04.04.2021 Aufrufe

SIFAT - Klangbrücken - Heft 1-2021-Leseprobe

Dieses Heft ist dem Klang gewidmet: wehend und vergänglich, durchdringend und zeitlos. Er stellt eine Verbindung her, zum anderen, zum eigenen Inneren, in die Transzendenz. Der Klang der Stimme, eines Instruments, in den Ritualen der Religionen ist letztlich nicht in seiner Wirkung berechenbar, seine Quellen nicht zu erfassen. Er verbindet mit etwas Unvorhersehbarem, ein Geschenk aus einer anderen Welt und doch ein Kind des Augenblicks, manchmal eine Sprache des Unsagbaren. In der Musik werden diese Energien der Klänge kultiviert und kommen doch unwiederholbar zum Ausdruck.

Dieses Heft ist dem Klang gewidmet: wehend und vergänglich, durchdringend und zeitlos. Er stellt eine Verbindung her, zum anderen, zum eigenen Inneren, in die Transzendenz. Der Klang der Stimme, eines Instruments, in den Ritualen der Religionen ist letztlich nicht in seiner Wirkung berechenbar, seine Quellen nicht zu erfassen. Er verbindet mit etwas Unvorhersehbarem, ein Geschenk aus einer anderen Welt und doch ein Kind des Augenblicks, manchmal eine Sprache des Unsagbaren. In der Musik werden diese Energien der Klänge kultiviert und kommen doch unwiederholbar zum Ausdruck.

MEHR ANZEIGEN
WENIGER ANZEIGEN

Sie wollen auch ein ePaper? Erhöhen Sie die Reichweite Ihrer Titel.

YUMPU macht aus Druck-PDFs automatisch weboptimierte ePaper, die Google liebt.

Zeitschrift für Universalen Sufismus

49. Jg.

Heft 1

April 2021

Klangbrücken


Sufismus

ist eine uralte Weisheit und zugleich eine Methode der geistigen Schulung, die

Menschen befähigt, diese Weisheit in ihrem täglichen Leben zu verwirklichen.

Wer dem Universalen Sufismus

folgen will, wie ihn Hazrat Inayat Khan und seine Nachfolger gelehrt haben

und lehren, ist nicht auf bestimmte Dogmen, Rituale oder spirituelle Techniken

festgelegt.

Der Universale Sufismus baut eine Brücke über die Unterschiede und Grenzen,

die Menschen und Religionen voneinander trennen. Er ermöglicht auch, die

eigene Religion besser zu verstehen und zu leben, weshalb jeder diesen Weg

gehen kann, unabhängig von der Religionszugehörigkeit.

Hazrat Inayat Khan

wurde am 5. Juli 1882 in der indischen Stadt

Baroda geboren. Seine hoch angesehene Familie

war durchdrungen vom Geist mystischer Religiosität

und von der Liebe zur klassischen indischen

Musik. Inayat Khan war von Kind auf in Kontakt

mit den geistigen Traditionen des Islam wie des

Hinduismus, in einer Atmosphäre freundlicher

Toleranz über alle konfessionellen Grenzen hinweg.

Im Jahre 1910 bekam er von seinem spirituellen

Lehrer, Abu Hashim Madani, der der Sufi-

Tradition der Chishtis angehörte, den Auftrag,

den Sufismus in den Westen zu bringen. Hier

wurde er der Begründer und das geistige Oberhaupt (Pir-o-Murshid) der Sufi-

Bewegung und ihrer esoterischen Schule, des Inayati-Ordens, und er schuf den

Universellen Gottesdienst. Längere Zeit lebte er in Suresnes bei Paris, von wo er

oft zu Reisen in die ganze westliche Welt aufbrach. Seine Vorträge füllen die 13

Bände seiner „Sufi Message“. Er starb am 5. Februar 1927 in New Delhi.

Hazrat Inayat Khans Lehre und die seiner Nachfolger ist geprägt von einer

umfassenden Toleranz, einer Verehrung und Liebe zu allen Prophetinnen und

Propheten und Heiligen der Menschheit und einem Verständnis gegenüber der

Vielfalt der religiösen Traditionen und Lebenserscheinungen.


Inhaltsverzeichnis

Klangbrücken

Vorwort der Redaktion 4

Hazrat Inayat Khan und Samuel L. Lewis: Musik als himmlische Kunst 5

Hazrat Inayat Khan: Musik 8

Pir Vilayat Inayat Khan: Perspektiven für eine Spiritualität der Zukunft 9

Noor Inayat Khan: Echo oder was man manchmal im Wald hört 12

Musharaff Moulamia Khan: Meine musikalische Ausbildung in Indien 14

Jaan Karl Klasmann: Der Klang-Code der Gottesnamen –

essenzielle Bedeutungsschicht im Herzen der Wasaif 16

William Allaudin Mathieu: Die Musik der frühen Tänze und Lieder 20

Ophiel Maarten van Leer: Die neue Musikaktivität

innerhalb der Inayatiyya 22

Eine jüdische Legende: Die Flöte 25

Rabbiner Elischa Portnoy: Geschichte und Bedeutung des

heiligen Klangs am Neujahrsfest 27

Hildegard von Bingen: Lobt ihn mit Trompetenschall 29

Karl Michael Ranftl: Das Wessobrunner Gebet –

ein klingender Brückenschlag ins frühe Mittelalter 31

Jehudi Menuhin: Über die Stille 34

Felix Idris Baritsch: Ode an den Klang der Leere 35

Dschalal ad-Din Muhammad Rumi: Der Harfenspieler 40

Christel Ludewig: Wenn jemand spricht, wird es hell 41

Erika Imhoff: Unser Sorgenkind 43

Michael Nüssen: Orient und Okzident: vom Lernen fremder Klänge 46

Mehmet Ergin: Inspiration und Kreativität 49

Texte aus den Heiligen Schriften der Weltreligionen 51

Blick aus dem Fenster: Friedensglocken e. V. – Jaget dem Frieden nach! 55

Buchbesprechungen:

Medizin des Herzens – 99 Heilungswege der Sufis 56

Hazrat Inayat Khan: Die Mystik des Klangs 58

Wir gedenken Ameen Wite Louis Carp 61

Impressum 62

Neuerscheinung: Ritterschaft des Herzens 63

SIFAT 1 | 2021Klangbrücken 3


Vorwort der Redaktion

Liebe Leserinnen und Leser,

dieses Heft ist dem Klang gewidmet: wehend und vergänglich, durchdringend

und zeitlos. Er stellt eine Verbindung her, zum anderen, zum eigenen Inneren,

in die Transzendenz. Der Klang der Stimme, eines Instruments, in den Ritualen

der Religionen ist letztlich nicht in seiner Wirkung berechenbar, seine Quellen

nicht zu erfassen. Er verbindet mit etwas Unvorhersehbarem, ein Geschenk aus

einer anderen Welt und doch ein Kind des Augenblicks, manchmal eine Sprache

des Unsagbaren. In der Musik werden diese Energien der Klänge kultiviert

und kommen doch unwiederholbar zum Ausdruck.

„Vom metaphysischen Standpunkt aus kann nichts das Formlose berühren

außer der Kunst der Musik, die in sich selbst formlos ist.“ […] „durch das Praktizieren

dieser Musik erreichte ich eine Ebene, auf der ich die Musik der Sphären

berührte, jede Seele für mich zu einem Ton und das ganze Leben zu Musik

wurde“ schreibt Hazrat Inayat Khan. Ebenfalls für Pir Vilayat Inayat Khan

war Musik ein wesentliches Thema, das er in seinen Seminaren und in musikalischen

Aufführungen erlebbar machte. Samuel Lewis hat durch die „Tänze

des universellen Friedens“ und damit der Umwandlung der Musik in bewegte

gemeinsame Erfahrung einen bedeutsamen Beitrag geleistet. Einen kleinen Eindruck

von den Gedanken der Genannten können Sie auf den folgenden Seiten

bekommen.

Wir freuen uns, dass sich an diesem Heft viele Musiker aus unserer Gemeinschaft

beteiligt haben: Der Klang der Gottesnamen im Islam wird in seiner Bedeutung

dargestellt, das Wechselspiel von Klang und Leere aus buddhistischer Sicht, die

Bedeutung der Inspiration beim Komponieren, das Wessobrunner Gebet als

Brücke zwischen den Religionen im frühen Mittelalter und die dort erhaltene

älteste noch klingende Glocke auf dem europäischen Kontinent. Weiterhin das

Leben mit Veränderungen der Klänge in der Umgebung und die Bedeutung

von Klängen bei der Erweiterung von Kommunikationsmöglichkeiten.

Wir möchten hier nicht alle weiteren Artikel aufzählen. Wenn sie Anklang

finden, freuen wir uns, besonders in dieser Zeit, wo Klänge durch Masken

gedämpft und manchmal nur einsam zu erleben sind.

An dieser Stelle möchten wir die Gelegenheit nutzen, dem Verlag Heilbronn

zu seinem 40jährigen Bestehen zu gratulieren und uns bei Uta Maria Baur und

4 SIFAT 1 | 2021Klangbrücken


Hazrat Inayat Khan und Samuel L. Lewis: Musik als die himmlische Kunst

Josef Ries für die bisherige erfreuliche Zusammenarbeit recht herzlich bedanken.

Die Redaktion:

Claudia Nüssen, Regina Armaiti Winkler Reber, Hans-Peter Baum, Michael

Nüssen, Detlef Qalbi Marzke

Hazrat Inayat Khan und Samuel L. Lewis

Musik als die himmlische Kunst

Hazrat Inayat Khan: Zu allen Zeiten haben nachdenkliche Menschen

Musik als die himmlische Kunst bezeichnet. Künstler haben Engel Harfe

spielend dargestellt, und das lehrt uns, dass die Seele mit der Liebe zur Musik

auf die Erde kommt.

KOMMENTAR SAMUEL LEWIS: Die Vorstellung, dass es Engelwesen gibt,

ist nicht auf eine Kultur oder Religion beschränkt. Es stimmt wohl, dass Menschen,

die weniger entwickelt sind, nur mit Geistern und Feen und nicht mit

Engeln vertraut sind. Das mag daran liegen, dass Geister und Feen mit psychischen

und mentalen Prozessen verbunden sind, während der Bereich der

Engelwesen der des Herzens ist. Dies wird von Sufis Djabrut genannt und von

Hindus Devachan oder Brahma-loka.

Musik mag in zweierlei Hinsicht als himmlisch betrachtet werden. Einerseits

können wir sehen, wie alle Musikschaffenden solche Tonqualitäten und vor

allem jene Art von Musik zum Ausdruck bringen, die im Einklang mit ihrer

Entwicklung ist. Andererseits entdecken oder idealisieren wir die Engel als die

eigentlichen Wesen der Musik, deren beste Nachbildung auf Erden wir in den

Gurrlauten der Tauben und der kleinen Kinder finden. Dieser besondere Klang

oder diese Tonqualität gehört zum Heiligen Geist, von dem es heißt, er sei in

Form einer Taube auf Jesus Christus herabgekommen. Der Heilige Geist ist der

göttliche Atem und das Wort; sowohl Atem als auch Wort sind Klang.

Obwohl die Kulturen der Chinesen, Hindus und Hebräer sich scheinbar

getrennt voneinander entwickelten und obwohl ihre religiösen Traditionen

jeweils einzig in ihrer Art zu sein scheinen, stimmten sie alle der Idee von göttlichen

Wesen oder Bewohnern des Himmels als Geschöpfen der Musik zu. Diese

SIFAT 1 | 2021Klangbrücken 5


Hazrat Inayat Khan und Samuel L. Lewis: Musik als die himmlische Kunst

übernahmen die Lenkung der Schwingungen des Universums und drückten sie

durch Klang aus. Auch wenn die stimmliche Form dieser Musik unterschiedlichen

Ausdruck fand, war die Grundlage überall dieselbe.

Den Esoterikern zufolge wohnte die von Gott geschaffene Seele in den Sphären

der Engel, bevor sie in den Zyklus der Manifestation eintrat, und sie bringt

die Eigenschaften aller Sphären und Ebenen mit sich. Daher geht das Menschsein

in gewissem Sinn über die Engel hinaus, da die Menschen nach göttlichem

Ebenbild geschaffen wurden und ihre Möglichkeiten unendlich viel größer sind

als ihre Auffassungen.

HAZRAT INAYAT KHAN: In Arabien wird die folgende Geschichte erzählt:

Als Gott den Körper des ersten Menschen schuf, forderte Er die Seele auf, in

den Körper einzutreten. Doch die Seele weigerte sich und sagte, dass er ihr wie

ein Gefängnis vorkomme und sie dieses Gefängnis nicht betreten wolle. Dann

bat Gott die Engel zu singen und zu tanzen. Als die Seele Musik hörte, wurde sie

von Ekstase ergriffen und in dieser Ekstase trat sie in den physischen Körper ein.

Es ist eine seltsame Geschichte, doch sie gibt uns den Schlüssel zum Geheimnis

der Musik. Sie zeigt, dass der Mensch nicht erst nach seiner Geburt auf der Erde

die Musik liebte, sondern dass die Seele schon mit der Liebe zur Musik auf die

Erde kam.

KOMMENTAR SAMUEL LEWIS: Die Seele, die nach dem göttlichen Ebenbild

geschaffen wurde, hat die Substanzen aller Ebenen in sich, und auch ihre

wesentlichen Teile, sowohl ihr Wesen (Zat in Sufi-Sprache) als auch ihre Eigenschaften

(Sifat in Sufi-Sprache). Die Seele ist aus feinsten Schwingungen zusammengesetzt

und aus diesen feinen Schwingungen gehen gröbere Schwingungen

und Atome hervor, deren Spiel und Zusammenspiel die verschiedenen Ebenen

der Existenz bilden. Es gibt mehrere Ebenen, wobei die Erd-Ebene die dichteste

und am weitesten von der Quelle entfernte ist, entsprechend der Natur ihrer

Atome und Schwingungen.

Betrachtet man das Universum von dort aus, so ist das Wort Gottes selbst

aus all diesen Atomen und Schwingungen zusammengesetzt, die zusammen die

Musik des Kosmos bilden. Denn wenn der Klang auf bestimmte Wellenlängen

und Takte abgestimmt ist, wird er zu Musik, während er sonst nur Lärm wäre.

Das Wort Gottes ist daher die Essenz aller Musik, und da dieses Wort sozusagen

zur Seele des Menschen wird, ist die Seele der Angelpunkt der Musik.

Und was ist Ekstase? Ekstase ist ein Zustand, in dem alle Bestandteile eines

Wesens in rhythmische Bewegung versetzt werden. Die emotionalen Auswirkungen

davon bringen das Bewusstsein in einen Zustand großer Freude und

6 SIFAT 1 | 2021Klangbrücken


Hazrat Inayat Khan und Samuel L. Lewis: Musik als die himmlische Kunst

Freiheit. Man ist sich dann des Selbst nicht bewusst, zumindest nicht eines

getrennten Selbst, und alles, was es fühlt, sind diese Schwingungen der Freude

und des Entzückens. Dadurch verliert man das Bewusstsein für Äußerlichkeiten.

Nichts erzeugt Ekstase so gut wie Musik, die selbst ein Produkt der Schwingung

ist und die teilnehmenden Schwingungen auf allen Ebenen in Bewegung

setzt: physisch, emotional, mental und spirituell, je nach ihrer anfänglichen Art

und ihrem Antrieb.

Die Hindus haben eine Wissenschaft, die „Mantra Yoga“ genannt wird, was

Verbindung mit dem Kosmos durch Klang bedeutet. Die Wiederholung des

göttlichen Wortes erzeugt die Vereinigung in einem nüchternen Zustand, doch

wenn die Worte gesungen werden, bringen sie Ekstase und Rausch hervor. Die

Sufis, vor allem die der Mevlevi- und Chishti-Schulen, haben geeignete Musik

benutzt, um den Zustand der Ekstase zu erzeugen und so der Seele zu helfen,

sich über die Begrenzungen des Materialismus und der Endlichkeit zu erheben.

Worte von Hazrat Inayat Khan aus: “Art – Yesterday, Today and Tomorrow”.

Vol. X, S. 221.

Kommentar: https://www.ruhaniat.org/index.php/major-papers/music-and-

sound/2193-spiritual-music-of-pir-o-murshid-hazrat-inayat-khan-with-commentary--

Übersetzung: H.-P. Baum

Hazrat Inayat Khan (1882-1927) hielt sich bei seinem

letzten Amerikabesuch 1926 für einige Wochen in San

Francisco auf, wo seine erste westliche Schülerin und

Murshida Rabia Martin lebte.

Während dieser Zeit lud

er seinen Schüler

Samuel L. Lewis (1896-

1971) zu mehreren

ausführlichen Gesprächen

ein und forderte

ihn insbesondere auf,

Kommentare zu seinen

Schriften zu verfassen (s. „A Pearl in Wine“, hrsg. von

Pir Zia Inayat-Khan, Omega Publications 2001, S. 410).

SIFAT 1 | 2021Klangbrücken 7


Hazrat Inayat Khan: Musik

Hazrat Inayat Khan

Musik

Musik, in dem Sinn, wie wir das Wort in unserer Sprache verwenden, ist

nicht weniger, als das Abbild des Geliebten. Damit stellt sich die Frage:

Was ist unser Geliebter? Und, wo ist unsere Geliebte? Wir lieben Musik, weil

sie ein Bild unseres Geliebten ist. Unsere Geliebte ist unser Ursprung und unser

Ziel. Die Schönheit, die sich uns offenbart, ist der Teil des Geliebten, der sich

unseren irdischen Augen zeigt. Und der Teil unserer Geliebten, der sich nicht

unseren Augen offenbart, ist jene innere Form der Schönheit, von der uns

unsere Geliebte erzählt. Wenn wir nur der Stimme in all der Schönheit, die uns

in jeglicher Form anzieht, lauschten, so würden wir erkennen, dass sie uns in

all den Formen erzählt, dass hinter jeder Erscheinungsform der vollkommene

Geist, der Geist der Weisheit steht.

Was erkennen wir als den wichtigsten Ausdruck des Lebens in der sichtbaren

Schönheit? Sie bewegt sich – in den Umrissen, in der Farbe, im Wechsel

der Jahreszeiten, im Auf und Ab der Wellen, im Wind und im Sturm. In all

der Schönheit der Natur ist ständig Bewegung. Diese Bewegung ruft Tag und

Nacht hervor sowie die Wechsel der Jahreszeiten; es ist diese Bewegung, die uns

das erkennen lässt, was wir Zeit nennen, ohne sie gäbe es kein Zeitempfinden,

denn Zeit ist Ewigkeit. Dies zeigt uns, dass alles, was wir lieben und verehren,

beobachten und verstehen, eigentlich das dahinter verborgene Leben ist; und

dieses Leben ist unser eigentliches Sein.

In unserer Begrenztheit können wir nicht das ganze Sein Gottes erkennen;

doch alles, was wir in Farbe, Linie, Form oder Persönlichkeit lieben, ist Teil der

wahren Schönheit, die die Geliebte von allen ist.

Wenn wir nun in dieser Schönheit dem nachgehen, was uns in all den wahrgenommenen

Formen anzieht, werden wir herausfinden, dass es die Bewegung der

Schönheit ist, die Musik. Alle Formen der Natur – die Blumen in ihrer vollendeten

Form und Farbe, die Planeten und Sterne, die Erde – alle vermitteln uns

Harmonie, Musik. Die ganze Natur atmet, nicht nur die Lebewesen, sondern

die ganze Natur. Wir neigen nur dazu, das, was uns lebendiger erscheint, mit

dem zu vergleichen, was uns weniger lebendig erscheint. Dies lässt uns dann

vergessen, dass alle Dinge und Wesen ein vollkommenes Leben leben. Das

Lebenszeichen in dieser lebendigen Schönheit ist die Musik.

Was lässt die Seele der Dichter tanzen? Musik. Was lässt Maler schöne Bilder

malen und Musiker schöne Lieder singen? Die Inspiration durch die Schönheit.

8 SIFAT 1 | 2021Klangbrücken


Pir Vilayat Inayat Khan: Perspektiven für eine Spiritualität der Zukunft

Sufis nennen die Schönheit saqi, den göttlichen Mundschenk, der uns allen den

Wein des Lebens schenkt. Was ist dieser Wein der Sufis? All die Schönheit in

Form, Umriss, Farbe, Vorstellungskraft, Gefühl und Verhalten – in allem sehen

sie die eine Schönheit. All diese verschiedenen Formen sind Teil des Geistes der

Schönheit, der das Leben in ihnen ist, ein immerwährender Segen.

Nun kommen wir zu dem, was wir in der Alltagssprache Musik nennen. Für

mich ist Architektur Musik, Gärtnern ist Musik, Feldarbeit ist Musik, Malen

ist Musik, Dichtung ist Musik. In allen Beschäftigungen des Lebens, die von

Schönheit inspiriert sind, in die der göttliche Wein gegossen wird, erklingt

Musik. Unter all den verschiedenen Künsten wird jedoch besonders die Musik

als göttlich angesehen, da sie ein exaktes Abbild des Gesetzes ist, das im ganzen

Universum wirkt. Wenn wir uns zum Beispiel selbst erforschen, sehen wir, dass

die Puls- und Herzschläge und der Ein- und Ausatem auf Rhythmus beruhen.

Unser Leben hängt vom rhythmischen Arbeiten des ganzen Körpermechanismus’

ab. Atem drückt sich als Stimme aus, als Wort, als Klang; sein Klang ist

immer hörbar – der Klang um uns und in uns, – das ist Musik. Es beweist, dass

Musik außerhalb von uns ist und Musik ist in uns.

Musik inspiriert nicht nur die Seele großer Musiker, sondern auch die jeden

Säuglings. Sobald ein Säugling auf die Welt kommt, beginnt er seine kleinen

Arme und Beine im Rhythmus der Musik zu bewegen. Deshalb ist es keine

Übertreibung zu sagen, dass Musik die Sprache der Schönheit ist, die Sprache

der Einen, die jede lebendige Seele liebt. Nun können wir verstehen, dass es nur

natürlich ist, diese Musik, die wir in der Kunst und im ganzen Universum wahrnehmen,

als die göttliche Kunst zu bezeichnen, sobald wir die Vollkommenheit

all dieser Schönheit als Gott, als unser Geliebtes Wesen erkennen und achten.

aus: Hazrat Inayat Khan, Jubiläumsausgabe Band 2, „Die Mystik des Klangs“,

Auszug aus „Musik 1“, Verlag Heilbronn, 2018;

Pir Vilayat Inayat Khan

Perspektiven für eine Spiritualität der Zukunft

Man braucht sich nicht mit mittelmäßigen Emotionen zu begnügen. Das

tun all die großen Musiker, sie lassen sich emporheben durch den Zauber

der Ekstase. Es ist nicht günstig, einfach in einer schön geheizten Wohnung in

einer Stadt zu sitzen und zu versuchen, etwas Interessantes zu komponieren.

SIFAT 1 | 2021Klangbrücken 9


Pir Vilayat Inayat Khan: Perspektiven für eine Spiritualität der Zukunft

Das geht nicht. Aber Beethoven, er ging bei Sturm immer hinaus, und dann fiel

er in den Schlamm und machte sich schmutzig. Und als er zurückkam, gab ihm

seine Freundin eine Ohrfeige und aus diesem Schlag entstand eine Sinfonie.

Ich glaube, das Leben gibt Ihnen genug Schläge, so dass Sie genug Gründe

haben, schöpferisch zu sein. Aber was macht man mit dem Schlag, das ist die

Frage? Mozart hat in seinem Requiem schon irgendeine Vision vom Todesengel

gehabt, der ihn eingeladen hat und Beethoven hat schon, wenn er schlief, ein

Klopfen an der Tür gehört – tata- tatamm! Ich weiß nicht, ob Ihnen das passiert

ist, dass Sie ein Klopfen in Ihrem Schlaf gehört haben, aber dass Sie eine Sinfonie

daraus gemacht haben, bezweifle ich. Das ist der Anlass, eine starke Emotion.

Eine Emotion setzt dann die Imagination in Gang. Man weiß nicht, wie

das geschieht, aber es ist in uns eingeboren, wir haben irgendwie die Fähigkeit,

eine Emotion in eine Gestalt zu übertragen. Kinder tun das. Es ist interessant.

Psychotherapeuten, die mit Kindern arbeiten, geben den Kindern Ton und sie

machen daraus Formen. Die Psychologin sieht, dass das Kind Probleme hat

und es gibt diese Probleme in diese Formen. Auf einmal hat das Kind irgendwie,

vielleicht unbewusst, eine Lösung gefunden und sagt: „Ich brauche nicht

mehr zu kommen.“ Die Psychologin weiß, dass das Kind in der Gestaltung

der Formen irgendeine Lösung gefunden hat. Ohne diese konkrete Darstellung

der Probleme im Ton, hätte das Kind die Lösung nicht gefunden. Und so finden

Komponisten in ihrer Musik manchmal eine Lösung für ihre Probleme.

Das heißt, durch die Art und Weise, wie wir schöpferisch sind, finden wir eine

Lösung für unsere Probleme.

Wir könnten einige ziemlich dramatische Fälle zitieren, zum Beispiel Brahms.

Brahms war ein junger Komponist, zu der Zeit als Schumann sehr berühmt war.

Schumann hat ihn eingeladen, um bei ihm vorzuspielen. Sobald Brahms angefangen

hat, seine Komposition zu spielen, hat Robert Schumann zu seiner Frau

Klara Schumann gesagt: „Komm herunter, hast du je eine solche Musik gehört!“

Und als die zwei sich trafen, erkannten sie, dass sie Zwillingsseelen sind. Damals

war es zu spät. Es war zu spät. Was tun die meisten Menschen normalerweise,

wenn sie einen Schlag bekommen? Sie reagieren, mit einem Schlag. Und dann

geht es so weiter. Sie sehen, genau das geschieht in der Politik. Beethoven ist viel

weiser. Es trifft ihn ein Schlag, daraus entsteht das 4. Piano Concerto. Die Welt

stellt eine Herausforderung dar und, anstatt zu reagieren, sagt Beethoven: „Du,

ich habe dich gehört, aber ich bin nicht imstande, mit deiner Herausforderung

fertig zu werden. Ich kann nicht Ball mit dir spielen, denn ich möchte mich

besinnen.“

Genau das machen wir in der Meditation. Wir sagen, also, da ist das Problem,

10 SIFAT 1 | 2021Klangbrücken


Pir Vilayat Inayat Khan: Perspektiven für eine Spiritualität der Zukunft

ich mache Samadhi, denn ich schaffe es nicht! Das tun Einsiedler. Man schafft

es nicht, also geht man in eine Grotte. Beethoven tut das auch. Er meint, wenn

man reagiert, dann verwendet man nicht alle Kapazitäten, nicht alle Potenzialitäten

seines Wesens. Das wäre eine Kurzschlusshandlung. Er stellt also einen

Puffer zwischen die Herausforderung und sich selbst, damit er all die Fähigkeiten

in seinem Wesen finden kann. Vielleicht ist das der Schlüssel, um schöpferisch

zu sein; die Umstände dienen als Katalysator, anstatt als Ursache, d. h. sie fördern

unsere Potenzialitäten. Wir werden die beiden jetzt hören. Beethovens 4.

Piano Concerto ist der ultime Zustand seiner Weisheit. Beethoven kam zu großer

Weisheit. Er beginnt mit Brutalität und am Ende dieser wunderbare Gesang

der Freude, er macht die ganze Reise vom Ärger bis zur Verherrlichung. Wenn

man reagiert, fördert man sein persönliches Ego und das führt zu Krieg und

Konflikt. Bach mit seiner großen Weisheit, gibt uns einen Schlüssel. Ich glaube,

das ist ein großer Schlüssel für unser ganzes Leben. In der Theorie spricht man

von der göttlichen Macht, aber wie erfährt man die göttliche Macht? Was heißt

das? Man denkt, die göttliche Macht ist dort oben und ich bin hier, ich habe

meinen eigenen Willen. Bach findet die göttliche Macht innerhalb seiner eigenen

Macht. Das ist wie Erweckung ins Leben, das ist die Antwort. Ich habe das

alles als Vorbereitung für das gesagt, was wir jetzt mit Musik illustrieren werden.

Zuerst Brahms (Piano Concerto, Barenboim) und Sie werden sehen, zuerst ist

er ärgerlich und dann hat er Selbstbedauern. Nun Beethoven, wie reagiert er?

(4. Piano Concerto, 2. Teil, Barenboim). Grimaud, eine Französin, spielt Beethoven

sehr feinfühlig. Sie hört gerne den Gesang der Wölfe. Hätte Beethoven

auf den Schlag der Herausforderung durch die Außenwelt reagiert, wäre diese

Melodie nicht herausgekommen, es wäre eine brutale Reaktion gewesen. Und

wäre diese Herausforderung nicht gewesen, wäre diese fantastische Melodie

nicht entstanden. Dies ist die Essenz des Schöpferischen: Die Umstände dienen

als Katalysator, um Ihre Kapazitäten, Ihre Potenziale aufzurufen, anstatt dass sie

die Ursache Ihres Wesens sind. Das ist der Schlüssel.

aus: „Mitschrift des Weihnachtsseminars 2002“, S. 57ff.

Pir Vilayat Inayat Khan (1916-2004) war bis zu seinem

Lebensende das geistige Oberhaupt des von ihm gegründeten

Internationalen Sufiordens (Inayatiyya-Orden).

Er lehrte in vielen Teilen der Welt und pflegte den Kontakt

mit Wissenschaftlern und geistigen Lehrern aus allen

religiösen Traditionen.

SIFAT 1 | 2021Klangbrücken 11


Noor-un-Nisa Inayat Khan: Echo oder was man manchmal im Wald hört

Noor-un-Nisa Inayat Khan

Echo oder was man manchmal im Wald hört

Vor vielen, vielen Jahrhunderten lebten einst Nymphen auf dem Gipfel eines

hohen Berges. Es gab auch Nymphen in den Ebenen, doch die Bergnymphen

waren die schönsten von allen, denn sie tranken den Nektar der Narzissen, welche

die Felshänge bedeckten, und sie lebten inmitten der Gipfelfelsen ganz nah am

Himmel, wo sie mit jedem Atemzug die herrlichsten Düfte in sich aufnahmen.

Die Nymphen sammelten die Düfte, mischten sie mit jenen der Kiefer und

der Lorbeerblätter, und wenn Mistral, der König der Winde, übers Gebirge zog,

übergaben sie ihm die Düfte, auf dass er sie in der Welt verteile.

Unter den Nymphen gab es eine, die jünger war als die anderen. Sie hieß Echo.

Sie war die allerkleinste und besaß die allersanfteste Stimme, zärtlicher als alle

anderen, doch hatte sie zwei Schwächen.

Zunächst einmal hatte sie die Angewohnheit, nie als Erste zu sprechen. Stets musste

ihr erst eine andere Nymphe Guten Tag sagen. Doch hatte die Unterhaltung erst

einmal begonnen, so konnte Echo nicht mehr aufhören zu reden, sie war die reinste

Quasselstrippe und schwatzte sogar mehr als Elstern und Grillen zusammen.

Eines Tages war eine der Nymphen gerade dabei, Mistral die gesammelten

Düfte zu bringen, als sie auf dem Weg Echo traf. „Guten Abend, Schwesterchen

Echo“, sagte sie zu ihr.

„Guten Abend“, gab Echo zurück. Und sogleich begann das Geplapper. Es dauerte

ewig und so lang, dass Mistral den Gipfel passierte, bevor die Nymphe ihn

erreicht hatte.

So groß war der Zorn Mistrals an jenem Abend, dass er stark wie vier Winde

blies, auf dass die Bäume sich bogen und der Sand aufflog, und man auf der ganzen

Welt nur noch Seufzen und Wehklagen vernahm. Alle Bergnymphen hatten

bereits wieder in den Felshöhlen Unterschlupf gefunden, nur die arme Nymphe,

die sich wegen Echo verspätet hatte, eilte verzweifelt weiter, um den Balsam der

Düfte zum Gipfel zu tragen.

Und als er sie in der Ferne erblickte, blies Mistral ihr zur Strafe Sand in die Augen.

Arme kleine Nymphe! Sie sank nieder und weinte, solange, bis die große Sonne

aufging und sie unter den Tannen einschlief.

Doch am nächsten Morgen, als sie auf ihrem Weg wieder Echo begegnete,

stieg ihr der Zorn bis in die Kehle. „Echo, gemeine Echo!“, schrie sie die andere

an, „wegen dir und deinem endlosen Geplapper habe ich mich verspätet. Die

Welt hat gestern Abend keine Düfte bekommen, und Mistral hat mich schlimm

12 SIFAT 1 | 2021Klangbrücken


Noor-un-Nisa Inayat Khan: Echo oder was man manchmal im Wald hört

bestraft! Glaubst du etwa, ich werde jemals vergessen, dass du an all diesem Unheil

schuld bist? Nein, von nun an sollst du von dem, was zu dir gesagt wird, nur noch

die letzten Worte wiederholen können, auf diese Weise wirst du niemanden mehr

auf seinem Weg aufhalten können.“

Im Nu war die unglückliche Echo ihrer Sprache beraubt. Sie verkroch sich am

äußersten Rand eines Pfades unter den Tannen und begann bitterlich zu weinen.

„Alles spricht ja“, dachte sie, „die Quelle, die dort unten aus dem Felsen springt,

die Tanne, die unaufhörlich ihre Äste bewegt … Wovon berichten sie? Sie erzählen

die unendlichen Geschichten der Nymphen, des Mistrals, der großen Sonne …“

Und während sie noch über all das Glück nachgrübelte, das ihr nun verwehrt

war, drang der sanfte Klang sich nähernder Schritte an ihr Ohr. Es war Narziss,

der junge Schäfer …

„Ein Mann der Ebene, und doch so hübsch!“ dachte Echo, „sicher ist er der

Sohn einer Nymphe, denn er ist schön wie die aufgehende Sonne.“ Kaum war er

an den Tannen vorübergegangen, als Echo ihm leisen Schrittes folgte.

„Wer versteckt sich?“ rief Narziss.

„… Ich!“, antwortete Echo, unter den Tannenzweigen verborgen. „Warum entziehst

du dich?“ rief Narziss. „… Entziehst du dich?“, wiederholte Echo

„Warte, ich finde dich … ich komme“, rief Narziss.

„… Komme!“ wiederholte Echo. Mit diesen Worten teilte sie die dichten

Zweige und erschien vor Narziss. Ihre Tränen waren getrocknet und ihre großen

Augen strahlten wie Immergrün.

Doch sobald Narziss sie erblickte, drehte er auf der Stelle um und rannte davon.

Echo blieb allein unter den Tannen zurück und weinte so lange, bis sie sich in

einen Felsen verwandelt hatte. So blieb von Echo nichts mehr übrig als ihre

Stimme. Und diese Stimme ist immer noch in den Bergen und Wäldern zu hören.

Wenn man laut ruft, antwortet Echo und ihre Stimme klingt noch immer traurig,

denn sie denkt an Narziss und wie er sie an jenem

Tag unter den Tannen allein ließ.

aus: Noor Inayat Khan,, „König Akbar und seine

Tochter. Geschichten aus einer Welt erzählt von

Noor Inayat Khan“, Verlag Heilbronn, 2016

Noor-un-Nisa Inayat Khan, (1914-1943) Schriftstellerin,

Musikerin und Widerstandskämpferin, Tochter des indischen

Sufimeisters Hazrat Inayat Khan (mehr von und

über Noor-un-Nisa in der SIFAT Sonderausgabe 09/2018)

SIFAT 1 | 2021Klangbrücken 13


Musharaff Moulamia Khan: Meine musikalische Ausbildung in Indien

Musharaff Moulamia Khan

Meine musikalische Ausbildung in Indien

Das Studium der Musik ist im Osten von ganz anderem Charakter, die Bindung

zwischen Lehrer und Schüler ist viel intimer als im Westen, und dies

beruht hauptsächlich darauf, dass die alte Musik Indiens nie aufgeschrieben

wurde. Bevor er angenommen wird, bringt der Schüler seinem Meister eine

Gabe von Früchten und Blumen. Der Meister seinerseits schenkt dem Schüler

einige Süßigkeiten zu essen. Der Schüler bringt auch eine Schnur mit, die locker

um sein Handgelenk gewickelt ist, und der Meister bindet sie fest. Weihrauch

wird angezündet, und sein Duft, der das Gebet symbolisiert, gibt der kleinen

Zeremonie einen mystischen Ton. Das Schenken von Früchten, Blumen und

Süßigkeiten und das Binden der Schnur um das Handgelenk sind die äußeren

Zeichen der Dankbarkeit des Schülers und dem Band der Vertrautheit, das nun

zwischen Schüler und Lehrer von Anfang an besteht.

Da die Musik nicht aufgeschrieben wurde, lernt sie der Schüler Note für Note

in der Gegenwart des Lehrers. So bleibt ein Schüler beim gleichen Lehrer, bis

er alles gelernt hat, was er von ihm lernen kann. Der Lehrer lehrt ihn auch

seine eigenen Kompositionen, d.h. seine eigenen individuellen Vorstellungen

und Interpretationen der alten Ragas und Themen. So wird das ganze Studium

etwas Intimes, eine Beziehung der Freundschaft, des mitfühlenden Verständnisses

und der Bindung. Es ist daher verständlich, dass ein Musiklehrer leicht auch

zum Guru wird, zum Lehrer und Führer im Leben.

Mein erster Musiklehrer, mein erster Guru, war mein älterer Onkel, der älteste

Sohn von Moula Bakhsh, Murtuza Khan. Er war seinerseits der Schüler meines

Vaters, als er noch ein Knabe war, und ich kann mich immer noch an den Tag

erinnern, an dem mein Vater mich als Schüler bei ihm vorstellte. Ich war elf

Jahre alt, und ich erinnere mich, dass es an einem Donnerstag war. Mein Vater

wartete vor der Tür und horchte, bis er meinen Onkel üben hörte, dann gingen

wir zusammen in sein Zimmer. Mein Vater hatte Blumen, Süßigkeiten und

Weihrauch mitgebracht, und mit einer tiefen Verneigung vor meinem Onkel

bot er sie ihm an, legte sie nahe zu seinen Füssen und stellte mich vor.

„Meister, hier ist ein Schüler, wenn Du möchtest, nimm ihn bitte an“, sagte

er und verneigte sich tief. Dies war eine Einweihung in den heiligen Bereich

der Musik. Mein Onkel gab keine Antwort, und mein Vater zog sich zurück.

Mein Onkel, völlig überrascht, war von dieser Handlung, den Worten und der

respektvollen Haltung seines alten Meisters bis ins Tiefste berührt. Ihr müsst

14 SIFAT 1 | 2021Klangbrücken


Musharaff Moulamia Khan: Meine musikalische Ausbildung in Indien

wissen, dass wir ein sehr empfindungsreiches Volk sind, dass wir unser Leben

nahe bei der Natur leben, und auch, dass wir in einem intensiven, doch glücklichen

Klima leben.

Ich stand da voller Verwunderung und Erwartung. In Verwunderung sah ich,

wie die Hand meines Onkels zitterte, als er eine Süßigkeit zwischen seine Finger

nahm und sie zu meinem Mund führte. Ich sah die Tränen in seinen Augen,

und ich fühlte seine Bewegung und Zuneigung.

Zuerst sang er eine Tonleiter, und ich sang ihm jede Note nach. Ich kann ihn

noch vor mir sehen, wenn ich an ihn denke, mit breiten Schultern und kraftvoll,

mit einer wohlklingenden Stimme, eine Art König für mich, der Sohn von

Moula Bakhsh und der Bruder meiner Mutter.

Nach der Tonleiter sang er ein Lied an Sharada 1 , der Göttin der Musik. Dann

sang er eine Hymne an den Propheten Mohammed. Der Raum wurde heilig für

mich. Bei anderen Lehrern, die ich vorher hatte, fühlte ich mich immer scheu

und befangen. Sogar vor meinem eigenen Vater zu singen war meistens eine

Tortur. Doch diese Lektionen bei meinem Onkel blieben immer die glücklichsten

und schönsten Augenblicke in meinem Leben. Bei ihm fühlte ich mich nie

ängstlich, sondern war interessiert, freudig mit der Wärme des Wohlbefindens.

Er lehrte mich die traditionellen Lieder unserer Familie. „Ich vertraue sie dir

an. Du musst achtsam umgehen mit ihnen, wissen, zu welchen Gelegenheiten

es dir erlaubt ist, sie zu singen“, sagte er. „Diese Lieder dürfen nur vor anderen

Sängern gesungen werden und zu Musikern in ihren Versammlungen. Es sind

Lieder, die vor Künstlern gesungen werden sollen“.

aus: Musharaff Moulamia Kkan: „Der Zauber Indiens – Aus demLeben eines Sufi"

Verlag Heilbronn 2014, S. 41 f.

Musharaff Moulamia Kkan, geboren 1895 in Baroda

(Indien), gestorben 1967 in Den Haag. Jüngster Bruder

von Hazrat Inayat Khan, Musiker und Sufi. Er bleibt

in Erinnerung als einfacher, anspruchsloser Mensch,

mitfühlend mit allen und eine Quelle von Trost und

Hoffnung. Im zarten Alter von fünfzehn Jahren folgte

er seinem Bruder Inayat auf dessen Pionierwerk in den

Westen.

1 ist ein Beiname der Göttin Saraswati

SIFAT 1 | 2021Klangbrücken 15


Impressum | Mitteilungen vom Verlag Heilbronn

Impressum

SIFAT – Zeitschrift für Universalen Sufismus

ISSN 1420-1712

Gegründet 1972 von Karima Sen Gupta, von 1997 - 2016 von Marita Ischtar Dvořák und

Wolfgang Huraksh Meuthen herausgegeben

Herausgeber und Redaktion:

Hans-Peter Baum hpbaum@nord-com.net 0049-(0)421 353528

Michael Nüssen michaelnuessen@t-online.de 0049-(0)40 357 33 006 (V. i. S. d. P.)

Claudia Nüssen claudianuessen@t-online.de 0049-(0)40 215439

Regina Armaiti Winkler-Reber rwinklerreber@posteo.de 0049(0)731-7187642

Detlef Qalbi Marzke dmarzke@gmx.de 0049-(0)4105 154416

SIFAT

Preise ab 2020:

erscheint in der Regel dreimal jährlich zum Selbstkostenpreis

€ 18,00 pro Jahr für 3 Hefte inkl. Versand – Abonnement

Geschenk-Abonnement – € 18,00 für 3 Hefte (1 Jahr)

€ 23,70 pro Jahr für 3 Hefte als Printausgabe und als eBook

€ 3,80 als PDF-Book Einzelkauf über unseren Shop | ABO € 11,00

€ 6,00 zzgl. Versandkosten für Einzelhefte, soweit lieferbar

Zahlbar in Euro: Konto Verlag Heilbronn, Josef Ries, Postbank

IBAN: DE54 7001 0080 0714 0168 02 BIC: PBNKDEFF

Vertrieb, Bestellungen und Abonnentenverwaltung:

Verlag Heilbronn, Josef Ries, Kaiser-Heinrich-Straße 37, D-82398 Polling

sifat@verlag-heilbronn.de www.verlag-heilbronn.de

Tel. 0049 (0)881-9275351 Fax 0049 (0)881-9275352

Bestellungen über unsere Homepage: www.verlag-heilbronn.de

Email oder per Brief – bitte vollständige und deutliche Absenderangaben

Abbestellungen zum Ende des bezahlten ABOs sind jederzeit möglich

Folgende SIFAT-Hefte sind noch lieferbar:

Heft 3 / 2020 – Kraftquellen

Heft 2 / 2020 – AUFeinander achten

Heft 1 / 2020 – Die Erde lieben

Heft 3 / 2019 – Religion und Wissenschaft II

Heft 2 / 2019 – Religion und Wissenschaft

Heft 1 / 2019 – Glaube und Zweifel

Heft 3 / 2018 – Mutige Frauen – Gelebte Spiritualität

Heft 2 / 2018 – Sonderheft: Noor-un-Nisa Inayat Khan

Heft 1 / 2018 – Sehnsucht der Seele

Heft 3 / 2017 – Geschwisterlichkeit

Heft 2 / 2017 – Gerechtigkeit

Heft 1 / 2017 – Opfer und Opfern

Heft 2 / 2016 – Religion und Liebe

Heft 1 / 2016 – Ein menschenfreundlicher Islam

Heft 3 / 2015 – Grenzen überwinden

Heft 3 / 2014 – Neuer Mensch – Neue Erde

62 SIFAT 1 | 2021Klangbrücken


Neu: Ritterschaft des Herzens

Kompass für eine ritterliche Ethik der Achtsamkeit

Die 40 Regeln der Ritterlichkeit sind wie ein Blick in den Spiegel, der hilft, ethisches

Verhalten zu üben und in unsere Beziehungen zu allen Wesen und sich

selbst Achtsamkeit zu bringen.

Moderne Ritterinnen und Ritter befolgen nicht nur Werte wie Gerechtigkeit, Fairness,

Ausgewogenheit, Maßhalten, Mut, Weisheit und Großzügigkeit. Sie entwickeln

auch Achtung gegenüber allem Leben sowie ein planetares Bewusstsein.

Wer mit Sorgfalt und wacher Aufmerksamkeit mit den 40 Regeln arbeitet, kultiviert

diese scheinbar selbstverständlichen ethischen Prinzipien und findet dabei

noch ein weites Feld für Selbsterforschung und persönliche Entwicklung.

Dieses Set mit 40 Karten und Buch ist Noor Inayat Khan gewidmet.

Hazrat Inayat Khan | Pir Zia Inayat-Khan

Ritterschaft des Herzens | SET

40 Regeln für ein aufrechtes Leben

Vorschau

Mai 2021

Hrsg. Inayatiyya Deutschland e. V.

gebundenes 185-seitiges Begleitbuch | 40 Karten mit Anleitung und Stülpschachtel

Verlag Heilbronn April/Mai 2021 | ISBN 978-3-936246-40-7 | € 29,80

Hazrat Inayat Khan | Pir Zia Inayat-Khan

Ritterschaft des Herzens | Buch

40 Regeln für ein aufrechtes Leben

Anstatt des Karten-/Buchsets sind die 40 Regeln von Hazrat

Inayat Khan mit Kommentaren von Pir Zia Inayat-Khan auch

eigenständig nur als schön gestaltetes und gebundenes Buch

erhältlich. Der Inhalt ist identisch mit dem Begleitbuch des

Sets.

Hrsg. Inayatiyya Deutschland e. V. | Verlag Heilbronn April/Mai 2021 | 16,95

169 Seiten | gebunden mit Lesebändchen | ISBN 978-3-936246-46-9

Dieses Buch ist als PDF-Book über die Verlags-Homepage www.verlagheilbronn.de

erhältlich

SIFAT 1 | 2021Klangbrücken 63


Eine von mehreren Vertonungen des Verfassers mit dem gesamten Text des Wessobrunner

Gebets in heutigem Deutsch, die auch für die Verwendung in Gruppen geeignet ist. Es handelt

sich um eine gut singbare, harmonisch klingende Fassung, die sich in einfacher Weise

instrumental begleiten lässt und auch als Gebärdengebet „getanzt“ werden kann (zur

öffentlichen Verwendung durch die Leser*innen von SIFAT vom Verfasser freigegeben).

Karl Michael Ranftl

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!