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Schüulerzeitung

ü

#25

Schuljahr

2020/21

Bruneck

Nikolaus Cusanus

Sprachen- und Realgymnasium

So nicht!

Aufstände 2020

Risse in der Gesellschaft

Wo Ungleichheit herrscht und wo Gerechtigkeit gelingt

Anfänge

des

Sexismus

Fragen, die

die Menschheit

spalten


Wer & was

3

Redaktion

4

Scientology

Inhalt

7

Ich bin ein

Glückskind

12

Eine Tasse

voll

Glück

Impressum

Herausgeber

Sprachen- und

Realgymnasium

„Nikolaus Cusanus“

Bruneck

22

Proteste und

Aufstände

2020

18

Soziale

Netzwerke

16

Alles, nur

nicht

down

14

Rivalisierende

Geschwister

Chefredakteurin

Bettina Gartner

Redaktion

Salome J. Bergmann

Eva Hell

Barbara Kofler

Thomas Mair

Natan N. Mutschlechner

Andrea Moser

Mara Nicolussi Moz

Lisa Passler

Emilie Sophie Ploner

Anna Recla

Samuel Schneider

25

Antisemitismus

41

Geschlechter

im

Sport

28

Homophobie

38

Mathe und

Mädchen

30

Schwieriges

Schweigen

36

Im

Interview

32

Frauenquote

34

Anfänge des

Sexismus

Titelbild

© Pixabay, xusenru

Layout-Konzept

Adam Kammerer

42

Kleiderpower

44

Spaltende

Fragen

48

Mauer im

Kopf

52

Vermüllte

Meere

Gestaltung

Richard Kammerer

argus

56

Aus dem

Cusanus-

Gymnasium

54

Müll

made in

Italy

2


Die ARGUS-Redaktion

Wer & was

Samuel Schneider

Eva Hell

Lisa Passler

Thomas Mair

Mara Nicolussi Moz

Salome J. Bergmann

Anna Recla

Emilie Sophie Ploner

Andrea Moser

Barbara Kofler

Natan N. Mutschlechner

argus

Bilder © privat

3


Gesellschaft

Scientology – die Sekte, die spaltet

Scientology ist in den letzten Jahren immer wieder in die Kritik geraten und wird

vielerorts vom Staat überwacht. Auf den ersten Blick wirkt die religiöse Gemeinschaft

harmlos, doch Mitglieder berichten von Psychoterror und Intrigen hinter der Fassade

Scientology ist eine Sekte, die rund um den Globus

in 148 Ländern mit mehr als 11.000 Kirchen verbreitet

ist. Nach eigenen Angaben treten jährlich 4,4

Millionen Mitglieder der Glaubensgemeinschaft bei.

Kritiker behaupten, die Zahl der praktizierenden Scientologen

sei deutlich kleiner. Tatsächlich gäbe es

insgesamt nur etwa 150.000 Mitglieder weltweit. Der

Großteil der Scientologen befindet sich in den USA,

doch auch in Italien gibt es Scientology-Kirchen,

selbst in Südtirol ist die Sekte vertreten.

Gründung Ü

L. Ron Hubbard war der Gründer der Scientology-Kirche.

Er veröffentlichte im Jahr 1950 das Buch „Dianetik“,

in dem er Therapien entwarf und versprach, er

würde Menschen zu unsterblichen Genies machen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erwiesen sich die Leser

als sehr empfänglich für Hubbards Ansprüche und

das Buch wurde schnell zu einem Bestseller.

Als er sich bei einem Treffen mit Science-Fiction-

Autoren in New York über die schlechte Bezahlung

seiner literarischen Arbeiten beklagte, schlug ihm

der Autor Lester del Rey vor, er solle doch eine Religionsgemeinschaft

gründen, da diese steuerbefreit

sei. Diese Anregung, eigentlich als Witz gedacht,

setzte Ron Hubbard 1954 in die Tat um und gründete

in Südkalifornien die Scientology-Kirche, welche sich

in den folgenden Jahren auf der gesamten Welt ausbreitete.

Beitritt in die Sekte

© Pixabay, pasja

Das Erreichen „totaler Freiheit“ kostet eine halbe MIllionen Dollar

Oft fühlen sich Menschen, die sich in einer Lebenskrise

befinden, von einer Sekte angezogen. Sie suchen

nach einer Lösung oder einer Veränderung.

Scientology verspricht den Menschen Hilfe durch

Gespräche, Kurse, Kontakte sowie soziale Anerkennung.

Ein Einsteiger wird von den Scientologen, die

ihm das Gefühl vermitteln, für ihn da zu sein, freundlich

begrüßt. In den meisten Fällen handelt es sich

bei den Begrüßenden um Mitglieder, die über Jahre

hinweg darauf trainiert wurden, wie man am besten

neue Anhänger für Scientology gewinnt. Anschließend

finden Kurse statt, in denen man über allgemeine

Lebensfragen spricht. Diese kosten ungefähr

50 Euro. Was die Teilnehmer noch nicht wissen, ist,

dass die folgenden Kurse stetig teurer werden und

bis zu 1.000 Euro kosten können.

Ein weiterer Trick von Scientology besteht darin, bei

Veranstaltungen mit ehrenwerten Zielen wie „Sag

nein zu Drogen. Sag ja zum Leben“ oder „Jugend

für Menschenrechte“ Mitglieder anzuwerben. Dass

hinter diesen Veranstaltungen Scientology steckt, ist

im Vorfeld nicht zu erkennen. Während der Veranstaltungen

werden erste Kontakte aufgebaut und den

Teilnehmern Prospekte von Scientology in die Hand

gedrückt.

Die Lehre der Scientology-Kirche

Der sogenannte Thetan ist das Herzstück der Lehre

der Scientology-Kirche. Dabei handelt es sich um

die Vorstellung, dass das unsterbliche Wesen jedes

Menschen durch traumatische Erlebnisse massiv in

seiner Funktionsweise beeinträchtigt worden sei. Nur

durch spezielle Methoden wie dem Auditing, einem

Prozess, in dem der Auditor – ein ausgebildeter Scientologe

– den Traumatisierten anhand von persönlichen

Fragen durch seine Vergangenheit führt, soll

man von negativen Einflüssen befreit werden.

Doch damit nicht genug. Die Überwindung der eigenen

Traumata ist nur ein erster Schritt. Das End-Ziel

besteht darin, die Bewusstseins-Stufe des „Operating

Thetan“ zu erreichen. Damit ist die Trennung von

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Sekten

© Annie Spratt, Unsplash

© Pixabay, geralt

Die Stufe des „Operating Thetan“ verspricht „totale Freiheit“

individuellem Bewusstsein und Körper gemeint. Um

die „totale Freiheit“ zu erlangen und Operating Thetan

zu werden, muss man 15 verschiedene Stufen

durchlaufen, die jeweils viele Tausende Euro kosten.

Aus diesem Grund wird der Glaubensgemeinschaft

oft vorgeworfen, ihre Anhänger auszubeuten. Ehemalige

Mitglieder sprechen sogar von einer halben

Million Dollar, die sie für das Erreichen der „totalen

Freiheit“ zahlen mussten. Laut Jeffrey Augustine, Autor

des Blogs „The Scientology Money Project“, hat

die Kirche ein Vermögen von 1,75 Milliarden Dollar,

wovon 1,5 Milliarden in Immobilien investiert werden.

Die Kirche macht zudem jährlich einen Gewinn von

über 200 Millionen Dollar.

Ausstieg aus Scientology und die

Folgen

Den Gläubigen ist es verboten, mit Familienmitgliedern

zu sprechen, die Scientology kritisieren. Zeitweise

werden sie rund um die Uhr überwacht und

dürfen sich nur in den von Scientology bereitgestellten

Zimmern aufhalten. Da alles für sie organisiert

wird, sind die Mitglieder nie darauf angewiesen, die

Institution zu verlassen, die durch und durch mit

Überwachungskameras ausgestattet ist. Auch der

Internetzugang ist den Teilnehmern strengstens verboten.

Beim Auditing werden zudem private Fragen

gestellt und aufgenommen, um den Menschen bei einem

Austritt aus Scientology mit der Veröffentlichung

zu drohen. Die US-Schauspielerin Leah Remini, die

als Kind nach der Trennung ihrer Eltern durch ihre

Mutter in die Glaubensgemeinschaft einstieg, verließ

die Sekte im Jahr 2013 und erhebt in einer achtteiligen

Doku-Serie über Scientology schwere Vorwürfe.

Remini gilt als eine der bekanntesten Scientology-

Kritiker und spricht über ihre Erfahrungen als Kind.

Kinder von Scientology-Mitgliedern werden von klein

auf im Glauben erzogen, sie seien erwachsene Seelen,

gefangen in einem jungen Körper. Schon im jungen

Alter trat Remini der Elitegruppe „Sea Org“ bei,

in der Hoffnung, dadurch ranghöher aufzusteigen.

Gemeinsam mit anderen Kinder war Remini in einem

heruntergekommenen Motel mit „kakerlakenverseuchten“

Schlafsälen untergebracht.

Stundenlang musste sie

schuften. „Es konnte von der

Arbeit in einer Waschküche

zu funktionierenden industriellen

Schleifmaschinen

reichen“, sagt Remini. Da

Filmtipp

sie sich über die Lebensbedingungen

beklagte,

wurde sie in die „Rehabilitation

Project Force“,

kurz RPF, geschickt,

Schau genau!

Going clear –

Scientology and

the prison of belief

(Netflix)

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einen Ort, an den Scientologen hinkommen,

die die Erwartungen oder

Richtlinien der Glaubensgemeinschaft verletzt

haben. Der Ex-Scientologe John Duignan,

der selbst dort gearbeitet hat, beschreibt in seinem

Buch „The Complex“ RPF-Mitglieder als Menschen,

die in einem Keller voller Ratten wohnen und menschenunwürdige

Jobs ausüben.

Scientology wurde in den vergangenen Jahren immer

wieder verklagt – nicht zuletzt von ausgestiegenen

Frauen, die der Vereinigung vorwerfen, von

hochrangigen Mitgliedern sexuell missbraucht worden

zu sein.

Gesellschaft

Im August 2019 gingen vier Ex-Scientologinnen gerichtlich

gegen Scientology, das kirchliche Oberhaupt

David Miscavige und den Schauspieler Danny Masterson

vor. Nachdem eine der vier Frauen 2018 die

Kirche verlassen und sich öffentlich gegen sie ausgesprochen

hatte, startete Scientology eine Belästigungskampagne

gegen sie. Die Frau fühlte sich von

der Organisation bedroht und reichte eine Beschwerde

im Miami-Dade Circuit Court ein, in der sie vorwies,

dass Scientology-Agenten die Bremsleitungen

ihres Auto abgeschnitten hatten, ihr gefolgt waren

und sie mit unzähligen Spam-Nachrichten belästigt

hatten. Dies ist kein Einzelfall. Viele ehemalige Mitglieder

berichten vom Auffinden ihres toten Haustieres,

von Verfolgung durch Scientology-Agenten oder

von erhaltenen Drohbriefen.

Zukunft

You don‘t get rich with

Science Fiction. If you

want to get rich you start

a religion.

L. Ron HubbardZitat

Geoff Levin, der fünfzig Jahre lang Mitglied von

Scientology gewesen war, behauptet, dass die Sekte

nun Asien und Osteuropa im Visier hat, da sie in

Amerika nicht mehr dermaßen erfolgreich ist und die

Mitglieder-Zahlen in den vergangenen Jahren gesunken

sind. Unterstrichen wird der neue Feldzug durch

die Tatsache, dass Stars wie Bollywood Schauspielerin

Sheena Chohan erst kürzlich in Verbindung mit

Scientology gebracht wurden, wie die „New York

Post“ berichtet. Bleibt abzuwarten, welchen Erfolg

die Kirche dort verzeichnet.

Samuel Schneider, 2bS

© Pixabay, Free-Photos

Scientology ist rund um den Globus in 148 Ländern verbreitet

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„Ich bin ein Glückskind!“

Adoption

Jedes Kind hat seine Geschichte. Individuell, einzigartig und besonders. Amelia und Lorins*

Weg begann in Rumänien und führte zu einer Familie in Südtirol. Ihr Schlüssel zum Glück

war die Adoption – für viele ein umstrittenes Thema, versehen mit vielen Vorurteilen

Lachend sitzen die vier Geschwister Hofer mit ihren

Eltern am Abendtisch, tauschen sich aus und erzählen

vom eigenen Tag. Sie sind eine Familie, verbunden

durch Liebe. Eine Gruppe von Menschen,

die füreinander da sind. Sie gehören zusammen,

unterstützen und akzeptieren einander. Hinter ihrer

Zufriedenheit steckt eine besondere Geschichte, geprägt

von einigen gemeisterten Herausforderungen.

drei bis sechzehn Jahren. Viele sind Waisen, sie haben

beide Elternteile verloren, und Verwandte können

ihre Erziehungsberechtigung nicht übernehmen.

© Pixabay, Mohamed_hassan

In Rumänien Ä

Amelia und Lorin, die zwei jüngeren Kinder, sind

nicht in Julia Hofers Bauch herangewachsen, sie sind

nicht in Südtirol geboren und haben hier keinen Kindergarten

besucht. Ihre Wurzeln liegen in Rumänien,

im Distrikt Pomirla. Geprägt vom dort herrschenden

Arbeitsmangel leben die meisten der 2.860 Einwohner

in bitterster Armut. Ihre ersten Lebensjahre verbrachten

Amelia und ihr um ein Jahr jüngerer Bruder

Lorin mit ihren leiblichen Eltern und mehreren Geschwistern

auf einem kleinen bäuerlichen Hof. Das

wenige Geld reichte nicht aus, um die vielen hungrigen

Mäuler zu füllen. Die Mutter war alkoholkrank

und der Vater gewalttätig. Mit etwa fünf Jahren wurden

Amelia und Lorin in die Einrichtung „Haus der

Familie“ gebracht. „Obwohl das Heim nicht weit von

meiner Bauchmutter entfernt war, besuchte sie uns

nie“, erzählt Amelia. Dieses Kinderheim mit beheizbaren

Räumen und einer sanitären Anlage war von der

Hilfsorganisation „Kinder in Not von Elsa Wolfsgruber“,

mit Unterstützung der Provinz Südtirol, errichtet

worden. Dort leben circa dreißig Kinder, im Alter von

„ „

Rabenmütter“ Ü und Heimleben

Weg ins Heim

„Frauen, die Kinder abgeben, sind Rabenmütter“

– so ein oft genanntes Vorurteil. Diese schwere

Entscheidung belastet die leiblichen Mütter ein

Leben lang. Die Trennung hinterlässt tiefe seelische

Wunden. Wer sich mit diesem heiklen Thema

befasst, dem wird klar, dass niemand sein Kind

ohne schwerwiegenden Grund verlässt. Aufgrund

einer Krankheit, einer Sucht, finanzieller Not oder

dem Gefühl der Überforderung sind diese Eltern

nicht in der Lage, sich um ihr Kind zu kümmern.

„Beim Abschied weinte meine Mutter und überreich-

Rumänien Ä ist bekannt für Ü

… Vampir Graf Dracula, inspiriert vom rumänischen General Vlad Tepes

… seine 6 Millionen herrenlose Straßenhunde

… 17 Millionen Mitglieder der römisch-orthodoxen Kirche

… seine hohe Armutsrate (33 Prozent)

… seine vielfältige Fauna mit heimischen Tieren wie Bären und Füchsen

… seine atemberaubende Landschaft: das Donaudelta, die Karpaten und

das Schwarze Meer

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te uns einen Sack mit Süßigkeiten,

ein für uns seltener

Genuss. Im Heim waren wir sofort

von den größeren Kindern umringt, am

Ende war keines der Bonbons für uns geblieben.

Schon am ersten Tag wurde uns die

Dominanz der älteren Heimbewohner bewusst. Das

Leben in dieser Einrichtung war besser als Zuhause.

Trotzdem bekamen wir nur wenig Essen. Ich war

in einem Vierbettzimmer mit weiteren acht Mädchen

untergebracht. Das kleine Heimgebiet durften wir

nie verlassen. Ein besonders strenger Heimerzieher

ist mir in Erinnerung geblieben. Wir alle hatten

große Angst vor ihm, denn er schlug uns mit einem

Besen“, berichtet die heute 18-jährige Amelia mit

einem nachdenklichen Ausdruck im Gesicht. Ihre

makellosen Deutschkenntnisse lassen nicht auf ihre

ehemalige rumänische Muttersprache schließen.

Gesellschaft

Im Heim hat Amelia vor allem eins gelernt und zwar,

für sich selbst zu sorgen. Die Tage waren lang und

grau. Daher freute sie sich, wie alle Heimkinder, immer

auf den Besuch von Organisationsgründerin

Elsa Wolfsgruber, die überall gute Laune verbreitete

und die Kinder mit Geschenkboxen, die Südtiroler

Spender zusammengestellt hatten, bescherte.

Der Neubeginn

2011 dann die Wendung: Amelia und Lorin wurde

ein Ferienaufenthalt in Italien ermöglicht. Mit

weiteren Heimkindern nahmen sie die weite Reise

nach Südtirol auf sich, wo sie in Privatfamilien

untergebracht wurden. Familie Hofer empfing

Amelia und Lorin. „Mit viel Aufregung und

Vorfreude haben wir diesem Tag entgegengefiebert.

Es war Liebe auf den ersten Blick. Die beiden

stiegen aus dem klapprigen, alten Bus, liefen

zu mir herüber und haben mich ‚Mama‘

genannt“, erinnert sich Mutter Julia Hofer.

Obwohl die erste Zeit nicht ganz einfach war und

den kompletten Alltag der Familie auf den Kopf stellte,

gewannen die beiden blassen, zierlichen Kinder

sofort das Familienherz. Ihre offene und dankbare

Art machte sie liebenswert. „Anfangs waren die Kinder

überwältigt von unserem luxuriösen Alltag. Den

Teller nachfüllen, essen, wann immer man hungrig

ist, schlafen, so lange man will, an heißen Tagen ins

Schwimmbad gehen, spazieren gehen … für uns alles

selbstverständlich, für die beiden damals aber etwas

© Unsplash, V Faris Mohammed

Zwischen zwei Welten

Unglaubliches. Alles war neu und musste erst entdeckt

werden. Sie wollten alles anfassen und elektrische

Geräte wurden sofort zerlegt“, erinnert sich Julia

Hofer. Mit Händen und Füßen klappte die Verständigung

von Anfang an gut. Schnell begannen Amelia

und Lorin die ersten deutschen Wörter zu sprechen

und sich an das Leben in Südtirol zu gewöhnen. Umso

schmerzvoller war daher der Abschied im Herbst.

Die meisten rumänischen Kinder waren kaum wiederzuerkennen,

als sie den Bus Richtung Heimat bestiegen.

Sie hatten rote Wangen, leuchtende Augen,

gesunde Figuren und neue Klamotten. In Pomirla

folgte für sie ein besonders langer Winter mit eiskalten

Temperaturen. Jeden Tag dachte Amelia an den

tollen Sommer. Die Erinnerungen an ihre Herzensfamilie

schmerzten. Auch in den beiden folgenden

Sommerferien kehrten die beiden Geschwister nach

Südtirol zurück. 2013 begann ein neues Kapitel in

Amelias und Lorins Leben: Sie wurden adoptiert. Bewegt

vom Schicksal der rumänischen Kinder und um

ihr eigenes Leben zu bereichern, hatte Familie Hofer

diese bedeutende Entscheidung getroffen und damit

den langen Prozess der Adoption auf sich genommen.

argus

8


Adoption

„Als ich ankam, war mir,

als wäre ich im Himmel.

Südtirol ist schön.“

Amelia

© Pixabay, TheVirtualDenise

Neues Leben

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argus


Gesellschaft

Adoption im Überblick

Wird das Kind uns annehmen oder wird

es uns immer fremd bleiben? Können wir

seinen Bedürfnissen gerecht werden und ihm die

erforderliche Unterstützung geben? Diese Fragen

plagen die meisten werdenden Adoptiveltern. Adoption

ist ein besonderer Vorgang zur Gründung einer

Familie, der viel Einfühlungsvermögen, Toleranz,

Liebe sowie Geduld erfordert. Das aufgenommene

Kind nimmt die Stellung eines leiblichen Kindes

ein und wird dementsprechend behandelt. Es erhält

Name und Staatsbürgerschaft der Adoptiveltern sowie

Erbansprüche gegenüber deren Verwandten.

Es gibt mehrere Formen von Adoption. Am häufigsten

ist die „Stiefkinderadoption“, bei der ein Ehepartner das

leibliche Kind seines Partners als sein eigenes anerkennt,

mit allen verbundenen Rechten und Pflichten.

Bei der „Fremdenadoption“ hingegen hat die Herkunftsfamilie

kein verwandtschaftliches Verhältnis

zum Adoptivkind. Einerseits kann sie eine Chance

für das aufgenommene Kind sein, andererseits wird

der Kinderwunsch von Paaren, die beispielsweise

keine eigenen Kinder bekommen können, erfüllt.

Die Voraussetzung für ein gelungenes Familienleben

ist, dass sich Ehepaare nicht von vornherein ein

Wunschkind ausmalen und die Erwartungen nicht zu

hoch ansetzen. Stattdessen müssen sie das Kind mit

all seinen Makeln akzeptieren und ihm helfen, seine

besondere Vorgeschichte zu verarbeiten. Sein neues

Leben muss in Einklang mit seiner ethnischen und kulturellen

Herkunft gebracht werden. Bei der nationalen

Fremdenadoption kommt das Kind aus dem eigenen

Staatsgebiet, bei der internationalen Fremdenadoption

stammt es aus dem Ausland, wie es bei Amelia

und Lorin der Fall ist. In Südtirol werden jährlich durchschnittlich

fünfundzwanzig Kinder fremdenadoptiert.

Die Zahl der Fremdenadoptionen verzeichnet in Italien,

sowie in vielen weiteren EU-Ländern, in den letzten

Jahren einen starken Rückgang. Ausschlaggebend

dafür sind viele verschiedene Gründe. Momentan

werden in europäischen Staaten weniger Kinder abgegeben,

da Frauen eher verhüten, also seltener ungewollt

schwanger werden, und Familien finanziell

mehr unterstützt werden als in der Vergangenheit. In

gewissen Ländern wie Äthiopien, das eine hohe Ad-

optionsrate hatte, wurde die internationale Adoption

infolge eines Politikwechsels „zum Wohl der Kinder“

verboten. Beim Thema Adoption kollidieren nämlich

die Kinderrechte. Einerseits wird in das kulturelle, psychische

und soziale Leben der Kinder eingegriffen,

andererseits wird ihr Anspruch auf eine Familie erfüllt.

Während 2015 italienweit noch 2.216 Kinder aufgenommen

wurden, waren es 2019 nur mehr 1.205

Kinder. Davon stammen 222 Minderjährige aus Kolumbien,

159 aus Russland, 129 aus Ungarn, 104

aus Indien und 81 aus Bulgarien. Der Großteil der

Adoptivkinder war zwei bis sieben Jahre alt. Momentan

gibt es mehr Adoptionsbewerber als zur Adoption

freigegebene Kinder. Viele Paare sind bereit, viel

Geld für ein Kind zu bezahlen. Die Folgen: Kinderhändler

nützen das „Geschäft“ für sich. Kinder werden

entführt oder ihren leiblichen Eltern abgekauft.

Ein weiter Weg

Jedes Land hat in Bezug auf Adoptionen eigene

Vorgehensweisen. In Südtirol ist das „Landesamt

für Kinder- und Jugendschutz und soziale Inklusion“

dafür zuständig. Für Paare beginnt das Verfahren

mit einem Informationsgespräch und anschließendem

Vorbereitungskurs. Der nächste

Schritt ist die Einreichung der Bereitschaftserklärung

beim Jugendgericht Bozen. Parallel dazu findet

die Überprüfung der nötigen Voraussetzungen

statt. Adoptionsbewerber werden genauestens unter

die Lupe genommen: Das Einkommen, der Wohnraum

und sogar Arztvisiten werden begutachtet.

Grundsätzlich muss das adoptionsbereite Paar mindestens

drei Jahre lang verheiratet sein oder in einer

Partnerschaft zusammenleben. Die Altersspanne

zwischen einem Elternteil und dem Adoptivkind muss

zwischen 18 und 45 Jahren liegen, der Altersunterschied

zum anderen Elternteil kann bis zu 55 Jahre

betragen. Im Falle der internationalen Kinderaufnahme

wird schließlich vom Jugendgericht die Eignung

für die Aufnahme erlassen und eine Adoptionsvermittlungsstelle

kontaktiert. Begleitet werden Adoptionsfamilien

von der „Dienststelle Adoption Südtirol“.

Nach der Aufnahme beginnt ein langer Weg für

die neuen Familien. Die Trennung von den leiblichen

Eltern, die Einsamkeit im Heimleben, körperliche

oder seelische Misshandlungen – Adoptivargus

10


kinder haben in ihren ersten Lebensjahren bereits

viel durchgemacht. Infolgedessen werden bei ihnen

Verhaltensauffälligkeiten und Bildungsprobleme

häufiger nachgewiesen als bei ihren Altersgenossen.

Der Vertrauensaufbau kann dauern.

Die vielen traumatischen Erfahrungen können nur

mit viel Verständnis und Zuwendung von Seiten der

neuen Familie verarbeitet werden. Amelia und Lorin

ist dieser wichtige Schritt gelungen. „Worte können

nicht zusammenfassen, wie viel meine Familie für

uns getan hat. Seit meinem ersten Tag hier ist sie an

meiner Seite und für mich da. Ich habe gelernt, meine

Vergangenheit zu verarbeiten und in die Rolle der

Tochter zu schlüpfen. Die vielen Hindernisse habe

ich nur dank meiner Familie bewältigt“, so Amelia.

Willkommen in der Schule?

Die Eingliederung in die Schulgemeinschaft ist

für die meisten Adoptivkinder besonders herausfordernd.

Alles ist neu und dazu kommt meistens

die Angst, nicht angenommen zu werden. Viele

Adoptivkinder sind in Gegenden mit fehlenden

sozialen Strukturen und einer hohen Analphabetismus-Rate

aufgewachsen. Aufgrund von Mangelernährung

kann ihre Entwicklung verzögert sein.

Außerdem wird einigen Kindern nur ein ungefähres

Geburtsdatum zugewiesen, da sie bei

ihrer Geburt nicht meldeamtlich registriert wurden.

Dies war bei Amelia und Lorin der Fall.

Ausgrenzung

Adoption

Im Gegensatz zu den Erwachsenen haben

sich die Altersgenossen von Amelia und Lorin

kaum um einen verständnisvollen Umgang mit den

beiden bemüht. „Bei unseren Mitschülern mussten

wir uns erst behaupten. Anfangs gab es immer

welche, die uns ausgeschlossen haben. Davon haben

wir uns aber nicht unterkriegen lassen“, sagt

Amelia. In der Mittelschule sahen sich Amelia und

Lorin Hänseleien von pubertierenden Mitschülern

ausgesetzt und das, obwohl sie sich durch ihr Erscheinungsbild

nicht von gebürtigen Südtirolern

unterscheiden. Adoptivkinder mit sichtbarem Migrationshintergrund

werden häufig Opfer von Ausgrenzungen,

Benachteiligungen und Rassismus.

Eine Adoption verändert Menschenleben, im Fall

von Amelia und Lorin hat sie diese verbessert. Zurzeit

besucht Lorin das Berufsbildungszentrum und

Amelia arbeitet in einem Fünfsternehotel. Beide

sind zufriedener denn je. Obwohl ihnen das Leben

so manche Male einen Stein in den Weg gelegt

hat, bezeichnet Amelia sich als Glückskind.

* Namen von der Redaktion geändert

Eva Hell, 3bS

In Südtirol wurden beide schließlich eine Klasse

unterhalb ihrer Jahrgangsstufe eingeschult. Im Allgemeinen

sind bereits errungene Sprachkenntnisse,

die bisher absolvierte Schulbildung und die emotionale

Reife ausschlaggebend für die Einstiegsklasse.

„Der Unterricht in Rumänien war anders, ganz anders.

Als wir noch kaum lesen konnten, wurden

uns dicke Englischbücher vor die Nase gesetzt und

wir sollten uns diese komplexe Sprache selbst beibringen.

Der Schulalltag und die Fächer hier waren

für mich komplett neu“, sagt Amelia. Nachlernen,

den Stoff wiederholen und üben, üben, üben

stand daher in den ersten Monaten auf dem Programm.

Unterstützt wurden die beiden von den

meisten Lehrern, aber vor allem von ihrer Mutter.

argus

11


Gesellschaft

Eine Tasse voll Glück

Es gibt Orte, an denen die Uhren langsam laufen und die Natur das Sagen hat. Orte, an

denen man seinen eigenen Traum vom Glück lebt. Ein Besuch im „Maurerhof“ in Lajen

Mit freundlichem Händeschütteln werde ich von Familie

Rabanser in der großen Labe, dem Eingangsbereich

ihres Bauernhofs im Südtiroler Bergdorf Lajen,

begrüßt. Der Ofen des Maurerhofs erwärmt das

Haus. Schmuckstücke, wie eine alte Truhe, schaffen

eine gemütliche Atmosphäre. Der durchdringende

Duft von Gebackenem und Kräutern kommt mir entgegen.

In der getäfelten Stube duftet es nach frischem

Holz. Die Füße werden von Filzpantoffeln warmgehalten.

Es gibt leckere, hausgemachte „siaße Krapflan“

und Kräutertee, hergestellt von den Kräutern aus

dem eigenen Garten. Ganz wie bei Oma!

Die Familie Rabanser lebt den Traum vieler, die mit

ihrem eigenen Lebensstil zunehmend unzufrieden

sind. Viele Menschen fangen in den letzten Jahren

an, an ihrer Lebensweise zu zweifeln. Sie vermissen

die wesentlichen Dinge des Lebens. Sie wollen nicht

mehr besser, größer und weiter sein als die anderen.

Sie haben genug vom Verlangen, von allen der

Beste zu sein und von allem das Beste zu haben.

Sie wollen der Eile und dem Konsumwahn entkommen.

Mitunter geben sie ihre Arbeit auf und bauen

sich als Aussteiger ein neues Leben abseits von allen

anderen auf. Ein Leben, das nicht der Vorstellung

entspricht, welche die Gesellschaft von einem „normalen”

Leben hat, das für das Individuum aber besser

ist. Es ist nicht wichtig, der „Normalität“ zu folgen,

sondern dem, was einen selbst glücklich macht.

Familie Rabanser ist mit ihrem individuellen Lebensstil

glücklich. Sie zählt zwar nicht zu den Aussteigern,

will aber mit ihrem Bauernhof, einem Bio-Betrieb, ein

kleines Zeichen setzen. Sie will zeigen, was das Leben

wirklich ausmacht. Sie führt nicht bloß einen typischen

Bio-Bauernhof, sondern gestaltet auch ihren

Alltag so naturverbunden wie möglich. Die dahinterstehende

Philosophie erklärt Bauer Erwin: „Für mich

zählt Nachhaltigkeit, Naturverbundenheit und die

Produktion von gesunden Lebensmitteln durch artgerechte

Tierhaltung.“ Hinter dieser nachhaltigen Denkweise

stehen alle Familienmitglieder. „Das ist es, was

uns glücklich macht“, sagt Bäuerin Christine.

Während sie sich auf das Wesentliche im Leben

fokussiert, folgen viele andere dem Konsumwahn.

Dadurch wurden große Handelsketten zu den beliebtesten

Einkaufsplätzen, nicht zuletzt, weil der

Einkauf dort preisgünstig und unkompliziert ist. Wir

© Pixabay, congerdesign

Kräuterteemischung

Melisse, Minze

Zitronenverbene

Holunder, Ringelblumen

Kornblumen

Pro Tasse

einen Esslöffel Kräuterteemischung

aufbrühen und 12 Minuten

ziehen lassen.

argus

12

Zum Genießen


Aussteiger

© Pixabay, Pixel-Sepp

Glückliche Kühe beim Grasen

alle kennen es: Nach einem langen Arbeitstag ein

kurzer Stopp im Supermarkt, sich das vakuumierte

Fleisch an der Theke schnappen, ab zur Kasse und

schnell nach Hause. Da bleibt einem keine Zeit, auch

nur den geringsten Gedanken über die Herkunft des

Fleisches zu verlieren. Viele kennen nur noch den

Metzger Aldi und den Obstbauer Lidl. Die Zweifler

wenden sich kleinen Betrieben, dem Einzelhandel zu

und unterstützen lokale Geschäfte.

So auch Familie Rabanser. Sie legt großen Wert darauf

zu wissen, was ihre Lebensmittel beinhalten. Ihr

Traum, sich irgendwann sogar selbst versorgen zu

können, gestaltet sich jedoch schwierig. Die Familie

setzt auf den Verkauf von hofeigenem Fleisch und

Eiern. Die naturverbundene, artgerechte Tierhaltung

nimmt viel Arbeit und Geld in Anspruch. Entsprechend

höher als beim Discounter sind die Preise für

das Fleisch des „Maurerhofs“. Viele Menschen nehmen

diesen teureren Preis nicht gerne in Kauf. Laut

Erwin sind zwar sehr viele potentielle Kunden von

seinem Bio-Konzept überzeugt, greifen dann aber

doch zum billigen Fleisch.

Alle aus der sechsköpfigen Familie Rabanser

packen fleißig mit an, wenn es um

das Wohl ihrer Tiere geht. Die grünen Gummistiefel

stehen vor dem Stall bereit. Die prächtigen

Truthähne laufen im Freigehege herum. Es ist Abend

und sie müssen in den Stall geholt werden. Die beiden

Kleinsten, Veronika und Franziska, helfen eifrig

mit, um die Tiere alle so schnell wie möglich stressfrei

in ihr Gehege zu bringen. Die Katze beobachtet

alles vom Fensterbrett aus. Man sieht sofort, dass

den beiden Mädchen ihre Begeisterung für die Tiere

in die Wiege gelegt wurde.

Gerade erst sind etliche Hühnerküken auf die Welt

gekommen. Unter der Wärmelampe kuscheln sie

sich zusammen. Schön warm haben sie es dort. Die

Mädchen sammeln die winzig kleinen Eier mit einem

Korb ein. Eine super Ausbeute – 20 Eier! Nun müssen

„nur” noch die Wachteln, die Hasen, die Kühe

gefüttert und der Stall gereinigt werden.

Die allermeisten nutzen zur Reinigung chemische

Putzmittel. Die Supermarktregale sind vollgestopft

mit allerlei Reinigern für jede Lebenssituation. Was

sie alle gemeinsam haben, sind chemische Inhaltsstoffe.

Für Bauer Erwin und Bäuerin Christine kommt

Chemie nicht in die Tüte. Sie nutzen zur Reinigung

von Hof und Haus ausschließlich effektive Mikroorganismen

(EM) – Bakterien, welche die Verbreitung

unerwünschter Mikroorganismen unterdrücken und

die Vermehrung nützlicher Mikroorganismen unterstützen.

Auch die traditionelle Bauweise von Haus und Hof

mit Naturmaterialien spiegelt das Bewusstsein der

Familie wider. Energie wird durch die Hackschnitzel-,

Solar- und Photovoltaikanlage erzeugt. Frisch

aufbereitetes Bergwasser kommt von der hofeigenen

Quelle. Ein eigenes Gartenbeet ermöglicht das

Ernten von selbst angepflanztem Gemüse, Obst und

Kräutern.

Beim Aufenthalt im „Maurerhof“ beschleicht mich das

Gefühl, manchmal sollte die Zeit wieder zurückgedreht

werden. Das Neue mag zwar gut sein, manch

Altes war aber besser. Vieles ist heute „too much“,

versperrt die Sicht auf das Glücklichsein. Glück hat

viele Gesichter – manch einer findet es sogar in einer

Tasse hausgemachtem Kräutertee.

Lisa Passler, 3bS

argus

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Rivalisierende Geschwister

Unsere Geschwister können unsere Lieblingsmenschen und gleichzeitig unsere bittersten

Konkurrenten sein. Mit ihnen teilen wir unsere Kindheit, unsere ersten Abenteuer,

aber auch die elterliche Zuwendung. Damit das familiäre Miteinander gelingt, müssen

Geschwisterkinder gerecht behandelt werden

Familie

Konkurrenten und wir rivalisieren mit ihnen um die

elterliche Aufmerksamkeit. Auch Tiere zeigen ähnliches

Verhalten. Einige Hai-Arten liefern dafür ein

extremes Beispiel: Sie schaffen schon im Mutterleib

durch Kannibalismus ihren Zwilling aus dem Weg.

© Eva Hell

Sauer auf die große Schwester!

Schon wieder liegt bei der Schwester ein Geschenk

mehr unter dem Tannenbaum. Beim Abendbrot

werden erneut nur die Leistungen des Bruders angesprochen.

Schon seit Stunden hilft Mama dem

Schwesterherz bei den Hausaufgaben. Wer Geschwister

an seiner Seite hat, kennt solch ärgerliche

Situationen. In unserer Wahrnehmung, die gerne auf

misstrauischen Vergleichen beruht, werden unsere

Geschwister immer mit mehr Freiheit und Unterstützung

versehen als wir selber. Darauf reagieren

Körper und Psyche mit einer Mischung aus unangenehmen

Gefühlen wie Angst, Wut, Scham, Traurigkeit

und Hilflosigkeit – zusammengefasst unter

dem Begriff „Eifersucht“. Eifersucht ist bei Kindern

ein ebenso großes Phänomen wie in der Partnerschaft.

Kids fürchten sich davor, ihre Eltern an eine

dritte Person, an ein Geschwisterkind, zu verlieren.

Denn unsere Geschwister sind von Natur aus unsere

Dieses übermächtige Gefühl, die Eifersucht, zieht

sich durch das ganze Leben, betrifft Jung und Alt. Wie

Kinder zeigen auch Erwachsene oftmals ein unreifes

Verhalten und gönnen ihren Geschwistern keinen

Cent. Wie viele Familien zerbrechen aufgrund eines

Streites um das elterliche Erbe? In jungen Jahren sind

vor allem Erstgeborene neidisch, insbesondere wenn

der Altersunterschied zu dem Geschwisterchen gering

ist. Vor der Geburt des neuen Familienmitgliedes

hatten sie die elterliche Liebe für sich alleine, auf einmal

müssen sie sich das Rampenlicht teilen. In dieser

Hinsicht haben auch Sandwichkinder – also jene

Kinder, die sowohl ältere als auch jüngere Geschwister

haben – keine einfache Position. Sie müssen besonders

kämpfen, um ihren Willen durchzusetzen.

Dabei dürfen sie noch nicht das tun, was ihre älteren

Geschwister tun dürfen und werden nicht so verwöhnt

wie das Nesthäkchen. Aber wer denkt, dass es

dem jüngsten Sprössling nichts ausmacht, wenn die

Älteren mehr Schokolade bekommen, täuscht sich.

Denn schon im Alter von einem halben Jahr können

Kids eifersüchtig auf ihre Geschwister sein. Über

einen entwickelten Gerechtigkeitssinn verfügen sie

dann ab dem sechsten Lebensjahr, wie Forscher aus

Leipzig feststellten. Dieser variiert von Kind zu Kind

und hängt von der Sensibilität, den jeweiligen Bedürfnissen,

Erfahrungen sowie der Lebenssituation ab.

Zeitbedingt stehen Eltern immer einem der Kinder

näher. Sie haben zu jedem Kind eine unterschiedliche

Bindung, jedes hat schließlich auch eine andere

Persönlichkeit. Eine Mutter kann sich besser mit

einer Tochter identifizieren, die ihre eigenen Charaktereigenschaften

widerspiegelt, als mit einer, die

ein komplett anderes Temperament hat. Unbewusst

unterstützt die tatenlustige Mutter also das Handeln

der aufgeweckten Tochter mehr als das der

verschlossenen. Dies kann laut Psychotherapeut

Burkhard Moisich, der das Phänomen untersucht

hat, auch positive Seiten haben, solange Kinder

argus

14


Siblings – the definition

that comprises love,

strife, competition and

forever friends.

Byron Pulsifer

Geschwister

tern sollten vermieden werden. Wer hört

schon gerne Sätze wie: „In deinem Alter

konnte deine Schwester das bereits viel besser.“

Geschwisterkindern muss klar werden, dass

es nicht von Bedeutung ist, wer mehr leistet oder wer

talentierter ist. Man muss nicht so aussehen wie die

Schwester oder gleich sportlich sein wie der Bruder.

Ebenso muss man sich nicht verstellen oder in

eine andere Rolle schlüpfen, um geliebt zu werden.

Eltern sind nicht unsere Richter, sondern unsere

Vertrauensmenschen und unsere Beschützer.

Indem sie ihre Kinder gerecht behandeln,

legen sie den Grundstein für eine

funktionierende Geschwisterbeziehung. Geschwister

können nicht nur unsere Rivalen, sondern auch

unsere ersten Freunde und längsten Begleiter sein.

nicht nach dem Idealbild der Eltern beurteilt werden.

Eifersüchtige Geschwister treiben sich gegenseitig

an, etwas Besonderes zu erreichen. Innerhalb

der Familie lernen Kinder schon früh, wie die

Welt funktioniert. Denn auch in der Gesellschaft

außerhalb des Familiennestes herrscht Ungleichheit.

In der Schule zum Beispiel: Ein Schüler, der

sich die gesamte Unterrichtszeit über bemüht und

das Gelernte mühsam wiederholt hat, schreibt

die Klassenarbeit negativ, während der schwatzende

Mitschüler den Inhalt nur einmal durchlesen

musste, um eine gute Note zu kassieren.

Nichtsdestotrotz müssen Eltern sich bemühen, ihre

Kinder gleichermaßen zu fördern, auch wenn beispielsweise

eines der Geschwisterkinder schwer erkrankt

ist oder ein besonders Talent besitzt, dessen

Förderung viel Zeit in Anspruch nimmt. Elterliche

Vernachlässigung wirkt sich nämlich auf die Persönlichkeit

der Kids aus. Wenn das redegewandte

Schätzchen plötzlich verschlossen wirkt, kann seine

Typveränderung auf seine Unzufriedenheit mit der

Familie hinweisen. Erziehungsberechtigte müssen

aufmerksam auf solche Warnsignale achten und den

Sprösslingen mit einem offenen Ohr begegnen. Gerechtigkeit

in der Familie muss nicht heißen, dass

jeder gleich behandelt wird. So bekommt der reifere

Sohn sein Handy beispielsweise bereits zum 9. Geburtstag,

während der Ältere erst mit zwölf Jahren in

den Besitz eines solches Gerätes kam. Es gibt kein

Rezept, das Fairness in der Familie garantiert. Erziehungsmethoden

müssen an jedes Kind individuell

angepasst werden. Die elterliche Aufgabe ist es, den

Kindern zu zeigen, dass jeder besonders ist und seine

Stärken hat. Vergleiche zwischen den Geschwis-

Eva Hell, 3bS

In der Regel sind …

… Erstgeborene intelligenter

… jüngere Brüder

risikofreudiger

… Jungen mit älteren

Geschwistern sportlicher

… jüngere Geschwister

aggressiver

… Politiker häufig

Erstgeborene

… Hochzeiten zwischen

Erstgeborenen häufig

… Geschwisterkonflikte

Vertrauen zerstörend

argus

15


Alles andere, aber nicht down

Tim strahlt über das ganze Gesicht, als wir seinen 16. Geburtstag feiern. Lachend sitzen

wir beim Mittagstisch und genießen die Zeit miteinander. In diesem Moment kann

seine Familie kurz die vielen Schwierigkeiten vergessen, die seine Beeinträchtigung mit

sich bringt: Denn Tim hat das Down-Syndrom

Familie

(Alltag?

© Pixabay, Greyerbaby

Menschen wie DU

Hände der Vielfalt

Etwa fünfzehn Prozent der Menschen weltweit leben

mit einer Behinderung. Tim ist einer von ihnen. Er hat

einen angeborenen, erblichen Gendefekt: das Down-

Syndrom. Erst kurz vor seiner Geburt erfuhren seine

Eltern von der Diagnose. Ein Bluttest bestätigte den

Verdacht.

Tims Eltern waren sich des Risikos, dass ihr Kind behindert

sein könnte, von vorneherein bewusst. Bei

seiner Geburt war seine Mutter 39 Jahre alt. Mit zunehmendem

Alter der Mutter steigt das Risiko, ein

beeinträchtigtes Baby zu bekommen. Der Grund dafür

ist, dass die Zellteilung der befruchteten Eizelle

anfälliger für Fehler wird. Weltweit leben rund fünf

Millionen Menschen mit Down-Syndrom, das betrifft

schätzungsweise 1 von 800 Neugeborenen. Bei ihnen

liegt das Chromosom 21 in jeder Zelle drei- statt

zweimal vor, deshalb hört man häufig auch den Begriff

„Trisomie 21“. Die betroffenen Menschen leiden

unter geistigen Beeinträchtigungen, teilweise körperlichen

Fehlbildungen, und es besteht ein höheres Risiko

für Herzkrankheiten. Tim hat einen angeborenen

Herzfehler, Schilddrüsenprobleme und Knick-Senkfüße.

„Mitten in der Nacht, wenn Tim in die Küche geht, um

etwas zu trinken, weckt er jemanden aus der Familie,

der ihn begleitet und ihn wieder zurück ins Bett

bringt. Ich sehe das Down-Syndrom nicht als Krankheit

an, aber bei vielen Sachen braucht er ständige

Begleitung und benötigt Hilfe bei Dingen, die für uns

selbstverständlich sind“, so sein Bruder Leo. Ab dem

Moment seiner Geburt brauchte Tim sehr viel Aufmerksamkeit.

Sein Bruder erzählt mir, dass er dies

am Anfang nur schwer verstanden hat: „Ab und zu

fühlte ich mich vernachlässigt, zumal ich als kleines

Kind nicht wirklich nachvollziehen konnte, warum

sich alles um Tim dreht. Mittlerweile habe ich es akzeptiert.“

Tim konnte lange nicht sprechen, erst in den Jahren

der Mittelschule begann er, einzelne Wörter zu lernen.

Sein Bruder weiß, dass die Kommunikation mit

seinen Freunden und Bekannten eingeschränkt ist:

„Innerhalb der Familie verstehen wir uns gegenseitig

relativ gut, aber für Außenstehende ist es etwas

schwieriger zu verstehen, was Tim sagen möchte.

Einzelne Wörter wie danke und bitte versteht man.“

Trotz seiner Beeinträchtigung merkt man Tim an,

dass er sehr glücklich ist und besonders seinen Bruder

Leo gerne neckt. Auch wenn sie anders und eingeschränkt

leben, sind Kinder mit Down-Syndrom

ebenso Kämpfer wie du und ich.

Übel

zur Zeit des

Nationalsozialismus

Vor etwa 500 Jahren wurden die ersten Menschen

mit Down-Syndrom dargestellt. Ein unbekannter

Künstler malte im Jahre 1510 die Leidensgeschichte

von Jesus auf den Aachener Altar. Das Porträt eines

Jungen mit typischen Gesichtszügen gilt als eine der

ersten Darstellungen des Down-Syndroms in der Geschichte.

Der Namensgeber der Krankheit, John Langdon

Down, beschrieb 1866 die Menschen als „mongoloid“,

da ihre Gesichter gewisse Ähnlichkeiten mit den

Merkmalen des Mongolenstamms aufwiesen. Der

argus

16


abwertende Begriff wurde im Laufe der Jahre durch

die Bezeichnung „Down-Syndrom“ verdrängt.

Blicken wir nicht einmal 100 Jahre zurück, sehen wir,

weniger werden. Immer mehr werdende

Eltern werden sich gegen vorhergesagte

Krankheiten entscheiden und die Schwangerschaft

abbrechen.

Down-Syndrom

Nicht das Verbale zählt,

sondern das Nonverbale.

Andrea Moser

Die betroffenen Menschen leiden nicht zwangsläufig

am Down-Syndrom, sie leben gleich wie wir mit all

den schönen Momenten, aber auch den Schicksalsschlägen.

Tims Leben ist genauso witzig und lebensfroh

wie das Leben von mir und dir. Sein Wunsch

nach Gleichberechtigung, ohne Blicke des Mitleids,

wird aber immer größer.

Andrea Moser, 3bS

dass Behinderte als lebensunwert und unnütz galten.

Man traute diesen Menschen das Lesen und Schreiben

nicht zu. Doch nicht genug damit, dass sie sich

erst beweisen mussten. Unter der Regierung Adolf

Hitlers wurde 1939 ein „Euthanasie-Programm“ erlassen,

dessen Ziel es war, behinderte Menschen in

Massen zu ermorden. Zynisch wurde vom „Gnadentod“

gesprochen. Die Betroffenen wurden für Versuche

verwendet, bekamen nichts mehr zu essen oder

wurden durch Medikamente getötet.

Weg mit dem Down-Syndrom?

Mittlerweile gibt es mehrere Methoden, um vor der

Geburt bestimmte Fehlbildungen des Kindes festzustellen,

eine davon ist die Pränataldiagnostik, bei

der das Blut des Babys bei der Nabelschnurpunktion

untersucht wird. Dabei wird die Nadel in die Nabelschnurvene,

die sich in der Fruchthöhle befindet, gestochen.

„Der Test dient eindeutig der Selektion“, findet

die bekannte Schauspielerin Carina Kühne, die

selbst das Down-Syndrom hat.

Seit 2012 kann man außerdem mit Bluttests der Mutter

feststellen, ob das Kind an Trisomie 21 leidet.

Eine entsprechende Diagnose endet in 95 Prozent

der Fälle mit einer tödlichen Konsequenz für das

ungeborene Kind. „Daran merkt man, nicht gewollt

zu sein“, meint Carina. Viele Menschen sehen die

„Krankheit“ als vermeidbares Übel und so vermuten

Experten, dass Beeinträchtigungen, die vor der Geburt

festgestellt werden können, in Zukunft immer

Wusstest du, dass

Menschen mit Down-

Syndrom …

… weniger anfällig für viele

Arten von Krebs sind

… im Jahre 1983 eine

Lebenserwartung von nur

25 Jahren hatten

… sehr gute

Entwicklungsmöglichkeiten

haben

… bedingt durch das

zusätzliche Chromosom

einen kürzeren Hals

und tief sitzende

Ohren haben

argus

17


Politik

Spalten durch soziale Netzwerke

Eine Firma, die mithilfe sozialer Netzwerke unser Verhalten vorhersagt und dermaßen

beeinflusst, dass sie Politikern in ihr Amt verhilft: beängstigend, aber längst Realität.

Die Rede ist von „Cambridge Analytica“, dem Unternehmen, das nicht zuletzt Donald

Trump zum US-Präsidenten gemacht hat

Die sozialen Medien sind ein essenzieller Bestandteil

unseres Alltages geworden. Was zu Beginn der

Traum einer vernetzten Welt war, eines Ortes, an

dem man seine Erfahrungen teilt, wurde bald schon

ein Ort der Unterhaltung, des Fakten-Checkens

und des Verwaltens von Erinnerungen. Jene Spuren,

die wir im Internet hinterlassen, begründeten

eine Branche, die jedes Jahr eine Milliarde Dollar

Umsatz macht.

Kaum jemand nimmt sich die nötige Zeit, um seitenlange

Nutzungsbedingungen einer App durchzulesen

und diese dann zu hinterfragen, denn der

Drang, dazuzugehören, ist zu groß. Die kostenlose

Vernetzung ist zu attraktiv, um ihr zu widerstehen.

Werbung ist der essenzielle Schlüssel, um die Plattformen

mit Geld zu versorgen. All unsere Aktionen

werden gespeichert: Wie lange wir auf ein Bild

schauen, ob wir es liken und welche Profile uns interessieren.

In Echtzeit werden unsere Daten-Profile

erstellt und ausgebaut. Was sind unsere größten

Ängste, was regt uns auf, was gefällt uns und wo

sind unsere Grenzen? Zu jeder dieser Fragen liefert

unser Daten-Profil Antworten, Unmengen an Antworten,

sodass die sozialen Netzwerke den Werbekunden

die bestmögliche Prozentchance bezüglich

des Kaufs eines Produktes oder des Erfolges einer

Kampagne gewährleisten können.

Die Konsequenzen dieser systematischen Überwachung

kamen zum ersten Mal massiv im Jahr 2016

bei den Wahlen des US-Präsidenten zum Vorschein.

Hillary Clinton war klar im Vorteil, und trotzdem

schaffte es Trump, Präsident zu werden. Dies war

ihm nur dank einer Firma möglich: Cambridge Analytica.

Sie ist für die größte Krise des Milliardenunternehmens

Facebook verantwortlich, das durch

© Daily Star, UK

© weldert, Pixabay

© Pixabay , 1778011

Das Kapitol in Washington DC, Sitz des Kongresses der USA

seine Fehler auf der ganzen Welt für Empörung

und Angst gesorgt hat. Durch das Aufdecken der

Machenschaften von Cambridge Analytica wurde

der Bevölkerung erstmals klar, wie viel die Internetkonzerne

über jeden einzelnen Menschen wissen.

Was ist Cambridge Analytica?

Cambridge Analytica (CA) wurde im Jahr 2013 als

eine Tochterfirma der SCL Group gegründet und

war eine britische Datenanalysen-Firma, die Persönlichkeitsprofile

erstellte, welche es ihr ermöglichten,

Werbung zu personalisieren und auf die

Menschen zuzuschneiden, die sich für gewisse Produkte,

Parteien und Lebensstile interessieren. Diese

Persönlichkeitsprofile bot Cambridge Analytica

verschiedenen Firmen sowie Politikern an.

Die Rolle des Unternehmens bei den

US-Wahlen 2016

Im Jahr 2014 war Cambridge Analytica laut Alexander

Nix, dem damaligen CEO der Firma, an 44

US-Wahlkampf-Kandidaturen beteiligt. Zu Beginn

unterstützte Cambridge Analytica besonders stark

den Präsidentschaftskandidaten Ted Cruz, der als

erster bedeutender Kunde galt, da er gute Chancen

hatte, mit seiner Bewerbung als Präsidentschaftskandidat

die Vorwahlen der republikanischen Partei

zu gewinnen.

Der amerikanische Informatiker und Hedgefonds-

Millionär Robert Mercer war Hauptinvestor von

Cambridge Analytica und spuckte zu Beginn, auf

Drängen seiner Tochter, Millionenbeträge in den

Wahlkampf von Ted Cruz. Als dieser jedoch im

Vorwahlkampf ausschied, setzten die Mercers auf

Donald Trump.

Alexander Nix kontaktierte Trump und bot ihm

den Dienst seiner Firma an. Er erklärte, Cambridge

Analytica habe eine einzigartige Methode entwickelt,

mit der das Unternehmen 220 Millionen

Persönlichkeitsprofile von US-Bürgern erstellen

könne. Diese Daten erwiesen sich als Zünglein an

der Waage in Bezug auf den Sieg Trumps, indem

18

argus


Internet

© CharlieYoon, Pixabay

© Pixabay Simon

Neben Facebook gehören auch Instagram und WhatsApp zum Unternehmen von Mark Zuckerberg

gezielt Werbung in den von Cambridge Analytica

ausgemachten „Swing States“ – also jenen Bundesstaaten,

bei denen das Wahlergebnis von wenigen

Wählern entschieden wird – geschaltet wurde und

man dabei besonders auf die Wähler abzielte, die

sich noch unsicher mit ihrer Entscheidung waren.

Gezielt wurden auf Instagram und Facebook Beiträge

eingebaut, die ihre Angst schürten. Besonders die

„Crooked Hillary“-Kampagne, die Hillary Clintons

nachlässigen Umgang mit Geheiminformationen in

ihren E-Mails als Außenministerin heraushebt, war

sehr erfolgreich und weckte das Misstrauen vieler

Wähler, sodass sie am Ende für den Republikaner

Donald Trump stimmten. Der früherer CEO von

Cambridge Analytica, Alexander Nix, hatte vor den

Präsidentschaftswahlen auch noch auf anderem

Weg versucht, Clinton in die Bredouille zu bringen:

Er hatte sich an WikiLeaks, eine Enthüllungsplattform,

gewandt und diese gebeten, die E-Mails, die

Hillary in ihrer Zeit als Außenministerin geschrieben

hatte, für den Wahlkampf zur Verfügung zu

stellen, in der Hoffnung, skandalöse Nachrichten

zu finden, die Trump im Wahlkampf gegen sie verwenden

könnte. Der Leiter von WikiLeaks bestätigte

die Anfrage und gab an, man habe sie zurückgewiesen.

Insgesamt überwies das Trump-Team 5,9

Millionen Dollar an das Unternehmen Cambridge

Analytica.

Brexit

Bis Oktober 2020 war Cambridge Analytica auch

im Verdacht, am Brexit, also dem Austritt Großbritannien

aus der Europäischen Union, mitgewirkt zu

haben. Ins Auge fiel die enge Verbindung

von Cambridge Analytica mit dem

kanadischen Datenanalyse-Unternehmen

„AggregateIQ“.

Dieses Unternehmen war

an der Kampagne „Vote

Leave“ zum EU-Austritt

von Außenminister Boris

Johnson beteiligt.

Filmtipp

Beide Firmen und das

Wahlkampfteam von

The Great Hack

Johnson bestreiten al-

(Netflix)

Schau genau!

argus

19


Politik

lerdings eine Zusammenarbeit. Doch

wie erklärt sich dann der Betrag von

625.000 Pfund (ca. 700.000 Euro), der vom

Unternehmen AggregateIQ an die „Vote Leave“-

Kampagne gespendet wurde? 625.000 Pfund

waren 40 Prozent des ursprünglichen Wahlkampfbudgets

– beachtlich für eine einfache Spende.

Dennoch hält die britische Datenschutzbehörde

ICO („Information Commissioner‘s Office“), die

dem Fall drei Jahre nachgegangen ist, Cambridge

Analytica für „nicht beteiligt“. Facebook musste ein

Strafgeld von 500.000 Pfund zahlen, da es die Konten

seiner Nutzer nicht genug geschützt habe und

deren Informationen permanent im Internet verweilen.

Auch die „Vote Leave“-Kampagne erhielt

eine Geldstrafe von 40.000 Pfund.

AusmaSSe von Cambridge

Analytica

Cambridge Analytica arbeitete nicht nur an der

Trump-Kampagne. Die Ausmaße der Arbeit des

Unternehmens sind unvorstellbar. Zu einem weiteren

Opfer der Firma gehört die karibische Insel

Trinidad. Dort gibt es zwei politische Parteien:

eine, welche die Schwarzen vertritt, und eine, welche

die Inder vertritt, die im 19. Jahrhundert als

Arbeiter auf die Insel gekommen waren. Beide Bevölkerungsgruppen

hassen einander. Cambridge

Analytica arbeitete für die Bevölkerung indischer

Abstammung und hatte angesichts der Parlamentswahlen

2015 eine brillante Idee: In Form einer Kampagne

sollten die Nichtwähler unter den jungen

Schwarzen erhöht werden. Die Idee bestand darin,

eine Bewegung zu entwickeln, welche die jungen

Menschen aufforderte, aus Unzufriedenheit mit

dem politischen System nicht wählen zu gehen.

Die „DO SO“-Kampagne („Tu so“-Kampagne) bedeutete

so viel wie: Ich gehe nicht wählen – aus

Protest. In Form von zwei überkreuzten Unterarmen,

deren Hände zu Fäusten geballt sind, wurde

die Kampagne verbreitet. Die Bewegung wurde im

ganzen Land bekannt und erlangte schon bald viele

Anhänger, besonders junge Schwarze, aber auch

Inder. Als das Parlament des Landes gewählt wurde,

beteiligten sich viele junge Schwarze nicht. Die

Inder, die jedoch ihren strengen Eltern gehorchten,

was von Cambridge Analytica einberechnet worden

war, gingen trotzdem wählen. So gewann die

Partei der Inder wegen der sieben Prozent an jungen

Wählern, die bei den Schwarzen gefehlt hatten.

Die Liste solcher Kampagnen ist lang. Neben den

USA mischte Cambridge Analytica auch in der Politik

folgender Länder – um nur die bekanntesten zu

nennen – mit: Mexiko, Brasilien, Nigeria, Südafrika,

Ukraine, Moldawien, Irak, Indien, Pakistan, Nepal,

Thailand, Indonesien, Philippinen, Argentinien,

Kolumbien, Uruguay, Kanada und Italien.

Untergang

Bereits im Dezember 2015 veröffentlichte die Zeitung

„The Guardian“ einen Artikel über die fragwürdigen

Arbeitsmethoden von Cambridge Analytica

im Wahlkampf von Ted Cruz. Der Anfang

vom Ende begann für das Unternehmen aber erst

am Samstag, den 17. März 2018, mit dem von „The

Observer“ und der „New York-Times“ veröffentlichten

Interview des Whistleblowers Christopher

Wylie, der für Cambridge Analytica unter anderem

bei der Trump-Kampagne mitgewirkt hatte. Er

brachte alle Informationen und Taktiken des Unternehmens,

die bis dahin noch unbekannt gewesen

waren, ans Licht.

Danach ging alles schnell: Einen Tag nach der Aussage

von Christopher Wylie forderten die Ermittler

des US-Geheimdienstausschusses den CEO von

Cambridge Analytica, Alexander Nix, auf, vor dem

Kongress auszusagen.

Am Montag, den 19. März 2018, stellte die britische

Datenschutzbehörde ICO einen Durchsuchungsbefehl

für die Durchsuchung der Server von Cambridge

Analytica aus. An diesem Abend strahlte der

britische Fernsehsender „Channel 4 News“ außerdem

geheime Aufnahmen von Nix aus, in denen er

prahlte, bald mithilfe von Fake-News-Kampagnen

und Operationen mit ehemaligen Spionen Wahlkämpfe

auf der ganzen Welt zu manipulieren.

Infolgedessen wurde er am nächsten Tag vom Mutterkonzern

SCL gefeuert. Ein Undercover-Reporter

veröffentlichte weitere skandalöse Aussagen von

Nix. Darin sagte er in Bezug auf die Trump-Kampagne:

„Wir haben die gesamte Forschung, alle Daten,

alle Analysen, alle Zielsetzungen durchgeführt.

Wir haben die gesamte digitale Kampagne durchgeführt,

die Fernsehkampagne, und unsere Daten

haben die gesamte Strategie beeinflusst.“

Am Freitag, den 23. März 2018, durchsuchten 18 Ermittler

der ICO das Büro von Cambridge Analytica

in London.

argus

20


Internet

© geralt, Pixabay

© Pixabay , geralt

Donald Trump, 45. US-Präsident – nicht zuletzt dank Cambridge Analytica

Eine zweite Mitarbeiterin, Brittany Kaiser, die drei

Jahre lang Direktorin für Geschäftsentwicklung bei

Cambridge Analytica gewesen war, verriet der Zeitung

„The Guardian“ weitere Details über die internen

Arbeitsabläufe des Unternehmens. Kurze Zeit

später reichten die „US-Watchdogs“, eine Regierungsorganisation,

die sicherstellt, dass Unternehmen

in einer bestimmten Branche das Gesetz befolgen,

eine Klage gegen Cambridge Analytica ein.

Auch der CEO von Facebook, Mark Zuckerberg,

musste sich für das nachlässige Verhalten mit dem

Umgang der Nutzerdaten Facebooks vor Gericht

verantworten. Nach zehn Tagen und der Drohung

einer Vorladung erklärte er sich endlich dazu bereit,

vor dem US-Kongress über die Datenschutzverletzungen

seines Unternehmens auszusagen.

Bis zum 10. April 2018 hatten die britischen und

US-amerikanischen Rechtsanwälte eine Sammelklage

gegen Facebook, Cambridge Analytica und

deren Mutterkonzern SCL wegen angeblichen

Missbrauchs personenbezogener Daten von Menschen

erhoben. In der gleichen Woche wurde Mark

Zuckerberg mit einer zehnstündigen Befragung

durch Mitglieder des US-Kongresses konfrontiert.

Dabei sagte er zu, mehr für den Schutz der Privatsphäre

von Facebook-Nutzern zu unternehmen und

ausländische Einmischungen in Wahlen zu verhindern.

Alexander Nix wurde in der folgenden Woche von

einem britischen Parlamentsausschuss für Fake

News vorgeladen und befragt.

Durch die Aufmerksamkeit, die das Unternehmen

auf sich gezogen hatte, sprang der Großteil seiner

Kunden ab. So musste Cambridge Analytica am 2.

Mai 2018 in Liquidation gehen. Noch am selben Tag

belegte die Dateisicherheitsfirma „Upguard“ vor

dem Digital-, Kultur-, Medien- und Sport-Komitee

von Großbritannien, dass die Trump-Kampagne

Zugang zu psychologischen Profil-Daten von Facebook

gehabt hatte, was Alexander Nix abgestritten

hatte. Am Ende wurden Facebook die Kosten in

Bezug auf den Datenskandal von Cambridge Analytica

präsentiert: Das Unternehmen musste der

US-Regierung eine Strafgebühr von insgesamt fünf

Milliarden US-Dollar zahlen. Weitere Strafgebühren

anderer Länder, in denen die Firma sich eingemischt

und Privatdaten gesammelt hatte, folgten.

Dazu gehört Kanada mit 6,5 Millionen, Brasilien mit

1,6 Millionen und Italien mit 1,1 Millionen US-Dollar.

Auch wenn Cambridge Analytica nicht mehr existiert

und man meinen möchte, die Praktiken der

Firma seien nun Vergangenheit, hat das Team dahinter

bereits ein neues Unternehmen namens

„Emerdata“ gegründet, in dem nach Angaben des

britischen Handelsregisters „Companies House“

Alexander Nix zusammen mit anderen Führungskräften

der SCL Group als Direktor gelistet ist.

Um Datenmissbrauch in Zukunft zu verhindern,

müssen die großen Konzerne, die hinter den sozialen

Netzwerken stehen, ihre Plattformen besser

kontrollieren und die Benutzer schützen. Jeder von

uns sollte das Recht zum Verwalten der eigenen

Daten haben und vor den manipulativen Werbekampagnen

großer Firmen oder Politiker geschützt

werden. Nur dann ist es noch möglich, dass soziale

Netzwerke ein Ort der Verbindung sind und nicht

unsere Gesellschaft spalten.

Samuel Schneider, 2bS

argus

21


So nicht! Protestbewegungen und Aufstände 2020

Politik

Ungerechtigkeit und Spaltung regieren die Welt. Manche reden nur darüber, andere

gehen ans Werk und versuchen, die gegebene Situation durch Protest zu verändern.

2020 gab es auffallend viele solcher Demonstrationen. Ein Überblick

© Unsplash, Kitthitorn Chaiyuthapoom

hingezogen fühlen. Auch der Sex hat seine leidenschaftliche

Seite verloren. Er dient nur noch

der Fortpflanzung. Das geht so weit, dass eine Frau

ihren Mann immer wieder zum Koitus zwingt, obwohl

sie ihn scheußlich findet. Sie ist überzeugt davon,

dass es ihre Pflicht ist, dem Staat ein Kind zu

gebären. Ansonsten wird Keuschheit propagiert.

Wozu das alles? Eine aggressive und angespannte

Stimmung in der Bevölkerung macht es

einfacher, Feindbilder zu erzeugen. Emotionale Beziehungen

stehen dem im Weg. Außerdem sollen

die Leute allein der Regierung treu ergeben sein.

Es darf nichts Wichtigeres im Leben geben als die

Partei.

Wie man die Vergangenheit verändern kann

Wer nur einen Augenblick lang an ihr zweifelt,

gilt als gedanklicher Verbrecher. Politische Gegner

werden vaporisiert. Es darf keinen Aufstand ge

Thailands Demonstranten mit dem „Drei-Finger-Gruß“ aus der Verfilmung der Bestseller-Saga „Tribute von Panem“

Hongkong

Ein Land, zwei Systeme – dieses Prinzip ist wohl

Geschichte. Die Autonomie der Stadt Hongkong wird

nach und nach von der Volksrepublik China beschnitten.

Nach der „Regenschirm-Bewegung“ im Jahr

2014, in der ein großer Teil der Hongkonger Bevölkerung

freie Wahlen – ohne Einmischung von Seiten

Chinas – forderte, entflammten die Proteste 2019

erneut, als die chinesische Regierung im Juni ein

umstrittenes Auslieferungsgesetz vorschlug. Dessen

Inhalt, so fürchteten pro-demokratische Lager, würde

gegen die im Grundgesetz Hongkongs festgehaltenen

Menschenrechte verstoßen, denn mithilfe dieses

Gesetzes könnten Personen aus Hongkong an das

chinesische Festland ausgeliefert werden. Im Oktober

2019 wurde der Gesetzesvorschlag zurückgezogen,

doch der Widerstand ging weiter, unter anderem

gegen Inhaftierungen, Folter und Misshandlungen –

kurz, gegen die Polizeigewalt während der Demonstrationen.

Im Mai 2020 wurde die aufgeheizte Debatte erneut

zurückgezogen, entfacht. China wollte doch zu der diesem Widerstand Zeitpunkt ging zwei weiter, weitere

Gesetze anderem in Bezug gegen auf Inhaftierungen, Hongkong verabschieden.

Folter und

unter

Misshandlungen Das eine sollte das – kurz, Beleidigen gegen der die Nationalhymne

Polizeigewalt

während unter Strafe der stellen, Demonstrationen.

das andere nennt sich „Gesetz

zur nationalen Im Mai 2020 Sicherheit” wurde die und aufgeheizte sollte es chinesischen

Debatte erneut

Sicherheitsbehörden entfacht. China erlauben, wollte zu in diesem der ehemaligen Zeitpunkt

zwei britischen weitere Kolonie Gesetze aktiv in zu Bezug werden auf und Hongkong Kritiker verabschieden.

Oppositionelle Das zu eine inhaftieren. sollte das Beleidigen der Na-

und

tionalhymne unter Strafe stellen, das andere nennt

sich Am 30. „Gesetz Juni 2020 zur nationalen trat das zweite Sicherheit” Gesetz in und Kraft. sollte Am

es 2. Dezember chinesischen wurden Sicherheitsbehörden drei der bekanntesten erlauben, Aktivisten

ehemaligen Hongkongs britischen zu Gefängnisstrafen Kolonie aktiv verurteilt. zu werden Nun

in

der

und droht Kritiker sich Hongkong und Oppositionelle endgültig in zu einen inhaftieren. Polizeistaat

zu verwandeln Am 30. Juni 2020 trat das zweite Gesetz in Kraft.

Am 2. Dezember wurden drei der bekanntesten Aktivisten

IndienHongkongs zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Nun droht sich Hongkong endgültig in einen Polizeistaat

Indiens zu Landwirtschaftssektor verwandeln. ist immens wichtig

für die ben. Nation. Wer zu 58 kritisch Prozent oder der zu Bevölkerung klug ist, wird arbeiten

der Im Landwirtschaft, Buch wird eine die Sektion 15 Prozent beschrieben, zur

eliminiert.

indi-

argus

22


schen Wirtschaftsleistung beiträgt. Also müsste eine

Agrarreform doch eigentlich willkommen geheißen

werden. Nun, nicht die, hinter der der indische Premierminister

Narendra Modi steht. Es geht um drei

Gesetze, die den Verkauf von landwirtschaftlichen

Produkten auf eine neue Art und Weise regeln sollen.

Unter anderem sollen die Bauern ihre Erträge künftig

direkt an große Firmen verkaufen, ohne von der

Regierung festgesetzte Preise, wie es bislang üblich

war. Deshalb haben viele Kleinbauern Angst, dass es

zu einem Preisverfall kommen könnte. Gegen große

Konzerne haben sie in Verhandlungen nicht die geringste

Chance. Im Dezember 2020 kam es zum sogenannten

Marsch auf Delhi. Hunderttausende Betroffene

machten sich in die Hauptstadt auf, selbst

wenn sie dafür das halbe Land durchqueren mussten.

Nun harren sie in Delhi aus und haben nicht vor,

ohne zufriedenstellende Ergebnisse die Rückreise

anzutreten.

Thailand

Manche Menschen, so kommt einem vor, können sich

alles erlauben. Sie brauchen bloß reich zu sein. Oder

adelig. Auch der thailändische König Maha Vajiralongkorn

nutzt seine Privilegien voll aus und beglückt

Bayern zu Beginn der Covid-19-Krise mit seiner Anwesenheit.

Regelmäßig sucht der Monarch das deutsche

Bundesland auf und logiert dabei im Grandhotel

„Sonnenbichl“ oder in seiner Villa in Tutzing. Die

Abwesenheit des Königs während der Pandemie,

er spielt immerhin eine wichtige Rolle in der Politik,

sorgt allerdings für eine Empörungswelle unter den

Untertanen. Sie müssen ohnehin schon viel über sich

ergehen lassen. Sie leben in einem als Demokratie

verkleideten Militärstaat und setzen ihre Freiheit aufs

Spiel, sollten sie Maha Vajiralongkorn oder andere

Mitglieder der königlichen Familie kritisieren.

Im Jahr 2019 fasste eine Studentenbewegung Fuß,

nachdem die beliebte und bei den Parlamentswahlen

drittstärkste Partei „Future Forward“ von den anderen

Parteien schikaniert und aufgelöst worden war. Dabei

ist die Liste ihrer Forderungen überschaubar: Es

soll eine Reform der Monarchie und der Verfassung

des Militärs geben, Neuwahlen sollen stattfinden, die

willkürliche Polizeigewalt soll beendet werden. Die

jungen Menschen schaffen es trotz Demonstrationsverbots,

auch mithilfe von Social Media, ein Zeichen

zu setzen.

Nigeria

Proteste

Wohl keiner der hier beschriebenen Proteste

verlief bis jetzt so blutig wie die nigerianischen

Proteste gegen die allgegenwärtige

Polizeigewalt im Land. Mindestens 69 Personen,

der Großteil davon Zivilisten, kamen im Oktober

2020 ums Leben. Unter dem Hashtag „EndSARS“

gingen im Herbst Tausende Nigerianer auf die Straße.

SARS ist eine Eliteeinheit des nigerianischen Militärs,

die mittlerweile, dem empörten Aufschrei der

Öffentlichkeit sei Dank, nicht mehr existiert. Die Proteste

wurden durch ein virales Video ausgelöst, das

die Erschießung eines jungen Mannes durch einen

SARS-Beamten zeigt.

Nigerias Präsident Muhammadu Buhari verschärft

durch seine Äußerungen und Aktionen die Lage.

Auf der einen Seite inszeniert er sich als Mann des

Volkes, der die jungen Leute ernst nimmt, auf der

anderen Seite lässt er Demonstranten verhaften,

misshandeln und töten. Im Laufe des mächtigsten

Aufstandes seit Jahren wurde eines der größten nigerianischen

Gefängnisse angezündet und Insassen

befreit. Längst ist aus den Demonstrationen gegen

SARS eine Widerstandsbewegung gegen die Regierung

geworden.

Black Lives Matter

Ein Video geht um die Welt: Ein weißer Polizist kniet

auf dem Hals eines Afroamerikaners, schneidet ihm

länger als acht Minuten die Luft ab, zwei weitere

Polizisten sehen tatenlos dabei zu. „I can’t breathe”,

röchelt der Festgehaltene, am Ende der Aufzeichnung

ruft er nach seiner Mutter. Wenig später stirbt

George Perry Floyd Jr. im Krankenhaus. Nach der

Veröffentlichung des Videos kommt es – ausgehend

von Minneapolis, dem Ort des Geschehens

– zu immer noch anhaltenden

Protesten gegen

Polizeigewalt in den USA,

die sich hauptsächlich

gegen Schwarze rich-

Fakt!

tet. Obwohl der Hashtag

„Blacklivesmatter“

bereits seit 2013

existiert (er war

entstanden, nachdem

der Wachmann

George Zimmermann,

der den Afro-

Die Proteste in Thailand

gestalten sich als kreativ.

Studenten sprachen in Harry

Potter-Kostümen von „Dem,

dessen Name nicht genannt

werden darf“. So nennen

sie in Thailand den König.

argus

23


Politik

amerikaner Trayvon Martin erschossen

hatte, freigesprochen worden war), hat die

Bewegung erst 2020 gigantische Ausmaße

angenommen. Bei den vielen Nachrichten aus den

USA möchte man fast meinen, rassistisch motivierte

Polizeigewalt sei bloß ein US-amerikanisches Problem.

Doch weltweit können Betroffene ein Lied von

derartiger Gewalt singen und ergreifen die Chance,

um auch in ihren Ländern die Aufmerksamkeit darauf

zu lenken. Betont wird dabei der systematische

Rassismus, welcher nicht-weißen Menschen schon

von klein auf das Leben schwer macht und dessen

Präsenz man in einer modernen Gesellschaft nicht

ignorieren darf, auch wenn man selber nicht davon

betroffen ist.

Indonesien

Eine Arbeitsmarktreform zwingt hunderttausende Indonesier

im Herbst 2020 zum Demonstrieren. Das

„Gesetz zur Schaffung von Arbeitsplätzen“, auch Omnibus-Gesetz

genannt, könnte vom Namen her positiv

konnotiert werden. Und natürlich preist das Parlament

in Jakarta das Vorhaben an, schließlich wurde

es von ihm am 2. Oktober eingeführt. Von Seiten der

Politik heißt es, das Gesetzespaket würde große Investoren

anlocken und den bürokratischen Aufwand

schmälern. Letzteres betrifft laut Kritikern allerdings

auch die Rechte der Arbeiter. Kurzzeitverträge und

Entlassungen werden leichter gemacht. Wenig überraschend

soll diese Reform auch den Umweltschutz

erheblich schwächen. Bei den Protesten kommt es

häufig zu Gewalt, vor allem von Seiten der Polizei.

Hunderte von Teilnehmern wurden bis jetzt in Gewahrsam

genommen, es gab Schwerverletzte. Ob in

Indonesien die Arbeiter oder die Industrie den Sieg

davontragen werden, bleibt offen.

Corona-Demonstrationen

Seit COVID-19 den Westen erreicht hat und als Pandemie

eingestuft wurde, wissen sich viele Regierungen

nicht anders zu helfen, als strenge Lockdowns

über die Bevölkerung zu verhängen. Das stößt auf

den Widerstand einer kleinen, aber lauten Gruppe,

die sich fortan regelmäßig auf Demonstrationen trifft.

Kritisch gesehen wird dabei zum einen, dass die

Die einzige Sache, die

mich ärgert, ist, dass wir

so lange mit dem Protest

gewartet haben.

Rosa Parks

Teilnehmenden kaum Maske tragen und Abstand

bewahren, zum anderen die Tatsache, dass unter

den Impfgegnern, Esoterikern und Menschen, die

die Maßnahmen einfach als übertrieben betrachten,

auch so mancher Neonazi mitläuft. In Italien und

Spanien arten viele der Proteste in Gewalt aus.

Polen

Es ist ein Albtraum für viele Feministinnen: das polnische

Abtreibungsverbot, das im Oktober 2020

vom Verfassungsgericht beschlossen wurde. Gänzlich

verboten sind Schwangerschaftsabbrüche zwar

nicht, bei Vergewaltigungen oder gesundheitlichen

Engpässen sollen sie erlaubt sein, doch Zehntausende

von Menschen wollen es nicht auf sich sitzen

lassen, dass, wie sie es formulieren, die Politik über

die Körper von Frauen entscheidet.

Polens Erzkatholiken begrüßen das Gesetz. Obwohl

der offizielle Grund dafür lautet, dass Abtreibungen

gegen den von der Verfassung garantierten Schutz

auf Leben verstoßen, kann man laut den Demonstrierenden

eine religiöse Einmischung in das Geschehen

kaum übersehen. Kritiker weisen darauf hin,

dass die Tatsache, dass illegale Abtreibungen – die

Anzahl derartiger Schwangerschaftsabbrüche wird

erfahrungsgemäß steigen – extrem gefährlich für die

Schwangeren sein können. Mit solchen Gesetzen

werden also nicht nur Leben „gerettet“.

Anna Recla, 4aS

argus

24


Antisemitismus – uralt und doch hochaktuell

Juden

© Unsplash, Håkon Grimstad

Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin

„[...] Ja, ich gebe zu, er wurde Jude genannt. Ist das schon

Antisemitismus?[...]“. Eine gute Frage, die der Film „Das

Unwort“ von Leo Khasin aus dem Jahr 2020 stellt.

Der Begriff „Antisemitismus“ wird von vielen Historikern

sehr unterschiedlich definiert. Allgemein kann gesagt

werden, dass unter Antisemitismus sämtliche Formen von

Judenhass, Judenfeindlichkeit oder auch Judenverfolgung

subsumiert werden.

Der Begriff wurde erstmals 1879 geprägt und entwickelte

sich im Zuge des Holocausts zu einem Überbegriff

für Verhalten, bei dem Juden negative Eigenschaften

unterstellt werden. Daraus kann ferner

unter anderem Diskriminierung, Unterdrückung,

Verfolgung und sogar Völkermord hervorgehen.

Altes PhÄnomenÄ

Antisemitismus ist aber kein neuzeitliches Phänomen,

vielmehr gab es bereits in der Gesellschaft vor 2500 Jahren

Antisemiten. Später wurden besonders die Brüskierungen

und Pogrome im Mittelalter sowie die Vertreibung

der Juden aus den christlichen Staaten bekannt. Diese Zeit

war der Beginn einer Ausgrenzungspolitik, die im 20. Jahrhundert

unter der NS-Diktatur ihren Höhepunkt erreichen

sollte: der Genozid an sechs Millionen Juden. Insgesamt

ist nach 1945 ein Rückgang des Antisemitismus zu konstatieren,

bedingt vor allem durch Bildung und Aufklärung

sowie den Schock, den veröffentlichte Bilder der KZ-Inhaftierten

auslösten.

Auch wenn heute der Großteil der Bevölkerung keine oder

sehr geringe Ressentiments hegt, sind judenfeindliche

Haltungen und Aktionen dennoch keine Randphänomene.

Die Zahl antisemitischer Straftaten ist in Deutschland

2019 um rund 13 Prozent gestiegen, so der Jahresbericht

zur politisch motivierten Kriminalität des Bundesinnenministeriums.

Die bekannteste Tat ist der Anschlag auf die Synagoge in

Halle an der Saale (Sachsen-Anhalt) am 9. Oktober 2019,

bei dem ein Deutscher Brand- und Sprengsätze gegen die

Synagogentür warf. Andere immer wiederkehrende Straftaten

von Antisemiten sind Beschmutzung und Schändung

jüdischer Friedhöfe oder Gedenkstätten. Bei älteren

Vorfällen aus dem Jahr 2006 wurden Exemplare der

Tagebücher der Anne-Frank öffentlich verbrannt und am

argus

25


Politik

Das Unwort

Gedenktag des Novemberpogroms

niedergelegte Kränze mit

„Sieg-Heil-Rufen“ angezündet.

Auch in Schulen sind Vorfälle gegen jüdische Mitschüler

bis heute keine Seltenheit. Sie werden ausgegrenzt,

beschimpft oder sogar Opfer von Gewalt. Einen solchen

– zwar fiktiven – Fall zeigt auch der Film „Das Unwort“. Ein

reales, bekannt gewordenes Beispiel hingegen ereignete

sich 2006 in Sachsen-Anhalt, als ein jüdischer Mitschüler

gezwungen wurde, mit einem Schild samt Aufschrift „Ich

bin am Ort das größte Schwein, ich lass mich nur mit Juden

ein“ über den Schulhof zu laufen. Oftmals werden auch

sogenannte „Judenwitze“ erzählt oder das Wort „Jude“

an sich als Schimpfwort benutzt. In diesem Fall wäre die

Anfangsfrage im anfangs erwähnten Filmzitat „[...] Ja, ich

gebe zu, er wurde Jude genannt. Ist das schon Antisemitismus?[...]“

mit „Ja“ zu beantworten.

Neben religiösen Barrieren sind die Gründe für Antisemitismus

eine Reihe von Stereotypen, Klischees und Ressentiments,

die sich im Lauf der Geschichte herausgebildet

haben. Diese Vielzahl an entstandenen Bildern von „dem

Juden“ weisen erstaunliche Konstanz und Kontinuität auf,

sodass sie die Jahrhunderte überdauert haben und das

Klischee des „geldliebenden Juden“ bis heute bekannt ist.

Der Schriftsteller Max Frisch beschäftigt sich im Drama

„Andorra“ mit diesem Prozess der Ausgrenzung und beschreibt

darin die Beweggründe der Judenfeindlichkeit

bzw. die Bildung von Stereotypen als psychologisches

Bedürfnis nach Abwehr und Ausschaltung eigener, unerwünschter

Verhaltensweisen oder Eigenschaften durch

Projektion auf andere, die dadurch zu einem Sündenbock

werden. So wird etwa die Geldgier der Andorraner auf

den vermeintlichen Juden Andri übertragen. Dabei ist er

eher das Gegenteil eines „geldgierigen Juden“ und die Andorraner

selbst sind geizig und habsüchtig.

Blick in die Geschichte

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Juden immer

wieder als Sündenbock missbraucht und für sämtliche

Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht wurden, so

etwa auch für den Anschlag des 11. Septembers 2001.

Dies tritt oft in Verbindung mit dem Stereotyp der „jüdischen

Weltverschwörung“ auf, welches ebenfalls bis heute

erhalten geblieben ist. Aktuelle Exempel sind hier die

Verschwörungstheorien rund um Corona, von denen eine

die Pandemie als von den Juden verursacht hält.

In der späten Neuzeit entwickelte sich mit biologischen

und pseudowissenschaftlichen Begründungen die Vorstellung,

dass Juden ein „Fremdkörper“ seien und darum

aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden müssten.

© Pixabay, Tom Gordon

Jude beim Studium der Heiligen Schrift

argus

26


© Pixabay, Gerd Altmann

Juden

Fingerzeig

Im 19. Jahrhundert verbanden sich diese Fiktionen mit

Rassismus und der entstandene „Rassenantisemitismus“

rechtfertigte als Staatsideologie Deutschlands während

der NS-Diktatur den systematischen Massenmord an circa

sechs Millionen Juden. Rechtsextreme Antisemiten halten

auch heutzutage noch an dieser Anschauung fest. Von

Seiten der Jurisprudenz sind judenfeindliche Äußerungen

und Gewalt gegen Juden heute strafbar – der Täter vom

Anschlag in Halle wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Zahlreiche Staaten ernennen Antisemitismusbeauftragte

für den Kampf gegen Judenfeindlichkeit.

Der allgemeine gesellschaftliche Umgang mit Antisemitismus

wird in Dokumentationen, Spielfilmen und Literatur

wie in „Andorra“ thematisiert und aufgearbeitet. Es werden

alljährliche Gedenk- und Thementage veranstaltet

und in Schulen wird darüber offen und aufgeklärt diskutiert.

Unter anderem deshalb sind aktuell aber viele Menschen

des Themas überdrüssig. Denn auch solche, die vielleicht

keine Ressentiments gegen Juden hegen, sind der Ansicht,

dass das Thema Antisemitismus zu sehr aufgebauscht

werde, etwa von Seiten der Medien, und Juden sich zu

schnell angegriffen fühlen würden oder auch selbst Mitschuld

an bestimmten Vorkommnissen trügen. In diesem

Zuge sind manche der Meinung, dass das Thema nun ruhen

und vergessen werden sollte.

Ein Extremum stellen all diejenigen dar, die Judenfeindlichkeit

trotz oder sogar wegen des Holocausts hegen, und

überdies so weit gehen und den Holocaust leugnen. Ich

persönlich denke, dass dieses Verhalten zum Teil heute

auch dadurch bedingt ist, dass der Zweite Weltkrieg zunehmend

an zeitlicher Distanz gewinnt und für viele die

Gewaltverbrechen gegen die Juden im Dritten Reich entfremdet

sind.

Aktuelle Aussagen von Seiten der Corona-Querdenker,

welche die Beschränkungen mit der Judenverfolgung im

Dritten Reich vergleichen, zeigen, wie fremd ihnen das

Thema ist. Dieser Ansicht ist auch Felix Klein, Beauftragter

der Bundesregierung für Antisemitismus.

Andorra

Wer „Andorra“ gelesen hat, weiß, dass Frisch auch dieses

Verhalten der Verdrängung und Schuldabweisung bzw.

-relativierung in den Zeugenschranken darlegt. Obwohl

die Andorraner zunächst Andri auf sehr menschenunwürdige

Art und Weise behandelt und alle Grenzen überschritten

haben, geben sie in ihren Aussagen nur vor, ihr

falsches Verhalten zu bereuen.

Das von Frisch geschilderte Verhalten ist auch heute noch

präsent, wie die vorher genannten Ansichten derer, die

behaupten, dass sich die Juden zu schnell angegriffen fühlen,

belegen. Vergleicht man es mit dem Antisemitismus

an Schulen, so lässt sich das Verhalten eins zu eins übertragen.

Die Täter relativieren ihre Allein- oder Mitschuld,

andere distanzieren sich von den Vorkommnissen und

geben an, davon nichts gewusst zu haben und alle simulieren

während des Unterrichts, jeglichen Antisemitismus

abzulehnen. Dies wurde auch im Film „Das Unwort“ inszeniert.

Antisemitismus soll und darf nach wie vor

in unserer Gesellschaft keinen Platz

finden. Weder am 27. Jänner, dem

Tag des Gedenkens an die Opfer

des Nationalsozialismus, noch

an irgendeinem anderen Tag.

Glücklicherweise erinnern

uns Werke wie „Andorra“

von Max Frisch und „Das

Unwort“ von Leo Khasin

immer wieder daran.

argus

27

David Gang, 3cR

Tipp!

Neugierig geworden?

Den Film „Das

Unwort“ findest

du bis 25.1.2022

gratis auf der ZDF-

Mediathek, das Buch

„Andorra“ in unserer

Schulbibliothek


Homophobie als Straftat

Im November 2020 wurde im italienischen Parlament über das

Anti-Homophobie-Gesetz abgestimmt. Sofort brachen Diskussionen rund

um das Thema los: Von der einen Seite wurde das Gesetz als sehr fortschrittlich,

von der anderen Seite als Zensur bezeichnet. Wir zeigen, was dahintersteckt

Politik

© Unsplash, Arie Wubben

Bunte Farben als Zeichen für Vielfalt

Das Anti-Homophobie-Gesetz ist ein Gesetz, das

Diskriminierung oder Beleidigung aufgrund der Sexualität

verstärkt unter Strafe stellt. Diskriminierungen,

Mobbing, Drohungen und Angriffe, die Sexualität eines

Menschen betreffend, können bis zu vier Jahre

Gefängnis kosten – vergleichbar mit dem Strafmaß

für Entgleisungen gegenüber der Nation oder auf

ethnischer und religiöser Ebene. Derartige Gesetze

sind wichtig, da dadurch eine Diskriminierung von

Minderheiten vermieden, ja sogar abtrainiert werden

kann.

Durch das neue Anti-Homophobie-Gesetz können

auch Aussagen, in denen Homosexuelle mit dem

Tod bedroht werden oder in denen zu Straftaten angestachelt

wird, bestraft werden. Mehrere Politiker

des PD, der italienischen Demokratischen Partei, die

dieses Gesetz vorgeschlagen haben, bezeichnen es

als eines der fortschrittlichsten Europas. Doch ganz

so einzigartig ist die italienische Position nicht: In der

Schweiz wurde letztens über ein ähnliches Gesetz

abgestimmt, die dortige SVP (Schweizer Volkspartei)

und andere rechte Parteien stellten sich strikt gegen

den Vorschlag, da es in ihren Augen gegen die

Gleichberechtigung aller Menschen spräche, wenn

Minderheiten anders behandelt, sozusagen bevorzugt,

würden. Wie das Anti-Rassismus-Gesetz, das

dort schon länger in Diskussion stand, bezeichnete

man auch das Anti-Homophobie-Gesetz als „Zensur“

und ungerecht, da man sich nicht an der Diskussion

beteiligen könne, ohne als „homophob“ bezeichnet

zu werden.

Meines Erachtens gab es gerade in Bezug auf dieses

Argument einen sehr wichtigen Punkt in der Diskussion,

der in vielen Artikeln, die ich im Zuge meiner

Recherche gelesen habe, fast nicht besprochen wurde:

Ausgerechnet Betroffene, die sich zu Wort meldeten

(homosexuelle Politiker, besonders in rechten

Parteien, und Vorsitzende von Vereinigungen) fanden,

dass dieses Gesetz nicht ungerecht gegenüber

der Mehrheit, sondern ungerecht gegenüber Homo-

argus

28


sexuellen sei, da man durch das Einführen eines solchen

Gesetzes öffentlich bekräftigen würde, dass sie

anders seien und nicht zu der Mehrheit gehörten. Die

Folge: Durch ein Gesetz, das sie eigentlich schützen

sollte, würden sie aus der Gesellschaft ausgeschlossen.

In Italien wurde, wie von der Schweizer SVP, oft

behauptet, das Gesetz sei eine Gefahr für die freie

Meinungsäußerung, da man sich nun nicht mehr

kritisch gegenüber der Sexualität von Menschen äußern

könne. Witze darüber und Kritik dazu könnten

nun schnell zu Strafen führen. Auch von Seiten der

FAKT!

In Italien sind 23 Prozent der

Mitglieder der LBGTI-Bewegung der

Meinung,dass ihre Rechte genügend

anerkannt und sie als Personen

ausreichend in die Gesellschaft

einbezogen werden. In Belgien liegt der

Zufriedenheitsgrad bei 73 Prozent, in

Russland bei 10, in der Türkei bei 4

Prozent.

katholischen Kirche Italiens wurde dieses Argument

verbreitet: Infolge des Gesetzes wäre es nicht mehr

möglich, sich über Verbände oder Sexualitäten und

ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft zu beschweren.

Auch wurde behauptet, es gäbe gar keine Gesetzeslücken,

die gefüllt werden müssten; ein Schutz

dieser Minderheiten wäre bereits gegeben. Die Kirche

äußerte auch die Sorge, sie könne rechtlich verfolgt

werden, wenn sie sage, eine Familie müsse aus

„Mutter und Vater“ bestehen.

Generell waren die Aussagen der Kirche recht umstritten:

Sie stimmte sogar den „Fratelli d'Italia“ zu

(einer rechtspopulistischen Partei, die als Sammelbecken

von Neofaschisten bezeichnet wird) und fragte

öffentlich, was für ein politischer Prozess hinter

diesem Gesetz stehe. Dies ist einer der sehr seltenen

Fälle, in denen sich die Kirche spezifisch und öffentlich

über ein politisches Thema in Italien äußerte.

Sie machte aber auch klar, dass sie sich entschieden

gegen Diskriminierung, Mobbing und schlechte Behandlung

gegenüber Homosexuellen stelle und diese

bekämpfen wolle.Inmitten des Gerangels stand

die SVP, die Südtiroler Volkspartei, die nach langem

Ringen für die Verabschiedung

des Anti-Homophobie-Gesetzes

in Italien stimmte.

Warum eine Partei, die sich damit identifiziert,

eine Minderheit im Land zu sein und

deren Geschichte darauf beruht, nicht wie ein

Teil der Gesellschaft behandelt zu werden, sich

nicht für eine Minderheit einsetzt, ohne darüber zu

hadern, ist offen. Immerhin: Anders als ihre Schwesterpartei

in der Schweiz hat die Südtiroler SVP nicht

gegen das Gesetz gestimmt. Vielleicht hatten die

Worte des Papstes, der in einer kurz vorher veröffentlichten

Dokumentation sagte, niemand solle wegen

seiner Sexualität diskriminiert werden, Einfluss

auf die Entscheidung der Partei gehabt. Oder sie ließ

sich von den Daten überzeugen, die zeigen, dass es

in Italien täglich bis zu 50 Fälle von Diskriminierung

wegen der Sexualität eines Menschen gibt, die bei

den Betroffenen oft zu Depressionen oder Suiziden

führen.

Letzten Endes wurde das Gesetz verabschiedet,

die Mehrheit der Parlamentarier stimmte dafür. Italien

schließt sich damit Frankreich, Österreich, den

Niederlanden, Dänemark und der Schweiz an. Der

Großteil der Italiener wird keinen Unterschied spüren,

die Betroffenen und jene Menschen, die sie diskriminieren,

sehr wohl. Ob dieses Gesetz wirklich

eine Gefährdung der Meinungsfreiheit ist, wie viele

es behaupten, bleibt wohl zu bezweifeln, da es bei

freier Meinungsäußerung darum geht, eine Meinung

zu äußern und sich auszudrücken und nicht darum,

Menschen aufgrund gegebener Unterschiede zu kritisieren

oder sich über ihren Einfluss auf die Jugend

aufzuregen. Homophobie wird nun nicht mehr als

Meinung, sondern als eine Straftat angesehen, was

ein großes Statement von der Seite Italiens ist.

Wahrscheinlich wird das Anti-Homophobie-Gesetz

wie das Anti-Rassismus-Gesetz kaum Auswirkungen

auf die breite Diskussion in der Gesellschaft haben.

Die Betroffenen aber können nun das Gefühl

haben, vom Gesetz, vom Land

beschützt und als Teil der Gesellschaft

gesehen zu werden.

Natan Noah

Mutschlechner, 4aS

Homophobie

SCHAU GENAU!

Mehr zum Thema

in Europa:

https://taz.de/

LGBTI-Rechte-in-Europa/!5593047&s=/

argus

29


Im Interview

„Schweigen ist oft schwer auszuhalten“

Marlene Kranebitter ist die Leiterin

der Notfallseelsorge in Südtirol.

Landesweit stehen über 160 Mitarbeiter

im Dienst des Vereins, der sich vor allem um

die Menschen kümmert, die der unerwartete

Tod eines Menschen erschüttert. Sich an einen

Psychologen zu wenden, ist in unserer Gesellschaft

noch immer mit einem großen Schamgefühl

besetzt, weiß die Psychologin

Was fasziniert Sie an Ihrer Berufung und warum

genau das Psychologiestudium?

Mich fasziniert die Arbeit mit den Menschen. Warum

sie so sind, warum sie sich so entwickelt haben und

was jeden Einzelnen von uns prägt. Auch Menschen

mit keinen guten Voraussetzungen sind im Stande,

ein gutes Leben zu führen. Es kann aber auch genau

umgekehrt sein. Die verschiedensten Lebensgeschichten

der Menschen haben mich beeindruckt.

Wie läuft es an den Unfallorten, wo Sie oft die

Erstbetreuung von Verletzten und Angehörigen

durchführen, ab? Verstehen die Menschen

gleich zu Beginn, dass sie auf Hilfe

angewiesen sind oder wird sie vielfach abgelehnt?

© privat

Ganz unterschiedlich. Jeder Mensch hat ein unterschiedliches

Tempo im Realisieren. Wir haben einmal

eine Todesnachricht überbracht, als ein Familienvater

bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen

ist. Eigentlich hat es das ganze Land schon gewusst

(„Stol“ sei Dank), die Familie aber noch nicht. Wir

sind also vor der Haustür gestanden, zwei rot uniformierte

Notfallseelsorger und zwei Polizisten, aber

die Frau hat nicht damit gerechnet, dass es etwas

mit ihr zu tun haben könnte. Sie dachte, wir sind hier,

weil wir eine Auskunft brauchen. Es kann ein Schutz

gewesen sein, Trauerreaktionen sind unterschiedlich

und man kann sich auf nichts verlassen. Zwischen

schreien, toben, weinen, klagen oder erstarren – bei

einem plötzlichen Tod denkt keiner mehr daran, sich

emotional zu verstecken und so sieht man für einen

kurzen Moment sehr viel von einer Person. Das

Schweigen einer betroffenen Person ist oft schwer

auszuhalten. Es gibt kein Klischee, das sagt, wie ein

40-jähriger Mann reagiert und dass eine 65-jährige

Frau anfängt zu weinen.

Marlene Kranebitter

Was hilft Ihnen dabei, eine „innere Distanz“

zu den Betroffenen herzustellen, aber dennoch

eine Bindung zu entwickeln, um für

denjenigen da zu sein?

Das ist schwierig. Man muss das immer wieder vor

sich hersagen und laut aussprechen, dann begreift

man es besser. „Das ist nicht meine Familie und

nicht meine Geschichte.“ Das geht nicht immer, wie

zum Beispiel beim Unfall in Luttach. Die Aufarbeitung

des Unfalls geht über einen langen Zeitraum und es

waren viele Verstorbene. Die Medien haben sich mit

voller Wucht auf das Geschehen gestürzt. Das Szenario

war dramatisch: Nacht, Lichter und verstorbene

Menschen, zugedeckt mit Decken, inmitten der

Straße. Der Vergleich mit einem Schildkrötenpanzer

gefällt mir bei meiner Arbeit sehr gut. Ich muss mich

ein bisschen zurückziehen, damit es mich auf Dauer

nicht auffrisst. Hingehen, mit allem, was wir haben,

argus

30


unterstützen, aber danach wieder herausgehen. Im

Alltag hören wir oft Sätze wie „Der da ist psychisch

krank“ oder „Ich habe psychische Probleme“.

Ab wann kann man sagen, dass jemand psychisch

erkrankt ist? Erkennt man diese Menschen?

Eine depressive Verstimmung, weil es gerade nicht

so rund läuft oder weil die Hormone nicht mitspielen

– das haben viele. Etliche Menschen erkranken in

ihrem Leben einmal psychisch. So wie ich körperlich

erkranken kann, kann ich auch seelisch erkranken.

Was mich erschreckt, ist, dass die Menschen immer

noch Angst haben, zu einem Psychologen zu gehen.

Es steckt immer noch sehr viel Scham dahinter. Dabei

kann es viel ausmachen, nur kurz einmal das

eigene Leben zu sortieren.

Wenn ich zum Psychologen

gehe, dann bin ich verrückt.

Das haben noch viele

Menschen in ihren Köpfen.

Marlene Kranebitter

Kann man auch als Freund oder Freundin

helfen?

Wenn jemand stirbt, dann sind ganz viele Menschen

für einen da. Ein paar Wochen danach geht für die

anderen Menschen das Leben weiter, so ist unsere

Gesellschaft. Die Arbeit der Freunde muss in den

Wochen und Monaten danach stattfinden. „Mogsch

di la ammo meldn“, das hilft wenig. Menschen, die

trauern, tun das nicht. Also, von sich aus anrufen und

nachfragen, aber auch damit rechnen, dass man abgewiesen

wird.

Hat sich durch die jetzige Krise etwas geändert?

einem Trauma herausgegangen

wären, dann müssten

wir unsere ganze Gesellschaft

hinterfragen.

Im Interview

Jetzt sind die Wartelisten sehr lang, weil ich

glaube, dass uns die Zukunft Angst macht. Wir

sind immer gewohnt gewesen, alles sofort zur Verfügung

zu haben. Wir können Schulden machen, um

in den Urlaub zu fahren. Wir sind auf einem hohen

Level, aber nicht auf einem guten. Jetzt geht vieles

nicht, wirtschaftliche Sorgen kommen dazu und

Arbeitsplätze werden weniger. Nehmen wir die Hotellerie

als Beispiel: Auch hier werden die Menschen

vielleicht wieder Arbeiten erledigen, für die man sich

nicht gut genug war. Der Beruf „Putzfrau“ – bei uns in

der Gesellschaft ist man „la a Putzfrau“.

In unserer Gesellschaft ist der Wert des Menschen

vielfach davon abhängig, welchen Beruf er ausübt

und wieviel Geld er hat. Heutzutage sind ganz viele

oberflächliche Sachen wichtig und unsere Gesellschaft

ist viel zu schnelllebig. Der Erfolgsdruck in

unserer Gesellschaft ist enorm. Um hervorzustechen

aus der Masse muss man beispielsweise ein halbes

Jahr in Australien gewesen sein. Wenn man nach der

Matura gleich arbeiten geht, dann wird man sehr häufig

abgestuft. Wir haben das Gespür für das normale

Leben verloren. Es muss nicht immer eine Weltreise

oder ein Mega-Job sein. Jeder Beruf ist irgendwo

mühsam und hat eine langweilige Komponente.

Was sollte unsere Gesellschaft tun, um der

schnelllebigen Welt zu entfliehen?

Ich glaube, wir müssten wieder mehr miteinander philosophieren.

Man muss nicht immer nach dem Nützlichen

im Leben suchen. Auch in der Schule, wenn

ich in Deutsch irgendein Werk lese – wahrscheinlich

brauche ich es im Leben nicht mehr. Aber wir sollten

darüber philosophieren, welche Botschaften wir für

die Gegenwart verwenden können. Wir können nicht

immer etwas Nützliches machen, das schafft ein

Mensch nicht. Es genügt auch, ohne ein bestimmtes

Ziel über etwas zu reden und darüber zu diskutieren,

es muss nichts herauskommen.

Die Fragen stellte Andrea Moser, 3bS

Unmittelbar nach dem Lockdown im Frühjahr 2020

hat sich nicht viel verändert. Wenn durch diesen

Lockdown von drei Monaten viele junge Leute mit

argus

31


Verfassungswidrige Frauenquote

31 Prozent ist der Anteil der Frauen im Bundestag. Frauen sind unterrepräsentiert.

Thüringen und Brandenburg wollten deshalb so genannte Paritätsgesetze auf

den Weg bringen, wonach bei Kommunalwahlen gleich viele Männer wie Frauen als Kandidaten

verpflichtend wären. Auf Anfrage der AfD und der NPD erklärten die Verfassungsgerichtshöfe

allerdings: Paritätsgesetze sind verfassungswidrig

Politik

© Andy Kelly, Unsplash

© Unsplash, Lucia

Proteste für Gleichberechtigung von Frauen begleiten uns seit Jahren

Das Streben der Frauenbewegung nach Gleichberechtigung

gibt es seit jeher – sei es in Bezug auf

Wahlrecht oder Abtreibung. Die Politik bestimmt heute

noch in vielen Ländern mit, wie Frauen ihre Zukunft

verbringen müssen, ob mit Kind oder ohne.

Frauenbewegungen, wie kürzlich in Polen gesehen,

setzen sich für ein lockeres Abtreibungsgesetz ein.

Doch blockiert die hauptsächlich von Männern geführte

Politik vielerorts dieses Anliegen und entscheidet

somit in gewisser Weise über den Körper einer

Frau.

Parität Ä in der Politik

Die Gleichberechtigung im Parlament ist eine weitere

Aufgabe, die angegangen werden muss. Paritätsgesetze

sind, zumindest in Deutschland, ein gescheiterter

Versuch, Gleichberechtigung ins Parlament

einziehen zu lassen. Der Ruf nach Gleichberechtigung

kommt nicht nur von einigen wenigen Frauen,

sondern auch von der Grundlage unserer Gesellschaft,

dem Grundgesetz. „Männer und Frauen sind

gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche

Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen

und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender

Nachteile hin“, so steht es im Art. 3 Abs. 2

des deutschen Grundgesetzes.

Aber was kann der Staat tun, um diesen Artikel zu

verwirklichen? Die Struktur des Staates müsste hierzu

grundlegend geändert werden. Seit Jahrzehnten

dominiert das männliche Geschlecht in demokratisch

gewählten Parlamenten. Struktureller Sexismus

– sowohl in den Establishments großer, alter

Parteien als auch in demokratisch gewählten Organen

– sei traurige Realität. Der Staat müsse einen

Weg finden, um die tatsächliche Durchsetzung der

Gleichberechtigung anzustoßen, fordert die Frau-

argus

32


FAKT!

enbewegung. Als undemokratisch

und

In den Vorständen

börsennotierter

trügerisch stellen Konservative

diese For-

Unternehmen in

derung dar: Frauen

Deutschland kommen

würden überwiegend

auf 603 Männer 68

Männer wählen und in

Frauen.

den gesellschaftlichen

Strukturen gäbe es keine

Hindernisse für die tatsächliche

Gleichberechtigung.

Wunsch und Wirklichkeit

Dies entspricht nicht der Realität. Die Strukturen hierzulande

sind frauenfeindlich, dazu bedarf es lediglich

eines Blickes auf die Gemeinderatswahlen im September

2020. In Meran erhielt eine junge, engagierte

Politikerin die meisten Stimmen – und dennoch

keine Spitzenposition. Dies scheint undemokratisch.

Aber nicht nur auf kommunaler Ebene ist ein Rückschritt

im Hinblick auf Gleichberechtigung erkennbar;

im Südtiroler Landtag genügt demnächst nur noch

eine Frau pro Kommission, bis jetzt wurde ihnen ein

Drittel der Plätze zugewiesen. „Frauen wählen auch

Männer“, so die einfache Erklärung von Politikern angesichts

dieser Polemik.

Studien zeichnen eine andere Wahrheit, wie die

Soziologin Elke Wiechmann dem BR24 sagt: „Zumindest

in den großen Städten sehen wir keine Diskriminierung

von Frauen, weder durch Frauen noch

durch Männer. Auch die meisten Männer haben sich

inzwischen daran gewöhnt, Frauen zu wählen. Frauen,

eher jüngere und links eingestellte, haben etwas

häufiger mit der Erststimme Kandidatinnen gewählt

oder einer Liste mit Spitzenkandidatin die Zweitstimme

gegeben.“

Das Problem liegt also nicht bei dem präferierten

Geschlecht der Wähler, sondern tatsächlich bei den

Wahllisten. Warum aber werden Paritätsgesetze als

undemokratisch abgeschmettert, wenn sie helfen

könnten, einen Artikel des Grundgesetzes zu verwirklichen?

Das Verfassungsgericht in Potsdam erklärte

hierzu, dass dadurch die Freiheit der Parteien

bei den Wahlen eingeschränkt würde.

Aber nicht nur die Freiheit der Parteien würde durch

ein solches Paritätsgesetz eingeschränkt, sondern

auch eines unserer wichtigsten Rechte: das Wahlrecht.

Zwar würde die Auswahl auf der Wahlliste

mehr Vielfalt hergeben, aber was, wenn man seit jeher

denselben Kandidaten

wählt und dieser wegen eines

Paritätsgesetzes nun nicht mehr

antreten darf?

Ein Paritätsgesetz hebelt also gewissermaßen

unser Recht auf freie Wahlen aus. Wäre dennoch

ein Paritätsgesetz in Kraft, so könnten auch andere

Bevölkerungsschichten wie People of Color, Personen

unterrepräsentierter Konfessionen oder Mitglieder

der LGBTQIA+-Bewegung Gleichberechtigung

im Parlament fordern. Chaos auf den Wahllisten und

in den Parlamenten wäre die Folge.

Dieses Wahlchaos wurde von rechtsradikalen Parteien

abgewendet. NPD und AfD, deren Mitglieder

immer wieder durch undemokratische Äußerungen

auffallen, schützen das deutsche Grundgesetz – ein

Widerspruch. Die wegen der Corona-Krise an Aufschwung

verlierende AfD inszeniert sich nun als

kühner Retter der freien Demokratie, sei es durch

Kritik an den Corona-Maßnahmen, sei es durch die

Abwendung des Paritätsgesetzes. Dabei ist die AfD

ein Teil des Problems. Durch Abgeordnete, die sich

sexistisch gebärden und erzkonservative Haltungen

an den Tag legen, versucht sie so gut wie jeden Vorstoß

für Gleichberechtigung zu blockieren und vergiftet

den Diskurs.

Sexistische Muster

Frauen

Dass es aber auch anders geht, zeigt die CDU: Eine

alte, konservative Partei führt für parteiinterne Wahlen

und manche Positionen eine Frauenquote von

50 Prozent ein. Bis 2025 soll sie verbindlich etabliert

sein. Ob dies gelingt, ist noch unklar. Selbst Delegierte

der CDU behaupten, eine Frauenquote sei

völlig überzogen, da es seit Jahren eine Kanzlerin

gibt, eine Kommissionspräsidentin, drei Bundesministerinnen,

eine Parteichefin.

Andere kritisieren, eine solche Frauenquote sei ein

Paritätsgesetz durch die Hintertür. Das weitere Vorgehen

der CDU wird wohl maßgeblich vom nächsten

Parteivorsitz abhängen. Dafür kandidieren drei

Männer, keine Doppelspitze, keine Frau. Ein Widerspruch

zur offiziell angestrebten Frauenquote. Die

CDU fällt in ihre alten sexistischen Muster zurück.

Gleichberechtigung im Parlament ist nicht in Sicht.

Ein grundlegender Wandel der Gesellschaft und der

Strukturen ist der einzige Weg dorthin. Wie lang er

sein wird, wird sich zeigen.

Thomas Mair, 4aS

argus

33


Politik

Wie der Sexismus seinen

Menschliche Gesellschaften waren nicht immer männerdominiert. Historisch

gesehen kam die Wende erst, als wir zu Bauern wurden, durch die

Sesshaftigkeit. Doch auch antike Geistesgrößen wie Platon, Hippokrates und

Aristoteles legten das Fundament, auf dem jahrhundertelang der Sexismus

aufgebaut wurde

Die überwiegende Mehrheit der Kulturen sind Patriarchate,

in denen Männer mit größerer Wahrscheinlichkeit

als Frauen soziale, wirtschaftliche und politische

Machtpositionen erlangen können. Es ist also

verlockend anzunehmen, dass dies der natürliche

Zustand der Dinge ist, vielleicht weil Männer biologisch

gesehen stärker sind als Frauen.

Vielleicht hilft ein Blick auf unsere Vorfahren, die

Schimpansen. Diese sind keine Stellvertreter für

unsere Vorfahren – sie haben sich weiterentwickelt,

seit sich unsere Stammbäume getrennt haben – aber

ihre sozialen Strukturen können uns etwas über die

Bedingungen sagen, unter denen männliche Dominanz

gedeiht. Gewöhnliche Schimpansen-Gruppen

sind offenkundig patriarchalisch organisiert. Die

Männchen sind bösartig gegenüber den Weibchen,

sie nehmen ihnen das Futter weg, töten sie sogar,

nur weil sie sich von der Gruppe entfernt haben. Liegt

Frauenfeindlichkeit also in der Natur der Menschen?

Nein, meinen Anthropologen mit Blick auf die Hinterlassenschaften

des frühen Homo sapiens und die

heute noch existierenden Jäger-und-Sammler-Gesellschaften.

Doch vor etwa 12.000 Jahren änderten sich die Dinge:

Mit dem Aufkommen von Ackerbau und Viehzucht

begannen die Menschen sesshaft zu werden.

Sie erwarben Ressourcen, die sie verteidigen mussten,

und die Macht verlagerte sich auf die biologisch

stärker gebauten Männer. Väter, Söhne, Onkel und

Großväter begannen, nahe beieinander zu leben,

Eigentum wurde in der männlichen Linie weiter gegeben,

und die weibliche Autonomie wurde ausgehöhlt.

Infolgedessen entstand das Patriarchat.

Auf philosophischer Ebene wurde das Fundament für

Diskriminierung bereits im antiken Griechenland gelegt.

Obwohl die griechischen Autoren den Sexismus

nicht erfunden haben, enthielten ihre Schriften Ideen

und Argumente, die zur Rechtfertigung der Frauenfeindlichkeit

verwendet wurden. Sobald diese antiken

Trendsetter Argumente für die Unterwerfung der Frau

im Namen eines göttlichen Bildes entwickelt hatten,

wurden Frauen wie selbstverständlich als von Natur

aus minderwertiger als Männer angesehen, von

Geburt an anders behandelt und dazu erzogen, sich

selbst zu unterwerfen, was wiederum die Ansichten

über die weibliche Unvollkommenheit und die daraus

folgende Entmachtung weiter unterstützte.

Der Begriff der Teleologie hilft dabei, die Geschichte

der Frauenfeindlichkeit besser zu verstehen. Die

Teleologie sagt aus, dass einige Dinge um anderer

Dinge willen geschehen oder existieren. Von Platon

bis Aristoteles, aber auch bei weiteren Philosophen,

waren die Zeugungskräfte der Frauen das einzige

Mittel, um zum Guten beizutragen, woraus folgte,

dass diese Kräfte von Männern mit Einsicht in die

„Eine Frau muss still und mit

völliger Unterwürfigkeit die

Unterweisung empfangen", denn

„ich erlaube einer Frau nicht, zu

lehren oder Autorität über einen

Mann auszuüben, sondern still zu

sein."

Paulus (2. Timotheus 2,12)

argus

34


Anfang nahm

© Pixabay, morhamedufmg

Frauen

göttlichen Absichten angemessen kontrolliert

werden müssen.

Die früheste Periode, für die wir detaillierte Berichte

über den Körper der Frau haben, ist das

klassische Griechenland, die Zeit, in der verschiedene

Texte, die lange mit Hippokrates in

Verbindung gebracht wurden, geschrieben wurden.

Diese medizinischen Schriften von mehreren

Autoren enthalten die erste klare Differenzierung

von weiblichen und männlichen Körpern

und waren grundlegend für die westliche medizinische

Tradition.

Die hippokratischen Autoren sind sich einig,

dass die Knochen eines menschlichen Körpers

mit Fleisch bedeckt sind, das aus verschiedenen

Arten von Flüssigkeiten besteht, die wiederum

mehr oder weniger heiß oder kalt und feucht

oder trocken sind. In den Worten eines hippokratischen

Autors erfreut sich der Mensch „der

größten Gesundheit, wenn diese Flüssigkeiten in

Bezug auf Mischung, Kraft und Menge im Gleichgewicht

zueinanderstehen.“

Zwei Merkmale des weiblichen Körpers überzeugten

die hippokratischen Autoren von einem

entscheidenden Unterschied zwischen weiblichen

und männlichen Körpern: Frauen haben

die Menstruation und eine Gebärmutter. Die

Notwendigkeit, dass Frauen regelmäßig bluten,

wurde als Beweis dafür genommen, dass weibliches

Fleisch feucht, schwammig und kalt sei,

im Gegensatz zu dem trockenen, festen und

warmen Fleisch der Männer. Wegen ihrer kalten

Schwammigkeit nehme der Körper der Frau

mehr Flüssigkeit auf, müsse regelmäßig Blut

absondern und sei daher von Natur aus unausgeglichen.

Weil die Wärme und Trockenheit des

männlichen Körpers überschüssige Flüssigkeit

absorbiere, müssten sie nicht menstruieren. Die

Gesundheit der Frauen ist nach dieser Theorie

also stärker als die der Männer davon abhängig,

dass ihr Körper überschüssige Flüssigkeit entweder

verbraucht oder ausscheidet.

Was die Geschlechter

betrifft, so ist der Mann von

Natur aus überlegen und die

Frau unterlegen, der Mann der

Herrscher und die Frau der

Untertan.

Aristoteles

Punkt über den anhaltenden Sexismus zu übersehen. Diese

ersten Gynäkologen, die sich um das Wohlergehen ihrer

Patientinnen zu sorgen schienen, gingen davon aus, dass

jede Entwicklung der Frau mit ihren Fortpflanzungsorganen

und den damit verbundenen Flüssigkeiten zusammenhängt,

sodass ihre Gesundheit auch von der Fortpflanzung

abhängt.

Als die hippokratischen Autoren Frauen in die Knechtschaft

ihrer Zeugungskraft und ihrer Ehemänner versetzten, leiteten

sie eine seit langem bestehende Strategie im westlichen

Denken ein, die Gesundheit von Frauen auf ihre

Fortpflanzungsfähigkeit zu reduzieren und Männer zu ihren

Aufsehern zu machen.

Es ist niederschmetternd zu sehen, dass so viele unserer

Zeitgenossen die Logik dieser alten Argumente übernehmen

und die Körper der Frauen im Namen des Guten fröhlich

unterjochen. Aber ich finde einen Trost darin, zu verstehen,

wie diese sexistischen Einstellungen entstanden sind.

Wenn Wissen Macht ist, dann könnte das Verständnis dieser

alten Quellen der heutigen Frauenfeindlichkeit massiv

helfen.

Heute ist es leicht, die hippokratischen Theorien

zu verspotten. Aber sie als schlechte Wissenschaft

abzutun, bedeutet, einen entscheidenden

Salome Johanna Bergmann, 4aS

argus

35


Im Interview

Gisela Maria Nocker

Von gerechten Noten und

Alter: 50

Beruf: Lehrerin für Deutsch und Latein

Hobbys: Wandern, Mountainbiken, Langlaufen, Lesen, Unterwegs-Sein

Wohnort: Reischach

Gibt es in Ihren Augen Ungleichheiten in der Bewertung

von Schülern und wenn ja, in welcher

Form?

Das Ziel einer jeden Prüfung ist es, Ungleichheiten

zu vermeiden und gerecht

zu bewerten.

Ich glaube, dass sowohl mündliche

als auch schriftliche Bewertungen,

welche auf klar

definierten Kriterien basieren,

vergleichbar sind. Bei schriftlichen

Testarbeiten bietet sich

der Vorteil an, Beantwortetes

mehrmals durchzugehen, während

man bei mündlichen Prüfungen

Antworten nur einmal hört und

diese möglicherweise anders interpretiert

oder aufnimmt.

Ich persönlich finde es außerdem entlastend,

wenn ich den Namen der Schüler vor der Verbesserung

von Arbeiten nicht lese. Bei der Matura beispielsweise

korrigiere ich Texte von fremden Schülern.

Kann man Schüler Ihrer Meinung nach mit Bewertungen

vergleichen?

Bildung ist die mächtigste

Waffe, die du verwenden

kannst, um die Welt zu

verändern.

Nelson Mandela

Schüler kann man nicht vergleichen, höchstens

einzelne Schularbeiten. Bewertet werden nicht die

Schüler selber, sondern Überprüfungen. Wie bereits

erwähnt, glaube ich schon, dass man unter der Voraussetzung

von gewissen Kriterien Tests vergleichen

kann.

Wäre es in Ihren Augen sinnvoll, anstelle

von Ziffernnoten schriftliche

Kommentare für die Bewertung

einzusetzen?

Als Bewertungsform im Zeugnis

ziehe ich Ziffernnoten vor, ich

denke nämlich, dass Schüler

diese besser zuordnen können.

Verbale Bewertungen

können meiner Meinung nach

auch zu Missverständnissen

führen und falsch aufgenommen

werden. Aber natürlich muss jede

Ziffernnote nachvollziehbar begründbar

sein und bei Fragen genauer erklärt

werden können.

© Privat

Gisela Maria Nocker

Spaltet oder beeinflusst das Homeschooling die

Gemeinschaft an der Schule?

Der Fernunterricht spaltet die schulinterne Gemeinschaft

in vielerlei Hinsichten. Sowohl zwischen den

einzelnen Schülern als auch zwischen den Lehrern

und den verschiedenen Klassen.

Welche Hindernisse stellt der Fernunterricht dar?

Es werden große Unterschiede im Lernen und in den

Leistungen der verschiedenen Schüler sichtbar. Verständlicherweise

kommen viele Schüler mit der jetzigen

Situation nicht so gut zurecht und es fehlt ihnen

an Motivation. Im Präsenzunterricht können Lehrpersonen

das viel besser auffangen und ausgleichen.

Demnach wirkt sich der Fernunterricht auf die Lernfortschritte

eher negativ aus.

Außerdem fehlen mir persönlich die sozialen Kontakte,

die eigentlich wichtiger Bestandteil meines Berufs

als Lehrperson sind.

argus

36


trennendem Fernunterricht

Im Interview

Elina Hell Messner

Alter: 18

Beruf: Schülerin des Realgymnasiums

Hobbys: Nähen, Stricken, face painting, Skifahren, Freunde treffen

Wohnort: Welsberg

Gibt es in deinen Augen Ungleichheiten in der

Bewertung von Schülern und wenn ja, in welcher

Form?

Natürlich kommt es vor, dass Bewertungen

ungerecht sind. Dennoch

ist es Teil unseres Schulsystems,

Leistungen mittels Noten einzustufen.

Das Bewerten gehört

zur Arbeit eines jeden Lehrers

dazu.

Ich finde, dass es keinen Weg

gibt, etwas komplett objektiv zu

bewerten. Vor allem bei mündlichen

Prüfungen gibt es häufig

Unterschiede, die unvermeidbar

sind, da der Lehrer jedem Schüler

andere Fragen stellt.

Kann man Schüler deiner Meinung nach mit Bewertungen

vergleichen?

Schüler können mit Noten meiner Meinung nach nicht

verglichen werden, schließlich hat jeder seine eigenen

Stärken und Schwächen. In der Schule werden

nur gewisse Fähigkeiten abgefragt. Jeder reagiert in

Prüfungssituationen anders, der eine ist unter Druck

besonders leistungsfähig, während der andere aus

Nervosität ein Blackout bekommt.

Wäre es in deinen Augen sinnvoll, anstelle von

Ziffernnoten schriftliche Kommentare für die Bewertung

einzusetzen?

Meiner Meinung nach könnte man mit schriftlichen

Kommentaren spezifischer auf die Fähigkeiten jedes

einzelnen Schülers eingehen. Verbale Bewertungen

könnten ein ausführlicheres Feedback geben, während

Ziffernnoten im Zeugnis keinen Aufschluss darüber

geben, in welchem Bereich eines Schulfaches

man Schwierigkeiten hat und woran man noch arbeiten

muss.

© Privat

Insgesamt sollten vielmehr die Stärken des Individuellen

gefördert werden, als zu versuchen, jeden

Schüler auf das gleiche Niveau zu bringen.

© Kristina Niederegger

Elina Hell Messner

Ist unsere Schule in irgendeiner Form

gespaltet?

In gewissen Ansichten sind

Real- und Sprachengymnasium

gespaltet und man stellt sich

gegenseitig schlecht dar. Aber

insgesamt finde ich, dass sich

die Schule darum bemüht, die

interne Gemeinschaft zu fördern.

An den meisten Veranstaltungen,

beispielsweise dem Sprachenfestival

oder den Olympiaden,

können schließlich alle Schüler teilnehmen.

Welche Hindernisse stellt der Fernunterricht dar?

Das Homeschooling erfordert ein hohes Maß an

Selbstdisziplin. Schüler brauchen viel Motivation, um

die Arbeitsaufträge eigenständig zu erledigen. Hinzu

kommt, dass Zuhause, im Gegensatz zur Schule,

nicht alle Schüler die gleiche Ausstattung und Voraussetzung

haben. Einige Schüler beispielsweise

müssen sich das Zimmer oder den Computer mit den

Geschwistern teilen.

Die Fragen stellten Eva Hell und Andrea Moser, 3bS

Everybody is a genious. But if you

judge a fish by its ability to climb

a tree, it will live its whole life

believing that it is stupid.

Albert Einstein

argus

37


Gender

Mathe und Mädchen – ein Gegensatz?

Als ich mich nach der Mittelschule für das Realgymnasium entschieden habe, hatten

fast alle Personen, mit denen ich gesprochen habe, denselben Gedanken im Kopf:

„Da wirst du aber viele Buben in der Klasse haben.” So kam es dann aber nicht, in meiner

Klasse sind 14 Mädchen und 10 Jungs. Warum geistern Stereotype wie „Wissenschaft ist

nichts für Mädchen” trotzdem noch so häufig umher?

„Mädchen Ä können Ö Mathe nicht so

gut wie Jungs”

Diese Aussage, die häufig als Grund genannt wird,

ist nicht mehr als ein Irrtum. Mehrere Studien bestätigen,

dass Mädchen – werden sie in direkten Vergleich

zu Jungs gestellt – bei mathematischen Tests

im Durchschnitt nicht schlechter abschneiden als ihre

männlichen Konkurrenten.

Eine amerikanische Studie aus den Neunzigerjahren

fand heraus, dass Frauen bei einem Mathetest nur

dann schlechter als Männer abschneiden, wenn ihnen

vorher gesagt wurde, dass Frauen bei diesem

Test meistens weniger leisten als Männer. Die Frauen,

denen das nicht gesagt wurde, schnitten ähnlich

ab wie die restlichen Testteilnehmer.

Die selbsterfüllende Ü

Prophezeiung

Soziologen und Psychologen verwundert diese

Dynamik nicht: Von klein auf wird uns von der Gesellschaft

eingeredet, dass Mädchen nicht so gut

in Mathe sind, nicht so gut in Mathe sein müssen.

Mädchen haben eine höhere soziale Sensibilität als

Jungs und sind so, vor allem im Kindesalter, leicht

beeinflussbar. Das führt dazu, dass Mädchen diese

gesellschaftlichen Stereotypen als Fakt ansehen und

sich viel weniger zutrauen. Selbst wenn ein Mädchen

gute mathematische Leistungen zeigt, wird es in der

Schule meistens einen Jungen geben, der anscheinend

besser in Mathe ist, oder es zumindest denkt.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wissenschaftsforschung

zeigt auf, dass Mädchen sich schon

in der Grundschule in Mathematik schlechter einschätzen

als Jungs. Diese halten sich in der Mathematik

oft für begabter, als ihre Noten und ihre durchschnittliche

Leistung es reflektieren. Viele Mädchen

entfernen sich, wenn sie älter werden, immer mehr

von der Mathematik und strengen sich nicht mehr so

sehr an. Wenn es von einem nicht erwartet wird, gute

Leistungen in einem Fach zu erbringen, warum sollte

man sich dann (unnötig) bemühen?

Ein Grund für diese (falschen) Stereotype

Ü ( )

© Mara Nicolussi Moz

In der Pubertät verfestigt sich die Trennung zwischen

Jungen und Mädchen erst richtig. Zu diesem Zeitpunkt

beginnt auch die Trennung der Mädchen und

der Naturwissenschaften. Mädchen wollen sich seltener

mit diesen Fächern auseinandersetzen, da sie in

unserer Kultur als „unweiblich” gelten. Außerdem wollen

viele Mädchen nicht mit etwas assoziiert werden,

das „Männersache” ist. Dieses Phänomen hat seinen

argus

38


FAKT!

Im arabischen Land Kuwait

müssen Frauen einen

höheren Notendurchschnitt

als Männer vorweisen, um

Ingenieurswissenschaften

studieren zu dürfen.

Ursprung im 18.

Jahrhundert: Zu

dieser Zeit galten

Frauen, wie die Zeitschrift

„Emma“ in einem ihrer

Artikel darlegt, als „weich, gefühlsbetont und

irrational”. Also als genau das, was die Naturwissenschaften

nicht sind. Diese den Frauen nachgesagten

„Qualitäten” haben es bis heute geschafft, in unserer

Kultur verankert zu bleiben und begünstigen nach

wie vor die Spaltung zwischen Mathematik und Mädchen.

Wie Lehrpersonen zu diesem Phäno-

Ä

men beitragen

Auch Lehrpersonen tragen zur Aufrechterhaltung

dieser Stereotypen bei. Studien haben ergeben,

dass Mädchen im Matheunterricht viel weniger zugetraut

wird und die Lehrer einen größeren Teil des

Unterrichts mit den Jungs verbringen, da sie vielfach

davon ausgehen, dass ihre Zeit bei den Jungs sinnvoller

eingesetzt sei als bei den Mädchen.

Auch Tests werden je nach Geschlecht unterschiedlich

bewertet. Bei den Naturwissenschaften denkt

man eigentlich, dass die Notengebung linear sei,

also dass die Antworten beim Test entweder falsch

oder richtig seien und auch dementsprechend bewertet

würden, aber dem ist nicht so, wie eine Studie

aus der Schweiz herausgefunden hat. Man gab

mehreren Lehrpersonen fiktive Tests, die sie bewerten

sollten. Alle Lehrer bekamen genau dieselben

Antworten, mit dem Unterschied, dass einmal

ein Mädchen- und einmal ein Jungenname auf dem

Test stand. Lehrer mit mehr als zehn Jahren Berufserfahrung

bewerteten fair, es gab keine Unterschiede

zwischen der Benotung der Geschlechter. Bei Lehrern,

die weniger als fünf Jahre unterrichtet hatten,

sah das anders aus – vor allem bei den Lehrerinnen.

Während die männlichen Lehrer kaum einen

Unterschied bei den Bewertungen von Mädchen und

Jungen machten, bewerteten die Lehrerinnen die

Mädchen durchschnittlich fast eine Note schlechter

als die Jungs. Die Studienleiter führten das darauf

zurück, dass die Lehrerinnen davon ausgehen, dass

Mädchen schlechter in Mathe sind als Jungs, und sie

es deshalb für unwahrscheinlicher halten, dass ein

Mädchen eine gute Note in einem solchen Test bekommen

kann.

Die westliche Kultur - wie Gleichberechtigung

der Mathematik im

Weg steht

Mathematik

Versteht mich jetzt bitte nicht falsch, ich bin sehr

für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Es ist

aber Fakt, dass Mädchen in Ländern, in denen sie

getrennt von Jungen lernen müssen, viel besser in

der Mathematik abschneiden als „unsere” Mädchen.

Ohne die Konkurrenz und Bevorzugung der Jungen

im Mathe-Unterricht haben die Mädchen eine größere

Chance, ihr wahres Potenzial in der Mathematik

zu entdecken. Das sieht man auch in der PISA-Studie,

die aufzeigt, dass die Mädchen der arabischen

Länder Jordanien, Katar und der Arabischen Emirate

den größten Vorsprung in Mathe haben. Hier lernen

die Mädchen getrennt von den Jungen und werden

so in der Mathematik mehr gefördert.

Wenn man so etwas liest, könnte man davon ausgehen,

dass die Mädchen, die aus diesen Ländern nach

Europa emigrieren, dort ihren großen Vorsprung in

Mathe weiter ausbauen. Aber leider passen sich die

Mädchen viel zu schnell an die örtlichen Gegebenheiten

an und verinnerlichen schon nach kurzer Zeit,

dass Mädchen die Mathematik angeblich nicht so gut

beherrschen. Die Leistungen dieser Mädchen sinken

schon wenig später auf ein für uns normales Niveau.

Es ist also nicht die Natur, sondern die Kultur, die

Mädchen von der Mathematik trennt!

Mara Nicolussi Moz, 1aR

argus

39


Gender

300

Mädchen mögen Mathe!

Entwicklung der Schülerzahlen an unserer Schule

Realgymnasium

250

Anzahl der Schüler pro Jahr

200

150

100

Buben

Mädchen

50

0

2011/2012

2012/2013

2013/2014

2014/2015

2015/2016

2016/2017

2017/2018

2018/2019

2019/2020

2020/2021

300

Sprachengymnasium

250

Anzahl der Schüler pro Jahr

200

150

100

50

Salome Johanna Bergmann, 4aS

0

2011/2012

2012/2013

2013/2014

2014/2015

2015/2016

2016/2017

2017/2018

2018/2019

2019/2020

2020/2021

Buben

Mädchen

argus

40


Wer im Sportunterricht das Nachsehen hat

Dass die Bewertungselemente im Sportunterricht geschlechtsspezifisch zugeteilt

sind, dürfte für uns alle nichts Neues sein. So muss ein Mädchen 2000 Meter

in 9,20 Minuten laufen, um die Note 10 zu erhalten, ein Junge hingegen darf nur

8,34 Minuten benötigen. Doch ist das gerechtfertigt?

Sport

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir

zuerst mit Zahlen und Fakten belegen, ob und inwieweit

Männer Frauen durch ihren Körperbau überlegen

sind.

Durchschnittlich können Frauen 10 bis 12 Prozent

weniger körperliche Leistung erbringen als Männer.

Einer der Hauptgründe dafür liegt im Hormonspiegel:

Männer besitzen zehn bis zwanzig Mal mehr des

männlichen Sexualhormons

Testosteron als

Frauen. Dieses Hormon

ist für den Muskelaufbau

verantwortlich,

deshalb haben Männer

durchschnittlich 25 bis

30 Prozent mehr Muskelmasse,

ergo mehr

Kraft.

Die Muskelkraft hängt

nicht nur von der Muskelmasse

ab, sondern

auch von dem Durchmesser

der Muskelfasern,

welche bei uns

Frauen deutlich kleiner sind als bei unseren männlichen

Mitmenschen. Auch das Volumen der Mitochondrien

– also unserer „Energiekraftwerke“ – in

den Muskelzellen ist bei Männern um 22 Prozent

größer.

Weil Frauen ein kleineres Herz und kleinere Lungen

haben, verfügen ihre Muskeln nicht über so viel Sauerstoff

zur Energiegewinnung. Deshalb ist ihre Herzfrequenz

höher, um dennoch genug Sauerstoff durch

das Blut in die Muskeln transportieren zu können.

Diese Unterschiede sind angeboren, aber nicht von

Geburt an entwickelt. Die Entwicklung findet erst mit

etwa 11 bis 12 Jahren statt, sobald die Kinder langsam

in die Pubertät kommen.

Danach haben Jungen in den meisten Sportarten

die besseren Karten. Doch sollte nun auch im Sportunterricht

diesen biologischen Voraussetzungen

nach bewertet werden? Die Logik spricht dafür,

doch die Zeiten ändern sich. Eine Klasse besteht

aus Individuen, jedes hat seine Fähigkeiten, kann

manche Dinge besser als andere. Anstatt sich auf

die altmodische Trennung zwischen Mann und

Frau zu berufen und körperliche Unterschiede als

Grundlage für die Bewertung zu verwenden, sollten

im Sportunterricht auch die Geschicklichkeit,

die Motivation und die

Willenskraft stärker berücksichtigt

© Pixelio, S. Hofschlaeger

werden.

Duell der Geschlechter

Dies nicht zuletzt deshalb,

weil wir die erste

Generation sind,

welcher aufgrund von

Übergewicht, Unsportlichkeit

oder ungesunder

Lebensweise eine

geringere Lebenserwartung

als ihren Eltern

vorausgesagt wird.

Sport in der Schule

kann diese Prognose

nicht verhindern – und

man kann auch nicht voraussetzen, dass sich alle

Kinder einer Klasse sportlich betätigen. Die Bewertungsskala

müsste allgemein an unsere und

die kommenden Generationen angepasst werden.

Im Leistungssport aber, wo sich nur die Besten

der Besten messen, ist eine Differenzierung zwischen

den Geschlechtern gerechtfertigt. Eine Frau

könnte nie dieselben körperlichen Leistungen wie

ein ähnlich durchtrainierter Mann erbringen, die

biologischen Anlagen sind einfach nicht gegeben.

So sind in diesem Fall die unterschiedlichen Bewertungskriterien

nicht nur gerechtfertigt, sondern

auch notwendig.

Salome Johanna Bergmann, 4aS

argus

41


Kleiderpower: Wenn Einheit eintönig wird

Style

Kleidung ist nicht nur Mode, sondern eine Philosophie für sich. Mit verschiedenen Mustern,

Farben, Stoffen und Schnitten drückt sie so einiges aus. Warum aber sehen Jugendliche

in puncto Kleidung dann alle so ähnlich aus?

© Unsplah, Djim Loic

© Edward Lich, Pixabay

Eintönig: weiße Sneakers und Jeans

Was Kleider

mit unserer Psyche machen

Jenny und Annika verbringen einen gemütlichen Urlaubstag

am Strand. Während sie mit Sonnenhut und

Sonnenbrille auf ihrem Strandtuch, mit einer frischen

Limonade in der Hand, entspannen, ertönt aus dem

Nichts eine Stimme: „Hallo Jenny, hallo Annika, was

macht ihr denn hier? Was für ein Zufall!“ „Oh, was für

ein Zufall, Frau Gruber!“, erwidert Annika grinsend.

Erst sobald Frau Gruber wieder auf ihrer Liege Platz

gefunden hat, realisiert Jenny, dass es ihre Professorin

war, die sie soeben gegrüßt hat. Gar nicht so

leicht zu erkennen: Badeanzug, Sonnenhut und Sonnenbrille

statt Bluse, Dutt und Lesebrille – was das

ausmacht.

Kleider machen Leute? Ja, eigentlich schon. Darüber

schrieb Gottfried Keller schon im 19. Jahrhundert. In

seinem gleichnamigen Buch geht es um den Schneiderlehrling

Wenzel Strapinski, der aufgrund seiner

Kleidung versehentlich für einen polnischen Grafen

gehalten wird und diese Situation solange ausnutzt,

bis die Täuschung auffliegt. Kleider waren und sind

noch immer ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft.

Den ersten Eindruck über dich bildet sich dein Gegenüber

ganz allein aufgrund von Äußerlichkeiten.

Das mag zwar oberflächlich klingen, lässt sich aber

nicht ändern. Nicht umsonst ist für bestimmte Berufe

eine bestimmte Kleidung vorgesehen. Ein Bankangestellter

soll seriös und zuverlässig wirken – deshalb

muss er Anzug und Krawatte tragen. Eine Ärztin

soll gepflegt und ordentlich rüberkommen – deshalb

muss sie weiße Kleidung tragen und die Haare soll

sie zusammenbinden.

Wir Menschen nutzen verschiedene Muster, Farben,

Stoffe und Schnitte, um uns selbst auszudrücken: um

auszudrücken, was wir fühlen, wie wir gelaunt sind,

um unsere Meinung darzustellen, uns von anderen

abzuspalten und zu zeigen, wer wir wirklich sind.

Dabei spielen vor allem Farben eine wichtige Rolle.

Unterbewusst erzeugen sie eine gewisse Stimmung

und Wirkung.

argus

42


Die Wirkung und der Eindruck einzelner Farben

auf den Menschen:

Gelb: vernünftig, fröhlich, intelligent, offen, kommunikativ,

lebendig

Rot: verführerisch, selbstbewusst, optimistisch, lebhaft,

temperamentvoll, durchsetzungsfähig

Blau: gelassen, distanziert, harmonisch, tolerant,

kompetent

Grün: ruhig, optimistisch, großzügig, harmonisch

Naturtöne: elegant, schlicht, zurückhaltend, ruhig,

unaufdringlich

Grundsätzlich spiegelt der Mensch mit seiner Farbwahl

bei Kleidungsstücken seinen Gemütszustand

wider. Na, was bist du für ein Farben-Typ?

Warum Jugendliche

alle gleich aussehen

Die Variation beim Styling ist bei Jugendlichen in der

Regel gering. Bestimmt hast du schon jemanden feststellen

hören: „Die sehen ja alle gleich aus!“ Und da

hat derjenige nicht einmal unrecht. Soweit das Auge

reicht: Mädchen mit langem, glattem, © blondbraunem

skeeze, Pixabay

Haar. Meist tragen sie eine Brille, weiße Sneakers

und Jeans. Auffällige Farben sind selten.

Die Jungs tragen ihre kurzen blondbraunen Haare

vorne hochgestylt und an den Seiten ganz kurz. Auch

sie ziehen weiße Sneakers, Jeans und möglichst unauffällige

Farben vor. Das klingt eintönig – und ist es

auch.

Doch warum der Einheitsbrei? Warum so willig und

so wenig individuell?

tiver bewerten wir es. Sind wir mal ehrlich:

Haben uns diese viereckigen Rucksäcke von

Anfang an gefallen oder erst, nachdem wir sie

öfters gesehen haben?

Kleidung

Evelin hat mal wieder den gesamten Kleiderschrank

ihrer Mutter auf den Kopf gestellt. Sie liebt es, in den

alten Sachen ihrer Mutter zu stöbern. Ausgefallene

Kleidungsstücke sind genau ihr Ding. Ein knielanger

Blumenrock hat es ihr besonders angetan. Zusammen

mit einem dicken Rollkragenpullover und den

Lederstiefeln möchte sie ihn unbedingt morgen in

der Schule anziehen. Normalerweise traut sie sich

sowas nicht, doch nun ist der Tag gekommen. Mit

Die Seele dieses

Menschen sitzt in seinen

Kleidern.

William Shakespeare

Stolz trägt sie den Rock ihrer Mutter und fühlt sich

dabei pudelwohl, bis plötzlich der Klassenliebling folgenden

Kommentar von sich gibt: „Wo hast du denn

diesen Oma-Rock ausgegraben?!“

Kein Wunder also, dass Jugendliche heutzutage lieber

„gleich“ aussehen, als sich großartig von anderen

zu unterscheiden. Zu groß ist die Angst, sich von

der Masse abzuheben und somit zum potenziellen

Mobbingopfer zu werden. Oft fehlt noch das nötige

Selbstvertrauen, individuell zu sein. Jugendliche haben

das Verlangen, dazuzugehören, akzeptiert und

gemocht zu werden und meinen oft, dies nur zu erreichen,

wenn sie „in“ sind und dem Trend folgen.

Erst wenn die Jugendlichen irgendwann ihre eigene

Persönlichkeit entwickelt und zu sich selbst gefunden

haben, beginnen sie, wirklich sie selbst zu sein.

Lisa Passler, 3bS

In den Fußgängerzonen von Bozen bis New York

finden wir globale Modeläden wie H&M, NewYorker,

Zara. Da wundert es wenig, wenn ein Influencer,

Pop- oder Filmstar dasselbe trägt wie du und

wie alle anderen auf deiner Schule. Besser gesagt:

Influencer steuern dein Kaufverhalten – ebenso die

allgegenwärtige Werbung. Der psychologische Effekt

dahinter: Je häufiger wir etwas sehen, desto attrakargus

43


Style

Fragen, die die Menschheit spalten

Ist Nutella-Brot mit Butter wirklich verwerflich? Sind IOS- oder Android-Produkte

besser? Das Netz zerfleischt sich geradezu über Fragen dieser Art. Und wir werfen uns

mit ins Getümmel – um herauszufinden, welchen Sinn solch sinnlose Fragen haben

© Unsplash, astasnik

Links oder rechts?

Ein Tag wie jeder andere: in der Kälte sitzend und

an der Haltestelle wartend kurz die Social Media

Accounts checken, bevor der Bus kommt. Dann ab

nach Hause. Wieder mal aus Langeweile bei einer

Abstimmung auf Instagram teilnehmen, die ein Influencer

gestartet hat. „Team Pfirsich“ oder „Team

Zitrone“ sind die Antwortmöglichkeiten, die zur Auswahl

stehen. Die Frage dreht sich um Eistee-Vorlieben

– typisch Influencer, die ihre Reichweite nutzen,

um derart tiefsinnige Fragen zu überprüfen. In

diesem Fall hat sich eine Präferenz bestätigt, nicht

eindeutig, aber trotzdem: 62 Prozent haben für

„Team Pfirsich“ gestimmt. Obwohl diese Frage im

Grunde echt sinnlos erscheint, interessiert es uns

doch, wie die Antwort am Ende ausfällt. Befinden

wir uns in der Mehrheit, fühlen wir uns bestätigt.

Sucht man gezielt nach derartigen Fragen, wird man

in Hunderten von Frageforen fündig. Es wird hin und

her gestritten, welche Antwort die richtige sei, natürlich

immer mit einer ausführlichen Begründung, die

das Tun anderer als „falsch“ abstempelt. Diejenigen,

die dabei merken, dass sie sich in der Unterzahl befinden,

lassen sich jedoch nicht unterkriegen und argumentieren

heftig dagegen. Und das, obwohl wohl

jedem klar ist, dass nicht alle der gleichen Meinung

sein können. Es wird immer jemanden geben, den

wir nicht von unserer Sicht überzeugen können.

Außerdem wissen wir doch genau, dass man seine

Zeit viel sinnvoller verbringen könnte: Es gäbe tausende

Fragen, mit denen wir uns stattdessen befassen

könnten, weil viele wirklich wichtiger sind. Doch

es scheint, als wären diese nicht so „lebensnotwendig“

wie die Streitfragen nach Pfirsich- oder Zitronen-

Tee und unser alltägliches Tun in Bezug auf Essensvorblieben

und Präferenzen zwischen dem einen und

anderen Produkt. Daher stellt sich die Frage, warum

uns die „Antworten“ auf Fragen, die sich um ziemlich

belanglose Angewohnheiten und Vorlieben des

argus

44


einzelnen Menschen drehen, so brennend interessieren.

Vielleicht ist es eine Art Zuflucht, die manche

brauchen, um ihrem monotonen Alltag zu entfliehen,

während andere es einfach genießen, über etwas zu

sprechen, das nicht so komplex ist wie andere Entscheidungen

im Leben. Wie auch immer: Aus dem

eigenen Leben zu flüchten und in die Welt diverser

Influencer und Youtuber zu schlüpfen, ist durch die

sozialen Medien eine sehr präsente und gängige

Verhaltensweise geworden. Die Plattform Instagram

verschluckt tausende Stunden unserer Zeit und im

Gegenzug dürfen wir uns von der Lebensweise anderer

inspirieren lassen oder wenigsten davon träumen.

Doch der menschliche Drang, sich mit etwas Belanglosem

zu beschäftigen, ist nicht erst mit dem

Internet aufgekommen. Die Leser von Gala, BRA-

VO & Co. interessiert es schon seit Jahrzehnten,

was gerade bei den Royals los ist oder welche

Star-Beziehung sich seinem Ende zuneigt. Steckt

also das Interesse an der Lebensweise Fremder

von Natur aus in uns und wurde es durch die

Medien gefüttert und vielleicht sogar verstärkt?

auch das ist eine Bestätigung: Jemanden

zu finden, einen Gleichgesinnten,

der das Gleiche empfindet, das

Gleiche denkt und diese Vorliebe versteht.

Alltag

So betrachtet, ist es sehr einleuchtend, dass

scheinbare Nonsens-Umfragen viele interessieren.

Zum einen gefällt es dem Großteil der Menschheit

sehr gut, zur Masse zu gehören und sie fühlen

sich darin wohl. Auch die meisten Modetrends

müssen nicht lange andauern, bis sie gefühlt jeder

nachgekauft hat. Nicht selten haben von einer Woche

auf die andere plötzlich alle die Frisur, die vorher

noch total out war. Zum anderen lernen wir von

klein auf, dass (fast immer) die Mehrheit recht hat.

© Pixabay, sipa

Tatsache ist, uns interessieren unsere Mitmenschen,

uns interessieren ihre Angewohnheiten, ihr Privatleben

und ihre tiefsten Geheimnisse. Aber was haben

wir im Nachhinein davon, wenn wir das alles wissen?

Ändern wir deshalb unsere eigenen Gewohnheiten?

Passen sich treue Fans vielleicht sogar ihrem Idol

an und essen – entgegen ihres üblichen Handelns –

plötzlich Nutella-Brot mit Butter? Eher unwahrscheinlich,

denn es liegt in der Natur des Menschen, dass

sie gerne ihren Alltag beibehalten, an den sie gewohnt

sind und den sie für richtig halten. Sehr engagierte

Fans bevorzugen möglicherweise Apple, wenn ihr

Vorbild ein IPhone besitzt, aber Essensgewohnheiten

sind nicht so leicht austauschbar. Wenn jemandem

der Eistee mit Zitrone immer besser geschmeckt

hat als jener mit Pfirsich, dann wird sich das auch

nicht so schnell ändern. Geschmäcker unterscheiden

sich eben. Haben wir also überhaupt irgendetwas davon,

die Gewohnheiten anderer zu kennen? Ja, und

zwar zur eigenen Bestätigung (oder zum Gegenteil

davon). Es fühlt sich gut an, in der Mehrheit zu sein

und so in seinem alltäglichen Tun bestätigt zu werden.

Das fördert den Selbstwert, gemäß dem Motto:

„So viele mögen es, also muss ich ja einen guten

Geschmack haben. Die meisten denken wie ich,

also muss der Gedanke richtig sein.” Im Gegenzug

wissen alle, die sich in der Minderheit befinden, dass

es trotzdem Leute gibt, die es ihnen gleich tun. Und

Verlockend!

Immerhin genießt sie den Vorteil, sich durchzusetzen.

Daher kommt wahrscheinlich das Gefühl von

Bestätigung, das ähnlich wie Gewinn und Triumph

wirkt und deshalb auch das Selbstwertgefühl stärkt.

Das ist also der Grund, wieso so viele Menschen

auf Alltags-Umfragen anspringen und gespannt

auf die Ergebnisse warten – auch wenn diese Fragen

und die Antworten darauf nicht essenziell für

die Entwicklung unserer Gesellschaft sind. Trotzdem

ist es interessant und ab und zu nicht ungut,

etwas Sinnloses, etwas ohne irgendeine Bedeutung

zu tun, etwas, das uns einen Moment lang besser

fühlen lässt. Unser Leben ist gefüllt von schwierigen

Entscheidungen, unzähligen Prüfungen und

schlechten Tagen, da kann etwas Sinnloses als entspannende

Abwechslung sehr gelegen kommen.

Anna Recla und Emilie Sophie Ploner, 4aS

Verlockend!

argus

45


Umfrage an unserer Schule zu

Style

Wie bereitest du deinen Kakao zu?

© Wikipedia

Was gehört zuerst in die Schüssel? Milch oder Müsli?

??

Wo beginnt man, wenn man etwas aufknöpfen will?

Nutellabrot mit Butter?

argus

46


den Fragen, die die Menschheit spalten

Welchen Streamingdienst ziehst du vor?

Alltag

Was trifft für dich beim Zähneputzen zu?

IOS oder Android?

Für alle Twilight-Fans:

Beispiel

Deine Lösung

von Anna Recla und Emilie Sophie Ploner, 4aS

argus

47


Das 30-jährige Jubiläum des wiedervereinigten Deutschlands ist nicht lange her und

die Gerüchte, dass das Land immer noch in den Köpfen seiner Bürger geteilt sei, kommen

immer wieder hoch. War es zu früh für eine Wiedervereinigung? Wurde zu schnell zu

viel verändert?

Gegensätze

Mauer im Kopf

© Emilie Sophie Ploner

Die Flagge Deutschlands

Vor wenig mehr als 30 Jahren war sie noch physisch

tastbar, greifbar, sichtbar: die Grenze zwischen Ostund

Westdeutschland. Damals bestand Deutschland

aus zwei Welten mit zwei Systemen und zwei Namen,

der BRD und der DDR. Eine Geschichte, die

so nahe ist wie kaum eine andere, und die mit Freude,

Zusammenhalt und Einheit endet. Klingt toll, aber

Zweifel kommen auf: Unzählige Artikel weisen an

unterschiedlichen Jahrestagen auf die immer noch

bestehenden Ungleichheiten hin. Die Journalisten

sind nicht die einzigen, die sich die Frage stellen, ob

die Einigung zu rapide über die Bühne gebracht wurde

und ob das unterschiedliche Denken der einzelnen

Bürger mit diesem Tempo nicht mithalten konnte,

sodass Deutschland im Inneren nie wirklich zu einer

Einheit wurde. Ist das Kapitel der Wiedervereinigung

schon abgeschlossen oder ist noch nicht alles so

vollendet, wie es scheint?

Alles auf Anfang

Gehen wir zurück zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

Deutschland wurde damals unter den vier Siegermächten

Großbritannien, Frankreich, den USA

und der UdSSR aufgeteilt: Es entstanden vier Besatzungszonen.

Mit der Zeit begann sich der Teil der Sowjetunion

in Bezug auf die Politik und die Wirtschaft

immer mehr von den anderen abzuspalten. Schließlich

kam es zum endgültigen Bruch. Die drei Siegermächte

Großbritannien, Frankreich und die USA

schlossen ihre Teile zusammen und gründeten die

Bundesrepublik Deutschland, die BRD. Die UdSSR

gründete nur kurze Zeit später, am 7. Oktober 1949,

die DDR, die Deutsche Demokratische Republik.

Deutschland war nun geteilt. Doch damit nicht genug:

Im August 1961 wurde, um die Grenze zu festigen

und dem Zerfall der DDR zuvorzukommen, eine

argus

48


Mauer gebaut. Noch kurz zuvor, am 15. Juni 1961,

hatte Walter Ulbricht, der damals bedeutendste Politiker

der DDR, in seinem bekanntesten Zitat „Niemand

hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ den

Bau einer solchen Mauer abgestritten.

Die Mauer machte die Situation für die DDR nicht

besser. Die Bürger versuchten trotzdem, über Ungarn

oder über die Tschechoslowakei in den Westen zu

fliehen. Was mit kleinen Aufständen begann, ging in

große Demonstrationen über, bis schlussendlich am

9. November 1989 die Grenzen geöffnet wurden. Zuerst

durften nur Einzelne die Grenze passieren, doch

die Menge wurde immer größer, tausende Menschen

warteten und drängten, der Druck wurde schließlich

zu groß für die Wächter und letztendlich wurden die

Grenzen überall geöffnet. Die Freude war groß, die

Menge jubelte und feierte das Ereignis, auf das sie

28 Jahre lange gewartet hatte. In Berlin war die Euphorie

so groß, dass die Leute anfingen, die Mauer

zu durchbrechen und über sie zu klettern. Die Masse

drängte sich auf die Mauer und feierte gemeinsam

die Freiheit. Ein Moment, der für viele wunderbar und

gleichzeitig unglaublich schien. Der erste Schritt auf

dem Weg zur Einheit war getan.

Unruhe vor dem Sturm

Die Mauer ist gefallen, Deutschland ist wieder vereint!

Doch es steht viel Arbeit bevor: Zwei Systeme,

zwei Länder mit diverser Wirtschafts- und Staatsform

müssen vereint werden. Obwohl die Grenzöffnung im

Jahr 1989 nur eine Frage der Zeit gewesen war, traf

der plötzliche Umschwung zwischen Ost und West

die westlichen Staaten, genauso wie die Sowjetunion,

unerwartet. Trotz vieler Protestaktionen hatten

sich viele DDR-Bürger an die Situation im Land gewöhnt

gehabt und die Grenze als normal angesehen.

Die diversen Einstellungen zwischen Ost und West

bildeten ein Problem für die Einigung. Doch nicht nur

das: Es kamen außerdem Zweifel auf, ob eine Einheit

möglicherweise die Situation von 1945 wiederaufflammen

lassen könnte. Auf beiden Seiten war

viel Unsicherheit spürbar. Der überraschende Mauerfall

machte die Bevölkerung erstmal ratlos.

Ein unvergleichbarer Sprint

ten „Wir sind ein Volk“

und „Deutschland! Deutschland!“

nach der endgültigen Wiedervereinigung

Deutschlands, welche

zunehmend thematisiert wurde

und an Bedeutung gewann.

© Pixabay, sa_Im

Deutschland

Grenzen aus Draht trennten die Nation

Ende November 1989 stellte der deutsche Bundeskanzler

Helmuth Kohl schließlich ein Zehn-Punk-

Fakt

te-Programm für die Gründung eines gemeinsamen

Staates vor. In Ostdeutschland wurde heftig diskutiert,

wie sich die Umgestaltung ereignen sollte. Das

Resultat dieser Besprechungen waren unter anderem

die Auflösung der Stasi (Staatsicherheit) und die

Festlegung der ersten freien Volkskammerwahl, welche

im März 1990 stattfand.

Dies war ein wichtiger Schritt, der dazu führte, dass

das Verfahren der Wiedervereinigung deutlich in

Fahrt kam. Denn die Gewählten befürworteten ein

geeintes Deutschland. Von diesem Moment an war

es ein unvergleichbarer Sprint zur Einheit. Am 1. Juli

1990 wurde die Währung Westdeutschlands, die D-

Mark, genauso wie dessen Wirtschaftsform, in Ostdeutschland

übernommen.

Am 12. September 1990, 10 Monate nach dem Mauerfall,

wurde der Zwei-Plus-Vier-Vertrag in Moskau

unterzeichnet. Er beinhaltet die abschließende Regelung

der staatlichen Einheit Deutschlands und wurde

gemeinsam mit den vier Siegermächten vereinbart.

Am 3. Oktober 1990 trat dieser Regelungsvertrag in

Kraft. Bis heute wird an diesem Datum der Tag der

Deutschen Einheit gefeiert. Der Beitritt der DDR in

die Bundesrepublik war in nur 329 Tagen vollzogen

worden.

Trotz anfänglicher Ungewissheit wurde schnell klar,

dass es schier unmöglich war, das Rad der Zeit zurückzudrehen

und die Mauer wieder zu schließen.

Mittlerweile forderten Demonstranten mit dem Worargus

49


Gegensätze

Immerwährende Ä Kritik

Weniger als ein Jahr hatte es gedauert, bis es

zu einer finalen Wiedervereinigung gekommen war.

Der sehnlichste Wunsch vieler hatte sich so schnell

wie möglich erfüllt. Doch genau dieses Tempo wird

bis heute kritisiert. Haben die meisten, trotz des Verlangens

nach Vereinigung, nicht oder vor allem nicht

so rasch damit gerechnet? Unterschiedliches Gedankengut,

ungerechte Verteilung der Löhne und

schwankende Bevölkerungsdichte werden als Problem

und als noch vorhandene Grenze zwischen

Ost und West gesehen. Doch entsprechen diese Behauptungen

überhaupt der Wahrheit?

Das sagen die Fakten

Auf der Suche nach diversen Statistiken, die die Situation

von 1990 mit heute vergleichen, lässt sich

beobachten, dass einige Unterschiede, die es schon

damals gab, nach wie vor vorhanden sind: Löhne fallen

in Ostdeutschland immer noch eindeutig niedriger

aus als im Westen, der Anteil der Migranten in

der ostdeutschen Bevölkerung ist immer noch gering.

Doch das Wesentliche, das sich aus den Statistiken

herauslesen lässt, ist die Verbesserung in vielerlei

Hinsicht: Wirtschaftlich hat der Osten deutlich

zugelegt, auch das Bevölkerungs-Defizit, das nach

der Vereinigung stark ausgeprägt war, hat sich mit

der Zeit etwas gelegt.

Doch nicht nur der Osten hat sich an den Westen

angepasst, auch umgekehrt. Vor allem in Bezug

auf Toleranz gegenüber Frauen und der Gleichheit

zwischen Frauen und Männern konnten die Westdeutschen

etwas von den Ostdeutschen dazulernen.

So hat sich zum Beispiel der Verdienstunterschied

zwischen Frauen und Männern in den letzten Jahren

in Westdeutschland um einiges verkleinert. Auch

im Hinblick auf das im Westen bevorzugte Modell

der „Alleinernährer“, bei dem Haushalt und Kindererziehung

von Frauen erledigt werden, ließ sich der

Westen auf das östliche Modell ein. Dort wird die

Erziehung nämlich partnerschaftlich übernommen,

dadurch sind Frauen häufig berufstätig. Selbstverständlich

sind Ost und West in bestimmter Hinsicht

immer noch unterschiedlich, aber die Statistiken der

letzten Jahre zeigen eine eindeutige Annäherung

und Anpassung von beiden Seiten.

Meinungsunterschiede?

Das Aufholen der Rückstände und das Näherkommen

in Bezug auf gewisse Unstimmigkeiten sind also

im Gange und werden sich allmählich einpendeln.

Doch wie empfinden die Deutschen die Situation in

Bezug auf Ost und West? Sind sie sich einig?

Laut einer Umfrage der Bundesregierung fühlen sich

Ost- und Westdeutsche zwar mehrheitlich als Deutsche,

jedoch scheinen sich Ostdeutsche noch nicht

ganz in das geeinte Deutschland eingelebt zu haben.

36 Prozent von ihnen fühlen sich noch als „Ostdeutsche“

(während sich in Westdeutschland nur 20

Prozent als „Westdeutsche“ bezeichnen). Außerdem

finden 62 Prozent der Ostdeutschen, dass die niedrigeren

Löhne das größte Übel seien. Westdeutsche

hingegen sehen das etwas anders: Nur etwa 32 Prozent

teilen diese Meinung. Allerdings sind sich Ostund

Westdeutsche in einem Punkt einig: Die Wiedervereinigung

sei gelungen, so 9 von 10 Deutsche.

© Pixabay, betexion

Des Weiteren hat sich die Arbeitslosenquote in den

Neuen Ländern, wie der Osten heute genannt wird,

leicht verbessert und nähert sich langsam der Diagramm-Kurve

des Westens an.

Der Drang nach Freiheit

argus

50


Deutschland

Deutschland

©Emilie Sophie Ploner

Das Brandenburger Tor in Berlin: Symbol der Einheit

Alles gut?

Tatsächlich sind es nicht etwa wirtschaftliche Faktoren

oder unterschiedliche Meinungen bezüglich der

Wiedervereinigung, die Kritiker stutzen lassen. Störend

sind in ihren Augen vor allem Vorurteile gegenüber

der anderen Seite, die noch immer bestehen.

Vor allem Klischees über Ostdeutsche sind weit verbreitet.

Sie waren damals, im Jahr 1990, die neuen

und ungewöhnlichen Einwanderer, die traditionell kritisch

beäugt werden.

Noch heute werden Ostdeutsche, vielleicht auch unbewusst,

mitunter abschätzend betrachtet und als

Ärmere und Jammerer, ja manchmal sogar als Nazis,

gesehen. Die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ interviewte

im Oktober 2020 einen Jugendlichen aus Westdeutschland,

welcher erzählte, dass „aus seiner Sicht

ignorant über den Osten hinweggegangen wird“. Er

nennt dabei ein Beispiel, in dem einer seiner Verwandten

in einem Restaurant in Ostdeutschland die

Kellnerin auf das ungenießbare Essen hinwies. Als

diese darauf „Das kann nicht sein“ antwortete, behauptete

der westdeutsche Verwandte: „Jaja, dieses

Verleugnen, dieses ‚Das kann nicht sein‘, das kennt

man ja aus der DDR.“

Harte, direkte Worte, die uns zeigen, wie präsent die

Vorurteile noch immer sind. Es wäre naiv zu denken,

dieser Fall sei ein Einzelfall. Viele Vorurteile wurden

von Eltern an ihren Nachwuchs weitergegeben und

wurden daher im Kindesalter verankert. So existieren

sie im Unterbewusstsein vieler Deutscher weiter.

Geeint - auch in den Köpfen Ö

Trotz allem gibt es Hoffnung. Kinder und Jugendliche

von heute haben die Geschichte nicht so erlebt wie

ihre Eltern und Großeltern. Für sie gibt es nicht mehr

Ost und West, Grenzen und Ungleichheiten. Sie kennen

nur ein geeintes Deutschland, ein Land mit Zusammenhalt.

Wenn sich die Wirtschaft also weiterhin

angleicht und die Jugendlichen die Stereotype, die

ihre Eltern noch haben, hinterfragen und stattdessen

mit geeinten Gedanken weitergehen, kann es nicht

mehr allzu lang dauern, bis Deutschland rundum vereint

ist.

Das Ereignis der Wiedervereinigung

sollte jedoch immer im Bewusstsein

verankert bleiben und

nicht verdrängt werden, da

Verdrängung keine Probleme

löst und keine Ungereimtheiten

eint, sondern

sie nur auf einen

späteren Zeitpunkt aufschiebt.

Emilie S. Ploner, 4aS

Schau genau!

Statistik 30 Jahre

Deutsche Einheit:

www.destatis.de/DE/Themen/

Querschnitt/Deutsche-Einheit/

Downloads/dossier-30-jahre-deutsche-einheit.pdf?__

blob=publicationFile

argus

51


Gegensätze

Saubere Länder, vermüllte Meere

Die Verschmutzung der Meere ist ein großes Thema, das mir fast ständig im Kopf herumspukt.

Man könnte mich schon fast getrost eine Ökotante oder einen Umweltfreak

nennen. Warum gelangt der größte Teil des Mülls, den wir produzieren, am Ende im Wasser?

Wenn man überlegt, warum immer mehr Müll in die

Meere gelangt, hilft ein Vergleich: Es ist wie beim

Fleischkonsum. Man sieht die (meist zusammengepferchten)

Tiere nicht vor seinen Augen und isst

sorglos ihr Fleisch, indem man solche „schlimmen“

Gedanken gerne auszublenden versucht. Dasselbe

Prinzip gilt für Müll und Plastik: Sieht man den Müll

nicht, denkt man auch weniger an ihn und ignoriert

ihn geflissentlich, denn er ist ja kein Teil des persönlichen

Lebens. Man „muss sich ja nicht darum kümmern“,

das schwirrt einem vielleicht unterbewusst im

Kopf herum. So beschweren sich die Leute weniger

über den Müll und das Gift an Land und das Problem

ist „aus dem Weg geschafft“.

Und: Es ist schwerer, geheime, illegale Ablagestellen

für Erdöl, Gifte und Müll im Meer ausfindig zu

machen als an Land. Im Meer kann man Müll & Co.

theoretisch überall entsorgen. Kein Mensch kann

heimlich zusehen und das Verbrechen melden. Es

gibt auf der Erde außerdem viel mehr Fläche, die mit

Wasser bedeckt ist als mit Land – folglich sind die

Gewässer den Menschen viel unbekannter und es ist

schwieriger, Reisen von illegalen Müllschiffen nachzuvollziehen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Das Verhältnis von Müll auf

dem Land zu Müll im Meer beträgt ungefähr 1:100!

Ein Grund für diesen Unterschied besteht darin, dass

Müll aus Europa gern in andere Länder geschickt

wird, sodass wir ihn los sind: Dort ist er aber immer

noch da und landet oft im Meer anstatt in Recyclinganlagen

– denn die sind seltener, als man meinen

möchte. Die Zahlen des Mülls, der jährlich ins Meer

gekippt wird, steigen rasant: Vor drei Jahrzehnten

waren es 4,8 Millionen Tonnen, heute sind es schon

12,7 Millionen Tonnen. Das ist jede Minute ein ganzer

Lastwagen!

Du kaufst die Erdbeeren in Plastik – naja, du isst sie

so gerne. Plastik. Im Chemie-Unterricht muss man

sich die Hände vor ätzenden Chemikalien schützen

– Plastikhandschuhe sind die einzige Option, hmm.

Plastik. Doch nicht nur der Endverbraucher und dessen

persönlicher Müll, sondern auch die Hersteller

spielen eine zentrale Rolle bei der Vermüllung unseres

Planeten: Viele Sachen werden unnötigerweise

zig Mal eingepackt. Gerade für Transporte per Schiff

oder Flugzeug werden viele Sachen in noch mehr

Plastik eingepackt. Plastik, Plastik, Plastik. Müll, der

wegwerfen wird. Einfall: Die Altkleidung, die sonst

nicht mehr verwertet werden kann, könnte als Polsterung

gebraucht werden, um die Sachen einzupacken.

Man muss sie nicht einmal herstellen, es gibt

sie ja zuhauf.

Neben dem Müll gehört auch der Fleischkonsum zu

den Ursachen der zunehmenden Wasserverschmut-

© Pixabay, sergeitokmakov

Selbst die schönsten Paradiese werden nicht verschont

argus

52


Wenn die Meere

sterben, sterben

wir.

Paul Watson

neingeschüttetes Erdöl und Pestizide aber sterben

sie ab. Erdöl verklebt den Möwen die Flügel, sodass

sie nicht mehr fliegen können. Fische fressen Mikroplastik

(denn das Plastik zersetzt sich im Meer), dann

essen wir diese Fische und das Mikroplastik ist in

uns, es machen sich Begleiterscheinungen bemerkbar.

Delfine und Robben sterben in weggeworfenen

Fischernetzen, Wale durch zu viel Plastik im Bauch.

Vögel ersticken am Müll. Schildkröten verwechseln

durchsichtige Plastiktüten mit Quallen, denken, es

sei Futter und sterben, weil sie sich durch Plastik im

Magen gesättigt fühlen. Die Artenvielfalt wird extrem

eingeschränkt. Der meiste Müll, der nicht in Tieren

landet, sammelt sich am Meeresboden an, das heißt,

© Unsplash, martijnbaudoin

Umwelt

Aus der Sicht eines Fisches

zung. 90 Prozent der weltweiten Ackerflächen werden

für die Viehfutter-Herstellung verwendet. Dazu

zählen vor allem Mais und Soja für Rinder und

Schweine. Diese Ackerfelder werden in der Regel mit

viel Gülle und vielen Pestiziden (gegen Insektenfeinde)

bespritzt. Der Regen spült die Pestizide in das

Grundwasser, das gelangt in der Folge in die Flüsse

und schließlich ins Meer. Riesige Todeszonen können

dadurch entstehen. Es gibt gewaltige Gebiete in

den Ozeanen, wo kein Sauerstoff mehr im Wasser

und dadurch auch kein Leben möglich ist. Beispiel

Ostsee: In den oberen Bereichen ist noch Leben zu

finden. Aber wenn man tiefer geht, ist fast alles tot –

durch Ammoniak- und Nitritverseuchung.

Bei den Futtermassen, die angebaut werden, kommt

nur sehr wenig Menschennahrung (Fleisch) heraus.

Für 1 Kilogramm Rindfleisch werden beispielsweise

15.000 Liter Wasser verbraucht. Ressourcenverschwendung

ist das einzige Wort, das zu diesem

Geschehen noch passt. Äßen wir Menschen mehr

dieser angebauten Pflanzen und verfütterten wir

sie weniger an die Tiere, bräuchten wir viel weniger

Ackerfläche und weniger Menschen auf der Erde

müssten Hunger leiden.

Wir brauchen das Meer und machen es gleichzeitig

gefährlich: 70 Prozent des Sauerstoffs auf der Erde

werden von den Algen im Meer produziert. Durch hidas,

was wir als Müllteppiche kennen, ist nur die kleine

Spitze des Plastik-Eisbergs an Abfällen im Meer.

Geschätzt liegen 80 Millionen Tonnen Müll auf dem

Meeresboden. Das Blöde: Man kann ihn von dort nur

sehr schwer wieder herausholen.

Obwohl man an dieser Stelle also nicht sehr viel

unternehmen kann, kann man doch viele andere

Sachen tun: Man sollte Müll meiden und Abfälle einsammeln

(es gibt sogar einen Sport, der Müllsammeln

und Jogging kombiniert). Man kann „Upcycling“

betreiben, also Dingen eine neue Verwendung geben.

Regierung, Unternehmen und Konsumenten:

Alle müssen mitmachen und zusammenarbeiten.

Das heißt jetzt nicht, dass alle nur mehr Fairtradeund

Öko-Klamotten kaufen sollen (wenn, dann ist es

natürlich besser), sondern dass man die Sachen, die

man ohnehin schon besitzt, oft tragen und nicht sofort

gegen neue „fast fashion“ eintauschen soll. Das

nur als Tipp. Alternativen in anderen Bereichen: ein

Rasierhobel statt Einwegrasierer (ist auch weniger

kostspielig), Menstruationstasse statt Binden, typischer

„Jutebeutel“ statt Plastiksackerl – alles keine

großen Einschränkungen, aber sie helfen mehr, als

man denkt! Wer noch mehr Einsatz zeigen möchte,

dem kann ich Organisationen wie „Ocean Care“ oder

„Ocean Knights“ empfehlen. Leute, die denken, den

Klimawandel gäbe es nicht, kann man entgegnen:

Das Plastik sieht man und fühlt man. Es verpestet

den Planeten und seine Gewässer, ohne welche wir

nicht überleben könnten. Die Devise lautet also: Sorgen

wir vor, bevor es keine Tiere im Meer mehr gibt.

Barbara Kofler, 3bR

argus

53


Gegensätze

Made in Italy: 100% Müll

Doris Raffeiner arbeitet mit dem Müll, den andere wegwerfen: Im Upcycling-Laden „WiaNui“ verkauft sie

Lampenschirme, Taschen und Schmuck und gibt Frauen in Not und Geflüchteten eine Arbeit

Zwischen den Taschen und den Kleidern sitzt die 53-jährige

Doris Raffeiner und erzählt von ihrer Kindheit. Von ihrer

Oma hat sie jedes Jahr zu Weihnachten für ihren Bären

„a selbogemochts Kleidl odo a Gewandl krieg“. Die Kleider

habe die Schneiderin aus Stoffresten genäht. Raffeiners

dunkle Augen strahlen bei der Erinnerung, ihre Hände

sind ständig in Bewegung, die Beine elegant überkreuzt.

Die heimelige Atmosphäre des Geschäfts wird von ruhiger

Jazzmusik unterstrichen. Die Musik ertönt aus einem

kleinen Radio im hinteren Bereich des länglichen Ladens.

So wie ihre Großmutter verwendet auch Doris Raffeiner

alte Materialien. Sie macht mit ihren Mitarbeiterinnen

und Mitarbeitern Neues daraus. Mit ihrem Upcycling-

Laden „WiaNui“ – „Wie neu” im Südtiroler Dialekt – war

sie eine der Ersten in Südtirol, die gebrauchte Materialien

wiederverwendete und weiterverkaufte.

Hinter dem Konzept des Upcyclings steckt eine einfache

Idee: Aus Alt mach Neu. Aus scheinbar Wertlosem entstehen

so Lieblingsstücke, denen ein neues zweites Leben

geschenkt wurde. Ein altes Sakko wird in eine Tasche verwandelt,

eine Werbeplane in einen Liegestuhl, Altpapier

in einen Engel. Das Ziel ist, Müll zu reduzieren und bereits

vorhandene Rohstoffe zu verwenden. Im Jahr 2019 wurden

in Südtirol pro Kopf 421 Kilogramm Müll produziert,

unter anderem mit Restmüll, Papier, Glas, Kunststoffen.

2015 eröffnete Doris Raffeiner mit zwei Mitgründerinnen

den Laden in der Brixner Stadelgasse, neben dem Bio- und

Weltladen. Die Eröffnung war eine Reaktion auf die Ausstellung

„reuse-design“ in Brixen 2012, bei der Künstler

aus der ganzen Welt ihre upgecycelten Werke ausstellten.

Weil die Kunstausstellung trotz der großen Begeisterung

vonseiten der Bürgerinnen und Bürger nur temporär war,

wollten Doris Raffeiner und ihre Freundinnen etwas Bleibendes

schaffen.

Als junge Kunstgeschichtestudentin schon durchstöberte

Doris Raffeiner Flohmärkte. Das Alte habe sein Leben gelebt

und erzähle eine Geschichte, sagt sie. Es müsse nicht

immer alles zwingend neu sein, davon ist die umweltbewusste

Eisacktalerin überzeugt. Auf Flugreisen und lange

Autofahrten verzichten sie und ihre Familie. Doris fährt

jeden Tag mit einem olivgrünen Rad zum Laden, auf dem

Gepäckträger klemmt eine handgemachte WiaNui-Fahrradtasche.

Eingekauft wird im Haushalt der sechsköpfigen

Familie weitgehend plastikfrei und regional. Teil der Familie

war für viele Jahre auch ein rumänisches Waisenkind,

das über eine Hilfsorganisation nach Südtirol kam.

Das soziale Engagement spiegelt sich auch im „WiaNui“

wider, organisiert als Sozialgenossenschaft. Diese wirtschaftliche

Form gibt besonders Schwächeren die Chance,

Arbeitserfahrung zu sammeln. WiaNui ist bisher der

einzige Upcycling-Laden mit diesem Konzept in Südtirol.

Die Sozialgenossenschaft arbeitet mit mehreren sozialen

Einrichtungen zusammen. Die Praktikantinnen und

Praktikanten leben im Brixner Frauenhaus, im Südtiroler

Kinderdorf oder in der „Schenoni“-Kaserne, einer Einrichtung

für Asylbewerber. Ausgestellt und verkauft werden

auch Arbeiten aus geschützten Werkstätten und von

Künstlern aus Südtirol. „Frau Doris behandelt uns nicht

wie Angestellte, sondern wie Familienmitglieder“, sagt

© Veronika Erlacher

© Pixabay, sergeitokmakov

Doris Raffeiner

argus

54


Mit ihrer Reportage „Made

in Italy: 100% Müll“ haben

Veronika Erlacher und

Christine Unterhofer aus

der Klasse 4aR am Gabriel-

Grüner-Schülerwettbewerb

teilgenommen. Ihr Beitrag

nun auch in unserem Heft!

Suzanna*, eine Praktikantin

aus Tschechien, die im

Frauenhaus lebt. Suzanna

näht währenddessen

konzentriert aus schwarzem

Stoff Masken und

erklärt eifrig jeden Arbeitsschritt.

Die hellblaue

Schildkappe hat sie tief ins

Gesicht gezogen, um ihr Gesicht

zu verdecken.

Durch die geregelten Arbeitszeiten

von 9 bis 12 Uhr morgens an fünf Tagen die

Woche haben die Praktikantinnen und Praktikanten einen

geregelten Tagesablauf. Während des zwei bis vier Monate

langen Praktikums erhalten sie 400 Euro pro 300 Stunden

vom Land. Es mag wenig sein, es hilft aber trotzdem.

Suzanna sucht Arbeit und eine eigene Wohnung, bei Wia-

Nui kann sie zumindest schon mal ein Taschengeld verdienen

und ihrem Hobby nachgehen: dem Nähen. Das hat

sie sich mithilfe von YouTube-Videos selbst beigebracht.

Doris Raffeiner verdient kein Geld an der Sozialgenossenschaft.

Sie arbeitet ehrenamtlich und ist inzwischen alleinige

Inhaberin. Die Einnahmen vom Verkauf decken die

Fixkosten. Was übrig bleibt, gehört der Genossenschaft.

Mietbeihilfe bekomme man die ersten drei Jahre, danach

sei Schluss, sagt Doris bitter. Drei freiwillige Mitarbeiterinnen

unterstützen sie beim Verkauf, die Verwaltungsarbeit

erledigt sie selbst. Der Hauptverdiener der sechsköpfigen

Familie ist ihr Mann.

Um das Upcycling auch der jüngeren Generation näherzubringen,

werden Schulworkshops und im Sommer ein

dreiwöchiger Workshop „Müllzauberatelier“ für Kinder

angeboten. Die Zusammenarbeit mit Kindern ist Doris

Raffeiner wichtig. Es geht darum, die Kreativität und das

eigenständige Arbeiten zu fördern. Die Kinder sollen erkennen,

dass Selbstgebasteltes eine ganz besondere Bedeutung

hat.

Drei Tage vor Heiligabend ist das Geschäft festlich geschmückt.

Lichterketten werfen ein weiches Licht auf

Stoffsäckchen für Weinflaschen, Papierengel und Kerzen.

Die Eingangstür öffnet sich, kalte Luft strömt in den Laden.

Doris empfängt eine Kundin so herzlich wie eine alte

Freundin. Leidenschaftlich erläutert sie das Konzept des

Stores. Sie kennt von jedem Einzelstück die Geschichte

der Herstellung, die verwendeten Materialien.

Eine Theke mit glänzenden Kettchen, Ohrringen und Ringen

aus recyceltem Aluminium steht an der Wand. Gegenüber

eine Kleiderstange mit bunten Blusen, Lederröcken

und eleganten Hosen. Sie wurden in der Nähe von

Verona aus Stoffresten von Luxusmarken von der Sozialgenossenschaft

„Progetto Quid“ gefertigt. In liebevoller

Detailarbeit werden dort die Einzelstücke vor allem von

Frauen in schwierigen Lebenssituationen zusammengenäht.

Lessina Jiane, gelernter Schneider aus Mali, hat das

Praktikum bei WiaNui schon vor

längerer Zeit abgeschlossen und arbeitet

immer noch mit Doris Raffeiner zusammen.

Sie hatte ihn und sein Talent bei einer Lebensmittelspende

in der Schenoni-Kaserne entdeckt.

Der 39-Jährige näht Taschen für Fahrräder oder zum

Umhängen, Griffelschachteln und Einlagen für Liegestühle

aus Werbeplanen. Bezahlt wird er für seine Arbeit

durch einen Projektvertrag, der bei jeder Bestellung gemacht

wird. Eine feste Anstellung wäre zu teuer. Im Herbst

arbeitet er zusätzlich als Apfelpflücker. Die Passion zum

Nähen kann der Schneider nur bei WiaNui ausleben. Jede

seiner Taschen ist ein Unikat in Größe, Farbe und Muster.

Konsum

Die Werbeplanen werden vom Stadtmarketing oder von

Veranstaltern abgegeben, andere Materialien und Stoffe

auch von Privatpersonen, die sie nicht mehr brauchen.

Jemand habe einmal eine Schachtel voll mit Seidenkrawatten

gebracht. Daraus entstanden Krawattentaschen:

praktische Umhängetaschen mit aufgenähten Krawatten.

„Ach, willsch des schun mochn?“, so zitiert Doris ihre

Zweifler von vor fünf Jahren. Jetzt kann sie darüber lachen.

Mittlerweile kommen Kunden aus allen Alters- und

Interessensgruppen im Laden vorbei. Vor allem Touristen

aber fehlen in letzter Zeit, die Corona-Krise traf auch Wia-

Nui hart. Es wurde eine Zeit lang nichts produziert und

verkauft, die Fixkosten Strom und Miete mussten trotzdem

bezahlt werden. Im Laufe der Jahre hat sich WiaNui

eine Stammkundschaft im In- und Ausland aufgebaut.

Aufgrund dieser konnten sie bis jetzt immer kostendeckend

arbeiten. Seit Kurzem können auch einzelne Produkte

im neu eingerichteten Onlineshop bestellt werden.

Das Angebot von WiaNui passt sich immer den Fähigkeiten

und Ideen der Praktikantinnen und Praktikanten an.

Faith, 25 aus Nigeria, kann nicht nähen. In ihrer Heimat

musste sie ihr Studium abbrechen. Sie kam als Flüchtling

nach Italien und bastelt nun Weihnachtsengel aus Papier.

Vor dem ersten Lockdown im März 2020 konnte sie als

Friseurgehilfin in Bozen arbeiten. Nun lebt sie in Brixen

im Kinderdorf Südtirol. Während sie das Papier faltet und

klebt, ist die wortkarge Frau auf ihr Smartphone konzentriert.

Sie lacht. Ihr Lächeln richtet sich aber nicht auf uns,

sondern auf ihre Familie, mit der sie per Facetime redet.

Ihre zwei Kinder sind in Südtirol, der Rest der Familie in

Nigeria. Von der ruhigen Jazzmusik im Laden bekommt sie

wenig mit.

Zufrieden lehnt sich Doris auf dem geblümten Sofa zurück

und betrachtet stolz ihren Laden. Ihr ebenfalls geblümtes

Kleid hebt sich vom Sofabezug kaum ab. Mit ihren rot lackierten

Fingern nimmt sie die durch die Maske beschlagene

Brille ab: „Jedn Tog, wenn i do einer gea, bin i glücklich.“

* Name von der Redaktion geändert

Veronika Erlacher und Christine Unterhofer, 4aR

argus

55


Auch wenn es schwer vorstellbar ist: Selbst Lehrer waren einmal Schüler und haben

sich durch die Schulzeit gekämpft. Wie es ausgesehen hat, als die Großen noch klein

waren, zeigen wir euch hier. Versucht zu erraten, welche Lehrperson aus unserer Schule

sich hinter welchem Bild versteckt!

Cusanus-Gymnasium

Kinder, wie die Zeit vergeht

Hatte dieses Mädchen schon

immer vor, Chemie- und Naturkundelehrerin

zu werden? Wir

wissen es nicht. Jedenfalls hat

sie wohl schon in jungen Jahren

fleißig gelernt und dabei ein munteres

Lächeln auf den Lippen gehabt.

Dieses ist jedenfalls nicht

verschwunden und so steckt sie

auch noch heute mit Freude und

Begeisterung für Chemie und Naturwissenschaften

ihre Schüler

an.

Heutzutage trifft man diese Lehrperson

im Grunde immer nur gut

gelaunt an. Aber wenn man unvorbereitet

zum Opfer ihrer Fragerunden

wird, dann möchte man fast

mit ihr als Kind auf diesem Kinderfoto

weinen. Keep calm, drink tea

and keep on studying!

Bis heute hat diese „professoressa“

ihr Lächeln und ihr Modebewusstsein

beibehalten. Ob

sie wohl damals schon so eine

„grande passione“ für Bücher und

Filme zeigte? Heute jedenfalls

kann sie den Schülern ihre große

Begeisterung dafür vermitteln.

Die Auflösung, wer hinter welchem

Bild steckt, findet ihr auf

unserer Homepage.

Fotos: © privat

Auch damals sah dieser Lehrer rockig

aus, mit seiner – wie wir heute sagen

würden – Bandana um den Hals. Ob

er auch damals an Fotografie interessiert

war?

Er schaut jedenfalls so interessiert in

die Linse, wie er heute den Schülern

das richtige Filmen beibringt.

argus

56


Nachgeschaut

Dieser „professore“ ist auch heute noch so freundlich und pfiffig

wie er auf dem Foto von damals wirkt. Neben seiner Muttersprache

Italienisch spricht er auch noch Deutsch, Spanisch

und Englisch.

Auf diesem Bild ist diese Lehrperson

ausnahmsweise einmal nicht in Bewegung

– das würde ihr so bei ihren

Schülern gar nicht gefallen. Ganz brav

lächelt sie mit ihren beiden Zöpfchen

in die Kamera. Beim Volleyballspielen

hingegen ist sie raffiniert und unberechenbar.

Den Glanz in den Augen und das

breite Lächeln hat diese Lehrperson

über all die Jahre bewahrt.

Ein exzellenter Modegeschmack

und scheinbar unendliches Wissen

über Tempel und antike Kunst sind

dazugekommen.

Seit diesem Kinderfoto ist

dieser Lehrer richtig in die

Höhe geschossen. Heute

könnte er genau erklären, was

beim Wachstumsvorgang biologisch

so alles vor sich geht.

Alles, was Biologie anbelangt,

interessiert ihn nämlich sehr,

anders als die „neue“ Rechtschreibung:

Mit ihr steht er

noch immer auf Kriegsfuß.

57


Cusanus-Gymnasium

Wir zitieren

Maria Neuhausers liebster Gruß beim Betreten der

Klasse: „We need some air!“

Gisela Nocker:

„Klammer zu … und

jetzt machen wir

Latein!“

Schülerin soll geprüft werden, hat

aber Kopfschmerzen.

Wolfgang Griessmair: „Dann werde

ich dich nicht prüfen, weil du heute

ja ein bisschen beschädigt bist.“

Reihum treten Schüler während der Stunde aus.

Peter Gasser: „Habt ihr draußen Zitat eine Schnapsflasche stehen?“

Auch Maria Fenti wundert sich über die „Wallfahrt zum Klo“.

Claudia Ferrari

tadelt zart:

„Du Schlingele!“

Nicht in die Leihbücher

schreiben, oder wie

Maria Neuhauser sagt:

„On a post-it, please!“

argus

58


Federn der Schule

Neben den Redaktionsmitgliedern

des ARGUS

haben auch andere Schüler

im Laufe der vergangenen

Monate Gedanken

und Gefühle zu Papier gebracht.

Ausgewählte Stücke

„Aus den Federn der

Schule“.

Nächster Halt: der rechte

Weg

„Wie kann ich glücklich sein“ – eine Frage beantwortet

mit dem Faust

Es irrt der Mensch, solang er strebt.

Wir Menschen wissen nicht, warum wir unser, vielleicht

unbedeutendes, Leben führen. Schon von Beginn an

hinterfragen wir unsere Existenz und suchen nach dem

Grund unseres Seins. Sollten wir große Werke vollbringen

oder unser Leben einem höhergestellten Wesen widmen,

um unserem Leben einen Sinn zu geben? Wir wissen es

einfach nicht. Aber eines weiß der Mensch ganz genau:

Man will glücklich sein, koste es, was es wolle. Aber geht

das denn so einfach?

Dr. Heinrich Faust ist wohl eine der berühmtesten Figuren

der deutschen Literatur. Wir lernen ihn als gelehrten

und überaus intelligenten Mann kennen. Er hätte alle

Fähigkeiten, ein reicher und glücklicher Mensch zu

sein, doch trotz seines immensen Wissens verfällt er in

eine Depression. So spiegelt Faust in diesem Gefühl der

Lebensmüdigkeit die westliche Gesellschaft wider. Der

Bildungsstandard ist dort höher als jemals zuvor.

Nur unglücklicherweise wächst, wie wenn man Blumen

düngt, die Depressionsrate wie Unkraut mit. Aber wie

kann es sein, dass intelligentere Menschen eher dazu

tendieren, traurig zu sein? Das liegt wahrscheinlich daran,

dass, je mehr man weiß, man auch öfters über sich selbst

nachdenkt und man dadurch auch unzufriedener mit sich

selbst ist. Diese Unzufriedenheit kann in extremen Fällen

sogar zum Selbstmord führen. Auch Goethes Faust fühlt

sich so verloren in dieser Welt, dass er versucht,

mittels Gift aus diesem Leben zu scheiden. Der

Becher berührt schon seine Lippen, als die Osterglocken

erklingen und diese dadurch Faust einen neuen Ansporn

für sein Leben geben. So wird Faust von etwas gerettet,

was in unserer Zeit immer mehr Follower verliert: der

Religion. Dadurch, dass sich immer mehr Menschen

von der Religion lossagen und ohne allmächtigen Hirten

durch die Welt gehen, hat man nicht mehr das Gefühl,

zum großen Ganzen zu gehören. Denn wenn man an Gott

und somit auch an seinen göttlichen Plan glaubt, kann

man unbeschwerter durchs Leben gehen, da man sich

im Notfall immer wieder auf den bärtigen Riesen berufen

kann.

Aber nicht nur Religion kann Glücksgefühle auslösen.

Spiel, Spaß und Alkohol tun auch ihren Zweck. So versucht

Mephisto zunächst mit Faust atemlos durch die Stadt zu

ziehen, bis ein neuer Tag erwacht. Doch auch wenn sich

Faust für eine kurze Zeit amüsiert, scheitert der Höllenfürst

in seinem Vorhaben. Nicht mal der Blocksberg mit seinen

lasziven Verführungen kann da Abhilfe schaffen. Sex sells?

Nicht bei Faust. Denn damals wie heute kann man als

Mensch nicht von Glücksspiel, körperlicher Befriedigung

und Alkoholkonsum glücklich werden. Das mag zwar

für kurze Zeit so wirken, doch sobald die Endorphine

nachlassen, fühlt man sich schlechter als zuvor.

Mephistopheles spielt jedoch den Joker aus: Er will Faust

durch Liebe ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Und so gerät

Gretchen ins Fadenkreuz. Die unschuldige Margarethe

wird von Luzifer instrumentalisiert, um Faust glücklich zu

machen. Doch was Mephisto nicht bedacht hat, ist, dass

ein Verzweifelter, nach Glück Suchender, wie Faust einer

ist, seine innere Leere nicht mit Liebe und Zuneigung

stopfen kann, sondern diese, ähnlich wie beim Alkohol,

nur als Rausch erlebt. Doch im Unterschied zu Drogen, bei

denen man immer größere Dosen nehmen kann, bleibt

die Menge an Liebe, welche man von außen bekommt,

irgendwann gleich. Was zur Folge hat, dass ein Süchtiger

daran das Interesse verliert.

So muss ein nach Glück Suchender erst mit sich selbst im

Reinen sein, um das wahre Glück zu erleben. Ansonsten

stürzt er nicht nur sich selbst, sondern alle, mit denen

er verkehrt, ins Unheil. Nur wer gerne er/sie selbst ist,

kann glücklich sein. Erst dann kann man zum Augenblicke

sagen: Verweile doch! Du bist so schön.

Lukas Mayr, 4bS, Schuljahr 2019/2020

argus

59


Cusanus-Gymnasium

waer ich doch ein baum

tief verwurzelt im boden

zur freude der kinder

die an meinen wurzeln

höhlen bauen

waer ich doch ein vogel

ein bunter

im geaest des baumes

mein nest bauend

alles waer ich gern

nur kein mensch

waer ich nur ein baer im eis

waer ich nur ein schmetterling

waer ich nur eine biene im gifttod

waer ich nur

ein berg

alles

nur kein mensch

wenn ich ein wind waer

ein feiner leichter rauschender

kaem ich zu euch

& saeuselte euch ins ohr

den schrei der welt

auf dass ihr aufwacht

& sie schreien hört

Norbert C. Kaser

Alexander Kronbichler, 4aR, 2020/2021

© Richard Kammerer

ich duenge & bewaessere

das beet

mit viel geduld

mit ausdauernder sorgfalt

mit aufmerksamkeit

verfolge ich

mein gedeihen

ich zupfe

ewig wucherndes unkraut

ein sueßer teufelskreis

ist mein beet

& spärlich die

ernte

aber zarte wurzeln

wachsen langsam

Emma Kastlunger, 4aR, 2020/2021

argus

60


Woyzeck reloaded

Woyzeck-Figur: Hamza Khosa

Beruf: Imbissverkäufer in einem Dönerladen im

Familienbesitz

Sozialer Status: Einwanderer aus Pakistan, kein

Schulabschluss, untere Einkommensschicht, spricht

eher gebrochenes Deutsch, kein Schutz durch das

Arbeitsgesetz (macht zu viele Stunden)

Hauptmann-Figur: Peter „Peato“ Kofler

Beruf: Inhaber eines erfolgreichen Hydrauliker-

Unternehmens

Sozialer Status: Einheimischer, gebürtiger Südtiroler

(Familie aus Südtirol), Einkommen Mittelschicht/

hohe Mittelschicht, Hochschulabschluss

Nebenfigur: Armin Unteregelsbacher, gebürtiger

Südtiroler, Angestellter des Unternehmens

(Hydrauliker)

Hamzas Dönerladen (Südtirol), ca. 12:00, Donnerstag

wenige Personen, ein/zwei Stehtische besetzt, sonst

niemand an der Theke

Hamza steht hinter der Theke, arbeitet,

Peter und Armin kommen herein, haben gerade

Mittagspause (kommen öfters, kennen Hamza),

unterhalten sich beim Warten

Hamza: Hallo, Peter! Hallo, Armin! Alles gut? Familie?

Peter: Hoi, hoi Hamza! Ba dir a olls guit?

(geht Richtung Kassa)

Mochschmo heint an Kebab, an ordntlichn! Wos

nimmschen du, Armin?

Armin: Mochschmo is Gleiche.

Hamza: Oook, perfekt, zweimal Kebab.

Peter: Viel zi orbatn heint? Des hop sischt jo olbm

Leit do. Ba ins isch grott a Casino, se sogido, Hamza.

Olla wellnse die Bädo richtn grott. Owwo jojo, heint

isch jo Donnostog, isch nimma longe zin Wochnende,

ha, Armin?

Armin (zustimmend): Se wo, jo

Peter: Jojo, du, amo a Ruhe muss sein. I moch des

Wochnende mit meino Frau an Ausflug, nimm die

Kindo ah mit…. Wos tuschen du des Wochnende,

Hamza?

Hamza: Wochenende? Ich immer arbeiten (lacht),

immer arbeiten.

Peter: (lacht) Du wo, du brauchasch amo Ferien!

Gesch amo a Wochnende

afn Berg, fohrsch amo weg,

amol in die Natur! Konnsch wo et in

gonzn Tog du drinne voschimpl!

Hamza: Ja, Leben ist hart! (lacht)

Peter: (lacht) Itz honnimo amo gidenkt,

woasch, is Lebn isch et la Orbat, et, Armin?

Armin: Jo!

Peter: Man muss a amo et af die Orbat denkn,

woasch, es gib a Wichtigas… Man muss a amo is Lebn

genießn, kafschdo vielleicht a Motorradl, fohrsch

awin die Runde, trinksch amo a Bier ... Woasch, Geld,

Geld, se isch et is Wichtigste af do Welt! Hauptsoche,

es gehtdo guit, die Frau isch gsund. Wie geahtsen

deino Frau, Hamza?

Hamza: Frau geht gut, alle gut.

Peter: Jojo, woasch wo, de Weibo… sann wo Drochn,

ha? (lacht)

Armin: (lacht)

Peter: Owwo semm hosch du‘s wo feina, Hamza, ba

enk terfn de jo olla nix sogn, et?

(zu Armin) Woasch wo, ba de Pakis do, semm tut do

Monn orbatn und die Frau huckt dohoame und köcht

und schaug af die Kindo.

(zu Hamza) Wieviel Kindo hosche nomo, Hamza? A

sa gonzis Packl woscheinlich, wie die Hosn! (lacht,

wartet nicht auf Antwort)

(Armin lacht)

Hamza: Habe zwei Kinder, Bub und Mädchen, klein!

Peter: (zu Armin, hört nicht recht zu) Woasch wo,

de mit de Tiacho, do ente… tusch et viel außo Kindo

mochn… wos welln de wo sischt in gonzn Tog tian.

De Frau konn woscheinlich ka Deitsch, wos tuschen

semm orbatn? Und lesn werrn de ah net olla kenn, jo

noa isch po fertig! (lacht)

Hamza: Kebab ist fertig, 5,20!

Peter: (sucht nach Geld in der Tasche) Nana Hamza,

du bisch schun a Echto, an echto Orbita! Et wie apoor

ondra va enk, do. In gonzn Tog la die Runde sitzn und

noa is Geld van Stoot innemm… Du bisch schun an

Ordntlicho!

Hamza: Danke, danke, weiß schon (lacht)

(alle lachen, Peter klopft Hamza auf die Schulter)

Peter/Armin: Vogelt’sgott, noa bis zin nechstn mo,

Hamza!

Hamza: Tschüss!

Federn der Schule

Bianca Scalzini, 4bS, 2019/2020

argus

61


Cusanus-Gymnasium

Tempora mutantur nos et mutamur in

illis

oder

Wie meine Oberschulzeit mich prägte Ä

Als ich in der ersten Klasse noch ganz neu an der

Schule war, stellte ich – zu meinem jetzigen Erstaunen

– gar keine so beachtlichen Unterschiede zur Mittelschule

fest. Sicher, man musste mehr lernen, um

gute Noten zu bekommen und hatte weniger Freizeit,

doch darauf hatte ich mich schon gefasst gemacht. In

einem späteren Moment wurde mir jedoch klar, dass

sich die Oberschule (was meine Erfahrungen betrifft)

durchaus von der Mittelschule unterscheidet, besonders

in einem Punkt, und zwar der Toleranz.

mein kater / edles fell

kaiser von konstantinopel

erhabenheit im schlaf

und ernst

herr deines herren / wartend

du sanftes wesen der nacht

sehen kann ich nicht

nur hören

ein kater / ohne trinken

und bist du nicht willig so brauch ich gewalt

ich verliere immer

… Anstand

Adrian Lanz, 4aR, 2020/2021

Grey

meine katze / tiger von cianacëi

mäusejäger / himmlischer schlafender

auf dem bett meines zimmers, müde

& faul

Grey Du schlafender / teppichzerstörer

mein freund / auf meinen unterlagen sitzend

nur streichelt ihn nicht zu lang

… bissig

nur eine katze / schlafender begleiter

& müder der müden besitzerin

& wenn die schläft, schläfst auch Du

mäusetöter

Hanna Pescoller, 4aR, 2020/2021

Mit der Zeit haben sich die Charaktere meiner Mitschüler

(und natürlich auch mein Charakter) gefestigt,

und dabei formten sich die verschiedensten Persönlichkeiten.

Doch so verschieden wir alle auch sein

mögen, jeder wird bedingungslos so akzeptiert, wie

er ist. Wie Ovid schon sagte: tempora mutantur nos

et mutamur in illis.

Weiters habe ich in der Schule gelernt, meine eigene

Meinung auszudrücken, aber auch die Meinungen

der anderen Schüler zu akzeptieren. Auch wenn ich

in einer Klasse mit nur elf Mitschülern war, kam es

doch relativ häufig zu Meinungsverschiedenheiten.

Ich persönlich konnte mich im Laufe der fünf Jahre

immer mehr für Diskussionen jeglicher Art begeistern.

Ich fand es immer interessant, die Standpunkte

meiner Mitschüler zu hören, tat aber auch immer

gerne meine Meinung kund, und stand bereitwillig

für meine Werte und Überzeugungen ein, ganz unter

dem Motto: qui tacet, consentire videtur. Damit

solche Diskussionen stattfinden können, ist es eine

conditio sine qua non, dass sich alle Schüler immer

mit gegenseitiger Achtung gegenübertreten, dies war

in unserer Klasse immer der Fall.

Was ich auch immer sehr angenehm fand, war das

Verhältnis zwischen Professoren und Schülern. Ich

hatte das Gefühl, dass sich beide Seiten stets mit

Respekt begegnet sind und eine gewisse Gleichberechtigung

da war. Selbstverständlich haben die Professoren

eine andere Stellung als die Schüler, doch

ich hatte immer das Gefühl, dass einem zugehört

wurde, und dass man ernst genommen wurde, wenn

man etwas anzumerken hatte. Wenn ich meine Eltern

über ihre Schulzeit berichten höre, dann scheint

sich die Beziehung zwischen Professor und Schüler

argus

62


mehr auf das Motto quod licet Iovi non licet bovi beschränkt

zu haben.

Ich kann mit Freude sagen, dass ich zu jenen Schülern

gehöre, die absolut die richtige Schulwahl getroffen

haben. Für die meisten Fächer konnte ich mich

begeistern, ich hatte nicht das Gefühl, nur für die Noten

zu lernen, sondern lernte oft um meines eigenen

Interesses Willen. Wie heißt es im Lateinischen so

schön? Non scholae sed vitae discimus, wir lernen

nicht für die Schule, sondern fürs Leben. Auch wenn

ich die meiste Zeit gerne lernte, hatte auch ich meine

Schwierigkeiten, mich für bestimmte Fächer zu begeistern.

Nolens volens musste ich doch immer, mit

viel Mühe, für die Leistungsüberprüfungen dieser Fächer

lernen, und ich stellte fest, dass selbst dieses

widerwillige Lernen durchaus seinen Sinn hatte. Dadurch

lernte ich eine ganz wichtige Fähigkeit: Disziplin.

Im Leben wird einem nie alles gefallen und man

wird wahrscheinlich im Studium auch nicht an allem

Freude finden. Genau in diesen Zeiten, in denen die

Motivation fehlt, ist es besonders wichtig, dass man

diszipliniert ist und weitermacht.

Freunde hätte oder wie

es wäre, wenn man ernsthaft

krank wäre. Dennoch – oder vor

allem deshalb – blicke ich mit Zuversicht

in die Zukunft und bin gespannt, was

das Leben noch mit sich bringt.

Federn der Schule

Annalena Rogger, 5aR, 2019/2020

Ich empfinde sogar etwas Wehmut, wenn ich daran

denke, dass diese Zeit nun ein Ende hat. Sicher bin

ich auch froh darüber und gespannt, was die Zukunft

mit sich bringen wird, aber ich fand vor allem

das Ende des heurigen Schuljahres sehr traurig. Der

letzte Schultag war auf einmal da und niemandem

war es bewusst. Es war ein gewöhnlicher Donnerstag

und keiner von uns dachte daran, dass das Corona-Virus

wahrhaftig dafür sorgen wird, dass wir uns

für mehrere Monate nicht mehr sehen. Der Gedanke

daran, dass ich nie wieder mit diesen Leuten in einer

Klasse sitzen werde, und wir uns viribus unitis durch

verschiedene Prüfungen schlagen werden, macht

mich fast schon nostalgisch.

Dennoch muss ich sagen, dass die Corona-Krise

auch positive Auswirkungen auf mich hat. Ich lerne

viel mehr zu schätzen, was ich habe. Plötzlich ist

es nicht mehr selbstverständlich, dass man seine

Freunde immer sehen kann; es ist nicht mehr selbstverständlich,

dass man gesund ist; es ist nicht mehr

selbstverständlich, dass die Eltern ein fixes Einkommen

haben und es ist auch nicht selbstverständlich,

dass man einen Sommerjob hat. Das mag jetzt alles

etwas überspitzt klingen, doch ich muss ehrlich zugeben,

dass all diese Dinge für mich sehr wohl selbstverständlich

waren. Ich habe mir nie einen ernsthaften

Gedanken darüber gemacht, wie es wäre, wenn

man arbeitslos wäre, wie es wäre wenn man keine

© Richard Kammerer

Wissensspeicher

63

argus


© geralt, Pixabay

Maximilian Komar hat das Schuljahr

2019/20 im „Helix Gymnasiet“ im schwedischen

Borlänge verbracht. In der letzten Ausgabe

unserer Schülerzeitung hat er über das Schulsystem

seines Gastlandes berichtet. Teil 2 beleuchtet die

Bereiche Digitalisierung, Umweltbewusstsein und

Weltoffenheit

Cusanus-Gymnasium

Digitalisierung in Schweden

Die Digitalisierung in der Schule ist nur ein Beispiel für die

im Allgemeinen sehr hohe Digitalisierung in der schwedischen

Gesellschaft. Schon früh begann Schweden mit der

Digitalisierungsoffensive, die sich augenscheinlich gelohnt

hat. Schweden ist unter den Top 5-Ländern im Bereich Digitalisierung

nach OECD-Studien und Platz zwei in einer

europäischen Studie; das einzige Problem laut OECD ist

die starke Autonomie der Gemeinden, die zu erschwertem

Zusammenarbeiten führt.

Der schwedische Alltag ist gespickt mit digitalen Hilfen

und Techniken. Anstelle eines Besuchs beim Doktor kann

zum Beispiel zuerst mit Hilfe einer App mit einem Arzt per

Videoanruf Kontakt aufgenommen werden. Oft wird dann

doch empfohlen, beim Arzt vorbeizuschauen, der dann

noch einmal alles genau kontrolliert, um die bestmöglichste

Diagnose zu geben. Später erhält man das Rezept

dann digital. Wenn man zum Beispiel regelmäßig ein Medikament

nehmen muss, erhält man das aufgefrischte Rezept

automatisch wieder, wenn die Medikamente, die mit

dem vorherigen Rezept gekauft worden sind, zur Neige

gehen.

Schweden: Das verheißene Land?

Auch in Arbeitswelt und Schule wird von Möglichkeiten

wie Clouds, Gruppenarbeiten und Videokonferenzen Gebrauch

gemacht, gleichzeitig werden aber auch die Risiken

ernst genommen und bekämpft. Beim Einkaufen kann

man, noch während man im Supermarkt herumspaziert,

eigenhändig die Waren scannen, sodass man, wenn man

alles gefunden hat, was man einkaufen möchte, einfach

zur Kasse gehen, seinen Scanner wieder abgeben und an

der unbemannten Kasse bezahlen kann. Der Bezahlvorgang

selbst ist eigentlich fast immer digital, da Schweden

mittlerweile ein fast bargeldloses Land ist; sogar bei einigen

Flohmärkten kann man mit Karte zahlen. Meist wird

aber bei nicht offiziellen Bezahlgelegenheiten auf die App

„Swish“ vertraut. Wenn man ein schwedisches Konto besitzt,

ist diese App ein Muss. Damit kann man problemlos

Geld überweisen: dem Freund, dem man etwas schuldig

ist, dem netten Preiselbeeren-Verkäufer am Straßenrand,

aber auch der Bar, in der man gerade eine köstliche „Fika“

(schwedische Kaffeepause mit Kanelbullar und Zimtschnecken)

hatte.

Durch das Einführen von digitalen Registern und der Ideologie,

dass Einkommen und ähnliche Informationen eigentlich

frei zugänglich sein sollten, verfügt jeder schwedische

Bürger über die wahrscheinlich am leichtesten zugänglichen

Personendaten der Welt. Daten wie Geburtstag,

Alter, Wohnort mit Adresse und Arbeitsstelle sind schon

noch einer kurzen Google-Suche verfügbar. Alles, was

man wissen muss, ist der Name und der ungefähre Wohnort

der Person, über die man etwas erfahren möchte. Das

ist der gruseligste Teil der schwedischen Digitalisierung

und er ist wirklich angsteinflößend.

Eine schönere Seite der Digitalisierung ist die Bekanntheit

und Qualität der schwedischen Entwicklerstudios wie

DICE, Spotify und Skype. Der Ausbau der schwedischen

Mobilfunknetze ist laut einer Studie von Opensignal genauso

gut wie das Niveau der Entwicklerstudios. Die Abdeckung

des LTE-Netzes beträgt 87,31 Prozent und die

© Richard Kammerer

Datenfluss

argus

64


durchschnittliche Downloadgeschwindigkeit 27,64 Mb/s.

Für ein so großes und waldbedecktes Land wie Schweden

ist so ein Ergebnis beeindruckend. Zum Vergleich: In

Italien beträgt die Abdeckung 69,66 Prozent mit einer Geschwindigkeit

von 25,49 Mb/s.

Die Schweden und das Klima

Schweden ist bekannt für seine Klimapolitik und für das

generelle Klimabewusstsein der Bevölkerung. Die große

Bekanntheit der Klimaaktivistin Greta Thunberg hat diese

Auffassung nur weiter verstärkt. Doch stimmt es wirklich,

dass die schwedische Bevölkerung außergewöhnlich klimabewusst

ist?

Bei dieser Frage ist es sehr wichtig, zwischen Stadt- und

Landbevölkerung zu differenzieren, da sie sich stark in

ihrer Einstellung zur Klimapolitik unterscheiden. Nach

den Zahlen der letzten Volkszählung leben im Dunstkreis

der Großstädte Stockholm, Uppsala, Malmö, Göteborg

und Lund 3.981.813 Menschen – das entspricht rund vier

Zehntel der schwedischen Bevölkerung.

Auf dem Land

Auf dem Land wird zwar beim Einkauf auf die Frage:

„Möchten Sie eine Tasche haben?“ mit Sätzen wie: „Ja,

aber bitte eine Papiertüte, die ist besser für die Umwelt“

geantwortet, die Umweltaspekte stehen dort aber nicht im

Vordergrund. Wenn niemand fragt, greift man doch lieber

zur Plastiktasche, auch wenn sie in einigen schwedischen

Supermärkten mittlerweile teurer als das polyethylfreie

Gegenstück ist. Eine anderer Trend, der stark darauf hinweist,

dass die Klimaveränderung im Alltagsleben auf

dem Land keine zentrale Rolle spielt, ist die sehr starke

Autoszene dort; speziell unter Jugendlichen spielen das

amerikanische Auto aus den 70-ern (mit möglichst großem

Motor) oder der Volvo aus den 80-ern eine extrem wichtige

Rolle.

Diese Reaktion habe ich

auch bei meinem Gastvater

beobachtet. Als er sich jedoch

aus Arbeitsgründen ein neues Auto aussuchen

musste, kam er wegen der Gesetzeslage

nicht an einem Elektroauto vorbei und

verabredete deshalb eine Probefahrt mit einem

Plug-in-Hybriden von Mercedes. Als er bei der Probefahrt

die direkte Kraft des Elektromotors kennenlernen

durfte, änderte er seine Meinung und war überzeugt von

dem Auto – allerdings nur hinter vorgehaltener Hand. Jedes

Mal, wenn er seinen Freunden von seinem neuen Auto

erzählte, fügte er am Ende ein Argument der Zweifler ein.

Unterwegs

Zur Verteidigung Schwedens muss man sagen, dass das

Auto in dieser Kultur schon lange eine sehr wichtige Rolle

spielt, da die sehr großen Distanzen zwischen den einzelnen

Städten und die vielen kleinen 100-Seelen-Dörfer

zwischen ihnen die Wirkung des öffentlichen Nahverkehrs

verschlechtern und den Nutzen des Autos stark erhöhen.

Ein weiteres Beispiel für die nicht sehr klimafreundliche

oder klimabewusste Lebensweise der Landbevölkerung

ist der extrem hohe Fleischkonsum. Gerichte ohne Fleisch

sind für die schwedische Küche, außer an Donnerstagen,

an denen es traditionell immer Omelette mit Suppe gibt,

eine Ausnahme. Alle Gerichte basieren auf Fleisch, das

mit Kartoffeln, Nudeln oder Reis als Beilage meist auch

noch von etwas Grünem (Funfact: Gemüse und Salat sind

© Maximilian Komar

Nahezu jeder männliche Erwachsene kann ohne Probleme

stundenlang über eines seiner Lieblingsthemen, das

Auto, sprechen. Beim Begriff „Elektroautos“ beginnen bei

vielen jedoch die Alarmglocken zu läuten. Missstände in

der Produktion und Technik – wie die Kinderarbeit beim

Kobaltabbau, das Verdunsten von Grundwasser in Wüstengebieten

aufgrund der Gewinnung von Lithium oder

das nicht saubere Fahren, da ja bei der Stromproduktion

CO2 entsteht (auch wenn in Schweden nur 1,1 Prozent

des Stroms aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird) –

werden so schnell in die Waagschale geworfen, als fühle

man sich vom Gegenstand Elektroauto persönlich angegriffen.

Über Missstände in der Produktion von konventionellen

Verbrennern wie die Produktion von Kobalt, benötigt

zur Härtung des Motors oder zum Entschwefeln von

Diesel, oder der hohe Verbrauch von Platin, Palladium und

Cer, die unter inhumanen Bedingungen abgebaut werden,

wird nicht gesprochen.

Schmackhaft

in Schweden unter dem Namen „Grönsaker“, zu Deutsch

„Grünzeug“, bekannt) Gesellschaft bekommt.

Abgesehen von den gesundheitlichen Problemen, die

ein so hoher Konsum von Fleisch verursacht, ist dieser

auch für eine Menge an Treibhausgasen und das Risiko

antibiotikaresistenter Keime verantwortlich. Zwar sorgen

schwedische Gesetze und ein moralisches Denken der

schwedischen Bauern für die geringste Antibiotikaanwendung

in der EU, aber das hat seinen Preis, den der

schwedische Bürger meist nicht zu zahlen bereit ist, weshalb

oft auf billige Importprodukte aus Deutschland und

argus

65


Dänemark zurückgegriffen wird. Wie

selbstverständlich der Fleischkonsum in

Schweden ist, zeigte sich mir, als ich meiner

Gastmutter einmal verkündete, ein Gemüse-Risotto

für die Familie kochen zu wollen und sie mich

verwundert fragte, welches Fleisch ich dazu wählen

würde. Bereitet sie selber einmal ein vegetarisches Gericht

zu (das nicht aus Omelette besteht), ruft sie voller

Stolz ihre vegetarisch lebende Tochter (meine Ko-Autorin)

an, um ihr davon zu berichten.

Cusanus-Gymnasium

In der Stadt

Große Firmen vermarkten ihre Bemühungen, den Ausstoß

von CO2 zu minimieren, medienwirksam. Die Brotmarke

„Polarbröd“ verweist auf ihren biologisch abbaubaren

Plastik-Verpackungen voller Stolz auf die Vorzüge ihrer

Produkte: „Mit 100% eigener Windkraft gebacken“ und

„Klimaneutral und frisch per Zug von Norrland“ (Norrland

ist die nördlichste Region Schwedens). Ikea informiert regelmäßig

über die Bemühungen, durch mehr Windkraftanlagen

klimaneutral zu werden. Um den Ausstoß von

Treibhausgasen zu minimieren, rüsten alle Gemeinden

auf Elektrohybrid-Busse um (die übrigens mit USB-Steckern

und W-LAN ausgestattet sind). Die schwedische

Fastfood-Kette „Max“ wirbt mit ihrem großen Sortiment

an vegetarischen und veganen Burgern, die sich bei den

Geschmackstests durch meine Ko-Autorin als sehr lecker

erwiesen. Auch die schwedische Outdoor-Marke „Fjällräven“

ist berühmt für ihre Ansprüche an die Haltbarkeit ihrer

Produkte und den Schutz des Klimas.

Die urbane Bevölkerung stellt die Haupt-Wählerschaft der

vielen ökologischen Parteien Schwedens – ja, richtig gehört,

der vielen ökologischen Parteien Schwedens. Vergleicht

man die schwedischen Parteien mit den deutschen,

sieht man, dass es mehrere Parteien gibt, die in etwa dieselben

klimapolitischen Ziele verfolgen wie die „Grünen“

in Deutschland. Darunter sind die Sozialdemokraten,

die Umweltpartei, die Linken und auch die Zentrumspartei

Schwedens, wobei sich letztere auf eine nachhaltige

Landwirtschaft konzentriert. So viel Konkurrenz ist auch

die Erklärung, warum die schwedischen Umweltparteien

bei der Europawahl 2019 schlecht abgeschnitten haben.

Damals holte die Umweltpartei 11,52 Prozent, was für

sich alleine betrachtet für das Umweltland Schweden sehr

wenig klingt. Rechnet man allerdings die Zentrumspartei

dazu, die 10,78 Prozent der Wählerstimmen bekommen

hat, ist man schnell auf einem Wert, der dem Ruf Schwedens

gerechter wird.

Klimaneutraler Markt?

Auch das riesige Geschäft mit schwedischem Holz (kleine

Erinnerung: Schwedens Fläche ist zu 75 Prozent mit Wald

bedeckt) ist reguliert, um nachhaltig zu sein. Für jeden

Baum, der gefällt wird, müssen laut Gesetz mindestens

zwei neue Bäume gepflanzt werden. Auf diese Weise soll

das enorme Kapital, das aus dem Wald geschöpft wird,

erhalten bleiben, ohne dabei die Natur und Umwelt zu

zerstören. Wenn auch langfristig nachhaltig, so wird der

Wald doch auch sehr aggressiv abholzt: Flächen von bis

zu 25 Hektar werden gerodet und als Lichtungen zurückgelassen,

die (auch wenn neu bepflanzt) ein sehr kapitalistisches,

ressourcenhungriges und nicht sehr umweltfreundliches

Bild ergeben. Ein anderes Argument für die

Klimafreundlichkeit der Schweden ist die Art und Weise,

wie die großen Supermarkt-Ketten an das Problem der

Nachhaltigkeit herangehen. Schon vor einigen Jahren begann

„Coop Schweden“ damit, mehr Werbung für saisonales

Essen zu machen und altes Gemüse als „Fulgrönsaker“,

also „hässliches Gemüse“, zu billigeren Preisen zu

verkaufen, anstatt es wegzuschmeißen. Mittlerweile ist es

in Schweden auch gesetzlich Pflicht, auf Milchprodukte

nach dem bekannten „Mindestens haltbar bis“ den Zusatz

„Oft auch noch später genießbar“ beizufügen. Das ohnehin

schon üppige ökologische Sortiment in den Supermärkten

ist in den letzten Jahren weiter gewachsen, sodass es jetzt

doch sehr einfach ist, ökologisch einzukaufen – meist zu

einem nur gering höheren Preis.

Die schwedischen Schulen, vor allem in der Umgebung

der Städte, haben ein hohes Angebot an ökologischem

und vegetarischem Essen und versuchen durch die Positionierung

des vegetarischen Essens an erster Stelle in

der Mensa, die vorherrschende kulturabhängige Ablehnung

von vegetarischen Essen zu verringern. Ein weiteres

klimafreundliches Phänomen in Schweden ist der weit

ausgebaute und gut funktionierende Second-Hand-Markt.

In fast jeder Stadt gibt es eine oder sogar mehrere Second-Hand-Boutiquen,

die Waren aller Art anbieten, die

sie als Spende erhalten.

Das Sortiment reicht von Kleidern über Möbeln bis hin zu

Schallplatten, Spielsachen und Büchern – alles zu einem

erschwinglichen ökologisch und ökonomischen Preis.

Das Image dieser Geschäfte, die früher einmal Orte für

Menschen der untersten Einkommensschichten waren,

wurde von vielen schwedischen Prominenten aufgebessert,

die auf die Klimafreundlichkeit solcher Unternehmen

hinwiesen. Ein weiterer Pluspunkt solcher Second-Hand-

Boutiquen ist ihr Widerstand gegen den kapitalistischen

Konsumwahn, in dem wir leben, gegen den auch die erstarkenden

Car-Sharing-Bewegung und im relativ handwerklich

und Do-it-yourself orientierten Schweden auch

Tool-Sharing-Bewegung ankämpfen.

Offenes Schweden

Nach dem Blick auf die Digitalisierung und Klimafreundlichkeit

der Schweden fehlt die Analyse der viel gepriesenen

Weltoffenheit des Landes. Schweden ist ein sehr guter

Platz für Homosexuelle und Anhänger der LGBTQIA+-

Gesellschaft, da diese in Schweden nicht nur geduldet,

argus

66


sondern akzeptiert werden. Anders als das Klimaschutz-

Phänomen ist diese Akzeptanz nicht einem starken Stadt-

Land-Gefälle ausgesetzt, sondern ist überall in Schweden

in etwa gleich stark anzutreffen. Eine kleine, lustige Geschichte,

die von den LGBTQIA+-Rechten in Schweden

© Maximilian Komar

Besseres zu sein, was ihn zu

etwas Schlechterem macht.

Ein wahrlich kompliziertes Gedankenkonstrukt.

Unterwegs

In Sachen Frauenrechten war und ist Schweden

ein Pionier. Man könnte sagen, dass Schweden das

erste Land der Erde ist, in dem Frauen wählen durften,

nämlich in der „Freiheitszeit“ von 1718 bis 1772. Auch wenn

damals noch nicht alle Frauen in allen Gemeinden wählen

durften, gab es doch ein für die Zeit sehr fortschrittliches

Frauenwahlrecht. Nach 1772 wurde der Reichstag, der

seit 1718 sehr viel Macht gehabt hatte, stark geschwächt

und das Frauenwahlrecht abgeschafft, das in der Folge

erst im Jahr 1919 wieder eingeführt wurde (wobei Frauen

de facto 1921 zum zweiten „ersten“ Mal wählen durften).

Auch heute noch ist Schweden eines der Länder, in denen

Frauen und Männer am gleichgestelltesten sind. Speziell

die Möglichkeit, Karriere zu machen und gleichzeitig eine

Familie zu gründen, ist ein großes Anliegen der schwedischen

Regierung, in der 12 der 23 Minister (einschließlich

Ministerpräsident) weiblich sind, was zeigt, dass auch

die Führungspositionen gerecht zwischen Mann und Frau

verteilt werden.

Bargeldlos

handelt, ist folgende: 1979 wurde die Homosexualität in

Schweden noch als Krankheit klassifiziert, doch nachdem

einige Organisationen auf diese Absurdität aufmerksam

gemacht hatten, fingen etliche Bürger Schwedens an, sich

krank zu melden. Ihre Begründung: Sie fühlten sich „etwas

schwul“. Schon nach wenigen Wochen verschwand

der Eintrag Homosexualität von der Liste der anerkannten

Krankheiten.

Einer der Gründe für die Offenheit, die man den Schweden

nachsagt, ist wahrscheinlich die alte Mentalität des „Jantelagen“,

das Gesetz der fiktiven Stadt Jante. Dieses Gesetz

sieht vor, sich im Vergleich mit anderen nicht für etwas

Besseres zu halten. Diese Mentalität führt zu einem Akzeptieren

von Anderen, da man ja nicht besser ist, und erst

recht nicht besser sein will, als sie. Einzige Ausnahme: Das

„Jantelagen“-Prinzip funktioniert nicht, wenn es jemand zu

Ruhm und Reichtum geschafft hat. Solange dieser Ruhm

und Reichtum nicht für ganz Schweden gilt, fühlt sich jeder

andere Schwede als etwas Besseres im Vergleich zu

dem, der den Ruhm erlangt hat, da dieser ja meint, etwas

Aber nicht nur in der Politik, sondern auch in den Führungsriegen

der Firmen findet man eine Vielzahl an Frauen.

Ebenso ist der Anteil von Frauen in traditionellen

„Männerberufen“ wie dem Baugewerbe hoch. Das zeigt,

dass sich Frauen in Schweden zu einem höheren Anteil

als in anderen europäischen Ländern frei für eine Karriere

entscheiden können und in allen unterschiedlichen

Arbeitsbereichen ihrer Passion nachgehen können. Auch

im Haushalt und in der Gesellschaft sind die traditionellen

Geschlechterrollen in Schweden stark zurückgedrängt.

Dort teilt man sich die Hausarbeiten viel öfter als in Italien

zwischen Mann und Frau auf und auch ansonsten ist das

Frauenbild ein viel emanzipierteres als in Italien oder Österreich.

Bleibt zu hoffen, dass sich das Miteinander der

Geschlechter auch hierzulande durch das Heranwachsen

der neuen Generationen verändern wird.

Stolzes Silber

So manche Imagebilder über Schweden entsprechen

der Wahrheit, speziell jene in Bezug auf Digitalisierung

und Weltoffenheit. Auch das Klimabewusstsein, das den

Schweden nachgesagt wird, ist häufig anzutreffen.

Alles in allem ist Schweden ein modernes und zukunftsorientiertes

Land, das viele Dinge sehr gut, aber nicht perfekt

macht. Schweden mag mit all seinem Glanz viele dazu

verleiten, das Leben im Land für Gold zu halten. Stolzes

Silber ist es allemal.

Maximilian Komar, 5eR

mit Hilfe seiner Gasteltern

Victoria Hedström & Jonas Holmberg

argus

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Cusanus-Gymnasium

Vermessen: der Asteroid „Bruneck“

Wie du vielleicht weißt, hat die Astrogruppe

„Astrocusanus“ seit etwas mehr als

einem Jahr ein neues, leistungsstärkeres Teleskop.

Aber erst im Herbst 2020 kam es zum ersten

richtigen Einsatz, da es vorher noch einmal nachgebessert

werden musste

In der langen Zeit, in der wir gespannt auf das neue

Teleskop warteten, überlegten wir uns, wie wir das

Teleskop benutzen sollten und welche Projekte man

mit der gesteigerten Leistung umsetzen könnte. Ein

Projekt hat es uns ganz besonders angetan: Die Ermittlung

der Rotationsperiode von „1992 OJ8“, besser

bekannt als der „Asteroid 11538-Bruneck“ – benannt

nach der Rienzstadt.

© Astrogruppe 2020/21

Was ist eigentlich ein Asteroid?

Asteroiden sind Gesteinsbrocken, die auf einer Umlaufbahn

um die Sonne kreisen und dabei um ihre

eigene Achse rotieren, so ähnlich wie Planeten.

Meist sind sie unförmig und nicht rund. Genau diese

Tatsache gibt uns die Möglichkeit, die Dauer einer

Rotation relativ einfach zu bestimmen. Denn ein unförmiges

Objekt, das um seine eigene Achse rotiert,

zeigt uns einmal eine längere und dann wieder eine

kürzere Seite, also einmal eine große Fläche und

einmal eine kleine Fläche. Die uns zugewandte Fläche

ist es, die das Sonnenlicht reflektiert. Deshalb

ist ihre Größe ausschlaggebend für die Helligkeit des

Asteroiden. Es kommt zu einer periodischen Helligkeitsänderung,

die wir mit unserem Teleskop und

© Astrogruppe 2020/2021

einer Kamera messen können.

Die Größe von Asteroiden schwankt zwischen 1 Meter

und 100.000 Kilometer, wobei zum Beispiel der

Asteroid „Bruneck“ einen Durchmesser von etwa 3,4

Kilometer hat. Asteroiden bestehen aus den unterschiedlichsten

Gesteinen und Metallen, einige bestehen

fast ausschließlich aus Kohlenstoff, andere

wiederum sind Metallklumpen.

Unser Ziel

Durch die Messung der Helligkeitsänderung wollten

wir die Rotationsperiode des Asteroiden „Bruneck“

ermitteln. Bislang war die Rotationsperiode von

11538-Bruneck nicht bekannt, das heißt, wir konnten

die Ersten sein, die die Rotationsperiode messen.

Doch es gab noch ein Problem. Das Beobachten und

Messen der Rotationsperiode ist im Grunde fast nur

während einer Opposition möglich. Das heißt genau

dann, wenn Sonne-Erde-Asteroid eine Linie bilden,

denn dann ist uns der Asteroid am nächsten und

somit am hellsten – und deshalb am einfachsten zu

fotografieren. Wir hatten großes Glück, denn schon

Ende August 2020 sollte so eine Opposition stattfinden.

Und nicht nur das: Die 2020er-Opposition war

eine der fünf besten Oppositionen in den Jahren von

1995 bis 2050.

Die Beobachtung

Ende August, Anfang September sollten wir unser

Teleskop also auf „Bruneck“ richten. Doch schon bald

erkannten wir, dass wir unsere Beobachtungen wohl

nicht wie sonst in geselliger Runde im Observatorium

machen konnten: Die Covid-19 Pandemie machte

dies leider nicht möglich. Der Einmaligkeit der Opposition

bewusst, übernahm Professor Christof Wiedemair

die wichtige Aufgabe der Datensammlung und

verbrachte vom 5. September 2020 bis zum 18. September

2020 mehr als 26 Stunden damit, einsam im

kalten Observatorium zu sitzen und die automatische

Datensammlung des Teleskops zu betreuen.

Die Auswertung

Strichspur des Asteroiden „Bruneck“

Nach den Beobachtungen begann auch schon der

Schulstress und die Daten verstaubten auf den Festplatten.

Erst im Januar 2021, als Maximilian Komar

ein Praktikum im Planetarium Südtirol absolvierte,

argus

68


ergab sich die Möglichkeit zur Auswertung. Nicht nur

die Beobachtung eines Asteroiden war für uns Neuland,

sondern auch die Auswertung der Daten und

die Berechnung der Rotationskurve.

Das Planetarium und vor allem Mitarbeiter Luca Ciprari

organisierte für uns eine Videokonferenz mit

Lorenzo Franco, einem der führenden Asteroidenforscher

Europas, der uns unter die Arme griff und

uns so half, die Auswertung und Berechnung korrekt

durchzuführen.

Bei der Auswertung fiel uns ein zweiter bewegter

Punkt an einem unserer Beobachtungsabende auf.

Wir vermuteten, dass es sich um einen Asteroiden

handeln müsse und nach einigem Recherchieren

und Nachforschen konnten wir diesen leuchtenden

Punkt als „(116710) 2004 CF114“ identifizieren. Die

geringe Helligkeit von 19,8mag dieses Asteroiden

zum Zeitpunkt der Beobachtung überraschte uns

sehr – das neue Teleskop ist wirklich sehr leistungsfähig!Nachdem

wir nach zweiwöchiger Arbeit die

Rotationsperiode von „Bruneck“ berechnet hatten,

waren wir schon sehr

aufgeregt und wollten

unsere Entdeckung so

schnell wie möglich in einer Fachzeitschrift

publizieren, doch dann entdeckten

wir es: Die Rotationsperiode war

doch schon bekannt. In der wissenschaftlichen

Studie, in der sie berechnet worden war,

wurde die Rotationsperiode mit 9.47538 ± 0.00005

Stunden angegeben.

Entdeckt

Die Studie war erst im März 2020 erschienen, 10 Monate

bevor wir unsere Auswertung beendeten. Trotzdem

konnten wir uns freuen, unsere Berechnungen

stimmen mit 9.4866 ± 0.0025 Stunden mit der wissenschaftlichen

Studie überein.

Auch wenn wir nicht die erste Bestimmung der Rotationsperiode

gemacht hatten, konnten wir durch

die Bestätigung der Rotationsperiode trotzdem echte

Forschungsarbeit leisten. Und wer weiß, was wir

noch alles mit unserem neuen Teleskop erforschen

werden!

Zum Autor

Wissenschaft, vor allem

Physik und Astronomie,

haben mich schon in

der Mittelschule fasziniert.

Als ich dann in

meinem 2. Schuljahr

am Realgymnasium der

Astrogruppe beitrat, war

ich von der Professionalität

und dem Fokus auf

echte wissenschaftliche

Arbeit in der Gruppe

überrascht.

Sie ist nicht nur auf der

Jagd nach schönen Bildern

von unterschiedlichen,

malerischen

Himmelsobjekten wie

Planetarischen Nebeln,

Emissions- und Reflektionsnebeln

sowie Galaxien, sondern setzt ihr

respektables Astronomie-Equipment vor allem für

Forschung an variablen Sternen und für andere wissenschaftliche

Arbeiten ein. Durch die vielen Erfahrungen

hat sich meine Überzeugung gefestigt, dem

naturwissenschaftlichen Bereich treu zu bleiben und

© privat

Maximilian Komar

im nächsten Jahr mein Physikstudium in Wien zu beginnen

– nicht zuletzt dank der Astrogruppe.

Maximilian Komar, 5eR

argus

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Cusanus-Gymnasium

Was sagen die Sterne?

Ein Einblick in das Universum des Cusanus-Gymnasiums

von Schülern für Schüler

Steinbock (22. Dezember –

20. Jänner)

Freundschaft: Hast du nie

gelernt, dass man keine

Beziehung mit dem/r besten

Freund/in eingehen sollte?

Liebe: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Glücksschulstunde: Mittwoch, 2. Stunde

Widder (21. März – 20. April)

Freundschaft: Erstehe endlich von den Toten

auf!

Liebe: Liebe ist für dich ein

Fremdwort.

Glücksschulstunde: Montag, 1.

Stunde

Wassermann (21. Januar –

19. Februar)

Freundschaft: Der Kosmos

hat dieses Jahr viel mit dir vor.

Liebe: Rationales Denken wird

überbewertet.

Glücksschulstunde: Mittwoch, 3. Stunde

Stier (21. April – 20. Mai)

Freundschaft: Die Vereinsamung aufgrund der

Corona-Pandemie scheint dir ganz gut getan zu

haben.

Liebe: Es ist besser, darüber zu

schweigen.

Glücksschulstunde: Donnerstag,

1. Stunde

Fische (20. Februar –

20. März)

Freundschaft: Ein Leben als

Einsiedler soll nicht mal so

schlecht sein.

Liebe: Dein Liebesleben ist genauso (un)

vorhersehbar wie die Corona-Situation.

Glücksschulstunde: Freitag, 8. Stunde

Zwillinge (21. Mai – 21. Juni)

Freundschaft: Manchmal ist es besser, die

Freundschaft der Liebe vorzuziehen.

Liebe: Einsam sterben ist auch eine

Option.

Glücksschulstunde: Dienstag, 3.

Stunde

argus

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Vorausgeschaut

Krebs (22. Juni – 22. Juli)

Freundschaft: Eine Überdosis an Kontakten

kann ähnliche Folgen haben wie eine Überdosis

an Drogen.

Liebe: Auf jeden Topf gehört ein

Deckel.

Glücksschulstunde: Dienstag, 5.

Stunde

Waage (24. September –

23. Oktober)

Freundschaft: Hast du

überhaupt Freunde?

Liebe: 2021 wird ein wilder Ritt.

Glücksschulstunde: Dienstag, 2. Stunde

Löwen (23. Juli – 23. August)

Freundschaft: Leg die Fußfesseln der

Einsamkeit ab.

Liebe: An dich wird diesmal keine Rose

vergeben.

Glücksschulstunde: Freitag, 6.

Stunde

Skorpion (24. Oktober –

22. November)

Freundschaft: Es ist

Zeit, deine Kontaktliste

auszumisten.

Liebe: Wenn du wirklich nicht mehr

weiter weißt, zieh Tinder zu Rate.

Glücksschulstunde: Montag, 5. Stunde

Jungfrau (24. August – 23. September)

Freundschaft: Dein Sozialleben gehört zu den

vielen Dingen, die totgeschwiegen werden

sollten.

Liebe: Eine Welle von Gefühlen wird

dir den Boden unter den Füßen

wegreißen.

Glücksschulstunde: Freitag, 5.

Stunde

Schütze (23. November –

21. Dezember)

Freundschaft: Soziale

Kontakte waren nie dein Ding.

Liebe: Man muss das Eisen

schmieden, solange es noch heiß ist. Verpass

deine Chance nicht!

Glücksschulstunde: Donnerstag, 4. Stunde

argus

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Bilder © Pixabay, TheDigitalArtist


Die Klasse 3cR hat sich

im Deutschunterricht mit

den Aphorismen der Aufklärer

beschäftigt und aus

diesem Anlass selbst einige

Aphorismen verfasst.

Das Ergebnis kann sich

sehen lassen. Offensichtlich

schlummert in unseren

Realschülern der ein

oder andere Poet.

Wer sich als Mensch selbst nicht kennt,

wird andere Menschen auch nicht verstehen

und kennen.

Schlechtes Handeln beruht nicht immer

auf schlechten Intentionen.

Der Verstand erhellt das Dunkel, in dem

wir leben.

Entweder du „kliebst” die Woche, oder

die Woche „kliebt” dich.

Menschen mit falschen Antworten sind

oft klüger als Menschen mit keinen Antworten.

Loslassen kostet weniger Kraft als festhalten.

Auch im Schatten gibt es Licht.

Angst beginnt im Kopf. Mut auch.

Wenn man versteht, was verstehen

heißt, ist man imstande, alles zu verstehen.

Nichts zu denken, ist nicht so leicht, wie

man denkt.

Hausaufgaben helfen, um zu lernen,

aber zuerst muss man lernen, Hausaufgaben

zu machen.

Eine Erfindung ist nur so gut wie die Idee

dahinter.

CUSANUS-Gymnasium

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