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humanistisch! Das Magazin #13 - 2/2021

Lach doch mal - Wie gut vertragen sich Humanismus und Humor?

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<strong>humanistisch</strong>! <strong>#13</strong> / April <strong>2021</strong><br />

<strong>#13</strong> / April <strong>2021</strong> <strong>humanistisch</strong>!<br />

will. <strong>Das</strong> ist allerdings nur die halbe<br />

Wahrheit: Mit dem Grad der Kultiviertheit<br />

und Zivilisiertheit wächst ebenso das<br />

Bedürfnis, aus dem Korsett des schönen<br />

Scheins auszubrechen. Der Ekel in all<br />

seinen Formen wirkt wie ein Extremsport.<br />

Eine außergewöhnliche, körperlich<br />

aufwühlende Erfahrung lässt uns wieder<br />

fühlen, dass wir sind, zusammengesetzt<br />

aus Fleisch und Blut. Der stinkende, deformierte,<br />

übel schmeckende, uns in der<br />

Vorstellung verstörende Ekel ist jene Praxis,<br />

von der sich die Theorie keinen Begriff<br />

machen kann. Stellen wir uns dieser<br />

Realität, dann gehen wir dem entgegen,<br />

was man Ganzheit nennen mag.<br />

Streit und neue Perspektiven<br />

Der Ekel ist universell, und er ist es nicht.<br />

Jeder kennt das Gefühl des Ekels und<br />

ekelt sich, aber jeder ekelt sich eben anders.<br />

Den Ekel macht interessant, dass er<br />

je nach sozialer Herkunft und landestypischer<br />

Sitte ein anderer ist. Wer sich mit<br />

dem Ekel beschäftigt, beschäftigt sich<br />

mit dem bevorzugten oder abgelehnten<br />

Schmecken, Riechen und Tasten anderer<br />

Menschen. Damit stellt sich die Frage, ob<br />

wir bereit dazu sind und tolerant genug,<br />

den eigenen Ekel zu überwinden, weil<br />

dieser Ekel einen Wohlgenuss für andere<br />

Leute darstellt. Mich ekelt, was dich<br />

erfreut: <strong>Das</strong> mag eine Zumutung sein, es<br />

ist aber auch eine Einladung, die eigene<br />

Geschmacksblase aufzulösen und sich zu<br />

fragen, wie es denn sein kann, dass das<br />

Ekelhafte auch das Wunderbare ist. Über<br />

den Geschmack, über den Ekel ganz besonders,<br />

lässt sich trefflich streiten, und<br />

aus jedem Streit gehen neue Gedanken,<br />

Sichtweisen und vielleicht auch Vorlieben<br />

und sogar Freundschaften hervor.<br />

Insofern verbindet uns der Ekel, obwohl<br />

er uns zunächst voneinander zu trennen<br />

scheint.<br />

Was is(s)t der Mensch?<br />

Mit dem Ekel lässt sich die Entwicklungsgeschichte<br />

des Menschen erzählen. Der<br />

Ekel hatte und hat auch die Funktion,<br />

uns vor schädlichen Nahrungsmitteln zu<br />

bewahren. Ohne Ekelgefühl keine Entwicklungsgeschichte,<br />

weil ein falsches,<br />

nach Verwesung riechendes Mahl jedes<br />

Fortleben sofort beendet hätte. Der Ekel<br />

markiert ferner den Übergang von der<br />

Naturgeschichte zur Kultur- und Sozialgeschichte<br />

des Menschen, weil der Ekel<br />

das Leben strukturiert und ordnet: Jede<br />

Machtinstanz gibt zu verstehen, welche<br />

Nahrungsmittel erlaubt und welche<br />

gemieden werden sollten. Dabei geht es<br />

meistens weniger um den körperlichen<br />

Schaden, den Nahrungsmittel auslösen<br />

können, sondern um die Zugehörigkeit<br />

von Menschen, um ihre Unterscheidbarkeit<br />

und Abgrenzung gegenüber anderen<br />

Gruppen. In dieser Weise lassen sich religiöse<br />

Nahrungsgebote und -verbote verstehen.<br />

„Auch esset nichts Unreines und<br />

Ekelhaftes.“ So übersetzt Eucharius Ferdinand<br />

Christian Oertel 1817 eine Stelle<br />

aus der Bibel, aus dem fünften Buch<br />

Mose. <strong>Das</strong> Nachdenken über ästhetische<br />

und geschmackliche Fragen im 18. und<br />

19. Jahrhundert ist mitzudenken, wenn<br />

man Aufklärung und Säkularisierung als<br />

Einheit sieht. Die Sinnlichkeit unterläuft<br />

die Herrschaft der absolutistischen Vernunft<br />

wie der entstofflichten Kirche. Die<br />

Befreiung des individuellen Geschmacks<br />

geht einher mit dem Abwerfen politischer<br />

und religiöser Ketten. Der Mensch ist nur<br />

da frei, wo er essen kann, was ihm beliebt,<br />

und wo er ablehnen darf, was ihm<br />

geschmacklich unbehaglich erscheint.<br />

<strong>Das</strong> eine wie das andere ändert sich von<br />

Lebensphase zu Lebensphase. Insofern<br />

befeuert das Disgusting Food Museum<br />

Berlin das eigene Nachdenken über alte<br />

und künftige Essgewohnheiten. Ein aufmerksamer<br />

Gang durch die Ausstellung<br />

verdeutlicht, dass die heute viel beschworene<br />

Empathie weiter gefasst werden<br />

muss: Sehen wir sie nicht allein als die<br />

Bereitschaft, sich in die Einstellungen<br />

anderer Menschen einzufühlen, sondern<br />

als die Fähigkeit, sich in die Ernährungsund<br />

Genusskulturen anderer einzuschmecken.<br />

Der Ekel ist weniger ekelhaft<br />

als gedacht, wenn ich ihn selbst erlebt<br />

habe, um die Welt und ihre Menschen<br />

sinnlich-konkret kennenzulernen.<br />

Martin A. Völker<br />

Im DISGUSTING FOOD MUSEUM BERLIN<br />

präsentieren wir 90 der ekelhaftesten Lebensmittel<br />

der Welt. Infos auf Facebook und<br />

unter disgustingfoodmuseum.berlin<br />

Anrufen<br />

und abholen<br />

Gegen die wachsende Versorgungslücke im Lockdown hat die Humanistische<br />

Vereinigung in ihren Nürnberger „Kleiderläden für alle“<br />

einen Abholservice eingerichtet. Damit sollen Menschen mit geringen<br />

Einkommen weiterhin an preisgünstige Kleidung kommen können.<br />

Zum Zeitpunkt unseres Redaktionsschlusses durften in Bayern nur<br />

„für die tägliche Versorgung unverzichtbare Ladengeschäfte“ öffnen,<br />

außerdem seit dem 1. März auch Baumärkte und Gärtnereien. Jeder<br />

andere Einzelhandel blieb geschlossen. Für Menschen mit geringem<br />

Einkommen ist das ein großes Problem, sind es doch gerade Einrichtungen<br />

wie die Kleiderläden der Humanistischen Vereinigung, in<br />

denen sie preisgünstig Kleidung erstehen können.<br />

In Anlehnung an die in Bayern erlaubte Möglichkeit des „Click &<br />

Collect“ hat die HV im Januar deshalb einen „Klingel & Collect“-Service<br />

für ihre Kleiderläden eingerichtet, der sich gezielt an von Armut<br />

betroffene Kundschaft richtet. Unter der jeweiligen Telefonnummer<br />

des Ladens können Kund*innen ihren Bedarf durchgeben, und nach<br />

Terminvereinbarung kann die Ware dann im Kleiderladen abgeholt<br />

werden. Bezahlung und Warenübergabe erfolgen kontaktlos vor der<br />

Ladentür.<br />

<strong>Das</strong> Serviceangebot galt zunächst bis zum 13. Februar, wurde<br />

aufgrund des andauernden Lockdowns aber verlängert. Adressen<br />

und Dienstzeiten unserer Kleiderläden sind zu finden unter<br />

<strong>humanistisch</strong>e-vereinigung.de.<br />

Anlaufstelle für<br />

Seeleute<br />

Regionalgeschäftsführer Jürgen Steinecke, Till Andrzejewski und Axel Kittel.<br />

Die Humanistische Vereinigung hat den „Seafarer‘s Social Service<br />

Oldenburg“ (SSSO) ins Leben gerufen. Am Hafen ist der SSSO nicht<br />

nur die erste und bislang einzige soziale Betreuungsstelle für Seeleute,<br />

er ist auch die erste <strong>humanistisch</strong>e Einrichtung dieser Art in<br />

Europa.<br />

Als ein sehr weit binnenwärts gelegener Seehafen hat Oldenburg<br />

den Besatzungen bislang keine soziale Betreuung gemäß<br />

Seearbeitsübereinkommen geboten. Diese Lücke konnte die HV nun<br />

schließen, insbesondere dank der beiden Oldenburger Humanisten<br />

Till Andrzejewski und Axel Kittel, die schon aus eigener beruflicher<br />

Erfahrung – der eine ist Oberkommissar der Wasserschutzpolizei, der<br />

andere Kapitänleutnant der Deutschen Marine – um die besonderen<br />

Bedürfnisse von Seeleuten wissen und gemeinsam mit dem Regionalgeschäftsführer<br />

der HV, Jürgen Steinecke, den neuen Seafarer‘s Social<br />

Service Oldenburg (SSSO) konzipierten.<br />

Anlaufstelle öffnet in Kürze<br />

Im Frühjahr wird der SSSO eine eigene Immobilie beziehen. Dort<br />

wird, sobald es das Infektionsgeschehen zulässt, die Anlaufstelle<br />

„50 Miles“ (die Nordsee ist 50 Seemeilen vom Oldenburger Hafen<br />

entfernt) eröffnen.<br />

Bis es so weit ist, werden Axel Kittel und Till Andrzejewski die<br />

Seeleute im Hafen an Bord aufsuchen und ein offenes Ohr für ihre<br />

Anliegen haben. Für die soziale Betreuung der Seeleute stehen der<br />

HV außerdem zertifizierte Seelsorger*innen, Pädagog*innen und<br />

Psycholog*innen zu Verfügung. Eine religiöse Betreuung kann auf<br />

Wunsch vermittelt werden. Und: Auch ehrenamtlich Mitarbeitende<br />

sind herzlich willkommen.<br />

Weitere Informationen unter 50miles.de oder per E-Mail an<br />

ssso@<strong>humanistisch</strong>e-vereinigung.de.<br />

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