind auch

anhaltender Ärger und Frustrationen; auch ein schwaches soziales

Netz ist relevant.

Gefühle und Träume finden wohl auch

im Herzen statt.

Komplexität menschlicher Natur

Das Infarktrisiko steige nicht durch einen einzelnen Faktor, sondern

durch einen «seelischen Summeneffekt», betonte der deutsche

Psychokardiologe Christoph Herrmann-Lingen. Nachweislich

gehört die politische Situation zur Hochrisikoumgebung.

Jedenfalls «sind psychosoziale Faktoren bei jedem dritten Erkrankungsfall

im Spiel». Demnach könnten in der Schweiz mehrere

Tausend Infarkte pro Jahr psychisch mitverursacht sein.

Dies wirft Fragen auf: Ist die gängige (Schul-)Medizin zu sehr auf

Körpersymptome fixiert? Tappt das Gesundheitswesen teilweise

im Dunkeln, wenn es eine erweiterte Lebensrealität – beispielsweise

Umwelt- und Sinnfragen – und die Prävention nicht mehr

einbezieht? Handelt es sich um einen hohe Kosten produzierenden

Irrweg?

Die Wissenschaft jedenfalls erweitert ihre Horizonte. Interdisziplinäre

Verbindungen wie Soziobiologie, Neurotheologie oder Neuroökonomik

lassen erahnen, wie komplex die Lebensrealitäten

sind und wie wenig wir sie begreifen. Dies bestätigt auch die

Quantenphysik. «Die kausale Erklärbarkeit gibt es nicht mehr.

Wir müssen unser Weltbild ändern», sagte Anton Zeilinger vom

Institut für Experimentalphysik in Wien.

Seit über einem halben Jahrhundert beschäftigen sich Wissenschaftler

mit der Frage, inwiefern beim Krebs das Seelische die

Entfaltung und den Verlauf der Krankheit bestimmt. Die vermutete

Rolle des Psychischen bei der Krebsabwehr via Immunsystem

oder Hormone musste relativiert werden. Ebenso wenig

konnte die These erhärtet werden, Krebs sei ein Resultat der

Lebensgeschichte, oder dessen Verlauf lasse sich durch eine

positive oder kämpferische Einstellung beeinflussen. Doch Almuth

Sellschopp vom Münchner Tumortherapiezentrum betonte:

«Dass bis jetzt noch kein schlüssiger Zusammenhang zwischen

Psyche und Krebs gefunden wurde, bedeutet nicht unbedingt,

dass keiner besteht.» Mit ein Grund ist die Tatsache, dass solche

Untersuchungen sehr aufwändig sind. 2017 veröffentlichten

britische Wissenschaftler Metaanalyse-Resultate von mehr als

160 000 Menschen im Alter von 16 bis über 100 Jahren, die über

ein Jahrzehnt lang nach ihrem Gesundheitszustand befragt wurden.

Bei Probanden unter starkem Dauerstress ermittelten sie

ein 30 Prozent höheres Risiko, an Krebs zu sterben als die unbelasteten.

Der Zusammenhang zeigte sich am meisten bei Leukämie,

gefolgt von Bauchspeichel-, Speiseröhren-, Prostata- und

Darmkrebs.

Persönlichkeitsübertragung?

Verblüffende Erkenntnisse gibt es aus einem anderen Bereich:

Debbie Vega hat ein neues Herz eingepflanzt bekommen. Sie lag

noch im Spital und wurde von der Krankenschwester gefragt:

«Kann ich Ihnen etwas bringen, worauf Sie besonders Lust

haben?» Debbie lächelte: «Für mein Leben gern hätte ich jetzt

ein Bier.» Doch sie war Abstinenzlerin vor der Operation. Monate

danach befiel die 47-Jährige immer wieder Heisshunger nach

Fast Food, obwohl sie dieses Essen nie gemocht hat. Als sich

auch noch der Musikgeschmack der einstigen Klassik-Liebhabe-

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LEBENSGRUND

rin änderte und sie plötzlich Rap liebte, wurde es ihr unheimlich.

Haben die Veränderungen mit der Transplantation zu tun? Da in

den USA EmpfängerInnen meistens erfahren, von wem sie das

Organ bekommen haben, suchte Debbie die Familie ihres Spenders

auf und vernahm Verblüffendes: Der 18-jährige Howie Vareen,

der bei einem Unfall ums Leben kam, bevorzugte Fast

Food. Auch Debbies neue Lust auf Bier und Rap stammte offenbar

von ihm. Ist es möglich, dass Menschen durch Organtransplantation

Vorlieben, Abneigungen, Erinnerungen, Ängste und

Wünsche der Spender «erben»? Oder pointiert gefragt: Wandert

ein Teil der Seele mit?

Im Labor werden inzwischen genveränderte

menschliche Embryonen gezüchtet:

Was bedeutet dies für Seele und Körper?

(Bild: Jochen Tack, imago images)

Immer mehr Menschen werden durch Organspenden gerettet:

Schätzungsweise 54 000 Herzen wurden bis 2005 weltweit verpflanzt,

eine halbe Million Nieren bis 2012. 74 000 Lebern und

10 000 Lungen wechselten im 20. Jahrhundert den «Besitzer».

Lange kümmerte man sich dabei vor allem um die biotechnologischen

Probleme. Seit etwa 20 Jahren beschäftigen sich

Studien auch mit dem Leben nach der Operation. Rund sechs

Prozent der von der österreichischen Psychologieprofessorin

Brigitte Bunzel befragten Herztransplantierten berichteten von

Persönlichkeitsveränderungen, die sie auf das neue Organ zurückführten.

Eine Frau hatte das Gefühl, dass mit dem neuen

Herzen «noch jemand anders» bei ihr war. Der amerikanische

Kardiologe Dr. Paul Pearsall interviewte mehr als 100 HerzempfängerInnen,

die eine Verbindung zum verstorbenen Organspender

spürten. Er überprüfte die Angaben bei den Spender-

Angehörigen. Sein Ergebnis: Bei mehr als zehn Prozent der

EmpfängerInnen traten zwei bis fünf frappierende Parallelen

zum Spender auf.

«Zell-Gedächtnis» löst Mordfall

Solche Hinweise erschüttern bisheriges «Wissen». Sind diese

Veränderungen nur Folgen der Krankheit, des Eingriffes, der jahrelangen

psychischen Belastungen, der Medikamente? Oder ist

es tatsächlich so, dass Persönlichkeitsanteile der Spendenden

weiterleben? «Das Herz ist der Schlüssel zu diesem Rätsel»,

sagte Gary Schwatz von der University of Arizona, «es ist innerhalb

des gesamten Körpers der stärkste ‹Generator› elektromagnetischer

Energie». Bis 5000 Millivolt Strom kommen vom

Herzen, bis fünfzigmal soviel wie vom Gehirn. Diese Energien

zirkulieren durch unser gesamtes menschliches System, meinte

Professor Schwartz: «Dabei könnten Informationen aufgenommen

und an jedes Organ übermittelt werden.» Chemische Gehirnsubstanzen

(Neurotransmitter), die im Gehirn wie im Herzen

gefunden wurden, zeigen nach Ansicht des Forschers, dass

«es eine direkte Kommunikation zwischen Herz und Hirn gibt,

die weit über die bekannte Verbindung hinausreicht». Gedanken,

Gefühle und Träume finden demnach auch im Herzen statt. Sie

werden gemäss Schwartz codemässig gespeichert und an alle

Zellen weitergegeben. Dass es tatsächlich ein «Zell-Gedächtnis»

gibt, ist unbestritten. Aber wandert dieses mit einem Spenderherzen

in den Körper des Empfängers und sendet Signale aus,

die dem früheren Besitzer «am Herzen lagen»?

Ein Beleg dafür könnte der Fall eines zehnjährigen Mädchens

sein. Es erhielt das Herz einer Achtjährigen und wurde seit der

Operation von so schweren Albträumen heimgesucht, dass ihre

Eltern sie in psychologische Behandlung schickten. In den Sitzungen

berichtete das Kind detailgetreu davon, umgebracht zu

werden. Die Psychologin zog die Polizei hinzu. Durch die Schilderungen

konnte schliesslich der Mörder des Mädchens, von

dem das Herz stammte, identifiziert und verurteilt werden.

Ethische Zukunftsfragen

Viele Ärzte und Therapeuten erklären die Persönlichkeitsveränderungen

mit Medikamenten, Überidentifikation mit dem Spender

oder mit dem Umstand, dass sie «ein neues Leben bekommen

haben». Doch viele Betroffene werden mit den Veränderungen

kaum fertig und isolieren sich, berichtete die Psychologin Elisabeth

Wellendorf. «Sie haben das Gefühl, bei ihnen stimme etwas

nicht», weil man ihre Wahrnehmung nicht ernst nimmt. «Erobert»

die Medizin künftig das menschliche «Königsorgan», dürften die

psychischen Probleme kaum geringer werden. Mit der Einpflanzung

fremder Hirnzellen wollen Ärzte Alzheimer, Parkinson, Hirnschlag,

Taub- und Blindheit kurieren. Damit werde die menschliche

Identität in Frage gestellt, erklärte der Neurologe Bernhard

Linke. «Letztlich wissen wir nicht mehr, wer das Denken, Fühlen

und Bewegen steuert – das eigene oder das fremde Gewebe.»

Neurotransplantationen werden uns neben rechtlichen, neue

ethische Herausforderungen bescheren. Wo führt das hin, wenn

mit biotechnologisch veränderten Implantaten oder elektronischen

Chips Hirnareale stimuliert und menschliches Verhalten

manipulierbar wird? Wird es zur «freien Persönlichkeitsentfaltung»

Privilegierter, sich oder andere hirnchirurgisch «modellieren»

zu lassen?

Abgesehen von Schwindel erregenden Zukunftsszenarien: Vorerst

lassen uns die geschilderten Phänomene staunen über die

Genialität unseres Schöpfers. Wir fühlen uns bestätigt im Glauben:

Der Mensch ist eine untrennbare Einheit von Körper, Seele

und Geist. Als Christen kann uns solch neuartiges Wissen letztlich

in der Gewissheit stärken, dass es tatsächlich ein ewiges

Leben gibt.

Quellen: Tagesanzeiger, P.M. Bild der Wissenschaft, Focus oneline


15

weltweit

ANGEBOTE

Kloster Menzingen ZG

27. / 28. Februar 2021

Einkehrtage in Höngen

Tage der Stille und des Gebetes, um zur Ruhe zu kommen.

Orientierung an einem biblischen Text, Entspannungsübungen,

gemeinsames meditatives Sitzen.

22. – 29. März 2021 in Höngen

Einzelexerzitien für Frauen und Männer

Eine längere Übungszeit, um im Lichte Gottes in Ruhe sich

selbst zu begegnen, um das Leben neu auszurichten, für uns

selber, mit anderen zusammen und für die Welt. Am Prozess

des Einzelnen orientiert, mit vier Stunden persönlicher Gebetszeit

im Tag.

Kursleitung und Anmeldung: Sr. Elisabeth Maria Sauter, Höngen,

4712 Laupersdorf, Tel. 062 391 33 45 / 062 391 85 43,

haus-der-stille@gmx.ch – www.kloster-menzingen.ch

Dominikanerinnen Ilanz GR – Haus der Begegnung

Fr, 5. Februar 14.00 Uhr bis So, 7. Februar 2021, 16.00 Uhr

Tai Chi – Die vollkommene Bewegung

Achtsamkeit und Sensibilität für den Körper, physische und

psychische Grenzen erhöhen.

Leitung: Franziska Pokorny, Qi Gong und Tai Chi Trainerin, Entspannungs-Coach

Fr, 12. Febr.uar 2021, 10.15 Uhr bis 17.00 Uhr

Salben und Wickel machen

Leitung: Sr. Madlen Büttler OP und Sr. Frieda Jäger OP, Imkerin

Do, 25. Februar 9.00 Uhr bis Fr, 26. Februar 2021, 16.30 Uhr

Women only!

Frauen kommunizieren anders – und das ist gut so.

Sagen Sie was Sie meinen und erreichen Sie, was Sie wollen.

Leitung: Sonja Kilias, Coach für verbale und nonverbale Kommunikation.

Kloster Ingenbohl SZ

Ferien im Kloster

Mit Selbstversorgung im Haus Maria Theresia

Nähere Informationen: Sr. Hildegard Zäch, Tel. 041 825 24 51

haus.maria-theresia@kloster-ingenbohl.ch

www.kloster-ingenbohl.ch

Jeweils am Freitagabend

Kontemplationsabende

Information und Anmeldung:

Sr. Jacqueline Clara Bühler, Tel. 041 825 24 80

weggemeinschaft@kloster-ingenbohl.ch

Katharina-Werk Basel

3. Februar / 13. März / 17. April / 8. Mai / 12. Juni 2021

Zen-Meditation – Zazenkai

Anmeldung: e.hug@katharina-werk.org

25. – 30. April 2021

Zen-Sesshin in Les Rasses, Jura

Anmeldung: e.hug@katharina-werk.org

26. – 28. Februar / 23. – 25. April / 25. – 27. Juni /

24. – 26. September / 19. – 21. November 2021

Jahreskurs 2021: «Mach's wie Gott – wandle!»

27. März / 19. Juni 2021

Kontemplationstage in Basel

Anmeldung: m.buergler@sunrise.ch

Regelmässige Angebote: Sitzen in der Stille – Kontemplation –

Zen – Wüstentage – Exerzitien – Offene Abende

finden Sie unter www.katharina-werk.org

Anmeldung (soweit nicht anders benannt) über Katharina-Werk,

Neubadstrasse 95, 4054 Basel, Tel. 061 307 23 23,

sekretariat@katharina-werk.org

Fr, 12. März 15.00 Uhr bis So, 14. März 2021, 15.00 Uhr

Lu Jong Tibetisches Heilyoga

Selbstheilungskräfte aktivieren, sich von negativen Gefühlen

befreien und seine Körperenergie steigern.

Leitung: Michaela Tuzzolino, ausgebildte Lu Jong Lehrerin

So, 28. März 16.30 Uhr bis Sa, 3. April 2021, 10.00 Uhr

Fastenwandern

Gönnen Sie sich eine Loslösung vom Alltag und erleben Sie,

wie Sie Ihre Abwehrkräfte auf natürliche Weise stärken können.

Leitung: Heike A. Gödeke, Fastenleiterin (AGL), Kneipp-Gesundheitstrainerin

(SKA)

Weitere Angebote und Informationen: Haus der Begegnung, Klosterweg

16, 7130 Ilanz, Tel. 081 926 95 40, www.hausderbegegnung.ch

oder hausderbegegnung@klosterilanz.ch

Zen Zentrum Offener Kreis Luzern

Dienstag 6.30 – 8.00 Uhr und 19.00 – 20.00 Uhr

Donnerstag 6.30 – 8.00 Uhr und 18.00 – 19.00 Uhr

wöchentlich (ausser an Feiertagen und während Sesshins)

Zazen (Schweigemeditation)

keine Anmeldung erforderlich

Samstag, 13. Februar, 10.00 – 16.00 Uhr

Zazenkai

Leitung: Dr. Anna Gamma

Samstag, 20. März, 10.00 – 16.00 Uhr

Zazenkai

Leitung: Dr. Anna Gamma

Sonntag, 21. März, 9.30 – 13.00 Uhr

Zen Einführung

Leitung: Dr. Anna Gamma

Ort der Veranstaltungen und weitere Informationen: Zen Zentrum

Offener Kreis, Bürgenstrasse 36, 6005 Luzern, Tel. 041 371 11 94,

info@zenzentrum-offenerkreis.ch / www.zenzentrum-offenerkreis.ch

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Selber denken, seinen

Empfindungen trauen

Eigenständigkeit bewahren, trotz Vereinnahmung «von oben» und vom Netz, gehört zum Lebensglück.

DOSSIERTEXTE: THEO BÜHLMANN

«Lasst euch nicht blöd machen!», schrieb 1989 der Naturwissenschaftler

und Unversalgelehrte Erwin Cargaff in seinem Buch

‹Alphabetische Anschläge›. Schon kleinsten Kindern werde mit

Bildchen und Tönchen Einfältigkeit aufgedrückt und genommen,

was sie einzig- und grossartig macht. Er empfahl ein gesundes

Misstrauen gegen alles, was mit gedruckter Weltdarstellungsund

bildschirmgewaltiger Illusionsmaschinerie unterhaltsam ins

Haus «flattert». Auch der Sozialpsychologe Harad Welzer warnte

vor Akteuren, Schauspielern oder Fachleuten, die einem die Welt

erklären, als verständen sie sie besser als jeder andere. Und uns

suggerieren, keine Möglichkeit zu haben, in die Ereignisse einzugreifen.

Diese seien oft nicht zwingend: Die Kullissen simulieren

Stabilität, aber viele «Stücke» sind eine Farce, zu Unterhaltungszwecken

arrangiert. «Immerfort treten dicke Männer auf

und brüllen ‹Wachstum›, Spekulanten spielen Länderdomino,

und Nummerngirls tänzeln mit Katastrophebildern» über die

TV-, Computer und Smartphone-Schirme. Welzer ermutigt dazu,

dem eigenen Gefühl zu trauen, dass um uns herum ein grosses

Illusionstheater stattfindet. Und er empfiehlt, mit selber denken

diese Gehirnwäsche zu konterkarieren. So schwer sei Selberdenken

gar nicht, denn immer noch sind die Sachverhalte so

grundlegend wie früher zu beurteilen. «Immer noch gibt es Werte

wie Verantwortung, Gerechtigkeit, Betrug, Lüge. Und um diese

Massstäbe fürs eigene Leben zu erkennen, muss man kein Experte

sein. In alltagspraktischen Bereichen sind wir doch hochgradig

fähig, selber zu denken.»

Lebenserfahrung und Herzensbildung

sind so relevant wie der IQ und Schulwissen.

Trau dich!

Was soll ich denken? Wie beurteilen, mich entscheiden? Was

soll ich tun? Solche Fragen waren früher nicht einfach durch eingeschränkte

Möglichkeiten, heute überfordernd durch ein Zuviel

an Reizüberflutung, Unübersichtlichkeit und Widersprüchlichkeit

einer multimedialen Welt. Sich also

vor zu viel Ablenkung und Fremdeinwirkung zu

schützen ist angesagt. Und sich nicht einfach Vordenkern

zu überlassen, die weissmachen, was für

einen gut oder schlecht, richtig oder verkehrt sei.

Die meisten Menschen spüren das oft selber besser,

auf die eigene Lage angemessener. Harad Welzer

weist darauf hin, dass «Experten» keine neutralen,

interessenfreie Informationen bereitstellen. Denken

wir an die Atomenergie, die Ingenieure oder Physiker

als sicher beurteilen. Spätestens seit Tschernobyl

und Fukushima ist aber glasklar auf dem

Tisch: Diese Technologie ist nicht beherrschbar!

«Akzep-tieren Sie nicht widerspruchslos, irgendeine

Entscheidung sei alternativlos», fordert Welzer

auf, das gebe es nur in Diktaturen: «Werden Sie ihr

eigener Experte!»

Allerdings: eine eigene Meinung haben und sie auszusprechen

ist in Corona-Zeiten nicht einfach, und wird auch angesichts der

Digitalisierung anspruchsvoll bleiben. Generell trauen sich viele

Menschen nicht, öffentlich eine Meinung zu vertreten, zu sagen,

was angebracht oder daneben sein könnte. Wer bin ich, anders

zu denken als die Mehrheit? (Sie zeigt sich allerdings bei Abstimmungen

regelmässig in Halbe Halbe gespalten): Vielleicht bin

ich nicht intelligent, gebildet, gut genug. Dies sieht der Sozialpsychologe

als Irrtum, denn etwas als richtig oder falsch zu entscheiden,

ist für ihn keine Bildungsfrage, sondern bemisst sich

nach Kriterien wie schädlich, gefährdend oder zukunftsbehindernd:

«Es gibt unendlich viele ausgesprochen hoch gebildete

und trotzdem sehr dumme Menschen.» Das sei ja nur ein Vorurteil

unserer Gesellschaft, dass jemand, der einen Proffessorentitel

hat, gescheiter und vernünftiger sein soll als jemand, der

sein Geld durch Putzen verdient. Abgesehen davon gibt es sowieso

nicht nur eine Intelligenz, sondern seit Howard Gardner

mindestens acht, unter anderem kulinarische, musikalische,

naturalistische, psychologische, emotionale oder soziale Intelligenzen.

IQ und Schulwissen sind also nicht alles; gutes Nutzen

von Lebenserfahrung und Herzensbildung ist mindestens so


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THEMENSEITEN

weltweit

Bild: Matthias Rabbe

relevant. Jeder Mensch ist einmalig. Er hat eine eigene Berufung

im Leben, was er tun muss, und ist bei dieser Aufgabe unersetzbar.

Das sind Gedanken von Viktor Frankl, dem Begründer der

Existenzanalyse.

Nicht simplifizieren

Einerseits ist es schwieriger geworden, innere und äussere Orientierung

zufinden, weil viel zu viele Informationen da sind. Das

Internet gibt uns eine Fülle sehr widersprüchlicher Antworten auf

sehr viele Fragen. Sichten und Aussortieren ist mühsam geworden

– wie seriös sind die Inhalte, wem dienen sie, wie gewichte

und bewerte ich sie, wie bilde ich meinen Standpunkt, was ist

für mich relevant?

Andererseits weist der Mediziner, Psycho- und Biologe, Unternehmensberater

und leidenschaftliche Selberdenker Peter Kruse

darauf hin, dass unser Gehirn als sehr gut funktionierendes Netzwerk

durchaus in der Lage ist, sich anzupassen, Muster in Komplexitäten

zu erkennen, diese zu reduzieren und zu bewäl-tigen.

Ein guter Teil der jungen Generation macht es uns vor, angemessen

mit Überflutung in Echtzeit umzugehen. Natürlich hat dazu

nicht jede(r) genügend Selbstsicherheit. Einige reagieren überfordert,

intuitiv, oder rennen einfach drauflos, riskieren Versuch

und Irrtum. Andere analysieren, umkreisen ein Problem immer

wieder, denken sich fest, grübeln. Und manche fliehen aus dieser

zu komplizierten Welt in die Einfachheit, sind empfänglich

für simple Antworten auf vielschichtigen Fragen – und sehen

am Ende nur noch schwarz oder weiss. «Natürlich kann ich alles

auf sex and crime und andere Trivalitäten reduzieren, aber damit

geht geistiger Reichtum, Lebensglück verloren», sagt Kruse.

Und kritisiert die Medientendenz, alles zu sehr zu vereinfachen,

statt die Menschen zu fordern und ihr Selbstbewusstsein als

Konsumenten zu fördern. Dazu gehört nach Erwin Chargaff die

jugendliche Fähigkeit, Feuer zu fangen für die vielen Farben

der Welt. Glückseligkeit beinhalte, «weder in Ablehnung zu verholzen

noch in Zustimmung zu verblöden – sondern sich vielmehr

weit zu öffnen dem, was das Herz erkannt und der Geist

in Freiheit verstanden hat». Ebenso gehört eine Prise Gelassenheit,

Humor und Über-sich-selber-lachen-können dazu. Und

Kruse sagte zu Bedenken, «als einfacher Mann der Strasse

zu wenig diffenzieren zu können»: Halte dich nicht für einfach.

«Und tu es dir vor allem nicht an, dich von anderen vereinfachen

zu lassen!»

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Seinen Empfindungen und Gefühlen zu vertrauen gehört dazu.

Auf seinen ersten Impuls, die Intuition als von weiteren Kanälen

gespiesene Wahrheit, die das (eigene) Denken durchaus übersteigen

kann. Der Mensch ist mehr als sein Kopf. Herz und Seele

gehören dazu, und sein Glaube an eine göttliche Weisheit inklusive

der Möglichkeit, auch von dieser Quelle Antworten zu bekommen.

Mitsamt der Demut, dass ich niemals alles selber wissen,

begreifen und erfassen muss, was auch in der geistigen

Welt existiert und mich lehren kann. Offen für diesen spirituellen

Kanal zu sein, ihn zu pflegen und zu nähren, dies hilft ebenso.

Lebensqualität

Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen,

heisst die berühmte Aufforderung des Philosophen Immanuel

Kant. In der Aufklärung sah er «den Ausgang des Menschen

aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit». Bequemlichkeit,

Angst und Feigheit gehören zu den Gründen, warum dennoch

ein grosser Teil der Menschen unmündig und abhängig von andern

bleibt. Um auf die Spur zu kommen, was ich wissen kann,

tun und hoffen darf, muss ich durchaus verschiedene Informationen

und Meinungen konsultieren, Dinge immer wieder hinfragen,

auf der Suche sein. Aber es lohnt sich, sich nicht einfach von

Moden und flüchtigen Stimmungen bestimmen zu lassen, sondern

wesentlich und verantwortet seinen eigenen Standpunkt

zu entwickeln. Und Nein sagen zu lernen, wo es angebracht ist.

Selberdenken gehört zur innneren Freiheit, zum Authentischsein.

Sich so zu besinnen, an wichtigen Werten festzuhalten,

gehört zur Lebensaufgabe und Lebensqualität. Wer Vereinfachern

seinen geistigen Raum überlässt, muss zwar weniger

Spannungen und Widersprüche aushalten – dies macht das Leben

aber auch fader, sinnloser und langweiliger: Zu viele Dinge

ergäben sich über meinen Kopf hinweg, die wenig mit mir und

meinem Leben zu tun hätten.

Quellen: Doris Weber: «Die Lust am Selberdenken»,

Publik-Forum 2011 – Das Magazin 50/2013

Lebensfarben bewahren

Im Buch «Momo» von Michael Ende berichtet Secundus Minutius Hora, der Meister der Zeit, von einer Krankheit namens Langeweile

und Gleichgültigkeit. Ausgelöst wird sie durch graue und kalte Herren, welche die Menschen zum Sparen der Zeit

verführen, um sie auf Konti verzinst für später aufzubewahren. Aber dadurch schneiden die Leute eigene Empfindungen und

Entscheidungen ab, werden mutlos, stumm und willenlos. Sie singen nicht mehr, verschenken keine Blumen und haben weder

Auge noch Ohr für ihre Mitmenschen. Trotz Verfolgung durch die grauen Herren bestärkt Hora das kleine Mädchen Momo in

ihrer Gabe, den Menschen zuzuhören, sodass in ihnen kluge Ideen erwachen, Schüchterne mutig werden und Unentschlossene

wieder wissen, was sie zu tun haben.

Heute würde das laut der Bremer Philosophin Dagmar Borchers bedeuten, Menschen zu motivieren, eigenen Gefühlen und

Gedanken zu vertrauen, Zwischentöne und Nuancen in der Welt wieder wahrzunehmen, ein Argument nicht sofort zack, zack

und leicht konsumierbar auf den Punkt zu bringen, sondern differenziert und langsam zu entwickeln. Und den Mut aufzubringen,

mit neuen Ideen zur lebensnahen Vielfalt im öffentlichen Diskurs beizutragen.

Hoher «IQ» und doch blöd?

Einer der wenigen Nobelpreise für Psychologen war 2002 an

Daniel Kahnemann gegangen, der den Wirtschaftsgötzen Homo

oeconomicus vom Sockel stiess. Er wies nach, dass auch dann,

wenn am Markt Millionen nutzenmaximierende Egoisten agieren,

diese sehr oft nicht rational und logisch entscheiden, sondern

von unbewussten Emotionen getrieben sind. Er fand heraus,

dass «intuitives Denken» von übermässigem Selbstvertrauen in

die Irre geführt wird. Es gibt gerade bei Menschen, die als intelligent

gelten, einen Mega-Blinden-Fleck: Sie nehmen zwar die

kognitiven Unzulänglichkeiten von Freunden und Feinden wahr,

sind sich aber zu sicher, selbst von diesen Denkfehlern frei

zu sein. Um jedoch wirklich rational entscheiden zu können,

brauchte es mentale Kontrolle über Emotionen und unbewusste

Assoziationen. Vonnöten sei nebst einem guten IQ ein genügender

RQ, ein Rationalitätsquotient. Beide sind bei Menschen nicht

veranlagungsmässig einfach so gegeben, sondern werden im

Leben mehr oder weniger gebildet: Dies fand man inzwischen

wissenschaftlich heraus.

Wichtige Selbstkritikfähigkeit

Kahnemann wies nach, dass diese Problematik in der Finanzkrise

von 2008 eine Hauptrolle spielte. Generell gaben und

geben Banker betreff Zukunfts-Prognosen den Investoren eine

falsche Sicherheit. Andere Forscher ermittelten als Krisen-Ursachen

«Fachidiotentum», Ausblendung kritischer Fragen, Unterdrückung

berechtiger Zweifel, um Autoritäten in Konzernen nicht


19

weltweit

THEMENSEITEN

Nichts sehen, hören,

sagen? Wir alle möchte

darüber hinaus kommen.

(Bild: activelle,

fotocommunity)

zu verunsichern und interne Abläufe nicht zu stören. Die Studien-

Autoren bemängeln eine Firmenkultur, die in strenger Auslese die

besten Kandidaten gewinnen, um ihnen anschliessend ihre kritisch-analytischen

Fähigkeiten auszutreiben oder nur auf kurzfristige

Ziele zu richten. Zur Korrektur entwickelte Kahnemann

das «Pre-Mortem»-Katastrophenszenario: Jeder in einer Gruppe

soll davon ausgehen, dass Managerentscheide, die keiner mehr

umzustossen wagt, sich in einem Jahr als Fiasco herausstellen –

und dann die wichtigsten Faktoren eines solch schlimmen Verlaufs

notieren und als Zweifel an der Planung offenlegen.

Als weitere Quelle von Dummheit erkannten Wissenschaftler die

Angst vor Verlust: von Geld, Gesundheit oder Leben. Heutzutage

ist der Homo sapiens jedoch gefordert, für seine Zukunftssicherung

quasi im Eiltempo ein Denkmuster seiner Evolution zu überwinden:

Wir müssen anders handeln wegen einer Gefahr, die

nicht unsere Erfahrung zeigt, sondern weil wir durch Nachdenken

von ihr wissen.

Quelle: Leo Pesch: «Kluge Köpfe irren öfter!», PM – Bild der Wissenschaft

2013

Heiliger Geist braucht

Erneuerung

Wieso unser Glaube nicht allein aus Festgeschriebenem der Bibel erschliessbar ist.

Viele JüdInnen und ChristInnen sehen grosszügig darüber hinweg,

dass die Bibel historisch und naturwissenschaftlich unkorrekte

Angaben macht, schrieb die Theologin Regula Grünenfelder.

Und sie nannte ein Beispiel: In der Bibel wird der Hase als

Wiederkäuer bezeichnet (Levitikus 11,6). Solche Unstimmigkeiten

sind den meisten Menschen nicht so wichtig. Es geht ihnen

um eine tiefere Wahrheit in der Bibel. Grünenfelder weisst jedoch

darauf hin, dass Bibelfundamentalisten – zumindest in den USA

eine politisch einflussreiche Bewegung – daran festhalten, dass

die Welt während einer einzigen Woche erschaffen wurde, die

Frau aus der Rippe des Mannes stammt, dass die Todesstrafe

gottgewollt sei, und Sklaverei ebenfalls. «Kritische Stimmen fragen

jedoch nach der ethischen Wahrheit. Denn mit der Bibel

wurde und wird auch Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt

legitimiert. Gewisse Sätze können weder Herz noch Verstand als

wahr durchgehen lassen.» Wenn zum Beispiel im ersten Korinter

14,34 steht, «die Frauen sollten in den Gemeindeversammlungen

schweigen», leitet die Theologien – sozusagen als kleiner Trost –

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20

die historische Erkenntnis ab: Dank dieses Verbots wissen wir,

dass in der Urkirche die Frauen öffentlich gesprochen haben.

Erneuerung durch Leben

Die meisten Menschen unterscheiden in einer komplex gewordenen

Welt verschiedene Arten von wahr und richtig. Für sie

enthält die Bibel in erster Linie Glaubenszeugnisse verschiedenster

Menschen in sehr unterschiedlichen Zeiten und Kulturen.

Die Bibel erhebt gar nicht den Anspruch, richtig oder einheitlich

zu sein; ihre Gottesbilder sind vielfältig, betont Regula

Grünenfelder.

Als eindrucksvolles Beispiel für die praktische Wahrheit biblischer

Texte nennt sie den Schluss des Markus-Evangeliums.

Es endete ursprünglich ohne das Happy-End der Auferstehung:

«Die Frauen gingen hinaus und flohen aus dem Grab, denn sie

waren ausser sich vor Zittern und Exstase. Und sie sagten niemandem

etwas, denn sie fürchteten sich.» (Mk 16,8, Übersetzung:

Bibel in Gerechter Sprache). Dazu erklärt die Theologin:

«Falls die Frauen tatsächlich geschwiegen haben, konnte der

Evangelist gar nicht wissen, was im Grab geschah – und falls

nicht, hat er falsch oder schlecht erzählt. Der Autor setzte diesen

Schluss, meine ich, mit voller Absicht: Spätere LeserInnen sollen

den ersten JüngerInnen nicht einfach ‹zuschauen› beim Glauben,

sondern verstehen: Das Evangelium ist nicht zu Ende. Es geht

in ihrem Leben weiter!» Bibel beginnt und wird erneuert auch in

unserem Leben: Dies verleiht ihr Autorität und verlangt gleichzeitig

nach einem aktiven Gespräch. «Stolpernd oder tanzend

bringen alltägliche Schritte des Lobens, der Liebe und der Gemeinschaft

die Wahrheit der Bibel zum Leuchten».

Jesus vertraute Petrus den «Schlüssel

des Himmelreiches» an: Er soll Zukunft

erschliessen, nicht abschliessen oder

einsperren.

In unserer Verantwortung

Auch der Theologe und Erwachsenenbildner Thomas Markus

Meier sagte, wir ChristInnen seien beauftragt, den Glauben im

Geist Jesu weiterzugestalten. Wenn angesichts umstrittener

Fragen Argumente versagen, heisse es, Jesus habe schliesslich

auch nicht... Aber Meier fragt: Gilt nur Jesu Wort, oder hat auch

die Kirche etwas zu sagen? Wenn nur das Wort der Schrift gälte,

müssten wir ehrlicherweise einige Glaubensinhalte arg überdenken.

«Es war bereits den Kirchenvätern bewusst, dass nicht

alles, was sie glaubten, schon Schwarz auf Weiss in der Bibel

zu lesen stand. Was sie glaubten, war auch ein Geschenk, eine

Offenbarung Gottes Heiliger Geistkraft. Also etwas Neues, und

nicht buchstäblich aus der Bibel abzuschreiben. Wenn heute die

Frage der Frauenordination abgeschmettert wird mit dem Argument,

Jesus habe keine Frauen geweiht, dann müssten wir

ehrlicherweise auch viel Liebgewordenes abschaffen, was nicht

wörtlich im Neuen Testament verankert ist. Und Überholtes

müsste uns einholen: Vom Verbot der Blutwurst (Apg 15,29) bis

zur Pflichtehe für den Bischof (1 Tim 3,2)».

Mit Jesu Weggang kam die Zeit, wo sein Werk in unsere Verantwortung

überging: «Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie

vergeben» (Joh 20,23). Die Kirche hat den Glauben immer wieder

neu formuliert und zuvor Unbekanntes eingeführt. «Gottes

Geisteskraft ist uns gegeben, damit weitergeht, was mit Jesus

begonnen hat. Damit die Geschichte fortschreitet und nicht

stehen bleibt», schreibt Thomas Markus Meier. «Was du auf

Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein,

und was du auf Erden löst, wird auch im Himmel gelöst sein»

(vgl. Mt 16,19)! Der Theologe sieht darin ein «Schlüssel des

Himmelreiches», der Petrus anvertraut wurde: Er soll Zukunft

erschliessen – nicht abschliessen oder einsperren. Mit Gottes

Geisteskraft ist auch uns Verantwortung und Entscheidungs -

befugnis gegeben. Und Meier merkt kritisch an: «Wenn behauptet

wird, die Kirche habe kein Recht, über das oder jenes nachzudenken,

wird sie zu wenig ernst genommen. Der historische

Jesus ist nicht mehr da, aber die Kirche als lebendiger Leib

Christi. Wenn sie erstarrt und nicht mehr lebendig und mutig

weitergeht, wird sie schuldig. Jesus will, dass wir uns nicht

ängstlich hinter Vergangenem oder dem Wortlaut verschanzen,

sondern zukunftsweisende Wege aufschliessen.» Nicht von ungefähr

warnte er vor der Sünde wider den Heiligen Geist, betont

Meier: Seine eigene Person gilt Jesus weniger schützenswert

als sein Anliegen, sein Werk. Sonst verliert sich das Ganze aus

dem Blick, weil das Augenmerk auf alte Lösungen fixiert bleibt.

Oder neue Wege und alternative Vorschläge nicht einmal mehr

frag-würdig, einen Versuch wert, wären.

Quelle: TTreffpunkt, christlich-sozialethisches Magazin der katholischen

Arbeitnehmer-Bewegung der Schweiz (KAB).

Gute Gründe geben Halt

Nicht nur Kinder haben das Gefühl, dass sie zu oft nur nachvollziehen,

was von «Gescheiteren» vorgegeben ist. Wie kommen

wir also vom Gefühl los, angesichts der Machtstrukturen in der

Welt nichts ausrichten zu können, weil «die da oben ja doch

(mit uns) machen, was sie wollen!» Solcher Resignation gilt es

als selbstständig entscheidende und handelnde Menschen entgegenzuwirken:

mit dem alltagsphilosophischen Ansatz «selber

denken macht schlau». Weil es besser ist, auf sich selber zu

«hören», statt vorgefertigte Antworten ungeprüft zu übernehmen.

Die Kinderphilosophin Eva Zoller Morf beschreibt in ihrem Buch

«Die kleinen Philosophen», wie ein eigenes Urteil zu bilden ist.

Es bedingt erst mal, dass wir uns das Recht zu fragen niemals


21

weltweit

THEMENSEITEN

Solidaritätsdemonstration für Papierlose

in Bern 2010: Wie denken wir

darüber? Wie stark hat das Los dieser

Menschen mit Gerechtigkeit zu tun?

(Bild: bleiberecht.ch)

absprechen. Wir sollten auch bereit sein, unsere Handlungen

und Vorschriften und damit ein wenig uns selber in Frage stellen

zu lassen.

Werte-Bildung

Dazu gehört, sich über vorliegende Moral und Normen Gedanken

zu machen: Sind sie mit eigenen überlegten Prinzipien vereinbar?

Gefragt sind nicht vorgefertigte, sondern begründete

Antworten: Denn erst gute Gründe geben unseren Standpunkten

Halt. Was darf oder muss ich (nicht) tun? Was ist gut, und unter

welchen Bedingungen? Worauf stütze ich meine Entscheide, so

oder so zu handeln? Sind es meine – durchdachten und immer

wieder überprüften – Kriterien, oder «macht man das halt einfach

so»?

Zum ersten Schritt, die eigenen Werte zu klären und zu ihnen

zu stehen – folgt als zweites, diejenigen der Mitmenschen wahrund

ernst zunehmen: Wie wäre es für mich, wenn ich in ihrer

Situation stünde? Dann geht es in einer Gemeinschaft darum,

«im partnerschaftlichen Dialog Wertvorstellungen und Normen

zu erarbeiten, bei denen keiner als Verlierer dastehen muss»,

schreibt Zoller Morf. «Durch gegenseitige Achtung und Toleranz

können wir wenigstens in der Familie einen Teil der autoritären

Strukturen abbauen. Vielleicht ermöglichen wir den Kindern dadurch

sogar, auch ausserhalb des Elternhauses freundschaftlich

und einfühlsam Meinungsverschiedenheiten auszudiskutieren,

statt Machtmittel anzuwenden.» Und bauen Persönlichkeitskompetenzen

auf, um eigene Überzeugungen aktiv einzubringen, ohne

aufdringlich zu sein. Oder sich in brenzlichen Situationen Brücken

schlagend für Benachteiligte und Gefährdete einzusetzen.

1/2021


22

weltweit

THEMENSEITEN

Autoritätskollision

Aber worauf können wir uns berufen, wenn es «brenzelig» wird?

Der Philosophie-Lehrer Philipp Dörig wies darauf hin, dass

«christliche Kirchen in ethischen Fragen und Entscheidungen

das eigene (persönliche) Gewissen als letzte Autorität sehen. Ich

muss demnach also immer meinem Gewissen gehorchen. Und

auch alle andern müssen dies tun. Jedoch sollten Gewissensentscheide

auf ein (aus)gebildetes Gewissen zurückgehen und

auf Prinzipien beruhen, hinter denen ich stehen kann.» Zum Beispiel:

Keinem Menschen darf geschadet werden. Oder: Die

Liebe ist meine Richtschnur, sie steht im Zweifelsfall über dem

Gesetz. Weiter gehört dazu, sich zu informieren, auch selbstkritisch

zu sein, und Handlungen nach reiflicher Überlegung

vor sich selbst zu verantworten. «Schwierig wird die Lage dann,

wenn sich unser Gewissen gegen anerkannte Autoritäten wie

Staat oder Kirche stellt. Was soll ich dann tun? Die Antwort ist

zugleich einfach und schwierig. Ich muss – auch nach der Lehre

der christlichen Kirchen – meinem Gewissen folgen. Selbst dann,

wenn ich harte Sanktionen zu erwarten habe.»

‹Ethischer Dreischritt› und Sozialprizipien

Der aus der katholischen Soziallehre entstandene ethische Dreischritt ist mit seinen Sozialprinzipien ein gutes Orientierungswerkzeug

speziell in gesellschaftlichen und politischen Themen. Er besteht aus der Sehen-Urteilen-Handelns-Analyse. Mit

dieser Methode treffen wir Entscheidungen mit genug Wirklichkeitsbezug, ohne sie zu sehr unseren Bedürfnissen anzupassen.

Sehen bedeutet als erstes genaues Hinschauen, worum es geht. Zweitens klärt das Urteilen die Wertgrundlagen, was wir mit

fünf ‹Wegweisern› tun können: Das mit den Menschenrechten verwandte Personalitätsprinzip besagt, dass jeder Mensch mit

unverlierbarer und unantastbarer Würde zu achten ist. Es zeigt, worauf für ein gutes Zusammenleben aufbaut. Dies tut auch

das Gemeinwohlprinzip, welches eine Gesellschaft so ordnet, dass sie sich zum Vorteil aller entwickeln kann. Niemand soll

übermässig begünstigt oder belastet werden. Damit wird auch das ethische Ziel wirtschaftlichen, politischen und sozialen Handelns

formuliert: Wohlstand und ein gutes Leben für wirklich alle Menschen. Das Solidaritätsprinzip meint ein Geben, ‹nicht

damit es mir etwas bringt›, sondern ‹weil der Andere in Not ist›. Hier verbindet sich die Forderung nach Gerechtigkeit mit der

Praxis der Liebe. Das Subsidiaritätsprinzip schlägt einen gesellschaftlichen Aufbau vor, sodass grössere Sozialgebilde im Dienste

kleinerer stehen und Hilfe zur Selbsthilfe geben. Die übergeordnete Ebene – etwa der Staat – soll nicht Aufgaben an sich

reissen, welche die untergeordnete Instanz – der Kanton, eine Gemeinde oder Familie – selber besser erfüllen kann. Abgerundet

werden diese Wertungen durch das Nachhaltigkeitsprinzip, das die Bereiche Umwelt, Wirtschaft, Gesellschaft angeht: Die Entwicklung

von heute soll die Möglichkeiten späterer Generationen, Bedürfnisse zu befriedigen und ihren eigenen Lebensstil zu

wählen, nicht gefährden, und die Natur in ihrer Regenrationsfähigkeit nicht überfordern.

Als dritter Schritt kommt das Handeln, nicht nur jenes von Einzelpersonen, sondern auch durch Organisationen, Staaten oder

der Weltgemeinschaft: Denn Ethik endet nicht im Erkennen des Guten und Richtigen, sondern in dessen Tun.

Quelle: Bildungsbroschüren «Perspe©tive» der Union der Christlichsozialen Schweiz. https://ucs-ch.ch/bestellungen/

Fürchtet die Hoffnung nicht?

Pessimismus ist die «Krankheit», nicht mehr richtig an Fortschritt

und Zukunft zu glauben. Wir denken mit der Klimabedrohung

manchmal in die Richtung. Aber die Menschen im Kalten Krieg

hatten angesichts der Nuklearbedrohung auch Grund dazu. In

Weltuntergangserwartung war man schon zu Jesu Zeiten. Sicher

finden sich heute Fakten zur Endzeitstimmung – aber auch für

ein Goldenes Zeitalter: Wir haben einen Lebensstandard und

Wohlstand wie nie, leben länger denn je, haben eine lange Zeit

des Friedens, sind mobil und gebildet usw. Lassen wir uns also

nicht von apokalyptischen Verschwöreren einschüchtern, die ihre

Rettungs-Produkte verkaufen. Entwickeln wir echten, konstruktiven

Widerstand, Resilienz gegen die Angstindustrie! Lassen wir

uns «durch Hoffnung retten», getreu der Enzyklika «Spe salvi»

des früheren Papst Benedikt XVI. Alles kommt darauf an, den

Mechanismus der sich selbst erfüllenden Prophezeihung vom

Negavien ins Postitive zu wenden, vor allem auch im Handeln –

ebenso in einer Fehlerkultur, aus Fehlschlägen Lehren fürs Besseres

zu ziehen. Jede(r) Einzelne kann den Motor der Hilf- und

auf Hoffungslosigkeit umprogrammieren. Wieso sollen wir nicht

auch durch das Gebet ermutigt noch mehr in den gelebten Glauben

der Frohen Botschaft gelangen? Gute Ideen wecken Lust

auf Realisierung, auf Prototypen. Auf gute Unternehmer, die

etwas wieder von vorne beginnen, falls die Tests zu wenig überzeugend

sind, neu einschätzen, Neubeantwortungen wagen,

verbessern, bis sie funktionieren und sich auf dem Markt durchzusetzen

können. Visionen zeigen schon seit Kant Grundzüge

eines «gesunden Geistes», in dessen Zentrum Mut, Hoffnung

und Vertrauen steht.


23

weltweit INNEHALT

Erfahrungen einer Seniorin

Es fiel mir auf, dass alles weiter

entfernt ist als vor einigen Jahren.

Es ist sogar zweimal so weit bis

zur Strassenecke, und ein Hügel

war früher auch nicht da.

Das Rennen zum Bus

habe ich aufgegeben,

er fährt immer zu früh ab.

Die Treppen sind auch höher

als in den goldenen Jahren.

Bücher und Zeitschriften werden

mit kleineren Buchstaben gedruckt.

Aber es hat keinen Sinn,

jemanden ums Vorlesen zu bitten,

da jeder so leise spricht,

dass man es kaum hören kann.

Für die Kleider wird zu wenig Stoff

verwendet, besonders um die Hüfte.

Auch die angegebenen Grössen

fallen kleiner aus als früher.

Sogar die Menschen verändern sich;

sie sind viel jünger

als wir in ihrem Alter waren.

Andererseits sind die Leute

unseres Alters so viel älter als wir.

Ich traf neulich eine Klassenkameradin,

die war so alt,

dass sie mich nicht erkannte.

Ich dachte an das arme Wesen,

während ich meine Haare kämmte.

Und als ich in den Spiegel sah – wirklich:

Die Spiegel sind auch nicht mehr das,

was sie einmal waren!

Quelle unbekannt

Bild: Madlen Schafer

1/2021


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Ostern:

nichts ist, wie es war

Dem Wunder die Hand hinhalten.

JACQUELINE KEUNE

So also wurde es zum ersten Mal Ostern: Auf einem Friedhof, am

Ende einer langen Nacht, mit einer Hand voll ratloser Männer

und einer untröstlichen Frau.

Keiner weit und breit, der gefeiert hätte – erst recht keinen Sieg.

Keiner, der gejubelt, nur einer, der gefragt hat, warum jemand

weint. Leise ist es zum ersten Mal Ostern geworden. So leise wie

das Gras, das wächst, und die Erde, die sich dreht. Und nicht,

weil einer unsterblich war, ist es Ostern geworden, sondern gerade

weil er gestorben ist.

Erste Lebensboten

Gewiss: Es gibt Ostergeschichten, in denen der Jubel viel lauter

ist. Für mich aber gibt es keine schönere, als die des Johannes.

Weil die Trauer das Lichte und Laute nicht erträgt, geht Maria

aus Magdala, dem kleinen Dorf am See Genezaret, frühmorgens,

als es noch dunkel ist, zum Grab. Ein letztes Mal will sie dem

nahe sein, der ihr gezeigt hat, wie das Leben geht.

Maria stand draussen vor dem Grab und weinte. Wie hätte sie

nicht weinen sollen? – Sie, die mit angesehen hatte, wie er starb,

und die sich selber wie fremd war, bevor sie dem Rabbi aus Galiläa

begegnet war. Besessen von sieben Dämonen, hatte Lukas

von ihr gesagt. Das Leben mit dem Bruder aus Nazaret hatte die

Kräfte in ihr geordnet und das Zerrissene zusammengefügt. Nun

war er tot, und ihr auch noch das Letzte genommen, was ihr vom

geliebten Menschen geblieben war: sein Leib.

In ihrem grossen Kummer beugt sich Maria in die Grabkammer

hinein und schaut durch ihre Tränen hindurch, was die Männer

mit prüfendem Blick nicht gesehen haben: die ersten Boten des

Lebens. Und wie die Engel, spricht auch der Mann im Garten

Maria an: «Warum weinst du? Was suchst du?»

Halt gebende Verheissung

Maria aus Magdala sucht, was auch die Menschen vor und nach

ihr gesucht haben, was auch ich suche: eine Gewissheit, von der

sich leben; eine Hoffnung, an die sich halten und einen Sinn, der

morgens aufstehen lässt. Einen Menschen, der sie liebt. Und der

nun ihren Namen ausspricht und sie damit auf sich selber verweist

und die Wirklichkeit der Auferstehung schauen lässt.

So also wurde es zum ersten Mal Ostern. In einem Garten, am

Beginn eines aufsteigenden Tages, mit Männern, die voll Erwartung

rennen, und einer Frau, die aus dem Neuen Verheissung

liest.

Keiner weit und breit, der gefeiert hätte – erst recht keinen Sieg.

Keiner, der gejubelt, nur einer, der gesagt hat: Halte mich nicht

fest. Ja, leise ist es Ostern geworden. Nicht lauter als der Baum,

der sein Blütenkleid anzieht.

Es ist Ostern, und alles ist, wie es immer war: Der Krebs wuchert

noch, der Schuss trifft noch und die Todeszelle wartet noch.

Das Kind sucht noch immer im Müll nach Essen, und der Wal

schwimmt immer noch um sein Leben.

Ostern ist, weil Gottes Güte ungleich

mehr mit uns vorhat, als sie zu

Lebzeiten wahrmachen kann.

Und es ist Ostern, und nichts ist mehr, wie es einmal war. Weil

allem, was lebt, seit jenem schönen Morgen nicht allein Vergänglichkeit,

sondern auch Verheissung innewohnt. Und Gottes Güte

ungleich mehr mit uns vorhat, als sie zu unseren Lebzeiten wahrmachen

kann: dass jede Träne getrocknet wird, dass jede Nacht

sich lichtet und jeder Weg sich weitet in gelobtes Land. Dass

man nichts Böses mehr tut und das Lämmlein beim Wolf liegt.

Dass die stumm Gemachte Sprache findet und der Arme selig

ist. Dass jede Flur sich mit unvergänglichem Grün bekleidet, und

Gott allem, was tot ist, behutsam das neue Leben einhaucht.

Gemachte Hoffnung

Es ist Ostern – immer wieder, immer noch – weil da Menschen

sind, an der Sternhalde und am Hügelweg, auf der Bodenhofterrasse

und an der Elfenaustrasse, die zusammen mit der Mutter

des kleinen Mose, mit der Tochter des Pharao, mit Maria aus

Magdala und Jesus von Nazaret glauben: Es lässt sich was machen!

Sie behalten nicht für sich, was sie an Hoffnung schauen. Sie

lassen einander beim Sterben nicht alleine und nicht beim

Leben. Sie machen Musik, säen Blumen aus, bauen Häuser und


25

weltweit

AUFERSTEHEN

Bild:

Theo Bühlmann

gebären Kinder. Sie lieben und streiten sich und fragen nach,

wenn jemand weint.

Immer wieder und immer noch Ostern, weil da Kinder sind, Frauen

und Männer, die ihre Hunde streicheln, die ihren Pflanzen gut zureden

und reparieren, was kaputt gegangen ist. Sie wägen ab,

sie gehen mit, sie halten aus, sie denken nach, sie lesen und

leben vor: Es lässt sich was machen, und sei es nur, die Hand

auftun.

Nicht müde werden – erinnert Hilde Domin. Nicht müde werden,

sondern dem Wunder, leise wie einem Vogel, die Hand hinhalten.

1/2021 6/2016

1/2018


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«Warum darf ich als Frau

nicht Priesterin sein?»

Die in Muri (Freiamt) wohnende Jacqueline Straub (28) ist eine

vielbeschäftigte Theologin, die sich schon seit Jahren gewohnt

ist, stets auf «mehreren Hochzeiten» zu tanzen. So ist es keineswegs

untypisch für sie, dass für sie kurz nach dem

Interviewtermin auch noch ein Training im Boxklub

in Uster bei Zürich ansteht – nur zwei Dörfer von

ihrem derzeitigen Arbeitsort entfernt, der Redaktion

der christlichen TV-Produktionsfirma «Fenster

zum Sonntag». Das Boxen sei für sie mehr als

bloss ein sportlicher Ausgleich, betont Jacqueline

Straub: «Neben meinem kirchlichen Engagement

ist Boxen definitiv meine grosse Leidenschaft –

und das hat auch mit einer gewissen Haltung zu

tun.» Nur wer regelmässig trainiere, könne im

Ring bestehen, erklärt die junge Theologin und

zieht Parallelen zu ihren Erfahrungen im kirchlichen

Umfeld: «Als Frau brauche ich im Kampf für die

Gleichberechtigung in der Kirche einen langen

Atem und den Willen, nach einer Niederlage immer

wieder aufzustehen und weiterzukämpfen.»

Die Theologin Jacqueline Straub auf

einem Schiff in Luzern. (Bilder: zVg)

BENNO BÜHLMANN

Frauen hatten Leitungsfunktionen

Der Kampf für die Frauenordination in der katholischen

Kirche dauert schon eine halbe Ewigkeit

und etliche theologische Fachleute – auch Männer

– haben bereits vor Jahren in dieser Frage Klartext

gesprochen. So beispielsweise der heute emeritierte

Luzerner Bibelwissenschaftler Walter Kirchschläger:

«Aus dem Befund der Bibel lässt sich

heute der Ausschluss der Frauen vom Priesteramt

nicht mehr rechtfertigen. Wir wissen heute, dass

die kirchlichen Dienste in der neutestamentlichen

Zeit nicht aufgrund des Kriteriums von Geschlecht

und Lebensstand übertragen worden sind. Es hat

in der Jesusbewegung zahlreiche Frauen gegeben,

denen wichtige Dienste übertragen worden

sind: Etliche Frauen wurden mit Leitungsfunktionen

betraut und waren im Diakonenamt oder als

Apostellinnen tätig.» So lässt Kirchschläger auch

das häufig vorgebrachte Argument, wonach Jesus

nur Männer zu Aposteln berufen hat, nicht gelten: «Die Zusammensetzung

des ‹Zwölferkreises› ist als Gegenargument gegen

die Frauenordination nicht haltbar, weil darin eine prophetische

Zeichenhandlung Jesu zum Ausdruck kommt: Die zwölf Apostel

stehen sinnbildlich für die zwölf Söhne Jakobs. Nur weil Jesus


27

weltweit DENKBAR

im Zwölferkreis nochmals ganz Israel sammeln wollte, setzte er

sich ausschliesslich aus Männern zusammen.» Im Klartext heisst

das: Diese Zeichenhandlung kann nicht herangezogen werden,

um ein auf das Geschlecht bezogenes, unveränderliches Kriterium

für die Zulassung zum Priesteramt zu definieren. Von Bibelforschern

wird heute beinahe unisono die Meinung zurückgewiesen,

die Berufung des Zwölferkreises könne als Argument gegen

die Priesterweihe der Frau ins Feld geführt werden.

Auch der Theologe Josef Imbach teilt diese Auffassung und

weist darauf hin, dass das Neue Testament an verschiedenen

Stellen davon Zeugnis gebe, dass es bereits in den Anfängen

des Christentums keineswegs an starken Frauengestalten fehlte:

«Natürlich finden Frauen auch im Neuen Testament viele Vorbilder

und Identifikationsfiguren. Sie erkennen sich wieder in Marta

aus Betanien, in der Schwester des Lazarus, welche gemäss

Bibel ein Messiasbekenntnis ablegt, das jenem von Petrus in

nichts nachsteht. Oder da wäre auch Maria von Magdala zu

nennen: Sie gehört zu jenen Frauen, die nicht nur bei der Kreuzigung

Jesu, sondern auch bei seiner Grablegung anwesend

waren und später zu den ersten Zeuginnen der Auferstehung

Jesu wurden.

Zur Priesterin berufen

Jacqueline Straub, in einem Ihrer Bücher

haben Sie dargelegt, dass Sie von Ihrem Herzenswunsch

«Endlich Priesterin sein!» auch

in Zukunft nicht abrücken werden. Halten Sie

es für realistisch, dass dieser sehnlichste

Wunsch noch zu Ihren Lebzeiten in Erfüllung

geht?

Ich weiss im Innersten meines Herzens,

dass ich zur Priesterin berufen bin. Im Alter

von 15 Jahren habe ich diese Berufung

zum ersten Mal gespürt und empfinde

es deshalb bis auf den heutigen Tag als

grosse Ungerechtigkeit, dass ich diese

Berufung nicht innerhalb der katholischen

Kirche leben kann, nur weil ich eine Frau

bin. Ich bleibe trotzdem optimistisch und

lebe weiterhin in der Hoffnung, dass dieser

Wunsch noch in Erfüllung gehen wird. Ein

Blick in die Kirchengeschichte zeigt, dass

Veränderungen manchmal erstaunlich

schnell geschehen können, wenn wir mit

der notwendigen Hartnäckigkeit dranbleiben.

Konservative Kreise in der katholischen Kirche

argumentieren, dass Jesus damals nur

Männer zu Aposteln berufen habe. Wie reagieren

Sie auf diese Argumentation?

Es stimmt, dass Jesus nur Männer als

seine Nachfolger berufen hat. Nach biblischer

Überlieferung waren es genau genommen

zwölf jüdische Männer. Erstaunlich

ist dabei die Tatsache, dass die Kirche

heute zwei von drei Kriterien ausklammert:

Dass seine Nachfolger Männer sind,

scheint eine Rolle zu spielen, während die

Zahl 12 und die Zugehörigkeit zum Judentum

offenbar nicht mehr relevant sind.

Es ist laut einschlägiger Literatur von Seiten

der modernen Bibelforschung ohnehin davon

auszugehen, dass beim letzten Abendmahl

auch Frauen dabei waren...

Ja, selbstverständlich finden wir in der

Jesus-Nachfolge sowohl Männer wie

Frauen, die für die damaligen Verhältnisse

sehr ‹emanzipiert› waren und die Jesus

letztlich aus den patriarchalen Strukturen

befreien wollte. Ich denke da auch an

Maria Magdalena, die eine herausragende

Stellung hatte und von den Kirchenvätern

nicht umsonst als ‹Apostelin der Apostel›

bezeichnet wurde.

Das Zölibat wird

freigestellt, bevor es

Priesterinnen gibt.

Der Basler Bischof Felix Gmür, Präsident der

Schweizer Bischofskonferenz, hat kürzlich

die Option eines Frauendiakonates erwähnt:

Dieses sei in Rom gewissermassen in der

Pipeline. Glauben Sie das?

Bischof Felix Gmür wird es wohl besser

wissen, da er ja nähere Connections zu

den Verantwortlichen des Vatikans hat als

ich. Entscheidend ist dabei aber die Frage,

ob es sich dabei um ein sakramentales

Diakonat handelt oder bloss um eine Beauftragung.

Es gibt etliche feministische Theologinnen,

die es heute gar nicht mehr als erstrebenswert

betrachten, sich den Zugang einem über

Jahrhunderte hinweg von Männern dominierten

Priesteramt zu erkämpfen. Was sagen Sie

dazu?

In der Politik und in der Wirtschaft haben

wir letztlich die gleiche Situation. Da wurden

die Leitungsfunktionen ebenfalls über

lange Zeit von Männern geprägt. Ich bin

allerdings überzeugt davon, dass in der Kirche

vor Ort sehr viel Weibliches einfliessen

könnte, würden auch Frauen zum Priesteramt

zugelassen.

Und wie beurteilen Sie das Zölibat als Zulassungsbedingung

zum Priesteramt? Sie selber

sind inzwischen ja auch verheiratet...

Ich bin überzeugt davon, dass das Zölibat

ohnehin freigestellt wird, noch bevor es

Priesterinnen gibt. Theologisch spricht

nichts gegen die Aufhebung des Pflichtzölibates.

Es ist denkbar, dass die katholische

Kirche schon bald dem orthodoxen Modell

folgen wird, wonach Priester vor der Weihe

heiraten dürfen.

In der christkatholischen Kirche gibt es bereits

seit 2006 die Möglichkeit, dass Frauen zu

Priesterinnen geweiht werden können. Ist für

Sie ein Übertritt zu den Christkatholiken keine

Option?

Nein. Ich fühle mich grundsätzlich wohl in

der römisch-katholischen Kirche und

möchte mich deshalb weiterhin entschieden

dafür einsetzen, dass die Frauen auch

in dieser Kirche die gleichen Rechte bekommen

wie Männer. Treten alle Frauen

aus, die mit dem bestehenden Unrecht

Probleme haben, kommt es in dieser Kirche

nie zu einer Veränderung.

1/2021


28

PROJEKTHILFE

28003

REDEMPTORISTEN

Den Tatendrang

Pater Hugues unterstützen

Der Neupriester P. Hugues Kadiambiko hat im Kongo in kurzer Zeit zahlreiche Initiativen gestartet,

für Jung und Alt.

Bildung, Spiele und soziale Einsätze

machen das Programm der

200 PfadfinderInnen aus. Frauen

und Männer stellen Ziegelsteine

für die neue Kapelle selber her.

(Bilder: Redemptoristen)

JOSÉ BALMER

Die Menschen der Pfarrei Miyamba, Kongo RDC, sind von

P. Hugues Kadiambiko begeistert. Was er in anderthalb Jahren

auf die Beine gestellt hat, bringt Licht in ihr Leben. Selbst während

des Corona-Lockdowns mobilisierte er Jugendliche.

Pater Hugues lebt und arbeitet im Städtchen Miyamba, im Nordwesten

von Kongo RDC. Zur ausgedehnten Pfarrei Miyamba gehören

auch abgelegene Dörfer, die er regelmässig besucht. Als

er erstmals ins Dorf Kinsumbu kam, stellte er fest, dass die Kapelle

zerstört ist; ein Sturm hatte sie vor ein paar Jahren umgeworfen.

Also feierte er den Gottesdienst im Schatten von Palmen-

blättern. Im Gespräch mit der Dorfbevölkerung hatte er erfahren,

dass sie gern eine neue Kapelle oder einen Mehrzweckraum

hätten, um sich auch bei Regenwetter für Gottesdienste und Versammlungen

treffen zu können. Sie würden die Ziegelsteine selber

herstellen und Holz beschaffen, aber für Eisen, Zement und

das Wellblechdach hätten sie kein Geld. Eine zaghafte Anfrage um

Hilfe in der Schweiz – sie war als Projekthilfe in WeltWeit 6/2019 –

löste das Problem. Corona verzögerte zwar den Bau, aber die

Wände sind hochgezogen, es fehlt nur noch das Dach. Bald wird

P. Hugues Gottesdienst im geschützten Raum feiern können.


29

weltweit

PROJEKTHILFE

Lebenspraktische Hilfe ...

Die Pfarrei Miyamba unterhält seit längerem soziale Projekte wie

eine Nähschule für Frauen, eine Schweinezucht sowie Gemüseanbau

mit Frauen und Männern. Pater Hugues ist auch da involviert.

Nun, bei diesen Arbeiten geht ab und zu etwas kaputt, beispielsweise

die Pumpe für die Bewässerung der recht grossen

Gemüsefelder. Man stellt fest: Die Pumpe ist alt, es gibt keine

Ersatzteile mehr; es braucht eine neue. Pater Hugues nutzte den

Draht in die Schweiz zur Problemlösung. Nun sprudelt das Wasser

wieder, das Gemüse gedeiht und die Familien freuen sich auf

die selbst angepflanzten Lebensmittel. Von der neuen Pumpe

profitiert sogar das nahe gelegene Krankenhaus.

Als im März der Corona-Lockdown verordnet und die Schulen

geschlossen wurden, hingen die Jugendlichen unmotiviert herum.

Das gefiel Pater Hugues ganz und gar nicht. Was ist zu tun? Ihm

fiel der katastrophale Zustand der Strasse nach Kinsumbu ein.

Das Dorf ist praktisch von der Umwelt abgeschnitten und bei

nassem Wetter hat er selbst

grösste Mühe, mit dem Motorrad

durchzukommen. Also rief er

Jugendliche zusammen und begann,

den schlimmsten Teil der

Strasse zu reparieren, mit einfachen

Werkzeugen von Hand!

Und so reparierte die Gruppe

von 20 Jugendlichen in fünf Monaten

über zehn Kilometer

Strasse. Einen Lohn konnte Pater

Hugues den Jugendlichen nicht

bezahlen. Ein T-Shirt, ab und zu

einen Ball, etwas zwischen die

Zähne und die Befriedigung,

etwas Sinnvolles geleistet zu

haben, dies genügte den jungen

Leuten.

Bewässerungspumpe

für die Gemüsefelder,

Jugendliche beim

Strassenbau, und

der Fussballclub.

Freude und Hoffnung

Sehr schnell merkte Pater Kadiambiko auch, dass die Jugendlichen

in den Dörfern keine organisierten Freizeitaktivitäten hatten.

«Wenn die Jungen ihrem traurigen Schicksal überlassen sind,

kommen sie auf dumme Gedanken und begehen unmoralische,

teils kriminelle Sachen», sagt er. Also gründete er Pfadfindergruppen

und Fussballvereine. Das Echo war überwältigend. Viele

Jugendliche wollen etwas gemeinsam unternehmen und sich

auch nützlich machen; Fussball ist ohnehin beliebt. Nur, die Jungen

und ihre Familien sind arm. Wie können Pfadfindergruppen

und Sportclubs ausgerüstet werden? Pfadi-Hemden und Fussball-Leibchen

sind wichtig, sie schaffen Identität und Motivation,

und fürs «Tschutten» braucht es Bälle. Die zaghafte Anfrage in

der Schweiz löste auch dieses Problem. Nun sind die 200 PfadfinderInnen

ausgerüstet und selber voll Lerneifer und Tatendrang.

Und in der Pfarrei gibt es inzwischen zehn Männer- und vier

Frauen-Fussballclubs. Sie richten ein Turnier aus und bereiten

nicht nur sich selbst, sondern auch der Bevölkerung viel Freude.

... und christliche Werte

Am 13. September gab der neue

Kirchenchor der Pfarrei Miyamba

sein Debut. Pater Hugues hat

ihn vor einem Jahr mit 40 jungen

Leuten gegründet und mit zwei

Chorleitern ausgebildet. Geprobt

wird zwei Mal pro Woche. Zusammen

mit den 20 «Mamas»,

die schon zuvor die Lieder in den

Gottesdiensten animiert hatten,

sorgt der Chor nun jeden Monat

ein Mal für kräftigen, hellen Klang.

Jetzt macht das Singen auch

den Jungen Spass.

Der Tatendrang von P. Hugues

Kadiambiko ist bewundernswert.

Seine Initiativen bewirken, dass

die Jungen auch mehr Interesse an religiösen Fragen zeigen.

So führt er regelmässig Besinnungstage durch, die den Jugendlichen

christliche Werte vermitteln und Lebensorientierung bieten.

Die von ihm initiierten sozialen und sportlichen Aktivitäten

sind ebenfalls Seelsorge. In einem von Armut und Trostlosigkeit

geprägten Umfeld bewirken sie Zusammenhalt, Freude und

Hoffnung bei Jung und Alt. Er wird weiterhin Unterstützung brauchen.

Helfen Sie ihm?

1/2021


30

PROJEKTHILFE

27061

MISSIONS-BENEDIKTINERINNEN

Digitalisierung der

St. Scholastica Catholic

School

SR. CHRISTIANE SPANNHEIMER, MICHAEL SCHOLTZ

Es begann vor etwas mehr als zehn Jahren, als ich in unserem

Nairobi-Priorat auf das Projekt «Linux4Afrika» der Freiburger

Open Source Society aufmerksam wurde. Ich konnte den Vorsitzenden

des Vereins, Hans-Peter Merkel, gewinnen, unsere

St. Scholastica Catholic School in Nairobi-Ruaraka mit Computern

auszustatten. Er war mit seiner Gruppe damals bereits in

einigen afrikanischen Ländern tätig. Seine ersten Projekt-Installationen

erfolgten 2006 in Mosambik und Tansania und waren

als herausragende Projekte ausgezeichnet worden im Rahmen

der UN-Dekade «Bildung für nachhaltige Entwicklung» 2009

und 2011. Ihr Erfolgsrezept war der Einsatz des Linux-Betriebssystems,

das kostenlos zugänglich und weniger anspruchsvoll

für die Ausstattung von Computern (Speichergrösse, Prozessor)

ist. Die Anfälligkeit gegenüber Computerviren ist ebenfalls gering.

Grossartige Aktion

Wir konnten als Spenden nicht mehr gebrauchte Computer von

IT-Unternehmen erhalten; und diese bildeten die Basis für die

Hardware-Ausstattung. Sie wurden nach Reinigung, Prüfung und

Verpackung auf Paletten in Containern nach Mombasa verschifft

und dann weiter auf dem Landweg nach Nairobi gebracht.

Wirklich: eine grossartige Aktion Freiwilliger mit Hilfe von Spenden!

Alle Computer wurden als sogenannte Clients mit der Lernsoftware

«Edubuntu» an einen zentralen Server über ein Netzwerk

angeschlossen, auf dem ein Mail-Programm, die Offline-Wikipedia,

Wordpress und das Client-Steuerungsprogramm Epoptes

installiert waren. Das gesamte Netzwerk wurde vorher im St. Ursula

Gymnasium in Freiburg getestet, um sicher zu gehen, dass

alles funktioniert.

Nachhaltig sind derartige Projekte aber nur, wenn sie betreut

werden. Besonders die ständige Weiterentwicklung der Pro-


31

welt-

PROJEKTHILFE

SchülerInnen mit IT-Lehrer Richard Sakai –

der IT-Raum mit den Computern – das Liinux4Afrika-Team

2020 – Sr. Christiane und

Hans-Peter Merkel – und das Ruaraka-Geländes

vom Dach der Volksschule aus.

(Bilder: Missions-Benediktinerinnen)

gramme und Betriebssysteme erfordern Überprüfung. Der ursprüngliche

Plan, einen lokalen IT-Betreuer für diese Arbeit in

Deutschland auszubilden, ging leider schief, da dieser kurz nach

dem Aufenthalt in Freiburg in ein Unternehmen in Kenia wechselte.

Bis ein neuer Betreuer gefunden und ausgebildet wird,

reisen Freiwillige auf eigene Kosten noch jedes Jahr nach Kenia

und führen die notwendigen Arbeiten durch. Die Suche nach lokalen

IT-Spezialisten steht also weiterhin sehr hoch auf der Prioritätenliste,

denn Flug und Aufenthalt sind sehr kostenintensiv.

Nachhaltig nur mit Unterhalt

Seit der ersten Installation vor zehn Jahren wurde die Hardware

bereits zwei Mal ausgetauscht. Dieses Jahr wurde der Computerraum

mit leistungsfähigen Mini-Geräten ausgestattet. Das hat

den Vorteil, dass Ersatzteile problemlos und kostengünstig nach

Kenia transportiert werden können. Ausserdem hat die Schule

begonnen, die SchülerInnen nach und nach mit Tablets auszustatten,

die von den Eltern bezahlt werden, sodass in einigen

Jahren der Computerraum vermutlich nicht mehr gebraucht

wird.

Priorität für die Schwestern an der St.Scholastica Catholic School

ist nebst der Ausbildung eines IT-Betreuers die Installation eines

leistungsfähigen lokalen Netzwerks (WLAN), so dass die Schüler

die Programme des Edubuntu-Servers im gesamten Schulgebäude

nutzen können.

Wie wir sehen, werden die jährlichen Besuche der Linux4Afrika-

Projektmitglieder sicher in den kommenden Jahren noch notwendig

sein, um die Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Dennoch

sind wir glücklich, dass das Projekt soweit gediehen ist und

nachhaltig für die digitale Entwicklung im Land beiträgt. Wenn

Sie diese Arbeit unterstützen mögen, sind wir Schwestern Ihnen

sehr dankbar.

Projektwebsite: www.linux4afrika.de

1/2021


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PROJEKTHILFE

34042

KATHARINA-WERK

Hilfe für

Überschwemmungsopfer

Philippinische Familien brauchen Hilfe wegen den Verwüstungen durch Taifun Vamco und für die

Katastrophenvorsorge.

Die Verwüstungen in San Mateo, Rizal,

sind gross, entsprechend ist es auch

der Aufräumungs- und Aufbaubedarf.

Viele Häuser wurden überflutet. Edith

Acosta, ein KGP-Mitglied, beim Verteilen

von Essenspaketen.

(Bilder: Nica Bacalla und Dorfbewohner

von Banaba)

CHLOE GARCERA BEN

Gegen 12 Uhr am 13. November postete Nica Bacalla, eine

medizinische Sozialarbeiterin und ehemalige Katharina-Werk-

Stipendiatin, einen Facebook-Status mit den Worten: «Lasst uns

lächelnd bleiben, auch wenn wir schon müde sind. Kämpfe, Rizal!»

Sie postete verschiedene Bilder von sich und ihrer Familie, die

zeigen, wie sehr sie von den jüngsten schweren Überschwemmungen

durch den Taifun Vamco betroffen waren.

Lebensrettende Evakuierung

Nica's Post zeigt zwei ausgeprägte Eigenschaften der Filipinos:

Widerstandsfähigkeit und Humor, selbst in schwierigen Zeiten.

Da sie in einem der am stärksten von Naturkatastrophen betroffenen

Länder leben, erleben viele philippinische Familien den

Kreislauf von Zerstörung, Hilfe, Erholung und wieder Zerstörung.

Nach dem Taifun Ketsana 2009 wurden die Vorsorge-Bemühungen

intensiviert, um die Auswirkungen von Naturkatastrophen

auf das Leben der Menschen zu mildern. Das Katharina-Werk

Basel (KtW) sammelte Geld für die Opfer des Taifuns Ketsana

und über die Katharina Group Philippines (KGP) lernten wir die

Mitglieder von Samakaba kennen, einem Gemeindeverband von

Menschen, die in der Nähe des Flussufers in San Mateo, Rizal

im Grossraum Manila leben. Mit dem Geld, das das KtW aufbringen

konnte, waren wir in der Lage, die Familien mehrere Tage

lang zu verpflegen und Samakaba durch Katastrophenvorsorge-

Seminare und -Ausrüstungsgegenständen zu unterstützen.

Die Bewohner von Banaba wissen jetzt, dass ein erster Alarm

bedeutet, sich auf die Evakuierung vorzubereiten, der zweite

Alarm, dass die betroffenen Bewohner evakuiert werden sollten,

während der dritte Alarm eine Zwangsevakuierung erfordert.

Samakaba ist immer wieder stolz darauf, dass es seither keine


33

weltweit NOTHILFE

Todesopfer mehr gab und die meisten Familien ihre wichtigen

Geräte wie Fernseher, Ventilatoren oder Waschmaschinen retten

konnten.

Dennoch Verbesserungen

Elf Jahre nach Ketsana kam der Taifun Vamco und brachte Verwüstung.

Bilder, welche die Schäden der beiden Taifune zeigten,

sahen exakt gleich aus. Einige Mitglieder von Samakaba erzählten,

dass diesmal der Zeitunterschied zwischen dem ersten und

dem zweiten Alarm sehr

kurz war und die Menschen

daher nicht viel Zeit hatten,

sich auf eine Evakuierung

vorzubereiten.

Die Familien stehen wieder

am Anfang, sie haben fast

alles verloren. Neben dem

Bedarf an Lebensmitteln

und Wasser bitten einige Familien

um Pappunterlagen,

Matten und Decken, um sich

in der Nacht warm zu halten.

Nica und ihre Familie sind

auch von den jüngsten

Überschwemmungen betroffen,

aber weil sie und ihre

Schwester Isa, eine weitere

Katharina-Stipendiatin, ihr

Studium beenden konnten und sichere Jobs gefunden haben,

haben sie nun ein Haus in einem Hochwasser geschützten Bereich

gemietet.

Nica erzählt, dass während des Taifuns Ketsana ihr zweistöckiges

Barackenhaus noch komplett unter Wasser stand. Dieses

Mal stand das Wasser, verursacht durch den Taifun Vamco, in

ihrer gemieteten Wohnung nur hüfthoch, und sie mussten nicht

evakuiert werden.

Konkrete und vorbeugende Hilfe

San Mateo ist eine überschwemmungsgefährdete Stadt, aber

weil KtW und KGP junge Menschen in ihrer Ausbildung unterstützen

konnten, müssen Nica, Isa und die anderen Katharina-

Stipendiaten nicht mehr Schlange stehen und mit anderen Familien

um ein Hilfspaket kämpfen. Vielmehr bereiten sie sich jetzt

selbst darauf vor, Hilfspakete für ihre ehemaligen Nachbarn zu

verteilen. So konnten sie aus dem Kreislauf der Bedürftigkeit

ausbrechen, den Katastrophenopfer durchlaufen.

Im Stadtteil von San Mateo, in dem Samakaba-Bewohner leben,

wohnen mehr als tausend Familien. Wir können nicht allen Familien

helfen, aber mit Ihrer Unterstützung können wir mehr junge

Menschen zur Schule schicken, und dadurch hoffen wir, dass es

mehr junge Leute wie Nica Bacalla geben wird, die in solchen

Katastrophenzeiten auf eigenen Füssen stehen können.

Chloe Garcera Ben ist Sozialarbeiterin, Teamleiterin bei der philippinischen

Rundfunk- und Fernsehgesellschaft und Mitglied der KGP. Sie

lebt mit ihrer Familie in Quezon City.

weltweit NACHRUF

9. April 1944 – 15. November 2020

P. Anton Schönbächler, Redemptorist

Dem kleinen Toni wurde die Berufung zum

Priester in die Wiege gelegt, denn sie stand

im alten Pfarrhaus von Aarau. Dort kam er

am 9. April 1944 als erstes von sechs Kindern

zur Welt. Sein Vater Anton war Uhrmacher,

seine Mutter Lina kümmerte sich

um die Kinderschar.

Toni Schönbächler absolvierte das Gymnasium

bei den Redemptoristen in Matran und

studierte Theologie an der ordenseigenen

Hochschule in Gars am Inn in Oberbayern.

1972 wurde er in Beckenried von Bischof

Johannes Vonderach zum Priester geweiht.

Dann wirkte er in der Pfarrei Santa Teresa in Viganello, wo er

sich stark für die Jugendlichen engagierte. 1979 wurde er in die

Gemeinschaft Mariawil nach Baden gerufen, wo er in der Seelsorge

der umliegenden Pfarreien mitarbeitete und die Missionsprokur

für Bolivien übernahm. Durch seine Arbeit und Besuche

in Bolivien bekam er Einblick in das Leben, die Freuden und

Nöte der Menschen und in die Arbeit der Mitbrüder in diesem

Land. Auch zu Mitbrüdern in Brasilien pflegte er Kontakte.

Von 1979 bis 1996 beteiligte sich Pater Toni an zahlreichen Volksmissionen

in der Deutschschweiz. Ab 1980 begleitete er über

200 Lourdes-Wallfahrten. Ordensintern amtete er unter anderem

als Rektor der Gemeinschaft von Mariawil, als Regional-Ökonom

der Schweizer Redemptoristen sowie als Verwalter des Hilfswerks

St. Klemens. Etwas Abwechslung und Luft gönnte er sich

mit Besuchen bei seinen Geschwistern und seinem betagten

Vater sowie beim Volleyball im Stadtturnverein Baden.

Mitte Oktober hustete P. Toni Schönbächler leicht und hielt es für

eine Grippe. Aber nach einigen Tagen musste er sich in Spitalpflege

begeben. Covid-19 liess ihn nicht mehr los, sodass er,

für alle überraschend und schmerzlich, am 15. November starb.

Pater Toni war ein hilfsbereiter und stets fröhlich gestimmter

Mensch. Er verfügte über ein ausgezeichnetes Gedächtnis und

war sehr gewissenhaft und exakt. Auf ihn trifft das Gleichnis vom

Verwalter zu: «Herr, fünf Talente hast du mir gegeben. Siehe, ich

habe noch fünf dazu gewonnen. Sehr gut, komm, nimm teil am

Freudenfest deines Herrn!» Möge P. Toni Schönbächler das

Freudenfest geniessen!

Wir alle danken ihm von Herzen für alles.

WeltWeit-Vorstand und -Redaktion

1/2021


34

PROJEKTHILFE

24085

weltweit

PROJEKTHILFE

MISSIO

Kirchen-Investition

Die katholische Kirche kann in Namibia

ohne Einschränkungen leben. – Studium

am Seminar St. Charles Lwanga.

SIEGFRIED OSTERMANN

Namibia im südlichen Afrika ist ein weitgehend christliches Land.

Etwa 20 Prozent der Bevölkerung gehören zur katholischen Kirche,

die in drei Diözesen gegliedert ist. Die theologische Ausbildung

erfolgt im Seminar St. Charles Lwanga in Windhoek, aktuell

mit über 40 Studierenden. «Das ist die höchste Anzahl seit

vielen Jahren!» schreibt uns stolz Pater Benny Karuvelil, der Rektor

des Seminars. Neben den Priesteramtskandidaten (24) sind

es die Studenten der «Oblaten der Unbefleckten Jungfrau Maria»

und die Ordensfrauen der «Missionsschwestern des Heiligsten

Herzen Jesu», die im Seminar Kurse in Theologie belegen.

Akademisches und Soziales

Das St. Charles Lwanga Seminar ist bemüht, einen

hohen akademischen Standard einzuhalten. «Unsere

Abschlüsse sind von der Nationalen Bildungsbehörde

anerkannt. So können wir seit 2010 Bachelor-Diplome

sowie Abschlussdiplome in Theologie und Philosophie

vergeben», zeigt sich Pater Benny zufrieden. Die Vorlesungen

erfolgen zum Teil auch online mit Videoübertragungen!

«Im St. Charles Lwanga Seminar legen wir nebst der

theoretischen Ausbildung auch grossen Wert auf die

menschliche Entwicklung der Studierenden», erzählt

der Rektor aus der Ausbildungspraxis. «Die jungen

Leute sollen zu reifen Menschen heranwachsen und gesunde

zwischenmenschliche Beziehungen entwickeln

und pflegen.»

Selbstständigkeit und Selbstversorgung gehören zum

Selbstverständnis jeder Ortskirche. Das setzt voraus,

dass das Kirchenpersonal in gewissem Umfang in allen

Aspekten des Gemeindelebens geschult ist. Das St.

Charles Lwanga Seminary legt grossen Wert auf diesen

Aspekt, insbesondere darauf, die Seminaristen mit allen

Arten von Reparatur- und Renovierungsarbeiten vertraut

zu machen.

Seelsorgerliche Bildung

Durch die regelmässige Feier der Liturgie, der gemeinschaftlichen

und persönlichen Bibellektüre und anderer

geistlicher Übungen wird die Beziehung zu Gott vertieft.

Jährlich gibt es auch Retraiten, die sich verschiedenen

Themen widmen, wie zum Beispiel den Schreiben von

Papst Franziskus.

Um die seelsorgerliche Arbeit praktisch zu erlernen und

zu vertiefen, bieten sich den Studierenden verschiedene

Möglichkeiten. Sie nehmen regelmässig an Pfarreiaktivitäten

teil, sind als Katecheten tätig, besuchen Krankenhäuser,

beten mit den Kranken und begleiten deren

Angehörige. Auch regelmässige Besuche in sozialen

Einrichtungen gehören dazu.

12 181 Franken steuerte Missio Schweiz 2019 an die Ausbildungskosten

für die Priesterseminaristen bei. Wir sind überzeugt

davon, dass dies eine sehr gute Investition in die Kirche von

Namibia ist. Deshalb wollen wir das Seminar St. Charles Lwanga

weiterhin unterstützen. Dank vieler treuer Spenderinnen und

Spender kann Missio den Wunsch tausender junger Frauen und

Männer weltweit erfüllen, die sich in den Dienst der Kirche und

ihrer Mitchristen stellen wollen. Danke, dass Sie diese jungen

Menschen fördern.


35

weltweit

ABOKARTE

Nicht frankieren

Ne pas affranchir

Non affrancare

Ja, ich bestelle Gratis-Probeexemplare von WeltWeit

Ja, ich bestelle ein Jahresabo für CHF 36.– (Europa EUR 35.–/übriges Ausland CHF 54.–)

Ja, ich unterstütze WeltWeit mit einer Spende von CHF

Geschäftsantwortsendung Invio commerciale risposta

Envoi commercial-réponse

Rechnungsadresse:

Name/Vorname:

Strasse/Postfach:

Telefon:

Datum:

PLZ/Ort:

E-Mail:

Unterschrift:

Ja, ich schenke WeltWeit für ein Jahr und CHF 36.– an

Empfängeradresse:

Name/Vorname:

WeltWeit

Postfach 85

1701 Freiburg

Strasse/Postfach:

PLZ/Ort:

Bei Fragen erreichen Sie WeltWeit unter:

Telefon +41 (0)26 422 11 36

Telefax +41 (0)26 422 11 37

E-Mail: info@weltweit.ch

www.weltweit.ch

Zeitschrift

ALLGEMEINE SPENDEN

Mess-Stipendium (Fr. 10. –)

40 001

Kinder- und Jugendarbeit («Taufspende»)

40 003

Hungernde

40 004

Lepra und andere Tropenkrankheiten

40 005

Kinder in Not

40 015

WÄHLEN SIE DIE KENNZIFFER IHRER SPENDE

Postkonto: Freiburg 17-6021-7

NOT- UND PROJEKTHILFE

Hilfe für Überschwemmungsopfer und

Katastrophenvorsorge in San Mateo,

Rizal, Philippinen (S. 32–33).

34042

KATHARINA-WERK

Sozialaprojekte von P. Hugues Kadiambiko

in Miyamba im Nordwesten von

Kongo RDC (S. 28–29).

28003

REDEMPTORISTEN

Ausbildung von jungen Männern und

Frauen im Seminar St. Charles Lwanga,

Namibia (S. 34).

24085

MISSIO

Digitalisierung der St. Scholastica

Catholic School in Ruaraka, Kenia

(S. 30–31).

27061

MISSIONS-BENEDIKTINERINNEN

Grafik- und Druckereikurse für Jugendliche

im Centro Profissional Gráfico in

Porto Alegre, Brasilien (S. 37–38).

33036

SALESIANER DON BOSCOS


36

weltweit

ENTWICKLUNGSPARTNERSCHAFT GLOBALEGERECHTIGKEIT

weltweit

ABOKARTE

Schenken Sie sich und anderen

Zuversicht und Perspektiven

11 in der Entwicklungshilfe

engagierte Gemeinschaften

– eine Zeitschrift.

WeltWeit vermittelt Ihnen Hoffnung und Optimismus –

in einer manchmal entmutigenden Weltentwicklung.

WeltWeit gibt Ihnen christliche und ethische Orientierung –

in einem widersprüchlichen Zeitgeschehen.

WeltWeit zeigt Ihnen, wie im Kleinen Grosses möglich ist –

in Alltag und Gesellschaft, in Partnerschaft für globale Gerechtigkeit.

Mit einem Abonnement und Ihrer

Spende ermöglichen Sie, dass wir

anderen Menschen helfen können.

Postkonto: Freiburg 17-6021-7

IBAN: CH56 0900 0000 1700 6021 7

BIC POFICHBEXXX

Herzlichen Dank!

Liebe Leserin, lieber Leser

Bitte verwenden Sie die Karte oben zur Weitergabe eines Abonnements und den Einzahlungsschein unten

zur Unterstützung eines Hilfsprojektes. Herzlichen DANK!

Empfangsschein / Récépissé / Ricevuta Einzahlung Giro Versement Virement Versamento Girata

Einzahlung für / Versement pour / Versamento per

Einzahlung für / Versement pour / Versamento per

WeltWeit, Spendenkonto

WeltWeit, Spendenkonto

1701 Freiburg

1701 Freiburg

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CHF



❑ Freie Gabe

❑ Kennziffer Nr.

❑ Für folgenden Zweck:

CHF



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Fr.

Fr.

Fr.

Fr.

Einbezahlt von / Versé par / Versato da

Empfangsbestätigung

erwünscht:

❑ ja

❑ nein

BAG 2019

Einbezahlt von / Versé par / Versato da



202

441.02

Die Annahmestelle

L’office de dépôt

L’ufficio d’accettazione

170060217>

170060217>


37

PROJEKTHILFE

33036

weltweit

BRÜCKENSCHLAG

SALESIANER DON BOSCOS

Centro Profissional Gráfico

Jugendliche lernen Techniken

der Grafik und Druckvorstufe.

(Bilder: Salesianer Don Boscos)

KATHARINA KOCHERHANS

In den 1950er Jahren gründeten die Salesianer Don Boscos die

Casa do Pequeno Operário in Porto Alegre, Brasilien. Sie führen

dort die Schule Colégio Dom Bosco. Diese bietet vom Kindergarten

bis zur Oberschule alle Stufen an. Um das Angebot zu

ergänzen, wurde 1996 ein Kompetenzzentrum gegründet, in

dem Jugendliche aus sozial benachteiligten Verhältnissen eine

Ausbildung im Grafikgewerbe (Design, Druck, Binden) absolvieren

können. Diese dauert drei Semester und vermittelt den Jugendlichen

praktische, theoretische und menschliche Kompetenzen,

die es ihnen ermöglichen, in die Berufswelt einzusteigen.

Die erfolgreichen Absolventen erhalten ein staatlich anerkanntes

Diplom. Seit dem Start haben mehr als 1700 Jugendliche die

Kurse erfolgreich durchlaufen.

Hochwertiger Berufskurs

Porto Alegre ist mit ungefähr 1,5 Millionen Einwohnern eine der

grössten Städte Brasiliens. Sie liegt im Südosten des Landes.

Kriminalität, Drogenhandel und Suchtprobleme prägen den

Alltag der Menschen. Das karge Familieneinkommen reicht oft

nicht für das Notwendigste. Einige Familien leben auch von der

Alterspension der Grosseltern. Die Eltern gehen meist einer informellen

Tätigkeit nach – der Verdienst ist starken Schwankungen

unterworfen. Deshalb ist der Druck auf die Kinder sehr hoch –

jede Hand muss mithelfen und zum Familieneinkommen beitragen.

Dies verhindert, dass Jugendliche aus diesen benachteiligten

sozialen Schichten eine Ausbildung absolvieren. Die Einbussen

wären zu hoch.

Gegen diesen Umstand kämpfen die Salesianer Don Boscos mit

dem Centro Profissional Gráfico an. Sie bieten einen hochwertigen

Berufskurs an, leisten wertvolle Sensibilisierungsarbeit und

überzeugen die Eltern davon, dass es sich lohnt, Zeit für eine

gute Schul- und Berufsbildung einzusetzen. Deshalb wird eine

Ausbildung in grafischer Verfahrenstechnik angeboten. Bedingung,

um am Programm teilzunehmen, ist, paralell zu den Berufskursen

die Schule zu besuchen und abzuschliessen. Ebenso

wird ein Empfehlungsschreiben eines Erwachsenen verlangt, sei

es von einem Lehrer, einem Pfarrer oder einem Bekannten der

Herkunftsgemeinde. Unter diesen Voraussetzungen fördern die

Salesianer Don Boscos Jugendliche aus armen Verhältnissen.

Diese bringen grossen Ehrgeiz mit und wollen ihr Leben selbst

in die Hand nehmen.

Ganzheitliche Bildung

Jedes Jahr haben ungefähr 80 Jugendliche zwischen 15 und 18

Jahren die Möglichkeit, im Centro Profissional Gráfico eine Ausbildung

zu absolvieren. Die Berufskurse finden am Morgen oder

1/2021


38

weltweit

BRÜCKENSCHLAG

am Nachmittag statt und dauern drei Semester. In Brasilien besuchen

alle Schülerinnen und Schüler die Schule nur halbtags.

Dies ermöglicht ihnen, während dem andern halben Tag den

Kurs zu besuchen.

Der Fokus der Ausbildung liegt auf dem Erwerb von praktischen

Fähigkeiten im Bereich Grafik, Design, Layout, sowie dem Aufbau

und der Funktionsweise von Unternehmen. Jedoch sollen

nicht nur technische Fähigkeiten vermittelt, sondern die Integration

und das Bewusstsein jedes Einzelnen gefördert werden.

Aktivitäten wie religiöse Bildung, der Besuch von zwei Druckund

Grafikfirmen pro Semester sowie ein Ausflug in die Umgebung

von Porto Alegre fördern diese Fähigkeiten. Besonders

Abschluss an der Faculdade Dom Bosco anstreben. Dies wird

durch eine Vereinbarung zwischen dem Ausbildungszentrum und

der Fakultät ermöglicht. Jugendliche, die den technischen Kurs

erfolgreich absolviert haben und ein Studium an der Fakultät

Dom Bosco aufnehmen wollen, können ein Stipendium zu beantragen.

Dieses reduziert die monatlichen Studiengebühren um

80 Prozent. So ausgebildet haben Jugendliche in Porto Alegre

Instrumente in der Hand, eine gut bezahlte feste Arbeitsstelle

zu finden und dank dem Einkommen für sich und ihre Familien

zu sorgen. Die Betreuenden stellen fest, dass sich die jungen

Menschen dank diesem Programm grundlegend verändern. Sie

erhalten nicht nur Zugang zum Arbeitsmarkt – sie übernehmen

In der Druckerei gilt es, etliche

Maschinen zu bedienen.

der Besuch von Firmen ist für die Jugendlichen wertvoll, da sie

einen Einblick in den Berufsalltag bei möglichen Arbeitgebern erhalten

und sich für eine Anstellung empfehlen können.

Jobanschluss

Die jungen Frauen und Männer werden während der Ausbildung

auch ermuntert, dass sie nach der Basisausbilung einen höheren

auch Verantwortung in Familie und Gesellschaft. Durch Bildung

entwickeln sie ihre Fähigkeiten, die früher verschüttet waren.

Das persönliche und berufliche Wachstum verändert nicht nur

das Leben dieser jungen Menschen, sie werden zu Protagonisten

ihrer Geschichte: als selbständige, ausgebildete Frauen und

Männer dienen sie als Ansporn und Vorbild für ihre Geschwister,

Verwandten und Freunde.

Grosse Herausforderung

«Mein Name ist Maria Glaci da Silva. Ich gehöre zum Ausbildungs-Team des Centro Profissional Gráfico

Don Bosco in Porto Alegre. Wegen der Pandemie mussten wir den Präsenzunterricht unterbrechen. Die

grösste Herausforderung besteht für mich darin, die Jugendlichen zu motivieren, an den online-Aktivitäten

teilzunehmen sowie den Kontakt zu ihnen nicht zu verlieren. Zu diesen Herausforderungen gehört nebst

dem Verständlichmachen der Inhalte die Schwierigkeit der Jugendlichen, auf die Lehrplattformen zuzugreifen.

Viele von ihnen verfügen weder über einen Computer noch über ein Handy, die für den Zugang zu den

virtuellen Räumen nötig sind.

Es liegt an uns Betreuerinnen und Betreuern, der Koordination und den Lehrern, nach Alternativen zu suchen,

um sie motiviert zu halten und allen eine effektive und effiziente Begleitung anzubieten. Die Lehrpersonen

bemühen sich um ein abwechslungsreiches Programm mit dynamischen Unterrichtsstunden, die

leicht verständlich sind, angemessene Mittel verwenden und den Schülerinnen und Schülern die nötige

Zeit geben, die Aufgaben zu machen und einzusenden. Die Herausforderungen sind gross, aber wir hoffen,

dass all dies gut vorübergeht. An dieser Stelle bedanke ich mich herzlich für die Unterstützung, die wir aus

der Schweiz für die integrale Bildung im Geiste Don Boscos unserer jungen Menschen erhalten.»


39

weltweit

SCHLUSSPUNKT

VORSCHAU 2/21

Weltgemeinwohl braucht Priorität

«Gegenwerte» zu National-Egoismen

weltweit

HERAUSGEBERGEMEINSCHAFT

MARIANNHILLER MISSIONARE

Missionshaus St. Josef, St. Josefsweg 15,

6460 Altdorf, Postkonto Luzern 60-187-8

Tel. 041 874 04 40, Fax 041 874 04 41

Redaktion: P. Peter Grand

www.stiftung-mariannhill.ch

SCHWEIZER REDEMPTORISTEN

Bruggerstrasse 143, 5400 Baden

Postkonto Bolivien-Mission, Baden 50-182-9

Tel. 056 203 00 44, Fax 056 203 00 40

Redaktion: José Balmer

www.redemptoristen.de

Corona und Agenda 2030

Transformation statt Rückschritt

Schlaf: Wie ins Lot kommen?

IMPRESSUM

WeltWeit

Ausgabe 1/2021: Februar-März

Zeitschrift für Entwicklungspartnerschaft und

globale Gerechtigkeit.

61. Jahrgang, erscheint 6x im Jahr.

Jahresabonnement:

Schweiz: CHF 36.– (inkl. 2,5% MWST.)

Europa: Euro 35.–, übrige Länder: CHF 54.–

Herausgebergemeinschaft:

Sr. Ingrid Grave (Präsidentin),

Klosterweg 16, 7130 Ilanz, Tel. 081 926 95 00,

ingrid.grave@klosterilanz.ch

Redaktion: Theo Bühlmann,

Fuchsacker 3, 6233 Büron,

Tel. (bitte auf Beantworter sprechen): 041 933 13 23,

at.buehlmann@bluewin.ch

Administration, Abonnemente und Werbung:

Thérèse Corpataux-Roggo/Chantal Tinguely-Neuhaus,

Postfach 85, 1701 Freiburg

Tel. 026 422 11 36, info@weltweit.ch

Postkonto: PostFinance AG 17-6021-7

IBAN CH56 0900 0000 17006021 7

Layout/Gestaltung:

Othmar Huber, Luzern

Satz, Druck und Versand:

Brunner Medien AG,

6010 Kriens, www.bag.ch

Redaktionsschluss:

WeltWeit 2/2021: Mitte Februar

BARMHERZIGE SCHWESTERN

VOM HEILIGEN KREUZ INGENBOHL

Klosterstrasse 10, 6440 Brunnen

Postkonto Luzern 60-4000-2

Tel. 021 825 20 00

Redaktion: Sr. Anna Affolter

Tel. 041 825 21 04

www.scsc-ingenbohl.org

www.kloster-ingenbohl.ch

SCHWESTERN VOM HEILIGEN KREUZ

Missionsprokura, Hauptstrasse 11,

6313 Menzingen, Postkonto Zürich 80-4085-5

Tel. 041 757 40 40, Fax 041 757 40 30

Redaktion: Sr. Thomas Limacher

www.kath.ch/kloster-menzingen

www.holycross-menzingen.org

MISSIO

Internationales Katholisches Missionswerk

Rte de la Vignettaz 48, Postfach 187

1700 Freiburg, Postkonto Freiburg 17-1220-9

Tel. 026 425 55 70, Fax 026 425 55 71

Redaktion: Siegfried Ostermann

www.missio.ch

MISSIONS-BENEDIKTINERINNEN

Missions-Prokura, Benediktenweg 5,

82327 Tutzing, Tel. 0049 8158 90710-0

Kreissparkasse München-Starnberg

IBAN: DE72 7025 0150 0430 5709 86

Redaktion: Sr. Eva-Maria Zierl

www.missions-benediktinerinnen.de

MISSIONSFRANZISKANERINNEN

VON MARIA IMMAKULATA

Franziskusstrasse 15, 9463 Oberriet

Postkonto St. Gallen 90-2312-4, Tel. 071 763 70 40

Missionsprokura und Redaktion:

Sr. Angela Jojoa, Laura Schmiedeknecht

FRANZISKANER MISSIONSSCHWESTERN

VON MARIA HILF

Sinserstrasse 12, 5644 Auw (AG)

Postkonto Luzern 60-20513-6, Tel. 056 668 27 08

Mail: gen.missionsprokur@bluewin.ch

Missionsprokura und Redaktion: Sr. Angela Fink

www.fmmh.org

SALESIANER DON BOSCOS

Don Boscostrasse 29, 6215 Beromünster

Postkonto Luzern 60-28900-0

Tel. 041 932 11 11, Fax 041 932 11 99

Redaktion: P. Toni Rogger

www.donbosco.ch

KATHARINA-WERK

Neubadstrasse 95, 4054 Basel

Tel. 061 307 23 23, Fax 061 307 23 53

Redaktion: Heidi Rudolf

www.katharina-werk.ch

DOMINIKANERINNEN

Klosterweg 16, 7130 Ilanz

Tel. 081 926 95 60, Postkonto 70-188-7

Missionsprokur: Sr. Ingrid Grave, Christine Imholz

www.kloster-ilanz.ch

weltweit UNERHÖRT

«Am Ursprung der Krise, die wir durchmachen, steht eine tiefe

anthropologische Krise. Wir haben neue Götzen geschaffen.

Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs (Ex 32,1-35) hat eine

neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des

Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und

ohne ein wirklich menschliches Ziel.»

Apostolisches Schreiben «Evangelii gaudium» von Papst Franziskus

1/2021


40

weltweit

MUTMACHER

Tiefe des Menschseins

Riham Mahfouz.

(Bild: zVg)

Vor rund drei Jahren lernte ich bei interreligiösen Begegnungen

und in der Frauengruppe der Ferdaws-Moschee in Basel

Riham Mahfouz kennen. Schnell habe ich gespürt, mit wie viel

Empathie, Verständnis und Hinhören sie auf höchst kompetente

Weise auf die Frauen zugegangen ist. Ihre Kurse zu Gesundheit

und Beziehungen waren auch für mich ein Highlight.

In der Moschee waren bis vor Corona Menschen aus aller

Welt, viele Flüchtlinge mit ihren traumatischen Lebenserfahrungen,

anwesend. An interreligiösen Veranstaltungen gab

Riham Inputs zu verschiedensten spirituellen Fragen – vielen

von uns gingen dabei Lichter auf, was denn hinter den oft zitierten

fünf Säulen des Islam, hinter Vorschriften und Geboten

stand. Ein lebendiges «Stützkorsett» für das Leben entstand

vor unseren Augen.

Riham Mahfouz, Fachärztin für Kardiologie, arbeitete im Spital

und als Assistentin an der medizinischen Hochschule in Kairo.

Sie ist vor zehn Jahren mit ihrem Mann und drei Kindern in

die Schweiz gekommen. Mit Studium in Ägypten ist sie in der

Schweiz als Ärztin nicht zugelassen. Die Labortätigkeit befriedigte

sie aber nicht. «Ich wollte unbedingt mit Menschen arbeiten»,

so Riham. An der Uni Basel machte sie deshalb ein

Nachdiplomstudium (MAS) in Friedens- und Konfliktmanagement

– und schloss in England mit einem Master in Positiver

Psychologie ab. Das brachte sie zu dem Engagement, das sie

heute alltäglich für die Menschen tut, die sie brauchen.

Die Verhaltenstherapie ist gerade auch für Flüchtlinge

von Bedeutung, schafft sie doch auch ein «Umpolen»

des Gehirns bis hin zu neuen positiven Erfahrungen.

Danach arbeitete sie ein Jahr lang bei der ökumenischen

Stelle für Asylbewerber an der Empfangsstelle in Basel.

Religion und Sprache waren für deren Willkommenserfahrung

immens wichtig, ebenso wie ihr Engagement

beim Frauenkreis für Flüchtlinge in Lörrach. Seit drei

Jahren bietet sie Therapien in unterschiedlichem Rahmen

an, vor allem in Arabisch und Englisch, auch für

Nicht-Flüchtlingsfrauen und Frauen, die nicht Muslimas

sind. Sie tut dies in der Moschee, aber auch übers Internet,

besonders für Frauen in Kriegsgebieten (Yemen und

andere Länder), die sonst keinen Zugang zu einer therapeutischen

Unterstützung haben. Daneben ist sie regelmässig

in der Moschee engagiert. Dies ist auch in Corona-Zeiten

sehr wichtig. Wir müssen physisch Distanz

halten, sollen aber die spirituelle und menschliche Nähe

fördern. Bevor es den Lockdown in Basel gab, führte sie

einen fünfwöchigen Kurs durch, unter anderem mit der

Fragestellung: Wie kann ich durch verschiedene Übungen

und Techniken glücklich sein, Frieden in meine Seele

bringen? All diese Engagements tut sie auf freiwilliger

Basis. Oder zu einem nur symbolischen Preis!

Menschen wie Riham sind gemeinsam mit uns auf einem

Weg der spirituellen Vertiefung. «Fast alle Aspekte meines

Lebens sind durch die Werte des Islam bestimmt»,

so Riham Mahfouz. «Der Islam als Lebensmanifest bestimmt,

wie ich mit meinem Partner, den Kindern, Nachbarn,

mit meinem Chef – und mit Fremden – umgehe.

Er zeigt mir, wie ich Mitgefühl und Empathie haben und

die Gefühle der andern respektieren kann. Wie ich die körperliche

Gesundheit durch Essen und Bewegung erhalten kann.

All dies steht schon im Koran und ist auch der tiefere Sinn

aller Gebote. Sie sind nicht dazu da, dem Menschen Angst zu

machen vor einem strafenden Gott, sondern helfen uns aus

Liebe von und zu Gott und zu allen Menschen zu leben».

Heidi Rudolf

1/2021

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