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AUS DER BEWEGUNG

© GEGEN Coronaverharmlosung in Münster / Facebook.com

»Sofort« soll der kleine Junge nach Hause kommen, sollte in der

Schule auf Corona getestet werden, »notfalls ohne Tonni«. Was der Sohn

einer münsteraner Corona-Leugnerin verinnerlicht hat, wird im besten

Fall gesundes Unverständnis, wahrscheinlich aber beträchtliche Unruhe

in der Klasse des Kindes, bei Eltern & bei Lehrer:innen verursachen, - zu

Recht! Denn ein Corona-Test ist nicht nur sinnvoll, sondern auch kein

gefährlicher Eingriff, vor dem man die Flucht ergreifen müsste.

noch einen Aufschrei verursachen (»ich fühle mich wie Sophie Scholl«),

sind dort an der Tagesordnung, ebenso das Teilen von Inhalten rechtsoffener

Kanäle, wie KenFM, oder Autor:innen. Protest oder Aufschrei der

Community bleiben in der Regel aus. Sei es, dass eine Admin einfach

nicht die Fähigkeit hat, einen Text einordnen zu können, sei es Ignoranz

(»für mich zählt nur das Gesagte, nicht, wer es sagt«) oder sei es

schlicht Zustimmung (»weil es so ist!«).

Ist dieser einzelne Vorfall sicher nicht »gefährlich«, so schafft es die

Gesamtheit der Corona-Leugner:innen durchaus, Unsicherheit zu säen

und die Akzeptanz sinnvoller Schutzmaßnahmen zu verringern. Die Corona-Leugner:innen

sind also durchaus gefährlich - ganz direkt in Bezug

auf die Pandemie selbst. Insbesondere durch zahlreiche, dreiste

Falschmeldungen, die von ihnen zu jeder neuen Entwicklung in Umlauf

gebracht werden: von angeblich durch Masken verursachten schlimmen

Hautveränderungen, über Bilder von scheinbar leeren Kliniken bis hin

zur »nicht schmerzfreien Laientestung«. Andererseits werden sie von

der seriösen Presse wenig beachtet, Giganten wie Facebook & Youtube

beginnen zu reagieren, indem sie die Einträge entsprechend kennzeichnen

und inzwischen schwankt sogar die Bildzeitung - nicht seriös aber

im Mainstream verankert - zwischen meckern

& akzeptieren (»Lassen Sie sich impfen, Kanzlerin!«),

nachdem sie letztes Jahr noch einen

Kleinkrieg samt Falschbehauptungen gegen

Christian Drosten geführt hat.

Die Teilnehmer:innen-Zahlen an Demos &

Kundgebungen stagnieren oder sinken, das

Maximum der für Coronaprotest Erreichbaren

scheint erreicht. Zudem sind die Leugner:innen

bei jedem ihrer Kämpfe erfolglos geblieben:

alle Welt hält Abstand und trägt Maske,

lässt sich gegebenenfalls testen und Umfragen

zufolge will sich eine Mehrheit auch impfen

lassen.

Die »Gefahr«, die von dieser Gruppe in der Krise

ausgeht, bleibt also begrenzt, man könnte

den Corona-Leugner:innen inzwischen sogar

zurufen: »Das Thema ist durch, was wollt ihr überhaupt noch hier?«

Aber so einfach ist es leider nicht. Die eigentliche Gefahr ist eine andere.

Die Corona-Proteste sind zu einem Sammelbecken ganz unterschiedlicher

Typen geworden: von der Esoterikerin & dem stadtbekannten

Spinner über den Selbstdarsteller, den notorischen Nörgler und

Außenseiter bis hin zum knallharten Rechten. Konnte man die Bewegung

anfangs schon als »rechtsoffen« kennzeichnen, ist die Beteiligung

- und Duldung - von Rechtsextremen inzwischen nicht mehr zu übersehen,

spätestens seit dem 31. August 2020, als diese in Gruppen und in

einer Selbstverständlichkeit teilnahmen, die ihnen ohne die Duldung der

Leugner:innen nie möglich gewesen wäre, und Einige versuchten, den

Reichstag zu stürmen.

Auch im Internet - Facebook, Youtube, allen voran natürlich Telegram

- ließen sich Posts von Corona-Leugner:innen schon immer als »rechtslastig«

beschreiben: Relativierungen, die in der nicht-virtuellen Welt

DIE UNHEILIGE

ALLIANZ MIT

EXTREM RECHTEN

WIRD CORONA

ÜBERDAUERN &

NEUE THEMEN

FINDEN.

Sehr beliebt und entsprechend häufig ist bei der Gruppe auch der Missbrauch

des Begriffs »Faschismus«: dabei ist »faschistisch« im Grunde

alles, was man ablehnt, die Corona-Schutzverordnung ebenso wie die

Linkspartei.

Dass ein wesentliches Merkmal von Faschismus ist, dass dieser immer

nationalistisch ist und auf Verschwörungsideologien beruht - DIE

LINKE, von jeher aber internationalistisch ist und eine scharfe Gesellschaftsanalyse

vorweisen kann, also gar nicht faschistisch sein kann,

übersteigt offenbar den geistigen Horizont der betreffenden User:innen.

Inzwischen werden aber auch im Netz die Relativierungen immer unverblümter

(»Die Maske ist der Hitlergruß von heute«; »So wie ihre Großväter,

die an der Rampe standen & aussortiert

haben«), eindeutig rechtsextreme Inhalte werden

geteilt (»Nun ist es soweit: ich teile die

AfD«). In jüngster Zeit wird sogar ganz offen

gedroht: »Um den Schlauchbootfan kümmere

ich mich selbst.« (Bodo Schiffmann)

Wir haben es also auch online mit einer Verschiebung

nach - noch weiter - rechts zu tun,

insbesondere mit der bekannten »Verschiebung

des Sagbaren«.

Darin besteht die eigentliche Gefahr der Corona-Leugner:innen:

Corona wird in ein, zwei Jahren Geschichte

sein. Die »unheilige Allianz« mit rechtsaußen

jedoch nicht. Dabei wurde die extreme Rechte,

besonders die AfD, von dem Geschehen

gleichsam überrascht: sie hatte keine klare

Linie (ein AfDler wollte anfangs sogar »Masken spenden«). Dann kam

Querdenken und mindestens ein Flügel sprang populistisch auf den fahrenden

Zug auf, zumal die AfD um Themen verlegen ist. Die »Querdenker:innen«

ihrerseits sind oft zu blauäugig, um zu merken, wen sie sich

da ins Boot geholt haben, wollen es nicht sehen, oder finden es nicht

problematisch. Einige scheinen tatsächlich zu glauben, ihre Bewegung

könne »unpolitisch« sein und alle Menschen umfassen, unabhängig von

deren politischer Einstellung. Die berühmten »roten Linien« weichen

auf und sie werden sich nicht von selbst wieder stabilisieren, nur weil

die Corona-Gefahr gebannt ist. Die »unheilige Allianz« wird sich neue

Themen suchen und finden. Gefährlich bleibt sie nach wie vor.

VON KERSTIN JORDAN

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