Berlin & Berlin

JovisVerlag

ISBN 978-3-86859-657-1

Berlin

Berlin &

Stadtplanung

und Städtebau

nach dem Mauerfall

im Gespräch

Friedemann Kunst /

Deutsche Akademie

für Städtebau und

Landesplanung Berlin-

Brandenburg (Hrsg.)

Mitarbeit Dagmar Hoetzel

Mit Fotografien von

Erik-Jan Ouwerkerk


Geleitwort Senator Sebastian Scheel7

Einführung9

Interviews

• Bernd Hunger 14

• Volker Hassemer 28

• Friedemann Kunst 34

• Urs Kohlbrenner 48

• Eckhard Kutter60

• Dietrich Flicke 68

• Ludwig Krause 80

• Heinrich Suhr94

• Rolf Eggeling 104

• Bruno Flierl112

• Ulla Luther 124

• Dieter Frick136

• Dorothee Dubrau 146

• Hans Jörg Duvigneau154

• Julian Wékel 166

Abbildungen wichtiger genannter Planwerke

• „Potsdam-Plan“ (1990) 178

• Bereiche unterschiedlichen Planungsbedarfs

(Arbeitskarte 1990) 180

• Räumliches Strukturkonzept (RSK) (1991) 182

• Stadtentwicklungsplan Öffentlicher Raum (1995) 186

• Landesentwicklungsplan für den engeren

Verflechtungsraum Brandenburg-Berlin

(LeP eV) (1996) 188

• Hauptstadtplan (1996) 192

Anhang

• Sachregister 194

• Personenregister 197

• Sitzungsthemen Stadtforum 1991–1996 200

• Koalitionen/Senate 1989–2001 202

• Kurzlebensläufe der Interviewpartnerinnen

und -partner 203


Einführung

Friedemann Kunst


I Was 1989 mit dem Zusammenbruch des politischen Systems

der DDR und dem Fall der Mauer begann, hatte für Berlin und

seine Region sofort einschneidende Folgen: Für die Hälfte der Stadt

wurden die politischen, administrativen und gesetzlichen Strukturen

binnen kurzer Zeit außer Funktion gesetzt, neue mussten erfunden

und etabliert werden. Die Veränderungen der wirtschaftlichen Basis

beider Teilstädte hatten eine solche Dimension, dass im Rückblick

von einem Zusammenbruch, zumindest im östlichen Teil, und von

großen Strukturanpassungen im westlichen gesprochen werden muss.

Auch die politischen und wirtschaftlichen Ereignisse auf der europäischen

Ebene und die Öffnung der Grenzen und Märkte der osteuropäischen

Staaten zeitigten für die Berliner Stadtentwicklung rasche

Wirkungen. Diese sich bündelnden und überlagernden Prozesse

prägten die Perspektiven der Stadt nach dem Mauerfall radikal und

haben Veränderungen und Neubewertungen räumlicher Strukturen

in großem Umfang in Gang gesetzt. Die Politik und die Berlinerinnen

und Berliner wollten nach der politischen Vereinigung die geteilte

Stadt in kurzer Zeit zusammenführen und normale Beziehungen zum

Umland herstellen. Erheblichen zusätzlichen planerischen Handlungsdruck

hat schließlich der Hauptstadtbeschluss des Deutschen

Bundestages von 1991 ausgelöst. Dass die Stadtpolitik sich zudem das

Projekt einer Olympia-Bewerbung für das Jahr 2000 vorgenommen

hatte, mag aus heutiger Sicht fast als Hybris erscheinen.

Um sich diesen Herausforderungen stellen zu können,

waren in den Jahren nach dem Mauerfall von den beteiligten Planerinnen

und Planern in außergewöhnlichem Umfang analytische

und konzeptionelle Kompetenzen unter Nutzung aller vorliegenden

Erfahrung gefragt. Die Feststellung des damaligen Stadtentwicklungssenators

Volker Hassemer, die Stadt müsse nicht neu

erfunden werden, hatte Anfang der 1990er-Jahre durchaus einen

beschwichtigenden Unterton.

Der enorme Bedarf an Strategien und Konzepten und der

Druck des schnell nach Berlin strömenden Kapitals hat in den ersten

Jahren nach dem Mauerfall dazu geführt, dass an Plänen auf

allen Maßstabsebenen, von der Landes- und Regionalplanung bis

zur städtebaulichen Projektplanung, parallel und oft in Rückkoppelungen

gearbeitet wurde; dass mehr oder weniger parallel zu den

laufenden Planungen die Institutionen, zunächst zwei kooperierende

Stadtregierungen, dann bald ein Gesamtberliner Senat, eine

neue Brandenburger Landesregierung sowie im öffentlichen Auftrag

tätige Entwicklungsgesellschaften aufgebaut wurden. Auf der Ebene

des Planungsrechts mussten mehrfach Neuregelungen nachvollzogen

und umgesetzt werden; mit neuen Rechtsinstrumenten und

-institutionen wurden Feldversuche im Großmaßstab durchgeführt.

Im Rückblick auf die Jahre nach dem Mauerfall bis zum

Beschluss des neuen Flächennutzungsplanes 1994 oder zur Etablierung

der Gemeinsamen Landesplanung 1996 zeigt sich eine Dichte

an Planungsaufgaben und politischem Entscheidungsbedarf, der in

der Nachkriegszeit in Deutschland ohne Vorbild ist. Abgesehen vom

Radikal veränderte Entwicklungsperspektive

Komplexe Planungsaufgaben

auf allen Planungsebenen

9

Einführung


Wiederaufbau des kriegszerstörten Berlin gab es allenfalls in der Zeit

nach der Gründung von Groß-Berlin vor 100 Jahren eine Periode

vergleichbarer Entwicklungsdynamik und Planungsintensität.

II Im Dezember 2017 wurde im Kreis der Landesgruppe der

Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL)

die Frage erörtert, welchen Beitrag sie zu einer geplanten Darstellung

der jüngeren Geschichte der DASL leisten könnte. Der Vorschlag,

die Zeit des Zusammenwachsens der Stadt und den Beitrag

der Planung zum Thema zu machen, fand spontane Zustimmung.

Zwar gab es damals zu entscheidenden Fragen, mit einer wichtigen

Ausnahme, keine offiziellen Positionierungen der Stadtplanungsakademie

(was aus heutiger Sicht erstaunlich ist), aber ihre Mitglieder

waren an vielen Stellen in unterschiedlichen Positionen am Prozess

des Zusammenwachsens aktiv beteiligt. Überdies ist diese besondere,

um nicht zu sagen einzigartige Phase des erneuten Aufbruchs der

Berliner Stadtentwicklung noch wenig aufgearbeitet worden. Ein

Gespräch mit Zeitzeuginnen und -zeugen versprach, Erinnerungen

zu wecken und bestenfalls Zusammenhänge und Hintergründe zu

beleuchten, die bisher wenig bekannt geworden sind.

Von der Idee bis zur Realisierung verging einige Zeit, doch

in der zweiten Jahreshälfte 2019 war es so weit, dass 15 Personen,

mit einer Ausnahme alle Mitglieder der Akademie, sich zu einem oft

mehrstündigen Gespräch mit der Fachjournalistin Dagmar Hoetzel

verabredeten. Bei deren Auswahl ging es darum, verschiedene

Gesichtspunkte zu vereinen: Es sollten Akteurinnen und Akteure der

öffentlichen Verwaltung, verschiedener Behörden und unterschiedlicher

Leitungsebenen zu Wort kommen, aber auch Planende aus

freien Büros und wissenschaftlichen Einrichtungen. Frauen und

Männer sollten vertreten sein, Personen mit Ost- beziehungsweise

West-Biografie. Und alle sollten verantwortlich am Planungsgeschehen

beteiligt gewesen sein. Eine ausgewogene Mischung im Sinne

der genannten Kriterien ist angesichts der bestehenden strukturellen

Ungleichgewichte beim planenden Personal der Nachwendejahre

nicht zustande gekommen, aber immerhin eine Annäherung an

das Ziel.

In den Gesprächen wurde nicht mit einem vorbereiteten

Katalog von Thesen gearbeitet, sondern mit Leitfragen zur groben

Strukturierung. Es sollten Erinnerungen wachgerufen werden an

konzeptionelle Aufgaben, an Prozesse der Abstimmung und Entscheidung,

auch an gelöste und ungelöste Konflikte. Die hier vorgelegten

Texte wurden für die Veröffentlichung in Abstimmung mit

den Gesprächspartnern und -partnerinnen bearbeitet, wobei der

Duktus der lebendigen Erzählung bewusst beibehalten wurde.

Oft mehr als 25 Jahre nach den Geschehnissen bedurfte

es bei den Gesprächspartnerinnen und -partnern nicht selten konzentrierter

Erinnerung. Hier liegen nun durch Zeit und individuelle

Wertungen gleichsam gefilterte und gewichtete Fakten vor. Auf Letztere

wurde Wert gelegt. Augenscheinliche Erinnerungsfehler wurden

Wie die Buchidee entstand

Gesprächspartnerinnen

und -partner

Individuelle Erinnerungsarbeit

10

Einführung


mit den Gesprächspartnerinnen und -partnern korrigiert. Dennoch

stimmen die Darstellungen nicht immer überein; das war auch nicht

zu erwarten. Die Sichtweisen sind von der jeweiligen Position, der

Funktion, deutlich auch von der Herkunft aus Ost- oder Westberlin

beeinflusst. Aus dem Zusammenspiel von Fakten und persönlich

Erlebtem sind sehr individuelle Erzählungen entstanden. Sie fügen

sich zu einem farbigen Bild über eine Zeit intensiver Arbeit an der

Zukunft Berlins mit allen Widersprüchen und Konflikten.

Die ursprüngliche Absicht des Interviewprojektes bestand

darin, die wichtigsten Gesprächsinhalte in einem zusammenfassenden

Text aufgehen zu lassen. Diesen Text wird es für die oben

erwähnte Publikation zur Akademiegeschichte geben. Die Herausgeber

haben sich aber angesichts des Informationsgehaltes und der

zeitgeschichtlichen Bedeutung der Langtexte entschlossen, diese

ebenfalls zu veröffentlichen.

Um die Gesprächstexte auch einer interessierten Leserschaft

über das enge Fachpublikum hinaus verständlicher zu machen,

sind wichtige Begriffe im Anhang in einem Glossar erläutert und

die in den Texten erwähnten Personen in einem Register mit ihren

wichtigsten Funktionen in der fraglichen Zeit dargestellt.

III Ohne den Inhalten der folgenden Gesprächstexte zu sehr

vorzugreifen, scheinen mir folgende Beobachtungen bemerkenswert:

• Im – überwiegend durchaus kritischen – Rückblick fällt die

Gesamtbilanz der planerischen Leistungen in den frühen

Nachwendejahren meist positiv aus. Die entschiedene Gleichzeitigkeit

von erfolgter Stadterneuerung, Weiterbau der Großsiedlungen

und Stadterweiterung, das Beharren auf Regeln

und auf der Durchsetzung öffentlicher Interessen nach der

Öffnung des Berliner Immobilienmarktes und drohender

Investorenherrschaft sowie die stadträumlich ausgewogene

Investitionspolitik in die soziale und verkehrliche Infrastruktur

sind Beispiele für wichtige Entscheidungen, die tatsächlich

zu einem schnellen Zusammenwachsen der Stadt beigetragen

haben und das Aufkommen sozialer Spannungen zwischen

den westlichen und östlichen Stadtbezirken verhinderten. Die

Bemühung um integrierte Planungen und die strukturierte

sowie effiziente Art der Organisation von Entscheidungsprozessen

mit dem Stadtforum als innovativster Veranstaltung

waren dafür sehr wichtige Voraussetzungen.

• Stadtentwicklungspolitische Defizite, die Berlin heute

beschäftigen, seien sie konzeptioneller oder institutioneller

Art, beruhen auf Problemen und Konflikten, die in den ersten

Jahren gemeinsamen Planens bereits existierten und nicht

gelöst werden konnten. Das gilt für eine angemessene Institutionalisierung

der (heute mehr denn je notwendigen) stadtregionalen

Zusammenarbeit ebenso wie für die Gestaltung

Überwiegend positive

Gesamtbetrachtung

Ungelöste Konflikte wirken

fort

11

Einführung


der historischen Stadtmitte, wo für die weitere Entwicklung

das Verhältnis von sozialistischem und oft noch unter der

Oberfläche vorhandenem mittelalterlichem bis gründerzeitlichem

Städtebau noch zu klären ist. Damals wie heute strittig

ist, in welchem Umfang die Brüche der Entwicklungsgeschichte

möglichst zu beseitigen, hinzunehmen oder sogar

zu pflegen sind.

• An der Kontroverse über die Planung der Stadtmitte, aber

auch bei anderen Themen bis hin zur stadtregionalen Planung

gewähren die Beiträge Einblicke in sehr unterschiedliche

planungsmethodische Denkansätze und Differenzen der

Reflexion im Umgang mit Stadtgeschichte, mit technischen

Randbedingungen, wie der großräumigen Verkehrsinfrastruktur,

oder mit „örtlichen Begabungen“, die Stadträume auszeichnen

und unterscheidbar machen.

• Ins Auge fällt – noch verstärkt durch die zeitliche Distanz zu

den Ereignissen – wie verschieden Konflikte, je nach Herkunft

der sich erinnernden Person aus Ost oder West, erlebt

wurden. Während die Westler – mit wenigen Ausnahmen – das

Ausmaß der Nicht-Berücksichtigung der Ost-Expertise auch

in der Erinnerung noch tendenziell unterschätzen, wird von

den Kollegen und der Kollegin aus dem Osten an manchen

damals klar formulierten Dissens erinnert und die Empfindung

geringer Wertschätzung ihrer Arbeit deutlich thematisiert.

Wie die Planungspraxis in der DDR aussah, erzählen im

Übrigen einige der Ostkolleginnen und -kollegen anschaulich.

• Die Texte vermitteln einen interessanten Einblick in die Binnenstruktur

der komplex organisierten Berliner Verwaltung

mit internen Konkurrenzen und Konflikten, aber auch in das

Selbst- und Rollenverständnis der Interviewten als Planende.

Angesichts der zeitlichen Differenz zu den Geschehnissen wird

recht freimütig darüber berichtet, was hinter den Kulissen

geschah und wie so manche Entscheidung zu einem prominenten

Projekt oder einer folgenreichen gesetzlichen Regelung

zustande gekommen ist.

• Es fällt auf, dass von Bezügen zur Politik – politischen Zielvorgaben,

Diskussionen in parlamentarischen Gremien oder

auch konzeptionellen Gegenvorstellungen – eher ausnahmsweise

gesprochen wird. Ob große Debatten auf politischer

Ebene geführt wurden und gegebenenfalls welchen Inhaltes

diese waren, wird aus den Texten nicht erkennbar. Ein wichtiger

Grund für die weitgehend geräuschlosen politischen

Entscheidungen mag darin liegen, dass Vertreterinnen und

Vertreter der politischen Fraktionen des Abgeordnetenhauses

in die Meinungsbildung im Stadtforum einbezogen waren.

Unterschiedliche

Denkansätze

Erinnerungsdifferenzen

Ost – West

Blick hinter die Kulissen

Starke Rolle der Exekutive

12

Einführung


Unübersehbar ist aber die starke Rolle der Exekutive, die die

Planung der ersten Jahre nach dem Mauerfall bestimmt hat.

• Schließlich machen die Texte auch deutlich, welche starken

gesellschaftlichen Veränderungen seither stattgefunden haben,

die sich im Übrigen auch auf Möglichkeiten und Grenzen

heutiger Stadtplanung auswirken. Informelle Absprachen und

Regeln waren eine Grundbedingung zügigen und entschiedenen

Handelns in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre. Dies

wäre heute, angesichts der übermäßigen Formalisierung und

Verrechtlichung aller Prozesse, undenkbar. Integrative Planung

und ressortübergreifendes Denken, auch in den 1990er-

Jahren manchmal mehr Anspruch als Realität, sind heute leider

weiter zurückgedrängt zugunsten eines Denkens in engen

Fachressortgrenzen. Die „Sektoralisierung“ der Politik findet

ihr Gegenstück im Stimmengewirr organisierter Individualinteressen.

Das macht es heute schwer, in der Stadtplanung

dem Gemeinwohl den angemessenen Raum zu geben und in

den aktuellen Krisen im Zeichen der Pandemie und beschleunigten

Klimawandels ausreichend handlungsfähig zu sein.

Seither gesellschaftliche

Veränderungen

13

Einführung


Gelände der Berliner Gartenschau 1987 in Marzahn, April 1990


„Großsiedlungen wurden von

innen nach außen geplant

und müssen aus dieser Logik

weiterentwickelt werden“

Bernd Hunger ist in Thüringen geboren und hat in Weimar studiert.

33-jährig wurde er 1986 jüngster Abteilungsleiter im Institut für Städtebau

und Architektur (ISA) der Bauakademie der DDR. Nach der Wiedervereinigung

hat er mit seinem Stadtbüro Hunger – Stadtforschung und

-planung vor allem die Weiterentwicklung von Großsiedlungen betreut.

Darüber erzählt er ebenso wie über die elektrisierende Stimmung nach

dem Fall der Mauer, in der vieles möglich war, über informelle Kreise und

Verabredungen und über das Zusammenkommen der Planenden aus Ost

und West. Zunächst erläutert er aber den Einzug der stadtsoziologischen

Forschung in die Praxis der Stadtplanung in der DDR.

Ich bin Thüringer und in Weimar groß geworden. Dort habe ich an

der Hochschule für Architektur und Bauwesen studiert, ein Bauingenieurstudium

mit Vertiefung „Informationsverarbeitung im

Bauwesen“, kam dann aber schnell zur Sektion für Gebietsplanung

und Städtebau, bei der mein Diplom über „Tourenprobleme in der

Siedlungsplanung“ betreut wurde. Es war eine fantastische Studienzeit,

weil der Geist des Bauhauses noch sehr stark da war und

die fern von Berlin liegende Weimarer Hochschule sich Freiheiten

herausnehmen konnte, die anderswo kaum denkbar waren. Es war

ein für DDR-Verhältnisse demokratisches Pflaster.

Herr Hunger, was zeichnete die Hochschule in Weimar damals aus?

Das Interessante war, dass kurz nach meinem Studium ein Lehrstuhl

für Städtebau-Soziologie eröffnet wurde. Es war der einzige

Soziologielehrstuhl mit städtebaulichem Schwerpunkt in der DDR,

und ich als junger Bursche habe mich beworben, da war ich 25.

Professor Fred Staufenbiel, Kultursoziologe aus Berlin, stellte zwei

Assistenten ein: Rolf Kuhn und mich. Dieser Lehrstuhl war eine

exotische Sache, weil wir empirische Sozialwissenschaft betrieben

haben, immer mit dem Ziel: Die Ergebnisse müssen für Architektinnen

und Architekten sowie Städtebauerinnen und Städtebauer

relevant sein. Das heißt also, keine klassische Stadtsoziologie, die

sich in der Regel auf die räumliche Verteilung sozialer Prozesse und

Strukturen konzentriert, sondern ganz konkret: Was bedeutet und

wie funktioniert dieser Raum, in dem wir hier sitzen? Was folgt daraus

für den Entwurf? Das war zu DDR-Zeiten, als die Soziologie als

empirische Sozialwissenschaft genau beobachtet wurde, unüblich.

Aber für die Architekten und Städtebauer war es sehr interessant, mit

soziologischen Methoden systematisch Räume und ihre Eignung für

15

Stadtsoziologie in Weimar

Fred Staufenbiel


Abbau der Mauer in der Bernauer Straße durch die NVA, Juni 1990


„Die Zuwächse sollten die Stadt

qualitativ wachsen lassen“

Volker Hassemer ist in Metz geboren, studierte Rechtswissenschaft und

war von 1991 bis 1996 Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz. In

dieser Position war er bereits von 1981 bis 1983 tätig und von 1983 bis 1989

als Senator für Kulturelle Angelegenheiten. Er erzählt von der Notwendigkeit,

nach dem Mauerfall eine Perspektive für das gemeinsame Berlin

neu zu entwickeln, und dass es dafür das Stadtforum brauchte. Er findet

die Leitlinie richtig, neue Funktionen, wie die Regierungsbauten, in die

bestehende Stadt zu integrieren – meint aber auch, dass Berlin durchaus

etwas unordentlicher hätte werden können.

Herr Hassemer, Sie saßen als Senator an entscheidender Stelle für

die Berliner Stadtentwicklung nach der Wiedervereinigung. Wie

würden Sie Ihre Rolle beschreiben?

Ich war seit 1991 der zuständige Stadtentwicklungssenator, und das

heißt, ich war der für die Planung Zuständige in dieser Periode, in

diesen fünf Jahren Legislaturperiode. Ich hatte mit den wesentlichen

Entscheidungen, wie es mit Berlin stadtplanerisch, stadtentwicklungsstrategisch

weitergehen soll, zu tun.

Eines der wichtigen Instrumente war das Stadtforum. Was war der

Hintergrund?

Es gilt, sich klarzumachen, dass Berlin eine geteilte Stadt war, deren

Teile ganz unterschiedliche Entwicklungsperspektiven verfolgt hatten.

Und nun war unsere Aufgabe, weder Westberlin zu entwickeln

noch Ostberlin zu entwickeln, sondern eine Materie zu erarbeiten,

die es vorher über Jahrzehnte nicht gegeben hatte: nämlich

das gemeinsame Berlin. Gerade in der Stadtplanung ist dieser Satz

„eine Materie, die es vorher noch nicht gab“ durchaus richtig und

zutreffend. Obwohl wir ja sagen könnten, dass es die Straßen, die

Häuser, die Menschen vorher und nachher gab. Aber uns war klar:

Die Perspektive für das gemeinsame Berlin musste neu entwickelt

und neu gedacht werden. Nicht nur, weil jetzt plötzlich Flächen

beplanbar waren, auf denen früher die Mauer stand, und weil Straßen

jetzt nicht mehr durch die Mauer blockiert waren. Sondern der

ganze Spirit, die ganze Vision, die ganze Strategie der zukünftigen

Entwicklung musste erdacht werden, weil es eine gemeinsame Entwicklung

einer Stadt war, die auch im Umfeld nicht mehr begrenzt

war und in der Mitte eines zunehmend offenen Europas lag. Zwar

nicht zu den starken Entwicklungsregionen Europas gehörend – aber,

wie wir damals jedenfalls dachten und wie es sich teilweise ergeben

hat, ein Zentrum einer neuen Entwicklung im mittleren Europa.

Das waren also die Voraussetzungen, und das hat dazu geführt,

dass ich damals gesagt habe, in einer solchen Situation könne Politik

29

Perspektive neu denken

Raum für Akteurinnen und

Akteure Berlins


Ehemaliger Grenzübergang Checkpoint Charlie, Juni 1990


„Jetzt fangen wir neu an, die

beiden Teile der Stadt wieder

zusammen zu denken“

Friedemann Kunst studierte in seiner Heimatstadt Stuttgart und in

Berlin. Ab 1985 war er in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung

tätig. Als einer der ersten wurde er schon im November 1989 in den Ostberliner

Magistrat entsandt. Er erzählt von den leeren Chefbüros in der

Behrenstraße und darüber, wie die Grundlagen für den ersten gemeinsamen

Flächennutzungsplan erarbeitet wurden, wobei auch schon mal 60 Jahre

zurückgeblickt wurde. Er gibt einen breiten Überblick über Projekte und

Themen, die bearbeitet wurden, und erläutert, warum damals Entscheidungen

zügig gefällt werden konnten und heute nicht mehr.

Herr Kunst, wie schnell ging es los mit der Planung für ein Gesamt-

Berlin?

Ich war beim Senat in Westberlin bei der damaligen Senatsverwaltung

für Stadtentwicklung und Umweltschutz beschäftigt und kam

aus der Flächennutzungsplanung. Wir hatten wenige Jahre zuvor

den Westberliner Flächennutzungsplan neu aufgestellt, und das war

eine sehr grundlegende Überarbeitung des Flächennutzungsplanes

aus dem Jahr 1965, der noch davon ausgegangen war, dass für die

ganze Stadt Berlin zu planen sei. Der Flächennutzungsplan 84/87,

so bezeichnet, weil für die Aufstellung länger gebraucht wurde als

beabsichtigt, hat zum ersten Mal Westberlin auch planerisch und

städtebaulich als stärker eigenständige Einheit betrachtet, weil die

Hoffnung auf eine absehbare Wiedervereinigung aufgegeben worden

war. Ich war nach freiberuflicher Arbeit zu diesem Senatsprojekt

dazugestoßen, weil mich das Thema interessierte. Ich hatte mich mit

den Inhalten des Planes, aber dann auch mit dem Aufstellungsprozess

zu beschäftigen. Der mündete in eines der größten Beteiligungsverfahren,

die es jemals in der Bundesrepublik gegeben hat. Und das

für einen Plan, der eigentlich vor allem den Status quo festgeschrieben

hat! Das war ein spannendes, aber auch sehr anstrengendes

Verfahren. Und das lag noch nicht lange zurück, als die Mauer fiel.

Da konnten wir die gerade fertigen Pläne alle ins Archiv stellen und

sagen: „Jetzt fangen wir neu an, die beiden Teile der Stadt wieder

zusammen zu denken!“ Ich glaube, ich war dann einer der ersten,

und für kurze Zeit der einzige Mitarbeiter aus der Stadtentwicklungsverwaltung,

der gleich in den Magistrat entsandt wurde. Noch im

November 1989 bin ich in die Behrenstraße umgezogen. Dort waren

die Büros der Magistratsplaner untergebracht. Die Chefbüros waren

geräumt, die waren schon weg, und ich habe dann mit den übriggebliebenen

Kolleginnen und Kollegen erst einmal versucht, eine Art

erster Bestandsaufnahme zu machen. Relativ bald kam die Aufgabe

dazu, das westdeutsche Planungsrecht zu erklären. Ich bin dann die

35

Flächennutzungsplan

84/87 mit einem

der größten Beteiligungsverfahren

Beginn der gemeinsamen

Planung


meiste Zeit dort geblieben, bis Ende 1990 oder Anfang 1991. Das

war die Zeit, in der Magistrat und Senat zunächst versucht haben,

parallel die Geschicke Berlins zu lenken. Es gab ein paar gemeinsame

Sitzungen von Senat und Magistrat („MagiSenat“). Aber es war ein

etwas merkwürdiges Nebeneinander beider Verwaltungen. Einerseits

bestand der Anspruch der Ost-Planer, selbst weiter planen zu wollen,

aber andererseits wuchs die Erkenntnis, dass die Instrumente und

Institutionen, aber auch die Planungsleitbilder eigentlich nicht mehr

zusammenpassten.

Was waren Ihre ersten Aufgaben?

Ab Ende 1990 war ich für die Flächennutzungsplanung zuständig

und sollte mit meiner Gruppe die Grundlagen für den neuen

Flächennutzungsplan erarbeiten. Das ging dann bis Ende 1992,

da waren die wichtigsten Klärungen für den Flächennutzungsplan

erreicht.

Flächennutzungsplan

Wie sind Sie vorgegangen?

Zunächst war es wichtig, eine Bestandsaufnahme der Art und Qualität

der Flächennutzung im Ostteil der Stadt vorzunehmen. Die

Aufgabe war, die aktuelle Nutzung zu erfassen und zu beurteilen,

an welchen Stellen und in welchen räumlichen Zusammenhängen

diese Nutzung auch künftig Bestand haben würde, und wo größere

Umbrüche zu erwarten waren und folglich Planungsbedarf bestand.

Es war schnell klar, dass die Veränderungen der politischen und

wirtschaftlichen Rahmenbedingungen große Auswirkungen auf die

städtebauliche Nutzung haben würden. Berlin verlor innerhalb sehr

kurzer Zeit sehr viele Arbeitsplätze im produzierenden Bereich, und

da war schon abzusehen, an welchen Stellen der Stadt die gewerbliche

Nutzung zumindest in der bisherigen Art nicht aufrechtzuerhalten

sein würde. Und vor allem im Ostteil der Stadt gab es Bereiche, wo

die Infrastruktur und zum Teil auch die Gebäudesubstanz so schlecht

waren, dass überlegt werden musste, ob die Substanz noch zu retten

war oder die Flächen für andere Nutzungen geeignet sein könnten.

Solche Überlegungen waren auch für alle erwartbaren militärischen

Konversionsflächen anzustellen. Die Nutzungskartierung wurde in

den Kategorien der Flächennutzungsplanung vorgenommen und

umfasste die Gesamtfläche Berlins einschließlich des stadtnahen

Umlandes. Außerdem wurde eine Karte erstellt, die „Bereiche mit

unterschiedlichem Planungsbedarf“ darstellte. Das war schon mal

eine wichtige Fokussierung, weil wir ja nicht über die ganze Stadt neu

oder gleichermaßen intensiv nachdenken konnten, was die künftige

Flächennutzung anging.

Konnten Sie auch auf Grundlagen aus der DDR zurückgreifen?

Aufbereitete Grundlagen zur Flächennutzung lagen uns nicht vor.

Wir haben uns verschiedener Materialien bedient. Es gab bis dato

geheime Karten aus der DDR-Zeit, die ausgewertet werden konnten,

kurioserweise auch topografische Karten mit eingetragenen

Bestandsaufnahme

Beurteilung des Planungsbedarfs

Abbildungen Planwerke

Karten, Luftbilder und

Vor-Ort-Kartierung

36

„Jetzt fangen wir neu an, die beiden Teile der Stadt

wieder zusammen zu denken“


Geschützstellungen oder ähnlichen bisher geheimen Nutzungen.

Luftbilder standen auch zur Verfügung, auch von der DDR-Seite,

aber zum großen Teil sind die Kolleginnen und Kollegen einfach

rausgegangen und haben den Bestand kartiert. Überall dort, wo eine

Beurteilung auf der Grundlage von Karten und Luftbildern unsicher

war, sind wir vor Ort gewesen und haben uns die Situation gründlich

angesehen. Ich war mehrere Wochen mit den neuen Kolleginnen und

Kollegen aus der Ost-Verwaltung unterwegs. Das war sozusagen die

unterste Schicht der Planung: zu sehen, was der Bestand ist.

Gab es Anknüpfungen an frühere Planungen?

Auf der Ebene der Flächennutzungsplanung nicht. Der letzte Generalbebauungsplan

für die Hauptstadt der DDR, als Gesamtplan

mit dem Westberliner Flächennutzungsplan am ehesten vergleichbar,

war konzeptionell für die neue Gesamtplanung ebenso wenig

geeignet wie der jüngste Westberliner Flächennutzungsplan. Aber

der Blick auf Planungen der früheren gemeinsamen Vergangenheit

der Stadt war wichtig: Was gab es an Planung bis zum Machtantritt

der Nazis? Welche Institutionen gab es damals? Welche Art

von Zusammenarbeit gab es zwischen Stadt und Umland? Und

– bezogen auf die Gegenwart – welche institutionellen Strukturen,

die andernorts erprobt worden waren, kämen für die Stadt-Umland-

Zusammenarbeit in der Berliner Region infrage? Gerade Letzteres

war ein ganz neues Thema. Am Anfang war nicht klar, ob es eine

Stadt Berlin innerhalb eines gemeinsamen Landes Berlin-Brandenburg

geben würde oder ob weiterhin ein Stadtstaat Berlin Bestand

haben würde. Aber es war klar, dass es die Notwendigkeit einer

regionalen Zusammenarbeit geben wird. Mit dem Fall der Mauer

und der Liberalisierung des Grundstücksmarkts bestand die große

Gefahr, dass sich eine nachholende Suburbanisierung entwickelt.

Um planerisch möglichst frühzeitig gegenzusteuern, brauchten wir

Konzepte und Instrumente und eine Vorstellung davon, wie die

Stadt-Land-Zusammenarbeit institutionell aussehen könnte. Mit

den ersten Publikationen haben wir versucht, alle diese Themen aufzubereiten,

um da wieder anzuknüpfen zu können, wo mit Beginn

der Nazizeit aufgehört wurde. Berlin war am Ende der Weimarer Zeit

schon einmal auf einem relativ hohen planerischen Stand.

Haben Sie tatsächlich versucht, 55 Jahre später dort wieder anzuknüpfen?

Mit Blick auf die reale Nutzung ging das natürlich nicht, weil sich in

beiden Teilen der Stadt infolge des Krieges und der teilungsbedingt

getrennten Entwicklung sehr viel verändert hatte. Aber institutionell

war das durchaus interessant, weil es damals das erst 1920 neu

gebildete Groß-Berlin gab und die Notwendigkeit bestand, über

die Grenzen von Groß-Berlin hinaus zu denken. Der Landesplanungsverband

Brandenburg-Mitte wurde Ende der 1920er-Jahre

für diese Aufgabe gebildet, allerdings ohne Beteiligung Berlins. Die

Gründung war eher als Gegenreaktion auf die Berliner Planungen zu

Zusammenarbeit von Stadt

und Land

Generalbebauungsplan

der Hauptstadt der DDR

Lehren aus der Vergangenheit

37

„Jetzt fangen wir neu an, die beiden Teile der Stadt

wieder zusammen zu denken“


Gesprengter Bellevue Tower am Potsdamer Platz, Oktober 1993


„Nur eine Stadt, die Geschichten

erzählt, ist eine interessante

Stadt“

Urs Kohlbrenner ist in Basel geboren und studierte in Berlin. 1971 war

er Mitbegründer der „Planergemeinschaft“. Zwischen 1989 und 1996 hat

das Büro etwa 150 städtebauliche Projekte in Berlin und Brandenburg

bearbeitet. Er erzählt über gelungene und gescheiterte Projekte – zu letzteren

zählt er auch die neue Eisenbahnkonzeption –, über Lieblingsverfahren

wie das Stadtforum, wo die Sicherheit im Argument gesucht wurde, und

bedauert, dass ein Lieblingsprojekt, der Stadtentwicklungsplan Öffentlicher

Raum, nie verabschiedet wurde.

Inwieweit waren Sie, Herr Kohlbrenner, und Ihre Planergemeinschaft

Anfang der 1990er-Jahre beteiligt an den Planungen für Berlin?

Unser Büro war eines der wenigen Büros, die sich auf Stadtplanungsaufgaben

konzentriert haben. Nach der Wende sind enorm viele

Aufgaben auf die Verwaltung zugekommen.

Ich habe eine Projektliste, die beginnt 1989 mit Projekt Nr.

74 und endet 1996 mit dem Projekt Nr. 237. Davon sind Dreiviertel

der Projekte in Berlin und Brandenburg. Das heißt, wir haben in

diesem Zeitraum ungefähr 150 städtebauliche und stadtplanerische

Projekte bearbeitet – was auch schon ein Stück weit deutlich

macht, was los war. Vorher hatten wir so zwei, drei, fünf, vielleicht

zehn Aufträge im Jahr. Das Büro ist auch entsprechend gewachsen

in der Zeit, ist also sehr viel größer geworden, und wir arbeiteten

interdisziplinärer. Neben den Auftraggeberinnen und Auftraggebern

aus der Verwaltung haben sich auch Institutionen und Private mit

städtebaulich-stadtplanerischen Fragestellungen beschäftigt. Es gab

einige Investorinnen und Investoren, die Neubaugebiete entwickeln

wollten, dafür waren städtebauliche Voruntersuchungen und Wettbewerbe

notwendig, deren Ergebnisse dann auch realisiert worden sind.

Die Industrie- und Handelskammer hat sich als eine der

ersten großen Institutionen entschieden, einen Neubau zu realisieren.

Da haben wir die städtebaulichen Voruntersuchungen und den

Wettbewerb durchgeführt und anschließend den Bebauungsplan für

das „Gürteltier“ erarbeitet.

Was heute gerne vergessen wird, aber auch wichtig war:

gescheiterte Projekte wie die Olympiabewerbung und der Transrapid

(Magnetschwebebahn zwischen Hamburg und Berlin). Für beide

Projekte haben wir städtebauliche Untersuchungen durchgeführt.

Diese Projekte machen auch die Euphorie und die Begeisterung,

die in der Stadt herrschte, deutlich: Jetzt sind wir die Größten, jetzt

ist alles möglich.

Was hingegen geklappt hat: Wir haben eine Menge Standortuntersuchungen

für den Umzug der Bonner Ministerien nach Berlin

49

150 Projekte (1989–1996)

Verschiedene Auftraggeberinnen

und Auftraggeber

Gescheiterte Projekte

Erfolgreiche Projekte


müsste auf Augenhöhe zwischen Bürgerinnen und Bürgern, Politik

und Fachleuten organisiert werden, die Entscheidungen müssten

aber der Politik vorbehalten bleiben. Viele Politiker trauen sich nicht,

etwas gegen das Votum von Bürgern durchzusetzen. Als Schweizer

bin ich in der direkten Demokratie aufgewachsen. Ich weiß, wie viel

Arbeit direkte Demokratie den Bürgern abverlangt.

Ich glaube, dass es im Moment nach wie vor richtig ist, dass

das Prinzip der repräsentativen Demokratie aufrechterhalten bleibt,

aber dass der Dialog zwischen der Bürgerseite, der Politik und der

Expertenseite noch nicht gut genug organisiert ist. Die Politik ist in

der Regel den Bürgerinnen und Bürgern gegenüber zwar bei einer

Bürgerversammlung anwesend, aber dann ist die Entscheidung, die

getroffen wird, für die Bürgerinnen und Bürger nicht mehr transparent,

weil dazwischen die Verwaltung geschaltet ist und der Prozess

nicht kontinuierlich ist. In einer Zeit, die so strukturiert ist, wie ich

es vorhin kurz gesagt habe, brauchen wir andere Dialogformate. In

der Zeit, über die wir gerade reden, hat vieles über ordre du mufti

funktioniert. Zum Glück ändert sich das gerade, aber es funktioniert

noch nicht gut. Wir stecken in einem Prozess, da dürfen wir nicht

ungeduldig sein.

Eigentlich sind die Entscheidungen, die die Stadt Berlin

heute zu treffen hat, Lachnummern im Vergleich zu denen, die

damals zu treffen waren.

Wie beurteilen Sie die Strukturentscheidungen der damaligen Zeit?

Ich finde richtig, dass in der Regel mit dem Bestand vernünftig

umgegangen worden ist. Ich finde auch, dass es gegenüber früheren

Planungen gelungen ist, im Bereich der Verkehrsplanung damals

schon etwas bescheidener zu sein. Dass das Ringkonzept für den

schienengebundenen Verkehr, mit dem die Dezentralität der Stadt

gestärkt worden wäre, nicht zum Tragen gekommen ist, führt zu

Nachteilen für die langfristige Entwicklung, die heute schon wirken.

Ich finde es auch wichtig, dass in der Zeit der Industriestandort

Berlin nicht aufgegeben wurde. Es gab Überlegungen angesichts

des Rückgangs der Industrie, voll auf eine Dienstleistungsmetropole

zu setzen.

Ich behaupte, die Tatsache, dass Siemens jetzt zurückkommt,

um den historischen Standort mit neuem Inhalt zu entwickeln, ist

eine Spätfolge von den Überlegungen, den Industriestandort zu

sichern. Offensichtlich überlegen sich auch große Unternehmen,

wenn sie auch viel Grundbesitz haben, was sie damit machen können.

Wenn sich dann rundum so viel stabilisiert hat wie in Berlin,

entdecken sie plötzlich, dass ihr Profil in das passt, was die Stadt für

sich entwickelt hat.

Ich finde es wichtig, dass behutsam mit den Großsiedlungen

umgegangen worden ist. Und ich finde ganz wichtig, dass wir auch

in der inneren Stadt bis heute Elemente aus der DDR-Zeit finden

können – auch wenn sie lange, zum Teil heute noch heute, wie jetzt

der Rathausplatz in Mitte, infrage gestellt werden. Die DDR-Zeit

Andere Dialogformate

notwendig

Industriestandort Berlin

gesichert

Großsiedlungen und DDR-

Erbe

56 „Nur eine Stadt, die Geschichten erzählt, ist eine interessante Stadt“


hat ihre Berechtigung in der Stadtentwicklung. Nur eine Stadt, die

Geschichten erzählt, ist eine interessante Stadt. Das Problem ist: Wie

werden die Geschichten sichtbar? Und da hat die DDR Wunden

hinterlassen, indem sie die alte Geschichte ausgelöscht hat. Jetzt

gibt es gerade aus dem Westen Leute, die sagen, dass die Geschichte

vor der DDR wiederentstehen muss. Das finde ich falsch. Aber dass

wir heute die Diskussion führen können darüber, das ist auch eine

große Chance. Dass die Mitte bis heute nicht entwickelt, sondern als

einer der letzten Bausteine noch in der Diskussion ist, finde ich eine

unglaubliche Qualität. Diese vielen Meinungen sind ganz wunderbar,

wenn es gelingt, ein gutes Verfahren zu finden. Dass diese Chance

noch da ist, sich mit dem Raum auseinanderzusetzen, dass alle vorher

schnell gemachten Planungen für diese Räume gescheitert sind,

ist ein Glücksfall.

Wie kam es zu den zügigen Entscheidungen?

Alles was mit dem Bund zu tun hatte, bedurfte schneller Entscheidungen.

Es war ja nicht selbstverständlich, dass der Bund umgezogen

ist nach Berlin. Wenn es ein Interesse gab, dass aus ganz Berlin

etwas wird und es zusammenwächst und nicht nur die Restbestände

der DDR-Regierungsbauten halb leer da herumstehen, musste der

Umzug gelingen.

Es gab Sachzwänge. Wenn Prognosen – die dann nicht eingetreten

sind – davon ausgingen, dass Berlin zur 5-Millionen-Metropole

wird, folgte daraus der Sachzwang, über eine Bahnkonzeption

zu entscheiden.

Wenn in einem Stadtteil wie der Altstadt Köpenick die

alten Häuser nicht mehr länger als drei Jahre gestanden hätten,

hätte es auch Sachzwänge gegeben. Die Notwendigkeit, schnell zu

entscheiden, war offensichtlich. Das ist sie in dem inzwischen wohl

saturierten Berlin einfach nicht mehr. Ich komme immer wieder

darauf zurück: Wir hatten dieses gemeinsame Dach, Berlin schnell

voranbringen zu wollen. Die Industrie- und Handelskammer hat in

Nullkommanix ihr altes Gebäude aufgegeben und das „Gürteltier“

gebaut, was vielleicht zu der damaligen Zeit reichlich überdimensioniert

ausgesehen hat. Heute ist fast schon wieder niedlich. Aber

die Leute in der Industrie- und Handelskammer haben damals

gesagt: „Jetzt!“

Gibt es noch etwas, was zu erwähnen Ihnen wichtig ist?

Eine ungewöhnliche Fragestellung haben wir in Kooperation mit

der Forschungsgruppe Stadt und Dorf (Prof. Dr. Rudolf Schäfer)

mit dem Titel „Versorgung der Metropole“ für die Europäische

Akademie bearbeitet. In welchem Umfang könnte Berlin durch die

Entwicklung im Umland zur Selbstversorgerstadt werden? Welche

landwirtschaftlichen Konzepte sind diesem Raum angemessen, und

was können sie zur Versorgung Berlins beitragen? Die Ergebnisse

wurden nicht weiterverfolgt. Vielleicht könnten die Fragen heutzutage

in erweiterter Form erneut aufgeworfen werden.

Stadt muss Geschichte

erzählen

Sachzwänge

Berlin als Selbstversorgerstadt

57 „Nur eine Stadt, die Geschichten erzählt, ist eine interessante Stadt“


Karow, Februar 1994


„Unsere Aufgabe war vor allem,

zu lenken und zu mäßigen und

die Ansprüche der Investorenseite

mit guten Argumenten

herunterzuschrauben“

Dietrich Flicke ist in Berlin geboren, studierte an der TU und war ab

1978 in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung tätig, u.a. für den

Flächennutzungsplan für Westberlin. Hier erzählt er von der berlin-brandenburgischen

Zusammenarbeit für die räumliche Entwicklungsplanung,

von deren Konflikten, über die Wiedergeburt des „Strahlen-Plans“ für

Berlin und Umland, darüber wie – eher zufällig – die soziale Stadtentwicklung

entstand und dass es bei allem immer auch Pragmatismus braucht.

Herr Flicke, wie veränderte sich Ihr Aufgabenfeld, als die Mauer fiel?

Der CDU/FDP-Senat war gerade abgewählt worden und die SPD

kam zusammen mit den Grünen an die Macht. Unsere Senatsverwaltung

wurde grün unter Michaele Schreyer. Und bald wurde ich mit

Klaus Ermer, einem anderen Kollegen aus unserer Senatsverwaltung,

in die Planungsgruppe Potsdam gesandt. Ich war Leiter der Westberliner

Gruppe, und Wolf Beyer aus Potsdam war Sprecher für die

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der DDR. Das waren insgesamt 20

Personen, aus Frankfurt/Oder, Potsdam, Ost- und Westberlin. Von

uns Westberlinern kamen je zwei aus den Senatsverwaltungen für

Stadtentwicklung und Umwelt und Bau- und Wohnungswesen und

je eine Person aus der Arbeits- und der Verkehrsverwaltung. Die Planungsgruppe

hatte ihren Auftrag vom sogenannten Provisorischen

Regionalausschuss Berlin-Brandenburg erhalten. Wir sollten zügig

einen Plan für die räumliche Entwicklung des Gesamtgebietes von

Stadt und Umland erarbeiten. Nach dem Mauerfall gab es entlang

der Grenze fünf oder sechs weitere, vom Provisorischen Regionalausschuss

eingesetzte Arbeitsgruppen, die grenzübergreifend Pläne

erarbeiten sollten.

Das war Januar oder Februar 1990. In der Zeit bin ich oft

nach Ostberlin gefahren und musste, wenn ich da irgendwelche

Pläne mitbekam, zur Bestätigung ein Begleitschreiben haben, dass

diese vom Büro für Städtebau zur Verfügung gestellt wurden und

dass es erlaubt war, die mitzunehmen. Diese Übergangsphase war

eine sehr interessante Situation.

Aber Ihre Planungsgruppe tagte in Potsdam?

Ja, wir haben in Potsdam gearbeitet. Ich bin immer mit einem Kollegen

hingefahren, da mussten wir noch bei Babelsberg über die

Grenze. Es fuhr zwar schon ein Bus, aber an der Grenze gab es noch

69

Klaus Ermer

Wolf Beyer

Auftrag

Provisorischer Regionalausschuss

Zügige Arbeit am ersten

Plan


agrarischen und gesundheitlichen Versorgung aufgekauft worden.

Das haben wir auch erst erfahren, als wir die Pläne der Stadtgüter

1989/90 zu Gesicht bekommen haben. Das war bis dahin Geheimwissen.

Diese Stadtgüter hatten einen Geschäftsführer, der stark

verkaufsorientiert arbeitete. Das war zwar im Interesse des Berliner

Haushaltes, aber es war natürlich nicht im Interesse der Stadtentwicklungspolitik,

auf Stadtgutflächen außerhalb Berlins irgendwelche

Entwicklungsprojekte zu starten. Das musste außerdem in

Abstimmung mit den Gemeinden, in denen wir als Stadt Eigentümerin

waren, geschehen.

Zusätzlich zur Treuhand und zu den Stadtgütern trat auch

noch die Bahn als „Landlord“ auf. Die Bahn hat ja nicht nur ihre

Bahnbetriebsflächen, sondern auch andernorts Grundstücke.

Zu viele Flächen kamen zur gleichen Zeit auf den Markt,

und auf Investoren- oder Eigentümerseite entstanden große Begehrlichkeiten.

Das war auf ein Maß runterzubringen, das der Stadt entsprach

und das auch finanziert werden konnte. Senator Hassemer

hat damals Rotterdamer Planer nach Berlin geholt. Die hatten in

einer neuen Phase der Stadtentwicklung gerade den Schritt über

die Maas gemacht und in Prozessen gedacht, die sich intensiv mit

der Frage der Prioritätensetzung bei einer Vielzahl von Projekten

beschäftigten. Für uns Planerinnen und Planer genau das Thema,

dieses Überangebot an Flächen und Projekten.

Spielten soziale Aspekte eine Rolle?

Aus Senator Hassemers Stadtforum erwuchs 1995 die Frage, welche

Gebiete einem besonderen Entwicklungsdruck ausgesetzt sind und

welche nicht.

In einer Studie von Hartmut Häußermann haben wir festgestellt,

dass beispielsweise in Lichtenberg Räume zurückbleiben

und von der Entwicklung abgehängt werden. Daraus entstand dann

später der Begriff der sozialen Stadtentwicklung, und auch die politisch-planerische

Konzeption, das Quartiersmanagement, wurde

1996 geboren – es ist allerdings erst 1999 gestartet worden. Als wir

das den Kollegen von der Senatsbauverwaltung vorgetragen haben,

haben die gesagt: „Das machen wir ja schon alles, Sanierung usw.

gibt es.“ Die haben damals nicht begriffen, dass es trotz Sanierung

Gebiete gibt, die einfach abgehängt sind, bevölkerungsstrukturell

und sozial. Und als dann Klemann (CDU) Bausenator und Strieder

(SPD) Stadtentwicklungssenator wurde, war der geniale Deal,

in jeder der Verwaltungen fünf Quartiersmanagementgebiete zu

machen, das Problem also sehr pragmatisch zu lösen. Wir waren

mit Klemann über den Stadtentwicklungsplan Wohnen ohnehin im

Streit, wie viele sozial gebundene Wohnung wir in Berlin brauchten.

Die Mitzeichnung dieses Planes fiel in die gleiche Phase wie die

Quartiersmanagement-Festsetzungen. Alle hatten ihren Frieden

und konnten ihr Handwerk in den einzelnen Gebieten beweisen.

Das Quartiersmanagement ist jetzt 20 Jahre alt und wird erst jetzt

so langsam runtergefahren.

Hartmut Häußermann

Ursprung des Quartiersmanagements

76

„Unsere Aufgabe war vor allem, zu lenken und zu mäßigen und die Ansprüche der

Investorenseite mit guten Argumenten herunterzuschrauben“


War Anfang der 1990er-Jahre schon absehbar, dass es irgendwann

abgehängte Gebiete geben würde?

Der Anlass war, die Gebiete zu ermitteln, die unter Entwicklungsdruck

standen. Aber herausgekommen ist eine Arbeit zu den Quartieren,

wo jeder Druck fehlte, die von der Entwicklung abgekoppelt zu

werden drohten. Die gab es, Gebiete drohender Marginalisierung –,

das war der Begriff von Häußermann. Aber das Untersuchungsziel

war ursprünglich ein anderes.

Waren Sie im Stadtforum ständig anwesend?

Ständig anwesend nicht, aber ich habe insgesamt 13- oder 14-mal

referiert. Unter Hassemer war es immer Usus, dass die Verwaltung zu

einem bestimmten Thema auch etwas vorträgt – bis meine Kollegin

und ich mal das Konzept zur Dienstleistungsentwicklung vorgetragen

haben und der Senator dann wütend kam und uns vorhielt, dass

ihm das vorher keiner gesagt habe. Er wusste gar nicht, dass wir an

dem Konzept gearbeitet haben, er als Senator hätte die Überlegungen

gerne verkündet und wollte nicht, dass irgendwelche Referatsleiterinnen

und -leiter so etwas vortragen.

Das Stadtforum war zum Teil sehr hochkarätig besetzt, zum

Beispiel mit Gräfin Dönhoff und Edzard Reuter. Es war alles schön

und interessant, aber diese Mitglieder haben zur anstehenden Frage

oft nicht viel sagen können. Aber das Stadtforum hat mit hohem

Anspruch verhandelt.

War das Stadtforum für Ihre Arbeit wichtig?

Ja, schon, das war so ein Test. Aber wir hatten leider immer das Problem,

dass die Vorträge der Verwaltung zeitlich begrenzt wurden. Aber

es war gut für uns, damit wir auch unsere Sachen in die Diskussion

bringen konnten.

Haben Sie auch Anregungen mitgenommen?

Natürlich. Da waren Vorträge, die waren toll. Da hat schon vor

15 Jahren jemand über Wasserknappheit in Berlin geredet. Da waren

Themen dabei, die neu waren und die kein Mensch auf dem Schirm

hatte. Das war wichtig, und die interessierten Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter sind hingegangen.

Welche der großen Strukturentscheidungen finden Sie besonders

wichtig?

Die schnelle Erarbeitung des Flächennutzungsplans war sehr wichtig,

um die Unsicherheiten zu beseitigen. Zweitens die gemeinsame

Landesplanung. Das ist einmalig in der Republik, dass zwei Bundesländer

eine gemeinsame Landesplanungsabteilung haben. Das

hat die Zusammenarbeit im sogenannten Raumordnungsverfahren

erleichtert. Die Brandenburgerinnen und Brandenburger hatten so

die Chance – die sie auch genutzt haben –, zum Beispiel auf unsere

Zentrenplanung an der Landsberger Allee Einfluss zu nehmen. Dort

wollten Investoren in der Summe 160.000 oder 180.000 Quadrat-

Zusammenarbeit Verwaltung

– Stadtforum

Stadtforum

Schneller Flächennutzungsplan,

Innovation

Gemeinsame Landesplanung

77

„Unsere Aufgabe war vor allem, zu lenken und zu mäßigen und die Ansprüche der

Investorenseite mit guten Argumenten herunterzuschrauben“


Ehemaliger Todesstreifen im Bereich der Ebertstraße, Mai 1992


„Ohne die Erfahrung mit der Neuaufstellung

des Flächennutzungsplanes

für Westberlin hätte es nie

funktioniert, so schnell einen Plan

für die Gesamtstadt zu machen“

Rolf Eggeling ist in Braunschweig geboren, studierte in München und war

ab 1970 in der Berliner Senatsbauverwaltung tätig. In seinen Verantwortungsbereich

fielen zwei Flächennutzungspläne: der für Westberlin in den

1980er-Jahren und für Gesamt-Berlin Anfang der 1990er-Jahre. Darüber

berichtet er ebenso wie über die unzureichende regionale Zusammenarbeit.

Er gibt eine Anekdote preis über die Entscheidung zum Flughafenstandort

und erzählt über das große Glück, an der Planung für Berlin nach dem

Mauerfall mitgewirkt zu haben.

Was haben Sie, Herr Eggeling, vor 1990 gemacht und in welcher

Position waren Sie zur Zeit des Mauerfalls?

Mit meiner Aufgabe, mich ab 1975 um die Stadtentwicklungsplanung

zu kümmern, durfte ich was für die Stadt Westberlin machen, und

das erste veröffentlichte Ergebnis war 1981 ein Planungskonzept, das

wir Räumliches Entwicklungsmodell genannt haben. Dann wurde

Hassemer Senator für Stadtentwicklung (1981–1983). Wir hatten die

Planung fertig und er hat sich dankenswerter Weise das Ergebnis zu

eigen gemacht. Das war eine Planung auf einer anderen Ebene der

Verallgemeinerung, als der vorherigen im übermäßig detaillierten

Flächennutzungsplan aus dem Jahr 1965.

Es war der Versuch, eine neue Planung für die gesamte

Fläche zu machen. 1981 wurde dann entschieden, den Flächennutzungsplan

für Westberlin gründlich zu überarbeiten, das heißt,

inhaltlich einen stärkeren Bezug auf Westberlin – und eine teilweise

Abkehr von der bis dahin verfolgten gemeinsamen Entwicklungsperspektive

beider Teile der Stadt – vorzunehmen und sich darstellungstechnisch

auf die Grundzüge der Planung zu beschränken. Der Plan

sollte ursprünglich 1984 fertig werden. Obwohl er im Vergleich zu

seinem Vorgänger konzeptionell weit weniger über den Bestand der

Flächennutzung hinausging, kam es zu einer so noch nie erlebten

Intensität der Bürgerbeteiligung mit fast 300.000 zu bearbeitenden

Bedenken und Anregungen. Die Bearbeitung der Einwendungen

und notwendige Planänderungen führten dazu, dass der Plan erst

1987 vom Abgeordnetenhaus beschlossen werden konnte. Er war

also gerade mal zwei Jahre alt, als alles wieder ganz anders kam.

Räumliches Entwicklungsmodell

Flächennutzungsplan

1984/87

105


Schloss-Attrappe, Juni 1993


„Leben erzählen, damit wir

verstehen“

Bruno Flierl ist in Schlesien aufgewachsen, nach französischer Kriegsgefangenschaft

studierte er an der HdK Berlin und nach der Übersiedlung

in die DDR in Weimar. Mit kritischem Geist begleitete er das Architekturund

Planungsgeschehen in der DDR und im wiedervereinten Berlin. Hier

erzählt er von der ideologischen Kluft zwischen Planerinnen und Planern

aus dem Westen und dem Osten, über die historische Bedeutung der Stalinallee,

warum er den Entschluss zum Wiederaufbau des Stadtschlosses

für wahnsinnig hält, das Band des Bundes hingegen für gelungen – und

warum Erzählen und Zuhören unabdingbar sind für gegenseitiges Verstehen.

Zunächst erläutert er den Kern des Streits um den Reformansatz

des DDR-Städtebaus.

Von Anfang an war ich interessiert und durch meine institutionelle

Unabhängigkeit auch in der Lage, mich an den Diskussionen und

Planungen zur gemeinsamen Stadtentwicklung Ost und West zu

beteiligen – noch gar nicht im Sinne der Wiedervereinigung, sondern

im Sinne der Abschaffung des Bruchs, der durch die Teilung und

den Kalten Krieg entstanden war. Meine erste Gelegenheit, praktisch

zukunftsorientiert mit Westberliner Kolleginnen und Kollegen

umzugehen, war der sogenannte Provisorische Regionalausschuss.

In Folge der Besatzung durch die vier Siegermächte hatte

Berlin jahrzehntelang keine systematische und schon gar keine

gemeinsame Regional- und Stadtplanung. Die Eisenbahnverbindungen

waren Sache der Deutschen Reichsbahn, die von der DDR

verwaltet wurde, die Flugkorridore waren Sache der vier Mächte.

Infrastrukturplanung war extrem mühsam. Mit dem deutsch-deutschen

Transitabkommen war der Ausbau der Autobahnen von und

nach Berlin verbunden.

Provisorischer Regionalausschuss

Herr Flierl, wann begann die gemeinsame Regionalplanung?

Der erste Schritt zur Einbeziehung ganz Berlins in eine regionale

Planung geschah tatsächlich erst nach dem Ende der DDR und dem

Ende des Besatzungsregimes. Bis dahin fand ein Bekanntmachen mit

Plänen nur inoffiziell statt. Im sogenannten Provisorischen Regionalausschuss

wurden das gespaltene Berlin, die beiden Berlins, und

das Umland zum ersten Mal gemeinsam regionalplanerisch in den

Blick genommen. Das war ein sehr produktiver Auftakt – bis sich

aber dann doch herausstellte, wie stark die Positionen des Kalten

Krieges nachwirkten. Ich verließ dann im Konflikt mit den tonangebenden

Personen den Ausschuss.

113

Beginn regionaler Planung


Unter den Linden, Februar 1992


„Im Stadtforum kamen das

verfügbare Wissen und die

Erfahrungen aus der Zeit

um 1990 und aus den 1980er-

Jahren zusammen“

Dieter Frick ist in Gießen geboren, studierte in München und Berlin und

war ab 1973 Professor für Stadt- und Regionalplanung an der TU Berlin.

Seine Rolle als ständiges Mitglied im Stadtforum beschreibt er – einem

Lehrenden gemäß – als beobachtend und kommentierend. Er begrüßt die

Wiedereinführung von städtebaulichen Regeln durch das Planwerk Innenstadt

sowie langfristige Konzepte und erläutert, warum das Ausbleiben des

euphorisch erwarteten Wachstums ein Segen für Berlin war.

Herr Frick, inwieweit waren Sie Anfang der 1990er-Jahre an den

Planungen für Berlin beteiligt?

Ich war Hochschullehrer an der TU Berlin und habe mit Studierenden

auch kleinere Projekte in Berlin durchgeführt. Meine Hauptfunktion

war es, zu beobachten, manchmal auch zu kommentieren.

Das ist ja die Funktion eines Hochschullehrers: zu schauen und zu

überlegen. Aber das Wichtigste war meine Mitgliedschaft im Stadtforum.

Da waren etwa 50 Leute dabei. Wir brauchten uns gar nicht

mehr zu verabreden. Wenn wir jemanden aus dem fachlichen Kreis

treffen wollten, wussten wir der oder die ist da. Das hatte etwas von

einem Salon.

Senator Hassemer hat die Leute sozusagen handverlesen:

Architektinnen und Architekten, Stadtplanerinnen und Stadtplaner,

freie Künstler, auch einige Philosophen. Aber mehrheitlich Personen

aus den Bereichen Architektur, Ingenieurwesen, Stadtplanung.

Hassemer hatte mir geschrieben, er möchte mich im Stadtforum

dabeihaben. Da habe ich gerne zugesagt. Das war ehrenvoll und es

hat mich auch sehr interessiert. Wir kannten uns schon vorher.

Es gab auch einen Beirat, drei oder vier Leute, die die

Sitzungen als Steuerungsgruppe vorbereitet und dafür gesorgt

haben, dass viele verschiedene Aspekte, auch kritische, im Stadtforum

immer wieder zur Geltung kamen. Fachleute aus Amsterdam,

London, Paris oder Skandinavien wurden eingeladen, um zu

bestimmten Themen Stellung zu nehmen. Eine wichtige Rolle im

Beirat hatte Edvard Jahn vom Planungsbüro Jahn und Suhr. Rudolf

Schäfer, Jurist und langjähriger Dekan der Fakultät Architektur,

später „Bauen Planen Umwelt“ der TU hat die Sitzungen geleitet.

Er war ein sehr begabter und kluger Moderator. Das hat mit zur

Qualität und Kultur des Stadtforums beigetragen.

137

Aufgabe des

Stadtforums

Edvard Jahn,

Rudolf Schäfer


erscheinen zu lassen. Mit diesem Briefkopf hat er die Kollegen in

der DDR eingeladen, das konnten sie nun bei der Partei vorzeigen

und dann durften sie kommen.

Wie beurteilen Sie Strukturentscheidungen, die die Stadt bis heute

prägen?

Im Ganzen betrachtet ist das relativ gut gelaufen. Wichtig war zum

Beispiel der Flächennutzungsplan für ganz Berlin. Da waren Hassemer

und seine Leute stark engagiert. Die Verabschiedung des Plans

war eine sehr wichtige Entscheidung. Und es ist nicht einfach auf der

Flächennutzungsplanebene, auf einer relativ abstrakten Ebene geblieben,

sondern die Planung ist mit dem Planwerk Innenstadt dreidimensional

vervollständigt geworden. Dafür war die Architekturwerkstatt,

eine Art Ideenschmiede, im Hause von Bausenator Wolfgang

Nagel und Senatsbaudirektor Hans Stimmann verantwortlich. Dort

fand die Konkretisierung von Planungen ins Baulich-Räumliche statt.

Das Planwerk Innenstadt hat Stimmann auf den Weg

gebracht und auch immer nachdrücklich vertreten. Unter Architektinnen

und Architekten war es umstritten. Ich würde sagen, es war

die Wiedereinführung von städtebaulichen Regeln in das Berliner

Baugeschehen. Viele Architektinnen und Architekten haben es als

Gängelung empfunden. Aber ich glaube, es handelt sich um ein wichtiges

Strukturprinzip. Vorarbeiten gab es im Rahmen der IBA, als Josef

Paul Kleihues mit dem Konzept der Kritischen Rekonstruktion ein

Regelwerk für Straßen, Baublöcke, Traufhöhen usw. entwickelt hatte.

Die Wiederherstellung oder Sicherung des öffentlichen Raumes war

das Thema, als konkrete Ergänzung zum Flächennutzungsplan auf

der Bebauungsplanebene. Das Planwerk wurde zur städtebaulichen

Richtschnur gemacht und ist vom Senat beschlossen worden, wenn

auch nicht vom Abgeordnetenhaus. Es hat dennoch viele Entscheidungen

geprägt und meines Ermessens eine starke Wirkung gehabt.

Wir sehen es immer wieder in der Stadt, wie Blöcke geschlossen

werden oder an der Fluchtlinie gebaut wird. Heutzutage, unter der

Nachfolgerin von Stimmann, kann ich ein so starkes Konzept im

Sinne von städtebaulichen Regeln nicht erkennen. Mag sein, dass

manches fortwirkt. Das Planwerk Innenstadt hat eine bestimmte

Planungskultur erzeugt.

Manche Architektinnen und Architekten, behaupte ich, wissen

nicht, was Städtebau ist. Meine Lehrmeinung ist immer gewesen:

Wir dürfen nicht von den Häusern, sondern wir müssen vom öffentlichen

Raum ausgehen. Der öffentliche Raum wird gebildet durch

Gebäude, und das erfordert bestimmte Regeln. Da können wir nicht

einfach drauflos entwerfen. Es gibt viele Architektinnen und Architekten,

die das genau verstehen. Andere, die fühlen sich eingeengt

durch Fluchtlinien, Traufhöhen usw.

Flächennutzungsplan

Planwerk Innenstadt,

Architekturwerkstatt

Planwerk hat Planungskultur

etabliert

Sie sehen die Einführung der städtebaulichen Regeln positiv?

Ja, sehr positiv. Interessant ist, dass in den Vor-Wendejahren die IBA

ein Sammelbecken von guten Leuten war. Diese beiden Abteilungen,

Internationale Bauausstellung

1984/87

140

„Im Stadtforum kamen das verfügbare Wissen und die Erfahrungen

aus der Zeit um 1990 und aus den 1980er-Jahren zusammen“


also Hardt-Waltherr Hämer mit der IBA-Alt und Josef Paul Kleihues

mit der IBA-Neu, waren beide sehr fruchtbar. Dort arbeiteten sehr

gute Leute, und die haben eine bestimmte Planungs- und Baukultur

neu entwickelt. Das hat dann bei dem Planungsprozess der 1990er-

Jahre viel geholfen. Denn dieselben Leute, die vorher da gearbeitet

hatten, haben dann in den Planungsbüros gearbeitet oder beim Senat,

wo die Projekte gemacht wurden. Die Arbeit wurde im Prinzip weitergeführt,

institutionell unterschiedlich, aber von der Haltung her

gleich. Ich habe es immer als einen historischen Glücksfall angesehen,

dass eine konzeptionelle Haltung entwickelt worden war, die wir dann

anwenden konnten. Ich hatte, wie andere auch, die Befürchtung, dass

über das wiedervereinigte Berlin, das wieder Hauptstadt werden sollte,

ein ungeordnetes Hochhausgewitter niedergehen könnte. Das ist

letztlich durch Hassemer und Stimmann, Nagel hat auch mitgewirkt,

verhindert worden.

Ich erinnere mich an den interessanten Fall des Wettbewerbs

„Potsdamer Platz“. Der wurde durch ein Preisgericht entschieden.

Hardt-Waltherr Hämer war beteiligt und andere wichtige Leute. Das

Preisgericht hat im Grunde eine gemäßigte oder, wie soll ich sagen,

eine auf öffentliche Räume hinwirkende Konzeption ausgewählt.

Hilmer+Sattler aus München haben den ersten Preis gewonnen, mit

wenigen Hochhäusern, Trauflinie, Straßen und Plätzen. Dazu gab es

einen Gegenentwurf von Richard Rogers. Das war eine Großarchitektur,

sehr eindrucksvoll, aber eben nicht Städtebau. Und dann

passierte es, dass Kräfte in Berlin das Preisgerichtsurteil kassieren

und den Entwurf von Rogers als maßgeblich für die Bebauung des

Gebietes am Potsdamer Platz bestimmen wollten. Es war damals

sehr auf der Kippe, denn da spielten große Investorinnen und Investoren

eine Rolle. Daimler-Benz und der japanische Konzern Sony

zeigten starke Sympathien für den Rogers-Entwurf. Der Tagesspiegel

hat dann eine Verpflichtung des Senats ausgegraben, die vorsah,

dass die Preisgerichtsentscheidung als verbindlich gelten sollte. Der

Tagesspiegel hat dies veröffentlicht, und damit war der Entwurf von

Rogers vom Tisch. Das war durchaus nicht selbstverständlich, denn

die Investorenseite hatte Gewicht und der Hauptstadtbeschluss war

noch nicht ergangen. Berlin musste sehen, wie es überhaupt weiterkommt,

und brauchte natürlich Leute aus der Wirtschaft, die bereit

waren, ihr Geld zu investieren. Da hat die Stadt aus meiner Sicht

noch mal Glück gehabt.

Hat die Planungskultur, die die IBA in den 1980er-Jahren in Westberlin

etabliert hat, auch die Jahre nach dem Mauerfall prägen können?

Ich hatte in der Vorwendezeit mal eine Sitzung der Vereinigung der

Planerschulen in Europa zu organisieren. Dabei haben wir auch

die IBA besucht, und es kam zu einer Begegnung mit den beiden

Direktoren Hämer und Kleihues. Dass sie unterschiedliche, zum Teil

gegensätzlichen Auffassungen hatten, wurde bei dieser Gelegenheit

deutlich. Aber aus heutiger Sicht muss ich sagen, haben die beiden

sich ergänzt. Hämer hat mit seinem Konzept der Behutsamen Stadt-

Hardt-Waltherr Hämer,

Josef Paul Kleihues

Konflikt um Wettbewerb

„Potsdamer Platz“

Hilmer und Sattler

Richard Rogers

IBA-Direktoren als Wegbereiter

des städtebaulichen

Leitbildes

141

„Im Stadtforum kamen das verfügbare Wissen und die Erfahrungen

aus der Zeit um 1990 und aus den 1980er-Jahren zusammen“


Leipziger Straße mit „Ahornblatt“, Oktober 1989


„Alles, was ich in den ersten

Jahren gemacht habe, war Nein

zu sagen“

Dorothee Dubrau ist in Berlin geboren und studierte an der Kunsthochschule

in Weißensee. 35-jährig wurde sie 1990 Baustadträtin von Berlin-

Mitte. Sie erzählt von dem anfänglichen Optimismus, dass die von der

Bürgerbewegung der DDR geforderte Rettung von Altbausubstanz nun

möglich war, vom Kampf um den Erhalt von Wohnraum, dem Ansturm

der Investoren – von der bewahrenden Kraft des Nein-Sagens. Und davon,

wie sie mit einem schnellen Bauvorbescheid für die Torhäuser am Pariser

Platz kurzerhand die übersteigerten Pläne des Verkehrssenators am Brandenburger

Tor ausbremste.

Frau Dubrau, wie kam es, dass Sie zu so entscheidenden Zeiten an

so entscheidenden Orten beziehungsweise in so entscheidenden

Positionen waren. Haben Sie den Weg in die Politik beziehungsweise

Verwaltung gezielt eingeschlagen?

Ich habe in Berlin-Weißensee Architektur studiert und von 1978 bis

’81 in der Aufbauleitung in Berlin-Marzahn als Komplexarchitektin

gearbeitet. Dass ich Baustadträtin von Mitte wurde, war keine zielgerichtete

Entscheidung für die Politik. In den letzten Jahren der

DDR habe ich mich im Umfeld unserer Wohnung – in Weißensee,

in Hohenschönhausen und dann insbesondere auch in Mitte – engagiert,

weil ich zu der Zeit Kinder bekommen hatte. Aus den ehemaligen

Wohn-Bezirksausschüssen haben sich damals Bürgerinitiativen

herausgebildet – das war so bei Matthias Klipp in der Oderberger

Straße und auch bei mir. Wir wurden dann die Bürgerinitiative

Luisenstadt/Mitte und haben versucht, Entwicklungen in unserem

Gebiet anzustoßen. So kam es letztlich auch zu den Kontakten in

die Politik. Der neu gewählte Bürgermeister hat mich schließlich

gefragt, ob ich für die nächste Wahl zur Baustadträtin kandidieren

würde. Eine echte Hauruck-Entscheidung: Am Montag wurde ich

gefragt, am Dienstag habe ich mit meiner Familie gesprochen, am

Mittwoch habe ich gesagt: „Okay, ich mache es!“ Am Donnerstag

war die Wahl und am Freitag mein erster Arbeitstag.

Was waren die ersten Aufgaben, die auf Sie zukamen?

Es gab zu diesem Zeitpunkt noch keine richtig funktionierende Verwaltung

auf Bezirksebene. Es gab ein Zusammenwirken von Leuten

aus unterschiedlichen Institutionen, also beispielsweise aus der ehemaligen

Bezirks- und Magistratsverwaltung oder aus den verschiedenen

Ministerien. Dazu kamen einige, die aus dem Westen abgeordnet

waren. Feste Amtsleiterinnen und -leiter gab es noch keine. Für die

komplette Leitungsebene wurde alles auf Anfang gesetzt: Alle wurden

147

Weg in die Politik


Scheunenviertel, März 1990


„Eine Erbbaurechtslösung für

reprivatisierte Grundstücke

hätte die Innenstädte gerettet“

Hans Jörg Duvigneau studierte in Berlin und war bei der Neuen Heimat

Nord tätig, bevor er 1983 zum Technischen Geschäftsführer der GSW Berlin

berufen wurde. Er erzählt von der anfangs nicht ganz konfliktarmen

Zusammenarbeit mit der IBA-Alt, dem Bruch der rot-grünen Koalition

in Folge einer Räumung, der Überführung der kommunalen Wohnungsverwaltungen

Ostberlins in westliche Strukturen, der vertanen Chance

bei der Rückübertragung von Immobilien und dem von ihm organisierten

deutsch-französischen Planeraustausch.

Herr Duvigneau, seit wann waren Sie in der Westberliner Wohnungswirtschaft

tätig, ehe die Mauer fiel?

Ich kam 1983 nach Berlin und übernahm die Leitung der GSW. Die

GSW hatte damals viele Bauprojekte im Gange, u.a. das Bauvorhaben

in Lichterfelde Süd am Woltmannweg.

Leider kamen wir bei der Vergabe von Grundstücken aus

städtischem Besitz meist nicht zum Zuge. Wir mussten sehen, wenn

wir bauen wollten – und wir wollten bauen –, wie und wo wir das

machen konnten. Wir hatten Baumöglichkeiten im eigenen Bestand.

Das, was heute Verdichtung genannt wird, habe ich damals wohnbauliche

Ergänzung genannt. Wir wollten die Einseitigkeiten überwinden

und bauen, was dort fehlt. Und so haben wir die Chance genutzt,

auf den Grundstücken unseres eigenen Bestands viele schöne neue

Wohnungen zu bauen.

Für die Siedlung Woltmannweg wurden uns dann doch

die nächsten Grundstücke zugesprochen, nachdem der erste Bauabschnitt

in bundesweiten Wettbewerben Preise errungen hatte –

das konnte den Bausenator nicht kalt lassen. Der Bausenator war

damals Klaus Franke. Ich schätzte seine klaren Ansagen und seine

Verlässlichkeit. Wir haben uns über die fachlichen Sachverhalte gut

verstanden.

Ein Beispiel: Die GSW hatte damals in Kreuzberg zwischen

Kottbusser Tor, Kottbusser Damm und Wassertorplatz eine ganze

Reihe von besetzten Häusern. Kurz nach Beginn meiner Tätigkeit

bei der GSW wurde ich mit meinem damaligen kaufmännischen

Kollegen zum Bausenator gebeten, wo es um die Frage ging, wie

dieses Ärgernis beseitigt werden kann. Die Häuser sollten geräumt

werden. Da habe ich gesagt: „Ich verhandle zurzeit selbst über den

Abschluss von Mietverträgen mit den Besetzern. Wenn jetzt mir

nichts dir nichts geräumt wird, dann kann ich mir in Zukunft solche

Gespräche schenken. Dann wissen die, es hat eh keinen Sinn. Also

geben Sie mir die Chance, diese Gespräche zu Ende zu führen. Wenn

sie ergebnislos sind, dann können wir gerne in die nächste Runde

155

Aktivitäten in Westberlin

GSW

Klaus Franke

Umgang mit besetzten

Häusern


Inzwischen waren in Berlin viele neue Wohnungen im Bau oder

schon fertig. In den 1990er-Jahren sind rund 200.000 Wohnungen

in Berlin gebaut worden! Und plötzlich hatten wir diesen gigantischen

Leerstand. Es war eine Fehlentscheidung gewesen – diese Ausschließlichkeit,

Geschosswohnungsbau so verdichtet wie möglich zu

bauen und nicht eine vernünftige Mischung zuzulassen. Ich meine,

wir hatten das ausprobiert in Billwerder Allermöhe in Hamburg und

anderswo. Und in Berlin ist das früher gang und gäbe gewesen. Onkel

Toms Hütte ist eine Großsiedlung, in der es auch Einfamilienhausquartiere

gibt – vernünftigerweise. Das wäre so weit draußen auch

sehr gut machbar gewesen.

Wie war es möglich, dass so schnell so viele wichtige Entscheidungen

getroffen wurden?

Es gab den ungeheuren politischen Druck. Berlin war so etwas

wie die Werkstatt der Wiedervereinigung. Das hat es so in keinem

anderen Bundesland gegeben. Bei uns prallte alles unmittelbar

aufeinander.

Wichtige Entscheidungen hat der Berliner Senat schnell

getroffen, zum Beispiel die Festlegung weiterer Entwicklungsmaßnahmen

nach dem Besonderen Städtebaurecht. Die „Wasserstadt

Ost“ um die Rummelsburger Bucht, oder der von GEHAG und GSW

betreute Entwicklungsbereich „Alter Schlachthof“ an der Eldenaer

Straße waren solche Entscheidungen. In Berlin konnten wir uns auf

eine kompetente Verwaltung stützen.

Das war in den Städten Brandenburgs schwieriger, weil es

keine intakte und kompetente Verwaltung gab. Die Stadtverwaltung

von Brandenburg hatte ein kleines Planungsamt mit vier, fünf Leuten.

Die waren alle gutwillig, aber es fehlte an fachlicher Kompetenz. Der

Oberbürgermeister Dr. Schliesing war Physiker, ein Wissenschaftler,

der sich über einen Runden Tisch zur Verfügung gestellt hatte.

Kurz nach der Wirtschafts- und Währungsunion im Sommer 1990

mussten wir ihn darauf hinweisen, dass vor den Toren Brandenburgs

der Bau eines riesigen Einkaufszentrums vorbereitet wird. Dieses

Einkaufszentrum könnte mit seinen Parkplätzen so attraktiv werden,

dass es den Einzelhandel in der Brandenburger Innenstadt kaputt

machen wird. Brandenburg als Nachbargemeinde könne dagegen

Einspruch einlegen. Wir hatten ihm einen Brief vorbereitet. Aber

das schien nicht wichtig.

Das war in Brandenburg. In Berlin war es anders – und es

gab das Stadtforum. Das Stadtforum war eine fantastische Clearingstelle,

und Volker Hassemer als Person hatte die Gabe, viele Leute

zu interessieren. Er hatte im Stadtforum einen Diskussionsrahmen

geschaffen. Da wurden Entscheidungen vorbereitet für Fragen, wie

zum Beispiel der Bahnverkehr nach Berlin eingefädelt werden soll.

Es gab viele verschiedene Überlegungen und dann kam dieses sogenannte

Pilzkonzept raus. Das ist maßgeblich vorbereitet worden

durch den Austausch von alternativen Möglichkeiten im Stadtforum.

Allerdings nahm die Bauverwaltung nicht teil. Da gab es nur sehr

Verpasste Chance typologische

Mischung

Fehlen funktionsfähiger

Verwaltungen in BB

Clearingstelle

Stadtforum

160

„Eine Erbbaurechtslösung für reprivatisierte Grundstücke

hätte die Innenstädte gerettet“


selten Austausch. Es schien mir absurd, dass die beiden wichtigen

Bereiche – Stadtentwicklung und Bauen mit Wohnen – zwei verschiedene

Ressorts bildeten und dann auch noch parteipolitisch

verschieden besetzt waren: Hassemer, CDU, und Nagel, SPD.

Ich war vom Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen

entsandt worden. Denen war ein Sitz im Stadtforum

angeboten worden. Ich bin fast immer bei den Sitzungen gewesen.

Nicht alle Themen, die dort erörtert wurden, fand ich sinnvoll. Aber

ich konnte verfolgen, wie die Dinge verhandelt wurden.

Dazu gehörte auch die Frage: Wie stimmen wir uns mit dem

Land Brandenburg ab? In dieser Zeit, in den frühen 1990er-Jahren,

ist ja die gemeinsame Landesplanungsgruppe entstanden, die zwar

keine Entscheidungs-, aber doch eine wichtige Beratungskompetenz

hat. Sie hofften damals, dass diese Planungsgruppe nicht mehr

gebraucht wird, wenn Berlin und Brandenburg nach der Abstimmung

zu einem gemeinsamen Bundesland vereinigt sind. Aber das

kam leider nicht zustande.

Wie wurde der große Bestand an Wohnungen in Ostberlin in eine

neue Struktur überführt?

Die Wohnungsbestände in den Ostberliner Bezirken waren in den

Händen der KWV (Kommunale Wohnungsverwaltungen), die zum

1.Juli 1990 in städtische Wohnungsunternehmen umgewandelt worden

sind. Wir Geschäftsführer in den Westberliner städtischen Wohnungsunternehmen

wurden vom Senat dringend gebeten, in den

neu gebildeten Wohnungsbaugesellschaften Ostberlins Leitungsaufgaben

zu übernehmen. Das war eine von diesen praktischen

Maßnahmen zur Zusammenführung der beiden Stadthälften.

Mein Kollege Gero Luckow und ich haben uns für Friedrichshain

entschieden. Ich war ein Fan der Stalinallee. Das war

aber nicht der Hauptgrund. Wir waren hauptsächlich in Kreuzberg

am Sitz der GSW-Verwaltung tätig und Friedrichshain war auf der

anderen Seite der Spree.

Wir konnten das Funktionieren eines kommunalen Wohnungsunternehmens

auf die KWV leicht übertragen. Die hatte ja eine

Struktur. Die hatte eine Leitung, das war der Betriebsdirektor mit seiner

Crew. Die KWVs hatten, wie die GSW, eine technische Abteilung

und eine kaufmännische Abteilung. Sie machten das Mieteninkasso

usw. Diese Struktur galt es im Grunde genommen jetzt nur vorsichtig

umzustellen auf die neuen „westlichen“ Standards. Es gab aber einen

wichtigen Unterschied: Bei den KWVs war eine relativ große Truppe

von Bauhandwerkern beschäftigt: Dachdecker, Zimmerer, Maurer

usw. Das hatten wir in den Westberliner Unternehmen schon lange

nicht mehr. Wir vergaben Aufträge an das örtliche Handwerk. Und

jetzt war die Frage, was wir mit diesen Leuten machen. Das waren

bei der Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain immerhin an die

250 Personen. Hier war eine Strukturänderung notwendig.

Abstimmung Berlin-

Brandenburg

Umwandlung kommunaler

Wohnungsverwaltungen

161

„Eine Erbbaurechtslösung für reprivatisierte Grundstücke

hätte die Innenstädte gerettet“


plans bearbeitete, und vor allen Dingen auch die in Berlin sehr weit

entwickelte sektorale Stadtentwicklungsplanung.

Es war schon eine sehr merkwürdige Verwaltungsstruktur,

die sehr von kollegialem, über Ressortgrenzen hinausgehendem

Zusammenarbeiten abhängig war. Aber eigentlich war es total verrückt,

die verschiedenen Planungsstufen und inhaltlichen Zusammenhänge

des Städtebaus so voneinander zu trennen.

Ist das eine Erfahrung, die Sie in anderen Verwaltungen nicht

gemacht haben?

In Hamburg waren Stadtentwicklung und Städtebau bis zur Verantwortung

über die bezirkliche verbindliche Bauleitplanung insgesamt

im Landesplanungsamt zusammengefasst. Da gab es in derselben

Verwaltung auch einen Verkehrsbereich, einen auf Umsetzung orientierten

Stadterneuerungsbereich und auch die Bauordnung, aber

das war ja alles eine Verwaltung, die traditionsreiche Baubehörde.

Wie bewerten Sie die Segmentierung der Zuständigkeit für die verschiedenen

Planungsstufen in Berlin?

Das war gar nicht gut, und es führte uns zumindest mit der Bauverwaltung

zu der Frage, wann denn nun ein planerisch städtebaulicher

Prozess hinüber wanderte in die andere Verwaltung, die dann die

Umsetzung sowie die formellen Prozesse, zum Beispiel die Sonderverfahren

für Entwicklungsgebiete, betreute. Die Bauverwaltung war

somit, auch im Bereich der Hauptstadtentwicklungsmaßnahme, für

die Realisierung dessen zuständig, was konzeptionell und rahmensetzend

bei uns vorgedacht war. Aber man konnte dort auch mal sagen:

„Was interessieren uns diese ganzen Pläne, die da in der Senatsverwaltung

für Stadtentwicklung entworfen worden sind, wir machen

das jetzt so und so.“ Mit Hans Stimmann als Senatsbaudirektor gab

es gelegentlich durchaus Fälle sehr eigenständiger Interpretation

und unabgestimmter Weiterführungen. Irgendwann hat er einmal

selbst gesagt, er sei ein mächtiger Mann.

Wobei natürlich zu berücksichtigen ist – das ist sicher nicht

nur meine persönliche Meinung –, dass zumindest in dieser ersten

Phase seine sehr rigide Formulierung von Leitvorstellungen zu den

Themen Respekt gegenüber dem historischen Stadtgrundriss, gegenüber

Parzelle, Traufe usw. und auch sein sehr konservativ einfügendes

Herangehen an das Entwickeln, insbesondere der Friedrichstadt

und der zentralen Stadtbereiche, sehr sinnvoll und hilfreich war.

Es gab eben schon sehr früh gerade dort die verwegensten Ideen

der Immobilienwirtschaft, Bestehendes abzureißen und es durch

irgendwelche Hochhäuser und sonstige solitäre Gebäudestrukturen,

vollkommen ohne Beachtung jeweiliger übergreifender Leitvorstellungen,

zu ersetzen. Ich glaube allerdings, dass auch unser Senator

bei solchen Investorenträumen nicht mitgespielt hätte. Wir haben

beispielsweise diese Hochhausstandortfrage dann im Bereich des

Alexanderplatzes durch einen Wettbewerb prinzipiell gelöst, nach

dessen Ergebnis wir frech und vereinfachend sagen konnten: „Die

Schwierigkeiten durch

Verwaltungsorganisation

168

„Der heutige außergewöhnliche internationale Ruf von Berlin resultiert vor allem

aus den Bereichen, in denen wir planerisch gar nicht vorrangig tätig waren“


kommen alle dorthin, die Höhen gestaffelt, 150 Meter dort, und am

Potsdamer Platz 100 bis 120 Meter.“

Was waren inhaltlich die wichtigsten Aufgaben in jener Zeit?

Oh, es gab natürlich ein riesiges Bündel gleichzeitig vordringlicher

Aufgaben. Der Themenkatalog des Stadtforums kann darüber

Auskunft geben. Bei uns, in meiner Abteilung, ging es neben der

zentralen Arbeit an der Aufstellung des Flächennutzungsplanes

vorrangig um die Frage der planerischen Gestaltung der zukünftig

regionalen Perspektive und um den Versuch, daran gemeinsam

mit den Brandenburgern zu arbeiten. Dazu gab es auf politischer

Ebene eine sogenannte Vierer-Kommission von vier Senatoren, die

sich in Abständen trafen, also Verkehr, Bauen, Stadtentwicklung

und Wirtschaft, und es gab dazu ebenso ressort- wie länderübergreifend

vorbereitende Abstimmungen auf Verwaltungsebene. Für

mich, aus Frankfurt kommend, war das so die erste überraschende

Erfahrung: so eine Konkurrenz und Kontroverse unter Fachleuten!

Also auch auf der brandenburgischen Seite waren nach der

Vereinigung mindestens zur Hälfte West-Leute in die leitenden

Positionen gelangt. Sie begriffen sich nun plötzlich uns gegenüber

in einer Weise als eingefleischte Interessenwahrer Brandenburgs,

dass es ganz schwer war und nur sehr begrenzt Möglichkeiten gab,

aus einer fachlich begründeten Kollegialität heraus zu sagen, was

denn nun das Vernünftige ist. Sie waren vielmehr darauf ausgerichtet,

beispielsweise einerseits für Berlin eine restriktive Planung der

Siedlungsentwicklung zu fordern, aber andererseits zuzulassen, dass

kommunale Bauleitplanungen für das suburbane Umfeld von Berlin

betrieben wurden, die ein Mehrfaches des erwarteten suburbanen

Wachstums hätten aufnehmen können. Gleichzeitig gab es auch die

illusionäre Idee, die zukünftig erhofften, auf Berlin und seine nahe

Umgebung zielenden Entwicklungskräfte könnten in die Peripherie

Brandenburgs weitergeleitet werden.Um diesen ideellen Ausgleich

zu fördern, wurde der Gesamtraum in tortenstückartige Landkreise

beziehungsweise Planungsregionen gegliedert, die von der Berliner

Stadtgrenze bis zu den peripheren Grenzen der Nachbarländer

reichten. Die Berliner Seite hatte demgegenüber die Hoffnung, die

Dynamik des engeren Verflechtungsraumes könnte zum Hauptthema

gemacht und dieser auch in gemeinsamer Abstimmung gestaltet

werden. Dies kommt durch die gegenwärtige Wachstumssituation

auf nachbarkommunaler Ebene vielleicht in Gang, aber damals

war das sehr schwierig. Es war für uns Planende auf Berliner Seite

auch bitter, dass es nicht zur Ländervereinigung kam und dass es

nicht zumindest mehr gemeinsame Einzelprojekte gab. Wir waren

da wirklich zum Teil eher in einem Gegeneinander unterwegs, was

jedoch von außen nur begrenzt wahrgenommen wurde.

Scheiterte dieser Versuch einer Gemeinsamen Landesplanung an

einer Konkurrenzsituation?

Die Gemeinsame Landesplanungsabteilung, bisher ein positives

Themen

Stadtforum

Stadtregionale Interessenkonflikte

und Lösungen

169

„Der heutige außergewöhnliche internationale Ruf von Berlin resultiert vor allem

aus den Bereichen, in denen wir planerisch gar nicht vorrangig tätig waren“


Unikum in ganz Deutschland, gab es dann ja doch, vor allem auf

Betreiben von Hassemer und Platzeck! Ich kann auch nicht abstreiten,

dass es durchaus berechtigte und eben gleichzeitig zu uns konkurrierende

Landesinteressen auf brandenburgischer Seite gab. Aber

es fiel manchmal auf der Verwaltungsebene schwer, für die unterschiedlichen

Interessen vernünftige Kompensierungsvorschläge zu

erarbeiten. Ich weiß noch sehr genau, wie wir mal an einem Feiertag

bei Urs Kohlbrenner in seinem damaligen Büro im fünften Stock

eines Hinterhauses am Kurfürstendamm gesessen und überlegt

haben, wo wir denn aus dem Entwurf des Flächennutzungsplans

wieder Flächenreserven herausnehmen könnten, wenn die Brandenburger

ihrerseits auch Entsprechendes anbieten würden. Das

war sicher ein bisschen kleinkrämerisch. Das Ergebnis hat sich in

dem dann doch ausgewogeneren Landesentwicklungsplan für den

engeren Verflechtungsraum niedergeschlagen. Gut, das beiderseits

erwartete Wachstum war zumindest für das nächste Jahrzehnt ziemlich

illusionär, denn nachdem viele, allerdings vor allem außerhalb

der Fachwelt, erst einmal daran geglaubt hatten, wir hätten als deutsche

Hauptstadt ganz schnell eine großartige Wachstumsperspektive

vor uns, stünden in einem Jahrzehnt an der Seite von London oder

Paris, gingen die Einwohnerzahlen erst mal runter.

Auch die großflächigen Planungen für den Berliner Nordost-Raum

gingen übrigens von der Hypothese absehbaren Wachstums

aus. Für den Stadtraum mit den größten Flächenreserven

wurde, unter der Beteiligung von Hanns Adrian, eigens eine Entwicklungskommission

gebildet.

Das war wirklich eine andere Planungskultur, wie gemeinsam

mit Vertretungen aus anderen Disziplinen über Jahre in kontinuierlicher

Begleitung von Entwicklungsprozessen mit Sorgfalt

versucht wurde, sich diesem Raum anzunähern und seine Strukturen

zu verstehen. Im Gebiet von Buch und Karow beziehungsweise

Buchholz, dort in dem Kreuz von zwei S-Bahnen, hätten große

Siedlungen entstehen können, ohne Großsiedlungen zu bauen.

Diese Themen, auch Berlin-Brandenburg, wurden im

Stadtforum neben sehr vielen grundsätzlichen und strategischen

Fragestellungen verhandelt. Dieses Stadtforum war eine ganz einzigartige

Institution. Ich stieß 1992 dazu, nachdem es schon eineinhalb

Jahre etabliert war. Als Abteilungsleiter wurde ich qua Funktion in die

Lenkungsgruppe aufgenommen. Anknüpfend an meine Hamburger

und Frankfurter Erfahrungen habe ich versucht, dort einzubringen,

was diese Städte an auch für Berlin relevanter Erfahrungspraxis entwickelt

hatten. Diese Lenkungsgruppe, geleitet durch den Senator,

bestand aus Ulrich Pfeiffer, Ökonom, Helga Fassbinder, profiliert

durch ihre Partizipationsinitiativen, sowie dem Berliner Planer

Edvard Jahn und Rudolf Schäfer, dem Moderator der Sitzungen,

und eben uns als Abteilungsleitern, Jürgen Dahlhaus und mir. Es

war eine außerordentlich gute, planungskulturell bedeutsame Entscheidung,

diese Institution über Jahre beizubehalten und mit hoher

Aufmerksamkeit zu pflegen. Der Senator nahm an jeder der 14-tägig

Abbildungen Planwerke

Flächenreserven für

Wachstumsperspektive

Ansätze neuer Planungskultur

Arbeit im Stadtforum

Ulrich Pfeiffer,

Helga Fassbinder,

Rudolf Schäfer

170

„Der heutige außergewöhnliche internationale Ruf von Berlin resultiert vor allem

aus den Bereichen, in denen wir planerisch gar nicht vorrangig tätig waren“


anberaumten Sitzungen teil. Allerdings war diese Institution auch

zeitgebunden. Sie lebte von der alle motivierenden Aufgabe, nahezu

alles an strategischer Perspektive und erweiterten Handlungsoptionen

neu zu sehen und zu gestalten, und sie lebte von der Atmosphäre,

sich dieser Aufgabe als im Stadtforum repräsentierte Vertretung der

Stadtgesellschaft aus unterschiedlichster Sicht stellen zu wollen.

Was waren die wichtigen Strukturentscheidungen und wie beurteilen

Sie diese?

Bitter ist, dass die Fusionsanstrengungen der beiden Länder schließlich

nicht zu einem zusammenhängenden Berlin-Brandenburg

geführt haben. Eine weitere wichtige Strukturentscheidung war die

Hauptstadtentscheidung. Das Thema war gerade auch in der Zeit,

in der ich kam, in der Umsetzung wieder recht strittig. Was schon

im Grundgesetz steht, war bestätigt worden, aber die Umzugsentscheidungen

hinterher, die zogen sich. Da kam noch die Frau Adam-

Schwaetzer, zuständige Bauministerin, die gesagt hat: „So und so

viele zig Millionen kostet das, weil alles muss neu gebaut werden.“

Und da finde ich, dass wir – ich sage jetzt mal wir für die verschiedensten

Planungsstellen, die daran mitgewirkt haben – eigentlich

eine unglaublich tragfähige Konstellation hinbekommen haben:

die Verteilung der Ministerien nämlich derart vorzusehen, dass nun

kein Regierungsghetto entstanden ist, sondern dass die umgezogenen

Bundesbehörden mit der Stadt doch stark verwoben sind. Auch

der Spreebogen als Ort ist das – obwohl er allerdings bis heute nicht

vollständig ist, weil immer noch das Bürgerforum fehlt.

Beim Potsdamer Platz, natürlich kein Regierungsort, der

aber in seiner Dimension und mit den ansässigen Nutzungen durchaus

Hauptstadtcharakter ausstrahlen könnte, müsste demgegenüber

vielleicht die städtebauliche Struktur hinterfragt werden. Sehr bitter

finde ich die dominierende Lage dieser Potsdamer-Platz-Arkaden.

Das Einkaufszentrum, das, ohne öffentlicher Raum zu sein, eine

zentrale Achse des Quartiers besetzt und die eigentlich kreuzen sollenden

Straßen zu Sackgassen und reinen Anlieferzonen degradiert.

Das ist ein Ort geworden, der sehr stark auf Kommerz ausgerichtet

ist und von den Berlinerinnen und Berlinern eigentlich auch nicht

als das wahrgenommen wird, was ihm oft positiv zugeschrieben

wurde: für beide Stadthälften der neue Ort zwischen Ost und West

zu sein. Aber diese Verbindung leistet er nicht.

Bei den Strukturentscheidungen ist mir noch die Kritische

Rekonstruktion der Friedrichstadt wichtig: die Stimmann’sche

Vorgabe, die sich im Kern auf die Friedrichstadt bezogen hat – wir

bleiben mit neuer Bebauung im Stadtgrundriss und den architektonischen

Maßstäben, die historisch geprägt sind. Das ging dann,

so hilfreich es für den Städtebau war, allerdings manchmal hart

auf Kosten der bis dahin noch vorhandenen Freiräume. Für die

Friedrichstraße gibt es eine Darstellung des Bezirks Mitte, welche

grünen Bereiche es früher gab und wie sie in Stufen zu Bauflächen

geworden sind. Falsch und schmerzlich fand ich beispielsweise, dass

Integration Bundesregierung

Potsdamer Platz mit

Fehlern

Kritische Rekonstruktion

überzogen

Abbildungen Planwerke

171

„Der heutige außergewöhnliche internationale Ruf von Berlin resultiert vor allem

aus den Bereichen, in denen wir planerisch gar nicht vorrangig tätig waren“


178

Abb. 1: Grundlagen und Zielvorstellungen für die Entwicklung der Region Berlin

(Strahlen-Plan), Mai 1990 (Copyright GL Berlin-Brandenburg)


Grundlagen und Zielvorstellungen

für die Entwicklung der Region Berlin

Reale Flächennutzung

Zentrumsflächen

Siedlungsflächen mit hoher Dichte

Siedlungsflächen mit mittlerer Dichte

Siedlungsflächen mit geringer Dichte

Siedlungsflächen mit geringster Dichte

Gewerbe- und Bahnflächen

Wald, Park, Friedhof, Kleingärten

Landwirtschaft, sonstige offene Grünflächen

Wasserflächen

Autobahn

Ausgewählte Hauptverkehrsstraßen

Bahnstrecken

Entwicklungspotenziale

und -vorschläge

Flächen der Bestandsentwicklung: Auffüllung,

Verdichtung und begrenzte Erweiterung

Wiederinbetriebnahme und Neutrassierung von

Schnellbahnstrecken

Vorschläge für neue übergeordnete Hauptverkehrsstraßen

Vorläufige Unterschutzstellung von Landschaftsschutzgebieten

Mittelzentrum

Unterzentrum

Legende gekürzt, Originalmaßstab 1: 100 000

Planungsgruppe Potsdam 5/90

179


188

Abb. 7: StEP Öffentlicher Raum – Ziele und Handlungsfelder

(Copyright SenSW Berlin)


Stadtentwicklungsplan

Öffentlicher Raum – Ziele

und Handlungsfelder

Wilhelminischer Gürtel

Flächige Instandsetzung und dichtere

Vernetzung öffentlichen Raumes

Pflege und Wiederherstellung von Raumsequenzen

Teilstädte und Vorstädte

Rehabilitierung, Neubestimmung der Mitten

Dörfer und Stadterweiterungen

Neubestimmung der Mitten, Erweiterung

bzw. Ergänzung

Definition der Landschaftsränder

Dörfer und Landschaft

Schutz, Rückgewinnung der Siedlungsränder

Großsiedlungen

Auseinandersetzung mit dem umgebenden

und überformten Stadtgrundriss

Verflechtung mit dem umgebenden Stadtgrundriss

Neuformulierung des öffentlichen Raumes

nach innen

Definition der Landschaftsränder

„Neue Kolonien“, Implantate und Markierungen

Formulierung eines eigenen Stadtgrundrisses

City-Implantate

Definition der Landschaftsränder

Einfügen von Markierungen, neuen Zentren

Vor- und Zwischenfelde, innere und äußere Landschaften

Erhalt und Schutz der Zäsurfunktion

Verstärkung des Öffentlichkeitswertes

Freiraumeinschlüsse

Einfügen von neuen Parks

Entwicklung des äußeren Parkringes

Radialen, Tangenten, räumliche Sequenzen

Abschnittsweise Gliederung, Formulierung

von Stadteingängen

Funktionskontrolle und Zuordnung neuer

Straßen, Entwicklung von Raumsequenzen

Räumliche Integration von Bahnen und Autobahnen

189

Legende gekürzt, Originalmaßstab 1: 50 000

Projektgemeinschaft Öffentlicher Raum (AGS,

BGMR, Planergemeinschaft, B. Schneider) 9/95


190

Abb. 8: Landesentwicklungsplan für den engeren Verflechtungsraum Brandenburg-

Berlin, 1996 (Copyright GL Berlin-BB)


Landesentwicklungsplan für

den engeren Verflechtungsraum

Brandenburg–Berlin

Hauptkarte

Raumkategorien

Siedlungsbereich

Potenzieller Siedlungsbereich

Freiraum mit großräumigem

Ressourcenschutz

Freiraum mit besonderem

Schutzanspruch

Entwicklungsraum Regionalpark

Gliederung des Siedlungsraumes durch

Freiraumelemente

Übergeordnete Grünverbindungen

Grünzäsuren

Polyzentrische Siedlungsstruktur

Brandenburger Zentrale Orte im

engeren Verflechtungsraum /

in Funktionsergänzung

Städtische Zentren in Berlin

Handlungsschwerpunkte

Legende gekürzt, Originalmaßstab 1:100 000

Gemeinsame Landesplanungsabteilung

Berlin-Brandenburg 1996

191


Impressum

© 2021 by jovis Verlag GmbH

Das Copyright für die Texte liegt beim Autor.

Das Copyright für die Abbildungen liegt beim Fotografen/

den Inhabern der Bildrechte.

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagmotiv und Fotos: Erik-Jan Ouwerkerk

Herausgeber: Friedemann Kunst / Deutsche Akademie für Städtebau

und Landesplanung Berlin-Brandenburg

Redaktion: Friedemann Kunst, Dagmar Hoetzel

Interviews: Dagmar Hoetzel

Lektorat: Kerstin Wieland, Miriam Seifert-Waibel

Gestaltung und Satz: Felix Holler, Stoffers Graphik-Design

Lithografie: Stefan Rolle, Stoffers Graphik-Design (Fotografien),

Dirk Gerecke, Bild1Druck (Pläne)

Gedruckt in der Europäischen Union

Gefördert durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung

und Wohnen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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