Leo Mai / Juni 2021

blumediengruppe

MÜNCHEN

04.2021 І MAI • JUNI І HEFT 173

VIP

MARCELLA

ROCKEFELLER

im exklusiven Gespräch

GESELLSCHAFT

POLEN:

Eine Community

in Angst

POLITIK

GENDER BENDER:

Diskriminierung

im Cistem

04

4 193289 601900

1,90€

INTERVIEWS: TESSA GANSERER, MEAT GIRLS, JENDRIK, OWEN PALLETT, MARINA


Ihre Wohlfühl-Apotheke in München

Schwerpunkt HIV

• Seit über 10 Jahren geben wir unser Bestes für die Beratung und

pharmazeutische Versorgung von HIV-Patienten. Wir haben Ihre

HIV-Medikamente auf Lager!

• Wir haben den „1. Preis für Gesundheitsvorsorge in der Apotheke

bei Beratung von HIV-Patienten“ vom WIPIG (Wissenschaftliches Institut für

Prävention im Gesundheitswesen der Bayerischen Landesapothekerkammer, www.wipig.de)

im November 2011 verliehen bekommen.

• Wir sind Mitglied der Deutschen Arbeitsgemeinschaft HIV- und

Hepatitis-kompetenter Apotheken e.V. (DAHKA)

Wittelsbacher Apotheke

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Öffnungszeiten: Montag bis Samstag von 8.00 bis 20.00 Uhr

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INTRO 3

Inhalt

epaper.männer.media

Alle Magazine online!

SZENE

MÜNCHEN - MEAT GIRLS

GESELLSCHAFT - POLEN

4 München

10 Kultur

20 Style

22 Stadtplan

24 Politik

LEBEN

Design

Gesellschaft

Gesundheit

Film

Musik

Kunst

Buch

Servus,

Kostenlos

der Sommer kann kommen! Der hoffentlich letzte

Lockdown geht vorbei, die Impfkampagne nimmt

Fahrt auf und Reisen werden wieder möglich. Auch

die Community blickt nach vorne auf einen neuen

Sommertraum. Es heißt, die Gewohnheit macht

den Genuss schal und die Entbehrung unerträglich.

Manches, was uns selbstverständlich erschien,

können wir neu entdecken und genießen. Viele

Locations brauchen nun unsere Unterstützung,

indem wir sie fleißig besuchen.

Aber auch Neues bringt bekanntlich jede Krise

und so steuert die Bundesrepublik auf eine neue

Ära zu: Der Wahlkampf begann schon mit dem

Reizwort Identitätspolitk, plötzlich muss trans* und

queer sich wieder gegen das vorgeblich Normale

behaupten.

Möglicherweise erübrigen sich aber auch Kämpfe

der Vergangenheit und man stellt fest, dass wir alle

in einem Boot sitzen und uns mehr verbindet als

trennt.

Deine LEO und männer* Redaktion

Viel Spaß beim Lesen und Entdecken!

POLITIK - GENDER BENDER

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4 MÜNCHEN

CSD-Shows auf den Bühnen der Kulturaktion

„Sommer in der Stadt“. Außerdem will

man mit einer Radl-Demo für Aufmerksamkeit

im öffentlichen Raum sorgen. „Der

CSD muss auch in Pandemiezeiten draußen

auf der Straße stattfinden“, so dessen politischer

Sprecher und Rosa-Liste-Stadtrat

Thomas Niederbühl.

AM BILDSCHIRM UND AUF DER STRASSE

So wird der Münchner CSD

Unter dem Motto „Proud. Human.

Queer.“ findet vom 3. bis 11. Juli der

Münchner CSD statt.

Pandemiebedingt kann auch in diesem

Jahr nicht so gefeiert werden, wie die

Community das gewohnt ist, aber die

Veranstalter wollen vieles möglich machen.

Das Konzept sieht, wie schon 2020, eine

Hybridveranstaltung vor, also eine Mischung

aus virtuellen und realen Elementen. „Trotz

Corona ist ein CSD möglich“, so Orga-Chef

Alexander Kluge. „Unsere Aufgabe ist es, die

passenden Formate zu finden.“ So soll es

eine PrideWeek mit Podiumsdiskussionen,

Workshops oder Ausstellungen ebenso

geben wie die dezentrale Demo-Aktion

in der Innenstadt und den Livestream

im Internet, der im vergangenen Jahr

mit seiner Mischung aus Musik, Talk und

Dragshow den ganzen Tag durchgehend

rund 1.200 Zuschauerinnen und Zuschauer

verzeichnen konnte – ein enormer Erfolg.

Doch das CSD-Team will heuer weitergehen

als 2020: Es ist eine Kulturbühne mit

Liveact im Gespräch sowie weitere verteilte

FOTO: KORNELIJA RADE

CROWDFUNDING-AKTION

Weil der CSD auch im zweiten Corona-

Jahr mit knappen Kassen rechnet (die

wichtigsten Einnahmequellen Straßenfest

und RathausClubbing entfallen), rufen

die Macherinnen und Macher zu einer

Crowdfunding-Aktion auf. Wer den CSD

finanziell unterstützt, kann als Dankeschön

beispielsweise Zugang zur Kulturbühne,

limitierte T-Shirts oder Regenbogenflaggen

erhalten. Ein Support-Shop mit

Merchandising-Artikeln ist auf der Webseite

des CSD online.

ANMELDUNG ZUR PRIDEWEEK

Anmeldungen für Veranstaltungen zur

PrideWeek sind ab sofort möglich. Gruppen,

Organisationen oder Vereine, die ein

einminütiges Vorstellungsvideo für den

Livestream beisteuern möchten, können

dieses bereits uploaden, auch für die

dezentrale Demo-Aktion kann man sich

bereits anmelden.

Alle Details zum Münchner CSD findet

ihr im kommenden Heft, das Ende Juni

erscheint, Updates gibt’s jederzeit online

auf www.leo-magazin.de und auf der Seite

des CSD. *bm

www.csdmuenchen.de

CSD-NEWS

diversity neuer Gesellschafter

Jahrzehntelang haben vier Vereine die Geschicke

des Münchner CSD bestimmt. Damit ist jetzt

Schluss: Neben der Lesbenberatungsstelle LeTRa,

dem Schwulen Kommunikations- und Kulturzentrum

Sub, der Münchner Aids-Hilfe und der

Wähler*inneninitiative Rosa Liste gehört künftig

auch die queere Jugendorganisation diversity

München zum Kreis der Gesellschafter. So wollen

die bisherigen Veranstalter den Christopher

Street Day für die Zukunft breiter aufstellen, ihn

jünger, inklusiver und größer machen. Aber auch

diversity möchte den CSD als Plattform nutzen:

„Wir sind stolz und froh, dass wir, die das gesamte

LGBTIAQ*-Spektrum der Münchner Jugend

unter einem Dach vereinen, uns nun im größten

gemeinsamen Zusammenschluss der Münchner

Szenevereine einbringen können“, so Eva Huber,

Vorständin von diversity. „Das war ein langer Weg

und viel Koordination, zeigt aber auch, dass der

CSD München bereit für neue Schritte ist.“ *bm

FOTO: DIVERSITY MÜNCHEN


SELIGE MAIKÖNIGIN 2021

KEIN KRÖNCHEN

Nach 15 Jahren wird 2021 das erste Jahr sein, in dem keine Maikönigin

über die Geschicke des Glockenbachviertels wacht.

2020 wurde die Weißwurstchristl trotz

Corona mittels virtueller Abstimmung

zur Pandemie-Königin gewählt, konnte

ihr Amt aber kaum in der Praxis ausüben.

Ein Schicksal, das die Organisatoren

der Hoheit 2021 ersparen wollten: „Das

wahre Maiköniginnen-Feeling kommt

nur auf der Straße, in den Kneipen,

mit vielen Menschen und großem

Getöse auf“, so Günter Kastner, der den

Wettbewerb noch in seiner Funktion

als Betreiber des Cafés Selig ins Leben

gerufen hatte und ihn mit Sebastian

Roos (Café Nil) veranstaltet. „Darauf

wollen wir nicht noch mal verzichten

– und wenn wir eben ein Jahr warten

müssen!“ Nicht verzichten muss die

Community allerdings auf Glanz und

Glamour, Rausch und Rüschen – zumindest

virtuell. Ab sofort ist eine Website

freigeschaltet, auf der Titelaspirantinnen

für 2022 ihre Bewerbungsvideos bereits

hochgeladen haben. Ein Jahr lang

präsentieren sie sich hier und machen

den Fans Appetit auf das kommende

Ereignis, das am 30. April 2022 wieder

mit einem großen Straßenfest stattfinden

soll. Nur ein schwacher Trost, aber

vermutlich eine der schrägsten Websites

der Münchner Szene! *bm

www.cafenil.com/maikoenigin

FOTO: IWAN VALENTIN

NEUES ANGEBOT

Chemsex-

Sprechstunde

MÜNCHEN 5

Chemsex, also der Gebrauch von Drogen

beim Sex, ist ein Phänomen, das gerade unter

schwulen Männern beliebt ist. So spannend

das für viele ist, so problematisch kann

vor allem der dauernde Substanzkonsum

sein: Abhängigkeiten, Überdosierungen,

unsaubere Präparate, unerwünschte

Nebenwirkungen. Über all das kann man jetzt

auch telefonisch mit dem Psychologen und

Chemsex-Experten Christopher Knoll (Foto)

von der Münchner Aids-Hilfe sprechen. Er

gibt außerdem Informationen

zu gängigen Substanzen

wie Chrystal Meth,

GHB/GBL oder

Mephedron, hat

Tipps zum Umgang

mit den Drogen

oder dazu, wie man

auch ohne sie ein

erfülltes Sexleben

haben kann. *bm

FOTO: BERND MÜLLER

Chemsex-Sprechstunde, jeden Donnerstag,

16 – 18 Uhr, Tel. 089 54333-110

www.muenchner-aidshilfe.de

Mia hoidn zam!

Dietmar Holzapfel

und Josef Sattler,

Deutsche Eiche.


6 MÜNCHEN

KUNSTPROJEKT THERESIENWIESE

Die größte Regenbogen-

Flagge der Welt

Die Fraktion Grüne/Rosa Liste des Bezirksausschuss

Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt (BA 2) möchte die Flächen

auf der Theresienwiese für ein riesiges Kunstprojekt nutzen.

Auf bis zu 5000 Quadratmetern Asphalt soll dauerhaft eine

überdimensionierte Regenbogenflagge markiert werden.

GRAFIK: FRAKTION GRÜNE/ROSA LISTE

„Die Sichtbarkeit von

gesellschaftlicher Vielfalt

hat während der Pandemie

extrem gelitten", so erklärt

Fraktionssprecherin Meike

Thyssen. Aushängeschilder

der LGBTIQ*-Community wie

der CSD und das Hans-Sachs-

Straßenfest seien bereits

2020 ausgefallen und auch

2021 bedroht. „Für zivilgesellschaftliche

Einrichtungen

der Community war und ist

das besonders schwierig.“

Ihr Co-Sprecher Arne Brach,

Initiator des Antrags, misst

dem Projekt gar internationale

Bedeutung bei: „In Europa gibt

es queerfeindliche, politische

Kräfte, die Lesben, Schwule,

Bisexuelle, trans* und inter*

Menschen in die Unsichtbarkeit

drängen und entrechten.

Gerade München, der

Weltstadt mit Herz, stünde so

ein Bekenntnis gut zu Gesicht,

das weltweit Aufsehen erregen

würde.“ Die Fraktion versteht

die Aktion auch als Support für

die Bewerbung Münchens um

die Gay Games 2026. Andreas

Klose, Queer-Beauftragter des

Bezirksausschuss 2, würde

sich über den Rückenwind

freuen: „Viel klarer kann eine

Stadt nicht zeigen, wie wichtig

ihr Offenheit für buntes Leben

ist.“ Und auch BA-Mitglied und

Stadtrat Beppo Brem, der die

Bewerbung Münchens um das

Mega-Sport-Event mit initiiert

hat, ist sich sicher, dass „eine

Regenbogen- Flagge in diesem

Ausmaß der Jury deutlich

zeigt: München will die Gay

Games 2026 unbedingt

austragen!“ Zur Zeit steht die

Genehmigung der Stadt noch

aus, ebenso ist die Frage nach

der Finanzierung des Projekts

nicht geklärt. *bm

STADT BEWILLIGT NEUE MITTEL

Mehr Sichtbarkeit und Empowerment

Die Landeshauptstadt wird der Münchner Regenbogen-Stiftung künftig 10.000

Euro jährlich zur Verfügung stellen, um lesbische Sichtbarkeit zu stärken und mehr

Empowerment von trans*, inter*, non-binären und queeren Menschen zu ermöglichen.

Den Stein ins Rollen brachten zwei Anträge der Stadträte Thomas Lechner (Bild)

und Marie Burneleit aus der Fraktion DIE LINKE/Die Partei. Sie hatten gefordert, alle

zwei Jahre je einen städtischen Preis für diese Ziele auszuloben und ihn im Rahmen

einer feierlichen Verleihung öffentlichkeitswirksam zu überreichen. „München

würde mit der Vergabe dieses Preises leuchtendes und innovatives Vorbild für

andere Städte sein“, so heißt es im Antrag. Der Münchner Stadtrat stimmte mit

der Zielsetzung dieser Initiativen überein: „Bei beiden Gruppen ist die öffentliche

Wahrnehmung und Akzeptanz nicht im wünschenswerten Maß vorhanden

[…], das Ausmaß an Diskriminierung hoch“, heißt es in der

fachlichen Einschätzung des Rathauses. Doch entschied

man sich dort für eine alternative Umsetzung. Statt

eines Preises soll die Münchner Regenbogen-Stiftung

mit jährlich 10.000 Euro ausgestattet werden, um

„nachhaltig wirkende Maßnahmen“ zu ergreifen,

die diesen Anliegen gerecht werden. Als Verwalter

der Stiftung ist es nun Aufgabe der städtischen

Koordinierungsstelle zur Gleichstellung von

LGBTI* den Betrag Initiativen aus der Community

zur Verfügung zu stellen. Die Mittel

können ab sofort dort beantragt werden. *bm

FOTO: FLORIAN PELJAK


FOTO: MÜNCHENSTIFT GMBH

WOHNEN UNTERM REGENBOGEN

LGBTIQ*-Wohnprojekt rückt näher

An der Radlkoferstraße in Sendling entsteht zurzeit ein Neubau, in dem vor

allem ältere lesbische Frauen, schwule Männer sowie trans* und inter Menschen

wohnen sollen – aktiv, diskriminierungsfrei und bedürfnisgerecht.

Ende März unterzeichneten Dr. Tobias Oliveira Weismantel (Münchner Aids-Hilfe),

Christian Amlong (Städtische Wohnungsgesellschaft mbH) und Siegfried Benker

(MÜNCHENSTIFT GmbH) den Mietvertrag und machten somit einen entscheidenden

Schritt zur Verwirklichung des Projekts „Wohnen unterm Regenbogen“. MÜNCHENSTIFT

wird dafür sowohl das pflege- und betreuungsspezifische Angebot sicherstellen als auch

die Verwaltung der Mietangelegenheiten übernehmen. Die Münchner Aids-Hilfe (MüAH)

hat ein Vorschlagsrecht zur Belegung der Wohnungen und wird dort mit ihrer Beratungsstelle

rosaAlter ein Büro beziehen. So kann garantiert werden, dass den Mieterinnen und

Mietern für alle Angelegenheiten des alltäglichen Lebens Ansprechpartnerinnen und

Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Dr. Tobias Oliveira Weismantel, neuer Geschäftsführer

der Münchner Aids-Hilfe, sieht dem rundum positiv entgegen: „Wir eröffnen mit

diesem Wohnprojekt eine großartige Perspektive für queere Seniorinnen und Senioren in

München.“ Da Wohnen unterm Regenbogen durch die Landeshauptstadt bezuschusst

wird, müssen alle zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner einen eindeutigen Bezug

zu München vorweisen. Mit der Fertigstellung des Komplexes ist 2023 zu rechnen. *bm

IDAHOBIT 2021

Fokus

Osteuropa

Trotz Corona soll der Internationale

Tag gegen Homo-,

Bi-, Inter- und Transphobie

(IDAHOBIT) auch in diesem

Jahr am 17.5. stattfinden.

Nachdem der Aktionstag 2020 ein

rein virtueller Event bleiben musste,

soll es heuer wieder eine Aktion auf

der Straße und in der Öffentlichkeit

geben. Die Veranstalter von der

Safety-Aktionsgruppe (S‘AG) haben

dazu als thematischen Schwerpunkt die

Lage von LGBTIQ* in osteuropäischen

Ländern gewählt. „Das gesellschaftliche

Backsliding in Polen, Tschetschenien

oder Ungarn oder die hohen Suizidraten

unter dortigen LGBTIQ*-Jugendlichen

machen uns betroffen“, so Nico Erhardt,

Mitveranstalter seitens der Münchner

Aids-Hilfe. „Als Community, aber auch

als Europäer*innen wollen wir diese Entwicklung

anprangern und fordern eine

Intervention der Europäischen Union

und den Schutz aller LGBTIQ* gerade in

osteuropäischen Ländern“, ergänzt sein

Kollege Lukas Gschnitzer vom schwulen

Zentrum Sub. Für den IDAHOBIT haben

sie einen Demozug vom oberen Ende der

Müllerstraße mit abschließender Kundgebung

am Gärtnerplatz angemeldet.

Zum Redaktionsschluss hatte das KVR

noch nicht entschieden, was am 17.5.

möglich sein wird. Informationen erhaltet

ihr kurzfristig auf dem Facebook-Kanal

der S‘AG-Safety-Aktionsgruppe. *bm

GRAFIK: FRANK ZUBER


8 MÜNCHEN

KALENDERPROJEKT

DER EVANGELISCHEN

JUGEND MÜNCHEN

FOTOS: EVANGELISCHE JUGEND MÜNCHEN

„Keine Ehe

zweiter Klasse!“

Vielen gelten sie als lieb gewonnener

Wandschmuck: Kalender mit

„typisch queeren“ Motiven. Dazu gehören

neben Blättern mit eher konservativer

Schwarz-Weiß-Erotik auch Fotos, die dem

Flammeninferno nur knapp entkommene

Feuerwehrleute oder von des Tages Last

schweißgebadete Bauernsöhne im Licht

der untergehenden Abendsonne zeigen.

Doch jetzt sollen ganz andere Motive die

Wände queerer Haushalte erobern. Mit

„Egal wen du liebst, Gott liebt dich“ ist

ein Kalender erhältlich, der mehr ist als

schöne Deko. Er will aufrütteln, aufklären

und einen Beitrag zur Gleichberechtigung

von LGBTIQ* leisten. Dass ein solches

Projekt ausgerechnet aus den Reihen der

evangelischen Kirche kommt, macht ihn

umso bemerkenswerter.

„Wir beschäftigen uns seit Langem mit

dem Thema und sind der Meinung, dass

auch homosexuelle Paare von der Kirche

getraut und nicht nur gesegnet werden

sollten“, so Maria Trausch (20), Vorsitzende

des Leitungskreises der Evangelischen

Jugend München. Dass diese Meinung

jetzt auch in Form eines Kalenders

öffentlich gemacht wird, kommt nicht von

ungefähr, denn das Thema Homosexualität

ist dort auf vielfältige Weise präsent: So ist

die Evangelische Jugend seit vielen Jahren

auf dem Münchner CSD vertreten, veranstaltet

queere Projekte oder veröffentlicht

eine thematische Videoreihe auf YouTube

und Instagram. „Mit dem Kalender wollten

wir klarmachen, dass gleichgeschlechtliche

Paare nicht länger wie Menschen zweiter

Klasse behandelt werden dürfen“, erklärt

Maria Trausch. Die Kalenderblätter zeigen

unter anderem ein schwer verliebtes Frauenpaar,

dass sich zärtlich berührt – und

dabei auf dem Altar vor einer aufgeschlagenen

Bibel sitzt. Selbst für die evangelische

Kirche, die sich Lesben und Schwulen

gegenüber deutlich offener zeigt als die

Kollegen der katholischen Fraktion, ist das

starker Tobak. „Wir wollten mit dem Motiv

niemanden beleidigen und nehmen auch

Kritik ernst“, erklärt Maria Trausch. Doch

im evangelischen Verständnis sei der Altar

kein heiliger Tisch, sondern ein Ort, von

dem aus Botschaften gesendet würden,

wie zum Beispiel „Gott liebt dich so, wie

du bist!“. Für Jugendliche solle die Kirche

ein Raum von Akzeptanz und Schutz sein,

und gerade bei diesem Foto gehe es nicht

um Sexuelles, sondern um Glück und

Harmonie. „Aus meiner Sicht ein rundum

schönes Bild!“

Eine Argumentation, die offenbar

verfing. „Wir hatten viel

positives Feedback“, berichtet

Tabea Lilith Niethus (20),

Studentin und Stellvertreterin

im Leitungskreis. Die Botschaft

„Keine Ehe zweiter Klasse!“

wurde von der Leitung der

Jugendkirche ebenso unterstützt

wie beispielsweise vom

Dekanatsjugendpfarrer, der ein

Grußwort schrieb. „Wir wollten ja

auch nicht primär provozieren, sondern ein

sichtbares Zeichen unserer Überzeugung

setzen und jungen Menschen eine neue

Perspektive auf Kirche vermitteln.“ Die

Models stammen alle aus den Reihen

der Evangelischen Jugend, sind 18 bis

25 Jahre alt und übrigens mehrheitlich

heterosexuell. Doch alle hoffen, dass der

Kalender seinen Teil dazu beiträgt, für

mehr Gleichberechtigung zu sorgen. Denn

Fakt ist: In den evangelischen Kirchen

Bayerns ist noch immer keine Trauung,

sondern (seit 2018) nur eine Segnung

gleichgeschlechtlicher Paare vorgesehen.

„Es braucht diese Unterschiede nicht“, so

Maria Trausch, „denn wenn sich zwei Menschen

lieben, sollen sie alle gleichermaßen

von Gott gesegnet sein.“ *bm

Der Kalender „Egal wen du liebst, Gott

liebt dich“ ist kostenlos erhältlich unter:

www.ej-muenchen.de/jukikalender


PETITION GESTARTET

Queer und sichtbar in den Medien

MÜNCHEN

9

Eine aktuelle Petition

fordert Vertretungen für

LGBTIQ* in den Aufsichtsgremien

der bayerischen Rundfunk- und

Medienanstalten.

In vielen entsprechenden Gremien

anderer Bundesländer haben queere

Menschen bereits einen Sitz,

doch Bayern hinkt (einmal mehr)

hinterher. Dabei hatte das Bundesverfassungsgericht

bereits 2014

entschieden, dass die Zusammensetzung

der Aufsichtsgremien der

öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten

die gesellschaftliche Vielfalt

widerspiegeln solle. Dennoch

blieben LGBTIQ* in Bayern, als

relevante gesellschaftliche Gruppe, bis

heute von der Mitarbeit ausgeschlossen.

Daher haben der Lesben- und Schwulenverband

(LSVD) Bayern und die Queer

Media Society (QMS) die Petition „Queer

und sichtbar in den Medien“ gestartet.

Die Organisationen fordern jeweils eine

Vertretung für LGBTIQ* im Rundfunkrat

des Bayerischen Rundfunks und im Medienrat

der Bayerischen Landeszentrale

für neue Medien. „Das ist kein Gefallen,

sondern eine demokratische Notwendigkeit“,

so Markus Apel aus dem LSVD-

Landesvorstand Bayern. „Wir wollen, dass

sich unsere vielfältige Gesellschaft in den

Medien widerspiegelt. Mehr Sichtbarkeit

trägt schließlich zur Anerkennung bei.“ Kai

S. Pieck, Initiator der Queer Media Society

(QMS), ergänzt: „Es kommt nicht nur darauf

an, DASS wir als LSBTIQ* gesehen,

sondern auch WIE wir dargestellt

werden und WER unsere Geschichten

erzählt.“

2022 enden die Amtszeiten

des amtierenden bayerischen

Rundfunkrats sowie des bayerischen

Medienrats. Daher wird die Petition

jetzt auf den Weg gebracht, um

rechtzeitig eine fairere Verteilung

der Plätze möglich zu machen.

Einen ersten Rückschlag mussten

die Macher*innen Mitte April

hinnehmen: Medienstaatsminister Dr.

Florian Herrmann (CSU) lehnte das

Ansinnen im Namen er Bayerischen

Staatsregierung ab. Dennoch bleibt

man seitens der Orga kämpferisch: „Wir

geben nicht auf. Über die notwendigen

Gesetzesänderungen entscheidet

schließlich der Bayerische Landtag, nicht

die Staatsregierung!“ *bm

Die Kampagnen-Seite erreicht ihr bei

www.change.org unter dem Stichwort

„Queer und sichtbar in den Medien“

DHL hisst

Regenbogen

Bunt, groß und außergewöhnlich

ist der Auftrag, der bei der

Wuppertaler Firma Fahnen

Herold hereingeflattert ist: 750

Regenbogenfahnen sind in den Produktionshallen

angefertigt worden. Auftraggeber

war der Logistikkonzern Deutsche Post

DHL, der damit ein starkes Zeichen rund um

die Themen Diversität und Akzeptanz setzt.

Die Regenbogenfahnen wurden am

17. Mai, dem „Internationalen Tag gegen

Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie“ an

zahlreichen Betriebsstätten der Deutschen

Post in der gesamten Bundesrepublik

gehisst. „Wir setzen ein starkes Zeichen

für Diversität. Mir ist kein Unternehmen in

Deutschland bekannt, das je eine Diversity-

Aktion in solch einer Größenordnung

umgesetzt hat“, sagt Initiator Peter

Steinhoff von der Deutschen Post.

Das unternehmensinterne Netzwerk RainbowNet

wurde 2008 für LGBTI-Beschäftigte

gegründet. Es soll dazu beitragen, dass

alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung und

geschlechtlichen Identität unbelastet ihrer

Arbeit nachgehen können, um einen Raum

für Erfahrungsaustausch zu ermöglichen.

Das Netzwerk, das nicht nur in Europa,

sondern auch in Asien, Südamerika und den

USA Mitglieder hat, unterstützt Beschäftigte

und Führungskräfte in beratender

Funktion. Der Konzern vereint Menschen

aus einer Vielzahl von Kulturkreisen und

kulturellen Hintergründen. Dies spiegelt sich

auch im Motto des Diversity-Managements

wider: „Alle verschieden - gemeinsam

erfolgreich“. Der Konzern bekennt sich

darüber hinaus ausdrücklich zu Chancengleichheit,

was im Verhaltenskodex sowie

in der konzerneigenen Erklärung zu Vielfalt

und Inklusion hervorgehoben wird. Deutsche

Post DHL Group feiert seit mehreren

Jahren im Monat Mai eine gesamte Diversity

Week.

www.dpdhl.com


10 KULTUR

MEAT GIRLS

Münchens glamouröseste

GIRLGROUP

Schon jede für sich ist eine

beeindruckende Erscheinung:

Dean deVille, Janisha Jones

und Pasta Parisa gehören zu den

auffälligsten Typen der neuen

Generation Münchner Drags. Im

Dreierpack geben sie als „Meat

Girls“ noch mal richtig Gas – auch

in Coronazeiten.

Wie kam es zu diesem flotten

Dreier?

Wir haben uns über den „Queen of

the Night“-Contest im Harry Klein

kennengelernt. Dean hat ihn von Anfang

an moderiert, Pasta und Janisha haben

den Wettbewerb 2016 beziehungsweise

2017 gewonnen. Anfangs hätten wir

nie gedacht, dass daraus eine Zusammenarbeit

oder sogar eine Freundschaft

entstehen könnte.

Gibt’s da nicht Zickenkrieg zwischen

euch?

Nein, wir beleidigen uns zwar ständig

gegenseitig, das tun wir aber mit Herz!

Wir sind ja eigenständige Typen, haben

auch keinen Boss im Team und sind

alle gleichberechtigt – wie „Destiny’s

Child“, aber mit drei Beyoncés. Eine

solche Kooperation empfinden wir als

künstlerisch wertvoll: Wir fordern uns

gegenseitig heraus, und so verlässt

jede die eigene Komfortzone und geht

auch mal ein Risiko ein. Dieser liebevolle

Konkurrenzkampf erzeugt Entwicklung.

Was waren eure ersten Auftritte als

„Meat Girls“?

Gemeinsam traten wir erstmals 2019 im

Rahmen der „Queer Breakfast“-Reihe

im Café Regenbogen auf. Das ist ein

Brunch-Event zugunsten der Münchner

Aids-Hilfe, den wir mit unserer Show

begleitet, besser: gekrönt haben. Dieser

Brunch hat aber auch uns etabliert und

als Team zusammengebracht. Dann

kamen die Meat Girls als Podcast – dann

wurden wir viel präsenter.

Was bekommen die Hörerinnen und

Hörer in eurem Podcast geboten?

Viel Gegackere! Wir machen unseren

Podcast jeden 2. Donnerstag als reines

Unterhaltungsprogramm, erzählen viel

Persönliches, sprechen auch gern mal


KULTUR

11

Tabuthemen an, sind dabei aber immer

spontan und bereiten uns nicht tagelang

vor. Hier geht’s um Entertainment.

Außerdem hostet ihr das Onlineformat

„Meat Girls – The Talk“. Das ist

doch mehr als Gegackere …

Definitiv! Wir betrachten den Talk, der

noch bis Juli jeden zweiten Mittwoch live

aus dem Harry Klein gesendet wird, als

seriösere Version des Podcasts – und als

eine Art schwule Ina-Müller-Show. Wir

laden dazu Leute ein, die etwas Interessantes

für die Community zu erzählen

haben, und versuchen, deren Geschichten

und deren Themen in cooler Baratmosphäre

zu vermitteln. In der aktuellen

Ausgabe haben wir beispielsweise ein

trans* Special mit ganz unterschiedlichen,

spannenden Menschen aus dieser Szene.

Habt ihr Hate erlebt?

Ja, aber jeder Künstler hat doch Hate

erlebt, das geht an Drags natürlich

nicht vorbei. Interessant ist, dass der

Hass auch aus der eigenen Community

kommt. Wenn dir jemand „Schwuchtel“

auf der Straße hinterherruft, ist dir das

vielleicht noch egal, wenn so etwas aber

aus den eigenen Reihen kommt, dann

tut es richtig weh. Jeder von uns stand

vermutlich schon mal weinend in der

Dusche und dachte, das war sein letzter

Abend. Das Wichtigste ist, diesen Hass

nicht mit Hass zu bekämpfen, sondern

freundlich und souverän zu bleiben, statt

zurückzuschießen.

Wie seht ihr die Dragszene in

München?

Diese Szene ist zwar nur mittelgroß,

aber in den letzten Jahren sehr lebendig

geworden, das finden wir super. Da gibt

es die Showgirls mit Drang zur Bühne

und da gibt es die Ausgehmädchen, die

sich einfach nur gern zeigen oder Gäste

entertainen. Da soll jede ihr Ding machen,

Dean, Janisha und Pasta (weitgehend) ungeschminkt

Hauptsache sie macht es mit Herzblut.

Wir freuen uns über alle Aktivitäten

und machen überall mit, wo wir uns gut

aufgehoben fühlen.

Was wünscht ihr euch für eure

Zukunft?

Als Meat Girls hoffen wir, dass wir bald

weitermachen können, gerne auch über

München hinaus, zum Beispiel mit Aktionen

in Österreich oder der Schweiz. Und

wer weiß, was da noch kommt: Meat Girls

TV, Meat Girls auf Kreuzfahrtschiffen? Wir

sehen großes Potenzial in uns!

*Interview: Bernd Müller

FOTOS: MEAT GIRLS


12 KULTUR

Münchner Tempel der

MÄNNERKUNST

Aus der Müllerstraße ist die

„Kunstbehandlung“ nicht mehr

wegzudenken. Hier wird seit

1996 primär dem Mann als

Kunstobjekt gehuldigt. Wir sprachen mit

dem Galeristen, Mitbegründer und „Hausmeister“

Martin Levec über eine bewegte

Geschichte und die Zukunft einer der

letzten schwulen Galerien in Deutschland.

Wie ging’s denn los mit der

Kunstbehandlung?

Ganz bescheiden. 1996 war das Gebäude

mehr ein Einstellort für Bilder von Flohund

Kunstmärkten sowie für Bücher und

allerhand gemischte Ware. Irgendwann

kamen wir auf die Idee, hier eine Ausstellung

mit Männerbildern zu zeigen. Das war

wild, erfolgreich und der Startschuss zu

der Kunstbehandlung, wie sie heute noch

bekannt ist.

Wie muss man sich diese „wilde Zeit“

vorstellen?

Ende der 1990er-Jahre sah die Müllerstraße

ja noch ganz anders aus. Vor allem

war sie viel schwuler und belebter. Wir

waren ein Teil dieser großen Szene und

haben zu der ersten Gruppenausstellung

einen Bus mit Samba-Tänzern und die

Aktion „Nackt-Kegeln im Sax“ organisiert.

Dazu floss jede Menge Alkohol. Es war

eben wild.

Wann wurde aus den wilden Anfängen

ein seriöses Geschäftsmodell?

Als die Verkaufszahlen konstant blieben,

war klar: Das läuft. So wurden wir zu

Galeristen – auch wenn ich das Wort nicht

mag, weil es immer nach rotem Schal und

intellektuellem Brimborium klingt. Ich

bezeichne mich ja lieber als „Hausmeister“.

Wie habt ihr die Künstler gefunden?

Gar nicht – die Künstler fanden (und

finden) uns. Ein gutes Beispiel ist Robert

C. Rore, der einfach hier reinkam und

sagte: „Ich bin wichtig, ihr müsst mich

ausstellen!“ Und er behielt recht: Für uns

ist er so etwas wie ein Doyen und unser

relevantester Künstler. Seit 1998 hat er

bei uns jährlich eine Einzelausstellung,

diese Zusammenarbeit war immer sehr

erfolgreich.

Wie muss Kunst sein, damit sie den

Weg an eure Wände findet?

Wir verfolgen keinen akademischen

Kunstbegriff. Wir mögen Figürliches

und Narratives, das gern humorvoll und

originell, in jedem Fall aber gelungen und

nicht zuletzt verkäuflich sein sollte.

Muss eure Kunst „schwul“ sein?

Nein, schwule Kunst ist ja ohnehin ein

schwieriger Begriff. Wir haben zwar


die schwule Kundschaft im

Hinterkopf, wenn wir eine neue

Ausstellung planen, dennoch

sprechen wir lieber von Männerkunst,

die wir hier zu sechzig

Prozent anbieten – natürlich

mit einem gewissen Niveau und

nicht allzu sexuell. Die anderen

vierzig Prozent unseres Repertoires

sind thematisch breit

gefächert, von Landschaften

über Comics bis zu Graffiti und

Kunsthandwerk.

Was hat sich im Laufe der

Zeit verändert?

Das Konzept ist eigentlich das Gleiche

geblieben. Wir haben an anderen

Stellschrauben gedreht, wie an der Anzahl

der Ausstellungen: Zu Anfang waren wir

geradezu manisch und hatten jeden

Monat eine Vernissage im Haus. Heute

sind es noch etwa die Hälfte. Wir sind

auch nicht mehr so experimentierfreudig,

nicht mehr so bedingungslos wie in den

Anfangsjahren. Kein Wunder, denn auch

wir als Ausstellungsmacher haben ein

geschulteres, kritischeres Auge entwickelt

und sortieren mehr aus.

Gibt es eine Lieblingsgeschichte aus

25 Jahren?

Es gibt ganz viele kleinere Lieblingsgeschichten.

Wenn ich an etwas Besonderes

zurückdenke, dann an die Ausstellung

mit Werken von Amanda Lear im Jahr

2000. Das war ein enormer Auflauf und

ihr Auftreten sowie ihr Auftritt waren sehr

speziell. Aber wir sind sehr gut mit ihr

klargekommen.

Wie geht es euch in Zeiten der

Pandemie?

Uns geht es gut, auch wenn die letzte

Vernissage 14 Monate her ist. Wir sind

ja schon seit 2004 als virtuelle Galerie

erfolgreich und haben früh auf das Internet

gesetzt. Durch die Initiative „Neustart

Kultur“ können wir jetzt weiter aufrüsten

und unseren Kundinnen und Kunden mehr

Features, Infos und Unterhaltung bieten –

wir haben da jede Menge Ideen.

Was macht eigentlich eure heimliche

Leidenschaft, die „Sammlung

Orange“?

Was zunächst als Endlagerstätte für

orangefarbenes Plastik begann, ist mittlerweile

zu einer stattlichen Sammlung

von über 2.000 Teilen liebenswerter Kulturgüter

der 1970er-Jahre angewachsen

– und das nur durch Schenkungen, denn

wir kaufen (und verkaufen) davon nichts.

Wir haben die Pandemie genutzt, diese

Sammlung, die das positive Lebensgefühl

dieser Zeit atmet, nach zwanzig Jahren

FOTOS/COLLAGE: KUNSTBEHANDLUNG

KULTUR 13

aus dem Keller zu holen

und ihr eine eigene Website

geschenkt: www.sammlungorange.de.

Was sind die nächsten

Projekte?

Zunächst einmal würden

wir gern im August unseren

Geburtstag als großes

Hoffest mit einer Steelband,

Livemusik und Grill feiern –

wenn es corona-technisch

geht. Im Herbst steht dann

das Ausstellungsprojekt

„Lebt und arbeitet in München“ an. Das

wird schräg! Wir kehren damit ein wenig

zurück zu unseren Anfängen und zeigen

Unkonventionelles, Originelles und eine

Menge Objekte, bei denen sich mancher

fragen wird: „Ist das denn Kunst“? Außerdem

planen wir noch in diesem Jahr eine

Aktion mit Robert C. Rore und Männern

auf dem Alten Südlichen Friedhof.

Lasst uns zum Abschluss einen

Blick in die Zukunft werfen …

… in der wir am liebsten als Rentner und

Berater tätig sein möchten. Dazu wäre es

aber nötig, dass eine jüngere Generation

nachkommt. Aber keine Sorge: In den

nächsten Jahren planen wir keine

Veränderungen. Wir haben hier einen

tollen Ort, wir sind ein eingespieltes

Team und eine Münchner Galerie – und

dabei bleibt’s!

*Interview: Bernd Müller

www.kunstbehandlung.de

THE MALE FIGURE X

So ein Mann …

Jubiläum für die erfolgreiche Ausstellungsreihe

„The Male Figure“. Die

Gruppenausstellung zählt zum Markenkern

der Münchner Galerie Kunstbehandlung.

In diesem Jahr ist die 10. Ausgabe dieses

erfolgreichen Formates zu sehen. Wie

in den neun Jahren zuvor laden die

Ausstellungsmacher Künstler aus allen

Teilen der Welt zu einem Stelldichein mit

den Münchner Kunstschaffenden ein, um

möglichst neue Blickwinkel auf den Mann in

der bildenden Kunst zu zeigen. Dazu gehören

Gemälde, Papierarbeiten, Grafiken und

Skulpturen. Als optische Einladung dient

eine Interpretation von Velázquez’ Venus

vor dem Spiegel durch den Münchner

Künstler Robert C. Rore (Bild oben), worin

sowohl die Venus selbst und der Putto

durch Mannsbilder ersetzt sind. Die Ausstellung

ist als hybrides Format konzipiert

und kann noch bis 31. Mai nach vorheriger

Terminabsprache vor Ort besichtigt sowie

auch online angesehen werden. *bm

www.kunstbehandlung.com


14 KULTUR

NACHGEFRAGT

MARKUS

PABST:

„Wir sind ja nicht nur

wegen des Geldverdienens

Künstler

geworden“


FOTOS: R. PATER

Der Mann hinter legendären

Artistik-Shows gilt als Punk

und Poet unter den Varieté-

Machern Deutschlands. Seit

über einem Jahr gibt es nun fast keine

Shows mehr, wir fragten nach.

Wie geht es dir in der

Pandemie-Zwangspause?

Mir geht es noch relativ gut, da ich

innerhalb des letzten Jahres ja noch

einige Monate spielen konnte, anfangs

noch im Berliner Wintergarten Varieté,

unter Auflagen und unter Einhaltung

aller Auflagen war dann auch etwa das

GOP (bundesweit gibt es Varietés des

Georgspalasts, Anm. d. Red.) offen. Uns

Künstlern geht es allen schlecht, wir

sind ja nicht nur wegen des Geldverdienens

Künstler geworden … Im Kopf geht

es uns allen schlecht. Wir haben etwas

zu sagen und das nimmt man uns.

Verliert man das Vertrauen in die

Politiker?

Sie wirken ideenlos und beharren auf

dem, was nicht oder nur schlecht

funktioniert. Wir haben eine Pandemie,

wir alle wollen nicht, dass jemand stirbt.

Aber ich finde nicht, dass alle getroffenen

Maßnahmen richtig waren. Wenn

man sagt, man wolle alte Menschen

schützen, dann muss man dafür auch

etwas tun. Und ich denke nicht, dass

das letzten Sommer passiert ist. Wir

müssen uns international austauschen,

es sterben auch viele junge Leute an

den Folgen der Pandemie, die „Dritte

Welt“ etwa leidet massiv.

Hältst du Kontakt zu deinen

Künstlern?

Hauptsächlich über Social Media, aber

ich versuche auch, je einen Freund

zu treffen. Proben sind ja noch unter

Einhaltung der Auflagen erlaubt. Die

Artisten proben in unserer Halle an ihren

Darbietungen und Stücken. Man muss

sich Aufgaben geben, um etwas zu tun

zu haben. Ich habe viel mit Jack Woodhead

zusammengearbeitet, das war

meine Hauptaufgabe, den „Hellen

Wahnsinn“ zu überarbeiten, als Musical,

vor allem die Charaktere der Figuren zu

vertiefen.

Auf Social Media kann man dich

jetzt mehr als früher als Fotograf

wahrnehmen …

Es gibt ja diese zwei Namen für mich,

Markus Pabst und Robert Pater. Die

Presse hat früher meine Stücke

beschrieben und dann stand da über

einer Kritik über ein Stück von Markus

Pabst, „Foto: Markus Pabst“. Das wirkte

auf mich so, als ob ich die Kritik beeinflusst

hätte, das wollte ich nicht. Daher

nannte ich mich als Fotograf Robert

Pater. Jetzt in der Pandemie guckt man

dann, was man so alles gemacht hat.

Meine Fotos waren schon in der „Times“

und anderer internationaler Presse,

auch habe ich vor langer Zeit mal einen

recht erfolgreichen Bildband über die

Ceasar Twins herausgebracht, einer der

Zwillinge ist übrigens mein Partner in

der Firma.

Worauf legst du wert bei einem

Foto?

Meine Fotos dienten immer der Theaterschiene,

waren ein Geschenk an den

Künstler. Es sind immer relativ einfache

Bilder, aber sie haben eine gewisse

Stärke. Mein Gegenüber soll sich so

darstellen können, wie er es will.

*Interview: Michael Rädel

Alle 11 Minuten 1)

verliebt sich ein

Single mit

1) Hochrechnung aus Nutzerbefragung 2016, Deutschland


16 KULTUR

FOTO: TOM OLDHAM

Gilbert & George The Great Exhibition, Ausstellungsansicht

Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2021, Norbert Miguletz

George (rechts) und Gilbert, 2015

AUSSTELLUNG

DAS PRALLE

LEBEN!

Das skurrile britische schwule Künstler-Duo Gilbert & George

ist in der Schirn Frankfurt zu Gast – mit „The Great Exhibition“,

einer riesigen Ausstellung, die ebenso riesige Werke der beiden

von 1971 bis 2019 zeigt.

Gilbert & George, LEAFAGE, 1988, Courtesy of Gilbert & George

Gilbert & George, YOUTH FAITH, 1982, Privatsammlung,

Courtesy of Gilbert & George

Gilbert & George The Great Exhibition, Ausstellungsansicht

Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2021, Norbert Miguletz

In ihren etwas steif wirkenden

Anzügen, immer geschniegelt mit

Hemd und Krawatte, wirken Gilbert

& George wie exzentrische Exoten

in einer sich ansonsten gerne lässig

gebenden Kunstwelt.

Gar nicht steif sind hingegen ihre

großformatigen, meist knallbunten

Foto- und Bildcollagen: Da strecken

sie den Betrachter*innen schon

mal ihre nackten Hintern entgegen,

titulieren sich selbst als „George

the Cunt and Gilbert the Shit“, sie

zeigen sich als manisch starrende

Avatare mit magisch ineinander

verzwirbelten Rauschebärten,

thematisieren Anal- und Oralverkehr,

Krankheit, Tod, Gewalt, Religion

und Moral. Ein ganzes Kaleidoskop

des menschlichen Lebens wird

mit einer nahezu spirituellen Sicht

verwurstet. Glück und Leid sind hier

gleichberechtigte Sensationen des

prallen Lebens mit all seinen Widersprüchen.

Und die gilt es allesamt zu

akzeptieren.

Der Südtiroler Gilbert Prousch und

der britische George Passmore

hatten sich in den späten 60ern

als Studenten der Londoner

Hochschule für Kunst und Design

Central St. Martins kennengelernt.

Sie wurden ein Paar und

beschlossen, als Künstler fortan in

Personalunion als „Living Sculptures“

aufzutreten. Gemeinsam bezogen

sie Anfang der 1970er ein Haus

samt Atelier im multikulturellen

Ost-Londoner Viertel Spitalfields.

Die damals heruntergekommene

Ecke Londons ist heute ein Hipster-

Pflaster, aber genau hier fanden und

finden Gilbert & George die Themen

für ihre Kunst – Spitalfields ist für sie

der Mikrokosmos, der die ganze Welt

beinhaltet.

Die Ausstellung „The Great

Exhibition“ wurde bereits in Arles,

Stockholm, Oslo, Reykajvík und

Zürich gezeigt. *bjö

Schirn, Römerberg, Frankfurt,

www.schirn.de

Die Ausstellung ist bis Anfang

September zu sehen, inklusive

eines umfangreichen Rahmenprogramms,

das auch online zur

Verfügung steht.


KATI VON SCHWERIN IN BAD AIBLING

„Art is an Idiot“

Dieses Statement ist ein Kernsatz in der

Welt der Kati von Schwerin. Für die ist Kunst

zwar oft irrational, unverständlich oder

kalkuliert - ihrem Sog kann und will sie sich

aber nicht entziehen. Mittlerweile 38 Jahre

alt, ist sie doch immer eine junge Künstlerin

geblieben. Sie überspringt mit Leichtigkeit

Genregrenzen und geht keinem Experiment aus dem Weg – solange Kunst

der Gesellschaft dient und ihr als Spiegel, als ständige Frage, als Mittel zum

Austausch und der Reflexion zur Verfügung steht. Mit ihren Werken will Kati

von Schwerin den Betrachter anregen, seine Welt zu hinterfragen. Ab dem

26. Juni stellt das Multitalent (sie ist auch Musikerin und Autorin, betreibt den

Podcast „Derby WG“ und veröffentlicht bald ihren ersten Roman) Mixed Media

und Objekte in der Kunsthalle Bad Aibling aus. *bm

KULTUR 17

Ausstellung „was klar ist“, 26.6 bis 11.7. Kunstverein Bad Aibling,

Irlachstraße 5, Bad Aibling, www.kunstverein-bad-aibling.de,

www.kativonschwerin.de

Cyrill Lachauer

im Haus der Kunst

Cyrill Lachauer. „I am not sea, I am not land“-Installationsansicht,

Sammlung Goetz im Haus der Kunst, 2020, Courtesy

Sammlung Goetz, München, Foto: Thomas Dashuber, München

Ohne Kultur und Kunst wird

es still und farblos! Und

daher freuen wir uns, dir

diese neue und spannende

Ausstellung

vorstellen zu können.

Gezeigt wird an dieser

prominenten Stelle der

bayerischen Hauptstadt

bis Mitte September das Werk

von Cyrill Lachauer. In der spannenden

und ungewöhnlichen Ausstellung

„Cyrill Lachauer. I am not sea, I am not

land – Sammlung Goetz im Haus der

Kunst“ kann der Besucher eintauchen

in die Welt des international wirkenden

Künstlers. Der Ausstellungsname deutet

bereits das Thema an, es

geht um „Land“ in all

seinen Facetten. „Land

kann Heimat bedeuten

und Wurzeln geben,

es kann ein nährendes

Stück Land sein, aber

auch als Idee von Nation

zu In- und Exklusion

führen. Land kann man

besitzen oder mit ihm leben,

man kann es wegnehmen, zerstören

und anderen den Zugang verwehren“,

wird über die Ausstellung verraten.

Themen wie Asyl, Flucht, Kontrollen und

Krieg drängen sich da förmlich auf. Aber

auch das Schöne, das Landleben, die

Natur, interessante Landschaften voller

praller Kakteen und glitzerndem Sand.

Der Künstler, 1979 in Rosenheim

geboren, jetzt in Los Angeles und

Berlin wirkend und lebend, lädt ein,

den Geist zu erweitern, nachzudenken,

womöglich auch zu grübeln. Nur Bilder

schauen kann man woanders! Auch der

Ort der Ausstellung ist spannend: Die

auf den Reisen des Weltenbummlers

entstandenen Werke – Filme, Videos,

Fotografien, Installationen und Texte –

werden im ehemaligen Luftschutzkeller

ausgestellt. *rä

Foto: Cyrill Lachauer „Cockaigne – I am not sea, I am not land“, 2020,(Filmstill: The Rain Dancer), © the artist,

Courtesy Sammlung Goetz, Medienkunst, München

Bis 12.9.21, „Cyrill Lachauer. I am not

sea, I am not land – Sammlung Goetz

im Haus der Kunst“, Haus der Kunst,

Prinzregentenstraße 1, München,

www.hausderkunst.org


18 KULTUR

STREAMING

FOTOS: ARD DEGETO / ANDREA HANSEN

ARD mit schwuler Serie

Der Wonnemonat wirft seinen Schatten

voraus, nein, er lässt seinen queeren

Schein strahlen: Ab Mai soll die Serie „All

You Need“ über den Alltag vierer schwuler

Männer in der ARD-Mediathek zu sehen

sein – in einem für die junge Zielgruppe

maßgeschneiderten Shortform-Format,

fünf Folgen à 20 Minuten. Die Serie gibt es

ab 7. Mai in der ARD-Mediathek zu sehen.

Sie wird am 16. Mai auch auf ONE ausgestrahlt.

*rä

„Noch immer werden im deutschen Fernsehen

Charaktere aus der LGBTIQ*-Community

hauptsächlich als Nebenfiguren erzählt.

Ich freue mich, dies mit All You Need

ändern zu können. Und das ist hoffentlich

nur der Anfang“, so Regisseur Benjamin

Gutsche. „Wir fangen endlich an, auf den

Bildschirmen abzubilden, wie unsere

Gesellschaft wirklich aussieht. So rückt

Diversität ganz selbstverständlich in die

Mitte unserer Arbeit“, ergänzt Nataly Kudiabor,

Produzentin UFA Fiction **. Worum

geht es in der Serie, die unter anderem im

SchwuZ und in der Sauna Boiler gedreht

wurde? Um Themen, die jeden betreffen

können, natürlich in geballter Serienfassung

und aus der queeren Perspektive (obwohl

die Hauptdarsteller alle heterosexuell sind

...): „Die langjährige Beziehung, die plötzlich

vor der Zerreißprobe steht. Der finanzielle

Schuldenberg, der unaufhörlich wächst. Der

One-Night-Stand, der nicht lockerlässt. Der

Lebenstraum, der wie eine Seifenblase zu

platzen droht. Die große Liebe, die unerwidert

bleibt. Die Dramedy-Serie behandelt

universelle Themen, mit denen sich jeder

identifizieren kann“, wird schriftlich vorab

verraten. Die Serien-Charaktere sind: Langzeitstudent

und Nachtschwärmer Vince

(29), der geheimnisvolle Robbie (27, kleines

Bild rechts), der zum Spießer mutierende

Webdesigner Levo (34) und der erst spät

geoutete Familienvater Tom (43). Schwuler

Serienspaß mit Drama, Leidenschaft und

einem diversen Cast, wir sind gespannt!

VIER FRAGEN

Frédéric Brossier, der den Robbie spielt,

hatte Zeit für einen kurzen Chat mit uns.

Es wurde im Vorfeld kritisiert, dass

keiner der Hauptcharaktere im realen

Leben wirklich schwul lebt, wie

stehst du dazu?

Ich kann die Irritation nachvollziehen

und gleichzeitig habe ich nicht in diesen

Kategorien gedacht, als man mir die Rolle

angeboten hat. In einer Liebesbeziehung,

die gezeigt wird, interessiert mich die sexuelle

Ausrichtung der Schauspieler*innen

nicht. Ich persönlich hätte es sogar schwierig

gefunden, wenn mich die Produktion

bei den Casting-Aufnahmen nach meiner

sexuellen Orientierung gefragt hätte. Der

Anstoß von Kampagnen wie #ActOut, die

dieses Jahr veröffentlicht wurde, verändert

sicherlich bei zukünftigen Produktionen die

Besetzungsprozesse von queeren Rollen.

Berührungsängste gab es nicht?

Da ich vor der Kamera generell noch nie

jemandem so nahe gekommen bin, war

ich sehr gespannt, wie die Situation dann

sein würde. Ich habe aber schnell Vertrauen

in meine Kollegen und das Team gefasst,

sodass ich mich gut aufgehoben gefühlt

habe.

Warum ist diese Serie wichtig?

Einfach, weil es immer noch einen großen

Teil unserer Gesellschaft gibt, der im

Fernsehen nicht stattfindet. Es ist längst

überfällig, dass es auch hierzulande eine

Serie mit queeren Hauptrollen gibt. Dabei

sollte das doch 2021 eine Selbstverständlichkeit

sein. Als ich meinen Freunden aus

der Heimat erzählt habe, dass ich Robbie

spiele, waren sie erst einmal ein wenig

erstaunt. Das hat mich aber auch noch mal

mehr darin bestätigt, diese Rolle spielen

zu wollen! Ich habe auch das Gefühl, dass

immer mehr Bewusstsein für die Vielfalt

unserer Gesellschaft entsteht und dass

vor allem in der jüngeren Generation viel

mehr Offenheit dafür herrscht. Deshalb

ist es schön, daran anknüpfen zu können

und dies mit einer Serie wie „All you need“

weiter zu fördern.

Was erhoffst du dir von der Serie?

Ich erhoffe mir, dass die Leute bei der Serie

in vielerlei Hinsicht mitfühlen und erleben,

dass Liebe nichts mit der Sexualität zu tun

hat. Liebe ist frei und es ist egal, ob ich als

Mann einen Mann liebe, als Frau eine Frau

oder als Mann eine Frau – oder eben divers.

Das Schöne an dieser Produktion für uns als

Schauspieler war, dass auch wir uns in die

Figuren verliebt haben.

www.ardmediathek.de

** Die UFA Fiction produziert damit erstmalig Content im

Auftrag der ARD Degeto exklusiv für die ARD-Mediathek


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20 STYLE

Balletttänzer

in Mode von

MODE

MATTHIAS

MAUS

Der aus der Ukraine stammende

Tänzer Denys Popovych

beweist in der Kleinserie

„Frühlingserwachen“ des

Berliner Modedesigners Matthias

Maus Modelqualitäten.

Und die hier bei uns zu sehende

Fashion-Serie selbst ist wiederum

vom Tanz beeinflusst. Aber nicht

nur. „Die Kleinserie ‚Frühlingserwachen‘

ist inspiriert von der

Baukeramik der Belle Époque

sowie meiner ewigen Inspiration

Nijinsky, der das Ballett in dieser

Epoche geprägt und revolutioniert

hat, um es mehr dem Geschmack

der homosexuellen Zielgruppe anzupassen“,

so Matthias Maus über die hier

zu sehende Mode, die Gedanken dahinter

und die verarbeiteten Einflüsse darin. „Nijinsky

hat mit seinem Tanzstil das Ballett des frühen

20. Jahrhunderts zusammen mit seinem

Mentor Sergei Djagilew revolutioniert [...] Mit

seiner Choreografie und Aufführung ‚L’Aprèsmidi

d’un faune‘ zu der Musik von Claude

Debussy schockierte er Paris 1912, da er am

Ende des Tanzes ‚öffentlich masturbierte‘“, so

der kunstliebende Designer, der vor Corona

immer die Promis auf der Fashion Week um

sich scharte. *rä

www.mbrilliant.com,

www.instagram.com/denyssworld,

www.instagram.com/mausmatthias

FOTOS: M. MAUS


21

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26. Eiscafé Eismeer,

Pestalozzistr. 21

27. Jenny was a friend of mine,

Holzstr. 14

28. Kiosk an der Reichenbachbrücke,

Fraunhoferstr. 4

2

29. Kraftwerk,

Thalkirchnerstr. 4

30. Moro Restaurant,

Müllerstr. 30

31. NiL,

Hans-Sachs-Str. 2

• Prosecco,

Theklastr. 4,

www.prosecco-munich.de

• Self Bar/Restaurant,

Schäftlarnstr. 62,

www.self-bar.de

Neuhauser Str.

Damenstiftstr.

U SENDLINGER TOR

11 29 22

25

20

89

26

27

15

47

Blumenstr.

Müllerstr.

Maxburgstr.

Hans-Sachs-Str.

KULTUR

33. Bayerische Staatsoper,

Max-Joseph-Platz 2,

www.bayerische-staatsoper.de

Oberanger

Unter Anger

43

30

4246

9

31

39

14

Färbergraben

Blumenstr.

MARIENPLATZ U S

Rindermarkt

40

24

41

48

Müllerstr.

Fraunhoferstr.

Corneliusstr.

Klenzestr.

FRAUENHOFERST. U

34. City Filmtheater, Kino,

Sonnenstr. 12,

www.city-kinos.de

Erhardtstr.

35. Deutsches Theater,

Schwanthalerstr. 13,

www.deutsches-theater.de

• Gasteig (Philharmonie),

Rosenheimer Str. 5,

www.gasteig.de

• GOP Varieté-Theater,

Maximilianstr. 47,

www.variete.de

• Kultur im Schlachthof,

Zenettistr. 9,

www.im-schlachthof.de

36. Kunsthalle München,

heatinerstr. 8

• Lenbachhaus -

Städtische Galerie,

Luisenstr. 33,

www.lenbachhaus.de

• Museum Brandhorst,

Theresienstr. 35a

37. Münchner Kammerspiele,

Maximilianstr. 26-28,

www.muenchnerkammerspiele.de

• Münchner

Philharmoniker,

Rosenheimer Str. 5

• Münchner Volkstheater,

Brienner Str. 50,

www.muenchnervolkstheater.de

38. Staatstheater am

Gärtnerplatz,

Gärtnerplatz 3, (089) 202411,

www.staatstheater-amgaertnerplatz.de

• Tierpark Hellabrun,

Tierparkstr. 20

Gärtnerplatz

38

Reichenbachstr. Reichenbachstr.

28

13

RAT & TAT

39. Caritas Ambulanter Hospiz

ienst, Queer-Sprechstunde,

jeden 1. Montag im Monat,

ASZ Isarvorstadt,

Hans-Sachs-Str. 14,

caritas-hospizdienst@

barmherzige-muenchen.de

40. Diversity Jugendzentrum,

Blumenstr. 11,

www.diversity-muenchen.de

19

Frauenstr.

Rumfordstr.

Buttermelcherstr.

17

Baaderstr.

Reichenbachbrücke

ISAR

33

Maximilianstr.

16

Tal

Steindorfstr.

Corneliusbrücke

5

41. Gay Outdoor Club

München e.V.,

Sportverein,

Müllerstr. 14,

www.gocmuenchen.de

• Isarhechte e.V.,

Sportverein, Meindlstr. 11a,

www.isarhechte.de

42. Koordinierungsstelle zur

Gleichstellung von LGBTI*,

Angertorstr. 7

(Eingang Müllerstraße)

43. LeTRa,

Blumenstr. 29,

www.letra.de

44. Marikas Beratungsstelle für

anschaffende junge Männer,

Dreimühlenstr. 1,

www.marikas.de

45. Münchner Aids-Hilfe,

Lindwurmstr. 71,

www.aidshilfe-muenchen.de

46. Münchner Regenbogen-

Stiftung, Angertorstr. 7

(Eingang Müllerstr.)

47. Rechtsanwälte Schuster

& Riedl, Eisenmannstr. 4

(Fußgängerzone),

(089) 23888930,

www.ra-srk.de

• Regenbogenfamilien,

Fach- und Beratungsstelle,

Saarstr. 5/II, (089) 46224606

www.regenbogenfamilienmuenchen.de

48. Sub e.V.,

Müllerstr. 14,

info@subonline.org

49. Team München, Sportverein,

Rumfordstr. 39

www.teammuenchen.de

• TransMann e.V.,

Parzivalstr. 41,

www.transmann.de

37

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24 POLITIK

KOLUMNE VON

FELIX MÜLLER

GRAFIK: GORDON JOHNSON / PIXABAY

Jubiläen in

seltsamen Zeiten

In seiner kommunalpolitischen

Kolumne schaut AZ-Lokalchef Felix

Müller dieses Mal auf ein Jahr Grün-Rosa-

Rot im Stadtrat und lässt Alt-OB Christian

Ude ein Vierteljahrhundert zurückblicken

– auf den Einzug eines gewissen Thomas

Niederbühl ins Rathaus.

Sie hätten es sich anders vorgestellt,

die Grünen und Roten (und der rosane

Thomas Niederbühl!), die vor einem Jahr

das Revival der traditionsreichen Zusammenarbeit

im Münchner Rathaus besiegelt

hatten. Es sollte ein Aufbruch werden,

sozial, ökologisch, zeitgemäß. Ein Jahr

danach muss man ihnen zugestehen: Sie

hatten es nicht leicht, denn natürlich hing

auch in der Stadtpolitik über allem Corona.

Das machte es schwerer, mit progressiven

Themen und Ideen durchzukommen – und

es führte zu ganz praktischen Problemen.

Weil sich die Finanzlage katastrophaler

entwickelt, als es sich die größten

Pessimisten hätten vorstellen können.

Aber natürlich auch, weil der Druck aus der

Stadt fehlt, die Debatten. Demonstrationen

waren nicht oder oft nur viel kleiner

möglich, Bürgerversammlungen fielen

aus, Initiativen durften sich nicht in ihren

Räumen vernetzen.

Ein wenig milde sollte man also wohl sein

im Urteil, vor allem sollte man es nicht zu

früh und zu endgültig fällen. In den nächsten

Monaten und Jahren wird sich zeigen,

wohin das Geld gegeben wird, wenn es

(wie man erwarten muss) knapp bleibt, wo

die Koalition Schwerpunkte setzt. Ob die

SPD die Kraft hat, zu einer zeitgemäßen

Großstadtpartei zu werden, ob OB Dieter

Reiter noch mal eigene Schwerpunkte

setzt. Wie selbstbewusst die Grünen

werden – und was das für das Klima im

Rathaus bedeutet. In diesem ersten Jahr

hat es auf jeden Fall schon viel häufiger

hörbar geknirscht als erwartet.

Jene Politiker*innen, denen die Queerpolitik

besonders am Herzen liegt, sind

aber zufrieden mit dem Erreichten – und

hier schlummert offenbar nicht allzu

viel Konfliktpotenzial. Grünen-Stadtrat

Dominik Krause etwa verweist

darauf, dass man die Räume

von Diversity erweitern

konnte. Er sagt aber

auch: „Man muss

konstatieren, dass

die Krise die Szene

besonders hart trifft.

Die Räume, die nicht

genutzt werden, sind

ja Schutzräume, zur

Beratung, aber oft auch, um

aus dem homophoben Umfeld

rauszukommen.“ Er sorge sich außerdem,

was nach der Krise noch da sein wird an

Infrastruktur, etwa bei den Klubs.

Thomas Niederbühl betont, dass man

trotz der schwierigen Haushaltslage

10.000 Euro pro Jahr an die Regenbogen-

Stiftung gebe, dass das Trans*Zentrum

auf den Weg gebracht werden konnte. „Wir

haben eine sehr aktive und sehr diverse

Trans-Szene“, sagt er. „Jetzt müssen wir

klären, wer der Träger sein kann, wie es

geführt werden kann.“ Dafür wolle man

sich Zeit nehmen. „Ende 2023 soll das

entschieden sein“, sagt Niederbühl.

Der Mann schaut also in die Zukunft. In

diesen Zeiten aber durchaus auch zurück.

Stolze 25 Jahre ist er, und ist damit die

Rosa Liste, nun schon im Stadtrat. Ein

Jubiläum, das man – in normalen Zeiten

– groß gefeiert hätte. „Wir haben unwahrscheinlich

viel erreicht“, sagt Niederbühl,

„so eine geförderte Infrastruktur hat keine

andere Stadt in der Republik.“

Alt-OB Christian Ude erinnert sich gerne

an die Zeit, als dieser junge Thomas Niederbühl

1996 ins Rathaus einzog.

„Ein ausgesprochen sympathischer,

fröhlicher Mann“,

sagt er, „der konsequent

für seine Community

geworben, Unterstützung

für seine Initiativen eingefordert

hat.“ Ude erinnert

sich, wie vieles sich in

diesen 25 Jahren geändert

hat. Die CSU im Rathaus, sagt

er, sei Niederbühl nicht feindselig

gegenübergestanden. Aber sie habe

sich ferngehalten. Und er selbst habe für

seine Zusammenarbeit mit Niederbühl,

dafür, dass er bald den CSD anführte, viele

Anfeindungen erlebt. „Strenggläubige

aus dem Oberland sind Sturm gelaufen“,

erinnert sich Ude, „die sprachen von Krankheit

und Sünde, so einen Katholizismus

kannte ich aus München überhaupt nicht.“

Inzwischen läuft selbst die CSU seit Jahren

beim CSD mit. Und vorne raus läuft immer

noch der OB. Gemeinsam mit Thomas

Niederbühl, dem unverwüstlichen Rosa-

Liste-Urgestein im Rathaus.

FOTO: PRIVAT


LOGO: SPDQUEER

BAYERN WIRD BUNTER

SPDqueer in Oberfranken gegründet

Zahlreiche SPD-Mitglieder aus Oberfranken kamen

Ende März zu einer Online-Veranstaltung zusammen,

um die regionale Arbeitsgemeinschaft SPDqueer

zu gründen. Bei den Vorstandswahlen wurde

Sebastian Kropp aus Bayreuth zum Vorsitzenden

gewählt, Janina Kiekebusch aus Bayreuth und Daniel

Ferch aus Kulmbach zu stellvertretendem Vorsitzenden

bestimmt. „Seit November 2019 arbeiten wir

an einer Gründung eines Ablegers der SPDqueer für

Oberfranken“, so Sebastian Kropp. „Wir sind froh, die

Gründung endlich vollzogen zu haben und als einzige

queere Arbeitsgemeinschaft einer Partei in Oberfranken

nun für mehr Politik für queere Menschen in

Oberfranken arbeiten zu dürfen.“ Gleichwohl betont

der 30-Jährige, dass Politik für Minderheiten nicht

Politik gegen Mehrheiten bedeutet: „Wir verstehen

uns als Partei der Arbeit. Auch ein Arbeiter kann

queer sein. Wir wollen wieder Brücken zwischen

POLITIK 25

Mehrheiten und Minderheiten schlagen.“ Daniel

Ferch betont die Wichtigkeit, für die Sichtbarkeit

queerer Menschen in ganz Oberfranken zu sorgen

und Flagge zu zeigen: „In Kulmbach wurde erstmalig

im CSD-Sommer 2020 eine Regenbogenflagge

am Rathaus als Zeichen der Solidarität mit queeren

Menschen gehisst – diesen Spirit wollen wir mit der

SPDqueer Oberfranken nun in ganz Oberfranken

verbreiten“, erklärt der 27-Jährige. „Wir wollen mit

Menschen auch außerhalb der queeren Blase in

Kontakt treten“, macht Janina Kiekebusch (27) klar.

„Weil es wichtig ist, andere über queere Menschen

aufzuklären, zu sensibilisieren und so Akzeptanz

herzustellen.“ Die Arbeitsgemeinschaft SPDqueer

setzt sich deutschlandweit für die Gleichstellung

und Akzeptanz von LGBTIQ* ein. *bm

www.spd-oberfranken.de

NEU: CHECKPOINT*I*N

Tests auf Augenhöhe

Der Checkpoint der Münchner Aids-Hilfe ist

seit vielen Jahren bekannt: Hier kann man

sich vier Mal pro Woche anonym zu den

Themen HIV und andere sexuell übertragbare

Krankheiten (STI) beraten und testen lassen.

Dieses Angebot erfährt ab sofort eine

bayernweit einmalige Erweiterung: Unter

dem Namen CheckpoinT*I*N steht der Service

nun auch exklusiv einer ganz speziellen

Zielgruppe zur Verfügung, nämlich trans*,

inter* und nicht-binären Menschen.

Ein Angebot, das Sinn ergibt: „Leider hören

wir immer wieder von schlechten Erfahrungen,

die diese Klientel im Zusammenhang

mit Testangeboten machen muss“, so Irena

Wunsch, Leiterin der Beratungsstellen der

Münchner Aids-Hilfe. Viele Berater_innen

seien mit der komplexen Lebenslage

dieses Personenkreises nicht vertraut und

könnten auf deren spezifische Themen

nicht sensibel genug eingehen. Um das zu

verhindern, kam sie mit ihren Kolleg_innen

der Trans*Inter*Beratungsstelle auf die Idee,

ein spezielles Angebot zu HIV- und STI-Tests

für trans*, inter* und nicht-binäre Personen

zu machen. Nach dem bewährten Vorbild

des Checkpoint, aber auf Augenhöhe.

„Unsere Berater_innen sind selbst trans* und/

oder nicht-binär und für die Belange von

inter* Personen sensibilisiert“, so Quentin

Rothammer, der das Projekt CheckpoinT*I*N

initiiert hatte. Test und Beratung finden in

den Räumen der Münchner Aids-Hilfe statt,

das Angebot ist anonym und kostenlos. *bm

www.trans-inter-beratungsstelle.de/de/

CheckpoinT-I-N.html

GRAFIK: FRANK ZUBER

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26 POLITIK

FOTO: MICHAEL LUCAN, LIZENZ: CC-BY 3.0, CC BY 3.0, WIKIMEDIA.ORG

INTERVIEW

IDENTITÄTSPOLITIK:

Von TERFs über EMMA zur AfD

Identitätspolitik scheint im

beginnenden Bundestagswahlkampf

die Dauerbrenner Genderideologie

und Masseneinwanderung

auf die Plätze zu verweisen.

Wer Frau Wagenknecht, Wolfgang

Thierse oder eben Frau Weidel und

den TERFs (Trans-Exclusionary Radical

Feminists) beim diesjährigen

Lesbenfrühlingstreffen genau zuhört,

erkennt Zusammenhänge und

diskursive Mechanismen, die auf

den gleichen ideologischen Stammbaum

zurücklaufen: Das Patriachat

und seine Machtstruktur, die auf

Unterdrückung marginalisierter

Geschlechter ruht. Wir sprachen mit

der Aktivistin*, DJ* und Bildungsreferentin*

Mine Wenzel.

Wie bist du auf die Idee gekommen,

auf Instagram die Reihe „Femi - CIS

- mus - Sexismus- und Misogynieerfahrungen

aus nicht-cis Perspektive“

zu machen?

Die Wortschöpfung Femi-CIS-mus

ist natürlich kein offizieller Begriff,

sondern eine Beschreibung, die versucht,

feministische Räume in Worte zu fassen.

Viele trans*, inter und nicht-binäre

Menschen kennen feministische Gruppen,

die eigentlich nur Arbeit für endo I cis

Frauen machen. Das führt zu vielen

Frustrationsmomenten, die ich von mir

persönlich und anderen Aktivist*innen

kenne, die immer wieder dieselben Dinge

beschreiben: Mensch bekommt das

Gefühl, dass eins immer mehr als die

anderen arbeiten muss, bis die eigene Perspektive

anerkannt wird. Das liegt daran,

dass viele aktivistische Räume vor allem

von denjenigen geprägt sind, die näher an

einer gesellschaftlichen Norm dran sind.

Je weiter ich mich von dieser Norm wegbewege,

desto länger dauert es, bis diese

Perspektive ins Gespräch gebracht wird.

Als trans* und nicht-binäre Person erlebe

ich häufig, wie Feminismus als Kampf um

Geschlechtergerechtigkeit zuallererst aus

einer weißen II cis-weiblichen Perspektive

geführt wird. Konkret habe ich die Serie

Mitte März angefangen, weil mal wieder

am 8. März darüber diskutiert worden ist,

wie mensch den Tag nennt. Diese Frage

ist seit mindestens zehn Jahren geklärt.

Ein Sternchen hinter das Wort „Frauen“

macht es nicht inklusiver. Trans* Männer,

inter* und nicht-binäre Personen fallen

aus dem Begriff heraus. Ich muss zum

fünfzigsten Mal das Gleiche sagen und

es werden wieder die gleichen Leute

fragen: Was ist daran verkehrt? Was


FOTO: OLAF KOSINSKY / CC BY-SA 3.0 DE / WIKIMEDIA.ORG

mache ich stattdessen? Zusätzlich zu dem

elendigen Thema des Namens hat mich

die Demo zum feministischen Kampftag

in Berlin zur Serie inspiriert: Letztes Jahr

haben trans* Sexarbeiter*innen die unangenehme

Erfahrung gemacht, dass vom

„Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung“

Terre de Femmes zur Demo eingeladen

worden sind. Terre des Femmes ist offen

trans*feindlich und das schreiben sie

auch offen in ihrem Manifest. Auf der

Demo haben sie sich diskriminierend

gegenüber trans* Personen und People

of Color (PoC) III verhalten. Das Demo-

Bündnis versicherte damals erst nach

einem öffentlichen Outcall, dass Terre de

Femmes nie wieder Teil des Bündnisses

sein wird. In diesem Jahr war Terre de

Femmes jedoch wieder Teil des Bündnisses!

Mensch reflektiert nicht, ob eine

feministische Gruppe trans*feindlich ist,

sondern denkt sich, weil da Feminismus

draufsteht, ist das schon in Ordnung.

Zusätzlich zu diesem Fiasko hat mich noch

der Umgang mit der Gruppe Trans*Fläche

zu der Serie bewegt. Trans*Fläche ist eine

Gruppe aus trans* Personen, die sichere

und selbstbestimmte Orte für trans*

Personen fordern und deshalb ein Haus

besetzt hatten. Dieses Jahr haben sie ein

Zine IV veröffentlicht, das durch linke Kreise

in den sozialen Medien gegangen ist. Das

Zine ist stellenweise kritisch zu lesen und

einzelne Texte darin sind debattierbar. Die

Gruppe hat jedoch selbst gesagt, dass sie

keine fachliche Abhandlung schreiben,

sondern ihren eigenen Marginalisierungserfahrungen

emotional und affektiv Luft

machen. Im Zuge dessen haben sich

Antifa-Gruppen und

TERFs zusammengetan

und in den

sozialen Medien gegen

die Trans*Fläche-

Gruppe gehetzt und

das Zine verrissen.

Dabei haben sie sich

mit trans*feindlichen,

teilweise rechtspopulistischen

Aussagen gegenseitig

übertroffen, sodass

selbst linke Gruppen

von Nazis nicht mehr unterscheidbar

waren. In einem breiteren feministischen

Kontext waren diese Angriffe jedoch kein

Thema: Es gab nur wenige Initiativen,

die Solidarität gezeigt haben. Gleichzeitig

sind am selben Tag das Haus der

Trans*Fläche geräumt und die Leute in

FOTO: RAIMOND SPEKKING / CC BY-SA 4.0 WIKIMEDIA.ORG

POLITIK 27

Polizeigewahrsam genommen worden.

So sieht trans* Solidarität aus: Sprich, sie

ist nicht vorhanden. Diese Momente sind

der Grund, warum ich mich entschied, auf

Instagram die Beitragsreihe zu starten.

Diese Frustration kann ich nachvollziehen.

Die Vereinnahmung von

Menschen mit Vulvas und Uteri

auf feministischen Demos ist so

eklig. Kannst du erklären, warum

Feminismus nicht nur den endo cis

Frauen gehört? Warum sind trans*,

inter* und nicht-binäre Personen kein

extra Thema, sondern gehören zum

Fundament von Feminismus?

Ich bin immer wieder überrascht, wie solche

eigentlich augenscheinlichen Tatsachen vergessen

werden, dass mensch sagt: Hey, wir

reden jetzt über Geschlechtergerechtigkeit,

aber im nächsten Beitrag geht es explizit

um FrauenTM. Meist wird sich auf reproduktive

Gerechtigkeit zurückgezogen und

damit die Konzentration auf endo cis Frauen

begründet. Doch es ist kein Frauenthema

und diesen Umstand zu bemerken, ist kein

Hexenwerk. Es ist offensichtlich, dass nicht

nur Frauen einen Uterus besitzen. Aber

alle Menschen mit Reproduktionsorganen

brauchen feministische Emanzipation: Bis

2011 waren beispielsweise Zwangssterilisationen

für trans* Personen noch gesetzlich

verpflichtend, wenn sie rechtlich anerkannt

werden wollten. Die Zugänge zu reproduktiver

Medizin werden für trans* Männlichkeiten

und nicht-binäre Personen bis

heute heftig beschnitten. Inter* Personen

werden regelmäßig bei nicht-konsensuellen

Operationen sterilisiert. Der Zugang zu solch

Sachen wie die Konservierung von Samen

und Eizellen ist für trans* Personen eingeschränkt.

Das sind alles Themen, die ebenso

mit reproduktiven Rechten zu tun haben.

Wenn mensch sich mit so einem Thema

auseinandersetzt, wie es Feministinnen

tun, dürfte es eigentlich nicht schwerfallen,

diese Problemfelder

zu bemerken. Doch

aufgrund der eigenen

Scheuklappen, die durch

bestimmte Privilegien

aufgesetzt werden, fällt

so was leider nicht auf.

Was ich dabei besonders

bemerke, ist, dass Feminismus

nicht als Mittel

für eine ganzheitliche

Bewegung für soziale

Gerechtigkeit begriffen

wird. Feminismus ist

wie Antirassismus oder Antifaschismus

ein Werkzeug neben vielen, um soziale

Gerechtigkeit zu erreichen. Wenn ich

versuche, mich mit Themen der sozialen

Gerechtigkeit auseinanderzusetzen,

muss ich Kategorien wie Klasse oder race

mitdenken. So was kommt leider häufig


28 POLITIK

zu kurz. Dann wird gesagt: Im Feminismus

kümmern wir uns nur um Geschlechterverhältnisse.

Dabei wird nicht mitgedacht,

dass zum Beispiel die Erfahrung, die ich

aufgrund eines klassistischen Ausschlusses

mache, sich genauso auf die geschlechterspezifische

Diskriminierung, die ich erlebe,

auswirkt. Diese Kämpfe lassen sich nicht

trennen. Der Mainstream-Feminismus

arbeitet mit einer universellen Vorstellung

einer Frau, ohne festzustellen, dass es

die eine weibliche Perspektive gar nicht

gibt, sondern die behauptete universelle

Perspektive vor allem die Perspektive von

privilegierten weißen Frauen ist. Arme

Menschen, Menschen mit Behinderung

oder nicht-weiße Menschen erleben

andere soziale Ausschlüsse und benötigen

dementsprechend andere feministische

Strategien.

Mainstream-Feminismus vergisst

trans* Themen und will lieber einen

getrennten trans* Aktivismus. Doch

TERFs, also Trans-Exclusionary

Radical Feminists, legen ihren

ganzen Fokus auf trans* Personen

und ihre Auslöschung. Wie kommt

man auf so eine Verdrehung der

Gefahrenlage, wenn man sich diese

ganze sexistische Welt ansieht?

Na ja, wie mensch auf diese

Verdrehung der Gefahrenlage

kommt, frage

ich mich tatsächlich

auch. Häufig heißt

es, dass Frauen in einem feministischen

Kampf etwas erkämpft hätten und jetzt

Sorge haben, dass sie durch andere

Perspektiven etwas abtreten müssten. Das

ist eine schön klingende Entschuldigung für

privilegierte Fragilität.

Der Mechanismus

ist ähnlich, wie wenn

weiße Menschen

Abwehrreflexe

gegenüber antirassistischen

Bestrebungen

verspüren. Entweder

nutzt du dein Privileg,

um mich zu beteiligen,

oder du trittst es ab.

Ich als weiße Person

kenne diesen Reflex

sehr gut, mich in die

Abwehr zu flüchten und zu sagen: Aber ich

bin noch ein*e von den Guten. Ich sehe eine

ähnliche Dynamik, wenn Feministinnen

versuchen, ihren Feminismus gegen neu

erstarkende Perspektive zu verteidigen.

Diese Perspektiven wirken neuartig, jedoch

waren sie schon immer Teil feministischer

Bestrebungen. Sie wurden aktiv kleingehalten

und marginalisiert, um sie aus

sozialen Bewegungen herauszudrücken.

Der Versuch der Unsichtbarmachung ist

nicht neu. Es ist die alte Leier von privilegierten

Personen, die sich relativ nah der

gesellschaftlichen Mitte befinden

und versuchen, das bisschen, das

sie sich erkämpft haben, und

vor allem ihre gesellschaftlich

FOTO: PRIVAT

Mine Wenzel

privilegierte Position zu verteidigen. Gesellschaftliche

Veränderung und Bekämpfung

von Privilegien funktionieren am Ende nur,

wenn ich bestimmte Privilegien anfange

zu teilen. Damit ist ein Status quo nicht

aufrechtzuerhalten. Die

Abwehr ist durchaus

verständlich, weil die

privilegierte Position

bedroht wird. Was ich

gefährlich finde, ist, dass

dieser Verteidigungsreflex

nicht aufgrund einer

vergangenen feministischen

Bewegungserfahrung

ausgelöst

wird, sondern dass darin

aktiv Trans*Feindlichkeit

mitschwingt. Dieser

Hass ist verwurzelt in Texten wie „The

Transsexual Empire“ von Janice Raymond.

Diese Ideen und Bewegungen verfolgen das

Ziel, trans* Menschen aus der Gesellschaft

auszuschließen. In Form von Psycho-

Pathologisierung und von psychiatrischen

Einweisungen soll Trans*Geschlechtlichkeit

aus der Gesellschaft verbannt werden.

Diese Logik basiert auf Be_hindertenfeindlichkeit

V und Eugenik. Es wird argumentiert,

dass trans* Menschen den gesellschaftlichen

Zusammenhalt gefährden. Dabei

klingen Gedankenfiguren an, wie die

sogenannte Trans*Ideologie sei gefährlich

für unsere Kinder und für unsere Frauen.

Diese Argumentationslinie kennen wir:

Da kommen die bösen Invasor*innen, die

unseren gesellschaftlichen Zusammenhang

gefährden und versuchen, sich in unsere

Räume einzuschleichen und uns zu

korrumpieren. Diese Narrative sind sehr

alt und finden sich in antisemitischen

oder rassistischen Verschwörungsmythen

wieder. Diese Menschen bemerken nicht,

wie tief ihre Trans*Feindlichkeit reicht. Es

geht nicht darum, sich für Frauen stark zu

machen, sondern marginalisierten Personen

das Leben unmöglich zu machen. Das sind

aktive Auslöschungsversuche und das ist

brandgefährlich.

Mich erinnert die Rhetorik von

„Frauen schützen“ sehr stark an

Nazi-Argumentationen zum Schutze

der weißen blonden Frau als Bild der

Unschuld und Vertreterin des Volkes.

Absolut. TERFs sind mit ihren Forderungen

und ihrer Rhetorik Steigbügelhalterinnen

von neuen völkischen Bewegungen wie

AfD und Pegida. Rechte sagen: Wir wollen

unsere weißen Frauen und unser Vaterland

beschützen. Die Frau steht als Figur für das

Behüten und Aufziehen von Kindern und

sichert somit die nationalistisch-kapitalistische

Reproduktion für eine funktionierende

und verwertbare Gesellschaft. Einher geht

mit diesem Bild die Angst von Invasoren,

welche in der Regel nicht-weiße Menschen


POLITIK 29

darstellen. Diese Argumentationsstruktur

wird auf alle trans* Personen übergestülpt,

insbesondere auf Trans*Weiblichkeiten.

Marginalisierte Gruppen werden immer

dann als Feindbilder inszeniert, wenn der

gesellschaftliche Status quo verteidigt

bzw. Privilegien weiter ausgebaut werden

sollen. Dieser Mechanismus passiert nicht

nur auf der ideologischen Ebene, sondern

auch auf der materiellen: Für bestimmte

Gruppen wird der gesellschaftliche Zugang

eingrenzt wie zum Beispiel zum Arbeitsoder

Wohnungsmarkt sowie zur Bildung.

Es ist kein Wunder, dass es zuallererst und

insbesondere diejenigen schwer trifft, die

eine mehrfache Marginalisierung erleben:

Undokumentierte Sexarbeiter*innen oder

nicht-weiße Queers sind von mehreren

dieser rassistischen und trans*feindlichen

Argumentation gleichzeitig betroffen.

Sie erleben die volle Härte einer Welt aus

weißer Vorherrschaft und Cisnormativität VI .

In Großbritannien und in den USA ist

die Ideologie von TERFs schon sehr

weit fortgeschritten. Um nicht von

TERFs überrannt zu werden müssten

sich cis Menschen aktiv für unsere

Sicherheit einsetzen? Wie kann die

cis Community uns schützen?

Für ein Ally Sein gehört es immer dazu,

die eigene Position mitzudenken. Ich als

weiße, nicht-be_hinderte trans* Person

versuche mich beispielsweise zu fragen:

Wessen Perspektive kann ich versuchen

zu stärken und ins Zentrum der Aufmerksamkeit

zu rücken? Wie kann ich die Möglichkeiten,

die ich habe, investieren, sodass

mehr Menschen teilhaben können? Wie

kann ich bereits bestehende Bewegungen

unterstützen und Ressourcen zukommen

lassen? Je weiter sich meine Identität in

der gesellschaftlichen Mitte wiederfindet,

desto mehr Einfluss besitze ich und kann

meine Privilegien für soziale Gerechtigkeit

nutzen. Wichtig dabei ist, nicht nur über

Menschen zu reden, sondern Möglichkeiten

schaffen, dass sich Menschen

selbst am Diskurs beteiligen können. In

Situationen, in denen marginalisierte Personen

nicht sprechen können oder wollen,

weil sie sich zum Beispiel angreifbar oder

verwundbar machen, kann ich ihnen meine

Stimme leihen. Wenn marginalisierte

Personen aber sprechen können, bin ich

dazu verpflichtet, die Bühne zu Räumen.

Für den Schutz von trans* Personen

reicht es nicht aus zu sagen, dass trans*

Frauen Frauen sind. Damit werde ich trans

Feind*innen nie überzeugen können. Wenn

Menschen von einem biologistischen

Geschlechterbild ausgehen, werde ich mit

„Trans* Frauen sind Frauen!“ nicht dagegen

vorgehen können. Das ist schlicht und

ergreifend nicht hilfreich. Ich brauche eine

tatsächliche Argumentation, die sich an

materiellen Realitäten orientiert. Ich muss

mich fragen, welcher Ideologie stehe ich

gegenüber, was hat sie für Auswirkungen?

Was haben Ausschlüsse aus dem

Gesundheitssystem für Auswirkungen?

Minderheitenstress, soziale Ausschlüsse,

Probleme auf dem Arbeitsmarkt,

Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt,

reproduktive Ungerechtigkeit sind nur

einige Beispiele. Ich kann im globalen

Zusammenhang schauen: Wer sind die

Personen, die die Reproduktionsarbeit für

weiße Kapitalist*innen leisten? Es sind

häufig osteuropäische oder nicht-weiße

Arbeiter*innen, die undokumentiert in den

Haushalten arbeiten und aufgrund ihrer

prekären Lage Schwierigkeiten haben, aus

diesen missbräuchlichen Verhältnissen

auszubrechen. Ich kann dann analysieren,

wie materielle Ungleichbehandlung sich

auf diese Communities auswirkt. Ich

muss als privilegierte Person anfangen zu

sehen, wie Diskriminierungsphänomene

Hand in Hand gehen. Wenn wir über TERFs

sprechen, sprechen wir häufig auch über

diejenigen, die sich gegen die Inklusion

von Sexarbeiter*innen aussprechen. Dann

sprechen wir häufig über diejenigen, die

mit anti-muslimischem Rassismus in die

Argumentation gehen und versuchen,

weiße Deutungshoheit und white

saviorism in Form von „Wir retten euch!“

durchzusetzen. Der Schutz von trans* Personen

ist somit untrennbar mit anderen

Diskriminierungsformen verbunden. Für

eine soziale Bewegung muss ich materielle

Realitäten analysieren: Wem und wie

werden Ressourcen in dieser Gesellschaft

verwehrt und wer profitiert davon?

Vielen Dank! Möchtest du noch

einen eigenen Punkt reinbringen, der

dir bisher noch gefehlt hat?

So viele Dinge, von denen ich spreche,

sind keine Sachen, die ich mir selbst

ausgedacht habe. Ich lerne viel von

anderen Geschwistern, die diese Arbeit

schon viel länger als ich machen. Gerade

was antirassistische und anti-ableistische VII

Diskurse angeht. Feminismus ist eine

Bewegung, die aus mehreren Perspektiven

besteht. Es ist wichtig, sich selbst immer

wieder einzuladen, dazuzulernen und

denjenigen zuzuhören, die einen anderen

Erfahrungsschatz haben als mensch selbst.

*Interview: Victoria Forkel

https://www.instagram.com/

mine_undclaudia/

I Endo(geschlechtlich) ist das Gegenstück zu inter*

(geschlechtlich). Das heißt, Menschen sind endo, wenn

ihre Körper nach dem westlichen medizinischen Modell

in die Kategorien von Mann und Frau passen und daher

keine Inter*Feindlichkeit erleben.

II Weiß wird klein und kursiv geschrieben, um zu markieren,

dass es sich nicht um eine Beschreibung von einer

Hautfarbe, sondern um die Markierung der von Rassismus

privilegierten Position handelt.

III People of Color ist eine politische Selbstbezeichnung

nicht-Schwarzer, negativ von Rassismus betroffener

Personen. Dabei handelt es sich nicht um eine

Hautfarbenbeschreibung, sondern um eine bewusste

Positionierung in einer auf Rassismus aufbauenden

Gesellschaft.

IV Ein Zine ist eine Publikation in sehr kleiner Auflage.

V Der Unterstrich in „Be_hinderung“ soll verdeutlichen,

dass betroffene Menschen durch die Gesellschaft

be_hindert werden und nicht nur durch die Be_hinderung

selbst.

VI Cisnormativität ist die Vorstellung, dass cis Menschen

normal und natürlich sind, während jede Abweichung

FOTO: GGAADD / CC0


30 POLITIK

LGBTIQ* UND

POLIZEI

FOTO: TESSA GANSERER

„Wer diskriminiert, geht!“

Das war mal ein schwungvoller

Start ins politische Jahr:

Im Bayerischen Landtag hatte die

Fraktion Bündnis90/Grüne gleich

mehrere Themen zu LGBTIQ* auf der

Agenda. Mit deren queerpolitischen

Sprecherin Tessa Ganserer haben wir

uns über die Herausforderungen für

queere Menschen im Polizeidienst

unterhalten.

Frau Ganserer, die Grünen haben vor

Kurzem das Thema LGBTIQ* bei der

Polizei in den Fokus gerückt. Wie

kam es dazu?

Auslöser war eine Studie, die im Januar

im Magazin „DP“ der Polizeigewerkschaft

veröffentlicht wurde. Sie ergab, dass

Diskriminierung innerhalb der Polizei für

queere Beamt*innen praktisch Alltag ist.

Zudem haben wir neulich in einem von uns

organisierten Webinar die Situation mit

Expert*innen beleuchtet und dabei haarsträubende

Geschichten von Betroffenen

gehört. Grund genug, dieses Thema auch

in Bayern auf die Agenda zu setzen.

Wie geht es queeren Polizist*innen?

Zunächst kann man sagen, dass sich

queere Polizist*innen stark mit ihrem

Beruf identifizieren. Umso mehr kommen

sie jedoch in Konflikte, wenn sie intern

Ablehnung erfahren. Und das passiert

immer noch häufig: Von dummen Sprüchen

über handfeste Diskriminierungen

bis hin zu verhinderten Karrierechancen ist

praktisch alles dabei.

Wie reagieren die Beamt*innen?

Wie andere Menschen neigen sie häufig

dazu, negative Erfahrungen auszublenden,

sich Entschuldigungen zurechtzulegen

oder sich durch besonderen Eifer, das

sogenannte „Overperforming“, mehr

Anerkennung zu verschaffen. Das ist eine

sehr belastende Strategie. Und wenn dann

trotzdem Sprüche kommen, kann das

eine Spirale in Gang setzen, die häufig im

Burn-out endet.

Was kann die Politik tun, um deren

Situation zu verbessern?

Wir fordern seit vielen Jahren

hauptamtliche Ansprechpersonen für

LGBTIQ* bei der Polizei. Noch immer

leisten das viele Kolleg*innen quasi ehrenamtlich

nebenbei. Außerdem braucht die

Polizei mehr Fortbildungen im Umgang mit

queeren Menschen und Schulungsmaterial

für den Nachwuchs.

Warum haben es trans* Menschen

bei der Polizei besonders schwer?

Was Trans* von Schwulen und Lesben

unterscheidet, ist, dass es uns zunächst

jeder ansieht und wir es wie eine Monstranz

vor uns hertragen. Eine trans* Person

steht nach dem Coming-out vor einer

Vielzahl von Fragen wie: Welche Umkleide

oder Toilette nutze ich, ab wann erhalte

ich neue Dienstkleidung, einen neuen

Dienstausweis oder eine angepasste

E-Mail-Adresse? Diese Themen sind

nicht eindeutig geklärt. Auch wenn nach

dem Bundesverfassungsgericht die

geschlechtliche Identität unabhängig vom

amtlichen Personenstand zu akzeptieren

ist, gibt es immer wieder Diskussionen um

diese Fragen. Ein respektvoller Umgang

lässt sich nur schwer einklagen. Doch weil


POLITIK

31

das Verfahren zur amtlichen Personenstandsänderung bis

zu einem Jahr dauern kann und trans* Personen dann ja

bereits out leben, muss der Arbeitgeber in der Realität für

ein akzeptierendes Umfeld sorgen.

Oberbürgermeister

Besonders in der Kritik steht in diesem Zusammenhang

die Polizeidienstverordnung (PDV)

300, die sich mit der Diensttauglichkeit von

Bewerber*innen beschäftigt. Warum?

Die PDV 300 ist in manchen Teilen ein Relikt aus alten

Zeiten. In ihr war beispielsweise festgelegt, dass nur

Männer mit mindestens einem funktionierenden Hoden in

den Polizeidienst aufgenommen werden und Frauen keine

Silikon-Implantate besitzen dürfen. Trans* Personen wurde

aufgrund der für sie notwendigen Hormontherapie eine

verminderte psychische Belastungsfähigkeit unterstellt.

Die PDV 300 wurde aber überarbeitet, eine neue

Version ist seit Januar in Kraft …

… und noch immer nicht öffentlich zugänglich. Doch ist

zumindest durchgesickert, dass die oben geschilderten

Passagen gestrichen sind. Dennoch gibt es aus meiner

Sicht zwei Kritikpunkte: Zum einen ist sie in Bayern

noch immer nicht in Kraft – hier setze ich auch auf den

Einfluss der Gewerkschaft der Polizei, die diesem Thema

offen gegenübersteht. Zum anderen hat sich noch kein

Innenminister zu dieser Reform bekannt. Da hätte ich mir

mehr Haltung und eine öffentliche Entschuldigung für die

Fehler aus vergangenen Zeiten gewünscht. Das würde für

Akzeptanz von queeren Menschen in der Polizei werben.

Was würden Sie sich in Zukunft wünschen?

Ich wünsche mir, dass die Polizei künftig aktiv LGBTIQ*-

Personen anwirbt, denn Polizei kann nur funktionieren,

wenn sie einen echten Querschnitt der Bevölkerung

abbildet. Dazu muss sie aber ein guter Arbeitgeber sein

und mit gutem Beispiel vorangehen – auch bezüglich des

Umgangs mit queeren Personen. Ihr Motto sollte lauten:

„Wer diskriminiert, geht!“

Wir machen uns stark!

Für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans*,

inter* und queere Menschen

Als Koordinierungsstelle zur Gleichstellung von LGBTIQ*

ist es unser Ziel, die LGBTIQ*-Community in München

zu stärken und Benachteiligungen abzubauen.

Wir machen uns stark. Für LGBTIQ*.

Mehr Informationen unter:

muenchen.de/lgbti

*Interview: Bernd Müller

www.tessa-ganserer.de

AUSSICHTSREICHER

LISTENPLATZ

Auf dem Weg

nach Berlin

Bei der Aufstellungsversammlung

der bayerischen

Grünen am 17. April konnte

Tessa Ganserer Platz 13 auf der

Landesliste erobern. Derzeit sind elf

bayerische Grüne im Bundestag vertreten, nachdem die

Partei bei der letzten Bundestagswahl 9,8 % der Stimmen

erreicht hatte. Nach aktuellen Umfragen können sie

2021 mit rund 20 % der Stimmen im Freistaat und somit

einer Verdoppelung ihrer Bundestagsmandate rechnen.

Demzufolge stehen die Chancen für Tessa Ganserer

sehr gut, ab Herbst in den Bundestag zu wechseln. Den

Berliner Wohnungsmarkt sollte sie auf jeden Fall schon mal

studieren. *bm

FOTO: TESSA GANSERER

Ist die Welle noch so steil,

a bisserl was geht allerweil.

www.az-muenchen.de/abo


32 POLITIK

FOTO: PUBLIC DOMAIN COMMONS.WIKIMEDIA.ORG

Geschlechtsdiverse Menschen um 1865 in damaligen Britisch-Indien

ALLER GUTEN DINGE

Geschlechtersysteme, die rein

zweigeschlechtlich denken, sind die

Ausnahme, nicht die Regel.

SIND VIELE

Trans*geschlechtlichkeit ist ein westliches

Konzept, Menschen und ihre Geschlechtsidentität

zu verstehen. Trans* zu sein

bedeutet in der weitesten Definition,

dass das bei der Geburt zugewiesene

Geschlecht nicht (mehr) mit der eigenen

Geschlechtsidentität übereinstimmt. Cis

zeigt an, dass das Geschlecht mit dem

zugeteilten Geschlecht übereinstimmt.

Das heißt, dass Trans*- und Cisgeschlechtlichkeit

nur etwas darüber aussagen, wie

man zu seinem Geschlecht gekommen ist,

aber nichts darüber, welches Geschlecht

man hat. Das heißt, wenn einer Person

kein Geschlecht zugewiesen worden ist,

kann es auch nicht trans* oder cis sein. In

verschiedenen Kulturen und Religionen

der Welt werden Geschlechter anders

verstanden als in der westlichen Welt,

sodass diese theoretisch anmutende

Spielerei Realität ist.

Zweigeschlechtlichkeit, also die Idee, dass

es nur Männer oder Frauen gibt, ist ein

westliches und vergleichsweise junges

Konzept, Menschen mit ihren Körpern

und Geschlechtern zu verstehen. Erst

während der letzten Jahrhunderte wurde

das binäre Geschlechtersystem durch

die europäische Kolonisation gewaltvoll

anderen Bevölkerungen übergestülpt.

Jeder Lebensbereich wurde kolonisiert,

so auch das Verständnis und Ausleben

des eigenen Geschlechts. Die damalige

Inca-Bevölkerung im heutigen Peru

kannte beispielsweise das Geschlecht

der Quariwarmi, die eine wichtige Rolle im

spirituellen Leben des Volkes übernahmen.

Ab dem 16. Jahrhundert wurden sie von

spanischen Kolonisatoren als homosexuelle

Männer verfolgt. Im britischen Indien

wurden geschlechtsdiverse Menschen,

die bis dato gesellschaftlich respektiert

waren, 1871 durch den Criminal Tribes Act

(dt. Gesetz der kriminellen Stämme) als

Kriminelle klassifiziert: Sie wurden unter

anderem in einem polizeilichen Register

geführt und ihr Bewegungsfreiraum wurde

eingeschränkt.

Kultur- und religionsspezifische

Geschlechter sind an eine bestimmte

Kultur oder Religion gebunden und ergeben

nur in diesem Kontext Sinn. Aus den mehr

als 50 Geschlechtern, die wir gefunden

haben, werden wir sechs von ihnen näher

vorstellen.

RELIGION

Im Judentum gibt es sechs Geschlechter,

obwohl sie vielen Jüd*innen selbst nicht

mehr bekannt sind. Sie nennen sich

Zachar, Nekeivah, Androgynos, Tumtum,

Ay’lonit und Saris. In einer westlichchristlichen

Lesart könnten sie als Mann,

Frau, zwei inter Geschlechter und zwei

trans* Geschlechter verstanden werden.

Aus diesem Grund nannte die jüdische

Kolumnistin Debora Antmann das System

binär, ohne zweigeschlechtlich zu sein.

EUROPA

In und um Neapel herum existieren

Femminielli, die Menschen mit einer


POLITIK 33

femininen Geschlechtsidentität darstellen. Traditionell

wird ihr Geschlecht mit der griechischen Mythologie in

Zusammenhang gebracht. Bis zum 20. Jahrhundert waren

sie in einer privilegierten Position, da ihre Präsenz als

glückbringend verstanden wurde.

AFRIKA

In Madagaskar leben Sekrata: Kinder, aus denen später

Männer werden würden, werden, wenn sie früh in ihrer

Kindheit als feminin wahrgenommen werden, als Sekrata

erzogen. In der Bevölkerung werden sie als etwas Besonderes

und somit Schützenswertes angesehen.

ASIEN

Im muslimischen Indonesien werden fünf verschiedene

Geschlechter anerkannt: makkunrai, oroané, calalai, calabai

und bissu. Während die ersten beiden für Mann und Frau

stehen, sind die nächsten drei Geschlechter, die wir nicht

kennen. Die Geschlechtsidentität von bissu ist mit einer

spirituellen Tätigkeit verbunden.

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AUSTRALIEN UND OZEANIEN

Auf den samoanischen Inseln in Ozeanien werden neben

Frauen und Männern noch Fa’afafine und Fa’afatama anerkannt.

Bei diesen beiden Geschlechtern werden die Kinder,

wenn sie sich feminin oder maskulin verhalten, als das

jeweilige Geschlecht großgezogen. Ähnliche Geschlechter

unter anderen Namen sind auf den Inseln Hawaii und

Tonga zu finden.

SÜD- UND NORDAMERIKA

Die indigene Bevölkerung Nordamerikas kennt je nach

Bevölkerungsgruppe viele verschiedene Geschlechter, die

oft unter dem Begriff Two-Spirit subsumiert werden: Das

Diné-Volk respektiert beispielsweise neben Frauen und

Männern auch nadleehi und dilbaa. Bei den Lakota gibt es

das dritte Geschlecht winkte. *vf

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34 POLITIK

OTO: INSTAGRAM

WISSEN

Dani Coyle ist eine intersexuelle Aktivist*in, die auch trans* ist.

Wie wahrscheinlich

bist du trans*?

Zwei Gruppen sind besonders

oft trans* und/oder

nicht-binär: inter oder autistische

Personen. Die Wahrscheinlichkeit

unter ihnen geschlechtsdivers

zu sein, ist bei beiden Gruppen

stark erhöht. Mit mehr Forschung

können zukünftig sicherlich weitere

Überschneidungen gefunden

werden.

INTER UND TRANS* SIND ZWEI SCHUH’,

DOCH VIELE TRAGEN BEIDE

Intersexualität beschreibt den Körper und

Trans*geschlechtlichkeit das Geschlecht

eines Menschen. Dieser Unterschied

ist für viele schwer begreifbar. Wir

erinnern uns an die schändlichen

Bemerkungen von Annegret Kramp-

Karrenbauer zum Karneval 2019. Ihr

„Witz“ machte sich über die Transition

von trans* Menschen lustig, doch wurden

Kramp-Karrenbauers Kommentare

hauptsächlich unter Interfeindlichkeit in

der Öffentlichkeit diskutiert. So falsch ein

Zusammenwerfen dieser beiden Eigenschaften

ist, so wäre eine komplette

Trennung der Communitys falsch: Neun

Prozent von intersexuellen Menschen

sich auch trans*geschlechtlich. Diese

Ergebnisse wurden in einer Studie der

Berliner Charité und einem schwedischen

und niederländischen Institut gefunden,

die 2018 veröffentlicht wurde. Ein Grund

für diese hohe Zahl ist sicherlich, dass

trans* Menschen die einzige Gruppe der

Bevölkerung sind, die häufig während

einer medizinischen Transition auf

Intersexualität getestet werden. Viele

Bereiche einer Diagnose der Variante

der Geschlechtsentwicklung (Fachwort

für Intersexualität) sind mit dem bloßen

Auge nicht erkennbar. Aus diesem Grund

wissen viele Menschen nichts über ihre

Intersexualität. Ein weiterer Grund kann

in den körperlichen Entwicklungen von

inter Menschen stecken: In unserer

Gesellschaft wird das Geschlecht so sehr

mit einem bestimmten Körperform in

Verbindung gebracht, dass körperliche

Abweichungen ebenso Einfluss auf die

eigene Geschlechtlichkeit nehmen.

GESCHLECHT IST KEIN HIRNGESPINST,

DOCH ES SPIELT SICH AUCH IM KOPF AB

Autistische Menschen erleben sich und

ihre Umwelt anders als neurotypische

Menschen. Nicht verwunderlich, dass

auch ihr Verständnis von Körpern und

Geschlechtern von der Mehrheitsgesellschaft

abweicht. In einer 2020

erschienen britischen Studie wurden über

600.000 Menschen zu diesem Thema

befragt. Damit ist es bis heute die größte

Studie, die eine Überlappung zwischen

autistischen und geschlechtsdiversen

Menschen beforscht. Unter den Befragten

identifizierten sich 36 Prozent der trans*

und/oder nicht-binäre Personen als

autistisch, im Gegensatz zu 16 Prozent der

cis Männer und 14 Prozent der cis Frauen.

Die Zahlen spiegeln den Umstand wider,

dass viele Beschreibungen, was einen

Mann oder eine Frau ausmacht, nur für

neurotypische Menschen Sinn ergeben.

Autistische Personen schütteln bei

vielen vermeintlich geschlechtsbasierten

Verhalten den Kopf und finden sich häufig

in den typischen Geschlechterrollen und

-Erwartungen nicht wieder. *vf


DESIGN

BESTES AUS

ARCHITEKTUR

JAPAN

Der japanische Architekt Shigeru Ban ist ein Paradebeispiel dafür, dass man niemals

nur an die unmittelbaren Tätigkeiten des eigenen Berufs gebunden ist. Er hat bewiesen:

Der Blick über den professionellen Tellerrand kann die Karriere sogar vorantreiben.

Seine humanitären Bemühungen auf internationalem Boden haben ihm nicht nur den Ruf

eines engagierten Philanthropen eingebracht, sondern auch den wichtigsten Preis der

Architekturszene.

Shigeru Ban wurde 1957 in Tokio geboren. Er studierte am

Southern California Institute of Architecture in Los Angeles

und später an der Cooper Union’s School of Architecture in

New York. Das Resultat sowohl japanischer als auch westlicher

Stileinflüsse lässt sich heute gut an Bans Arbeiten ablesen.

Bekannt wurde er aber vor allem durch den Einsatz von Papier

und Pappe als Baumaterial. Papier wird aus nachwachsenden

Rohstoffen hergestellt und kann vollständig recycelt werden.

Ban wird deshalb auch zu den Vertretern des sogenannten

Ökologischen Bauens gezählt. So schuf er 2013 eine Kirche

in Neuseeland, die teilweise aus Karton besteht, und zeichnete

bereits im Jahr 2000 für den japanischen Pavillon auf

der Expo in Hannover verantwortlich, für das vornehmlich

die Ban-typischen Pappröhren verwendet wurden. Seit 1995

setzt er sich außerdem für die Katastrophenhilfe ein, für die er

ein eigenes Netzwerk von Architekten (Voluntary Architects’

Network) gründete. Mithilfe von simplen Materialien wie Papier,

Pappe, Bierkästen oder Sandsäcken hat Ban Notunterkünfte

in der ganzen Welt geschaffen, die schnell auf- und abzubauen

sind. Für seine Aktivitäten als Architekt und Wohltäter erhielt

er 2014 den Pritzker Architecture Prize. Der TASCHEN Verlag

hat Shigeru Ban ein Sammelwerk seiner wichtigsten Arbeiten

gewidmet. *fj

www.shigerubanarchitects.com / www.taschen.com

„Shigeru Ban. Das vollständige Werk 1985 – 2015“, Philip

Jodidio, Hardcover, 22,8 x 28,9 cm, 2,90 kg, 568 Seiten


ARCHITEKTUR

THE YORK

DESIGN

HOUSE

Architekt Alex Nerovnya erlangte dank dem ungewöhnlichen Einsatz von Glas und dem Spiel mit

geometrischen Formen Bekanntheit über die Grenzen seiner russischen Heimat hinaus. Das im letzten Jahr

von ihm konzipierte York House verbindet seine beiden großen Stärken auf ungewöhnliche Weise.

Eigentlich könnte das York

House ein ganz normales

Ferienhaus in irgendeinem

Tannenwald in Nordosteuropa

oder Kanada sein, wenn es nicht

mit einer Front daherkäme, die

anmutet, als hätte jemand das

Gebäude in der Mitte schlichtweg

durchgeschnitten und die

andere Hälfte weggeworfen.

Darüber hinaus hat Alex Nerovnya

die klassische Form des

Spitzdachhauses leicht entrückt

und die links und rechts vom

Mittelblock verlaufenden Seiten

einige Meter versetzt angelegt.

Das ausgefallene Design soll

zum einen die Interaktion mit

der natürlichen Umgebung

intensivieren und das Gefühl

aufkommen lassen, Innen- und

Außenbereiche würden verschwimmen.

Zum anderen will

Nerovnyas Entwurf einer bereits

unzähligen Male verwendeten

Form einen modernen Anstrich

verleihen. Insgesamt sollen auf

200 Quadratmetern bis zu acht

Personen in vier Schlafzimmern

Platz haben. *fj

en.alex-nerovnya.com


REISE

SPARTACUS CRUISE

die einzige deutschsprachige

Gay Cruise

Endlich ist es so weit: Die zweite Gay

Cruise der blu Mediengruppe sticht in See.

Termin ist der 8. bis 18. Februar 2022 mit

einer Route vor der afrikanischen Küste.

Bei deutlich über 20 Grad im Schatten und

acht Sonnenstunden pro Tag kann man

den Winter hinter sich lassen und Wärme

tanken. Gleichzeitig sind es angenehme

Temperaturen für Ausflüge. Die Cruise wird

ohne Social-Distancing-Maßnahmen und

Maskenpflicht durchgeführt. Daher muss

jeder Gast spätestens 14 Tage vor der

Abfahrt eine abgeschlossene Covid-Impfung

oder Immunitätsbescheinigung nachweisen.

Diese Kreuzfahrt kombiniert die unbekannteren

Inseln der Kanaren mit der

Blumeninsel Madeira. Damit auch Raum

für Erkundungen ohne Zeitdruck bleibt,

ist an mehreren Orten ein Overnight

eingeplant. Geplant ist folgende Route:

Neben diesen Anläufen sind zahlreiche

Highlights, die dem späteren Ausflugsprogramm

entnommen werden können,

geplant. Dazu gehört die kleine Schwester

Madeiras, Porto Santo, wo man wandern

oder edlen Wein verkosten kann.

Zurück auf den Kanaren lernt man

Lanzarotes imposante Vulkanlandschaft

kennen und besucht auch La Graciosa,

die kleinste der Kanarischen Inseln. Auf

Gomera warten in den Nebeln des hoch

gelegenen Nationalparks Garajonay dichte

Wälder aus Farnen und moosbedeckten

Bäumen. La Palma bietet neben engen

Gassen aus Kopfsteinpflaster und

Häusern mit Holzbalkonen in der

Hafenstadt Santa Cruz auch spektakuläre

Sehenswürdigkeiten der Natur wie den

Wasserfall der Farben oder den Idafe Rock

/ Roque Idafe im Nationalpark Caldera

de Taburiente. Wer seine Reise nicht

8. – 18. FEBRUAR 2022

8.2. LAS PALMAS (GRAN CANARIA) Abfahrt um 18 Uhr

9.2. FUNCHAL (MADEIRA) Ankunft um 15 Uhr (Overnight)

10.2. Abfahrt Funchal um 20 Uhr

11.2. At sea

12.2. ARRECIFE (LANZAROTE) Ankunft um 7 Uhr (Overnight)

13.2. Abfahrt Arrecife um 20 Uhr

14.2. At sea

15.2. SANTA CRUZ (LA PALMA) von 8 bis 24 Uhr

16.2. LA GOMERA von 8 bis 21 Uhr

17.2. LAS PALMAS (GRAN CANARIA) Ankunft um 8 Uhr (Overnight)

18.2. Ausschiffung


REISE

verlängern will, hat am vorletzten Tag die

Gelegenheit, die Dünen von Maspalomas

auf Gran Canaria zu besuchen. Zwei Seetage

an Bord der Vasco da Gama schaffen

eine echte Kreuzfahrtatmosphäre, die wir

mit Poolspielen verbringen werden.

DAS BORDPROGRAMM

Zusätzlich zum Bordprogramm des

Schiffes werden auf der Spartacus Cruise

wieder zahlreiche Künstler der Community

auftreten. Auf der Agenda stehen

außerdem zahlreiche Themenpartys am

Pool wie „White“, „Wig“ oder „Kinky“, bei

denen der Kreativität bei den Outfits

keine Grenzen gesetzt sind. Auch die

beliebten Pool Games mit der Wahl

zum „Mr. Cruise“ werden auf keinen Fall

fehlen. Alle Gäste sind natürlich wieder

herzlich eingeladen, ihre Türen individuell

zu gestalten, wobei die verrückteste Idee

prämiert wird. Die Details zu Künstlern

und DJs werden im Laufe der kommenden

Wochen ständig ergänzt. Zu den

Künstlern gehört Joel von Lerber, der die

Tea Times mit seinem Harfenprogramm

von Klassik bis Pop begleiten wird. Für

den fetten Sound sorgt u. a. Star-DJ Chris

Bekker.

SINGLE MATCH

Kreuzfahrten sind leider keine optimale

Reiseform für Singles, da sich die Preise

nach Kabinen in Zweierbelegung berechnen.

Das heißt, für die alleinige Nutzung

einer Kabine ist immer der Preis einer

Zweierbelegung zu entrichten. Auf der

letzten Cruise wurden erfolgreich

vierzig Singles verknüpft, die sich eine

Kabine geteilt haben. Auch dieses Mal

wird es in der Buchungsmaske wieder die

Option „Singlematch“ geben. Wer sich

dafür entscheidet, wird kontaktiert und

kann im persönlichen Gespräch ein paar

Anhaltspunkte zu seinem gewünschten

Match geben. Gesichtspunkte a) ähnliches

Alter, b) ähnlicher Tagesrhythmus

(Morgenmensch versus Nachtmensch),

c) gleiche Kabinenkategorie. Selbstverständlich

können sich auch Zweiermatches

melden, die sich bereits gefunden

haben. Dafür gibt es auf Romeo einen

Club unter dem Namen „mCruise“.

Mehr Infos unter

www.spartacus.cruises


GESELLSCHAFT

ZWEI

REPORT

GESICHTER

EINER STADT

LANGE WIRKTE KRAKAU WIE EIN SICHERER HAFEN DER LGBTIQ*-COMMUNITY IM

FEINDSELIG GESTIMMTEN POLEN. DOCH SEIT DIESEM JAHR MEHREN SICH AUCH

HIER DIE ANGRIFFE AUF DIE QUEERE GEMEINSCHAFT. NUN REGT SICH WIDERSTAND

GEGEN DEN HASS.

Eigentlich wollte Han nur seinen Freund

besuchen. Doch als er eine Straße

überquerte, bemerkte er, dass ein

parkender Autofahrer ihn beobachtete.

„Als er mich gesehen hat, hat er den Motor

angelassen – und ist in mich reingefahren“,

erzählt Han, friemelt eine Zigarette aus der

Packung und steckt sie sich zwischen die

Lippen. Er verharrt einen Moment, bevor

er sie anzündet, und blickt in die Ferne, als

sehe er dort die Situation, in der er vor ein

paar Monaten am Stadtrand von Krakau

war. „Der Typ machte das Fenster runter

und starrte mich böse an. Er sagte nichts,

bis ich weggerannt war.“

Das Auto hatte nicht genug Geschwindigkeit,

um Han ernsthaft zu verletzen.

Trotzdem ging an diesem Tag etwas

kaputt: Krakau ist Hans Heimat, hier

wurde er geboren. Und doch fühlt sich der

21-Jährige nun nicht mehr sicher, denn

Han möchte sich nicht festlegen, welchem

Geschlecht er sich zugehörig und von welchem

er sich angezogen fühlt. Bisexuell,

non-binär, queer – es gibt viele Labels, mit

denen er sich identifiziert. Jedes einzelne

ist gefährlich, wenn es die falsche Person

in der falschen Ecke Krakaus zur falschen

Uhrzeit erkennt – oder sich von seinen

auffälligen roten Haaren provoziert fühlt.

Es sind die zwei Seiten einer Stadt,

die damit ringt, wer sie ist und wer

sie sein möchte. Im Zentrum der

800.000-Einwohner-Metropole gibt es

queere Klubs, Regenbogenfahnen hängen

in den Fenstern. An den Stadträndern, wo

die Häuserblocks abgelöst werden von

Einfamilienhäusern mit Garten und Garage,

ist es für Han, als sei er in einer anderen

Stadt. „Wenn ich an die Stadtgrenze gehe,

bekomme ich seltsame Blicke, ich werde

angeschrien, auf mich wird gezeigt und

ich werde verfolgt“, sagt Han, setzt die

Zigarette an und nimmt einen tiefen Zug.

Krakau bei Nacht ist ein anderer Ort als

Krakau bei Tag. Sich bloß nicht von der

Gruppe trennen, nicht alleine unterwegs

sein, nicht auffallen: Han kennt die Regeln,

er erinnert seine Freunde daran, wenn sie

abends gemeinsam unterwegs sind. Muss

Han alleine los, hat er inzwischen eine

Dose Pfefferspray bei sich, „nur für den

Fall“. Außerdem trainiert er seit einigen

Monaten Selbstverteidigung, „weil viele

meiner Freunde angegriffen worden sind,

vor allem in letzter Zeit.“

MIT MESSERN GEJAGT

In diesem Jahr häufen sich die Angriffe auf

queere Menschen, beobachtet Mateusz

Gędźba. „Die Gewalt von Bürger*innen

gegenüber der LGBTIQ*-Community

wächst. Im Sommer hatten wir einige

besorgniserregende Vorfälle, bei denen

queere Menschen vor Schwulenbars

wie dem „Club Papuga“ mit Messern

gejagt wurden“, sagt er. Mateusz ist

Vorstandsvorsitzender von DOM EQ, einer

Föderation, die verschiedenste LGBTIQ*-

Gruppierungen zusammengebracht hat.

Gemeinsam versuchen sie, die Situation

für queere Menschen in Krakau zu verbessern.

Im vergangenen Jahr eröffnete

das Team ein Gemeinschaftszentrum: ein

altes Einfamilienhaus, mit Glitzer am Zaun

und Regenbogenlichterkette, umfunktioniert

zum queeren Hauptquartier Krakaus.

Hier treffen sich verschiedene Selbsthilfegruppen,

der queere Chor probt in den

Räumen und Literaturliebhaber*innen

organisieren Gedichtlesungen. Für

Mateusz mit am wichtigsten sind die

Beratungsangebote. Sowohl rechtlich

als auch psychologisch können sich


GESELLSCHAFT

LGBTIQ*-Personen hier helfen lassen:

„Wenn jemand selbstmordgefährdet ist,

lädst du ihn nicht auf ein Bier in einer Bar

ein“, sagt der 36-Jährige. Deshalb sei es so

wichtig gewesen, einen sicheren Ort wie

das DOM EQ zu schaffen.

Wie es scheint, ist DOM EQ gerade

zur rechten Zeit entstanden. Mateusz

erschreckt, wie schnell Szenen wie vor der

Schwulenbar Papuga Alltag geworden sind,

wie selbstverständlich die LGBTIQ*-Community

zur Zielscheibe wahlloser Angriffe.

Für ihn ist klar, wer dafür verantwortlich

ist: „Der Ton wird von oben angegeben,

das ist mehr als deutlich. Wenn hohe

Offizielle im Staat nach Aggression rufen,

sie rechtfertigen, die Täter*innen schützen,

dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis alle

anderen glauben, das sei normal.“

Auch Han hat bemerkt, wie sich die

Stimmung in Krakau seit der letzten Wahl

verändert hat. Trotzdem geht er weiter

feiern, Freunde besuchen, versteckt seine

roten Haare nicht unter der Kapuze: „Ich

will nicht so viel Angst haben, dass ich

nicht mehr mein Leben leben kann.“

„MEINE KIRCHE

HASST MICH“

Nicht nur die Politik ist Auslöser für die

wachsende LGBTIQ*-Feindlichkeit. Auch

die katholische Kirche ist eine treibende

Kraft des Hasses. Von einer „Regenbogenpest“

sprach der Erzbischof von Krakau,

Marek Jedraszewski, im Sommer 2019.

Nicht sein erster Kommentar gegen

die queere Community und nicht sein

letzter. Regelmäßig stellt er die LGBTIQ*-

Gemeinschaft als eine Ideologie des

„Wenn ich an die

Stadtgrenze gehe,

bekomme ich seltsame

Blicke, ich werde angeschrien,

auf mich wird

gezeigt und ich werde

verfolgt“

HAN


GESELLSCHAFT

KAROL

„Hier in Polen scheinen die Kirche und die LGBTIQ*-

Community das Gegenteil voneinander zu sein

und klar getrennt. Wir als queere Christ*innen wollen

zeigen, dass es möglich ist, diese beiden Identitäten

miteinander zu verbinden.“

Westens dar, die bekämpft werden müsse.

Was der Erzbischof sagt, hat Gewicht:

Etwa neunzig Prozent der polnischen

Bevölkerung sind katholisch.

„Meine Kirche hasst mich.“ So fasst Karol

Szymonik die aktuelle Situation zusammen.

Der 26-Jährige ist gläubiger Christ

– und schwul. „Ich habe zu Gott gebetet,

dass er das von mir nimmt“, sagt er, wenn

er an seine Schulzeit zurückdenkt. Karol

stammt aus der kleinen Stadt Oświęcim.

Dort kannte er keinen anderen schwulen

Mann. Sich zuzugestehen, homosexuell

zu sein, fiel ihm schwer. „Erst als ich für

mein Studium nach Krakau kam, habe

ich mich freier gefühlt.“ Dort hörte er das

erste Mal von anderen schwulen Männern

und vertraute sich seinen engsten

Freund*innen an. Nach und nach erzählte

er es mehr Kommiliton*innen, ehe er sich

schließlich outete. Am schwersten war

es für Karol, gegenüber seinen streng

katholischen Eltern offen zu sein: „Sie

waren sehr überrascht, sie haben nicht

einmal in Erwägung gezogen, dass so

etwas möglich ist.“ An das Gespräch

mit seiner Mutter kann er sich noch gut

erinnern, obwohl es inzwischen vier Jahre

her ist: „Als ich mich geoutet habe, hat

meine Mutter heftig geweint. Das war

eine schwierige Unterhaltung zwischen

uns. Danach wusste ich nicht, ob das für

sie in Ordnung ist oder nicht.“ Seit dem

Gespräch wird über Karols Sexualität in

der Familie geschwiegen.

Karol arbeitet inzwischen in Krakau als

Tierarzt. „Während meines Studiums

habe ich darüber nachgedacht, aufs

Land zu ziehen und Kühe zu behandeln.

Aber dann habe ich mir gedacht: Ich

bin schwul – so kann ich nicht leben.

Auf dem Land ist es viel gefährlicher für

mich.“ In Krakau fühlt sich Karol wohl,

zumindest bis zu einem gewissen Grad:

„Es gibt Orte, an denen wir uns gemeinsam

treffen können, es gibt Kirchen, in

die wir gehen können, wo wir akzeptiert

sind – es ist sehr viel angenehmer als

in den Dörfern. Aber trotzdem gibt es

überall Zeichen von Homophobie.“ Es

fällt Karol schwer, diese Ambivalenz in

Worte zu fassen. Auf der einen Seite eine

Freiheit, von der er in seinem Heimatdorf

nicht einmal träumen konnte, auf der

anderen Seite die ständige Angst, doch

auf die falschen Leute zu treffen. „Wenn

ich nachts mit meinen Freunden unterwegs

bin, habe ich diesen Gedanken im

Kopf, dass die Leute erkennen, dass wir

schwul sind, und uns deswegen zusammenschlagen

werden.“ Vieles könnte

besser sein in Krakau, „aber es ist gerade

nun einmal, was es ist“, sagt Karol..

ABLENKEN VOM MISS-

BRAUCHSSKANDAL

Karol redet ruhig und konzentriert, nur

wenn er über die Ungerechtigkeiten in

seinem Land spricht, wird er merklich

aufgebrachter, seine Stimme wird

schneller, er fängt an zu gestikulieren.

„Hier in Polen scheinen die Kirche und

die LGBTIQ*-Community das Gegenteil

voneinander zu sein und klar getrennt.“

Um das zu ändern, engagiert sich Karol in

der Initiative „Glaube und Regenbogen“.

„Wir als queere Christ*innen wollen

zeigen, dass es möglich ist, diese beiden

Identitäten miteinander zu verbinden.“

Mit der aktuellen Kirchenführung fällt das

nicht immer leicht, aber Karol hat einen

Weg für sich gefunden: „Die Bischöfe in

Polen sind die eine Sache, mein Glaube ist

etwas anderes. Ich höre nicht so genau hin,

worüber die Priester in ihrer Predigt reden

– denn das tut mir manchmal weh.“

Dass sich die Rhetorik der katholischen

Kirche in den vergangenen Monaten noch

einmal verschärft hat, ist für Karol kein

Zufall. Ähnlich wie in Deutschland erschütterte

auch in Polen ein Missbrauchsskandal


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Seit 20 Jahren in der Community bekannt unter ebab


GESELLSCHAFT

der katholischen Kirche die Öffentlichkeit.

Die Enthüllungsdokumentation „Aber

sag es nur keinem“ zeigte 2019, wie

Kirchenoberste missbrauchende Priester

schützten und sie beispielsweise in andere

Gemeinden versetzten, anstatt sie anzuzeigen.

Seitdem kämpft die katholische

Kirche mit Ablenkungsmanövern gegen

den Imageschaden. Weil mehr Jungen

als Mädchen vergewaltigt wurden, müsse

es einen Zusammenhang zwischen

Pädophilie und Homosexualität geben,

so die haltlose Behauptung der Kirche.

„Sie musste irgendetwas angreifen, und

wir als Minderheit in Polen sind leicht zu

fassen“, sagt Karol. Besonders für Teenager

sieht Karol die Rhetorik der Kirche als

große Gefahr. „Jugendliche, die gerade

erst verstehen, wer sie sind, die glauben,

vielleicht bin ich schwul ... Wenn sie Worte

wie ,Regenbogenpest‘ hören, was halten

die dann von sich selbst? Ich mag mir das

gar nicht vorstellen.“

100 „LGBTIQ*-

FREIE“ ZONEN

Besonders schwierig ist die Situation

für queere Jugendliche im ländlichen

Polen, sind sich Karol und Han einig. Dort

gibt es keine Klubs, keine Treffs, keine

Gemeinschaft wie in Krakau. „Wenn du

auf dem Land als LGBTIQ*-Person keine

Unterstützung deiner Familie hast, bist

du ziemlich allein“, sagt Han. Und auch

der Druck der Politik auf die LGBTIQ*-

Gemeinschaft ist stärker. Seit 2019 riefen

sich mehr als 100 Kommunen als frei von

„LGBTIQ*-Ideologie“ aus. „Du kannst doch

nicht einfach ein Gebiet für LGBTIQ*-frei

erklären und dann gibt es dort keine

queeren Menschen mehr“, sagt Han. „Die

Politiker erreichen nur eines: Sie verletzen

diese Personen.“ Rechtlich gesehen

haben die Deklarationen keine Wirkung

– bislang. Aber DOM-EQ-Leiter Mateusz

Gędźba blickt mit Bangen nach Russland,

wo zunächst ähnliche Erklärungen

verabschiedet und dann in einem zweiten

Schritt auch die Gesetze angepasst wurden.

„Wir befinden uns an einem ziemlich

traurigen und empfindlichen Moment,

der für ganz Europa gefährlich ist. Wenn

wir sagen: ‚Ach Werte, was bedeuten die

schon?‘, dann wird das einen Moment

lang funktionieren. Aber bald werden

die Probleme auch in anderen Ländern

losgehen. Es ist wie Krebs: Wenn wir nicht

früh genug dagegen kämpfen, wird es sich

weiter ausbreiten.“

Fünf der 16 polnischen Woiwodschaften,

vergleichbar mit den deutschen Bundesländern,

verabschiedeten inzwischen

eine entsprechende Deklaration. Darunter

auch Kleinpolen, die Woiwodschaft, in der

Krakau liegt. Doch Krakau machte bei der

homophoben Kampagne nicht mit. Stadtpräsident

Jacek Majchrowski betonte in

einem offenen Brief, dass Krakau eine

tolerante und weltoffene Stadt sei: „Alle,

darunter auch Vertreter der LGBTIQ*-

Community, sind hier willkommen. Wir alle

sollen uns in Krakau wie zu Hause fühlen“,

schrieb er darin.

Mateusz sieht Statements wie dieses

kritisch. Er glaubt, hinter der Erklärung

stecke vor allem politisches Kalkül. 2023

sollen in Krakau die Europaspiele stattfinden.

Das bedeutet viel Aufmerksamkeit

und viel Geld für die Stadt. Ausländische

Politiker*innen kritisierten den

Austragungsort aufgrund der Erklärung

Kleinpolens zur LGBTIQ*-freien Zone

und forderten, die Spiele nicht in Krakau

zu veranstalten: „Krakau profitiert enorm

von den europäischen Geldern. Wenn das

Geld zurückgehalten wird, steckt Krakau

in großen Schwierigkeiten. Das haben die

Politiker*innen recht schnell verstanden“,

sagt Mateusz. Mit Blick auf das Ausland

unterstütze man die Community, gehe

„Wenn hohe Offizielle Aggression

rechtfertigen, die Täter*-

innen schützen, dann ist es

nur eine Frage der Zeit,

bis alle anderen glauben,

das sei normal.“

MATEUSZ


GESELLSCHAFT

es aber um echte Bekenntnisse, etwa

finanzielle Unterstützung, halte sich die

Stadt zurück.

Gleichzeitig gehen kirchliche rechtskonservative

Gruppen immer aggressiver vor,

um auch die etwas besser geschützten

LGBTIQ*-Gemeinschaften in den Städten

anzugreifen – wie in Krakau. Regelmäßig

fahren Trucks mit großen Lautsprechern

durch die Städte des Landes und rufen

homophobe Propaganda aus. Damit

schüren sie in den Großstädten den Hass

und verunsichern queere Menschen. Vor

einigen Monaten hatte Han endgültig

genug davon. Mit ein paar anderen

queeren Aktivist*innen Krakaus schloss

er sich zur Bewegung „Der Regenbogen

ist nicht tot“ zusammen. Gemeinsam

starteten sie eine Petition, in der sie den

Stadtrat aufforderten, das Fahren dieser

Trucks durch Krakau zu verbieten. Dafür

sammelten sie Unterschriften, organisierten

Veranstaltungen und versuchten,

bei der Bevölkerung ein Gegengewicht

zur Homophobie von Politik, Kirche und

Medien zu sein: „Das Wichtigste ist, Aufmerksamkeit

zu erzeugen, die Bevölkerung

aufzuklären und ein Bewusstsein für

die LGBTIQ*-Community zu erzeugen“,

sagt Han. Große Erfolgschancen rechnet

sich DOM-EQ-Sprecher Mateusz Gędźba

für die Petition nicht aus: „Um ehrlich zu

sein, bin ich mir ziemlich sicher, dass der

Stadtrat den Bürgervorschlag ablehnen

wird – aber trotzdem hat es etwas Gutes:

Es wird eine Diskussion angestoßen, die

die Stadt weiter unter Druck setzen wird,

etwas gegen die Trucks zu unternehmen.“

OPTIMISTISCH

TROTZ ALLEM

Je stärker der Gegenwind, desto selbstbewusster

wird die Gemeinschaft, meint

Gędźba: „Vor ein paar Jahren waren wir

eine soziale Gruppe hier in Krakau. Aber wir

hatten kein Bewusstsein für unsere verschiedenen

Herkünfte, keine gemeinsame

Identität. Mein Eindruck ist, dass Initiativen

wie DOM EQ dabei geholfen haben, so

eine gemeinsame Identität entstehen zu

lassen.“

Wenn Han an die Zukunft denkt, ist er

vorsichtig optimistisch: „Es gibt viele junge

Personen, die aufstehen, ihre Stimme

erheben und Pride-Proteste organisieren

– mit 15 Jahren. Ich bin so stolz, dass sie

vieles in die eigene Hand nehmen und viel

motivierter sind, als ich es in ihrem Alter

war.“ Und nicht nur die Jugend macht ihm

Hoffnung für die Zukunft: „Ich sehe auch

Menschen über vierzig, die sich auf einmal

outen und sagen: ‚Ich habe genug von dem

Scheiß‘, die protestieren gehen und sich

zeigen.“

Auch Karol will sich nicht länger verstecken:

„Ich versuche, sehr extrovertiert zu

sein. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir

uns als LGBTIQ*-Personen den anderen

Menschen zeigen. Wenn sie uns nicht

sehen, dann denken sie auch nicht über

uns nach.“ Seit diesem Jahr bietet er in

Krakau Tanzkurse für gleichgeschlechtliche

Paare an und ist damit polenweit ein Vorreiter.

„Bei heterosexuellen Paaren ist klar,

der Mann führt. Aber wie ist das bei gleichgeschlechtlichen

Paaren? Das bringe ich

ihnen bei“, sagt er. Bis Karol coronabedingt

pausieren musste, betreute er zwölf Paare.

Das Feedback sei sehr positiv, berichtet

Karol. Wenn er von seinen Tanzkursen

spricht, erzählt er mit einer Freude, dass

man meinen könnte, als schwuler Christ

Tanzkurse für gleichgeschlechtliche Paare

im streng katholischen Krakau anzubieten,

sei das Normalste auf der Welt. Und

vielleicht ist es das bald auch. Aktuell ist in

Polen einiges in Bewegung. Die Menschen

gehen auf die Straße, um gegen das

Abtreibungsverbot zu demonstrieren, und

damit auch gegen die Regierung, gegen

die Einmischung der katholischen Kirche

in die Politik, für Menschenrechte. Karol

macht eine kurze Pause, als müsse er über

die nächsten Worte gut nachdenken. Als er

sich entschieden hat, bringt er diese Sätze

mit einer Überzeugung zum Ausdruck,

dass man ihm am liebsten glauben will:

„In den Köpfen der Leute passiert etwas –

langsam, aber es gibt eine Veränderung.“

*Astrid Benölken und Tobias Zuttmann

„In den Köpfen der Leute

passiert etwas – langsam,

aber es gibt eine

Veränderung.“


ADVERTORIAL

GABLE

das LGBTQ+ Netzwerk von P&G

Bei Procter & Gamble sind

Chancengleichheit, Vielfalt und

Inklusion zentrale Elemente der

Unternehmenskultur.

Procter & Gamble hat es sich zur Aufgabe

gemacht, gleiche und inklusive Arbeitsplätze

für alle Mitarbeitenden zu schaffen.

Dies schließt ganz ausdrücklich auch die

Gruppe der LGBTQ+-Gemeinschaft ein.

Die Unternehmenspolitik von Procter

& Gamble wendet sich sehr klar gegen

Diskriminierungen aufgrund sexueller Orientierung

oder geschlechtlicher Identität.

GABLE (GAY, ALLY, BISEXUAL,

LESBIAN AND TRANSGENDER

EMPLOYEES)

1996 gründete Procter & Gamble

das Netzwerk GABLE für LGBTQ+-

Mitarbeitende und ihre Unterstützer in

den USA. Im Jahr 2014 startete GABLE

in Deutschland und ist seither schnell

gewachsen. Inzwischen ist das Netzwerk

an zehn Standorten in der DACH-

Region, darunter acht in Deutschland,

aktiv – sowohl in städtischen als auch in

ländlichen Gegenden. Ziel des Netzwerks

ist es, eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen,

in der LGBTQ+-Menschen sich vollständig

und ohne Einschränkungen in ihre Arbeit

einbringen können. Ein wesentlicher

Faktor, um dieses Ziel zu erreichen, sind

Unterstützer – sogenannte „Allies“. Sie

sind ausgebildet, Verantwortung für ihr

eigenes Verhalten zu übernehmen und

einzugreifen, wenn sie in der Sprache oder

dem Verhalten anderer eine Diskriminierung

gegen LGBTQ+-Menschen erkennen.

Die Unterstützer erhalten außerdem

Sticker mit denen sie ihre Hilfe für die

LGBTQ+- Gemeinschaft visuell deutlich

machen können.

#WEAREUNIQUEANDUNITED

Jedes Jahr im März feiert Procter

& Gamble seine Equality&Inclusion

Woche – in diesem Jahr wurde daraus

ein ganzer Monat unter dem Motto

#WeAreUniqueAndUnited. Mitarbeitende

aus verschiedenen Netzwerken haben

Workshops, Vorträge und Mitmach-

Aktionen organisiert mit dem Ziel, das

Bewusstsein für Vielfalt zu fördern, für

dieses Thema weiter zu sensibilisieren und

Bias zu reduzieren. GABLE nutzt die Veranstaltungen,

um Informationen zu seinen

Zielen im Unternehmen vorzustellen, um

neue Mitglieder zu finden und als Allies

auszubilden.

CAN’T CANCEL PRIDE

Zusätzlich unterstützt das Netzwerk

Procter & Gamble dabei, sich auch extern

und weltweit gegen die Diskriminierung

der LGBTQ+-Community einzusetzen,

beispielsweise durch die Organisation

der Hilfsaktion „Can’t Cancel Pride“

mit iHeartRadio während der Corona-

Pandemie zur Unterstützung betroffener

LGBTQ+-Gemeinschaften oder durch

verschiedene LGBTQ-zentrischen

Marketing-Kampagnen.

AUSZEICHNUNGEN

Im letzten Jahr war das GABLE-Netzwerk

von P&G einer der Prout At Work-Award-

Gewinner in der Kategorie GLOBAL

LEADER NETWORK. Diese Würdigung

bezog sich auf diverse Aktivitäten, wie

der Produktion einer Film-Trilogie zur

Unternehmensgeschichte im Hinblick

auf LGBTQ+ -Inklusion. Die Filme,

die in Zusammenarbeit mit CNN

entstanden sind, erhielten internationale

Auszeichnungen.

Vor wenigen Wochen hatte P&G einen

weiteren Grund zum Feiern: Das Unternehmen

wurde mit dem PRIDE Champion

Arbeitgebersiegel in Silber ausgezeichnet.

Dieses wird von der UHLALA Group vergeben

und steht für eine offene, inklusive

und wertschätzende Unternehmens- oder

Organisationskultur. Das Siegel ist nicht

käuflich und kann nur durch Nachweise

und eine Prüfung in Form des PRIDE

Audits erhalten werden.

P&G freut sich über viele Bewerber:innen

aus der LGBTQ+-Community. Offene

Stellenangebote sind hier zu finden:

www.pgcareers.com


INTERVIEW

Die Sprache der Liebe entschlüsselt?

GESELLSCHAFT

FOTO: ELITE CONTACTS

Anita G. und ihr Sohn Philipp Schwarzenberg

bezeichnen sich mit einer

angemessenen Portion Stolz als Partnervermittler.

Wir trafen Philipp in Berlin und

hatten viele Fragen – denn er weitete das

Geschäft mit der Partnerschaftsvermittlung

auf die Liebe Homo-sexueller aus.

Wie kam es denn dazu?

Meine ersten Berührungspunkte mit homosexuellen

Paaren waren glückliche Männer in

langfristige Partnerschaften. Für mich war es

damals klar, dass da einfach ein Mann einen

Mann liebt und mit ihm zusammen ist. Erst

heute ist mir vollumfänglich bewusst, dass

das Thema offene Homosexualität damals

nicht so einfach war. In den 2010ern wurde

Liebe zu einem Konsumgut und unzählige

Menschen machten sich auf die Suche

nach einem kurzfristigen (gemeinsamen)

Endorphinrausch. Zurückzuführen ist

dies auf unsere Gesellschaft selbst, dem

menschlichen Streben nach Perfektion

sowie dem Trend der Digitalisierung durch

Smartphones und Apps. Das was wir dort

finden, ist aber etwas völlig anderes als das

sich in einer langfristigen Partnerschaft

entwickelnde Wir-Gefühl. Ich betone das

immer wieder: Egal, wer wen liebt, der

Kern des Ganzen und damit auch unserer

Arbeit, ist die Sprache der Liebe. Die hat mit

Hormonen und Geschlechtern erst einmal

nichts zu tun.

Es gibt moderne Formen von

Partnerschaften jenseits dem

„Standardmodell“ Zweierbeziehung.

Kommen auch zum Beispiel polyamore

Menschen zu euch?

Es ist spannend, wie sich der Mensch in

dieser Beziehung weiterentwickelt hat.

Das Gros unserer Klientel ist jedoch nach

wie vor auf der Suche nach einer stabilen

Zweierbeziehung mit den klassischen

Parametern Treue, Wir-Gefühl, Vertrauen

und emotionaler Identifikation.

Bemerkenswert finde ich, dass sich die

Wünsche und Ziele von heterosexuellen

und homosexuellen

Singles

in vielerlei Hinsicht

gleichen. Was mich auch noch

mal zu dem Satz bringt, dass es nicht

darum geht, wer wen liebt, sondern um

die Sprache der Liebe.

*Interview: Christian Knuth

www.elite-contacts.com

Das ganze Interview findet ihr auf

www.männer.media.

#Diversity

#Inventingforlove

MSD.PARTNER.HIV.

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Auf MSD Gesundheit finden Sie Informationen zu HIV: http://m.msd.de/rwQ

MSD Sharp & Dohme GmbH, Lindenplatz 1, 85540 Haar

www.msd.de


GESUNDHEIT

Welchen Einfluss eine

HIV-Therapie im Alltag hat

Mit HIV kann man heutzutage ein

gesundes und langes Leben führen.

Dennoch kann die Diagnose ein einschneidendes

Ereignis sein und viele neue

Fragen aufwerfen. Eine davon ist, wie man

die HIV-Therapie nun bestmöglich in den

eigenen Alltag integrieren kann.

Das erste, woran viele dabei denken, sind

klassische Einnahmevorschriften – wie

zum Beispiel die Einnahme zum Essen. Bei

der modernen HIV-Therapie sind solche

strikten Vorschriften mittlerweile eher

Ausnahme als Regel.

HERAUSFORDERUNG ARBEITSALLTAG

Es gibt aber auch einige Punkte, die

man vielleicht nicht gleich im Kopf hat.

Beispielsweise spielt der Arbeitsrhythmus

eine wichtige Rolle: Wenn man geregelte

Arbeitszeiten hat, lässt sich die täglich

etwa zeitgleiche Einnahme der Medikamente

deutlich leichter planen, als wenn

man in einem Beruf mit Schichtdienst

arbeitet. Selbst mit geregelten Arbeitszeiten

kann es zu Herausforderungen im

Arbeitsalltag kommen, etwa wenn eine

Dienstreise mit Zeitverschiebung ansteht.

DIE FREIZEIT GESTALTEN

Auf die Wahl der Freizeitaktivitäten hat

eine HIV-Therapie so gut wie keinen

Einfluss. Dennoch gibt es für HIV-positive

Menschen einige Punkte zu beachten,

um eine erfolgreiche Behandlung

sicherzustellen: Natürlich sollte man bei

Ausflügen immer daran denken, seine

Medikamente mit einzupacken, falls

es mal später wird. Aber auch Hobby-

Sportler*innen sollten bei der Einnahme

von Nahrungsergänzungsmitteln, um zum

Beispiel den Muskelaufbau zu fördern,

im Hinterkopf behalten: Nahrungsergänzungsmittel

können Wechselwirkungen

mit HIV-Medikamenten verursachen, die

im ungünstigsten Fall den Therapieerfolg

gefährden.

MUSS MAN SICH ALSO MIT HIV

EINSCHRÄNKEN?

Natürlich ist das jetzt nicht gleich ein

Grund, um mit dem Sport aufhören. Man

sollte allerdings mit seinem/r Ärzt*in

darüber sprechen, was es zu beachten

gilt. Das ist wichtig, um auch mit HIV-

Therapie den bisherigen Lebensrhythmus

beibehalten und vor allem die eigene

Lebensqualität hochhalten zu können.

Nur weil man HIV-positiv ist, muss sich

also nicht gleich der gesamte Alltag

ändern.

VERÄNDERUNGEN IM BLICK BEHALTEN

Viele Dinge im Alltag verändern sich ja

meist nicht über Nacht, sondern Stück für

Stück. Diese oft unbemerkten Veränderungen

sollte man im Blick behalten, denn

sie können zu Reibungspunkten mit der

HIV-Therapie führen. Gerade in solchen

Situationen ist ein offenes Gespräch mit

dem/r Ärzt*in sehr wichtig.

HIV ZU EINEM KLEINEN TEIL IM

LEBEN MACHEN

Es kann manchmal herausfordernd

sein, die eigene HIV-Therapie in den

persönlichen Tagesablauf zu integrieren.

Manchmal liegt das auch daran, dass die

momentan eingenommenen Medikamente

plötzlich nicht mehr in den eigenen

Alltag passen.

Es gibt für jeden Lebensrhythmus eine

geeignete individuelle Therapie. Wenn man

diese gemeinsam mit seinem/r Ärzt*in für

sich findet, wird HIV dadurch zu einem

kleineren Teil im eigenen Leben.

Weitere Infos sowie persönliche Geschichten

zum Leben mit HIV findest

du unter www.livlife.de.

Unterstützt von ViiV Healthcare


SCHLAU ZU HIV

Warum du an der IAS

teilnehmen solltest

Der alle zwei Jahre stattfindende

Kongress der IAS (International

AIDS Society) ist die weltgrößte

offene wissenschaftliche Konferenz

zum Thema HIV/Aids.

Ihre 11. Ausgabe findet vom

18. bis 21. Juli in Berlin und

erstmals auch online statt. Also

ist die Konferenz sogar aus dem

heimischen Wohnzimmer heraus

bequem zu besuchen.

DAS PROGRAMM

Fast alle namhaften Akteure

im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit

werden die

neuesten Erkenntnisse vorstellen

und die dringendsten aktuellen

Themen erörtern. Aufgeteilt in

vier Themenblöcke.

Im Block Grundlagenforschung

wird unter anderem über

den Stand der Forschung zur

Regulierung und Heilung der HIV-

Reservoirs diskutiert. Außerdem

soll über den Einfluss von

Geschlecht und Bevölkerungsdiversität

auf die Bekämpfung des

Virus gesprochen werden.

Der Block klinische Wissenschaft

hält eine für unsere Kernleserschaft

sicher besonders interessanten

Thematik vor: HIV und

sexuell übertragbare Krankheiten.

Es geht aber ausnahmsweise

nicht um die Aufforderung,

regelmäßig zum Test zu gehen,

sondern um das Ausloten von

Möglichkeiten, aus der HIV-

Therapie für den Umgang mit

Antibiotika-Resistenzbildungen

zu lernen.

Mehr Informationen zum

Programm und zur Anmeldung

unter ias2021.org!


GESUNDHEIT

Die Konferenz der

„International

Aids Society“,

kurz IAS ist

neben der

„Conference

on Retroviruses

and Opportunistic

Infections“

(CROI) die wichtigste

internationale Konferenz zu

HIV, bei der Wissenschaftler

aus aller Welt Ergebnisse aus

Grundlagenforschung und

Studien präsentieren.

Siegfried Schwarze, Aids-Aktivist

und Vorstand Projekt Information e.V.

(www.projektinfo.de)


# HIVersity

Weil wir mehr sind als nur HIV-positiv: LiVLife.de

NP-DE-HVU-ADVT-200009-11/2020


FILM

INTERVIEW

JAKOB M.

ERWA:

„Da habe ich

viel von mir und

meiner Welt

hineingepackt“

Panische Menschen, dichter Rauch

und ein Meer an Einsatzkräften:

Was für ein Unglück hat sich am Münchner

Hauptbahnhof ereignet? Diesem Ereignis

geht die brandneue Coming-of-Age-Serie

„Katakomben“ auf den Grund.

Jakob, „Katakomben“ ist Ihr erstes

Projekt seit dem Kinofilm „Die Mitte

der Welt“. Wie kam es dazu?

Nach der Verleihung des Bayerischen

Filmpreises, den ich für „Die Mitte der

Welt“ bekommen habe, haben mich die

Jungs von der Produktionsfirma NEUE-

SUPER angesprochen. Die mochten, was

ich da auf der Bühne gesagt hatte, und

fragten, ob wir nicht einmal zusammen

ein Projekt entwickeln wollen. So habe ich

dann angefangen, mit Florian Kamhuber

an einer Geschichte über moderne Liebe

zu arbeiten, an der wir auch nach wie

vor noch dran sind. Doch irgendwann

kam uns „Katakomben“ in die Quere,

weil Flo einen Zeitungsartikel über das

Tunnelsystem unter München gelesen

hatte und mich fragte, ob wir nicht schnell

mal eine Geschichte dazu pitchen wollen.

Wir haben uns dann drei Tage in Berlin

eingeschlossen, einen groben Plot überlegt

und die Figuren entwickelt.

Entstanden ist jetzt eine spannende

Mischung aus Coming-of-Age-

Geschichte und Sozialdrama mit

Gruselthriller-Elementen ...

Geschichten über junge Menschen finde

ich immer cool, denn über die sogenannte

First-Life-Krise kann man einfach spannende

Sachen erzählen. Aber besonders

interessant an unserer Idee fand ich

tatsächlich die soziale Komponente. Das

ist schließlich schon eine perfide Sache.

München ist einerseits diese schicke,

cleane, teure Stadt, in der es immer heißt,

dass es kein Drogenproblem gibt. Doch

andererseits gibt es eben diese Katakomben,

wo plötzlich eine Grauzone und

all die Leute akzeptiert werden, die oben

das saubere Stadtbild zerstören würden.

Also Drogensüchtige, Obdachlose oder

Sexarbeiter*innen. Das fand ich heftig. Und

ich wollte unbedingt einen Weg finden,

diese beiden Welten aufeinanderknallen zu

lassen und – bei aller Unterhaltung – etwas

Kritisches über unsere Gesellschaft zu

erzählen.

War von Anfang an klar, dass Sie

die Geschichte als Serie erzählen

wollen?

Ja, das war tatsächlich von Anfang an klar.

Da habe ich nie drüber nachgedacht, ob

man auch einen Film draus hätte machen

können. Mich hat diese Art des Erzählens

eh interessiert, und ich habe auch andere

serielle Ideen, an denen ich arbeite. Schon

damals in Österreich habe ich nach meinem

ersten Film „Heile Welt“ eine kleine

Miniserie gemacht: „Tschuschen:Power“.

Ich finde das Format einfach toll, weil man

viel länger und kleinteiliger erzählen und

sich tiefer auf Figuren einlassen kann.

Aber nicht zu früh freuen – ich werde auch

weiterhin Filme drehen. Hahaha.

Gibt es unter den vielen Figuren der

Serie welche, die Ihnen besonders

am Herzen liegen?

Janosch, der queere Influencer und beste

Freund der Protagonistin, ist auf jeden Fall

eine Figur, die mir sehr wichtig und nah

ist. Da habe ich viel von mir und meiner

Welt hineingepackt. Und an ihm Fragen

von Zugehörigkeit, Entwurzelung und dem

Zwiespalt, zwischen mehreren Welten

zu stehen, durchgespielt, die man nicht

zuletzt als queerer Mensch kennt. Mir war

sehr wichtig, dass er nicht nur schillernd

ist, sondern auch eine echte Breite und

Tiefe bekommt. Aus der eher oberflächlichen

Figur am Anfang wird schließlich

eine ganz traurige, feine und suchende.

Mit der ActOut-Aktion und

dem zugehörigen Manifest

hatten kürzlich 185 deutsche

Schauspieler*innen ihr öffentliches

Coming-out. Wie fanden Sie das?

Das war ein ganz großer, längst

überfälliger Schritt. Ich habe darüber

mit vielen Kolleg*innen vor und hinter

der Kamera in den letzten Jahren immer


FILM

FOTOS: JOYN / NEUESUPER / A. UHLIG

wieder gesprochen und mir genau so

etwas gewünscht. Eine breite Front,

die daherkommt und sagt: „Wir sind

hier und wir sind überall.“ Dass man die

Privatleben eines Schauspielers oder einer

Schauspielerin von ihrer Arbeit trennen

kann, sollte eigentlich kein Problem

sein. Aber auch das ist noch lange nicht

selbstverständlich, deswegen muss man

immer mal wieder solche großen Bretter

fahren.

Es geht in diesem Kontext immer

auch darum, wen man für welche

Rollen besetzt. In der neuen Serie

„It’s a Sin“ zum Beispiel werden alle

queeren Rollen auch von queeren

Schauspielern gespielt ...

Ich würde das jedes Mal als Einzelfall

behandeln. Ich arbeite seit Langem an

einem Film mit dem Titel „Valeska“ über

eine trans* Frau, den ich unter anderem

deswegen noch nicht umgesetzt habe,

weil ich einfach noch keine perfekte

trans* Schauspielerin für die sehr herausfordernde

Rolle gefunden habe. Da muss

man sich dann die Frage stellen, ob ein

Projekt gar nicht stattfinden soll, bloß weil

man nicht „politisch korrekt“ besetzen

kann? Ist das sinnvoll, wenn es gleichzeitig

bedeutet, dass die entsprechenden

Themen womöglich gar nicht auf der

Leinwand behandelt werden? Man kann

außerdem nicht unsere Situation hier im

deutschsprachigen Raum mit den USA

oder so vergleichen.

In welcher Hinsicht?

Englischsprachige Produktionen wie

gerade „It’s a Sin“ haben es natürlich

wesentlich leichter, alle queeren Rollen

mit queeren Schauspieler*innen zu

besetzen. Schon einfach, weil der Markt

riesig ist – und es gleichzeitig sehr viel

früher Role Models gab und sich das

Selbstbewusstsein entwickelt hat,

dass man queer sein und trotzdem als

Schauspieler*in zum Star werden kann. So

weit sind wir noch nicht. Weswegen eben

ActOut auch so ein Meilenstein war. Allein

um zu zeigen, was für einen großen Pool

an queeren Schauspieler*innen es gibt,

der einem zur Verfügung steht, wenn man

bewusst so besetzen und die Community

stärken will.

Kurz noch ein Blick zurück zu

Ihrem Film „Die Mitte der Welt“,

der in diesem Jahr seinen fünften

Geburtstag feiert. Wie haben Sie es

damals erlebt, dass der ganz große

Erfolg an der Kinokasse ausblieb?

Angesichts der wahnsinnig langen

Entstehungsgeschichte und der Tatsache,

dass die Vorlage ein Bestseller war, war ich

im ersten Moment schon sehr ernüchtert

und enttäuscht, dass die Sache nicht so

aufgegangen ist, wie ich es erhofft hatte.

Und war auch eifersüchtig auf Filme

wie „Love, Simon“ und „Call Me By Your

Name“, die als queere Filme groß und

aufwendig vermarktet wurden und stolz

riesige Banner gedruckt bekamen. Während

bei unserem Film die Thematik eher

versteckt wurde und man nicht wusste,

wie man damit umgehen soll. Das hat

mich schon sehr frustriert. Aber natürlich

freue ich mich auch, dass der Film dann

trotzdem noch ein kleines Eigenleben

entwickelt hat. Es gibt sehr viele Leute,

die den Film kennen, und denen er – so

wie mir damals das Buch – irgendwie

geholfen hat.

Würde er heute besser laufen?

Vielleicht. Gerade durch Streamer wie

Netflix ist die queere Community im

Moment ja wieder stärker vertreten in

den Geschichten, die erzählt werden.

Dadurch kommen diese Themen und

Figuren in der Gesellschaft stärker an

und werden selbstverständlicher. Und die

Leute wollen das scheinbar sehen. Es ist

traurig, das sagen zu müssen, aber wenn

ich im Moment einen queeren Stoff hätte,

würde ich damit vermutlich eher bei

einem Streamingdienst anklopfen als bei

einem Kinoverleih.

*Interview: Patrick Heidmann


FILM

FOTO: WARNER / HBO

STREAMING

SIE KOMMEN ZURÜCK

Seit Ende der 1990er war die US-Serie „Sex and the

City“ ein Muss für Frauen und Queers, wenn man sich

auch über die zum Teil klischeehafte Darstellung der

(queeren) Charaktere ärgern konnte. Trotzdem waren

die Serie und die beiden Kinofilme extrem lustig und sorgten

auch für den ein oder anderen Denkanstoß. Jetzt wird an der auf

der Original-TV-Serie und dem Buch basierenden Nachfolgeserie

„And Just Like That“ gearbeitet, so HBO Max, der Streamingdienst

von Warner.

Die in der weißen oberen Mittelschicht New Yorks angesiedelte

Glamour-Soap ließ uns teilhaben am geselligen Leben einer

Frauenclique und ihren Liebschaften. Lange bevor es Social Media

gab, wurde hier kommentiert, polarisiert und gelacht. Vor allem

Schauspielerin Sarah Jessica Parker wurde in Sachen Mode zur

Influencerin, die auch bestens mithalten konnte, als Social Media

dann den Ton angab. Waren die vier Freundinnen –Lifestyle- und

Modefachfrau Carrie Bradshaw (Sarah Jessica Parker), Heimchen

Charlotte York (Kristin Davis), Vamp Samantha Jones (Kim Cattrall)

und Anwältin Miranda Hobbes (Cynthia Nixon) – zu Beginn

der Serie in ihren 30ern, Samantha schon damals wesentlich älter,

so können wir uns jetzt auf Damen freuen, die auf die sechzig

zugehen. Ein wichtiger und sicherlich unterhaltsamer Kontrapunkt

zum überall herrschenden Jugendwahn. Nicht mehr dabei sein

wird allerdings Kim Cattrall, die vor allem in den letzten Jahren ihre

Abneigung gegenüber Sarah Jessica Parker betonte.

In „Sex an the City“ ging es eigentlich immer um die Suche nach

der wahren Liebe in der hektischen und so extrem hippen Großstadt.

Darum, den einen Mann zu finden, für intensive Stunden

oder für immer. Aufs Amüsanteste unterbrochen wurde dieser,

bei aller etwaigen Melancholie immer lebensfroh umgesetzte,

rote Faden durch Episoden und Szenen, die mal ironisch, mal

traurig das Leben in seiner manchmal abstrusen Art abbildeten.

Gaststars waren unter anderem Bradley Cooper, Liza Minnelli,

Matthew McConaughey, Heidi Klum, Alanis Morissette und auch

David Duchovny. Und Dido sang im Soundtrack. *rä

Funfact: Donald Trump hatte ebenfalls einen Cameo-Auftritt in

„Sex and the City“. Gottlob nur kurz. Aber wo war er nicht?

FOTOS: ITV STUDIOS

SERIE

Ausgezeichneter Serienspaß:

„Schitt’s Creek“

Die kanadische Serienproduktion „Schitt’s Creek“ ist nicht nur extrem erfolgreich,

diese humorvolle Gesellschaftssatire zeigt auch, wie man queere Charaktere

sinnvoll und nicht nur als „skurrile Minderheit“ einsetzen kann. Dafür gab es zum

Beispiel den „GLAAD Media Award für herausragende Comedy-Serien“.

Autor, Regisseur und Schauspieler Daniel Levy, der gemeinsam mit seinem Vater

Eugene die Idee zur Serie hatte und auch als David und Johnny Rose zum Hauptcast

gehören, war dann auch sehr gerührt: „Ich möchte unseren Fans danken, die eine

Bewegung für das Gute geschaffen haben [...] Wir lieben euch alle. Ich kann mir keine bessere

Fanbase vorstellen – Menschen, die für die Botschaft unserer Serie einstehen, für Liebe, für

Akzeptanz und dafür, füreinander da zu sein. Die queeren Charaktere zu kreieren, war die größte

Freude meines Lebens [...] Diese Serie zu machen, war sechs Jahre lang mein absolutes Glück.“

Die Serie erzählt von einer einst reichen, dann verarmten Familie, die dorthin ziehen muss, wo sie noch

Besitz hat: in ein Motel nach Schitt’s Creek. Die exzentrische Großstadtfamilie Rose muss sich fortan

mit Rednecks und Dorfturbulenzen rumschlagen. Schreiend komisch! *rä


meine

gay

cruise

Gran Canaria - Madeira -

Lanzarote - La Palma - Gomera -

Gran Canaria FEBRUAR 2022

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MUSIK

INTERVIEW

MARCELLA

ROCKEFELLER

Seit über zehn Jahren ist Marcella in

der Szene und auch in den Medien

eine feste Größe. Was sie so besonders

macht, ist, dass sie eine Sängerin ist. Wir

sprachen mit La Rockefeller über ihr erstes

Album, Céline Dion, Rosenstolz und Drag.

Ein großer Einfluss war Rosenstolz.

Ja, ich fand das schon immer extrem

verblüffend, wie diese Texte mein Leben

repräsentiert haben. Zum Beispiel „Wenn

Du jetzt aufgibst“, was habe ich dieses

Lied nächtelang gehört, weil ich dachte,

es geht nicht mehr! Aber die Botschaft

ist: Du hast schon einen Riesenberg hinter

dir, du schaffst es. Diese Ehrlichkeit der

Texte!

Ein gutes Stichwort. Ist Ehrlichkeit

in der Musik wichtiger als Glamour

und Show?

Nun, ich sage mal so: Showbusiness ist

eben Show. Aber ich bin einfach eine

sensible Seele, die sehr viel Wert darauf

legt, dass Texte etwas ausdrücken, womit

man sich identifizieren kann. Oft hatte

ich etwas „Angst“, Stars kennenzulernen,

weil sich mitunter rausstellte, dass die gar

nicht so cool sind, dass da mehr Show

als Sein war … Und bei Peter und Ulf (von

Rosenstolz, Anm. d. Red.) ist das genau

das Gegenteil, da steht SO viel mehr

hinter der Musik.

Glaubst du, dass deine perfekte

Optik deiner „handgemachten“

Musik im Weg steht? Oder dass du

eine Dragqueen bist?

Ich mache mir aus der Erscheinung

überhaupt nichts. Aber ich habe

schon vor zwölf Jahren gemerkt, dass

Marcella ein viel größeres Sprachrohr

für mich ist, als wenn ich als Marcel

stehe und singe. Ich habe diesen Weg

und dass ich dieses Album machen

konnte, Marcella zu verdanken! Wenn

eine Dragqueen singt oder auf der Bühne

steht, dann schauen die Leute … Es ist

einfach schön, bei jungen Leuten, bei

Kindern, dieses Leuchten in den Augen

zu sehen. Ich bin es aber auch gewohnt,

von manchen Menschen Abneigung zu

erfahren. Authentischer als Marcella

kann ich nicht sein.

Glaubst du, es ist heute einfacher als

vor zehn Jahren, als Dragqueen ernst

genommen zu werden?

Ich muss sagen, dass ich selbst immer

wieder überrascht bin, wie ernst ich

genommen werde. Aber dafür kämpft

man ja als Musiker. Das macht mich

unendlich glücklich. Ich bin ja kein

Clown, der Stimmung macht! Meine

Musik ist auch nicht Drag-typisch, ich

breche die Erwartungen der Leute, die

Elektronisches oder Lady Gaga erwarten.

Ich mache melancholische Musik, aber

keine depressive …

Wie ist das Album entstanden?

Warst du in Drag?

Nein, ich habe die Lieder als ungeschminkter

Mann aufgenommen. (lacht)

Wobei, manchmal hatte ich tatsächlich


„Das hätten

noch 100

mehr werden

können“

MUSIK

eine Perücke auf, wenn wir danach noch

etwas gedreht haben. Entstanden ist

es mit Elias Kunz in Hannover, der zwar

etwas jünger als ich, aber auch eine

„alte Seele“ ist. Wir haben einige Songs

von Rosenstolz und von Peter Plates

Soloplatte überarbeitet. 2020 hatten wir

„Der größte Trick“ rausgebracht, eigentlich

war das nur ein Projekt, nachdem mich

Peter Plate zuvor auf Instagram mit

Sarah Connors „Vincent“ entdeckt hatte.

Dann kam „Der blaue Sonntag“ … Das hat

alles so Spaß gemacht, dass Peter mir

vorschlug, ein ganzes Album zu machen.

Wir hatten so viele Ideen … Das hätten

noch 100 Lieder mehr werden können.

Verzeih mir das Wort: „Verstellst“ du

deine Stimme beim Singen?

Alles gut, ich weiß, was du meinst. Heute

mache ich das nicht mehr. Tatsächlich

habe ich aber früher gedacht: „Ich muss

die Höhen von Céline Dion treffen, egal,

wie beschissen das nachher klingt.“ Ich

habe lange versucht, meine Stimme

zu verstellen, heute bin ich bei meiner

Stimme angekommen und fühle mich

sehr wohl so, wie ich singe.

Welches Lied sollte ein hektischer

Spotify-Hörer mal anhören, um

einen guten Eindruck vom Album zu

erhalten?

Hm, ich würde „Die Liebe kennt mich

nicht“ empfehlen, jeder hatte schon mal

das Gefühl, dass man an den Falschen

geraten ist, der es nicht gut mit einem

meint. Einfach eine wunderschöne

Nummer, und „Lass sie reden“, im Original

von Rosenstolz.

FOTOS: MIRKO PLENGEMEYER

Findest du deine Version besser?

Ich würde mich nie mit AnNa R. oder

Rosenstolz messen. Ich kann es nicht

vergleichen, ich möchte es auch nicht.

Meine Follower kennen die Lieder im

Original nicht, sie folgen mir, weil ich bin,

wie ich bin. Und ich freue mich, dass ich

einer neuen Generation die Message

von Rosenstolz, von Peter, AnNa und Ulf,

weitergeben kann.

Du bist ein sensibler Mensch. Ist

dann der Beruf im Showbusiness

eine Mutprobe?

Ich habe schon viel Schlimmes gelesen,

vor allem damals beim „Supertalent“, die

Kommentare kann man ja heute noch

lesen. Es ist mir eigentlich relativ egal.

Was mich damals getroffen hat, ist, dass

es meine Mutter getroffen hat, sie hatte

mich auf Facebook verteidigt … Ich habe

einen extrem festen und lieben Inner

Circle im Freundeskreis, auch Peter und

Ulf stehen voll und ganz hinter mir. Diese

Unterstützung stärkt. Aber ich war zwölf

Jahre lang Dragqueen, ich habe eine harte

Schule hinter mir! (lacht)

*Interview: Michael Rädel

www.facebook.com/

MarcellaRockefellerOfficial


MUSIK

NACHGEFRAGT

OWEN

FOTO: YUULA BENIVOLSKI

PALLETT

„Es ist so wichtig,

mit Fremden zu

reden“

Es hat lange gedauert, bis Owen

Palletts neustes Album „Island“

erscheinen konnte – der Vorgänger „In

Conflict“ stammt immerhin schon aus

dem Jahr 2014. Woran es lag? Zum Großteil

an ihm selbst.

Der Kanadier, der seine ersten Schritte

unter dem Namen Final Fantasy gemacht

hat und mittlerweile für seine Arbeit mit

Arcade Fire mit einem Grammy ausgezeichnet

wurde, hat einfach viel zu tun.

Ob Arrangements für Frank Ocean und

Christine and The Queens, Taylor Swift

oder die Pet Shop Boys oder die zahlreichen

Aufträge für Filmmusik. Es dauerte

einfach. „Dabei habe ich gar nicht hart

an dem Album arbeiten müssen, es kam

schnell zusammen. Sehr schnell. Es hat

sich nur lange hingezogen aufgrund all der

anderen Projekte.“ Selbst die Aufnahmen

mit dem London Contemporary Orchestra

in den Abbey Road Studios waren kein

Drama. „Das war ein symbiotisches

Verhältnis. Und es ist auch einfach meine

Aufgabe als Arrangeur, so zu schreiben,

dass man mich versteht.“

Zu seiner eigenen Überraschung setzt

Owen auf „Islands“ eine Geschichte fort,

die er mit seinem Solodebüt „Heartland“

2010 begonnen hat, und die von einem

Mann namens Lewis und seinem Ringen

mit einem Gott namens Owen handelt –

und die am Ende des neuen Albums dazu

führt, dass Lewis in den Weltraum gefickt

wird („Lewis Gets Fucked Into Space“

heißt dieses Lied dann auch bestechend

direkt). Erst als Owen mit dem Album

fast durch war, spürte er, wie gut er mit

diesen dunklen, intensiven Liedern Lewis’

Story fortsetzen konnte. „Ich hatte die

meisten Lyrics fertig, als mir auffiel, dass

es Sinn ergibt, wenn die Songs in sein

Narrativ eingepasst werden.“ Jetzt weiß

Owen auch, dass es irgendwann ein drittes

Album um diesen eigenartigen Charakter

geben wird, selbst wenn es unsicher ist,

wann es kommt. Bis dahin schwebt Lewis

einfach weiter im Weltraum umher.

Doch selbst so eine eigenartige Handlung

wie diese hat es schwer, mit unserer

Realität zu konkurrieren, denn es waren

auch für Owen Pallett sehr eigenartige

zwölf Monate. „Dabei hat sich mein

Leben weniger als das Leben anderer

Menschen geändert. Ich habe wie immer

zu Hause gearbeitet, mein Studio ist ja

auch hier. Irgendwo war es zwar schon

enttäuschend, nicht auf Tour zu sein –

andererseits war ich aber auch seit 2017

nicht mehr unterwegs.“ Was Owen am

meisten berührt, ist, wie sich die Pandemie

auf seine Freunde, Familie und Liebhaber

auswirkt: „Sie sind so gestresst, so einsam.“

Owen selbst fehlt es vor allem, neue

Menschen zu treffen. „Es ist so wichtig,

mit Fremden zu reden, für dich, für dein

Gehirn. Bei mir in Toronto begegne ich

normalerweise immer neuen Leuten.“

Inwieweit sich das alles auch auf ihn

auswirkt, kann er kaum sagen, er weiß nur,

dass er in diesen Monaten nichts Neues

geschrieben hat, „ich fühlte mich nicht

so. Aber ich habe Aufträge gesucht und

viele gefunden.“ Doch vor allem hat er die

Zeit genutzt, um an seinem Instrument

zu üben, der Violine. „Ich bin richtig gut

geworden!“, sagt er, obwohl er sie bereits

seit dem dritten Lebensjahr spielt und

am Anfang seiner Karriere gerade für sein

Geigen berühmt wurde. Doch jetzt habe er

ein ganz neues Niveau erreicht, berichtet

er stolz. „Wenn ich wieder auf der Bühne

bin, werde ich richtig spektakulär sein.

Diese Wochen waren wie musikalische

Push-ups für mich. Allerdings“, lacht er,

„habe ich dafür keine echten gemacht.

Ich bin in einer schlechteren körperlichen

Verfassung als jemals zuvor in meinem

Leben!“ Und er klingt dabei nicht, als würde

ihm das Sorgen bereiten. *fis


MUSIK

TIPP

Ungewöhnlich:

Charlotte Cardin

Hier ist es also, das Debütalbum der kanadischen Sängerin:

„Phoenix“. Für sie sei das stimmige Werk eine Befreiung

gewesen, „und wenn andere sich damit ebenfalls von Druck

und Erwartungen befreien können“, habe es seinen Zweck

erfüllt. Ganz wunderbarer Pop mit Kanten, Ecken und

Melodien einer großen

Singer-Songwriterin mit

starker und wandlungsfähiger

Stimme. Unsere

Anspieltipps sind

„XOXO“, „Meaningless“

sowie „Je quitte“ und

„Passive Aggressive“. *rä

JAZZ

ERIK LEUTHÄUSER:

„Gegen jede Art von

Depression hilft ja

bekanntlich Lachen“

Der queere Sänger ist einer DER Geheimtipps der Jazz-

Welt. Sein kommendes Album nimmt sich des Œuvre

eines weniger bekannten US-Songwriters an: Kent

Carlson.

Über sein neues Album „In The Land of Kent Carlson“

verrät der Künstler: „Kents Song-Lyrics erinnern mich

manchmal an die Direktheit und den Witz eines Dave

Frishberg oder Bob Dorough.“ In der Tat: Doppeldeutige

oder ungewöhnliche Geschichten scheinen in den Texten

immer durch. Etwa bei „The Obsessing-on-my-Baby

Blues“, darüber verrät Erik Leuthäuser: „Er erzählt von

einer Zeit, in der man die besessene Verrücktheit nach

einer Person noch durchaus poetisch als Krankheit

bezeichnen konnte, die einem den ,Blues‘ gibt. Aber

gegen jede Art von Depression hilft ja bekanntlich

Lachen. Und lachen musste ich zahlreich beim Lernen

dieses fast schon absurden Textes.“ „Alle Songs von Kent

haben die Zeitlosigkeit von Jazzstandards gemischt mit

tollen authentischen Texten. Bei ,You Never Have to Say

(I Love You)‘ speziell schätze ich sehr die Message: Liebe

braucht keine vielen Worte. Love is action!“ Das Album,

übrigens eingespielt

mit dem Pianisten

Wolfgang Köhler, soll

am 11. Juni erscheinen.

*rä

www.facebook.com/

erikleuthaeuserpage,

erik-leuthaeuser.de

IM NAMEN DER LIEBE TOUR 2022

MIT

NEUEN HITS

UND

GROSSEN

KLASSIKERN

NACHHOLTERMIN

22.04. NÜRNBERG

26.04. MÜNCHEN

27.04. KÖLN

29.04. BERLIN

30.04. FRANKFURT

AM MAIN

DAS NEUE ALBUM „IM NAMEN DER LIEBE“ JETZT ÜBERALL!

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09.05. DRESDEN

11.05. LEIPZIG

12.05. HANNOVER

13.05. HAMBURG

15.05. BOCHUM


MUSIK

INTERVIEW

JENDRIK:

Auf einmal ist er da: Jendrik Sigwart,

26 Jahre alt, Hamburger und von

Beruf Musicaldarsteller, war ein komplett

unbeschriebenes Blatt, als er im Februar

von der zuständigen Jury zum deutschen

Teilnehmer am diesjährigen Eurovision

Song Contest am 22. Mai in Rotterdam

auserkoren wurde. Sein federleicht

klingender Popsong „I Don’t Feel Hate“

geht ohne Umwege in die Ohren, hat eine

sinnvolle Botschaft und eine Ukulele. Aber

wer ist dieser Typ überhaupt? Am Telefon

erlebten wir einen aufgeweckten, quirligen

und komplett sympathischen Jendrik.

Der Name Jendrik ist ziemlich

ungewöhnlich. Gibt es dazu eine

Geschichte?

Es ist einfach so, dass meine Eltern Namen

mögen, die ein bisschen besonders sind.

Oder sie haben herkömmlichere Namen

genommen und einfach einen Buchstaben

ausgetauscht. So wie bei mir. Oder bei

meinem älteren Bruder Marten. Tatsächlich

habe ich in meinem gesamten Leben

bisher nur einen einzigen anderen Jendrik

kennengelernt.

Wie viele Geschwister hast du?

Vier. Die fiebern jetzt natürlich alle mit

mir mit. Aber ich bin definitiv der einzige

richtige Mega-ESC-Fan in der Familie.

Wie sehr bestimmt die Teilnahme am

Eurovision Song Contest momentan

dein Leben?

Tatsächlich ist mein Leben aktuell noch

recht entspannt. Vorhin hatte ich sogar

noch Zeit zum Playstation-Spielen.

Was hast du gespielt?

„Dead by Daylight“. Das ist ein Horrorspiel,

das man online mit mehreren Leuten spielt.

So eine Art virtuelles Versteckspiel. Mir

macht das sehr viel Spaß, obwohl ich mir

Horrorfilme absolut nicht angucken kann.

Warum das nicht?

Weil ich vor ihnen Angst habe. (lacht) Ich

bin sehr schreckhaft, und einmal musste

ich während eines Gruselfilms im Kino laut

schreien. Ich konnte es nicht unterdrücken

und habe mich ein bisschen geschämt.

Obwohl du keine Horrorfilme guckst,

hast du dir also doch einen angeschaut.

Zwei Freunde und ich. Wir sind immer zu

einer ganz bestimmten Uhrzeit ins Kino

gegangen und haben dann grundsätzlich

den Film ausgesucht, der als Nächstes lief.

Warst du beliebt in der Schule?

Innerhalb unserer Klasse war ich einer von

den „coolen“ Kids, aber nach außen galten

wir komplett als die Loser- und Opferklasse.

Also ja und nein. Ich selbst war auch beides:

der Mobber und der Gemobbte.

Die Aussage deines ESC-Songs ist ja,

dass du auf Hass nicht mit Gegenhass,

sondern mit Gelassenheit und

Mitleid reagierst. Erinnerst du dich,

wann und warum du dieses Lied

geschrieben hast?

Als wäre es gestern gewesen! Das war im

Frühsommer 2019, nachdem mich eine

andere Person respektlos und von oben

herab behandelt hat. Ich dachte „Was

bist du für ein übler Mensch“, aber dann

beschloss ich, eben nicht aggressiv auf

diesen Angriff zu reagieren. Denn dadurch

lernt die oder der andere nichts. Stattdessen

habe ich der Person ganz ruhig gesagt,

dass ich ihr Verhalten respektlos finde.

Daraus ist dieser Song entstanden.

Funktioniert dieses Konzept?

Sehr häufig ja. Wobei es, grob gesagt, zwei

Arten von Anfeindungen gibt: Auf oberflächliche

Sprüche wie „Deine Frisur finde

ich scheiße“ reagiere ich überhaupt nicht.

So was ist mir echt egal, denn ich mag

meine Frisur ja. Bei wirklich diskriminierenden

Beleidigungen, bei Homophobie oder

Rassismus sollte man aber etwas sagen.

Man sollte dem anderen klarmachen, dass

das, was er sagt, absolut falsch ist. Diesen

Weg versuche ich in dem Song aufzuzeigen.

Auf eine sehr unterhaltsame Weise.

Klar. Ich habe „I Don’t Feel Hate“ ja auch

geschrieben, um gute Laune zu verbreiten

und negative Gefühle in etwas Positives zu

verwandeln.

Hast du persönlich Erfahrungen mit

Diskriminierung gemacht?

Natürlich. In letzter Zeit vor allem online.

Kommentare wie „Du Schwuchtel“ gibt es

immer wieder. Ich reagiere sachlich darauf

und antworte: „Das verletzt mich.“

*Interview: Steffen Rüth

Das ganze Interview findet ihr auf

männer.media. Mehr Features dieser Art

gibt es auf Instagram/blumediengruppe.


www.männer.media

immer aktuell

informiert


MUSIK

FOTO: WARNER MUSIC

NACHGEFRAGT

MARINA

Zoom-Interview mit Katze

Marina Diamandis plagen gleich

mehrere Allergien. Dauernd muss

sie niesen und schniefen, sie unterbricht

sogar kurzfristig das Gespräch, um sich

neue Taschentücher zu holen. Weil sie

nicht in Bestform ist, möchte die Sängerin

während des Zoom-Interviews die Kamera

lieber ausgeschaltet lassen.

Auch ohne Bildübertragung kriegt man

allerdings einiges von ihrem Leben in Los

Angeles mit. Eigentlich wollte sie dort

lediglich ihr fünftes Album „Ancient Dreams

in a Modern Land“ aufnehmen und dann

wieder nach London zurückkehren, doch

während des ersten Lockdowns beschloss

die Waliserin, ganz nach Kalifornien zu

ziehen. Mit ihrer schwarzen Katze, die sich

lautstark bemerkbar macht, nachdem sie

aufgewacht ist. Daran ist die 35-Jährige

gewöhnt, somit bringt sie das Miauen nicht

gleich aus der Fassung. Sie redet völlig

gelassen weiter über das Konzept ihres

jüngsten Langspielers. Im Grunde sei er in

zwei Teile geteilt, sagt sie: „Die erste Hälfte

fokussiert sich mehr auf das Sozialkritische,

dann kommen die Trennungssongs.“

Zu ihnen zählt zum Beispiel „I Love You,

But I Love Me More“. Mit diesem Lied

verabschiedet sich Marina, die ihren

Künstlernamen Marina and the Diamonds

schon mit ihrer letzten Platte „Love + Fear“

abgelegt hat, endgültig von ihrem Exfreund.

Es knüpft musikalisch zweifellos mit seinem

eingängigen Indie-Pop an das Debüt

„The Family Jewels“ an – was im Übrigen für

die meisten Nummern gilt. Eine bewusste

Entscheidung sei das aber nicht gewesen,

hält Marina dagegen: „Wahrscheinlich stellt

sich dieser Sound einfach ein, wenn ich

alleine schreibe.“

So entstanden Ohrwürmer wie „Purge

the Poison“. In dieser Powerpop-

Nummer bringt Marina allerlei Themen

von Rassismus über Frauenhass, #MeToo,

Quarantäne und Mutter Natur bis zu

Menschlichkeit aufs Tableau. „Es hat 91

Botschaften“, witzelt sie. „Im Ernst: Dieser

Track entstand zu Beginn der Pandemie,

also in einer äußerst verwirrenden Zeit.

Mein Ziel war es, Schnappschüsse des 21.

Jahrhunderts einzufangen.“ Mal erinnert

sie daran, wie sich Britney Spears 2007 ihre

Haare abrasiert hat. Mal beschwört sie den

Harvey-Weinstein-Missbrauchsskandal

herauf: „Letztlich wirft dieser Song die Frage

auf: Was ist eigentlich Weiblichkeit?“

Die Bedürfnisse der Frauen treiben

Marina auch in dem Stück „Man‘s World“,

für dessen Produktion sie sich ein rein

weibliches Team zur Seite stellte, um. Da

spricht sie mit der Zeile „I don‘t wanna live

in a man‘s world anymore“ Klartext. „Ich

kämpfe jeden Tag gegen das Patriarchat“,

erklärt sie. „Meiner Ansicht nach profitieren

Männer von Gleichberechtigung nicht

weniger als wir Frauen.“ Ginge es nach ihr,

dann dürfte sich niemand über andere

erheben. Insbesondere die Diskriminierung

von Minderheiten wie LGBTIQ*-Bewegung

geht ihr gegen den Strich. Nicht umsonst

spielt sie in „Man‘s World“ auf einen Sultan

an, der in seinem Land die Todesstrafe für

Homosexuelle eingeführt hat. Gemeint

ist Hassanal Bolkiah, ihm gehört das

„Beverly Hills Hotel“ in Los Angeles. „Wie

kann jemand auf der einen Seite ein

wunderschönes Hotel besitzen, das bei

der queeren Community extrem angesagt

ist und auf der anderen Seite homophob

sein“, empört sich Marina. „Ich habe gehört,

dass dieser Mann in seiner Heimat Schwule

zu Tode steinigen lässt.“ Nicht nur für die

Künstlerin ist das ein Verstoß gegen die

Menschenrechte: „Keiner sollte aufgrund

seiner Sexualität verurteilt werden.“

*Dagmar Leischow


POP

Lana Del Rey

Seit etwa zehn Jahren lässt die Sängerin uns

melancholisch werden – und das auch noch

genießen. Unlängst erschien ihr neues Album:

„Chemtrails over the Country Club“, das einmal

mehr chillen und träumen lässt. „Vielleicht war ich

mit meiner Geschichte und meinen Erlebnissen,

die ich in die Songs einfließen ließ, zu ehrlich? Komplexität im Pop ist immer noch verwirrend

für manche Menschen. Ich habe tatsächlich aus meinem Leben berichtet, und

nicht nur nichtssagende, freundliche Sommerliedchen geträllert.“ Vertonte Sehnsucht,

großer Pop. Lana Del Rey (geboren am 21. Juni 1985) haucht, singt und flüstert und

macht auch ihr siebtes Studioalbum „Chemtrails over the Country Club“ – erhältlich als

CD, Kassette, Download und auf Vinyl – zum großen Wurf. *rä

COMEBACK

KLEE trotz alledem

Das Kölner Pop-Duo KLEE meldet sich zurück!

2021 starten Suzie und Sten mit neuen Hits und

dem Album „TROTZALLEDEM“ wieder durch.

Gerade jetzt in der Pandemie machen sie Mut

und lenken ab von den alltäglich gewordenen

(Corona-)Hiobsbotschaften aus aller Welt.

Über KLEE: 2002 begann die Karriere der Band mit dem Klub-Hit „Erinner dich“,

einem melancholischen Rückblick auf eine Beziehung, umschmeichelt von sanften

Elektrobeats. 2005 gelang KLEE dann mit dem poppigen „Gold“ der erste richtige

Hit und 2008 mit „Zwei Herzen“ aus dem Album „Berge versetzen“ dann der bisher

größte Wurf in Sachen Vielfalt. 2011 folgte das bis dato erfolgreichste Album „Aus

lauter Liebe“. Musiziert hat die Band bereits schon ab 1997, damals nannte man sich

aber noch Ralley. 2015 erschien ihr letztes Album „Hello Again“ – Platz 23 war für die

neuinterpretierten Schlager drin. Unsere Anspieltipps auf „TROTZALLEDEM“ sind

„Kopfüber“, „Glitzer drauf“ und „Septembernebel“. *rä

www.kleemusik.de

EURODANCE

Retro-Freuden

auf Platte

In den 1990ern gab es unzählige Musikprojekte,

die mit wechselnden Sängerinnen sowie von Techno,

Trance und House inspirierten Beats und nicht mehr

als vier Sätzen pro Lied weltweit Hits landeten.

Nicht alle waren schlecht.

Zu den Guten gehört zum Beispiel Odyssey (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen

Soul-Disco-Formation). Dieses deutsche Eurodance-Projekt landete zwischen

1993 und 1998 diverse Hits und veröffentlichte zwei Alben – das eine gibt es jetzt

erstmals auf Vinyl: „Love Train“. Unsere Anspieltipps sind die Chart-Erfolge „Move

Your Body“, „Into The Light“ und „Riding on a Train“. Mit involviert bei Odyssey waren

unter anderem DJs wie Quicksilver und Projekte wie U.S.U.R.A., gesungen hat immer

die großartige Lisa Cash, die auch heute noch Erfolg hat – etwa mit und bei Nina

Hagen, den Brothers Keepers/Sisters Keepers oder Samy Deluxe. *rä

www.maschinarecords.com

CD, 2xLP & DIGITAL

“Unter all den großen

Werken, die uns Pallett in

den letzten anderthalb

Jahrzehnten geschenkt

hat, ist dies das größte,

berührendste - und

das verstörendste.“

ROLLING STONE GERMANY

JULY 2020


KUNST

FOTOGRAFIE

MÄNNER

AUS STOCKHOLM

Der Fotograf Jonas Norén war gerade einmal vier

Jahre alt, als er das erste Mal eine Kamera in den

Händen hielt.

Mittlerweile ist der Skandinavier einer der ganz

Populären in der queeren und homoerotischen

Fotografenszene. Wir haben einige seiner besten

Bilder für dich versammelt. „Ich finde meine Models

im Fitnessstudio, auf Facebook und auf Instagram.

Und manchmal finden sie mich ...“, verriet uns

Jonas Norén im Chat. Wer von dem schwedischen

Künstler abgelichtet werden will, der kann sich via

Social Media bei ihm melden. Vor Kurzem erschien

auch ein Buch von Jonas Norén (wir berichteten):

„Human Behind the Penis“. Schwule Kunst, die

durch das Können des Machers und ihre innewohnende

Erotik überzeugt. *rä

www.jonasnoren.se,

www.facebook.com/jonasnoren.se,

www.instagram.com/jonasnoren.se,

mehr Features dieser Art auf instagram.com/

blumediengruppe


MALEREI

ROSS

WATSON

Oft widmete sich der australische

Künstler Ross Watson der malerischen

Neuinterpretation von Stilen

und Werken alter Meister, momentan

erfreut er mit nackten Ansichten

und Uniformen.

KUNST

Unbekleidete Trainierte neben den

Wachen der Königshäuser! Das mag

den einen oder anderen sicher vor

den Kopf stoßen, schafft aber auch

eine Intensität, die sonst selten so

schnell beim Betrachter hervorgerufen

wird. Denn so verbindet sich

der erotische Muskelmann mit dem

ehrwürdigen Traditionellen, was ja

auch schon fast wieder etwas Sakrales

hat. Der 1962 geborene australische

Maler Ross Watson stellte

schon erfolgreich in London, Berlin

und Los Angeles aus und nahm an

Gruppenausstellungen zeitgenössischer

internationaler Künstler in

der australischen Nationalgalerie

und auf der Kunstmesse Toronto

teil. Weltstar Sir Ian McKellen ist Fan

und unser aller Piano-Meister Sir

Elton John hat auch schon Watsons

Kunst gekauft. *rä

www.rosswatson.com,

mehr Features dieser Art auf

instagram.com/blumediengruppe

3DVD

mit beiden

Halbfinals und

Finale

ab 25. Juni

erhältlich!

Album

mit allen

Teilnehmersongs

ab sofort als

2CD und

Download

erhältlich!

www.eurovision.tv · www.universal-music.de/eurovisionsongcontest


BUCH

ROMAN

Noch immer erleben Trans* Gewalt, werden umgebracht, verjagt, verspottet

und zur Prostitution gezwungen. Harter Tobak, thematisiert in

einem wunderbaren Buch.

Die 1982 in Argentinien geborene Autorin und Schauspielerin Camila Sosa Villada

erzählt in ihrem unlängst beim Berliner Suhrkamp Verlag erschienenen Roman „Im

Park der prächtigen Schwestern“ (im Original erschienen als „Las Malas (Tusquets

Editores, Planeta de Libros, Buenos Aires“) vom Zusammenhalt und dem Leid

einer Gruppe von Trans*-Prostituierten in einem Park in Córdoba, der nachts „zur

Wildnis“ wird. Hierher, in den Sarmiento, verschlägt es die junge Camila, als sie vor

familiärem Hass in die angebliche Anonymität der Stadt flüchten muss ... Hier

erlebt sie Fürsorge, Freundschaft und Akzeptanz. Sie alle wollen keine Opfer sein,

sie wollen leben. *rä

KINDER

ELIAS

LIEBT EINEN MÄRCHENPRINZEN

Gleichgeschlechtliche Liebe

kommt in den allermeisten

Geschichten nicht, kaum oder

nur am Rand vor. Schön, dass es

Bücher wie diese gibt: „Elias und

die Märchenrevolution“ und „Elias

und die Konferenz der Gefühle“.

Beide Bücher stammen aus der

Feder des in Bayern geborenen

Wahl-Wieners Harald Buresch,

der als Musical-Darsteller

tätig war und jetzt hinter den

Bühnenkulissen in der Kinder- und

Jugendpädagogik wirkt. Und

eben als Buchautor in diesen

belastenden Zeiten von Krisen-,

Pandemie- und Internet-Hass-

News ganz wunderbar ablenkt.

„ELIAS, ein moderner Held in Märchengeschichten,

die Klein und

Groß gleichermaßen begeistern.

Nicht zuletzt die Liebesgeschichte

zwischen ELIAS und dem

Märchenprinzen sowie viel Humor

machen die ELIAS-Bücher zu

etwas ganz Besonderem“, verrät

uns der Autor via E-Mail.

„Die altbekannten Märchen von

Rotkäppchen bis Aschenputtel

haben ausgedient: Kinder von

heute interessieren sich nicht

mehr für sie. Es herrscht Welt-

Märchen-Krise! Elias gibt ihnen

neue Botschaften und verhilft

den märchenhaften Held*innen

zu einem modernen und

zeitgemäßen Neuanfang“, so der

Wiener Queer. In seinen Büchern

treffen wir auch alte Bekannte,

doch Queerness scheint in dieser

Märchenwelt keine neue Erscheinung:

„Selbst Rotkäppchens

** Großmutter hat darüber die

ein oder andere Story parat“, so

Harald Buresch. *rä

www.maerchenheld.com

** Es gibt viel ältere Versionen als die der

Gebrüder Grimm. Nicht in allen hilft ein Jäger,

mitunter befreit sich Rotkäppchen selbst. Immer

schwingt aber mit, dass sich Mädchen nicht

auf fremde Männer einlassen, „nicht vom Weg

abkommen“ sollen.


DATES. FREUNDE. LIEBE.

Willkommen bei ROMEO, dem offensten Netzwerk weltweit für Schwule, Bi-Männer

und Transgender. Lade die App herunter oder logge dich in unsere Webseite ein.

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BUCH

BILDBAND

ZWANZIG NACKEDEIS

IN DER NATUR

Und im Pool! Diese Jungs hatten dabei viel Spaß – und lassen dich dank

Salzgeber an ihren Erinnerungen teilhaben.

Die Macher der Vollerotikseite CockyBoys, Jake Jaxson und RJ Sebastian,

veröffentlichten gerade zusammen mit Salzgeber diesen äußerst

erotischen, aber nicht peinlichen, Bildband. „SUMMER BOYS“ bietet auf 160

Seiten farbenfrohe, schwule und vom Sommer geküsste Fotografie(-Erotik)

in Buchform. Entstanden seien diese Bilder in einem Camp im Wald samt

Ferienhütte und Pool ... Dort war der Sommer dann doch schöner als in

den überhitzten deutschen Großstädten mit zu wenigen Straßenbäumen,

oder? Zwanzig Models der Vollerotik-Seite CockyBoys waren dabei, hundert

Fotografien sind herausgekommen. Schwul! *rä

FOTOS: SALZGEBER


Ihr Zentrum für sexuelle Gesundheit

STI, Hepatitis, HIV, PrEP und PEP – wir sind gerne für Sie da!

Sie möchten sich präventivmedizinisch beraten und untersuchen lassen

oder hatten einen möglichen Kontakt mit Erregern?

Vereinbaren Sie gerne einen Termin bei uns. Über unser Studienzentrum haben

Sie zudem die Möglichkeit, an wissenschaftlichen Studien teilzunehmen und so

aktiv an der medizinischen Forschung mitzuwirken und von ihr zu profitieren.

Wir freuen uns auf Sie!

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INTERDISZIPLINÄRES

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AM KLINIKUM

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Interdisziplinäres HIV Zentrum IZAR

Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München

Ismaninger Straße 22, 81675 München

E-Mail: IZAR@mri.tum.de, Telefon: 089 / 4140 - 2455

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Vogel checkt: Liefern die auch das beste Klimapaket?

„Post und DHL setzen nicht nur auf eine umweltfreundliche Flotte – mit 15.000 E-Transportern und 16.000 E-Bikes

und -Trikes die grünste der Branche. Die versenden auch seit 10 Jahren unsere privaten Pakete komplett CO₂-neutral.

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