Kulturfenster Nr. 03|2021 - Juni 2021

infoatvsm.bz.it

BLASMUSIK

CHORWESEN

HEIMATPFLEGE

in Südtirol

Nr. 3

JUNI

2021

Traminer Freskenzyklus neu interpretiert

Ausblick und Vorfreude auf das Jugendfestival 2022

Wie die Chormusik auf Krisen reagiert

Poste Italiane SpA – Sped. in a.p. | -70% – NE BOLZANO – 71. Jahrgang – Zweimonatszeitschrift

Poste Italiane SpA – Sped. in a.p. | -70% – NE BOLZANO – 73. Jahrgang – Zweimonatszeitschrift


vorausgeschickt

Aus der Geschichte lernen

Liebe Leserinnen und Leser,

der Heimatpflegeverband widmet seine

Titelgeschichte der neuen, sehr aufschlussreichen

Interpretation des Freskenzyklus

von Bartlme Dill Riemenschneider

in der so genannten „Trinkstube“ des Ansitzes

Langenmantel in Tramin. Dementsprechend

ziert auch der zweigesichtige

römische Gott Janus das Titelbild dieser

Ausgabe. Er ist der Gott des Anfangs und

des Endes, der Gott allen Ursprungs, nach

dem auch der Monat „Januar“ benannt

ist. Wie kaum ein anderer kann er wohl

auch als aktuelles Symbol für das (nahende)

Ende der Corona-Pandemie und

den gemeinsamen Neubeginn stehen.

Gleichermaßen zuversichtlich schaut der

Verband Südtiroler Musikkapellen mit Vorfreude

auf das Jugendfestival 2022, das

Leidenschaft für Musik, Bewegung, Tanz

und Schauspiel vereinen will. Die gleiche

Zuversicht war auch in der Mitgliedervollversammlung

des Verbandes zu spüren,

denn im Rückblick auf dieses besondere

Jahr habe sich vor allem gezeigt, dass

die Blasmusik die Menschen gerade in

schwierigen Zeiten bewegt.

Die Kunst wird diejenige sein, die nach

überstandender Krise die Corona-Zeit aufund

verarbeiten wird, damit wir aus der Geschichte

lernen können. So hat auch die

Chormusik immer schon auf Katastrophen

und Krisen reagiert. Der Akustiker und

Musikwissenschaftler Karsten Blüthgen

gibt dazu im Hauptthema des Chorverbandes

einen interessanten historischen

Überblick, wie die Komponisten dem Unfassbaren

Ausdruck verliehen und dadurch

Trost gespendet haben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen wiederum

eine unterhaltsame, aber auch informative

Lektüre und einen aufschlussreichen

Blick durch unser „KulturFenster“.

Stephan Niederegger


Wenn ich einen Tag nicht übe, merke ich

das. Wenn ich zwei Tage nicht übe, hört

es mein Orchester. Wenn ich drei Tage

nicht übe, hört es mein Publikum.


Yehudi Menuhin


Die Musik hat von allen Künsten den

tiefsten Einfluss auf das Gemüt. Ein

Gesetzgeber sollte sie deshalb am meisten

unterstützen.


Napoleon Bonaparte

KulturFenster

2 03/Juni 2021


Inhalt

In dieser Ausgabe

Heimatpege

Riemenschneider-Fresken neu interpretiert ......................... 4

Nicht nur Beruf, sondern Berufung

Josef Oberhofer geht in Pension........................................ 10

„Wir sind am Puls der Zeit“

Josef Oberhofer im Gespräch ............................................ 12

Espan und Mult

Flurnamen aus der Agrargeschichte, Teil 2........................ 15

Dorferneuerung mit Bürgerbeteiligung

Die Geschäftsstelle des Landes Tirol .................................. 16

Wir sollen authentisch bleiben

Den Tourismus nachhaltig und resilient gestalten............... 18

Dinge des Alltags: Schnapshund und Schnapsschwein...... 19

50 Jahre Einsatz für Natur- und Heimatschutz

„Lia per Natura y Usanzes“ feiert Jubiläum ....................... 20

Die Bergmannstracht

„Glück auf!“ in festlichem Gewand .................................... 22

Großer Einsatz für die Kulturlandschaften Tirols

Im Gedenken an Dipl. Ing. Josef Menardi (1925–2020)..... 23

Chorwesen

Auf Krisen antworten – Chormusik hat schon immer

auf Katastophen und Krisen reagiert.................................. 48

Chorporträt „lautstark“ ...................................................... 52

Eigene Emotonen ausdrücken

Die jugen Rapper Duzzy & LA ........................................... 54

Veranstaltungen und Kurse 2021 ...................................... 55

Unser Lieblingslied

Erfoglreiches Online-Konzert ............................................. 56

Sichere Chorproben in der Pandemie

Webinar mit Bernd Gänsbacher ........................................ 57

Harmonie und Einfachheit

Die Komponistin Annelies Oberschmied im Gespräch........ 58

Blasmusik

Leidenschaft für Musik, Bewegung, Tanz, Schauspiel

Ausblick und Vorfreude auf das Jugendfestival 2022 ......... 24

„Blasmusik bewegt – wieder!“

73. VSM-Mitgliedervollversammlung.................................. 29

Es war einmal … eine Musikkapelle

Bitte um Mitarbeit bei der Suche nach

verschollenen Musikkapellen............................................. 31

50 Jahre Leistungsabzeichen im VSM

Eine Erfolgsgeschichte mit Fortsetzung.............................. 32

70 Jahre Österreichischer Blasmusikverband

Eine umfassende Chronik zum Geburtstag ........................ 33

Jung, rhythmisch, „GiGantisch“

Das „GiGa Percussion Duo“ im Porträt .............................. 34

Brennerwind

Die Jugendkapelle von Pflersch und Gossensass............... 36

„Ohne Musik wird es leise“

Die Musikkapelle und die Pandemie.................................. 38

Sepp Thaler, der große (Blas-)Musikpionier Südtirols

Persönliche Erinnerungen von Gottfried Veit ...................... 39

Vivat Athesis! – von Johann Finatzer

Eine Hommage an das Land an der Etsch ......................... 42

Üben mit Video- und Tonaufnahme

Das Smartphone als nützlicher Übungspartner.................. 44

Einspielhilfen für Blasorchester ......................................... 45

Die Konzertmeister-App – Clevere Terminplanung für

Musikvereine, Orchester und Chöre................................... 46

kurz notiert

Neues von den Musikkapellen........................................... 47

Impressum

Mitteilungsblatt

- des Verbandes Südtiroler Musikkapellen

Redaktion: Stephan Niederegger, kulturfenster@vsm.bz.it

- des Südtiroler Chorverbandes

Redaktion: Paul Bertagnolli, info@scv.bz.it

- des Heimatpflegeverbandes Südtirol

Redaktion: Florian Trojer, florian@hpv.bz.it

Anschrift:

Schlernstraße Nr. 1 (Waltherhaus), I-39100 Bozen

Tel. +39 0471 976 387 – info@vsm.bz.it

Raiffeisen-Landesbank Bozen

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Jahresabonnement = 20,00 Euro

Ermächtigung Landesgericht Bozen Nr. 27/1948

presserechtlich verantwortlich: Stephan Niederegger

Druck: Ferrari-Auer, Bozen

Das Blatt erscheint zweimonatlich am 15. Februar, April, Juni, August, Oktober und

Dezember. Redaktionsschluss ist der 15. des jeweiligen Vormonats.

Eingesandte Bilder und Texte verbleiben im Eigentum der Redaktion und werden nicht

zurückerstattet. Die Rechte an Texten und Bildern müssen beim Absender liegen bzw.

genau deklariert sein. Die Verantwortung für die Inhalte des Artikels liegt beim Verfasser.

Die Wahrung der Menschenwürde und die wahrheitsgetreue Information der Öffentlichkeit

sind oberstes Gebot. Der Inhalt der einzelnen Beiträge muss sich nicht mit

der Meinung der Redaktion decken. Nachdruck oder Reproduktion, Vervielfältigung jeder

Art, auch auszugsweise, sind nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion erlaubt.

Sämtliche Formulierungen gelten völlig gleichrangig für Personen beiderlei Geschlechts.

gefördert von der Kulturabteilung

der Südtiroler Landesregierung

KulturFenster

3 03/Juni 2021


Venus „Cythare“ mit blindem Amor

Die Liebe (Venus, Erato) stellt gemeinsam mit der Kunst (Apollo) und

der Welt des Geistes (Vergil) im Traminer Freskenzyklus von Bartlme

Dill Riemenscheider die lebenspendenden Mächte dar.

KulturFenster

4 03/Juni 2021


erforscht

Riemenschneider-Fresken

neu interpretiert

Neuerscheinung von Wolfgang Strobl über die Trinkstube im

Langenmantel-Haus in Tramin

Der renommierte Altphilologe und Historiker

Wolfgang Strobl aus Toblach hat in

der „Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte“

2019 eine höchst interessante

und aufschlussreiche Neuinterpretation des

Freskenzyklus in der sogenannten Trinkstube

des Ansitzes Langenmantel in Tramin vorgelegt.

Unter dem Titel „Ianus Bifrons – ein

Künstlerleben in Widerspruch und Einheit“

liefert der Autor eine faszinierend schlüssige

Deutung der Fresken als Ausdruck einer

subversiv täuferischen Haltung des berühmten

Würzburger Renaissance-Künstlers

Bartlme Dill Riemenschneider.

Forschungsgeschichtliches

„Die intendierte Aussage und Botschaft

dieses singulären, ausgeklügelt und gleichzeitig

mysteriös wirkenden Bildprogramms

konnte bisher weder entschlüsselt noch hinreichend

erklärt werden“, stellt Autor Wolfgang

Strobl in der Einleitung fest. 1 In seinen

Ausführungen zur Forschungsgeschichte

erläutert er, dass zwar im Jahr 1928 eine

erste ausführliche und bis heute grundlegende

Studie, verfasst vom Tiroler Landeskonservator

Josef Garber, erschienen ist,

dass aber erst der Innsbrucker Kunsthistoriker

und Volkskundler Josef Ringler in den

frühen 1950er-Jahren die Fresken dem bis

dahin nahezu unbekannten Bartlme Dill

Riemenschneider zuschreiben konnte. Bis

in die 1960er-Jahre war das Bildprogramm

inhaltlich identifiziert. Und in jüngster Zeit

haben die Kunsthistoriker Helmut Stampfer

und Hanns Paul Ties maßgebliche wissenschaftliche

Beiträge zur Bedeutung der

Malereien für die Tiroler Kunstgeschichte

geliefert: Stampfer schätzt die Qualität und

Originalität als „sehr hoch“ ein. Ties betont,

dass „sich innerhalb des erhaltenen Bestandes

an profanen Wandmalereien aus

der europäischen Renaissance“ dem Zyklus

„nichts auch nur annähernd Vergleichbares

zur Seite stellen“ lasse. 2

Gesamtansicht der äußerst interessanten, aber renovierungsbedürftigen Trinkstube

Der Künstler und das Täufertum in Tirol

Bartlme Dill Riemenschneider, Sohn des

weitaus bekannteren Würzburger Bildhauers

und Holzschnitzers Tilman Riemenschneider,

war ein dem Täufertum

zugeneigter Künstler. Über sein Leben ist

recht wenig bekannt. Sowohl in der Werkstatt

seines Vaters als wahrscheinlich auch

in der Nürnberger Werkstatt von Albrecht

Dürer eignete sich Bartlme Dill Techniken

und Ausdrucksformen des künstlerischen

Schaffens an.

1525 verließ Bartlme Dill seine Heimatstadt,

die auch in den Sog der Bauernkriege geraten

war und den Vater seine Ämter und

einen großen Teil seines Vermögens gekostet

hatte. Der junge Bartlme Dill fasste im

südlichen Tirol Fuß. Seine religiöse Einstellung

wurde bald bekannt, hatte er doch in

Tirol die Möglichkeit eines Anschlusses an

täuferische Gruppen, die hier ab 1520 entstanden

waren und sogar für bestimmte Zeit

Fotos: Heimatpflegeverband Südtirol

die Dimension einer Volksbewegung annahmen.

„Die schwerwiegenden Missstände

in der katholischen Kirche, aber auch die

Verwaltung in Verwaltung und Justiz sowie

die tiefe Sehnsucht nach Heil und Erlösung

trieben viele Menschen in die Arme

der neuen reformatorischen Glaubenslehre.“

3 Landesherr Ferdinand I. verfolgte

die Täufer mit großer Härte, und die zahlreichen

Hinrichtungen zwangen die Täufergemeinde

in den Untergrund.

1528 wurde Bartlme Dill Riemenschneider

gemeinsam mit seiner Ehefrau Katharina

Wolff verhaftet, zum Widerruf gezwungen

und dann begnadigt. Riemenschneider

wurde aber in den darauffolgenden Jahren

„rückfällig“ und riskierte in Bozen sogar

die Todesstrafe. Er kam schließlich davon,

sodass man annehmen kann, dass

höchste kirchliche Kreise (Fürstbischof

Bernhard von Cles) die schützende Hand

über ihn gehalten hatten.


KulturFenster

5 03/Juni 2021


erforscht

Das Bildprogramm

Das 1547 geschaffene Bildprogramm mit

den elf Fresken und den 13 Figuren im

Loggia-Dachgeschoss, das dem adeligen

Besitzer und dessen Freunden ein geselliges

Zusammensein in einer besonderen

Atmosphäre bot, orientiert sich gänzlich an

der griechischen und römischen Antike:

Es werden die Gottheiten Ianus, Phoebus

Apollo, Pan, Venus (als Venus Cytherea in

Begleitung des blinden Amor) und die Zauberin

Kirke dargestellt. Ebenso sieht man

die vier Musen Erato, Kalliope, Urania und

Terpsichore als Einzelfiguren und den römischen

Dichter Vergil neben Madina sowie

König Midas neben dem schweinsköpfigen

Gryllus als Paare.

Diese Figuren „dienten sehr wahrscheinlich

der Verschlüsselung einer Botschaft, die

wegen ihrer Brisanz und Subversivität nicht

offen und direkt ausgesprochen bzw. dargestellt

werden konnte. Die mythologische

bzw. allegorische Codierung eröffnete dem

Künstler die Möglichkeit, das Unaussprechliche

und Unsagbare zu verhüllen und damit

die eigentliche Bildaussage allein einem

sehr kleinen Kreis Eingeweihter lesbar und

verständlich zu machen.“ 4 Strobl geht davon

aus, dass Riemenschneider damit der

Nachwelt eine geistige Hinterlassenschaft

über prägende Momente seines täuferischen

Lebens hinterlassen wollte, und belegt das

auch sehr genau (siehe Beschreibungen).

Die Laute spielende Muse Kalliope

Hans Langenmantel als bekennender Täufer?

Hans Langenmantel, Angehöriger eines ursprünglich aus Augsburg stammenden Adelsgeschlechts, das sich

im frühen 15. Jahrhundert auch in Tramin niedergelassen hatte, verfügte hier über Land- und Gutsbesitz und

ließ seinen Traminer Ansitz um 1545 umbauen und restaurieren. In diesem Zusammenhang engagierte er

auch Bartlme Dill Riemenschneider, der seinem Auftraggeber 1546 einen Fayence-Ofen mit der Geschichte

von Jason und Medea dekorierte. Bei dieser Gelegenheit dürfte auch die Idee zur Gestaltung des obersten

Geschosses mit dem Freskenzyklus geboren worden sein.

„Sehr wahrscheinlich entstand der kirchen- und obrigkeitskritische Freskenzyklus nicht ohne das Wissen und

Einverständnis des Auftraggebers“ 11 , so Autor Strobl und mutmaßt, dass die begüterten Traminer Langenmantel,

die „nicht durch besondere äußere Frömmigkeit und Akte der Werkheiligkeit“ 12 aufgefallen seien, „selbst

dem Täufertum anhing oder mit dem täuferischen Bekenntnis zumindest in hohem Maße sympathisierte“. 13

KulturFenster

6 03/Juni 2021


Heimatpege

Zweigesichtiger Ianus

Dem altrömischen Gott der Anfänge, Aus-,

Ein- und Durchgänge, kommt in der Trinkstube

eine besondere Bedeutung zu, hervorgehoben

durch die zentrale Stelle an

der Südseite des Raumes, durch die nur

hier verwendete grüne Farbe und den Löwenkopf

und durch die gekonnt in den Bildinhalt

integrierte Jahreszahl „15 – 47“,

die den gesamten Freskenzyklus datiert.

Strobl deutet den zweigesichtigen Janus

als doppeltes Selbstporträt des Künstlers,

der sich linksseitig als efeubekränzter und

an Gott Dionysos erinnernder Jüngling mit

einer Traube in der Rechten im Alter von

15 Jahren und rechtsseitig als gereifter

bärtiger Mann mit stechendem Blick und

mit Trinkbecher in der Linken im Alter von

47 Jahren darstellt.

In übertragener Bedeutung steht Ianus

auch für die Ambivalenz, und so erzählt

Riemenschneiders Figur „in komprimierter

Form von einem Künstlerleben, von der

Entwicklung und Reifung eines unerfahrenen

Jünglings zu einem abgeklärten und

scharfblickenden Mann. Sie erzählt aber

auch von dem Leben eines Künstlers im

Widerspruch, von einem Leben mit zwei

Gesichtern, einem offen-öffentlichen, angepassten,

systemkonformen und einem

verborgen-getarnten, subversiven und rebellierenden.

Von einem Künstler, der sich

aufgrund seiner religiösen Überzeugung

zeitlebens genötigt sah, das eine zu denken,

das andere zu sagen und die daraus

resultierende Spannung zu ertragen.“ 5

Vergil und Madina

„Madina“ und „Virgillius Mago“

Dieses anscheinend nicht ganz in den

Freskenzyklus passende Bild – alle anderen

Fresken nehmen auf die die griechische

Mythologie Bezug – verweist auf

die seit dem 13. Jahrhundert weit verbreitete

Vergil-Legende. Demnach hat sich

der römische Dichter Vergil in die Tochter

eines Kaisers verliebt – bei Riemenschneider

heißt sie Madina. Er rächte sich dann,

von ihr schmählich öffentlich bloßgestellt,

kraft seiner zauberischen Fähigkeiten, indem

er in Rom sämtliche Feuer zum Erlöschen

brachte und sich daher alle Römer

an die Kaisertochter wenden mussten, um

sich das Feuer mit einer Kerze in ihrem

Schoß neu zu entzünden.

Die Decodierung dieses Bildes durch

den Autor Strobl besagt, dass die gänzlich

nackt dargestellte schamlose Madina

als „Hure Babylon“ die Kirche verkörpert

und Vergil den Künstler Riemenschneider,

der an dieser gerechte Rache nimmt. Riemenschneider

hat, wie viele andere Wiedertäufer

auch, am eigenen Leib erfahren

müssen, was es heißt, verfolgt, verhört, öffentlich

vorgeführt zu werden und seinen

religiösen Überzeugungen abschwören

zu müssen. Am Ende aber, so Riemenschneider,

siegt der Künstler, der geistbegabte

Mensch über brachiale Gewalt und

dumpfe Einfältigkeit.

Midas und Gryllus, Apollo

und Pan

Mit König Midas aus der griechischen Mythologie

ist auch die Brücke zu Apollo und

Pan geschlagen. Midas, dem aufgrund

seines verhängnisvollen Wunsches alles,

was er berührte, zu Gold wurde, trennte

sich nach dem befreienden Bad im Fluss

Paktolos von all seinen Reichtümern und

schloss sich dem Hirtengott Pan an. Als

Richter in einem Musikerstreit zwischen

Apollon und Pan sprach Midas seinem

„Midas“ und „Grillus“

KulturFenster

7 03/Juni 2021


erforscht

Die Muse Erato mit Flöte und Trommel Die Zauberin Kirke Gott Pan: halb Mensch, halb Ziege mit Dudelsack

Herrn Pan den Siegespreis zu, was Apollon

schwer kränkte und dazu veranlasste,

Midas Eselsohren wachsen zu lassen.

Der in den Traminer Fresken neben dem

mit Eselsohren ausgestatteten Midas dargestellte

eberköpfige Gryllus ist laut Sage

ein Gefährte des Odysseus, der nach seiner

Umwandlung in ein Schwein durch

die Zauberin Kirke seine in Aussicht gestellte

Rückverwandlung ablehnte und

seine tierische Existenz beibehalten wollte.

Strobl interpretiert diese Figuren so, dass

Riemenschneider mit König Midas den

Tiroler Landesfürsten Ferdinand I. in all

seiner Maßlosigkeit, Geldgier, Torheit und

mit seinem fehlenden Kunstsinn darstellen

wollte. Der ihm zur Seite gestellte

Gryllus mit dem Zylinder als Abzeichen

eines höheren Standes lässt auf Ratgeber

des Landesfürsten, speziell auf den

in Tirol so verhassten leitenden Finanzbeamten

Gabriel Salamanca, schließen.

Die täuferische Kritik an den weltlichen

Machtinstitutionen und an der fehlenden

Trennung zwischen Kirche und Staat lässt

sich laut Strobl anhand dieses Freskos

belegen.

Die Zauberin Kirke

Laut griechischer Mythologie ist sie diejenige,

die durch einen Zaubertrank die

Gefährten des Odysseus in Schweine verwandelt

hatte und Odysseus an sich binden

wollte. Die Riemenschneider Kirke ist

als schöne junge Frau mit wallenden Haaren

dargestellt, die in ihrer Rechten einen

großen goldenen Trinkbecher hält und mit

der Linken mit einem langstieligen gefiederten

Löffel in einem Topf rührt, dem eine

Kröte und ein Maulwurf entspringen. „Man

kann davon ausgehen, dass Riemenschneider

mit der Darstellung Kirkes in chiffrierter

Form auf die römische Kirche anspielen

wollte“ und „die eigenwillige Namensgebung

CIRES“ dürfte laut Strobl eine weitere

„Verschleierungsstrategie“ sein. 6 Der

Autor geht auf die symbolträchtige kulturhistorische

Bedeutung der Kröte als Verkörperung

des Bösen, Sündhaften und

Häretischen ein: Die vom wahren Glauben

abgefallenen Kirche („Kirke“-„Kirche“)

verbreitet falsche, die Seele schädigende

Lehren, bringt die Menschen um den Verstand

und macht sie zu willigen Helfern

eines repressiven Systems.

Die Trinkbecher in den

Händen von Kirke und Ianus

Wolfgang Strobl richtet noch gesondert den

Blick auf zwei in den Fresken dargestellte

Trinkgefäße: Kirke stellt einen großen goldenen

Becher ostentativ zur Schau, was

auch auf die täuferische Kritik an dem

zur Schau getragenen Prunk der Kirche

und an der Verbreitung der bösen Tranks,

also der falschen Lehren durch die Kirche,

schließen lässt. Ianus hält einen kleineren,

einfachen, allein mit einem schmalen

Goldrand verzierten und mit gutem Wein

gefüllten Becher. Das am Tisch liegende

Brot und die Traube in der Rechten machen

die Anspielung auf das Abendmahl

noch evidenter: Die Täufer glaubten zwar

nicht an die reale Präsenz Christi in Form

von Fleisch und Blut, waren aber überzeugt,

dass das Abendmahl als gemeinsames

Gedächtnismahl in Form von Wein

und Brot für alle in Christus Getauften seinen

Ausdruck finden soll.

Strobl deutet den runden Tisch, an dem

sich Ianus befindet, auf die Gleichberechtigung

aller am Mahle Beteiligten, denn

die Täufer unterscheiden nicht zwischen

Priestern und Laien. Durch einen weiteren

ikonografischen Vergleich an zwei anderen

Selbstporträts Riemenschneiders leitet

Strobl für den Traminer Ianus ab, dass

„sich Riemenschneider in der zentral positionierten

Ianus-Figur auch als täuferischer

,Priester' und Gemeindevorsteher

darstellen wollte“. 7

Einige ikonograsche

Notizen

Das Porträt – und als Sonderformen das

Selbst- und Kryptoporträt – erlebte in der

Renaissance eine Blütezeit. Strobl stellt

Hinweise zur Selbstportätierung Riemenschneiders

in anderen Werken und zu an-

KulturFenster

8 03/Juni 2021


Heimatpege

Die Muse Terpsichore mit Orgelpositiv

Gesangsbuch in der Hand des Gottes Apollo mit Text „O, alle foll alle//foll//Kannen leer-Kannen leer“

deren künstlerischen Ianus-Darstellungen

her, an denen sich Riemenschneider inspiriert

haben dürfte.

„O, alle foll alle// foll// Kannen leer-Kannen

leer“ kann man nebst einer Notation

im Gesangsbuch, das der Traminer Apollon

aufgeschlagen in seiner Linken hält,

ablesen – ein im 16. Jahrhundert weit

verbreitetes Trinklied, wie Strobl beweist.

Den Musikinstrumenten als Attributen

der Musen und Götter kommt auch symbolhafte

Bedeutung zu. Apollo spielt die

klassische Doppelflöte, eine Harfe ist im

Hintergrund zu erkennen. Pan bläst den

Dudelsack, Erato spielt die Flöte und zugleich

die Handtrommel, Kalliope die Laute,

Urania die Posaune und Terpsichore das

Orgelpositiv. Da die vier Musen nicht mit

den ihnen gewöhnlich zugeschriebenen

Instrumenten ausgestattet sind, nimmt

Strobl an, dass der Zuteilung eine „codierte

Bedeutung“ 8 zugrunde liegt und belegt

diese durch ikonografische Verweise

sowie durch den Hinweis auf die Teilung

des Raumes in eine profan dominierte,

positiv konnotierte und in eine mehr sakral

bestimmte negativ geprägte Sphäre.

Zur Komposition und

Anordnung der Bilder

„Der Blick auf die Anordnung der Fresken

suggeriert, dass Riemenschneider

den an sich profanen Raum einer vermeintlichen

,Trinkstube' wie einen Sakralraum

gestaltet, indem er Ianus in den Mittelpunkt

rückt und zu seiner Rechten die

lebensspendenden, zu seiner Linken die

lebensbedrohenden Mächte darstellt.“ 9

Es dürfte sich laut Strobl bei der Traminer

„Trinkstube“ um ein „geschickt und

raffiniert getarntes Konventikel, also einen

Versammlungs- bzw. Kultraum einer

Täufergemeinschaft gehandelt haben“. 10

Claudia Plaikner

1

Strobl Wolfgang, „Ianus Bifrons“ – Ein Künstlerleben

in Widerspruch und Einheit, Sonderdruck aus:

Zeitschrift für bayerischen Landesgeschichte 2019,

Bd. 82, [Heft 2], S. 381

2

Strobl, „Ianus Bifrons“, S. 385f.

3

Strobl, „Ianus Bifrons“, S. 393

4

Strobl, „Ianus Bifrons“, S 394

5

Strobl, „Ianus Bifrons“, S.398f.

6

Strobl, „Ianus Bifrons“, S. 404

7

Strobl, „Ianus Bifrons“, S. 411

8

Strobl, „Ianus bifrons“, S. 426

9

Strobl, „Ianus Bifrons, S.430 f.

10

Strobl, „Ianus Bifrons, S. 433

11

Strobl, „Ianus Bifrons“, S. 416

12

Strobl, „Ianus Bifrons”, S. 417

13

Ebenda

Aus der Redaktion

Ihre Beiträge (Texte und Bilder) für die Heimatpflegeseiten

senden Sie bitte an: florian@hpv.bz.it

Für etwaige Vorschläge und Fragen erreichen Sie uns unter

folgender Nummer: +39 0471 973 693 (Heimatpflegeverband)

Redaktionsschluss für

die nächste Ausgabe des

KulturFensters ist

Donnerstag, 15. Juli 2021

KulturFenster

9 03/Juni 2021


informiert & reektiert

Nicht nur Beruf, sondern Berufung

Josef Oberhofer geht nach 30 Jahren Tätigkeit im

Heimatpflegeverband in Pension

Er hat einige Landesobleute, viele Vorstandsmitglieder,

Sachbearbeiter, Fachberater,

Bezirks- und Vereinsobleute im

Heimatpflegeverband kommen und gehen

gesehen: Der gebürtige Traminer Josef

Oberhofer hat 30 Jahre lang vom vierten

Stock des Waltherhauses in Bozen aus

die Geschäftsführung des Heimatpflegeverbandes

innegehabt. Nun tritt er in den

wohlverdienten Ruhestand.

Es scheint so, als ob Tramin geradezu

prädestiniert sei, um wichtige Akteure

für die Heimatpflege in Tirol hervorzubringen,

war es doch auch ein Traminer,

Kunibert Zimmeter, der im Jahr 1908 den

ersten Heimatpflegeverein Tirols gegründet

hat. Josef Oberhofer hat am 8. November

1990 unter der Obmannschaft

von Ludwig Walther Regele die Geschäftsführung

übernommen. Jetzt, wenn er am

30. Juni 2021 in den Ruhestand tritt, ist

es ein Wahltraminer, Florian Trojer, der

seine Agenden übernimmt.

In diesen drei Dezennien hat Josef Oberhofer

ganz wesentlich die Geschichte und

Geschicke des HPV mitgeprägt. Er war für

die allermeisten Heimatpfleger*innen im

Land die Ansprechperson schlechthin.

Abgesehen von der vielen täglichen bürokratischen

Arbeit, der Mitgliederbetreuung,

der Kontaktpflege mit den verschiedenen

Ämtern hat Josef auch inhaltlich Akzente

gesetzt. Dadurch dass er diesen Beruf nie

nur als Brotberuf angesehen hat, sondern

für den Verband „brannte“ und von den

Zielsetzungen begeistert war, hat er vieles

mitgestaltet. Er war und ist Garant für Qualität,

Kontinuität und Innovation gleichermaßen.

Einige seiner maßgeblichen Aktivitäten

sind nebenstehend aufgelistet.

Der Netzwerker Josef Oberhofer war in

den vergangenen Jahren bei vielen Veranstaltungen

von „Bund Heimat und Umwelt/Bonn“

in Berlin, Aschaffenburg, Freiburg,

Bonn und Leipzig als Referent tätig.

Auch die Aufnahme des HPV als Mitglied

im Landschaftsschutznetzwerk Civilscape

(2011) und in das europäische Verzeichnis

der „Landschaftsobservatorien“ (2012)

sowie die Gründung des „Netzwerk Kulturerbe“

(2019) ist unter maßgeblichem

Einsatz des weitsichtigen Geschäftsführers

gelungen.

Josef Oberhofer hat auch die Ausbildung

zum „kommunalen Klimaschutzbeauftragten“

durchlaufen.

Viele festliche Höhepunkte wurden auch

aufgrund der umsichtigen und professionellen

Vorbereitung und Durchführung

durch den Verbandsgeschäftsführer

zu bleibenden Erlebnissen, etwa die

Heimatpflegefeste auf Schloss Prösels

(1995, 2005, 2015), die Heimatpreisverleihungen

(1992, 1994, 2000, 2008) sowie

die Feiern anlässlich „90 Jahre Heimatschutz

in Tirol“ 1998 in Tramin, „50

Jahre Landesverband für Heimatpflege in

Südtirol“ 1998 auf Schloss Sigmundskron,

„100 Jahre Heimatschutz in Tirol“ 2008

auf Schloss Tirol und „70 Jahre Heimatpflege“

2019 in Matschatsch.



Josef Oberhofer war und ist Garant

für Qualität, Kontinuität und Innovation

gleichermaßen.

Claudia Plaikner

Und wo wurden alle diese Tätigkeiten

geplant? An einem geordneten Schreibtisch

im Büro des HPV, der ein Musterbeispiel

für alles im Blick haltendes Arbeiten

war. Die Buchhaltung und generell

die Finanzen verwaltete Josef mit großer

Sorgfalt. Er verstand es immer, den Verband

möglichst unbeschadet durch alle

Untiefen der finanziellen und personellen

Herausforderungen zu führen. Mit seiner

Freundlichkeit, seinem Charme und seiner

entwaffnenden Ehrlichkeit erreichte

er vieles. Josef konnte aber auch durchaus

leidenschaftlich sein: Wenn evidente

Gemeinsamer Einsatz für

den Schutz des Natur- und

Kulturerbes: Karl Obwegs

(langjähriger Heimatpflege-

Ortsbeauftragter des Gadertales),

Ehrenobmann Peter

Ortner (damals noch Obmann),

die jetzige Obfrau

Claudia Plaikner und Josef

Oberhofer (v. l.).

KulturFenster

10 03/Juni 2021


Heimatpege

Schieflagen in Gesellschaft und Politik aufzuzeigen

waren, so argumentierte er mit

Verstand und auch viel Impetus.

Großes Verantwortungsbewusstsein zeigte

Josef auch bei den Übergängen des Verbandes

in neue Phasen. Ich kenne Josef

seit 1996, als ich in den Vorstand des

HPV gewählt wurde. Seit 2008 war ich

Obmannstellvertreterin von Peter Ortner,

und 2017 haben mich die Südtiroler

Heimatpfleger*innen zu ihrer Obfrau gewählt.

Zu wissen, dass ich auf die absolute

Loyalität des Geschäftsführers Oberhofer

setzen kann, und ermutigt durch

seinen Zuspruch konnte ich dieses Amt

beruhigt annehmen. Ich habe ganz viel

von dem, was die Entwicklung des Verbandes

und die Tätigkeit des Verbandsgeschäftsführers

anbelangt, hautnah miterlebt

und viel gelernt – auch von Josef.

Ich danke dir, lieber Josef, für deinen unermüdlichen

Einsatz zum Wohle unserer

Heimat und unseres Verbandes und ich

wünsche dir viele erlebnisreiche, glückliche

und etwas ruhigere Jahre! Als Heimatpfleger

aus Berufung wirst du uns sicherlich

auch weiterhin verbunden bleiben.

Claudia Plaikner, Verbandsobfrau

Maßgebliche Aktivitäten

➤ 1990 gründete Josef Oberhofer mit einigen Persönlichkeiten aus Politik und

Wirtschaft das Komitee gegen den Ausbau des Bozner Flughafens.

➤ Richtungsweisend war die Betreuung der bäuerlichen Kleindenkmäler, wobei

er die bis heute geltenden Richtlinien für die Vergabe von Beiträgen im Bereich

der Landschaftspflege ausarbeitete. Ganz besonders setzte er sich hierbei für

die Erhaltung der inzwischen rar gewordenen Strohdächer ein.

➤ Josef Oberhofer organisierte zwischen 1991 und 2012 zehn Naturschutzwochen

für Heimatpfleger*innen und Lehrpersonen.

➤ Das Ehrengrab von Max Valier am Münchner Westfriedhof wird auf Initiative

von Josef Oberhofer seit 30 Jahren vom Heimatpflegeverband Südtirol gepflegt.

➤ Gemeinsam mit dem damaligen Obmann Peter Ortner gelang ihm 1997 die

Einführung des Ensembleschutzgesetzes, und er organisierte mehrere internationale

Tagungen zum Thema Ensembleschutz (1993, 2003).

➤ Auch die Einrichtung des Landschaftsfonds wurde auf seine und Peter Ortners

Initiative hin umgesetzt.

➤ Er betätigte sich beratend als Mitglied der I. Landeskommission für Landschaftsschutz,

des UVP-Beirates und des Landschaftsfonds.

➤ Josef Oberhofer betrieb aktiv die Gründung des Welschtiroler Heimatpflegevereines

(2007).

➤ In der Informationsbroschüre „Landschaftspflege in Südtirol“ (1994), in der

Festschrift anlässlich der 100-Jahr-Feier auf Schloss Tirol (2008) und beim

Drehbuch für den Film H€IMAT (2003) trat Josef als Co-Autor in Erscheinung.

➤ Im Tiroler Gedenkjahr 2009 konzipierte er für die Jugend das Online-Gewinnspiel

„syndrome09“.

Die Kulturlandschaft liegt ihm am Herzen:

Von Hans Rottensteiner übernahm

Josef Oberhofer die Initiativen

zur „Rettung“ der letzten Strohdächer

Südtirols.

Für das überdimensionierte Fahrsicherheitszentrum in Pfatten musste eine der letzten Auen

in Südtirol weichen. Josef Oberhofer wollte das Ausmaß der Zerstörung im Bild festhalten,

organisierte sich einen Rundflug über das Gelände und machte eine Luftaufnahme.

KulturFenster

11 03/Juni 2021


informiert & reektiert

„Wir sind am Puls der Zeit“

Josef Oberhofer über Flughafenproteste und Bremstests,

den Klimaschutz und die Zukunft des HPV

Er liebt und lebt seinen Beruf. Gerade deswegen

will der Geschäftsführer des Heimatpflegeverbandes

Südtirol seine Verantwortung

nun „in jüngere Hände legen“,

wie er es ausdrückt. Warum das so ist, mit

welchem Blick auf die Vergangenheit und

die Zukunft er Ende Juni in Pension geht

und was er als „Rentner“ vorhat, das erzählt

Josef Oberhofer im Interview.

KulturFenster: Mit welchen Gedanken und

Gefühlen räumen Sie am 30. Juni Ihren

Schreibtisch?

Josef Oberhofer: Mit dem guten Gefühl,

den Verband in seinen Anliegen und Interessen

ein Stück weit vorangebracht

zu haben. Auch gehe ich mit dem beruhigenden

Wissen, dass ich genügend

Zeit hatte, meine Nachfolge vorzubereiten.

Allerdings begleitet mich auch der

beunruhigende Gedanke in die Rente,

dass die Heimatpflege in Zukunft einen

noch schwierigeren Stand haben könnte

als es bisher schon der Fall war.

KF: Inwiefern?

Oberhofer: Insofern, dass ich in den über

30 Jahren meiner Tätigkeit große Veränderungen

miterlebt habe. Der technische

Fortschritt und ein zunehmender Wohlstand

haben in Wirtschaft und Gesellschaft

zum blinden Glauben geführt, dass alles

machbar sei – losgelöst vom historisch

Gewachsenen. Dieser Prozess, der schleichend

vor sich geht, führt in meinen Augen

immer mehr zu einer Verwilderung

des Geschmacks und geht leider nicht

mit einem tiefgreifenden Diskurs über die

gesellschaftliche und landschaftliche

Entwicklung unserer Heimat einher.

Vielen Menschen ist das Gespür

für das richtige Maß verlorengegangen.

Um es mit den Worten

von Silvius Magnago zu sagen:

„Zuviel Wohlstand tut den Leuten

nicht gut und führt zu einer geistigen

Verfettung.“ Diesem

gefährlichen Prozess Einhalt

zu gebieten, wird

noch eine große Herausforderung.

KF: Apropos Herausforderung. Dieser haben

Sie sich gestellt, als Sie 1990 einen

damals nicht ganz harmonischen Verband

übernommen haben. Wie kam es dazu?

Oberhofer: Ich habe mich nach meinem

Studienaufenthalt in Venedig und nach

einigen Arbeitserfahrungen im In- und

Ausland auf eine Stellenanzeige in der

Zeitung – „Geschäftsführer für Heimatpflegeverband

Südtirol gesucht“ – beworben,

weil mich das Anforderungsprofil sehr

angesprochen hat. Außer mir bewarben

sich noch einige, zum Teil

recht prominente Südtiroler,

die weit mehr

Einblick in die Materie

hatten …


Der technische Fortschritt und ein zunehmender

Wohlstand haben in Wirtschaft

und Gesellschaft zum blinden

Glauben geführt, dass alles machbar

sei – losgelöst vom historisch Ge-


wachsenen.

Josef Oberhofer

Foto: Florian Trojer

KulturFenster

12 03/Juni 2021


Heimatpege

KF: … aber man entschied sich für Sie.

Oberhofer: Ja, der damalige Vorstand entschied

sich vermutlich wohl bewusst für

einen Quereinsteiger, der den Verband –

abseits von persönlichen Interessen – sowohl

nach innen als auch nach außen wieder

ins Lot bringt.

KF: Ist Ihnen das gelungen?

Oberhofer: Ich denke schon. Ich habe von

Beginn an versucht, über jegliche Konflikte

hinweg die Ziele des Verbandes in den

Mittelpunkt zu stellen. Schon eine Woche

nach meinem Arbeitsbeginn habe ich zusammen

mit einigen namhaften Persönlichkeiten

das Komitee gegen den Ausbau

des Bozner Flughafens gegründet. Nach

und nach kamen viele neue Themen aufs

Tapet. Ich wuchs mit den Aufgaben, und

damit wuchs auch meine Begeisterung für

die Heimatpflege.

Bei der letzten Naturschutzwoche 2012 verabschiedet sich Josef Oberhofer von Prof. Franz

Wolkinger aus Graz, der seit 1970 alle Naturschutzwochen geleitet hatte.

KF: Welche Aktionen oder Themen des

Heimatpflegeverbandes werden Ihnen in

besonderer Erinnerung bleiben?

Oberhofer: In Erinnerung bleiben naturgemäß

Themen, die immer wiederkehren.

Der Flughafen begleitet mich, wie gesagt,

seit den ersten Arbeitstagen. Wegweisend

war für mich auch der Ensembleschutz,

der 1997 unter Obmann Peter Ortner in

einem Gesetz festgelegt wurde und für

den Heimatpflegeverband nach wie vor

Anlass ist, ihn mit viel mehr Konsequenz

und Ernsthaftigkeit einzufordern und umzusetzen.

Ebenso werde ich mich an die

vielen Bauern erinnern, für die ich zur Erhaltung

von bäuerlichen Kleindenkmälern,

Holzzäunen sowie Stroh- und Schindeldächern

jährlich eine finanzielle Unterstützung

seitens der Landesregierung erwirken

konnte. Die vielen Anträge, mit denen

ich mich als Mitglied der I. Landschaftsschutzkommission

und des Landesumweltbeirat

beschäftigt habe, wie die Skigebietserweiterungen

und der Druck seitens der

Wirtschaft, des Tourismus und der Landwirtschaft,

sich immer mehr unberührte

Landschaft zu eigen zu machen, gehören

ebenso dazu. Meine ständige Aufmerksamkeit

erfordert hat zudem der bedenkenlose

und von unseren gewählten Politikern

vielfach geduldete – wenn nicht gar

lobbygesteuerte – Umgang mit unserem

materiellen und immateriellen Kulturerbe.

In Erinnerung bleiben auch kleinere Projekte,

wie etwa der vom damaligen Landeshauptmann

partout gewollte Bergzoo

in Tisens, gegen den wir uns erfolgreich

gewehrt haben, oder das Biotop Krebsbach

in Lana, welches wir im Einvernehmen

mit den Betreibern eines Golfplatzes

erhalten konnten. Leider war unser Einsatz

nicht immer von Erfolg gekrönt. Ich

denke an die Zerstörung zahlreicher kleiner

und größerer Naturschönheiten und

an den Bau des völlig überflüssigen und

viel zu großen Fahrsicherheitszentrums in

Pfatten, dem eine der letzten Auen in Südtirol

weichen musste. Es gäbe noch unzählige

Beispiele.

KF: Bleiben wir beim Positiven. Was hat

Ihnen bei Ihrer Arbeit besondere Freude

bereitet?

Oberhofer: Ich bin vor allem in den ersten

Jahren häufig zu den Menschen hinausgegangen,

habe versucht, sie für das kulturelle

Erbe, das sie besitzen, zu sensibilisieren,

habe sie beraten und ihnen

Unterstützung durch den Verband angeboten.

Dieser Kontakt war sehr bereichernd

für mich. Mit den Jahren hat sich die Arbeit

leider immer mehr ins Büro verlagert.

Auch draußen auf den Höfen ist mehr Hektik

eingekehrt. Es bleibt keine Zeit mehr

für den „Ratscher“ danach, der oft ganz

wichtig ist. Aber zurück zum Positiven: Viel

Freude haben mir auch die Naturschutzwochen

bereitet, die ich von 1991 bis 2012

organisiert habe, um vor allem die Lehrpersonen

als Multiplikatoren in den Schulen

für den Schutz unseres Natur- und Kulturerbes

zu gewinnen.

KF: Eine dieser Naturschutzwochen war ein

ungewöhnliches Erlebnis, wie der Blick ins

Heimatpflegearchiv zutage gebracht hat …

Oberhofer: Stimmt. Das war 2004 in Stilfs.

Auf der Suche nach einer geeigneten Unterkunft

für die rund 60 Teilnehmer des

Lehrganges bin ich dahintergekommen,


Ich gehe in Pension, weil ich überzeugt

davon bin, dass der Verband


in jüngere Hände gehört.

Josef Oberhofer

KulturFenster

13 03/Juni 2021


informiert & reektiert


Meine ständige Aufmerksamkeit erfordert

hat der bedenkenlose und von

unseren gewählten Politikern vielfach

geduldete – wenn nicht gar lobbygesteuerte

– Umgang mit unserem materiellen

und immateriellen


Kulturerbe.

Josef Oberhofer

dass die meisten Hotels genau in dieser

Woche, in der wir den Lehrgang abhalten

wollten, ausgebucht waren, weil der Autohersteller

BMW in dieser Zeit auf der Stilfser-Joch-Straße

Bremstests für die Fahrzeuge

durchführen wollte. Bremstests

mitten im Nationalpark! Ich musste diesen

Naturfrevel verhindern, habe die Verantwortlichen

in Bayern angeschrieben

und bin mit dieser Geschichte an sämtliche

Medien im In- und Ausland gegangen.

BMW stellte die Tests daraufhin ein,

aber die betroffenen Hoteliers im Vinschgau

sahen sich um ihr Geschäft gebracht

und traten mit einer Sammelklage gegen

den Verband auf den Plan. Diese Reaktion

hat mich sehr belastet. Der Fall wurde

zum Glück eingestellt, weil ich mich für

die Gesundheit aller eingesetzt und in

sämtlichen Stellungnahmen ausschließlich

auf den Schutz der Natur und Umwelt

gepocht hatte.

KF: Sie haben im Verband zahlreiche Obleute

und Vorstandsmitglieder kommen

und gehen gesehen. Wie sehr haben diese

Wechsel die Ausrichtung des Verbandes

beeinflusst, und welche Rolle haben Sie

als Geschäftsführer da gespielt?

Oberhofer: Natürlich sind es der Vorstand

und der Obmann bzw. die Obfrau, die die

Richtung vorgeben und Themen einbringen.

Da waren dann auch die Schwerpunkte

manchmal unterschiedlich. Als

Geschäftsführer hatte ich die Aufgabe,

gemeinsam mit dem Vorstand Strategien

auszuarbeiten und diese dann gewissenhaft

umzusetzen. Dass ich dem Verband

auch meinen Stempel aufgedrückt habe,

ist der Tatsache geschuldet, dass ich täglich

mit den aktuellen Themen konfrontiert

war und viele auch ganz persönlich

als wichtig empfand. Die Arbeit war für

mich ja nicht nur Job, sondern ich habe

den Beruf gelebt.

KF: Sich auf unterschiedliche Obleute und

Vorstände einzustellen, dürfte nicht immer

leicht sein …

Oberhofer: Für mich war das nie ein Problem,

denn das Wichtigste in der Zusammenarbeit

ist das gegenseitige Vertrauen.

Ich habe die Meinungen der Vorstandsmitglieder

immer ernstgenommen und

gewissenhaft gearbeitet. Das hat im Gegenzug

auch mir Vertrauen eingebracht.

KF: Glauben Sie, dass die Struktur des Heimatpflegeverbandes

noch zeitgemäß ist?

Oberhofer: Ich denke, ja. Der Verband ist

kapillar vertreten und dementsprechend

kann bei wichtigen Angelegenheiten auch

rasch vor Ort reagiert werden. Das Problem

ist eher, dass immer weniger Leute

vor Ort die „Schneid“ aufbringen, sich für

oder gegen etwas im eigenen Dorf einzusetzen,

weil sie Gefahr laufen, abgestraft

und benachteilig zu werden. Es handelt

sich ausschließlich um Ehrenämter, die

weder Geld noch Ruhm einbringen. Mit

dem neuen Raumordnungsgesetz, das

den Gemeindevertretern noch mehr Spielraum

für Entscheidungen gibt, wird sich

dieser Umstand eher weiter verschärfen.

KF: Woran hätten Sie gern noch gearbeitet,

wären Sie nicht bald im Ruhestand?

Oberhofer: Am Thema „Klimaschutz“. Ich

habe vor einigen Jahren eine Ausbildung

zum kommunalen Klimaschutzbeauftragten

absolviert, aber schon bald gespürt,

dass hierzulande in der Bevölkerung noch

sehr wenig Sensibilität für das Thema vorhanden

ist. Es gibt zwar diverse und im

Prinzip gute Initiativen zum Schutz des

Klimas, aber kein großes Netzwerk, das

auch Einfluss auf die Entscheidungen der

Politik hat. Letztendlich überwiegen immer

noch die Interessen der Wirtschaft.

Dem entgegenzuwirken, wäre mir noch

ein großes Anliegen. Aber ich weiß den

Heimatpflegeverband in guten Händen.

Vor allem Obfrau Claudia Plaikner denkt

und arbeitet sehr breitgefächert, ist offen

für Neues und scheut sich auch nicht,

die Position des Heimatpflegeverbandes

klar darzulegen.

KF: Trotz Motivation und Ideen gehen Sie

jetzt in Pension. Warum?

Oberhofer: Weil ich überzeugt davon bin,

dass der Verband in jüngere Hände gehört.

Ich merke seit einiger Zeit, dass die Routine,

die sich naturgemäß eingestellt hat,

manchmal hemmend wirkt. Zwar brenne

ich nach wie vor für meinen Beruf und für

die Themen des Heimatpflegeverbandes,

aber ich spüre, dass mir ein wenig die zeitgemäße

Herangehensweise vor allem an

die neueren Themen, die den Verband

beschäftigen, fehlt. Mein Anliegen ist es

aber, dass der Verband zunehmend jüngere

Menschen anspricht, sie für unsere

Interessen gewinnt. Deshalb finde ich es

wichtig, die Jugend über deren Kanäle anzusprechen

und mitzuziehen.

KF: Ist der Verband „altmodisch“?

Oberhofer: Nein, er ist sogar sehr modern.

Wir sind mit unseren Themen stets

am Puls der Zeit, in einigen Bereichen

manchmal auch der Zeit voraus. Unser

Handicap ist vielleicht, dass im Hinblick

auf die Zerstörung des Natur- und Kulturerbes

die allgemeine Wahrnehmung fehlt

– ähnlich wie beim Klimawandel. Da ist es

immer schwierig, die Menschen zu überzeugen

und mitzunehmen. Wir werden

oft als Neinsager oder Verhinderer abgestempelt,

ohne unsere zukunftsweisende

Haltung zu sehen. Andererseits habe ich

schon öfter erlebt, dass junge Leute begeistert

und aufgeschlossen sind, wenn

sie Einblick in die Verbandsarbeit bekommen.

Daran müssen wir anknüpfen – auf

junge Art und Weise.


Ich bin überzeugt, dass der Verband


in jüngere Hände gehört.

Josef Oberhofer

KF: Werden Sie dem Verband in irgendeiner

Weise treu bleiben?

Oberhofer: Wenn ich um Rat oder Hilfe gefragt

werde, bringe ich mich gerne ein. Ich

werde die Entwicklung des Landes weiterhin

beobachten und mich für die Belange

der Heimatpflege einsetzen.

KF: Und was werden Sie sonst noch im

Ruhestand tun?

Oberhofer: Ich möchte mir noch gerne viele

schöne Flecken dieser wunderbaren Welt

ansehen, und sie auf gemütliche und umweltfreundliche

Art bereisen. Als leidenschaftlicher

Bahnfahrer wird mir das hoffentlich

gelingen.

Interview: Edith Runer

KulturFenster

14 03/Juni 2021


Heimatpege

Espan und Mult

Serie: Flurnamen aus der Agrargeschichte (2)

ObereMultenamLangkreuz.

Das Langkreuz

(Bildmitte oben) ist uralte

Gerichtsgrenze

zwischen Nauders

(Oberland, Oberes

Gericht) und Glurns

(Vinschgau), heute

noch Grenze zwischen

Haid und Burgeis. Die

große Weide ist die

Burgeiser Marein.

aus: Franziszeische

Katastermappe 1858

Nach den in der Ausgabe 2/2021 des „KulturFensters“

besprochenen Namen Egert,

Trate und Zelge, die der mittelalterlichen

Dreifelderwirtschaft zugeordnet werden können,

stellt der Kulturanthropologe Johannes

Ortner in dieser Ausgabe weitere zwei Flurnamen

aus der Agrargeschichte vor.

Espan

Espan ist ein auffallender und häufiger

Flurname landauf landab, der in den verschiedenen

Mundarten Südtirols „Erschpam“,

„Easchpam“, „Eschpann“ u. ä.

lautet. In Unterinn gibt es den Hofnamen

„Erschbaumer“ (Ritten), daneben den Familiennamen

Erschbaumer oder Erschbamer.

In all diese Namenformen wird

oft ein „Baum“, speziell ein „Eschbaum“

(Esche), eingeblendet. Damit hat der Name

aber nichts zu tun.

Espan bezeichnet den freien Platz in einer

Flur, der zur Viehweide genutzt wird,

also eine Art Gemeinweide. Bereits in althochdeutschen

Glossaren ist von espan

compascuum die Rede. 1320 ist der Begriff

als ospan, im 14. und 15. Jahrhundert

als espan oder espaum und in Penser

Weistümern – das sind Gewohnheitsrechte

– des 16. Jahrhunderts als das gmain eschpam

belegt.

Der Name „Espan“ leitet sich von „Esch-

Bann“ ab, das ist der Bann- oder Weidezaun,

der die Viehweide von der Ackerflur

trennte. Ein früheres Wort für die Ackeroder

Saatflur lautete nämlich „Esch“ (zu

althochdeutsch ezzisk „Saat, Anpflanzung,

Flur“). Durch das Eschtor oder Eschtürl

wurde das Vieh auf die Weide getrieben.

Die Bezeichnung für den Zaun hat sich im

Laufe der Zeit auf die Weide ausgedehnt.

Vom „Eschtürl“ nahmen die Familiennamen

Tirler und Dirler ihren Ausgang – diese

wohnten also am Eschtürl.

Beispiele aus Südtirol: Lahna-Easchpånn

in Sexten, Easchpina in Pfunders (Hof),

mehrere Eschpam in Pens, die Weide

Ferschpam in Entholz/Ridnaun (wörtlich

’f Erschpam) und der Graben Erschpam

in Verdins/Schenna.

Mult

Bekannt sind die Multen auf der Malser

Haide, deren Bewirtschaftung einst streng

reglementiert war. Am besten ließe sich

„Multen“ mit „Flurzwang“ übersetzen.

Das Wort Mult stammt aus dem Alpenromanischen

*multa „Zwang, Strafe“.

Der Flurzwang schrieb den Bauern vor,

was in einem bestimmten Flurblock angebaut

werden musste, wann und in welcher

zeitlichen Abfolge die Heumahd

vonstatten zu gehen hatte und wie diese

einzufahren war. Diese Vorschrift war

aufgrund der Anlage der Grundstücke

notwendig, vor allem wegen der Durchfahrtsrechte,

die viel Grund beanspruchten

– teilweise bis zu einem Drittel der

Grundfläche. Eine gemischte Nutzung

als Kornacker, Viehweide und Mahd wäre

von der „Logistik“ her schwierig zu bewältigen

gewesen.

Große Multwälder (Bannwälder) finden

sich am Vinschger Nörderberg, in Kastelbell,

Schlanders oder in Laas. Aber

auch unterhalb von Vellau dehnt sich

ein Multwald aus.

Ein Bannwald ist bekanntlich ein Wald,

dessen Nutzung durch die Allgemeinheit

geregelt war, also das Gegenteil eines Privatwaldes.

Bannwälder boten Schutz vor

Muren und Lawinen.

Johannes Ortner

KulturFenster

15 03/Juni 2021


informiert & reektiert

Dorferneuerung mit

Bürgerbeteiligung

In Tirol unterstützt eine Geschäftsstelle

Gemeinden beim Veränderungsprozess

Beispiel einer Dorferneuerung mit Bürger- und Expertenbeteiligung: das Ortszentrum von Mils bei Hall in Tirol. Fotos: Land Tirol/Abteilung Bodenordnung

Wo in der Gemeinde soll die neue Schule

gebaut werden? Wie setzt man Verkehrsberuhigung

konkret um? Was tun mit dem viel

zu alten Vereinshaus? Im Nachbarland Tirol

können sich Gemeinden an die Geschäftsstelle

für Dorferneuerung des Landes Tirol

wenden. Sie werden beim Entscheidungsprozess,

der mit Bürgerbeteiligung erfolgt,

auch finanziell unterstützt. Ein Interview mit

Nikolaus Juen, dem Leiter der Geschäftsstelle

für Dorferneuerung.

KulturFenster: Wann und warum wurde die

Geschäftsstelle für Dorferneuerung in Tirol

eingerichtet?

Nikolaus Juen: Sie wurde bereits 1986 mit

dem Ziel eingerichtet, Gemeinden in ihren

Veränderungsprozessen zu unterstützen.

Die Zusammenarbeit von Anfang an hat

den Vorteil, dass Bauprojekte oder andere

Vorhaben schon in der Ideenentwicklung

und Planungsphase dahingehend begleitet

werden, dass sie von Bürgern oder potenziellen

Nutzern mitgetragen werden und

dass möglichen Fehlentwicklungen vorgebeugt

wird. Heißt konkret: Es soll verhindert

werden, dass ein Projekt zum Beispiel an

den Kosten oder an mangelnder Umsetzbarkeit

scheitert.


Die Kombination von Bürger und Expertenbeteiligung

ist essenziell, weil

dadurch das Projekt einerseits nutzerfreundlicher

wird, andererseits die


Bereitschaft wächst, es mitzutragen.

Nikolaus Juen

KF: Wer kommt mit welchen Anliegen in Ihre

Geschäftsstelle?

Juen: In der Regel sind es die Gemeinden,

die sich an uns wenden. Es geht

meistens um den Bau oder Umbau von

öffentlichen Einrichtungen – Schulen, Kindergärten,

Friedhöfen, Dorfplätzen, Vereins-

oder Gemeindehäusern. In anderen

Fällen steht die Frage im Raum, was mit

historischer Bausubstanz oder generell alten

Infrastrukturen passieren soll. In kleineren

Gemeinden kann zum Beispiel auch

die Nahversorgung zu einer Herausforderung

werden, da geht es dann um Themen

wie die Direktvermarktung oder die Ansiedelung

eines Supermarktes am Ortsrand.

Wir als Geschäftsstelle werden auch deshalb

zu Rate gezogen, weil die Gemeinden

die Anliegen im Rahmen der Lokalen

Agenda 21 umsetzen.

KulturFenster

16 03/Juni 2021


Heimatpege

KF: Was ist die Lokale Agenda 21?

Juen: Das ist die kommunale Umsetzung

des 1992 beschlossenen UN-Aktionsprogrammes

zur nachhaltigen Entwicklung.

Dieses Programm sieht auf kommunaler

Ebene u. a. eine stärkere Bürgerbeteiligung

vor, mit dem Ziel, eine höhere Lebensqualität

für die Bewohner von Gemeinden

in einem ökologisch vertretbaren

Umfeld zu schaffen.

KF: Können sich somit auch einzelne

Bürger an Sie wenden?

Juen: Es kommen auch Ideen von Bürgern

auf unsere Schreibtische, aber wir

gehen keinen Einzelinteressen oder oppositionellen

Gruppen nach. Unsere Aufgabe

ist es, die Interessen der Gemeindeverwaltungen

und jene der Bürger

zusammenführen.

KF: Wie läuft der Prozess der Dorferneuerung

konkret ab?

Juen: Sehr unterschiedlich. Meistens steigen

wir als Geschäftsstelle für Dorferneuerung

mit einer Gemeindeklausur in den

Prozess ein. Will heißen: Unsere Mitarbeiter

treffen sich mit Gemeindevertretern,

die ihrerseits eventuell bereits einzelne

Experten von außen einladen. Gemeinsam

wird abgesteckt, worum es geht,

in welcher Form man arbeiten möchte,

welche Gruppen es geben soll u. ä.. In

einem zweiten Moment werden Interessensgruppen,

wie beispielsweise Vereinsvertreter

eingeladen. Danach könnte

eine erste Bürgerversammlung stattfinden,

auf der Ideen gesammelt und konkretere

Ziele abgesteckt werden. Bis zum

fertigen Plan dauert es oft mehrere Monate,

selten aber über ein Jahr. Denn es

geht schon darum, eine rasche Umsetzung

herbeizuführen.

KF: Warum ist die Bürger- und Expertenbeteiligung

so wichtig?

Juen: Die Kombination von Bürger und

Expertenbeteiligung ist essenziell, weil

dadurch das Projekt einerseits nutzerfreundlicher

wird, andererseits die Bereitschaft

wächst, es mitzutragen. Für

Zur Person

Nikolaus Juen ist seit 1988 Leiter der Geschäftsstelle

für Dorferneuerung & Lokale Agenda 21

in der Abteilung Bodenordnung des Landes

Tirol. Er ist von Beruf Architekt.

die Umsetzung wichtig ist aber, dass die

Bürger und Experten in ihren Ideen begleitet

werden. Dazu beauftragt die Geschäftsstelle

für Dorferneuerung professionelle

Prozessbegleiter, die Erfahrung

sowohl in der Thematik als auch in der

Moderation haben. Sie haben die Aufgabe,

die verschiedenen Anregungen zu

einer weitgehend gemeinsamen Lösung

zu führen und dabei auch die entsprechende

Gesprächskultur und den Respekt

der Beteiligten zu bewahren. Am

Ende sollte ein von allen gut akzeptiertes

Projekt stehen.

KF: Wer sind die Prozessbegleiter?

Juen: Je nach Aufgabenstellung handelt

es sich um Moderatoren aus verschiedenen

Bereichen. Das können Erwachsenenbildner,

aber auch Fachleute aus

der Wirtschaft sein. Wer sich konkret eignet,

entscheidet die Gemeinde aufgrund

der Vorschläge der Geschäftsstelle. Das

ist dann oft einfach Vertrauenssache.

KF: Das Land Tirol fördert diese Prozessbegleitung

bei der Dorferneuerung. Wie

hoch sind die Förderungen?

Juen: Je nach Finanzkraft der Gemeinde

werden die Kosten, die durch das Hinzuziehen

externer Fachleute entstehen,

zu 50 bis 75 Prozent vom Land Tirol

übernommen.

KF: In Südtirol legen die Gemeinden ihre

Projekte oft wie selbstverständlich in die

Hände der lokalen Planer und Architekten.

Sie plädieren eher für Wettbewerbe.

Warum?

Juen: Es müssen nicht zwangsläufig

Wettbewerbe sein, aber die Erfahrung

zeigt, dass es sich lohnt, für etwas, auf

das man lange hinarbeitet und das viel

kostet, mehrere Ideen und Meinungen

einzuholen, um sich dann für das beste

Projekt zu entscheiden. Die Erfahrung

zeigt jedoch auch, dass Wettbewerbe –

vor allem im Baubereich – kostensparend

sind. Denn sehr oft sind die intelligenten

Projekte auch die kleineren Projekte.

Interview: Edith Runer

Summer

Dr Summer lócht ins iaz ins Lond,

mit an farbign, sunnign Giwond,

a kluager Wind wiag Grous und Klea,

Kinder loun sich treibm in Sea.

Die Baidn fliagn und suachn ummr,

brauchn an stilln, wormen Summr,

ols wos bliahnt schtrebm sie un,

mit gêila Sackler fliagn sie drfun.

Dr wilda Mougn leichtet weit,

in dear hoachn Summerzeit,

und in schpotn Sunnenliacht,

dr Mischtköfr sich verkriacht.

Die Schwolbm treibm in dr Luft,

die Roasnschtaudn verbroatn Duft,

die Grilln mian die Geign schtimmen,

af Nocht heart man sie lauthols singen.

Des isch dr Summer mit oldr Procht,

der ins iaz ins Landl innerlócht,

es tauert nicht nor isch der goldina Summer,

viel zu schnell schun wieder ummer.

Anna Steinacher, Verdings

KulturFenster

17 03/Juni 2021


informiert & reektiert

Wir sollen authentisch bleiben

Landestourismusentwicklungskonzept muss Weichen für

nachhaltige Entwicklung setzen

Prunkbauten wie dieses Hotel stehen für

alles andere als für nachhaltigen Tourismus.

Foto: HPV

Der Tourismusbereich ist von der Coronakrise

auch in Südtirol stark betroffen. Umso

wichtiger ist es, jetzt Maßnahmen zu treffen,

um den Tourismus im Land nach der Krise

nachhaltig und resilient zu gestalten. Genau

das soll mit dem geplanten Landestourismuskonzept

geschehen, betonte Landesrat

Arnold Schuler bei einem Treffen mit dem

Heimatpflegeverband Südtirol.

Seit Jahrzehnten weist der Heimatpflegeverband

darauf hin, dass die wichtigste

Ressource für den Tourismus in Südtirol

die einzigartige und authentische Naturund

Kulturlandschaft ist. Mit dem überhitzten

Ausbau des Tourismussektors und

den bekannten Auswüchsen werden diese

Qualitäten Südtirols sowohl für Einheimische

als auch für Touristen bedroht. „Wir

sollen und müssen authentisch bleiben“,

ist deshalb auch Landesrat Arnold Schuler

überzeugt und plant mit dem neuen

Landestourismusentwicklungskonzept die

Weichen für eine nachhaltigere Entwicklung

zu setzen.

Bettenobergrenze und mehr

Ein wichtiger Schritt ist der geplante Abgleich

zwischen genehmigter Bettenanzahl

und tatsächlichen Übernachtungen und

vor allem auch die Miteinberechnung der

nichtgewerblichen Betten aus Privatzimmern,

Urlaub auf dem Bauernhof und

Airbnb, um einen tatsächlichen Überblick

über die Kapazitäten im Südtiroler Tourismus

zu bekommen. Allzu oft wurden in der

Vergangenheit beispielsweise Gästebetten

als Personalbetten deklariert. Sehr zu begrüßen

ist aus Sicht des Heimatpflegeverbandes

die Abschaffung der Möglichkeit

der quantitativen Erweiterung, während das

Problem der qualitativen Erweiterung aber

bestehen bleibt. Der Heimatpflegeverband

appelliert an die Landesregierung, auch

hier Richtlinien vorzugeben.

Schlupöcher für

Tourismuszonen

Mit dem geplanten Landestourismuskonzept

nicht gelöst werden kann das

Problem der bereits zugewiesenen, aber

noch nicht verbauten Betten und Tourismuszonen.

Die Folge: In den nächsten

Jahren sind mehrere touristische Großbauten

zu erwarten, was den Druck auf

die familiengeführten kleinen und mittelgroßen

Betriebe erhöht. Zwar sehen

die neuen Tourismusleitlinien der Lan-

desregierung die verstärkte Unterstützung

der Klein- und Mittelbetriebe vor.

Dazu muss, so der HPV, allerdings den

großen Tourismusscheinwelten ein Riegel

vorgeschoben werden. Der Heimatpflegeverband

verurteilt auch die noch bestehenden

Schlupflöcher für Tourismuszonen

sowie die oft ungleiche gesetzliche

Behandlung von touristischen Projekten

und Wohnbauprojekten.

Der Heimatpflegeverband betont: Die

Sommer- und Wintersaisonen vor der

Coronakrise haben gezeigt, dass das

Phänomen des „Overtourism“ auch auf

Südtirol zutrifft. Gerade jetzt wäre es

notwendig, die Weichen für eine nachhaltige

Entwicklung zu setzen. Mit den

neuen Tourismusleitlinien hat man eine

gute Grundlage geschaffen. Nun bleibt zu

hoffen, dass die Leitlinien im geplanten

Landestourismuskonzept auch umgesetzt

werden.

Heimatpflegeverband Südtirol

KulturFenster

18 03/Juni 2021


Dinge des Alltags

aus Geschichte und

Gegenwart

Schnapshund und

Schnapsschwein

Man sollte gar nicht meinen,

dass man aus diesem

Schnapsschweinchen

trinken kann.

Der Schnaps galt in der Vergangenheit als

Heilmittel. Damit wurden müde Knochen

eingerieben, wunde Stellen desinfiziert

oder Verdauungsschwierigkeiten kuriert.

Die Liste der Heilmittel, in denen das

hochprozentige Getränk vorkommt,

ist lang. Wohl nicht umsonst wurde

er „Aqua vitae“, Lebenselixier, genannt.

Er galt aber auch als Liebesgabe

und man trank ihn beim Abschluss

eines Vertrages. In Tirol ist

natürlich auch das „Gipfl-Schnapsl“

bekannt.

In Privatsammlungen und in Museen

ist eine Vielzahl an Schnapsflaschen

mit den dazugehörigen Gläsern erhalten

geblieben. Die Schnapsgläser

tragen im Dialekt die Bezeichnungen

Stamperle, Fraggele oder

Pudel. Die Flaschen waren zum Teil

reich verziert mit Trink- oder Liebessprüchen,

wie zum Beispiel „Mein

Herz soll dir allein, bis auf den Tod

verbunden sein“ oder „Wie treu ich

dir, sei du zu mir.“

Bekannt sind die Nabelflaschenaschen aus Waldglas,

die in den Glashütten von Kramsach

entstanden sind. Sie trugen einen Zinnverschluss

und am Bauch eine Einbuchtung,

woher der Name Nabelflaschea

her-

rührt. Daneben sind auch Gefäße erhalten

geblieben, die sich unter der Bezeichnung

„Scherzgefäße“ verbreitet haben. Ab dem

16. Jahrhundert waren sie besonders bei

Der Schnapshund war eines der beliebtesten

Scherzgefäße.

Fotos: Südtiroler Landesmuseum für Volkskunde

den Zünften sehr beliebt. Doch die Anfänge

dieser Gefäßgattungen gehen bereits auf

die Antike zurück, als man sich bei ausgelassenen

Trinkgelagen damit amüsierte.

Die Gefäße konnten die Form eines

Tieres, zum Beispiel eines Hundes,

Schweines oder Affen haben, oder

eines Gegenstandes wie etwa eines

Stiefels. Manchmal hatten sie auch

die Form eines Musikinstrumentes

wie eines Jagdhorns oder einer Trompete.

Zu den beliebtesten Motiven,

die bis in der Mitte des 19. Jahrhunderts

in Gebrauch waren, zählen die

Schnapshunde, die es in verschiedenen

Formen und Farben gab.

Warum ein Scherzgefäß? Die Bezeichnung

ist wohl nicht nur auf die

ungewöhnlichen Formen zurückzuführen.

Es war anscheinend nicht

ganz leicht, aus diesen Gefäßen zu

trinken, ohne sich dabei zu bekleckern,

was zur allgemeinen Belustigung

in fröhlicher Runde beitrug.

Barbara M. Stocker

KulturFenster

19 03/Juni 2021


angegangenen Jahrzehnte für das Tal von

einem rasanten Wandel gekennzeichnet gewesen,

der sowohl die Gesellschaft als auch

das Landschafts- und Siedlungsbild ergriffen

hatte: Wie die Pilze waren Hotels und

Liftanlagen aus dem Boden geschossen.

Verschwunden waren die Getreidefelder,

und dasselbe Schicksal drohte auch den

typischen Grödner Bauernhöfen.

Der große Fortschrittsoptimismus, das Immer-Mehr

auf der einen Seite führte aber

dazu, dass auf der anderen Seite kritische

Gegenstimmen immer lauter wurden. In

diesem Sinne ist es seit Jahrzehnten Aufgabe

der Lia, das reine wirtschaftliche Kalkül,

den „Homo oeconomicus“, der gerade

in Gröden sehr häufig vorkommt, in seine

Schranken zu weisen.

Sicher handelte es sich dabei nicht imhinausgeblickt

50 Jahre Einsatz für

Natur- und Heimatschutz

„Lia per Natura y Usanzes“ feiert Jubiläum – Rückblick auf

eine umfangreiche Tätigkeit

Seit 50 Jahren setzt sich die „Lia per Natura y Usanzes“ ein für den Erhalt der Natur- und Kulturlandschaft, für den Schutz von

Luft, Gewässern und Böden, für Flora und Fauna.

Foto: Walter Perathoner

Seit ihrer Gründung vor 50 Jahren setzt sich

die „Lia per Natura y Usanzes“ (Naturschutzund

Heimatpflegeverein) für den Schutz der

Grödner Natur- und Kulturlandschaft ein. Der

Verein leistete damit auf vielen Fronten Pionierarbeit

– und das zu einer Zeit, als Naturschutz

noch lange nicht zum Bewusstsein

der Allgemeinheit gehörte.

Wahrscheinlich bereits 1969 wurde in

St. Ulrich, auf Initiative von Florian Peter

Schrott (allseits als „Flëur“ bekannt), die

Naturschutzgruppe „Lia per Natura y Usanzes“

gegründet. Ursprünglich handelte es

sich dabei um eine Arbeitsgruppe innerhalb

des Trachten- und Heimatvereines. Dieser

konnte in Gröden bereits auf eine lange Tradition

zurückblicken: Kurz nach 1900 gegründet,

wirkte er bis in die 1920er-Jahre,

als seine Tätigkeit von den faschistischen

Machthabern unterbunden wurde. Nach

seiner Wiedergründung 1949 entfaltete er

rasch eine breitgefächerte Tätigkeit, wobei

sich der Volkstanz und der Naturschutz

immer deutlicher als wichtige Arbeitsbereiche

etablierten. So kam es, dass 1963

zunächst eine eigene Volkstanzgruppe ins

Leben gerufen wurde und schließlich (zwischen

1969 und 1971) der Naturschutzverein

„Lia per Natura y Usanzes“.

Getreidefelder weichen

Hotels

Damals stand Gröden mitten in den Vorbereitungen

zu einem Großereignis, der Ski-

WM 1970. Und überhaupt waren die vo-

KulturFenster

20 03/Juni 2021


Heimatpege


Nicht zuletzt wegen des tatkräftigen

Einsatzes der „Lia“ konnten einige

einzigartige Naturgebiete bis heute


von irreversiblen Eingriffen geschützt

werden.

Engelbert Mauroner

mer um ein einfaches Unterfangen, das

mitunter auch dazu führte, dass die Vereinsmitglieder

als „Ökofaschisten“ beschimpft

wurden. Trotz allem waren und

sind zahlreiche Bemühungen der „Lia“

von Erfolg gekrönt.

Natur vor Eingriffen

bewahrt

Seit mittlerweile 50 Jahren setzt sie sich

für den Erhalt der Natur- und Kulturlandschaft,

für den Schutz von Luft, Gewässern

und Böden, für Flora und Fauna

ein. Nicht zuletzt wegen dieses tatkräftigen

Einsatzes konnten einige einzigartige

Naturgebiete bis heute von irreversiblen

Eingriffen geschützt werden, wie die Almen

von Innerraschötz oder das Gebiet

von „Cunfin“ unterhalb des Langkofels.

Um die sogenannten „Confinböden“, ein

wichtiges Quellgebiet und Rückzugsgebiet

zahlreicher Tiere und Pflanzen, vor Eingriffen

zu schützen, bemüht sich die Lia

bereits seit mehr als zehn Jahren um den

Einschluss von Langkofel und Sellastock

ins UNESCO-Weltnaturerbe.

Den Wintertourismus

im Auge

In den 1990er-Jahren standen hingegen

Initiativen gegen eine neuerliche Ski-WM

1995 bzw. 1997 sowie gegen den Bau einer

Müllverbrennungsanlage in Gröden

ganz oben auf der Vereinsagenda. Außerdem

setzte man sich für den Abbau

von Schneekanonen im Sommer und gegen

den schädlichen Einsatz von Streusalz

zur Räumung der schneebedeckten Straßen

im Winter ein – oder man wies auf die

verschwenderische und unnütze nächtliche

Beleuchtung der Bergstationen hin.

Damit hat der Verein in zahlreichen Anliegen

eine äußerst wertvolle Sensibilisierungsarbeit

geleistet.

Der Vorstand der „Lia per Natura y Usanzes“: Livio Senoner, Inge Perathoner, Präsident

Engelbert Mauroner, Heidi Stufer und Manuela Piazza (v. l.)

Für Klima und Kultur

Informationsabende, Vorträge und Ausstellungen

trugen dazu bei, ein größeres

Bewusstsein in Sachen Umweltschutz

zu schaffen. Man vergesse dabei nicht,

dass gerade der Schutz der Umwelt auf

lokaler Ebene, wenn nicht gar beim „Ich“

beginnt. Wenn nicht ich damit beginne,

Strom, Wasser oder Müll zu sparen – wer

bitte dann? Lange vor der Fridays-for-

Future-Bewegung wurden Klimaschutz

und alternative Energiequellen thematisiert.

Regelmäßig veranstaltete Biomärkte,

Besichtigungen von Höfen mit

naturnaher Landwirtschaft und Kräuterwanderungen

trugen dazu bei, das Bewusstsein

für gesunde Ernährung und

nachhaltige bzw. solidarische Wirtschaftskreisläufe

zu stärken.

Neben ökologischen verfolgte die „Lia“

immer auch historisch-kulturelle Anliegen.

Dank ihres Einsatzes konnten zahlreiche

Bauten von historischer Bedeutung

Die Feier

Foto: Lia per Natura y Usanzes

restauriert und vor dem sicheren Verfall

bewahrt werden (wie die Burgruine Wolkenstein,

die Kalköfen in Pontives oder

die Getreidemühlen von Pufels). Bereits

1985 gab die Lia außerdem eine Karte

der alten Flur-und Wiesennamen von St.

Ulrich heraus, um zu verhindern, dass

diese allmählich aus dem kollektiven Gedächtnis

verschwinden. 2001 folgte die

toponomastische Karte der Seiser Alm.

Einen wertvollen Beitrag zur Grödner Geschichtsforschung

leisteten außerdem die

Publikationen zur „Grödner Bahn“ (zusammengestellt

von der Historikerin Elfriede

Perathoner).

Nicht zu vergessen sind letztendlich die

Lehrfahrten, zu denen Mitglieder und Interessierte

im Herbst eines jeden Jahres

eingeladen wurden. In diesem Sinne bleibt

nur zu hoffen, dass auch die „Reise“ der

„Lia per Natura y Usanzes“ noch eine

recht lange und erfolgreiche sein möge.

Engelbert Mauroner

Obmann „Lia per Natura y Usanzes“

Am 12. Juni und damit nach Redaktionsschluss war die Feier zum 50-Jahr-Jubiläum

der „Lia per Natura y Usanzes“ geplant. Sie fand gemeinsam mit der Vollversammlung

des Heimatpflegeverbandes Südtirol in St. Ulrich in Gröden statt.

Dabei wurde auch eine Festschrift vorgestellt und ein Film gezeigt. Den Bericht

über die Feier lesen Sie in der nächsten Ausgabe des „KulturFensters“.

KulturFenster

21 03/Juni 2021


getragen

Die Bergmannstracht

„Glück auf!“ in festlichem Gewand

Tracht voller Symbolik

Den Verein Bergknappen Silberbergwerk Terlan gibt es seit 2005.

Tirol war im 15. und 16. Jahrhundert das bedeutendste

Erzabbaugebiet Europas, und das

heutige Südtirol spielte dabei eine gewichtige

Rolle. Egal ob in Prettau, am Schneeberg

zwischen Ridnaun und Passeier, in Villanders

oder in Terlan – in all diesen Gebieten

ist man stolz auf seine Bergbau-Vergangenheit

und zeigt das auch durch das Tragen

der typischen Bergmannstracht.

Wirklich eine Tracht?

Im Begriff „Tracht“ steckt das Wort „tragen“.

Die zwei gehören zusammen. Man

bezeichnet damit eine typische Kleidung,

die von einer bestimmten Gruppe in einer

bestimmten Gegend zu bestimmten Zwecken

getragen wird. Es gibt wohl kaum

eine Tracht, die auf eine so lange Tradition

zurückgreifen kann, wie die Bergmannstracht

in ihrem Ursprung. So wie die heutigen

Südtiroler Trachten das Feiertagsgewand

der bäuerlichen Bevölkerung waren,

so war die Bergmannstracht eben das gemeinsame

Gewand der bergbautreibenden

Knappen. In diesem Sinne hat der Begriff

Tracht seine Berechtigung.

Europaweiter Austausch

Im Mittelalter war die maximilianische Bergmannstracht

aus grobem, hellem Wollstoff

Foto: Verein Bergknappen

mit Kapuze üblich. Ältestes und typischstes

Element war dabei das sogenannte

Berg- oder Arschleder, das niemals fehlen

durfte. Natürlich hat auch bei uns die

Bergmannstracht vom Mittelalter bis herauf

ins 19. Jahrhundert eine vielfältige

Entwicklung durchgemacht. Sie war auch

stets von der Bergmannstracht anderer europäischer

Bergbaugebiete beeinflusst, da

die Bergknappen gerne dorthin zogen, wo

sie Arbeit fanden. So kam es zu einem regen

Austausch untereinander, auch was

die Kleidung anbelangte.

Bergknappen

Silberbergwerk Terlan

Die heute zu festlichen Anlässen getragene

Bergmannstracht hat nichts mit der

Arbeit im Untertagebau zu tun, sondern

geht auf eine Verordnung des Ackerbauministeriums

in Wien von 1890 zurück.

Sie wird von Knappenkapellen, Chören

oder Knappenvereinen getragen und hat

im Brauchtum der ehemaligen Bergbaugebiete

ihren festen Platz. In Terlan zum

Beispiel bemüht sich seit 2005 der Bergknappenverein,

die Erinnerung an den

jahrhundertelangen Silber- und Bleiglanzabbau

wach zu halten. Auch ein ehemaliger

Stollen kann mit Führung wieder betreten

werden.

Die schwarze Bergmannstracht hängt eng

mit der Schutzpatronin der Bergknappen,

der heiligen Barbara, zusammen. Ihr Festtag

ist der 4. Dezember. Auf dem Bergkittel

müssen 29 vergoldete Knöpfe sein, die

das Licht der Sonne symbolisieren, aber

auch auf das Lebensalter der heiligen

Barbara hinweisen, welche der Legende

nach mit 29 Jahren hingerichtet wurde.

Die schwarze Farbe symbolisiert die Dunkelheit

in den Stollen. Die Seidenfransen

an den Ärmeln erinnern an die Reservedochte

für die Öllampen. Am Berghut und

am Oberarm erinnert das Gezähe mit gekreuztem

Bergeisen und Schlägel an die

Erzabbaumethode des Mittelalters.

Agnes Andergassen

Arbeitsgemeinschaft Lebendige Tracht

Bergmannstracht heute - aus: „Schneeberg

in Südtirol“, Hrsg: Südtiroler Bergbaumuseum,

2000

KulturFenster

22 03/Juni 2021


gedenken

Großer Einsatz für die

Kulturlandschaften Tirols

Im Gedenken an Dipl. Ing. Josef Menardi (1925–2020)

Josef Menardi (†)

Foto: Archiv Bundesdenkmalamt Tirol

Ein lebenswertes Tirol, in dem die Spuren

der Vergangenheit lebendig sind, war sein

Ziel, sein Lebensinhalt. Am 1. Oktober 2020

ist mit Hofrat Dipl. Ing. Josef Menardi eine

prägende Persönlichkeit der Tiroler Denkmalpflege

und ein engagierter Heimatpfleger

95-jährig verstorben.

Als Landeskonservator wachte der ausgebildete

Architekt Josef Menardi 15 Jahre

lang über den Denkmalschutz in Tirol.

In dieser Funktion war er nicht nur zuständig

für sämtliche Restaurierungen an

denkmalgeschützten Sakral- und Profanbauten

im Bundesland Tirol und die fachliche

Betreuung der Fassadenaktionen in

Hall, Schwaz, Rattenberg, Pfunds und

Grins. Er leistete auch wertvolle Grundlagenarbeit,

auf die nachfolgende Generationen

von Denkmalpfleger*innen in der

täglichen Arbeit zurückgreifen konnten.

So veranlasste er die Erfassung sämtlicher

denkmalwürdiger Objekte im

Rahmen der Erstellung der Flächenwidmungspläne

aller 279 Tiroler Gemeinden,

initiierte Aktionen zur Erhaltung

alter Holzbrücken, zur Sicherung

von Burgruinen und bäuerlicher Nebengebäude

wie Kornkästen oder Mühlen

und wirkte bei der Kapellenaktion des

Landes mit.

Ab 1963 engagierte sich Josef Menardi

im Verein für Heimatschutz und Heimatpflege

in Nord- und Osttirol, fast 30

Jahre davon (1971–2000) als Obmannstellvertreter.

Ein besonderes Anliegen

war ihm hier die Zusammenarbeit mit

Südtirol, so zum Beispiel als Mitbegründer

des Dachverbandes mit den Nord-,

Ost- und Süd- und Welschtiroler Heimatpflegern.

Beim jährlichen gemeinsamen

Gesamttiroler Heimatpflegetreffen

war Josef Menardi bis ins hohe Alter

stets dabei. Sein großes Fach- und Detailwissen

brachte Josef Menardi auch

bei vielen Gutachten und Themen der

Südtiroler Heimatpfleger ein.

Josef Menardis Bemühungen um die Kulturlandschaften

Tirols und um das baukulturelle

Erbe unseres Landes werden

uns auch in Zukunft ein Vorbild bleiben.

Josef Oberhofer

5‰fürdieNatur-undKulturlandschaft

5‰fürdenHeimatpflegeverband

Seit 2020 ist der Heimatpflegeverband in die Liste der 5-Promille-Empfänger eingetragen. Damit hat man die Möglichkeit, die

Heimatpflege auch über die Steuererklärung zu fördern.

Der Heimatpflegeverband setzt sich für den Erhalt unserer Natur- und Kulturlandschaft und der historischen Baukultur, für eine

offene und traditionsbewusste Gesellschaft, für die Förderung der Volkskultur, der Tracht und der Mundart, für die Heimat ein.

Unterstützen auch Sie die Tätigkeit des Heimatpflegeverbandes, indem Sie bei der Steuererklärung (CU, Mod 730 oder Mod.

UNICO) ganz einfach und unkompliziert im entsprechenden Feld die Steuernummer 80006000212 des Heimatpflegeverbandes

Südtirol eintragen und Ihre Unterschrift daruntersetzen.

Vielen Dank für die Unterstützung!

KulturFenster

23 03/Juni 2021


Wenn Musik so richtig in Bewegung

kommt, wird aus Spaß Begeisterung.

KulturFenster

24 03/Juni 2021


angekündigt

Leidenschaft für Musik,

Bewegung, Tanz, Schauspiel

Ausblick und Vorfreude auf das Jugendfestival 2022

Es ist nicht lange her, dass ich eines Abends

vor meinem Computer saß und unvermittelt

eine kleine Zeitreise unternahm, die mich

wieder einmal an einen roten Faden meiner

beruflichen Laufbahn erinnerte. Ich schaute

mir ein altes Video einer Musicalaufführung

mit Schülern an, die ich im Jahr 2004

während meiner Ausbildungszeit als Musiklehrerin

betreute. Und der rote Faden, von

dem ich spreche, der sogar noch viel früher

begann und sich bis heute durchzieht,

ist meine Leidenschaft für Musik – Bewegung

– Tanz – Schauspiel, am liebsten alles

auf einmal, angetrieben von viel Kreativität

und Fantasie.

Gleich darauf führten mich die Gedanken

noch auf eine zweite Zeitreise – diesmal

aber in die Zukunft, zu einem mit Vorfreude

und Spannung erwarteten Ereignis,

das voraussichtlich im nächsten Jahr

in dieser Form zum ersten Mal in Südtirol

stattfinden kann: ein landesweites Jugendfestival

unter dem Motto Musik und

Bewegung.

Doch zurück zum Ausgangspunkt. Schon

als Kind war ich einerseits begeistert von

allem, was Musik war, andererseits hatte

ich eine Leidenschaft für Bewegung, vor

allem für die ästhetischen Sportarten wie

Turnen, Tanzen… und ebenso begeisterte

mich das Theater, sodass ich bei jeder

Schultheatergruppe dabei war und

auch später viele Gelegenheiten nutzte,

mich in diesem Bereich weiterzubilden.

Genau diese Leidenschaften sollten sich

als der besagte rote Faden durch mein

Berufsleben ziehen.


Die Leidenschaft für Bewegung

zieht sich ebenso wie die für Musik

wie ein roter Faden durch mein


Berufsleben.

Caroline Hempel

Durch Musikprojekte werden Kinder und Jugendliche ermutigt, sich ihrer kreativen Fähigkeiten

bewusst zu werden und sie auch zum Ausdruck zu bringen.

Der Anfang des „Roten

Fadens“ in Norddeutschland …

Bereits während der Ausbildung fing ich

an, mit Schülern Musicals und Tanzprojekte

einzustudieren und aufzuführen – und dies

begleitete mich durch all die Jahre meiner

bisherigen Berufstätigkeit. Die Projekte waren

vielseitig – kleine Klassenaufführungen,

teilweise auch größere Produktionen, und

darüber hinaus hatte ich Gelegenheit, in

der norddeutschen Stadt Göttingen das

Kindermusicalprojekt „Kids on Stage“ zu

gründen und mit den Kindern und Jugendlichen

zahlreiche Aufführungen zu gestalten.

Ebenso begleitete ich über vier Jahre

lang die Gruppe „Four plus One“ aus vier

gesangs- und theaterbegeisterten Mädchen.

In unserer gemeinsamen Arbeit stand neben

dem Gesangsunterricht auch die Inszenierung

selbst konzipierter Musicals

im Mittelpunkt, kombiniert mit Tanz-Performance

und Instrumenten.

… und die Fortsetzung

in Südtirol

Im Jahre 2017 war schließlich ein Entschluss

in mir gereift, der mein Leben in

mancher Hinsicht sehr verändert hat – der

Umzug nach Südtirol. Es waren das Interesse

am Land und an den Menschen,

die Faszination der Berge, ebenso wie die

Neugier und der Wunsch, etwas Neues

zu beginnen, meinen Horizont zu erweitern

und neue Erfahrungen zu machen,

die mich hierher zogen an diesen Ort, der

sich heute schon nach einer „neuen Heimat“

anfühlt.

Es dauerte nicht lange, da tauchte wieder

der rote Faden in meinem beruflichen Leben

auf. Bereits mehrfach hatte ich Gelegenheit,

ein Musicalprojekt im Rahmen

eines Sommercamps zu begleiten, und

im Rahmen meiner Tätigkeit als Lehrerin

führten wir mit einer Schulklasse am

Ende meines ersten Südtiroler Schuljahrs

KulturFenster

25 03/Juni 2021


angekündigt

Kapellmeisterin – eine neue

Herausforderung

Musik bewegt … die Ausführenden ebenso wie die, die zuhören und zuschauen.

ebenfalls ein Musical auf. Und ich glaube,

mit Gewissheit sagen zu können, dass es

nicht das letzte Projekt dieser Art war, sobald

die Bedingungen es erst einmal wieder

zulassen. Einstweilen hat zumindest

die Bewegung zur Musik in meinem Musikunterricht

immer wieder ihren Raum

und wichtigen Stellenwert.

Was mich immer am meisten fasziniert

hat, war, in der Arbeit mit den verschiedenen

Gruppen zu erleben, wie tief sich

die Erlebnisse den Kindern und Jugendlichen

einprägten und wie sie Jahre später

noch von Proben, Aufführungen und

auch ihren persönlichen Erfahrungen erzählten.

Wie sie strahlten und immer wieder

über sich hinauswuchsen. Wie sie

die Gelegenheit ergriffen, sich weiterzuentwickeln

und persönlich zu wachsen.

Dieses Erleben bedeutete für mich eine

Kraft, die mich selbst immer wieder antrieb

und mir einen Überfluss an Energie

und Begeisterung für diese Projekte

schenkte.

Nun beschränkt sich mein musikalischer

Horizont natürlich keineswegs auf den Bereich

des Musiktheaters, vielmehr liebe

ich gerade die Vielseitigkeit. Nach jahrelanger

Tätigkeit als Chorleiterin bei verschiedenen

Chören bin ich derzeit unter

anderem als Workshopleiterin für den

„Pop-up-Chor“ bei der MURX-Academy

in Eppan tätig. Darüber hinaus traf ich

gleich nach meiner Ankunft in Südtirol

auf eine ganz neue musikalische Herausforderung:

die Leitung einer Musikkapelle

und die Tätigkeit als Kapellmeisterin. Es

war erst zu diesem Zeitpunkt, dass ich

intensiver mit der Blasmusik in Kontakt

kam, da mich diese neue Herausforderung

reizte und ich gerne ausprobieren

wollte, ob ich dieser Aufgabe gewachsen

war – und vor allem, was ich daran lernen

und mir neu aneignen konnte.

So übernahm ich im September 2017 die

musikalische Leitung der Musikkapelle

Pufels, was mir seither immer viel Freude

bereitet und mir ebenso die große Chance

gegeben hat, meine musikalische Tätigkeit,

mein Repertoire und meinen Erfahrungshorizont

zu erweitern. Die Gestaltung

zahlreicher Konzerte und Umzüge

ließ mich auch einen besonderen Einblick

in die Kultur und Tradition des Landes gewinnen

– ein Eindruck, den ich sonst sicherlich

nicht so schnell und intensiv bekommen

hätte.

Beim traditionellen Cäcilienkonzert der

Musikkapelle im Spätherbst 2019 – das

erste Konzert im gerade fertig gestellten

neuen Vereinslokal in Pufels – hatte ich

schließlich die Gelegenheit, persönlich

mit dem Verband Südtiroler Musikkapellen

(VSM) in Kontakt zu kommen.

Die neue Idee war geboren:

Musical und Filmmusik

Das Musical vereint Musik, Gesang, Bewegung, Theater.

Klaus Fischnaller, der Verbandsstabführer,

sprach mich mit großem Enthusiasmus

an, um mich für eine Projektidee

zu gewinnen – eine wunderbare Gelegenheit,

meinen „Roten Faden“ noch etwas

weiter zu spinnen und ihn durch einige

neue „Verknüpfungen“ zu erweitern.

Klaus hatte die Idee, ein großes Festival

für Jugendkapellen aus ganz Südtirol zu

veranstalten, das unter dem Motto „Musik

in Bewegung“ stehen soll. Dabei sollen

auch neue, kreative Wege erkundet

KulturFenster

26 03/Juni 2021


Blasmusik

KF: Wieso genau Musik in Bewegung?

Klaus Fischnaller: Beobachten wir doch

mal Kinder und Jugendliche, wenn sie

Musik hören. Sie tanzen und bewegen

sich dazu, ohne dass wir sie dazu auffordern.

Musik und Bewegung gehören einfach

zusammen. Die Idee dazu ist gebowerden,

Musik, Bewegung und Szene zu

verbinden – weit über das hinaus, was das

reine Spielen und Marschieren in Formationen

bedeutet.

Die neue Idee war geboren und entwickelte

sich weiter. Bei einem ersten Planungstreffen

des Organisationsteams einigten

wir uns schnell auf ein Thema: Das Festival

soll unter dem Motto „Musical und

Filmmusik“ stehen und die Türen öffnen

für verschiedene kreative Arten, Musik,

Bewegung und Szene zu verbinden, immer

in Verbindung zur Blasmusik und

zum Spiel der Kapellen. Mit ein wenig

Fantasie ist da so viel mehr möglich!

Da stehen wir nun, mit der Idee, mit

der Begeisterung und mit der Entschlossenheit,

trotz aller Widrigkeiten

am Ball zu bleiben und

das Projekt in Zukunft Wirklichkeit

werden zu lassen.

Nachdem uns die Entwicklung

der Dinge etwas „ausgebremst“

hat und das Jugendfestival

nicht wie geplant im April 2021 stattfinden

konnte, sind wir indessen nun von

der Möglichkeit einer Realisierung im Jahr

2022 überzeugt und werden weiter mit

Begeisterung darauf hinarbeiten.

Und natürlich hoffen wir, möglichst viele

Zur Person

Die Musikerin, Musikpädagogin, Chorleiterin und Kapellmeisterin

Caroline Hempel (Jahrgang 1974) lebt seit dem Sommer

2017 in Südtirol. Sie absolvierte ihre Ausbildung an

der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover

und erwarb zusätzliche Qualifikationen in den Bereichen

Darstellendes Spiel, Musical, Chorleitung und

Populärmusik. Neben ihrer langjährigen Berufserfahrung

in Deutschland lebte und arbeitete sie zeitweilig in England,

Frankreich und Bosnien-Herzegowina. Sie initiierte

zahlreiche Kinder- und Jugendmusicalprojekte

sowie verschiedene Gesangsformationen und leitete

mehrere Chöre. Ihre Schwerpunkte und Leidenschaften

sind unter anderem Klavier, Gesang,

Musical, Chorleitung und Theater. In

ihrer beruflichen Tätigkeit ist sie bestrebt,

diese Bereiche immer wieder zu kombinieren,

sich selbst damit auszudrücken und

andere auf diesem Weg voranzubringen.

Jugendliche, Jugendleiter, Kapellmeister

und andere Interessierte ebenso begeistern

und motivieren zu können, etwas

beizutragen und mitzumachen!

Wir alle warten nun darauf, endlich wieder

loslegen zu können mit der musikalischen

Arbeit – und dann wird auch unsere

Planung wieder Fahrt aufnehmen. Wir

werden euch auf dem Laufenden halten!

Caroline Hempel

„Die Zukunft gehört der Jugend!“

Einladung zum Jugendfestival 2022

Verbandsstabführer Klaus Fischnaller

und Verbandsjugendleiter-Stellvertreterin

Uta Praxmarer planen für 2022

ein Festival für alle Jugendkapellen.

„Die Freude und der Spaß für die Musik

sollen dabei ganz oben stehen“, unterstreichen

der VSM-Verbandsstabführer

Klaus Fischnaller und die VSM-Verbandsjugendleiter-Stellvertreterin

Uta Praxmarer.

Sie planen und arbeiten schon seit

einiger Zeit an einem Festival mit Musik

Tanz und Bewegung, für und mit unserer

Jugend – ganz nach dem Motto: Die Zukunft

gehört der Jugend!

Es soll ein Festival sein, das es in dieser

Form wahrscheinlich noch nie gegeben

hat und wozu alle Jugendkapellen, egal

ob groß oder klein, erst neu gegründet

oder lange bestehend, eingeladen sind

dabei zu sein.

KulturFenster: Was war dein erster Gedanke,

als du von der Idee des Jugendfestivals

erfahren hast?

Uta Praxmarer: Das hört sich total spannend

an und muss umgesetzt werden.

Musik in Bewegung mit allen Sinnen –

das klingt vielversprechend. Ich würde

meine Jugendkapelle sofort animieren

mitzumachen.

KulturFenster

27 03/Juni 2021


angekündigt

Musik in Bewegung ist viel mehr als „nur

marschieren“; sie bringt Körper, Geist

und Sinne in Bewegung.

ren, als ich anlässlich eines Maturaballs

eine selbst gestaltete Mitternachtseinlage

von Jugendlichen miterleben durfte. Es

war einfach toll zu sehen, wie einfallsreich,

kreativ und mit welcher Freude sie

sich zur Musik bewegt haben.

KF: Zur Musik tanzen ist eins, aber dazu

zu spielen ist doch nochmal anders?

Fischnaller: Ja das stimmt! Es soll auch

kein klassisches Marschieren sein wie

wir es alle kennen. Wir möchten vielmehr

dazu einladen, sich passend zur Musik

zu bewegen. Wo beispielsweise die Musik

im Stand, unterstützend im Hintergrund

oder auch solistisch gespielt wird

und diese mit einfachen Figuren, kreativen

Bewegungsformen, Bühnenbild und

Kostümen unterstützt werden.

Praxmarer: Es gibt ein gutes Konzept,

der Rest ist Raum lassen für Kreativität,

Ideen, Austausch, Begegnungen. Kinder

sind wahre Meister in Sachen Spontanität,

Ausprobieren und Spaß haben.

KF: Welche Hilfestellungen sind geplant?

Fischnaller: Wir werden eigens einen

Workshop anbieten, wo das Projekt an alle

Jugendleiter*innen und Stabführer*innen

im Detail vorgestellt wird. In verschiedenen

Gruppen sollen praktische Beispiele und

Ideen erarbeiten werden, welche als Hilfestellung

und Ideenanstoß dienen sollen.

Weiteres werden wir ständig in Kontakt

mit den Teilnehmenden sein, und wenn

gewünscht, sie auch bei der Vorbereitung

unterstützen.

Blasmusik ist „cool“ und eröffnet zudem eine Menge kreativer Gestaltungsräume.

KF: Was erwartet ihr euch von den

Jugendleiter*innen?

Praxmarer: Neugier, Interesse und Freude,

bei diesem Jugendfestival dabei zu sein.

Dass alle diese tolle Idee mittragen, damit

dieser Tag ein unvergessliches Erlebnis

wird, das noch lange nachwirkt und

Lust auf mehr macht.

Fischnaller: Dass wir gemeinsam an diesem

tollen Projekt arbeiten und es so zu

einem besonderen Erlebnis werden lassen,

das lange in Erinnerung bleiben wird.

Gespräch:

Stephan Niederegger

KulturFenster

28 03/Juni 2021


VSM intern

„Blasmusik bewegt – wieder!“

73. VSM-Mitgliedervollversammlung

Mit der „Intrada“

von Johann Pezel

eröffnete die MK

Naturns die diesjährige

Online-

Mitgliedervollversammlung

des VSM.

Am 24. April hielt der Verband Südtiroler

Musikkapellen seine traditionelle Jahresversammlung

ab. Traditionell waren aber nur

die Inhalte, denn – wie schon im Vorjahr –

wurde die Versammlung coronabedingt per

Videokonferenz organisiert.

Beim letzten Mal saß das Verbandspräsidium

im Raiffeisensaal in Bozen und

die Versammlung wurde übers Internet

ausgestrahlt. Diesmal war es eine reine

Videokonferenz, bei der sowohl die Mitglieder

des Verbandsvorstandes als auch

die Vertreter der Musikkapellen einzeln

über ihren PC zugeschaltet waren. Tonund

Videoeinspielungen der Musikkapellen

Naturns, Vahrn, Mals und Toblach

sowie der Bürgerkapelle Gries und eines

Blechbläserquintetts sorgten für die musikalische

Note.

Wie schon im Vorjahr wurde die heurige VSM Mitgliedervollversammlung coronabedingt

wiederum online abgehalten.

Optimismus nach einem

schwierigen Jahr

Nach mehr als einem Jahr Corona war die

Pandemie auch das alles überragende

Thema. Verbandsobmann Pepi Fauster und

Verbandsgeschäftsführer Andreas Bonell

blickten gemeinsam mit Verbandskapellmeister

Meinhard Windisch, Verbandsjugendleiter

Hans Finatzer und Verbandsstabführer

Klaus Fischnaller auf das vergangene Tätigkeitsjahr

zurück: vom Virus überrumpelt

und gestoppt, Absagen, neue Hoffnung, Öffnungen

und Schließungen, rechtliche Unsicherheit,

fehlende Perspektiven – das waren

die alles bestimmenden Schlagworte.

Man habe versucht, die Gremien auf Verbands-

und Bezirksebene, aber auch die

breite Basis in den Musikkapellen in die

jeweiligen Entscheidungen einzubinden,

damit diese von allen mitgetragen werden

konnten. Dadurch sei es gelungen, „diese

schwere Zeit gemeinsam zu überbrücken“

und dem Dreijahresmotto des Verbandes

„Blasmusik bewegt“ einmal mehr gerecht

zu werden: „Auch wenn wir nicht aktiv musizieren

können, so hat sich gezeigt, dass

die Blasmusik die Menschen gerade auch

in dieser Zeit bewegt.“ Daher blicke man optimistisch

auf die bevorstehenden Monate.

KulturFenster

29 03/Juni 2021


VSM intern

Rund 280 Teilnehmerinnen und Teilnehmer

wurden bei der Versammlung gezählt, freute

sich VSM-Obmann Pepi Fauster.

Werner Mair, der Jugendleiter und EDV-Referent

des VSM-Bezirks Bozen sorgte im Hintergrund

für den reibungslosen technischen

Ablauf der Versammlung.

(Präsident des Tiroler Blasmusikverbandes),

Rudi Pascher (Tiroler Landeskapellmeister,

Renzo Braus (Präsidenten des Trentiner

Blasmusikverbandes), Erich Deltedesco

(Obmann des Südtiroler Chorverbandes),

Claudia Plaikner (Obfrau des Südtiroler Heimatpflegeverbandes),

Hans Christoph von

Hohenbühel (Vorsitzender des Südtiroler

Kulturinstitutes), Monika Rottensteiner (Vorsitzende

der ArGe Volkstanz), Gernot Niederfriniger

(Obmann des Südtiroler Volksmusikkreises),

Klaus Runer (Obmann des

Südtiroler Theaterverbandes) sowie Paul

Peter Niederwolfsgruber (Redaktion KulturFenster)

und Alfons Gruber (ehemaliger

Schriftleiter des KulturFensters).

Man wolle das heurige Jahresprogramm

ständig an die Situation anpassen und möglichst

kreativ die vorgesehenen Projekte umsetzen,

hoben die Verantwortlichen hervor.

Grußworte

Landeshauptmann Arno Kompatscher und

Landesrat Philipp Achammer bedankten

sich in ihren Grußworten beim Verband und

allen Musikkapellen, für „die Geduld, die

Disziplin, den Verzicht und die Kreativität,

mit der dieses enorm schwierige Jahr gemeistert

wurde.“ Sie sicherten weitere Lockerungen

zu und versprachen, dass die

bereits zugesicherten Unterstützungen aus

dem Kulturfonds so schnell wie möglich und

unbürokratisch ausbezahlt werden. Zudem

werden sie weitere Anläufe machen, damit

die neuen „Regeln des römischen Zentralismus“

zum Ehrenamt abgeändert und die

Eigenheit des Vereinswesens in Südtirol berücksichtigt

werden.

Erich Riegler, der Präsident des Österreichischen

Blasmusikverbandes, bedankte

sich einmal mehr für die hervorragende

Zusammenarbeit. Auch wenn die gesetzlichen

Rahmenbedingungen unterschiedlich

sind, so seien die Bedürfnisse der Blasmusik

diesseits und jenseits des Brenners

die gleichen, hob er hervor: „Die Blasmusik

darf nicht hinten bleiben und unverhältnismäßig

behandelt werden.“

Die Ehrengäste

Vertreter von 179 Musikkapellen nahmen

an der Online-Versammlung teil. Weiters

konnte VSM-Obmann Pepi Fauster zahlreiche

Ehrengäste begrüßen, die ebenfalls

virtuell der Versammlung beiwohnten und

damit ihre Wertschätzung dem Verband gegenüber

zum Ausdruck brachten: Gottfried

Furgler (VSM-Ehrenobmann), Gottfried Veit

(VSM-Ehrenkapellmeister, die VSM-Ehrenmitglieder

Klaus Bragagna, Toni Profanter

und Bruno Hosp, Landeshauptmann Arno

Kompatscher, Bildungslandesrat Philipp Achammer,

Landesmusikschuldirektor Felix

Resch, Giacomo Fornari (Direktor des Bozner

Musikkonservatoriums), Erich Riegler

(ÖBV-Präsident), Friedrich Weyermüller

(ÖBV-Ehrenpräsident), Helmut Schmid

(ÖBV-Bundesjugendreferent), Elmar Juen

Landeshauptmann Arno Kompatscher, Bildungslandesrat Philipp Achammer und ÖBV-Präsident

Erich Riegler bedankten sich in ihren Grußworten für die hervorragende Zusammenarbeit

„in diesem äußerst schwierigen Jahr“.

„Fesch in Tracht“: Die neue Informationsbroschüre

gibt im Detail Tipps zum Tragen

und Pflegen der Frauen- und Männertracht.

„Fesch in Tracht“

Unter der Leitung von Stefan Sinn, seines

Zeichens Obmann des VSM-Bezirks Bozen,

wurde in Zusammenarbeit mit der

ArGe „Lebendige Tracht“ und der ArGe

„Volkstanz“ eine handliche Broschüre mit

Tipps zum Tragen und Pflegen der Tracht

erstellt. „Eine Tracht anzuziehen sollte niemals

eine Last sein, vielmehr eine Ehre“,

hob Agnes Andergassen hervor. Sie ist die

Vorsitzende der ArGe „Lebendige Tracht“,

hat maßgeblich an der Broschüre mitgearbeitet

und diese bei der VSM-Mitgliedervollversammlung

vorgestellt. Das Informationsbüchlein

wurde in einer Auflage von 10.000

Stück gedruckt und wird an alle Mitgliedsvereine

verteilt.

Stephan Niederegger

VSM-Medienreferent

KulturFenster

30 03/Juni 2021


Blasmusik

Es war einmal …

eine Musikkapelle

Bitte um Mitarbeit bei der Suche nach verschollenen Musikkapellen

Es hat in der Vergangenheit in unserm Land gar einige

Musikkapellen gegeben, die im Laufe der Zeit

von der Bildfläche verschwunden sind und vielfach

erinnern nur mehr lückenhafte Notizen von deren

vormaliger Existenz.

GESUCHT!

Erinnerungen, Dokumente,

Fotos, Zeitungsmeldungen etc.

Nun soll der Versuch gemacht werden, ein vom Vergessen

bedrohtes Kapitel Südtiroler Blasmusikgeschichte

zu dokumentieren und für die Zukunft zu sichern.

Deshalb ersuchen wir alle, die vom Bestand ehemals

existierender und heute verschwundener Musikkapellen

oder selbstständiger Bläserformationen Kenntnis

haben, dies mitzuteilen. Vor allem bitten wir, auch ältere

Musikanten oder ältere Menschen aus der Dorfgemeinschaft

anzusprechen und sie nach ihren diesbezüglichen

Erinnerungen zu befragen.

Wenn es neben den bloßen Erinnerungen auch noch

konkrete Unterlagen (Dokumente, Fotos, Zeitungsmeldungen

etc.) zu den verschwundenen Musikkapellen

geben sollte, so wären wir für deren leihweise Überlassung

natürlich sehr dankbar. Jeder noch so kleine

Hinweis ist bei der Recherche hilfreich!

Hinweise und Infos bitte direkt an den Verband Südtiroler

Musikkapellen, Schlernstraße 1, 39100 Bozen

oder info@vsm.bz.it

Stephan Niederegger

Aus der Redaktion

Ihre Beiträge (Texte und Bilder) für die Blasmusikseiten

senden Sie bitte an: kulturfenster@vsm.bz.it

Redaktionsschluss für

die nächste Ausgabe des

KulturFensters ist

Donnerstag, 15. Juli 2021

KulturFenster

31 03/Juni 2021


VSM intern

50 Jahre Leistungsabzeichen

im VSM

Eine Erfolgsgeschichte mit Fortsetzung

Die „alten“ Jungmusikerleistungsabzeichen

(im Bild das Abzeichen in Bronze).

So sahen die Jungmusikerleistungsabzeichen

ab dem Jahr 2006 aus (im Bild das

Abzeichen in Silber).

2018 erhielten die Leistungsabzeichen ein

völlig neues Design.

Mit den Prüfungen am vergangenen 2. und

5. Juni endete eine Ära: Nach 50 Jahren

wechselvoller und spannender Geschichte

wurden die Prüfungen zum Leistungsabzeichen

zum letzten Mal vom Verband Südtiroler

Musikkapellen (VSM) ausgetragen.

Ein historisches Datum, das an die vielen

Musikant*innen erinnert, welche sich im

Laufe der Jahre für diesen besonderen Moment

angestrengt hatten. Viele von ihnen

sind die heutigen Eckpfeiler der Musikkapellen,

Leistungsträger, Funktionäre oder

Berufsmusiker.

Vor 50 Jahren auch in

Südtirol eingeführt

Bereits 1969 führte der Österreichische

Blasmusikverband (ÖBV) die Jungmusikerleistungsabzeichen

„zur Hebung des

musikalischen Niveaus“ ein. Die Ausbildung

der Jungmusiker fand damals hauptsächlich

in den Kapellen und kaum in den

(teilweise noch zu gründenden) Musikschulen

statt. Die Leistungsabzeichen waren

also ein kluger Schachzug und gleichzeitig

bahnbrechend. Somit gab es jetzt drei

Leistungsstufen in Bronze, Silber und Gold

– ähnlich den olympischen Disziplinen –

als Motivation für die Jugend. Schon zwei

Jahre später, 1971, wurde diese Idee vom

Verband Südtiroler Musikkapellen (VSM)

übernommen und über die Bezirke landesweit

organisiert.

Diese Kurse mit integriertem Theorie- und

Praxisunterricht erstreckten sich in der Regel

über mehrere Sonntagvormittage, wobei

die eigentliche Prüfung von externen Juroren

abgenommen wurde. Vielfach lernten

die allermeisten Musikanten aufgrund der

damals mangelnden Ausbildung bei diesen

Kursen grundlegende Spieltechniken

und wurden zum ersten Mal von geschulten

Fachleuten unterrichtet.

Steigende Ansprüche

Mit steigenden Ansprüchen an Literatur und

Ausbildung wurden die Theorieprüfungen

Anfang der 2000-er Jahre Musikschulen

ausgelagert. Die bisherige einheitliche Prüfungsliteratur

wurde durch individuelle, moderne

Literaturlisten abgelöst.

Die Leistungsabzeichen erfreuen sich nach

wie vor großer Beliebtheit: in den vergangenen

fünf Jahrzehnten haben ca. 15.000

Musikant*innen eines der Leistungsabzeichen

erlangt. Jährlich stellen sich an die

750 Musikant*innen der Herausforderung,

dabei entfallen etwa 70% auf Bronze, 25%

aus Silber und 5% auf Gold.

Musikschulen übernehmen

die Prüfungen

Seit Herbst 2020 verfügt der VSM über

eine von Verbandsjugendleiter Johann Finatzer

konzipierte Anmeldeseite, über die

die Lehrpersonen ihre Schüler bequem

und unbürokratisch zu den Prüfungen anmelden

können.

Der nächste und letzte Baustein dieser

50-jährigen Geschichte ist der Übergang

der Prüfungen zum Leistungsabzeichen ab

dem Schuljahr 2021/22 an die Musikschulen,

wobei gewährleistet bleibt, dass weiterhin

die Richtlinien des österreichischen

Blasmusikverbandes eingehalten werden.

Wir blicken nun nach vorne und wünschen

den Leistungsabzeichen eine gute

Reise. Mögen sie für weitere 50 Jahre ein

begehrtes Ziel und zudem ein Garant bleiben

für das musikalische Niveau unserer

Kapellen und weit darüber hinaus.

Johann Finatzer

VSM-Verbandsjugendleiter

KulturFenster

32 03/Juni 2021


hinausgeblickt

70 Jahre Österreichischer

Blasmusikverband

Eine umfassende Chronik zum Geburtstag

Friedrich Anzenberger (v.l.) mit seiner Frau

Elisabeth und VSM-Obmann Pepi Fauster auf

Recherche im VSM-Archiv in Bozen

Am 4. März hat Friedrich Anzenberger die

Chronikkurzfassung im Online-Blasmusikstudio

des ÖBV vorgestellt.

Friedrich Anzenberger mit der Kurzfassung

als Vorgeschmack zur Jubiläums-Chronik

des ÖBV

In der Aprilausgabe haben wir bereits auf

den runden Geburtstag des Österreichischen

Blasmusikverbandes „hinausgeblickt“

(siehe S.63). Im Oktober wird die

Jubiläums-Chronik erscheinen. Der ÖBV-

Bundesschriftführer Friedrich Anzenberger

hat zum „Geburtstag“ am 4. März dazu

vorab eine Kurzfassung des historischen

Teils vorgestellt.

KulturFenster: Warum ist es von Bedeutung,

dass eine Chronik über die letzten sieben

Jahrzehnte des ÖBV veröffentlicht wird?

Friedrich Anzenberger: Bis jetzt gab es leider

noch nie eine umfassende Darstellung

der Verbandsgeschichte. Daher glaube ich,

dass es wichtig ist, dass heuer im Oktober

eine Chronik zum 70-Jahr-Jubiläum erscheint,

die auch die Biografien der mehr

als 100 bisher im Präsidium tätigen Funktionäre

einschließt. Zum „Geburtstag“ am

4. März gab es eine Kurzfassung des historischen

Teils als erste Information.

KF: Welchen Aufwand hattest du beim Verfassen

der Chronik?

Anzenberger: Ich durfte bereits Anfang der

1990-er Jahre die erste Festschrift für den

Niederösterreichischen Blasmusikverband

(NÖBV) schreiben und beschäftige mich

seither mit der Blasmusikgeschichte, besonders

intensiv seit der Schaffung des ÖBV-

Dokumentationszentrums in Oberwölz im

Jahr 2008. Die Vorbereitungsarbeiten gingen

also über mehrere Jahre. Neben tausenden

Protokollseiten waren auch mehr als

30.000 Seiten der Österreichischen Blasmusikzeitung

(seit 1953) zu lesen. Aus der

letzten Zeit gab es rund 100 Foto-CDs bzw.

DVDs durchzusehen, auf manchen befinden

sich mehr als 1.000 Bilder.

KF: Was gab es, das dich beim Recherchieren

und beim Verfassen überrascht hat?

Anzenberger: Besonders aufschlussreich

war, dass es immer wieder Funktionäre

gegeben hat, die weit in die Zukunft gedacht

haben, auch wenn diese Vorschläge

nicht immer gleich in die Praxis umgesetzt

werden konnten. Dazu ein Beispiel: Schon

1963 schlug der spätere steirische Landesobmann

und ÖBV-Bundesschriftführer

Willi Konrad ein Abzeichen „Für Leistung“

mit theoretischer und praktischer

Prüfung vor. Beschlossen wurde das damalige

Jungmusiker-Leistungsabzeichen

nach längerer Diskussion erst 1969.

KF: Was wünscht du dir für das Jubiläumsjahr

2021?

Anzenberger: Es sind großartige Veranstaltungen

zum 70-Jahr-Jubiläum geplant,

auf die ich mich – so wie viele

andere – sehr freue. Es bleibt zu hoffen,

dass sie trotz Pandemie auch alle

durchgeführt werden können. Die Chronik

soll dazu beitragen, dass Musiker

und Funktionäre – und ganz besonders

die Jugend – besser über die Leistungen

des Verbandes in der Vergangenheit

informiert sind.

KF: Warum sollen wir die Chronik unbedingt

lesen?

Anzenberger:Wenn man mit Zeitzeugen

der vierziger und fünfziger Jahre

spricht, wird immer wieder betont, aus

welch bescheidenen Anfängen sich alles

entwickelt hat. Die Chronik zeigt uns

– in aller Kürze – die bemerkenswerte

Aufwärtsentwicklung unserer Blasmusik

durch die sieben Jahrzehnte, das beeindruckende

Engagement von Musikern

und Funktionären, ohne die es

unser heutiges Qualitätsniveau nicht

geben würde.

Stephan Niederegger

KulturFenster

33 03/Juni 2021


jung musiziert

jung musiziert

Jung, rhythmisch, “GiGantisch”

Das „GiGa Percussion Duo“ wurde ihm Jahr

2019 von den beiden Schlagzeugern Loris

Gitterle (20) und Mathias Gamper (19)

gegründet. Auf Initiative ihrer beiden Instrumentallehrer

Martin Knoll und Hannes

Reiterer nahmen sie damals am VSM-Wettbewerb

„Musik in kleinen Gruppen“ teil und

holten sich mit 97/100 Punkten den Tagessieg.

Da sich die beiden Jungmusiker in der

Vorbereitungsphase von Anfang an gut miteinander

verstanden hatten, wollten sie dieses

Projekt weiterführen und somit war das

Duo gegründet.

Ihr Ziel: Anspruchsvolle, perkussive Livemusik,

gespielt auf den verschiedensten

Klangkörpern. Zu ihrem Hauptinventar

gehören Marimbaphon, Vibraphon, Pauken,

Bongos, Drum-Set und die klassische

kleine Trommel. Zum weiteren Set-Up gehören

aber auch andere Instrumente wie

Pipedrums, Töpfe, Woodblocks und mehr.

In den letzten Monaten gestaltete es sich

natürlich als sehr schwierig, zusammen zu

üben. Deshalb konzentrieren sich beide

Schlagzeuger momentan auf ihre jeweilige

Ausbildung. Loris studiert Schlagwerk

im Konzertfach am Tiroler Landeskonservatorium

in Innsbruck. Mathias bereitet

sich auf die Matura vor und möchte Loris

im nächsten Jahr nach Innsbruck folgen.

In der Zwischenzeit wird aber fleißig arrangiert

und Neues ausprobiert: YouTube

dient dabei als wichtige Inspirationsquelle

für neue Literatur und Showelemente, die

später in ihre Auftritte eingebaut werden

können. Dabei fixieren sie sich nicht auf

ein bestimmtes Genre, sondern versuchen

alle Stilrichtungen bestmöglich abzudecken.

Bei ihren Konzerten wollen sie

ihre Zuhörer nicht nur musikalisch begeistern,

sondern auch die Vielseitigkeit der

Perkussionsinstrumente aufzeigen.

Kulturfenster: Mathias, warum hast du dich

entschieden, das Schlagzeug zu erlernen?

Mathias Gamper: Mein Vater spielt Horn im

Musikverein. Als ich ein kleines Kind war,

hat er mich immer wieder zu den örtlichen

Konzerten der Musikkapelle mitgenommen,

somit hatte ich bereits einen starken Bezug

zur Musik. Besonders das Schlagzeug hat

mir aber immer schon imponiert – sei es

beim Marschieren als auch bei den Konzerten.

Es klingt vielleicht ein bisschen kitschig,

aber man kann von „Liebe auf den

ersten Blick“ sprechen!

KF: Loris, du studierst ja schon Schlagwerk

in Innsbruck. Ab welchem Zeitpunkt wolltest

du die Musik zu deinem Beruf machen?

Loris Gitterle: Meine Leidenschaft zum

Schlagzeug kam erst später, denn in meinen

jungen Jahren habe ich mir ehrlich

gesagt nicht viel dabei gedacht. Ich hatte

zwischenzeitlich sogar die Musikschule

abgebrochen und bin damals dann eher

dem Sport verfallen. Als ich dann der Musikkapelle

beigetreten bin, kehrte die Motivation

zurück und ich besuchte fortan wieder

die Musikschule. Durch die Teilnahme

an landesweiten Jungmusikerwettbewerben

wie zum Beispiel „Prima la Musica“

erkannte ich wie reizvoll es ist, anspruchsvolle

Musikstücke zu üben, den Fortschritt

mitzuerleben und später dann mit einem

Erfolgserlebnis zu krönen.

KF: Mathias, welche Eigenschaft schätzt

du an deinem Ensemble-Partner Loris

besonders?

KulturFenster

34 03 Juni2021


Gamper: (lacht) Einmal abgesehen von seiner

Musikalität wäre es dann

wohl sein Durchhaltevermögen.

Ich erinnere mich an

unsere erste gemeinsame

Probe als Duo. Nach eineinhalb

Stunden des Übens

dachte ich, wir hätten uns

eine Pause mehr als verdient,

doch Loris wollte noch unbedingt

eine Passage im Musikstück

genauer ausarbeiten. In

diesem Moment motivierte er

mich dann umso mehr!

KF: Loris, was zeichnet euch als

Percussion-Duo aus?

Gitterle: Wir beide lieben es einfach,

gern aufzuspielen und die

Zuschauer mit unserer Show zu

fesseln. ... (lacht) „Wenn die

Stimmung passt, donn lossmer

so richtig die Goas gean!“

Bericht: Alexander Mayr

LorisGitterle

Alter: 20 Jahre

Wohnort: Naturns

Beruf: Student am Tiroler

Landeskonservatorium

Hobbies: Laufen, Grafik-Design

Lieblingsinstrument: Kleine Trommel

MathiasGamper

Alter: 19 Jahre

Wohnort: Marling

Beruf: Schüler an der OFL-Auer

Hobbies: Fotografie, Film, Freunde

Lieblingsinstrument: Marimba

Instagram – Profil:

https://www.instagram.com/giga.percussion/?hl=de

..

Literaturtipp fur Jugendkapellen

von MagdalenaKeim,Jugendkapelle Brennerwind

Counting Stars ein Hit von One Republic aus der Feder von Ryan Tedder –

Arrangement von Robert Longfield

Dieser von One Republic aufgenommene Hit ist für Spieler ab dem zweiten Lernjahr arrangiert.

Das Stück beginnt mit einer kurzen, langsamen Einführung und enthält ein optionales

Solo für Altsaxophon oder Trompete.

Es folgt ein moderates Tanztempo mit einem treibenden Puls und interessante Teile für

alle Register. Unseren JungmusikantInnen hat es großen Spaß gemacht dieses Stück zu

spielen, weshalb wir es gerne weiterempfehlen.

Hier der Link zum Orginalvideo von

One Republic zum Probehören:

https://www.youtube.com/watch?v=hT_nvWreIhg

Und der Link direkt zum Arrangement

von R. Longfield

https://www.youtube.com/watch?v=GSox18xt6Aw

KulturFenster

35 03 Juni2021


DerBrennerwind

dieJugendkapelle von

Pflersch undGossensass

„Ausgefratschelt“ bei Jugendleiterin Magdalena Keim

Mit viel Begeisterung unterwegs – die Jugendkapelle Brennerwind

Steckbrief

Name: Brennerwind

Musikkapelle: Pflersch und Gossensaß

Jugendleiterteam: Magdalena Keim, Verena

Röck, Viktoria Obkircher (Pflersch), Christian

Festini (Gossensaß)

Jungmusikanten: ca. 20 Mitglieder

KulturFenster: Sag mal Magdalena, du bist

Bezirksjugendleiterin von Sterzing, im Jugendteam

der MK Pflersch und Mitverantwortliche

der Jugendkapelle Brennerwind.

Wer sind Brennerwind eigentlich und woher

habt ihr diesen genialen Namen?

Magdalena Keim: Die Jugendkapelle Brennerwind

vereinigt Jungmusikant*innen

aus der Gemeinde Brenner (Musikkapelle

Pflersch und Vereinskapelle Gossensaß).

Unter der Leitung der damaligen Jugendleiterin

von Pflersch, Marianne Mair Leitner,

hatte Brennerwind beim Cäcilienkonzert

in Pflersch im Jahre 2012 seinen ersten

Auftritt. Durch den unermüdlichen Einsatz

der engagierten Jugendleiterin konnten

die jungen Musikant*innen viele Konzerte

diesseits und jenseits des Brenners

abliefern. Auch für den treffenden Namen

ist Marianne verantwortlich. Wie genau es

dazu gekommen ist, kann ich nur mutmaßen.

Wahrscheinlich, weil auf dem Brenner

tatsächlich hie und da der Wind bläst

und Gossensaß und Pflersch die größten

Ortschaften der Gemeinde Brenner sind.

Leider hat im Herbst 2019 unsere liebe

Marianne durch ein tragisches Ereignis ihr

Leben verloren und somit stand Brennerwind

plötzlich ohne Leitung da. Mit vereinten

Kräften konnten wir ein Jahr bis zu den

Neuwahlen überbrücken und versuchten

für Marianne, ihre Familie und für den

Verein die Musik weiterleben zu lassen.

Ihr Verlust ist immer und überall spürbar,

doch im Herzen und in Gedanken wird sie

immer bei uns bleiben.

Kulturfenster: Und wie sieht die Leitung

von Brennerwind heute aus?

Keim: Ende des Jahres 2020 wurde in

der Musikkapelle Pflersch ein neuer Ausschuss

gewählt und dabei wurde auch ein

Jugendleiterteam zusammengestellt, das

aus Verena Röck, Viktoria Obkircher und

mir besteht. Zusammen mit unserem Kollegen

aus Gossensaß, Christian Festini, leiten

wir nun den Brennerwind.

KF: Im letzten Jahr ist es sicherlich auch

ruhiger um euren Brennerwind geworden,

aber erzähl uns doch ein bisschen von euren

regelmäßigen musikalischen Tätigkeiten

in einem Nicht-Pandemie-Jahr!

Keim: Neben musikalischen Gestaltungen

von hl. Messen in der Kirche

nimmt der Brennerwind auch an Landesjugendkapellentreffen,

Faschingsumzügen

und verschiedenen Projekten

im Bezirk Wipptal (z.B. Bezirksjugendkapelltreffen,

Adventskonzert) teil. Der

Brennerwind leitet jährlich das Cäcilienkonzert

der Musikkapelle Pflersch und

das Pfingskonzert der Vereinskapelle Gossensaß

mit mehreren Stücken ein, welche

von den Jungmusikant*innen selbst

anmoderiert werden. Stolz werden die

Jungmusikant*innen und deren Familien,

wenn sie auf der Bühne vor Freunden,

Nachbarn und Musikkolleg*innen für

das erfolgreich bestandene Leistungsabzeichen

geehrt werden. Außerdem nehmen

viele unserer Jungmusikant*innen

mit Begeisterung bei den alljährlichen Bezirksbläsertagen

teil, bei denen es möglich

ist, sich untereinander auszutauschen

und in Praxis und Musiktheorie

weiterzubilden.

KF: Und eure außermusikalischen Tätigkeiten?

Keim: Um den Zusammenhalt der Jugendlichen

zu stärken, werden hin und wieder

verschiedene Ausflüge organisiert. Es

wurde bereits geklettert, gerodelt oder gemeinsam

eine Pizza oder ein Eis genossen.

KF: Was ist so das Highlight eures Brennerwind-Jahres?

Keim: Das Probenwochenende im Herbst

auf einer Hütte in Ladurns ist für die Jugendlichen

der Höhepunkt des gesamten

Probenjahres. Dort proben wir vor allem

für das Cäcilienkonzert und eine Familienmesse.

Die musikalische Weiterentwicklung,

die Pflege vieler Freundschaften

und auch Spaß und Action kommen

dabei nicht zu kurz.

KulturFenster

36 03 Juni2021


KF: Innovativ seid ihr auch noch! Instrumentenvorstellung

2021?

Keim: Ja, aufgrund der momentanen Situation

musste im Februar 2021 die traditionelle

Instrumentenvorstellung für

die Grundschüler von Pflersch auf einen

alternativen Weg erfolgen. Einige

aktive Musikant*innen sowie erfahrene

Jungmusikant*innen erstellten je einzeln

ein Video, in welchem alle Instrumente

vorgestellt wurden. Den zusammengestellten

Film und einen kleinen

Rätselspaß mit allgemeinen Fragen zum

Musikverein durften wir den Lehrern der

Grundschule übergeben. In dieser Form

hoffen wir auch in diesen Zeiten auf einen

Zuwachs von jungen und motivierten

Musikant*innen, damit die nicht wegzudenkende

Tradition auch in Zukunft weitergeführt

werden kann.

KF: Plant ihr auch schon Projekte für den

heurigen Sommer?

Keim: Nein noch nichts Konkretes (Stand

Anfang Mai), aber hoffentlich können wir

heuer wieder unsere traditionellen Veranstaltungen

abhalten und bald wieder mit

den Proben beginnen.

Brennerwind – Koordination

Anna Vonmetz

SaraHofer

Name: Sara Hofer

Alter: 13 Jahre

Ich spiele: Querflöte

Ich lerne dieses Instrument, weil meine Mutter auch Querflöte spielt und es

mir schon immer sehr gut gefallen hat, besonders wenn sie in der Kirche die

Jungscharmessen musikalisch begleitet hat.

Mir gefällt an der Jugendkapelle, dass wir alle zusammen sehr coole und moderne

Stücke spielen. Mir haben auch die Bezirksbläsertage immer sehr gut gefallen.

Ein lustiges Ereignis mit dem Brennerwind war, als bei einer Probe im Probelokal

ein ziemlich übler Geruch zu vernehmen war. Das kam daher, dass vor

der Eingangstür ein Hundehäufchen lag. Der Geruch war dermaßen stark,

dass wir uns während des Spielens öfters die Nase zuhalten mussten und

natürlich wurde deswegen auch viel gelacht. Zum Schluss musste unser Ju-

gendleiter den Haufen entfernen, da es sonst logisch niemand machen wollte.

NELLY

GabrielGherbaz

Mein Name: Gabriel Gherbaz

Alter: 12 Jahre

Ich spiele: Trompete

Ich lerne dieses Instrument, weil ich immer meinen Vater Trompete spielen

gesehen habe, und es hat mir so gut gefallen.

Bei der Jungendkapelle gefällt mir das Musizieren mit Anderen.

Ein typischer Spruch unserer ehemaligen Kapellmeisterin Marianne war „Leitler,

reißt‘s enk zom“ - um uns alle bei Proben und Konzerten aufmerksam zu

machen. Das habe ich in guter Erinnerung.

David Windisch

Name: David Windisch

Alter: 15 Jahre

Ich spiele: Tenorhorn

Ich lerne dieses Instrument, weil mir das Instrument gefällt und weil es mir

Spaß bereitet.

An der Jugendkapelle gefällt mir der Zusammenhalt, Treffen mit Freunden

und der Spaß während der Proben.

Wenn wir mit der Jugendkapelle unterwegs sind, finden wir immer etwas zum

Lachen. Wir als Gruppe sind stets nett zueinander und zeigen Respekt, auch

wenn jemandem mal ein Fehler passiert.

KulturFenster

37 03 Juni2021


“OhneMusikwird es leise“

Die Musikkapelle und die Pandemie –

eine Projektarbeit von Maren Mittelberger

Die 19-jährige Klarinettistin Maren Mittelberger

aus Vöran besucht die Landeshotelfachschule

Kaiserhof in Meran. Im Rahmen

des Unterrichtsfaches „Eventmanagement“

hat sie sich in einer Projektarbeit kritisch

und sehr persönlich mit der Situation ihrer

Heimatkapelle in der Corona-Pandemie

auseinandergesetzt. Gerade weil oft vergessen

werde, dass „nicht nur systemrelevante

Dinge wichtig sind“ und man „als

Außenstehender oft nicht sieht, wie viel

Arbeits- und Zeitaufwand hinter manchen

Sachen steht“, hat sie sich diesem Themas

gewidmet.

Sie zeigt die dauernd sich geänderten Situationen

im Laufe des Jahres auf und veranschaulicht,

wie die Kapelle darauf reagiert

hat: „Der Verein hat versucht, sich so

gut wie möglich der Situation anzupassen

und das Beste herauszuholen. Natürlich

war man oft deprimiert, wenn wieder einmal

etwas nicht stattfinden konnte. Aber

auf die nächste gute Nachricht freute man

sich dann umso mehr.“ In ihrer Arbeit zitiert

sie abschließend auch den Beitrag

„Tacet“ ihres Musikkollegen Hubert Reiterer,

den wir bereits in der Juniausgabe

2020 des KulturFensters“ (S. 8/9) veröffentlicht

haben.

Für Kolleg*innen in den Reihen der Musikkapelle

Vöran, wie auch für Außenstehende

dokumentiert diese Arbeit sehr

anschaulich, wie Corona die „Eventszene

Blasmusikkapelle" beeinflusst hat.

Trotz aller Rückschläge bleibt die junge

Musikantin optimistisch: „Eines ist aber

sicher. Wir werden, sobald es möglich ist,

wieder unsere Instrumente in die Hand

nehmen und gemeinsam proben, auftreten

und feiern. Unsere Musikkapelle ist

nicht nur ein Verein, um zu musizieren.

Sie ist viel mehr wie eine große Familie.“

Stephan Niederegger

Untern diesem QR-Code kann die gesamte

Projektarbeit eingesehen werden.

Die Musikantin Maren Mittelberger

hat sich intensiv

mit der Situation ihrer

Musikkapelle in

der Zeit der Coronapandemie

auseinandergesetzt.

Daraus entstanden ist eine ausführliche

Projektarbeit, die Interessierten zugänglich

gemacht werden soll.

KulturFenster

38

03 Juni2021


persönlich

Sepp Thaler, der große

(Blas-)Musikpionier Südtirols

Persönliche Erinnerungen von VSM-Ehrenkapellmeister Gottfried Veit

AAm heurigen 9. Juni wäre der ehemalige

VSM-Ehrenkapellmeister, Komponist, Chorleiter

und Organist Sepp Thaler 120 Jahre alt

geworden. Da sowohl sein Leben als auch

sein Werk gegenwärtig nahezu lückenlos

dokumentiert sind (siehe Verzeichnis am

Ende dieses Beitrages), möchte ich hier

und heute nur einige ganz persönliche Begegnungen

mit Sepp Thaler kurz aufleuchten

lassen.

Erstes Kennenlernen

Den Namen Sepp

Thaler kannte ich bereits

als Kind, war er

doch schon damals

„Landeskapellmeister“

und formte zudem

die Musikkapelle

Auer zu einem der

besten Klangkörper

Südtirols.

Mit den Kompositionen

aus der Feder

von Sepp Thaler

machte ich als ganz

junger Klarinettist der

Bürgerkapelle Gries

schon im Jahre 1956

Bekanntschaft. Als

Dirigent erlebte ich

Thaler erstmals bei

einem sogenannten

„Monsterkonzert“,

das die Bürgerkapelle

Gries mit der

Musikkapelle Auer

zur Einweihung des

„Kanonikus-Michael-

Gamper-Heimes“ im

Jahre 1961 bei einem

gemeinsamen konzertanten

Auftritt in Gries

zusammenführte.

Als ich mit sechzehn Jahren meine ersten

Kompositionsversuche machte, pilgerte

ich mit einer meiner soeben fertiggestellten

Partitur (es konnte natürlich nichts anderes

sein als ein „Marsch“) nach Auer,

um sie dem verehrten Meister Thaler zur

Begutachtung vorzulegen. Es erfüllte mich

damals natürlich mit großer Freude aus

seinem Munde zu hören, ich solle unbedingt

weitere Stücke für Blasmusik zu Papier

bringen.

Noch vor meinem Musikstudium, als noch

recht junger Klarinettist, hatte ich die Ehre

in der Funktion einer „Aushilfe“, bei der

Musikkapelle Auer unter der Leitung Sepp

Thalers mitspielen zu dürfen. Was mich

Sepp Thaler wäre heuer 120 Jahre

alt geworden.

dabei besonders beeindruckte war, dass

Thaler mit seinem starken Einfühlungsvermögen

hochmusikalisch gestaltete und

ohne Ausnahme immer das Gesamte - also

„die Musik“ - haarscharf im Auge behielt.

Als Jugendlicher besuchte ich natürlich

die zehntägigen Kapellmeisterlehrgänge

des Verbandes Südtiroler Musikkapellen.

Bei diesen Lehrveranstaltungen, bei denen

Sepp Thaler neben Otto Ulf, Sepp Tanzer,

Leo Ertl, Hans Haas u.a.m. unterrichtete,

wurde ich zu den Lehrproben mit der Musikkapelle

Wiesen bei ihm

zugeteilt. Ich erinnere

mich noch lebhaft: Seine

Probenarbeit mit der

Lehrgangskapelle und

den Lehrgangsteilnehmern

war allemal konsequent

und herausfordernd,

aber immer auch

mit Humor gespickt. Einer

seiner Lieblingsaussprüche

lautete nämlich:

„Der Humor ist der

Schwimmgürtel des Lebens“.

Zusammenarbeit

im VSM und

darüber hinaus

Einige Jahre später

wurde ich bei der Generalversammlung

des

VSM zu Thalers Stellvertreter

als VSM-Kapellmeister

gewählt. Und

es dauerte nicht lange,

bis mich Sepp Thaler

als Wertungsrichter bei

Konzertwertungsspielen

auf Bezirksebene einsetzte,

bespielsweise in

Stezring, Bruneck und

Schlanders. Natürlich war ich damals besonders

stolz, an seiner Seite dieses verantwortungsvolle

Amt ausüben zu dürfen.

Bei solchen und ähnlichen Gelegenheiten

KulturFenster

39 03/Juni 2021


persönlich

Der spätere Verbandskapellmeister Gottfried Veit besuchte im Jahre 1959 einen Kapellmeisterlehrgang mit Sepp Thaler (links im Bild)

in Sterzing.


Es gelang ihm wie kaum einem anderen

nicht nur mit seinen Fachkollegen,

sondern auch mit vollkommen

unbekannten Menschen urplötzlich


ein angeregtes Gespräch zu führen.

Gottfried Veit

kam seine „Vaterfigur“ besonders deutlich

zum Tragen, denn er war den Musikkapellen

und ihren Dirigenten gegenüber immer

äußerst entgegenkommend. Man könnte

sagen: Seine Kritik war nie verletzend, sondern

ausnahmslos aufbauender Natur!

In den frühen Siebzigerjahren hatte ich

einmal die Ehre, im Auftrag des VSM gemeinsam

mit Sepp Thaler, einen Dirigentenkongress

des Schweizerischen Blasmusikverbandes

zu besuchen. Besonders

interessant war für uns dabei, dass namhafte

Schweizer Komponisten, wie beispielsweise

Paul Huber, Robert Blum, Jean Daetwyler,

Albert Benz, Jean Balissat u.a.m.

eigene Werke mit hervorragenden Blasorchestern

öffentlich einstudierten. Wie so oft,

kam bei dieser Gelegenheit Sepp Thalers

Kontaktfreudigkeit besonders zum Leuchten.

Es gelang ihm z. B. wie kaum einem

anderen nicht nur mit seinen Fachkollegen,

sondern auch mit vollkommen unbekannten

Menschen urplötzlich ein angeregtes Gespräch

zu führen. Seine Redefreudigkeit

ging daher nicht selten so weit, dass er

eine große Tischgemeinschaft mit seinen

kurzweiligen Geschichten nicht nur köstlich

unterhalten, sondern sogar vollkommen

in den Bann ziehen konnte.

Seine Redebegabung kam Sepp Thaler natürlich

auch als VSM-Kapellmeister immer

wieder zugute. Als Vorsitzender der Musikkommission,

in der auch ich jahrzehntelang

mitarbeitete, sorgte er beispielsweise stets

für ein „hervorragendes Betriebsklima“.

Es gelang ihm z. B. kinderleicht, bei etwas

angespannteren Themen den sogenannten

„Gordischen Knoten“ fast spielend

zu lösen.

In den 15 Jahren, in denen ich Leiter der

Musikschule Auer war, habe ich mich unzählige

Male mit Sepp Thaler getroffen.

Dieser Gedankenaustausch fand nicht selten

bei einem guten Glas Rotwein beim

nahegelegenen „Turmwirt“ statt. In dieser

lockeren Atmosphäre ist mir wiederholte

Male aufgefallen, dass Sepp Thaler trotz

seiner überaus starken Heimatverbundenheit

ein in jeder Hinsicht aufgeschlossener

und weltoffener Mensch war.

Dem Dorf Auer in vielfacher

Weise verbunden

Sepp Thaler übte Zeit seines Lebens den

Beruf eines Kaufmannes aus. Aufrichtig

wie er war, verbarg er aber niemals, dass

dies nur sein „Broterwerb“ sei. Seine geradezu

ansteckende Lebensfreude schöpfte

er eindeutig aus zwei besonderen Leidenschaften:

da war zum einen die alles

überstrahlende Leidenschaft zur Musik,

aber zum anderen auch die spezielle

Leidenschaft zum Kartenspiel. Das Kartenspiel

begleitete Sepp Thaler von seiner

Jugend an bis ins hohe Alter. Jahrzehntelang

traf er - pünktlich um 17.00

Uhr - sein „Quartett“ von Kartenspielern

im Gasthaus „Zur Rose“. Dort entstand

auch sein gleichermaßen bekanntes wie

beliebtes „Perlågger-Lied“ für Männerchor,

das mit folgendem Text beginnt:

„Im Wirtshaus zur Rosn, ganz gleim bei

der Stråß“.

Für die Gemeinde Auer, seinem Geburtsort,

war Sepp Thaler ohne Zweifel ein Segen.

Nahezu sein ganzes Leben lang dirigierte

er die Musikkapelle von Auer und

ebenso lange leitete er den dortigen Kirchenchor,

war rund um die Uhr als Organist

im Einsatz und erreichte u. a. die

Errichtung einer eigenen Musikschule in

KulturFenster

40 03/Juni 2021


Blasmusik

seinem Heimatort. Als langjähriger Leiter

der Musikschule Auer konnte ich bei vielfältigsten

Gelegenheiten feststellen, welch

hohen Stellenwert die Musikschule Auer

im Herzen Sepp Thalers besaß. Er fehlte

bei keiner Veranstaltung dieser Institution

und zeigte seine Begeisterung über

elementarste Musikerziehung in gleicher

Weise wie über künstlerische Hochleistungen.

Auszeichnungen

Die Gemeindeverwaltung von Auer bedankte

sich bei Sepp Thaler für seinen

uneigennützigen Einsatz in mehrfacher

Weise: Zu Lebzeiten wurde er zum Ehrenbürger

der Gemeinde Auer ernannt.

Nach seinem Tode wurde in Auer einerseits

eine Gedenktafel an seinem Wohnhaus

angebracht, andererseits ein Weg

im Dorfzentrum nach ihm benannt. Nicht

zuletzt erhielt die dortige Musikschule die

Bezeichnung „Musikschule Sepp Thaler“.

Natürlich hat das Wirken Sepp Thalers

die Grenzen seiner Heimatgemeinde unendlich

weit überschritten. Seine Wertschätzung

im eigenen Land und darüber

hinaus dokumentieren eindeutig

seine zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen.

Sepp Thaler gratuliert Gottfried Veit, der mit der Musikkapelle Zwölfmalgreien sein Hauptwerk

„Die Etsch“ im Meraner Kursaal (vermutlich in den 70er Jahren im Rahmen eines

Landesmusikfestes) zur Aufführung brachte.

Von diesen nennen wir hier nur Folgende:

➤ Walther-von-der-Vogelweide-Preis

➤ Verdienstkreuz des Landes Tirol

➤ Verdienststern des Verbandes Südtiroler

Musikkapellen

➤ Goldenes Verdienstkreuz des Österreichischen

Blasmusikverbandes

➤ Goldene Fördermedaille des Allgäu-

Schwäbischen Musikbundes

➤ Bundesverdienstmedaille in Gold des

Blasmusikverbandes Baden-Württemberg

➤ Ernennung zum Ehrenkapellmeister des

Verbandes Südtiroler Musikkapellen

Bibliographie: Literatur über Leben und Werk Sepp Thalers

- „Sepp Thaler“ von Fritz Thelen in „Der deutsche Volksmusiker“ 11 (1959)

- „Kurzes Lebensbild des Komponisten und Kapellmeisters der Südtiroler Musikkapellen Sepp Thaler“ von Hermann Freybott, in „Allgemeine Volksmusikzeitung“

15 (1965)

- „Der Preisträger Sepp Thaler“ von Otto Ulf, Laudatio zur Verleihung des Walther-von-der-Vogelweide-Preises in „Der Schlern“ 43 (1969)

- „Sepp Thaler – seine Bedeutung als Verbandskapellmeister“ von Gottfried Veit in „Tiroler Volkskultur“ 34 (1982)

- „Sepp Thalers Rang in der Südtiroler Musikszene“ von Karl H. Vigl in Tageszeitung „Dolomiten“ Nr. 131 (1982)

- „Dem Musiker Sepp Thaler zum Gedenken“ von Heinrich Lona in Tageszeitung „Dolomiten“ Nr. 132 (1982)

- Sepp Thaler „Humor im Unterland“ von Josef Fontana und Gottfried Veit, Verlagsanstalt Athesia-Bozen (1984)

- „Sepp Thaler“ in „Blasmusik aus Tirol“, Verzeichnis der Komponisten und ihrer Werke, zusammengestellt von Gottfried Veit, Florian Pedarnig und Klaus Bragagna,

FF-Verlag Bozen (1985)

- „Sepp Thaler: Leben und Werk eines Blasmusikpioniers“ von Gottfried Veit in Mitteilungen der IGEB Nr. 17 (1985)

- „Leben und Werk Sepp Thalers“ Laudatio von Gottfried Veit in „Tiroler Volkskultur“ (November 1992)

- Sepp Thaler (1901-1982) „Ein Leben für Musik und Heimat“, Sonderdruck „Der Schlern“ 66. Jahrgang, Heft 10, Verlagsanstalt Athesia-Bozen. Darin: A) Heinrich

Lona: „Sepp Thalers Leben – ein Rückblick“, B) Gottfried Veit: „Das Werk Sepp Thalers“, C) Klaus Bragagna: „Sepp Thaler – Verbandskapellmeister zwischen

Tradition und Erneuerung“, D) Wolfgang Suppan: „Sepp Thaler – und die Blasmusik“, E) Siegfried Tappeiner: „Sepp Thaler und das Chorwesen“ (1992)

- „Sepp Thaler“ in „Das Neue Lexikon des Blasmusikwesens“ von Wolfgang und Armin Suppan (4. Auflage des „Lexikon des Blasmusikwesens“), Blasmusikverlag

Schulz GMBH (1994)

- „Sepp Thaler“ in „Blasmusik im Überblick“ von Georg Ried, Druck und Verlag Hans Obermayer GmbH (DVO) (1998)

- „Sepp Thaler, Leben und Werk eines Südtiroler Komponisten“, Monographie: Diplomarbeit mit Werkverzeichnis von Wolfgang Kostner, Innsbruck (1999)

- „Sepp Thaler“ Artikel in „Dizionario della musica italiana per banda“ von Mario Anese, Stampa: Grafital-Torre Boldone (BG) (2004)

- „Die Männerchorlieder von Sepp Thaler“ von Gottfried Veit, Artikel in der Festschrift „100 Jahre Männergesangsverein Kurtatsch“, Druck: Athesia-Bozen (2006)

- „Sepp Thaler“ Artikel in „Blasmusik in Tirol“ Verzeichnis der Komponisten und ihrer Werke von Gottfried Veit und Friedrich Weyermüller. Hutter-Druck, St.

Johann i. T. (2007)

- „Sieben Stationen im Leben Sepp Thalers – Ein Bilderbuch, aufgeschlagen von Gottfried Veit“ in „Der Schlern“ 81, Heft 9, Verlagsanstalt Athesia-Bozen (2007)

- „Die Kirchenmusik und die Kirchenmusiker Südtirols“, Sepp Thaler in „Musikgeschichte Tirols III. 20. Jahrhundert“ herausgegeben von Kurt Drexel und Monika

Fink, Schlern-Schriften - 344, Wagner, Innsbruck (2008)

KulturFenster

41 03/Juni 2021


komponiert

Manche Komponisten haben faszinierende

Werke geschaffen, bei deren Hören ich mich

immer noch frage, woher sie ihre Schaffenskraft

und ihre Einfälle beziehen. Beschäftigt

man sich mit dieser Materie, wird

klar, dass man neben guten Ideen auch das

Handwerk dazu beherrschen muss. Beides

ist für das Komponieren notwendig, damit

man auch das ausdrücken kann, was man

sagen möchte, ähnlich der Sprache.

Komponieren ist für mich ein sehr spannendes

Feld, welches ständige Herausforderungen

in allen Bereichen mit sich

bringt und vor allem

eins zum Ziel hat:

Musik zu schreiben,

die berührt.

Vivat Athesis!

Eine Hommage an das Land an der Etsch



Musik höre ich, seit ich denken

kann – sie begleitet mich seit frühester

Kindheit.

Hans Finatzer

Die Musikgeschichte brachte ein Füllhorn

an mehr oder weniger genialen Komponisten

und entsprechende Werke hervor,

als dass man überhaupt selbst zur Feder

greifen müsste. So dachte ich mir das bei

meinen kleineren Werken auch immer, bis

ich 2010 zur Musikkapelle St. Pauls kam.

Die Paulsner sind voller Lebenslust, voller

Feierlaune, aber auch streng traditionsbewusst.

Musikanten – und von ihnen kenne

ich durch meinen Beruf wahrlich viele –

haben mehr oder weniger überall diese

noblen Eigenschaften, doch bewog mich

der Umstand, der damals für mich neuen

Kapelle eine kleine Hommage zu schreiben.

Bis dahin nichts Ungewöhnliches, jedoch

änderte sich 2010 einiges in meinem Leben

als Komponist. Da ich selbstbewusst

verheißen hatte, einen Konzertmarsch zu

schreiben, blieb mir nichts anderes übrig,

als dies auch zu tun. Gesagt, getan: Aber

wie soll man bitte einen Konzertmarsch

schreiben – von denen gibt es viele und

schöne auch – der nicht klingt wie schon

unzählige andere vorher, der innovativ

klingt, ohne die Grenzen zu sprengen, und

dabei noch gut ankommt? Einige Skizzen,

die bereits bis zum Trio reichten,

verwarf ich nach vielen Stunden Arbeit

aus Verzweiflung wieder. Dann

kam der entscheidende Moment: An

einem langen Winterabend fielen mir

nach und nach die schönsten Melodien

ein, die auch zueinander passten;

unwirklich, fast aus Geisterhand, schrieb

ich die Phrasen nieder.

Von der Etsch inspiriert

Dabei inspirierte mich nicht etwa

ein bestimmtes Thema, wie in

der Programmmusik üblich, sondern

vielmehr ist es der Lauf

der Etsch, der unser schönes

Land vom Reschen bis

zur Salurner Klause über

Jahrtausende formte und

der mich beeindruckte.

Freilich kann man in eine

4-minütige Marschform

nicht all das hineinpacken.

Aber der Grundgedanke war

es eben, der neuen Kapelle zum musikalischen

Einstand einen schönen Konzertmarsch

auf den Leib zu schneidern – äh,

zu komponieren.

Der Erfolg und die Rückmeldung des Publikums

waren groß, so groß, dass ich – ermutigt

von einigen Kollegen – mehrere Verlage

für die Veröffentlichung anschrieb. Nach kurzer

Zeit meldete sich der „Rundel“-Verlag

und nahm mich kurzerhand unter Vertrag.

Das ehrte mich sehr und verwunderte mich

gleichzeitig, umso mehr, als Frau Rundel mir

bei einem Kaffee zuflüsterte: „Wir bekommen

dutzende Anfragen in der Woche…“

Ob dieser Aussage war meine Freude natürlich

noch größer. Seitdem der Marsch in

Druck ging, wird „Vivat Athesis“ in vielen

Ländern mit Erfolg vertrieben.



Eigentlich wollte ich nicht auch noch

komponieren

Hans Finatzer

Nach einigen kammermusikalischen Werken,

welche etwa im „Köbl“-Verlag in München

publiziert wurden, schrieb ich wiederum

Konzertmärsche, so zum Beispiel für

die 200-Jahr-Jubiläen der Musikkapellen

Lengmoos und Partschins – beides Auftragskompositionen.

Auch die Brassband

„Überetsch“ spielte 2018 zu ihrem zehnjährigen

Bestandsjubiläum eine Uraufführung

aus meiner Feder. 2019 folgte eine

Konzertpolka mit dem Namen „Platzlpolka“

für großes Blasorchester, welche

demnächst beim neugegründeten Musikverlag

„Südtirol MVS“ erscheinen wird.

Aktuell arbeite ich an mehreren blasmusikalischen

Werken. Neuerdings wende ich

mich vermehrt auch der konzertanten Literatur

zu, welche ein neues, sehr interessantes

Feld für mich ist.

Nur so komme ich zu dem Punkt, an dem

ich ein Gefühl oder eine musikalische Idee

in Musik kleide, welche gut klingt, gut

spielbar ist, und welche vor allem berührt.

Hans Finatzer

www.finatzer.it



Ich arbeite ohne Zeitdruck und versuche

den richtigen Augenblick für

die passende Melodie zu finden.

Hans Finatzer

KulturFenster

42 03/Juni 2021


Blasmusik

Zur Person

Partitur

(Full Score)

Piccolo

Flöte

Oboe

Fagott

(Bassoon)

E Klarinette

B Klarinette 1

B Klarinette 2

B Klarinette 3

B Bassklarinette

E Altsax.

B Tenorsax.

E Baritonsax.

F Horn

F Horn

1

2

1

2

1

2

3

4

B Trompete 1

VIVAT ATHESIS

Gewidmet der Musikkapelle St. Pauls, Südtirol / Dedicated to the St. Pauls Concert Band, South Tyrol

Konzertmarsch•Concert March

2

3 4 5

à2

à2

à2

à2

Musik: Hans Finatzer

Arr.: Franz Gerstbrein

6

➤ 1973 in Bozen geboren, aufgewachsen in Truden im Naturpark

➤ 1985–1988 Mittelschulzeit mit Besuch des Konservatoriums „C. Monteverdi“ in Bozen

➤ 1986 Eintritt in die Musikkapelle Truden

➤ 1988–1991 Lehre mit Abschluss als Maschinenschlosser

➤ 1995 Konzertdiplom im Fach Posaune

➤ 1997–1999 Weiterbildung bei internationalen Meisterkursen

➤ 1995 Konzertreihe als Soloposaunist mit dem Haydnorchester von Bozen & Trient

➤ Fester Substitut des Haydnorchesters von 1995 bis 2008

➤ Mitglied verschiedener Orchester und Ensembles wie der Streicherakademie, Orchestra

Arturo Toscanini Parma, Brass Connection Tirol, Kapelle für neue Musik

„Windkraft“, Südtiroler Bläserensemble, Ensemble Clavituba

➤ Gründer und Dirigent der Brassband Überetsch, Südtiroler Jugendbrassband, Sonoro

Posaunenquartett, Young Brass Quintet, Cinquino Brass Quintett.

➤ Kapellmeistertätigkeiten seit 1993 in Kurtinig, Margreid, Auer, Truden, St. Pauls,

Terlan und bei der Stadtkapelle Bozen

➤ 2008–2009 Musikpädagogiklehrgang an der Fakultät für Bildungswissenschaften

Bozen/Brixen

➤ Tätigkeiten in der Landesmusikschuldirektion: Instrumentalpädagoge für Posaune/

Euphonium seit 1993, Landesfachgruppenleiter Blechblasinstrumente seit 2009,

Beauftragter der Leistungsabzeichen seit 2020, Direktorstellvertreter der Musikschule

Überetsch/Mittleres Etschtal, Mitglied des Landesfachbeirates „Prima la

Musica“ von 2010 bis 2015

➤ Jurorentätigkeit: Seit 2009 regelmäßiges Engagement als Juror und Koordinator in

diversen Bundesländern Österreichs, Leistungsabzeichen des VSM

➤ Verbandsjugendleiter im VSM seit 2019

➤ Kompositionen und Arrangements für Bläser, Brassband und Blasorchester

Werksverzeichnis:

B Trompete 2

B Trompete 3

C Posaune

(Trombone) 2

C Posaune

(Trombone)

B Flügelhorn

(B Cornet)

B Flügelhorn

(B Cornet)

B Tenorhorn

(Baritone)

C Bariton

(Euphonium)

1

3

4

1

2

1

C Bass

2

Schlagzeug

❋ Pauken und Mallets aus Platzgründen nicht in Partitur (separate Stimmen)

© Copyright 2013 by Musikverlag RUNDEL GmbH • D-88430 Rot an der Rot No. 2960

➤ 2006 Hymne der Südtiroler Weinbruderschaft

➤ 2007 „Jazzetüde“ für Bassposaune

➤ 2010 „Euphonium-Tenorhorn-Bariton“ Etüde/Pflichtstück Leistungsabzeichen

➤ 2011 Überetscher Adventsweise

➤ 2013 Konzertmarsch „Vivat Athesis“

(Musikverlag Rundel)

➤ 2014„AstateWeis“–Adventweise

➤ 2017 Eine kleine Weltreise – Suite

in 3 Sätzen für Posaunenquartett

(Verlag Köbl, München)

➤ 2018 Jubilate! - Jubiläumskonzertmarsch

für das 10-jährige Bestehen

der Brassband Überetsch

➤ 2018 Auftragskomposition „Altissimus“

anlässlich der 200-Jahr-

Feier der Musikkapelle Lengmoos

➤ 2018Auftragskomposition„Partschinser

Jubiläumsmarsch“ anlässlich

der 200-Jahr-Feier der

Musikkapelle Partschins

➤ 2019 „Platzlpolka“ – Konzertpolka

für großes Blasorchester

2021 „Florianis“ – Straßenmarsch

für Blasorchester

KulturFenster

43 03/Juni 2021


hinausgeblickt

Blasmusik

ONline

Seminare-Webinare-

Workshops

https://wiki.blasmusik.at/display/LS/

BlasmusikOnline

entdeckt

Üben mit Video- und

Tonaufnahme

Das Smartphone als nützlicher Übungspartner

Der Musiker Jürgen K. Groh empfiehlt,

beim Üben das Smartphone als „akustischen

Spiegel“ zu nutzen.

Niemand spricht so offen, direkt und schonungslos

mit uns wie der [akustische] Spiegel.

Brigitte Fuchs

(*1951, Schweizer Autorin und Lyrikerin)

Dieses, durch den Einschub des Adjektivs

„akustische” geänderte Zitat, soll Ihre Aufmerksamkeit

auf die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten

von Video- oder Tonaufnahmen

für zielgerichtetes Üben deutlich

machen. Denn heute legt uns die technologische

Welt etwas zu Füßen, wonach sich

früher professionelle Kamera- und Tonleute

alle zehn Finger geleckt hätten: unser

Smartphone. Stellen Sie es einfach vor

sich, vielleicht sogar mit einem preisgünstigen

flexiblen dreibeinigen Stativ, schauen

Sie, dass Sie im Bild sind und drücken Sie

auf den Aufnahmeknopf.

Die Aufnahme serviert Ihnen alle guten

Klänge und eventuell noch vorhandene

Schwachstellen auf einem Silbertablett

und Sie können sich sofort in einen feuilletonerfahrenen

Musikkritiker verwandeln,

der das Ganze als aufmerksamer und kritischer

Zuhörer „von außen” wahrnimmt.

Die Wahrnehmung spielt

oft Streiche

Denn im Moment des Spielens spielt Ihnen

Ihre Wahrnehmung oft Streiche: Abschnitte,

wo sie dachten, es würde schräg

klingen, stellen sich als ganz passabel oder

sogar gut heraus, genauso wie das eben

auch umgekehrt der Fall sein kann.

Ähnlich einer guten Köchin, die kein Gericht

hinausschickt, ohne es vorher gekostet

und abgeschmeckt zu haben, sollten

wir unser Spiel durchaus mehrmals in diesem

akustischen Spiegel betrachten, bevor

wir den Schritt auf die Bühne wagen.

Sehr erhellend ist oft, wenn wir einen zeitlichen

und emotionalen Abstand zu einer

Aufnahme haben und sie erst einige Tage

später anhören. Das kann zu neuen Erkenntnissen

führen und unter Umständen

sogar unser Selbstwertgefühl heben.

Musik ist eine sehr

persönliche Beschäftigung

mit uns selbst

Musik ist schließlich auch eine sehr persönliche

Beschäftigung mit uns selbst. Zu

wissen, wie man klingt und eine Vorstellung

zu entwickeln, wie man klingen will,

ist ein wichtiger Schritt in unserer musikalischen

Entwicklung. Und regelmäßiges

Aufnehmen stellt ein mächtiges Werkzeug

dafür da.

Eine solche Aufnahme bringt neben gut gelungen

Passagen zum Beispiel auch heikle

Übergänge, knifflige Rhythmen, klangliche

Ungenauigkeiten sowie ein noch zu

verbesserndes Ausschöpfen des musikalischen

Spektrums zutage. Im Schutz des

Übezimmers können wir durch die Aufnahme

unser Spiel unter die akustische

Lupe nehmen, auf Herz und Nieren prüfen

und dann verbessern.

Betrachten wir diese vielfältigen technischen

Aufnahmemöglichkeiten ruhig

als unser „Helferlein”, das dem Ingenieur

Daniel Düsentrieb in den Disney-Comics

des Zeichners Carl Barks immer treu zur

Seite stand und dem ungestümen Erfinder

oft aus der Patsche half. Und erinnern wir

uns an ein wiederum leicht abgewandeltes

Zitat des Komponisten George Bizet, dessen

Oper Carmen zu einem der größten

Erfolge der Operngeschichte wurde: „Die

zuverlässigsten Freunde sind die [akustischen]

Spiegel. Sie sehen alles und reden

nicht darüber.”

Jürgen K. Groh

Master of Arts, Dirigent, Moderator

und

Vizepräsident der WASBE-Sektion Deutschland

www. juergenkgroh.de

Hinweis der Redaktion: Dieser Beitrag wurde im

Fachmagazin für Blasmusik „brawoo“ veröffentlicht

(siehe Ausgabe Jänner/Februar 2021, S.38).

Wir bedanken uns beim Redakteur Klaus Härtel

und beim Autor Jürgen K. Groh für die freundliche

Genehmigung zum Nachdruck.

KulturFenster

44 03/Juni 2021


Blasmusik

7 Minuten Warm-up für

Blasorchester

Kostenlose Starthilfe für den Restart

von Kapellmeister Dietmar Rainer

„Es gibt ja eigentlich schon genügend

Einspielstücke auf dem Markt“, weiß

auch der Kapellmeister und Musikpädagoge

Dietmar Rainer. Mit seinen neuen

„7 Minuten Warm-ups für Blasorchester“

will er den Kapellmeister*innen und

Musiker*innen ein einfaches Arbeitsbuch

in die Hand geben. Auch weniger versierten

Musiker*innen können die relativ einfachen

Einheiten wiederholen und parallel

dazu werden die „Profis“ mehr gefordert.

Auch die Intonationsübung bietet neue

Möglichkeiten.

Die Partitur samt Einzelstimmen

ist kostenlos per Email erhältlich:

dietmar@toccata.info

Stephan Niederegger

Damit die Musik richtig „läuft“, gibt

es nützliche Tipps zum Warm-up von

Kapellmeister Dietmar Rainer.

Aus der Praxis – für die Praxis:

Das Einspielen im Blasorchester

Neues Einspielheft von Gottfried Veit

Der Anfang und die Einspielphase einer

Probe sind oft entscheidend für den weiteren

Verlauf und den Erfolg der Probe. Je

zielgerichteter der Probenbeginn gestaltet

wird, umso besser kann die Probenarbeit

gelingen.

Beim kürzlich stattgefundenen Online-

Treffpunkt „Musik“ hat Verbandskapellmeister

Meinhard Windisch den Verbandsobmann

Pepi Fauster und den

Musikprofessor Thomas Ludescher zu

einem Gespräch eingeladen. Dabei hat

Ludescher einmal mehr darauf hingewiesen,

dass sich ein einfacher Marsch

sehr gut zu Rhythmusübungen eignet,

sich Prozessionsmärsche für Phrasierungsübungen

anbieten und anhand von

Chorälen detailliert am Klang, Intonation,

Balance und Tonbildung gearbeitet werden

kann – ganz nach dem Motto: „Blasorchester,

die einen Choral gut spielen

können, beherrschen auch alle anderen

Musikstücke!“

Für Abwechslung beim Einspielen sorgt das

neue Einspielheft von Gottfried Veit.

Wesentlich dabei ist sicherlich, dass der

Probenbeginn abwechslungsreich bleibt

und nicht immer nach dem gleichen

Schema F abläuft. Wer spezielle Literatur

dazu sucht, wird schnell fündig – wohl

auch im eigenen Notenschrank.

Für die nötige Abwechslung sorgt nun

auch Gottfried Veit mit seiner neuesten

Publikation und gibt damit den

Kapellmeister*innen ein weiteres Arbeitsheft

in die Hand: „Das Einspielen

im Blasorchester“

In fünf B-Dur-Tonleitern (F bis DES) sowie

in C- und G-Dur und den jeweiligen parallelen

Moll-Tonarten werden rhythmische

und dynamische Übungen, Akkordzerlegungen

und Kadenzen angeboten, um

dieses musikalische Grundmaterial zu

festigen. Zu jeder Tonart folgt ein dazu

passender vierstimmiger Choral. Diese

14 Choräle sind sowohl im gesamten Orchester

als auch in verschiedenen Quartett-Besetzungen

spielbar und eignen sich

daher auch als Gebrauchsmusik zu feierlichen

und kirchlichen Anlässen.

Der vollständige Notensatz samt Partitur

und Direktionsstimme ist im TIROL Musikverlag

erschienen und im einschlägigen

Fachhandel erhältlich.

Stephan Niederegger

KulturFenster

45 03/Juni 2021


entdeckt

Die Konzertmeister-App

Clevere Terminplanung für Musikvereine,

Orchester und Chöre – Den Wildwuchs

an Kommunikationskanälen bändigen

WhatsApp oder Facebook-

Messenger und natürlich

E-Mails, um Nachrichten

zu versenden.

Genau diese Vielfalt ist es,

die sich dann auch in der

Terminkommunikation in

den Vereinen widerspiegelt.

Mit der steigenden Anzahl

an Kommunikationspartnern

wird dies aber zunehmend

mühsam und als Vereinsverantwortlicher

gerät

man schnell in eine unüberschaubare

Situation.

Um diesen Wildwuchs an

Kommunikationskanälen

zu bändigen und eine maßgeschneiderte

Lösung für

Blasorchester zur Verfügung

zu stellen, wurde

Konzertmeister entwickelt.

Sobald ein Termin erstellt wurde, werden

die eingeladenen Mitglieder über den neuen

Termin informiert. Mit nur einem Klick kann

ein Mitglied seine Rückmeldung abgeben.

„Was ist die größte organisatorische Herausforderung,

die man sich vorstellen kann? Einen

Termin mit mehr als zwei Musiker*nnen

zu koordinieren.“

Dieser weit verbreitete Scherz ist natürlich

überspitzt, hat aber durchaus einen wahren

Kern. Wo liegen aber die Probleme der

Terminkommunikation in einem Blasorchester?

In unserem digitalisierten Alltag stehen

uns sehr viele Kommunikationsmittel

zur Verfügung: Wir telefonieren, verwenden

SMS, verschiedene Dienste wie z.B.

Kommunikation

und gelungene

Terminplanung

im Blasorchester

Um zu veranschaulichen,

wie Konzertmeister die

Abstimmung von Terminen

und Anwesenheiten

in einem Verein einfach

und flexibel unterstützen

kann, wollen wir eine „Standardsituation“

betrachten, wie sie oftmals im Vereinsalltag

vorkommt:

Auftrittsanfrage und Spielfähigkeit:

Neben fixen, wiederkehrenden Auftritten

spielen auch individuelle Anfragen zu Auftritten

eine wichtige Rolle. Trifft eine Terminanfrage

ein, sollte natürlich im Idealfall

so bald wie möglich eine verlässliche

Rückmeldung möglich sein. Mit Konzertmeister

können Auftrittsanfragen schnell,

einfach und zielgerichtet gestellt werden:

In Echtzeit kann ein Überblick über die

Rückmeldungen im System gewonnen werden.

Um eine Antwort bis zu einem gewissen

Zeitpunkt sicherzustellen, kann eine

Rückmeldefrist hinterlegt werden:

KulturFenster

46 03/Juni 2021


Blasmusik

Proben und Anwesenheiten

Zur Auftrittsvorbereitung zählen natürlich

Proben, die geplant und durchgeführt werden

müssen. Hier ist es wichtig, genau

Bescheid zu wissen, wer wann anwesend

ist, um eine optimale Probenvorbereitung

sicherzustellen. Folgende Fragen spielen

dabei eine wichtige Rolle:

• Sind alle Register gut besetzt? Welche

Stücke oder Passagen kann ich sinnvoll

proben?

• Kommt ein wichtiger Musiker zu spät?

Sollte ich an der Reihenfolge der Stücke

in der Probe etwas anpassen?

Eltern an Bord

Um im Jugendorchester auch Kinder ohne

E-Mail-Adresse einbinden zu können, werden

sogenannte Unterkonten angeboten.

Das Elternteil kann mit seiner E-Mail-

Adresse ein Konto erstellen und dann für

die Kinder Unterkonten anlegen.

Einführung im Verein -

Registrierung und

Vereinserstellung

Besuche unsere Website https://konzertmeister.app

und klicke auf die Registrierungsschaltfläche.

Anschließend kannst

du kostenfrei ein Konzertmeister-Konto erstellen

und mit wenigen Klicks einen Verein

anlegen. In unserem Hilfe-Bereich auf

der Webseite findest du alle wichtigen Informationen.

Stefan Stift

Rabattcode einlösen!

REGISTRIERUNG

konzertmeister.app

HILFESEITE

konzertmeister.app

Als besonderes Angebot für alle Kapellen und Chöre in Südtirol gibt es bis Ende

2021 mit dem Rabattcode kmsuedtirol21 eine Ermäßigung von 20% bei der ersten

Abo-Bestellung. Dazu einfach in der Abo-Verwaltung beim Bestellvorgang den Rabattcode

eingeben und alle Vorteile genießen.

kurz notiert

Mit „Adagio“ zum Neubeginn

Sanfter Start der MK St. Lorenzen in die Proben- und Konzertsaison

Seit mehr als einem Jahr ist der Kulturbetrieb

fast lahmgelegt und damit stehen

auch seither die Musikkapellen in Südtirol

still. Mit den jüngsten Corona-Lockerungen

auf Staats- und Landesebene ist

ein sanfter Neubeginn der musikalischen

Tätigkeiten möglich. Dieses kleine Fenster

in Richtung Normalität will auch Kapellmeister

Jakob Augschöll mit der Musikkapelle

St. Lorenzen nützen. Einzelne

Musikant*innen und kleine Ensembles haben

immer wieder bei Gottesdiensten und

kirchlichen Feiern mitgewirkt. Der Kontakt

zur gesamten Kapelle konnte dank Online-

Medien trotzdem aufrechterhalten werden.

Nun waren die Musikant*innen zu einer

Übe-Herausforderung eingeladen, bei der

sie mit täglichen Proben zuhause Punkte

sammeln konnten. Gleichzeitig hat Kapellmeister

Augschöll das Konzertprogramm

für die bevorstehende Sommersaison zusammengestellt

und die einzelnen Noten

In drei Online-Treffen hat Kapellmeister Jakob Augschöll den Grundstein zum sanften Neubeginn

mit der Musikkapelle St. Lorenzen gelegt.

ausgeteilt. In drei Online-Treffen hat er

Tipps zum Üben gegeben und die einzelnen

Stücke mit Hörbeispielen und Hintergrundinformationen

vorgestellt. Mit Anfang

Juni soll nun die Probentätigkeit – vorerst

in Instrumentengruppen und Registern –

wieder aufgenommen werden: „Wir freuen

uns, bald wieder gemeinsam musizieren

und vor Publikum auftreten zu können!“

Stephan Niederegger

KulturFenster

47 03/Juni 2021


„Wie liegt die Stadt so wüst“

1945 schrieb der Dresdner Kreuzkantor Rudolf Mauersberger die ergreifende

Trauermotette „Wie liegt die Stadt so wüst“ unter dem Eindruck der gerade

zerstörten Stadt und dem Verlust einiger Chorknaben.

Im Bild: Die zerstörte Altstadt von Dresden nach den verheerenden Bombenangriffen

im Februar 1945.

KulturFenster

48 02/April 2021


hervorgehoben

Auf Krisen antworten

Katastrophen und Krisen prägen die Menschheitsgeschichte.

Chormusik hat schon immer darauf reagiert, dem Unfassbaren Ausdruck

verliehen oder Trost gespendet – ein historischer Überblick

Wie kann ein Mensch Situationen überstehen,

die schon in der Vorstellung kaum

aushaltbar sind? „Sie mussten sich bäuchlings

auf die Leichen der Ermordeten legen

und auf die Schüsse warten, die von oben

kamen. Dann kam die nächste Gruppe. 36

Stunden lang kamen Juden und starben“, erinnert

sich Dina Pronitschewa. Wie durch

ein Wunder hatte sie das Massaker vor 80

Jahren in der Schlucht Babi Jar bei Kiew

überlebt.

Zwei Jahrzehnte nach der Massenexekution

von 33.771 jüdischen Menschen im

September 1941 durch die Wehrmacht

und SS bezieht kann sich Dmitri Schostakowitsch

in seiner 13. Sinfonie auf dieses

Ereignis. In diesem düster-beklemmenden

Opus kommen Singstimmen – ein Bass

und ein meist einstimmiger Männerchor

– zum Einsatz. Anlass gaben Schostakowitsch

das 1961 veröffentlichte Gedicht

„Babi Jar“ und weitere Werke von Jewgeni

Jewtuschenko. Dieser stellte das Massaker

in den Kontext jahrtausendealter Judenfeindschaft,

spannte einen Bogen vom

Auszug aus Ägypten über Anne Frank bis

zum aktuell gelebten Antisemitismus in der

Sowjetunion. Über alle fünf Sätze hinweg

lässt sich Schostakowitschs Sinfonie als

ein Trauma hören. Gleichzeitig will diese

Musik trösten und Kraft geben, mit dem

Unfassbaren zu leben.

Schicksale im

gesellschaftlichen

Ausnahmezustand

Seit jeher prägen Kriege, Konflikte, Pandemien,

klimatische Veränderungen und

andere Nöte die Menschheitsgeschichte.

Einerseits geht es um Ausnahmezustände

von gesellschaftlicher Tragweite, andererseits

stets um persönliche Schicksale. In

Krisen und Katastrophen wächst die Bedeutung

von Geben und Nehmen. Dies schließt

Jan Brueghel d. Ä. (1568–1625): „Triumph des Todes“ (Ausschnitt), 1597.

Kunst und Musik ein und führt immer wieder

zu der Frage, inwieweit deren Autonomie

und Zweckfreiheit aufrechtzuerhalten

sind. Komponisten reagieren, unmittelbar

oder mit Abstand, mit ihren Werken verschiedenster

Gattungen auf konkrete Ereignisse.

Damit geben sie der Gesellschaft und

jedem Betroffenen etwas zurück.

Der „schwarze Tod“ durch die Pest war

im Mittelalter gegenwärtig. Allein im

14. Jahrhundert forderten Pestwellen

schätzungsweise 25 Millionen Menschenleben,

ca. 7 Prozent der Weltbevölkerung.

Guillaume de Machaut, einer der größten

Dichter und Komponisten jener Zeit, hat

mit der „Messe de nostre dame“ wohl das

älteste Werk der Musikgeschichte hinterlassen,

dessen Autorschaft gesichert ist:

eine Vertonung des Ordinarium Missae,

die den Beginn der Mehrstimmigkeit markiert

und deren Dissonanzen damalige Ohren

tief verstört haben dürften. Womöglich

wollte der Franzose Machaut, der die

Pest selbst erlebt hatte, den Zustand von

Körper und Seele musikalisch zum Ausdruck

bringen.

Heutige Umstände machen

alte Werke wieder aktuell

Die Corona-Pandemie führt erneut bei

vielen Menschen zu Verunsicherung und

Angst. Alte Werke und die Umstände ihrer

einstigen Darbietung werden aktuell.

Ein Beispiel ist Orazio Benevolis „Missa

in Angustia Restilentiae“ für vier vierstimmige

Chöre und Basso continuo – eine eindringlich

formulierte Bitte um die Gnade

Gottes. Bei ihrer Uraufführung 1656, als in

Rom wieder die Pest grassierte, wurde die

Missa hinter verschlossenen Türen nur für

den Papst und einige Begleiter gesungen.

Im 19. Jahrhundert wütete vielerorts in

Deutschland die Cholera. Fanny Hensel

geb. Mendelssohn Bartholdy verlor in Berlin

1831 Freunde und Bekannte. Im Alter

von 26 Jahren schrieb sie das halbstündige

chorsinfonische Werk „Cantate für

die Toten der Cholera-Epidemie 1831“.

Der Chor ist bis 8-stimmig aufgefächert,

dem Instrumentalapparat gehören 3 Posaunen

an. Klassische Vokalpolyphonie

umgibt biblisches Wort mit einer archai-

KulturFenster

49

02/April 2021


hervorgehoben

Fresko in St. Prokulus – Naturns (ca. um 1490) im Chorraum mit Darstellung von Christus und Maria als Beschützer vor den Pfeilen

der Pest.

schen Aura. Als Frau, zudem Schwester

des ehrgeizigen Felix und Tochter eines

konservativen Vaters, war Fanny Hensel

ein Durchbruch als Komponistin zu Lebzeiten

nicht vergönnt. Ihre „Cholera-Kantate“

erlebte erst 1984 ihre Uraufführung.

Auch die Spanische Grippe, die Ende des

Ersten Weltkriegs 1918 ausbrach und weltweit

zig Millionen Menschen das Leben

kostete, hinterließ Spuren in der Musikgeschichte,

so Karol Szymanowskis Oper

„König Roger“ – uraufgeführt 1926. Die

Musik ist ein einziger Rausch, greifbare

Ekstase, Ausnahmezustand – etwa in Gestalt

eines riesigen Chores. Das Drama, das

von Erleuchtung handelt und wo eine geordnete

Welt aus den Fugen gerät, „stand

mir in einer schlaflosen Spanische-Grippe-

Nacht plötzlich vor Augen“, so der polnische

Komponist, der selbst erkrankt war.

Das verheerende Erdbeben von Lissabon

1755 veranlasste Georg Philipp Telemann,

ein geistliches Oratorium zu schreiben, das

als „Donnerode“ bekannt und eine seiner

zu Lebzeiten meistaufgeführten Musiken

wurde. Naturgewalt und Gottes Macht prallen

in diesem empfindsamen Opus aufeinander.

Harsche Kontraste, schmetternde

Trompeten, Paukensoli und Arien, die ohne

Da-capo-Teil auskommen, drücken das

fluchtartige, dramatische Geschehen aus.

Ein „Trotz allem“ nach

Verheerungen des Krieges

Neben solchen Naturkatastrophen, Epidemien

und Pandemien waren es immer

wieder bewaffnete Konflikte, unter deren

Einfluss oder in deren Folge Komponisten

Großes leisteten. Das imposanteste Beispiel

aus frühbarocker Zeit ist die „Geistliche

Chor-Music 1648“. Heinrich Schütz

hatte diese dank ihrer meisterhaften Verschmelzung

von Wort und Ton bedeutendste

Motettensammlung des Jahrhunderts

Ende des Dreißigjährigen Krieges

veröffentlicht. Es mag Koinzidenz sein,

immerhin reicht die Entstehungszeit mancher

der 29 Motetten Jahrzehnte zurück,

doch wohnt dem Erscheinen der Sammlung

ausgerechnet im ersehnten Friedensjahr

1648 eine starke Symbolik inne: Es

war ein „Trotz alldem“, eine Demonstration

der tröstenden, aufbauenden Wirkung

von Musik – nicht zuletzt für Schütz persönlich,

dessen Leben früh von Schicksalsschlägen

getroffen wurde.

Arnold Schönbergs achtstimmige Motette

„Friede auf Erden“ vermochte sich 1907

nicht als Verheißung zu offenbaren – 40

Jahre später sollte sich Schönberg mit dem

Melodram „Ein Überlebender aus Warschau“

zum Völkermord an den Juden positionieren.

Beide Weltkriege sorgten mit

dem unfassbaren Leid, das sie auslösten,

für musikhistorische Zäsuren, Sinnkrisen,

grundlegende Stilwandel und brachten eine

Vielzahl an Werken hervor. Diese entstanden

entweder in unmittelbarer Folge oder

mit zeitlicher Verzögerung, um dann anhaltende

Konflikte aufzugreifen wie den

Antisemitismus in Schostakowitschs 13.

Sinfonie.

Es gibt ein umfangreiches Verzeichnis an

Kompositionen von 1914 bis in die frühen

1930er-Jahre, in denen ein Bezug zum

Ersten Weltkrieg erkennbar ist. Die Liste

der Werke, die sich auf den Zweiten Weltkrieg

beziehen, dürfte noch umfangreicher

sein. Hier nur drei weitere Beispiele: Kar-

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50 02/April 2021


Chorwesen

freitag 1945 schrieb der Dresdner Kreuzkantor

Rudolf Mauersberger die ergreifende

Trauermotette „Wie liegt die Stadt

so wüst“ unter dem Eindruck der gerade

zerstörten Stadt und dem Verlust einiger

Chorknaben. Der betagte Richard Strauss

schuf in jenen Tagen die Metamorphosen

für 23 Solostreicher – ein Spätwerk, das

symbolisch für Vernichtung, Vereinzelung

und Abschluss einer Epoche steht. Karl

Amadeus Hartmann verfasste die mit Zitaten

aus klassischer Musik und jüdischem

Leben gespickte Klaviersonate „27. April

1945“ – „die wohl rascheste Antwort … für

humanistisches, engagiertes und expressives

Komponieren“ (Hans-Werner Heister).

Die erinnernde und verarbeitende Beschäftigung

mit dem Zweiten Weltkrieg und Holocaust

schlägt sich in zahlreichen Partituren

nieder. Exemplarisch steht dafür das

gesamte Schaffen des gebürtigen Leipzigers

Herman Berlinski, das sich mit jüdischer

Identität auseinandersetzt. Benjamin

Brittens „War Requiem“ wurde 1962

in der wiederaufgebauten Kathedrale von

Coventry uraufgeführt. Der Japaner Toshio

Hosokawa komponierte 1989 das Oratorium

„Voiceless Voice in Hiroshima“; überarbeitet

kam es 2001 in München zur Uraufführung.

Auch Luigi Nono („Ricorda

cosa ti hanno fatto in Auschwitz“, 1966)

und Krzysztof Penderecki („Kadisz“, 2009)

hielten die Erinnerung wach.

Menschengemachte

Katastrophen und

private Tragödien

Der Atombombenabwurf in Hiroshima. Der Japaner Toshio Hosokawa komponierte 1989

das Oratorium „Voiceless Voice in Hiroshima“; überarbeitet kam es 2001 in München

zur Uraufführung.

Andere menschengemachte Katastrophen

bewegten Komponisten, darunter

das Reaktorunglück von Tschernobyl oder

die Migrationen der Gegenwart. Der Franzose

Philippe Manoury mischte in seinem

„Lab.Oratorium“ Solisten- und Chorstimmen,

Live-Elektronik, Orchesterklänge und

Schauspielpartien, um den Flüchtlingen

dieser Welt eine Stimme zu geben. Damit

entwarf er „ein gesellschaftliches Ideal, in

dem niemand ausgegrenzt, aber auch keine

heile Welt vorgegaukelt wird“, schrieb Kritiker

Reinhard J. Brembeck nach der Uraufführung

durch das Gürzenich-Orchester

in Köln im Mai 2019.

Neben den unzähligen traurigen Anlässen

und Zuständen von gesellschaftlicher

Tragweite gibt es stillere, privatere. Johann

Sebastian Bach war davon geprägt. Seine

Stücke haben bis heute nichts von ihrer

geradezu universellen Ausstrahlung eingebüßt.

Die Psychoanalytikerin und Trauma-

Expertin Luise Reddemann hat Bachs Leben

und Wirken intensiver untersucht und

erfahren: „Ich habe mit einer Gruppe von

Therapeut*innen einen Tag mit der Kantate

‚Ich hatte viel Bekümmernis‘ verbracht. Für

einige war es ungewohnt, sich mit der Musik

von Bach zu beschäftigen. Aber nach

und nach waren doch alle von der Tiefe des

Ausdrucks von Kummer und Freude, Verzweiflung

und Trost ergriffen. … Bei einem

Seminar über Resilienz mit in der Palliativmedizin

tätigen KollegInnen waren wir manchmal

erschöpft und bekümmert. Einige Teile

Zur Person

der Kantate haben uns geholfen, uns wieder

als getragen und aufgehoben zu erleben.“

Bach – ein Universalhelfer in Krisensituationen?

Dem könnte so sein. Auf jeden

Fall ergänzt seine Musik den Kanon all der

Werke, die geschrieben wurden, um Menschen

auch in größter Not und Verzweiflung

aufzufangen, ihnen zu helfen, sie zu

trösten, zu kräftigen und hoffen zu lassen.

Freilich nur ein Bruchteil konnte hier zur

Sprache kommen.

Karsten Blüthgen

Der Beitrag erschien in „Chorzeit.

Das Vokalmagazin“, Ausgabe April 2021

Autor Karsten Blüthgen studierte zunächst Akustik, später Musikwissenschaft.

Nach beruflichen Anfängen als Ingenieur wandte er sich der Musik zu und ist

heute hauptsächlich auf diesem weiten Feld aktiv. Er übernahm Lehraufträge im

Bereich der Systematischen Musikwissenschaft in Leipzig

und Dresden, verfasst Texte für Konzertprogramme und

CD-Booklets.

Er verantwortet die Dramaturgie beim Festival Sandstein

und Musik und wirkt dramaturgisch bei den Internationalen

Schostakowitsch Tagen Gohrisch mit. Seine

Leidenschaft für Musikjournalismus offenbarte sich

1998 bei einem Konzert des Thomanerchors Leipzig

gemeinsam mit dem Jazzpianisten Joachim Kühn.

Heute schreibt Karsten Blüthgen für verschiedene Tageszeitungen,

Magazine und Fachzeitschriften. Neben

der Musik liebt der Lausitzer die Natur und den

Ausdauersport.

Foto-Copyright: Thomas Lehmann

KulturFenster 51

02/April 2021


Jung+

Stimmgewaltig

Foto vom Jahr 2019 bei der Veranstaltung

„Advent im Jugenddienst“

Sänger*innen:

27 junge und junggebliebene Sänger*innen

im Alter von 17 bis 39 Jahren

Unser Motto lautet:

Musik – neu – anders – jung – modern

– religiös

Wer sind wir, was macht uns aus? Was ist

unsere Motivation?

Wir sind eine motivierte Gruppe von Jugendlichen

und jungen Erwachsenen im

Unterland. Unsere Gemeinsamkeit: wir alle

glauben, singen oder musizieren gerne und

möchten unseren Glauben offen in die

Pfarrgemeinden bringen um weitere Menschen

damit anzustecken. Dabei sind Offenheit,

Gemeinschaft, Freude, Spaß und

Respekt grundlegende Werte, die bei uns

gelebt und nach außen getragen werden.

Begleitet

werden

wir als Chor

vom Jugenddienst

Unterland,

finanziell unterstützt von

der Bezirksgemeinschaft Überetsch

Unterland.

Wie kam es zur Gründung? Seit wann besteht

der Chor?

Gegründet wurde unser Chor „LautStork“

im Jahr 2016 als musikalisches Projekt vom

Verein Jugenddienst Unterland. Hintergrundgedanke

war und ist es heute noch,

jungen Menschen die Möglichkeit zu geben,

ihren Glauben zu leben, zu zeigen

und durch Musik und neuem Schwung

Gottesdienste und andere religiöse Feiern

mitzugestalten.

Was waren

unsere Highlights

in der Vergangenheit?

In den letzten fünf

Jahren gab es viele Highlights

bei unseren Proben und

Auftritten. Ein besonderes Highlight war sicherlich

die vom Jugenddienst Unterland

organisierte Jugendmesse „Rise up“ im

Jahr 2019 mit Lichtershow in der Pfarrkirche

von Branzoll. Aber auch der Auftritt

beim Festival „Cyrill Chill“ in Brixen sowie

die jeweiligen Abschlusskonzerte unseres

Chores gehören zu den Highlights der vergangenen

Jahre.

Was sind die Pläne für die Zukunft?

Auch in den nächsten Jahren möchten wir

unsere Motivation und unseren Schwung

beibehalten und besonders ab Herbst

KulturFenster

52 02April 2021


2021 wieder mit regelmäßigen Proben und

Auftritten starten. Einer unserer größeren

Auftritte wird wieder bei der zweiten Veranstaltung

der Jugendmesse mit Lichtershow

„Rise up“ im Jahr 2022 sein.

Wer kann bei uns mitmachen? Wie kann

man bei uns mitmachen?

Wir als Chor „LautStork“ sind offen für

alle, die sich gerne daran beteiligen möchten.

Mitmachen können bei uns alle Jugendlichen

und jungen Erwachsenen ab

14 Jahren, die gerne singen oder selbst

ein Instrument spielen. Die Teilnahme

ist freiwillig und ehrenamtlich, natürlich

sind wir aber froh, wenn Sänger*innen

regelmäßig beim Chor mitmachen. Uns

ist es sehr wichtig, als Gruppe gemeinsam

zu (zusammen)wachsen und voneinander

zu lernen.

SoniaKalser

Portrait der Chorleiterin

Ich bin Sonia Kalser, Grundschullehrerin

aus Aldein. Seit zwei Jahren

darf ich den Chor LautStork begleiten.

Musik ist meine Leidenschaft,

seit ich mit sechs Jahren zum ersten

Mal die Musikschule besuchte, und

ist bis heute mein täglicher Begleiter,

aus dem ich Kraft und Freude

schöpfen darf.

Aktuell wirke ich in verschiedenen

kleinen Ensembles, sowie einer

Band mit. Das Projekt Lautstork ist

eine besondere, aufregende Aufgabe

für mich.

Hiernoch zwei

Youtube-Links

zumProbehoren

:

Weihnachtsspecial 2020:

Der Landesjugenchor

https://www.youtube.com/

watch?v=hZ8L25dyi4I

Alles wird gut – ein Lied

geschrieben von den Mitgliedern

des Chores - 2021

https://www.youtube.com/

watch?v=VIrVd9Yg88E

KulturFenster

53 02April 2021


EigeneEmotionen ausdrucken

:

Die jungen Rapper Duzzq & LA

HipHop und Chorgesang schließen

sich nicht aus. Ivan Huber

und Johannes Aschbacher,

21 bzw. 18 Jahre alt, sind die

Rapper Duzzq und L.A und machen

HipHop Musik, singen

aber auch im Landesjugendchor

Südtirol.

Duzzq, der eigentlich Ivan

Huber heißt, macht seit seinem

8. Lebensjahr Musik:

„Mich hat immer schon die

Rhythmik an Songs fasziniert.

Also war das erste Instrument,

das ich gelernt habe,

Schlagzeug. Danach kamen

Gitarre und Klavier hinzu“,

sagt er. Duzzq studiert am Tiroler

Landeskonservatorium

in Innsbruck Gesang. Nebenbei

macht er mit seinem

Rap- und Produktionspartner

Johannes Aschbacher alias L.A Songs.

Ivan Huber erzählt, wie die beiden zum

HipHop gekommen sind: „HipHop/Rap

ist das Musikgenre, das uns beide seit

Jahren beschäftigt und auch beeinflusst.

Johannes und ich haben uns im Landesjugendchor

Südtirol kennengelernt, und so

kam das Thema HipHop/Rap rasch ins Gespräch.

Das Große Rap-Idol von Johannes

ist Travis Scott und mein Idol ist die Rap-

Legende Eminem. Da wir uns beide ausgehend

von unsren Rap-Idolen hauptsächlich

für die amerikanische Rapszene

interessieren, sind wir zum Entschluss gekommen,

selbst Musik zu produzieren.“

Dabei orientierten sich die Songs am amerikanischen

HipHop und Rap, sind aber

von Anfang bis Ende selbst erdacht und

komponiert. Das gilt für die Texte, Melodie,

Harmonie und die strukturierte Verbindung

der einzelnen musikalischen sowie

lyrischen Elemente. Hilfreich war da

auch, dass die beiden sich von Anfang an

gut verstanden und gut zusammenarbeiteten

und sich kreativ ergänzten – nicht nur

Leidenschaft in der Musik hat sich so entwickelt,

sondern eine „markante Freundschaft“,

wie Ivan Huber sagt.

Was HipHop und Rap

so toll macht…

„Das Schöne an der HipHop/Rap Musik ist

sicher die Umsetzung der selbstgeschriebenen

Texte. Wir schreiben unsere Texte

selbst und da wir MC‘s sind, werden unsere

Emotionen in Verbindung mit der Musik

verdeutlicht.“ MC bedeutet, dass „jedes

einzelne Wort auch wirklich so gemeint ist

und aus unserem Bauch frei und ehrlich

herausgeschrieben wird“, erklärt Ivan Huber.

„Was HipHop/Rap uns gibt, ist diese

Sicherheit und Leidenschaft auf einem

selbstproduzierten Beat unsere Gedanken

mit verschiedenen Gefühlen zu präsentieren.“

Die beiden Musiker haben bereits viel

Erfahrung in der Klassischen Musik und

sind von ihr sehr beeindruckt. Ivan Huber

betont, dass die Auseinandersetzung mit

musikalischen Themen aus der Klassik,

vor allem im Gesang, für ihn eine große Bereicherung

sei. „Wir probieren stets neue

Ideen aus für unsere Produktionen, so haben

wir auch Themen verarbeitet, die wir

aus der klassischen Stilrichtung entnommen

haben. Dazu gehören etwa auch Passagen

mit klassischem Gesang oder auch

kleine abgekupferte Melodien,

die wir ohne Probleme verarbeiten

konnten. Klassische

Musik und HipHop/Rap unterscheiden

sich sehr voneinander,

aber uns gelingt es

durch Kreativität eine Verbindung

herzustellen, die durchaus

Sinn ergibt.“

Den eigenen

Gefühlen Ausdruck

geben…

Evil Butteries

Dabei liegt die Faszination

des Raps wohl vor allem in

der Verbindung von Text und

Musik, was diese Musik so

geeignet macht für den Ausdruck

von eigenen Gedanken

und Gefühlen. Auch die Themen

von Duzzq & LA basieren

hauptsächlich auf selbsterlebten Situationen

und sind ihre ganz eigenen Gedanken.

Ihre neuste Produktion, die noch unveröffentlicht

ist, heißt „Evil Butterflies“. In

diesem Song geht es um Situationen von

früher und auch heute, die für die beiden

schwer zu verkraften waren, wie zum Beispiel

Mobbing. „Vor allem möchten wir mit

diesem Song vermitteln, dass man nicht

jedem Menschen sofort Vertrauen schenken

soll, da er dich hintergehen könnte

(Evil) – auch wie sympathisch, klug oder

schön er dir vorkommt (Butterfly)“, erklärt

Duzzq. Duzzq & LA bekommen oft Rückmeldungen

zu ihrer Musik und „Ein positives

Feedback zu erhalten fühlt sich sehr

gut an. Wir bekommen aber auch manchmal

nicht so gute Meinungen gegenüber

unseren Produktionen, aber das hält uns

in keinster Weise ab weiter Musik zu produzieren.“

Ihr größtes Ziel sei es, mit ihren

Songs national und international bekannt

zu werden, auch wenn es sehr schwierig

sei, im heutigen Music Business aufmerskamkeit

zu erlangen.

https://www.youtube.com/

watch?v=Y9R7gJpzm3Y

KulturFenster

54

02April 2021


SCV-intern

Musikalische Aktionswoche für Grundschüler

der 2. bis 5. Klasse (Stand Schuljahr 2020/21)

Montag bis Freitag von 8.30 bis 12.30 Uhr

Musikschule Bruneck

12. - 16. Juli und 26. - 30. Juli

mit Franzisca Seiwald und

Sabrina Fraternali

Musikschule Seis

19. - 23. Juli

mit Renate Unterthiner und

Viktoria Erlacher

Kulturhaus Villnöß

19. - 23. Juli

mit Sonja Profanter und

Hanna Portner

Musikschule Vintl

9. - 13. August

mit Renate Unterthiner und Ingrid Wieser

Musikschule Meran

16. - 20. August

mit Isabella Stricker und Elisa Vieider

Weitere Informationen unter:

info@scv.bz.it

t. 0471/971833

f. 0471/303862

Kursprogramm 2021

Fr. 2. – So. 4. Juli

Workshop für Chorleiter*innen im Kolpinghaus Bozen

Zielgruppe: Neueinsteiger*innen und

erfahrene Chorleiter*innen

Leitung: Jan Scheerer

So. 1. – Fr. 6. August

Seminar für ChorleiterInnen in Dietenheim

Zielgruppe: Neueinsteiger*innen und erfahrene

Chorleiter*innen

Leitung: Nataliya Lukina

Sa. 28. August – Sa. 4. September

Musical Fever Plus im Priesterseminar Brixen

Zielgruppe: Jugendliche von 16 bis 25 Jahren

Leitung: Stephen Lloyd

Fr. 1. Oktober

Seminar „Wie man Stimmen zum Klingen bringt!“

im Kolpinghaus Bozen

Zielgruppe: Pädagogen*innen und Chorleiter*innen

Leitung: Veronica Bertsch

Sa. 2. Oktober

„Let‘s sing – let‘s swing – let‘s groove” Pop & Chor

im Kolpinghaus Bozen

Zielgruppe: Chorsänger*innen und Chorleiter*innen

Leitung: Veronica Bertsch

Sa. 9. Oktober

Seminar für Kinderchorleiter/innen im Kolpinghaus Bozen

Zielgruppe: Chorleiter*innen und Lehrer*innen für Kinder im

Grund- und Mittelschulalter

Leitung: Yoshihisha Matthias Kinoshita

Sa. 16. Oktober

Singtag für Chorsänger*innen 50+ im Kolpinghaus Bozen

Zielgruppe: Chorsänger*innen 50+

Leitung: Edgar Wolf

info@scv.bz.it

t. 0471/971833

KulturFenster

55 02/April 2021


SCV-Intern

Unser Lieblingslied

Erfolgreiches Online-Konzert

Konzertfeeling in Corona-Zeiten: Bei einem

YouTube-Konzert unter dem Motto „Mein

Lieblingslied“ konnten sich am Abend des

24. April rund 720 Zuhörer und Zuhörerinnen

wieder an die Zeiten vor Corona erinnern.

Die Idee zum Online-Konzert auf YouTube

ist sehr gut bei den Chören im Lande angekommen.

Über 40 Chöre nahmen an diesem

Online-Konzertabend teil und haben

einen Betrag eingesandt. Die Aufnahmen

sind mehrheitlich vor der Corona-Pandemie

entstanden. Die „Lieblingslieder“ erinnerten

an wundervolle Konzerte, an gemeinsame

Erlebnisse, an Chorreisen, an

Messgestaltungen oder einfach an inspirierende

Chorproben in einer schönen Gemeinschaft.

Die Idee zu diesem Konzert hatte der Bezirksausschuss

Bozen. Bezirksobmann

Josef Vieider: „Wir haben uns lange ohnmächtig

gefühlt, weil wir nicht so recht wussten,

wie wir unsere Chöre „bei Laune“ halten

könnten. Dann ist die Idee zu einem Online-

Konzert geboren mit Liedern, die aus der

Zeit stammten, wo das gemeinsame Singen

noch möglich war. Damit sollte die Erinne-


Niemals zuvor gab es bei uns ein

Chorkonzert mit so vielen beteiligten

Chören und niemals gab es bei unseren

Konzerten so viele Zuhörer“,


betont Josef Vieider

Josef Vieider

rung an angenehme Stunden wachgerufen

werden. Daraus haben wir schnell den Titel

„Unser Lieblingslied“ abgeleitet.“ Zunächst

wollte der Bezirksausschuss das Konzert auf

Bezirksebene organisieren. SCV-Geschäftsführer

Dietmar Thanei war von der Initiative

sofort begeistert und hat den Vorschlag gemacht,

alle Chöre des Landes zum Mitmachen

einzuladen. „Im Nachhinein war das

eine goldrichtige Entscheidung. Niemals zu-

KulturFenster

56 02/April 2021


Chorwesen

vor gab es bei uns ein Chorkonzert mit so vielen beteiligten

Chören und niemals gab es bei unseren Konzerten

so viele Zuhörer“, betont Josef Vieider. Dietmar Thanei

unterlegte das Konzert mit passenden Aufnahmen von

den Chören. Die Bilder beim Konzert gaben einen interessanten

Einblick in das Chor-Geschehen, in die Umgebung

und in die Kirchen der teilnehmenden Chöre.

„Ich habe viele positive Rückmeldungen bekommen.

Ich persönlich habe das Konzert so richtig genossen.

Auch der Zeitpunkt scheint gut angekommen zu sein.

Das ist als Motivationsschub kurz vor Beginn unserer

(zwar eingeschränkten) Tätigkeit gerade recht gekommen“,

freut sich Josef Vieider. Das Video wurde auch

mehrere tausend Male angeklickt und zahlreich positiv

kommentiert

Paul Bertagnolli

Sichere Chorproben in der Pandemie

Webinar mit Bernd Gänsbacher

Bei einem vom Südtiroler Chorverband organisierten

Webinar mit dem bekannten

Immunologen Bernd Gänsbacher konnten

die zahlreichen Interessierten Fragen

zum Thema Corona und Singen stellen.

Verbandsobmann Erich Deltedesco freute

sich in seinen Grußworten über die Möglichkeit,

dass sich die Sänger und Sängerinnen

mit ihren Fragen direkt an den

Experten wenden können. Verbandschorleiterin

Renate Unterthiner moderierte das

Seminar und verlas die bereits vorher eingeschickten

Fragen, auf die der Wissenschaftler

detailliert einging. Aber auch während

des Seminars gab es die Möglichkeit, Fragen

im Chat zu deponieren. Bernd Gänsbacher

zeigte sich als guter Wissensver-

mittler und erklärte den Teilnehmern und

Teilnehmerinnen auf interessante Weise,

wie das Coronavirus und die Impfung wirken.

Er betonte, dass die beste Möglichkeit

für ein sicheres Proben das regelmäßige

und wiederholte Testen sei. Nur vor

der Probe zu testen, sei zu wenig, da der

Antigentest nicht absolut sicher sei und

deshalb mindestens zweimal im Vorfeld

gemacht werden muss. Er betonte außerdem,

wie wichtig es sei, gut zu lüften. Jeder

Sänger und jede Sängerin müsse sich

im Klaren sein, dass das Singen auch im

Freien ein höheres Ansteckungsrisiko bedeute

als bloßes Sprechen. Umso mehr sei

es wichtig, dass jedes Chormitglied das Risiko

durch sicheres Verhalten minimiere.

Prof. Bernd Gänsbacher

KulturFenster

57 02/April 2021


komponiert

Harmonie und

Einfachheit

Die Komponistin

Annelies Oberschmied

Sie ist Sängerin, Stimmbildnerin, Musikschullehrerin, Komponistin, Organistin, Chorleiterin,

Begleiterin, Referentin, Autorin, Körpertherapeutin, Mutter: Annelies Oberschmied

aus Reischach, die heute in Telfs lebt, kennen viele Südtiroler Sänger und Sängerinnen

als Stimmbildnerin, vor allem aber auch haben viele schon ihre Lieder gesungen. Die

Liebe zum Singen und zur Musik entdeckte die Musikerin in der frühen Kindheit durch

das gemeinsame Singen zu Hause, erzählt die Komponistin.

Kulturfenster: Die Musik spielt in Ihrem

Leben eine zentrale Rolle, wie ist es dazu

gekommen?

Annelies Oberschmied: Mein Leben ist

schon seit der frühen Kindheit von Musik

umgeben. Die einfache Mehrstimmigkeit

der Volkslieder, gemeinsam gesungen

im familiären Umfeld, verbinde

ich mit Heimatgefühl. Heimatgefühle

habe ich in Nord- und Südtirol, dort wo

ich lebe und dort wo meine Wurzeln und

mein Arbeitsplatz sind. Die Orgel mit all

ihren Möglichkeiten und Klängen faszinierte

mich schon als 5-jähriges Mädchen

so stark, dass ich unbedingt dieses Instrument

erlernen wollte. Mit 12 Jahren

reichten zwar die Füße kaum an die Pedale,

aber das Können für die Begleitung

der Gemeindelieder im Gottesdienst. Dadurch

kam ich in Kontakt mit Chormusik,

mit Chorproben, wo ich auch schon

bald erste Erfahrungen als Korrepetitorin

und den Umgang mit gesungenen Harmonien

sammeln konnte.

KF: Wo lagen die Schwerpunkte in Ihrer

musikalischen Ausbildung?

Oberschmied: Die Leidenschaft zur Musik

hat mich zum Orgelstudium in Bozen

und später auch in Wien bewogen. Als Teil

des Kirchenmusikstudiums habe ich mich

unzählige Stunden mit dem Fach „kirchliche

Komposition“ beschäftigt. Ein neuer

Schwerpunkt in Wien wurde die Arbeit mit

der eigenen Stimme, zum einen im solistischen

Gesang und zum anderen in Verbindung

mit dem Chorleitungsstudium.

Die Faszination, Chorklang zu modellieren

oder selber Teil eines Chorklangkörpers

zu sein und die musikalischen und

emotionalen Sternstunden als Sopranistin

im Arnold Schönberg-Chor haben meine

Vorstellung von Klangidealen geprägt.

KF: Was bedeutet Ihnen Ihre Aufgabe als

Lehrerin an der Musikschule?

Oberschmied: Die Freude an der Musik

weiterzugeben ist mein Beruf geworden.

Stimmen entdecken, begleiten und pflegen

ist für mich immer wieder spannend.

In der Musikschule Bruneck darf ich Kinder,

Jugendliche und Erwachsene auf ihrem

Weg von der Einstimmigkeit bis zum

großen Chorklang, vom einfachen Liedchen

bis zur Opernarie begleiten. Für

meine Schüler und die Arbeit als Referen-

KulturFenster

58 02/April 2021


Chorwesen


Meine Lieder entstehen spontan, inspiriert

von besonderen Ereignissen,

Eindrücken oder Emotionen.


Annelies Oberschmied

tin für Vokalangelegenheiten bei Kursen

ist die Sammlung „Stimm-übungen à la

carte“ erschienen. Hier habe ich meine

kreativen Ideen zum „Training der Stimme“

gesammelt.

KF: Sie sind auch als Sängerin bekannt.

Oberschmied: Selber singend war ich in

den letzten 15 Jahren als Solistin und Ensemblesängerin

in der „Capella Wilthinensis“

in Innsbruck tätig. Den großen Schatz

an geistlicher Vokalmusik, allen voran die

Bach-Motetten, aber auch die Sopranarien

aus Passionen und Kantaten oder manchen

Mozart- und Haydn-Messen, sowie

das Erlebnis des professionellen Ensemblesingens

möchte ich nicht missen.

Genauso, wie ich auch das Singen von

Jodlern und Volksliedern nicht missen

möchte. Es ist die Einfachheit der Harmonien

und des Textes, die immer wieder neu

bewegen. Auch ein Grund, warum diese

Lieder meist mündlich überliefert wurden

und immer noch durch das gemeinsame

Singen weiterverbreitet werden.

KF: Kommen wir zu Ihrer Tätigkeit als

Komponistin. Wie entstehen Ihre Lieder?

Oberschmied: Meine Lieder entstehen

spontan, inspiriert von besonderen Er-

eignissen, Eindrücken oder Emotionen.

Dann mache ich Text und Melodie selber.

Es ist nämlich nicht so leicht, Texte

für neue Volkslieder zu finden, die dann

durch das passende Versmaß in Rhythmus

und Melodieführung eins werden.

Meinem relativ langen Arbeitsweg, aus

dem Zugfenster schauend, habe ich viele

Texte, Melodien und Ideen zu verdanken.

Es braucht diese gewisse Langeweile, damit

im Kopf neue Ideen entstehen können.

Das gilt fürs Komponieren fast genauso

wie für die Kreativität bei Kindern.

In meinem Repertoire finden sich manche

kirchliche Kompositionen im modernen

Stil (wenn man das so nennen will),

Kindermessen, Kinderlieder, ein Singspiel,

neue geistliche Lieder und Volkslieder.

Darunter finden sich auch Auftragswerke

oder Stücke, die aus einer Not

heraus entstanden sind. Einige schöne

Volkslied-Aufträge habe ich vom Männerchor

„Brummnet“ erhalten. Wenn man ein

Ensemble oder einen Chor kennt, kann

man sozusagen „auf den Leib geschneidert“

schreiben. Dann ist das Ganze am

stimmigsten. Ein besonderer Moment ist

immer wieder jener, in welchem man das

eigene Lied zum ersten Mal von anderen

musiziert hört. Es ist ein bisschen zu vergleichen

mit dem Gefühl, wenn man sein

Kind zum ersten Mal in den Kindergarten

bringt – ein großes Stück Vertrauen im

Umgang mit etwas, das einem ans Herz

gewachsen ist.

KF: Wie war es beim Lied „Mitanond singen“,

das wir hier abdrucken?

Oberschmied: Das Lied „Mitanond singen“,

welches in der nächsten Ausgabe abgedruckt

wird, ist vor genau einem Jahr, genauer

gesagt bei einem Spaziergang durch

die Telfer Felder und der Sehnsucht nach

einem Heimatbesuch – zu dem natürlich

auch ein gemeinsames Lied gehört –

entstanden. Bei der erstbesten Möglichkeit

(Ende Mai 2020, zu Fuß (!) über die

Brennergrenze) habe ich es mit InsoDrei

- das sind neben mir Clara Sattler und

meine Schwester Patrizia - dann ausprobiert.

Darum ist auch der Bass eine ad

libitum-Stimme und nicht zwingend notwendig.

Das Lied soll in einfacher Weise

das Glücksgefühl des gemeinsamen Singens

beschreiben.

KF: Wie würden Sie die Tonsprache Ihrer

Lieder beschreiben?

Oberschmied: Viele meiner Lieder gibt es

im Nachhinein oder auf Anfrage für diverse

Besetzungen. Die Tonsprache der

Oberschmied-Lieder ist im Sinne der alten

Volkslieder einfach gehalten. Bei der

Harmonisierung erlaube ich mir allerdings

auch kleine Spaziergänge außerhalb der

Grundstufen, weil wir ja als Menschen

auch immer wieder „neue Wege“ suchen.

KF: Wo finden wir Ihre Lieder?

Oberschmied: Mein Wunsch, ein Liederbuch

herauszugeben, in dem alle meiner

bisher erschienenen Volkslieder gesammelt

sind, wird vielleicht irgendwann wahr

und sucht noch einen Sponsor.

Int.: Paul Bertagnolli

Richtigstellung:

Kirchenmusiker Prof. Josef Knapp

Heuer wäre der Kirchenmusiker Josef

Knapp 100 Jahre alt geworden. Knapp

wurde 1921 in St. Lorenzen geboren und

verstarb im Jahr 2014 und nicht, wie im

Text fälschlicherweise geschrieben wurde,

1914. Wir bitten die Leser und Leserinnen

diesen Fehler zu entschuldigen.

Aus der Redaktion

Ihre Beiträge (Texte und Bilder) für die Chorwesen

senden Sie bitte an: info@scv.bz.it (Südtiroler Chorverband)

Für etwaige Vorschläge und Fragen erreichen Sie uns unter

folgender Nummer: +39 0471 971 833 (SCV)

Redaktionsschluss für

die nächste Ausgabe des

KulturFensters ist

Donnerstag, 15. Juli 2021

KulturFenster

59 02/April 2021


30.07.2021

Anmeldeschluss für interessierte Chöre

zum „Tag der Chöre“

in den Gärten von Schloss Trauttmansdorff

am 19. September 2021.

Termine

Infos unter: https://scv.bz.it/tag-der-choere

31.07.2021

Konzert: Euregio-Jugendblasorchester

Kulturzentrum Gustav Mahler Toblach, Beginn: 18.00 Uhr

Infos unter: https://vsm.bz.it/

17.09.2021 und

15.10.2021

Tagung:

„Identitätsstiftende Orte“

Infos unter: hpv.bz.it

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