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KULTUR

Wie hat ver.di bisher auf eure Petition

reagiert? Konntet ihr schon etwas erreichen?

Es hat etwas gedauert, aber mittlerweile hatten

wir eine gemeinsame Videokonferenz mit

dem Bundesvorstand Sylvia Bühler und der

Gewerkschaftssekretärin Susanne Scharrmann.

In dem freundlichen Treffen wurde

deutlich, dass unsere Forderungen schwer

zu erreichen sind, da der Organisationsgrad

der Pflege gemeinhin als sehr niedrig gilt. Die

Streikbereitschaft in der Pflege und somit der

notwendige, zu erzeugende Druck seien erfahrungsgemäß

zu gering.

Wir haben uns darauf verständigt, zukünftig

weiteren ver.di -Treffen beizuwohnen, in denen

es darum geht, die Pflege aktivierende öffentlichkeitswirksame

Aktionen zu planen. Uns

geht es darum, zu zeigen, dass sich die Pflege

sehr wohl organisieren kann. Dazu laufen bereits

an mehreren Standorten klinikintern und

– übergreifend Vernetzungskampagnen.

Die Pflege galt ja in der Vergangenheit meist

als ein Bereich, in dem es schwierig ist, Arbeitskämpfe

zu organisieren. Wie steht es um

die Streikbereitschaft der Beschäftigten?

Die Arbeitsbedingungen haben auch unabhängig

von Corona ein gesundheitsschädliches

Niveau erreicht, Frust und Erschöpfung bestimmen

den Pflegealltag. Der Pflege reicht es

so langsam. Immer mehr Pflegekräfte wehren

sich aktiv, springen nicht mehr ein, erheben

endlich Haupt und Stimme. Beste Voraussetzungen

für eine hohe Streikbereitschaft.

Dass schon viele Menschen eure Petition

unterschrieben haben, macht ja deutlich,

dass es eigentlich viel Unterstützung für

eure Anliegen aus der Gesellschaft gibt.

Was können Menschen außerhalb der

Krankenhäuser tun, um euch zu unterstützen?

Wir haben derzeit rund 100000 Unterstützer:innen,

das freut uns sehr. Wir haben die

Möglichkeit, unsere Unterstützer:innen auf

Aktionen, Projekte und demnächst anstehende

Streiks über einen Newsletter aufmerksam

zu machen. Wir sind dabei, uns zu vernetzen

und öffentlichkeitswirksame Aktionen gemeinsam

mit unseren Kooperationspartnern zu

planen. Wir freuen uns über jede zusätzliche

Unterstützung, insbesondere von Menschen

außerhalb des Kliniksettings. Unterstützt uns

Pflegende bei unseren Aktionen, werdet genauso

laut wie zu Beginn der Pandemie. Nur

gemeinsam sind wir stark!

Teilt unsere Petition www.change.org/pflegenotstand

mit allen Freund:innen und Bekannten...

Vielen Dank für das Gespräch!

Wir bedanken uns herzlich für die

vorbildliche Unterstützung von Sei

ten der Münster-Linken, insbeson

dere bei der Fraktionsgeschäftsfüh

rerin Johanna Wegmann.

DAS INTERVIEW

WURDE GEFÜHRT VON

JOHANNA WEGMANN

Neben der Gastronomie und Clubszene,

treffen die aktuellen Einschnitte und Restriktionen

die Kultur am härtesten. Die verschiedenen

Kulturschaffenden sehen einer

ungewissen Zukunft entgegen, persönliche

Existenzen stehen auf dem Spiel – und dies

unverschuldet! Mag auch ein Ende der Pandemie

absehbar sein, mit deren Folgen wird

die städtische Gesellschaft in Münster noch

lange zu kämpfen haben. Steigende Ausgaben

etwa im sozialen Bereich oder bei der

Digitalisierung von Schulen, stehen sinkenden

Steuereinnahmen gegenüber; ein Verteilungskampf

wird die logische Folge sein. Wie

bei all solchen Verteilungskämpfen üblich,

drohen die »Kleinen« auf verlorenem Posten

zu stehen. Einer dieser »Kleinen« wird die

Kultur in Münster, insbesondere die Freie

Kulturszene sein. Es ist die Aufgabe linken

Kulturpolitik, dieser Szene beizustehen, ihren

Erhalt zu sichern und sie bei der Entwicklung

neuer Perspektiven zu unterstützen. Andererseits

muss auch gezeigt werden, wo die

entsprechenden Mittel bei limitierten Ressourcen

zu suchen sind: Etwa im Ausstieg

aus dem FMO im Allgemeinen oder dem

Verzicht auf einen Musikcampus im Besonderen.

Die Zeit für »Leuchttürme« ist vorbei,

solange nicht die Kulturszene Münster in all

ihrer Vielfalt gerettet ist!

© Graydon Driver / unsplash.com

Ähnlich wie bei einem leblosen Körper, der

mit einem Defibrillator wiederbelebt wird,

wird auch die Kultur Impulse nach der Pandemie

benötigen. Ein solcher könnte z.B.

ein großes Kulturfest sein, bei dem sich die

verschiedenen Akteure in ihrer Vielfalt präsentieren

können. Seriös kann derzeit aber

niemand sagen, wann ein solches Festival

möglich wäre; vor 2022 ist hieran wohl

nicht zu denken. Alle Impulse werden aber

vergeblich sein, wenn der Kulturszene nicht

auch eine entsprechende Infrastruktur zur

Verfügung gestellt wird. Dies reicht von der

Schaffung von kostengünstigen Ateliers über

die Bereitstellung von Ausstellungs- und Proberäumen

für die Freie Szene bis hin zum Erhalt

bereits bestehender Räumlichkeiten. Als

zentral für die Freie Kulturszene könnte sich

das Ex Heerde Kolleg am Hoppengarten entwickeln,

wo sich bereits einige Proberäume

und Ateliers befinden. Allerdings ist schon

jetzt absehbar, dass der Bedarf der Freien

Szenen über den dortigen Möglichkeiten

liegt, zumal dort nun auch noch eine Kita und

Räumlichkeiten für das Ringenberg Stipendiumprogramm

dauerhaft angesiedelt werden

sollen. Überhaupt entsteht der Eindruck,

dass auch bei diesem Projekt die Freie Kulturszene

lediglich als Feigenblatt dienen soll.

Erst auf wiederholte Nachfrage der Kulturschaffenden

hatte die Stadt einen Kommunikationsprozess

in Aussicht gestellt, der aber

bis dato noch nicht umgesetzt wurde.

Die Krise bietet nun die Chance, durch die

Einrichtung eines permanenten Kulturrates

den Kommunikationsprozess in Gang zu bringen.

Dieser Rat würde die Kulturschaffenden

an der Arbeit des Rates und der Ausschüsse,

insbesondere bei der Verteilung finanzieller

Mittel für die Freie Kulturszene, beteiligen

und eine enge Zusammenarbeit zwischen

Kulturstätten und Kulturschaffenden fördern.

Corona hat gezeigt, wie löchrig die soziale

Absicherung für Kulturschaffende ist. Als

besonders nachteilig hat sich gezeigt, dass

die meisten keine Möglichkeiten haben, sich

gegen Arbeitslosigkeit zu versichern. Zwar

gibt es eine freiwillige Arbeitslosenversicherung,

deren Zugang ist allerdings begrenzt.

Eine freiwillige Versicherung kann nur beantragen,

wer in den letzten 30 Monaten zwölf

Monate lang pflichtversichert war. Damit

sind die meisten, die schon seit Jahren freiberuflich

in der Kultur arbeiten, ausgeschlossen.

Mehr noch, wer zweimal Leistungen der

freiwilligen Arbeitslosenversicherung bezieht,

bevor ein neuer Anspruch (12 Monatsbeiträge)

erworben wurde, fliegt raus und

hat keine Chance, sich weiter zu versichern.

Diese Praxis wird schon seit Jahren kritisiert

– und es wäre jetzt die Zeit, die freiwillige

Arbeitslosenversicherung für Freiberufler:innen

und Soloselbständige, nicht nur in der

Kultur, zu öffnen, damit diese Menschen bei

zukünftigen Krisen abgesichert wären. Auch

müsste der Begriff »Künstler« weiter gefasst

werden. Bis dato ist für den Staat ein »Künstler«,

wer in der Künstlersozialversicherung

ist. Der Kreis der Kulturschaffenden ist aber

größer! Menschen, die in sozio-kulturellen

Projekten oder in der ErinnerungsKULTUR arbeiten,

gelten nicht als »Künstler«, haben keinen

Zugang zur Künstlersozialkasse und sind

besonders in der ersten Phase der Pandemie

durch sämtliche Raster gefallen und eiskalt

in Hartz IV abgeschoben worden. Dies ist natürlich

ein Problem, welches nicht in Münster

gelöst werden kann, aber die selbsternannte

Stadt von Kunst und Kultur könnte sich für

diese Menschen einsetzen. Wenn es stimmt,

dass in jeder Krise auch eine Chance steckt,

dann sollten wir die Chance nutzen, Menschen

in und außerhalb der Kultur zukünftig

sozial besser abzusichern, damit alle in der

Lage sind, ein selbstbestimmtes und kreatives

Leben führen zu können.

VON TIMM RICHTER

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