Leseprobe August und Elisabeth Macke

seemann.henschel.verlagsgruppe

AUGUST

UND

DER MALER

UND

DIE MANAGERIN

ELISABETH

MACKE


AUGUST

UND

ELISABETH

MACKE

DER MALER

UND

DIE MANAGERIN


Abb. 1

Elisabeth Macke (lesend), 1910, Fotografie, Münster, LWL-Museum

für Kunst und Kultur, Macke-Archiv, MA-15,98

INHALTSVERZEICHNIS

6

Grußwort

Barbara Rüschoff-Parzinger

146

MODE UND MODERNITÄT

7

Grußwort

Franz Dieter Kaldewei und Carl-Heinz Heuer

148

MODE UND MODERNITÄT

IM WERK VON AUGUST MACKE

Tanja Pirsig-Marshall

8

Vorwort

Hermann Arnhold und Cathrin Klingsöhr-Leroy

178

INSPIRATION ORIENT

12

22

38

Biografie

ELISABETH ALS MUSE

AUGUST MACKE.

BILDNISSE VON ELISABETH

Anna Luisa Walter

182

»SCHAFFEN VON FORMEN

HEISST: LEBEN«.

August Mackes Besuch der

Ausstellung von Meisterwerken

muhammedanischer Kunst

und seine Folgen

Ina Ewers-Schultz

214

REZEPTION UND KÜNSTLERISCHES ERBE

62

74

100

DAS NETZWERK VON

AUGUST UND ELISABETH

DIE NETZWERKE VON AUGUST

UND ELISABETH MACKE

Anna Luisa Walter

»ABER ICH STUDIERE GENAU«.

KOPIEN UND NACHZEICHNUNGEN

Tanja Pirsig-Marshall

216

224

232

AUGUST MACKE UND

DIE REZEPTION SEINER BILDER

Ulrike Gärtner

AUGUST MACKE UND

DAS WESTFÄLISCHE LANDESMUSEUM

Eline van Dijk

Einzel- und Gruppenausstellungen

112

IM KREIS DES BLAUEN REITER

246

Bibliografie

114

AUGUST MACKE UND DIE MUSIK

Peter Vergo

254

Bildnachweis und Copyright

256

Impressum

132

ELISABETH MACKE UND

DIE »MALERFRAUEN« DES BLAUEN REITER

Claudia Leonore Kreile


GRUSSWORT

GRUSSWORT

Im Jahr 1953 wurde mit dem Bild Sitzender weiblicher Akt das erste Gemälde von

August Macke angekauft und damit der Grundstein für eine umfangreiche Sammlung

mit Werken des Künstlers im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster gelegt. In

den folgenden Jahren hat das Museum diese Sammlung stetig erweitert. Heute gehören

rund 400 Werke zum Bestand. Dazu kommen 80 Skizzenbücher sowie Briefe und weitere

Dokumente, die den Aufbau eines hauseigenen Macke-Archivs erlaubten. So wurde

das LWL-Museum für Kunst und Kultur schnell zu einem wichtigen Forschungszentrum

zum Schaffen August Mackes. Die Ausstellung August und Elisabeth Macke. Der Maler

und die Managerin zeigt daher insbesondere Arbeiten und Archivmaterialien aus dem

Bestand des Museums, die durch wenige, sorgfältig ausgewählte Leihgaben ergänzt

werden.

Die Ausstellung richtet ihr Augenmerk erstmals nicht alleine auf die Kunst August

Mackes, sondern stellt auch seine Frau Elisabeth ins Zentrum. Stets hatte Macke sie

vor Augen, ob real oder einfach nur in seiner Fantasie, und er strebte sein Leben lang

danach, sie möglichst treffend wiederzugeben. Elisabeth inspirierte ihn zu Porträts,

Aktdarstellungen, Genrebildnissen, aber auch zu Spaziergänger- und Schaufensterdarstellungen.

Als vielseitig interessierte und talentierte Frau stellte sie nützliche Kontakte

her und managte den Verkauf der Kunstwerke – auch lange nach dem frühen

Kriegstod Mackes 1914. Der Verlust traf sie tief, wie ihre Tagebuchaufzeichnungen

verraten, doch unbeirrt kümmerte sie sich um seinen künstlerischen Nachlass, hielt ihn

über zwei Weltkriege zusammen und veröffentlichte 1962 ihre Erinnerungen an August

Macke. Durch ihr Handeln gilt Macke heute als einer der bekanntesten Künstler des

deutschen Expressionismus.

Die bisherigen Macke-Ausstellungen in Münster, angefangen mit der ersten Schau

1957, haben sich immer als Publikumsmagnet erwiesen. Daher freuen wir uns nun auf

diese Ausstellung, die seit 2001 die erste umfassende Werkschau des Künstlers im

LWL- Museum für Kunst und Kultur ist und erstmals keine reine Kunstausstellung sein

wird. Wir danken der Franz Dieter und Michaela Kaldewei Kulturstiftung für die exklusive

Förderung der Ausstellung.

Ein einzigartiges ›Kidditorial‹, gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, bietet

darüber hinaus für Kinder zwischen acht und zwölf Jahren ein digitales Format zur

spiele rischen Vermittlung von Wissen über das Leben und Schaffen von August Macke.

Im Namen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe wünschen wir allen

Besucher:innen viel Freude beim (Neu-)Entdecken der Kunstwerke und allen

Leser:innen des Katalogs eine interessante und aufschlussreiche Lektüre.

Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger

LWL-Kulturdezernentin

»Aber mein Leben mit August war ja so unsagbar schön, vom ersten bis zum letzten

Tage unserer Gemeinschaft, dass mir in allem Leid nur schöne Gedanken kommen […].

Dann kommen oft Tage – Abende –, wo ich glaube, ich kann es nicht tragen, wo sich

meine ganze Lebendigkeit und mein Daseinswille aufbäumen gegen dieses Schicksal,

das mir in solchen Stunden nur sinnlos und ungerecht erscheint […]. Wenn ich dann

die Kinder atmen höre im Schlaf […] dann habe ich wieder Kraft, dann weiß ich, was ich

aushalten muss.« Elisabeth Macke an Franz Marc, 1915

Diese berührenden Zeilen richtete am 20. Januar 1915 Elisabeth Macke an Franz Marc.

Nachdem ihr Mann am 26. September 1914 in Frankreich gefallen war, korrespon dierte

die junge Witwe mit Franz und Maria Marc noch intensiver. Elisabeth Macke war das,

was man heute eine ›starke Frau‹ nennt: Nicht nur Modell und Muse, Managerin und

Mutter, sondern grandioser Motor der Rezeption August Mackes in der Kunstwelt. Sie

war es, die den umfangreichen künstlerischen Nachlass verwaltete, den Kontakt zu

Galerist:innen und Sammler:innen hielt, Ausstellungen beschickte und die öffentliche

Würdigung August Mackes initiierte. Es scheint nicht vermessen, zu sagen, erst durch

Elisabeth ist August Macke zu dem geworden, als den wir ihn heute wahrnehmen: Ein

lebensbejahender, begnadeter Künstler, vielleicht kein introvertierter Intellektueller wie

Franz Marc oder visionärer Erneuerer wie Wassily Kandinsky, aber doch ein Maler, der

befreit vom Ballast der Konventionen zeitgemäße Ausdrucksformen fand und ein heiteres,

vielleicht rheinisches Lebensgefühl zum Ausdruck brachte jenseits seelischer

Zerrüttung und bedeutungsvoller Gesten. Elisabeth Macke lernte August 1903 in Bonn

kennen, wo sie ihn 1909 heiratete, die fünfjährige Ehe, aus der zwei Söhne, Walter und

Wolfgang, hervorgingen, prägte ihr Leben.

Die Franz Dieter und Michaela Kaldewei Kulturstiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht,

die Kunst und Kultur des deutschen Expressionismus zu fördern. Nach Projekten in

Frankfurt am Main und Hamburg, in Düsseldorf, Berlin und Dresden kommt die Stiftung

sozusagen nach Hause. Kultur ist Heimat, auch ihre Förderung braucht Wurzeln. Die

Idee, dem Künstler-Paar August und Elisabeth Macke, im LWL-Museum für Kunst und

Kultur in Münster eine eigene Ausstellung zu widmen, hat uns sogleich überzeugt und

begeistert.

Den Kuratorinnen der Ausstellung, Frau Dr. Tanja Pirsig-Marshall und Frau Anna Luisa

Walter, gilt unser besonderer Dank, darüber hinaus dem ganzen Vorbereitungs-Team,

dem Direktor des LWL-Museum für Kunst und Kultur, Herrn Dr. Hermann Arnhold, und

der Direktorin des Franz Marc Museums in Kochel am See, Frau Dr. Cathrin Klingsöhr-

Leroy. Die Zusammenarbeit im Vorfeld der Ausstellung hat uns viel Spaß gemacht,

Leidenschaft und Begeisterung für die Kunst verbinden.

Wir freuen uns darauf, den Besucher:innen der Ausstellung diese besondere Begegnung

mit August und Elisabeth Macke zu ermöglichen. Nach der Corona-bedingten

musealen Abstinenz zeigt sich einmal mehr: Die Seele eines Kunstwerks ist das Original,

weder digitale Ausstellungen noch farbige Bildbände können es ersetzen.

Franz Dieter Kaldewei

Carl-Heinz Heuer

6 GRUSSWORT

7


VORWORT

Die Rolle von Elisabeth Erdmann-Macke im Leben, Schaffen und Nachleben ihres ersten

Mannes war bedeutend vielseitiger und umfassender als bisher allgemein dargestellt.

Die intensive künstlerische Auseinandersetzung August Mackes mit seiner Lebenspartnerin,

die ihm Gefährtin, Muse und Lieblingsmodell in einem war, zeigte das August

Macke Haus 2009 in einer ihr gewidmeten Schau mit dem Titel Mein Zweites Ich. Zu

zeigen, dass Elisabeth für Macke viel mehr war als sein bevorzugtes Modell und Seelenverwandte,

Hausfrau und Mutter, ist die Intention der Ausstellung im LWL-Museum für

Kunst und Kultur in Münster.

Spätestens seit der großen Macke Ausstellung 1957 hat sich das Museum in Münster

auf der Basis der 80 Skizzenbücher und dem später hinzugekommenen Nachlass

des Künstlers mit den Korrespondenzen, Quellentexten und Fotos als wichtigste

Forschungs stätte zu August Macke etabliert. Heute sind in der Sammlung annähernd

400 Objekte – Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Stickereientwürfe, Textilien und

Skulpturen, die nun die Grundlage der Ausstellung bilden.

Die Ausstellung setzt sich intensiv mit der Bedeutung Elisabeths für das Schaffen

August Mackes, mit ihrem persönlichen Netzwerk und ihrer Tätigkeit als Managerin des

künstlerischen und schriftlichen Nachlasses ihres Mannes sowie auch mit der Bedeutung

ihres eigenen künstlerischen und literarischen Werkes auseinander. Die vielen noch

existierenden Dokumente, die zum großen Teil im LWL-Museum für Kunst und Kultur verwahrt

werden, zeigen nicht nur wie intensiv sie sich mit der Verbreitung seines Werkes

beschäftigte, sondern auch wie sie bei ihrem Mann mitarbeitete und mitwirkte.

Zusammen mit ihrer Mutter Sophie Gerhardt, weiteren Familienmitgliedern und auch

Maria Marc fertigte Elisabeth Macke Stickereien nach den Entwürfen ihres Mannes an,

war vielseitig interessiert, musikalisch begabt und sprachlich versiert. Durch ihre Vorlieben

inspirierte sie das Schaffen des Künstlers. Darüber hinaus stand sie in Kontakt

zu seinen Freunden und Weggefährten. Ihr Haus in Bonn war Treffpunkt der rheinischen

Kunstszene. Eingebunden in ein komplexes und vielschichtiges Beziehungsgefüge aus

Künstlerpersönlichkeiten und Gruppenbildungen, Sezessionen und Privatclubs, Galerien

und Kunsthändlern, Sammlern und Museumsleuten beteiligte sich August Macke

intensiv an künstlerischen Diskursen und kulturpolitischen Debatten und tauschte sich

darüber mit Elisabeth aus, in der er eine Seelenverwandte und ebenbürtige Partnerin

gefunden hatte. Das Gästebuch der Familie spiegelt dieses Engagement wieder.

Schon kurz nach dem Tod ihres Mannes als Soldat im Ersten Weltkrieg begann Elisabeth

1915, ihre Erinnerungen an August Macke festzuhalten, seine künstlerischen Gedanken

aufs Papier zu bringen und seine Werke in einem ersten Verzeichnis zu erfassen.

Ihr strategisches Wirken war Grundlage für das Fortleben seiner Kunst. Sie unterhielt

Kontakte zu Kunsthändlern und kümmerte sich darum, dass seine Werke regelmäßig in

Ausstellungen zu sehen waren, sandte größere Konvolute als Kommissionsware an die

wichtigsten Galeristen der Moderne, unter ihnen die Galerien und Kunsthandlungen Alex

Vömel in Düsseldorf, Günther Franke in München, Galerie Ferdinand Möller und Galerie

Nierendorf in Berlin und Rudolf Probst vom Kunsthaus Mannheim. Darüber hinaus besaß

sie Verbindungen zur französischen Kunstszene, zu den Kunsthändlern Bernheim-Jeune

sowie dem Kunstkritiker und Journalisten Felix Fénéon.

In den 1920er- und 1930er-Jahren bot sie regelmäßig Museen und Privatsammlern

Werke als Leihgaben oder zum Kauf an. Neben dem Folkwang Museum in Essen, dem

Kunstmuseum Düsseldorf, dem Barmer Kunstverein und dem Städtischen Museum

Breslau unterhielt Elisabeth regelmäßige Kontakte zur Nationalgalerie in Berlin, die

von ihr 1921 das Gemälde Spaziergänger (Großer heller Spaziergang) erwarb.

Dieses Gemälde, 1937 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt, befindet sich heute

im LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster. Weitsichtig lagerte Elisabeth schon

kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs den Großteil des Nachlasses, bestehend aus

Gemälden, Aquarellen, Pastellen, Zeichnungen und Skizzenbüchern, an verschiedenen

Orten in und um Berlin sowie Westdeutschland aus und bewahrte diese so vor einer

Zerstörung im Krieg.

Weniger erfolgreich jedoch war Elisabeths Versuch, August Macke frühzeitig eine Gedächtnisausstellung

zu widmen. Auf Anraten von Franz Marc zögerte sie, diese im Krieg

auszurichten. Letztendlich fand diese Ausstellung dann 1920 in Frankfurt am Main und

Wiesbaden statt, wurde zu ihrem Bedauern aber nur mäßig beachtet. Anders sah es

1957 aus. Die vom Westfälischen Landesmuseum, dem Westfälischen Kunstverein und

der Westfälischen Wilhelms-Universität zum 70. Geburtstag des Künstlers in Münster

geplante Ausstellung war ein außergewöhnlich großer Erfolg. Der Katalog musste dreimal

nachgedruckt werden.

Seit 1979 befindet sich der künstlerische Nachlass von August Macke im LWL-Museum

für Kunst und Kultur. Die Auswertung der darin befindlichen Unterlagen eröffnet heute

neue Einsichten in Elisabeth Mackes Handeln: Sie führte sorgsam Buch über alle Werke,

die verkauft oder verschenkt wurden. Als Verwalterin des künstlerischen und schriftlichen

Nachlasses leistete Elisabeth Beachtliches. Ohne die Abschriften, die sie in den

1930er-Jahren von den Briefen August Mackes anfertigen ließ, wären diese unwiederbringlich

verloren, da die Originale 1943 im Krieg verbrannt sind.

In fünf Kapiteln widmet sich die Ausstellung dieser außergewöhnlichen Frau, die viel

mehr war als Muse, Modell und Managerin. Als Grundlage für die in der Ausstellung

und den Katalogbeiträgen vermittelten Inhalte diente die Auswertung der Briefe, des

8 VORWORT

9


Kassa-Buchs, in dem sie Verkäufe und Schenkungen festhielt, und weiteren Quellen

aus dem Macke-Archiv im LWL-Museum für Kunst und Kultur. Diese geben ein genaues,

wenngleich subjektives Bild von Macke, seiner Frau und ihrem Umfeld.

Wir möchten allen, die an der Planung und Realisierung dieser Ausstellung beteiligt

waren, unseren herzlichen Dank aussprechen. An erster Stelle gilt unser Dank den Leihgebern,

die zugestimmt haben, sich für eine längere Zeit von ihren Werken zu trennen,

und es uns dadurch ermöglicht haben, diese in Münster und im Franz Marc Museum in

Kochel am See zeigen zu können.

Danken möchten wir den Katalogautor:innen Ina Ewers-Schultz, Ulrike Gärtner, Claudia

Leonore Kreile, Eline van Dijk und Peter Vergo. Sie haben mit ihren Beiträgen ein Stück

zur Forschung um den Künstler August Macke und seine Frau und Managerin Elisabeth

beigetragen.

Unser besonders herzlicher Dank gilt den beiden Kuratorinnen der Ausstellung in Münster,

Dr. Tanja Pirsig-Marshall und Anna Luisa Walter, die in kurzer Zeit mit unermüdlichem

Einsatz, immenser Kenntnis und Freude an der Erarbeitung neuer Themen die Ausstellung

konzipiert und realisiert haben. Darüber hinaus danken wir ebenso herzlich Ingrid Fisch

und Anne Avenarius für die Entwicklung und großartige Umsetzung der die Sonderausstellung

begleitenden Familienausstellung August und das Zirkuspferd sowie für die Erarbeitung

des ›Kidditorials‹ durch Ingrid Fisch, Leonie Martens und Max Dörbecker.

Es ist uns eine große Freude, dass die in Münster entstandene Ausstellung 2023 auch

in Süddeutschland im Franz Marc Museum in Kochel am See zu sehen sein wird. So

gerät ein weiterer wichtiger Aspekt des Themas in den Blick, denn Elisabeth und August

Macke verband eine enge Freundschaft mit Maria und Franz Marc. Die Künstler besuchten

sich häufig. August Macke reiste nach Sindelsdorf, wo Franz Marc lebte und

Franz Marc besuchte das Ehepaar Macke in Bonn. Höhepunkt der Freundschaft war die

gemeinsame Parisreise 1912. Nach dem Tod von August Macke und Franz Marc wurde

diese wichtige Verbindung von den beiden Frauen aufrechterhalten. Das Franz Marc

Museum verfügt mit der Großen Promenade von 1914 und dem Café am See von

1913 über zwei besonders wichtige Gemälde August Mackes. Neben dem bedeutenden

Bestand an Werken Franz Marcs bilden sie den Hintergrund und Anknüpfungspunkt für

die Ausstellung in Kochel am See.

Schließlich danken wir besonders herzlich der Franz Dieter und Michaela Kaldewei Kulturstiftung

und ihrem Vorstand Professor Carl-Heinz Heuer, deren großzügige finanzielle

Förderung dieses Projekt erst möglich machte.

Im Namen aller an diesem wunderbaren Ausstellungsprojekt Beteiligten wünschen wir

allen Besucher:innen viel Freude beim Rundgang durch die Ausstellungen in Münster

und Kochel am See und allen Leser:innen des Kataloges viel Anregung, Kunstgenuss

und Inspiration.

Allen an der Vorbereitung Beteiligten sei unser herzlicher Dank ausgesprochen: Gudrun

Püschel, die mit großer Sorgfalt und Gründlichkeit alle organisatorischen Fäden in ihren

bewährten Händen hielt, und immer verlässliche Unterstützung gewährte. Dank gilt der

souveränen Pressearbeit von Claudia Miklis und ihrem Team, der Kunstvermittlung unter

Ingrid Fisch und Anne Avenarius, unserer Fotografin Hanna Neander für die Prüfung

der Fotos, Bastian Weisweiler für seine Drittelmittelakquise, Daniel Müller Hofstede für

das vielseitige und innovative Kulturprogramm sowie unserem Registrar Eric Blanke

für die umsichtige Bearbeitung des Leihverkehrs. Der Verwaltung um Detlev Husken

und Monika Denkler sowie den beiden Magazinleitern, Jürgen Wanjek und Jürgen

Uhlenbrock und den Restauratorinnen Jana Exner, Marie Kern, Claudia Musolff, Jutta

Tholen sowie Anna Alena Hoffmann möchten wir unser besonderes Lob für ihre intensive

Unterstützung im Vorfeld und während der Ausstellung aussprechen.

Dr. Hermann Arnhold

Direktor

LWL-Museum für Kunst und Kultur

Dr. Cathrin Klingsöhr-Leroy

Direktorin

Franz Marc Museum

Eine überwiegend aus dem Sammlungsbestand erarbeitete Ausstellung bedeutet aufgrund

ihrer intensiven Vorarbeit eine andere Herausforderung. Nicht zuletzt geht daher

unser herzlicher Dank an Werner Müller und sein Team, die wie immer ihre Findigkeit

und Expertise unter Beweis gestellt haben.

10 VORWORT

11


Abb. 2

August Macke und Elisabeth Gerhardt, 1908, Fotografie, Münster,

LWL-Museum für Kunst und Kultur, Macke-Archiv, MA-15,14 LM

BIOGRAFIE

AUGUST UND ELISABETH

MACKE

1887

August Robert Ludwig Macke wird am

3. Januar in Meschede im Sauerland als

Jüngster von drei Geschwistern geboren.

Die Familie zieht 1897 nach Köln, wo

Macke das Kreuzgymnasium besucht.

Abb. 4

Familie Macke, 1901, vorne: v.l. August Friedrich

Hermann Macke, August und Florentine

Macke, hinten: v.l. Ottilie und Auguste Macke,

Fotografie, Münster, LWL-Museum für Kunst

und Kultur, Macke-Archiv, MA-15,216 LM

1904

August Macke geht vorzeitig vom Gymnasium

ab und beginnt im Oktober ein

Studium an der Königlichen Kunstakademie

in Düsseldorf. Dort studiert er in der

Zeichenklasse des Historienmalers Adolf

Maennchen (1860–1920).

Abb. 3

August Macke (en face, sitzend,

mit verschränkten Armen), um

1903, Fotografie, Münster, LWL-

Museum für Kunst und Kultur,

Macke-Archiv, MA-15,11 LM

1888

Elisabeth Gerhardt kommt als zweites

Kind des Bonner Unternehmers Carl

Gerhardt (1846–1907) und seiner Frau

Sophie (1865–1947), geb. Koehler, in

Bonn auf die Welt.

1903

Erste Begegnung mit der Fabrikantentochter

Elisabeth Gerhardt, seiner

späteren Frau. Die beiden sehen sich

regelmäßig auf dem Schulweg. Unter

dem Vorwand seinen Mitschüler Walter

Gerhardt (1886–1958), den um zwei

Jahre älteren Bruder von Elisabeth, porträtieren

zu wollen, bekommt er Zugang

zur Familie Gerhardt und zeichnet in der

Folge auch Elisabeth.

Elisabeth Gerhardt reist mit Mutter und

Bruder sowie dem Maler Heinrich Brüne

(1869–1945), einem Verwandten, nach

Italien und Tunis.

Gemeinsam unternehmen August Macke

und Elisabeth Gerhardt Wanderungen

in die nähere Umgebung Bonns und die

zahlreichen Skizzen Mackes aus jener

Zeit zeigen die innige Verbundenheit der

beiden.

1900

Umzug der Familie Macke nach Bonn.

Mutter und Schwestern betreiben dort

eine Fremdenpension. Besuch des

Bonner Realgymnasiums, wo sich August

Macke u. a. mit Alfred Hugo Schütte

(1887–1958) anfreundet, dessen Vater

ihm später durch ein Stipendium das Studium

an der Kunstakademie ermöglicht.

Abb. 5

Elisabeth Gerhardt mit Hut,

1906, Fotografie, Münster,

LWL-Museum für Kunst und Kultur,

Macke-Archiv, MA-15,100 LM

Abb. 6

Elisabeth Macke mit Geschirr

in den Händen, o. J., Fotografie,

Münster, LWL-Museum für Kunst

und Kultur, Macke-Archiv,

MA-15,108 LM

12 BIOGRAFIE

13


Abb. 32

August Macke, Porträt mit Äpfeln, 1909, Öl auf Leinwand,

66 x 59,5 cm, Städtische Galerie im Lenbachhaus und

Kunstbau München

AUGUST MACKE.

BILDNISSE VON ELISABETH

Anna Luisa Walter

»Meine Lisbeth« 1 , »[m]eine teure gute Freundin« 2 , »[s]üßer

Möpp« 3 , »mein zweites Ich« 4 – August Macke fand in seinen

Briefen viele Namen für seine engste Vertraute und spätere

Ehefrau Elisabeth Gerhardt (1888–1978). Sie lernten sich bereits

in ihrer Jugend kennen. Nachdem sich beide regelmäßig

auf dem Schulweg und auf kulturellen Veranstaltungen begegnet

und aufgefallen waren, wurde das spätere Paar 1903 im

Hause von Elisabeths Familie in Bonn einander vorgestellt. 5

Der damals 16-jährige August hatte sich zuvor darum

bemüht, den älteren Bruder Elisabeths, Walter Gerhardt

(1886–1958), porträtieren zu dürfen und kam so in Kontakt

mit der Familie. Dadurch konnte er, auch dank der Mithilfe

des gemeinsamen Bekannten Vincenz Hundhausen 6 (1878–

1955), die 15-jährige Elisabeth bitten, ihm ebenfalls Modell

zu sitzen; eine Anfrage, der sie erst beim zweiten Anlauf

zustimmte. Die Relevanz dieser Begegnung für Macke wird

in einem Brief an einen seiner ältesten Freunde Hans Thuar 7

(1887–1945) deutlich: »[I]ch habe ein Glück: das ist unglaublich.

[…] Weib gesehen, reine Zigeunerin 8 , (ev.) Bruder

Oberprima gesagt, er hätte fabelhaft interessantes Gesicht.

(Ihn daher gezeichnet.) So in erste Familien geschlichen. Von

Bekannten (Reserveleuten) gestern Eid geschworen bekommen,

dass ich in den Ferien besagtes Weib malen soll.« 9 Die

geplante Porträtsitzung kam zustande und bot August und

Elisabeth erstmals die Möglichkeit, ungestört miteinander

zu reden. Elisabeth beschrieb die Zweisamkeit zunächst als

etwas »befangen, doch sehr freundlich«. 10 Während der junge

Künstler das Gesicht seines Modells mit Kohle zeichnete,

unterhielten sich die beiden sehr angeregt und fanden schnell

gemeinsame Vorlieben. Insbesondere der Schweizer Künstler

Arnold Böcklin (1827–1901) begeisterte beide, wie sie bereits

bei dieser ersten Porträtsitzung feststellten. 11

Dieses erste Treffen zu zweit sollte für die elf gemeinsamen

Jahre von August und Elisabeth charakteristisch

sein. Bevor das Paar durch den frühen Tod Mackes am

26. September 1914 für immer getrennt wurde, war ihre enge

Beziehung durch einen intensiven Gedankenaustausch geprägt.

Seit Beginn der Freundschaft standen Kunst, Literatur

und Kultur, aber auch die Naturverehrung im Zentrum ihrer

Gespräche. Beide waren in kunst- und kulturaffinen Haushalten

aufgewachsen: Augusts Vater August Friedrich Hermann

Macke (1845–1904) war Tiefbauingenieur und Bauunternehmer

gewesen und hatte alte Stiche und Münzen gesammelt:

Abb. 33

August Macke, Porträtstudie Elisabeth

Gerhardt, 1903, Aquarellfarbe auf

Zeichenpapier, 11,7 x 10,6 cm

(beschnitten 11,4 x 10,3 cm), Privatbesitz

Kunstwerke, die er seinem Sohn regelmäßig präsentierte.

Zugleich förderte er auch dessen Zeichentalent. Elisabeth hingegen

stammte aus einer wohlhabenden Bonner Kaufmannsfamilie

und hatte sowohl den Kunstsammler und späteren

Mäzen Mackes Bernhard Koehler (1849–1927) als auch den

Maler Heinrich Brüne (1869–1945) zum Großonkel, zu denen

enge Kontakte bestanden. Als seine engste Vertraute konnte

Elisabeth August so von Beginn an unterstützen, sich intellektuell,

vor allem jedoch künstlerisch zu formen. Wie groß

Elisabeths Einfluss auf ihn war, versicherte ihr Macke bereits

1904: »Du liebes Mädchen, glaube mir, ich habe mehr durch

Dich gelernt, als Du durch mich. […] Wir wollen gleichstehen

in Bildung und in Liebe, zwei treue Freunde.« 12 Nach eigener

Aussage setzte ihr August jedes einzelne Bild in jeder Phase

des Entstehens vor und sie musste ihr Urteil abgeben. 13

38 ELISABETH ALS MUSE

39


Elisabeth war für August jedoch weitaus mehr,

als nur seine Beraterin in Fragen der Kunst. Seit der ersten

Porträtsitzung im Hause Gerhardt war Elisabeth seine größte

Muse und tauchte bis 1914 regelmäßig in den Gemälden,

Aquarellen und Skizzen des Künstlers auf – Macke nennt

sie gar sein »Hauptmotiv«. 14 Als das erste erhaltene Bildnis

seiner späteren Frau ist die Porträtstudie Elisabeth

Gerhardt, Abb. 33 entstanden 1903, bekannt. Das kleine,

vermutlich beschnittene Aquarell ist in Rot- und Blau tönen

gehalten und zeigt die Jugendliche nachdenklich, aber

freundlich blickend. In der Folge hielt Macke Elisabeth, die er

am 5. Oktober 1909 heiratete, in über 200 Bildnissen fest.

Elisabeth dürfte damit zu den am häufigsten porträtierten

Frauen des deutschen Expressionismus zählen. Zugleich

hatte Macke nur wenige weitere weibliche Modelle für seine

Porträts. Im Gegensatz zu vielen Künstler:innen, die Bildnisse

hauptsächlich als Auftragsarbeiten für ihre Modelle oder

deren Angehörige malten, konzentrierte sich Macke zumeist

auf das Abbilden seines engsten Umkreises. So finden sich

in seinem Œuvre einige Bildnisse seiner Schwestern Auguste

(1873–1953) und Ottilie (1875–1938), seiner Mutter

Florentine (1848–1922), seiner späteren Schwiegermutter

Sophie (1865–1948) und Schwieger-Großmutter Katharina

Koehler (1836–1917). Ausnahmen bilden Kopien nach bekannten

Künstlern, wie Sandro Botticelli (1445–1510), Paul

Gauguin (1848–1903) oder Jean-Auguste-Dominique Ingres

(1780–1867), die Macke auf seinen Studienreisen nach unter

anderem London (1906), Paris (1907, 1908, 1909, 1912) oder

Berlin 15 (1907–08) gesehen hatte. Viele dieser Darstellungen

finden sich in den Skizzenbüchern Mackes wieder und auch

einige Gemälde nach diesen Vorbildern sind erhalten. 16

Es war nicht ungewöhnlich, dass Macke, wie viele

andere Künstler, seine Frau in das Zentrum seiner (unverkäuflichen)

Porträtarbeiten stellte. Zudem schien er auch praktische

Gründe für die Wahl Elisabeths als Modell gehabt zu haben,

wie aus einer ihrer Erinnerungen hervorgeht: »Ich hatte ihm

[als Modell] gesessen, was er sehr liebte; er war glücklich, in

mir ein brauchbares Modell zu haben, denn er haßte es, sich

mit stumpfsinnigen Mädchen abzugeben, die keine harmonische

Bewegung aus sich machen konnten und müheselig zurecht

gestellt werden mußten.« 17 Elisabeth zur Vorlage seiner

Arbeiten zu machen, hatte für Macke also durchaus praktische

Vorteile und erklärt vermutlich ebenfalls die Variation in den

Gemälden Mackes. Der Umstand, dass sie zumeist anwesend

war und ihn inspirierte, ermöglichte dem Künstler, spontan

auf Ideen und Impressionen zu reagieren. Sie war nicht nur

Vorbild für seine klassischen Porträts, später nicht selten in

innigen Situationen mit den gemeinsamen Söhnen Walter

(1910–27) und Wolfgang (1913–75) wiedergegeben, sondern

auch in seinen Genrebildern, den Flaneur-Darstellungen der

Hilterfinger Zeit 18 und Aktstudien ist Elisabeth zu erkennen.

ELISABETH ALS FRAU

IHRER ZEIT

Als eines der bedeutendsten Bildnisse Mackes gilt Frau des

Künstlers mit Hut (Porträt Elisabeth), Kat. 19 oft auch

Westfälische Mona Lisa genannt. Das Ölgemälde entstand in

der Zeit am Tegernsee, wo sich das junge Ehepaar im Herbst

1909 nach der Hochzeit und der Hochzeitsreise nach Bern

und Paris schließlich niedergelassen hatte. 19 Die folgenden

Monate stellten eine besonders »fruchtbare Arbeitszeit« 20 für

August Macke dar. In seiner heutigen Form zeigt das Porträt

Elisabeth frontal als Brustbild. Dabei war der ursprüngliche

Bildausschnitt größer: Macke selbst kürzte die Leinwand

des zunächst als Kniestücks angelegten Gemäldes nach und

nach zu seiner heutigen Größe. Das farbig leuchtende und

stilistisch in sich geschlossene Gemälde ist wie viele Arbeiten

Mackes eine »Summe von Einflüssen« 21 , die ihn künstlerisch

geprägt haben. Zunächst lässt sich hier in der Klarheit der

Formen und Linien der postimpressionistische und symbolistische

Stil Gauguins erkennen, den Macke sehr bewunderte.

Dies geht unter anderem aus der Skizze Die Mutter

Gauguins, nach dem Gemälde von Paul Gauguin, um

1890, Staatsgalerie Stuttgart Kat. 56 von 1907/10 hervor.

Weiterhin orientierte sich Macke an zwei Porträts, die er in

London gesehen hatte. Peter Paul Rubens’ (1577–1640) Porträt,

das dieser zwischen 1622 und 1625 von seiner späteren

Schwägerin Susanna Lunden (1599–1643) gemalt hatte,

sowie das Selbstporträt mit Strohhut der französischen

Künstlerin Elisabeth Vigée-Lebrun (1755–1842) von 1783, 22

bei dem sich die Künstlerin das Gemälde Rubens zum Vorbild

nahm, weisen in der Bildkomposition große Ähnlichkeiten

zu Mackes Werk auf. Die Verwandtschaft der Gemälde wird

insbesondere durch die Darstellung der jeweiligen Frau mit

ihrem Hut deutlich, wobei das von links oben einfallende

Licht Schatten auf dem Gesicht der Porträtierten ent stehen

lässt. Eine motivisch ähnliche, sich stilistisch aber sehr

stark unterscheidende Skizze ist Elisabeth Gerhardt mit

Hut Kat. 18 von 1907/08, bei der Macke weniger klare Linien

verwendete. 23

Dass Macke sich durchaus Inspiration von anderen

Künstler:innen suchte und seine Bildnisse von Elisabeth

auch als Experimente dienten, zeigt sich an seiner Skizze

Elisabeth Macke

Kat. 11 von 1913. Diese Porträtskizze ist

stark von kubistischen und futuristischen Einflüssen geprägt.

Im Gegensatz zu vielen Künstler:innen der Epoche,

wie Georges Braque (1882–1963) oder Pablo Picasso

(1881–1973), behielt Macke allerdings die physiognomischen

Merkmale Elisabeths bei. Dies unterscheidet Mackes Bildnisse

zugleich von denen der anderen Expressionisten um die

Künstlergruppen Blauer Reiter und Die Brücke. Gerade in den

Porträts der Brücke-Künstler wurde vermehrt die Suche nach

einem neuen Menschenbild und Selbstverständnis sowie der

moderne Mensch in seiner existenziellen Verunsicherung ins

Zentrum gerückt. Macke hingegen zeigte Elisabeth zumeist

voller Zuneigung und Einfühlung und in einer gewissen Zufriedenheit.

24 Während sich August Macke in diesen Porträts allein

auf das Antlitz seiner Frau konzentrierte, wählte er in weiteren

Werken einen größeren Bildausschnitt und gewährte so

einen detaillierteren Einblick in das Leben mit seiner Gattin.

Das Porträt mit Äpfeln Abb. 32 entstand Ende des Jahres

1909 ebenfalls am Tegernsee und zählte zu den Lieblingswerken

des Ehepaars Macke. Obwohl das Werk ursprünglich

nie verkauft werden sollte, ging es spätestens 1914 in

den Besitz von Bernhard Koehler 25 über und blieb somit im

weitesten Sinne innerhalb der Familie. Das Hüftstück von Elisabeth

zeigt sie in frontaler Ansicht, den Blick leicht gesenkt

und eine Schale mit Äpfeln haltend. Der rechte Bildrand wird

von einem beigen Vorhang dominiert, der den Blick auf den

neutralen, dunklen Hintergrund versperrt. Die Darstellung hat

einen sehr symbolischen Charakter: Während der Vorhang,

wie schon in Porträts der Renaissance und der Barockzeit, als

Motiv der Würde und des Schutzes des Häuslichen gesehen

wird, sind die Äpfel seit Jahrhunderten als Symbol der Fruchtbarkeit

und Liebe bekannt. Beides lässt sich auf die Situation

des Paares übertragen, das kurz zuvor seinen ersten gemeinsamen

Wohnsitz bezogen hatte und Elisabeth zu jener Zeit

mit dem ersten Kind schwanger war. Vor diesem Hintergrund

betrachtet, erhebt Macke seine Frau in diesem thematisch

sehr intimen Bildnis zu einer Allegorie der Fruchtbarkeit. Wie

in diesem Bildnis schafft es Macke auch in anderen Arbeiten,

sein bevorzugtes Modell durch ikonografische und stilistische

Mittel zu typisieren und ihren Darstellungen dadurch einen

Gleichnischarakter zu verleihen, ohne die individuellen Züge

der Porträtierten zu verlieren. 26

Besonders häufig in Mackes Œuvre sind Genredarstellungen,

in denen Elisabeth zu sehen ist. Oft zeigen sie

die Frau des Künstlers bei alltäglichen Handlungen in ihrer

privaten und häuslichen Lebenswelt. Nur selten ist Elisabeth

den Betrachter:innen zugewandt, strahlt in den Darstellungen

jedoch stets Ruhe und Harmonie aus. Das Gemälde

Elisabeth am Schreibtisch Kat. 3 entstand vermutlich 1910,

nachdem das Paar in seine zweite Wohnung am Tegernsee,

das Staudacherhaus, umgezogen war. Es zeigt die Ehefrau

des Künstlers schreibend und in sich gekehrt. Der Eindruck,

dass sich die Dargestellte scheinbar unbeobachtet fühlt,

verleiht dem Gemälde einen intimen Charakter. Während er

sich in den bisher betrachteten Porträts auf wenige, aber

leuchtende Farben beschränkte, nutzte Macke hier eine

breitere Farbpalette. Die Grundfarben Rot (der Sessel), Blau

(Elisabeths Kleid) und Gelb (die Wand und der Tisch) dominieren

das Bild, aber auch Mischfarben wie Orange, Lila oder

Grün tauchen auf dem Teppichboden und dem Schreibtisch

auf, wo sie der Künstler fast einer Farbstudie gleich nebeneinanderstellt.

Zugleich vernachlässigt Macke in diesem Werk

klare Linien und Konturen. Eine ähnlich private Darstellung

Elisabeths ist Stickende Frau auf Balkon (Frau mit

Handarbeit) Abb. 34 von 1910. In leuchtender Farbigkeit zeigt

das Gemälde Elisabeth, leicht typisiert, vor einem begrünten

Hintergrund an einem Tisch sitzend und stickend. 27

Abb. 34

August Macke, Stickende Frau auf Balkon

(Frau mit Handarbeit), 1910, Ölfarbe/Tempera

auf Leinwand, 61 x 48 cm, Kunstmuseum Bonn

Auffällig ist, dass Macke Elisabeth immer als Frau

ihrer Zeit zeigt – sie wird stets in schützenden Innenräumen

oder im Garten dargestellt, während sie die für eine Ehefrau

vorgesehenen Arbeiten verrichtet: Elisabeth liest, schreibt,

oder verrichtet Handarbeit. Obwohl der Künstler Wert darauf

legte, dass seine Gattin und er sich in ihrer Bildung »gleichstehen«

sollten, scheint dies aus heutiger Sicht schwer zu

glauben. Denn ein außerhäusliches, berufliches oder gar

politisches Interesse wird ihr – rund ein Jahrzehnt vor der

Einführung des Frauenwahlrechts im November 1918 – in

den Gemälden, Aquarellen und Skizzen nicht zugesprochen.

Es gibt darauf nicht nur in den Kunstwerken keine Hinweise,

auch durch die Worte Mackes wird dieser Anschein bestätigt:

40 ELISABETH ALS MUSE

41


Kat. 19

August Macke

Frau des Künstlers mit Hut

1909, Öl auf Leinwand (doubliert), 49,7 x 34 cm, Münster, LWL-Museum

für Kunst und Kultur, Inv.-Nr. 1612 LM

Prov.: Nachlass des Künstlers (G 83); bis 1957 Privatbesitz;

bis 1975 Privatbesitz; Privatbesitz; 1981–2014 LWL-Museum für Kunst

und Kultur, Münster, Leihgabe aus Privatbesitz; erworben 2014 mit

Unterstützung der Beauftragten der Bundesrepublik für Kultur und

Medien, der Kulturstiftung der Länder, des Landes Nordrhein-Westfalen,

der Kunststiftung NRW und der Ernst von Siemens Kunststiftung

Den von Elisabeth Erdmann-Macke angelegten Karteikarten, die die Grundlage der

Werktexte bilden, ist Folgendes zu entnehmen: Das Gemälde entsteht 1909 in Tegernsee

und ist ursprünglich mit einer tiefprofilierten Goldleiste gerahmt, die heute nicht

mehr existiert. Die weitere Beschreibung der Darstellung lautet: »Von vorn gesehen. In

grünem, kleinen Hut mit blauem Bund und weisser Feder, grünem Kleid, Bernsteinkette

und violetter Jacke. Heller Hintergrund

Macke signiert und datiert das Gemälde Frau des Künstlers mit Hut zweimal,

»AMacke1909« und »Macke 191[2]«. So ist die Entstehung des Bildes zwar aufgrund

der Erinnerungen von Elisabeth und der Nummerierung der Karteikarten auf die Monate

November und Dezember 1909 einzugrenzen, die Änderung von Kniestück zu heutigem

Bildnis erfolgt möglicherweise jedoch erst 1912. Unterstützt wird diese Vermutung durch

Elisabeths Aussage, dass der Künstler die Leinwand »nachher immer mehr abschnitt,

bis nur noch der Kopf übrigblieb«(Erdmann-Macke 1987, S. 172). Aufgrund dieser

Information ist es durchaus wahrscheinlich, dass Macke das Bild noch einmal signiert,

nachdem es sein endgültiges Format erhalten hat.

Das Bild bleibt im Besitz der Familie und ist im Nachlass als unverkäuflich gelistet.

Zu Lebzeiten des Künstlers wird das Bildnis seiner Frau nur 1912 in Jena in einer

Ausstellung zum Thema Porträts gezeigt. Erst ab 1918 tourt es regelmäßig. Stationen

sind zwischen 1918 und 1935 der Kölner Kunstverein, der Dramaverein in Bonn, die

Kestner-Gesellschaft in Hannover, die beiden Gedächtnisausstellungen 1920 im Frankfurter

Kunstverein und im Neuen Museum Wiesbaden, Nassauischer Kunstverein, der

Kunstverein Halle sowie die Macke-Ausstellung in der Galerie von der Heyde in Berlin

1934 und der Kunstverein Hamburg. Auch nach 1947 wird das Porträt regelmäßig für

Aus stellungen ausgeliehen.

Die Darstellungen seiner Frau nehmen eine Sonderstellung innerhalb der Porträt arbeiten

des Künstlers ein. Elisabeth sitzt ihrem Mann nicht nur für zahlreiche Bilder Modell,

sondern wird auch zur Verkörperung seiner Frauengestalten. Inspiriert durch die französischen

Fauves, deren Arbeiten Macke darin bestärken, Formen zusammenzufassen,

zeichnet sich das Porträt Elisabeths durch seine optische Intensität aus, die durch das

Vor- und Zurückspringen der aneinander grenzenden, farbigen Flächen hervorgerufen

wird. Die infolge einer starken künstlerischen Beleuchtung entstehenden Lichteffekte

und die für Macke unüblichen, kräftigen, schillernden Farbtöne weisen deutlich auf einen

Einfluss Edgar Degas’ hin. Mackes Fähigkeit, die Farben zum Leuchten zu bringen,

und sein sicheres Gespür für Komposition und Farbe kommen in diesem Porträt zum

Ausdruck.

50 ELISABETH ALS MUSE

51


Kat. 61

August Macke, Farbige Formen II, 1913, Öl auf Karton, 53,6 x 63 cm,

Ludwigshafen, Wilhelm-Hack-Museum

IM KREIS

DES BLAUEN

REITER

Als August und Elisabeth Macke zu Beginn des Jahres 1910 Franz Marc

und Maria Franck kennenlernen, kommt Macke schnell mit dem Münchener

Umfeld Marcs in Kontakt, zu dem unter anderen Wassily Kandinsky,

Gabriele Münter und Alexej von Jawlensky gehören. Die von ihnen

gegründete Künstlergruppe Der Blaue Reiter glaubt an eine »geistige«

Dimension der Kunst und gibt verschiedenen formalen Ausdrucksmöglichkeiten

Raum. Macke nimmt diese Impulse auf, experimentiert mit

abstrakten Elementen, lehnt aber den spirituellen Ansatz ab.

Anfang Januar 1910 kommt es in München zur ersten Begegnung zwischen

Macke, seinem Cousin Helmuth Macke, Bernhard Koehler, dem Sohn des

Sammlers Bernhard Koehler, und Franz Marc. Angeregt durch die Arbeiten

Marcs, die sein Sohn daraufhin mit nach Berlin bringt, reist Koehler sen.

selbst zu Marc und wird der wichtigste Mäzen des Blauen Reiter. Er unterstützt

1912 nicht nur die Publikation des Almanachs ›Der Blaue Reiter‹

und 1913 den ›Ersten Deutschen Herbstsalon‹ finanziell, sondern kauft

auch Macke und seinen Künstlerfreund:innen regelmäßig Bilder für seine

Sammlung ab.

Trotz aller immer wieder auftauchenden Differenzen stehen Macke und

Marc über die Jahre im engen künstlerischen Austausch, wie aus der

Korres pondenz der beiden Künstler hervorgeht. Auch ihre Frauen, Maria

und Elisabeth, verbindet eine Freundschaft: Beide wirken am Schaffen

ihrer Männer mit, sie teilen die Liebe zur Musik und das Interesse an

Hinterglasmalerei, Webarbeiten und Stickereien – in deren Herstellung

sie sich auch selbst versuchen. Vor allem Elisabeth entwickelt nach dem

Tod ihres Mannes einen eigenen Stil und kombiniert Einzelszenen und

-­figuren Mackes zu neuen Arrangements.

112 113


Abb. 51

August Macke, Farbige Kompositionen I (Hommage à J. S. Bach), 1912,

Ölfarbe auf Karton, 101 x 82 cm, Ludwigshafen, Wilhelm-Hack-Museum

AUGUST MACKE UND

DIE MUSIK

Peter Vergo

»Was die Musik so rätselhaft schön macht, wirkt auch in der

Malerei bezaubernd. Nur gehört eine unmenschliche Kraft

dazu, die Farben in ein System zu bringen, wie die Noten. In

den Farben gibt es geradezu Kontrapunkt, Violon-, Baßschlüssel,

moll, dur wie in der Musik.« 1 August Macke an Elisabeth

Gerhardt, 1907

Abb. 52

August Macke, Flöte spielend, Fotografie,

um 1904, Münster, LWL-Museum für Kunst und

Kultur, Macke-Archiv, MA-015,121LM

Ein altes Archivfoto Abb. 52 aus der Zeit um 1904

zeigt einen sehr jungen August Macke, der nackt im Schilfrohr

sitzt und eine scheinbar kunstvoll gefertigte Doppelflöte

spielt. 2 Hat er vielleicht den großen Gott Pan verkörpert,

»da unten im Schilfrohr«, den Elizabeth Barrett Browning

(1806–61) in ihrem Gedicht A Musical Instrument (Ein

Musikinstrument) so wunderschön beschrieben hat? 3 Eines

seiner späteren Skizzenbücher, das er wahrscheinlich um

1911–12 verwendete, enthält detaillierte Notizen zum Üben

bestimmter Passagen einiger sehr schwieriger Klavierstücke,

darunter Beethovens »Waldstein«-Sonate. 4 Diese Notizen wurden

jedoch wahrscheinlich von Mackes Frau Elisabeth, einer

sehr begabten Pianistin, angefertigt; jedenfalls scheint die

Handschrift die ihre zu sein. Abgesehen von diesen winzigen

Indizien deutet wenig darauf hin, dass der Künstler selbst ein

praktizierender Musiker war.

Es steht jedoch außer Frage, dass Macke von

Musik und Musiktheorie fasziniert war. Diese Begeisterung

war wahrscheinlich den Neigungen und Interessen vieler

seiner Freunde und Familienmitglieder geschuldet. Paul Klee

(1879–1940), der ihn 1914 auf seiner Reise nach Tunesien

begleitete, war ein hervorragender Geiger, der die Musik ohne

Weiteres zu seinem Beruf hätte machen können. Im Briefwechsel

Mackes mit einem anderen Malerfreund, Franz Marc

(1880–1916), finden sich zahlreiche Betrachtungen über die

»Schwesterkünste« der Malerei und der Musik. In einem Brief

vom Dezember 1910 erläuterte er für Marc seine eigenen

Theorien über das Verhältnis von Farben und Linien einerseits,

Melodien und musikalischen Tönen andererseits.

»Alle Linien (bzw. Melodien) bestimmen die Folge

der Farben (bzw. Klänge). Aufsteigende, absteigende Melodien

[...] Dabei kann das absteigende schon in Teilen im

aufsteigenden enthalten sein und umgekehrt. Der durch die

Linien (Melodien) geführte Farbkomplex ist die Frage auf die

Antwort des Gegenkomplexes [...] Dabei spielt hell und dunkel

sehr oft die Rolle der Melodieführung, ebenso gelb und

violett, orange, blau, grün und rot.« 5

Mackes Brief enthielt auch Zeichnungen von Farbkreisen,

die die gegenüberliegenden Paare von Komplementärfarben

zeigten und die darauf hinweisen, wie die Farbabfolge

von hell nach dunkel den verschiedenen Oktaven auf

dem Klavier entsprechen könnte, höher oder tiefer.

Einige Wochen später äußerte Marc seine eigene

Meinung darüber, wie die jüngsten Entwicklungen in der

Malerei jene in der Musik widerzuspiegeln schienen. In einem

Brief an Macke von Januar 1911 beschrieb er ein Konzert,

das er zusammen mit Kandinsky (1866–1944) und anderen

Mitgliedern der Neuen Künstler-Vereinigung München besucht

hatte. Auf dem Programm standen Werke des Wiener

Avantgarde-Komponisten Arnold Schönberg (1874–1951):

Klavierstücke, Lieder und seine beiden frühen Streichquartette.

6 Marc schrieb: »Kannst Du Dir eine Musik denken,

in der die Tonalität (also das Einhalten irgendeiner Tonart)

völlig aufgehoben ist? Ich musste stets an Kandinskys grosse

Komposition denken, der auch keine Spur von Tonart zulässt

114 IM KREIS DES BLAUEN REITER

115


Abb. 62

August Macke, Modes. Frau mit Sonnenschirm vor Hutladen, 1914,

Öl auf Leinwand, 60,5 x 50,5 cm, Essen, Museum Folkwang

MODE UND MODERNITÄT

IM WERK VON AUGUST MACKE

Tanja Pirsig-Marshall

Der Kunstkritiker Adolf Behne (1885–1948) sah in seinem

Nachruf auf August Macke 1915 die Motivreihe der Schaufenster

als größte künstlerische Leistung des Künstlers, eine

Manifestation seines individuellen, ausdrucksstarken Stils,

der sich stark von seinen Zeitgenoss:innen unterschied: »Die

Frauen vor den Schaufenstern, die Hutauslagen und die

Müßiggänger in Straßen und in Gärten waren in Formen liebenswürdigen

Witzes umgesetzt, so wie sie keinem anderen

Maler bei uns möglich schienen, wie sie auch keineswegs von

Delaunay zu leihen waren [...]. Unter den Gestalten der ersten

Expressionisten wird August Macke als eine der besten und

als die liebenswürdigste ewig fortleben.« 1

Themen für seine Werke fand Macke oft in seiner

unmittelbaren Umgebung, wie viele seiner Zeitgenossen

orientierte er sich am modernen Leben: »Die neuen Elemente,

Auto, Schnellbahn, Flugzeug, Film und Maschinen müssen ja

einen neuen Künstler erzeugen, ihm Eindrücke vermitteln, die

unsern Böcklins und Lenbachs fehlten.« 2 In der französischen

Moderne fand er Anhaltspunkte für neue Ausdrucksmöglichkeiten,

die dem Zeitgeist und seinem eigenen Bedürfnis auf

der Suche nach innovativen Inhalten und Formulierungen

in einer sich ständig verändernden Welt gerecht wurden.

Macke wurde durch die Begegnung mit den Werken Robert

Delaunays (1885–1941) und der italienischen Futuristen auf

das Phänomen der Bewegung in der Kunst aufmerksam. Er

äußerte sich nicht nur über die »raumbildenden Energien der

Farbe« 3 , sondern führte auch aus, dass Kontraste dazu dienten,

»das Leben im Bilde aktiver zu gestalten, die Spannung

zu erhöhen und Bewegung zu geben.« 4 Es ging ihm um die

innere Dynamik seiner Bilder, die sich aus Komposition, Farbgebung

und Kontrastsetzung zusammensetzte.

Insbesondere die Fensterbilder, Abb. 63 die Serie

der Fenêtres, mit denen Delaunay im April 1912 begonnen

hatte, lösten bei Macke eine begeisterte Reaktion aus:

»Reflektierende Spiegelscheiben, durch die man an einem

sonnigen Tag die Stadt und den Eiffelturm sieht, die tiefvioletten

Reflexe, links das herrliche Orange, unten die blassblauen

Häuser, aus denen sich immer wieder, überfangen von dem

scharf abgegrenzten Glänzen der Scheibe, der grüne Turm

steil bis in den azurblauen Himmel erhebt […]. Das ist alles

so herrlich ausgewogen, dass die ganze sonnige Natur sich

drin spiegelt.« 5 Für Macke bedeuteten die Fensterbilder eine

Offenbarung der reinen Farbe, den Vorstoß zu einer neuen

Auffassung der Malerei. Farbflächen füllen die gesamte

Leinwand mit einer geometrisierenden Formenvielfalt. Diese

Formen durchdringen oder überlagern sich und erinnern an

das Brechen des Lichts durch ein Prisma oder an den Einfall

des Lichts durch ein farbiges Glasfenster.

Abb. 63

Robert Delaunay, La Fenêtre, 1912, Öl auf

Leinwand, 45,8 x 37,5 cm, Grenoble, Musée

des Beaux-Arts

Diese Beobachtungen nahm Macke in seinen Darstellungen

von Schaufenstern wieder auf und formulierte

sie neu. Schon in seinen frühen Skizzenbüchern finden sich

belebte Pariser Boulevards, beleuchtete Straßen bei Nacht,

Berliner Straßenecken Abb. 64 und abendliche Straßen, Abb. 65

in denen sich Mackes Interesse für die Großstadt und das

Straßenleben äußerte. Ihm werden die Geschäftsfassaden mit

den beleuchteten Schaufensterfronten und die zunehmende

148 MODE UND MODERNITÄT

149


Aufmerksamkeit, die die Schaufenstergestaltung vor allem in

den Jahren 1913 und 1914 erhielt, nicht entgangen sein. Es

gab kaum eine Zeitschrift, die nicht zu diesem Thema einen

Artikel publizierte. 6 Die Diskussion um Funktion und Wirkung

der Schaufenster weckte das Interesse der zeitgenössischen

Künstler, unter ihnen Honoré Daumier (1808–79) und Max

Slevogt (1868–1932), die von der Darstellung beleuchteter

Fenster und der in ihnen präsentierten Auslagen angezogen

waren. 7 Macke und Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938)

nutzten das Motiv des Schaufensters vor allem für ihre visuellen

Experimente. Die zunehmende Autonomie von Form und

Farbe sowie die optische Empfindung des Lichts spielten

dabei ebenso eine Rolle wie die Eindrücke einer zunehmend

kommerziellen Welt, die einen Wandel der Bedeutung der

Kunst herausforderte. 8

Abb. 64

August Macke, Ecke des Hauses in der

Brandenburgstraße in Berlin, 1907/08,

Bleistift auf Papier, 18,4 x 11,8 cm, Münster,

LWL-Museum für Kunst und Kultur,

Inv.-Nr. KdZ 2150 LM

Es war jedoch Franz Marc (1880–1916), der diese

enge Symbiose zwischen dem modernen Leben und der

reinen Malerei, die angestrebt wurde, zusammenfasste: »Das

Warenhaus und die moderne Beleuchtungsszenerie drängen

uns das Simultane von Delaunay geradezu auf. [...] Die opti-

Abb. 65

August Macke, Abendliche Straße, Bleistift auf

Papier, 16,9 x 10,5 cm, Münster, LWL-Museum

für Kunst und Kultur, Inv.-Nr. KdZ 2192 LM

Abb. 66

August Macke, Elisabeth mit Hut, 1908,

Bleistift auf Papier, 18,5 x 11,9 cm, Münster,

LWL-Museum für Kunst und Kultur,

Inv.-Nr. KdZ 2157 LM

Neben diesen Aspekten spielte auch die modische

Erscheinung Elisabeths eine Rolle. Modebewusst und mit

einem Faible für Hüte regte sie ihren Mann zu bestimmten

Bildfindungen an. Darstellungen von Elisabeth Abb. 66 und

anderen Frauen mit Hüten, Abb. 67 von eleganten Damen in

Cafés oder Restaurants, Abb. 68 von vor den Schaufenstern

innehaltenden Passantinnen waren ebenso seine Sujets wie

Kostüm- und Kleiderentwürfe; Motive, die von der frühen

Pariser Reise 1907 bis hin zu der Zeit in Hilterfingen 1913/14

immer wieder in seinen Skizzenbüchern Niederschlag fanden.

Die unterschiedlichen Entwicklungen in der Kunst, in der

Mode und der angewandten Kunst haben seine Bildthemen in

diesen Jahren mitbestimmt.

DIE BEKANNTSCHAFT VON AUGUST MACKE

UND ROBERT DELAUNAY

August Macke stieß zum ersten Mal während der Vorarbeiten

zum Blauen Reiter im Oktober 1911 auf Fotografien von

Werken Robert Delaunays, die die Malerin Elisabeth Epstein

(1879–1956) aus Paris mitgebracht hatte. Wenige Monate

später, im Januar 1912, konnte er außerdem Werke des

Abb. 67

Franzosen im Kölner Gereonsklub im Original in Augenschein

August Macke, Damen am Tisch im Café oder

nehmen. In der dort gezeigten Wanderausstellung Der Blaue

Restaurant, 1907/08, Kreide auf Papier,

Reiter waren vier Gemälde Delaunays ausgestellt. Die erste

19,5 x 12,3 cm, Münster, LWL-Museum für Kunst

und Kultur, Inv.-Nr. KdZ 2153 LM

persönliche Begegnung der beiden Künstler fand im Anschluss

daran im Oktober 1912 im Atelier Delaunays und seiner

Frau Sonia (1885–1979) in der Rue des Grands-Augustins

statt. Macke war zusammen mit Hans Arp (1886–1966),

Bernhard Koehler jr. (1882–1964), Maria Franck (1876–1955)

und Franz Marc (1880–1916), jedoch ohne Elisabeth, die zu

diesem Zeitpunkt gerade zum zweiten Mal schwanger war,

nach Paris gefahren. Im Atelier Delaunays konnte er die bereits

erwähnten Fensterbilder des Franzosen sehen und auch

seine Farbtheorien kennenlernen. 10 Die Wohnung von Sonia

und Robert Delaunay galt der Boheme als eine Art Salon der

abstrakten Malerei.

Der spontane Gegenbesuch von Delaunay und

seinem Freund Guillaume Apollinaire (1880–1918) bei August

und Elisabeth Macke in Bonn erfolgte drei Monate später und

stand ganz im Zeichen kunstpolitischer Diskussionen über

Abb. 68

die Durchsetzung des Expressionismus in Deutschland. 11 Die

August Macke, Paar im Restaurant, 1914,

beiden Franzosen kamen über Köln aus Berlin, wo Herwarth

Kreide auf Papier, 20,4 x 13,7 cm, Münster,

Walden (1887–1941) Robert Delaunay in seiner Galerie eine

LWL-Museum für Kunst und Kultur,

Inv.-Nr. KdZ 2200 LM

Ausstellung gewidmet hatte, die im Anschluss nach Köln

zum Gereonsklub weiter tourte. Durch den Besuch etablierte

sich, so Elisabeth Erdmann-Macke in ihren Erinnerungen, die

Freundschaft der beiden Künstler und ein intensiver Briefwechsel

begann, in dem es um den Austausch von künst-

sche Kultur der Großstadt ist wie von Delaunay gemacht […].

Strahlungen, Licht, Elektrizität, Telephone, Schallplatten, Fliegen

– nichts entspricht diesem immateriellen Zustand bereits stellungen und Bildverkäufe ging. Auf Betreiben Mackes, der

lerischen Ideen, Äußerungen zur Kunst, aber auch um Aus-

1910 so sehr wie die Reinheit der abstrakten Malerei.« 9 in Köln die Delaunay-Ausstellung mehrmals besuchte, kaufte

150 MODE UND MODERNITÄT

151


Berühmt für seine farbstarken und individuellen

Kompositionen ist August Macke einer der

bekanntesten Maler des deutschen Expressionismus.

Dieses Buch zeigt die einzelnen Aspekte seines

Schaffens in einem neuen Licht. Erstmals steht dabei

die Rolle von Elisabeth Macke im Fokus. In über

200 Gemälden und Zeichnungen hat August Macke

seine Frau dargestellt. Elisabeth, »mein zweites Ich«,

war mehr für ihn als Muse und Modell. Sie managte

sein Künstlerdasein und arbeitete mit Erfolg gegen

das Vergessen des im Ersten Weltkrieg gefallenen

Malers. In einem nahezu lückenlosen Überblick über

alle Schaffensphasen werden anhand der Gemälde,

der 80 Skizzenbücher und dem Nachlass mit Briefen,

Quellentexten und Fotos das Gesamtwerk August

Mackes und das Wirken Elisabeth Mackes in einen

völlig neuen Zusammenhang gebracht.

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