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Auszug aus: Daniela Kuhn: Mit dir, Ima

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DANIELA KUHN

MIT DIR,

IMA

Limmat Verlag

Zürich


1

Im Dezember treffen sich die Israelis in grossen Gruppen am

Strand, junge Familien mit zwei oder mehr Kindern, die alle miteinander

befreundet zu sein scheinen, obwohl sie sich bis vor

Kurzem noch nicht gekannt haben. Goa ist ihr Winterdomizil.

In meinem Bett, unter dem Moskitonetz, höre ich die Nachbarskinder

miteinander spielen oder ihren Eltern rufen: «Abba,

Ima!» – Vater, Mutter!

Hebräisch ist die Sprache meiner Mutter, unsere Geheimsprache.

Vorgestern habe ich per Skype mit ihr gesprochen. Bevor

ich abreiste, habe ich ihr ein Tablet gekauft und ihr gezeigt, wie

sie es benutzen muss. Sie ist zweiundachtzig Jahre alt und hatte

bisher weder Smartphone noch Computer. Es wird noch etwas

dauern, bis sie das Gerät mühelos bedienen kann. Aber ich glaube,

sie wird es lernen. Und bis dahin hilft ihr Ben.

Ben ist ihr Freund. Die beiden haben sich vor acht Jahren im

Zürcher Seefeld kennengelernt, sie waren Nachbarn im selben

Haus. Ben hatte während Jahrzehnten mit seiner Mutter dort

gewohnt. Sie war gerade verstorben, als meine Mutter einzog,

der Himmel schickte ihm einen veritablen Ersatz. Später gelangte

das Haus in die Hände eines Spekulanten, meine Mutter zog in

eine Wohnung, die ich für sie mietete, und Ben fand Unterkunft

in einer betreuten Wohngruppe.

Seit drei Jahren lebt meine Mutter im Altersheim. Zuvor hatte

sie zwei Jahre lang im Neubau des Heims in einer Zweizimmerwohnung

gewohnt. Sie war dort sehr zufrieden gewesen, sie

mochte die Nachbarinnen und lud einmal im Jahr ihren Bruder

Mosche für eine Woche zu sich ein. Dann stellte sich heraus, dass

die Sozialbehörden die Miete dieser Wohnung irrtümlicherweise

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ezahlt hatten, das Heim aber über kein entsprechendes Ab ­

kommen verfügte. Meine Mutter, die bis dahin selbstständig

eingekauft und gekocht hatte, musste ins Hauptgebäude wechseln,

in ein Zimmer mit Balkon. Mit den drei Mahlzeiten, die nun

mitbezahlt werden, ist es weitaus teurer.

Früher wäre meine Mutter angesichts eines erzwungenen

Umzugs krank geworden. Sie hätte sich in ihre eigene Welt zu ­

rückgezogen, sie hätte Stimmen gehört, unter deren Anleitung

sie vielleicht eine lange Reise gemacht und viel Geld ausgegeben

hätte, bis sie irgendwann nur noch im Bett gelegen wäre und der

Notfallpsychiater sie in die Klinik eingewiesen hätte.

Vor vier Jahren war meine Mutter zum letzten Mal in der Klinik.

Die Krankheit ist im Alter nicht verschwunden, aber über

weite Strecken in den Hintergrund getreten. Die dramatischen

Zeiten sind lange her. Was ihr heute begegnet, nimmt meine

Mutter so, «wie es von Gott bestimmt ist». Sie lehnt sich nicht

mehr gegen die Widrigkeiten des Lebens auf, sondern vertraut

auf den göttlichen Plan. «Du kannst die Geschichte meines Le ­

bens schreiben», sagte sie mir kürzlich, «denn sie endet gut: Dank

meiner Rückkehr zu Gott bin ich nicht mehr krank.»

Seit meine Mutter zu ihren Wurzeln zurückgefunden hat, ist

sie tatsächlich aufgeblüht. Sie strahlte, wenn die Mitglieder der

jüdischen Gemeinde sie bei ihren regelmässigen Besuchen in der

Synagoge herzlich empfingen und in ihren Kreis aufnahmen.

Heute gefällt es ihr im Altersheim. Kein Hauskonzert, Vortrag oder

Ausflug, an dem sie nicht teilnimmt. Ja, wer hätte gedacht, dass

sie eines Tages so glücklich sein würde. Nie hätte ich für sie ein

so friedliches und gutes Alter auch nur zu hoffen gewagt. Wenn

wir abends telefonieren, sagt sie: «Ich hatte einen schönen Tag.»

Eine Pflegerin bringt ihr morgens und abends winzige Ta ­

bletten, Neuroleptika, die sie beruhigen. Meine Mutter sträubt

sich nicht dagegen, obwohl sie lieber darauf verzich ten würde.

Vor allem, weil sie nun ein paar Kilos mehr wiegt, ob wohl sie sehr

wenig isst. Das leichte Zittern in ihren Händen ist eine Nebenerscheinung

der vielen Psychopharmaka, die sie in ihrem Leben

geschluckt hat. Ausgerechnet sie, die sich immer besonders

gesund und bewusst ernährt hat, die zu meinem grossen Ärger

als Kind immer Vegetarierin war. Seit sie im Altersheim ist,

schickt sie sich in die medikamentöse Behandlung und be sucht

auch alle zwei Wochen ihren Psychiater. In den letzten beiden

Dekaden traf sie es mit ihren Psychiatern gut: Die ersten beiden

waren Israeli, meine Mutter war überglücklich, mit ihnen He ­

bräisch sprechen zu können; den aktuellen, russischen Arzt mag

sie nicht weniger. Sie schwärmte anfangs regelrecht von ihm und

wollte mich mit ihm verkuppeln, auf ihrem Büchergestell stand

ein Foto von ihm und eines von mir. Sie erzählt mir, sie hätten

es immer lustig miteinander, er würde ihr jeweils Espresso servieren.

Dass ich ihre Sprache spreche, ahnen die israelischen Familien

hier nicht. Eine Israelin, die mit achtundvierzig Jahren für längere

Zeit allein nach Goa kommt, wäre sehr ungewöhnlich.

Meine Mutter ist mit drei Brüdern und vier Schwestern aufgewachsen.

Schulamit lebt heute in Florida, Chava in Kalifornien,

Ahuva, Victoria und Mosche leben in Israel, die beiden älteren

Brüder sind gestorben. Ausser Victoria sind alle umgeben von

mehreren Kindern, Enkeln und Urenkeln. Meine Mutter hätte

auch mehrere Kinder gewollt, aber nach meiner Geburt war mein

Vater nicht mehr dazu bereit. Er und seine Eltern kümmerten

sich um mich, wenn meine Mutter weg war. Auf der Suche nach

der grossen Liebe reiste sie mehrmals nach Amerika, einmal verfrachtete

sie ihr ganzes Hab und Gut dahin. Ein anderes Mal

wohnte sie monatelang bei ihrer Schwester Chava, die sie erfolgreich

mit einem Schweizer Juden verkuppelt hatte. Etliche

Wochen logierte sie im teuren Hotel Sonnenberg. Welche Wege

sie in ihren Wahnvorstellungen auch ging, am Ende fand sie sich

in der Klinik wieder, im doppelten Sinne des Wortes.

Den Schmerz, von ihr getrennt zu sein, spüre ich noch heute,

wenn wir uns nach einem innigen Treffen verabschieden. Wenn

sie mir an der Tür des Altersheims winkt, bis sie mich nicht mehr

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sieht, laufen mir manchmal die Tränen übers Gesicht. Ich war

zwei Monate alt, als wir das erste Mal getrennt wurden. In der

Krankengeschichte, die ich mit dem Einverständnis meiner Mutter

von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich erhalten

habe, lese ich, meine Mutter sei damals «schwer kataton» gewesen,

sie habe sich am Boden gewälzt, sei aufgestanden, habe eine

Lampe angezündet und entrückt ins Licht geblickt, «vollkommen

mutistisch». Sie habe gesagt, sie lebe in zwei Welten, aus der ei ­

nen kämen Vorwürfe, sie höre Stimmen, die sie be schuldigten,

ihre Familie verlassen und eine Sünde begangen zu haben. «Hier

in der Klinik seien Tiere, vor denen sie Angst habe. Heute Nacht

werde sie von denen vielleicht aufgegessen und ausgetrunken.»

Mein Vater nahm mich in der blauen Tragtasche in den Frauenbesuchssaal

mit. Zwei Tage später verschmierte meine Mutter

mit ihrem Stuhl ihr Zimmer, «legte Kotballen auf ihren Teller»,

war «im Säli nachher wieder nett wie zuvor» und sagte dazu nur,

bis heute sei sie rein gewesen. Nach drei Wochen wurde sie als

geheilt entlassen.

Sie habe ein hübscheres Kind erwartet, erzählte mir mein

Va ter. In den Nächten, in denen er mit mir allein gewesen sei,

habe er fast nicht schlafen können, er habe immer hören wollen,

ob ich atmete. Mein Vater war in diesem Sommer achtunddreissig

Jahre alt. Noch zwei Jahre zuvor hatte er bei seinen Eltern

ge wohnt, in einem grossen Haus im Bauhausstil am Stadtrand

von Zürich. Die Dreizimmerwohnung meiner Eltern lag nur

wenige Minuten zu Fuss davon entfernt, in der Nähe des Waldrands.

Meine Grosseltern waren körperlich und geistig in bester Verfassung,

sie hielten Haus und Garten in vorbildlicher Ordnung,

aber sie hatten wohl nicht damit gerechnet, im Alter nochmals

ein Kleinkind betreuen zu müssen. Schon bald stand im Schlafzimmer

meiner Grossmutter mein Kinderbett, im Sommer darauf

spielte ich im Garten im Laufgitter, unter den liebevollen

Augen von Grosspapa. Er war einundachtzig Jahre alt, zehn Jahre

älter als meine Grossmutter. Seine erste Frau war bei der Geburt

ihres zweiten Kindes verstorben, Grosspapa war damals mit einer

achtjährigen Tochter allein dagestanden. Sehr bald hatte er eine

Bekannte geheiratet, die hin und wieder mit seiner Frau und ihm

musiziert hatte, meine Grossmutter. Der erste der beiden Buben,

die auf die Welt kamen, war mein Vater.

Grosspapas Aufmerksamkeit war mir sicher. In den ersten Jahren

holte er mich jeden Tag für einen Spaziergang im Wald ab.

Ich legte meine Hand in seine grosse warme; er zeigte mir Forellen

im Bach, weit unten im nahen Tobel. Auf dem Rückweg zählten

wir die Treppenstufen, die aus dem friedlichen Wald ans

Licht führten.

Vor dem Einschlafen sagten Grosspapa und ich: «Müde bin

ich, geh zur Ruh, schliesse meine Äuglein zu. Vater lass die Augen

Dein über meinem Bette sein.» Und am Morgen: «Fröhlich bin

ich aufgewacht, hab gut geschlafen die ganze Nacht. Hab Dank

im Himmel Du Vater mein, dass Du hast wollen bei mir sein. Nun

bleib bei mir auch diesen Tag, dass mir kein Leid geschehen mag.»

Einmal, so erzählte mir mein Vater, habe Grosspapa zu ihm ge ­

sagt, ein Tag, an dem er mich nicht gesehen habe, sei ein verlorener

Tag.

«Du bist das Wichtigste in meinem Leben», sagte kürzlich auch

meine Mutter. Vor längerer Zeit sprach ich mit ihr über unsere

vielen Trennungen. Es schüttelte mich vor Weinen, und auch meiner

Mutter, die seit vielen Jahren nicht mehr weint, liefen Tränen

über das Gesicht. «Glaubst du, dass ich nicht gelitten habe?»,

fragte sie mich. «Ich war in der Klinik und habe dich ver misst!»

In guten Momenten können wir offen miteinander sprechen. Wir

sind uns in gewisser Weise so nahe wie damals, etwas in uns beiden

möchte nachholen, was sich nicht nachholen lässt.

Sie war den Stimmen ausgeliefert, die sie dazu aufforderten,

das Glück woanders zu suchen. Die Krankheit war immer stärker

als die Liebe zu mir. Das sei ein harter Satz, meinte eine Freundin.

Ich muss ihn leider stehen lassen.

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Kurz bevor ich nach Goa flog, stellte sich heraus, dass ich an

einem Vitamin­B12­Mangel litt. Meine Hausärztin bestellte mich

für eine Spritze auf halb sieben Uhr abends. Ich hatte meine Mutter

zum Nachtessen eingeladen, und sie fragte mich, ob sie mich

begleiten könne. Meine Ärztin war erstaunt, uns im Wartezimmer

zusammen anzutreffen, dass meine Mutter sogar mit ins Un ­

tersuchungszimmer kam. Auf dem Hinweg hatte ich sie gebeten,

nicht zu erwähnen, dass sie nie Fleisch gegessen und dennoch

keine solchen Probleme gehabt habe, dass Eier und Käse genügten.

Sie hielt sich daran, als meine Ärztin sagte, in rotem Fleisch

und roher Milch habe es am meisten Vitamin B12. Die Spritze

bekam ich in einem anderen Raum.

Auf dem Heimweg klagte ich über den Schmerz, der stärker

war als erwartet. «Ich hoffe, er vergeht bald», sagte meine Mutter,

und ich spürte, wie sie mitlitt, wie es zwischen meinem und ih rem

Körper für sie keine Grenze gibt. Mein Vater hätte mir Mut ge ­

macht, er hätte gesagt: «Das geht sicher bald vorbei.» Meine Mutter

kann sich nicht selbst beruhigen, es fehlt ihr an innerer Stärke,

um einer Widrigkeit etwas entgegenzuhalten. Und gerade sie

hat so viel Schreckliches aushalten müssen, ausgehalten. Depotspritzen

über Jahre, Elektroschocks, dutzende Male wurde sie

gegen ihren Willen in die Klinik eingewiesen.

Ich war ein gesundes Kind. Abgesehen von den Knieschmerzen,

die mich eine Zeit lang fast jede Nacht quälten. Manchmal

waren sie so stark, dass ich auf allen vieren weinend ins Zimmer

meines Vaters kroch, in dem er tagsüber als Anwalt an der Schreibmaschine

sass oder telefonierte. Er legte mir die orangefarbene

Zauberwatte auf die Knie und befestigte sie mit einem Verband.

Zu den wenigen Besuchen bei meiner anthroposo phi schen Ärztin

kam er mit. Er war meine Verbindung zur Aussenwelt, zum

schweizerischen Alltag, den meine Mutter nicht kannte und den

sie auch nicht kennenlernen wollte. Bis heute spricht sie ge brochen

Deutsch.

Der gemeinsame Besuch bei meiner Ärztin war etwas Neues.

Es war meine Rolle gewesen, sie in der psychiatrischen Klinik zu

besuchen, unzählige Male. Als Kind erzählte ich niemandem

davon, obwohl im Quartier längst bekannt war, dass meine Mutter

unsere Wohnung angezündet hatte. Im nahen Einkaufszentrum

wurde bestimmt über sie getratscht, aber ich wurde

weder in der Schule noch sonst wo auf sie angesprochen. Nur

einmal begegnete ich der Mutter einer Mitschülerin, die als

Sekretärin in der Psychiatrischen Klinik Burghölzli arbeitete. Das

war mir unangenehm.

Zurück von meiner Ärztin assen meine Mutter und ich am

Küchentisch Gemüse, Tofu und Bulgur. Danach setzten wir uns

ins Wohnzimmer und flickten Löcher in Socken und Hemden.

Meine Mutter schlug vor, die Goldberg­Variationen mit Glenn

Gould zu hören. Ich genoss den Abend. Sie schickte sich ohne

Lamento in den Abschied und meinte nur, für die, die blieben,

sei es eine längere Zeit. «Aber wenn es dir in Indien gut geht und

du dich dort wohlfühlst, freut mich das.» Ich bestellte ihr ein

Taxi, das sie mit den Bons bezahlen kann, die sie von der jüdischen

Gemeinde erhält. Ich mag Abschiede nicht, aber dieser

fühlte sich überraschend leicht an. Ich schaute dem Taxi nach,

das auf der leeren Strasse verschwand.

*

Wie viele kleine Mädchen wollte auch ich Säuglingsschwester

werden. Irgendwann verblasste der Wunsch, stattdessen be ­

schloss ich, eines Tages eigene Kinder zu haben, zwei oder drei.

Als ich Anfang dreissig war, schenkte mir meine Mutter einen

Ratgeber für Mütter, der Anfang der Sechzigerjahre in Israel

erschienen ist. Da ich kein Hebräisch lesen kann, hätte sie mir

daraus vorlesen müssen. Dazu ist es nie gekommen. Eigene Kinder

blieben ein Wunsch. Als ich zweiundvierzig war, hatte meine

Mutter die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben, sie hielt

länger daran fest als ich. Jetzt, da feststeht, dass ich keine Kinder

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habe, spüre ich ein gewisses Bedauern, aber keinen Schmerz.

Auch meine Mutter hat sich mit einem Leben ohne Enkel arrangiert.

Sie sagt, das Wichtigste sei für sie, dass ich glücklich sei,

ob mit Kindern oder ohne.

Der Mann, mit dem ich vor bald zwanzig Jahren probierte,

schwanger zu werden, erwies sich als unfruchtbar. Wir trennten

uns voneinander, mit vielen Tränen, aber ich war zuversichtlich,

dass sich mein Wunsch mit einem anderen Partner erfüllen

werde. Sieben Wochen später war K. mit einer neuen Frau zu ­

sammen, während ich in den folgenden sieben Jahren ohne

Mann an meiner Seite blieb.

«Hättet ihr nicht dies und das noch probieren können? Oder

Kinder adoptieren?» Alle, die von der Geschichte erfahren, fragen

das. Zu Recht. Ich hatte mich auf K. nicht wirklich eingelassen,

er war nicht mein Lebensgefährte gewesen, sondern der potenzielle

Vater meiner Kinder. Ich dachte damals sogar, später, ir gendwann

mal, einen interessanten Mann zu treffen.

Ach, die interessanten Männer. Natürlich, mein Vater war

einer. Er hatte immer Geschichten, die er vor seinem Publikum

ausbreitete, für die er bewundert und geschätzt wurde. Er war

ein anregender Gesprächspartner, mit ihm war es nie langweilig,

um eine Meinung war er nie verlegen. «Wenn ein Mann neben

dir am Frühstückstisch die Zeitung liest, anstatt mit dir zu sprechen,

dann steh auf und geh», sagte er einmal in Italien, als wir

im Hotel beim Frühstück ein Paar beobachteten. Ich war vielleicht

acht Jahre alt.

Dass man gemeinsam Zeitung lesen könnte, kam ihm nicht in

den Sinn. Da schrieben Männer für Männer über Dinge, die Frauen

nicht interessieren. Wie seine Eltern hatte auch mein Vater

zeitlebens die Neue Zürcher Zeitung abonniert. In den letzten beiden

Dekaden vor seinem Tod publizierte er darin hin und wieder

Artikel, in denen er Israels Politik und das Recht auf einen selbstbestimmten

Tod verteidigte, die Sterbehilfe. Beide Themen lagen

ihm am Herzen, für beide setzte er sich leidenschaftlich ein.

Nach seinem Jurastudium schrieb er als freier Mitarbeiter für

die National-Zeitung. Auf seine Initiative hin war er für dieses

Blatt 1961 nach Jerusalem gereist, um über den Eichmann­Prozess

zu berichten. In diesen drei Monaten lernte er meine Mutter

ken nen. Sechs Jahre später, im Februar 1967, bestieg sie in Tel

Aviv das Flugzeug nach Zürich. Im Frühling darauf heirateten die

beiden.

Als Publizist und Anwalt engagierte sich mein Vater in den

Sechzigerjahren für den Lärmschutz, für ein nationales Nachtflugverbot.

Er selbst reagierte sehr empfindlich auf Lärm, wie

meine Mutter und leider auch ich. Ohne die rosafarbenen Wachskugeln,

die er sich in beide Ohren stopfte, machte er kein Auge

zu, nirgends. Kein Lärmproblem, das sich nicht lösen lässt, das

war seine Maxime. In den Nächten, in denen er allein in seinem

Einzelbett lag, las er mehrere Bücher gleichzeitig, Romane und

Sachbücher, auf seinem Nachttisch lagen Philip Roth, Alfred

Andersch oder Dostojewski. Vielleicht noch bedeutungsvoller als

Literatur war für ihn die klassische Musik. Seine Mutter hatte als

junge Frau das Klavier­ und Cellodiplom erworben, sein Vater

hatte Bratsche gespielt. Als junger Mann spielte mein Vater Cello.

Er wollte Berufsmusiker werden, bis ihn eine Entzündung am

Handgelenk dazu zwang, das Konservatorium zu verlassen.

In seiner Liebe zur Musik erkenne ich seine sensible und verletzliche

Seite. In Worten drückte er sie kaum aus. Er verbarg

seine Unsicherheiten, seine Zweifel und Ängste. Ich glaube, seit

seine erste Liebe ihn in jungen Jahren wegen eines anderen Mannes

verlassen hatte, und vor allem nachdem später sein bester

Freund Ernst im Alter von siebenunddreissig Jahren an einem

Hirnschlag gestorben war, wurde mein Vater ein einsamer und

verschlossener Mensch. Er wählte Frauen, die weniger gebildet

waren als er, die ihn bewunderten, denen er sich überlegen fühlte.

Meine Mutter entsprach diesem Bild – wenn sie gesund war.

In ihren psychotischen Phasen drehte sich das Blatt. Sie tätigte

manische Einkäufe, die meinen Vater beinahe in den Ruin trieben,

sie schrie ihn an und warf ihm alles Böse an den Kopf, sie

verliess ihn wegen anderen Männern und brach dann irgend­

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wann zusammen. Nach qualvollen Wochen, in denen mein Vater

und ich zitternd weitere Katastrophen erwarteten, lag meine

Mutter dann nur noch im Bett. Einmal stand sie nicht einmal

mehr auf, um auf die Toilette zu gehen.

In all diesen Jahren erlaubte sich mein Vater nicht, die Hilfe

eines Psychologen oder Psychiaters in Anspruch zu nehmen.

Fragte er sich nicht, ob die Aggression seiner Frau mit ihm und

ihrem Fremdsein in der Schweiz zu tun haben könnte? Er empörte

sich über Bekannte, die es wagten, Fragen dieser Art zu stellen.

Er betonte, dass meine Mutter bereits in Israel mehrmals in Kliniken

gewesen sei.

Eine unglückliche Ehe und die Entwurzelung von der eigenen

Kultur können keine Schizophrenie auslösen. Aber beide Um ­

stände haben die Krankheit verstärkt. Dennoch kamen meine

Eltern nicht voneinander los. Nach der Klinik war mein Vater der

liebevolle Mann, der das Häufchen Elend, das meine Mutter dort

jeweils war, wieder bei sich aufnahm, ohne ihr jemals vorzuwerfen,

was sie zuvor gesagt oder getan hatte. Dankbar und devot

kehrte sie zu ihm zurück.

Als ich elf Jahre alt war, liessen sich meine Eltern scheiden,

aber mein Vater blieb meiner Mutter bis ans Ende seines Lebens

verbunden. Er fühlte sich für sie verantwortlich. Sie trafen sich

weiterhin, besuchten zusammen Konzerte oder gingen ins Thermalbad.

Einmal sagte mir mein Vater: «Wenn ich Ima zufällig auf

der Strasse antreffe, denke ich: Eine entzückende Frau! Keine

andere hat mir so gefallen wie sie. Ich würde sie noch einmal

heiraten.» Erst sein Tod trennte die beiden.

*

Kürzester Tag, in drei Tagen ist Weihnachten. Die Familie, bei der

ich wohne, hat an der Fassade des Hauses Glimmergirlanden

aufgehängt, gestern hatten die Kinder Weihnachtsmann­Mützen

auf. Goa, das bis 1961 eine portugiesische Kolonie war, ist teilweise

christlich. Und doch ist alles wenig weihnachtlich, zum

Glück. Um neun Uhr schwamm ich im noch ruhigen Meer die

Bucht ab und las danach unter einem Sonnenschirm aus Kokosfasern.

Gegen Mittag, als es auch im Schatten zu heiss wurde,

machte ich mich auf zu Sangeetas mit Plastikplanen impro visierter

Imbissbude, um unter dem rotierenden Ventilator wunder

bare Dosa Masala, Fischcurry und Gemüse zu essen. Fast im ­

mer ist jemand da, den ich kenne. Zurück in meinem kühlen

Zimmer lege ich mich zuerst ein wenig hin und setze mich dann

an den Laptop.

Ich bin froh, in der Wärme zu sein, Weihnachten und Neujahr

zu entkommen. In meiner Kindheit haben wir bei meinen Grosseltern

gefeiert. Meine Grossmutter zauberte das ganze Programm

hin, von selbstgemachten Guetzli über Krippe mit Glöcklein bis

hin zum grossen Baum. Mit Grosspapas Tod starb auch Weihnachten,

ich war elf Jahre alt. Nur bei den Grosseltern war das Fest

so, wie es sein musste.

Auch wir hatten einen Baum. Er war mit glitzernden Kugeln

geschmückt, die meine Mutter im ABM gekauft hatte. Ein Baum

ohne Seele. Das Fest war meiner Mutter fremd. Die jüdischen

Feiertage, die nur in einem grösseren Kreis begangen werden,

hat sie nicht gehalten. Aber Pessach und Rosch ha­Schana, der

Auszug aus Ägypten und das Neujahr, waren kritische Momente.

Sehr oft war meine Mutter an diesen Tagen und noch weit da ­

rüber hinaus in einem schlechten Zustand. Nur Chanukka, das

achttägige Lichterfest, hat sie mit mir gefeiert. Jeden Abend hat

sie eine Kerze mehr angezündet und die entspre chenden Lieder

mit mir gesungen. Mit Religion hatte dieses Ritual nichts zu tun,

das Judentum war meiner Mutter damals nicht wichtig. Sie interessierte

sich für anderes, etwa für Krishnamurti und die Scientologen,

die ihr versicherten, sie sei nicht krank.

Ihre Mutter war eine fromme Frau. Sie trug ein Kopftuch und

zündete am Schabbat Kerzen an. Ich habe noch immer den kleinen

goldenen Davidstern, einen Anhänger, den sie mir als Kind

geschenkt hat, getragen habe ich ihn nie. In den ersten Jahren,

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in denen meine Mutter in Zürich war, hatten meine Eltern etliche

jüdische Bekannte, aber meine Mutter trat keiner jüdischen

Gemeinde bei und ging schon gar nicht in die Synagoge.

Der säkulare Westen war ihr Ideal, die Bücher, die sie als Studentin

der hebräischen Literatur kennengelernt hatte, symbolisierten

den Fortschritt, das Gegenteil ihres Elternhauses. In Israel

galten in den Fünfziger­ und Sechzigerjahren nur europäische

Juden als zivilisiert. Einwanderer aus arabischen Ländern, die

nicht lesen und schreiben konnten, wurden verachtet. Meine

Grossmutter war eine solche Frau. Meine Mutter schämte sich

für ihre Herkunft. Als Kind, so erzählte sie mir vor Jahren, habe

sie in der Schule einem Mädchen gegenüber behauptet, sie komme

aus dem polnischen Lodz.

Sich in die Sonne zu legen, käme ihr nicht in den Sinn. Schon als

junge Frau achtete sie darauf, keine dunkle Haut zu haben. Auf

einem Schwarz­Weiss­Foto, das sie in einer Reihe mit anderen

Frauen an Deck eines Schiffes zeigt, mit dem sie nach Amerika

fuhr, liegt sie als Einzige unter einem Schirm. «Bitte», sagte sie

am Vorabend meiner Reise nach Goa, «tu mir einen Gefallen und

leg dich zwischen zwölf und vier Uhr nicht in die Sonne.» Im

Unterschied zu ihr lasse ich mich gerne von der Sonne bräunen,

solange ich die Wärme als angenehm empfinde.

Am Strand sind nun viele neu eingetroffene Westler zu sehen,

die ihre weisse Haut von früh bis spät der brütenden Sonne aussetzen.

Weiter südlich liegen Russen und reiche, übergewichtige

Inder. Wenn die Ebbe es erlaubt, gehe ich kurz vor Sonnenuntergang

zu einem längeren Strand, vorbei an einem gigantischen

Golfhotel. Einheimische Fischer werfen dort ihre Netze aus. Einer

dieser dunkelhäutigen, muskulösen und gertenschlanken Männer

trägt einen Turban. Bevor er sein Netz als Kreis aufs Wasser

fallen lässt, vollbringt er eine graziöse, kunstvolle Bewegung.

Ge genüber liegt eine Halbinsel, über der die Vögel hoch oben am

Himmel kreisen. Die Bässe der Musik aus den Restaurants sind

hier nicht mehr zu hören, nur die Wellen des Indischen Ozeans,

der sogenannten Arabian Sea. Mein Blick schweift auch ins Hinterland,

in die nahen, erstaunlich hohen und bewaldeten Berge,

in ein mir unbekanntes Land.

So urtümlich die Szenerie ist: Jeder dieser Fischer hat sein

Handy dabei. Gestern ging die orangefarbene Kugel erstmals nicht

im Dunst, sondern im Meer unter. Ich gehörte zu den wenigen,

die das Spektakel nicht mit dem Handy fotografierten, filmten

oder sich davor mit einem Selfiestick ablichteten. «Schick mir

Fotos», bittet mich meine Freundin. Bis ich hier nicht mit Menschen

unterwegs bin, an die ich mich später gerne wieder er ­

innern möchte, mag ich keine Bilder machen. Ich fotografiere

seit vielen Jahren kaum mehr. Meine Partner und Freundinnen

haben uns, haben mich fotografiert. Hätte ich Kinder, wäre das

wohl anders.

Die meisten Fotos entstanden in meinen ersten Lebensjahren;

ein grosses rotes, ein gelbes, braunes und blaues Album. «Du

warst ein liebes Kind, hast fast nie geweint», erzählten mir meine

Eltern. Es gibt nur ein einziges Bild, auf dem ich heulend auf den

Oberschenkeln meiner Mutter stehe. «Da warst du krank», erklärt

meine Mutter.

Wenn ich heute irgendwo einen Säugling oder ein kleines

Kind stark oder lange weinen höre, halte ich es kaum aus. Der

Psychotherapeut, den ich als junge Frau aufsuchte, erklärte mir,

ein kleines Kind könne sich in seinem egozentrischen Weltbild

den Verlust der Mutter nur damit erklären, dass es nicht genüge.

Ich muss meine Mutter vermisst haben, ich erinnere mich, von

grösster Nähe und Zärtlichkeit abgeschnitten gewesen zu sein,

an einen fast körperlichen Schmerz. Zu funktionieren, vom

geliebten Grosspapa und meinem Vater umgeben zu sein und

doch weit weg von aller Wärme. Fremd zu sein.

Mein Ideal war die Mutter meiner Kindergartenfreundin, die

uns am Nachmittag mit Toast und Ovomaltine empfing. Bei uns

gab es Sanddornsirup von Weleda, Cottage Cheese, Avocado und

immer viel Salat. Meine Mutter züchtete in transparenten Kunst­

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stoffehältern Weizen­, Alfalfa­ und Sojasprossen, die sie dem Salat

beifügte. Mir war das alles suspekt. Die Bierhefe in der Salatsauce

oder der Apfelessig, den sie trank und mit dem sie sich die Haare

spülte, empfand ich als Ausdruck ihrer Krankheit. Nichts mochte

ich lieber als Rindsfilet mit Kräuterbutter, die meine Grossmutter

selbst machte, ihren Nudelauflauf und ihre Brätchügeli.

Je strikter meine Mutter vegetarisch kochte, desto wichtiger

wurde für mich Fleisch. Einmal stand ich aus Protest vom Tisch

auf und ging zu meinen Grosseltern, bei denen es am Mittag meistens

Fleisch gab. Und immer ein Dessert. Als ich einmal weinend

nach Hause kam, weil ich mir den Zeigefinger eingeklemmt hatte,

wollte meine Mutter die Wunde mit Honig bestreichen. Ich tobte.

Ich war verzweifelt. Ich schrie wie am Spiess und verlangte nach

normaler Medizin.

Meine Mutter hatte mich Ariela nennen wollen, mein Vater war

gegen einen exotischen Namen gewesen. Das war in meinem

Sinne. Nur meine dunklen Augen und Haare verrieten das Fremde.

Im Kindergarten fragte mich ein Mann, der mit uns Lieder

für eine Schallplatte einstudierte, ob ich aus Italien oder Spanien

käme. Ich schüttelte nur den Kopf.

Ich sprach nicht gerne über meine Mutter. Sie las mir aus den

hebräischen Kinderbüchern vor, sie lehrte mich Lieder, die niemand

sonst kannte. Abends erzählte sie mir an meinem Bett

Geschichten, die sie selbst erfand. Am liebsten hatte ich die Figur

der Giveret Sonja Goldstein. Soooanja ist von Russland nach Israel

eingewandert, sie fährt mit ihrem Mann, ihrer Tochter oder ihrer

Freundin zum Strand und lädt zu Picknicks. Sonja führt ein ganz

normales Leben. Meine Mutter imitierte den starken russischen

Akzent, was ich sehr lustig fand. Von Sonja konnte ich nicht

genug bekommen, sodass meine Mutter die Geschichte über

viele Wochen, Monate oder gar Jahre weiterspann. Danach streichelte

sie meinen Kopf. Mit geschlossenen Augen fühlte ich ihre

Hand, immer wiederkehrend, unendlich. Der Schlaf war nahe,

aber ich schlief nicht ein, ich merkte, wenn sie sich aus dem Zimmer

schlich. Bevor sie die Tür schloss, machte sie diese mehrmals

einen Spaltweit auf, schaute zu mir hin und sagte mit ihrer glanzvollen

hellen Stimme: «Kuck!» Mein Vater fand dieses abendliche

Ritual übertrieben, zu lang.

*

Es ist einfacher, hier in Goa über diese Dinge, über meine Mutter

und mich zu schreiben. Vor meinem Fenster höre ich am Nachmittag

die rot gekleideten Frauen, die am Ziehbrunnen Wäsche

waschen. Sie sprechen kaum Englisch, unsere Begegnungen be ­

schränken sich auf ein Lächeln und wenige Wendungen. «How are

you?», werde ich gefragt, «cleaning?»

Gegenüber unterhalten sich die Nachbarn vor ihrem Haus, oft

bis spät in die Nacht. Ich kann mich nicht genügend zurückziehen,

denn die Fenster lassen sich nicht schliessen. Sogar mit

Ohrstöpseln fühle ich mich in den Nächten, in denen die vielen

Hunde der Gegend immer wieder lange bellen, ausgeliefert. Zu ­

gleich weiss ich: Genau das tut mir gut, ich lerne hier, dass alles

ein Ende hat, und sogar schneller als erwartet. Ich übe mich in

Geduld und Gelassenheit.

Beides hat meiner Mutter früher gefehlt. Wenn sie, mein Vater

und ich irgendwohin fuhren, reiste die Angst mit, sie könnte mit

dem Hotelzimmer, dem Essen, mit irgendetwas nicht zufrieden

sein. Und fast immer passte ihr etwas nicht, war etwas nicht so,

wie sie es sich vorgestellt hatte. Es fand sich dann kein Weg, keine

Lösung, kein Kompromiss. Meine Mutter starrte schweigend vor

sich hin, schlug mit dem Kopf gegen eine unsichtbare Wand. Ihre

schlechte Laune, die destruktive Wut auf alles und jedermann,

verpestete die Luft. Bestrafte sie sich selbst, weil sie sich schuldig

fühlte, ihr Land und ihre Familie verlassen zu haben? Den dominanten

Mann, der sie als Gegenüber nicht ernst nahm? Beides

mag zutreffen, und doch bleibt eine Leerstelle. Die Krankheit

lässt sich nicht erklären.

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