Retail in Transition

JovisVerlag
  • Keine Tags gefunden...

ISBN 978-3-86859-719-6

Retail in

Transition


Digitale Technologien, neue Geschäftsmodelle

und die in Deutschland seit

über einem Jahr andauernde Coronapandemie,

gepaart mit einem demografischen

wie auch kulturellen Wandel,

erschüttern den Einzelhandel. Einerseits

bedrohen die stark angestiegenen Umsätze

im Onlinehandel den stationären

Handel fundamental in seiner Existenz.

Andererseits setzen immer mehr Einzelhändler

mit Geschäften im Stadtzentrum

stärker auf digitale Verkaufskanäle.

Entwicklungen wie diese haben tiefgreifende

Auswirkungen auf unsere

Städte und das urbane Leben. In diesem

Kontext erbrachte caspar.esearch

eine systematische Untersuchung, die

darauf abzielt, die tieferen Zusammenhänge

der Veränderungen im Einzelhandel

zu erkennen. Sie gibt vor allem

Antworten darauf, wie unsere Stadtzentren

und Städte in der Zukunft mit einer

veränderten Einzelhandelslandschaft


aussehen könnten. Denn was wir heute

in unseren Innenstädten erleben, ist

zunächst ein Sterben alter Geschäftsmodelle

und -ideen, was dann in zweiter

Linie eine Entvölkerung der Einkaufsstraßen

nach sich zieht.

caspar.esearch ist die Forschungsabteilung

des Architekturstudios caspar.,

die seit 2017 mit führenden Vertretern

unterschiedlicher Interessensgruppen

und Experten über die Zukunft der

Innenstädte im Dialog steht. Unser Ziel

ist es, die nötigen Kenntnisse für den

anstehenden Wandel in unseren Städten

zu erwerben. Ergreifen wir – über die

anfängliche Schockstarre hinaus – beherzt

die in diesem Wandel verborgen

liegenden Chancen!


110 Vorwort

112 Einleitung

114 Grundlagen Forschung

1

118 Retail in Transition

Verkaufswelten im Umbruch

120 Fakten

140 Workshop Interviews

2

176 Der Wandel der Innenstädte

178 Hauptthesen

182 Aktion 1

116 Aktion 2

160 Aktion 3

3

182 Perspektiven für deutsche

Städte

186 Fallstudien:

Köln, Frankfurt, München,

Düsseldorf, Hamburg, Berlin


Vorwort zur

aktualisierten

deutschen

Auflage

Unsere Zeit ist schnelllebig, im permanenten Wandel.

Auch dieses Buch wurde vom Lauf der Zeiten erfasst

und zum Zeichen rasanter Veränderungen. Als

wir 2017 mit der Konzeption von Retail in Transition

begannen, war die Welt noch eine ganz andere

als die von heute. Wir, ein Team aus nationalen und

internationalen Architekten bei caspar., tauschten

uns über die immer weiter ausgreifenden Veränderungen

unserer Welt aus. Dreh- und Angelpunkt der

ersten Diskussionen waren die Herausforderungen

einer smarten Digitalisierung, Globalisierung und

einer Cyber World, die alle unsere Lebensbereiche

und -welten immer mehr in Beschlag nehmen.

Damals trieb uns vornehmlich ein tiefsitzendes Unbehagen

an. Die Sorge um unsere Städte, wie sich

diese physisch-materiell-soziale Substanz unter

dem Einfluss virtuell-digitaler Techniken und Dynamiken

zu zersetzen begann. Städte sind Orte, Stätten

mit Tradition, Historie, Identität und persönlicher

Identifikation von Millionen von Menschen. Architektur

jeglicher Art, von der Kirche, dem Wohnhaus,

Fabrik oder Bürohaus bis hin zu einer Brücke, ist

das althergebrachte Bindeglied zwischen dieser gebauten

Umwelt und der Psyche, den Wünschen und

Träumen der Gesellschaft.


11

Plötzlich weicht die digitale Ungebundenheit und

Unverbindlichkeit viele, wenn nicht alle, dieser

Faktoren auf. Ortsungebunden können wir prinzipiell

von überall auf der Welt uns mit Informationen,

Arbeit, sozialen Kontakten und Waren versorgen.

Die virtuelle Scheinwelt des World Wide Web steht

jedem offen und ist sofort greifbar. Daher die Frage:

Brauchen wir unsere Städte eigentlich noch als

materielle, analoge Objekte, als Begegnungsstätten,

Identifikationsbild unserer Persönlichkeit, Arbeitsumfeld

oder für den kulturellen Austausch? Kurz

gefragt, sind unsere Städte noch die Orte, wo wir

frei, sicher, ungezwungen und vielfältig leben und

arbeiten können?

Im Oktober 2019 erschien die erste englischsprachige

Ausgabe von Retail in Transition. Seitdem

werden die Nöte unserer Innenstädte mit all den

damit verbundenen existenziellen Fragen des

stationären Einzelhandels leidenschaftlich in den

Feuilletons aller großen Magazine, Zeitungen und

Onlinedienste diskutiert. Kein Tag vergeht, an dem

nicht in den Medien und Foren Beurteilungen zum

wirtschaftlich-kulturellen Niedergang unserer

Städte, besonders unserer Innenstädte, veröffentlicht

werden.

Hinzu kommen die seit Frühjahr 2020 in Europa wütenden

Auswirkungen der weltweiten Coronapandemie.

COVID-19 wird oft mit einem Brennglas verglichen,

das erbarmungslos die Schwächen unserer

Gesellschaft, politischen Ordnung, medizinischen

Versorgung und des Wirtschaftssystems entblößt.

Ein schnelles Opfer der Epidemie wurden auch die

Städte. Wirtschaftlich durch sinkende Besucherzahlen

vom E-Commerce schwer gebeutelt, erfolgte ein

zweiter harter Schlag in Form von mehrfachen und

lang anhaltenden Lockdowns. Der massenhaft erzwungene

Rückzug in häusliche Gefilde und an die

digitalen Instrumente der materiellen Bedarfsbefriedigung

entvölkert seitdem die Städte und treibt den

stationären Einzelhandel in den Ruin.

Alles Tatsachen, die uns, keine zwei Jahre nach

der Veröffentlichung der englischen Originalausgabe,

aufgrund der dramatischen Entwicklungen die

ursprüngliche Thematik noch drastischer vor Augen

führen. Die Lage ist zudem umfangreicher, komplexer

und damit auch komplizierter geworden. Die hier

vorliegende deutsche Ausgabe von Retail in Transition

ist daher keine schlichte Übersetzung. Sie

beruht zunächst auf der Aktualisierung der empirischen

Daten und Fakten (Stand Frühjahr 2021).

Noch wichtiger und relevanter war uns allerdings

die Darstellung, wie sich unser architektonisches

Denken und Handeln über die Zeit weiterentwickelt

hat. Insbesondere in dem dafür vorgesehenen Teil 3

fand eine inhaltliche Neufokussierung gleichbedeutend

mit einer stofflichen Expansion statt.

Die deutsche Ausgabe von Retail in Transition ist

ein der aktuellen Lage und der Brisanz der Ereignisse

geschuldeter work in progress. Der Stand der

Forschungsarbeiten von caspar.esearch kann auf

der digitalen Plattform www.retailintransition.archi

nachverfolgt werden.

Caspar Schmitz-Morkramer


Einleitung

Im Lauf des letzten Jahrzehnts und insbesondere

seit dem weltweiten Ausbruch der Infektionskrankheit

COVID-19 ging bzw. geht ein Riss durch den

deutschen Einzelhandel. Hinzu kommen immer

schnellere und effizientere digitale Prozessketten

mit den daraus entstehenden revolutionären Geschäftsmodellen

und -praktiken. Die Auswirkungen

auf den sozio-kulturellen Zusammenhalt unserer

Gesellschaft sind weitreichend. Kunden können

sich heutzutage per Mausklick von zuhause aus

die bunte Warenwelt direkt ins Haus liefern lassen,

ohne auch nur einen einzigen Schritt vor die eigene

Tür, geschweige denn in ein Geschäft gesetzt zu

haben. Noch vor zehn Jahren war ein derartiger

Service völlig unbekannt. Heute sind Kunden quasi

24/7 beim Onlineshopping. Auf ihren Mobiltelefonen

wählen sie, vielleicht auf dem Weg zur Arbeit,

unter unzähligen Angeboten zum Beispiel schicke

Schuhmodelle aus. Sobald ihre Wahl erfolgt ist,

bestätigen sie den Kauf und bezahlen mit ihrem

Smartphone. Dann wird die Ware umgehend an ihre

Adresse geliefert.

Die neuen Vertriebs- und Verkaufsformen betreffen

alle Produktgruppen von Kleidung bis Lebensmittel.

In vielen Städten und Kommunen zeigen sich schon

erste Anzeichen der negativen Auswirkungen auf

das urbane Leben: Je mehr Käufe online erledigt

werden, umso mehr schließen Geschäfte in einer

alarmierenden Zahl und Geschwindigkeit. Angesichts

dieser Entwicklungen stellt sich die Frage, ob

wir damit das Ende des stationären Handels bzw.

den Abstieg der Innenstädte erleben, so wie wir sie

kennen und lieben? – Vielleicht aber auch nicht …

Erhebungen zeigen, dass dennoch das „Erlebnis

Einkauf“ in innerstädtischen Offlineläden, in denen

Kunden individuell beraten werden, einen großen

Stellenwert einnimmt. Marktführer der unterschiedlichsten

Onlinebranchen investieren in die Ausstattung

dieser 3D-Läden, um auch auf analogen

Wegen eine Kundenbindung zu erreichen. Über

diese Wiederbelebung herkömmlicher Marken- und

Vertriebspraktiken hinaus generieren einige Firmen

mit Hilfe revolutionärer Technologien und frischer

Kreativität neues Potenzial für unsere absterbenden

Innenstädte. Dieser neue Auftritt in zentralen innerstädtischen

Lagen offeriert teils überraschende

Formen des zeitgemäßen Lebens und Arbeitens

im urbanen Kontext. Mit anderen Worten, genau

die Kräfte, die das Absterben des traditionellen

stationären Handels vorantreiben, kreieren neue

Ladenkonzepte sowie ein unkonventionelles „Einkaufserlebnis“.


13

Ohne genau vorhersagen zu können, wie und was

geschehen wird, ist eines sicher: Die Städte der

Zukunft werden vom Aussehen und der Funktion

her teils sehr unterschiedlich zu denen sein, an die

wir heute gewöhnt sind. Für uns gilt es heute, die

Transformationen, die diesen neuen Vertriebs- und

Verkaufsformen zugrunde liegen, klar zu erkennen.

Dieser Erkenntnisschritt ist absolut notwendig, um

die zukünftigen Anforderungen und Bedürfnisse der

Urbanität und der Stadtplanung vorherzusehen und

ihnen dann erfolgreich zu begegnen.

Aus diesem Grund startete caspar.esearch die

Studie Retail in Transition, die die aktuellen Trends

in Technik und Technologie, der Immobilienwirtschaft,

der Stadtplanung und der Mobilität in

Bezug auf das urbane Leben sowie die Entwicklung

der Stadtzentren aufspürt und nachgeht. Unsere

Untersuchungen sollen aufzeigen, wie der Wandel

im Einzelhandel unsere Innenstädte transformieren

wird. Uns ist daran gelegen, eine öffentliche Diskussion

zu stimulieren und eine Debatte zu führen, wie

Städte zu planen sind, öffentliche Orte entworfen

werden müssen und individuelle Gebäude revitalisiert

werden können, damit sie den Anforderungen

der Nutzer weiter gerecht bleiben. Darin liegt die

große Herausforderung für unsere Städte.

Architekten, Stadtplaner, Einzelhändler, Immobilienbesitzer

und -makler, Projektentwickler sowie die

Vertreter der Städte mögen in Retail in Transition

nützliche Ideen und Anregungen für die Wiederbelebung

der städtischen Einkaufslandschaften finden.

Denn die Komplexität des Themas und der damit

verbundenen Aufgaben befreit keinen der oben

genannten Akteure von dieser Auseinandersetzung.

In der Tat hoffen wir, dass diese Publikation das

Interesse einer breiten Öffentlichkeit erregt. Nicht

nur auf Seiten der Planer und Eigentümer, sondern

auch der individuellen Ladenbetreiber einschließlich

der Käuferschichten und Bürger, die unsere Innenstädte

bevölkern.

Wir stellen uns gerne dieser großen Herausforderung,

das historische Projekt „Stadt der Zukunft“

neu zu denken, zu definieren und zu planen. Als

Architekten sind wir der Auffassung, dass die Veränderungen,

die auf uns alle zukommen – insofern

sie korrekt analysiert werden – zu einem Gewinn

unserer Gesellschaft führen. Unser Hauptanliegen

dabei ist es, öffentliche Räume zu generieren und

Gebäude zu konzipieren, in denen Menschen ihre

Potenziale noch besser er- und ausleben können.

Wir bezeichnen dies als Maßstab Mensch – es stellt

die Triebfeder unserer Arbeit dar.

Darunter stellen wir uns nicht nur einen permanenten

Wandel vor, sondern auch die Hoffnung, dass

die Städte der Zukunft eine neue, starke Form der

Bindung mit ihren Bürgern verknüpft. Dann wird der

Handel in das Schlaglicht der Städte zurückkehren,

ein absoluter Gewinn für die Idee der europäischen

Stadt.


Grundlagen

Forschung

Einzelhändler

Immobilien

Verkaufswelten

im Umbruch

Designer

Architekten +

Stadtplaner


15

Teil

Inhalt

Zielgruppe

Teil 1

Verkaufswelten

im Umbruch

Basierend auf statistischen Erhebungen von

Marktanalysen bildet Teil 1 wesentliche Trends

ab. Dies beinhaltet Entwicklungen im Einzelhandel

einschließlich deren spezialisierte Verbreitung in

unterschiedlichsten Bereichen, das Verhalten der

Konsumenten in verschiedenen Produktkategorien,

die Kopplung von Einkauf und Erlebnis sowie den

Anstieg der Paketzustellungen an private Haushalte.

Zusätzlich wird der Einfluss der Aufspaltung des

Einzelhandels in Deutschland und seine Auswirkungen

auf die Innenstädte untersucht. Die Analyse

erfolgt auf drei Ebenen; einer übergeordneten städtischen,

der der Straße und dem Sockelgeschoss

der umliegenden Bebauung (Plinth).

Einzelhändler und Markenverantwortliche;

Stadtplaner sowie

Mitarbeiter und Beauftragte von

Städten

Teil 2

Städte im Umbruch

Teil 2 stellt drei Strategien vor gegen den zu erwartenden

weiteren Rückgang von Einzelhandelsflächen

in Innenstadtlagen:

1. Beibehaltung des städtischen Einzelhandels

durch neue Konzepte; Massenkonsum wird ersetzt

durch differenzierte Einkaufserlebnisse.

2. Bildung und Förderung einer stärkeren Durchmischung

des Einzelhandels, unter anderem mit

Gastronomie und sogar Wohneinheiten.

3. Verbesserung der Zugänglichkeit – Stichwort

Mobilität – und der Aufwertung des öffentlichen

Raums im Sinne von visueller Attraktivität und

Sauberkeit.

Jede dieser Strategien stützt sich auf Internetrecherchen

und ist begleitet durch reale Fallstudien

innovativer Beispiele und städtischer Experimente.

Städtische Entscheidungsträger,

Architekten, Stadtplaner, Einzelhändler,

Immobilienexperten,

Zukunftsforscher

Teil 3

Fallstudien:

Köln, Frankfurt,

München,

Düsseldorf,

Hamburg und

Berlin

Teil 3 beginnt mit morphologischen Studien in verschiedenen

deutschen Großstädten, um beispielsweise

sich wiederholende räumliche Strukturen

zu ermitteln, die dazu geeignet sind, Entwürfe und

Konzepte aufzunehmen, die in Teil 2 vorgestellt

wurden. Dazu werden architektonische Skizzen und

Collagen präsentiert, die jeweils markante Orte in

den Innenstädten widerspiegeln, nachdem sie die

hier vorgestellten drei Strategien durchlaufen haben.

Städtische Entscheidungsträger,

Architekten und Stadtplaner,

Bürger, Immobilienbesitzer und

Projektentwickler


Vorindustrieller

Städtebau

Die moderne

Stadt

bis 1850 1850–1940

Kontext

Städtische Zentren entstehen an Kreuzungen

von Handel und Kommunikation.

Ein Markt, die Kirche und das Rathaus

bilden das städtische Zentrum.

Entstehung von Eisen- und Straßenbahnstrecken.

Trennung von geschäftigen und

weniger frequentierten Einkaufsstraßen

im Zentrum sowie den ruhigen Wohngegenden

in den Vorstädten.

Straße

Hauptstraßen führen von und zu Straßenkreuzungen

und Aktivitätszentren. Das

soziale und wirtschaftliche Leben findet

auf öffentlichen Plätzen, Straßen, Kaianlagen

und Brücken statt, die jeweils zu

Marktzwecken genutzt werden.

Entstehung von breiten Boulevards

durch historisch gewachsene Stadtkerne.

Verkehrsströme werden getrennt geführt.

Geschäfte siedeln sich entlang der

Hauptstraßen und -achsen an, ebenso an

öffentlichen Plätzen, Straßenbahnhaltestellen

und Bahnhöfen.

Sockelgeschoss

Das Leben, Arbeiten und der Handel finden

in ein und demselben Gebäude statt.

Die Waren werden an hölzernen Ständen

oder mittels in Fassaden integrierten Auslagen

angeboten.

Gebäudefassaden werden als attraktive

Schaufensterfassaden ausgebildet, um

Passanten anzuziehen.


17

Das Zeitalter des

Automobils

Die Wiederentdeckung

des

Maßstabs Mensch

1940–1970 1970–1990 1990– heute

Die Rückkehr ins

Stadtzentrum

Enormer Zuwachs an Autoverkehr. Funktionale

Trennung: Büros, Geschäfte und

Theater im Stadtzentrum; Wohnungsbau

und Shoppingcenter in den Vorstädten

und dem Umland.

„War on cars“ und die Forderung eines

fußgängergerechten Straßenbilds.

Neue Geschäfte und Supermärkte

entstehen unter anderem in zentralen

Shoppingmalls.

Die Wiederentdeckung der Stadtzentren

als Orte des sozialen Austauschs,

Amüsements und Freizeit. Stadtzentren

werden für Fußgänger hergerichtet und

verschönert.

Trennung unterschiedlicher Verkehrsarten:

Zusammenhängende Räume

verschwinden. Die Vorstädte werden von

einer Hierarchie der Straßenführung bestimmt,

einschließlich der Durchwegung

auf unterschiedlichen Ebenen.

Die Wiederentdeckung des öffentlichen

Raums als ein Ort des Flanierens, Treffens

und Versammelns. Fußgängerzonen

werden in den Innenstädten angelegt.

Mehr Raum für Fußgänger, weniger für

den Autoverkehr. Geteilt genutzte Verkehrsräume

schaffen offene Straßen für

alle Nutzer. Eingeschränkte Abgrenzung

zwischen Autos, Fahrradfahrern und

Fußgängern.

Offene Gebäudestrukturen in den

Vorstädten erlauben neue Formen von

Läden und Geschäften: Schaufenster

und Verkauf zur Straße; Vertrieb und

Lagerhaltung im rückwärtigen Gebäudeteil.

Der Zugang und die Erschließung der

Wohnbauten erfolgen getrennt.

Kleinmaßstäbliche Entwicklung von

Wohngebäuden in den Innenstädten. Einige

wenige Einkaufsstraßen entwickeln

sich als Shopping-Magneten. Viele Erdgeschosslagen

werden für Wohnzwecke

genutzt und wieder als geschlossene

Fassaden entworfen.

Verstärkte Interaktion zwischen Straßen

und angrenzenden Wohngebäuden, Geschäften,

Restaurants und Cafés, wo sich

Young Urban Professionals treffen und

arbeiten.


1

Retail in Transition

Verkaufswelten im

Umbruch


19


Fakten

Der Onlinehandel im Vergleich zum

stationären Handel wächst und

wächst. Von etwa 55 Milliarden Euro

im Jahr 2018 stieg der Umsatz im digitalen

Handel auf bis zu 74,6 Milliarden

Euro im Jahr 2020. [1]

Viele Einzelhändler betreiben ihr Geschäft

inzwischen als Omnichannel-

Business auf vielen Kanälen und Plattformen,

um ihren Kunden vielfache

Möglichkeiten zum Einkauf zu bieten.


21

Der Aufstieg vom „Einkaufen als Erlebnis“:

In Europa geben die Kunden mehr

aus für Erlebnisse rund ums Einkaufen

als für die eigentlichen Produkte.

Entwicklungen in den Städten und bei

der Mobilität stehen in Zusammenhang

mit den Veränderungen in den

Einkaufswelten. Diese beeinflussen die

Attraktivität des städtischen Umfelds

in mehrfacher Hinsicht.


Der Anteil der Umsätze des Onlinehandels

am gesamten Einzelhandel in

Deutschland wächst überproportional.

Seit 2020 hat sich das Wachstum noch

beschleunigt.

Deutschland ist hinter Großbritannien Europas

zweitgrößter Onlinemarkt. Im Jahr 2019 belief

sich der Umsatz im B2C-E-Commerce in Deutschland

auf 59,2 Milliarden Euro [2]. In der Entwicklung

könnte der Onlineumsatz mit zunehmender

Dynamik bis Ende 2021 auf bis zu 97,5 Milliarden

Euro wachsen [3].

[1] IFH. In: Handelsblatt Nr. 64 vom 01.–05.04.2021.

[2] Statista. Umsatz durch E-Commerce (B2C) in Deutschland in

den Jahren 1999-2019. https://www.de.statista.com/statistik/

daten/studie/3979/umfrage/e-commerce-umsatz-in-deutschlandseit-1999

(24.02.2021)

[3] eMarketer. Germany Ecommerce 2020. https://www.emarketer.

com/content/germany-ecommerce-2020 (24.02.2021)

Grafik 1. Anteil der Onlineverkäufe am Gesamtmarkt des

Einzelhandels (2019) weltweit. Quelle: CRR.


23

50 %

5,4 %

Italien

10,9 %

10,3 %

9,9 %

Spanien

19,7 % UK

16,5 %

USA

15,9 %

Deutschland

Frankreich

Schweden

Niederlande

0 %

3,7 %


Der klassische stationäre Einzelhandel

ist ohne eine gleichzeitige Onlinepräsenz

nicht überlebensfähig.

Zudem fordern Kunden heutzutage analoge wie

auch gleichzeitig digitale Möglichkeiten beim Kauf

von Produkten. Das Schlagwort dafür lautet Omnichannel-Business.

Noch vor einer Dekade gingen die Käufer, nachdem

sie das gewünschte Produkt in der Magazin- oder

Fernsehwerbung gesehen hatten, in ein Geschäft,

um es zu erwerben. Die Ladenbedienung mag das

Produkt dann hinsichtlich seiner Qualitäten noch

weiter ausführlich erläutert haben. Nach dem Kauf

bestand eine Garantie, die es dem Kunden erlaubte,

das Produkt wieder zurückzugeben bzw. zu tauschen.

Diese logische Abfolge von Schritten, die bei

jedem Kauf zeitlich nacheinander erfolgen, wird als

path to purchase bezeichnet.

Einzelhändler und Vertriebler übertreffen sich

einander in der Bereitstellung von ansprechenden

und profitablen Omnichannel-Angeboten, indem sie

den Vorlieben und Erwartungen der Kunden folgen.

Die Daten dafür unterscheiden sich nach Produktkategorien.

Wir kaufen Lebensmittel nicht in derselben

Art und Weise, wie wir elektronische Güter

erwerben, weder online noch offline. Grafik 3 zeigt

eine Langzeitstudie aus Deutschland, die darstellt,

welche Wege Käufer gehen beim Kauf von Lebensmitteln,

Kleidung, Technik und Möbeln. [4]

Technologischer Fortschritt, neue Geschäftsmodelle

und sowohl das Internet als auch Smartphones

haben die Wege zum Produkt vervielfacht. Informationen

über Produkte sind auf entsprechenden

Webseiten und Blogs jederzeit verfügbar, auch

ohne den Besuch eines Geschäfts. So kann man

Kleidung über das eigene Mobiltelefon von zuhause

aus bestellen und dorthin geliefert bekommen.

Gleiches gilt für Lebensmittel, für deren Besorgung

man nicht mehr im Laden anstehen muss, man

holt einfach die fertiggepackte Einkaufstüte im

Supermarkt nach der Arbeit auf dem Weg nach

Hause ab. Moderne Technik macht Online- wie

auch Offlineshopping möglich und verbindet sich

im sogenannten Omnichannel-Konzept, welches als

das gegenwärtig effizienteste Prinzip der Kundenbindung

bezeichnet wird.

[4] siehe auch: KPMG. Trends im Handel 2025: Erfolgreich in

Zeiten von Omni-Business.


25

0,3 428

0,4 432

0,5 423

0,7 417

1 426

1,5 430

1,9 433

2,4 428

2,9 432

3,7 419

4,7 427

5,6 438

6,3 445

7,1 451

7,8 458

8,3 478

9 493

9,5 514

10,1 527

10,9

544

2000

2001

2002

2003

2004

2005

2006

2007

2008

2009

2010

2011

2012

2013

2014

2015

2016

2017 2018

2019

Umsatzvolumen im gesamtdeutschen Einzelhandel in Mrd. Euro (netto) Onlineanteil (%)

Grafik 2. Onlineanteil am Einzelhandel im engeren Sinne in Prozent (institutionelle Einzelhandelsformen in Deutschland einschließlich

ihrer Onlineumsätze, ohne Apotheken, Kfz-, Brennstoff- und Kraftstoffhandel). Quelle: HDE Online-Monitor 2020.


Welche Szenarien haben sie schon angewendet?

Welche Szenarien werden sie in der Zukunft anwenden?

Gewünschte zukünftige Szenarien, z. B. nach größter Zustimmung

Lebensmittel

Kleidung &

Accessoires

Informationen online einholen vor dem Besuch

eines Geschäfts, dann Kauf im Geschäft

23

34

10

14

Kauf im Geschäft mit anschließender

Lieferung nach Hause

8 6

16

14

Online bestellen, dann Abholung der

Ware im Geschäft

5

12

16

22

Information im Geschäft und dann

Onlinebestellung

8

25

6

10

Im Geschäft die Bestellung über das

Onlinehändlerportal aufgeben

8

17

11

15

Im Geschäft das eigene Smartphone zur

Information über Produkte nutzen

13

9

7

11

Online bestellen und dann das Produkt in

das Geschäft zurückbringen

2 9

5 20

Im Geschäft das Produkt über das Portal

eines anderen Händlers bestellen

6

7

3

8


27

Gesundheit &

Wellness

Heimwerken &

Garten

Elektronik

Wohnen &

Möbel

36 52 62

53

15 16 12

12

10 29 26 58

11 29 28 21

8 16 26 20

20 32 21 29

18 16 38 26

13 15 11 13

15 10 21 16

12 19 17 19

14

26 25 15

13

11 11 16

6 5 10

8

17 18 16

17

7 7 20

12

8 4 10

8

Beliebte Omnichannel-Szenarien nach Produktkategorien. Quelle: [4]


Onlineshopping ist nicht in allen

Produktkategorien gleich verbreitet.

Eine Analyse des deutschen Markts offenbart,

dass die Hälfte der Onlinekäufe auf Elektronik und

Kleidung entfallen (Grafik 4). Fast die Hälfte aller in

regulären Geschäften eingekauften Waren gehören

zur Kategorie der FMCG (fast moving consumer

goods), Güter mit einer hohen Umschlagsgeschwindigkeit

wie etwa verpackte Lebensmittel, Getränke,

Toilettenartikel und andere Güter, die ständig erneuert

werden müssen. Obwohl sie 2019 nur 8,7%

der Onlineverkäufe am Gesamtumsatz des deutschen

Onlinehandels ausmachten [5], verzeichnen

FMCGs in letzter Zeit deutlich überdurchschnittliche

Verkaufszahlen. 2019 stieg die Zahl der jährlichen

Onlinekäufe um 11% an und der Lebensmittelanteil

in Bezug auf FMCGs um 16% [6], da

neue Handelsketten den Markt eroberten – so zum

Beispiel in den USA, wo Hightech-Giganten wie

Amazon und Google den Handel mit Lebensmitteln

testeten. In Deutschland bieten bereits große

Supermarktketten wie Rewe oder Edeka Onlinelieferservices

an. Ebenso mehren sich in Großstädten

die Angebote von reinen Onlinesupermärkten wie

Amazon Fresh, Picnic, Gorillas oder Flink.

[5] Statista. Umsatz mit FMCG-Produkten im Online-Handel

in Deutschland von 2010 bis 2019. https://de.statista.com/

statistik/daten/studie/696103/umfrage/umsatz-mit-fmcgim-deutschen-online-handel/

(24.02.2021)

[6] HDE Online-Monitor 2020. https://einzelhandel.de/index.

php?option=com_attachments&task=download&id=10433

(24.02.2021)


29

Mode & Accessoires

7,0 24,7

Elektronik

Heimwerken & Garten

Wohnen & Möbel

5,8

24,2

Schmuck & Uhren

Freizeit & Hobby

Büro & Schreibwaren

FMCG 42,0

Gesundheit & Wellness

Sonstige

8,7

Grafik 4. Anteile der Branchen am Offlineund

Onlinevolumen in Prozent (2019).

Quelle: HDE Online-Monitor 2020.

Mode & Accessoires

-1,4

+10,1

Elektronik

-5,1

+10,4

Heimwerken & Garten

+1,2

+9,6

Wohnen & Möbel

-2,9

+11,1

Freizeit & Hobby

-2,4 +12,2

FMCG

+1,4

+15,9

im Geschäft

online

Grafik 5. Veränderungsraten offline und

online 2019 nach Branchen im Vergleich.

Quelle: HDE Online-Monitor 2020.


Einkaufen und Shopping wird immer

mehr zu einem „Erlebnis“: In Europa geben

die Kunden dafür inzwischen mehr

aus als für die eigentlichen Produkte.

Im Zeitalter des Überflusses und der Warenwirtschaft

verlagern Konsumenten mehr von ihrer Zeit

und ihren Ausgaben auf Erlebnis-Einkäufe und

-Tätigkeiten, wie beispielsweise in Restaurants, Cafés

sowie in Theatern und Kinos. Diese soziologischökonomische

Verschiebung wird in der Fachwelt als

Experience Economy bezeichnet.

Studien belegen, dass der Jahrgang der Millennials,

unter anderem die Generation Z – Personen, die im

Zeitraum zwischen 1997 und 2012 geboren wurden –,

vermehrt Erlebnisse statt materieller Dinge bevorzugt

(20% laut einer Studie von OC&C [7]). Des

Weiteren wird seitdem diese Entwicklung als generationenübergreifend

gesehen. Untersuchungen

der Organisation for Economic Cooperation and

Development (OECD) besagen, dass in den letzten

fünf Jahren Europäer ihr Einkommen vermehrt für

Restaurantbesuche, Ferien und Freizeitaktivitäten

ausgaben. Selbstverständlich variieren die Zahlen

von Land zu Land und werden jeweils unterschiedlich

von sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen

Faktoren beeinflusst. In Deutschland zum Beispiel

wurde 2019 19,2% mehr für Speisen und Getränke

als 2014 ausgegeben (die durchschnittliche Steigerung

lag in der EU bei 13,1%). In demselben Zeitraum

gaben Deutsche 24,5% mehr in Restaurants

und Hotels aus (EU-Durchschnitt +23,6%) und 3,9%

mehr für Kleidung und Schuhe (EU-Durchschnitt

+9,7%) (Grafik 6) [8]. Im Corona-Halbjahr 2020 lagen

dagegen die Ausgaben der Deutschen bei - 26% im

Segment Textilen und bei -66% mit Blick auf private

und Geschäftsreisen [9].

In Großbritannien, 2019 das EU-Land mit der höchsten

Verbreitung des Onlinehandels, gab die Bevölkerung

20,9% mehr in Restaurants und Hotels aus,

für Speisen und Getränke 15,2% mehr und für Kleidung

und Schuhe 22,2% mehr [8].

[7] OC&C. Generation Z hat Lust auf Erlebnisse. https://www.

occstrategy.com/de/%C3%BCber-occ/neuigkeiten-und-medien/

article/id/3745/2019/03/generation-z-hat-lust-auf-erlebnisse

(24.02.2021)

[8] OECD. Final consumption expenditure of households.

https://stats.oecd.org/Index.aspx?DataSetCode=SNA_TABLE5

(24.02.2021)

[9] HDE Standort-Monitor 2021. https://einzelhandel.de/

component/attachments/download/10514 (18.02.2021)

Grafik 6. Haushaltsausgaben (2019) nach Konsum pro Segment in

Prozent. Quelle: [8]


31

+ 19,2 %

10 %

Speisen & Getränke

5 %

0

10 %

EU

Deutschland

Großbritannien

Kleidung & Schuhe Restaurant & Hotel

5 %

0

10 %

5 %

0

+ 24,5 %

+ 3,9 %

2014 2019


Die Entwicklungen im Einzelhandel

durchlaufen einen ständigen Prozess

der Verlagerung, wobei vier Kriterien

herausstechen.

Der Onlinehandel und der Erlebnis-Konsum wachsen

unaufhörlich. Dabei ergeben sich im gesamten

Warenverkehr und -handel entsprechende Verschiebungen,

deren vier wichtigste Elemente sind:

1. Einkäufer kehren von den Einkaufszentren auf

der grünen Wiese und den Gewerbegebieten in

die Stadtzentren zurück [10].

2. Während internationale Ketten und Franchise-

Unternehmen die hohen Mieten in den zentralen

Lagen verkraften, ziehen kleine Boutiquen und

familiengeführte Geschäfte an die Ränder der

Stadtzentren [10].

3. Shoppingcenter werden wieder in den Innenstädten

realisiert. In Deutschland gibt es 544

Shoppingcenter (Stand 27.05.2020). Von den 69

Centern, die in den Jahren 2010 bis 2018 hinzukamen,

sind 75% in Innenstädten entstanden,

18% in Stadtteilzentren und nur 5% in Stadtrandlage

bzw. auf grüner Wiese [11].

4. 1A-Lagen in großen Städten sind die Gewinner

des Wandels im stationären Einzelhandel, dafür

kämpfen die Geschäfte in Randlagen und kleineren

Städten um ihr Überleben.

Dieses Muster des Wandels und der Verdrängung

ist sicherlich nicht nachhaltig. Experten sagen

voraus, dass die Leerstände in den Innenstädten

und die Fluktuationen im Bestand des stationären

Handels weiter stetig zunehmen werden [10] mit

all den nachteiligen Konsequenzen für das urbane

Leben und die Attraktivität der Städte.

Weiter ist festzustellen, dass Shoppingcenter und

Malls, trotz ihrer größeren finanziellen Lukrativität

im Vergleich zu vielen verstreuten Boutiquen, keine

Lösung für die Krise des Einzelhandels darstellen,

ganz zu schweigen von der stark abfallenden

Attraktivität der Stadtzentren. Erhebungen des EHI

Retail Institute zufolge kauften im Jahr 2012 0,28

Millionen Personen täglich in einem Einkaufszentrum

ein, 2020 waren es 0,64 Millionen Personen

[12]. Im Einzelhandel allgemein verbesserte sich die

Geschäftslage von einem Tief im Frühjahr 2019 auf

ein Hoch im Folgejahr um 11 Prozentpunkte [13].

Aber auch die Zukunft von Malls ist ungewiss; laut

einem Bericht von CNBC vom 27. Juli 2020 werden

in den nächsten fünf Jahren 25% der amerikanischen

Shoppingmalls schließen. Viele dieser leerstehenden

Immobilien werden in Büros, Bildungseinrichtungen

und Lagerhäuser umfunktioniert.

Obwohl die USA eine höhere Zahl an Shoppingcentern

aufweist, ist noch nicht gewiss, wie sich

dieser Trend auf Europa niederschlagen wird [14].

[10] Paradigm Shift in City Centers. Across Magazine.

https://www.across-magazine.com/paradigm-shift-city-centers/

(01.04.2021); Zu hohe Preise, zu wenig Erlebnis. Warum

kleine Läden immer öfter sterben. Handelsblatt. https://www.

handelsblatt.com/unternehmen/dienstleister/gewerbevielfaltin-deutschland-zu-hohe-preise-zu-wenig-erlebnis-warumkleine-laeden-immer-oefter-sterben/25206008.html

(18.02.2021)

[11] EHI Retail Institute. Shopping-Center in Deutschland 2019.

https://www.handelsdaten.de/branchen/shopping-center

(18.02.2021)

[12] EHI Retail Institute. Shopping-Center. https://

www.handelsdaten.de/shopping-center/einkaufshaeufigkeiteinkaufszentren-jahresvergleich

(24.02.2021)

[13] HDE Zahlenspiegel 2020. https://einzelhandel.de/index.

php?option=com_attachments&task=download&id=10482

(18.02.2021)

[14] Thomas, Lauren: 25% of U.S. malls are expected to shut

within 5 years. https://www.cnbc.com/2020/08/27/25percent-ofus-malls-are-set-to-shut-within-5-years-what-comes-next.html

(18.02.2021)


33

Grafik 7. Verteilung der zwischen 1991 und 2020 eröffneten

Shoppingcenter in Deutschland, nach Standort und in Prozent.

Quelle: EHI Retail Institute.

75 75

Stadtzentrum

Urbane Randgebiete

Grüne Wiese / Umland

64

68

45

44

40

35

31

25

27

18

19

11

5

5

7

6

1991–1995 1996–2000 2001–2005 2006–2010 2011–2018 2010–2020


Das Wachstum von E-Commerce

erhöht das Volumen der Paketzustellungen,

was wiederum das Verkehrsaufkommen

und die dadurch bedingten

Luftverschmutzungen in den

Städten negativ beeinträchtigt.

80

+91,6 % +33,3 %

60

7,18 8,27

9,97

11,93

13,59

15,4

17,17

19,1

21,07

23,21

25,46

40

20

2010

2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020

B2B

B2C

Grafik 8. Jährliche Aufstellung der Paketzustellung in Europa

von 2010 bis 2020, in Abschnitten (Milliarden Euro).

Quelle: Statista.


35

In dem Maß, in dem der Onlinehandel wächst, steigt

auch die Zahl der ausgelieferten Pakete. Die jährliche

Bilanz der europäischen Paketzustellungen verzeichnet

zwischen 2015 und 2019 einen Zuwachs

von 24%. Amazon konnte seine Einnahmen auf dem

europäischen Markt in den letzten fünf Jahren fast

verdoppeln. [15]

Unterschiedliche Erhebungen gehen davon aus,

dass dieses Wachstum allein in dem Segment

Business-to-Customer (B2C) vonstattengeht, da die

Zahlen des Business-to-Business (B2B) seit 2010

rückläufig sind [16].

Eine aktuelle Studie des amerikanischen Postzustellers

Pitney Bowes hat ermittelt, dass das

Paketvolumen weltweit im Jahr 2019 erstmals die

100-Milliarden-Marke überstiegen hat. Pro Sekunde

werden demnach auf der Welt 3.248 Pakete verschickt.

Der Studie zufolge wird sich das Paketvolumen

innerhalb der nächsten sechs Jahre wahrscheinlich

mehr als verdoppeln. Bis 2026 soll das

globale Versandvolumen 220 bis 262 Milliarden

Pakete erreichen mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate

von 14,8% von 2020 bis 2024 [17].

Der starke Anstieg des B2C-Warenverkehrs stellt

zwei wesentliche Bedrohungen für unsere Städte dar.

Einerseits bedeutet es mehr Auslieferungen, mehr

Verkehr und Luftverschmutzung. Eine Studie des

University Transportation Research Center in New

York attestierte, dass Lieferfahrzeuge bei der Zustellung

bis zu einer Stunde einen Parkplatz suchen.

Andererseits findet sich in der Umgebung der

Auslieferungen mehr Müll in den Straßen, was die

ökologische Bilanz der Städte verschlechtert. Daher

erproben Lieferfirmen schon alternative Arten der

Zustellung, zum Beispiel mit Hilfe von Drohnen und

kleinen Elektrofahrzeugen, in der Hoffnung, dass

diese auch die Zustellung effizienter machen.

Obwohl dies schon die Ökobilanz der Postzusteller

verbessert, verbleibt das Problem des zusätzlichen

Verpackungsmülls.

[15] Statista. B2C market share of parcel services in europe.

https://www.statista.com/statistics/235412/b2cmarket-share-of-parcel-services-in-europe/

(24.02.2021)

[16] Apex Insight. Annual revenue of the parcel market in

Europe from 2010 to 2020, by segment (in billion euros).

https://www. statista.com/statistics/235412/b2c-marketshare-of-parcel-services-in-europe

(18.05.2018)

[17] Pitney Bowes. Parcel Shipping Index. https://www.

pitneybowes.com/content/dam/pitneybowes/germany/de/

Newsroom/pressemitteilungen/PM_2020ParcelShipping

Index_DE.pdf (18.02.2021)


Im Zusammenhang mit dem Wandel im

stationären Einzelhandel stehen Stadtund

Mobilitätsentwicklungen, die die

Attraktivität des urbanen Umfelds auf

vielfache Weise beeinflussen.

Sockelgeschoss

öffentlicher Raum

Stadt auf Augenhöhe

Sockelgeschoss, öffentlicher Raum und die Stadt auf Augenhöhe

beziehen sich auf die Quelle: [18].

[18] STIPO (2016). The City at the Eye Level – Second and

Extended Version. N.B. Die Autoren beziehen sich auf einige der

etablierten Vordenker in Bezug auf die Bewertung und Neudefinition

des öffentlichen Raums, wie etwa Jan Gehl, Kevin Lynch

und Jane Jacobs.


37

Grafik 9. Unattraktive Sockelgeschosse und Erdgeschosszonen,

die die Passanten nicht zum Verweilen oder Betreten des Gebäudes

einladen.

Grafik 10. Eine lebendige Erdgeschosszone macht die Straße

attraktiv, eine Basis für gute menschliche Interaktion.

Obwohl wir nicht genau vorhersehen können, wie

Stadtzentren – unter dem Einfluss des Onlinehandels

in Zukunft aussehen werden, können wir

dennoch ergründen, wie die bisher dargestellten

Veränderungen die Attraktivität der Städte beeinflussen

werden.

In dem Diagramm auf der nächsten Seite sind die

Trends in Bezug auf Stadtentwicklung und Mobilität

mit siebzehn Kriterien der Erreichbarkeit und der

funktionalen Durchmischung großer Straßen verbunden

[18]. Blaue Pfeile stehen für positive Einflüsse,

weiße dagegen für negative. Das Diagramm stellt

eine zukünftige durchmischte Realität dar. Auf der

einen Seite befinden sich Marken des Internets und

weitere Firmen, die Concept-Stores oder Pop-up-

Stores in den Stadtzentren eröffnen, was einen positiven

Einfluss auf die funktionale Durchmischung

der Städte haben könnte. Andererseits könnte die

Vermehrung von Einkaufszentren und die damit

verbundene Krise der kleinen Einzelhändler (Kritikpunkt

„Reduzierung des Bedarfs an Einzelhandels-

flächen“) die feine Balance des urbanen Netzwerks

zerstören. Gleichzeitig mögen die Ersatzwelten für

urbanes Leben in den klimatisierten Einkaufstempeln

das allgemeine Stadterlebnis (Kritikpunkte „nicht

angenehm zu begehen und befahren“ und „keine

schönen Aussichten“) weiter abschwächen.

Den Kritikpunkt, dass vermehrter Verkehr und

Verpackungsmüll das Leben der Städter beeinträchtigt,

kennen wir bereits. Abschließend kommt

hinzu, dass die Errichtung von autofreien Zonen

entweder positive oder negative Auswirkungen auf

die Stadtzentren haben können. Sofern die Städte

die Bereitstellung von Fahrrädern und öffentlichem

Nahverkehr garantieren, so dass die Erreichbarkeit

der Zentren weiterhin möglich ist, dann wird

die Verbannung des individuellen Autoverkehrs

paradiesische Zustände für Fußgänger etablieren.

Im negativen Fall hält es die Menschen vom Besuch

der Stadtzentren ab, was gleichbedeutend mit einer

Verödung unserer Städte wäre.


Die zunehmende Reduzierung von Geschäften

in Einkaufsstraßen, verbunden

mit (und befeuert von) schlechten

Mobilitätsangeboten in Richtung der

Stadtzentren, verleitet Menschen, mehr

Zeit in der jeweils neuesten Generation

von Shoppingmalls zu verbringen. Dort

können sie alle Annehmlichkeiten von

Restaurantbesuchen, Freizeit, Darbietungen

und andere Erlebnisse genießen.

Unter einem solchen Paradigmenwechsel

werden die Städte leiden. Wenn Einkaufsstraßen

an ihrer Frequentierung

einbüßen, verlieren sie schnell ihre

Attraktivität. Einerseits aus der Sicht der

Faktenlage (Geschäfte schließen), dann

aus visuell-materieller Sicht (Fassaden

bröckeln) und letztlich vom menschlichen

Standpunkt (weniger Aktivitäten und Ereignisse

finden statt).

Allerdings verfügt die Straße über viel

Potenzial: Sie ist das verbindende Glied,

welches Museen, Landmarken, Bürogebäude,

Knotenpunkte des öffentlichen

Nahverkehrs und die urbanen Einkaufsmöglichkeiten

miteinander vernetzt. Die

vermehrte Etablierung von Fußgängerzonen

in deutschen Innenstädten ab den

60er-Jahren bis zu den heutigen autofreien

Zonen ermutigte Passanten, wieder

durch die Straßen zu flanieren. Jetzt

gilt es zu verhindern, dass diese Fußgängerzonen

veröden oder von parkenden

Zulieferwagen verstellt werden.

Einzelhändler

ziehen zurück in die

Stadt

Reduzierung des

Bedarfs an Einzelhandelsflächen

Städtische

Einkaufszentren

Autoverbot in

Stadtzentren

Anstieg der

Paketzustellungen

In dem Maße wie der Einzelhandel

und sonstige Funktionen anderswo

stattfinden, zum Beispiel in riesigen

Einkaufszentren, eröffnen sich neue

Möglichkeiten in den freigewordenen

Sockelgeschossen der ehemaligen Geschäfte

insbesondere in vormals monofunktionalen

Einkaufsstraßen. Um neues

Leben in die Stadt zu bringen, kommt

es speziell auf die Wiederbelebung und

Öffnung der Sockelgeschosse an, sie

sind der Schlüssel zu einer belebten und

attraktiven Stadt.


39

Position auf städtischen Gehrouten

Fußgänger (5–20 Passanten/Minute)

Vernetzung des Straßengeflechts

Verbindung zu Plätzen und Parks

Netzwerk

Funktionen erfüllt von Bedeutung/Relevanz

Gebietsdichte

Funktionale

Intensität

Kontext

Angenehm zu gehen und mit dem Fahrrad zu fahren

Sitzgelegenheiten

Schöne Ausblicke, Beobachten von Menschen

Nähe von Parkplätzen

Gehmöglichkeiten ohne Hindernisse

Kreuzungen an vielen Punkten

Begehbarkeit Nutzerkomfort

Mindestens 10 Türen/Tore je 100 Meter Straßenfront

Bewegung, Spiel, Interaktion

Aktivitäten übers ganze Jahr

Variables

Programm

Straße

Unterschiedliche Funktionen

Wertige Cafés, Geschäfte und Kultur

Funktionale

Durchmischung

Sockelgeschosse

Positiver Einfluss

Negativer Einfluss


Hauptthesen


79

Aktion 1

Beibehaltung des städtischen

Einzelhandels durch neue Konzepte;

Massenkonsum wird ersetzt durch

differenzierte Einkaufserlebnisse.

Aktion 2

Förderung einer stärkeren Durchmischung

des Einzelhandels,

unter anderem mit Gastronomie

und sogar Wohneinheiten.

Aktion 3

Verbesserung der Zugänglichkeit

– Stichwort Mobilität – und des

öffentlichen Raums im Sinne von

visueller Attraktivität und Sauberkeit.


Das Wachstum des Onlinehandels und die daraus

folgenden Veränderungen im stationären Handel, die

im vorangegangenen Kapitel beschrieben wurden,

sind das Ergebnis von marktwirtschaftlichen Kräften,

technologischen Entwicklungen und sozio-kulturellen

Transformationen.

Obwohl derartige Entwicklungen eigentlich nie revidierbar

sind, besteht die Möglichkeit, ihre negativen

Auswirkungen auf die Stadtzentren durch politische

Maßnahmen, Stadtplanung und private Initiativen zu

mildern. In der Tat liegt in dem Verlust von stationären

Einzelhandelsaktivitäten, der Reduzierung der dafür benötigten

Flächen im Verkauf wie auch in der Lagerhaltung

eine Chance für die Innenstädte, neue Nutzungen

in das urbane Gefüge zu integrieren. Neue Wohnformen,

Erlebnisgastronomie, Werkstätten und Standorte

für die Produktion gehören dazu. Zu guter Letzt werden

aber auch neue Formen der Mobilität benötigt, die

es den Menschen erlauben, gut und umweltfreundlich

mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln in die Stadtzentren

zu gelangen.

In diesem Kapitel werden drei Strategien für eine Neuprogrammierung

der Innenstädte vorgestellt.

Grafik 11. Das Diagramm verdeutlicht drei Strategien, um dem

durch den Onlinehandel entstandenen Verlust an Attraktivität in

den Städten entgegenzutreten.


81

Ziel

Bewahrung der Attraktivität und Lebendigkeit von Stadtzentren

„Wie sollen wir auf den Niedergang des Einzelhandels reagieren

und gleichzeitig unsere Städte attraktiv und lebendig halten?“

Strategische

Ebene

Neuprogrammierung der Stadtzentren

1. Beibehaltung des städtischen

Einzelhandels durch

neue Konzepte

2. Durchmischung fördern 3. Verbesserung der

Mobilität und des öffentlichen

Raums

Wie werden stationäre

Geschäfte in Zukunft

aussehen, bedingt durch

das starke Wachstum des

Omnichannel-Handels?

Welche Funktionen und

Aktivitäten können im

wachsenden Leerstand

der Einkaufsstraßen stattfinden?

Welche Transformationen

müssen im öffentlichen

Raum stattfinden, um

Interaktion unter den Besuchern

der Stadtzentren

zu fördern?

Taktische Ebene

Neue Konzepte für den

stationären Handel

Alternative Nutzungen von

Läden und Geschäften

Innovative Mobilitätskonzepte

Aktionen

– Das Geschäft als

Erlebnisraum

– Das Geschäft als Ort

der Co-Produktion

– Pop-up-Stores

– Geschäfte mit einem

Anteil von Gastronomie

– Lebensmittelherstellung

– Neue Wohnformen

– Warenproduktion und

Kreativwirtschaft

– Kunst und Freizeit

– Energiegewinnung

– Kostenloser Nahverkehr

– Multimodale Transportsysteme

– Dezentralisierte Flotte

autonomer Mietwagen


Aktion 1

Beibehaltung des

städtischen Einzelhandels

durch neue

Konzepte; differenzierte

Einkaufserlebnisse

statt Massenkonsum.

Das Aufkommen des Onlinehandels wie auch die

vorgestellten Trends zwingen die Marken, die

Einzelhändler und die Ladenmanager, die Funktion

und das Aussehen des stationären Handels neu

zu überdenken. In der ganzen Welt experimentieren

schon Firmen mit neuen Formen für ihre Läden

und Geschäfte. Eine Untersuchung der individuellen

Ausrichtungen ergab vier Antworten, den stationären

Handel in Zeiten von E-Commerce zu prägen:

1. Das Geschäft als Erlebnisraum

2. Das Geschäft als ein Ort der Co-Produktion

3. Pop-up-Stores

4. Geschäfte mit einem Anteil von Gastronomie

Interessanterweise integrieren eine Handvoll von

Geschäften mehr als eine der oben aufgeführten

Maßnahmen. Zum Beispiel sind die Flagship-Stores

von Nike und Adidas beides, Experimentierfeld

und Ort der Co-Produktion – dank der Herstellung

im Laden und der Rapid-Prototyp-Technologie.


83

4.

1.

Lau Pa Sat

Barneys

Memomi Labs

H&M

It’s Pleat

Eataly

Brandless

Nike

Stores

Adidas

Shop

Selfridges

Fragrance

Lab

2. Uniqlo 3.

Ministry of

Supply

Dresden Vision

Fast Food Aid

ECCO

Quant-U

Grafik 12. Neue stationäre Einzelhandelskonzepte, Beispiele und Fallstudien.


Angekommen im Hier und Jetzt

„In der Zeit, als wegen Corona viele öffentliche

Räume geschlossen waren, haben wir erlebt, wie

wichtig sie sind. Öffentliche Räume heißt nicht

zwingend, dass sie Räume der öffentlichen Hand

sind, also dem Staat gehören. Es ist ein qualitativer

Begriff, der inklusiv ist: In öffentlichen Räumen

können Menschen aus allen sozialen und kulturellen

Milieus zusammenkommen, von Spielplätzen

bis zur Sportstätte, von Parks bis – ja – zur Straße.“

Habek, Robert. Von hier an anders: Eine politische

Skizze. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2021.

Die Politik, wenn nicht gar bestimmte Politiker

haben begriffen, wie und wo sich die Gesellschaft

verändert und welche Spuren dies im Land hinterlässt.

Im Hier und Jetzt einer Welt, die wie getrieben

ist von epidemiologischen Fragen, Zahlen, Daten

und Vorschriften bzw. Verboten, zählen plötzlich

wieder althergebrachte Werte und verlässliche

Zustände. Die Summe der im Zitat oben benannten

Orte und Qualitäten ergibt erste Konturen vom Bild

einer Stadt. Städte sind seit jeher Orte, in denen der

Wandel, der Fortschritt, schlicht jede Art von Veränderung,

sich besonders exponiert. Zählen wir all die

in diesem Buch bereits benannten Fakten zusammen

und fügen den „Megatrend“ Coronapandemie

hinzu, wissen wir, dass Gesellschaft und Wirtschaft

– will sagen das öffentliche Leben und Arbeiten –

an ihren Belastungsgrenzen angekommen sind.

Was kann die Architektur in solchen Krisenzeiten

leisten? Denn ähnlich wie Politik und Wirtschaft

ist meines Erachtens auch die Architektur gefordert.

Sie wird zum Bindeglied einer systemimmanenten

Hinterfragung wie auch Neudefinition der Wirtschaft,

des Handels und des gesellschaftlichen Miteinanders.

Sie entwirft, plant und realisiert Bauten und


185

Orte, die sich Menschen aneignen. Das muss immer

im Hier und Jetzt, auf der Höhe der Zeit geschehen,

die Flucht in die Vergangenheit oder sonstige

Plattitüden wäre eine fahrlässige Missachtung der

drängenden Fragen und Bedürfnisse unserer Zeit.

Nicht mehr die freie Natur, sondern die gebaute

Umwelt bevölkern heutzutage die meisten Menschen

auf unserem Globus. Dicht gedrängt arbeiten,

kommunizieren, berühren, ja, reiben sie sich dort

in den steinernen Wüsten. Mit anderen Worten, die

Antworten der Architektur auf die gegenwärtige

Krise sind überlebensnotwendig für das Wohlergehen

des größten Teils der Menschheit.

Eine Utopie zuviel?

Zu allen Zeiten ersonnen Gesellschaften Utopien

und Visionen neuer Lebensformen und Gemeinschaften.

Fast immer standen diese auch im direkten

Zusammenhang mit teils sehr konkreten Aussagen

über fiktive oder reale Städte. Zum Beispiel

war der Hintergedanke von Thomas Mores Utopia

die Reformation der europäischen Gesellschaft am

Beispiel Londons. Sozusagen waren und sind Utopien

– einschließlich ihrer Projektionen auf Städte

– immer das ideelle Ebenbild aktueller wie gegenwärtiger

Probleme im jeweiligen Hier und Jetzt.

Analyse, ob das Geschäftsmodell der europäischen

Stadt auf neue Füße gestellt werden kann. Ein ‚Weiter

wie bisher‘ schließt sich schon jetzt automatisch aus.

Architektur, von allen Künsten, die durch ihre allgegenwärtige

Präsenz am härtesten geforderte,

steht als Allererste in der Pflicht, den virtuell-digitalen

Welten ein konstruktives, physisch-materielles

und sensorisches Gegengewicht zu bieten. Wir

Architekten sind es unserem urbanisierten Planeten

schuldig, eine sinnhafte, nachhaltig gebaute Umwelt

zu schaffen. Getrieben von der Charta von Athen

(CIAM) uferte der Städtebau im 20. Jahrhundert

unter anderem in der autogerechten Stadt aus. Um

derartige Fehlentwicklungen zeitnah und wirkungsvoll

zu verhindern, gilt es in unserer heutigen Zeit

wachsam zu sein, dass Städte nicht zu digital leergefegten

Wüsten oder gar zu webbasierten Slums

verkommen.

Wie also die Zukunft denken, planen, zeichnen und

umsetzen? Die auf den folgenden Seiten exemplarisch

vorgestellten Szenarien gehen der Frage

nach, wie architektonisch und städteplanerisch mit

unseren digital-ausgebremsten Städten umzugehen

ist. Erschwerend hinzu kommen werden die jetzt

noch nicht absehbaren wirtschaftlichen Folgen der

Coronapandemie und der damit in Zusammenhang

stehenden Lockdowns. Wie konkret dann der Stillstand

und die Verödung der im Lockdown verharrenden

Stadtzentren sein wird, beruht auch auf der


Fallstudien


187


Köln

Köln, bisher ein Mekka des Einkaufstourismus,

teilt sich hauptsächlich

in drei Einkaufsstraßen und fünf Einkaufszentren.

Mit über 16.000 Passanten pro Stunde

war die Schildergasse unter den Top 5

Einkaufsmeilen Deutschlands. Allerdings

verzeichnen, wie überall auf der Welt,

die Straßen und Malls in Köln kaum Unterschiede

im Angebot.


189

Monopolisierung und Standardisierung

verflachen das Warenangebot,

drücken den Standard und leisten

damit der Monotonie des Kommerzes

immer mehr Vorschub.


191

Die Konsequenzen für den architektonischen und

öffentlichen Raum sind fatal. Das Stadtbild als

Identitätsträger ist nachhaltig beschädigt, einzelne

Gebäude verwahrlosen und treten als reine „Lagerhaltung“

immer mehr in den Hintergrund. Das

Straßenbild ist indifferent, auswechselbar und von

einer atmosphärischen Tristesse geprägt. Fazit:

Spezialisierte und/oder inhabergeführte Einzelhändler

sind nur noch rar gesät oder nicht mehr

vertreten. Der hohe Mietspiegel zwingt viele von

ihnen zur Geschäftsaufgabe. Der Veränderungsdruck

in Kölns Einkaufsstraßen wächst beständig.


B

Ehrenstraße / Breite Straße

H

Hohe Straße

S

Schildergasse

Hauptbahnhof

€ 55–100 / m2

1

B

2

4

H

€ 150–250 / m2

3

Neumarkt

S

5

€ 150–250 / m2

Lage der Einkaufsstraßen in Köln mit den jeweiligen Mieten in Euro/m2. Quelle: Rheinische Immobilienbörse e.V/IHK Köln.


193

1

2

3

DuMont Carré

Karstadt Köln

Neumarkt Galerie Köln

4

Opern Passagen

5

Galeria Kaufhof

Cologne Hohe Straße


Köln besteht – wie viele andere deutsche

Städte – aus einer endlichen Zahl

von Raum- und Gebäudetypologien.

Monofunktionaler

Block

Monofunktionales

Gebäude

Kulturelle und kreative Aktivitäten

Neue Lebensformen

Arbeiten in der Innenstadt

Lebensmittelproduktion in der Innenstadt

Energiegewinnung


195

Jedes Stadtzentrum setzt sich aus unzähligen

Gebäuden zusammen, wobei ein jedes eine einzigartige

Gestalt, materielle und ästhetische Qualitäten,

Verbindung mit der Umgebung, Funktion und

Geschichte hat. Trotz dieser Vielfalt ist es möglich,

eine bestimmte Zahl wiederkehrender Muster räumlicher

Art und Gebäudetypologien nach architektonischen

Kriterien der Proportion, horizontaler oder

vertikaler Ausrichtung und Positionen zu erkennen.

Alle Einkaufszentren zum Beispiel, die in den vorangegangenen

Kapiteln beschrieben wurden, können

aufgrund ihrer Dimensionen, Ausmaße und dem

Fehlen eines mittigen Innenhofs mit der Beschreibung

„Monofunktionaler Block“ klassifiziert werden.

Dachparkplätze

Kommerziell genutztes

Erdgeschoss

Baulücke

Platz/Innenhof

Eine räumliche Analyse der städtebaulichen Struktur von Köln lässt sechs relevante Typologien erkennen.


Monofunktionaler Block

Monofunktionales

Gebäude


197

Dachparkplätze

Kommerziell genutztes

Erdgeschoss

Baulücke

Platz/Innenhof

Die sechs Typologien des Städtebaus und der Architektur gemäß ihrer Lage in der urbanen Struktur von Köln.


Eine Vision für

die Schildergasse

in Köln.

Die Schildergasse neu gedacht mit frischen Konzepten, alternativen Nutzungen, neuartigen

Typologien und sozialen Akteuren, die wieder in die Innenstadt gelockt werden.


199


Neue Aktivitäten, neue Programme, neue Typologien,

neue Gebäude und neue Nutzer (vielleicht

sogar Formen von Künstlicher Intelligenz) besetzen,

besiedeln und beleben die Innenstädte der Zukunft.

Einige davon werden früher, andere später auf der

Bildfläche erscheinen. Eines ist allerdings jetzt

schon sicher: Die Städte werden nicht so bleiben,

wie sie sind. Aus der herkömmlichen Flaniermeile

entsteht eine neue „Öffentliche Zone“.


201

Die Schildergasse der Zukunft – ein öffentlicher Raum, der von allen Einwohnern jeglichen Alters und auch der

Künstlichen Intelligenz genutzt wird.


203

Ideen

– Stadtmarketing: Domstadt mit Einkaufsanschluss.

– Nutzung der Kirchen und der klerikalen Architektur

in Kölns Stadtgesicht als städtebaulichen

Marken und Highlights.

– Verringerung eines konsumgetriebenen Stressfaktors:

Schaffung einer entspannten Atmosphäre,

die mehr als nur das Shopping erlaubt.

– Was wir heute mehr denn je brauchen, ist das

genaue Gegenteil der modularen, seriellen Stadt

aus der Retorte von Moderne oder Post-Moderne,

nämlich höchste Individualität und Identität!

– Eine fantastische wie gleichzeitig einmalige Gelegenheit:

Mit der Verlagerung des Handels in das

Internet werden innerstädtische Flächen frei. Statt

Verknappung stehen immer mehr neue Flächen

in bester Lage zur Revitalisierung bereit unter dem

Motto „Neues Denken, Planen und Nutzen“.

– Doppeltes Potenzial – Immobilien ohne Rückseiten:

Wo früher noch täglich Waren angeliefert

wurden, Logistik mit starker Frequenz stattfand,

ist heute gähnende Leere und Stille. Zeit und Platz

für die „Einkaufsstraße“.

– Kommerzielle Einheiten: Dort, wo Flächen in

Gebäuden und im öffentlichen Raum frei werden,

sich öffnen oder veröden, ist dringender Handlungsbedarf

angesagt. Flexible Einheiten, Opportunitätswaben

als neue ökonomische Größen des

stationären Handels.


Eine Vision für

den Alexanderplatz

in Berlin.


225

Ideen

Symbolhaft donnert die Dampframme in Döblins

Roman Berlin Alexanderplatz mit Getöse die Spundwände

für den U-Bahntunnelbau in den Boden.

Der Platz kommt niemals zur Ruhe. Nicht nur konstruktiv,

auch historisch und sozial sind die Erschütterungen

auf Berlins größtem öffentlichem Platz für

jedermann zu spüren, zu sehen und nachzuverfolgen.

Seitdem gilt der Alexanderplatz als Synonym

für unaufhaltsamen Fortschritt, permanenten Wandel

– und letztlich als Abbild menschlicher Verwerfungen.

Heute gibt die circa acht Hektar große Fläche ein

Bild städtischer Orientierungslosigkeit ab. Die am

südwestlichen Rand gelegenen zwei Peter-Behrens-

Bauten, das Alexander- und Berolinahaus, flankieren

bzw. fassen den Platz nur noch mühsam. Nach

Nord-Osten franst der Alexanderplatz städtebaulich

aus, verliert sich regelrecht. Daran können auch

die 2004 im Zuge der Neugestaltung wieder verlegten

Tramschienen und errichteten Haltestellen

nichts ändern. Auch haben die für die Platzgestaltung

und Randbebauung erfolgten Wettbewerbe

noch nichts Grundlegendes bewegt. Allerdings erlangte

der Alexanderplatz als größter Kriminalitätsschwerpunkt

Berlins eine traurige Spitzenposition.

Der Alexanderplatz ist ein perfektes Beispiel dafür,

wie sich Städtebau und Architektur überschätzen

können. Statt eines Zusammenspiels aller Kräfte

wurde bisher zu sehr auf Einzelmaßnahmen gesetzt.

Dabei wissen wir, dass der öffentliche Raum aus

einem Zusammenspiel aller entsteht, lebt und belebt

wird.

– Das menschliche Maß: Sinneswahrnehmungen

und Größenordnungen des Stadtbilds auf Augenhöhe.

Die menschliche Stadt findet sich wieder

auf belebten Plätzen, Parks und Straßen. Bestenfalls

bringt Architektur das menschliche Maß

voll zur Geltung. Statt bemitleidenswerte Randfiguren

urbaner Verwahrlosung spielen Gebäude

eine zentrale Funktion, indem sie Attraktionen

im städtischen Umfeld darstellen und einen unverzichtbaren

Faktor im Erlebnis Stadt abgeben.

– Gute öffentliche Räume mit hoher Lebensqualität

bedürfen der Kohäsion durch Präsenz, nämlich die

der Bevölkerung.

– Zu große räumliche Offenheit kippt schnell in

Verlorenheit und Unsicherheit.

– Strukturierung des Raums durch Bepflanzung

und Möblierung (Brunnen, Bänke, Kiosk). Der

Alexanderplatz ist eher ein Fleck als ein Platz im

städtischen Gefüge Berlins.

– Fazit frei nach Jan Gehl, Architekt und Stadtplaner

aus Kopenhagen: Der Wandel muss für alle

Sinne spürbar bleiben, darf aber nie zur verbauten

Agonie verkommen. Einen Überblick geben

dabei die zwölf Qualitätskriterien für die Stadt auf

Augenhöhe (in: Gehl, Jan. Städte für Menschen.

S. 275).


227


Impressum

Sprachliche Gleichstellung

Sofern Personenbezeichnungen in männlicher Form

verwendet werden, sind mit diesen stets sowohl

männliche als auch weibliche Personen gemeint.


235

© 2021 by jovis Verlag GmbH

Das Copyright für die Texte liegt bei den Autoren.

Das Copyright für die Abbildungen liegt bei den

Fotografen/Inhabern der Bildrechte.

Alle Rechte vorbehalten.

Autoren

Caspar Schmitz-Morkramer mit

Aurelio David und Federico Garrido

Herausgeber

Caspar Schmitz-Morkramer

caspar. | Erftstr. 17 | 50672 Köln

www.caspar.archi

www.retailintransition.archi

Redaktionsteam der aktualisierten

deutschen Ausgabe:

Michael Kuhn (caspar.)

Christian Brensing (CBE Ltd. London/Berlin)

Laura Stillers (caspar.)

Übersetzung aus dem Englischen

Christian Brensing

Zukunftsvisualisierungen

Caspar Schmitz-Morkramer mit Kacper Rojek

Diese Publikation einschließlich ihrer Bestandteile

ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung

ohne Zustimmung des Herausgebers ist unzulässig.

Dies gilt insbesondere für die elektronische oder

andersartige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung

und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der

Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

jovis Verlag GmbH

Lützowstraße 33

10785 Berlin

www.jovis.de

jovis-Bücher sind weltweit im ausgewählten

Buchhandel erhältlich. Informationen zu unserem

internationalen Vertrieb erhalten Sie von Ihrem

Buchhändler oder unter www.jovis.de.

ISBN 978-3-86859-719-6

Layout und Design

Studio für Gestaltung, Köln

Druck

Druckerei Kettler, Bönen

Printed in Germany

Weitere Magazine dieses Users