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NR06

WAS AFRIKA BRAUCHT IST

DIALOG — UND ENDLICH ECHTE

GLOBALISIERUNG

HANNES STEGEMANN


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INS ZENTRUM

DES „SCHWARZEN“

KONTINENTS

1970, ich war gerade volljährig geworden, setzte ich von Gibraltar

aus das erste Mal auf den afrikanischen Kontinent über. Per

Anhalter schaffte ich es über Algerien bis in die Hauptstadt

des Niger, nach Niamey. Das nächste Mal kam ich motorisiert,

mit einem von der Bundeswehr ausrangierten Kübelwagen.

Damit fuhr ich einmal quer durch Afrika, von Marokko bis

nach Tansania. Und so arbeitete ich mich als Student der Ethnologie

auf meinen Reisen von Jahr zu Jahr tiefer ins Zentrum

des „schwarzen“ Kontinents vor – mal arbeitete ich für ein paar

Wochen auf einer Missionsstation im kenianischen Teehochland

mit, ein andermal sammelte ich für meine Magisterarbeit

Material bei verschiedenen Hirtenstämmen - bis ich schließlich

nach dem Studium meine erste Stelle als so genannter Entwicklungshelfer

antrat: Im Nigerdelta unterstützte ich Fischer

beim Aufbau einer Fischereigenossenschaft. Diesen Luxus –

nämlich drei Jahre lang bezahlt Land und Leute kennen lernen

zu dürfen – honorierten mir die Daheimgebliebenen auch noch

damit, dass sie mir das Prädikat „Weltverbesserer“ anhefteten.

30 Jahre lang habe ich so für verschiedene Hilfsorganisationen

in mehreren Ländern Afrikas gearbeitet. Mittlerweile habe

ich meinen Lebensmittelpunkt zwar wieder nach Deutschland

verlagert, aber als Referent für Caritas international, das

Hilfs werk der Deutschen Caritas, verbringe ich nach wie vor

viel Zeit in Afrika und stehe außerdem tagtäglich mit unseren


afrikanischen Partnerorganisationen in Kontakt. Dazu kommt,

dass ich mit einer Frau aus Guinea Bissau verheiratet und so

auch familiär dort verwurzelt bin.

Dennoch: Wenn ich gefragt werde, warum der afrikanische

Kontinent nur so langsam vorankommt, fällt es mir schwer, darauf

eine kluge Antwort zu formulieren. Das hat zum einen damit

zu tun, dass es schwer bis unmöglich ist, überhaupt allgemein

über „Afrika“ zu reden. Afrika ist ungefähr drei Mal so groß wie

Europa. Die Unterschiede zwischen West- und Ostafrika, aber

auch zwischen den einzelnen Ländern sind enorm. Der Kongo

und der Senegal unterscheiden sich mindestens so sehr wie Finnland

und Spanien. Es gibt Länder, die reich sind an Rohstoffen

und außerdem an der Küste liegen, also gut an den Weltmarkt

angebunden sind. Und es gibt Länder, die weder Rohstoffe noch

eine Küste haben, noch genügend Land, um die Bevölkerung

mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen.

Hausgemachtes Gewaltproblem oder Nachwirkungen der

Kolonialisierung? Noch etwas Anderes macht es mir schwer,

über Afrika zu reden. Und das hat mit der hiesigen Wahrnehmung

dieses Kontinents zu tun. Grob lässt sich die öffentliche

Meinung in zwei Lager aufteilen. Auf der einen Seite stehen

diejenigen, die der Meinung sind, Afrika habe ein immanentes

Gewaltproblem. Der Westen, glauben sie, könne noch so

viel Geld in Entwicklungsprojekte investieren, es werde dort

des wegen doch nicht friedlicher werden. Auf der anderen Seite

stehen diejenigen, die sagen: Der Westen ist Schuld an der

afrikanischen Misere - weil er seit der Kolonialzeit nicht aufgehört

hat, den Süden auszubeuten.

Ich �nde es schon erstaunlich, dass unser Afrika-Bild derart

schwarz-weiß ist, wo dieser Kontinent doch vor allem eins ist:

bunt. Und so bunt und vielschichtig wie seine Farben sind

auch die Antworten auf die Frage danach, was dieser Kontinent

braucht, um den Hunger, die Perspektivlosigkeit der Jugend, die

Gewalt, in den Griff zu bekommen. Denn nichts ist einfach in

Afrika. Für kaum ein Problem gibt es eine einfache Antwort,

meistens sind es Antwortkomplexe, deren Teile einander manchmal

sogar widersprechen. Das liegt zunächst an den historischen

Hinterlassenschaften einer Berliner Konferenz 1884, bei der die

DER KONGO

UND DER SENEGAL

UNTERSCHEIDEN

SICH MINDESTENS

SO SEHR WIE

FINNLAND UND

SPANIEN

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WILLKÜRLICHE

anspielt.

GRENZZIEHUNGEN

einstigen Kolonialmächte den Kontinent unter sich aufteilten –

und deren willkürliche Grenzziehungen bis heute Ursache vieler

Kon�ikte sind. Aber auch an der Machtbesessenheit afrikanischer

Despoten, die sich skrupellos auf Kosten der Bevölkerung

bereichern. Es liegt an alten Stammesfehden, die hartnäckig

die Vorherrschaft der Stämme und Ethnien zementieren und so

alle Bemühungen zunichtemachen, nationale Identität und

damit einen funktionierenden Staat herauszubilden. Und natürlich

spielen auch die heutigen globalen Verwicklungen eine

große Rolle, auf die der Titel der Symbiosis Ausstellung ja auch

Bizarre Folgen der Globalisierung: bergeweise Hühnerbeine

für Afrika? Nicht nur Waffen werden weltweit

gehandelt sondern auch Nahrungsmittel, Textilien, Land. Wobei

der Westen diesen globalen Handel einerseits vorantreibt,

andererseits aber seine eigenen Märkte durch Subventionen zu

schützen versucht.

Ein Beispiel: Weil in Europa alle nach Hühnerbrust verlangen,

wird der afrikanische Markt mit Hühnerbeinen überschwemmt.

Gegen diese zu Dumpingpreisen verschleuderten Überschüsse

aus Europa kommen einheimische Hühnerzüchter natürlich

nicht an. Sie bleiben auf ihren teureren Tieren sitzen und werden

so ihrer Existenzgrundlage beraubt.

Umgekehrt gelingt es der billigen afrikanischen Baumwolle nicht,

gegen die amerikanischen Subventionen anzukommen und auf

dem Weltmarkt zu konkurrieren. Ebenso bizarr ist es, wenn sich

reiche Länder riesige Anbau�ächen in Afrika sichern – die dann

der lokalen Bevölkerung zur Nahrungsmittelproduktion fehlen.

Wo also anfangen, wo aufhören? Nehmen wir die Situation

in einem ehemaligen Bürgerkriegsland wie Burundi, wo laut

Einschätzung der UN und anderer Menschenrechtsgruppen jede

Familie nach wie vor eine Waffe besitzt. Diese Waffen stellen

natürlich ein enormes Gefahrenpotential dar. Deshalb gibt es

immer wieder Versuche, die Bevölkerung zu entwaffnen. Allerdings:

Ein Staat, der nicht in der Lage ist, für eine konsequente

Strafverfolgung zu sorgen, genießt nicht das Vertrauen, das


1 Borgward 1973. Federbruch in der mauretanischen Sahara. Mit einem Borgward Kübelwagen durchquerte Afrika-

Referent Hannes Stegemann 1973 als Student Afrika.

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2 Hannes Stegeman im Gespräch mit Bewohnern eines Flüchtlingslagers in Libera.


nötig ist, damit jeder einzelne auf sein Recht zur Selbstverteidigung

verzichtet. Wer garantiert denn demjenigen, der seine Waffe abgibt,

dass er sie nicht schon bald wieder brauchen wird, um sich, seine

Familie oder seinen Besitz zu schützen?

Ein echtes Austauschprogramm wäre ein Beitrag zur Verständigung

Ich kann weder der Entrüstung über die – angeblich

nur in Afrika möglichen – Gräueltaten etwas abgewinnen

(hinter der häu�g unverhohlener Rassismus steckt), noch bin ich

der Meinung, das große „Mea culpa“ der früheren Kolonialmächte

führe zu einer „Rückgewinnung der afrikanischen Identität“ und

könne der Weiterentwicklung dieses Kontinents automatisch einen

Schub geben.

Was wir statt Schuld-Eingeständnissen und Schuld-Zuweisungen

nachfolgender Generationen brauchen, ist ein echter Austausch.

Ein globaler Dialog, der auch die ethischen Fundamente unserer

Gesellschaften nicht außen vor lässt und schwierige Themen wie

Menschenrechte einerseits und Waffengeschäfte andererseits

nicht einfach übergeht.

Ich persönlich kam als Jugendlicher in den Genuss des deutschfranzösischen

Austauschprogramms und habe damit sehr gute

Erfahrungen gemacht. Diese Möglichkeit des Austauschs, des sich

Kennenlernens, kommt mir im so genannten Nord-Süd-Dialog

immer noch viel zu kurz. Das Bundesministerium für wirtschaftliche

Zusammenarbeit hat ein Jugendprogramm mit dem Titel

„weltwärts“ aufgelegt. Leider ist das Programm eine Einbahnstraße,

denn „weltwärts“ geht es nur für die deutschen Jugendlichen. Das

Programm sieht bisher keine Gegenbesuche vor und das halte ich

für ein gefährliches Versäumnis.

Wir sind in Afrika nur zu Gast Doch auch wenn der Nord-

Süd-Dialog längst noch nicht auf Augenhöhe statt�ndet: Wir haben

in der Humanitären Arbeit viel dazugelernt. Und das ist es auch,

was ich jüngeren Kollegen zu vermitteln versuche: Die Geschicke

eines Landes hängen nicht davon ab, ob ein paar Entwicklungshelfer

von ihrem Schreibtisch aus gute Arbeit machen. Wir sind

nur Gäste. Wir können keinem Land, keiner Region Frieden

verordnen. Das schmälert unsere Bedeutung, entlastet uns aber

WAS WIR

BRAUCHEN

IST EIN

GLOBALER

DIALOG

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DIE WIRKUNGS-

BEOBACHTUNG

auch. Das heißt ja nicht, dass wir mit dem Geld, das wir für

Projekte zur Verfügung haben, nicht versuchen, das Bestmögliche

zu machen. Durch die Wirkungsbeobachtung haben

wir in der humanitären Hilfe immer mehr gesicherte Daten

darüber, welche Art der Arbeit am meisten Aussicht auf Erfolg

hat. Außerdem wissen wir, wie sensibel und wie wichtig lokale

Strukturen sind, und dass nachhaltige Hilfe diese Strukturen

nicht kaputt machen darf.

Im Grunde geht es darum, die Leute aus�ndig zu machen,

deren eigene Träume und Visionen für ihr Land sich mit den von

uns aufgestellten Kriterien decken - und dann versuchen wir,

diese Leute bei ihrer Arbeit zu unterstützen. In unserem Fall

sind das dann häu�g die lokalen Caritas-Partner. Manchen

ist das zu wenig. Die sind angetreten, Afrika zu retten – und

ziehen dann nach zehn Jahren die frustrierte Bilanz, dass diesem

Kontinent nicht zu helfen sei. Ich komme zu einem anderen

Schluss: Natürlich gibt es Rückschläge, aber es gibt auch Erfolge.

Vielleicht liegt es daran, dass ich ein Abenteurer geblieben bin.

Ich wäre ja geradezu enttäuscht, wenn jedes Projekt genau den

von mir vorhergesagten Verlauf nehmen würde. Und trotzdem:

Um den ehrlichen Dialog muss auch ich mich, nach 30 Jahren

Afrika-Erfahrung, immer wieder bemühen.

Hannes Stegemannn ist Afrika-Referent bei Caritas international, dem Hilfswerk der Deutschen

Caritas. Er betreut unter anderem die Projekte in Burundi, in die der Erlös aus dem Verkauf der

Symbiosis-Exponate fließt. Er selbst hat über 30 Jahre lang in verschiedenen afrikanischen

Ländern gearbeitet. Seit 2005 lebt er mit seiner Frau und vier Söhnen wieder in Deutschland.

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