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humanistisch! Das Magazin #13 - 2/2021

Lach doch mal - Wie gut vertragen sich Humanismus und Humor?

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<strong>humanistisch</strong>! <strong>#13</strong> / April <strong>2021</strong><br />

<strong>#13</strong> / April <strong>2021</strong> <strong>humanistisch</strong>!<br />

Evolutionsbiologisch<br />

liegen das Lachen und das<br />

Zähnefletschen ohnehin nicht<br />

so weit auseinander.<br />

sogenannten säkularen Szene oft auch dann angeschlagen<br />

wird, wenn es tatsächlich einmal witzig<br />

werden soll.<br />

Denn merke: Witze in der sogenannten säkularen<br />

Szene richten sich – und hier unterscheiden<br />

sie sich vom jüdischen Witz - nie gegen sich selbst.<br />

Eher neigen sie, wie schon Sebastian Rothlauf in<br />

seinem Editorial für diese Ausgabe richtig bemerkt,<br />

zu einer zynischen Arroganz, die vor allem<br />

über die Unzulänglichkeiten anderer lacht. Ihr<br />

beliebtestes Ziel: Kirchen und Gläubige, wobei<br />

letztere immer wieder mit dem Kampfbegriff<br />

„Religioten“ belegt werden. Karikaturen kursieren<br />

in atheistischen Foren, der Humanistische Pressedienst<br />

hat sogar eine Rubrik für sie eingerichtet,<br />

von der er ehrlicherweise gar nicht erst behauptet,<br />

sie sei witzig. Er nennt sie nur „Spott sei Dank“.<br />

Wenigstens ein Kunstpreis wird in Deutschland<br />

für (vorgeblich) <strong>humanistisch</strong>en Witz vergeben.<br />

Preiswürdig soll demnach sein, wer sich<br />

„ohne Schere im Kopf mit den sogenannten ewig<br />

währenden Wahrheiten und Autoritäten“ auseinandersetzt,<br />

doch man ahnt schon: Viel mehr als<br />

die nimmermüde Variation des Immergleichen, die<br />

Verächtlichmachung von Menschen nämlich, die<br />

man für weniger aufgeklärt hält als sich selbst,<br />

wird nicht geboten. Es ist ein Elend.<br />

Platon und Aristoteles setzten, wie später<br />

übrigens auch Thomas Hobbes, dessen schrecklich<br />

wölfischer Philosophie ein paar Pointen nur gut<br />

getan hätten, Humor und Schadenfreude in eins.<br />

In ihrer pessimistischen Sicht auf den Menschen<br />

war Lachen meist nur Ausdruck gefühlter Überlegenheit.<br />

Wer lachte, tat dies über die Missgeschicke<br />

anderer, in der tiefen Überzeugung, es besser<br />

zu wissen oder besser zu können, mithin besser<br />

dran zu sein als die armen Teufel, über die man<br />

sich erhebt. Kein Wunder also, dass Humor für die<br />

alten griechischen Philosophen, mit den Worten<br />

der Psychologin Marion Bönsch-Kauke, nicht<br />

weniger als ein „Inbegriff des Bösen im Menschen“<br />

war und damit sicherlich nichts, womit man sich<br />

schmückte. Evolutionsbiologisch liegen das Lachen<br />

und das Zähnefletschen ohnehin nicht so weit auseinander.<br />

Die Grenzen zur aggressiven Drohgebärde<br />

sind fließend.<br />

Humanistisch lachen<br />

Diese Sicht auf den Humor ist freilich arg verkürzt,<br />

und doch nicht völlig falsch. Es gäbe keinen<br />

Grund, über Antisemitismus im Kabarett oder<br />

frauenfeindliche Witze unter Showmastern zu<br />

diskutieren, wenn nicht unablässig der Stoff dafür<br />

geliefert würde. Manche Witze wollen verletzen<br />

und erfüllen gar keinen anderen psychologischen<br />

Zweck als denjenigen, den schon Platon und Aristoteles<br />

beschrieben und der sie ihrerseits mit einer<br />

gewissen Abscheu auf Humor blicken ließ. Es ist<br />

insofern die eher abgründige Seite des Humors, die<br />

sich auch in den erwähnten Karikaturrubriken auf<br />

<strong>humanistisch</strong>en Seiten auftut.<br />

Und dennoch: Es wäre falsch, Humanismus humorlos<br />

zu nennen. Gerade der britische Humanismus<br />

hat Persönlichkeiten hervorgebracht, die beweisen,<br />

wie hintergründig gewitzt und urkomisch<br />

Humanismus sein kann. Denken wir nur an Terry<br />

Pratchett und seine von Schildkröten getragenen<br />

Scheibenwelten. Oder erinnern wir uns an Stephen<br />

Fry mit seiner Ode an den Kakapo. Oder an Douglas<br />

Adams, der nicht nur überbordende Bürokratie<br />

auf die Schippe nahm, sondern dabei auch noch so<br />

lustig über vogonische Dichtkunst und das kurze<br />

Leben eines Pottwals schrieb.<br />

Ja, es gibt ihn, den <strong>humanistisch</strong>en Witz, in<br />

dem letztlich all das eine Rolle spielt, was für<br />

eine <strong>humanistisch</strong>e Lebenseinstellung wichtig ist:<br />

Menschlichkeit und Respekt für seine Umwelt,<br />

wissenschaftliche Neugier und Toleranz. Nicht zu<br />

unterschätzen ist schließlich, wie wichtig Humor<br />

für ein gelingendes Zusammenleben sein kann.<br />

Wie der Comedian Robin Ince betont (siehe das<br />

Interview auf Seite 9), kann gerade Humor das<br />

Vehikel sein, auch über belastende oder gar traumatische<br />

Erfahrungen zu sprechen, über die sonst<br />

geschwiegen würde. Ob der Witz, über den man<br />

letztlich ins Gespräch kommt, von seinem Inhalt<br />

her ausdrücklich <strong>humanistisch</strong> ist, ist dabei gar<br />

nicht so sehr von Belang. Entscheidend ist, ob er<br />

den <strong>humanistisch</strong>en Zweck erfüllt: Hilft er uns,<br />

miteinander zu sprechen? Bringt er uns näher,<br />

lindert er unsere Sorgen und macht unseren Tag<br />

besser? Dann wird dieser Witz als <strong>humanistisch</strong><br />

gelten dürfen.<br />

Leider wird dieser <strong>humanistisch</strong>e Humor mitunter<br />

von dem aggressiven Gebell gegen Religion<br />

übertönt, der einem in als <strong>humanistisch</strong> bezeichneten<br />

Kreisen noch unterkommt. Doch das muss ja<br />

nicht so bleiben. Was meinen Sie, sollten wir nicht<br />

endlich auch auf Facebook über <strong>humanistisch</strong>en<br />

Witz diskutieren? Es wäre an der Zeit.<br />

Marco Schrage<br />

Foto: © Robin Ince<br />

Robin Ince, gehören Humor<br />

und Humanismus für Sie zusammen?<br />

Robin Ince Unsere Absurdität ist<br />

einer der ergiebigsten Quellen für Humor,<br />

ob bei Samuel Beckett, Laurel und<br />

Hardy oder Will Ferrell. Es gibt wenig<br />

Absurderes als ein Wesen, das neugierig<br />

ist, Fragen stellt und sich seines<br />

eigenen unausweichlichen Todes bewusst<br />

ist. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit<br />

meine <strong>humanistisch</strong>e Prägung<br />

bei der Suche nach Humor eine Rolle<br />

spielt, aber zumindest erlaubt sie mir,<br />

sämtliche Dinge ohne Angst vor Verdammung<br />

durch eine göttliche Instanz<br />

zu betrachten. Ich glaube auch, Humanismus<br />

könnte eine Rolle dabei spielen,<br />

wie man über die Wirkung von Witzen<br />

auf Menschen nachdenkt. Obwohl ich<br />

denke, dass man über alles einen Witz<br />

machen kann, wenn man das möchte,<br />

nehme ich die möglichen Kollateralschäden<br />

sehr ernst. Mein verstorbener<br />

Freund Barry Crimmins, ein großartiger<br />

Aktivist, sagte einmal: „Worte können<br />

Granatsplitter sein, man muss darüber<br />

nachdenken, wo man sie versprüht.“<br />

Was kann Humor zu einer <strong>humanistisch</strong>en<br />

Lebensführung beitragen?<br />

RI Eines der größten Potenziale von Humor – also<br />

abgesehen davon, jemanden zum Lachen zu bringen<br />

– liegt meines Erachtens darin, dass Humor es erlaubt,<br />

über bestimmte Dinge zu sprechen, und er etwas von<br />

dem Menschen offenbart, das in der Regel verborgen<br />

bleibt, wenn wir unsere sozialen Masken tragen. Wir<br />

sind Narren, also dürfen wir uns an Orte oder Gedanken<br />

wagen, die uns ängstigen oder tabuisiert sind. Es<br />

ist eine große Chance, mit Humor das Menschliche zu<br />

erforschen.<br />

Hilft uns Humor dabei, den Zustand der Welt besser<br />

zu ertragen?<br />

RI Ich habe mit einigen Therapeut*innen darüber<br />

gesprochen (natürlich habe ich mit Therapeut*innen gesprochen,<br />

ich bin Komiker, irgendwann landen wir doch<br />

alle auf der Couch) und verstanden, dass abgrundtief<br />

brutale Witze uns oft nur vermeintlich mit einer Situation<br />

klarkommen lassen. Dabei lenken sie uns in Wahrheit<br />

nur kurz von einer Sache ab, die uns innerlich zerreißt.<br />

Und dann gibt es Witze, die uns das Komische an<br />

einer Situation sehen lassen, uns gleichzeitig aber dabei<br />

INTERVIEW<br />

„ES GIBT WENIG<br />

ABSURDERES<br />

ALS EIN WESEN,<br />

DAS NEUGIERIG<br />

IST.“<br />

Robin Ince (*1969) ist<br />

Schriftsteller, Schauspieler<br />

und Stand-Up-Comedian.<br />

Zusammen mit dem<br />

Physiker Brian Cox führt<br />

er im Radioprogramm der<br />

BBC durch die mehrfach<br />

preisgekrönte Wissenschafts-<br />

und Comedysendung<br />

„The Infinite<br />

Monkey Cage“. Für seine<br />

Verdienste um die Wissenschaft<br />

wurde ihm vom<br />

Royal Holloway College der<br />

Universität London die<br />

Ehrendoktorwürde<br />

verliehen. Ince ist erklärter<br />

Atheist und Patron der<br />

Humanists UK.<br />

helfen, sie zu akzeptieren. Ich erinnere<br />

mich an eine interessante Erfahrung<br />

in diesem Zusammenhang: Als meine<br />

Mutter starb und ich ein paar Tage später<br />

auf der Bühne stand und irgendwie<br />

einen Weg finden musste, mit der Situation<br />

umzugehen, in der ich mich eben<br />

befand. Ein paar gute Witze sind mir<br />

wohl gelungen, und sie führten dazu,<br />

dass die Leute hinterher auf mich zukamen<br />

und über ihre eigenen Trauererfahrungen<br />

sprechen wollten oder darüber,<br />

wie bei einer Beerdigung etwas<br />

Lustiges passiert ist. Oder sie berichteten<br />

mir von seltsamen Momenten, als<br />

sie jemanden verloren, den sie liebten.<br />

Da liegt der Humanismus in der Komik:<br />

Er kann eine Verbindung schaffen oder<br />

uns selbst über schmerzvolle Erfahrungen<br />

ins Gespräch kommen lassen. Die<br />

kurze Antwort auf die Frage ist demzufolge:<br />

ja.<br />

Wie wird Ihre Comedy von Humanismus<br />

beeinflusst? Und beeinflusst Comedy<br />

umgekehrt ihre <strong>humanistisch</strong>e<br />

Weltanschauung?<br />

RI Eigentlich glaube ich nicht, dass<br />

beides sich gegenseitig beeinflusst,<br />

aber wenn man – wie ich – in einem gottlosen Universum<br />

lebt, könnte genau das einer der Gründe sein, warum<br />

man immer mehr und mehr und mehr wissen will.<br />

Ich habe einen nicht zu stillenden Wissensdurst. Ich will<br />

begreifen, warum das Universum so ist, wie es ist, und<br />

warum wir so sind, wie wir sind. Lernen ist für mich fast<br />

ein religiöses Ritual, ich habe einen unbändigen Hunger,<br />

weil ich glaube, dass es keine einfachen Antworten gibt.<br />

Mein hektischer und sprunghafter Stil auf der Bühne<br />

und im Gespräch spiegelt das in gewisser Weise wider.<br />

Würden Sie der Idee zustimmen, dass Humanismus<br />

eher sauertöpfisch daher kommen kann? Anders gefragt:<br />

Nimmt Humanismus sich selbst zu ernst?<br />

RI Ach, alle Menschen bewegen sich gleichermaßen<br />

auf einem schmalen Grat, wenn es darum geht, das Leben<br />

ernst zu nehmen und gleichzeitig zu akzeptieren,<br />

dass es im Grunde lächerlich ist und wir genauso lächerlich<br />

sind. Ich meine aber, dass es sehr wohl möglich ist,<br />

das Leben ernst zu nehmen, gleichzeitig aber auch anzuerkennen,<br />

dass es doch nur die Bühne bereitet für den<br />

einen, endgültigen Witz.<br />

8<br />

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