humanistisch! Das Magazin #13 - 2/2021
Lach doch mal - Wie gut vertragen sich Humanismus und Humor?
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<strong>humanistisch</strong>! <strong>#13</strong> / April <strong>2021</strong><br />
<strong>#13</strong> / April <strong>2021</strong> <strong>humanistisch</strong>!<br />
Unbewusste Vorurteile<br />
verringern – aber wie?<br />
Unbewussten<br />
Vorurteilen<br />
auf der Spur<br />
Auch wenn wir uns selbst für noch so aufgeklärte Menschen halten: Stereotypes<br />
Denken und unbewusste Vorurteile haben massiven Einfluss auf unser Denken<br />
und Verhalten. Mit einem neuen mobilen Bildungsangebot decken wir sie auf.<br />
A<br />
ls in meinen sozialen Medien vor einiger<br />
Zeit ein Trailer zu einem Filmprojekt über<br />
das Leben des legendären afghanischen<br />
Sängers Ahmad Zahir die Runde machte,<br />
überkam mich direkt eine mir ziemlich vertraute<br />
Ergriffenheit. <strong>Das</strong> Projekt, um das es ging, ist ein<br />
Dokumentarfilm über den Mann, der die afghanische<br />
Popkultur der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts<br />
prägte wie kein anderer, und heute, Jahrzehnte nach<br />
seinem ungeklärten Tod, immer noch als „afghanischer<br />
Elvis Presley“ verehrt wird. Der Film will dem Zuschauer<br />
über die Biographie des Musikers ein Afghanistan-Bild<br />
näherbringen, das in den letzten Jahrzehnten medial<br />
mit verzerrten Allgemeinplätzen überschrieben wurde.<br />
Ahmad Zahir gilt heute noch als nationale Ikone. Seine<br />
Musik: eine Melange aus Rock ‘n Roll und Poesie, die<br />
generationen- und geschlechterübergreifend berührt<br />
und den heutigen Status Quo vergessen lässt. Mit ihr<br />
fliehen wir gewissermaßen in eine bessere Vergangenheit.<br />
In ein Afghanistan vor dem Krieg.<br />
DIE BOX DES<br />
VORURTEILENS<br />
Dauer: 2-4 Stunden,<br />
Aufbauzeit: 15 Minuten,<br />
Vorbereitungszeit der<br />
Moderation für die<br />
Gruppenübungen:<br />
30-45 Minuten<br />
Alter: ab 16 Jahren<br />
Buchung und Kontakt:<br />
mobil@philoscience.de<br />
oder 0911 9443281<br />
Granatapfelbäume und<br />
ein afghanischer Elvis<br />
Aber was genau hat nun dieser für Sie vermutlich völlig<br />
unbekannte afghanische Sänger mit unbewussten Vorurteilen<br />
zu tun? Lassen Sie es mich so auflösen: Ahmad<br />
Zahirs Musik steht für ein längst verloren gegangenes<br />
afghanisches Lebensgefühl, das meine Generation<br />
nur aus Erzählungen der Eltern kennt, die lebendige<br />
Metropole Kabul in den 60er und 70er Jahren des<br />
letzten Jahrhunderts aber stark prägte. Mein Bild von<br />
Kabul ist immer noch das der damaligen Stadt. Es ist<br />
ein idealisiertes, ja überholtes Bild, das vor allem auf<br />
Erzählungen und Erfahrungen von Familienmitgliedern<br />
basiert, die von Krieg und Verfall selbst nicht allzu viel<br />
mitbekommen haben. Mein Bild von Kabul ist eine<br />
Collage aus positiven Vorurteilen über die Heimatstadt<br />
meines Vaters, die für mich beispielhaft für ganz<br />
Afghanistan steht. Mein Kabul, mein Afghanistan, das<br />
sind Teehäuser, Granatapfelbäume, überfüllte Basare,<br />
Fotos: ©adobestock<br />
im Hintergrund die beeindruckenden Berge des Hindukusch<br />
und natürlich die Menschen mit ihrer warmen<br />
Gastfreundlichkeit und lyrischen Sprache. Mit dem, was<br />
man in Zeitungen lesen kann, hat das wenig zu tun.<br />
Nun sind sowohl meine eigene, etwas emotionale Vorstellung<br />
einer Stadt wie auch die rationalere, mediale<br />
Darstellung geprägt von Vorurteilen. Vorurteile entstehen<br />
oft auf der Basis selektiver Wahrnehmung. Sie<br />
können glorifizieren oder abwerten – und das kann für<br />
uns vollkommen unbewusst passieren. Die boxdesvorurteilens<br />
beschäftigt sich mit genau diesen Phänomenen.<br />
Wahrnehmungsverzerrungen<br />
und Schubladendenken<br />
Unser Wahrnehmungsapparat ist im Laufe der Evolution<br />
entstanden. Er dient uns zur Orientierung und erlaubt<br />
es uns, unsere Umwelt schnell zu begreifen. Dabei<br />
bildet er die Welt aber nicht einfach ab – er legt sie für<br />
uns aus. <strong>Das</strong>s er dabei manchmal Fehlentscheidungen<br />
aufsitzt und auf Stereotype zurückgreift sowie Kategorisierungen<br />
und Schubladendenken begünstigt, müssen<br />
wir uns immer wieder aufs Neue bewusstmachen, um<br />
unsere unbewussten Vorurteile zu durchschauen. Unbewusste<br />
Vorurteile sind wie Spinnweben des Geistes,<br />
die unseren Blick verschleiern und Erkenntnis oft den<br />
Weg versperren. So ähnlich formulierte es zumindest<br />
Sir Francis Bacon in seiner Idolenlehre. Unbewusste Vorurteile<br />
sind aber vor allem Wahrnehmungsverzerrungen,<br />
über die wir keine Kontrolle haben – sie vollziehen<br />
sich eben unbewusst. Die Unmenge an Informationen,<br />
die wir über unsere Sinne aufnehmen, wird vom Gehirn<br />
zwar automatisch gefiltert, verarbeitet wird aber nur<br />
ein Teil davon. Denn unser Gehirn ist effizient: Um Ressourcen<br />
zu schonen, orientiert es sich an Mustern, an<br />
Bekanntem, Vorwissen oder Erfahrungen. <strong>Das</strong> Ergebnis<br />
eines Wahrnehmungsprozesses stellt es nicht in Frage.<br />
Damit unterlaufen unserem Gehirn fast zwangsläufig<br />
aber auch Fehlentscheidungen, wir werden anfällig für<br />
Schubladendenken, Kategorisierungen und Stereotypisierungen.<br />
Die boxdesvorurteilens entlarvt solche<br />
Automatismen unseres Gehirns und deckt anhand von<br />
Exponaten, Experimenten und Gruppenübungen auf,<br />
wie kognitive Verzerrungen im Gehirn entstehen, wie<br />
wir sie erkennen und begreifbar machen können. Auch<br />
lernen wir, wie sich unbewusste Vorurteile auf unseren<br />
Umgang mit unseren Mitmenschen auswirken können,<br />
wie man sein Gehirn eben doch überlisten kann.<br />
Mit der boxdesvorurteilens<br />
können Sie Wahrnehmungsverzerrungen<br />
und<br />
Automatismen des Gehirns<br />
auf anschauliche Art<br />
begreifbar machen.<br />
Die Box ist flexibel in<br />
Seminaren, Workshops,<br />
Projektwochen oder<br />
Diversity-Trainings einsetzbar.<br />
Mit insgesamt<br />
11 Exponaten und drei<br />
Gruppenaktivitäten<br />
werden die Teilnehmenden<br />
für unbewusste Vorurteile<br />
und automatisch aktivierte<br />
Stereotype sensibilisiert.<br />
In Gruppenübungen<br />
können die Beobachtungen<br />
vertieft und Diskussionen<br />
angeregt werden.<br />
Die Prägungen unseres Gehirns zu überlisten ist<br />
schwierig, man braucht dafür Zeit, aber auch ein hohes<br />
Maß an Motivation. Wir können jedoch lernen, unsere<br />
eigene Wahrnehmung und unsere Entscheidungen zu<br />
verstehen und zu reflektieren.<br />
Der erste Schritt ist, sich der eigenen unbewussten<br />
Vorurteile klar zu werden, denn keiner ist vor ihnen<br />
sicher. Es gilt, sich zu hinterfragen und sich zu informieren.<br />
Wer für Wahrnehmungsverzerrungen sensibilisiert<br />
ist, dem fällt es auch leichter, unbewusste Vorurteile<br />
zu erkennen. In einem weiteren Schritt muss man sich<br />
der eigenen Anfälligkeit bewusst werden. Wenn wir<br />
wissen, dass wir zum Beispiel in Stresssituationen eher<br />
dazu neigen, aufgrund unbewusster Vorurteile zu<br />
handeln, können wir dann, wenn es darauf ankommt,<br />
reflexhafte Entscheidungen vielleicht vermeiden.<br />
Außerdem spielen Perspektiven eine Rolle: Wenn<br />
wir uns selbst in eine andere Person hineinversetzen,<br />
können wir unsere Umwelt in Konfliktsituationen oder<br />
vor wichtigen Entscheidungen aus einem neuen Blickwinkel<br />
betrachten. Aber auch einfaches Beobachten<br />
kann helfen: Was sehe ich? Was denke ich? Löst eine<br />
Situation emotionale Beurteilungen in mir aus und<br />
warum ist das so? Mit diesen Fragen gelingt es auch, individuelle<br />
Prägungen – seien sie nun gesellschaftlicher,<br />
kultureller oder sozialer Natur – leichter bloßzulegen.<br />
Aber wohl am wichtigsten: Seien Sie neugierig und<br />
suchen Sie den Kontakt. Begeben Sie sich bewusst in<br />
Situationen, in denen Sie Mitglieder Ihnen „fremder“<br />
Gruppen treffen. Suchen Sie das Gespräch, tauschen Sie<br />
sich aus. Mit der boxdesvorurteilens lernen Sie, in sich<br />
hinein zu schauen, um eigene festgefahrene Denkmuster<br />
zu erkennen, zu verringern und hoffentlich sogar zu<br />
überwinden. Und auch positive Vorurteile sind es wert,<br />
hinterfragt zu werden. Denn obwohl ich das anfangs<br />
beschriebene, beschönigende Bild eines Ortes in mir<br />
trage, möchte ich gleichzeitig dessen Realität, eine auf<br />
vielen Ebenen erschütternde Realität, anerkennen.<br />
Nina Abassi<br />
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