Ein neuer Typus Kirche

JovisVerlag

ISBN 978-3-86859-699-1

EIN

NEUER

TYPUS

HYBRIDE

ÖFFENTLICHE RÄUME

KIRCHE

Die Publikation erscheint im Rahmen

des 29. Evangelischen Kirchbautags 2019 in Erfurt

Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM)

Internationale Bauausstellung (IBA) Thüringen

Herausgeber: Jürgen Willinghöfer


INHALT

05 GRUẞWORT

Ministerpräsident Bodo Ramelow

07 EIN NEUER TYPUS KIRCHE

Einleitung

11 ERFOLGVERSPRECHEND IST,

WENN MAN INSGESAMT SOZIAL DENKT

Ein Gespräch zwischen Elke Bergt (EKM)

und Ulrike Rothe (IBA)

20 DIE FREIBURGER STUDIE – PROJEKTION 2060

Lars Weitemeier

24 VON KIRCHTÜRMEN UND NETZWERKEN

Susanne Dähner

30 SOZIALRAUMORIENTIERUNG UND

KIRCHENUMNUTZUNG

Sonja Keller

39 WIR MÜSSEN VIEL EXPERIMENTELLER WERDEN

Ein Gespräch zwischen Landesbischof Friedrich Kramer

und Thomas Erne (Kirchbauinstitut)

PRAXIS

Texte von Lars Weitemeier

49 WO VON HIMMELSLEITERN GETRÄUMT WIRD

Eine Herbergskirche in Neustadt a. R.

61 WO VOR ALLER ZEIT DIE MUẞE WARTET

Ein Spielplatz in Niedergebra

75 WO EIN NEUER HIMMEL ERSCHEINT

Eine Netzwerkkirche in Ellrich

89 WO EIN ZAUBER AM ANFANG STEHT

Eine leere Kirche in Donndorf

99 WO MILCH UND HONIG FLIEẞEN

Eine Bienen-Garten-Kirche in Roldisleben

111 WO REINE HERZEN BARMHERZIGKEIT FINDEN

Ein soziokulturelles Zentrum in Apolda

121 WO EIN LICHT KOMMEN WIRD

Eine Gesundheitskirche in Blankenhain

133 WO DAS LICHT BEREITS ENTZÜNDET IST

Eine Feuerorgel in Krobitz


THEORIE

144 »WIR HABEN KEINE HEILIGTÜMER UND ALTÄRE«

ORTE DER GEMEINSCHAFTSBILDUNG

Hartmut Leppin

150 DIE UNVERZICHTBARKEIT DES GLAUBENS UND

DIE MODERNITÄT DER CHRISTLICHEN BOTSCHAFT

Volker Gerhardt

160 DAS ENDE DES DORFES

Geert Mak

162 DIE WIEDERENTDECKUNG DES DORFES

Reinhard Blomert

168 DIE KIRCHE ALS EIN MITTELPUNKT VON HEIMAT

Hansjörg Küster

170 SOLIDARITÄT

Heinz Bude

176 PROVINZ ALS NISCHE

Marta Doehler-Behzadi

CONCLUSIO

182 EIN NEUER TYPUS KIRCHE

Thomas Erne

ANHANG

190 Dank

192 Nachweise

193 Impressum


Liebe Leserschaft,

Thüringen ist reich an Kirchen: Schätzungsweise 2000 evangelische Kirchen

gibt es bei uns im Freistaat. Sie alle prägen die Kulturlandschaft und sind

Teil unseres kulturellen Erbes. Kirchen sind identitätsstiftend und ortsbildprägend.

Die meisten stehen unter Denkmalschutz und werden als bauhistorischer

und kultureller Schatz gepflegt. Angesichts des demografischen

Wandels und der gesellschaftlichen Entwicklungen, die mit einer fortschreitenden

Säkularisierung einhergehen, wird sich mit neuen Ideen für die Nutzung

sakraler Architektur beschäftigt.

Seit 2012 entwickelt und fördert die Internationale Bauausstellung (IBA)

Thüringen mit verschiedenen Partnern die bis zum Jahr 2023 angelegten

Bauprojekte zum Thema »Zukunft StadtLand!«. In Kooperation mit der

Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wird gemeinsam nach

Strategien gesucht, leere oder wenig genutzte Kirchen wieder mit Leben

zu füllen. Bereits der 29. Evangelische Kirchbautag, der 2019 in Erfurt stattfand,

hat sich diesem Thema ausführlich gewidmet. Von hier gingen wichtige

Impulse für die Zukunft sakraler Gebäude als öffentliche Räume aus.

Der Ideenwettbewerb zur Neunutzung leer stehender Thüringer Kirchengebäude

kann daher als Initiative für einen sinnstiftenden Umgang mit Kirchengebäuden

verstanden werden, der vermutlich richtungsweisend sein wird.

Die Kunstkapelle St. Anna in Krobitz/Weira im Saale-Orla-Kreis ist das erste

fertige Vorhaben aus dem Ideenaufruf. In die Kapelle wurde eine skulpturale

Flammenorgel des Künstlers Carsten Nicola integriert, wobei alte

Entwürfe sogenannter Flammenorgeln aus dem 18. Jahrhundert als Inspiration

dienten. Mit dem Instrument können nun Künstler musizieren, um

Gästen Klänge zu vermitteln. Entstanden ist ein Treffpunkt, der Andachten,

Klangkunst und Baukultur vereint und erlebbar macht. Andere Projekte

wurden und werden für die Her(r)bergskirche St. Michaelis in Neustadt

am Rennsteig, das soziokulturelle Zentrum in der Martinskirche in Apolda,

die Gesundheitskirche St. Severi in Blankenhain, die Bienen-Garten-Kirche

St. Peter und Paul in Roldisleben, die Kirche St. Nicolai in Niedergebra und

die Netzwerkkirche St. Johannis in Ellrich realisiert.

Die Ideen, Impulse und Inspirationen sind vielfältig und eröffnen in Zeiten

des Wandels leer stehenden Kirchengebäuden eine nachhaltige Perspektive.

Dabei kommt dem bekannten Sprichwort »Die Kirche im Dorf lassen« eine

geradezu wesentliche Bedeutung zu: Die Kirche, die seit dem Mittelalter im

Dorf verwurzelt und fester Kristallisationskern ist, soll auch in Zukunft ein

Raum für Begegnung sein.

Die Publikation, die Sie gerade in den Händen halten, zeigt, wie sich Modellprojekte

zur Kirchenumnutzung seit 2017 entwickelt haben. Ich danke

allen, die sich an den Projekten beteiligt haben oder dies in Zukunft noch

vorhaben, und wünsche Ihnen, liebe Leserschaft, eine interessante Lektüre!

0 5

Ihr

BODO RAMELOW

Ministerpräsident

des Freistaats Thüringen


EIN NEUER

TYPUS KIRCHE

Kirchen sind identitätsstiftend und fast immer ortsbildprägend. Und obgleich

sie einen unglaublichen bauhistorischen und kulturellen Schatz darstellen

und sie in den letzten 30 Jahren mit viel Kraft, Engagement und

Geld gepflegt und häufig vor dem endgültigen Verfall gerettet worden sind,

steht es auf Dauer nicht gut um sie. Die Pflege und Wahrung von Grundstücken,

Pfarrhäusern und eben dieser Kirchgebäude wird angesichts einer

abnehmenden Zahl an Kirchenmitgliedern für die Gemeinden immer belastender

(S. 11 und S. 39).

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) hat sich in kongenialer

Partnerschaft mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen

die Aufgabe gestellt, die nicht geringe Anzahl an leeren oder wenig genutzten

Kirchen wieder mit Leben zu füllen (S. 11). Hierbei wagt sie neue Wege,

geht große und kleine Schritte, passende Lösungen werden für jeden Ort

gefunden, Scheitern ist erlaubt. 2016 riefen die EKM und die IBA Thüringen

unter der kuratorischen Projektleitung des Büros für Szenografie

chez weitz, Berlin, sowie gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes

dazu auf, Ideen für zukunftsfähige Nutzungen von rund 2000 Kirchen zu

finden. Für 500 Kirchen kamen im Jubiläumsjahr 2017 sage und schreibe

an die 500 Ideen zusammen.

Sieben Modellprojekte sind aus diesem offenen Ideenaufruf hervorgegangen,

die wir in diesem Buch genauer vorstellen wollen: das soziokulturelle

Zentrum in der Martinkskirche Apolda (S. 111), die Her(r)bergskirche

St. Michaelis in Neustadt am Rennsteig (S. 49), die Gesundheitskirche

Vivendium St. Severi in Blankenhain (S. 121), die Bienen-Garten-Kirche

0 7


VON KIRCHTÜRMEN

UND NETZWERKEN

2 4

Kirchen auf dem Land und in kleinen Ortschaften haben neben ihrer religiösen

Funktion oft noch eine andere Aufgabe: Sie sind ein identitätsstiftender

Bau für das gesamte Dorf. Der demografische und gesellschaftliche

Wandel hat die Zahl der aktiven Kirchenmitglieder vielerorts merklich

schrumpfen lassen. Dennoch bleiben die Kirchengebäude bestehen, auch

weil viele als Baudenkmal unter besonderem Schutz stehen. Ihr baulicher

Zustand kann als Gradmesser dienen, wie sich kleine Ortschaften im demografischen

Wandel entwickeln. Kümmern sich die Bewohner um ihr oft

ältestes Gebäude, engagieren sie sich meist auch an

anderer Stelle für das Dorfleben. Diese Orte können

es trotz zahlreicher Herausforderungen schaffen, lebendig

zu bleiben und dem allgemeinen Trend des

Schrumpfens etwas entgegenzusetzen. Verfällt hingegen

der Kirchturm, kann dies ein Zeichen für Resignation

und Aufgabe sein.

SUSANNE DÄHNER

Europa – wachsendes Zentrum,

schrumpfender Rand

Europa ist demografisch zweigeteilt. Die Boom-Regionen

finden sich vor allem dort, wo die Geburtenziffern

bei annähernd zwei Kindern je Frau liegen, also

in Skandinavien, Frankreich, dem Vereinigten Königreich

oder Irland. Waren früher eher die Länder mit

einem traditionellen Familienbild die kinderreichsten,

sind es im 21. Jahrhundert vor allem mit Schweden,

Dänemark und Norwegen die Länder, die auf eine

starke Geschlechtergleichstellung setzen und hohe

Erwerbsquoten von Frauen haben. Ein demografisches

Wachstum können außerdem die Regionen mit hoher

Zuwanderung verzeichnen, wo der Zuzug von außen

geringe Geburtenzahlen ausgleichen kann. Dies trifft

auf wirtschaftlich erfolgreiche Gebiete sowie dicht besiedelte

Metropolregionen zu.

Im Gegensatz dazu schrumpfen insbesondere die ländlichen Regionen in

Zentral-, Ost- und Südeuropa. Denn dort liegen die Kinderzahlen niedrig

und die Restbevölkerung ist bereits deutlich gealtert. Die Abwanderung in

wirtschaftlich stärkere Regionen des Kontinents führt zu weiteren Verlusten.

Dies hängt vor allem mit dem Wohlstandsgefälle zwischen den »alten« EU-


Mitgliedstaaten und den »neuen« Mitgliedern

zusammen. Seit Jahren verlassen vor

allem junge Menschen die östlichen Staaten

Bulgarien, Rumänien oder Polen und suchen

in Deutschland, dem Vereinigten Königreich und

anderswo ein neues Zuhause – zumindest vorübergehend.

Daneben hat die Wirtschaftskrise, von der sich große

Teile Südeuropas bis heute nicht vollständig erholt haben, eine neue Süd-

Nord-Wanderung in Europa ausgelöst.

Die gesteigerte Zuwanderung aus Ländern außerhalb Europas hat zwar in

den letzten Jahren auch einigen demografisch benachteiligten Regionen

zu neuen Wanderungsgewinnen verholfen. Doch die Karte zeigt, dass es

die Menschen am stärksten in die wohlhabenden Gegenden des Kontinents

zieht. Aktuell deutet wenig darauf hin, dass sich die Schere zwischen

demografischen Gewinner- und Verliererregionen innerhalb Europas künftig

wieder schließen könnte.

2 5

Eine gut erhaltene Kirche ist meist

Indikator für ein intaktes Dorfleben.

Deutschland – die demografische Kluft wird größer

Auch innerhalb Deutschlands driften die Regionen auseinander. Anders als

lange vorhergesagt, wächst zwar aktuell die gesamtdeutsche Bevölkerung.

Heute leben in der gesamten Bundesrepublik rund 83 Millionen Menschen

– mehr als jemals zuvor. Hauptgrund dafür ist die Zuwanderung, die in

den Jahren 2015 und 2016 vergleichsweise hoch war, seitdem aber wieder

merklich abgenommen hat. Doch nicht alle Regionen können von diesem

Einwohnerplus profitieren. Vielmehr verschärfen sich die Unterschiede in

der demografischen Entwicklung: Viele städtische Zentren ziehen immer

neue Bewohner an und drohen mancherorts aus allen Nähten zu platzen,

während zahlreiche abgelegene ländliche Gebiete nach und nach ihre Einwohner

verlieren. Die Metropolen locken gut gebildete junge Menschen

mit Universitäten und Hochschulen und auch die Mehrheit der Arbeitsplätze

der Wissensgesellschaft findet sich in den Ballungsräumen. Diese

Entwicklung dürfte sich zukünftig fortsetzen.

Besonders deutlich zeigt sich diese Landflucht im Osten des Landes. Dort

sind die ländlichen Gebiete schon heute fast flächendeckend vom Bevölkerungsrückgang

betroffen. Nach vielen Jahren der Abwanderung, zunächst

von Ost nach West und später vom Land in die Städte, befinden

sich viele von ihnen in einem demografischen Abwärtstrend. Besonders


2 6

in den abgelegenen Regionen ist die Bewohnerschaft schon stark gealtert

und es gibt immer weniger Menschen im Familiengründungsalter. In

Zukunft wird vielerorts die natürliche Bevölkerungsentwicklung, also der

Überschuss der Sterbefälle über die Geburten, den demografischen Abwärtstrend

beschleunigen. So dürften beispielsweise im brandenburgischen

Kreis Spree-Neiße im Jahr 2035 auf eine Geburt mehr als vier Beerdigungen

kommen. Im Osten der Republik liegen die 23 Landkreise, die

von allen 401 deutschen Kreisen in den nächsten Jahren am stärksten

schrumpfen dürften. Landkreise wie Elbe-Elster im südlichen Brandenburg

oder Harz in Sachsen-Anhalt dürften bis 2035 noch einmal mehr als jeden

fünften Einwohner verlieren. Die wenigen großen Städte können sich dagegen

als Wachstumsinseln behaupten. Leipzig ist sogar deutschlandweit

die am stärksten wachsende Stadt und dürfte dies auch mit Blick auf die

Zukunft weiterhin bleiben.

Auch wenn die Einwohnerverluste im Osten besonders stark ausfallen, verlieren

viele ländliche Gebiete des Westens ebenfalls. Mit ihrem Schulabschluss

in der Tasche packen junge Menschen dort genauso ihre Koffer

und ziehen in Richtung der urbanen Zentren. In Zukunft dürfte sich diese

Entwicklung weiter verstärken, besonders entlang der ehemaligen innerdeutschen

Grenze im nördlichen Bayern, in Teilen von Rheinland-Pfalz,

im nördlichen Hessen sowie in Schleswig-Holstein oder im südöstlichen

Niedersachsen.

Mit den Menschen verschwindet die Versorgung

Wenn immer weniger Menschen in den Dörfern und Kleinstädten leben,

sinkt die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen. Immer weniger Besucher

nutzen regelmäßig das Schwimmbad oder andere öffentliche Einrichtungen.

Der Bäcker, der Fleischer, der kleine Lebensmittelladen und der

Gasthof müssen schließen. Der Bus fährt immer seltener und irgendwann

gibt es nicht mehr ausreichend Nachwuchs, um die Schule vor Ort am

unter 7,5

-7,5 bis unter -5

-5 bis unter -2,5

-2,5 bis unter 0

0 bis unter 2,5

2,5 bis unter 5

5 bis unter 7,5

7,5 und mehr

→ Jährlicher Wanderungssaldo

(Außen- und Binnenwanderung)

je 1000 Einwohner nach NUTS-2-Regionen,

Mittelwert 2011–2015

Die Menschen zieht es am stärksten

in die wohlhabenden Gegenden

des Kontinents.


unter -20

-20 bis unter -15

-15 bis unter -10

-10 bis unter -5

-5 bis unter 0

0 bis unter 5

5 bis unter 10

10 und mehr

↑ Zensusbereinigte Bevölkerungsentwicklung

1995–2017

(in Prozent)

↗ Prognostizierte Bevölkerungsentwicklung

2017–2035 (in Prozent)

Besonders deutlich zeigt sich die

Landflucht immer noch im Osten

Deutschlands.

Leben zu erhalten. Auch die Kirche verliert ihre sonntäglichen Besucher und

öffnet immer seltener ihre Türen. Eine wachsende Zahl ungenutzter und leer

stehender Gebäude, für die es keine Nutzung mehr gibt, prägt das Ortsbild.

Für die zurückbleibenden, oft älteren Bewohner verschlechtert sich die Versorgungssituation

an ihrem Heimatort. Die Wege zum Supermarkt, zum Arzt

oder auch zum nächsten Café werden immer weiter. Für potenzielle neue

Bewohner ist ein solcher Ort kaum attraktiv. Schrumpfende Regionen drohen

daher immer stärker in eine Abwärtsspirale zu geraten, in der sich Bevölkerungsschwund

und schwindende Daseinsvorsorge gegenseitig verstärken.

Eine solche Entwicklung ist mit der Zeit immer schwerer umzukehren.

2 7

Wandel auf dem Land kann gestaltet werden

Doch ländliche Regionen müssen sich diesem Schicksal nicht tatenlos ergeben.

Es gibt immer wieder auch Gebiete fern der urbanen Zentren, die

entgegen dieses Trends weiterhin wachsen. Eine Region, die das Berlin-

Institut für Bevölkerung und Entwicklung in der Studie »Von Kirchtürmen

und Netzwerken« näher unter die Lupe genommen hat, ist das Emsland

ganz im Westen Niedersachsens. Von außen betrachtet müsste auch dieser

Landkreis an der Grenze zu den Niederlanden zu jenen zählen, die mit

Abwanderung und Bevölkerungsschwund zu kämpfen haben. Dort leben

die Menschen mehrheitlich in Dörfern und kleinen Städten, die nächste

Großstadt ist weit entfernt. Lange Zeit galt die Region als das Armenhaus

Deutschlands. Karge Moorböden und arme Bauern waren das Sinnbild für

das Emsland. Doch statt zu schrumpfen, wächst das Emsland und dürfte

dies auch in Zukunft weiterhin tun. Viele junge Menschen, die für ihre Ausbildung

und ein Studium weggegangen sind, kehren zur Familiengründung

zurück – eher ungewöhnlich für eine abgelegene ländliche Region. Warum

ist gerade dort die Entwicklung so positiv? Was machen die Emsländer

richtig und lässt sich daraus vielleicht auch etwas lernen?


SOZIALRAUM-

ORIENTIERUNG UND

KIRCHEN-

UMNUTZUNG

3 0

Öffentlicher Raum Kirche

Öffentlichkeit ist ein wichtiges Motiv beziehungsweise geradezu das Qualitätsmerkmal

bei der erweiterten Nutzung von Kirchengebäuden, wobei

sich die Frage stellt, wie Räume für wen aufgeschlossen werden. Die Rede

von Öffentlichkeit ist von einer beträchtlichen Bedeutungsvielfalt gekennzeichnet.

Mit Öffentlichkeit wird vielfach die Zugänglichkeit zu allgemeinen

Diskursen sowie ein Strukturprinzip der modernen Demokratie bezeichnet.

Ein Schwerpunkt der vielfältigen Öffentlichkeitsdiskurse thematisiert

ein politisch-rechtliches Ordnungsprinzip und stellt Öffentlichkeit als eine

wandlungs- und entwicklungsfähige Größe dar. Damit verbunden ist eine

Vielzahl von medien- und kommunikationswissenschaftlichen Perspektiven

auf Teilöffentlichkeiten. Öffentlichkeit wird demnach in kommunikativen

Zusammenhängen konstituiert und existiert nur bedingt unabhängig davon.

Die Messung der Öffentlichkeits- und Vermittlungsleistung etwa medialer

Öffentlichkeit erweist sich dabei als überaus komplexes Unterfangen. Im

Kontext von Kirche und Theologie transportiert der Öffentlichkeitsbegriff

gegenwärtig vor allem kirchliche Selbstverständnisse. Wegweisend für den

theologischen Öffentlichkeitsdiskurs bleibt Wolfgang Hubers Habilitationsschrift

Kirche und Öffentlichkeit, worin er Kirche als intermediäre Akteurin

im öffentlichen Raum beschreibt und so eine leistungsfähige theologische

Heuristik für das Verständnis der Funktion von Kirche im Alltag und in der

Zivilgesellschaft entfaltet.

Ein verstärktes Interesse am Öffentlichkeitscharakter der Kirche, insbesondere

hinsichtlich der Entwicklung und Zukunft der Kirche, lässt sich in

der evangelischen Theologie seit Langem beobachten. Die Unterschiede

in der Verwendung des Öffentlichkeitsbegriffs beziehen sich nicht nur auf

den Bedeutungsreichtum dieses Wortes. Es ist stattdessen die sprachpragmatische

Verwendung der Rede von Öffentlichkeit, die den eigentlichen

Unterschied ausmacht: Die Rede von der »öffentlichen Kirche« bezeichnet

demnach vielfach weniger eine Qualität der Kirche und der Gemeinden als

vielmehr eine Sehnsucht nach einer breiten öffentlichen Ausstrahlung der

Kirche, oftmals verbunden mit dem Appell, Kirche und Gemeinde angesichts

des gesamtgesellschaftlichen Relevanzverlusts der Institution Kirche

öffentlich (relevant) zu gestalten. Im Hintergrund der theologischen Ausei-

SONJA KELLER


»Nicht für, sondern mit den Menschen

vor Ort werden Räume umgestaltet

und entwickelt, denn die Ideen und das

Engagement der lokalen Bevölkerung

sind für die Gestaltung des Gemeinwesens

unverzichtbar.«

nandersetzung mit Öffentlichkeit stehen die facettenreiche public theology

und das darin entwickelte Verständnis der zivilgesellschaftlichen Funktion

von Kirche einerseits sowie der statistisch messbare Rückgang der Kirchlichkeit

in Ost, West, Nord und Süd andererseits. Die breit gefächerten

Reden von der »öffentlichen Kirche«, der »öffentlichen Theologie« oder

dem »öffentlichen Protestantismus« thematisieren und etablieren ein Verständnis

der gesellschaftlichen Verantwortung der Kirche beziehungsweise

die Selbstverpflichtung der Kirche, einer pluralen Gesellschaft zu dienen,

die über die numerische Größe von Kirche und Gemeinde hinausweist.

Die Rede von Öffentlichkeit im Kontext von Kirche und Theologie artikuliert

vielfach ein kirchliches Selbstverständnis sowie einen Selbstanspruch.

Die Beschreibung des Öffentlichkeitscharakters von Kirche und Gemeinde

stellt sich in empirischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive allerdings

als komplex dar, denn der Öffentlichkeitsbegriff ist wissenschaftlich

schwer operationalisierbar, zumal Öffentlichkeiten nicht einfach vorliegen,

sondern durch unterschiedliche Praktiken hervorgebracht werden.

Für die Frage nach der Beschaffenheit der Öffentlichkeit der Kirchenbauten

ist dieser Hinweis relevant. Öffentlichkeit ist demnach eine graduell

messbare Grösse. Es stellt sich somit die Frage, wie weit und für wen

die Kirchentüren aufgeschlossen werden. Der Umgang mit Raum stellt

damit so etwas wie einen Testfall der Öffentlichkeit der Kirche dar. Die

Rede von der buchstäblich »aufgeschlossenen und öffentlichen Kirche«

bliebe eine Behauptung, wenn sie sich nicht in der Nutzung von Räumen

immer wieder zeigen würde. Pointiert formuliert bedeutet dies, dass die

Beschreibungskraft der Rede von »öffentlicher Kirche« und dem »öffentlichen

Raum Kirche« wesentlich mit der Frage verbunden ist, ob, wie und

für wen Räume aufgeschlossen und zugänglich gemacht werden. Werden

die Grenzen zwischen innen und außen dabei nivelliert? Welche Öffentlichkeiten

versammeln sich in kirchlichen Räumen?

Die in diesem Band versammelten Umnutzungen

dokumentieren, dass Öffentlichkeit im Umgang

mit Räumen mit der Schaffung und Integration

von Vergemeinschaftung verbunden ist. Die Kirchengebäude

können durch das Aufschließen vor

Ort zu vielfältig nutzbaren öffentlichen, kulturellen

oder sozialen Räumen werden, in denen verschiedene

Gruppen und Menschen sich versammeln

können und die damit einen wichtigen Beitrag zur

Ermöglichung von Begegnung, Gemeinschaft und

Verständigung markieren.

Die Öffentlichkeit der kirchlichen Räume realisiert sich nicht nur in einer

erweiterten Nutzung, sondern bereits in der Entwicklung alternativer Kirchennutzungen.

Die Entwicklung von geöffneten, öffentlichen, allgemeinen

und besonders nutzbaren Kirchen ist auf neue Gesichtspunkte und

Zusammenarbeiten angewiesen. Viele Umnutzungen gehen auf Entwicklungen

und Prozesse zurück, die durch Kooperationen mit zivilgesellschaftlichen

Akteuren entstanden sind. Dazu bedarf es eines Perspektivwechsels,

etwa in Gestalt der Sozialraumorientierung. Der reklamierte Öffentlichkeitscharakter

der untersuchten Projekte zeigt sich demnach nicht nur

3 1


ERNE: Das hat viel mit biografischen Situationen zu tun. Man

investiert etwas vom eigenen Leben in einen Kirchenraum

und es spricht dann zurück. Sie haben eine Geschichte mit

der Wittenberger Stadtkirche und die Kirche bleibt gleichsam

der Katalysator dieser Erinnerungen. Was glauben Sie denn,

was die vielen Besucher in Kirchen suchen, die dort nicht in

erster Linie zum Gottesdienst hingehen?

4 0

KRAMER: Ich glaube, dass die Besucher die Seele des Ortes

verstehen wollen. Und wenn man einen Ort verstehen

will, muss man in die Kirche gehen. Ich kann natürlich auch

in ein städtisches Museum gehen und mir den Ort erklären

lassen. Aber wenn ich den Ort erspüren oder erahnen will,

kann ich schon vieles sehen, wenn ich in die jeweilige Kirche

hineinkomme. Wie ist sie gebaut? Was ist da verändert? Ist

mit der Geschichte vorher achtsam umgegangen worden?

Wo sind brutale Brüche? Ich merke, wie hier gelebt, wie miteinander

umgegangen worden ist und was die Geschichten

sind. Deswegen, glaube ich, suchen Menschen, wenn sie in

die Kirche gehen, zunächst die Seele des Ortes. Deswegen ist

nichts deprimierender als eine kaputte Kirche in der Mitte eines

Dorfes. Dann ist in dem Ort etwas zerstört, etwas stimmt

nicht mehr mit dem Ort. Oft ist dies natürlich Ausdruck der

Geschichte des Ortes. Das zweite, was wir suchen, ist Stille in

einer lauten und bewegten Zeit. Und drittens sind die Menschen

auf der Suche nach sich selbst in der gespiegelten Form

des Spirituellen: Ich spüre, da gibt es etwas, das über mich

hinausweist, was mich einbindet in eine große Geschichte

und gleichzeitig mich zu mir selbst kommen lässt. Ich erlebe

oft, dass Menschen, die nicht besonders kirchlich sind, sehr

genau spüren, was hier passiert, und dann eine ganz große

Empfindung haben.

ERNE: Lässt sich das denn auch umkehren? Könnte man sagen:

»Ein Ort kann seine Seele wiedergewinnen, wenn er seine

Kirche wahrnimmt«? Ich erinnere mich an eine Szene in

Mecklenburg, ein Dorf, wo es nur noch 450 Menschen gab

und keine Kinder mehr geboren wurden. Der Bürgermeister

und seine Stellvertreterin haben die Kirche renoviert. Auf die

Frage, wie man denn auf die Idee kommt, die Kirche zu sanieren,

anstatt einen Kindergarten zu bauen, und ob man nicht

größere Sorgen habe, war die Auskunft verblüffend: Wenn

das Dorf noch eine Zukunft haben soll, dann nur, wenn sie

die Kirche renovieren. Das also wäre die Umkehrung ihrer

Geschichte. Da ist etwas, was noch nicht eingelöst ist, was

schon verloren zu sein scheint und doch neu gewonnen werden

kann mithilfe dieses Kirchenraums. Wenn das stimmt:

Was ist an Kirchen zukunftsweisend auch und gerade für die

Zivilgesellschaft?


KRAMER: Ich glaube, dass da zwei Dinge sind. Das eine

ist dieser alte Satz: Du hast nur Zukunft, wenn du auch Geschichte

hast. Also wenn du geschichtslos bist, wenn du nur im

Hier und Jetzt lebst, ist die Frage, wo das in Zukunft hingeht.

Gleichzeitig erlaubt eine Kirche die Wiederauferstehung von

Geschichte. Das haben wir in den letzten 30 Jahren erlebt,

durch Kirchbauvereine, durch Gemeinden. Durch die Sanierung

der Kirchenbauten ist eine jahrhundertealte Geschichte

im wörtlichen Sinne auferstanden. Das tut den Menschen gut,

weil sie spüren: Auch wenn ich gar nicht daran glaube, wofür

die Kirche steht, hat es doch etwas mit unseren Vorfahren,

mit meiner Geschichte zu tun. Es ist unsere Geschichte, die

in die Zukunft weist. Die alten Kirchen sind Gebäude, die mit

einem großen Einsatz gebaut sind, bei dem es nicht darum

ging, zu sparen, effizient zu sein, es praktisch zu machen. Da

steht auch manchmal ein Turm schief, und es ist alles liebenswert.

Da haben sich Leute zusammengetan und etwas gebaut,

was über ihre eigene Existenz hinausgeht.

ERNE: Aber ist das gleichsam eine Botschaft, die die Zivilgesellschaft

heute hören will? Setzt nicht diese Zukunftshoffnung

einen Glauben an eine über die Endlichkeit hinwegreichende

Heimat voraus? Kirchen sind keine harmlosen Gebäude. Eine

Kirche ist ja kein Hasenzüchterverein.

KRAMER: Die Kirche, und das finde ich das Großartige, relativiert

mein eigenes Leben, wenn ich mich auf den ganzen großen

Bogen von der Schöpfung bis zum Tag der Auferstehung,

bis zur Wiederkunft Christi und bis zur Ankunft des Reiches

Gottes beziehe. Und gleichzeitig hat sie, wie unser menschliches

Leben auch, die ganzen Brüche in ihrer Geschichte. Es

ist diese doppelte Relativierung, die die Größe ausmacht. Es

macht den Menschen ja nichts kleiner, als wenn er sich selbst

zu groß nimmt. Das ist die Ambivalenz, die die Leute spüren.

Wenn jeder alleine Gott ist und jeder sein eigener Richter,

dann gibt es kein gelingendes Zusammenleben mehr. Dann

gibt es nur noch Geschrei und gegenseitige Verurteilungen.

Die Kirche verbindet die Generationen, und wenn ich sie renoviert

habe, dann weiß ich: Selbst falls es keinen Christen

mehr im Ort gibt, wird sie noch 300 Jahre stehen und alle

Christen am Ort durch die Generationen verbinden. Deswegen

gab es in unseren sozialistischen Ländern auch ein so großes

Interesse daran, die Kirchen zu demolieren.

4 1

ERNE: In Kirchen geschieht gleichsam die Relativierung unserer

Endlichkeit und eben auch der politischen Endlichkeit mit

dem Bild einer Fülle. Das ist das Faszinierende: Wir werden

nicht kleingemacht, um gleichsam auf eine normale Größe zu

schrumpfen, sondern wir werden in unserer endlichen Existenz


03

02

04

05

06

Wartburg

Erfurt

Weimar

07

Jena

08

Thüringer Wald

01

THÜRINGEN


PRAXIS

TEXTE: LARS WEITEMEIER

01 WO VON HIMMELSLEITERN

GETRÄUMT WIRD

Eine Herbergskirche in Neustadt a. R.

02 WO VOR ALLER ZEIT

DIE MUẞE WARTET

Ein Spielplatz in Niedergebra

03 WO EIN NEUER HIMMEL

ERSCHEINT

Eine Netzwerkkirche in Ellrich

04 WO EIN ZAUBER

AM ANFANG STEHT

Eine leere Kirche in Donndorf

05 WO MILCH UND HONIG FLIEẞEN

Eine Bienen-Garten-Kirche in Roldisleben

06 WO REINE HERZEN

BARMHERZIGKEIT FINDEN

Ein soziokulturelles Zentrum in Apolda

07 WO EIN LICHT KOMMEN WIRD

Eine Gesundheitskirche in Blankenhain

08 WO DAS LICHT BEREITS

ENTZÜNDET IST

Eine Feuerorgel in Krobitz


WO VON

HIMMELSLEITERN

GETRAUMT WIRD

EINE HERBERGSKIRCHE

IN NEUSTADT A. R.

4 9

→ IBA-PROJEKT

EINWOHNERZAHL NEUSTADT A. R.: 918

GRÖSSE DER KIRCHE: 80–100 qm

ANZAHL DER GEMEINDEMITGLIEDER: 350

JETZIGE NUTZUNG:

Gottesdienste, Kasualien, Rennsteigchor,

Zittergruppe und Lesungen

BESONDERES MERKMAL:

Kirchenfenster des Künstlers Medardus Höbelt

von 1989


5 4

Horst, Her(r)bergsvater, empfängt jeden mit offenen Armen.


1 MOSE 28,10–22

Jakob schaut die Himmelsleiter. Aber Jakob zog aus von

Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran und kam

an eine Stätte,da blieb er über Nacht, denn die Sonne war

untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und

legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte

schlafen. Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf

Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe,

die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR

stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott

deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du

liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein

Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst

ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und

Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter

auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit

dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder

herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen,

bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. Als nun Jakob von

seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an

dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Und er fürchtete sich und

sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als

Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob

stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen

Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal

und goss Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel; vorher

aber hieß die Stadt Lus. Und Jakob tat ein Gelübde und sprach:

Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den

ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen

und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so

soll der HERR mein Gott sein. Und dieser Stein, den ich aufgerichtet

habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und

von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.

5 5


6 2


Ruhig fließt die Wipper durch das nordthüringische Hügelland zwischen

Nordhausen und Worbis. Links und rechts ihres zackigen Laufes erstrecken

sich zahllose Felder, die im Sommer mit goldgelber Färbung reiche Ernten

versprechen. Im Winter ist die Gegend kahl und das kalte Wasser des Flusses

glitzert in der wärmenden Sonne. Eine ländliche Szenerie, gerahmt von

sanften Anhöhen, auf denen Buchenwälder zu jeder Jahreszeit den starken

Winden trotzen, die vom nahen Thüringer Becken wehen. Eine Gegend in

ständiger Bewegung. Nichts ist von Dauer, alles verändert sich.

Eingebettet in die Landschaft liegt das kleine Dörfchen Niedergebra, dessen

Bewohner schon viele Jahrhunderte mit den jährlichen Veränderungen

leben – Jahreszeiten prägen die Natur, der Mensch formt seine Umgebung

und neue Impulse gelangen über alte Wege in das Dorf.

Erschöpft stoppte Wynfreth an der Uferkante. Seit Jahren reiste er durch

die europäischen Lande, fernab seiner Heimat England, und schaute mit

Freude auf die nahende Erfrischung, die der Fluss versprach. Im Auftrag

der Kirche und als dessen päpstlicher Legat wanderte Wynfreth von Dorf

zu Dorf, gründete Klöster, predigte und versuchte, die paganen Germanen

zum Christentum zu bekehren. In seinem Gefolge hatte er fleißige

Handwerker, wackere Krieger und all jene Zünfte, die es braucht, um den

Glauben an den einen Gott im mitteldeutschen Raum zu verpflanzen. 719

hatte Papst Gregor III. ihm persönlich den Auftrag erteilt, die Menschen

im Norden zu missionieren und damit gab er ihm den Namen Bonfiatius,

der »gutes Schicksal Bringende«. Gerade erst kam er aus Nordhessen,

wo er unter großem Entsetzen der Einwohner einer kleinen Siedlung die

dortige Donareiche gefällt hatte. Donareichen waren uralte Bäume, die

dem germanischen Gott Donar geweiht waren. In Bonifatius’ Augen nichts

als Aberglaube. Und da die wutgetränkte Reaktion des Gottes ausblieb,

bewies er so die Überlegenheit des Christengottes. An diesem Punkt der

Wipper stand zwar keine Eiche, doch nutzte Bonifatius die Rast für eine

kurze Predigt. Dann zogen er und seine Entourage weiter.

6 3


7 0

SPRÜCHE 8,22–36

Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege,

ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. Ich bin eingesetzt

von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. Als die

Tiefe noch nicht war, ward ich geboren, als die Quellen

noch nicht waren, die von Wasser fließen. Ehe denn die

Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren,

als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren

darauf noch die Schollen des Erdbodens. Als er die Himmel

bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über der Tiefe,

als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark

machte die Quellen der Tiefe, als er dem Meer seine Grenze

setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten

seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, da

war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich

und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis

und hatte meine Lust an den Menschenkindern. So hört

nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege

einhalten! Hört die Zucht und werdet weise und schlagt

sie nicht in den Wind! Wohl dem Menschen, der mir

gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er

hüte die Pfosten meiner Tore! Wer mich findet, der findet

das Leben und erlangt Wohlgefallen vom HERRN.

Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich

hassen, lieben den Tod.


Pfarrer Steinke freut sich über das große Interesse jüngerer Generationen am Kunstwerk in der Kirche.

7 1


Martin engagiert sich im Kirchbauverein für den Wiederaufbau der Ellricher Kirchtürme.

8 0


OFFENBARUNG 21,1–4

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn

der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das

Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue

Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet

wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte

eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da,

die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen

wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott

mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle

Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein,

noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn

das Erste ist vergangen.


Pfarrer Lenz vernetzt die vielen Interessengruppen im Projekt.


»Es liegt an uns, den kommenden

Generationen die Kirche so

näher zubringen, dass sie so wichtig

für sie wird wie für uns! Und

das kann man nur, wenn man hier

regelmäßig etwas stattfinden lässt.«


WO EIN ZAUBER

AM ANFANG STEHT

EINE LEERE KIRCHE

IN DONNDORF

8 9

EINWOHNERZAHL DONNDORF: 783

GRÖSSE DER KIRCHE: 250 qm

ANZAHL DER GEMEINDEMITGLIEDER:

338 (evangelische Kirchengemeinde Wiehe)

JETZIGE NUTZUNG: verschlossen

BESONDERES MERKMAL:

komplett entleerter Kirchenraum


WO MILCH UND

HONIG FLIEẞEN

EINE BIENEN-GARTEN-

KIRCHE

IN ROLDISLEBEN

9 9

EINWOHNERZAHL ROLDISLEBEN: 219

GRÖSSE DER KIRCHE: 80 –100 qm

ANZAHL DER GEMEINDEMITGLIEDER: 48

JETZIGE NUTZUNG:

einmal im Monat Gottesdienst, selten auch

mal Kasualien (1–2 Mal im Jahr), Feierlichkeiten

zur Kirmes und zum Ernte-Dank-Fest

BESONDERES MERKMAL:

mittelalterliche Wehrkirche


des Wandels geworden. Die dortige Gemeinde

fixiert sich nicht nur auf die Bewahrung und die

Pflege der Schöpfung, sondern auch auf die Begegnung

der Menschen im Dorf. Nachhaltigkeit

sehen sie im christlichen Sinne als gemeinschaftsstiftendes

Motiv.

2018 fusionierte das Projekt der Kirchengemeinde

mit der Idee einer Bienen-Garten-Kirche und wurde

als Modellvorhaben der Evangelischen Kirche

in Mitteldeutschland (EKM) und der Internationalen

Bauausstellung (IBA) Thüringen nominiert.

Zwei Jahre sind die Ziele klarer gesteckt: Im Zentrum

steht die Idee, den rein liturgischen Zweck des Kirchengebäudes um

das gemeinschaftliche Imkern und Gärtnern zu erweitern, den Aktionsraum

der Gemeinde auch nach außen zu verlagern, um damit einen attraktiven

Ort für die Dorfgemeinschaft zu schaffen, der auf die ganze Region

ausstrahlt. Kulturelle Angebote und ein pädagogisches Programm sollen

alle Generationen anlocken. Das Projekt, das für mehrere Jahre angesetzt

ist, soll aus der Kirche und dem Kirchgarten einen neuen Raum hervorbringen,

der das Gemeinschaftsgefühl des Dorfes fördert, für Traditionen

sensibilisiert und religiöses und kulturelles Wissen weckt und vermittelt.

»Es würde mir in der Seele leidtun,

wenn wir beide nichts mehr machen

und sich keiner findet, der das dann

macht. Jeden zweiten Tag muss

hier gegossen werden, muss sauber

gemacht werden – ist schon

auch Arbeit.«

1 0 2


Auch Wilfried, als Bauer im Ruhestand, ackert weiter mit in der Gemeinde.

1 0 3


WO REINE HERZEN

BARMHERZIGKEIT

FINDEN

EIN SOZIOKULTURELLES

ZENTRUM IN APOLDA

1 1 1

→ IBA-PROJEKT

EINWOHNERZAHL APOLDA: 22.184

GRÖSSE DER KIRCHE: 372 qm

ANZAHL DER GEMEINDEMITGLIEDER:

etwa 2400

JETZIGE NUTZUNG:

Gottesdienste, Kasualien

und kulturelle Veranstaltungen

BESONDERES MERKMAL:

Eine eingezogene Wand trennt seit 1925/26

das Langschiff vom Chorraum


WO EIN LICHT

KOMMEN WIRD

EINE GESUNDHEITS-

KIRCHE

IN BLANKENHAIN

1 2 1

→ IBA-PROJEKT

EINWOHNERZAHL BLANKANHAIN: 6440

HÖHE DES KIRCHTURMS: 43 m

TEILNEHMER GOTTESDIENSTE:

35–50 pro Gottesdienst

JETZIGE NUTZUNG: Gottesdienste, Kasualien,

Kirchenchor, Flötenkreis, Posaunenchor,

Gitarrengruppe und Kinder- und Jugendarbeit

BESONDERES MERKMAL: zentrale Lage

zwischen Blankenhainer Schloss (Kultur)

und klinischen Angeboten


»Hier weilten vor der Schlacht bei Jena am 10. Oktober 1806 Ihre Majestäten

König Friedrich Wilhelm III. u. Königin Luise v. Preußen«, liest man auf

einer schwarzen Granitplatte in weißen, eingravierten Buchstaben, die sich

auf einer Hauswand in der kleinen Stadt Blankenhain nahe Jena befindet.

Mit ihrer Formensprache erinnert die Tafel an der Marktstraße an die alten

Grabsteine aus dem 19. Jahrhundert, wie sie heute noch auf einigen Friedhöfen

existieren. Und die Grabmalanalogie ist an dieser Stelle auch nicht

ganz falsch, wenn man den Sinn der Platte genauer entziffert.

Im beginnenden 19. Jahrhundert war Blankenhain Hauptquartier der preußischen

Armee mit König Friedrich Wilhelm III. als Oberbefehlshaber, der

in der thüringischen Kleinstadt Stellung bezog. Preußen hatte im Vierten

Koalitionskrieg von 1806 bis 1807 Napoleon den Krieg erklärt, der in der

Schlacht von Jena und Auerstedt die preußischen Verbündeten vernichtend

schlug, was zur temporären Auflösung des preußischen Staates führte.

Friedrich Wilhelm floh mit seiner Ehefrau Luise nach Königsberg und

Napoleon entführte die Quadriga des Brandenburger Tors nach Paris.

Im Ringen um Territorien hinterließen die europäischen Großmächte zu

Beginn des 19. Jahrhunderts unzählige Tote, allein in Jena und Auerstedt

waren es etwa 45.000 Soldaten, die in den Kampfhandlungen ihr Leben

ließen.

Mit auf der royalen Flucht war der evangelische Feldpropst des Monarchen,

Christian Gottlieb Röckner, der im Exil großen Einfluss auf die berühmten

preußischen Reformen nahm. Zu diesem Zeitpunkt war Röckner in Mission

als geistliches Oberhaupt der evangelischen Militärseelsorge, unter

ihm ein Heer von Militärgeistlichen, das während der Kriegshandlungen

die verwundeten Soldaten betreute, sich um Kriegsgefangene kümmerte,

Gottesdienste abhielt, für sachgemäße Beerdigungen sorgte und häufig

den letzten Segen spendete. Die Präsenz der Geistlichen als Stellvertreter

der Kirche half vielen Personen, die Belastungen des Krieges und die

traumatischen Erlebnisse auf den Schlachtfeldern zumindest teilweise zu

verarbeiten und ertragen zu können. Im Auge den Tod, den Blick zu Gott.

So nah wie im Krieg sind sich Leben und Tod natürlich häufig nur in Extremsituationen,

doch wo die Medizin an ihre Grenzen tritt, da hilft vielen

auch heute nur noch der Beistand über den Glauben an das Transzendente

– die Schnittstelle zwischen dem Hier und dem Dort, dem Subjektiven

und Objektivem, zwischen Innen und Außen.

Mitfühlen, Zuhören und die Unterstützung eines Menschen in Krisenzeiten

werden im christlichen Glauben unter dem Begriff der Seelsorge vereint.

Darin liegt die Hoffnung begründet, dass eine verwundete menschliche

Seele heilen kann und dafür Unterstützung braucht, sei es durch andere

Gläubige, über das Gebet oder die innere Einkehr. Die Sehnsucht nach Heilung

der Seele und einer damit verbundenen Vorstellung von Gesundheit

durchzieht die Geschichte der Menschheit. Die Rolle des Glaubens im Heilungsprozess

wird heute immer noch stark diskutiert. Für die einen hat die

Seelsorge therapeutischen Wert, für andere ist sie spiritueller Aberglaube.

Kann Glaube heilen? – Gesundheit ist im 21. Jahrhundert das Thema

schlechthin und der Markt an gesundheitsfördernden Angeboten ist kaum

zu überblicken. Ungeachtet dessen verschwimmen die Grenzen zwischen

schulmedizinischen, alternativen und esoterischen Ansätzen immer mehr,

1 2 3


1 3 0

Als Kantorin weiß Christine, wie sehr eine gesunde Seele auch einen harmonischen Körper braucht.


JESAJA 60,1–5

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt,

und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! Denn

siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel

die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine

Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Völker werden

zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der

über dir aufgeht. Hebe deine Augen auf und sieh umher:

Diese alle sind versammelt, kommen zu dir. Deine Söhne

werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem

Arm hergetragen werden.Dann wirst du es sehen und vor

Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit

werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir

kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt.

1 3 1


LUKAS 12,49

Ich bin gekommen, dass ich ein

Feuer anzünde auf Erden;

was wollte ich lieber, denn es

brennete schon!


Für Christiane, Kirchbaureferentin, ist Nutzung die beste Denkmalpflege.

1 3 9


Welt auf, deren heidnische Mehrheit voll Ehrgeiz

prachtvolle Tempel baute, während die Juden wenigstens

in der Hoffnung auf den Wiederaufbau ihres

prachtvollen, gewaltig großen Tempels lebten.

Minucius Felix ließ gegen Ende des 2. Jahrhunderts

in seinem gleichnamigen Dialog einen gewissen

Octavius, der den christlichen Glauben verteidigte,

eine aufschlussreiche Frage stellen: Glaubt ihr aber,

dass wir verstecken, was wir verehren, wenn wir keine

Heiligtümer und Altäre haben? (Minucius Felix: Octavius

32,1; vgl. 10,2) Das Fehlen christlicher Heiligtümer

setzt er als bekannt voraus. Die Frage des Octavius

zeigt aber auch, dass dies Misstrauen schürte,

während die Christen darin gerade kein Defizit sahen.

Eigenartig musste vielen vorkommen, dass Christen

sich in geschlossenen Räumen trafen. Das hatten sie

mit den Juden gemeinsam, auch mit den Anhängern

dürfte schrittweise erfolgt sein, wahrscheinlich lokal

sehr unterschiedlich: Man mochte sich an einem bestimmten

Ort so regelmäßig treffen, dass die anderen

Funktionen in den Hintergrund traten und er allmählich

einfach als Gottesdienstraum galt. In der Tat ist

zunehmend von derartigen Gebäuden die Rede, die

bisweilen mit dem griechischen Wort ekklesía bezeichnet

werden, das ursprünglich die versammelte

Gemeinde meint; insofern können sie als Kirche

gelten (Hippolytus von Rom: Commentarii in Danielem

[Danielkommentar]). Als heilige Räume, die etwa

durch eine Kirchweihe herausgehoben wurden, galten

sie trotzdem nicht; vielmehr blieben sie – wichtige –

Funktionsräume für die Christen. Darin ähnelten sie

den Synagogen, denen als Gebäude ebenfalls keine

Heiligkeit zukam. Zwar lässt sich eine zunehmende

Neigung unter Christen beobachten, diese Räume als

heilig zu betrachten, doch das war eine langsame Entwicklung,

die sich erst im Mittelalter vollendete.

[…]

1 4 6

des Mithras und anderer Kulte mit Mysteriencharakter.

Wer hörte, dass die Christen dabei etwas zu sich

nahmen, was sie als Leib bezeichneten, aber nicht

von einem Opfertier stammte, musste irritiert sein.

Vielleicht hatten diese Christen doch etwas zu verbergen?

Die meisten heidnischen Kulte fanden jedenfalls

unter freiem Himmel für alle sichtbar statt, vor

den Tempelgebäuden, die mir Priester betraten – wie

das auch beim jüdischen Tempel der Fall war. Die Entwicklung

zu speziellen Räumen für christliche Feiern

Archäologisch gesichert sind christliche Gebäude

erst um die Mitte des 3. Jahrhunderts, so in Dura

Europos am Euphrat, hier Grenzfluss zu Persien.

Vermutlich wurde das dortige Haus 240/I für kirchliche

Funktionen ausgebaut, jedoch schon 256 wieder

aufgegeben, und zwar nicht etwa unter Verfolgungsdruck.

Man räumte das Gebäude und mauerte Türen

und andere Öffnungen zu, da es in einen Verteidigungsdamm

gegen die Perser einbezogen wurde. All

das geschah sehr sorgfältig; offenbar erwartete man,

wieder zurückkehren zu können. Doch erlag Dura

der persischen Belagerung und wurde verlassen. Der

christliche Komplex bestand aus einem größeren Versammlungssaal

für etwa 75 Menschen und einigen weiteren

Räumen, darunter ein Baptisterium mit einem

tiefen Becken für Taufen. Diesen Raum schmückten

eindrucksvolle Fresken, die biblische Szenen darstellten.

Im Osten des Hauptraums befand sich ein Podium,

vielleicht der Sitz des Gottesdienstleiters. Dass

es möglich war, ein solches Bauwerk zu errichten,

lässt erkennen, über welche Ressourcen Christen

dort verfügten und dass sie jedenfalls ein Mindestmaß

an Akzeptanz genossen. Der Komplex von Dura

Europos zeigt, dass die Christen keine Scheu vor

bildlichen Darstellungen hatten – nicht einmal das

Bilderverbot, das viele Rabbinen einschärften, galt

offenbar in allen jüdischen Gemeinden. Gleichwohl


»In der Regel traf sich dort eine lokale Gruppe

von Christus-Anhängern: Es ist möglich,

aber keineswegs zwingend, dass diejenigen,

die ihr Zuhause zur Verfügung stellten, die Eigentümer waren.

Man bedurfte einfach eines gemeinsamen Raums,

in diesem Sinne einer Kirche, wenngleich dieser

sonst für ganz andere Zwecke genutzt werden mochte.«

hatten für Christen Bilder anscheinend den Geruch

des Heidnischen, wenn sie im Kultkontext auftauchten.

An der Präsenz von vielfältigen, auch mythologischen

Darstellungen im öffentlichen und privaten

Raum hingegen scheinen nur wenige Christen sich

gestört zu haben; Im Alltag werden sie Derartigem

vielerorts begegnet sein.

[…]

Auch wenn es somit beachtliche frühe Bauten gab,

die man als Kirchen ansprechen kann, erhielt die große

euromediterrane Tradition des Kirchenbaus den

entscheidenden Anstoß nach dem Ende der Diokletianischen

Christenverfolgungen, namentlich durch

Konstantin den Großen, der selbst Kirchen errichtete,

aber auch Statthalter und Bischöfe aufforderte,

das zu tun. In Rom stiftete er mehrere Kirchen, darunter

die Lateransbasilika und den Petersdom, aber

auch sonst im Reich, besonders in Jerusalem und

Umgebung. Dies trug dazu bei, dass das Heilige Land

bald zu einem wichtigen Pilgerziel wurde. Auch lokale

Akteure spielten eine Rolle, etwa der Bischof Theodorus

bei dem vermutlich ältesten erhaltenen selbstständigen

Kirchenbau überhaupt in Aquileia, nahe

Venedig. Die Anlage muss von hinreißender Pracht

gewesen sein. Noch heute sieht man bunte figürliche

Mosaiken auf dem Boden des Ensembles, die im

1. Viertel des 4. Jahrhunderts entstanden sein dürften.

Dargestellt war, wie so oft in der frühen christlichen

Kunst, Jonas, doch die meisten Motive hatten

keine spezielle religiöse Bedeutung. Die Errichtung

von Kirchen ging unter Konstantins Herrschaft

nicht mit Tempelzerstörungen einher. Dominierend

im Stadtbild blieben die alten Heiligtümer, zumal die

meisten christlichen Kirchen gewöhnlich an der Peripherie

emporwuchsen, wo eben die Friedhöfe mit

den Heiligengräbern lagen.

Die Christen bewegten sich mithin weiter zwischen

Tempeln und sahen noch viele Darstellungen

der alten Götter, aber sie besaßen jetzt jedenfalls

Monumentalbauten. Weder erfand man einen neuen

Typus, noch lehnte man sich an die antiken Tempel

an. Vielmehr übernahm man die Bauform der Basilika,

der großen Halle mit mehreren, durch Säulenund

Pfeilerreihen getrennten Schiffen, die Versammlungen

verschiedenster Art diente. Sicherlich nicht

überall auf einen Schlag setzten sich charakteristische

Elemente des Kirchenbaus durch, die teils vielleicht

vorkonstantinische Ursprünge hatten: Chorschranken

trennten den Bereich ab, der dem Klerus vorbehalten

war. Im Chor stand erhöht der Altar; um ihn

herum waren Bänke für die Kleriker und ein herausgehobener

Sitz für den Bischof. Vor dem Haupteingang

größerer Kirchen lag das Atrium, ein großer Hof unter

freiem Himmel mit Säulenhallen.

Dies war eine Neuerung der christlichen Architektur,

die den Kirchenbezirk sichtbar von der Stadt

1 4 7


1 5 6

Andeutungen genügen: Gott wird zwar, wie in der biblischen

Tradition, als Schöpfer und allmächtiger Herr

begriffen, von dem man auch nach dem alten Glauben

sagen kann, dass ihm besonders an den Menschen

gelegen ist. Man kann daher von einer Humanisierung

des Gottesverständnisses sprechen.

Zweifellos nimmt schon der alttestamentliche

Gott besonderen Anteil am Schicksal des jüdischen

Volkes. Aber indem Jesus die ausnahmslos allen Menschen

geltende Liebe Gottes in den Mittelpunkt stellt

und zugleich verkündet, dieser Gott habe seinen

Sohn zu den Menschen entsandt, um damit einen besonderen

Liebesbeweis zu erbringen, der ihnen Erlösung

und Heil verheißt, ist eine gleichermaßen äußere

wie innige Verbindung zu den Menschen hergestellt.

Auf sie vertraut der Gekreuzigte noch im Angesicht

seines Todes.

Der mit den Evangelien auf den Weg gebrachte,

von Paulus und den ihm nachfolgenden frühen Lehrern

des Christentums zunehmend auch begrifflich

konturierte Gottesbegriff enthält die Zumutung, den

»Allmächtigen Herrn aller Dinge« in sich geteilt und

dennoch vereint als einen dreieinigen Gott zu verstehen.

Viele Christen sehen darin eine mythologische

Überfrachtung des Gottesbegriffes und somit

eine gravierende Schwäche des von ihnen verlangten

Glaubens an Gott. Nicht nur Christen sind versucht,

darin eine Entwürdigung Gottes, ja, eine Gotteslästerung

zu sehen.

Tatsächlich läuft es jedoch auf das Gegenteil hinaus.

Denn in seiner Dreifaltigkeit kommt der ohnehin

nur aus der Perspektive des Menschen zu denkende

Gott den Gläubigen entgegen: Ihm wird nichts von

seiner Rolle als Schöpfer, Urgrund und höchstes Ziel

allen Daseins genommen; man kann ihn mit den Philosophen

als »erste Ursache«, »unbewegten Beweger«

beziehungsweise als das alles umfassende »Ganze«,

»Absolute« oder, mit dem frühen Kant, als das »Allgenugsame«

denken.

Doch in dieser Stellung bleibt er durch seinen

Sohn, den Menschen auf besondere Weise zugewandt.

Er muss sich von gar nichts abkehren, was zur

Welt, zur Natur und ihren Lebewesen insgesamt gehört.

Mehr noch: Durch seinen Sohn Jesus Christus

hat Gott den Menschen eine Botschaft zukommen lassen,

die ihnen mit der Anerkennung ihrer Heilsbedürftigkeit

auch eine besondere Stellung zuweist, die ihnen

eine einzigartige Aufgabe zuweist. Die liegt in der von

Jesus verkündeten Zuständigkeit des Menschen für

sich selbst! Die Bergpredigt zählt auf, was dazu gehört,

und überträgt damit dem Menschen die Verantwortung

für sein Dasein und seine Welt.

Als drittes Merkmal Gottes kommt schließlich

der Heilige Geist hinzu – eben jener Geist, der die

Jünger ergreift, nachdem ihnen das Symbol der Himmelfahrt

vor Augen geführt hat, dass nunmehr sie

selbst es sind, die den neuen Glauben in die Welt zu

tragen haben.

Gott als Geist zu begreifen, gehört zur ältesten Tradition

des philosophischen Denkens. Aber es hat auch

in der Philosophie lange gedauert, bis dieser Geist

wesentlich in seiner Leistung, nämlich der communicatio,

liegt. Geist ist das Verstehen und das Mitteilen,

welches durch eigene Tätigkeit im Getrennten Einheit

schafft. Er gehört so ursprünglich zum menschlichen

Verständnis Gottes wie die Erwartung, dass der

Gott ihn, den Menschen, etwas angeht.

So erweisen sich die drei Momente Gottes nicht

nur als notwendig zusammengehörig, sondern sie veranschaulichen

die vom Menschen verstandene besondere

Verbindung mit den Menschen – nicht weil Gott

auf sie angewiesen ist, sondern weil sie es sind, die ihn

nötig haben; vor allem dann, wenn sie im Vertrauen auf

ihn und seine Anteilnahme wie auch in der Hoffnung

leben wollen, von dem, was sie sehen, fühlen und erkennen

können, das für sie Wesentliche zu verstehen.


1 5 7


»Die Tradition und die Praxis des christlichen Glaubens

sind so reich und vielfältig, dass sie für sich selbst

sprechen können. Man muss nicht immer Neues erfinden,

muss auch nicht notwendig Neues bauen,

um Eindruck zu machen.«

1 5 8

Durch seine perspektivische Fassung ist der christliche

Gottesbegriff nicht nur den Menschen und ihrer

Vielfalt angemessen. Er macht den Gläubigen das Angebot,

sich, ihrem Verständnis und ihrem Verlangen

entsprechend, ihren Zugang zur Unbegreiflichkeit

Gottes zu eröffnen.

6. Das Evangelium als stärkstes Medium

des christlichen Glaubens.

Es wäre schon viel, wenn die skizzierten Überlegungen

zeigen könnten, dass es nicht den geringsten

Grund gibt, vom Glauben zu schweigen oder ihn gar

zu verstecken. Glauben gehört nicht nur zum Gebrauch

des Wissens, sondern zu jeder bewussten Lebensführung.

Dabei hat insbesondere die christliche

Botschaft nicht nur die üblichen traditionellen und

kulturellen Gründe für sich, die man nennen kann,

wenn man in gutem Glauben und unter den Bedingungen

menschlichen Vertrauens aufgewachsen ist.

Es gibt, wie die auf sieben Punkte verkürzte Darstellung

der innovativen Momente in Leben und Lehre

Jesu Christi kenntlich machen soll, auch höchst aktuelle,

auf unsere derzeitige Lage bezogene Gründe,

das Evangelium ernst zu nehmen.

Deshalb ist alles erwünscht, was uns die christliche

Botschaft näherbringt, auch und gerade die historisch-kritische

und die religionswissenschaftliche Forschung!

Die Offenheit für die Welt (und darin gerade

auch für das Andere in ihr), gehört zu den Ausgangsbedingungen

des Evangeliums. Es bedarf keines »Missionsbefehls«!

Das »Gehet hin in alle Welt und lehret

alle Völker« (Mt 28,19; Mk 16,15) bringt das durch und

durch menschliche Verlangen zum Ausdruck, dass

sich eine gute Nachricht verbreiten sollte.

Das Verlangen ist mit der Erwartung verbunden,

dass der unerhörte Gehalt der Botschaft im Leben

der vom neuen Glauben Erfüllten zum Ausdruck

kommt. Und so befremdlich er unter den Konditionen

der antiken Welt noch erschienen sein mag, so

selbstverständlich dürften heute der Anspruch auf Individualität

und Selbstbestimmung, auf die Gleichheit

der Geschlechter und die Relativität der Standesunterschiede

und schließlich die Unabdingbarkeit des

Friedens sein.

Heute leben die Völker allesamt in globaler Nachbarschaft.

Und so kommt es darauf an, ihnen gegenüber

nicht gleichgültig zu sein. Sie müssen kooperieren,

was nur unter der Voraussetzung gleichgearteter

Bedürfnisse und in Erwartung eines sich ergänzenden

Könnens möglich ist, zugleich aber den Respekt für die

bestehende Unterschiede einschließt. Also kommt es

auch auf den vorurteilsfreien Umgang mit Andersgläubigen

an, auf den Christen von ihren Anfängen an vorbereitet

sein können. Dass dabei jene, die meinen, sie

stünden dem Glauben fern, nicht vergessen werden

sollten, versteht sich heute, so denke ich, von selbst.


Die in ihrer gesuchten Konsequenz mitunter höchst

eindrucksvollen Agnostiker und Atheisten glauben ja

nur, nicht glauben zu müssen.

Es kann auch ausreichen, anderen Menschen Einblicke

in die eigene Kultur zu eröffnen, ohne dass

gleich das eigene Bekenntnis folgt. Die Tradition und

die Praxis des christlichen Glaubens sind so reich und

vielfältig, dass sie für sich selbst sprechen können. Man

muss nicht immer Neues erfinden, muss auch nicht

notwendig Neues bauen, um Eindruck zu machen. Die

stärkste Kraft entfaltet die christliche Botschaft ohnehin

in ihren Texten, die nur der lebendigen Auslegung

bedürfen – für die sie, wie bereits ihre Entstehung

zeigt, in besonderer Weise offen stehen. In ihrer impliziten

Modernität ist die christliche Religion bereits

ursprünglich auf die Lebens- und Wissensformen der

modernen Zivilisation vorbereitet. Um das plausibel

zu machen, habe ich den langen Anlauf genommen.

Umso kürzer kann ich mich am Ende mit meinem

Hinweisen auf den Kirchenbau fassen.

7. Nachtrag zur Bedeutung des Kirchenbaus.

Kirchenbau, von dem ich annehme, dass er in unserer

Kultur, vielleicht sogar für längere Zeit, weniger

dem Neubau als der Erhaltung bestehender Kirchen

gewidmet sein wird, hat ein gesteigertes Erleben zu

begünstigen. Mag der Glauben auch stärker durch

das Wort, durch die Musik, durch die praktizierte

Mitmenschlichkeit sowie durch das gute Beispiel der

Gläubigen vermittelt werden: Die Pflege und Förderung

der Gotteshäuser ist eine vorrangige Aufgabe

der Gemeinden und ihrer Leitungen.

Dabei darf die Neigung nicht übersehen werden,

Kirchen nicht mehr primär als Gotteshäuser zum

Zweck des Gottesdienstes oder zum Vollzug zugehöriger

zeremonieller Handlungen bei Taufen, Konfirmationen,

Hochzeiten, Trauerfeiern, herausgehobenen

Ehrungen und exponierten Feiertagen zu nutzen. Das

Interesse an offenen gesellschaftlichen Begegnungen

ist groß – und nirgendwo besser begründet als in der

Tradition des christlichen Glaubens. Hinzu kommt der

aus dem Gebot der Nächstenliebe folgende Wunsch,

Schutzräume für in Gefahr geratene Mitmenschen zu

bieten und ihnen, wenn nötig, auch Sicherheit vor

polizeilichem Zugriff zu gewähren.

Das ist eine alte Tempeltradition, die schon in der

Antike zu tragischen Konflikten führte. Doch Christen

stehen hier unter einer besonderen Verpflichtung,

die sie nur nicht in die Versuchung führen sollte, Kirchen

ihrem originären Zweck zu entfremden. Nur der

Leerstand vieler Kirchen könnte hier zu einer neuen

Lage führen.

Unabhängig davon aber gilt, dass Kirchen erweiterte

Aufgaben nur solange übernehmen können, als

sie primär als Gotteshäuser angesehen werden; sollten

sie ausschließlich als gesellschaftlicher Treffpunkt,

als überdachter Minigolfplatz, als Versammlungsstätte

für Aktionsgruppen, als Entspannungsraum für die

Studentengemeinde, als Künstleratelier oder Asyl genutzt

werden, können sie keine genuine Zwecksetzung

für den Kirchenbau im engeren Sinn beanspruchen.

Wohl aber können sie den Verzicht auf einen alten Kirchenbau

erleichtern, und damit die Energien für einen

Neu- oder Umbau an anderer Stelle freisetzen.

Doch damit bin ich schon viel zu sehr ins Einzelne

gegangen. Meine Überlegungen sollten eigentlich

nur zeigen, dass die christliche Botschaft bereits

in ihrem Ursprung durch eine weltoffene Humanität

ausgezeichnet ist, die noch heute zur vorrangigen

Zukunftsaufgabe gehört. Mit ihrem Geist braucht

sie sich weder den Erkenntnissen der Wissenschaft

noch den Erfordernissen der Technik zu entziehen.

Solange sie sich um gute Gründe bemüht und ihr

Handeln öffentlich zu rechtfertigen sucht, kann sie

den Anspruch erheben, eine bestimmende Kraft in

der modernen Gesellschaft zu sein. Und das darin

liegende Selbstbewusstsein des Glaubens sollte dann

auch in den Neubauten zum Ausdruck kommen, die

eines Tages vielleicht auch wieder in größerer Zahl

nötig werden. •

1 5 9


DIE KIRCHE

ALS EIN MITTELPUNKT

VON HEIMAT HANSJÖRG KÜSTER

1 6 8

Bis zum frühen Mittelalter bestanden die meisten

Siedlungen in Mitteleuropa nur ein paar Jahrzehnte

am gleichen Ort. Dann gab man sie auf, verlagerte das

Dorf, errichtete ein neues. Warum, weiß man nicht.

Als sich das Christentum ausbreitete, wurde alles anders.

Man baute Kirchen. Die Siedlungen wurden in

der Regel nicht mehr aufgegeben, denn sie blieben

bei ihren Kirchen; viele Dörfer feiern deswegen zu

unserer Zeit ihr 1000- oder 1200-jähriges Bestehen.

Die Kirche muss im Dorf bleiben, sagt man in einer

Redensart, aber in Wirklichkeit war es viel wichtiger,

dass das Dorf bei der Kirche blieb. Die Kirche schuf

eine feste Heimat, und sie schuf Orientierung, denn

Kirchenschiff und Chor weisen in der Regel genau

nach Osten. Dazu prägte man sich die Stellung des

Turmes ein. Vielerorts steht er im Westen der Kirche,

manchenorts ist er aber auch an den Chor angebaut,

oder es gibt Vierungstürme.

Der Turm ist vielerorts der älteste Teil der Kirche.

Als die Gemeinden größer wurden, mussten die Kirchenschiffe

erweitert oder neu gebaut werden. Der

Kirchturm behielt seine charakteristische Form durch

die Jahrhunderte. Wenn ein Ort gemalt oder fotografiert

wurde, wählte und wählt man oft die Kirche als

Bildmittelpunkt, als Mittelpunkt des Heimatortes. An

der Kirche erkannte man den Ort. Bauernhöfe oder

Siedlungshäuser hat man immer wieder neu gebaut,

aber die Kirche mit ihrem Turm blieb bestehen, und

sie legte den Ort fest, an dem man immerwährend


siedelte. Noch bevor große, weithin sichtbare Uhren

an den Kirchtürmen angebracht wurden, gab es Glocken

im Turm, die morgens, mittags und abends zum

Gebet riefen. Sicher wurden früher die Glocken nicht

immer genau zur festgesetzten Minute geläutet, und

das war auch nicht notwendig. Aber wichtig war, dass

durch die drei Gebete das Leben aller Gemeindebewohner

synchronisiert wurde: Man stand zur gleichen

Zeit auf, man hielt mit der Arbeit am Mittag inne, und

man beendete das Tagwerk mit der Abendglocke.

Man hörte den charakteristischen Glockenklang sogar

auf den Feldern. Jede Kirche hatte eine andere

Glocke, und man wusste ihre Klänge zu unterscheiden.

Die Ordnung des Tages durch die Kirchenglocken

bekam besonders große Bedeutung, als sich

Christentum und Kirchenbauten weiter nach Norden

ausbreiteten. Nirgends sonst auf der Welt kann so

weit im Norden Ackerbau betrieben werden wie in

Europa; der Golfstrom macht das möglich. Aber die

»Bauernhöfe oder Siedlungshäuser

hat man immer wieder

neu gebaut, aber die Kirche

mit ihrem Turm blieb bestehen,

und sie legte den Ort fest,

an dem man immerwährend

siedelte.«

Zeiten von Tag und Nacht müssen festgelegt werden.

Am Polarkreis geht am Mittsommertag die Sonne

nicht unter, am Tag der Wintersonnenwende steigt

die Sonne nicht über den Horizont. Aber weder Tag

noch Nacht können für arbeitende Menschen endlos

sein. Sie brauchen die Kirchenglocken, und jemand

muss wissen, wann es Zeit ist, morgens, mittags und

abends zum Gebet zu rufen und damit dem Tag Ordnung

zu geben.

Man hört die Kirchenglocken überall in Dorf und

Flur. Der Turm muss aber auch überall gesehen werden.

Denn auf dem Kirchturm wurde eine in der Sonne

blinkende Wetterfahne angebracht, oft in Form

eines Turmhahns. Wenn er zu alt geworden war und

nicht mehr im Licht blitzte, musste man ihn erneuern,

so wie in der Pfarrei von Eduard Mörike:

»Zu Cleversulzbach im Unterland

Hundertunddreizehn Jahr ich stand,

Auf dem Kirchenturm ein guter Hahn,

Als ein Zierat und Wetterfahn.«

Man ersetzte den Turmhahn, der Dichter nahm den

alten zu sich ins Pfarrhaus, aber auf dem Kirchturm

musste ein blitzblanker Turmhahn zu sehen sein. Man

erkannte an der Stellung der Wetterfahne auch aus

der Ferne, woher der Wind wehte, und wenn man die

Windrichtung und die Wolken am Himmel sah, wusste

man, wann der Wind Regen übers Land bringen

würde, wie es im Volkslied heißt. Das war natürlich

wichtig, wenn man Gras schnitt, getrocknetes Heu

oder die Korngarben einbringen wollte.

Näherte man sich dem Dorf, so erblickte man

die Kirchturmspitze zuerst. Das Dorf lag im Tal, die

Kirchturmspitze ragte über die Hügel im Umland. An

ihr sah man zuerst, dass es nicht mehr weit bis nach

Hause war. Erst später wurden die ganze Kirche und

alle Häuser sichtbar. Die Häuser ähnelten sich in allen

Orten, die Kirche aber war und ist das Individuelle,

das unverwechselbare Kennzeichen des Dorfes, das,

was einen Ort zur Heimat macht.

Das war in der Stadt übrigens nicht anders. Man

erkannte ihre Türme aus der Ferne, für die Seeleute

dienten sie als Seezeichen. Die Hamburger Michaeliskirche,

der »Michel«, soll deswegen so eine große

Uhr bekommen haben, weil man sie im ganzen Hafen

sehen konnte. Dann wussten alle Hafenarbeiter über

die genaue Uhrzeit Bescheid. Das war wichtig in einer

Zeit, in der es noch keine Armbanduhren gab.

Und überall erwartete man das Läuten am Morgen,

am Mittag, am Abend. Im Gedicht von Conrad

Ferdinand Meyer standen die Kirche und ihre Glocke

als Symbol für den gesamten Heimatort:

»Noch ein Glöcklein hat geschwiegen

Auf der Höhe bis zuletzt.

Nun beginnt es sich zu wiegen,

Horch, mein Kilchberg läutet jetzt!«

Ist das heute alles wirklich anders? •

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CONCLUSIO


ANHANG


IMPRESSUM

© 2021 by jovis Verlag GmbH

Das Copyright für die Texte liegt bei den Autoren.

Das Copyright für die Abbildungen liegt bei den Fotografen/Inhabern

der Bildrechte.

Alle Rechte vorbehalten.

Herausgeber: Jürgen Willinghöfer

Umschlagmotiv: Andree Volkmann

Idee und Konzept: chezweitz GmbH,

Berlin: Dr. Sonja Beeck

Lektorat: Miriam Seifert-Waibel, Hamburg

Projektmanagement Verlag: jovis Verlag, Berlin: Theresa Hartherz

Gestaltung und Satz: chezweitz GmbH,

Berlin: Lisa Pflästerer

Fotografien und Lithografie: René Fietzek (S. 160 Lars Weitemeier)

Illustration: Andree Volkmann

Schrift: Quasimoda von lettersoup (Botio Nikoltchev)

Druck und Bindung: Eberl & Kœsel GmbH & Co. KG,

Altusried-Krugzell

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Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde in diesem Band auf

die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich

und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen

gelten jedoch gleichermaßen für alle Geschlechter.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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10785 Berlin

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ISBN 978-3-86859-699-1

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