Aktion Mensch

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Aktion Mensch der Zeitschrift Mein Leben Live

Welche Frage Du Dir auch stellen magst, Liebe ist die richtige Antwort …

Auf der Suche nach dem wahren Geist der Weihnacht

von Guido Kreft

Kay ist ein sogenannter

Engel der Straße, wie

obdachlose Menschen

gern ihre Wohltäter

nennen, die sich ehrenamtlich

und liebevoll

um sie kümmern.

Da waren Menschen am Rande des Abgrunds und sie

wollten mit mir teilen.

„Sie gaben mir Herzlichkeit und etwas Wärme. Ich war

auf dem Weg nach Hause und fuhr in einem beheizten

Auto zu meiner beheizten Wohnung. Doch ich wusste in

jenem Moment, dass Wärme etwas anderes bedeutet.

Und es war in der Heiligen Nacht, als mir Menschlichkeit

begegnete und mir bewusst wurde, wie wenig ich selber

in all den Jahren davon gegeben hatte!“

Doch warum müssen diese Menschen in dieser kalten

Jahreszeit überhaupt draußen übernachten? Ich sollte

an diesem Abend noch so manchen, tieferen Einblick erhalten

...

Es ist der 24. Dezember 2020 ca. 19:00Uhr,

als ich Kay Kuhnert auf einem Parkplatz hinter einer

Trinkhalle in Dortmund treffe. Das überdachte Portal

dieser Trinkhalle, ist nicht nur unser Ausgangspunkt

für einen gemeinsamen Streifzug durch eine für mich

unbekannte Welt, sondern zugleich eine Stelle, an der

wir später noch zwei von Kays Schützlingen begegnen

werden, die sich dort regelmäßig aufhalten und oft auch

ihr Nachtquartier teilen.

Einer von ihnen war Nils, der an jenem Abend, tief in

mir, etwas verändern sollte…


In einem kurzen Vorgespräch erfahre ich von meinem Begleiter,

dass es für sehr viele Bedürftige keine ausreichende

Anzahl an Unterkünften sowie Betreuungsmöglichkeiten

gibt und es den Hilfesuchenden zudem oft unnötig

schwer gemacht wird, diese zu nutzen, nur damit sie

möglichst nicht wiederkommen, um es sich „zu gemütlich“

zu machen. Dann erfahre ich weitere Details, über

die ich mir zuvor nie Gedanken gemacht hatte, einfach

weil sie mich bis zu diesem Abend, den ich ganz bewusst

gewählt habe, „scheinbar nichts“ angingen.

Es war die Rede von Ausweispapieren verschiedenster

Art, die gerade jetzt in Zeiten von Corona, auch von Obdachlosen

zunächst beantragt werden mussten, um gewisse

Annehmlichkeiten in Anspruch nehmen zu können.

Nicht selten wurde ihnen dann vor Ort mitgeteilt, dass

die Behörde oder amtliche Stelle nicht zuständig wäre

und die Obdachlosen dann in entfernte Städte fahren

sollten, um entsprechende Dokumente zu erhalten. Doch

wie kommt jemand, der nichts besitzt außer der Kleidung

am eigenen Leib, zum Beispiel nach Gelsenkirchen

oder Essen, ohne öffentliche Verkehrsmittel zu „missbrauchen“?

Deren Benutzung setzt schließlich den Besitz

eines Fahrscheins voraus! Viele verzichten aufgrund

solcher Schikanen auf jede offizielle Hilfe.

Während ich diese Infos von Kay erhalte, steigen wir in

sein Auto und erreichen kurze Zeit später ein sogenanntes

Wärme-Zelt, als erste Anlaufstelle auf Kays Route. Es

ist ein großes Zelt und erinnert irgendwie an ein Festzelt,

obwohl hier natürlich keine festliche Stimmung aufkommen

kann. Kay möchte nachsehen, ob einige seiner

Schützlinge sich hier aufhalten. Er hat Weihnachtstüten

mit Süßigkeiten und Pflegeutensilien dabei. Auch etwas

Kleingeld in kleinen Pappbechern (sog. Klimpergeld aus

Spenden) soll jeder erhalten. Masken auf und es geht

durch den hinteren Eingang hinein. Dort wird zunächst

unsere Temperatur im Kopfbereich mit einer Art Laserpointer

gemessen. Alle Tische sind, wenn überhaupt, einzeln

besetzt. Die ehrenamtlichen Helfer sind sehr freundlich

und bieten Kay und mir gleich ein heißes Getränk

an. Ich lehne dankend ab, was einige Besucher und das

Personal scheinbar doch ein wenig misstrauisch macht.

Wer war dieser Typ, der nur beobachtete, was hatte er

wohl vor?

Immerhin stellte diese Anlaufstelle für Bedürftige eine

erste und halbwegs freundliche Begegnung mit der sonst

so harten Realität der Armut für mich dar. Allerdings war

dies nur ein Aufwärmzelt und keine Gelegenheit, sich

dauerhaft darin aufzuhalten oder gar dort zu übernachten.

Erst als wir nach kurzem Aufenthalt weiterzogen,

sollte ich etwas mehr über sogenannte Brennpunkte

dieser Stadt erfahren.

Ich hatte bis zu jenem Abend nur für meine Zeitschrift

über solche Gegebenheiten berichtet und wie so viele

Menschen, den ein oder anderen Euro einfach nur in

einen Becher geworfen, ohne seinem Besitzer besondere

Aufmerksamkeit zu schenken.

Und Schenken, genau das ist doch ein so wichtiger

Brauch zum „Fest der Liebe“!? Ich hatte in der letzten

Zeit viele Gelegenheiten, darüber nachzudenken, was

zum Beispiel Liebe bedeutet oder was im Leben wirklich

wichtig ist. Na ja, ganz konkret ausgedrückt,...

was mir – in meinem Leben – wichtig erschien.

Unser Ausgangspunkt

Eine Trinkhalle in Dortmund. Hier treffen wir später auf

Nils und seinen Kumpel Rocky. Was Nils mir dann vor

Augen hielt, hat mich tief bewegt und etwas in mir verändert.

Ich verdanke einem Obdachlosen eine neue, bessere

Lebenseinstellung und noch etwas mehr...

Und eines hatte ich jetzt schon verstanden. Es ist niemals

falsch, Liebe zu (ver)schenken, egal wie und worin diese

sich auch immer äußern mag. An diesem besonderen

„Heiligen Abend“, traf ich einen Menschen wie Kay, der

genau das praktizierte, und solche Menschen, die dankbarer

für jede Kleinigkeit und Aufmerksamkeit waren, als

ich es bis zu jenem Zeitpunkt jemals hätte sein können!


Für die Bedürftigen einige Stunden Geborgenheit. Ein

kleines Glück auf Zeit!

Danke an alle, die sich so selbstlos für andere Menschen

einsetzen!

Ein Zelt zum Aufwärmen. Das Zelt selbst wurde von der

Stadt Dortmund zur Verfügung gestellt.

Ansonsten wird alles durch Spenden finanziert und von

ehrenamtlichen Helfern organisiert.

Unser Weg führte uns nun in die Innenstadt von Dortmund.

Vorbei an den ersten Nachtlagern derer, die von der Gesellschaft

nicht nur vergessen schienen, sondern auch

gemieden und oftmals gedemütigt wurden. Aus Angst

vor Übergriffen und aus Scham, verschanzten sie sich in

dunklen, kalten Ecken oder eben manchmal in, vielleicht

ein wenig mehr Schutz versprechenden, beleuchteten

Kaufhauseingängen. Ein winziges, trügerisches Stückchen

Geborgenheit auf Zeit. Kay erzählte mir von häufigeren

Übergriffen jugendlicher Banden, die schon mehrfach,

und besonders auf wehrlose Obdachlose, mit Eisenstangen

eingeprügelt hatten. Auch Rasierklingen und

ähnliche Gegenstände wurden benutzt, um den Leuten

auf der Straße Gewalt anzutun und ihnen ihre wenigen

Habseligkeiten wegzunehmen....


Ich kann nicht wirklich beschreiben, was in meinem Kopf

vorging. Von Fassungslosigkeit, Wut und einer gewissen

Ohnmacht, nicht wirklich etwas dagegen tun zu können,

war wohl alles an Emotionen dabei und diese sollten sich

an diesem Abend noch bis ins Maßlose steigern.

Das Auto an einer Kirche in der Innenstadt abgestellt,

begegnen wir zunächst Leo, einem alten Bekannten von

Kay, der dort, gegenüber der Kirche an einer Hausecke

sein Nachtquartier eingerichtet hat. Nicht zum ersten

Mal, wie ich selbst unschwer erkennen kann.

Kay fragt nach, ob Leo noch etwas braucht, was er bei

seinem nächsten Besuch mitbringen könnte. Wegen der

Weihnachtstüten hatte Kay diesmal nicht so viel Platz für

andere Gebrauchsgegenstände in seinem Auto und verspricht,

benötigte Sachen bei Bedarf schnell zu besorgen.

Anschließend verteilte Kay seine Weihnachtstüten. Auch

an den Mann, der gegenüber von Leo in einem Kaufhauszugang

sein Quartier aufgeschlagen hatte.

Es ist Marc, ebenfalls ein Mann im mittleren Alter, mit

dem ich eine Weile reden kann, während Kay sich um die

Weihnachtstüten kümmert. Marc ist sehr freundlich und

ich gehe, zwar noch immer auf Corona-Abstand achtend,

etwas näher an ihn heran. Er bittet mich sehr freundlich,

möglichst ein kleines bisschen mehr Abstand zu wahren,

da die obligatorische Wand aus Pappe zwischen ihm und

mir den kleinen Rest seiner Privatsphäre darstellen würde.

Wieder etwas, worüber sicher niemand nachgedacht

hätte, so wie ich selbst in diesem Moment, obwohl wir

doch alle unseren Wohlfühlbereich beanspruchen. Mit

einigen Worten des Bedauerns über meine Unachtsamkeit

trete ich zwei Schritte zurück und frage Marc, wie

man es in Anbetracht der Kälte und auch der Gefahr auf

der Straße fertigbringt, überhaupt Ruhe zu finden oder

gar zu schlafen. Er lächelt mich freundlich an und erklärt

mir, dass man unter solchen Umständen eine Art Radar

oder eine Antenne für die Gefahren entwickeln würde.

Allerdings gibt er zu, dass auch er bereits mehrfach Opfer

von Gewalt wurde.

Hier starb Teddy. Er wurde nur 35 Jahre alt, als sein Herz

versagte.

Direkt neben Leo ist eine kleine, liebevoll gestaltete Gedenkstätte,

bestehend aus Grablichtern, Tannenzweigen,

Bildern und weiteren Gegenständen für seinen Kumpel

Teddy eingerichtet. Dort, an dieser Stelle, starb ca. einen

Monat zuvor der junge Mann, im Alter von 35 Jahren, an

den Folgen einer Herzschwäche. Zwei weitere Kumpel

von Leo hatten weit mehr Glück. Sie haben mittlerweile

eine Bleibe gefunden und müssen zunächst nicht mehr

auf der Straße schlafen.

Er wurde im Halbschlaf geschlagen und ausgeraubt. Es

waren mehrere, so Marc, die äußerst brutal vorgingen

und dazu noch meinten, er solle weiterschlafen, denn er

hätte alles nur geträumt, bevor sie lachend und grölend

weiterzogen. Er erzählt mir auch von seiner Alkoholsucht

und der Angst, gerade über die Feiertage nicht genug zu

bekommen, um den täglichen Bedarf zu decken. Er warte,

nicht zum ersten Mal, auf einen Therapie-Platz, um

der Sucht zu entfliehen. Als auch er seine Weihnachtstüte

bekommen hat, ist er dankbar, und gleichzeitig kann er

seine Enttäuschung nicht ganz verbergen, obwohl er sich

Mühe gibt. Es ist kein erhofftes Bier in der Tüte. Helfen

wird ihm heute nur etwas Kleingeld aus dem kleinen

Pappbecher (dem Klimpergeld aus einer Spendenaktion)

den er von Kay erhält. Es sind fünf Euro. Ich drücke ihm

etwas Geld zusätzlich in die Hand, und das auch nicht

ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Nein, nicht weil

er sich davon Alkohol kaufen wird, sondern weil ich in

dieser Nacht nicht jedem etwas geben kann.


Dabei soll, „ich glaube es irgendwo aufgeschnappt zu haben“,

die Polizei gegenüber Helfern und Bedürftigen in der

Vergangenheit oft ein Auge zugedrückt haben, während

die tüchtigen Mitarbeiter des Ordnungsamtes da angeblich

schon etwas entschlossener vorgehen sollen. Wenn

doch die Prämie höher ist als die Moral, wer kann da

widerstehen?

„Von Kay erfuhr ich, dass der Alkoholentzug bei vielen Obdachlosen

ein Teufelskreis darstellt. Die Bereitschaft sei

grundsätzlich da, aber es gäbe zunächst eine Entgiftung,

wobei zwischen dieser und der eigentlichen „Langzeittherapie“,

besonders in diesen Zeiten der Pandemie, oftmals

eine lange Zeit verstreicht. Während dieser Wartezeit

greifen die meisten wieder zur Flasche, in Anbetracht der

Not, in der sie sich befinden. Tabletten und Alkohol sind

für manchen die Mittel zum Zweck, um Schmerzen zu

betäuben und in der Kälte und mit schmerzenden Muskeln,

Gelenken und Knochen überhaupt Schlaf zu finden.

Ganz zu schweigen von der Angst, die so ein wenig in den

Hintergrund tritt. „

Wir verlassen Marc und gehen zu Fuß weiter durch die

beinahe leeren und kalten Gassen der Stadt. Noch nie

habe ich einen solchen Gang als so traurig, schmerzlich

und beinahe schon unheimlich empfunden, wie an jenem

Heiligen Abend. Nicht nur weil ich von den zurückliegenden

Übergriffen gewaltbereiter Jugendlicher erfahren

hatte, beschlich mich ein ungutes Gefühl.

Vereinzelt begegneten Kay und mir tatsächlich kleinere

Gruppen von jungen Männern, die durch ihr Verhalten

meine ganze Aufmerksamkeit erhielten. Dann kam noch

dazu, dass die meisten Masken trugen, was ja Corona-bedingt

durchaus seine Berechtigung hatte.

Ich bin 187 groß, stattlich gebaut und habe viele Jahre

Erfahrung in Sachen Kampfsport sowie ähnlichen Maßnahmen,

um gewissen Gefahren zu begegnen. Doch wer

glaubt, dies würde gegen eine Horde aggressiver Schlägertypen

ausreichen, der sieht zu viel schlechte Filme.

Und die Menschen auf der Straße haben ohnehin keine

Chance gegen eine solche Aggression. Und als wäre das

nicht schon schlimm genug, müssen Betroffene sowie

Helfer immer auch auf der Hut vor Ordnungsamt und

Polizei sein, die zu diesem Zeitpunkt allerdings selten und

unregelmäßig patrouillierten.

Dortmund Innenstadt am 24.12.2020 ca. 19:30 Uhr - Eine

trügerische Stille

Wir gehen weiter und begegnen zwei jungen Männern

von schätzungsweise 20 Jahren. Zumindest sind sie zu

zweit, während sie es sich, ebenfalls in einem Kaufhauseingang,

etwas bequemer machen. Mir wird langsam

kalt. Dabei haben wir gerade einmal ca. 5 bis 6 Grad über

Null. Was ist mit den Leuten, die keine Hoffnung auf ein

warmes Zimmer, oftmals nicht einmal auf eine warme

Mahlzeit haben? Ich gehöre Gott sei Dank nicht dazu.

Doch jeden kann es treffen. All das fährt mit rasender

Geschwindigkeit immer wieder durch meinen Kopf, während

ich gleichzeitig die Umgebung sondiere. Wir beide

sind mit Weihnachtstüten bestückt und nicht mehr die

Jüngsten. Das muss doch nach leichter Beute für die Haie

der Straße aussehen.....


Die einzigen, denen ich an diesem Abend ein winziges

bisschen Vertrauen entgegenbringen kann, sind mein Begleiter

Kay und die Obdachlosen, die uns immer freundlich

und dankbar begegnen und dazu noch eine Frohe

Weihnacht wünschen.

Wir begegnen Sigrid, einer älteren Dame, die nicht gerne

etwas annimmt, vom Flaschenpfand lebt und, laut Kay,

rastlos immer mit ihrem alten Rollator unterwegs ist. Kay

erzählte mir, dass es ihn schon viel Überredungskunst

abverlangte, diese Frau für eine geschenkte Isomatte

zu begeistern. Diese Menschen haben eben auch ihren

Stolz und so ist es für die Helfer eben nicht immer ganz

einfach.

Einige Meter weiter sitzt ein Mann, die Beine von den

Knien abwärts amputiert, in der Kälte mitten auf dem

Weg und freut sich wie ein Kind über unsere Mitbringsel.

Auch er wünscht uns gesegnete Weihnachten, während

ich denke, dass die ganze Welt verrückt geworden sein

muss, denn die einzigen, die gerade den sogenannten

Geist der Weihnacht verbreiteten, waren diese hilflosen

und armen Menschen. Ich schämte mich abgrundtief

dafür, dass ich so oft über Kleinigkeiten geklagt hatte,

während das Elend hier genau vor mir zu finden war. Und

das waren Menschen, die immer mit der Gefahr leben

mussten, dass man ihnen auch das noch nehmen könnte.

Und so finden wir auch Paolo allein unter einer Eisenbahnbrücke

gegenüber des Parkhauses. Als wir uns nähern,

sehen wir aus einiger Entfernung bereits einige Kerzen

flackern, zu dieser ach so besinnlichen Zeit. Es macht

mich traurig und so schießen mir unzählige Gedanken

durch den Kopf, wie man diesen Menschen vielleicht

wirklich helfen könnte. Allerdings bin ich mir natürlich

auch der Realität bewusst, an der selbst Weihnachten

nichts ändert und die danach höchstens noch schlimmer

aussieht. Dann, wenn ach so weite Weihnachtsherzen

wieder eine Art Gefäßverengung erleiden und die Menschen

ihre Scheuklappen wieder aufsetzen.

Wir liefen zurück zum Auto, um ein nahegelegenes Parkhaus

zu besuchen, in dem weitere Schützlinge von Kay

ihren Stammplatz haben. Wir treffen Daniel und seinen

Kumpel.

Nicht alle möchten

ihren Namen verraten.

Sie werden

ihre Gründe haben.

Beide Männer sind

sehr freundlich und

freuen sich über

jede Kleinigkeit, mit

denen Kay sie versorgt.

Hier können

wir aus Kays Bestand

noch ein paar Schuhe

und Socken an

die Männer bringen.

Auch hier der Gestank

von Urin, die

Kälte und das nackte Elend. Und dennoch haben diese

Menschen alle etwas gemeinsam. Etwas, das wir uns erst

noch zu eigen machen müssen. Sie sind dankbar, bescheiden,

teilen ihre Habseligkeiten und sie sind respektvoll

anderen gegenüber!

Die Unterkunft von Paolo

Auf seinem kleinen Tisch brannten Teelichter. Wäre man

sich der ernsten Situation nicht bewusst, könnte man

sagen, er hat es sich hier gemütlich gemacht. Ich nenne

es Ironie des Schicksals zu Heilig Abend

Paolo hat es sich „gemütlich gemacht“. Ein kleiner Klapptisch,

ein Campingstuhl sowie andere Habseligkeiten,

darunter ein kleiner Handkarren. Mehr besitzt Paolo

nicht. Er hat sich hingehauen und wir bemerken ihn zunächst

nicht, eingerollt und hinter einem Brückenpfeiler

versteckt. Zwei Damen im Auto nähern sich langsam und

bedächtig, halten an. Es stellt sich heraus, dass auch sie

Weihnachten unterwegs sind, um etwas Gutes zu tun.

Doch erst als sie wegfahren, bemerkt Paolo uns und

begrüßt Kay und mich ganz herzlich. Eine kurze Unterhaltung,

die obligatorische Übergabe der Weihnachtstüte,

und es geht weiter zum Ausgangspunkt einer außergewöhnlichen

Entdeckungsreise, die schon jetzt tiefe

Spuren in mir hinterlassen hat.

Doch auch hier ist Gemeinschaft aufgrund von Corona

nicht erwünscht!


Es geht zu Nils und Rocky. Zwei Kumpel, die sich gern

an der Trinkhalle aufhalten, hinter der ich mein Auto

geparkt und mich mit Kay getroffen hatte. Beide sitzen

zusammen und sind erfreut, als sie Kay erblicken. Sie sind

auch sofort sehr freundlich zu mir und wir stellen uns

einander vor. Nils und Rocky sind dicke Kumpel, wobei

der jüngere Nils redseliger und lebhafter wirkt. Gemessen

an den Umständen, eigentlich schon richtig glücklich,

was ich weniger verstehen kann. Ich erfahre, dass sein

Kumpel Rocky vor kurzer Zeit ebenfalls bestohlen wurde.

Obwohl sein alter Drahtesel wieder auftauchte, waren

seine Sachen, die sich auf seinem Rad befanden, wie zum

Beispiel ein Gaskocher, leider verschwunden. Kay verspricht

den Schaden zu beheben und die Sachen beim

nächsten Besuch zu ersetzen. Von Kay erfahre ich etwas

sehr Interessantes.

Nils geht gern Einkaufen, wenn er genug zusammen hat.

Er kauft überwiegend frisches Gemüse und gute Zutaten

wie zum Beispiel Pilze, um seinem Kumpel und sich selbst

eine gute Mahlzeit zu bereiten. Als ich ihn darauf anspreche,

strahlt er übers ganze Gesicht. Er bestätigt Kays

Aussage und erzählt mir von seiner Leidenschaft fürs

Kochen. Und wie war es anders zu erwarten? Kay und

ich sind für den nächsten Tag herzlich zum Essen eingeladen.

Er ist vollkommen aufgedreht vor Freude, denn an

diesem Tag hat er viele Spenden erhalten und meint, es

sei tatsächlich Weihnachten für ihn und damit natürlich

irgendwie auch für seinen Kumpel. Auf Platte, so nennen

Obdachlose ihre Standorte, wird eben geteilt. Er rennt

sogar zur anderen Straßenseite, um uns eine Cola oder

ein Bier auszugeben. Ich bedankte mich herzlich bei diesem

sympathischen jungen Mann, lehne aber dankend

ab, weil ich nun nach Hause aufbrechen möchte. Doch

bevor ich mich an diesem ereignisreichen Abend verabschiede,

möchte ich eines von Nils wissen. Ich frage ihn,

warum alle, die ich an diesem Abend traf, und besonders

er selbst, so großzügig mit ihren wenigen Mitteln waren,

die ihnen zur Verfügung standen.

Bitte gebt diese Botschaft weiter. Helft denen, die sich

aus so vielen Gründen nicht selbst helfen können. Es

sind gestrandete Menschen, die einfach Pech im Leben

hatten. Es kann jeden treffen!

Der Erlös aus dem Verkauf unserer Zeitschrift (Einzelhefte)

geht an Organisationen, Vereine und Helfer, die

Bedürftigen zur Seite stehen. Aber auch direkte Geldspenden,

Sach-u. Lebensmittelspenden werden dankbar

angenommen! Damit niemand denkt, es wäre nur eine

Werbeaktion, um Zeitschriften zu verkaufen folgendes:

Bestellungen der Magazine sowie Spendenangebote bitte

an folgende Mailadresse senden:

draussenohnebleibe@mail.de

Die Gruppe dazu findet Ihr auf folgender Facebook-Seite -

Draußen „Ohne Bleibe“

Natürlich beantwortet die Redaktion (Kontaktformular)

gern Eure Fragen – Direkt unter

E-Mail: leben.live.postfach@gmail.com

Herzlichen Dank für Deine Unterstützung!

Was ich nun zu hören bekomme, verlangt noch einmal

echte Standhaftigkeit von mir, um keine Tränen fließen

zu lassen. Nils meint: „Weißt du Guido, ich glaube fest

daran, dass wenn man etwas gibt, immer auch etwas von

da oben zurückkommt!“ Er beteuert, dass es ihm immer

so ergangen sei…..

Als ich mich gegen 21 Uhr an jenem Abend in mein Auto

setzte, um nach Hause zu fahren, war etwas mit mir geschehen.

Ich fuhr über die Autobahn und Tränen liefen

mir über das Gesicht. Ich sagte mir selbst, dass ich mich

nun zusammennehmen müsste, damit nichts passiert.

Mit Tränen in den Augen, ist man blind! Mit Hass im

Herzen, ist man ohnmächtig! Mit Verachtung für andere,

fügen nur wir selbst uns Schmerz zu! Verachte und verurteile

niemanden, bevor du nicht selbst ein Stück weit in

seinen Schuhen gelaufen bist!

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