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AUS DER REDAKTION

© Jo-Anne McArthur / unsplash

Corona - ein naturgegebenes Phänomen?

Die Weltbevölkerung lebt seit ihrer Existenz mit Pandemien, seien es

zum Beispiel Gelbfieber oder die Pocken. Man möchte also meinen, wir

hätten es als Menschheit mit einem naturgegebenen Phänomen zu tun,

dass nun mal eben alle paar Jahrhunderte auftritt. Tatsächlich hätten

die Regierungen der Länder die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten

eines Virus drastisch verringern können und auch die Folgen deutlich

abmildern können. Seit Jahrzehnten warnen Epidemiolog:innen davor,

dass durch Regenwald- und Naturzerstörung, globale unkontrollierte

Lieferketten und insbesondere die Massentierhaltung mit ihrer weltweit

vernetzten Produktion und Vermarktung, die Übertragung und Mutation

von Viren auf den Menschen immer wahrscheinlicher wird.

Insbesondere die Abholzung von Wald im globalen Süden führt dazu,

dass Erreger, die zuvor im Ökosystem (z.B. des Regenwaldes) eingeschlossen

waren, auf den Menschen oder auf Nutztiere überspringen

können und dort weiter mutieren. Die Verbreitung erfolgt durch den

vernetzten Welthandels und die Möglichkeit, auch den letzten Zipfel der

Erde innerhalb einiger Stunden zu erreichen, rasend. So kann es nur

wenige Wochen dauern, bis es ein Virus aus dem Kongo in die deutschen

Metropolen schafft.

Corona gehört, genauso wie SARS, Ebola, Aids u.v.a. zu den sogenannten

Zoonosen, also Krankheiten, bei denen die Krankheitserreger ihren

Ursprung in Tieren haben. Drei Viertel aller im Menschen neu auftretenden

Krankheitserreger sind solche Zoonosen. Forscher schätzen dass

es noch mehrere hunderttausend weitere unerforschte Viren in Tieren

gibt, ein Großteil davon in domestizierten Arten. In unserer heutigen

hochtechnisierten Tierhaltung werden vor allem Rassen gehalten, die

zuvor auf genetisch einheitliche Merkmale gezüchtet wurden, was die

Ausbreitung, das Mutieren und das Überspringen auf den Menschen

begünstigt.

Aber nicht nur die neu auftretenden und mutierenden Viren sind ein

Problem. Parallel zur anhaltenden Pandemie laufen wir vermutlich direkt

in das nächste Fiasko. Seit vielen Jahren warnen Wissenschaftler:innen

vor dem massiven Einsatz von Antibiotika in der industriellen

Nutztierhaltung. Etwa 80 % der weltweit genutzten Antibiotika werden

in der Nutztierhaltung eingesetzt – in den nächsten Jahren rechnet man

mit einem Anstieg um weitere 70 %. In den vergangenen Jahren untersuchten

Umwelt- und Verbrauchergruppierungen wie Germanwatch

oder der BUND mehrfach Hühnerfleisch aus unterschiedliche Supermarkt-

und Discounter-ketten. Bei mehr als jeder zweite Probe fanden

Sie dabei antibiotikaresistente Keime.

Die Fleischproduktion – ein Milliardengeschäft

All dies ist seit Jahrzehnten bekannt und trotzdem wurden die Warnungen

der Wissenschaftler*innen in den Wind geschlagen. Der Grund?

Die Fleischindustrie ist eine weltweite Milliardenindustrie, beherrscht

von wenigen Unternehmen, die einen Großteil des Weltfleischmarkts

unter sich aufteilen. Ihr Einfluss in Politik und Wirtschaft ist gewaltig.

Seit Jahren verhindern sie erfolgreich härtere Tierschutzgesetze und

drücken die Preise für Fleisch so weit in den Keller, dass Bauern in den

Ruin getrieben werden.

Beim »Fleischkönig« Deutschland (Deutschland ist nach den USA der

zweitgrößte Produzent von Schweinefleisch und der fünftgrößte Produzent

von Hühnerfleisch) haben sich bisherige Gesetzesinitiativen der

Bundesregierung als zahnloser Tiger entpuppt. Erst kürzlich meldete

die Fleischlobby einen angeblichen Rückgang der verwendeten Menge

an Antibiotika. Dies sollte als Nachweis dafür geltend, dass schärfere

Vorschriften zu Eindämmung der massenhaften Antibiotika-Gabe unnötig

seien. Tatsächlich hat man statt der üblichen Antibiotika aber nur

stärkere Reserve-Antibiotika verwendet, die eigentlich für den menschlichen

Gebrauch bestimmt sind - nämlich dann, wenn kein normales

Antibiotika mehr hilft. Ein Spiel mit Menschenleben zum Wohle des

Gewinns.

Forschung im Kapitalismus

Aber die führenden Politiker schlagen seit Jahrzehnten nicht nur die

Gefahren der Naturzerstörung und der Massentierhaltung in den Wind.

Schon lange vor dem Ausbruch wurde von führenden Epidemiolog:innen

und anderen Wissenschaftler:innen davor gewarnt, dass kaum ein

Gesundheitssystem auf der Welt auf die Folgen einer globalen Seuche

vorbereitet ist. Auch das deutsche Gesundheitssystem wurde in den

letzten Jahrzehnten massiv zurückgefahren. Die Leistungen der gesetzlichen

Krankenversicherung wurden abgebaut, Krankenhäuser wurden

privatisiert oder geschlossen. Heutzutage muss ein Großteil der Krankenhäuser

zusehen, dass sie aus den Menschen, die sie behandeln,

Profit für ihre Investoren schlagen. Viele Krankenhäuser behandeln

schon lange nicht mehr alle Krankheiten, sondern sind fachlich hochspezialisiert.

Menschen müssen für die Behandlung ihrer Erkrankungen

oft lange Anfahrtswege auf sich nehmen. Nicht nur der Anfahrtsweg,

sondern auch die Bürokratie sind große Hindernisse für alte und kranke

Menschen und für Menschen mit geringem Einkommen. Die Bertelsmann-Stiftung,

eine neoliberale wirtschaftsnahe Denkfabrik, die

versucht Einfluss auf Politiker:innen auszuüben, forderte noch wenige

Monate vor der Pandemie, von 1.400 deutschen Krankenhäusern rund

800 zu schließen und die restlichen weiter zu spezialisieren. Zum Wohle

der Patienten natürlich. Auch die Forschung arbeitet schon lange nicht

mehr unbeeinflusst. Forschung und Entwicklung findet vor allem durch

große Pharmakonzerne statt mit dem Ziel, durch neue Medikamente

möglichst hohe Gewinne für das Unternehmen und ihre Aktionäre zu

erwirtschaften. Nicht oder nur wenig erforscht werden Bereiche, die

ebendiese Gewinne nicht versprechen, insbesondere seltenere Erkrankungen

und Erbkrankheiten oder eben die vorsorgliche Entwicklung

anti-viraler Medikamente und Impfstoffe.

VON KATHARINA GEUKING

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