Aktions-Forschungs-Arbeit DAS ERBE

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Harald Sickinger

Das Erbe

Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld

von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Studienarbeit an der Fakultät 11 für Angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München

Studiengang: Gemeinwesenentwicklung, Quartiermanagement und lokale Ökonomie

Eingereicht von: Harald Sickinger

Matrikelnummer: 04349309

Provenceweg 3, 72072 Tübingen, harald.sickinger@gmx.net

Dozent/innen: Prof. Dr. Cordula Kropp und Dr. Detlev Sträter

Tübingen, den 15. 12. 2011


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung ..........................................................................................................................2

2 Ausgangssituation: Ein Erbe mit Klärungsbedarf ..........................................................4

2.1 Ausgangsstellung: Ein Haus, sein Schaffer, dessen Lebenswelt und sein Tod ....................... 4

2.1.1 Das verlassene Haus – Gegenstände und Geschichten ....................................................................... 4

2.1.2 Der „Schaffer“ und das Haus I – Stationen des Lebens ...................................................................... 4

2.1.2 Der „Schaffer“ und das Haus II – Das örtliche Umfeld ...................................................................... 5

2.2 Problemstellung: Ein Erbe zwischen Chance und Last ........................................................... 6

2.3 Zielstellung: Verstehen, verständigen und neue Aussichten eröffnen ..................................... 7

2.4 Fragestellung: Was war das? Was ist das? Was kann das sein? .............................................. 7

3 Vorgehensweise: Ein systematischer Klärungsversuch ..................................................8

3.1 Aktionsforschung als Weg ....................................................................................................... 8

3.2 Erfahrungsbegründetes (Er)klären als Methode ...................................................................... 9

3.2.1 Grounded Theory als Orientierungsmuster ......................................................................................... 9

3.2.2 Orientierung der Datenerhebung vor allem am Erkenntnisinteresse .................................................. 9

3.2.3 Erheblichkeit vielfältiger Datenarten ................................................................................................ 10

3.2.4 (Er)klärungsorientierte Datenauswertung ......................................................................................... 11

4 Projektverlauf: Geschichte einer Klärung .....................................................................12

4.1 Herbst 2010: Sondierungen .................................................................................................... 12

4.2 Winter 2010 / 2011: Weiter auf Wertschätzung schauen ...................................................... 20

4.3 März 2011: Weiter vergleichbare Erfahrungen sammeln ...................................................... 22

4.4 April bis Juli 2011: Weiter nach dem Nutzen fragen ............................................................ 26

4.5 Sommer 2011: Weiter über Identität nachdenken ................................................................. 32

5 Ergebnisse: Klärende Geschichte(n) über Wertschätzung, Sinn und Bedeutung .....33

5.1 Die Geschichte vom „Schaffwerk“ als Geschichte vom Menschen ...................................... 33

5.2 Wechselwirkungen – über die Konstruktion von Wertschätzung .......................................... 33

5.2.1 Dimension − mehr oder weniger Wertschätzung wird erkennbar .................................................... 33

5.2.2 Kriterium − Einschätzungen des Beitrags zur Wohlfahrt ................................................................. 35

5.2.3 Maßstab – Nutzenvorstellungen als Orientierungsgrundlage ........................................................... 37

5.2.4 Relation − wie der Abstand die Wertschätzung verändert................................................................ 41

5.3 Bindung und Lösung – Aushandlung von Wertschätzung im Lauf der Zeit ......................... 45

5.3.1 Aushandlung I − Eine Geschichte vom Sinn für sich selbst ............................................................. 46

5.3.2 Aushandlung II − Eine Geschichte von der Bedeutung für „die Leute“ ........................................... 51

6 Schlussfolgerungen: Das Identitätsprojekt – Eine Fortsetz-ungsgeschichte ..............53

7 Literatur ............................................................................................................................56

Erklärung ................................................................................................................................57

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

1 Einführung

Was ist das?“ – Vielen Passantinnen und Passanten der Gönninger Straße 112 drängt sich

diese Frage auf. Wer in der württembergischen Kleinstadt Pfullingen auf der Ausfallstraße

Richtung Gönningen unterwegs ist, sieht kurz vor dem Ortsausgang ein altes Bauernhaus.

Haus und Garten sind bestückt mit zahlreichen Figuren, Skulpturen, Objekten aus Eisen und

aus Holz: Ein großer Holz - Neandertaler vor dem Scheunentor, daneben eine alte Schmiede.

Rostige Lampen baumeln an der Hauswand. Man erblickt Metallkonstruktionen aus verschweißten

und geschmiedeten Hufeisen und Eisenringen – nicht jede Installation macht in

den Augen jeder Betrachterin und jedes Betrachters Sinn. Manches erscheint vielen skurril,

vieles ist in den Augen mancher Leute zum Staunen – das angerostete Objekt beispielsweise,

das in Pfullingen der Eismann genannt wird, weil im Winter Eiszapfen einen solchen entstehen

ließen. Peter Kramer hatte den Eismann manchmal des Nächtens mit Hilfe eines Wassersprinklers

entstehen lassen. Peter Kramer lebte sein Leben von Geburt an in Pfullingen und

wurde dort Jahr 2010 unter Anteilnahme von rund 300 Menschen zu Grabe getragen. Vor

allem in den letzten 10 Jahren seines Lebens schuf er aus einem alten Haus, altem Eisen,

Holz, zahlreichen Fundstücken und wieder verwerteten Gebrauchsgegenständen etwas, was

seine Tochter − die Erbin des Hauses − „das Schaffwerk“ nennt.

„Was ist das, was ist mein Erbe?“ – die Tochter Sabine Kramer beschäftigt diese Frage auch

im Hinblick auf das Klären möglicher Zukunftsaussichten für das Haus in der Gönninger

Straße. Als klärend erweist sich dabei das Verstehen – Verstehen einerseits des individuellen

Sinns, den das Hausprojekt für ihren Vater gemacht hat. Es geht aber darüber hinaus auch um

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

das Verstehen der Bedeutung des „Schaffwerks“ im Gemeinwesen − in Peter Kramers „Ur-

Pfullinger“ Heimatmilieu und auch darüber hinaus.

Im Auftrag von Sabine Kramer unterstützte ich diesen Klärungsprozess durch ein handlungsorientiertes

Forschungs- und Kulturprojekt. Ziele sind dabei sowohl das Verstehen als auch

die Verständigung über das individuelle und kollektive Erbe „Schaffwerk“.

Videoaufnahmen, Interviews und andere Formen des Erfahrungsaustauschs sollen im Rahmen

des Klärungsprojektes sowohl Mittel der Datenerhebung als auch Verständigungsgelegenheiten

vor Ort in Pfullingen sein. Befragt wurden durch mich und meist unter Mitwirkung der

Erbin Menschen aus dem Umfeld von Peter Kramer, die sein „Schaffwerk“ schätzen.

„Was ist das?“ – Diese Frage beantworten Betrachterinnen und Betrachter aus unterschiedlichen

Positionen sehr unterschiedlich. Für die einen ist das „Schaffwerk“ ein Haus voller

„Gruscht“ und „Krempel“, für andere ist es eine Art Heimatmuseum und wieder andere sehen

darin ein Gesamtkunstwerk.

Es war das Bild eines Kraftfeldes, das sich im Projektverlauf bei nach und nach klarer werdender

Sicht abzeichnete. Beim Versuch, das „Schaffwerk“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln

zu betrachten, um so dieses Erbe besser verstehen zu können, wurde immer deutlicher,

dass das ungewöhnliche Haus in der Gönninger Straße 112 inmitten eines Feldes steht, wo

unterschiedliche Wertmaßstäbe auf erhebliche Weise das beeinflussen, was wir sehen.

Unser Projekt mit dem Ziel, „das Schaffwerk“ in der Zusammenschau unterschiedlicher

Sichtweisen mehr zu verstehen und es nicht zuletzt auch dadurch wert zu schätzen, begann

bereits am Tag nach Peter Kramers Tod, als die Tochter mich bat, das Haus zu dokumentieren,

wie er es verlassen hatte.

Ich werde im Folgenden zunächst die Ausgangssituation zu Beginn unserer Erkundungen

bzw. Verständigungen darstellen und die von mir gewählte Vorgehensweise für diesen Klärungsprozess

erläutern.

Das darauffolgende Kapitel schildert den Verlauf unserer Begegnungen, Gespräche und Beobachtungen

im „Gravitationsfeld“ des „Schaffwerks“. Es skizziert aber auch den Verlauf

meiner Gedanken bzw. meiner Schlussfolgerungen aus den jeweiligen Erfahrungen und

zeichnet damit in groben Zügen etwas von dem Prozess nach, der aus meiner Sicht nach und

nach ein klareres Bild von bedeutsamen Zusammenhängen im Hinblick auf das „Schaffwerk“

von Peter Kramer hat entstehen lassen.

Diese Zusammenhänge von Wahrnehmung, Wertschätzung persönlichem Sinn und kollektiver

Bedeutung, die das Bild des „Schaffwerks“ aus meiner Perspektive als Forscher in diesem

Feld prägen, werde ich am Ende des vorliegenden Textes darstellen.

Mein Bericht von unseren Erkundungen und Verständigungen im lokalen Aushandlungsfeld

von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung schließt mit einer Zusammenschau meiner bzw. unserer

Erfahrungen. Diese Zusammenschau ist zugleich ein Ausblick, denn es zeigt sich: Das

„Schaffwerk“ lässt sich als Identitätsprojekt verstehen und dieses Projekt wird fortgesetzt.

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

2 Ausgangssituation: Ein Erbe mit Klärungsbedarf

2.1 Ausgangsstellung: Ein Haus, sein Schaffer, dessen Lebenswelt und sein

Tod

2.1.1 Das verlassene Haus – Gegenstände und Geschichten 1

„I guck da grad Bilder an, die lagen grad hier auf´ m Stuhl, wo ich gekommen bin (Pause).

Isch richtig leer hier ohne mein Papa.“.

9. Oktober 2010 − Gestern ist Peter Kramer im Krankenhaus der Nachbarstadt Reutlingen

gestorben. Seine Tochter Sabine steht jetzt in der Stube des alten Bauernhauses, das der Vater

während seiner letzten beiden Lebensjahrzehnte in etwas verwandelt hatte, das zu verstehen

ihr offenbar nicht in jeder Hinsicht ganz leichtfällt:

„Mit dem Gardazwerg hot er beschtimmt au, also au was vorghet.

Was i schade fend isch, dass es jetzt ganz viele Sachen gibt, viele Dinge hier im Haus, die ne

Geschichte ham, die ich nich kenn.“.

Ich begleite die Tochter von Peter Kramer am Tag nach dessen Tod mit der Videokamera auf

ihrem nachdenklichen Erkundungsgang zwischen Figuren, Apparaturen, Bildern, Ketten, Kugeln,

Installationen aus Geweihen, Wasserhähnen, Rohren; zwischen Wappen, selbstkonstruierten

Holzöfen, vielen alten Skiern, Fahrrädern, Schildern, Sensen, Kinderwägen – auch antiquierte

Telefone gibt es in dieser für mich schier unübersehbaren Vielfalt von Dingen.

Es sind Dinge, die aus der Sicht von Sabine Kramer Geschichte und Geschichten bergen. Bislang

war vieles davon für sie verborgen geblieben.

„Bei vielen Sachen gibt´s aber Menschen“, sagt die Tochter, „die die Geschichten kennen und

ich hoff irgendwie, dass wir des zusammentragen können, die vielen abenteuerlichen Geschichten,

die diese Gegenstände in diesem Haus hier bergen. Aber, des wird ne große Aufgabe

sein.“.

Sabine Kramer hofft, dass ich ihr als Filmemacher und Freund dabei werde helfen können,

Geschichten rund um ihren Vater, sein Haus und die vielen Dinge dort zu sammeln und weiter

zu erzählen. Dass die ersten Aufnahmen bereits heute entstehen, hat vor allem einen praktischen

Grund:

In einigen Tagen soll die Trauerfeier stattfinden und danach werden sich die Gäste hier im

Haus bei Hefezopf und Kaffee treffen. Um dafür Platz zu schaffen, muss man manches Ensemble

verändern. Darum hat mich die Tochter gebeten, das „Schaffwerk“ und die Atmosphäre

dort filmisch zu dokumentieren, so wie wir es vorgefunden haben – heute, am ersten Tag

nachdem das Leben von Peter Kramer zu Ende gegangen ist.

2.1.2 Der „Schaffer“ und das Haus I – Stationen des Lebens 2

Geboren wurde Peter Kramer am 7.11.1942 als Sohn eines Schreiners und einer Strickerin. Er

wuchs in Pfullingen als Einzelkind und Halbwaise auf. Sein Vater fiel im Krieg, als Peter ca.

ein Jahr alt war.

1 Die Zitate in diesem Abschnitt stammen aus dem transkribierten Videodokument 9.10.10

2 Die Informationen in diesem Abschnitt stammen aus verschiedenen Recherchegesprächen mit Peter Kramers Tochter

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Er besuchte die Volksschule und machte danach eine Lehre als Hochdruckrohrschlosser bei

einem großen Reutlinger Industriebetrieb. Nach erfolgreichem Abschluss der Facharbeiterprüfung

im Jahr 1960 blieb er dort noch sieben Jahre.

In seiner Freizeit trieb Peter Kramer in jungen Jahren viel Sport, er fuhr Radrennen und war

ein ambitionierter Bergwanderer.

Während einer Auslandsmontage in der Schweiz lernte er 1965 seine künftige Frau kennen,

die er 1967 heiratete. Im selben Jahr kam das erste Kind des Paares – ein Junge − zur Welt,

im darauffolgenden Jahr wurde die gemeinsame Tochter geboren.

Von 1967 bis 1969 wohnte die Familie in der Schweiz und Peter Kramer arbeitete dort in seinem

gelernten Beruf bei einem Maschinenbauunternehmen.

1969 siedelte Familie Kramer wieder nach Pfullingen über und Herr Kramer erhielt eine Stelle

bei seinem früheren Betrieb. Als dort später Facharbeiterstellen gestrichen wurden und er

statt seiner bisherigen Tätigkeit eine Arbeit am Fließband angeboten bekam, wechselte er zu

einem kleineren Maschinenbauunternehmen auf der Schwäbischen Alb.

Ab 1970 bewirtschaftete Peter 32 Jahre lang, immer wenn es schönes Wanderwetter war, einen

Kiosk auf dem Schönberg oberhalb von Pfullingen. Der Kiosk befindet sich in einem

Aussichtsturm des Schwäbischen Albvereins. In Peters Zeiten konnte man dort Getränke und

kalte Speisen kaufen − beispielsweise auch kalte Würste, um sie dann selbst am Feuer zu grillen.

Der Wirt sorgte für ein ansprechendes Ambiente und meist auch für Unterhaltung.

Bis 1986 trug seine Familie die Nebenerwerbstätigkeit auf dem Schönberg wesentlich mit.

Dann trennten sich die Eheleute und Peter lebte fortan alleine. Zu seiner Ex-Frau hatte er ab

diesem Zeitpunkt an keinen Kontakt mehr, zu den Kindern über längere Zeit wenig. Letzteres

änderte sich erst gegen Ende seines Lebens wieder.

In seiner Freizeit war er in den Jahren nach der Scheidung bis zum Kauf des Bauernhauses

viel mit Freunden aus dem Höhlenforscherverein unterwegs.

1993 erwarb Peter Kramer das alte Haus in der Gönninger Straße, das unmittelbar an das

Grundstück seines Wohnhauses angrenzte. Er war zu dieser Zeit 50 Jahre alt.

Der Grund für den Kauf sei ursprünglich eigentlich vor allem gewesen, so hat er selbst es

immer wieder erzählt, dass er habe verhindern wollen, dass auf dem Grundstück ein neuer

Wohnblock das alte geschichtsträchtige Bauernhaus ersetzen würde − was er offenbar befürchtet

hatte.

Um dieses Haus zu bewahren und zu renovieren, investierte Peter Kramer „fortan viel Zeit

und Energie“, wie es seine Tochter formuliert. 3 Hier hatte er nun auch mehr Platz für alte Gegenstände

– schon vorher war er ein Sammler gewesen.

Im Jahr 2000 verlor Peter Kramer wegen Stellenabbau seine Erwerbsarbeit als Rohrschlosser

und war bis zum Renteneintritt nicht mehr vollerwerbstätig. 2002 gab er dann auch seine Nebentätigkeit

als Wirt auf dem Schönberg auf, widmete sich nun ganz dem Haus und dem Garten

in der Gönninger Straße 112 und verwandelte es mehr und mehr in das, was es heute ist.

Am 8.10.2010 starb Peter Kramer an einer Erkrankung, die nach ärztlicher Einschätzung auch

in einem Zusammenhang mit seinem langjährigen und erheblichen Alkoholkonsum stand.

2.1.2 Der „Schaffer“ und das Haus II – Das örtliche Umfeld

Mit der Headline „Schönbergturm war sein Leben“ ist ein Nachruf auf Peter Kramer überschrieben,

der kurz nach seinem Tod im Reutlinger Generalanzeiger erschien. 4 Durch den

Kioskbetrieb auf dem Schönberg war er stadtbekannt geworden – viele Leute nannten ihn nur

den „Schemberg-Peter“.

3 Dokument 15.10.10

4 Dokument 13.10.10

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Der Turm steht auf einem der Berge, die gleich hinter dem Ortsende aufsteigen. Hier beginnt

die Schwäbische Alb. Der Schönbergturm gilt als Wahrzeichen der Stadt Pfullingen, auch sei

er eine Art Heiligtum der alten Pfullinger − so wird es bei einem unserer Gespräche geschildert.

5

Das über 1000 Jahre alte Pfullingen wurde lange Zeit von der Landwirtschaft geprägt. Die

Lage am Flüsschen Echaz und die Nähe zu Reutlingen begünstigten dann die Industrialisierung

Mitte des 19. Jahrhunderts. Vor allem kleinere Gewerbe- und Handwerksbetriebe sind

heute für die örtliche Wirtschaft prägend. Die frühere große Bedeutung der Land- und Waldwirtschaft

ist aber baulich und auch in den außerberuflichen Aktivitäten der Bewohner und

Bewohnerinnen weiterhin bemerkbar. Bauernhäuser und Traktoren sind hier auch heute noch

keine Seltenheit, wenngleich es mittlerweile meist nur noch ein kleines „Wiesle“, ein „Gütle“

oder ein Waldstück ist, das bewirtschaftet wird und das Einkommen der Menschen mittlerweile

in aller Regel aus anderen Quellen stammt.

Das Vereinsleben halte Pfullingen zusammen, hört man hier immer wieder. 6 Auch die Stadtverwaltung

hebt dies als besonderes Kennzeichen der Kommune hervor. 7 Eine Reihe dieser

Vereine werden dabei dem Anschein nach von traditionsorientierten Pfullinger Bürgerinnen

und Bürgern geprägt. Hierzu gehören auch Peter Kramers Vereine: Der Brauchtumsverein,

der Schützenverein, der Gesangsverein, der Albverein, die Bergwacht, die Höhlenforscher.

Peter Kramers Tochter beschreibt die Mentalität der Leute in Pfullingen als bodenständig und

konservativ. In diesem Umfeld, in diesem Milieu ist das ungewöhnliche Erbe verortet, welches

nach dem Tod ihres Vaters ihr Erbe ist – und ihre Herausforderung.

2.2 Problemstellung: Ein Erbe zwischen Chance und Last 8

„So bissle graut´s mir da auch schon jetzt davor, da hat mein Papa ons ein schweres Vermächtnis

hinterlassen“, sagt Sabine Kramer kurz nachdem ihr Vater gestorben ist. Sie nimmt

zu diesem Zeitpunkt an, dass sie gemeinsam mit ihrem Bruder das besagte Haus in der Gönninger

Straße 112 und das dahinterliegende Wohnhaus ihrer Kindheit erben wird. Rund drei

Monate später teilen die beiden das Erbe. Sie übernimmt alleine das alte Bauernhaus, welches

ihr Vater gestaltete.

Schon am Tag nach dessen Tod empfindet sie das mit diesem Haus verbundene Vermächtnis

als Herausforderung. Einerseits „graut“ es ihr vor der Aufgabe, einen angemessenen Umgang

mit diesem Erbe zu entwickeln und andererseits empfindet sie dieses Vermächtnis, wie sie

sagt, als ein „irgendwie au schpannendes“. Sie verbindet offenbar durchaus Hoffnungen mit

der Weiterentwicklung des Hauses, wenn sie hinzufügt: „Ond, ja mal gucken was draus wird,

ich hoff, dass es n´ guten Weg nimmt, dieses Haus, mit all seinen Schätzen und Kunschtwerken“.

Das Haus in der Gönninger Straße birgt aus Sicht der Tochter eine kaum überschaubare Vielfalt

von Dingen, deren Sinn teilweise nicht unmittelbar verständlich ist. Die dahinterliegenden

Geschichten liegen im Verborgenen und ihre Bedeutung lässt sich schwer einschätzen.

Schwer ist es deshalb auch, sich vorzustellen, was aus diesen Dingen und aus dem gesamten

Haus jetzt werden könnte. Das Erbe scheint viele Schätze, viele Potenziale zu bergen und

doch wirkt die fast erschlagende Fülle von Dingen hier auch wie eine Last.

5 Interview 27.1.11

6 Unter anderem sagt das auch ein Befragter bei einem Straßeninterview im Rahmen des Aktionsforschungsprojektes. Dem

Mann, einem aus Norddeutschland zugezogener Ingenieur und Handwerker, war das rege Vereinsleben in der Kleinstadt

aufgefallen (Videodokumentation 30.5.11).

7 vgl. Stadt Pfullingen 2010

8 Die Zitate in diesem Abschnitt stammen aus dem Videodokument 9.10.10

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Kaum erkennbar scheint hier die Grenze zwischen Schätzen und Schrott, kaum vorstellbar ist

es, wo man hier anfangen soll, wenn man daraus etwas machen will – oder etwas machen

muss. Weil man sich auch verpflichtet fühlt, wie die Tochter sich dem verstorbenen Vater

verpflichtet fühlt, aber auch den Leuten in ihrer Heimat, am Ort ihrer Kindheit. Für nicht wenige

der Menschen hier – das spürt Sabine Kramer – hat das „Schaffwerk“ ihres Vaters eine

wichtige Bedeutung.

Die beim Tod ihres Vaters 42jährige Sabine Kramer war im Alter von 17 Jahren von Pfullingen

weggegangen, lebte kurze Zeit in Tübingen, dann 13 Jahre in Berlin, kehrte im Alter von

30 an ihren Herkunftsort zurück und lebte dort mit Mann und Sohn in einem kleinen Haus in

einiger Entfernung vom Anwesen des Vaters. Mittlerweile wohnt Sabine Kramer in Tübingen.

Die gelernte Erzieherin arbeitet in einer Behindertenhilfeeinrichtung.

Mit dem Haus ihres Vaters in der Gönninger Straße 112 und seinem Pfullinger Umfeld verbindet

Sabine Kramer gemischte Gefühle. Einerseits war das Verhältnis zum Vater früher

durch Konflikte in der Familie belastet und das konservative Umgebungsmilieu empfand die

Tochter teilweise als beengend. Andererseits war und ist sie stolz auf das Schaffen ihres Vaters

und empfindet Pfullingen und seine ländliche Umgebung als ihre Heimat.

Auch in diesem Spannungsverhältnis von Chance und Last sucht die Tochter von Peter Kramer

nach einem angemessenen Umgang mit dem Erbe ihres Vaters und wesentliche Beiträge

hierfür sollen von einem Klärungsprozess ausgehen, den ich in ihrem Auftrag gestalte.

2.3 Zielstellung: Verstehen, verständigen und neue Aussichten eröffnen

Dieses Projekt soll dazu beitragen, Zukunftsaussichten für das ungewöhnliche Haus in der

Gönninger Straße zu klären. Der Beitrag des Projektes – und damit auch mein Beitrag – besteht

vor allem im Versuch, die Bedeutung des Vermächtnisses von Peter Kramer besser zu

verstehen. Es geht darum, den Blick fürs Wesentliche zu schärfen. Unter dem Wesentlichen

verstehe ich vor allem das Bedeutende und bedeutend ist all das, was dieses Haus wichtig

gemacht hat – für Peter Kramer und für die Menschen aus seinem Umfeld.

Die Sichtweisen von Menschen aus diesem Umfeld zu verstehen, die für Peter Kramer und

sein „Schaffwerk“ von Bedeutung waren, das ist ein zentrales Anliegen unseres Projektes.

Ein weiteres Anliegen ist es aber auch, sich mit diesen Menschen zu verständigen, sich mit

ihnen über Wahrnehmung und Bedeutung des „Schaffwerks“ auszutauschen. Dadurch soll

etwas von der Schwere des Erbes genommen, es soll etwas in Fluss gebracht, ein lebendiger

Auseinandersetzungsprozess in Gang gebracht werden. Die Projektidee ist, dass durch eine

von uns angeregte und teilweise auch inszenierte Kommunikation über das „Schaffwerk“ von

Peter Kramer neue Ideen, Möglichkeiten und Aussichten entstehen, damit „das Haus mit all

seinen Schätzen und Kunstwerken einen guten Weg nimmt“, wie es sich seine Tochter Sabine

wünscht.

2.4 Fragestellung: Was war das? Was ist das? Was kann das sein?

Durch Fragen möchte ich den Prozess des Verstehens und der Verständigung anregen und

leiten. Im Vordergrund steht dabei die Frage „Was war das?“ – Welche Bedeutung hatte das

„Schaffwerk“ zu Peter Kramers Lebzeiten? Um dies besser zu verstehen, damit wir uns davon

systematisch ein Bild machen können, frage ich weiter: Für wen hat das „Schaffwerk“

etwas bedeutet? − Und was? Ich frage nach den Wahrnehmungen des „Schaffwerks“ durch

Menschen, für die es eine Bedeutung hatte. Ich frage nach der Bedeutung für den Schaffer des

„Schaffwerks“ selbst, aber insbesondere auch für sein Umfeld.

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Ich nehme an, dass für Menschen aus dem Umfeld die Bedeutung des „Schaffwerks“ nicht

mit dem Tod der zentralen Person endete, sondern weiter in die Gegenwart hineinwirkt. Deshalb

frage ich auch nach der Wahrnehmung und Bedeutung des Hauses heute.

Die heutige Bedeutung des Hauses für Leute in Pfullingen bestimmt wohl nicht unwesentlich

die Zukunftsaussichten für das „Schaffwerk“ mit und so stellt meine Fragestellung indirekt

auch die Frage: Was kann das „Schaffwerk“ in Zukunft sein? – Offene Fragen für ein offen

angelegtes Forschungsverfahren.

3 Vorgehensweise: Ein systematischer Klärungsversuch

3.1 Aktionsforschung als Weg

Aktion → Reflexion → Aktion → Reflexion → und so weiter. − In dieser Weise hin- und her

schwingend zwischen praxisorientierter Aktion und systematischer Reflexion habe ich mich

im Herbst 2010 gemeinsam mit Peter Kramers Tochter auf den Weg gemacht, um einerseits

einen praxiswirksamen Film zu erstellen und andererseits ein reflexionsförderndes Forschungsvorhaben

durchzuführen. Systematische Erkundungen, Auswertungen und soziokulturelles

Handeln in Pfullingen standen dabei von Anfang an in einer engen Wechselbeziehung

zueinander. Ich habe dabei bewusst zwei Zielsetzungen miteinander verbunden, die für gewöhnlich

auf getrennten Wegen verfolgt werden. Praxisorientiertes Handeln und wissenschaftliches

systematisches Verstehen werden meist in voneinander getrennten Projekten von

getrennten Menschen betrieben. Das hat aus meiner Sicht auch gute Gründe – unter anderem

wohl auch den, dass Praxis vor allem dem Prinzip der Brauchbarkeit und Wissenschaft vor

allem dem Prinzip des Verstehens folgt. 9 Nichtsdestotrotz habe ich mich für dieses Experiment

entschieden, weil ich davon überzeugt bin, dass eine solche Vorgehensweise für das

besondere Entwicklungsprojekt „Schaffwerk“, aber auch für Gemeinwesenentwicklung allgemein

ein vielversprechender Weg sein kann.

Für die nachhaltige Entwicklung von Gemeinwesen zu arbeiten, heißt vor allem auch, angemessene

Strukturen für gelingende Kooperationsprozesse unterschiedlicher Menschen zu

schaffen. Wie man das macht, das kann man nach meiner Erfahrung durch praktisches Handeln

in Verbindung mit systematischem Reflektieren herausfinden. Diese Art von Arbeit für

die Entwicklung von Gemeinwesen nenne ich Aktionsforschung. 10

Aktionsforschung dient dem Ziel, die Situation von Menschen zu verbessern (vgl. Auer 2010:

1). Es geht dabei um die Entwicklung einer Praxis, die nicht von fertigen Plänen ausgeht.

Wünschenswert und notwendig für Gemeinwesen im allgemeinen und das „Schaffwerk“ im

besonderen erscheint es mir dagegen, achtsame Such- und Handlungsprozesse mit und für

Menschen zu initiieren − nicht zuletzt auch für mich selbst.

Der Sozialpsychologe Harald Welzer beschreibt Achtsamkeit als die „die stetige Aktualisierung

seiner Beobachtungen“ (Welzer 2009: 3). In diesem Sinne verstehe ich Aktionsforschung

als ein achtsames Vorgehen und in dieser Weise handelnd, suchend, nachdenkend und

dabei lernend wollte ich einen Beitrag für die Zukunft des Hauses in der Gönninger Straße in

Pfullingen leisten.

Mein praktischer Beitrag auf der Ebene des kommunikativen Handelns ist ein Film über unterschiedliche

Erinnerungen und Sichtweisen unterschiedlicher Leute an Peter Kramer und

9 Im Modus des Verstehens bewegt sich allerdings nicht jede Art von Wissenschaft und Forschung, sondern die qualitative

Sozialforschung, von der ich hier spreche. Zum Vergleich zwischen Wissenschaftssystem und Praxissystem vgl. u. a. Moser

(2008).

10 In Anlehnung an Kurt Lewin (1948), Paulo Freire (1973) und andere.

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

sein „Schaffwerk“. Die Präsentation dieses Films im Frühjahr 2012 soll Auseinandersetzungsprozesse

in Pfullingen anregen – ebenso, wie bisher bereits seine Entstehung. Videointerviews

und andere Videoaufnahmen Verständigungsprozesse in Peter Kramers Heimatstadt

angeregt bzw. inszeniert haben. An diesem Film wirkt auch die Tochter Sabine mit – als Befragte,

aber auch als Kamerafrau. Die Rollen wechselten hier immer wieder, ebenso wie auch

die Übergänge zwischen Kultur schaffender Aktion und Forschung fließend waren in unserem

Aktionsforschungsprojekt.

Meine Aufgabe als Forscher war es, Videoaufzeichnen für unseren Film zugleich auch als

Datenerhebungen unseres Erkundungsprojektes zu führen und zu verstehen. Mein Beitrag

zum Verstehen war es auch, das Allgemeine im Besonderen des „Schaffwerks“ zu suchen –

auch hierfür bin ich ja ein Forscher. Barney Glaser und Anselm Strauß drückten diese Form

des Beitragens des Forschers für praktische Zwecke mit folgenden Worten aus.

„Die Aufgabe, für deren Lösung er ausgebildet worden ist, besteht darin, zu leisten, was ein

Laie nicht zu leisten vermag, d.h. allgemeine Kategorien und ihre Eigenschaften für allgemeine

und besondere Situationen und Probleme zu generieren. Diese können dem Handeln

der Laien dann als praktischer Leitfaden dienen.“ (Glaser / Strauss 2005: 40).

In diesem Sinne habe ich versucht, empirisch begründet zu verallgemeinern soweit das im

Rahmen unseres praxisbezogenen Projektes möglich und nötig war, um letztlich den Möglichkeitsraum

für die Zukunft des „Schaffwerks“ etwas besser zu verstehen.

Diese Arbeit sollte auch von all jenen grundsätzlich nachvollziehbar sein, die mit uns an einer

Weiterentwicklung des „Schaffwerks“ in Pfullingen interessiert sind.

Ich wollte mit meiner Arbeit, die gleichzeitig in den Bezugssystemen der Wissenschaft und

der Praxis begründet ist, keine Grounded Theory im herkömmlichen Sinne entwickeln. Das

Forschungsverfahren mit diesem Namen aber hat mir für meinen Beitrag zur Praxisentwicklung

Werkzeuge, Struktur und einen Kompass gegeben.

3.2 Erfahrungsbegründetes (Er)klären als Methode

3.2.1 Grounded Theory als Orientierungsmuster

Ich habe mich bei meiner Vorgehensweise als Forscher im Rahmen unseres Aktionsforschungsprojektes

von den Grundgedanken und Strategien der Grounded Theory leiten lassen.

Unter den oben beschriebenen und hierfür ungewöhnlichen Rahmenbedingungen eines engen

Praxisbezuges und eines vergleichsweise eng gesteckten Zeitrahmens habe ich versucht, auf

der Grundlage unserer Erfahrungen während der filmischen und weiterer Erkundungen eine

Modellskizze bzw. eine Geschichte von wesentlichen Zusammenhängen zu generieren, die

das „Schaffwerk“ ausmachten bzw. ausmachen. Hypothesen und Konzepte, die zu diesem

theoriebasierten Bild vom „Schaffwerk“ und seinen Zusammenhängen führten, habe ich nicht

aus bestehenden Theorien abgeleitet, sondern aus den bei unseren Erkundungen in Pfullingen

erhobenen Daten entwickelt und sytematisch mit Bezug auf diese Daten ausgearbeitet (vgl.

Glaser / Strauss 2005: 15). Literaturbezüge bzw. Verbindungen zu Theorien wie Anerkennungs-,

Milieu,- oder Identitätstheorie habe ich erst gegen Ende des Erkundungs- und Auswertungsprozesses

hergestellt und dabei die Literatur gleichsam als zusätzliches Datenmaterial

behandelt.

3.2.2 Orientierung der Datenerhebung vor allem am Erkenntnisinteresse

Informationen bzw. Erfahrungen haben wir in unserem Projekt aus zwei unterschiedlichen

Gründen gesammelt. Sie dienten einerseits der Verständigung und andererseits der dem Verstehen.

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Als Rohmaterial für unser Filmprojekt entstanden Videoaufnahmen mit einer Gesamtlänge

von fast achteinhalb Stunden.

Im Hinblick auf das Forschungsziel unseres Projektes lag mir aber nicht an einer extensiven

Datensammlung zum Zwecke der Beweisführung, sondern an der Entwicklung plausibler Hypothesen

(vgl. Glaser / Strauss 2005: 49) bzw. an der Bereitstellung eines theoretischen Beitrags

für die bessere Einschätzung der Bedeutung des Pfullinger „Schaffwerks“. Deshalb

wurden nicht alle filmischen Interviews, Gespräche und Beobachtungen auch in Text übersetzt,

sondern nur jene Teile, die sich im Verlauf des Auswertungsprozesses aus meiner Sicht

als erkenntnisrelevant erwiesen. Auch dabei orientierte ich mich an einem Grundgedanken

von Glaser und Strauss:

„Über die Entscheidung hinaus, welche Daten zuerst erhoben werden sollen, ist (…) nicht

planbar, welche Richtung die Datensammlung einschlagen wird. Erst die im Entstehen begriffene

Theorie zeigt die nächsten Schritte an (…)“ (Glaser / Strauss 2005: 55).

Für meinen Erkundungs- und Auswertungsprozess hieß das zum einen, dass ich mich – soweit

mir das angesichts der manchmal widerstrebenden Erfordernisse des Verständigungsteils unseres

Projektes möglich war – bei der Auswahl von Interviewpartnerinnen und Partnern vom

Interesse der Erkenntnisgewinnung leiten ließ und nicht von formalen Gesichtspunkten, wie

beispielsweise einer vorgegebenen Interviewanzahl. Zum anderen bedeutete das Prinzip der

erkenntnisorientierten Datenauswahl für mich, dass ich die anfänglichen Aufnahmen unserer

filmischen Erkundungen vollständig in Text übersetzt habe. Dies betrifft den Rundgang

durchs Haus mit der Tochter am Tag Peter Kramers Tod, Sondierungsinterviews beim Leichenschmaus

und ein erstes längeres Interview mit einer nahen Bezugsperson Peter Kramers

und dessen Ehefrau. Nach der Entwicklung erster vorläufiger Konzepte auf der Grundlage

dieses Datenmaterials entschied ich im Folgenden jeweils nach dem Kriterium des zu erwartenden

weiteren Erkenntnisgewinns darüber, welche weiteren Interviews ich führen müsste

bzw. welche weiteren Videoaufnahmen aus Interviews, die vor allem aus filmischen Gründen

entstanden waren, ich in Text übersetzten würde. Erst für die Interviews aus dieser zweiten

Phase des Forschungsprojektes am März 2011 benutzte ich einen schriftlichen Interviewleitfaden,

die ersten sondierenden Erhebungen erfolgten offen und hatten teilweise den Charakter

ethnographischer Feldforschungen (vgl. Rosenthal 2008: 101 ff.).

Dass ich in unserem Aktionsforschungsprojekt für jeden im Ergebnisteil dieser Arbeit dargestellten

Zusammenhang ausreichend Daten habe sammeln bzw. auswerten können, um von

einer theoretischen Sättigung (Glaser / Strauss 2005: 69) zu sprechen, das vermag ich nicht zu

behaupten. Zeitliche Begrenzungen und diesbezüglich teilweise einschränkende Bedingungen

eines Aktionsforschungsprojektes ließen es nicht immer zu, jede Kategorie der Modellskizze

in allen möglichen Differenzierungen auszuarbeiten. Die enge Verbindung von Forschung

und Praxis machte das nicht in jedem Fall möglich, aber vielleicht auch nicht immer nötig.

3.2.3 Erheblichkeit vielfältiger Datenarten

Bei der Ausarbeitung von theoretischen Annahmen zum Wirkungsgefüge von Wahrnehmung,

Wertschätzung, persönlichem Sinn und kollektiver Bedeutung des „Schaffwerks“ habe ich

versucht, Zusammenhänge durch verschiedene „Ansichten oder Aussichtspunkte“ (Glaser /

Strauss 2005: 72) besser zu verstehen. Nicht zuletzt auch mit Hilfe unterschiedlicher Techniken

der Datenerhebung und durch die Verwendung unterschiedlicher Datentypen habe ich

versucht, ein facettenreiches Bild zu zeichnen und zielgerichtete plausible Geschichten über

das „Schaffwerk“, seinen Schaffer und sein Umfeld zu erzählen.

Im Einzelnen basiert dieser Forschungsbericht auf folgender Datengrundlage:

10


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

• Schriftliche Aufzeichnungen von Recherchegesprächen und Beobachtungen in meinem

Forschungstagebuch. Viele dieser Aufzeichnungen beziehen sich auf Gespräche

mit der Tochter von Peter Kramer.

• Zwei jeweils etwa halbstündige explorierende Audiointerviews mit der Tochter Sabine

Kramer. Diese Interviews habe ich partiell transkribiert.

• 5 Videointerviews mit Personen aus dem Bekanntenkreis von Peter Kramer mit jeweils

unterschiedlichen Bezügen zum „Schaffwerk“.

Im Fall des ersten Interviews war auch die Ehepartnerin des Befragten anwesend.

Dieses Interview hatte einen offenen narrativen Charakter. Dabei erstellten wir auch

ein Plakat mit den Namen von Personen, die für den weiteren Forschungsprozess von

Bedeutung sein konnten. Dieses Gespräch dauerte etwa 1,5 Stunden und wurde in

weiten Teilen transkribiert.

Die weiteren 4 längeren Interviews mit einer Dauer zwischen 0,5 und 1,5 Stunden

waren als Fokusinterviews angelegt (vgl. Hopf 2005: 353ff.) und wurden leitfadengestützt

geführt. Von diesen Interviews habe ich jeweils auswertungsrelevante Auszüge

transkribiert.

• Videoaufzeichnungen von kurzen sondierenden Interviews bzw. Gesprächen mit Menschen,

die nach dem Tod Peter Kramers aus unterschiedlichen Gründen das Haus in

der Gönninger Straße 112 aufsuchten. Diese Aufzeichnungen wurden, wie alle Videoaufnahmen,

mit Hilfe eines Bandprotokolls auch schriftlich dokumentiert. Alle Interviews

bzw. Statements aus der Anfangszeit des Projektes im Oktober 2010 (ca. eine

Stunde) wurden vollständig, alle weiteren Aufnahmen nur in auswertungsrelevanten

Auszügen transkribiert.

• Videoaufzeichnungen von kurzen fokussierten Straßeninterviews über das Haus in der

Gönninger Straße. Diese wurden ebenfalls per Bandprotokoll schriftlich dokumentiert

und in Auszügen transkribiert.

• Ausgewertet wurden darüber hinaus auch schriftliche Dokumente, wie Trauerreden, E-

Mails und Hinterlassenschaften von Peter Kramer.

Vertiefende Informationen zu den jeweiligen Erhebungen und den erhobenen Daten finden

sich in der Beschreibung des Projektverlaufs unseres Erkundungs- und Handlungsprojektes. 11

3.2.4 (Er)klärungsorientierte Datenauswertung

Die Auswertung der Daten erfolgte nicht inhaltsanalytisch, sondern nach theoretischen Gesichtspunkten.

Die Auswertung zielte ab auf „empirische Verallgemeinerungen“ (Glaser /

Strauss 2005: 34) von Sichtweisen und Sachverhalten bzw. Zusammenhängen, die mit dem

„Schaffwerk“ zusammenhängen. Ziel war es, dadurch das „Schaffwerk“ im Lichte theoretischer

Erkenntnisse aus unseren Daten, besser zu verstehen.

Zu Beginn ging ich sequenziell vor – ich begann mit dem offenen Kodieren der Datenmaterialien,

die unmittelbar nach Peter Kramers Tod entstanden waren. Ich fasste Kodes zu Kategorien

zusammen, suchte nach den Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Kategorien

und lotete ihre jeweiligen dimensionalen Varianten aus.

Ich setzte unter anderem die in den Daten erkennbare Ursachen, Handlungsstrategien und

Konsequenzen der bedeutenden Phänomene in Bezug zueinander, die bei unseren Erkundungen

thematisiert worden waren.

11 Von der Weitergabe der Originaldokumente habe ich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes für die Befragten abgesehen.

Auch Nachfrage können bei mir gerne weitere Informationen eingeholt oder anonymisierbare Teile der Unterlagen

eingesehen werden.

11


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Eine wichtige Unterstützung in diesem Auswertungsprozess waren mir meine Memos, erklärungsorientierten

Notizen, die ich währenddessen in dem von mir verwendeten Auswertungsprogramm

MAXQDA und in meinem Forschungstagebuch festhielt.

Bald schon rückte der Aspekt Wertschätzung bzw. Geringschätzung in den Mittelpunkt meiner

Erklärungsversuche und im weiteren Verlauf meines permanenten Vergleichens unterschiedlicher

Textstellen entwickelte ich um den Aspekt der Wertschätzung herum eine Modellskizze

von Zusammenhängen, die im Ergebnisteil dieser Arbeit dargestellt wird.

Dass eine Grounded Theory „kein perfektes Produkt, sondern in permanenter Entwicklung

begriffen“ ist (Glaser / Strauss 2005: 41) und dass auch meine bescheidene theoretische Skizze

über das „Schaffwerk“ keineswegs der Schlusspunkt des Klärungs- und Erklärungsprozesses

ist, das illustriert der Schlussteil der vorliegenden Arbeit. Dort finden sich Überlegungen,

die meine Erkenntnisse über den Modus der Wertschätzung des „Schaffwerks“ in Beziehung

zur Literatur über Identität setzen. Dieses Identitätsprojekt aber ist nicht abgeschlossen – weder

theoretisch noch praktisch.

Die Wechselwirkung zwischen Theorie und Praxis in unserem Aktionsforschungsprojekt

spielte auch im Auswertungsprozess eine wichtige Rolle und betrifft insbesondere die kommunikative

Validierung vorläufiger Überlegungen bzw. Konzepte. Ich spiegelte meine Überlegungen

immer wieder an Peter Kramers Tochter Sabine und teilweise auch an andere Befragte

zurück. Durch deren Rückmeldungen wurde manches bekräftigt. Manch anderen Gedanken

über Zusammenhänge zwischen den empirischen Vorfällen in unserem Aktionsforschungsfeld

ließ ich aber nach solchen Diskussionen als haltlos wieder fallen.

4 Projektverlauf: Geschichte einer Klärung

Den Verlauf unserer Erkundungen und Verständigungen zwischen Oktober 2010 und Juli

2011 will ich im Folgenden in der Abfolge zentraler Erfahrungen, aber auch einiger meiner

Überlegungen zu diesen Erfahrungen beschreiben. Das Kapitel zeichnet in groben Zügen und

mit ausgewählten Vertiefungen etwas von dem Prozess nach, der zu den Ergebnissen geführt

hat, welche ich im darauffolgenden Ergebnisteil des vorliegenden Forschungsberichtes darstelle.

Dieses Kapitel beschreibt also keine theoretischen Zusammenhänge, sondern skizziert

entlang wichtiger Stationen bzw. beispielhafter Situationen etwas von meinem Erhebungs-

Denk- und teilweise auch von unserem Verständigungsprozess in diesem Projekt.

4.1 Herbst 2010: Sondierungen

Oktober

2010

Einblicke und Fragen am Tag nach Peter Kramers Tod

Unsere Aktionsforschung beginnt am 9. Oktober 2010. Das Projekt nimmt seinen

Anfang mit den ersten Filmaufnahmen in der Stube, an dem Tisch, wo vorher

Peter Kramer oft gesessen hat – oft auch mit seinen meist männlichen Gästen

oder auf Gäste wartend. Hier waren offenbar auch viele seiner Pläne für die

Weiterentwicklung des „Schaffwerks“ entstanden.

Auf dem Tisch liegen Peters Brille, Aschenbecher und andere Behältnisse und Gegenstände

aus Metall. Es gibt Zigaretten, Weinflaschen, eine Fernbedienung für den Fernseher und außer

vielen anderen Hinterlassenschaften auch zahlreiche Papiere. Mir fällt eine Sammlung

kleiner Zettel auf, die gelocht sind und auf einem Eisenstab aufgereiht. Der Stab ist an einer

Scheibe befestigt, so dass das Ganze auf dem Tisch stehen kann. Als ich die Konstruktion

12


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

● ● ●

Manches hat er offenbar nicht

mehr realisieren können – die

Figur beispielsweise, die ihren

Kopf in der Hand hält

● ● ●

umdrehe, wird sichtbar, dass die Metallscheibe ein

Ziffernblatt hat und ich offenbar ein altes Thermometer

mit neuem Verwendungszweck in der

Hand halte. Auf dem ersten hier „aufgespießten“

Papier lese ich: „Sport ist ein Brivileg der Landlosen“

12 . Weiter blätternd finde ich Papiere mit Zahlen

– offenbar Konstruktionsmaße. Auf einem anderen

Zettel ist eine Zeichnung zu sehen. Noch

mehr Zeichnungen auf weiteren Zetteln – in einer Skizze meine ich ein Gefährt zu erkennen,

welches draußen einen Teil des Gartenzauns bildet. Peter Kramer hat es aus Hufeisen gemacht.

Andere in den Papieren auf dem Metallstab sich andeutende Ideen hat er offenbar

nicht mehr realisieren können – die Figur beispielsweise, die ihren eigenen Kopf in der Hand

hält. Es ist der „Haule“, werde ich später erfahren – berühmt berüchtigt aus einer Pfullinger

Sage und den wollte Peter Kramer als Holzskulptur vor sein Haus stellen. 13

Seine Tochter sagt:

„Also mein Vadder war für mich schon an richtiger

Künschtler, also ohne Frage. Aber bei seinen

Kunschtprojekten, da hat er au scho emmer so

sein eigena Gschmack ghet oder hat do au so

Sacha gmacht, die däd koi Mensch macha, aber

mein Vadder hot se gmacht.“ 14

● ● ●

Ein fraglos richtiger Künstler?

● ● ●

Ein fraglos richtiger Künstler? Ein Fragezeichen drängt sich mir auf. Handelt es sich bei dem

Erbe um Kunst? Ist das Haus in der Gönninger Straße 112 ein Künstlerhaus?

Der verstorbene Vater wird hier von der Tochter als Künstler vorgestellt, der nicht in Frage zu

stellen sei. Deutet diese Betonung vielleicht darauf hin, dass er eben gerade doch in Frage

gestellt ist bzw. wurde? Sie beschreibt seinen "eigenen Geschmack" als etwas, was wie eine

Einschränkung klingt − "aber". Dabei könnte man doch glauben, so denke ich mir, dass der

eigene Geschmack ja einen Künstler gerade ausmacht. Ein solches Verständnis scheint aber

entweder aus Sicht der Sprecherin oder aus Sicht des von ihr gedachten Publikums meiner

Filmaufnahmen nicht vorzuherrschen. Ich frage mich? Weist das vielleicht auf ein bestimmtes

Verständnis im Umfeld des Hauses hin, nach dem der Künstler einen bestimmten – und eben

gerade nicht „eigenen“ − Geschmack zu haben hat?

Eine weitere Frage erscheint mir bedenkenswert: Um was für eine Art von Situation geht es

hier eigentlich?

Der Vater ist gestern gestorben. Sein Tod war noch vor einigen Tagen von der Tochter nicht

erwartet worden. Direkt nach seinem Ableben im Reutlinger Krankenhaus fuhren seine beiden

Kinder von dort zu seinem Haus in der Gönninger Straße 112. Tochter und Sohn befestigten

ein schwarzes Trauer-Band in jenem Fenster, hinter dem er "immer saß". Es wurde eine

Kerze ins Fenster gestellt und einige weitere Kerzen in den Garten.

Die Tochter bittet mich als einen ihr persönlich verbundenen „Aktionsforschungsfilmer“ das

Haus, so wie Peter es verlassen hatte, zu dokumentieren. Dabei geht es ihr ausschließlich um

das alte Bauernhaus, das er nicht bewohnte. Der Zustand seines Wohnhauses soll nicht dokumentiert

werden. Zum Zeitpunkt der Aufnahmen geht die Tochter offenbar davon aus, dass

das entstehende Video vor Publikum gezeigt werden wird. Sabine Kramer hat, so scheint es

12 Dokument 9.10.10 / 1

13 Vgl. Feldnotiz vom 24.3.11 (Auskunft von Sabine Kramer)

14 Videodokument 9.10.10

13


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

mir, ein großes Interesse, mit Hilfe des Films und des Filmens ihren Vater besser verständlich

zu machen und gleichzeitig auch selbst mehr von ihm zu verstehen.

Oktober

2010

Sondierungen am Tag der Trauerfeier

15. Oktober 2010: Peter Kramers Tochter Sabine hat mittlerweile nach Rücksprache

mit ihrem Bruder Thomas eine Vereinbarung mit mir getroffen: Es soll

ein Aktionsforschungsfilm entstehen. Der Bruder hat diesem Vorhaben zugestimmt,

bekundet von sich aus aber insgesamt sehr viel weniger Interesse an der

Weiterentwicklung des „Schaffwerks“ als seine Schwester. 15

Als Forscher, aber auch als Freund der Tochter nehme ich an der Trauerfeier in der Aussegnungshalle

des Pfullinger Friedhofs teil. Es versammeln sich knapp 300 Gäste. Die Eintragungen

im Kondolenzbuch lassen in Verbindung mit erklärenden Hinweisen Sabine Kramers

und anderer Beteiligter den Eindruck entstehen, dass es überwiegend Menschen aus Arbeiterund

Handwerkerfamilien sind, die Peter die letzte Ehre erweisen. Viele sind über 50 und die

allermeisten kommen offenbar aus Pfullingen und aus der näheren Umgebung.

Kurz vor Beginn der Feier erscheint der Pfullinger Bürgermeister in der Eingangstür der Aussegnungshalle.

Eine Frau aus dem erweiterten Verwandtenkreis des Verstorbenen steht auf

und bietet ihm einen Sitzplatz an – eine Ehrerweisung für den Stadtoberen, denke ich − und

eine Ehrerweisung der Stadt für Peter Kramer?

Außer dem evangelischen Pfarrer spricht auch Peters Tochter.

Sie fasst sein Leben mit ihren Worten zusammen und

betont dabei, dass er ein sehr besonderer Mensch gewesen

sei. Sie schließt mit den Worten: „Mein Vater Peter Kramer

wird fehlen. Nicht nur uns.“ 16 – Sabine Kramer nimmt offenbar

an, dass ihr Vater und vielleicht auch sein Haus weit

über seinen Familienkreis hinaus von Bedeutung war.

● ● ●

„Mein Vater Peter

Kramer wird fehlen.

Nicht nur uns“

● ● ●

Zwei Freunde sprechen Nachrufe. Ein ehemaliger Geschichtslehrer am hiesigen Gymnasium,

mit dem Peter häufig an besagtem Tisch in der Stube seines „Schaffwerks“ saß, trank und

„schwätzte“, wie man hier sagt, bezeichnet ihn als Grenzgänger. „Etwas, das vielen künstlerischen

Geistern zu eigen ist“, fügt er hinzu. An den verstorbenen Freund gewandt, meint er:

Du hast es wie kein Zweiter verstanden, in scheinbar nutzlosen und leblosen Dingen, die

kaum der Aufmerksamkeit wert schienen, Neues zu entdecken. Ihnen eine neue Existenz – ein

neues Leben – zu geben.“. 17

Von Schöpferischem oder gar einem „künstlerischen Geist“ ist in der nachfolgenden Ansprache

nicht die Rede. Der Kamerad aus der Höhlenforschergruppe hebt vielmehr die Naturverbundenheit

des Verstorbenen hervor, dass er tiefsinnige Gespräche mit ihm habe führen können

und weist darauf hin, dass Peter Kramer gerne „in unser Gemeinschaft mit dabei“ gewesen

sei.

Nach dem Ende der offiziellen Feier, begleitet von den Klängen des schwäbischen Volksliedes

„Muss i denn zum Städele hinaus“, verlassen die Trauergäste die Aussegnungshalle und

viele ziehen weiter in die Gönninger Straße 112.

15 Dem entsprechend einigten sich die beiden Kinder im Januar 2011 auf einen Erbteilungsvertrag, nachdem Sabine Kramer

die alleinige Erbin des alten Bauernhauses ist. Im „Schaffwerk“-Blog im Internet schreibt sie dazu:

„Wir, die Kinder von Peter Kramer - mein Bruder Thomas Kramer und ich, Sabine Kramer sind zunächst davon ausgegangen,

dass mein Vater ein Testament hinterlegt hat, in dem er verfügt hat was mit seiner Hinterlassenschaft geschehen soll.

Trotz intensiver Suche können wir aber kein Testament finden. Nun sind wir die rechtmäßigen Erben und müssen oder können

uns selbst überlegen was damit geschehen soll.

Wir sind uns schnell einig, das wir das Erbe unter uns aufteilen wollen. Mein Bruder Thomas erhält das Wohnhaus Gönningerstraße

112/4 und das Barvermögen und ich das Bauernhaus Gönningerstr. 112 und alle Gegenstände. So passt es für uns

beide und wir können handlungsfähig werden.“

16 Dokument 15.10.10/1

17 Dokument 15.10.10/2

14


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Dort, im „Schaffwerk“, streife ich später mit der Videokamera zwischen den lebhaft sich unterhaltenden

Menschen in den Stuben des Hauses und in der Scheuer umher. Ich versuche

Stimmung und Stimmen bzw. Ansichten zu erkunden. Dabei geht es mir um die Suche nach

unterschiedlichen Sichtweisen auf das Haus und den Mann, der es geschaffen hat.

Niemand scheint sich an der Kamera zu stören, niemand entzieht sich. Manche Gäste beginnen

ungefragt über Peter zu sprechen, als sie merken, dass sie im Bild sind. Am Abend, bei

der ersten Durchsicht der Videoaufnahmen, erscheint es mir, als würden nach und nach wichtige

Repräsentanten und Repräsentantinnen unterschiedlicher Standpunkte und Blickrichtungen

auf das „Schaffwerk“ von Peter Kramer auftreten: 18

Vier Männer in der rot-blauen Uniform der Pfullinger Bergwacht. Sie stehen in der Scheune

um einen großen Hefezopf herum. Dieser ist in Form des Pfullinger Schönbergturms gebacken.

Der Älteste in der Runde 19 : „Des ischt et peterschpezifisch do“ (Er hebt dabei seinen

Kaffeebecher / lachen in der Runde)

Ich: „Net peter…?“

Der Älteste: „Net peterschpezifisch, wa mir do em Becher hen“ (lachen)

Ich: „Ah so“

(lachen in der Runde)

Ich: „Was wär des gwäsa, was peterschpezifisch gwäsa wär?“

Der Älteste: „Ha, Moscht on so äbbes”

Hier, denke ich, wird offenbar Wert daraufgelegt, dass Peter Kramer ein großer Freund des

örtlichen Apfelweins war. Ich schaue mir den weiteren Fortgang der Szene an:

Ich: „Ond was hend Sie gmacht, wenn Sie hier warad?“

Der Älteste: „A Gaude mit´ m Peter“ (lachen in der Runde)

Der Älteste: „(…) Ha, do hot mar sich iber Fraua onderhalda (lachen in der Runde)

ond iber Alteise ond iber da Wei ond da Schnaps“

Ich: „Fraua, Alteise, Wei ond Schnaps. (lachen in der Runde) Alles klar“

Junger Bergwachtmann: „Des war Kurzfassung Peter“ (lachen in der Runde)

Hier wird das „Schaffwerk“ als ein Ort der Gespräche unter Männern geschildert und als ein

Ort, wo man Spaß – „a Gaude“ – mit dem Schaffer Peter Kramer hatte.

Der Älteste in der Runde sagt dann noch, dass Peters Problem gewesen sei, dass er ohne Vater

und als Einzelkind aufwachsen musste – offenbar ein Begründungsversuch aus Sicht des Pfullinger

Bergwachtmannes für die Ungewöhnlichkeit des „Schaffwerkschaffers“.

Die Abweichung von der Normalität betonen auch andere Ansichten über Peter Kramer und

sein Haus. Er sei ein „Riesenspaßvogel“ gewesen, meint ein ehemaliger Schulkamerad.

Eine junge Frau, die in der Nachbarschaft aufgewachsen ist, erzählt von Geschichten, die Peter

früher gerne erzählt habe. „Sie sitzt vor dem Haus. Ihr

Blick fällt auf eine hohe Eisenkonstruktion im Garten, die ● ● ●

dem Aufschichten von Holzscheiten diente – und manchem „ Er war immer ein

mehr, wie die ehemalige Nachbarin zu berichten weiß: „Da Riesenspaßvogel“

hinten, dieser Turm, den hab ich mit ihm und mit meiner

● ● ●

Cousine, ham mar den bemalt. Des soll der Turm von der

18 Alle Zitate vom Zusammensein nach der Trauerfeier stammen aus dem transkribierten Videodokument 15.10.10

19 Aus einer hier nicht zitierten Gesprächspassage lässt sich schlussfolgern, dass der Mann über 70 Jahre alt sein muss.

15


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Rapunzel sein (lacht), da hat er dann ne ganz lange, blonde Perücke ronder hängen lassen

und des als Rapunzels Turm bezeichnet und da hammer alle kräftig mitgeholfen, des farblich

zu geschtalten.“. Sie könne sich die Gönniger Straße ohne Peter gar nicht vorstellen, sagt die

Frau noch – Als prägend wurde der Schaffer zumindest teilweise in seiner Umgebung wahrgenommen,

notiere ich mir zu diesem Statement in meiner Aufzeichnung, und dass sein Tod

hier offenbar als großer sozialer Verlust eingeschätzt wird.

Ein rund 60jähriger Mann zeigt mir und meiner Kamera, was er hier als Mitarbeiter von Peter

mit ihm gemeinsam geschafft hat: Einen ausgehöhlten Baumstumpf beispielsweise, der vor

dem Haus nahe beim Gehsteig steht − von einem Metalldach geschützt. Dort habe sich Peter

hineinsetzen wollen, um die Leute zu erschrecken. Auch zu einer großen künstlich angelegten

Pfütze führt er mich. Peter Kramer hat sie „Drecklach“ genannt und die Auffassung vertreten,

dass jedes alte Bauernhaus so eine „Drecklach“ brauche. Der Mann, der Peter beim Ausheben

und Abdichten der „Drecklach“ geholfen hat, betont, dass die Arbeit mit ihm nicht immer

einfach gewesen sei: „Er wollte es exactly so und so haben und man musste sehr viel reden,

um ihn zu überzeugen, dass es anders auch gehen könnte.“ – Bestimmend wurde Peter hier

wahrgenommen, schreibe ich in meine Forschungsnotizen und frage mich, ob diese Bestimmtheit

zum Prägen führte, dazu, dass der Schaffer und sein „Schaffwerk“ hier ihrem Umfeld

möglicherweise einen „Stempel“ aufdrückten. Und ich frage mich, wozu das diente.

Ich bin bei weitem nicht der Einzige, der vieles noch nicht versteht − „Ich weiß es noch immer

nicht, was es ist, es ist ein Drecklach“, sagt der Mann, der mich auf den Spuren von Peters

und auch seiner eigenen Arbeit ums Haus geführt hat. Er stammt aus Ungarn und die hiesige

bäuerliche Tradition scheint ihm zumindest in punkto „Drecklach“ eher fremd zu sein.

Nicht viele Gäste hier, so ist mein Eindruck, haben wie dieser Mann einen grundlegend anderen

kulturellen Hintergrund als Peter Kramer selbst. Es dominiert eindeutig das breite Schwäbisch,

welches traditionell in Pfullingen gesprochen wird.

Im Kontrast dazu erscheinen mir allerdings zwei Männer, die etwas abseits der Menschenansammlungen

an einem Biertisch sitzen. Es stellt sich heraus, dass beide sich erst heute an diesem

Tisch zum ersten Mal sehen. Vielleicht sprechen sie vor allem deshalb miteinander und

nicht mit anderen, denke ich, weil sie beide wenige Bezüge zu den anwesenden „Ur-

Pfullingern“ haben.

Einer der beiden, er dürfte wohl Mitte 30 sein, erweist sich als Einwanderer aus Tunesien. Er

erzählt, dass er Peter Kramer kennengelernt habe, als er vor drei Jahren bei der Arbeit mit

seinem Paketauto die Gönninger Straße entlanggefahren sei. Peter habe ihn aus dem Fenster

seiner Stube gerufen, ihn gebeten hereinzukommen und ihm das Haus gezeigt. Auf die Frage,

ob ihm die Dinge gefielen, habe er geantwortet: „Ja, das is wie mein Vater, weil mein Vater

ein Schmied is.“ – Schmied-Sohn trifft Schlosser, ist mein Gedanke dazu. Ich notiere die Assoziationen

„ähnliches Milieu“ und „ähnliches Interesse“. Diese interkulturelle Begegnung, so

mein Gedanke, wurde vielleicht durch die Nähe beider Männer zum Handwerk, zur Metallbearbeitung

und dem „Schaffer“ - Milieu darum herum erleichtert – über die Grenzen zweier

Generationen und zweier Kontinente hinweg.

Ab dieser Begegnung trafen sich beide regelmäßig,

● ● ●

Ich notiere die Assoziationen

„ähnliches Milieu“ und

„ähnliches Interesse“

● ● ●

der Mann aus Tunesien half Peter beim Schweißen

und bei anderem Geschäft, sie wurden Freunde. Heute,

am Tag der Trauerfeier des älteren Freundes sagt der

Mann: „Peter, der war escht wie mein Vater (…). Wie

gesagt, isch bin aus Tunesien und hier kennne isch

auch nischt viele Menschen. Er war immer da.“

16


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Als der Freund vor einigen Monaten in seinem Heimatland heiratete, gehörte Peter zu seinen

Gästen dort – Der Schaffer des „Schaffwerks“, schreibe ich in mein Notizbuch, hat offenbar

Begegnungen gelebt, die über den üblichen Rahmen der meisten ihn umgebenden Kleinbürger

hier in Pfullingen hinausgingen.

Der Zweite am Biertisch in der Scheune ist ein Schulkamerad von Peter aus der Grundschule.

Als einziger unter den Schwaben, die durch meine Videoaufzeichnung zu Mitteilungen angeregt

werden, beginnt er hochdeutsch zu sprechen, als er merkt, dass die Kamera läuft. Er stellt

sich als Vorsitzender der örtlichen Senioren - CDU vor. Auch erwähnt er, dass sich Peters und

seine Wege getrennt hätten, als er selbst auf die höhere Schule gegangen sei.

Er zeigt auf ein Holzschild, das innen am Scheunentor hängt – neben vielen anderen alten

Schildern, Werbetafeln und zahlreichen weiteren Dingen. Der CDU – Senior sagt: „Eine feste

Burg ist unser Gott, macht er da rein. (…) Des würden also die wenigsten Pfullinger wahrscheinlich

machen“ – Ich frage mich: Greift er sich unter den vielen Gegenständen das heraus,

was für ihn selbst besonders interessant erscheint, was sein eigenes Thema ist?

Ich erfahre, dass der Mann heute zum ersten Mal in Peters Haus in der Gönninger Straße 112

ist, obwohl er nur einige Straßen entfernt wohnt – Wenn dieses Haus, schreibe ich in mein

Notizbuch, ein Haus der Begegnungen war, dann waren es offenbar teilweise interkulturelle

Begegnungen, die hier stattgefunden haben, aber der Begegnungsraum hatte auch Grenzen.

Leute mit höherer Schulbildung waren im Umfeld Peter Kramers wohl selten und auch heute,

hier unter jenen, die sich nach der Trauerfeier noch im Haus versammelt haben, scheinen es

wenige zu sein. 20

Am Ende der Videoaufzeichnung vom 15. Oktober: Die meisten Gäste sind bereits gegangen.

Mittlerweile sitzt der Schulkamerad aus der Grundschule mit zwei ungefähr gleichaltrigen

Freunden von Peter Kramer zusammen. Einer der beiden ist der pensionierte Geschichtslehrer.

Er hatte Peter auf dem Schönberg kennengelernt, in dessen Zeit als Wirt des Kiosks dort.

Der zweite Freund kannte ihn von der Bergwacht her. er hat ein Foto in der Hand. Es zeigt

eine Aufnahme mit Peter, die bei einem Köhler auf der

Schwäbischen Alb entstanden war. Ein Köhler ist ein

Mann, der in einem langwierigen Prozess im Wald

Holzkohle herstellt. Die beiden Freunde berichten dem

ehemaligen Schulkameraden von der mühevollen Arbeit

des Köhlers. Der Geschichtslehrer erwähnt, dass

er mit Peter gemeinsam beim Kohlemeiler übernachtet

habe, dass sie das Feuer bewacht hätten.

Dann geht es um das Aussterben des alten Berufes des Köhlers:

● ● ●

Mein Gedanke: Ist das

„Schaffwerk“ ein Haus der

aussterbenden Arbeiten?“

● ● ●

Der Bergwachfreund: „Aber der hat au koin Nochkomma“

Der Geschichtslehrer: „Noi, der hot koin Nochkomma“

Der Bergwachtfreund: „Wenn´s der nemma kann, no macht koiner mehr an Köhler“

Mein Gedanke: Die aussterbende Arbeit. Das hat Peter Kramer und manche Männer aus seinem

Umfeld beschäftigt. Ist das „Schaffwerk“ ein Haus zur Würdigung aussterbender Arbeiten?

Und der anfängliche Gedanke „Künstlerhaus“? Wie ein Künstlermilieu wirkte die Gesellschaft

heute nicht. Künstlerinnen und Künstler waren wohl eher nicht dabei – deren Auftritte

in der Geschichte kommen später.

20 Diese Annahme wurde durch die Tochter Sabine Kramer bestätigt (vgl. Feldnotiz vom 23.10.10).

17


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

November

2010

Auf den Spuren öffentlicher Aushandlungen der (Be-)Deutung

Ein Monat nach Peter Kramers Tod: „Hommage à Peter Kramer“ nennt ein

Pfullinger Künstler seinen Beitrag zur Gemeinschaftsausstellung Pfullinger

Künstler im November 2010. Es handelt sich um eine Installation aus Kleiderständer,

Ledermantel, Mütze, Brille, einem alten Telefon, einer Kleinskulptur,

die den „Überflieger“ repräsentiert und einem verrosteten Bügelflaschenverschluß,

der für den „Abstürzer“, aber auch für den Sammler steht. Die Installation und der

begleitende Text des Künstlers deuten Peter Kramer als facettenreichen „Über-Lebens-

Künstler“. 21

Ich besuche die Ausstellungseröffnung gemeinsam mit Sabine Kramer und beobachte die

Szenerie. Die „Hommage à Peter Kramer“ wird bei der Eröffnungsrede als eines von wenigen

Stücken eigens erwähnt. Viele Leute bleiben beim Rundgang dort eine Weile stehen und unterhalten

sich rege.

Einen Großteil der Utensilien für die Installation hat der Künstler von Peters Tochter geliehen.

Deshalb steht er im Kontakt mit ihr, weiß von ihren Bemühungen, das Werk ihres Vaters

besser zu verstehen, verständlich zu machen und etwas aus dem Haus entstehen zu lassen.

Offenbar auch auf diesem Hintergrund informiert er sie über einen Artikel in der Novemberausgabe

des Anzeigenblattes „Pfullinger Journal“ und die Tochter informiert mich:

Der Artikel trägt die Überschrift „Zuwachs bei den Museen“. Sein Autor nimmt Bezug auf

den Tod des „Schönberg - Peter“ und berichtet von Stimmen aus der Bevölkerung, die sich

dafür aussprächen, Peters altes Bauernhaus zu einem städtischen Museum zu machen. Weil

die Stadt aber kein Geld habe, so lautet der Vorschlag des Schreibers, solle sie doch prüfen,

was dort „erhaltenswert“ sei und das dann ins Heimatmuseum eingliedern. Der Artikel

schließt mit folgendem Satz: „Mit den

zivilrechtlichen Erben des „Schönberg-

Peters“ ist das nicht abgesprochen, da

sie hier nicht bekannt sind, aber sicher

wären sie stolz darauf, wenn einiges von

den Schätzen dieses liebenswerten Sonderlings

erhalten bliebe.“. 22

● ● ●

Der lokale Journalist spricht sich für

die Erhaltung des Erhaltenswerten

durch die Stadt aus

● ● ●

Der Autor erhält kurz darauf eine Email von dem oben genannten Pfullinger Künstler. Darin

informiert dieser ihn über seine „Hommage à Peter Kramer“, nimmt auf den Artikel Bezug

und verweist darauf, dass die zivilrechtlichen Erben sehr wohl bekannt seien. Das Argument

des Journalisten, die Stadt habe kein Geld, bezeichnet er als „Totschlagargument“. Er prangert

die aus seiner Sicht unzureichende städtische Kulturpolitik an. „Aber zum Glück“,

schreibt der örtliche Künstler im Weiteren an den örtlichen Journalisten, „haben die „zivilrechtlichen

Erben“ Unterstützung von vielen aktiven Freunden in den Vereinen und von Privatpersonen.

Ich bin mir sicher, dass da jetzt schon Überlegungen laufen, über die Du dann

sicher auch gerne berichten wirst, stimmt’s?!“. 23

Die Auseinandersetzung um die Zukunft des Erbes von Peter Kramer drängt offenbar in den

öffentlichen Raum, schreibe ich angesichts der vorliegenden Dokumente aus dem November

2010 in mein Notizbuch. Deutlich wird ein öffentliches Interesse und es werden dabei auch

divergierende Interessen erkennbar:

21 Dokument 19.11.10

22 Dokument 15.11.10

23 Dokument 18.11.10

18


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Der lokale Journalist spricht sich für die Erhaltung des Erhaltenswerten durch die Stadt aus

Was ist erhaltenswert? Wer entscheidet darüber? Aus Sicht des Journalisten sind das „die für

das offizielle Heimatmuseum Verantwortlichen“. 24

Der lokale Künstler meint auf dem Hintergrund seiner Einschätzungen der städtischen Kulturpolitik:

„Von solch einer Verwaltung darf weder Hilfe von Aktivität erwartet werden“ und

setzt vor allem auf zivilgesellschaftliches Engagement zur Weiterentwicklung des Hauses in

der Gönninger Straße 112.

Beide hier erkennbare Protagonisten einer lokalen öffentlichen Aushandlung um das Haus

herum signalisieren Interesse an der Zukunft des Erbes – doch weisen die Interessen in unterschiedliche

Richtungen. Welche Bilder vom Haus und von seinem Schaffer stehen jeweils

hinter welchem Interesse, frage ich mich.

Der Künstler beschreibt im Begleittext seiner Installation das Haus als einen „Ort der Begegnung

und der Kunst. Gleichzeitig ist es ein Museum kurioser Fundstücke, alter Gebrauchsgegenstände,

Erfindungen und hintergründiger Zeitkritik. Dort war immer etwas im Entstehungsprozess

begriffen, und das Haus somit ein sich immer wieder veränderndes Gesamtkunstwerk“.

Peter Kramer war für den Pfullinger Künstler ein „Über-Lebens-Künstler im

doppelten Sinn: bodenverhaftet und gleichzeitig das Leben aus dem Abstand des Künstlers

betrachtend“.

Der örtliche Journalist sieht den „Schaffer“ als einen „liebenswerten Sonderling“. Das Haus

ist aus seiner Sicht offensichtlich das Haus eines begabten Handwerkers und leidenschaftlichen

Sammlers: „Da er ein großer Könner im Umgang mit sämtlichem Handwerkszeug war,

werkelte und bastelte er lebenslang an handgefertigten Unikaten herum und erwarb auch

käuflich allerhand Altertümer, die er für wertvoll hielt.“.

Der Wert des Hauses wird − so mein Gedanke − unterschiedlich taxiert, je nachdem, ob er

sich am Wertmaßstab des „Über-Lebens-Künstlers“ oder am Marktwert für „Unikate“ und

„Sammlerstücke“ bemisst. Wertbemessungen und damit zusammenhängende Entscheidungen

für die Zukunft des Hauses könnten auch in einem engen Zusammenhang mit den Fragen stehen,

wer bewertet, und wie privat bzw. öffentlich der Bewertungs- und Entscheidungsraum

ist.

Dezember

2010

Wo stehen wir selbst? Wie weiter? – Selbstpositionierung im Ringen um

Deutungshoheit

Ende November / Anfang Dezember beginnt Sabine Kramer mithilfe ihres Sohnes

ein Blog im Internet einzurichten. Dieser soll nach ihren Angaben dazu dienen,

den Prozess zur Klärung, was aus dem Erbe ihres Vaters werden wird, zu

begleiten. 25 Am Nikolaustag 2010 geht das Internet-Logbuch mit dem Titel

„Schaffwerk“ online.

Anfangs stellt Peter Kramers Tochter vor allem Fotos und Informationen ins Netz, die den

Vater und sein Leben betreffen.

Als ob sie dahingehend unter Druck stehen bzw. einer Art Auftrag folgen würde, erscheint

mir das Veröffentlichungsbestreben der Tochter. Sie scheint sich dazu einerseits dem verstorbenen

Vater, aber andererseits auch gegenüber der lokalen Öffentlichkeit verpflichtet zu fühlen.

26

24 Dokument 15.11.10

25 Vgl. Blogeintrag Sabine Kramer 31.12.10

26 In einem späteren Gespräch bestätigt Sabine Kramer diesen Eindruck. Sie sagt, dass sie tatsächlich so etwas wie einen

öffentlichen Auftrag zur Würdigung und Weiterentwicklung des Werkes ihres Vaters spüre (Feldnotiz 31.5.11)

19


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Anlässlich des bevorstehenden Jahreswechsels spreche ich mit Sabine Kramer mehrfach über

ihre Ideen für die Zukunft des Hauses. Ihre Gedanken gehen in ganz unterschiedliche Richtungen

27 . Das Spektrum der Nutzungsideen reicht vom Museum bis zum Kultur-Café. 28

Ich notiere ins Forschungstagebuch: Nach meiner Einschätzung spiegeln die Überlegungen

von Sabine Kramer einerseits den Wunsch, bei der Weiterentwicklung des Hauses an die väterlichen

Wurzeln anzuknüpfen als auch Interessen des sozialen Umfeldes.

Für den Fortgang des Klärungsprozesses, so notiere ich es in meinem Forschungstagebuch,

erscheint die Wertschätzungsfrage ausgesprochen wichtig − Sabine Kramer betont mehrfach,

● ● ●

Sabine Kramer betont mehrfach, dass aus

ihrer Sicht der erste Entwicklungsschritt

die Würdigung sein müsse

● ● ●

dass aus ihrer Sicht der erste Entwicklungsschritt

für die Zukunft des Hauses

die Würdigung Peter Kramers und

seines „Schaffwerks“ sein müsse. 29

Auf dem Hintergrund der bisherigen

Hinweise auf die auch öffentliche Bedeutung

des Hauses in der Gönninger

Straße 112 frage ich mich, ob das Handeln der designierten Erbin, den Klärungsprozess im

lokalen öffentlichen Raum transparent zu machen, sich auch als Positionierung in einem öffentlichen

Ringen um Deutungshoheit zu verstehen ist – im Aushandlungsprozess angemessener

Antworten auf die Fragen: Was ist das Erbe, nach welchem Wertmaßstab wird es bewertet

und wie wird es demzufolge wertgeschätzt?

Wenn dem so ist, frage ich mich weiter, was kann dann auf diesem Hintergrund meine Aufgabe

als Aktionsforscher in diesem Prozess der Aushandlung von Wertschätzung zwischen

unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren sein? Mein Beitrag, so meine ich, sollte es vor

allem sein, die Kräfte erkennbarer zu machen, die Wertschätzung entstehen lassen oder verhindern.

Von diesen Kräften will ich mir, meiner Auftraggeberin und anderen an der Weiterentwicklung

des „Schaffwerks“ Interessierten ein Bild machen. Dadurch, so hoffe ich, könnten

Handlungsspielräume erkennbar und die Verwirklichungschancen von Zukunftswünschen

für das Haus wachsen.

Wer sind die bedeutsamen Akteurinnen und Akteure? Wessen Sichtweisen auf das „Schaffwerk“

sind demzufolge wichtig zu verstehen, wenn der Aspekt der Wertschätzung nun in den

Mittelpunkt unseres Aktionsforschungsvorhabens rückt – wenn es vor allem auch darum geht,

nachzuzeichnen wie Wertschätzung für das „Schaffwerk“ gemacht wurde oder wird? – Fragen,

wie diese leiten und bewegen mich zum und beim nächsten Schritt im Verlauf unseres

Klärungsprojektes.

4.2 Winter 2010 / 2011: Weiter auf Wertschätzung schauen

Januar

2011

Ein Vertiefungs- und Erweiterungsinterview

Ich schlage Sabine Kramer ein Interview mit Peters engem Freund, dem ehemaligen

Geschichtslehrer, vor. Kriterien für diese Entscheidung sind vor allem:

• Die persönliche Nähe des Interviewpartners zum Schaffer des „Schaffwerks“

lässt bedeutsame Informationen zur Rekonstruktion des subjektiven

Sinns erwarten, den Peter Kramer selbst in seinem Haus gesehen

hat.

27 Vgl. Feldforschungsnotizen vom 15.12.10, 21.12.10 und 31.12.10 sowie Blogeintrag Sabine Kramer 31.12.10

28 Vgl. Blogeintrag Sabine Kramer 31.12.10

29 Vgl. Feldforschungsnotizen vom 15.12.10, 21.12.10 und 31.12.10

20


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

• Auf Grund seiner Nähe zum „Schaffwerk“ in Verbindung mit seiner Position im sozialen

Raum, der das Haus umgibt, kann der Interviewpartner voraussichtlich wichtige

Hinweise über bedeutsame Akteurinnen und Akteure im Aushandlungsfeld unterschiedlicher

Sichtweisen und der damit jeweils verbundenen Wertschätzung geben.

• Der Interviewpartner ist vermutlich selbst ein bedeutsamer Akteur in diesem Feld. Aus

seiner Trauerrede wissen wir beispielsweise, dass er Peter als „künstlerischen Geist“

sah, der „scheinbar nutzlosen und leblosen Dingen (…) neues Leben“ zu geben vermochte

und dass er dies offenbar sehr schätzte.

• Das Interview ist für zukünftige soziokulturelle Aktionen im und um das „Schaffwerk“

aller Wahrscheinlichkeit nach hilfreich. So werden z. B. aller Voraussicht nach

vielversprechende Materialien für den entstehenden Film gesammelt und der Kreis potenzieller

Unterstützerinnen und Unterstützer für die Weiterentwicklung des Hauses

wird vielleicht erweitert bzw. gestärkt.

Sabine Kramer stimmt dem Vorgehen zu und vereinbart einen Interviewtermin.

Gemeinsam fahren wir am 27. Januar zum Haus des ehemaligen Geschichtslehrers.

Der knapp 70jährige Mann und seine Frau im etwa gleichen Alter – auch sie war früher Lehrerin

– geleiten uns in eine rustikal eingerichtete Stube. Während Sabine Kramer filmt, sprechen

der Mann und ich über Geschichte und Geschichten der Freundschaft mit Peter Kramer,

über sein Schaffen und viele andere Dinge rund um das „Schaffwerk“. Anfangs ist die Frau

nicht dabei, sie setzt sich allerdings nach einiger Zeit mit an den Tisch und beteiligt sich intensiv

am Gespräch, als es um das Thema Wertschätzung bzw. Geringschätzung geht − beispielsweise

als ihr Mann, der Geschichtslehrer gerade erzählt hat, dass manche Pfullingerinnen

und Pfullinger die Leistung nicht zu schätzen wussten, die Peter Kramer seiner Ansicht

nach dadurch erbrachte, dass er eine Wohlfühl-Atmosphäre für die Gemeinschaft herstellte.

Daraufhin meint die Frau: „I glaub, die Leut könnad do et so in die Tiefe geha, so wie´s da

Peter vermöga hot. (…) die Leut send

halt recht pragmatisch vorganga“. 30

Auf die Herstellung einer „in die Tiefe

gehenden“ Wohlfühl-Atmosphäre reagierten

also manche Pfullingerinnen

und Pfullingern offenbar mit viel

● ● ●

„die Pfullinger, die nur den praktischen

Nutzen gesehen haben, die haben halt

gesagt: Wie kann man auch…“

● ● ●

Wertschätzung, von anderen wurde sie aber eher geringgeschätzt – so halte ich es als Merksatz

in meinen Forschungsnotizen fest – und eine mögliche Erklärung von Geringschätzung

ist die eher pragmatische, nicht in die Tiefe gehende Sichtweise derjenigen, die solche Werturteile

abgeben. Gemessen am Wertmaßstab des Pragmatismus – so lautet eine noch zu erhärtende

These, die ich daraus ableitend niederschreibe – wurde und wird Peter Kramers

„Schaffwerk“ eher geringgeschätzt. Illustriert wird dieser Zusammenhang anschaulich durch

eine andere Passage des Interviews – der Freund schätzt die Wertschätzung der Pfullingerinnen

und Pfullinger für das Werk Peter Kramers in der Gönninger Straße 112 ein:

„Jo, ja. I moin, die, sag mol, die Pfullinger, wo nur da pragdischa Nutza gseah hen, die hen

halt gsagt: Wie kammer au so an Gruscht aufheba do. Also do, dia hend halt no ghetzt (…).

Aber, des war, hot am, war ihm eigentlich egal . Wo er amol sein Sinn gfonda hot, war, no

war ihm des egal.“

Für den ehemaligen Geschichtslehrer − so einer meiner Gedanken dazu − gibt es offenbar

noch einen anderen Nutzen als den praktischen. Aus seiner Sicht scheint Peters Werk in einem

anderen als dem praktischen Sinne nützlich zu sein.

30 Dieses und alle weiteren Zitate aus dem Interview stammen aus dem Videodokument 27.1.11

21


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Was ist der Sinn, von dem der Freund meint, dass Peter Kramer ihn im fortgeschrittenen Alter

gefunden habe und welcher ihm eine Erklärung dafür liefert, warum Peter die Geringschätzung

mancher Leute nach dem Gefühl seines Freundes nichts mehr ausgemacht hat?

Nach dem Eindruck des Geschichtslehrers hat Peter Kramer in seinen späten Jahren Kunst

machen wollen. Allerdings habe er sich selbst nicht als Künstler bezeichnet, dafür sei Peter

vielleicht zu bescheiden gewesen, meint der Freund. Seine Frau ergänzt ihn hier: „Na, i denk

er war au zu intelligent dadafür, weil viele nennad sich ja heut Künschtler.“

In dem Interview sprechen wir auch über den Kreis der Menschen, der Peter umgab - über

Leute, die ihn unterstützten, für die er wichtig war und die ihm wichtig waren.

Ich frage den Freund nach diesen Personen, schreibe sie auf Klebezettel, und wir kleben sie

gemeinsam auf ein großes Flipchart-Papier in dessen Mitte ich ein Symbol für Peter Kramer

gemalt hatte. Diese vorläufige Netzwerkkarte wird später um weitere Namen ergänzt − durch

Sabine Kramer und andere Menschen, die Informationen über das soziale Netzwerk von Peter

Kramer beitragen können,

Februar

2011

Wertmaßstäbe, Sinnzuschreibungen und Etikettierungen − Auswahl zentraler

Gesichtspunkte für das Verständnis von Wertschätzung

Auf ausgewählte Personen aus der vorläufigen Netzwerkkarte werden wir weiteren

Verlauf der Erkundungen zugehen, um weitere Interviews zu führen.

Dabei sollen sowohl Personen mit Perspektiven befragt werden, die denjenigen

des Geschichtslehrers und seiner Frau voraussichtlich ähneln, als auch solche,

die in einem möglichst großen Kontrast dazu stehen. Ziel und Leitkriterium für die Auswahl

ist die Klärung bzw. Erklärung von Zusammenhängen im Hinblick auf das Zustandekommen

von Wertschätzung für das „Schaffwerk“.

Wichtige Orientierungspunkte für die Auswahl weiterer Interviewpartner/innen, Interviewführungen

und die Auswertungen sind dabei angesichts der Klärungen und Erklärungen im bisherigen

Projektverlauf:

• Was wird weshalb geschätzt? Die jeweiligen Verständnisse davon, was allgemein

nützlich ist, was der Nutzen des „Schaffwerk“ ist und in Verbindung damit

• die jeweiligen Sinnzuschreibungen für das „Schaffwerk“ in der Gönninger Straße 112

• die jeweilige Etikettierung des „Schaffwerkschaffers“ (z.B. eher Künstler oder eher

Sonderling?)

Diese Forschungsgesichtspunkte will ich im weiteren Verlauf des Projektes in den Mittelpunkt

rücken – dies allerdings weiterhin mit einer grundsätzlich offenen Haltung für Entwicklungen

und Anforderungen, die sich auf der Ebene des soziokulturellen Handelns bzw. des

Verständigungsteils unseres Aktionsforschungsprojektes zeigen.

4.3 März 2011: Weiter vergleichbare Erfahrungen sammeln

7. März

2011

Interviews mit Mit-Schaffern

7. März 2011: Sabine Kramer und ich treffen uns an diesem Tag nacheinander zu

drei Interviews mit Männern, deren Gemeinsamkeit es ist, dass sie alle mit Peter

Kramer zusammen an seinem Haus bzw. an den Projekten dort gearbeitet haben.

Wie bei allen anderen Videointerviews liegt die Interviewführung in meiner

Hand, Peter Kramers Tochter bedient die Kamera und stellt teilweise ergänzende

Fragen. Als Ort haben wir für alle drei Gespräche das Haus in der Gönninger Straße 112

ausgewählt. Unter anderem versprechen wir uns von dieser Umgebung Anregungen für die

Erzählungen unserer Interviewgäste.

22


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Als wir uns um kurz vor 16:00 Uhr – für diesen Zeitpunkt haben wir uns mit dem ersten Interviewpartner

vereinbart – dem Anwesen nähern, sehen wir den etwa 60jährigen Mann, wie

er ums Haus geht und in die Fenster schaut. „Worom hend ihr me herbschdellt?“, fragt er

Sabine, als sie ihm die Hand gibt. Sie hatte ihm vor einiger

Zeit einen Zettel mit dem Interviewwunsch und

unserem Wunschtermin in den Briefkasten seiner Pfullinger

Wohnung geworfen, weil er telefonisch nicht zu

erreichen war. Der ausgebildete Elektriker hatte Peter

Kramer unter anderem bei der Verlegung von Stromleitungen

in seinem alten Bauernhaus geholfen, stand ihm

aber auch als Helfer für viele seiner Arbeitsprojekte zur Verfügung. Offenbar nicht zuletzt

auch, weil der Mann seit längerer Zeit erwerbslos ist, konnte er sich hier recht häufig einbringen.

Heute allerdings kommt unser Interviewpartner stark angetrunken zum verabredeten Termin,

sodass wir uns ohne Interview wieder voneinander verabschieden und er geht nach Hause –

Und dennoch ist er gekommen, denke ich, und er sagte: „Warum habt ihr mich herbestellt?“.

Auf mich wirkt das wie eine Unterordnung von ihm uns gegenüber. Könnte das auch auf bestimmtes

Hierarchieverhältnisses zwischen Sabine Kramers Vater und dem Mann hinweisen?

Sie bestätigt die Annahme, dass Peter ganz klar der Chef war, betont aber, dass ihr Vater seinen

Mit-Schaffer nicht ausgenützt habe.

Mich erinnert die Begebenheit daran, dass Peter Kramer schon mehrfach als jemand beschrieben

worden war, der in seinem Wirkungsbereich alleine bestimmt habe und sich offenbar

nicht dreinreden lassen wollte. Welche Rolle spielte der Machtaspekt bei der Herstellung von

Wertschätzung für sein „Schaffwerk“?

Unser nächster Interviewpartner, der rund 70jährige Bergwachtfreund von Peter Kramer − er

ist mir bereits von der Trauerfeier bekannt − sagt im Verlauf unseres Gespräches etwas, das

mir auf einen Zusammenhang von Macht und Wertschätzung zu verweisen scheint. Als ich

ihn frage, ob es Peter interessierte, was die Leute über ihn dachten, verneint er das und fügt

hinzu: „De Peter ischd über de Leid gschdanda 31 “, er sei niemandem unterlegen gewesen,

„en koiner Beziehung“ – niemandem unterlegen zu sein, also Macht zu haben, scheint also

eine Möglichkeit zu sein, sich von Werturteilungen Anderer unabhängig(er) zu machen.

Peter Kramers Bergwachtfreund ist in Pfullingen aufgewachsen und Maschinenschlosser von

Beruf. Peter Kramer hat er schon seit Jahrzehnten gekannt – „des goht weit zrick“, sagt er. Im

Interview erzählt er unter anderem, wie er mit Peter nach dem Kauf des alten Bauernhauses

das Dach in Ordnung brachte und er berichtet von Sammeltouren, wenn er mit Peter unterwegs

war und sie Hufeisen, alte Schlittenkufen, die alten Fenster vom „Mädlesschualhaus“

oder andere Dinge zur Weiterverarbeitung ins „Schaffwerk“ brachten. Dabei geschah das eine

oder andere auch heimlich. Ich notiere an den entsprechenden Gesprächsstellen den Begriff

„Männer-Abenteuer-Touren“ − Diese Unternehmungen mit Peter, von denen offenbar nicht

in jedem Fall alle zu wissen brauchten, hat der ehemalige Maschinenschlosser wohl geschätzt.

● ● ●

„Er hat immer geschaut, was dahinter steckt“

● ● ●

● ● ●

Welche Rolle spielte der

Machtaspekt?

● ● ●

Als ich ihn frage, was fehlt,

seit Peter Kramer nicht mehr

da ist, sagt er: „Do fählt äbbes.

Dr Peder fählt, no isch alles

gsagt.“ Dann fügt er aber doch

31 Dieses und die nachfolgenden Zitate aus dem Interview stammen aus dem Videointerview 7.3.11/1

23


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

noch etwas hinzu: Dass es immer interessant und nie langweilig gewesen sei − Peter Kramer

und wohl auch sein Haus, denke ich, wurden offenbar von manchen Pfullingern als Beitrag zu

einem interessanten Leben gesehen und geschätzt.

Der Interviewpartner beschreibt Peter Kramer vor allem als Sammler, betont darüber hinaus

aber auch dessen Handwerkeridentität und bringt in seinem Blick auf den Freund beide Aspekte

miteinander in Verbindung. Er sei „en dem Sinn eigentlich koin Sammler gwea“, weil

er ein Handwerker gewesen sei und „a Aug“ – ein Auge – gehabt habe für handwerkliche

Sachen. Er habe bei allen Dingen immer geschaut, wie sie gemacht wurden. In jedem Gegenstand

habe er das gesehen, „was dahender schteckt. Des isch koin Gruscht. Des hot ebber

macha missa.“ – Die Arbeit, die für die Herstellung notwendig war, wird hier als ein Kriterium

für Wertschätzung benannt, schreibe ich mir bei der Interviewdurchsicht als Merksatz

zum weiteren Nachdenken

auf.

Auf die Frage, ob sich

Peter selbst als Künstler

gesehen hat, antwortet

mein Gesprächspartner: „Do hat er sich nix rausgnomma.“ − Ich frage mich: Kann es

sein, dass der Schaffer des „Schaffwerks“ sich aus einem sozialen Umfeld herausgenommen

hätte, wenn er sich herausgenommen hätte, sich als Künstler zu geben?

Peters Freund fügt hinzu, dass, wenn einer ein künstlerisches Auge gehabt habe, er da schon

was habe erkennen können. Dann nennt er den Namen des Mannes, der die „Hommage à Peter

Kramer“ für eine Ausstellung in Pfullingen gefertigt hat – dieser nämlich habe das ja

schon gesehen. Ich denke: Ein „verborgener Künstler“ also war der „Schaffwerkschaffer“

offenbar und blieb es für manche auch und manch andere konnten ihn entdecken. Für den

weiteren Verlauf unseres Klärungsprojektes nehme ich mir vor, noch mit dem besagten Pfullinger

Künstler zu sprechen.

Der dritte „Mitschaffer“ von Peter Kramer,

den wir für den heutigen 7. März

eingeladen haben, ist ein etwa 40jähriger

Mann, der seit seinem Textildesign –

● ● ●

Künstler? „Da hat er sich nichts heraus genommen“

● ● ●

● ● ●

„Er war ein Künstler durch und durch“

● ● ●

Studium in Reutlingen wohnt. Beruflich ist er nicht als Textildesigner, sondern als Röntgenassistent

tätig. Kreativ arbeitet er eher während der Freizeit. Er baut aus alten Dingen ungewöhnliche

Fahrräder oder findet andere Wiederverwendungsmöglichkeiten für diese Dinge.

Vor rund 6 Jahren war der Mann in Kontakt mit Peter Kramer getreten, weil er sich für Dinge

rund um sein Haus interessierte. Seitdem hat er diesem immer wieder bei seinen Projekten

geholfen.

Er sagt, Peter Kramer und sein Werk habe er empfunden, als hätte dieser den vorbeikommenden

Leuten hinterhergerufen: „Hier habt ihr was zum Denken auf den Weg“. 32 Er schätzte

offenbar das Anregende an Peters Werk. Dieser sei vielleicht ein „verbindendes Element“ in

Pfullingen gewesen, meint er, allerdings „auf kontroverse Art und Weise“. Das Provozierende

− das Kontroverse − schätzte er offenbar besonders an Peter und seinem „Schaffwerk“: „des

find ich schpannend und des isch, was, was irgendwie fehlt in dieser blank polierten, glatt

geschliffenen, oberflächlichen Welt (…)“.

Mein Interviewpartner sieht Peter Kramer als „Künstler durch und durch“ wie er sagt, und

das „Schaffwerk“ sieht er als dessen „Lebenswerk“. Das Haus, meint er, sei „dem Peter seine

Werkstatt und sein Schrain“.

32 Dieses und die nachfolgenden Zitate aus dem Interview stammen aus dem Videodokument 7.3.11/2

24


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

11. März

2011

Zwischen „kreativ“ und „immer was los“ – Auf den Spuren von Wertschätzungskriterien

Ich will versuchen, die bisherigen Puzzleteile zu ordnen – welches Bild zeichnet

sich ab, welche Ähnlichkeiten oder Unterschiede zeigen sich beispielsweise

hinsichtlich der Arten und Weisen, das Werk von Peter Kramer zu sehen bzw.

zu bewerten? Ein Gespräch mit der Tochter, welches ich am 11. März führe,

soll hier zur weiteren Klärung beitragen.

Vor uns liegt das Plakat mit den Namen von Menschen, die aus Sicht der bisherigen Interviewpartner

wichtige Bezugspersonen von Peter Kramer waren. Sabine Kramer versucht, die

Klebezettel zu sortieren:

„Ich glaub, die, also Künstler, (…) oder die, die halt au selber bissle anders send wie die andere

Pfullinger (….), i glaub, dass die schon mein Vater anders gseah hend, als jetzt die

schwäbische Heimatfront.“ 33

Die Tochter benennt hier möglicherweise − so mein Gedanke – einen wichtigen Aspekt, der

vielleicht unterschiedliche Deutungen und Bewertungen des Schaffwerks zu erklären hilft. Sie

spricht einerseits über den Blickwinkel einer traditionsorientierten, lokalpatriotischen und von

ihr offenbar sehr massiv empfundenen Personengruppe – sie sagt „Front“. Davon unterscheidet

sie den Blickwinkel jener Personen, die wie ihr Vater dieser Pfullinger Kultur nicht entsprechen

– jener Heimatkultur, die von der Tochter als vorherrschend erlebt wird.

Die „Heimatleute“, glaubt Sabine Kramer, hätten in ihrem Vater zwar ein „Pfullinger Original“

gesehen, seine „kreative Seite“ sei ihnen aber eher suspekt gewesen.

● ● ●

„Ich denke, den meisten hat gefallen, dass mit

meinem Vater immer was los war“

● ● ●

Die Tochter sagt über die Sicht der Leute aus dem Pfullinger Heimatmilieu im Umkreis des

Vaters: „I denk, de meiste hat des gfalla, dass mit meim Vatter emmar was los war.“ – das ist

ein Aspekt, denke ich mir, den auch der Maschinenschlosser und Bergwachtfreund von Peter

Kramer betont hat. Er ist jener unter den bisherigen drei Interviewpartnern, der dem Heimatmilieu

am nächsten steht. Den künstlerischen Aspekt stellt er ebenso wie offenbar viele der

Trauergäste, bei seinen Ansichten auf das „Schaffwerk“ nicht in den Vordergrund. Ganz anders

der studierte Textildesigner,

der nicht

dem örtlichen bodenständigen

Heimatmilieu

entstammt.

Auf die Frage, was nach dem Tod ihres Vaters in Pfullingen fehlt, antwortet Sabine Kramer:

„Jemand, der die Leut aus ihrem Trott rausholt“. – Sie sieht ihn, denke ich, als jemanden, der

Menschen aus ihren gewohnten Bahnen geholt, vielleicht auch als jemanden, der Bahnen verändert

hat. Diesbezüglich gleichen sich die Ansichten der Tochter und des Textildesigners.

15. März

2011

Praktiker, gerne was los machen, traditionell – eine typische Begegnung

„Emmar a bissle an Scheiß gmachad“, 34

habe er mit dem Peter, sagt ein junger Pfullinger

– er ist wohl zwischen 20 und 30 Jahre

alt. Ich treffe ihn am 15. März 2011 im

„Schaffwerk“, als er Sabine Kramer dabei

hilft, einen großen und schweren alten Tresor vom früheren

Wohnhaus in das alte Bauernhaus zu transportieren.

● ● ●

„Mit dem Peter haben

wir immer ein bisschen

n ´Scheiß gemacht“

● ● ●

33 Dieses und die nachfolgenden Zitate aus dem Interview stammen aus dem Audiodokument 11.3.11

34 Videodokument 15.1.11

25


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Der Landmaschinenmechaniker ist mit dem Traktor gekommen und erzählt unter anderem,

dass er mit Peter Kramer zusammen immer wieder an dessen altem „Lanz“ - Schlepper geschraubt

habe. – Noch ein Pfullinger Schaffer beim „Schaffwerkschaffer“, ist mein Gedanke.

Auch er berichtet davon, wie lustig und interessant es mit diesem gewesen war.

Der junge Mann bewegt sich offenbar häufig im Umfeld des Pfullinger Brauchtumsvereins

und ist dort Mitglied. Um mir ein Bild zu machen, betrachte ich dessen Internetseite: Fotos

von einem Lastwagen aus dem Jahr 1956 und von Traktoren der Jahrgänge 1936 bis 1955. Ich

merke mir: Auch im Heimatmilieu ist man wohl nicht ausschließlich am praktischen Nutzen

orientiert. 35

4.4 April bis Juli 2011: Weiter nach dem Nutzen fragen

April

&

Mai 2011

Praktische Nutzungsfragen − Thematisierungen des Nutzens durch die

Tochter

Ende April zeigt mir Sabine Kramer eine Postkarte, die sie mit dem „Schaffwerk“

assoziiert. Auf der Karte sieht man viele ungeordnete Sachen und die

Worte: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ 36

Mitte Mai sagt sie in einem unserer Gespräche, dass sie Schwierigkeiten habe, Dinge aus dem

Haus wegzuwerfen oder zu verkaufen. Auch der Vater habe nie etwas verkauft. Außerdem

denke sie immer wieder, dass ihr Vater so lange für das Sammeln und Bearbeiten gebraucht

habe, da wolle sie die Sachen nicht so schnell weggeben.

Ich denke: Die Zeit, die sich der Vater für etwas genommen hat, scheint die Wertschätzung in

den Augen der Tochter zu begünstigen. Mir fällt in diesem Zusammenhang auf, dass zuvor

auch schon andere Befragte betont hatten, wie viel Mühe sich der Schaffer des „Schaffwerks“

gegeben und wie viel Zeit er sich genommen hat.

Im Zusammenhang mit der Frage „Wegwerfen oder behalten?“ stellt sich die Frage: Wofür ist

das gut, was ich behalte? Im Fall der Tochter scheint die Antwort auch mit der Würdigung

des Vaters zu tun zu haben.

Im Laufe der folgenden Monate vom Frühjahr bis zum

Sommer 2011 rückt in unserem Aktionsforschungsprojekt

die Frage „Wofür ist das gut?“ auch im Hinblick auf die

zukünftige Nutzung des Hauses mehr in den Vordergrund

als bisher.

Häufig tauschen Sabine Kramer, Menschen aus dem

● ● ●

„Ist das Kunst oder

kann das weg?“

● ● ●

Freundeskreis und ich uns in dieser Zeit über diese Fragen aus. Wir überlegen beispielsweise,

wie ein Kreis von Unterstützerinnen und Unterstützern für die (Weiter-)Entwicklung des

„Schaffwerks“ aufgebaut werden könnte. Auch Möglichkeiten der Finanzierung werden in

diesem Zusammenhang angesprochen. Die Frage „Wofür ist das gut?“ schwingt dabei immer

mit.

Auch bei unseren Erkundungen stellen wir vermehrt Fragen nach dem Nutzen und der Nützlichkeit.

35 Vgl.: http://www.brauchtumsverein-pfullingen.de (Abruf am 3. April 2011)

36 Videodokument 23.4.10.

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

30. Mai

2011

„Kommt drauf an, wie man das betrachtet“ – Nutzung und Nutzen in Straßeninterviews

Sabine Kramer und ich fahren gemeinsam in die Innenstadt von Pfullingen, um

dort in unserer gewohnten Rollenaufteilung Videointerviews auf der Straße

durchzuführen. Ich zeige den jeweiligen Passantinnen oder Passanten einen Zeitungsartikel

mit einem Foto des Hauses von Peter Kramer, dann frage ich, ob sie

das „Schaffwerk“ kennen. Diejenigen, die es kennen, frage ich dann weiter, was sie mit einem

solchen Erbe machen würden. In diesem Zusammenhang thematisieren die Befragten unterschiedliche

Nutzungs- und Nutzenvorstellungen – u. a.:

• Ein Postbote mittleren Alters, meint, dass das ein Haus sei „für manche scho sehenswert.

Kommt drauf an, wie mar des betrachtet, gell.“. 37 Er erläutert, das Haus sei aus

seiner Sicht beispielsweise nichts für jüngere Leute, die voll im Berufsleben stehen.

• Ein Läufer im Sportdress – auch er ist wohl so um die 40. Noch etwas außer Atem,

sagt er: „Wenn i Tochter wär, würd i auf jeden Fall einziehn“. Zur Begründung führt

er an: „Um die Erinnerung an den Vater zu erhalten und die ganzen Geschichten auch

zu erhalten und seine Ausstellung“. Auf meine Nachfrage nach den Geschichten meint

er: „Die man sich in Pfullingen halt so erzählt“. Peter Kramer sei ein „lebensbejahender“

und „lustiger“ und „merkwürdiger“ Mann gewesen – merkwürdig, weil einerseits

„extrovertiert“ und andererseits habe er nicht „jeden an sich ranglassen“.

• Ein Mann, der in einem ähnlichen Alter wie der Läufer sein dürfte, sitzt an einem Cafetisch

– er erweist sich als zugezogener Ingenieur und Handwerker − sagt, daraus

könne man gut ein „privates Museum machen“ und alte Handwerksutensilien ausstellen.

Daran könnte aus seiner Sicht der Bürgermeister Interesse haben, weil das den

Tourismus fördere.

• Noch ein Mann auf dem Marktplatz. Er geht wohl auf die 60 zu. Das Haus sei „geschichtsträchtig“,

sagt er. Er sieht das Ganze als eine „Liebhaberei“ und „Spielerei“.

• Ein etwa 14jähriger Jugendlicher. Nachdem ich ihn am Dönerstand anspreche, erzählt

er, dass er Peter Kramer manchmal bei der Arbeit geholfen habe. An dessen Haus kam

er vorbei, wenn er zum Fußballplatz ging. Er sagt, aus dem Haus könne man ein Jugendhaus

machen − so etwas brauche man hier. Dann ergänzt er noch: „Museum wär

gut“. Dabei bezieht er sich auf das, was der Schaffer selbst aus seiner Sicht mit dem

Haus wollte: „Er wollte ja n´ Museum machen, hat er mir gesagt.“

• Eine Frau, im Alter wohl zwischen 60 und 70. Sie sagt auf die Frage, was man mit

dem Haus machen solle: „I glaub, do kann i ihne kein Radschlag gäba, weil ich net so

sehr für solche alte Dinge bin“. Als ich sie bitte, das Haus in 30 Sekunden zu beschreiben,

erklärt sie, es sei ein Haus, das eigentlich gar nicht mehr in die heutige Zeit

passe. Im weiteren Verlauf des Gespräches äußert sie die Einschätzung, Peter Kramer

habe auf die Wurzeln des Menschen aufmerksam machen wollen und dass er habe

auch aufrütteln wollen. Schließlich bemerkt sie, dass

unsere Gesellschaft „a Anpassgesellschaft“ geworden

sei. Peter Kramer dagegen, meint die Frau, sei

anders gewesen. Am Ende des Kurzinterviews

macht sie deutlich, dass sie es schätzt, wenn nicht

● ● ●

„Nicht so 0815“

● ● ●

37 Dieses und die folgenden Straßeninterviews stammen aus dem Videodokument 30.5.11./2

27


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

alle so angepasst – „net so 0815“ – sind. Erst dadurch werde die Gesellschaft bunt.

Zwei sich unterscheidende Begründungsmuster zum Nutzen des „Schaffwerks“ fallen mir in

der Zusammenschau der zuletzt genannten Äußerungen mit früheren Gesprächen auf:

1. Der Nutzen wird auf dem unmittelbaren Sinn und Zweck für spezifische Nutzer/innen

wie den Verstorbenen selbst oder auch beispielsweise Jugendliche, Tourist/innen,

Liebhaber/innen der lokalen Geschichte etc. begründet. Teilweise gehen die jeweiligen

Sprecherinnen oder Sprecher auch vom unmittelbaren Nutzen für sie selbst aus.

2. Der Nutzen wird auf der allgemeinen Bedeutung des „Schaffwerks“ für das Gemeinwesen

begründet − weil man so etwas in der (lokalen) Gesellschaft brauche.

Diese unterschiedlichen Nutzenbegründungen schließen sich gegenseitig nicht aus, sondern

werden von den Interviewten oft – allerdings je nach deren Blickwinkel auf das „Schaffwerk“

in unterschiedlicher Gewichtung − miteinander kombiniert.

Unter anderem den Begründungen des „Schaffwerk“-Nutzens gehe ich mit zwei weiteren Interviews

nach, die wir im Juni und Juli 2011 führen.

Juni

&

Juli 2011

Interviews mit einem Künstler und einer Sammlerin

Am 27. Juni 2011 treffen wir im „Schaffwerk“ den Macher der „Hommage à

Peter Kramer“. Er ist 60 Jahre alt, war früher Lehrer und ist seit 10 Jahren vollberuflich

als freischaffender Künstler tätig. In Pfullingen wohnt er seit rund 30

Jahren. Über seine erste Begegnung mit Peter Kramer sagt er, das sei vor etwa

20 Jahren gewesen, als er selbst als Fakir im Musikerheim aufgetreten sei und

Peter ihn angesprochen habe. 38

Der Künstler macht deutlich, dass er das Schaffen Peter Kramers in dessen späten Jahren für

das eines Künstlers hält. Er vergleicht ihn mit Gustav Mesmer, dem „Ikarus vom Lautertal“,

der dort, auf der Schwäbischen Alb Flugräder aus Schrott baute, für verrückt erklärt und dann

doch am Ende seines Lebens durch Ausstellungen als Künstler geehrt wurde. Auch Peter

Kramer war für meinen Interviewpartner ein Künstler, den es zu entdecken galt. Eine Stadt

wie Pfullingen tue sich schwer, „wenn des so Leut sen, die oifach so a Parallelläba führad

ond net so als anerkannte Künschtler irgendwie geldad oder erscht mr des rausgriega muss,

dass des irgendwo a Schtück Gesamtkunschtwerk isch“.

Meine Annahme erhärtet sich, so halte ich es in meinem Forschungstagebuch fest, dass der

Pfullinger Künstler es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Wert des „Schaffwerks“ als „Gesamtkunstwerk“

in den Vordergrund zu rücken bzw. es als Kunstwerk zu erklären und damit

auch den Wert einer bestimmten Art von Kunst. Es ist eine Art von „Gesamtkunst“, die kulturelle

und soziale Aspekte gezielt miteinander verbindet – Soziokultur würde ich das nennen.

Mein Interviewpartner scheint anzunehmen, dass eine solche Art von Kulturbeiträgen einen

großen Nutzen für das soziale Umfeld des „Schaffwerks“ hatten und er wünscht sich diese Art

von Nutzen auch in Zukunft – das zeigt unter anderem seine Antwort auf meine Frage, was er

mit diesem Erbe machen würde:

„Also i denk, so diese Nutzung als kulturelle Einrichtung in irgendeiner Form, wo sich Menschen

treffen und unterhalten und Kultur machen und vielleicht auch schaffen, wie dar Nome

jo so schö ausgsucht worda isch, des isch sicher in seim Sinn, so was weiter zu entwickla“.

Ich frage nach, wer denn so etwas brauche in Pfullingen. Daraufhin verweist er auf einen Aspekt,

der ihm ein besonderes Anliegen zu sein scheint und den ich „milieuübergreifende Begegnungskultur“

nennen möchte. Er führt diesen Nutzenaspekt in unserem Gespräch mit folgenden

Worten ein: „Was ich hoch indressant fend, dass sich au hier sehr verschiedne Leut

38 Diese Angaben und alle nachfolgenden Zitate stammen aus dem Videodokument 27.6.11

28


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

droffa hen“. Dann skizziert er beispielhaft unterschiedliche Gruppierungen, die aus seiner

Sicht im Haus von Peter Kramer und durch sein „Schaffwerk“ zusammengekommen sind:

• Leute, die vom Handwerklichen her − „jetzt rein vom Handwerklicha“ gekommen seien

bzw. Kollegen von Peter Kramer waren

• „die Kreise der Höhlenforscher“ oder, wie er auch sagt: Leut, so aus der Fachwelt eines

Faches, mit sich der „Schaffer“ beschäftigt hat

• „dann sicher au oifach Leut, die künschtlerisch erkennad, was des isch“

• „dann au von dr Bergwacht“

Der Pfullinger Künstler betont, dass Peter Kramer zu unterschiedlichen Menschen und Kreisen

und Themen „a Offaheit ghabt hat“. Für das Haus fände er es wünschenswert, „wenn mar

des in dem Sinn weiter beläba kann“.

Ich merke auf und notiere mir: Zwar deutet, wie ich mittlerweile weiß, vieles darauf hin, dass

● ● ●

„Was ich hoch interessant finde:

Dass sich hier sehr verschiedene

Leute getroffen haben

● ● ●

sich die unterschiedlichen Menschen aus unterschiedlichen

Gruppierungen bzw. Milieus tatsächlich

oft nicht gleichzeitig im Haus von Peter Kramer

aufgehalten haben, sondern oft eher unterschiedliche

Gruppierungen zu unterschiedlichen

Anlässen gekommen sind. Wichtiger als die Frage

des tatsächlichen milieuübergreifenden Zusammenseins

zu Peter Kramers Lebzeiten erscheint es mir im Hinblick auf Frage- und Zielstellung

unseres Aktionsforschungsprojektes allerdings, dass der Pfullinger Künstler diesen Aspekt

offenbar am „Schaffwerk“ sehr geschätzt hat, dieser von ihm wahrgenommene Nutzen

ihm im Hinblick auf die zukünftige Nutzung des Hauses offenbar besonders wertvoll bzw.

„nützlich“ erscheint.

Beachtenswert ist auch, dass der Interviewpartner sich im Gespräch sehr positiv auf bisherige

Überlegungen der Tochter zur späteren Nutzung des Schaffwerks als möglichem Begegnungs-

und Anregungsort bezieht – Überlegungen, die teilweise auch auf Impulse von mir

zurückgehen und auf der Leitidee einer Notwendigkeit solcher Orte für milieuübergreifende

Gemeinwesenentwicklung basieren. Dass der Pfullinger Künstler im Erbe Peter Kramers Potenziale

für die Inszenierung milieuübergreifender Aktivitäten zu sehen scheint, könnte auf

entsprechende Handlungsspielräume für die Zukunft des Hauses deuten.

Unser Interviewgast stellt im Verlauf des Gespräches mehrfach Verbindungen zwischen Nutzungsvorstellungen

für das Erbe und seinen eigenen Interessen und einschlägigen Erfahrungen

mit Aktivitäten in Pfullingen her. Er erzählt, dass er mit anderen Bürgerinnen und Bürgern

1995 einen Initiativkreis für ein Kulturhaus in Pfullingen gegründet habe, der es sich

zum Ziel gesetzt habe, Leute bzw. Kulturen zusammenzubringen, „die sonscht so in ihrm

Gsangsverein ond ihn ihrer Rockgruppe völlig unabhängig vonanander läbad“.

Dann berichtet er von einer Ausstellung, die sein Initiativkreis im Brecht-Jubiläumsjahr organisiert

hatte. Leute aus Pfullingen stellten dabei aus, was sie gerne machen und gut können –

„Do hat der eine Wetterbeobachtunga gmacht, dar andere war an Tüflter. Ond so diese Leute

zamma zu bringa, oifach, wo mar zeigt: S´ gibt viel mehr, als des was emmer so im Großen

und im Offiziellen eifach verbreided wird“. Ein zentrales Ziel unseres Interviewpartners ist es,

das macht er im Laufe des Gespräches sehr deutlich, dass die Kompetenzen der Pfullinger

Bürgerinnen und Bürger viel mehr als in seinen Augen bisher geschehen zur Entwicklung

eines lebendigen Gemeinwesens genutzt werden. Die Stadtverwaltung solle, sagt er, mit der

Haltung „gemeinsam geht´s besser“ das Wissen der Bürgerinnen und Bürger „anzapfa“, sagt

er beispielsweise. − Ich merke mir: Für diesen Mann ist das „Schaffwerk“ nicht zuletzt auch

nützlich als vergangenes Beispiel und als zukünftige Möglichkeit für Bürgerengagement.

29


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

● ● ●

„Dass die Zeit irgendwo ein

bisschen mehr wert hat“

● ● ●

Weit weniger optimistisch im Hinblick auf die Zukunftsfähigkeit des von ihr wahrgenommenen

„Schaffwerk-Nutzens“ ist die vorerst letzte Interviewpartnerin unseres Aktionsforschungsfilmprojektes.

Wir treffen die Frau mittleren Alters am 27. Juli 2011 im Haus an der Gönninger Straße. Sie

Frau wohnt in einem kleinen Ort auf der Schwäbischen Alb, versorgt dort Pferde und ist eine

leidenschaftliche Sammlerin alter Dinge. Peter Kramer lernte sie dreieinhalb Jahre vor seinem

Tod bei der Fasnet in einer Kleinstadt auf der Alb kennen. Er hatte sie in der Wirtschaft angesprochen.

39 Ochsenmaulsalat habe er damals für sie vom Teller eines anderen geklaut, erzählt

die Sammlerin. So waren sie ins Gespräch gekommen und hatten sich dann immer mal wieder

getroffen – bei der „Köhlerplatte“, beim Holzkohlemachen im Wald auf der Alb beispielsweise,

wo Peter mit seinem Freund, dem Geschichtslehrer gewesen war.

„Ond was endressiert Sie an der Köhlerei?“, frage ich. „Ja, des isch oifach a Handwerk“,

sagt sie, „wo d´ Zeit irgendwo still stoht. Ond des ghört jo zo allem a bissle, au zo dene alde

Sacha“. – Eine Verbindung, denke ich, zwischen der dem alten Handwerk des Holzkohlemachens

und den alten Dingen, die sie selbst sammelte und die Peter Kramer sammelte und verarbeitete.

Ich frage weiter nach und erfahre, dass sie dort beim Kohlemeiler „a ganz beschtimmte

Atmosphäre“ empfinde. Sie erzählt, dass man dort viel lache und sie sagt: „jeder

war dort irgendwie gleich“, ob „Landtagsabgeordneter“, „Professor“ oder „Bauer“. Sie

schätzt es, dass dort aus ihrer Sicht sonstige Grenzen zwischen gesellschaftlichen Gruppierungen

keine Rolle spielen und mich erinnert dieser Aspekt an das Thema milieuübergreifende

Begegnung im Gespräch mit dem Pfullinger Künstler

− und nicht nur mit ihm, sondern auch mit anderen

Leuten − über das „Schaffwerk“.

Ich frage die Sammlerin, was denn aus ihrer Sicht das

Verwandte sei zwischen der „Köhlerplatte“, dem Platz

wo die Köhler Holzkohle machen und dem „Schaffwerk“.

Sie antwortet: „Ja, dass mr erschtens des, des

Alte schätzt ond dass mr oifach au die Geschichte zo dem Teil emmer sieht“. Das Gemeinsame

sei vielleicht, fügt sie etwas später hinzu, „dass die Zeit do irgendwo a bissle mehr wert

hot“. Beim Köhler und bei Peter Kramers „Schaffwerk“, notiere ich, schätzen eine Reihe von

Leuten vielleicht, dass dies aus ihrer Sicht „Auszeiträume“ sind − Rückzugsräume von moderner

Schnelllebigkeit und der damit verbundenen Entwertung der Zeit. Diesbezüglich finde

ich viele Ähnlichkeiten in den Aufzeichnungen der Gespräche und Erlebnisse rund um das

„Schaffwerk“.

Ein zentraler Unterschied im Blick der Menschen aus dem Umfeld des „Schaffwerks“ auf

diese „Auszeiträume“ scheint mir jedoch zu sein, dass sie von manchen, wie auch der Sammlerin

von der Alb, vor allem als Nachklang vergangener Zeiten betrachtet werden.

Andere, wie der Pfullinger Künstler, streben nach soziokulturellen „Auszeiträumen“ als Teil

auch einer modernisierten Gesellschaft.

Unsere Pferde liebhabende und alte Gegenstände sammelnde Interviewpartnerin betont im

Verlauf des Gespräches immer wieder, dass solche Gegenstände aus ihrer Sicht Erinnerungen

bergen und wachrufen können:

„Des mit dene Geschichta zo dene Teil, des isch nicht zo onderschätza, weil do ka mr auch en

ra ruhiga Schtond durchgeha ond no guckt mar sich´s oine oder s´andre an ond mit der Geschichte

kommt oim jo manches Ereignis, was, wie´s war oder, des isch so a In-Sich-Neiläba

irgendwie, wenn mr do so durchgeht“.

39 Diese und alle nachfolgenden Angaben und Zitate aus dem Interview stammen aus dem Videodokument 27.7.11

30


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

In dieser Weise betrachtet sie auch das „Schaffwerk“. Sie schätzt das Werk von Peter Kramer

vor allem auch als Sammlung von Erinnerungen. Dabei betont sie besonders, dass dieser seine

Sammlung gut gepflegt habe und sie äußert sich sehr anerkennend darüber, dass Peter in dieser

Fülle von Dingen trotzdem eine ausgeprägte Ordnung gehabt habe. Ordnung ist offenbar

ein wichtiger Aspekt, den sie am „Schaffwerk“ und seinem Schaffer schätzt und auch, dass

die Dinge dort sauber gehalten wurden. – Sie erzählt: „Wie i mit ihm durchglaufa ben, hand i

gsagt: Aah. Ond, ond des war au gar net schtaubig ond verkomma oder dreckig“.

Ordnung, Sauberkeit und die Pflege von Erinnerungen – schreibe ich in mein Forschungstagebuch

– sind Werte, die auf dem Wertmaßstab des konservativen Milieus weit oben stehen.

Eine anders gewichtete Werteordnung scheint mir unseren vorhergehenden Interviewpartner

zu leiten.

Auch er misst dem sorgsamen Umgang mit Geschichten und Geschichte einen hohen Stellenwert

bei – er beklagt in unserem Gespräch, dass die Stadt Pfullingen aus seiner Sicht mit

ihrer Geschichte nicht angemessen umgehe. Allerdings geht es ihm dabei offensichtlich auch

darum, das Alte mit dem Neuen zu verbinden – nicht nur, wenn es um das „Schaffwerk“ geht.

– Am Ende des Interviews berichtet er von seinen Überlegungen, die alte Straßenbahn, die

früher in Pfullingen hielt und schon lange stillgelegt ist, zu reaktivieren und als Museumsbahn

in die Planungen für eine neue Regionalbahn einzubinden, die hier im Moment im Gange sind

und sich bereits in einem fortgeschrittenen Stadium befinden: „Ja, es wird eine Regionalbahn

gebaut ond en die könnt mr Museumsbahna integriera.

Mir henn a Schtroßaboh, die könnt von hier noch

Honau fahra. Des könnt mr verbinda, en Schtuttgart

hen se des au gmacht.“.

Der Pfullinger Künstler bringt Vorschläge wie diesen

in die öffentliche Diskussion zur Weiterentwicklung

des Gemeinwesens ein – bislang nach seiner Einschätzung

mit relativ wenig Erfolg. Er sieht, denke ich, auch

das „Schaffwerk“ nicht ausschließlich als persönliches

Projekt von Peter Kramer, sondern für ihn ist das auch

● ● ●

Er sieht, denke ich, das

„Schaffwerk“ nicht ausschließlich

als persönliches

Projekt von Peter Kramer

● ● ●

ein Werk mit Bedeutung für das Gemeinwesen – als Gesamtkunstwerk, aber auch als Teil

seiner „Soziokulturpolitik“, wie ich das nenne.

Ganz anders die Sammlerin. Als ich sie nach der Bedeutung des Hauses für Pfullingen frage,

antwortet sie: „Also in dem Haus sieht mar da Peter, würd i oifach saga“. Sie betont mehrfach

dass ich das Haus eigentlich nur im Zusammenhang mit dem Sinn verstehen könne, den

das „Schaffwerk“ für Peter Kramer gemacht habe. Leuten, die Peter Kramer nicht gekannt

haben, sage das ihrer Meinung nach nichts. Demzufolge zeigt sie sich auch ausgesprochen

pessimistisch, als es um die Zukunft des Hauses geht. Unsere Gesprächspartnerin macht deutlich,

dass sie keine Aussichten zur Erhaltung oder Weiterentwicklung des „Schaffwerks“ sehe,

„wenn die Leut wegschtärbad, die da Peter kennad“.

Für die Sammlerin, wie wohl auch für Peters Freund von der Bergwacht und – wie es mir

scheint – für eine Reihe anderer Leute aus dem eher konservativ bodenständigen Teil von

Peter Kramers persönlichem Umfeld ist das „Schaffwerk“ offensichtlich ausschließlich an die

persönliche Biografie von Peter Kramer gebunden – als „Lebenswerk vom Peter“, wie es die

Sammlerin formuliert, die dann noch hinzufügt: „Also, vielleicht schpiegelt´s au a bissle sei

Läba“.

31


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

4.5 Sommer 2011: Weiter über Identität nachdenken

Das Haus als Spiegel seines Lebens? − In wie weit ist das „Schaffwerk“ Ausdruck der persönlichen

Lebensthemen des „Schaffwerkschaffers“? Während ich diese Frage in mein Forschungstagebuch

notiere, kommt mir die Bezeichnung „Identitätsprojekt“ in den Sinn. Ich

frage mich, ob man das „Schaffwerk“ als Ausdruck der persönlichen Identität von Peter Kramer

verstehen kann und in wieweit es ein Mittel der Identitätsbildung war oder vielleicht noch

ist.

Ich spreche Sabine Kramer auf diesen Aspekt an. Sie findet den Gedanken anregend und passend

– für das Haus, das Schaffen ihres Vaters, aber auch für sich selbst. Es gehe ihr auch

darum, ihre eigene Identität im Umgang mit dem prägenden Erbe des Vaters weiter zu entwickeln.

Im Laufe des Sommers 2011 versuche ich, die bisherigen Erfahrungen und Erkenntnisse in

unserem Aktionsforschungsprojekt mit Hilfe der „Identitätsbrille“ zu betrachten und finde

eine Reihe von Hinweisen. Beim Literaturstudium finde ich Anregungen zu möglichen Zusammenhängen

von Wertschätzung, persönlichem Sinn, kollektiver Bedeutung und Identität.

In den erhobenen Daten finde ich weitere

Hinweise, die es erlauben, das

„Schaffwerk“ als persönliches Identitätsprojekt

zu verstehen, aber auch

Hinweise, die über das Persönliche hinausweisen.

– Ein vor einigen Jahren

erschienener Zeitungsartikel über Peter

Kramers Haus beispielsweise verfestigt

die Annahme vom persönlichen Identitätsprojekt,

weil dort der geschmiedete

● ● ●

Vielleicht geht es ja bei diesem Haus

um Peter Kramer, Pfullingen und die

Welt, schreibe ich auf, und versuche die

unterschiedlichen Sichtweisen noch

weiter zu ordnen

● ● ●

Zaun am Haus als Symbolisierung seines Lebens gedeutet wird. Diese Deutung entspricht der

Interpretation der Tochter, die mir bekannt ist. Der Pfullinger Künstler hingegen berichtet, die

Symbole stünden nach seinem Wissen für Peter Kramers Erklärung der Welt.

Vielleicht geht es ja bei diesem Haus um Peter Kramer, Pfullingen und die Welt, schreibe ich

auf und versuche die unterschiedlichen Sichtweisen noch weiter zu ordnen und in einen plausiblen

Zusammenhang zu stellen – um erklärende und klärende „Geschichten“ von den Zusammenhängen

zu erzählen. Solche „Geschichten“ als Zusammenschau der vorläufigen Ergebnisse

unseres Aktionsforschungsprojektes will ich im Folgenden versuchen. Ausgewählte

Aspekte dieser Ergebnisse wiederum, so vereinbare ich es mit Sabine Kramer, sollen dann

später im Rahmen einer Kulturveranstaltung im „Schaffwerk“ in Form eines Hausrundgangs

mit Installationen, Filmausschnitten, Zitaten und manchem mehr dem Umfeld vor Ort präsentiert

werden. Ziel ist dabei der weitere und erweiternde Austausch über das Haus, Peter Kramer,

die lokale Welt – über Wertschätzung, persönlichen Sinn, kollektive Bedeutung und

nicht zuletzt über Fragen der Identität. Auf dem Dach des Hauses wird dann, so schlägt es

Sabine Kramer vor, ein großes Transparent befestigt. Darauf soll stehen: Ist das Kunst oder

kann das weg?

32


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

5 Ergebnisse: Klärende Geschichte(n) über Wertschätzung, Sinn

und Bedeutung

5.1 Die Geschichte vom „Schaffwerk“ als Geschichte vom Menschen

Ich: „Wenn Sie in 30 Sekunda äbar saga müßdad, wo fremd isch, was des für a Haus isch,

was dädad Sie saga?“

Passantin: „Was würd ich do saga? Es passt eigentlich gar net so richtig mehr in die heutige

Zeit, so wie mr heut läbt, so will jo niemand mehr wohna. Aber s´ isch was Besonderes, er

war, er war a Original natürlich.“ 40

So, wie im Gespräch vor der Konditorei war es fast immer, wenn wir im Verlauf unseres Erkundungs-

und Klärungsprojektes in Pfullingen gefragt haben: Was ist das? – Wenn wir versuchten,

das „Schaffwerk“ von Peter Kramer zu verstehen, dann wurde scheinbar selbstverständlich

der Nutzen bzw. die Nutzung des Hauses thematisiert, in Verbindung damit die

Wertschätzung und die Person Peter Kramer wurde in den Mittelpunkt gerückt.

Die Geschichte unserer Klärung der Sicht auf das „Schaffwerk ist deshalb eine personenzentrierte

Geschichte, die sich um den Schaffer des „Schaffwerks“ dreht. Ausgehend von der

Frage nach dem Haus in der Gönninger Straße 112 entfaltet sich in dieser Geschichte ein Bild

von Peter Kramer. Dieses Bild entsteht durch die Zusammenschau unterschiedlicher Sichtweisen

von Menschen aus dem Umfeld und so reflektiert dieses Bild vom „Schaffwerk“ und

von seinem Schaffer deren Wahrnehmungen.

„Also gut, für viele isch des scho sehr sehenswert, gell. Kommt druf an, ja, wie mr des bedrachded,

gell“ 41 – der Postbote bringt es im Straßeninterview auf den Punkt: Es kommt auf

den Blickwinkel an, auf den Standpunkt der Betrachterin oder des Betrachters, welche Wertschätzung

man dem „Schaffwerk“ von Peter Kramer jeweils zu Teil werden ließ bzw. lässt.

Im Wechselspiel von Fragen und Antworten unseres Aktionsforschungsprojektes verbanden

sowohl die Befragten als auch wir Fragenden die Wahrnehmung der Dinge in der Gönninger

Straße 112 eng mit dem Menschen dort, den Menschen darum herum und mit deren Wertschätzung

für dieses „Schaffwerk“.

Das sich im Folgenden entfaltende Bild zeichnet nach, inwieweit und wofür das Schaffwerk“

und der Schaffer von wem wertgeschätzt wurde bzw. wird. Es erzählt von unterschiedlichen

Maßen der Wertschätzung und von den Arten und Weisen ihrer Herstellung.

5.2 Wechselwirkungen – über die Konstruktion von Wertschätzung

5.2.1 Dimension − mehr oder weniger Wertschätzung wird erkennbar

„Geguckt hat sicher jeder“ − Hohe Aufmerksamkeit für das „Schaffwerk“

Die Passantin vor der Konditorei meinte beim Straßeninterview: „Also, guckt hot sicher jeder“.

42 Auch wenn sich das so nicht ganz bestätigen lässt − wir trafen vereinzelt auch Leute

aus Pfullingen, die das Haus nicht kannten – und wenn wir auch nichts über die Zahl derer

sagen können, die wirklich hinschauten: In der Zusammenschau aller während unserer Erkundungen

gesammelten Erfahrungen komme ich zu dem Schluss, dass das Haus die Aufmerk-

40 Videodokument 30.5.11

41 Ebd.

42 Ebd.

33


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

samkeit vieler Menschen in der Kleinstadt auf sich zog. Man könne ja davon halten, was man

wolle, aber wegschauen könne man nicht, hörte ich mehrfach.

„Was ist auch das für einer?“ − Geteilte Anerkennung für das „Schaffwerk“

„Dr oine hat vielleicht gsagt: Ja, was isch au des für oiner? Ond dr ander hot gsagt: Ha, der

schticht jetzt au mol ab aus am Normala“ 43 – die Passantin vor der Konditorei in Pfullingen

spricht hier, wie es fast alle unsere Befragten taten, die geteilte Anerkennung für Peter Kramer

und sein „Schaffwerk“ an. Es gab in Peters Heimatstadt offenbar Leute, die sein ungewöhnliches

Schaffen ausgesprochen skeptisch betrachteten und auch solche, die dabei wohl

so weit gingen, ihn für verrückt zu erklären – dies lässt beispielsweise der Pfullinger Künstler

in unserem Interview erkennen. Der Geschichtslehrer berichtet über Leute, die gegen Peter

„gehetzt“ hätten. 44 In jedem unserer längeren Gespräche thematisierten unsere Gesprächspartnerinnen

und Gesprächspartner, dass nicht jeder und jede gut fand, was Peter Kramer geschaffen

hat. Dass sein Werk sowohl Zuspruch als auch Ablehnung provoziert habe, ist eine gemeinsame

Erzählung der Befragten.

Wer genau die Leute sind, die dem „Schaffwerk“ ihre Anerkennung versagten, blieb bei unserem

Projekt im Dunkeln und wir haben diesbezüglich auch nicht nach Antworten gesucht. Die

von uns Befragten sprachen wenig und sichtlich ungern von der Geringschätzung anderer,

viel und offenbar gern dagegen über ihre Wertschätzung für Peter Kramer und sein Werk.

Zu verstehen, was diese Wertschätzung jeweils ausmacht, wie sie zu Stande kam, wie wir

vielleicht etwas davon für die Zukunft des Hauses lernen können – dies zu verstehen, interessierte

uns mit zunehmender Projektdauer immer mehr.

Wenn diejenigen, die das „Schaffwerk“ sehr schätzen über diejenigen sprachen, die es wenig

schätzen, dann gaben sie uns damit gewiss auch wichtige Hinweise, um die Geringschätzung

zu verstehen.

Wenn wir erfuhren, dass diejenigen, die vor allem „den praktischen Nutzen“ sehen, nichts mit

dem Haus anfangen können, dann wurde klarer, dass bestimmte Nutzenorientierungen in engem

Zusammenhang mit mehr oder weniger Wertschätzung stehen. Wir erfuhren aber auch

im Umkehrschluss etwas darüber, dass derjenige der uns darauf aufmerksam machte – in diesem

Fall der Geschichtslehrer – noch etwas anderes als den praktischen Nutzen schätzt.

Wenn die Tochter und andere Befragte über die „Humorlosigkeit“ der Geringschätzenden

sprach, 45 dann erfuhren wir dabei auch, dass der Humor ein Aspekt ist, den sie selbst an Peter

und seinem „Schaffwerk“ schätzen. Wir können nach der Zusammenschau unserer Interviews

auch die Vermutung anstellen, dass andere als die Befragten durch Leben und Werk Peter

Kramers verunsichert wurden, dass sie das nicht wollten und deshalb mit Geringschätzung

antworteten. Vor allem interessiert mich als Forschenden mit bestimmten Handlungsinteressen

aber, dass einige unserer Befragten genau diese Verunsicherung zu schätzen wussten, die

das „Schaffwerk“ aus ihrer Sicht auslöste, dass dies offenbar als nützlicher Beitrag zu wünschenswerten

Entwicklungsprozessen in Pfullingen gesehen wird und dass man daran bei der

Weiterentwicklung des „Schaffwerks“ anknüpfen könnte.

Austauschbar oder unschätzbar? − Zeichen für mehr oder weniger Wertschätzung

Als Zeichen der Geringschätzung deuteten es die Befragten, wenn Peter Kramer verbal abgewertet

bzw. ausgegrenzt wurde, wenn „gemotzt“ wurde oder „gehetzt“, wenn jemand abschätzig

fragte: „Was isch au des für oiner?“ oder ihn gar für verrückt erklärte. Als Ausdruck

fehlender oder geringer Wertschätzung wurden aber nicht nur solche deutlichen verbalen Äußerungen

der jeweils abwertenden Personen gesehen. Aus Sicht der Befragten, die Peter Kra-

43 Videodokument 30.5.11

44 Videodokument 27.1.11

45 Vgl. Audiodokument 11.3.11

34


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

mers Werk schätzen ist es offenbar auch Zeichen von Geringschätzung, wenn die Einzigartigkeit

von „Schaffwerk“ und Schaffer nicht angemessen gewürdigt wurden bzw. werden. −

Wenn Schaffer bzw. „Schaffwerk“ für austauschbar gehalten werden, dann empfinden das die

Wertschätzenden als Zeichen mangelnder Wertschätzung: „Ach so oin wie da Peter griegt mr

glei wieder“ 46 , habe eine bestimmte Person mit Einfluss einmal gesagt, so berichtete beispielsweise

der Geschichtslehrer über eine Abwertungserfahrung von Peter Kramer. Für die

wertschätzenden Befragten sind weder Person noch Werk austauschbar. Die Tochter und die

anderen befragten Menschen aus dem Umfeld, die anerkennend auf das „Schaffwerk“ schauen

verbindet, dass sie das Besondere und eben nicht Austauschbare hervorheben. Wohl deshalb

ist für sie das „Schaffwerk“ auch nicht mit den Prinzipien der Warenwirtschaft vereinbar,

wo ja austauschbare Dinge gegen Geld und Geld gegen andere austauschbare Dinge getauscht

werden. Das „Schaffwerk“ kann aus Sicht der wertschätzenden Befragten nicht einfach verkauft

werden, weil für sie nicht der Tauschwert auf dem Markt, sondern der „unschätzbare

Wert“ des einzigartigen „Schaffwerks“ maßgeblich“ ist. Diese Anerkennung des Einzigartigen,

des Besonderen, ist genau das, was der Philosoph Axel Honneth unter Wertschätzung

versteht:

„Bei der Wertschätzung geht es ja darum, einem Anderen über die Anerkennung als ein anderes

autonomes Subjekt hinaus einen Mehrwert zu geben, aufgrund bestimmter Eigenschaften

oder Leistungen, die er anderen voraushat. Bei der Wertschätzung geht es also nicht um die

Anerkennung unter Gleichen, sondern um die Anerkennung eines Besonderen.“ (Honneth

2010).

5.2.2 Kriterium − Einschätzungen des Beitrags zur Wohlfahrt

Als ich im Straßeninterview den Postboten fragte, wer sich denn aus seiner Sicht für so ein

Haus interessieren könne, sagte er: „Leut, die a bissle, ja was, klar, a bissle was mit Kunscht

oder einfach, oder, ja – an dieser Stelle brach er seinen angefangenen Satz ab. Es schien ihm

leichter zu fallen, die Gruppe derjenigen zu beschreiben, die sich weniger dafür interessieren.

So fährt er fort mit den Worten: „Also jüngere Leute, die so voll im Berufsleben schtehn −

denk ich mol – weniger. Die hen gar koi Zeit für so was (lachen)“. 47

Tatsächlich sprechen die Erfahrungen in unserem Erkundungsprojekt dafür, dass Menschen,

die diesem Haus besonderes Interesse schenken, solche sind, die Zeit haben bzw. sich Zeit

nehmen. Sie nehmen sich beispielsweise Zeit, weil sie Peter Kramer bzw. seiner Tochter persönlich

verbunden sind, weil sie sich für die „Kunst“ des „Schaffwerks“ interessieren, weil

das „Sich-Zeit-Nehmen“ ihnen viel bedeutet oder sie haben Zeit, weil sie eben nicht voll im

Berufsleben stehen − viele ältere Leute in Pfullingen signalisierten Interesse. Es sind vor allem

die Menschen ab 60 aufwärts, so meinte es die Sammlerin, die Peter Kramer hier kannten,

für die er eine lokale „Legende“ 48 gewesen sei, wie sie sich ausdrückte. Es scheint bestimmte

Personengruppen zu geben, die den besonderen Beitrag Peter Kramers zu ihrem persönlichen

Wohl oder zum Gemeinwohl besonders schätzen und es wurden bestimmte Aspekte

erkennbar, die an seinem „Schaffwerk“ besonders geschätzt werden.

„Estimiert würden wir sagen“ − Wertschätzung der Sorgearbeit für entwertete Werte

Eine Gemeinsamkeit fast aller befragten Personen aus dem wertschätzenden Umfeld des

„Schaffwerks“ ist es, dass sie den Beitrag Peter Kramers für seine Sorge um solche Werte

thematisierten, die durch momentane gesellschaftliche Modernisierungsprozesse entwertet

46 Videodokument 27.1.11

47 Videodokument 30.5.11

48 Videodokument 27.7.11

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

werden. Die Zeit beispielsweise für qualitativ hochwertige Arbeit, die im alten Handwerk

noch etwas gegolten habe, ist für die befragte Sammlerin ein zentrales Thema und damit

spricht sie etwas an, worüber wir auch schon im Gespräch mit Peters Freund, dem Handwerker

von der Bergwacht, gesprochen hatten. Dieser hatte verdeutlicht, dass Peter in den Dingen

immer gesehen habe, welche Mühe, Arbeit und eben auch Zeit darin steckt. Was in unserer

schnelllebigen Gesellschaft heute in der Regel weggeworfen und durch neue kurzlebige Konsumgüter

ersetzt wird, hat Peter Kramer gewürdigt und dafür wurde er geschätzt. Ausdruck

dieser Wertschätzung war es auch, dass Leute ihre alten ausgedienten Dinge ihm zur „Versorgung“

vorbeibrachten – Die Menschen haben das „eschdimiert“, so drückt es Peter Kramers

Bekannte, die Sammlerin aus. 49

Auch für Peters Tochter ist der Aspekt des Wiederverwertens ein zentrales Moment, das sie

ausgesprochen schätzt und was sie sich als wesentlichen Teil zukünftiger Aktivitäten in ihrem

geerbten Haus wünscht.

Ein zentrales Thema für den befragten Pfullinger Künstler ist es, dass die Stadt aus seiner

Sicht mit (ihrer) Geschichte keinen sorgsamen Umgang pflegt – im Gegensatz zum Schaffer

des „Schaffwerks“. In ähnlicher Weise schätzt der Geschichtslehrer diesen Aspekt. Ebenso

betont die Passantin vor der Konditorei wertschätzend, dass der Schaffer mit seinem Werk aus

ihrer Sicht darauf aufmerksam habe machen wollen, dass der Mensch auch Wurzeln habe.

Diese Frau schätzt darüber hinaus, ebenso wie Peters Mit-Schaffer, der Textildesigner, aber

auch der befragte Künstler und wohl auch viele andere Leute aus dem Umfeld, dass Peter

Ecken und Kanten zeigte, in einer modernen Zeit, in der man eine „Anpassgesellschaft“ 50 geworden

sei.

Es sind offenbar traditionelle Dinge und Werte, aber auch Entfaltungsspielräume für das Persönliche,

die in der modernen Welt aus den Blickwinkeln der unterschiedlichen Befragten

entwertet bzw. verschüttet werden. Der Textildesigner mit einer Affinität für alte Gegenstände

drückte das aus, als er sagte, in „dieser blank polierten, glatt geschliffenen, oberflächlichen

Welt“ sei ein Mercedes „einfach mehr wert als jeder Brief oder jedes Bild oder jeder Song

oder irgendwas“. Dann fügte er hinzu: Dr Peder war halt anders, des war dem scheißegal“.

51

„Außerhalb des Alltags“ − Wertschätzung der Sorgearbeit für eine gute Atmosphäre

Eine zweite Leistung, für welche Peter Kramer bzw. seinem „Schaffwerk“ ein hohes Maß an

Wertschätzung zu Teil wurde – ein Aspekt, der von den Befragten in jedem unserer fünf längeren

Interviews angesprochen wurde und der oft auch in kurzen eingefangenen Statements

von Menschen aus Pfullingen Thema war – das ist die gute Atmosphäre, die der Schaffer aus

ihrer Sicht schuf. Der befragte Künstler umschreibt das unter anderem mit folgenden Worten:

„No hot mr emmer gwisst: Des isch luschdig on dann trenkt mr was on dann raucht mr ond

ond mr onderhält sich guad ond, äh, also des isch, des isch scho so a Schtück weit so außerhalb

des Alltags“ 52 .

Immer wieder weisen die unterschiedlichsten Leute im Verlauf der Begegnungen während

unseres Erkundungsprojektes darauf hin, dass es „immer lustig“ gewesen sei bzw. dass sie

Peter als „Riesenspaßvogel“ erlebten. Zur guten Atmosphäre trug in ihrer Wahrnehmung ganz

offensichtlich der „Humor“, der „Schalk“, der „Witz“ bei. Das Haus von Peter Kramer wurde

offenbar als ein Ort wahrgenommen, wo man nicht Alltägliches erleben konnte – wo man

eine „Auszeit“ 53 nehmen konnte, wie es der Künstler formulierte.

49 Videodokument 27.7.11

50 Videodokument 30.5.11

51 Videodokument 7.3.11/2

52 Videodokument 27.6.11

53 Ebd.

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Aber nicht nur lustig und unterhaltsam, sondern auch „anregend“ 54 empfand er es dort. Das

„Schaffwerk“ war für ihn nicht zuletzt auch ein Raum, wo man auf neue Ideen kam. Auch,

dass dort unterschiedliche Leute zusammenkamen, war in diesem Zusammenhang wichtig.

Nicht nur der Künstler, sondern auch viele andere Leute betonten den anregenden Charakter

des „Schaffwerks“ und der Person Peter Kramer. Sein Freund von der Bergwacht beispielsweise

machte deutlich: Mit Peter Kramer war es für ihn „immer interessant“. 55

Erkennbar wurde auch: Es sind überwiegend Männer aus der Gegend gewesen, die diese Atmosphäre

im „Schaffwerk“ genossen.

„Ein besonderer Mensch“ − Wertschätzung für besondere Beiträge zur Wohlfahrt

Die besondere Leistung von Peter Kramer war es aus Sicht der Befragten und wohl auch vieler

anderer Menschen aus dem wertschätzenden Umfeld des „Schaffwerks“, dass er in seiner

Heimatstadt entwerteten Werten mehr Wert gegeben hat und dass er einen Raum außerhalb

des Alltags – ein „Auszeithaus“ – für Leute von hier geschaffen hat, wo man sich wohl fühlen,

aber auch Abstand und Anregungen gewinnen konnte. Insbesondere auch für sein diesbezügliches

„Schaffwerk“ wurde und wird der Schaffer hier wertgeschätzt – für diese so empfundenen

Beiträge zur Wohlfahrt in Pfullingen und darum herum. Vor allem auch für diese

Leistungen − für Beiträge, die sich von jenen der überwiegenden Mehrheit unter den anderen

Pfullingerinnen und Pfullinger unterschieden − wurde er als „besonderer Mensch“, als „Unikum“

bzw. als „Original“ wertgeschätzt.

Die Art und Weise allerdings, wie diese besonderen Beiträge zur Wohlfahrt im wertschätzenden

Umfeld wahrgenommen werden, ist je nach Blickwinkel des Betrachters oder der Betrachterin

nicht dieselbe. Wertschätzung ergibt sich für manche eher durch unmittelbare und

für andere mehr durch allgemeine Betrachtungsweisen. Manchmal wird mehr der direkte Nutzen

des „Schaffwerks“ wahrgenommen und andere Betrachtende sehen den Beitrag des

„Schaffwerks“ zur Wohlfahrt eher durch eine indirekte Betrachtung. Geprägt wird die jeweilige

Art und Weise der Betrachtung und Wertschätzung offenbar durch die jeweiligen Vorstellungen,

davon, was nützlich ist.

5.2.3 Maßstab – Nutzenvorstellungen als Orientierungsgrundlage

„Dass nicht alles so 0815 ist“ – Orientierung am indirekten Nutzen

Die Passantin vor der Konditorei erwähnte in unserem Kurzinterview, dass sie selbst, aber

auch andere Leute es bedauerten, dass die „Originale“ in Pfullingen ausstürben. Ich fragte sie,

was denn die Menschen in Pfullingen davon haben, wenn es so ein Original gibt. Das sei jetzt

aber eine schwierige Frage, meinte sie und sagte dann: „Jo, ob mr do direkt was davon hat.

Ha, dass vielleicht net alles so 0815 isch, oder? Des g´hört au zur Gesellschaft“. 56

Es ist kein direkter, sondern ein indirekter Nutzen von Werken wie dem „Schaffwerk“, den

die Frau hier anspricht. Sie ergänzt noch, dass das die Gesellschaft bunt mache. Diese Buntheit

wiederum scheint etwas zu sein, was sie sich wünscht, was sie schätzt – wohl auch im

Hinblick auf ihre eigene Lebensqualität. Diese Frau hatte allerdings kaum einen direkten Nutzen

vom „Schaffwerk“, sie schätzt, dass es solche Menschen wie Peter Kramer und solche

Orte wie das „Schaffwerk“ gibt, weil dadurch indirekt auch ihre Lebenswelt an Lebensqualität

gewinnt.

In ähnlicher Weise von einem indirekten Nutzen sprechen in unseren Interviews auch der befragte

Künstler, der Textildesigner, der Geschichtslehrer und seine Frau. Sie erzählen zwar

auch viel vom unmittelbaren Erleben eines direkten persönlichen Gewinns für sie selbst in

54 Videodokument 27.6.11

55 Videodokument 7.3.11

56 Videodokument 30.5.11

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Form von persönlichem Wohlsein, von Anregungen durch Peter Kramer und sein Werk, sie

machen aber auch explizit deutlich, dass sie das „Schaffwerk“ unter anderem als Beitrag sehen

für eine milieuübergreifende Begegnungskultur (der Künstler), für eine verändernde Provokationskultur

(der Textildesigner) bzw. für eine offenere Kultur, in der man freier atmen

kann (der Geschichtslehrer und seine Frau). Für mich besonders eindrücklich ließ die Frau des

Geschichtslehrers im Interview erkennen, dass sie in Peter Kramers Schaffen einen Beitrag

zur Öffnung der von ihr als eng empfundenen Atmosphäre an ihrem Wohnort empfand: „Was

dr Peter, glaub i, von de Pfullinger abghoba hot, dass dr Peter halt nicht, keine Vorurteile

ghet hot, neugierig war on au naus, also nausguckt hot iber sein Tellerrand, wenn, wenn es

ihm möglich war. Des machad die Pfullinger net“. Wenn sie selbst, erzählte die Frau etwas

später, manchmal außerhalb von Pfullingen ist, in Reutlingen oder Tübingen, dann, so sagt

sie: „atem i tief durch ond fühl mi irgendwie freier“. Befreiend muss es für diese Frau wohl

auch gewirkt haben, dass Peter Kramer mit seinen Späßen und mit seinen Figuren im Garten

den Leuten in schalkhafter Manier einen Spiegel vorgehalten hat. So nämlich empfand sie das

Schaffen des Schaffers: „Er war ja unwahrscheinlich kreativ (…). Es war scho a Schtück

narrativ, do wollt er au de andere eigentlich, ja, des was der Narr macht, den Spiegel vorhalta“

– das schätzen offenbar jene besonders, die ein Interesse an der Entwicklung des Gemeinwesens

haben. Sie schätzen das wohl auch deshalb, weil sie selbst indirekt dadurch mehr

Raum zur Entfaltung bekommen (könnten). 57

Die Frau des Geschichtslehrers, ihr Mann, der Textildesigner und auch der befragte Pfullinger

Künstler sehen in Peter Kramers „Schaffwerk“ ein Kunstwerk – ein „Gesamtkunstwerk“, wie

es der Befragte nennt, der selbst Kunst in Pfullingen schafft. Er schätzt es offenbar, dass Peter

Kramer unterschiedliche Aspekte in seinem Schaffen miteinander verband, die wohl so nur

ein Künstler verbinden kann, der an seinem Schaffensort tief verwurzelt ist und diesen Ort als

„Über-Lebens-Künstler“ (mit-)gestaltet. Aus diesem Blickwinkel erscheint der Schaffer „bodenverhaftet

und gleichzeitig das Leben aus dem Abstand des Künstlers betrachtend, indem er

den Alltag mit seinem Funktions- und Funktionalitätszwang loslöst, weiterentwickelt, verarbeitet,

recycelt und komödiantisch und satirisch widerspiegelt.“ 58 .

Auch die Tochter von Peter Kramer schätzt dessen Beitrag zur Entwicklung des Gemeinwesens

bzw. der Gemeinschaft z. B. durch komödiantische Widerspiegelung und das künstlerische

Schaffen ihres Vaters sehr. Wie der Künstler, der Textildesigner, der Geschichtslehrer

und seine Frau schätzt sie die Veränderungen anregende Seite an der Sorgearbeit ihres Vaters

für eine gute Atmosphäre. Wie die oben Genannten schätzt sie über das Bewahrende hinaus

den gestaltenden Aspekt an dessen Sorgearbeit um alte Dinge und Werte. Sie schätzt den indirekten

Nutzen, den die Leute im Gemeinwesen durch die einzigartige Leistung ihres Vaters

haben, sie sieht ihn als „Künstler“ – aber sie sieht ihn nicht klar als Künstler. Sie betont einerseits,

dass er das „fraglos“ gewesen sei und schränkt gleichzeitig ein, dass er „aber“ bei seinem

Schaffen einen „eigenen Geschmack“ gehabt habe. Sie bezieht sich dabei offensichtlich

auf seine Abweichung von der Normalität im Milieu des Vaters, welches ja auch ihr eigenes

Herkunftsmilieu ist und an dessen Normen sie sich möglicherweise noch gebunden fühlt. Sie

scheint nicht sicher zu sein, dass er wirklich ein „richtiger Künstler“ sein darf bzw. durfte –

und diese Unsicherheit hat einen guten Grund, wie wir sehen.

„Immer lustig, immer interessant“ – Orientierung am direkten Nutzen

Da habe er sich da „nichts herausgenommen“, meinte Peters Freund von der Bergwacht auf

die Frage, ob dieser sich als Künstler sah. Auch der Interviewte selbst nahm es sich nicht heraus,

ihn als Künstler zu bezeichnen. Er betonte dagegen den Wert des Handwerklichen und

57 Videodokument 27.1.11

58 Dokument 19.11.11

38


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

von Peters Umgang mit alten Gegenständen bzw. mit der dahinterliegenden Geschichte. Auch

betont er mehr Peters Sammeln als das künstlerische Gestalten und hinsichtlich Peters Arbeit

für eine gute Atmosphäre stellt er unmittelbare Aspekte seines eigenen Erlebens in den Vordergrund

– dass es immer interessant gewesen sei. Ganz ähnlich äußerte sich auch die Sammlerin.

Der Bergwachtfreund, die Sammlerin und auch die Tochter betonen durch ihre Äußerungen

vor allem auch, dass sie Praktiker bzw. Praktikerin sind – „Also, i ben äba an Praktiker ond

an Realischt“ 59 , sagte beispielsweise die Sammlerin am Ende unseres Interviews im Zusammenhang

mit ihrer Skepsis bezüglich einer Weiterführung des „Schaffwerks“ in der Zukunft.

Alle drei scheinen geprägt auch von der Betonung praktischer Dinge und des praktischen

Nutzens – ein Aspekt, der in ihrem Herkunftsmilieu weit oben auf dem Maßstab der Werte

steht. Alle drei kommen aus Handwerker- bzw. Arbeiterfamilien. Gleichwohl blicken sie keineswegs

geringschätzender als die anderen Befragten auf das Werk Peter Kramers – nicht

geringschätzend, wie jene Leute, von denen der Geschichtslehrer meinte, dass diese das

„Schaffwerk“ für eine Ansammlung von „altem Gruscht“ hielten, weil diese Leute nur auf

den praktischen Nutzen sähen. Allerdings betonen alle drei Befragten hinsichtlich der Beiträge

Peter Kramers zur Wohlfahrt solche Aspekte, die mit dem Praktischen eng verwandt erscheinen

– die praktischen Fähigkeiten als Handwerker beispielsweise oder dass er trotz seiner

Kreativität auch Ordnung gehalten habe, dass sein Tun und Schaffen lustig und interessant

gewesen sei. Diese Art von wertschätzendem Sprechen über Peter Kramer und das unmittelbare

Erleben mit ihm erfuhr ich im Rahmen unserer Erkundungen in vielen Gesprächen im

Umfeld des Schaffwerks auch außerhalb unserer aufgezeichneten Interviews immer wieder.

Geschichten über spaßige Erlebnisse spielten bei diesen Erzählungen eine wichtige Rolle –

wie jene Anekdote, die die Tochter bei ihrer Trauerrede erzählte:

„An seinem Haus hat er eine Wetterstation angebracht, auf welcher groß „Wetterbericht“

steht. Durch das Öffnen des Türchens in Kopfhöhe kann man herausfinden, was der Wetterbericht

sagt. Wenn man neugierig war und es schwungvoll öffnete, konnte es passieren, dass

man eine Ladung Wasser abbekam“. 60

Hier wird der kreative Spaßmacher in den Vordergrund gestellt, mit dem man „a Gaude“

hatte, wie es der ältere Kamerad von der Bergwacht in Peters Scheune am Tag der Trauerfeier

ausdrückte. Der Nutzen ist ein unmittelbarer, in gewisser Weise praktischer: Man lacht.

Die auf solche unmittelbare Weise entstehende Atmosphäre wird als Beitrag zur Wohlfahrt

bzw. zum Wohlsein empfunden – offenbar auch von vielen Leuten, die eher am praktischen

Nutzen orientiert sind.

Dem praktischen Nutzen eigen ist es, dass er mehr oder weniger unmittelbar realisierbar und

dass er damit zusammenhängend auf Nützlichkeit im Rahmen gegebener Rahmenbedingungen

gerichtet ist. Ein Künstler ist unter den Voraussetzungen eines solchen Nutzenverständnisses

als Unterhaltungskünstler schätzenswert, wohl aber weniger als Fragender, Suchender

bzw. (Mit-)Gestalter sozial-kultureller Veränderungsprozesse.

Wer es sich nun aber herausnähme, als Mitglied einer Gemeinschaft, deren Wertmaßstab sich

am praktischen Nutzen orientiert, ein Künstler im letztgenannten Sinne sein zu wollen, der

dürfte wohl kaum auf Wertschätzung hoffen. Er nähme sich dadurch gleichsam aus der Gemeinschaft

heraus. Wenn Peter Kramer oder die ihn Wertschätzenden aus seinem Herkunftsmilieu

nicht jene Facetten seines besonderen Werkes in den Vordergrund gestellt hätten, die

im Lichte der im Milieu maßgeblichen Werte schätzenswert sind, dann wären wohl nicht so

viele Menschen aus diesem Milieu bei seiner Trauerfeier gewesen und hätten den großen sozialen

Verlust durch seinen Tod betrauert.

59 Videodokument 27.7.11

60 Dokument 15.10.10

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

„Heute nicht mehr möglich“ – Tradierte Werte gegen direkten Nutzen

Außer dem praktischen Nutzen wurde bei unserer Aktionsforschung im Milieu um das

„Schaffwerk“ als zentraler Wert die Tradition erkennbar – im Sinne von Erinnerung und

Würdigung der eigenen Geschichte. Die Pflege von Tradition, Erinnerung und Geschichte

spielt beispielsweise in den Vereinen eine wichtige Rolle, in denen Peter Kramer Mitglied

war: Brauchtumsverein, Schützenverein, Gesangsverein, Albverein, Bergwacht, Höhlenforscher.

Die Sorge um alte Geschichten, Erinnerungen und Dingen wird in diesem Milieu als

nützlicher Beitrag zur Wohlfahrt empfunden und entsprechend geschätzt. Peter Kramers Sorge

um geschichtsträchtige Alltagsgegenstände konnte die Wertschätzung von Menschen erfahren,

die so etwas nach ihren Maßstäben als sinnvoll bzw. „nützlich“ ansahen – die Wertschätzung

beispielsweise der befragten Sammlerin, die sagte, man solle die Bedeutung der

Geschichten bzw. Erinnerungen nicht unterschätzen, die aus ihrer Sicht mit alten Dingen verbunden

sind und die über solche alte Gebrauchsgegenstände auch sagte: „Ond no des Handwerkliche,

teilweis, mar sieht jo teilweis so schöne Sacha, die handwerklich heut gar nemme

möglich sen , wo d´ Zeit oifach koi Roll gschpielt hot“. 61

Es ist ein Milieu bodenständig orientierter Handwerker und Arbeiter, in dem Peter Kramer in

Pfullingen aufwuchs und in dem er sein „Schaffwerk“ schuf. Dieses Milieu prägt das Umfeld.

Hier spielen sowohl der praktische Nutzen als auch die Pflege vergangener bzw. vergehender

Traditionen und Geschichten als Werte eine zentrale Rolle. Diese beiden Werte allerdings

stehen in einer modernen Gesellschaft in einem Konflikt miteinander, denn die Erinnerungsarbeit

braucht Zeit, hat oft keinen kurzfristigen unmittelbaren Nutzen und wird deshalb unter

dem Maßstab des praktischen Nutzens nicht wertgeschätzt.

Diesen Konflikt bewältigt die Sammlerin, die ja auch „Praktikerin“ ist, möglicherweise u.a.

dadurch, dass sie das unmittelbare persönliche positive Erleben beim Betrachten der alten

Gegenstände wertschätzt und dadurch auch den unmittelbaren Nutzen für sich selbst. Sie sieht

allerdings keine Möglichkeit, dass solche kontemplative Erinnerungsarbeit unter den gegebenen

gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Schnelllebigkeit auch von den nachfolgenden

Generationen weiter betrieben wird – durch die Generation ihrer Kinder bzw. durch die Generation

der Erbin des „Schaffwerks“. Sie meint, wenn die alten Leute sterben, die Peter Kramer

schätzten, dann kann sein Werk kaum mehr jemand verstehen.

Eine Möglichkeit, etwas an den gegebenen Rahmenbedingungen des schnelllebigen modernen

Lebens zu ändern, sieht die befragte Sammlerin nicht – da ist sie ganz „Praktikerin“.

Milieuübergreifende Begegnungen – Indirekter Nutzen für Entwicklungsinteressierte

Der indirekte Nutzen des „Schaffwerks“ als Beitrag für Veränderungen in der Kultur seines

Umgebungsmilieus − für eine bunte Gesellschaft, milieuübergreifende Begegnungen bzw.

kulturelle Öffnung – wurde in unserem Erkundungsprojekt bezeichnenderweise von solchen

Befragten klar artikuliert, die zwar in Verbindung mit Peter Kramer, seinem „Schaffwerk“

und seiner Umgebung standen, selbst aber nicht direkt zu diesem kleinbürgerlichen Arbeitermilieu

gehörten.

Der indirekte Nutzen des „Schaffwerks“ scheint für diese Menschen (auch) darin zu bestehen,

dass man sich in diesem Rahmen ein Stück weit aus der empfundenen Enge des Umgebungsmilieus

ein Stück weit befreien und dabei gleichzeitig die Bindungen innerhalb einer gemeinsamen

Wertegemeinschaft erhalten kann.

Bei unserer Erhebung der Sichtweisen unterschiedlicher Bezugspersonen(gruppen) von Peter

Kramer wurden unterschiedliche Nutzenvorstellungen erkennbar. Diese sind offensichtlich

61 Videodokument 27.7.11

40


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

(auch) milieuabhängig. Die unterschiedlichen Bewertungen lassen sich als Folge jeweils unterschiedlicher

milieuspezifischer Nutzenvorstellungen verstehen, die Teil des typischen Habitus

bzw. der kulturellen Identität des jeweiligen Milieus sind (vgl. Heiser: 21). Nähe bzw.

Abstand zum Herkunftsmilieu Peter Kramers wirken offenbar auf die Art und Weise zurück,

wie relevante Personen(gruppen) aus seinem Umfeld sein „Schaffwerk“ wertschätzen.

5.2.4 Relation − wie der Abstand die Wertschätzung verändert

Milieus als Verbindungen und Abstandhalter für Wertgemeinschaften

Milieus sind Ausdruck des menschlichen Bedürfnisses, mit Menschen verbunden zu sein.

Doch entstehen Milieus zugleich auch in der bewussten Abgrenzung von Anderen (vgl. Joas

2001). Das bodenständige Milieu im Umfeld des „Schaffwerks“ distanziert sich, so berichteten

es der Geschichtslehrer und seine Frau, traditionell von Fremden, von Menschen fremder

geografischer Herkunft. Reserviert steht man in diesem Milieu aber offenbar auch fremd anmutenden

Lebensstilen gegenüber. Wer z. B. intellektuell erscheint oder sich besonders der

Selbstverwirklichung widmet, wirkt in den Augen der Bodenständigen schnell arrogant und

kommt in diesem „Schaffermilieu“ nicht gut an – so schätzt die Tochter Peter Kramers, das

Milieu ein, in dem sie aufwuchs. 62

Sabine Kramer erzählte, dass sie vor allem Männer in diesem Umfeld als dominant erlebt habe

und noch erlebe, die „laut“ seien, „derb“ und „breitbeinig dastehen“. Es ist eine bestimmte

Mentalität des Umfeldes, die sie wie offenbar auch andere Befragte aus dem Kreis

der „Schaffwerk“- Wertschätzenden als dominierend und beengend empfindet. 63 Diese Mentalität

macht sie auch an einer Körpersprache fest, die für sie offenbar die Männer dieses Milieus

zu verbinden scheint und sie von anderen abgrenzt.

Wie Menschen in Milieus zusammenfinden und sich von anderen Menschen abgrenzen, hat

Pierre Bourdieu plausibel beschrieben: Ein praktischer sozialer Orientierungssinn leitet Menschen

bei ihren Positionierungen im sozialen Raum, sie haben ein Gefühl für die „standesgemäßen

Plätze“ für sich selbst und für andere, auch ohne dies zu reflektieren ‒ „begriffsloses

Erkennen“ nennt das Bourdieu (Bourdieu 1987: 734). Bedingt durch ihre jeweiligen spezifischen

Lebensbedingungen haben die Individuen und gesellschaftlichen Teilgruppierungen

einen jeweils spezifischen Habitus entwickelt, der ihre Wahrnehmungen und Handlungen

prägt. Der Habitus ist, „was man erworben hat, was aber in Form dauerhafter Dispositionen

dauerhaft körperliche Gestalt angenommen hat.“ (Bourdieu 1993: 127). Der Habitus ist also

sozusagen Körper gewordene Sozialisationsgeschichte, diese in jeder Haltung, in jeder Bewegung

reflektierend ‒ und auch im Lebensstil. Menschen mit ähnlichen Mentalitäten, Formen

der Lebensführung bzw. Lebensstilen finden sich in gemeinsamen Milieus ‒ Bourdieu spricht

vom homologen Habitus (vgl.: Bourdieu 1987: 286 ff.) ‒ sie finden in einem oft selbstläufig

erscheinenden Prozess zueinander.

In Anlehnung an Emile Durkheim bezeichnet die Milieuforschungsgruppe um Michael Vester

mit Milieus zunächst „soziale Gruppen, die aufgrund gemeinsamer Beziehungen (der Verwandtschaft,

der Nachbarschaft oder der Arbeit) einen „Korpus moralischer Regeln“ entwickeln“

(Vester et al. 2001: 16). Diese verfestigen sich zu Mentalitäten, zu spezifischen Formen

der Lebensführung und Lebensstile, die jeweils typisch sind für spezifische Lebensbedingungen.

Die Gruppe der wertschätzenden Menschen aus dem Umfeld des „Schaffwerks“ besteht aus

Menschen, die dem Habitus des Herkunftsmilieus und den damit verbundenen Wertorientierungen

mehr oder weniger nah bzw. fern stehen.

62 Vgl. u. a.: Feldnotiz 21.8.11 – Gespräch mit Peter Kramers Tochter

63 Vgl. u. a.: Feldnotiz 20.6.11 – Gespräch mit Peter Kramers Tochter

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Wenngleich ich nicht trennscharf zu beschreiben vermag, wo genau dieses Milieu beginnt und

wer nicht mehr dazu gehört, so lassen die Erfahrungen im Rahmen unseres Erkundungsprojektes

in Verbindung mit Hinweisen aus der Literatur zur Milieutheorie aus meiner Sicht doch

eine grobe Einordnung zu. Eine solche Einordnung der Relationen wertschätzender Sichtweisen

auf das „Schaffwerk“ zum Herkunftsmilieu des Schaffers erscheint mir wichtig im Hinblick

auf die (Er-)klärung wesentlicher Zusammenhänge bei der Konstruktion von Wertschätzung.

Dieses Herkunftsmilieu will ich wie folgt umreißen:

Bodenständig – Das Bezugsmilieu für den Schaffer und sein „Schaffwerk“

Die Gesellungsformen sind bodenständig hier (vgl. Vester et al. 2001: 486 ff.), man redet

breites Pfullinger Schwäbisch und zeigt selbstbewusst, dass man sich in einer schönen Gegend

zu Hause fühlt. Immer wieder sprachen Leute während unserer Erkundungen die Landschaft

an, die schwäbische Alb, die das Leben in Pfullingen besonders lebenswert mache.

Es waren überwiegend Männer aus Peter Kramers Herkunftsmilieu, die wir im Umfeld des

„Schaffwerks“ trafen. Was sie zu sagen haben, sagen sie gerne auch mal laut und in derben

Worten. Ansonsten zeigt man sich aber durchaus bescheiden in Peter Kramers Heimatmilieu.

Man hat hier Ehrfurcht vor Menschen mit höherem gesellschaftlichem Status. Den Bürgermeister

oder andere gesellschaftlich bedeutende Leute habe ihr Vater sicherlich immer

freundlich gegrüßt und den Respekt erwiesen, sagt Peter Kramers Tochter. 64

„Traditionelle Werte wie Disziplin, Ordnung, Pflichterfüllung und Verlässlichkeit“ (Vester et

al. 2001: 518) stehen hier weit oben auf der Werteskala. Mehrfach sprachen die Leute aus

dem traditionellen Milieu die Verlässlichkeit Peter Kramers an, die er als Wirt des Schönberg-

Kiosks gezeigt habe. Man konnte sich darauf verlassen, dass der „Schemberg-Peter“ regelmäßig

aufmachte. Das war bei seinen Nachfolgern nicht mehr so und in diesem Lichte scheint

man ihn besonders zu schätzen.

Auch der Wert Familie hat hier einen ausgesprochen hohen Stellenwert, ebenso wie die Arbeit

– Schaffen ist wichtig im Pfullinger Heimatmilieu.

Es sind industrielle Facharbeiter, wie es auch der Hochdruckruckrohrschlosser Peter Kramer

selbst einer war, denen wir hier begegnen und es finden sich viele Handwerker hier im Umgebungsmilieu

des „Schaffwerks“ und als Ausdruck davon beispielsweise auf der Kondolenzliste

der Trauerfeier. Es sind auch kleine Selbständige darunter − der KFZ-Mechaniker beispielsweise,

der eine Werkstatt, eine Tankstelle und darin integriert eine kleine Kneipe betrieb,

in die Peter Kramer früher nach der Arbeit immer einkehrte.

Kleinbürgerliches Arbeitnehmermilieu nennt die Milieuforschungsgruppe um Michael Vester

Lebensstilgemeinschaften wie die hier beschriebene im Umfeld des Pfullinger „Schaffwerks“.

Dieses Milieu bildet eine traditionelle Gemeinschaft mit gemeinsamen Werten und gemeinsamen

Regeln.

Zu den spezifischen Lebensbedingungen des Milieus gehört auch ein spezifischer Bildungshintergrund.

Es sind vor allem Menschen mit Haupt- bzw. Volksschulabschluss, die zu Peter

Kramers Herkunftsmilieu gehören. Nicht dazu gehört beispielsweise, der Vorsitzende der

Senioren-CDU, den ich bei Kaffee und Hefezopf am Tag der Trauerfeier im Schaffwerk traf,

der abseits der anderen gebürtigen Pfullinger saß und als einziger Schwabe gleich Hochdeutsch

sprach, als er die Kamera sah. Er erzählte, dass er mit Peter zur Grundschule gegangen

war. Dann trennten sich die – milieuspezifischen – Wege. Er ging aufs Progymnasium

und Peter Kramer besuchte die Volksschule und lernte einen praktischen Beruf – wie viele in

seinem Milieu.

Als Hochdruckrohrschlosser gehörte er zu den selbstbewussten Berufsgruppen in diesem

kleinbürgerlichen Arbeitnehmermilieu. Gleichwohl galt für ihn wie für die anderen Zugehöri-

64 Feldnotiz 5.5.11

42


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

gen dieses Milieus die mentalitätsprägende moralische Regel, dass Arbeit vor allem der

Pflichterfüllung und nicht der Selbstverwirklichung zu dienen habe (vgl. Vester et al. 2001:

519).

Außenstehend – Von weitem wird die Kunst geschätzt

Anderen Regeln folgen der von uns befragte Pfullinger Künstler, aber auch der studierte Textildesigner,

der in seiner Freizeit aus Altmaterialien ungewöhnliche Fahrräder baut und an

verschiedenen anderen experimentellen Projekten arbeitet. Für sie und wohl auch für einige –

aber eher wenige − weitere Menschen aus dem sozialen Netzwerk von Peter Kramer ist

Selbstverwirklichung bzw. die Entfaltung der eigenen Potenziale offenbar durchaus ein wichtiger

handlungsleitender Wert. Sie sind aber auch nicht Teil des oben beschriebenen Milieus.

Geografische Herkunft, Bildungsgrad und teilweise der Lebensstil unterscheiden sich von

Peter Kramers Herkunftsmilieu.

Der Textildesigner aus der Großstadt ist es, der Peter Kramer in unserem Gespräch am deutlichsten

unter den Befragten als Künstler etikettierte – „Künstler durch und durch“ 65 sei dieser

gewesen.

Schon etwas vorsichtiger scheint der Mann zu sein, der anders als der vorgenannte selbst in

Pfullingen lebt, Lehrer war und als Künstler schafft. Er sieht ihn als Künstler, aber auch als

bodenverhaftet. Mit dem Etikett „Über-Lebens-Künstler“ wählte er eine Zuschreibung, die

vieldeutiger ist und die sich bei der Ausstellung Pfullinger Künstler auch als anschlussfähig

für das Herkunftsmilieu Peter Kramers erwies. Dort haben nämlich nach Auskunft unseres

Interviewpartners viele Leute positiv auf seine Installation zur Würdigung des „Schaffers“

reagiert.

Auch der Geschichtslehrer und seine Frau haben sowohl bezüglich des Bildungsgrades als

auch bezüglich der geografischen Herkunft Abstand zum Heimatmilieu Peter Kramers. Der

Lehrer knüpfte aber offenbar, nachdem er vor 30 Jahren zugezogen war, Kontakte zu Leuten

aus diesem Milieu. Er sei damals auch ein „Hock“ gewesen, der am Wochende beim

„Schemberg -Wirt“ oben auf dem Berg saß. „So han i dann au irgendwann an den Pfullinger

Disch hocka dürfa“, 66 berichtete er. Er pflegte also mit diesen Pfullingern die bodenständige

Geselligkeit, die Teil ihres Lebensstils ist.

In seiner Trauerrede bezeichnete der Geschichtslehrer Peter Kramer als „Grenzgänger“.

Salomonisch nahm er Peter Kramer dabei nicht aus seinem Herkunftsmilieu heraus, sondern

verortete dessen Platz an der Grenze und deutet „den Künstler“ eher am Rande an. An den

verstorbenen Freund gewandt, sagte er damals: „Du warst in vieler Hinsicht ein Grenzgänger.

Etwas, das vielen künstlerischen Geistern zu Eigen ist“. 67

Die Sammlerin kommt ebenfalls nicht aus Pfullingen. Sie stammt aus einer Handwerkerfamilie,

wobei der Vater im Laufe seines Lebens gesellschaftlich steil aufgestiegen ist. Sie selbst

betont allerdings das Einfache, Bodenständige. Beispielsweise erwähnt sie in unserem Gespräch,

dass ihr die Leute aus besseren Kreisen an ihrem Heimatort in der Jugend „arrogant“

erschienen waren.

65 Videodokument 7.3.11/2

66 Videodokument 27.1.11

67 Dokument 15.10.10/2

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Für die Sammlerin ist Peter Kramer vor allem ein Sammler alter Gegenstände – ein „Sinnesgenosse“

von ihr, wie sie sagte. Als ich fragte, ob er aus ihrer Sicht ein Künstler war, nannte

sie ihn einen „Lebenskünstler“ und das „Schaffwerk“ sieht sie als „sein „Lebenswerk“. 68

Der Bergwachtfreund von Peter Kramer, mit dem wir ein längeres Interview führten, ist in

Pfullingen aufgewachsen und hat hier sein bisheriges Leben gelebt. Allerdings war er als Mechaniker

mehrfach für längere Zeit im Ausland.

Dies und auch, dass er sich in unserem Gespräch erkennbar vom Pfullinger Konservatismus

abgrenzt, unterscheidet ihn vom idealtypischen Mitglied der traditionellen Wertegemeinschaft

um das „Schaffwerk“ herum. Dennoch scheint er sich, wie auch Peter Kramer selbst, gewissermaßen

im Gravitationsfeld dieser Wertegemeinschaft zu befinden. Er ist es, der darauf

aufmerksam macht, dass Peter es sich nicht herausgenommen habe, sich als Künstler zu bezeichnen.

Dennoch gibt er einen kleinen Hinweis darauf, dass er selbst „den Künstler“ in Peter

wohl nicht für ganz ausgeschlossen hält: Wenn einer „ein künstlerisches Auge“ habe, sagt

er, dann könne er da schon etwas erkennen. 69

Im Blick auf das Milieu zeichnet sich ein Zusammenhang ab:

Je größer der Abstand der Befragten zum Herkunftsmilieu Peter Kramers, desto eher kann

dieser als Künstler wertgeschätzt werden – im Sinne von jemandem, der durch sein Suchen

und Gestalten – durch eine solche Art von Werk bzw. Beitrag – einen anregenden und vielleicht

auch verunsichernden Resonanzboden schafft und damit indirekt etwas zur Gemeinschaft

beiträgt.

Die Orientierung am indirekten Nutzen und damit die Wertschätzung für den indirekten Beitrag

zum Wohl der Gemeinschaft scheinen eher für jene möglich zu sein, die durch einen gewissen

Abstand zum Herkunftsmilieu eher die Möglichkeit der Reflexion haben.

Den Künstler Peter Kramer zu schätzen, der das Leben aus dem „Abstand des Künstlers“ betrachtet,

scheint schwierig zu sein, wenn man seinem traditionellen Herkunftsmilieu eng verbunden

ist. Diesbezügliche Wertschätzung wird dann offenbar entweder gar nicht formuliert

oder aber eher versteckt.

Es scheint aber auch so zu sein, dass manchmal diejenigen mit mehr Abstand für jene mit

weniger Abstand eine Unterstützung sind, um auch den Künstler zu schätzen, der im Rahmen

der Werte bzw. Koventionen des Pfullinger „Heimatmilieus“ nicht viel gilt, weil ein unmittelbarer

Beitrag bzw. Nutzen seines Schaffens vielleicht (noch) nicht erkennbar ist.

Interessant erscheint es mir in diesem Zusammenhang, dass Peters Freund von der Bergwacht

in unserem Interview nach seinem Hinweis auf das „künstlerische Auge“, das man brauche,

um dies künstlerische Seite von Peter Kramer zu schätzen, den Namen des von uns ebenfalls

befragten Pfullinger Künstlers nannte und meinte, dieser habe „da schon etwas gesehen“.

Hier könnte sich andeuten, wie der „milieunahe“ Freund den auch auf Grund seines Abstandes

möglicherweise eher legitimierten Experten für den künstlerischen Blick gleichsam als

Unterstützung nutzt und sich so der Wertschätzung des künstlerischen Beitrags seines Freundes

zur Wohlfahrt annähert.

Abstandsvariationen – Wertorientierungen im Entwicklungsprozess

Wirkungen des Gravitationsfeldes der moralischen Regeln von Peter Kramers Heimatmilieu

auf dessen Wertschätzung lassen sich auch in den Erfahrungen seiner Tochter nachzeichnen:

Sie habe sich früher immer wieder geschämt, erzählte sie, wenn der Vater öffentlich Späße

68 Videodokument 27.7.11

69 Videodokument 7.3.11

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

trieb, wenn er beispielsweise zu Theatervorstellungen als Zuschauer ging und dann dort selbst

verkleidet und laut alle Aufmerksamkeit auf sich zog.

Peter Kramer verstieß bei solchen Anlässen regelmäßig gegen Konventionen seiner Wertegemeinschaft

und seine Tochter schämte sich offenbar stellvertretend für ihren Vater. Scham

und Schamangst regulieren in Gemeinschaften mit enger Verbundenheit und hoher Konformität

das Zusammenleben (vgl. List 2009: 120). Sie sind Ausdruck „drohender Differenz zu den

anderen“ (ebd.).

Die Tochter ist in Pfullingen in einem Milieu mit relativ hohen Konformitätserwartungen aufgewachsen.

Dieses Milieu hat sie zwar mit dem Erwachsenwerden verlassen. In anderen Bezügen

veränderte sich der Maßstab ihrer Werte. Der Wert der Entfaltung eigener Fähigkeiten

beispielsweise bekam gegenüber dem Wert der Arbeit als Verpflichtung im Laufe ihres Lebens

offenbar mehr Gewicht.

Gleichwohl wirken auch in der Gegenwart die moralischen Regeln ihres Pfullinger Herkunftsmilieus

offenbar weiter. Sie fühle sich den Leuten in Pfullingen verpflichtet, sagte sie.

Auch empfinde sie die Pflicht, ihren Vater öffentlich wert zu schätzen.

Ob sie dabei eher seinen indirekten Beitrag als Künstler zum Wohl der Gemeinschaft oder

eher den direkten Nutzen als Spaßmacher in den Vordergrund stellen kann, hängt auch von

der inneren Nähe oder Distanz zu ihrem Herkunftsmilieu ab. Dieser Abstand und damit der

Maßstab für Wertschätzung ändern sich mit Entwicklungsprozessen. − Aber das gilt nicht nur

für sie, das galt wohl auch für ihren Vater.

.

5.3 Bindung und Lösung – Aushandlung von Wertschätzung im Lauf der

Zeit

Die moralischen Regeln des Pfullinger Heimatmilieus bilden ein „Korsett“, das je nachdem,

welche subjektiven und gesellschaftlichen Bedürfnisse bzw. Bedarfe gerade vorherrschend

sind, eher Sicherheitsgefühle und Stabilität oder eher Enge-Gefühle und Erstarrung bewirken.

Wenn sich im Laufe persönlicher Biografien bzw. gesellschaftlicher Entwicklungen solche

Bedürfnisse und Bedarfe grundlegend verändern, kann es notwendig werden, das traditionelle

Wertesystem und die daraus folgenden moralischen Regeln zu überdenken, gegebenenfalls

auch zu verändern. In diesem Sinne lässt sich das Pfullinger „Schaffwerk“ nach meiner Einschätzung

im Kontext einer Situation verstehen, in welcher tradierte Werte und Wertgemeinschaften

sich zu verflüssigen begonnen haben, neue Orientierungen und Zugehörigkeiten aber

noch nicht stabil „herauskristallisiert“ werden konnten. Sowohl für den Schaffer Peter Kramer

als auch für die ihn und sein „Schaffwerk“ umgebende Gemeinschaft ging es darum, Wertschätzung

im Lauf der Zeit unter sich verändernden Bedingungen immer wieder neu auszuhandeln.

Hierfür machte das „Schaffwerk“ für Peter Kramer eine Sinn und in diesem Zusammenhang

hatte sein Schaffen für die Gemeinschaft eine Bedeutung.

Die Person im Zentrum unserer Betrachtungen und die Menschen um ihn herum stellten in

diesem Prozess im Lauf der Zeit wertschätzende Bindungen her. Manche sozialen und kulturellen

Bindungen dagegen wurden gelöst bzw. gelockert. Wertschätzung wurde bzw. wird im

Spannungsfeld von Bindung und Lösung ausgehandelt – das zeigen die folgenden Geschichten

vom persönlichen Sinn und der kollektiven Bedeutung des „Schaffwerks“.

45


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

5.3.1 Aushandlung I − Eine Geschichte vom Sinn für sich selbst

„Als er einmal seinen Sinn gefunden hatte, war ihm das egal“ – Sinn und Zugehörigkeit

Das Schaffen von Peter Kramer fand in dessen Heimatmilieu keine ungeteilte Anerkennung.

Aber „wo er amol sein Sinn gfonda hot, no war ihm des egal.“, sagte Peters Freund, der Geschichtslehrer

70 .

Der persönliche Sinn, den das „Schaffwerk“ für seinen Schaffer möglicherweise stiftete und

dessen Entdeckung − wie es unser Interviewpartner meinte – Peter Kramer unabhängiger von

der Anerkennung seines Umgebungsmilieus gemacht habe spricht die Frage an, was das Haus

für Peter Kramer selbst bedeutet hat, welchen Sinn das Haus für ihn in Verbindung mit seinem

Leben gemacht hat – in Verbindung mit Fragen nach der eigenen Identität.

„Wer bin ich, wer war ich und wer werde ich sein?“ (Straus 2008: 4) – Das Haus in der Gönnerstraße

112 im Lichte dieser zentralen menschlichen Lebensfragen zu betrachten, erweist

sich als klärend und lässt weitere Zusammenhänge im vermeintlichen Durcheinander oder

Nebeneinander der gesammelten Fundstücke, Beobachtungen und Erzählungen unseres Aktionsforschungsprojektes

erkennen.

Der eigene Sinn bzw. der „Eigensinn“ des Menschen kann nach meinem Verständnis immer

nur bezogen auf andere Menschen entstehen und steht zugleich in einem spannungsvollen

Verhältnis zum Bedürfnis des Menschen nach Zugehörigkeit in der Gemeinschaft.

Im Spannungsfeld zwischen „eigensinniger“ Unabhängigkeit und Zugehörigkeit stellt sich für

das Individuum die Frage: „Wie erreiche ich mit dem, was ich tue und wie ich mich darstelle

Anerkennung von signifikanten Anderen?“ (Straus 2008: 9). Diese subjektiv bedeutenden

Anderen sind die Bezugspersonen des Einzelnen, die für ihn bedeutenden Menschen seiner

sozialen Umgebung. An deren Werten bemisst sich die Wertschätzung, die der Einzelne bzw.

die Einzelne für sein bzw. ihr Handeln erwarten kann.

Für Peter Kramer, das will ich zeigen, hat sich der Kreis der „signifikanten Anderen“ im Laufe

seines Lebens verändert. Auch durch seine eigenen Handlungsstrategien hat er neue Bezüge

erschlossen und dadurch ist er unabhängiger vom Wertmaßstab seines Pfullinger „Heimatmilieus“

geworden.

Im Folgenden will ich die Biografie Peter Kramers im Lichte der Frage nach dem persönlichen

Sinn in Verbindung mit der Frage nach Zugehörigkeit betrachten. Grundlage hierfür sind

Informationen bzw. Erkenntnisse aus unserem Erkundungsprojekt und mein Ziel ist es, ein

Bild zu skizzieren vom „Schaffwerk“ als Mittel und als Ausdruck der Bindung und der Lockerung

von Wertbezügen Peter Kramers zu seinem Pfullinger Herkunftsmilieu.

„Der hat seinen Vater gar nicht gekannt“ − Die Vorgeschichte

Ein „Unikum“ sei der Peter gewesen, hörte ich bei unseren Aktionsforschungsinterviews mit

Pfullingerinnen und Pfullingern immer wieder. 71 Vielfach wird von seinem sozialen Umfeld

auf die Besonderheiten des Schaffwerk – Schaffers hingewiesen, auch auf besondere „Probleme“:

„Em Peter sei Broblem war en erschter Linie durch des, der hat jo sein Vadder gar edd

kennt“, erklärte ungefragt der alte Bergwacht-Kamerad von Peter am Rande der Trauerfeier. 72

Auch habe es in der Familie in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg hinten und vorne gefehlt.

Und darüber hinaus sei Peter im Unterschied zu seinem Umfeld als Einzelkind aufgewachsen

70 Interview 27.1.11

71 vgl. u.a. Videodokumentation 19.3.11

72 Videodokument 15.10.11

46


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

– „Mir en dr Nochbrschaft, warad älle zwoi, drei Kender en einer Familie“, meinte der über

70jährige Mann, der Peter von Geburt an gekannt hatte. 73 Ohne Vater und als Einzelkind

scheint für Peter die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft unter erschwerenden Vorzeichen gestanden

zu haben. Er habe den Vater sehr vermisst, erzählte sein Freund, der Geschichtslehrer.

Als Schwierigkeit für Peter „hineinzukommen“ umschrieb er diese Ausgangssituation und

bezog sich dabei auf Gespräche, die er selbst mit Peter darüber geführt habe. 74

Sinn und Zugehörigkeit in seinem Leben herzustellen, stellten für den jungen Peter Kramer in

der ihn umgebenden Pfullinger Nachkriegsgemeinschaft wohl eine Herausforderung dar, die

erhebliche Anstrengungen von ihm abverlangten. Er wuchs als Junge ohne Vater in ein männerdominiertes

Milieu hinein – dabei war sein Alltag als Kind aber offenbar vorwiegend von

Frauen geprägt.

In seiner Jugend sei Anerkennung für Peter Kramer sehr wichtig gewesen, erzählte der Geschichtslehrer,

und vor allem über den Sport habe er sie bekommen 75 – „Früher fuhr er Radrennen,

wo er sogar die eine und andere Gaumeisterschaft gewann“, hebt auch die Tochter in

ihrer Trauerrede diesen Aspekt hervor. 76

Sport kann Akzeptanz verschaffen und Zugehörigkeit zur Gemeinschaft ermöglichen − nicht

zuletzt auch im Rahmen teilweise recht anspruchsvoller Touren mit seinen Bergkameraden

konnte er wohl diese Erfahrung machen.

Wegen einer schwerwiegenden Knieverletzung wurde der sportliche Bewältigungsweg aber

zunehmend schwieriger und die Wertschätzung für seine Leistungen als Sportler brüchiger. Je

schwieriger die sportorientieren Wege wurden, desto mehr rückte er andere Strategien zum

Erreichen von Wertschätzung ins Zentrum seines Handelns. In der Erwerbsarbeit setzte er

seine handwerklichen Fähigkeiten hierfür ein und im Pfullinger Gemeinwesen setzte er offenbar

mehr und mehr auf kommunikative Kompetenzen und Kreativität, um Dinge zu tun, die

ihm persönlich sinnvoll erschienen und dabei einerseits seinen persönlichen Sinn zu weiter zu

entwickeln und andererseits für seine „eigensinnigen“ Beiträge wertgeschätzt zu werden.

Mehr und mehr richtete sich sein Handeln dabei auf die Sorgearbeit für eine gute Atmosphäre

und die Sorgearbeit für entwertete Werte.

Zunehmend im Lauf der Zeit erreichte Peter Kramer Anerkennung, indem er „Inszenierungen“

kreierte, in dessen Zentrum er selbst stand. Zunächst waren es offenbar noch eher situative

Inszenierungen bei Festen bzw. an den Wochenenden − wenn er zum „Schemberg-Wirt“

wurde. Auf „seinem“ Schönberg und auch bei ungebetenen − aber trotzdem für manche Pfullinger/innen

willkommenen − „Auftritten“ im Rahmen von Hocketen, anderen öffentlichen

Anlässen und auf privaten Festen, wie Hochzeiten, nahm er prägende Rollen ein. Das heißt, er

konnte in bestimmten Grenzen die Atmosphäre in diesen Situationen (mit-) bestimmen und

teilweise auch die moralischen Regeln. Oft sorgte er vor allem durch humoristische Aktionen

für Gelächter und gute Stimmung. Er habe eine Atmosphäre geschaffen, so dass man sich

habe wohlfühlen können, berichten fast alle Befragten.

Diese Wertschätzung erwies sich allerdings zunehmend als eine geteilte und auch brüchige.

Der Albverein als Verpächter des Kiosks im Turm schien immer weniger begeistert von den

skurrilen Späßen des „Schemberg – Wirts“ und vielleicht auch von seinem Alkoholkonsum.

Auch die Wertschätzung der Gäste war unterschiedlich. Es gab viele, die Peters Tätigkeit als

wichtigen Beitrag zur örtlichen Geselligkeit schätzten. Es gab aber auch andere Stammbesucherinnen,

die kaum oder keine positive Wertschätzung zeigten. Einer seiner Freunde meint,

das liege daran, dass viele Leute über Peters diesbezüglichen Beitrag zum Gemeinwohl nicht

73 Videodokumentation 15.10.10

74 Interview 27.1.11

75 Interview 7.3.11

76 Dokument 15.10.10

47


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

nachgedacht hätten, dass sie sich seiner Leistungen nicht bewusst seien: „I denk, d´ Leut hen

do net drüber reflektiert, was dr Peter do ihne entgegabrocht hot, dass se sich wohlfühla

könnat, dass, dass se bloß naufkomma müßad ond alles ischd emmer do, (…). Jo, se hend

bloß nauf müssa.“. 77

Es waren wohl nicht zuletzt die teilweise fehlende Wertschätzung im Heimatmilieu, die Auflösung

der bisherigen Familienstruktur durch Scheidung der Ehe und insbesondere das Ende

der Erwerbsbiografie, die schließlich seine Aktivitäten immer mehr in Richtung „Schaffwerk“

– Projekt Gönninger Straße 112 lenkten.

Die Befragten in unserem Erkundungsprojekt berichteten übereinstimmend, dass es Peter

Kramer beim Kauf des Hauses zunächst darum gegangen sei, das alte Bauernhaus zu erhalten

und zu verhindern, dass anstelle dessen dort eine moderne Wohnanlage entstehen könnte –

dies hatte er offenbar befürchtet.

Im weiteren Verlauf jedoch stellte sich das Projekt wohl als eine ergiebige Möglichkeit für

Peter Kramer zur gestalterischen Bearbeitung seiner persönlichen Lebensthemen bzw. Sinnfragen

heraus.

„Ein Mann schmiedet sein Leben in Kreise“ – Das „Schaffwerk“ als Sinnfindungsprojekt

„Ein Mann schmiedet sein Leben in Kreise“ – so überschrieb eine Lokaljournalistin im Jahr

2005 einen Artikel über Peter Kramers Haus und Grundstück in der Gönninger Straße 78 . Der

Titel bezieht sich auf die „wagenradgroßen geschmiedeten Kreise, die seinen Gartenzaun

entlang des Eierbachs bilden. Der Zaun spiegelt das wider, was Peter Kramer wichtig ist.

„Hier sind die Stalagmiten und Stalagtiten, die für mich die Geschichte der Erde symbolisieren“,

zeigt der Pfullinger auf die Formen, die wie eiserne Zähne aus dem Rund ragen. Gleich

daneben eine zu Metall gewordene Schützenscheibe („schließlich bin ich im Schützenverein“)

und dann folgt ein Wagenrad mit dem Schönbergturm („dort habe ich 32 Jahre lang jeden

Sonn- und Feiertag den Wirtsdienst gemacht“). Die Reihe ist noch nicht zu Ende: Das Bergwacht-Kreuz

ist im nächsten Metall-Kreis zu finden, schließlich ist Kramer auch hier Mitglied.

Es folgen Sonne, Mond und Sterne und die olympischen Ringe, denn der Mann ist auch

noch Sportfan. Ach ja: Eine Weinrebe und Brezeln, die er ebenfalls in die Räder geschmiedet

hat, sprechen für sich. Kramer hat sein Lieblingsgetränk und seine Lieblingsspeise am Gartenzaun

verewigt“ 79 – er hat dabei etwas vom persönlichen Sinn seines Lebens herausgearbeitet

und weiterbearbeitet. Für diese sinnvolle und sinnstiftende Arbeit machte er sich nicht zuletzt

Fähigkeiten zu Nutze, die er im Laufe seines Erwerbsarbeitslebens erworben hatte.

Ein Bewahrer und Sammler alter geschichtsträchtiger Dinge war Peter Kramer schon vor dem

Erwerb des Bauernhauses gewesen. Er sammelte alte Bügeleisen, Bierkrüge, Bierdeckel,

Waffen, Sensen, Rechen und vieles mehr. Mit dem neuen alten Haus hatte er nun mehr Platz

für diese Sammlerstücke. Dass er die Dinge zu eigenen teilweise auch abstrakten Kunstwerken

weiterverarbeitete, das war allerdings vor allem eine Entwicklung seiner späten Jahre.

Der befragte Geschichtslehrer-Freund berichtete, dass das etwa 10 Jahre vor seinem Tod

„umgeschlagen“ habe, wie er sagt. Damals, mit 58 Jahren, verlor Peter seine Erwerbsarbeit als

Schlosser und trat auch bis zum Renteneintritt keine Stelle mehr an. Das Haus entwickelte

sich nun immer mehr zum „Gesamtkunstwerk“ – so nannten es verschiedene Interviewpartner/innen

aus seinem Umfeld. Der befragte Freund beschreibt die Entwicklung mit

folgenden Worten: „Nocher isch er drauf komma, hot gsagt, do kennt i jetzt eigenlich doch

was draus macha. Ond so hat er ogfanga, seine Kunschd zu entwickla, hon i da Eidruck ghet.

On do hot er sich dann neiglebt. I han ihm au a baarmol saga miaßa: Peter, isch erschtaun-

77 Videodokument 27.1.11

78 Rupprecht 2005

79 ebd.

48


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

lich, als, wenn Du des net agfanga heddesch, heddesch jo koi Ziel mehr ghet.“ – „und“, sagte

sein Freund, das habe Peter dann auch so bestätigt. 80

Im Zentrum seiner Kunst scheint vor allem Peter Kramer selbst zu stehen. Nicht nur, dass er

sein Leben in Kreise schmiedete – auch symbolisiert beispielsweise das Hufeisengitter vor

einem der Fenster einen Familienstammbaum und die Holzwellen an der Grenze zum Gehweg

stehen für die sieben Weltmeere, wie eine Nachbarstochter zu berichten wusste, und „wenn

der Eierbach mal wieder hochkommt, wie es ja schon mal war, dann setzt er sich hier drauf

und geht mit dem Eierbach runter." 81 So hatte es Peter Kramer ihr vor einigen Jahren erzählt.

Er erzählte viele Geschichten und er schuf viel Stoff für Geschichten − Geschichten, die aus

der Sicht vieler Menschen seiner Umgebung auch aus den Gegenständen sprechen, die er in

seinem Pfullinger gesammelten Gesamtwerk präsentierte.

Die vergegenständlichte Arbeit am persönlichen Sinn Peter Kramers ist eng verbunden −

gleichsam materiell und ideell verschweißt − mit den gesammelten Gebrauchsgegenständen,

mit den von ihnen erzählten Geschichten und Symbolen seiner Pfullinger Heimat. An vielen

Stellen im Haus und im Garten kann man die Initialen „PK“ für Peter Kramer finden. Und

ebenso auffällig sind die zahlreichen Wahrzeichen seines Wohnortes – auch der Eismann trägt

das Pfullinger Wappen.

Seine gestaltende Arbeit verband er mit der Sorge um alte Dinge bzw. entwertete Werte und

mit seinem Gespür für das Atmosphärische – das Haus war nicht zuletzt auch ein „eigensinniger“

Begegnungsort.

Durch dieses „eigensinnige“ Haus aber konnte Peter Kramer vor allem auch die Bedingungen

verbessern in dem für ihn maßgeblichen im Aushandlungsprozess von Wertschätzung.

„Heimspiel“ − Persönliche Strategien im Aushandlungsprozess von Wertschätzung

In der Gönninger Straße 112 schuf Peter Kramer sich verbesserte Bedingungen im Ringen um

Anerkennung. Mit dem Haus an einer vielbefahrenen Ausfallstraße konnte er sich dauerhafte

hohe Aufmerksamkeit sichern und erlangte mehr eigene Gestaltungsmöglichkeiten beim Aushandeln

der Anerkennung seiner besonderen Leistungen durch Andere.

Er organisierte sich – um es durch einen Vergleich mit Sportwettkämpfen zu illustrieren – ein

permanentes „Heimspiel“ und erhöhte dadurch seine Erfolgschancen. Zwei sich ergänzende

persönliche Handlungsstrategien von Peter Kramer lassen sich auf der Grundlage unserer Erkundungsergebnisse

nachzeichnen. Es sind Strategien, deren strategisches Mittel das

„Schaffwerk“ in der Gönninger Straße ist. Das Haus half, den Beitrag von Peter Kramer zur

Wohlfahrt in ein günstiges Licht zu stellen. Darüber hinaus verband sich mit dem Haus eine

Entwicklung, in deren Verlauf die Werte des Herkunftsmilieus für Peter Kramer nicht mehr

die einzigen waren, an welchen er sein Schaffen messen lassen musste.

1. Eine passende Bühne − Den eigenen Beitrag in ein günstiges Licht stellen

Aus dem bis dahin auf bestimmte Zeiten und Situationen begrenzten Setting seiner öffentlichen

Auftritte wurde eine Art Dauermitmachvorstellung. Dauerhaftigkeit und

hohe Aufmerksamkeit gewann die Inszenierung dabei vor allem dadurch, dass sie als

materialisierte Darstellung und Selbstdarstellung im Raum präsent war. Das Haus und

der Garten darum herum entwickelten sich zu einer Erzählung Peters von sich selbst –

zugleich aber auch von Pfullingen und der Welt. Er verband in seinem „Schaffwerk“

Dinge, die im Hinblick auf seine persönlichen Sinnfragen Sinn machten, nicht zufällig

mit dem, was auch für andere „Ur - Pfullinger“ von Bedeutung ist: Die gemeinsamen

80 Interview 27.1.11

81 Videodokument 15.10.10

49


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Symbole, vermeintlich ausgebrauchte landwirtschaftliche Geräte, alte industrielle Apparaturen,

Holz und altes Eisen etc. Solche Dinge machte Peter Kramer in den Augen

vieler Menschen aus seinem sozialen Umfeld wieder „lebendig“, so beschrieben es

Befragte im Rahmen des Aktionsforschungsprojektes.

Er verband geschichts- und geschichtenträchtige Dinge 82 zu neuen Installationen und

er verband das Schaffen an solchen Objekten in seinem Schaffen mit vielfältigen sozialen

Interaktionen.

Wenn er ums Haus herum an seinen Objekten werkelte, dann kamen viele Leute mal

kurz „auf einen Schwatz vorbei“ 83 – weit überwiegend waren das offenbar Männer. Peter

selbst ging sehr offensiv auf Passantinnen und Passanten zu. „Jeder, der hier vorbeispazierte,

zu Fuß, mit´ m Fahrrad oder den mr irgendwie ansprechen konnte, wurde

angesprochen“, erzählte einer seiner Helfer. 84

Peter Kramer präsentierte der Öffentlichkeit offensiv sein Werk und sich selbst, schuf

in den Begegnungen mit anderen ums und im Haus aber offenbar auch eine Atmosphäre,

die das Haus zum „Auszeithaus“ bzw. „Anregungshaus“ werden ließ. Für diese

von vielen Leuten wertgeschätzte Atmosphäre spielte das von ihm gestaltete Ambiente

des Hauses offenbar eine erhebliche Rolle.

Die Art und Weise, wie sich Peter Kramer auf der „Bühne“ der Gönninger Straße 112

gab, sein milieukompatibler Arbeitsstil als „Pfullinger Schaffer“, trug vermutlich

ebenfalls erheblich dazu bei, dass seine besonderen Leistungen von Leuten aus seinem

Herkunftsmilieu anerkannt wurden. Es ging oft lustig zu bei seinen Aktionen, aber

wichtig war darüber hinaus auch, dass er einer war, der bei seinen Präsentationen das

Arbeitsame seines Milieus repräsentierte. „Er hat zu jeder Uhrzeit gearbeitet. Fast

ständig war von irgendwo auf seinem Grundstück zu hören, wie er klepperte und

schepperte.“ 85 . Man sah ihn meist in der blauen Latzhose des Schlossers und viele

Leute betonen, dass er etwas von seinem Handwerk verstanden habe. Auch kultivierte

er das breite Pfullinger Schwäbisch. Selbst viele schriftliche Zeugnisse von ihm sind

auf schwäbisch geschrieben. Hierzu gehört beispielsweise ein Tafelaufschrieb vor seinem

Haus mit der Ankündigung der eigenen Herstellung von Apfelmost. Diese örtliche

Tradition pflegte er wie manch anderen Brauch gemeinsam mit Leuten aus seiner

sozialen Umgebung und umgeben war er vor allem von Männern. Den Gepflogenheiten

dieses Umfeldes entsprechend kannten ihn viele als Mann der derben Sprüche.

Sowohl das Schaffen einer Präsentationsbühne und eines Kommunikationsraumes als

auch der Stil der dortigen Inszenierungen begünstigten die Anerkennung im Umgebungsmilieu.

Anders als die vorgenannte „Strategie des günstigen Lichtes“ zielte die „Strategie des günstigen

Wertmaßstabes“ darauf ab, vor allem denjenigen Menschen bzw. Personengruppen Bedeutung

im Hinblick auf die Wertschätzung des eigenen Schaffens zu geben, deren Maßstab

die eigene Leistung zu schätzen weiß.

2. „Seine Speziellen hat er schon hereingelassen“ – Günstige Maßstäbe anlegen (lassen)

Aus einer Perspektive heraus, die nach Peter Kramers Strategien beim Aushandeln von

Wertschätzung fragt, lässt sich das „Schaffwerk“ als eine Art Kontroll- und Kommu-

82 „Geschichtsträchtig“ sei das Haus, antwortet ein Mann bei einem Straßeninterview in der Innenstadt spontan, als ich ihn

frage, ob er das Haus in der Gönninger Straße 112 kenne (Videodokumentation 30.5.11).

83 Dokument 15.10.10

84 Interview 7.3.11 / 2

85 Dokument 15.10.10 − Trauerrede der Tochter

50


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

nikationszentrum beschreiben. Hier schuf er sich sein eigenes Reich und residierte wie

ein König. In diesem Reich galten seine eigenen Normen und Werte. Hier regierte der

Schalk und hier hatten andere seine Regeln zu befolgen – nicht zuletzt auch seine Regeln

für die Herstellung und Gestaltung sozialer Verbindungen.

Man konnte ihn hier nur treffen, wenn er dazu wirklich bereit war. Zeichen seiner Bereitschaft

war die Öffnung eines bestimmten Fensterladens – auf diesem ist eine goldene

Krone zu sehen. Es gab eine Tafel am Hauseingang, auf der man ihm Nachrichten

hinterlassen konnte. Aber er alleine entschied, wen er hereinließ. „Seine Schpezielle

hot er scho reiglassa“, sagte sein Freund von der Bergwacht. 86

Das Kontroll- und Kommunikationszentrum erlaubte es ihm, für ihn passende Personen

bzw. Personengruppen zu bestimmen, welchen er Zugang gewährte. Hereingelassen

hat er offenbar jene, die ihn und sein „Schaffwerk“ zu schätzen wussten. Das waren

Menschen aus den Vereinen seines Heimatmilieus und auch ganz andere mit einem

gewissen Abstand zu diesem Milieu – der Geschichtslehrer beispielsweise, der

Freund aus Tunesien, der Mithelfer aus Ungarn, der studierte Textildesigner oder auch

der von uns befragte Pfullinger Künstler.

Peter Kramers knüpfte gegen Ende seines Lebens mehr und mehr soziale Bezüge auch außerhalb

seines „Urpfullinger“ Herkunftsmilieus.

Er blieb sein Leben lang „Pfullinger vom Zehen bis zur Haarspitze“, wie es eine Befragte

ausdrückte 87 , aber den Horizont der für ihn in als Orientierung in Frage kommenden Werte

bzw. Wertmaßstäbe reichte mehr und mehr über die Orientierung am Traditionellen und am

Maßstab des Praktischen hinaus. Mit seinem sich verändernden Netzwerk erweiterten sich

auch die Perspektiven, unter denen der Nutzen des „Schaffwerks“ geschätzt wurde. So kam

bzw. kommt nun neben dem direkten Nutzen für Peter Kramer auch der allgemeine Nutzen

des „Schaffwerks“ in den Blick – der Nutzen nicht zuletzt auch für die Weiterentwicklung des

Gemeinwesens.

5.3.2 Aushandlung II − Eine Geschichte von der Bedeutung für „die Leute“

Die verschiedenen sinnstiftenden Handlungen und unterschiedlichen sozialen Kontakte im

Leben von Peter Kramer weisen im Lauf der Zeit bei allen Veränderungen auch bleibende

Verbindungen bzw. Gemeinsamkeiten auf. Die Bodenständigkeit beispielsweise ist ein roter

Faden, der sich durch sein Schaffen zieht und auch seine sozialen Kontakte prägte. Bodenständig

heißt hier auch, dass der Ort Pfullingen ein Fixpunkt in seinem Leben war und blieb.

Symbolisch hierfür könnte der Fußboden in seiner Stube in der Gönninger Straße stehen. Dort

hat er einen Punkt mit den Pfullinger Farben − blau, weiß und rot − aufgemalt. Und drum

herum zog er konzentrische Kreise. Pfullingen sei hier der Mittelpunkt der Welt, hatte er erklärt.

88 Er selbst, aber auch das Pfullinger Gemeinwesen, standen im Mittelpunkt seines

„Schaffens“ – und auch das schätzten die Leute.

Die weit überwiegende Mehrheit der von uns befragten Menschen, die Peter Kramers

„Schaffwerk“ schätzen, erscheinen wie dieser nicht nur in dem Sinne bodenständig, dass sie

einen eher unprätentiösen Lebensstil pflegen, sondern auch in dem Sinne, dass diese Menschen

einen engen inneren Bezug zu der Kleinstadt am Fuß der Schwäbischen Alb haben.

Dies gilt nicht nur für die Leute aus dem ortsansässigen kleinbürgerlichen Arbeitnehmerum-

86 Interview 7.3.11

87 Interview 27.7.1

88 vgl. Dokument 15.11.10

51


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

feld, sondern auch für jene am „Schaffwerk“ wertschätzend Interessierten mit einem gewissen

Abstand zu diesem Herkunftsmilieu von Peter Kramer.

Gemeinsam ist es den allermeisten Menschen aus dem wertschätzenden Umfeld des „Schaffwerks“

offenbar unabhängig vom jeweiligen Abstand zu Peter Kramers „Ur-Pfullinger“ Herkunftsmilieu

auch, dass sie Lebensweisen schätzen, die in einer modernen kapitalistischen

Gesellschaft tendenziell entwertet werden – Lebensweisen, die nicht bzw. nicht mehr oder

schwer mit den Gesetzen des Marktes vereinbar sind. Diese Menschen blicken auf die Dinge

und Geschichten der Vergangenheit im Zusammenhang mit dem „Schaffwerk“ offenbar auch,

weil für sie darin etwas von den Werten und besonders auch etwas von den Formen des Zusammenseins

sehen, die heute kaum mehr einen Wert haben, weil es sich gemessen am unmittelbaren

Nutzen kaum mehr lohnt, sich darum zu kümmern. Menschen, die dieses entwerten

Werte schätzen, die sie in ihrem Pfullinger Gemeinwesen vermissen, diese Leute schätzen das

„Schaffwerk“ von Peter Kramer, der die unbezahlbare bzw. unbezahlte Sorgearbeit um die

alten unschätzbaren bzw. ungeschätzten Werte übernahm.

Für die traditionell orientierte Bevölkerung in Pfullingen entstand − darauf deuten eine Reihe

von Interviewaussagen − in den vergangenen Jahrzehnten ein zunehmendes Modernisierungsproblem.

Der befragte Künstler meinte, dass Pfullingen aus einer Sicht in seiner Entwicklung

stehen geblieben sei. In unserem Gespräch, drückte er das karikierend so aus: „I hab

scho gsagt: Am beschta, mar macht a große Glocke drüber. lässt des ganze no 30 Johr schtanda.

No macht mar die Glocke wieder ronder. No kammer so s´ Paradedorf oder Schtadt

der 80er Johr präsentiera“. 89 − Aus Sicht des Künstlers ist Pfullingen in seiner Entwicklung

vor Jahrzehnten stehen geblieben.

Dieser Befragte schätzt es zwar, wie so viele Leute, denen wir bei unseren Erkundungen begegneten,

wenn das Vergangene nicht einfach entsorgt wird. Er unterscheidet sich allerdings

von anderen Haltungen, die in Pfullingen und in Peter Kramers Herkungsmilieu verbreitetet

sind, dadurch, dass er das Alte nicht vor allem bewahren, sondern gestalten und weiterentwickeln

will. Es sind offenbar insbesondere jene Menschen mit einem gewissen Abstand zum

konservativen Herkunftsmilieu Peter Kramers aber gleichzeitiger Bodenverhaftung in Pfullingen,

die solche Gestaltungsprozesse wertschätzen und teilweise auch vorantreiben.

In traditionsorientierten bodenständigen Milieus lösen gesellschaftliche Modernisierungsprozesse

in der Regel Irritationen aus (vgl. Vester et al. 2001: 486 f.).

Eher autoritätsorientiere Gemeinschaften wie auch jenes Milieu, das Pfullingen und das direkte

Umfeld von Peter Kramer lange Zeit prägte, reagieren auf solche Irritationen mit Abschließungstendenzen

– darauf deutet die Milieuforschung (vgl. ebd.: 31), aber auch eine Reihe von

Hinweisen im Rahmen unserer Recherchen.

„Ha jo, d´Pfullinnger, d`Pfullinger send normalerweis Konservadive“, sagte einer der Interviewpartner

aus Peters Freundeskreis und fügte hinzu, dass der Gemeinderat lange Zeit von

den Bauern geprägt gewesen sei. Die Konservativen hätten schon nach dem 2. Weltkrieg

verhindert, dass sich Reutlinger Betriebe in einem neu ausgewiesenen Pfullinger Industriegebiet

hätten ansiedeln können. Man habe die Pfullinger Handwerker und Kleinbetriebe bevorzugt.

Mit den Worten „des sen dia bsondre Pfullinger“, verdeutlichte er die aus seiner Sicht

besonderen traditionellen Abschließungstendenzen in der Kleinstadt. 90

Nicht zuletzt durch die vielen „Zugezogenen“ – das zeigen viele Äußerungen von Befragten

in unseren Interviews – hat das relativ abgeschlossene, rückwärtsgewandte und inzwischen

89 Videodokument 27.6.10

90 Interview 7.3.11

52


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

wohl vorwiegend aus älteren Menschen bestehende Milieu seine frühere kulturelle Hegemonie

in Pfullingen verloren.

Ein zugezogener Ingenieur, den ich bei unseren Erkundungen in einem Pfullinger Straßencafe

ansprach, sagte, dass er die ursprünglichen Einwohnerinnen und Einwohner im öffentlichen

Leben als wenig auffällig wahrnehme. „das urtypisch Schwäbische“, meinte er, werde „natürlich

auch eingefärbt durch viele Leute, die von Extern kommen“. Etwas später im Gespräch

fügte er hinzu: „Meist ist es ja so, dass die Alteingesessenen nicht so wirklich in den

Vordergrund treten“ 91 . Das ist einer von vielen Hinweisen, dass die „Ur-Pfullinger/innen auf

dem Rückzug sind – und mit ihnen die früheren Dinge, Lebensweisen, Symbole und Werte.

Auf diesem Hintergrund kann es als eine besondere Leistung von wertzuschätzender Bedeutung

verstanden werden, dass Peter Kramer mit seinem „Schaffwerk“ dem Althergebrachten

und den Alteingesessenen zugleich eine Plattform verschafft und aber auch Entwicklungsmöglichkeiten

gegeben hat. Er tat dies symbolisch durch die Gestaltung des Neuen aus alten

Dingen, aber auch dadurch, dass sein „Schaffwerk“ viele Verbindungen mit anderen Leuten

mit anderen Betrachtungsweisen als den herkömmlichen stiftete. Er schuf neue Perspektiven

und war „ein verbindendes Element auf“, aber „auf kontroverse Art und Weise“, wie es einer

unserer Gesprächspartner ausdrückte. 92 Durch sein Schaffen entstanden Anregungen, die – so

beschreibt es die Tochter“ – die Leute in Pfullingen „aus ihrem Trott“ 93 holten. Das „Schaffwerk“

erscheint in diesem Zusammenhang gleichsam als Medium zwischen traditioneller

Bewahrung und moderner Öffnung in Pfullingen. – Auch dies gehört zum Erbe von Peter

Kramer.

6 Schlussfolgerungen: Das Identitätsprojekt – Eine Fortsetzungsgeschichte

Was war das? Was ist das? Was kann das sein? − Wir fragten nach der Identität des Hauses,

als wir unser Aktionsforschungsprojekt rund um das Pfullinger „Schaffwerk“ von Peter Kramer

begannen.

Doch stellten die Tochter und Erbin des Hauses in der Gönninger Straße 112 und ich als Forscher

uns diese Fragen im Herbst 2010 noch nicht bewusst unter dem Gesichtspunkt der Identität.

– Dieser Blickwinkel rückte erst dadurch ins Zentrum unserer Wahrnehmung, dass zuvor

die Person Peter Kramer und die Wertschätzung seines „Schaffwerks“ durch die für ihn bedeutsamen

anderen Menschen in dieses Zentrum gerückt worden war.

Die Zusammenschau der von uns erfahrenen Sichtweisen im Umfeld des „Schaffwerks“ ließ

dieses Bild entstehen:

Wir sehen das Erbe ist ein Identitätsprojekt. Dabei geht es um die persönliche Identität von

Peter Kramer, um kulturelle Identität des Pfullinger Gemeinwesens und – in Fortsetzung der

bisherigen Geschichte – auch um die Identität der Erbin.

„Wer bin ich, wer war ich und wer werde ich sein?“ (Straus 2008: 4) – stimmige Antworten

auf diese und ähnliche Fragen zu geben, ist nach meinem hier zu Grunde gelegten Verständnis

ein wesentlicher Sinn des Arbeitens an der eigenen Identität.

91 Videodokument 30.5.11

92 Videodokument 7.3.11/2

93 Audiodokument 11.3.11

53


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Die so entstehenden Identitätskonstruktionen verändern sich fortwährend und mit ihnen auch

die Antworten auf oben genannte Fragen. Vor allem auch durch Erzählungen von sich selbst

„versucht das Individuum für sich und bestimmte Lebenswelten eine verstehbare, sinnvolle

und auch selbstbestimmte Form zu finden“ (ebd.). Für sich selbst und für seine soziale Umgebung

hat Peter Kramer in besonders greifbaren, weil vergegenständlichten Erzählformen

Antworten auf seine Identitätsfragen gegeben.

Wie alle Identitätsarbeit, waren diese Antworten − war auch sein Schaffwerk − immer im

Fluss. Auch arbeitete er dabei, wie alle Identitätsarbeiter und Identitätsarbeiterinnen, nicht

bloß für sich alleine. Jede Identitätsbildung geschieht bezogen auf das jeweils individuell bedeutsame

Umfeld. Die Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster des Umgebungsmilieus wirken

zurück auf die Erzählungen, die ein jeder und eine jede von sich selbst haben kann bzw.

die er oder sie zu erzählen oder auch nur zu denken wagen kann, wenn er nicht in seiner Zugehörigkeit

zur Gemeinschaft bedroht werden will (vgl. Straus 2008).

Peter Kramer hat sich bei seinem Schaffen des „Schaffwerks“ am Wertmaßstab seines Herkunftsmilieus

orientiert, die Grenzen dieses Maßstabes ausgelotet und wohl auch zu seiner

Veränderung beigetragen.

Menschen arbeiten ein Leben lang an ihren Identitäten – in einem Prozess, der diskontinuierlich

verläuft und von Identitätskrisen vorangetrieben wird (vgl. Straus 2008: 3).

Solche Krisen spitzen sich in bestimmten Lebenssituationen zu − wenn die Balancen von subjektiven

und gesellschaftlichen Anforderungen durch die Betroffenen und ihre Umwelt neu

austariert werden müssen.

Identitätskrisen spitzen sich zu, wenn Menschen Bilder von sich selbst und Bilder, die Andere

von ihnen haben, sich teilweise grundlegend verändern (müssen), weil auch die Verhältnisse

des Lebens sich grundlegend ändern.

In diesem Sinne stellt sich mir das „Schaffwerk“ als Ausdruck und Mittel der Bewältigung

einer persönlichen und einer kollektiven Identitätskrise dar.

Für Peter Kramer persönlich trug das „Schaffwerk“ offenbar nicht zuletzt auch zur Bewältigung

des schwierigen Übergangs in eine neue Lebensphase bei, in welcher der bis dahin geschätzten

Handwerker „als altes Eisen“ entwertet zu werden drohte. Mit dem Ende der Erwerbsarbeitsphase

verloren auch die für ihn bis dahin noch maßgeblichen Orientierungen auf

Pflichterfüllung und auf den praktischen Nutzen ihre bisherige Vorrangstellung. Aus Sicht des

Geschichtslehrers − seines von mir befragten langjährigen Freundes − war Peter Kramer in

seinen Rentnerjahren viel weniger auf die Wertschätzung durch sein Pfullinger Heimatmilieu

angewiesen, als noch als junger Mann: „Zerscht hot er scho Anerkennong wolla, aber irgendwann

hot er gsagt: Ihr kennad mi mol, ond jetzt mach ihs erscht reacht, was i will. Also,

ihm hot des nix meh ausmacht, was d Pfullinger über ihn redad“. 94

Nach dem Ende seiner Erwerbsarbeitszeit lösten sich die Loyalitätsbande zum pflichtorientierten

kleinbürgerlichen Arbeitnehmermilieu und der Schaffer löste sich mehr und mehr von

der Identität des pflichtbewussten Auftragsschweißers, der er als Hochdruckrohrschlosser

gewesen war. Er nutzte nun vielmehr seine handwerklichen Fähigkeiten vor allem zur kreativen

Bearbeitung der persönlichen und kulturellen Identität.

Als Ausdruck und Mittel der Bewältigung einer kulturellen Identitätskrise seines Herkunftsmilieus

lässt sich das „Schaffwerk“ verstehen, weil auch die Menschen in diesem Milieu

durch sich verändernde gesellschaftliche Rahmenbedingungen vor der Gefahr stehen, zum

„alten Eisen“ zu gehören. Die traditionellen Werte der bodenständigen Alteingesessenen ver-

94 Interview 27.1.11

54


Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

lieren durch Modernisierungsprozesse ihre Relevanz und die alten Dinge und Lebensweisen

werden heute mit dem Maßstab der Marktökonomie in einer schnelllebigen Wegwerfgesellschaft

gemessen.

Ausblick: Das „Schaffwerk“ als Fortsetzungsgeschichte

„Ist das Kunst oder kann das weg?“ – So lautet die Frage, die auf Wunsch von Peter Kramers

Tochter in großen Lettern am „Schaffwerk“ ihres Vaters zu lesen sein wird, wenn das Identitätsprojekt

im April 2012 seine öffentliche Fortsetzung findet.

Im Rahmen einer interaktiven Ausstellung sollen dann Geschichten und Bilder über Peter

Kramer, sein „Schaffwerk“ und über unsere Aktionsforschung zur Wertschätzung und den

Nutzen für die Menschen darum herum präsentiert werden.

Gemeinsam mit Sabine Kramer werde ich Bilder skizzieren, Geschichten berichten und Videoaufnahmen

zeigen über Zusammenhänge, die wir im Rahmen unseres Erkundungsprojektes

seit dem Tod von Peter Kramer erfahren, geordnet und ein wenig besser verstanden haben.

Diese Inszenierung soll ausgehend vom Beispiel Peter Kramers und seinem Identitätsprojekt

zur Verständigung von Leuten mit ganz unterschiedlichen Wertmaßstäben beitragen. Dabei

geht es vor allem auch um die Frage: Was hat welchen Nutzen?

Was hat welchen Nutzen? − Das ist die zentrale Frage, die auch den Umgang mit Peter Kramers

Erbe in Pfullingen bestimmt. Dies hatte sich schon kurz nach Peter Kramers Tod angedeutet,

als ein Pfullinger Journalist vorschlug, das „Erhaltenswerte“ ins Heimatmuseum einzugliedern

95 . Sein zentrales Auswahlkriterium schien für diesen Journalisten vor allem zu

sein, ob das jeweilige Objekt von touristischem Interesse ist. Was dem Aufbau der „Tourismusindustrie“

dient, gilt nach diesem Wertmaßstab als nützlich und damit erhaltenswert.

Für den von uns befragten und ebenfalls durchaus an der Tourismusförderung in Pfullingen

interessierten Künstler hingegen wird der Nutzen des Schaffwerks (auch noch) nach anderen

Kriterien bestimmt. Er schätzt es als wichtigen Wert von Peter Kramers Schaffen ein, dass

dieser bei aller Bodenverhaftung „das Leben aus dem Abstand des Künstlers“ betrachtet habe.

Aus der Sicht des Schöpfers der „Hommage à Peter Kramer“ schaffte Peter diesen Abstand,

„indem er den Alltag mit seinem Funktions- und Funktionalitätszwang“ loslöste. 96

Aus einer vergleichbaren Betrachtung heraus ist die Idee entstanden, das „Schaffwerk“ zukünftig

als einen Ort weiter zu führen, der dem Wohlsein und der Entwicklung dient – als

soziales und kulturelles Projekt in Pfullingen. Dabei wird nicht vorschnell das kurzfristig

Nützliche bzw. „Erhaltenswerte“ von dem getrennt, was im Sinne des kurzsichtigen Nutzenverständnisses

der kapitalistischen Marktökonomie als nutzlos gilt.

Peter Kramer und sein Pfullinger „Schaffwerk“ sind ein Beispiel für die Verbindung des bodenständigen,

praktischen unmittelbaren Handelns und Erlebens – des unmittelbaren Nutzens

– mit einer Handlungsperspektive, die das vermeintlich Unnütze, Irritierende und manchmal

Störende dazu „benützt“, die Leute „aus ihrem gewohnten Trott zu bringen“, wie es die Tochter

ausdrückte. 97

Daraus entstand in Pfullingen vielleicht nicht immer ein unmittelbar greifbarer, aber offenbar

ein allgemein spürbarer Nutzen.

95 Dokument 15.11.10

96 Dokument 19.11.10 – Begleittext der Installation

97 Interview 11.3.11

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Das Erbe – Aktionsforschung im lokalen Aushandlungsfeld von Wertschätzung, Sinn und Bedeutung

Sabine Kramer will das „Schaffwerk“ im Geist ihres Vaters weiterführen und sich zugleich

auch davon lösen. Sie möchte für sich selbst, die Menschen um sie herum und die Leute in

Pfullingen etwas beitragen, was ihren eigenen Neigungen und Fähigkeiten entspricht. Das

„Schaffwerk“ ist jetzt ihr Identitätsprojekt – und das geht weiter.

7 Literatur

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Frankfurt am Main

Welzer, Harald (2009): Die Kultur der Achtsamkeit. Die Tageszeitung vom 5. / 6. September

2009. S. 3

Erklärung

Ich versichere, dass ich die vorliegende Arbeit selbständig und ohne fremde Hilfe angefertigt

habe und keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel benutzt und die verwendete Literatur

vollständig aufgeführt sowie Zitate kenntlich gemacht habe. Ich versichere ferner, dass die

Arbeit noch nicht zu anderen Prüfungen vorgelegt wurde.

Tübingen, den 15. 12. 2011

Harald Sickinger

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