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BETRIEB & GEWERKSCHAFT

© Bastian Greshake Tzovaras /flickr.com / CC BY-SA

In der Corona-Krise wurde für die Pflege viel geklatscht.

Selbst den Letzten schien nun zu dämmern, dass ein kaputt

gespartes und auf das Erzielen von Profit getrimmtes

Gesundheitssystem keine gute Voraussetzung dafür ist,

eine Pandemie zu bekämpfen. Es wurde viel geredet über

Systemrelevanz und Bonuszahlungen. Nach über einem

Jahr ist davon wenig geblieben. Die Bonuszahlungen fielen

mager aus - wenn sie überhaupt kamen. Die Arbeitsbedingungen

in der Pflege sind derweil noch immer desaströs.

Zu wenig Personal, zu wenig Zeit, eine zu schlechte Bezahlung.

Da sich Bundes- und Landesregierungen noch immer

Hallo ihr Beiden, wie seid ihr auf die Idee gekommen,

eine Petition zu starten?

Wir arbeiten bereits einige Jahre in der Pflege und haben beobachten

müssen, wie sich die Bedingungen im Kliniksetting sukzessive verschlechtert

haben. Mit Einführung der DRGs (Fallpauschalen) wurden

zahlreiche Stellen abgebaut, die Anzahl Patien:innen blieb

gleich. Mittlerweile existiert ein ausgeprägter Pflegenotstand.

Die Arbeitsbedingungen insbesondere in der

somatischen Pflege sind vielerorts untragbar, Patient:innen

können nicht mehr adäquat versorgt

werden, lediglich eine Minimalversorgung kann

gewährleistet werden. Pflegekräfte kompensieren

seit Jahren die chronische Unterbesetzung

und zunehmende Arbeitsdichte, verzichten auf

Pausen und sammeln Unmengen Überstunden

an. Die physische und psychische Dauerbelastung

macht es unmöglich, sich richtig zu erholen,

krankheitsbedingte Ausfälle und Burnout sind

die Folgen. Den Pflegenden reicht es so langsam.

Viele Pfleger:innen kehren der Pflege den Rücken

zu oder nutzen den Job nur noch als Sprungbrett für

ein Studium. Mittlerweile ist auch unserer Bundesregierung

aufgefallen, dass sie den massiven Pflegenotstand nicht

mehr ignorieren kann. Gut gemeinte Programme wie das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz

(PpSG) des Gesundheitsministers Jens Spahn

verlaufen jedoch im Sande, da bei den bestehenden miesen Arbeitsbedingungen

und stagnierend geringem Gehaltsniveau potentiell interessierte

Pflegekräfte dankend ablehnen.

Eine faire, der Leistung entsprechende, Entlohnung könnte unserer Ansicht

nach dazu führen, dass sich wieder mehr Interessierte der Pflege

zuwenden, so dass über das PpSG in einem zweiten Schritt der Pflegeschlüssel

bedarfsgerecht angepasst werden könnte. Doch davon will

unser Gesundheitsminister Jens Spahn nichts wissen. Er ruht sich lieber

weiter auf seiner sichtbar erfolglosen Strategie aus und wartet auf die

Dinge, die da kommen. Wir werden das nicht weiter hinnehmen!

Da Jens Spahn scheinbar nicht der adäquate Ansprechpartner für uns

ist, haben wir uns mit unseren Forderungen an unsere Arbeitnehmervertretung,

die ver.di, gewendet. Gemeinsam mit der ver.di wollen wir

Druck auf die Regierung ausüben und eine angemessene Lohnerhöhung

sowie einen bedarfsgerechten Personalschlüssel erkämpfen.

Was sind eure konkreten Forderungen an die ver.di?

verzweifelt an ihre neoliberalen Dogmen klammern, ist von

dieser Seite gerade wenig zu erwarten. Deshalb haben sich

die Pfleger:innen Joanne, Annika, Peter, Marcel und Michael

dazu entschieden, wenigstens ihre Gewerkschaft zum Handeln

zu bewegen. Denn im September 2021 stehen wieder

Tarifverhandlungen an. Eine Petition, die schon von über

100.000 Menschen unterschrieben wurde, fordert von der

verdi, dieses mal nicht klein beizugeben, sondern über harte

Verhandlungen zu einer echten Trendwende zu kommen.

Wir haben mit Peter und Michael über ihre Forderungen gesprochen.

Zunächst einmal ist es uns wichtig zu erwähnen, dass wir die ver.di nicht

als Kontrahentin betrachten. Wir wollten die ver.di lediglich öffentlichkeitswirksam

ansprechen, um Kontakt zum Vorstand und der Verhandlungskommission

zu bekommen. Nur so haben wir eine Chance, unsere

Forderungen durchsetzen zu können. Und zwar gemeinsam mit der ver.

di. Wir sind der Ansicht, dass es Zeit ist für deutliche Verbesserungen in

der Pflege – sowohl auf monetärer Ebene als auch beim Personalschlüssel.

Die Pflege heutzutage basiert auf aktuellen Erkenntnissen aus der

Forschung und bietet eine ganzheitliche, auf das Individuum abgestimmte

und ressourcenfördernde Krankenversorgung.

Der Qualitätsstandard ist erheblich gestiegen, die Pflege

hat zusätzliche Aufgaben übernehmen müssen.

Das, was sich über die Jahre hinweg nicht verändert

hat, ist das Gehaltsniveau.

Zudem geht es uns um ein bedarfsgerechtes

Aufstocken des Pflegepersonals. In Deutschland

versorgt derzeitig eine Krankenpfleger:in

mit durchschnittlich 13 Patient:innen doppelt

so viele wie vergleichsweise eine Pfleger:in in

der Schweiz.

Wir sind der Ansicht, dass eine angemessene

Gehaltssteigerung von 33% das Schlüsselelement

dafür ist, dass sich wieder mehr Interessent:innen

der Pflege zuwenden. Darüber würde sich ein

bedarfsgerechter Personalschlüssel, idealerweise im

Verhältnis 1 zu 5 (wie in Teilen der USA bereits etabliert),

sukzessive realisieren lassen. Die Bedingungen in der Pflege

sowie auch der Pflegenotstand könnten sich nachhaltig entspannen.

33 % mehr Lohn klingt vielleicht für einige Menschen, nach

einer ungewöhnlich hohen Forderung. Warum denkt ihr,

dass das gerechtfertigt ist?

Über einen hohen Verhandlungsanker von 33% wollen wir

klarmachen, dass das aktuelle Gehaltsniveau längst nicht

mehr zeitgemäß ist. Der hohe Pflegestandard, die zunehmende

Arbeitsdichte, die oftmals gesundheitsbelastenden

Bedingungen und hohe Verantwortung stehen

einem unangemessen geringen Gehalt entgegen. Daher fordern

wir jetzt eine signifikante Lohnerhöhung, bei der trotz Inflation und

Steuerprogression nachhaltig etwas unterm Strich übrig bleibt.

Des Weiteren ist unsere Forderung nicht weit von der des Deutschen

Berufsverbands für Pflegeberufe entfernt, der für ein Einstiegsgehalt

von 4000 € plädiert.

Wir sind auch der Ansicht, dass der fortschreitende Pflegenotstand

nur dann aufzuhalten ist, wenn der Pflegeberuf signifikant

aufgewertet wird. Jens Spahn kann noch so viele Programme zur

Stärkung des Pflegepersonals (PpSG) initiieren. Ohne deutliche

monetäre Anreize werden diese ineffektiv bleiben.

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