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humanistisch! Das Magazin #13 - 2/2021

Lach doch mal - Wie gut vertragen sich Humanismus und Humor?

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<strong>#13</strong> / April <strong>2021</strong> <strong>humanistisch</strong>!<br />

I<br />

n der Hauptstadt eröffnet ein neues<br />

Museum: das Disgusting Food Museum<br />

Berlin. Was hat es damit auf<br />

sich? Warum ausgerechnet für den<br />

Ekel einen Kulturort schaffen? Schließt<br />

Kultur alles Unschöne und Ekelhafte<br />

nicht aus? In kulturwissenschaftlicher<br />

Hinsicht ist das keineswegs ausgemacht.<br />

Im Ekel steckt das Potenzial, Menschen<br />

und ihre Überzeugungen und Lebensgewohnheiten<br />

kennenzulernen. Der Ekel ist<br />

Ich ekle<br />

mich,<br />

also<br />

bin<br />

ich.<br />

Ein<br />

neues<br />

Museum<br />

für alle<br />

Sinne<br />

ein Prisma kultureller Selbstverständnisse.<br />

<strong>Das</strong> lässt sich in größere Zusammenhänge<br />

einordnen.<br />

Lob des Denkens<br />

Der französische Philosoph René Descartes<br />

steht am Anfang jenes Prozesses,<br />

den wir Aufklärung nennen. Aufklärung<br />

als Ausgang des Menschen aus der mittel-<br />

Foto: © DFM, HV<br />

alterlichen Licht- und Vernunftlosigkeit<br />

wie religiösen Bevormundung. Dieser<br />

Prozess brachte seit dem 17. Jahrhundert<br />

mehr mit sich als die Erlaubnis, sich in<br />

einer vermeintlich von Gott geschaffenen<br />

Welt aufhalten und nützlich machen dürfen.<br />

Die Welt wurde dem Menschen übergeben<br />

und in dessen Gestaltungsmacht<br />

überführt. Cogito ergo sum. Ich denke,<br />

also bin ich. Die Welt geht als Erfindung<br />

aus dem Denken des Einzelmenschen hervor.<br />

<strong>Das</strong> Selbstdenken sichert die Existenz<br />

des Menschen und sorgt dafür, dass<br />

immer neue und immer andere Welten<br />

entstehen können. Diese Macht des individuellen<br />

Gedankens sowie die Pluralität<br />

der Denkinhalte stößt jeden Dogmatismus,<br />

den religiösen wie den politischen,<br />

vom Sockel. Beides bildet das Fundament<br />

der westlichen Demokratien.<br />

Lob des Empfindens<br />

Soweit die Theorie und die Hoffnungen<br />

und Wünsche, die man aus ihr ableiten<br />

kann. Jeder von uns weiß allerdings<br />

und macht täglich die Erfahrung, dass<br />

die Praxis der Theorie zuwiderläuft, die<br />

Realitäten ganz anders verfasst sind<br />

und funktionieren, als man es sich vorher<br />

gedacht hatte. <strong>Das</strong> ist das Prinzip<br />

Olsenbande: Egon hat einen mächtig<br />

gewaltigen Plan, und der geht meistens<br />

schief. Auf die Entwicklung der neuzeitlichen<br />

Philosophie bezogen lässt sich daher<br />

sagen, dass zu der Macht des Denkens etwas<br />

anderes hinzukommen musste, damit<br />

sich der Mensch nicht ausschließlich im<br />

Virtuellen bewegt und dort verirrt, sondern<br />

er sich seine Lebenswelt tatsächlich<br />

aneignen kann. Diesem Themenkomplex<br />

widmet sich die neuartige Wissenschaftsdisziplin<br />

Ästhetik ab der Mitte des 18.<br />

Jahrhunderts. Zum Verständnis des Menschen<br />

als Wesen, das denkt, gehört die<br />

Erkenntnis des Menschen als Wesen, das<br />

empfindet, riecht und schmeckt. In der<br />

Erkenntnis der sinnlichen Vermögen des<br />

Menschen steckt die Entdeckung seiner<br />

realen Lebenswelt. Alles Ertastbare und<br />

in uns Einströmende macht diese aus. Die<br />

Welt muss für uns konkret werden, damit<br />

sie uns nicht suspekt bleibt. Ohne Verständnis<br />

und Einsatz der Sinne geht uns<br />

die Welt verloren.<br />

Darfs mehr<br />

als geschönt sein?<br />

Wer sich heute umblickt, findet sich in<br />

einer Überfülle ästhetischer Phänomene<br />

und Reize wieder: alles ist bunt, blinkt<br />

und tönt, das Design ist ein Bestandteil<br />

des Seins. Dennoch dominieren, bereits<br />

vor Corona, die Fernsinne, das Sehen und<br />

Hören aus sicherer Distanz. Wirklich und<br />

gefährlich nahe kommen wir den Dingen<br />

nicht mehr. Und wenn uns die Dinge nahekommen,<br />

wollen wir sie kontrollieren,<br />

damit sie unsere Wohlfühlblase nicht beschädigen.<br />

Körpergerüche müssen ausgetilgt<br />

oder gepimpt werden, wir essen nur<br />

Fleisch, das möglichst untierisch, also<br />

neutral oder überwürzt, schmeckt und<br />

optisch keinem Tier mehr zuzuordnen<br />

ist. Aber: Wo lebt das Schnitzeltier? Wie<br />

fängt man Fischstäbchen? <strong>Das</strong> Disgusting<br />

Food Museum Berlin macht bewusst<br />

und erlebbar, dass wir uns gewissermaßen<br />

in einer Scheinwelt bewegen, in einer<br />

Welt der Surrogate, der schönen Oberflächenreize,<br />

der optimierten Sinnlichkeit.<br />

Welchen Ekel blenden wir aus, wenn es<br />

um die Produktion von Nahrungsmitteln<br />

geht? Jeder liebt das sommerliche<br />

Grillen, aber kaum einer möchte wissen,<br />

wie es um das Nackensteak bestellt war,<br />

als es noch eine Steckdosennase und ein<br />

Ringelschwänzchen besaß, es verängstigt<br />

in Enge und ohne Tageslicht ausharren<br />

musste, um nach Irrwegen auf europäischen<br />

Autobahnen irgendwo geschlachtet<br />

und zerlegt zu werden. <strong>Das</strong> Disgusting<br />

Food Museum Berlin schaut hinter dieses<br />

Unkenntlichmachen unserer Nahrung.<br />

Schmeckt uns die Gänseleber noch, wenn<br />

wir den Leidensweg der Tiere kennen und<br />

diesen zusammen mit dem Trichter zum<br />

Stopfen des Geflügels in der Ausstellung<br />

direkt vor uns sehen?<br />

Den Ausbruch wagen<br />

<strong>Das</strong> Disgusting Food Museum Berlin<br />

führt mit über 90 Exponaten vor Augen<br />

bzw. vor die Nase und in den Mund, was<br />

wir am liebsten ausblenden: das Stinkende,<br />

das Blutige, alles Innere, dessen schöne<br />

Hülle wir bevorzugen. Wir blenden das<br />

aus, weil es uns an die eigene tierische<br />

Existenz erinnert, an jene Welt, der wir<br />

entwachsen sind, der wir entfliehen wollen,<br />

weil sie uns evolutionär festlegen<br />

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