VKD-Praxisberichte 2018

vkdberlin

Praxisberichte

Zu aktuellen Fragen des

Krankenhausmanagements 2018

Projekte Positionen Perspektiven

Titelthemen:

Der alte Patient

Digitalisierung


Herausgeber:

Verband der

Krankenhausdirektoren

Deutschlands e.V.

Geschäftsstelle VKD

Oranienburger Straße 17

D-10178 Berlin

Telefon (030) 28 88 59 – 14

Telefax (030) 28 88 59 – 15

Internet: www.vkd-online.de

ISBN 978-3-00-060749-3


Editorial

Gemeinschaftsaufgabe Gesundheit

Wie erfreulich: Die Lebenserwartung der Menschen

in Deutschland steigt seit Jahren kontinuierlich

an. Für in diesem Jahr geborene Mädchen

und Jungen waren es erneut zwei Monate

mehr. Und auch für bereits Fünfundsechzigjährige

weist die aktuelle Sterbetafel eine um

einen Monat höhere Lebenserwartung aus als

die vorherige von 2013/2015. Gründe dafür sind

Wohlstand, ein stabiles soziales Netz, gesunde

Lebensweise und nicht zuletzt die moderne

Medizin. Dass heute über Achtzigjährige operiert

werden, ist keine Seltenheit. Die Zahl der

alten Patienten in unseren Krankenhäusern

steigt seit Jahren kontinuierlich an.

Mit dieser wachsenden Zahl alter und vor allem

ältester Patienten stehen natürlich die Kliniken

vor erheblichen Herausforderungen. Für viele

alte Menschen ist ein Krankenhausaufenthalt

ein einschneidendes Erlebnis, das sie deutlich

schwieriger bewältigen, als jüngere Patienten.

Hinzu kommt, dass mit dem höheren Lebensalter

auch der Anteil dementer Patienten zunimmt.

Wie sich die Kliniken darauf einstellen,

welche Veränderungen aber auch in unserem

Gesundheitssystem damit nun zwingend

notwendig werden, dokumentiert das erste

Schwerpunktthema in diesen Praxisberichten.

Die ganzheitliche Gesundheitsversorgung, die

stationäre und ambulante Leistungserbringer

vernetzt, ist gerade für alte Patienten, von denen

die meisten unter mehreren, oft chronischen

Krankheiten leiden, eine Notwendigkeit.

Auch der VKD mahnt Vernetzung seit Jahren an

– leider ohne großen Erfolg. Es ist angesichts

der hohen Komplexität unseres Gesundheitssystems

und der sich darin häufig aneinander

stoßenden Interessen keine einfache Aufgabe,

aber sie muss angepackt werden. Wir haben

hier – wie so oft – kein Erkenntnis-, sondern ein

Umsetzungsproblem. Eine vernetzte Versorgung

wird am Ende nicht nur den alten, sondern

allen Patienten nützen. Aber auch das wissen

wir ja längst.

Die sektorenübergreifende Versorgung braucht

– und hier kommt das zweite Schwerpunktthema

dieses Heftes ins Spiel – die Digitalisierung.

Die enormen Vorteile der flächendeckend eingesetzten

elektronischen Patientenakte, der

Telemedizin, der Kontakte von Krankenhaus zu

Krankenhaus, von Arzt zu Arzt und von Arzt zu

Patient, zur Apotheke oder auch zur Rehaklinik

und zum Pflegeheim, liegen auf der Hand. Es

gibt hier inzwischen viele Initiativen von den

verschiedensten Gesundheitsversorgern und

auch Krankenkassen, aber der notwendige große

Wurf steht noch immer aus. Auch die Politik

in Bund und Ländern weiß das, hofft aber

anscheinend, dass sie sich mit kleineren, fast

symbolischen gesetzlichen Akten ihrer Pflicht

entziehen kann, dafür deutlich mehr Mittel

einzusetzen. Der VKD fordert seit langem den

zwingend notwendigen finanziellen gesamtgesellschaftlichen

Kraftakt. Es geht um eine der

wichtigsten Infrastrukturen in unserem Land.

Die Digitalisierung wird unsere Gesundheitsversorgung

insgesamt – nicht nur für die alten

Patienten – auf ein deutlich höheres Qualitäts-

und Sicherheitsniveau heben, effizienter

machen und dabei Lösungen für viele Probleme

ermöglichen.

Der VKD trägt übrigens seit mehr als zwölf

Jahren dazu bei, die digitale Welt für die Krankenhäuser

zu öffnen. Die Zusammenarbeit mit

Unternehmen aus IT und Medizintechnik sowie

Beratern an wichtigen Projekten im Rahmen

der ENTSCHEIDERFABRIK hat bereits zu vielen

neuen und praxiserprobten Lösungen geführt –

ein weiteres Thema in diesen Praxisberichten.

Inzwischen werden hier auch Start Ups in einem

eigenen Wettbewerb gefördert. Die Preisträger

2017 stellen sich in diesem Heft vor.

Es ist völlig unverständlich, warum die Politik

bei wichtigen Themen immer wieder im Klein-

Klein verharrt. Das ist bei der Digitalisierung

so. Das ist auch bei der wichtigen Stärkung der

Pflege so. Sicher war der Entwurf für ein Pflegepersonalstärkungsgesetz

wichtig – wenn er

auch deutliche Lücken hat, die in diesen Praxisberichten

ebenfalls benannt werden. Sicher

war es auch verdienstvoll, dass im vergangenen

Sommer gleich drei Bundesminister in einer

gemeinsamen Aktion für die Pflege geworben

haben. Es war ein schönes Symbol dafür, dass

Dr. Josef Düllings

Präsident des Verbandes

der Krankenhausdirektoren

Deutschlands

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VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


dieses Thema künftig weiter oben auf der Agenda

stehen soll. Der direkte Blick in die Praxis –

sogar Bundeskanzlerin Merkel hat ihn ja gewagt

– bringt aber rein kosmetisch nur kurzzeitig und

auch nur punktuelle Erkenntnisgewinne. Wichtig

ist es, zu erkennen, dass nicht nur im Leben,

sondern vor allem im Gesundheitswesen alles

mit allem zusammenhängt: Die Fortschreibung

kleiner Einzelmaßnahmen als Folge von akuter

politischer Aufmerksamkeit bringt wenig.

Die Gesundheitsversorgung ist eine Gemeinschaftsaufgabe.

Notwendig ist ein Zukunftskonzept

„Deutsches Krankenhaus“.

Angesichts überquellender Sozialkassen gehört

dazu – der VKD kann es nur immer wieder betonen

– auch ein erheblich stärkeres finanzielles

Engagement der Politik in Bund und Ländern.

Sie müssen hier über ihren Schatten springen,

sonst werden wir immer wieder – und immer

schmerzhafter - mit den Folgen für die Gesundheitsversorgung

konfrontiert.

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern der

Praxisberichte 2018 des VKD Anregungen, Erkenntnisse,

Informationen und Entscheidungshilfen.

Den Autorinnen und Autoren der vorliegenden

VKD-Praxisberichte 2018 danke ich herzlich

für ihr Engagement und die Bereitschaft, ihre

Erfahrungen weiterzugeben.

Ihr

Dr. Josef Düllings

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VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Praxisberichte

zu aktuellen Fragen des

Krankenhausmanagements 2018

Inhaltsverzeichnis

Der alte Patient

Wir brauchen neue Versorgungskonzepte

Gerade angesichts der demografischen Entwicklung müssen wir zu einer systematischen

sektorenübergreifenden Zusammenarbeit kommen

Gabriele Kirchner, Geschäftsführerin des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands, Berlin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 7

Auf dem Weg zu einem demenzsensiblen Krankenhaus

Das Ziel: Verbesserung der Versorgungssituation für Patienten mit kognitiven Einschränkungen

Anna-Maria Combes, Gesundheits- und Krankenpflegerin mit Bachelorabschluss Pflegemanagement, Stationsleitung,

Demenzbeauftragte sowie Ehrenamtskoordinatorin der Haßberg-Kliniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 14

Delirtherapie im Krankenhaus

Akute Verwirrtheitszustände im Alter - ein Wettlauf mit der Zeit

Kerstin Ganskopf, Vorsitzende der Landesgruppe Nord des VKD und Mitglied des VKD-Vorstands,

Geschäftsführerin des Sankt Elisabeth-Krankenhauses Eutin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 21

Mobilität, Eigenständigkeit und Selbstbestimmung

Interdisziplinäres Komplexbehandlungszentrum Crivitz (iKBZ) bietet Geriatrische

frührehabilitative Komplexbehandlung

Yvonne Bartels, Kaufmännische Direktorin, MediClin Krankenhaus am Crivitzer See . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 25

Digitalisierung

Wir brauchen jetzt einen gemeinsamen Kraftakt

Alle Beteiligte müssen sich aufeinander zubewegen - es geht um die Patienten!

Peter Asché, Vizepräsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands, Sprecher

des IuiG-Initiativ-Rates der ENTSCHEIDERFABRIK, Kaufmännischer Direktor der Uniklinik RWTH Aachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 33

AGAPLESION auf dem Weg zur Digitalen Transformation

Die Strategie: In vier Stufen zum digitalen Gesundheitsunternehmen

Dr. Markus Horneber, Vorstandsvorsitzender, AGAPLESION gAG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 40

Digitalisierung: Treibende sein, nicht Getriebene

Klinikum Darmstadt punktet mit klarer Positionierung, Bereitschaft zum Wandel

und starker Digitalisierungsstrategie

Eva Bredow-Cordier, Leiterin Unternehmenskommunikation und Marketing,

Pressesprecherin, Klinikum Darmstadt GmbH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 46

TELnet@NRW: Gemeinsam handeln. Kompetent behandeln.

Telemedizinisches, intersektorales Netzwerk als neue digitale Gesundheitsstruktur

zur messbaren Verbesserung der wohnortnahen Versorgung

TELnet@NRW-Projektkonsortium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 51

Assistenzsysteme und Robotik – mehr Zeit für gute Pflege

Unser Pflegesystem wird sich mit dem Einsatz moderner technischer Lösungen verändern –

zum Besseren, wenn wir dabei die menschliche Zuwendung stärken

Franz Hartinger, Vorsitzender der Fachgruppe Pflegeeinrichtungen des VKD,

Leiter des Alten- und Pflegeheims Klinikum Ingolstadt GmbH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 60

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 3


Aktuelle Themen

Positionen: Baustellen über Baustellen – wie viel Wandel braucht das Krankenhaus?

Nicht jede Veränderung ist als naturgegeben unkritisch hinzunehmen

Dr. Josef Düllings, Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 67

Gesundheitspolitik: Forderung nach Folgenabschätzung und gründlichen Nachbesserungen

Zum Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung des Pflegepersonals (Pflegepersonal-Stärkungs-Gesetz – PpSG)

des Bundesministeriums für Gesundheit

Martin Schmid, Mitglied des Präsidiums des VKD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 71

IT-ENTSCHEIDERFABRIK

Innovative Ideen, engagierte Projektteams

12. Jahreszyklus der ENTSCHEIDERFABRIK geht in den Endspurt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 81

Der Wettbewerb: Auswahl der fünf Digitalisierungsthemen 2018

Auf dem Entscheider-Event bewarben sich 12 Finalisten um den Zuschlag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 83

Beseitigung des "WhatsApp-Dilemmas"

NetSfere bietet eine sichere, mobile Chat-Messaging-Lösung für Krankenhäuser

Franz Obermayer, VP Sales Europe, Infinite Convergence Solutions . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 86

Chancen für junge Unternehmen

Wettbewerb um den Start Up- und Young Professional Preis der ENTSCHEIDERFABRIK . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 88

Digitaler Marktplatz für Überleitungen

Recare: Bessere Verweildauersteuerung durch stabile, digitale Prozesse

Maximilian Greschke, Geschäftsführer, Recare GmbH, Berlin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 89

WhatsApp und Instagram für Mediziner

Ein Bild (im richtigen Kontext) sagt mehr als 1000 Worte

Chrysanth Sulzberger, CEO und Co-Founder, imito AG, Schweiz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 91

Befundübergabe digital und datenschutzkonform

Vom Arztrechner direkt auf das Patienten-Smartphone – und umgekehrt

Janika Ebmeyer, connected-health.eu GmbH, Hamburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 93

Blick über den „Tellerrand“ Richtung USA

Die Entscheider-Reise 2018 – ein Höhepunkt des ENTSCHEIDERFABRIK-Jahres . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Seite 95

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Der alte Patient

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VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Wir brauchen

neue Versorgungskonzepte

Gerade angesichts der demografischen Entwicklung müssen wir zu einer

systematischen sektorenübergreifenden Zusammenarbeit kommen

Der alte Patient

Im Harz gibt es den äußerst fitten „Brocken-

Benno“, der mit seinen heute 86 Jahren fast

täglich bei Wind und Wetter den 1.141 Meter

hohen Brocken besteigt und es damit schon

ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft hat.

Nicht nur im Harz gibt es aber auch die chronisch

Kranken vor allem im Rentenalter, die

sich mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes,

und anderen typischen Altersgebrechen

herumschlagen und inzwischen einen

wachsenden Teil der Krankenhauspatienten

stellen. Unter ihnen sind dann auch die alten

Menschen, die unter einer Demenz leiden. Alter

Patient ist nicht gleich alter Patient. Die

Krankenhäuser stellen sich inzwischen auf

die Veränderung in ihrer Patientenstruktur

ein. Ärzte und Pflegende erkennen, dass sie

für diese höchst heterogene Patientengruppe

neue Behandlungs- und Versorgungskonzepte

benötigen. Nicht nur alte Patienten, sie aber

vor allem, benötigen einen ganzheitlichen Behandlungsansatz,

der deutlich über die festgezurrten

Sektorengrenzen der Gesundheitsversorgung

hinausgehen muss.

Alte Patienten haben vielfach andere Versorgungsbedürfnisse

sowie andere Anforderungen

an die Gesundheitsversorgung. Rund ein

Drittel der Klinikpatienten ist heute älter als 65

Jahre. Die Verschiebung hin zur Behandlung älterer

Menschen ist seit Jahren zu beobachten.

Reaktionen auf die damit verbundenen neuen

Anforderungen an Strukturen, Behandlungsspektren,

an die Arbeit von Ärzten und Pflegenden,

an die Vernetzung mit den anderen

Versorgungssektoren und Gesundheitsberufen,

aber auch an gesundheitspolitische Entscheidungen,

erfolgen nicht unbedingt sehr zügig.

Experten weisen seit vielen Jahren bereits darauf

hin, dass die demografische Entwicklung

entsprechende Antworten darauf erzwingen

wird. Inzwischen ist das Thema in der Praxis

„angekommen“.

So zeigen Daten des Bundesversicherungsamtes

zum Risikostrukturausgleich zum Beispiel, dass

mit zunehmendem Alter der Versicherten die

Versorgungskosten steigen (ab einem Alter von

etwa 95 Jahren sinken sie wieder leicht). Dabei

verschieben sich auch die Kostenanteile in den

Gesundheitssektoren. Während bei Zwanzigoder

Dreißigjährigen die höheren Kosten bei

den Vertragsärzten liegen, verschiebt sich das

ab dem Rentenalter der Patienten, und auch die

Ausgaben für ihre Versorgung nehmen natürlicherweise

zu.

Alte Patienten im Krankenhaus

Über ein Drittel der Patienten im Krankenhaus

ist 70 Jahre und älter. Laut der Berliner Altersstudie

hat ein Drittel der über Siebzigjährigen

fünf oder sogar mehr behandlungsbedürftige

Erkrankungen. Multimorbidität, Polypharmazie,

kognitive Einschränkungen, Immobilität, hohe

Gefahr, ein Delir zu erleiden – auf diese Komplexität

kann eine einzelne Berufsgruppe nicht

allein professionell reagieren. Dafür sind interdisziplinäre

und interprofessionelle Teams notwendig.

Darauf müssen sich die Krankenhäuser

bei dieser Patientengruppe einstellen. Von Experten

wird ein geriatrisches Screening empfohlen,

um rechtzeitig Patienten mit hohem

Betreuungsbedarf identifizieren zu können.

Die am schnellsten wachsende Patientengruppe

in den Krankenhäusern sind die über

Achtzigjährigen. Grund dafür ist nicht nur die

Demografie, sondern auch der medizinische

Fortschritt. Heute sind Operationen im Klinikalltag

normal, die vor einigen Jahren noch

nicht möglich waren. Herz-OPs etwa, aber auch

der Einsatz einer neuen Hüfte – heute einer der

Hauptgründe für Klinikaufenthalte dieser Patientengruppe.

In den vergangenen zehn Jahren ist es zu einem

starken Anstieg der Fallzahl in den Fachabteilungen

nicht nur für Geriatrie, sondern auch für

Herzchirurgie und Neurologie von 76,3 Prozent,

54,5 Prozent bzw. 45,7 Prozent gekommen. Hier

werden in der Tendenz viele alte Patienten behandelt.

Obwohl insgesamt eine Verkürzung der

mittleren Verweildauer im Krankenhaus registriert

wird, ist dies gegen den allgemeinen Trend

in den Fachabteilungen für Herzchirurgie und

für Strahlentherapie nicht der Fall. Hier gab es

einen Anstieg der mittleren Verweildauer um 2,1

Prozent bzw. ein Prozent. Als Grund anzunehmen

wären hier ebenfalls die Veränderungen

Gabriele Kirchner

Geschäftsführerin

des Verbandes der

Krankenhausdirektoren

Deutschlands (VKD)

»Wir brauchen

geriatriespezifische

Versorgungsstrukturen.«

Gabriele Kirchner

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 7


Der alte Patient

in der Patientenstruktur. Laut Destatis ist hier

der Anteil der Patienten ab dem 80. Lebensjahr

von 9,8 Prozent in 2007 auf 12,9 Prozent in 2016

angestiegen.

Acht Millionen Menschen im Rentenalter werden

pro Jahr stationär in deutsche Krankenhäuser

aufgenommen. Jeder fünfte von ihnen,

schätzen Studien, rutscht in ein Delir. Besonders

gefährdet sind Operierte, vor allem, wenn

sie bereits über siebzig sind - das ist etwa fünf

Millionen Mal der Fall. Nach Hüftgelenkseingriffen

aufgrund eines Oberschenkelhalsbruchs

hat fast jeder Zweite eine solche Bewusstseinsstörung.

Nach herzchirurgischen Eingriffen sind

sogar vier von fünf Patienten betroffen.

Wissenschaftlich fundierte

Leitlinien fehlen

Ein wichtiger Baustein für die Gesundheitsversorgung

alter Patienten fehlt allerdings auch in

der Medizin: Ärzte brauchen wissenschaftlich

fundierte Leitlinien für alte und multimorbide

Patienten. Dafür plädierte die Deutsche Gesellschaft

für Innere Medizin (DGIM) anlässlich

ihrer Jahrespressekonferenz Anfang Februar

2018. Sie verwies darauf, dass in die geriatrische

Forschung vor allem auch die speziellen

Bedürfnisse alter Patienten einfließen müssten.

Man ist verwundert, dass dies noch nicht

geschieht. Klinische Studien mit Medikamenten

seien meist nicht auf alte Menschen zugeschnitten,

sondern auf Patienten im mittleren

Alter mit nur einer Krankheit. Alte Patienten

seien aber meist chronisch krank und multimorbid.

Man könne die Studienergebnisse daher

nicht einfach übertragen. Es fehle eine

intensivere altersmedizinische Forschung. Die

Kritik: Es gibt keine wissenschaftlichen Grundlagen

für die evidenzbasierte Versorgung der

alten Menschen. Hier besteht also auch akuter

Handlungsbedarf.

Vielfältige Initiativen

Es gibt inzwischen vielfältige Initiativen der

Krankenhäuser, sich stärker auf die Gruppe der

alten Patienten einzustellen. Zahlreiche Krankenhäuser

haben bereits geriatrische Stationen

eingerichtet. Der Anspruch ist hier die Versorgung

durch ein multiprofessionelles Team, das

nach einem ganzheitlichen Konzept arbeitet,

um damit der komplexen Problematik gerecht

zu werden. Was in der Geriatrie geleistet werden

muss, geht deutlich über die normalen

Routinen der anderen Akutstationen hinaus

und erfordert ein Gesamtkonzept, das die enge

Zusammenarbeit aller medizinischen, pflegerischen,

therapeutischen, psychosozialen Berufsgruppen

zur Grundlage hat.

Zunehmend bieten Krankenhäuser ihren alten

Patienten daher auch eine geriatrische Komplexbehandlung

an, die ebenfalls zum Ziel hat,

Mobilität und Selbstständigkeit zu fördern.

Sehr sinnvoll ist angesichts der Heterogenität

dieser Patientengruppe, bereits bei Aufnahme

ins Krankenhaus zu entscheiden, ob der Aufenthalt

in einer normalen Akutstation oder

eher in einer geriatrischen Abteilung die beste

Lösung ist und dementsprechend den Behandlungspfad

bis hin zur Entlassung zu gestalten.

Wenn – wie der amerikanische Neuropsychologe

Robert Wilson schon 2012 in einer Studie

gezeigt hat – alte Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt

sehr lange brauchten, um

das Ereignis wegzustecken und geistig deutlich

schneller abbauten, als andere Menschen ihres

Alters, kann die Schlussfolgerung ja eigentlich

nur sein, den Klinikaufenthalt so zu gestalten,

dass dies möglichst vermieden wird. Hier wiederum

spielt dann auch das vorhandene oder

eben nicht vorhandene ambulante Netzwerk in

Verbindung mit dem Krankenhaus eine wichtige

Rolle. Das Entlassungsmanagement kann zu

einem Beispiel dafür werden, inwieweit inter-

Gesetzgeber fordert sektorenübergreifende Qualitätssicherung

Aufgrund der heterogenen Strukturen in der ambulanten und stationären Gesundheitsversorgung

hat der Gesetzgeber die Forderung an alle Beteiligten gestellt, eine

sektorenübergreifende Qualitätssicherung (§§ 136 und 137a SGB V) zu etablieren. Es

ist sicher jedem klar, dass sich die für jeden Sektor typischen Systeme der Qualitätssicherung

nicht in ihrer jetzigen Ausprägung einfach übertragen lassen. Dafür sind

auch entsprechende Leitlinien, Versorgungspfade und –konzepte notwendig, die von

allen beteiligten Seiten getragen werden. Das ist eigentlich nichts wirklich Neues.

Es wurde schon u.a. bei der Integrierten Versorgung angewandt. Auch die DMP sind

ein Beispiel. Einheitliche Kodierregeln für den stationären und ambulanten Sektor

hat der VKD bereits vor einigen Jahren gefordert. Leider sind sie am Widerstand der

Vertragsärzte gescheitert.

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VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Der alte Patient

professionelle, sektorenübergreifende und patientenorientierte

Zusammenarbeit zu einer

bedarfsgerechten und besseren Versorgung

führt – eine Form des Schnittstellenmanagements

mit dem Ziel, Versorgungskontinuität zu

gewährleisten.

Eine besondere Gruppe innerhalb der alten Patienten

sind die unter einer Demenz leidenden

Menschen. Auch für die Versorgung dieser speziellen

Patienten gibt es inzwischen entsprechende

Projekte und Versorgungsmodelle sowie

Initiativen, nicht nur die unmittelbar damit

betrauten, sondern möglichst viele Mitarbeiter

des Krankenhauses fortzubilden.

Die Vorteile dieser Veränderungen für die Versorgung

der Patienten, aber auch für die Organisationsstrukturen

eines Krankenhauses und

für die Arbeit des Personals sind an den Ergebnissen

solcher Projekte durchaus abzulesen.

Dass dies von Krankenkassen nicht immer verstanden

wird, dass diese damit allerdings die

Augen vor Entwicklungen verschließen, die

dennoch ablaufen, zeigte im Juli dieses Jahres

u.a. der von der Barmer veröffentlichte Krankenhausreport

mit dem Schwerpunkt Geriatrie.

Er kritisiert quasi hohe Fallzahlsteigerungen in

der Geriatrie von 60 Prozent zwischen 2005 und

2014 und enthält dabei den impliziten Vorwurf

einer künstlich herbeigeführten Nachfrage. Angesichts

insgesamt steigender Fallzahlen in der

Altersgruppe der über 65jährigen ist das absurd

und negiert die Folgen der demografischen

Entwicklung. Auch die Kassen müssen sich damit

auseinandersetzen, dass für einen Teil der

alten Patienten aus verschiedenen, eben mit

dem Alter zusammenhängenden Gründen, mit

künftig weiterhin steigenden Fallzahlen und

längeren Verweildauern – damit in der Regel

auch steigenden Kosten - zu rechnen ist.

Die zahlreichen Initiativen in der geriatrischen

Versorgung, Fort- und Weiterbildungsangebote,

Facharztausbildungen, die vielfältigen

und anspruchsvollen Geriatriekonzepte in den

Ländern zeigen aber doch, dass in der Geriatrie

eine kontinuierliche Weiterentwicklung zu

konstatieren ist, die ja vor allem auf den realen

Versorgungsbedarf reagiert. Die Gesundheitsversorger

in allen Sektoren sind in der

Praxis zunehmend damit konfrontiert. Hier

aktiv zu werden, entspricht zudem den Intentionen

des Gesetzgebers. Wir brauchen geriatriespezifische

Versorgungsstrukturen.

Bedarfsgerechte Steuerung

notwendig

Es muss insgesamt um eine bedarfsgerechte

Steuerung der Gesundheitsversorgung angesichts

der vielfältigen aktuellen und künftigen

Veränderungen gehen, zu denen die demografische

Entwicklung maßgeblich gehört. Die Alterung

der Gesellschaft erfordert stärker als

bisher eine geplante und vernetzte Versorgung

innerhalb und zwischen den Versorgungssektoren

sowie mit den übrigen Gesundheitsdienstleistern.

Dass dabei die Krankenhäuser als hochspezialisierter

Kern der Gesundheitsversorgung eine

wesentliche Rolle spielen – spielen müssen –

zeigt sich auch beim Blick auf den vertragsärztlichen

Bereich. Zwar steigt die Zahl der Vertragsärtzte,

aber auch deren Durchschnittsalter.

In 2016 betrug es 54 Jahre. Besonders prekär ist

die Lage bei den Hausärzten. Jährlich beginnen

10.000 junge Menschen ein Medizinstudium.

Die wenigsten wollen Hausarzt werden. Hinzu

Neue Versorgungsmodelle

Es gibt bereits viele Beispiele dafür, wie auf die steigenden Zahlen alter

Patienten reagiert werden kann – oft auch eingebettet in regionale Projekte:

Populationsorientiert

Die BKK Werra-Meißner und OptiMedis haben einen Vertrag zur populationsorientierten

regionalen Versorgung im nordhessischen Landkreis Werra-Meißner

geschlossen. Gemeinsam mit dem Landkreis, Ärztenetzen, Krankenhäusern, sozialen

Einrichtungen und der Wirtschaftsförderung planen die Partner, ein umfassendes

Gesundheitsnetzwerk nach dem Modell von Gesundes Kinzigtal in Baden-Württemberg

aufzubauen, um die Versorgung besser und wirtschaftlicher zu machen. Die

Organisation wird eine regionale Managementgesellschaft übernehmen, an der sich

die Ärzte und auch andere Partner beteiligen können. Die Gesundheitsversorgung

soll neu organisiert werden, der medizinische mit dem sozialen Sektor verbunden

werden. In „Gesundes Kinzigtal“ ist der Ansatz, die Anreize im Gesundheitswesen

umzukehren, schon über viele Jahre erprobt worden.

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 9


Der alte Patient

kommt, dass der Anteil der Mediziner, die keinen

Vollversorgungsauftrag annehmen wollen,

kontinuierlich zunimmt. Es gibt bei den Jüngeren

einen Trend zu kürzeren Arbeitszeiten

als sie von älteren Kollegen geleistet werden.

Die Anzahl der Ärztinnen nimmt zu – sie betrug

in 2016 bereits laut KBV fast 45 Prozent

– ebenfalls ein Trend, der sich fortsetzt und u.a.

eine steigende Teilzeitquote zur Folge hat. Laut

Destatis betrug im Wintersemester 2015/2016

der Anteil der weiblichen Medizinstudierenden

rund 61 Prozent. Wie das Zentralinstitut für die

kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi)

in einer Studie ermittelt hat, stieg die Anzahl

der an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden

Ärzte und Psychotherapeuten von

2009 bis 2015 um ca. 10 Prozent. Das Wachstum

der angebotenen vertragsärztlichen Leistungen

lag jedoch nur bei 2,8 Prozent. Ob hier die gesundheitspolitisch

festgelegten neuen Sprechzeiten

etwas ändern werden, müssen wir erst

einmal sehen.

Das Ziel einer ausgewogenen haus- und fachärztlichen

Versorgungsstruktur bisheriger Prägung

kann also künftig unter den sich weiter

verschärfenden Bedingungen vermutlich nicht

mehr erreicht werden. Auch hier zeigt sich wieder,

dass die getrennten Sektoren einer besseren

Versorgung im Wege sind. Doch gerade für

geriatrische Patienten ist es besonders wichtig,

dass sich die Behandler in den verschiedenen

Sektoren und Gesundheitsberufen (z.B. Hausärzte,

Ergo- und Physiotherapeuten, Krankenhäuser,

Apotheken) untereinander sehr gut

vernetzen und regional abgestimmte Behandlungspfade

entwickeln.

Veränderung der

Versorgungsstrukturen

Dass eine bessere Verzahnung der Versorgungsstrukturen

insgesamt sinnvoll, wäre, sagt

der VKD seit Jahren. Vor allem für die Versorgung

alter Patienten ist sie künftig geradezu

zwingend. Inzwischen gibt es zwar eine ganze

Reihe von Möglichkeiten der Vernetzung und

der Kooperation, jedoch keinen systematischen

Ansatz für eine grundlegende flächendeckende

Lösung. Dazu würden eine sektorenübergreifende

Qualitätssicherung und Bedarfsplanung

mit Berücksichtigung regional unterschiedlicher

Bedingungen sowie Regelungen zur Vergütung

gehören.

Viele Patienten werden im Laufe einer Behandlung

in mehreren Sektoren versorgt. Sektorenübergreifende

Qualitätssicherung bedeutet, die

Patientenversorgung über einen gesamten Behandlungsverlauf,

über alle Versorgungsebenen

hinweg in ihrem Ergebnis zu prüfen. Das GKV-

Wettbewerbsstärkungsgesetz (GKV-WSG) von

2007 hat dafür die gesetzlichen Vorgaben formuliert

und dem Gemeinsamen Bundesausschuss

die Aufgabe übertragen, Verfahren nicht

nur für sektorenspezifische, sondern auch für

sektorenübergreifende Qualitätssicherungsmaßnahmen

zu erarbeiten. Ziele sind die Sicherung

der Kontinuität der Patientenversorgung,

die Herstellung der Vergleichbarkeit zwischen

den Sektoren sowie Einrichtungen und die Vermeidung

von Qualitätsbrüchen beim Übergang

der Patienten in den jeweils nächsten Sektor.

Schlussendlich geht es um die Sicherung einer

gleichbleibenden Qualität über den gesamten

Behandlungsweg hinweg. Nur leicht optimis-

Neue Versorgungsmodelle: Regional ausgerichtet

Die Unimedizin Greifswald entwickelt Lösungen für die regionale Versorgung in

Mecklenburg-Vorpommern. Kürzlich wurde das Projekt mit neuen Lösungsansätzen

für spezielle Versorgungsbereiche erstmals öffentlich vorgestellt. Gemeinsam mit

niedergelassenen Haus- und Fachärzten, Krankenhäusern, der Pflege, Physio-, Ergound

Logotherapeuten sollen innovative, sektorenübergreifende Modelle entwickelt

werden, um die Versorgung in ländlichen Regionen zu sichern. Im Fokus stehen

dabei neben der Kinderheilkunde die Altersmedizin und die Palliativversorgung. Das

Projekt wird vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Gesundheit Mecklenburg-

Vorpommern mit 1 Million Euro bis Ende 2021 gefördert. Das Ziel ist, die Versorgung

stärker an den regionalen Gegebenheiten auszurichten, innovative, regionale und

am Patienten orientierte Versorgungsmodelle zu entwickeln. Die Nutzung der Telemedizin

sowie die Fachkräftegewinnung und neue Formen der Arbeitsteilung sind

zentrale Elemente. Es wird u.a. eine regionale digitale Fallakte für die geriatrische

Versorgung aufgebaut. Sie wird zunächst als Modell in der Region Waren (Müritz/

Landkreis Mecklenburgische Seenplatte) zusammen mit den dortigen Akteuren umgesetzt.

Wenn sich das Modell bewährt, sollen weitere Regionen folgen.

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VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Der alte Patient

tisch stimmt, dass der G-BA inzwischen für immerhin

zwei Indikationen sektorenübergreifende

Qualitätsvorgaben veröffentlicht hat.

Sektorenübergreifende

Versorgungsplanung

Eine sektorenübergreifende Qualitätssicherung

wäre die Basis für die Entwicklung einer

sektorenübergreifenden Bedarfsplanung.

Der G-BA entwickelt ja bereits für die Kliniken

planungsrelevante Qualitätsindikatoren.

Eine einheitliche Qualitätssicherung ist als

Hundert-Prozent-Lösung aber eher nicht zu

erwarten. Zunächst wird sich diese wohl auf

bestimmte Krankheitsbilder beschränken, die

definitiv in beiden (bzw. mehreren) Sektoren

behandelt werden. Dennoch ist auch über die

anzustrebende regionale Planung die Bildung

von Behandlungsnetzen, in die nicht nur Ärzte

und Pflegedienste, Physiotherapeuten und

Apotheken und auch Firmen, entlang konsentierter

Pfade möglich und auch sinnvoll. Mit

den Krankenhäusern im Zentrum dieser Netze

könnte auch das Klinikmanagement die Steuerungsfunktion

übernehmen.

Die Vorschläge, auch des Sachverständigenrates

für die Entwicklung im Gesundheitswesen,

beziehen sich u.a. darauf, in der Landeskrankenhausplanung

deutlich stärker die regionale Versorgungsplanung

in den Blick zu nehmen. Dazu

müsste dann gehören, regionale Qualitätsindikatoren

zu erarbeiten und entsprechend regionale

Auswertungen vorzunehmen, die stärker

auf die dort lebende Bevölkerung zugeschnitten

sind und daher eher auch sektorenübergreifende

Auswertungen ermöglichen.

Der Sachverständigenrat schlägt daher in seinem

aktuellen Gutachten für das Bundesgesundheitsministerium

eine auf medizinische

Leistungen ausgerichtete Krankenhausplanung

vor. Diese könne die zur Erbringung der Leistungen

notwendigen, bzw. optimalen Personalund

Gerätebedarfe berücksichtigen. Eine bedarfsgerechte

Planung sollte sich, so der Rat,

einzig am medizinischen Bedarf der Bevölkerung

orientieren. Hierzu sei der Fokus “auf die

Identifikation relevanter demografischer, epidemiologischer

und medizintechnischer Einflussgrößen

zu richten.“ Auf nachfragebedingte

Veränderungen könnten zeitnah entsprechende

Anpassungen erfolgen.

Ein weiterer Vorschlag: Um abschätzen zu

können, welche Nachfrage nach stationären

Leistungen sich aus der morbiditätsbedingten

Entwicklung ergeben, müsste man Routinedaten

aus dem ambulanten Bereich nutzen. Auch

Bevölkerungsdaten des Statistischen Bundesamtes

seien wichtig, um Veränderungen in der

Bevölkerungsstruktur berücksichtigen zu können.

Der künftige Bedarf auch an stationären

Leistungen sei dann plausibel aus der Kombination

dieser Daten ableitbar.

Nach Lage der Dinge ist aktuell mit wirklich

sektorenübergreifender Bedarfsplanung leider

nicht zu rechnen. Dennoch ist es angesichts

der Entwicklungen zwingend notwendig, trotz

der dafür ursächlichen sektoralen Interessenunterschiede

darauf hinzuarbeiten. Der Politik

kommt die Aufgabe zu, hier gemeinsam

mit den Vertretern der Sektoren, den Krankenkassen

und den Kommunen an Lösungen

zu arbeiten und zumindest mittelfristig eine

Gesundheitsversorgung aus einem Guss ohne

Sektorengrenzen gesetzlich zu ermöglichen.

Der VKD hatte in der Diskussion um ein neues

Konzept der Notfallversorgung bereits darauf

hingewiesen, dass hier die Möglichkeit für erste

Schritte dorthin bestünde.

Dass auch der Gesetzgeber einen langen Atem

haben muss, wenn es um die sektorenübergreifende

Versorgung geht, haben die vergangenen

Jahre deutlich gezeigt. Ein wesentlicher Grund

ist, dass die Verantwortlichen für die Bedarfsplanung

im niedergelassenen als auch stationären

Bereich diese selten im Auge haben.

Neue Versorgungsmodelle: „Alters-Unit“

In einigen Notaufnahmen wird schon für alte Patienten ein spezielles Konzept umgesetzt.

So wurde im Rhön-Krankenhaus Frankfurt(Oder) eine „Alters-Unit“ in der

Notaufnahme installiert, zu der nicht nur entsprechende Schulungen der Mitarbeiter

und bauliche Anpassungen, sondern u.a. auch der Aufbau eines geriatrischen Case

Managements und sektorenübergreifender Informationstransfer gehören. Bis zu 70

Prozent der Akutpatienten in den Notaufnahmen sind älter als 70 Jahre. Projekte

wie dieses verbessern nicht nur die Versorgungsqualität der betreffenden Patienten,

sondern sie entlasten auch das Personal.

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 11


Der alte Patient

Veränderungen besser regional

statt zentral?

Ein kleiner Schritt hin zu Veränderungen war

die Einrichtung gemeinsamer Landesgremien

aus Vertretern von Land und Krankenkassen,

Krankenhausgesellschaften, Kassenärztlichen

Vereinigungen und anderen Beteiligten, die

Empfehlungen zu sektorenübergreifenden Versorgungsfragen

geben können. Planungsverantwortung

haben sie nicht. Der Sachverständigenrat

hat empfohlen, aus dieser Kann-Regelung

eine Muss-Regelung zu machen. Der

Sicherstellungsauftrag solle bei einer drohenden

Unterversorgung auf diese Gremien übergehen.

Die Bilanz des Gesetzgebers zur Schaffung einer

sektorenübergreifenden Versorgung ist

trotz verschiedener Regelungsversuche mager.

Inzwischen schaut man auf die vom Innovationsfonds

geförderten Projekte, die in diese

Richtung gehen.

Digitalisierung gerade auch für

dieVersorgung alter Patienten

notwendig

Die große Bedeutung der Digitalisierung für die

Zukunftsfähigkeit der Gesundheitsversorgung

ist inzwischen unbestritten. Für die künftig

vernetzte Versorgung der alten Patienten ist

sie natürlich essenziell. Gerade hier geht es

um systematischen Informationsaustausch der

Leistungserbringer untereinander und mit den

Patienten.

Leider kommt die Implementierung einer

nationalen Telematikinfrastruktur und die

damit verbundene Anwendung der elektronischen

Gesundheitskarte nur im Schneckentempo

voran – obwohl hier bereits viel Geld

geflossen ist.

Fazit

Die Versorgung alter Patienten könnte mit der

Macht des Faktischen zum Muster einer sektorenübergreifenden

Versorgung insgesamt

werden – warum soll man die Strukturen nicht

für alle nutzen? Bisher allerdings gibt es zwar

Versorgungsmodelle und Projekte, aber keine

flächendeckenden Lösungen.

Letztlich verantwortlich für die Gesundheitsversorgung

in allen Sektoren sind die Länder.

Grundsätzlich ist festzustellen, dass Impulse

und Initiativen für eine sektorenübergreifende

Versorgung bisher vor allem vom Gesetzgeber

ausgegangen sind – nur ein Beispiel ist die Integrierte

Versorgung.

Regionale und sogar kommunale Planung von

Versorgungsstrukturen scheint ein praktikabler

Einstieg in eine systematische Vernetzung

Neue Versorgungsmodelle: Maßgeschneidert

Maßgeschneiderte Leistungspakete aus Klinikaufenthalt, Kurzzeitpflege und medizinischer

Nachsorge aus einer Hand werden an zahlreichen Standorten der Agaplesion

gAG ausgebaut. So wird - nur ein Beispiel - die Agaplesion Bethesda Klinik Ulm um

Seniorenwohnungen, ein Pflegeheim und eine stationäre geriatrische Rehabilitation

erweitert. Das Unternehmen geht aber auch Kooperationen mit qualitätsbewussten

Partnern ein.

Neue Versorgungsmodelle: Video-Sprechstunden

Das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) Buntenskamp in Geesthacht bietet

regelmäßige Video-Sprechstunden und Video-Notfallbehandlungen als ergänzendes

Werkzeug zu den regulären, persönlichen Hausbesuchen bei Heimbewohnern an.

Der Gesundheitsversorger für die Stadt Geesthacht und die Region Herzogtum Lauenburg

gehört damit zu den bundesweit ersten Anbietern dieses neuen Formats in

der Patientenversorgung. Den Auftakt für das telemedizinische Angebot macht das

MVZ in Kooperation mit dem „Haus Elbsonne“ in Geesthacht, das zur Gruppe Pflegeheime

Apel gehört. Der Arzt sitzt an seinem Arbeitsplatz-Computer im MVZ und

hat dort die gesamte Patientenakte zur Verfügung. Über einen Tablet-PC ist er mit

dem Senioren- und Pflegeheim verbunden. Von dort aus kann der Patient per Video-

Livestream mit dem Arzt sprechen. Unterstützt wird er dabei von einer Pflegekraft,

die das Tablet für ihn hält und bedient. Neben der regulären Video-Visite bietet das

MVZ Buntenskamp auch eine Video-Notfallbehandlung an. Damit kann das Pflegepersonal

in unklaren Situationen mit einer schnellen medizinischen Einschätzung

unterstützt werden.

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VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Der alte Patient

zu sein, weil hier ganz gezielt und flexibel auf

den sich ja auch immer wieder ändernden Bedarf

reagiert werden kann. Hierbei könnte die

Begegnung aller Beteiligten, einschließlich der

Politiker, mit den Patienten einen positiven

Druck aufbauen, gemeinsam auf Augenhöhe

die notwendigen Entscheidungen zu treffen.

Daraus entstünden dann natürlich sehr unterschiedliche

Modelle der Zusammenarbeit –

auch die demografische Entwicklung verläuft

ja nicht überall gleich schnell. Vor Ort sieht die

Welt immer anders aus, als aus Berlin, Düsseldorf

oder Hannover.

Eine Hoffnung liegt auf der von den Landesgesundheitsministern

empfohlenen Bund-Länder-Reformkommission,

die auf „eine gemeinsame

Bedarfsplanung und abgestimmte Zulassung“

sowie eine zusätzliche, damit einhergehende

Angleichung der Honorierungssysteme

hinarbeitet (Beschluss der 90. GMK, TOP 11.1).

Die Vorstellung, dass sich mittelfristig die

Vergütungssystematiken der Sektoren angleichen,

scheint allerdings sehr optimistisch. Eine

grundsätzliche Überarbeitung des Systems

der Fallpauschalen hat der VKD schon mehrfach

gefordert. Es geht um die Überprüfung

des Hundert-Prozent-Ansatzes und die Definition

pauschaler Elemente der Vergütung, in

denen spezielle Besonderheiten berücksichtigt

werden können, wie sie etwa die im Vergleich

höheren Vorhaltekosten kleiner, bedarfsnotwendiger

Häuser oder die Bedingungen der

Maximalversorger für deren hochspezialisierte

Leistungen darstellen.

Als ein Einstieg in die sektorenübergreifende

Versorgung wird der Innovationsfonds nach

§ 92a SGB V, gesehen. Er zielt darauf ab, insbesondere

Vorhaben zu fördern, die eine Verbesserung

der sektorenübergreifenden Versorgung

zum Ziel haben. Zu den Förderkriterien

gehören die Optimierung der Zusammenarbeit

innerhalb und zwischen verschiedenen Versorgungsbereichen,

Versorgungseinrichtungen

und Berufsgruppen sowie interdisziplinäre und

fachübergreifende Versorgungsmodelle.

Natürlich müssen auch die Krankenhäuser dort,

wo damit noch nicht begonnen wurde, ihre internen

Strukturen an die weiter wachsende Zahl

alter Patienten anpassen: Änderung der Stationsstrukturen,

Bildung kleinerer Pflegegruppen,

ärztliche Zuordnung zu Pflegegruppen, Verbesserung

der Kommunikation und des Informationsflusses,

Anpassung der baulichen

Strukturen und der Ausstattung. Auch die Beiträge

in diesem Heft zeigen, dass es dafür u.a.

mehr speziell ausgebildetes Personal braucht.

Bessere Kooperation ist auch außerhalb staatlicher

Gesetze und Regelungen möglich. Dass

natürlich auch immer wieder eine andere Vergütung

notwendig ist, scheinen die Kassen

nicht zu begreifen – siehe das Konzept zur

Versorgung von Patienten mit Delir aus Eutin.

Das Konzept ist da, das Netzwerk ist da – aber

völlig ohne Vergütung ist das nun einmal nicht

umzusetzen.

»Die Alterung der

Gesellschaft erfordert

stärker als bisher eine

geplante und vernetzte

Versorgung innerhalb und

zwischen den Versorgungssektoren

sowie den übrigen

Gesundheitsdienstleistern.«

Gabriele Kirchner

Sektorenübergreifende Bedarfsplanung wird erprobt

Wie eine sektorenübergreifende Bedarfsplanung funktionieren könnte, wird in einem

Modellprojekt erprobt, im Rahmen dessen drei Forscherteams der Universitäten

Frankfurt, Heidelberg und Stuttgart zwei Jahre lang entsprechende Daten erheben.

Einbezogen sind sieben Krankheiten, für die der Ist-Zustand anhand verschiedener

Faktoren, wie etwa Mortalität und Leistungsfähigkeit, sowohl im stationären

als auch im ambulanten Sektor bewertet werden. In den betreffenden Landkreisen

erarbeiten Expertengruppen auf dieser Grundlage Lösungsansätze und Empfehlungen

für die sektorenübergreifende Versorgung. Nach Strukturgesprächen mit den

Kommunen und Versorgern werden dann konkrete Empfehlungen für eine

landesweite Bedarfsplanung gegeben. Ein regionaler Ansatz, wie ihn auch der

Sachverständigenrat empfiehlt.

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 13


Der alte Patient

Auf dem Weg zu einem

demenzsensiblen Krankenhaus

Das Ziel: Verbesserung der Versorgungssituation für Patienten mit kognitiven Einschränkungen

Anna-Maria Combes

Gesundheits- und Krankenpflegerin

mit zusätzlichem

Bachelorabschluss

im Pflegemanagement,

Stationsleitung,

Demenzbeauftragte sowie

Ehrenamtskoordinatorin

der Haßberg-Kliniken

»Schulungen zum Thema

Demenz werden oft nur für

Pflegekräfte angeboten.

Sie sind aber für alle

Berufsgruppen mit direktem

Patientenkontakt wichtig.

Nur wenn alle Mitarbeiter

sicher im Umgang mit

demenziell erkrankten

Menschen sind, kann eine

verbesserte Versorgung

für diese Klientel erreicht

werden.«

Anna-Maria Combes

Die Haßberg-Kliniken

Die Haßberg-Kliniken sind ein Verbund der Allgemeinkrankenhäuser im Landkreis

Haßberge an den Standorten Haßfurt und Ebern. Sie stellen die Grund- und Regelversorgung

der Kreisbevölkerung sicher. Das größte Haus der Haßberg-Kliniken ist das

im Jahr 1945 gegründete Krankenhaus in Haßfurt. Das Leistungsspektrum umfasst die

Allgemein- und Unfallchirurgie ebenso wie die Innere Medizin, die Akutgeriatrie mit

Alterstraumazentrum, die Anästhesie, die Abteilung für Geburtshilfe und Frauenheilkunde

sowie eine Belegabteilung für HNO-Heilkunde. Im Jahr 2017 kam die Sektion

Gefäßchirurgie hinzu. Insgesamt werden jährlich rund 10.300 stationäre und rund

18.000 ambulante Fälle versorgt. Die Anzahl der Planbetten beträgt 220. Das Unternehmen

beschäftigt 559 Voll- und Teilzeitmitarbeiter. Der Schwerpunkt der Haßberg-

Kliniken liegt zunehmend in der Altersmedizin.

Im März 2016 wurde im unterfränkischen

Landkreis Haßberge eine Projektgruppe

„Demenzsensible Haßberg-Kliniken“ gegründet.

Die Gründung folgte der Erkenntnis, dass

angesichts der demografischen Entwicklung

die Altersmedizin bereits heute einen deutlich

höheren Stellenwert für das Krankenhaus

hat, als in vergangenen Jahren, dass diese

Entwicklung sich fortsetzen wird und dass alle

Mitarbeiter sich entsprechend ihren Funktionen

und Positionen im Krankenhaus darauf

einstellen müssen. Leiterin der Projektgruppe

ist die Autorin.

Je älter die Menschen werden, desto höher ist

ihr Risiko, an einer Demenz zu erkranken. Im

Jahr 2010 gab es bereits 1,2 Millionen Demenzkranke

in Deutschland. In jedem Jahr kommen

248.000 Neuerkrankungen dazu (vgl. Bickel;

Weyerer 2007: 42 ff.). Bis 2020 – so die Prognosen

– wird die Zahl der dementen Menschen

in Deutschland bis auf 2,9 Millionen ansteigen

und im Jahr 2030 sogar die Zahl von 3,4 Millionen

Erkrankten erreichen (vgl. statistische Ämter

des Bundes und der Länder 2008).

Bisher leiden schätzungsweise schon mindestens

zehn Prozent aller im Krankenhaus behandelten

Patienten an einer Demenz. Die Nebendiagnose

Demenz verursacht oft einen höheren

Behandlungs- und Betreuungsaufwand als die

Grunderkrankung selbst. Dennoch sind nur die

wenigsten Einrichtungen räumlich und personell

für die Bedürfnisse dementer Menschen

ausgestattet (vgl. Füsgen 2012: 11).

Das Projektziel

Übergeordnetes Ziel des Projektes „Demenzsensible

Haßberg-Kliniken“ war und ist es, eine

strukturelle und qualitative Verbesserung der

Versorgungssituation für Patienten mit kognitiven

Einschränkungen zu schaffen. Drei Teilziele

wurden dafür definiert:

• Schulung des Krankenhauspersonals und die

Umstrukturierung von Prozessen.

• Erarbeitung von demenzsensiblen Konzepten

für die Haßberg-Kliniken. Dabei spielen

neue Beschäftigungs- und Betreuungsmöglichkeiten

sowie der Einsatz von Ehrenamtlichen

eine wichtige Rolle.

• Aufbau von Netzwerken. Sie sollen unter an

derem mit stationären und ambulanten

Pflegediensten gebildet werden, um gegen

seitig vom Wissen und von den Erfahrungen

der anderen Partner profitieren zu können.

Diese drei Ziele sollen letztlich der Vorbereitung

der Haßberg-Kliniken auf die zukünftigen

Herausforderungen durch die steigende Zahl

demenzkranker Menschen dienen.

Dies wird schließlich auch dazu beitragen,

Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit

zu sichern und zu verbessern. Gerade kleine

Landkrankenhäuser sind prädestiniert für die

Behandlung von hochbetagten Patienten, die

häufig in Dauerbetreuung durch ihren Hausarzt

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VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Der alte Patient

sind. Aufgrund der Wohnortnähe kann die Einbeziehung

des Hausarztes in das stationäre

Behandlungskonzept über Netzwerkstrukturen

gut gelingen. Und auch das soziale Umfeld des

Patienten kann unproblematisch eingebunden

werden, da häufige Krankenbesuche durch die

Angehörigen im nahegelegenen Krankenhaus

erleichtert sind.

Die Rahmenbedingungen

Das Projektteam wurde vom Pflegedienstleiter

der Haßberg-Kliniken, Michael Weiß-Gehring,

zusammengestellt. Um produktiv arbeiten zu

können, sollte die Gruppengröße zu keinem

Zeitpunkt mehr als zehn Teilnehmer haben. Die

Projektleitung wurde der Autorin übertragen,

die eine Gesundheits- und Krankenpflegerin im

Kommunalunternehmen ist und berufsbegleitend

an der Hamburger Fernhochschule Pflegemanagement

studierte. Sie ist als Demenzbeauftragte

benannt und fungiert auch als

Ehrenamtskoordinatorin der Haßberg-Kliniken.

Als ärztliche Unterstützung wurde ein Facharzt

für Innere Medizin, Angiologie, Diabetologie

und Geriatrie in die Gruppe integriert, der

auch als Chefarzt der Akutgeriatrie im Kommunalunternehmen

tätig ist. Die Pflege ist durch

die Stationsleitung der Inneren Medizin, Haus

Ebern, die stellvertretende Pflegedienstleitung,

die Stationsleitung der Akutgeriatrie Haßfurt

sowie den Pflegedienstleiter selbst vertreten.

Im Auftrag des therapeutischen Teams wurde

eine Physiotherapeutin der Akutgeriatrie in die

Mitgliedsrunde aufgenommen. Um frühzeitig

Netzwerke aufbauen zu können, wurden auch

Vertreter des Landratsamts Haßberge (Pflegestützpunkt

und "Gesundheitsregion plus")

sowie des Sozialdienstes des Krankenhauses

eingeladen. Bei Bedarf wird die Gruppe durch

ausgewählte Gäste komplementiert.

Demenzsensible Konzepte

Die Mahlzeiten

Für einen kognitiv eingeschränkten Menschen

stellt unter anderem die Speiseversorgung im

Krankenhaus ein Problem dar. Meist wird die

Essensbestellung einen Tag im Voraus aufgenommen.

Wenn 24 Stunden später das Essen

gereicht wird, können sich demenzkranke Patienten

nicht mehr an ihre Bestellung vom Vortag

erinnern. Sie haben nun nicht mehr die Möglichkeit,

ein anderes Menü zu wählen, was im

schlimmsten Fall zur Nahrungsverweigerung

führen kann.

Problematisch ist auch das Tablett-System, das

in nahezu allen Krankenhäusern Anwendung

findet. Hierbei werden mehrere Gänge zusammen

auf einem Tablett serviert. Menschen mit

Demenz stellt dies meist vor eine unlösbare

Aufgabe. Sie erkennen die Speisen auf dem Teller

oft nicht mehr und so kommt es vor, dass

etwa die Nachspeise in der Suppe landet. Auch

der fehlende soziale Aspekt durch die Einnahme

der Mahlzeit allein im Zimmer, ohne Gesellschaft,

führt dazu, dass demenziell erkrankte

Patienten weniger oder gar nichts zu sich nehmen.

(vgl. Robert Bosch Stiftung 2007: 16 ff.).

Um die Speiseversorgung für Demenzkranke in

unserem Unternehmen zu optimieren, wird als

eine Konsequenz bereits im Bereich der Akutgeriatrie

und der internistischen Station im

Die Projekttreffen finden in einem Rhythmus

von zwei Wochen statt. Für jede Sitzung ist in

etwa eine Stunde Zeit eingeplant, die den jeweiligen

Teilnehmern als Arbeitsstunde gutgeschrieben

wird.

Das Projekt ist organisatorisch und auch finanziell

direkt der Pflegedienstleitung unterstellt.

Das bedeutet, dass die Kosten, die hier

entstehen, auf die pflegerischen Kostenstellen

aller Klinikstandorte verteilt werden. Weitere

Geldmittel konnten nach einer erfolgreichen

Bewerbung beim Bundesamt für Familie

und zivilgesellschaftliche Aufgaben durch eine

Förderung im Rahmen des Programms „Lokale

Allianzen für Menschen mit Demenz“ generiert

werden.

Haßberg-Kliniken – Geschützter Außenbereich der Akutgeriatrie

mit Terrasse und Rundweg an den Hochbeeten vorbei

Foto: Sybille Themé

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 15


Der alte Patient

gefühl vermittelt. Die Betroffenen sind ruhiger

und weisen deutlich weniger Schlafprobleme

und Verwirrtheitszustände auf, als vom Krankheitsbild

vergleichbare Patienten ohne Begleitung

ihrer Angehörigen (vgl. Saxl 2014: 10 f.).

Aufgrund der begrenzten Planbetten im Haus

kann diese Möglichkeit der Betreuung Demenzkranker

durch ihre Angehörigen allerdings

nur unter Vorbehalt eingeräumt werden.

Platz zwei - Auszeichnung als Nachwuchs-Pflegemanager des Jahres 2018 für Anna-

Maria Combes und ihr Projekt „Demenzsensible Haßberg-Kliniken“. Der Preis wurde

vom Bundesverband Pflegemanagement in Zusammenarbeit mit Springer Pflege beim

Kongress Pflege in Berlin verliehen. In der Begründung heißt es u.a., die Versorgungsqualität

der betroffenen Patienten habe durch eine Vielzahl innovativer Ideen deutlich

gesteigert werden können. Die 28-Jährige habe durch ihr hohes Maß an Kreativität

und Durchhaltevermögen überzeugt. Anna-Maria Combes war eine von drei ausgezeichneten

auf Platz zwei in diesem Wettbewerb.

Foto: Haßberg-Kliniken

Haus Ebern der Gemeinschaftsraum als Speisesaal

genutzt. Hier können nun demente und

nicht demente Patienten gemeinsam essen.

Die Pflegekräfte berichten nach dieser Veränderung

von positiven sozialen Interaktionen

beim Essen und von weniger Problemen bei der

Nahrungsaufnahme durch die kognitiv eingeschränkten

Patienten.

Des Weiteren wurden alle Mitarbeiter, die das

Essen austeilen, dazu angehalten, demenziell

Erkrankten nicht das gesamte Tablett zu reichen,

sondern die einzelnen Gänge nacheinander

bereitzustellen.

Auf Sicht ist die Abschaffung des Tablett-Systems

in diesen beiden Bereichen angedacht.

Das Essen soll künftig erst direkt im Speisesaal

aus einem Küchenwagen auf die Teller gegeben

werden. So kann auch kurzfristig auf Essenswünsche

und auf die benötigte Menge eingegangen

werden.

Einbeziehung der Angehörigen

Um die Angehörigen besser in die Versorgung

des demenziell erkrankten Patienten einbeziehen

zu können, wollen die Haßberg-Kliniken

die Möglichkeit zum Rooming-In anbieten. Mit

Rooming-In ist das Übernachten eines Angehörigen

im Patientenzimmer gemeint. Durch

die Anwesenheit von vertrauten Personen, vor

allem auch in der Nacht, wird dem Demenzerkrankten

sowohl Sicherheit als auch ein Wohl-

Anpassung der räumlichen Bedingungen

Auch die räumlichen und baulichen Gegebenheiten

können an die Bedürfnisse von kognitiv

beeinträchtigten Menschen angepasst werden

und somit zu Erleichterungen im Krankenhausalltag

führen. Für die Unterbringung von

Demenzkranken ist eine ruhige und geschützte

Station empfehlenswert. Die Gestaltung

der Räume und Flure kann die Wahrnehmung

demenziell Erkrankter positiv beeinflussen,

aggressives Verhalten reduzieren und zur gesteigerten

Gesamtzufriedenheit beitragen. Für

demente Patienten sind nicht nur rutschfeste

Fußböden und Handläufe von Vorteil, sondern

auch eine anregende Farbgestaltung und eine

erklärende Bildsprache (vgl. Schwarz 2015: 4).

Die Krankenzimmer selbst sollten hell und

freundlich gestaltet sein. Wichtig ist eine Ausgewogenheit

zwischen Wohnlichkeit, Sicherheit

und klinischer Funktionalität. In allen Bereichen

spielen die Patientensicherheit und Elemente,

die den Patienten Orientierung in der

ungewohnten Umgebung ermöglichen – z.B.

Wegweiser und Bildschriften - eine große Rolle

(vgl. Kirchen-Peters 2013: 37 f.). Bereits kleine

Veränderungen, wie das Streichen einzelner

Wände, das Aufhängen von Bildern oder der

Austausch von Leuchtmitteln, kann ihr Wohlbefinden

steigern (vgl. Brommer et al. 2013: 43

ff.). Auch von zuhause mitgebrachte vertraute

Gegenstände (Bilder, Kissen, etc.) sind hilfreich

und sorgen für eine vertraute Atmosphäre (vgl.

Schwarz 2015: 6).

Schulung der Mitarbeiter

Um demenziell erkrankte Patienten qualitativ

gut versorgen zu können, sind Schulungen der

Mitarbeiter unumgänglich. Schulungen zum

Thema Demenz werden oft nur für Pflegekräfte

angeboten. Sie sind aber für alle Berufsgruppen

mit direktem Patientenkontakt wichtig. Nur

wenn alle Mitarbeiter sicher im Umgang mit

demenziell erkrankten Menschen sind, kann

eine verbesserte Versorgung für diese Klientel

erreicht werden (vgl. Kirchen-Peters 2013: 53).

Die Intensität der Schulungsinhalte sollte

zwischen den einzelnen Berufsgruppen jedoch

variieren. Allen Arbeitnehmern müssen aber

die verschiedenen Inhalte zum Themenkom-

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VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Der alte Patient

plex Demenz vermittelt werden, damit sie im

Umgang mit kognitiv Eingeschränkten sicherer

werden und sich somit nicht nur für sie,

sondern vor allem für die betroffenen Patienten

der Klinikalltag verbessert. Durch das

vermittelte Hintergrundwissen zu diesen kognitiven

Erkrankungen werden die Mitarbeiter

für die Situation der Betroffenen sensibilisiert

und können so besser auf die individuellen

Bedürfnisse dieser Patientengruppe eingehen.

Zunächst ist allen Beschäftigten vor Augen zu

führen, dass es kein einheitliches Rezept für

den Umgang mit kognitiv eingeschränkten Patienten

gibt. Unabhängig von der Schwere der

Demenz haben die Erkrankten ganz verschiedene

Bedürfnissen, Biografien, Ressourcen

und Defizite. Die Mitarbeiter müssen erkennen,

wie wichtig es ist, auf diese Individualität

im Umgang mit Betroffenen einzugehen (vgl.

Hipp 2012: 4 f.).

Auch in Bezug auf die Schulungsinhalte müssen

Differenzierungen der einzelnen Berufsgruppen

stattfinden. Die Schulung des Pflegepersonals

ist dabei besonders umfangreich,

da es den meisten Kontakt mit demenziell

erkrankten Patienten hat. In den Haßberg-

Kliniken werden den Pflegekräften folgende

Schulungsinhalte vermittelt:

• Hintergründe zur Krankheit

• Symptome der Demenz inklusive der

Differenzierung Krankheitsbild Delir

• Beobachtung und Wahrnehmung

• spezielle Situation von dementen

Menschen im Krankenhaus

• Kommunikation und Interaktion

• herausforderndes Verhalten

• Validation nach Richard

• Biografiearbeit sowie Milieutherapie

Für die Ärzte sind die Inhalte ähnlich. Allerdings

gehen deren Schulungen bei den pflegespezifischen

Themen nicht so weit in die Tiefe. Ergänzt

werden die Fortbildungen der Mediziner hingegen

durch spezielle diagnostische Möglichkeiten

zur Erkennung einer Demenz sowie durch

medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten

dieser Erkrankung.

Die übrigen Mitarbeiter erhalten eine kurze

Einführung in die Krankheit, die deren Entstehung,

Symptomatik und Behandlungsformen

knapp beinhaltet. Des Weiteren werden sie im

Bereich Kommunikation und Umgang mit kognitiv

eingeschränkten Menschen geschult.

Auch, wie sie in bestimmten Situationen, beispielsweise

bei herausforderndem Verhalten,

handeln sollen, wird ihnen näher gebracht.

Kennzeichnung und Information

Um in bestimmten Situationen alle an der Versorgung

des betreffenden Patienten beteiligten

Mitarbeiter darauf hinzuweisen, dass ihnen ein

Patient mit einer demenziellen Erkrankung gegenübersteht,

ist es sinnvoll, die Krankenakte

mit einem Vermerk über das Vorliegen einer

kognitiven Einschränkung zu versehen. Dies ist

vor allem wichtig, wenn der Patient die Station

für Untersuchungen, Behandlungen oder Operationen

verlassen muss und mit Personal in

Kontakt kommt, das ihn und seine Krankheitsgeschichte

nicht detailliert kennt. Eine Kennzeichnung

kann in der Krankenakte, im Computersystem

oder durch ein spezielles Symbol auf

den Patientenarmbändern stattfinden. Unerlässlich

bei der Kennzeichnung einer kognitiven

Einschränkung in den Patientenunterlagen ist

die Einhaltung der Datenschutzbestimmungen

(vgl. Bille et al. 2011: 9).

Einsatz von Hilfsmitteln

Der gezielte Einsatz von Hilfsmittel für die Arbeit

mit kognitiv eingeschränkten Menschen

kann ebenfalls zu einer Verbesserung der Versorgungsqualität

beitragen. Es gibt hier zahlreiche

Möglichkeiten, die allerdings vor einer

Anschaffung gründlich daraufhin zu prüfen

sind, ob sie zum einen notwendig und zum anderen

überhaupt geeignet für die jeweilige Organisation

und deren Versorgungskonzept sind

(vgl. Schwarz 2015: 4).

Für die Patientensicherheit arbeitet das Kommunalunternehmen

mit einem Türalarmsystem,

bei dem die Ausgangstür verriegelt wird, sobald

ein Patient mit einem kompatiblen Armband in

die Nähe des Ausganges kommt. Dadurch soll

Menschen mit einer Lauftendenz die Möglichkeit

gegeben werden, sich frei und sicher im

Bereich der Stationen fortbewegen zu können.

Auch die so genannten Klingelmatten kommen

zum Einsatz. Sie werden vor das Bett oder neben

den Stuhl eines kognitiv eingeschränkten

Patienten gelegt und geben ein akustisches Signal

sobald der Patient aufsteht und diese betritt.

Für eine bessere Orientierung kommen verstärkt

Piktogramme zum Einsatz. Durch die

leichtverständlichen Bilder können auch Menschen,

die die Fähigkeit zu lesen verlernt haben,

Orientierung finden (vgl. Schwarz 2015: 5). In

den Haßberg-Kliniken werden die Piktogramme

an den Toiletten, am Speisesaal oder an anderen,

für die Patienten wichtigen Zimmern der

Station angebracht. An das Patientenzimmer

wird ein individuell auf die Vorlieben des Dementen

zugeschnittenes Bild geheftet. Ausgewählte

Bücher, Musik und Spiele fungieren als

Hilfsmittel im Bereich Beschäftigung.

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 17


Der alte Patient

Entwicklung eines Informationsordners

Um allen Mitarbeitern zu jeder Zeit die Möglichkeit

zu geben, Informationen zum Thema

Demenz und den im Kommunalunternehmen

eingeführten demenzsensiblen Konzepten

erhalten zu können, ist die Entwicklung eines

Informationsordners geplant, der künftig

in allen Abteilungen vorhanden sein wird. Der

Ordner soll, neben einer Liste mit den Demenzbeauftragten

und den im Haus eingeführten

Assessments, auch allgemeine Hinweise und

Empfehlungen zum Umgang mit kognitiv eingeschränkten

Patienten beinhalten. Des Weiteren

sollen alle relevanten Flyer und Zeitungsberichte

sowie sämtliche Formulare, die für

die Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen nötig

sind, in den Ordner aufgenommen werden. Flyer

und Listen von Anlaufstellen für Angehörige gehören

ebenfalls zum Informationspaket.

Ausbildung von Demenz-Beauftragten

Für eine qualitativ hochwertige Betreuung von

Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen

ist es notwendig, für jede Abteilung einen

Demenz-Beauftragten auszubilden. Seine

Schulung muss detaillierter und ausführlicher

erfolgen, als für die übrige Belegschaft. Dieser

Experte wird Ansprechpartner für das gesamte

Personal der jeweiligen Station sein. Er führt

kleine Schulungen durch und ist als Berater tätig.

In Situationen, in denen das Personal Probleme

im Umgang mit kognitiv eingeschränkten

Patienten hat, kann der Demenz-Beauftragte

hinzugerufen werden und Handlungsmöglichkeiten

aufzeigen.

Vernetzung mit regionalen Partnern

Die Beteiligung an Netzwerken dient einer Verbesserung

der Schnittstellen zu anderen Versorgungsbereichen.

Wichtige Netzwerkpartner

für Kliniken sind niedergelassene Ärzte, ambulante

und stationäre Pflegeeinrichtungen sowie

Beratungsstellen. Auch die Einrichtung eines

Netzwerks für ehrenamtliche Mitarbeiter ist

für ein Krankenhaus von großer Bedeutung (vgl.

Bille et al. 2011: 8).

Ab September 2018 ist die Umsetzung des Ehrenamtskonzepts

in den Haßberg-Kliniken geplant.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter sollen

zur Unterstützung der Pflegekräfte im Bereich

Beschäftigung und Betreuung zum Einsatz

kommen. Aufgabenfelder sind die Begleitung

zu Untersuchungen, die Betreuung nach Operationen

(nicht pflegerisch oder medizinisch),

das Führen von Gesprächen sowie die organisatorische

Hilfe. Auch Singen, Basteln, Vorlesen,

hauswirtschaftliche und handwerkliche Kleinprojekte

zählen zu den möglichen Tätigkeiten

der Ehrenamtlichen.

Bevor die ehrenamtlichen Mitarbeiter ihren

Dienst antreten, sind ein Bewerbungsgespräch,

die Unterzeichnung einer Dienstvereinbarung

sowie eine Vielzahl Unterweisungen notwendig.

Schulungen erhalten sie im Bereich Demenz,

Hygiene, Daten-, Brand- und Arbeitsschutz.

Optimierung der Kernprozesse

Für eine optimale Versorgung von demenzkranken

Patienten war es unumgänglich, Kernprozesse

zu optimieren.

Aufnahme

Bei der Versorgung demenziell Erkrankter

kommt den Pflegern und Ärzten in der Aufnahme

eine entscheidende Rolle zu. Sie haben die

Aufgabe, kognitive Einschränkungen zu erkennen

und die damit verbundenen Herausforderungen

an die weiterbehandelnden Kollegen zu

kommunizieren (vgl. Teschauer; Wagner 2014:

18). Stellen sie eine kognitive Beeinträchtigung

fest, können sie bereits in der Aufnahmesituation

den Aufenthalt des Demenzkranken beeinflussen.

Durch die gezielte Zuteilung dieser

Patienten auf geeignete, demenzsensible Stationen

erreichen sie, dass speziell geschulte

Mitarbeiter auf die individuellen Bedürfnisse

der Betroffenen eingehen können und somit der

Krankenhausaufenthalt demenziell erkrankter

Menschen mit weniger Komplikationen verläuft,

als in einer nicht spezialisierten Fachabteilung

(vgl. Bille et al. 2011: 7). Zur Vereinfachung

der Entscheidung ist ein Assessment in

Planung.

Funktionsbereiche

Durch bessere Planung seitens der Funktionsbereiche

gibt es für kognitiv eingeschränkte

Patienten keine Wartezeiten vor den Untersuchungszimmern

mehr. Sie werden von einer

Hilfskraft direkt zur Untersuchung gebracht

und danach wieder zurückbegleitet. Untersuchungen,

wie eine Sonografie oder ein EKG,

werden auf den Stationen selbst durchgeführt,

damit der Patient durch den räumlichen Wechsel

nicht noch zusätzlich belastet wird.

Entlassung

Ein solides und erfolgversprechendes Entlassungsmanagement

sollte bereits bei der Aufnahme

beginnen und während des gesamten

Krankenhausaufenthaltes weiterlaufen. Mit

der Hilfe des Entlassungsmanagements können

frühzeitig drohende poststationäre Versorgungsdefizite

aufgedeckt und dadurch ebenfalls

zeitnah geeignete Lösungsansätze gefunden

werden (vgl. Wingenfeld 2012: 41). An erster

Stelle bei allen Maßnahmen zur Entlassungsplanung

steht der Kontakt zu den Angehörigen

und den Pflegeheimen. So können zeitnah

18

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Der alte Patient

In der Akutgeriatrie

Foto: Sybille Themé

Fragen zur nachstationären Betreuung geklärt

werden. Es kann auf einen erhöhten Hilfebedarf

ebenso eingegangen werden wie auf eine

Versorgung mit Hilfs-, Heil- und Arzneimitteln

(vgl. Kämmer 2008: 17).

Im Rahmen des Projekts „Demenzsensible

Haßberg-Kliniken“ wurde eine Entlassungscheckliste

erarbeitet und implementiert, die

nun nicht nur für Menschen mit Demenz, sondern

für alle Patienten des Kommunalunternehmens

Anwendung findet. Sie ist Grundlage

für das Entlassungsmanagement in den beiden

Häusern.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Eine qualitativ hochwertige Versorgung von

demenziell Erkrankten kann nur durch interdisziplinäre

Zusammenarbeit erreicht werden.

Schon bei Aufnahme muss das interprofessionelle

Team eine gemeinsame Entscheidung

treffen: Ist ein stationärer Aufenthalt für den

Demenzerkrankten wirklich nötig und auch zumutbar?

Wenn eine Aufnahme in das Krankenhaus

unumgänglich ist, muss geplant werden,

wie der Aufenthalt sowohl möglichst kurz als

auch möglichst angenehm für den Betroffenen

gestaltet werden kann. Auch im weiteren stationären

Verlauf ist die gemeinsame Absprache

und Planung der einzelnen Fachdisziplinen

Grundvoraussetzung für eine optimale Versorgung

von kognitiv eingeschränkten Patienten

(vgl. Kämmer et. al 2008: 10). Geplant sind in

den Haßberg-Kliniken künftig regelmäßige Supervisionen

in Form von interdisziplinären Fallbesprechungen.

Fazit

Mit dem Konzept einer demenzsensiblen Einrichtung

kommen die Haßberg-Kliniken zum

einen ihrem Auftrag im Rahmen der Daseinsvorsorge

für den älteren Teil der Bevölkerung

des Landkreises Haßberge nach und werden

gleichzeitig ihrem Anspruch an eine patientenzugewandte

Betreuung gerecht. Das Engagement

in diesem Bereich ist gleichzeitig auch

Teil der Zukunftssicherung des Krankenhausunternehmens.

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 19


Der alte Patient

Quellen

Bickel, H.; Weyerer, S. (2007):

Epidemiologie psychischer Erkrankungen im höheren Alter.

Stuttgart: Kohlhammer Verlag: 42 ff.

Bille, S. et al. (2011):

Betreuung von demenzkranken Menschen im Allgemeinkrankenhaus.

20 Empfehlungen für Krankenhausträger zur verbesserten Versorgung von Patienten

mit kognitiven Einschränkungen.

München: Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit: 3-9.

Brommer et al. (2013):

Menschen mit Demenz im Krankenhaus.

Auf dem Weg zum demenzsensiblen Krankenhaus.

Berlin: Deutsche Alzheimer Gesellschaft: 13, 27-31, 39, 41, 43 ff., Anhang.

Füsgen, I. (2012):

Unsere Krankenhäuser brauchen neue Konzepte.

In: Frölich, L.; Füsgen, I. (2012) Patienten mit Gedächtnisstörungen im Krankenhaus. 35. Workshop

des "Zukunftsforum Demenz".

Wiesbaden: Medical-Tribune-Verlag: 11.

Hipp, S. (2012):

Beschäftigungsangebote für Menschen mit Demenz.

Stuttgart: Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg e. V.: 4 f.

Kämmer, K. et al. (2008):

Patienten mit einer Demenz im Krankenhaus.

Begleitheft zum „Informationsbogen für Patienten mit einer Demenz bei einer Aufnahme ins

Krankenhaus“.

Berlin: Deutsche Alzheimer Gesellschaft: 6-10, 13, 17.

Kirchen-Peters, S. (2013):

Akutmedizin in der Krise?

Chancen und Barrieren für das demenzsensible Krankenhaus.

Saarbrücken: Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft: 35-38, 53.

Robert Bosch Stiftung (Hrsg.) (2007):

Gemeinsam für ein besseres Leben mit Demenz.

Ernährung bei Demenz.

Bern: Verlag Hans Huber: 16 ff.

Saxl, S. (2014):

Was können Angehörige tun, um den Aufenthalt im Krankenhaus zu erleichtern.

In: Alzheimer Info1/14: 10 f.

Schwarz, G. (2015):

Technische Hilfsmittel für Demenzkranke.

Beispiele aus der Praxis.

Stuttgart: Alzheimer Beratung der Evangelischen Gemeinschaft: 4-6, 13.

Teschauer, W.; Wagner, G. (2014):

Abschlussbericht zum bayernweiten Projekt „Menschen mit Demenz im Krankenhaus“.

Nürnberg: Deutsche Alzheimer Gesellschaft e. V.: 14, 16, 18.

Wingenfeld, K. (2012):

Patienten mit Demenz – Herausforderungen und Handlungsansätze.

In: Hellmann, W.; Hoefert, H. (Hrsg.): Das Krankenhaus im demografischen Wandel. Theoretische

und praktische Grundlagen zur Zukunftssicherung.

Heidelberg: Medhochzwei Verlag GmbH: 36 f., 41.

20

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Delirtherapie im Krankenhaus

Akute Verwirrtheitszustände im Alter – ein Wettlauf mit der Zeit

Der alte Patient

Das Sankt Elisabeth Krankenhaus Eutin

Das Sankt Elisabeth Krankenhaus Eutin ist ein Fachkrankenhaus für Innere Medizin

mit 98 Planbetten, wobei der Fachabteilung Geriatrie mit 84 Betten ein Bett der Inneren

Medizin und 13 Betten im Palliativ zugeordnet sind. Es werden Patienten aus

anderen Kliniken weiterbehandelt und auch direkt aus dem häuslichen Bereich aufgenommen.

Es besteht die Möglichkeit einer ambulanten geriatrischen Behandlung.

Das Einzugsgebiet ist überregional, weil viele spezialisierte Leistungen, z.B. eine spezialisierte

Palliativversorgung und eine breitgefächerte Diagnostik, angeboten werden.

Betont wird der ganzheitliche Ansatz der Patientenbetreuung, was für betagte

Patienten und Menschen in der letzten Lebensphase und deren Angehörige ein zentrales

Anliegen ist. Durch enge Verzahnung mit ambulanten Pflegediensten und Altenpflegeeinrichtungen,

konsiliarärztlichen Begleitungen aus der Schön Klinik Neustadt

und dem Krankenhaus Preetz, Kooperationen mit der Universitätsklinik Lübeck

sowie mit der Diakonie Malente ist die einheitliche Behandlungsqualität der Patienten

vor und nach dem stationären Aufenthalt sichergestellt. Als Partner zahlreicher Akutkrankenhäuser

und Arztpraxen erfüllt das Haus eine wichtige Funktion zwischen

spezialisierter Akutmedizin und der Weiterversorgung.

Kerstin Ganskopf

Vorsitzende der Landesgruppe

Nord des VKD

und Mitglied des VKD-

Vorstands, Geschäftsführerin

des Sankt Elisabeth-

Krankenhauses Eutin

Das Sankt Elisabeth Krankenhaus Eutin hat

im Rahmen der altersmedizinischen Behandlung

ein eigenes Setting für Patienten mit einem

Delir entwickelt. Bei Auftreten eines Delirs

muss sehr schnell gehandelt werden. Es ist

nicht nur ein Notfall, der potenziell lebensbedrohlich

ist. Schnelle Reaktion ermöglicht

auch die Reversibilität des Geschehens. Patienten

aus dem ambulanten Bereich sowie aus

umliegenden anderen Akutkliniken werden

ebenso rund um die Uhr zügig aufgenommen.

Ein Konzept, das sektorenübergreifend ähnlich

dem in der Palliativversorgung des Krankenhauses

umgesetzt werden könnte. Leider

fehlt die entsprechende Vergütungsstruktur.

Das lateinische „Demenz“ heißt übersetzt Entgeistung,

ohne Geist. So spricht man beim Verlust

von bereits erworbenen Fähigkeiten von

Demenz. Zumeist sind bei dementen Patienten

das Kurzzeit- und später auch das Langzeitgedächtnis,

das Denk- und Sprachvermögen sowie

die Motorik betroffen, bei einigen Formen ist es

die gesamte Persönlichkeitsstruktur.

Menschen mit Demenz sind überdurchschnittlich

häufig auch von sogenannten Deliren, zeitweise

auftretenden Verwirrtheitszuständen,

betroffen. Dabei ist ein Delir unter anderem

meist auch mit schweren Beeinträchtigungen

der kognitiven Fähigkeiten und mit Bewusstseinsstörungen

verbunden. Beim älteren Menschen

geht man von einem multifaktoriellen

Geschehen aus. Ursächlich handelt es sich also

um ein Zusammenwirken mehrerer Faktoren,

die zu einem deliranten Zustand führen. Auslöser

können zum Beispiel Infektionen sein, aber

auch Schmerzen, psychische und körperliche

Belastungen, wie sie zum Beispiel mit Operationen

einhergehen. Häufig spielen auch Nebenwirkungen

von Medikamenten eine Rolle, die

bei älteren Patienten oftmals vor allem in der

Wechselwirkung verschiedener Substanzen unterschätzt

werden.

Gerade der Aufenthalt in einer fremden Umgebung

wie einem Krankenhaus, verbunden mit

einer neu aufgetretenen körperlichen Beeinträchtigung,

zum Beispiel nach einem akuten

Sturz, lässt bei demenzkranken Patienten überdurchschnittlich

häufig ein Delir entstehen.

Eine solche Ausnahmesituation kann den Heilungserfolg

beziehungsweise das Therapieergebnis

der primären Ursache des Krankenhausaufenthaltes

beeinträchtigen oder oftmals

sogar verhindern.

»Ein spiegelbildliches

Modell einer Spezialisierten

ambulanten Demenzversorgung,

kurz „SADV“, mit dem

medizinischen Anker der

Demenzstation, würde für

Patienten und Angehörige

eine deutlich höhere Sicherheit

schaffen.«

Kerstin Ganskopf

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 21


Der alte Patient

Das Sankt Elisabeth Krankenhaus Eutin

Foto: Frank Siemers

Demenzstation des

Sankt Elisabeth

Krankenhaus Eutin

Fotos: Frank Siemers

22

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Der alte Patient

Spezielles Setting entwickelt

Aus diesem Grunde hat das Sankt Elisabeth

Krankenhaus Eutin im Rahmen der altersmedizinischen

Behandlung ein eigenes Setting für

diesen – zeitlich begrenzten – Ausnahmezustand

entwickelt.

„Vielfach geht ein deliranter Zustand mit

Schlafstörungen einher und zeigt sich in unterschiedlichsten

Ausprägungen. Dazu kann ein

‚herausforderndes Verhalten‘ gehören, das sich

in Aggression oder wahnhaftem Erleben ausdrückt,

usw. Die sorgende Umgebung, in der Regel

das Pflegepersonal einer Station, kommt an

ihre Grenzen, kann den betroffenen Menschen

nicht mehr angemessen versorgen und die mit

dem Delir einhergehenden Verhaltensweisen

abfangen“, so Dr. Hartmut Niefer, Ärztlicher Direktor

und Chefarzt für Innere Medizin/Geriatrie

am Sankt Elisabeth Krankenhaus Eutin.

Während eine Demenz irreversibel voranschreitet,

liegt im akuten Auftreten des Delirs

die Möglichkeit der Reversibilität des Geschehens.

So ist ein Delir zunächst immer ein Notfall,

da sowohl Ursachen als auch Folgen potenziell

lebensbedrohlich sein können. Daher

ist auch eine ebenso akute Reaktion mindestens

innerhalb der ersten 48 Stunden seitens

der Behandler erforderlich. Das Sankt Elisabeth

Krankenhaus Eutin hat deswegen im Schwerpunktbereich

seiner geriatrischen Klinik ein

System etabliert, das diese Zustände verhindern

oder professionell abfangen, abmildern

und möglichst rückführen soll. Dabei wird in

erster Linie auf nicht-medikamentöse Strategien

zur Verhinderung des Delirs durch speziell

geschultes Personal gesetzt.

Da Menschen mit Demenz und Delir einen akuten

Bedarf an umsorgender Hilfestellung haben,

bemüht sich das Sankt Elisabeth Krankenhaus

um eine schnellstmögliche Aufnahme der

betroffenen Patienten. Das Krankenhaus nimmt

sie unmittelbar aus dem ambulanten Bereich,

also den Familien, oder auch aus Pflegeheimen,

auf. Kommt es zur Eskalation einer Situation

durch einen deliranten Patienten auf einer

Akutstation eines der umliegenden Krankenhäuser,

wird über eine Kooperation mit den

sozialpsychiatrischen Diensten des Kreises wie

auch mit der örtlichen Polizei die Klinik direkt

angerufen, so dass diese Patienten ebenfalls

rund um die Uhr aufgenommen und entsprechend

versorgt werden können. Damit kann

zudem das Ansteuern der Notfallambulanzen

von Schwerpunktkrankenhäusern, die in der

Regel nicht über die entsprechenden personellen

Strukturen verfügen, vermieden und

schnellste professionelle Reaktion ermöglicht

werden.

Die Klinik stellt im Bedarfsfall als Sofortmaßnahme

über eine Betreuungskraft eine 1:1 Betreuung

sicher, um eine kontinuierliche Begleitung

des Patienten und Gefahrenminimierung

zu erzielen. Auf diese Weise ist es möglich, weitestgehend

auf den Einsatz von Beruhigungsmitteln

und mechanischen Fixierungsmaßnahmen

zu verzichten.

Chefarzt Dr. Hartmut Niefer

Foto: Frank Siemers

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 23


Der alte Patient

Ausgesprochen positiver Effekt

Die Auswertung des Jahres 2017 zeigt den positiven

Effekt dieser Therapie:

Von den Patienten, die in diesem akuten Verwirrtheitszustand

2017 aufgenommen wurden,

konnte das Delir bei mehr als 80 Prozent zurückgedrängt

werden. Dies gelang in allen Fällen,

ohne dass Fixierungsmaßnahmen durchgeführt

werden mussten. Eine gelegentlich

zwingend sedierende Medikation wurde im

Rahmen der Therapie maximal nur jeweils bis

Mitternacht vorgenommen, um eine Einbindung

in eine feste Tagesstruktur am Folgetag

zu ermöglichen.

Mehr noch: Bei 57 Prozent der Patienten konnten

die motorischen Fähigkeiten durch die Therapie

so gestärkt werden, dass sie problemlos

wieder zuhause hätten versorgt werden können.

Der Wermutstropfen: Viele Angehörige

erleben die Situation von deliranten Patienten

als so einschneidend, dass sie sich ein weiteres

Zusammenleben trotz der positiven Behandlungserfolge

nicht mehr zutrauen. In 62 Prozent

der Fälle erfolgte im Anschluss an den Krankenhausaufenthalt

daher eine Unterbringung in

einem Pflegeheim.

„SADV“ wäre ein sinnvolles Konzept

Das oben beschriebene System könnte durch

eine starke Kooperation ambulanter und stationärer

Strukturen aus Sicht des Sankt Elisabeth

Krankenhauses weiter verbessert werden.

Seit 10 Jahren funktioniert das im Bereich der

Palliativversorgung. Sowohl strukturell als auch

personell ist die Spezialisierte ambulante Palliativversorgung

(SAPV) eng an das Palliativzentrum

des Krankenhauses angebunden. Ein

spiegelbildliches Modell einer „SADV“ – einer

Spezialisierten ambulanten Demenzversorgung

– mit dem medizinischen Anker der Demenzstation,

würde für Patienten und Angehörige

eine deutlich höhere Sicherheit schaffen, weil

hier koordinierende und gegebenenfalls aufsuchende

Betreuung der Demenzkranken jederzeit

gewährleistet wären. Für dieses sinnvolle

Konzept fehlt leider bisher die entsprechende

Vergütungsstruktur. Die Konzepte und – was

entscheidender ist – das Netzwerk dafür, sind

bereits vorhanden.

Visite auf der Demenzstation

Foto: Frank Siemers

Gemeinsam als ATZ zertifiziert

Die Schön Klinik Neustadt und das Sankt Elisabeth Krankenhaus Eutin sind zusammen

als Alterstraumatologisches Zentrum (ATZ) zertifiziert. Das Zertifikat bestätigt

die hohe medizinische Qualität bei der kooperativen Versorgung älterer Menschen, die

beispielsweise infolge von Knochenbrüchen und anderen Verletzungen in der Klinik

für Orthopädie und Unfallchirurgie (Neustadt) sowie der Geriatrie (Eutin) behandelt

werden. Durch die Kooperation auf Basis des gemeinsamen GeriAktiv-Konzepts wird

mittel- bis langfristig eine weitere Verbesserung der Versorgungsqualität von älteren

Patienten in der Region erzielt und sichergestellt. Mit dem GeriAktiv-Konzept

wurden die Spezialisierungen beider Fachrichtungen – Unfallchirurgie und Geriatrie

– zu einem ganzheitlichen Behandlungsschema im Alterstraumatologischen Zentrum

zusammengefasst und die verschiedenen Expertisen gebündelt, um ältere Patienten

optimal zu versorgen.

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VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Mobilität, Eigenständigkeit

und Selbstbestimmung

Interdisziplinäres Komplexbehandlungszentrum Crivitz (iKBZ) bietet

Geriatrische frührehabilitative Komplexbehandlung

Der alte Patient

Das MediClin Krankenhaus am Crivitzer See

Das MediClin Krankenhaus am Crivitzer See ist eine Einrichtung der Grund- und

Regelversorgung mit den Fachbereichen Chirurgie/Orthopädie, Innere Medizin,

Gynäkologie/Geburtshilfe, Anästhesiologie und Radiologie. Es verfügt insgesamt über

74 Patientenbetten. Das 1948 eröffnete Haus liegt direkt am Crivitzer See und wurde

vor allem in den letzten Jahren kontinuierlich modernisiert und mit neuester Medizintechnik

ausgestattet. Im interdisziplinären Komplexbehandlungszentrum werden

insbesondere ältere, aber auch andere chronisch kranke bzw. multimorbide Patienten

mit komplexen Gesundheitsstörungen ganzheitlich und sektorenübergreifend

behandelt. Hierzu wurden verschiedene frührehabilitative und andere Komplexbehandlungen

zu einem integrierten, fachabteilungsübergreifenden Angebot innerhalb

einer Behandlungseinheit zusammengefasst. Neben der geriatrischen frührehabilitativen

Komplexbehandlung werden Palliativkomplexbehandlung, multimodale

Schmerztherapie, komplexes Wundmanagement und komplexe hochaufwändige

Pflege im Rahmen der akutstationären Behandlung (PKMS) angeboten.

Yvonne Bartels

Kaufmännische Direktorin,

MediClin Krankenhaus

am Crivitzer See

Das MediClin Krankenhaus am Crivitzer See

macht sich fit für die Zukunft, denn zukunftsweisend

ist unter anderem die Erweiterung

des Leistungsspektrums für ältere Patienten,

die an chronischen Erkrankungen leiden.

Um dem demografischen Wandel Rechnung

zu tragen und den Behandlungsbedürfnissen

älterer Menschen nachkommen zu können,

wurde Anfang 2017 am Standort in Crivitz ein

neues Kompetenzzentrum gegründet, das „interdisziplinäre

Komplexbehandlungszentrum

(iKBZ)“. Das Ziel der Therapien, die neu in Crivitz

angeboten werden, ist es, die Gesundheit

und Eigenständigkeit und damit die Lebensqualität

der Patienten im Alter möglichst

lange zu erhalten. Insbesondere ältere, aber

auch andere chronisch kranke bzw. multimorbide

Patienten mit komplexen Gesundheitsstörungen

werden ganzheitlich und fachübergreifend

nach einem innovativen Konzept

behandelt.

Viele ältere Patientinnen und Patienten sind

multimorbid. Sie leiden häufig an mehreren

Krankheiten gleichzeitig und sind dadurch in

ihrer Selbstständigkeit, Belastbarkeit und in

ihrer Lebensqualität beeinträchtigt. Gerade

bei diesen Patienten ist es wichtig, so früh wie

möglich schon im Akutkrankenhaus mit einer

gezielten, strukturierten Behandlung zu beginnen,

deren Ziel es ist, nicht nur die eigentliche

Akuterkrankung zu versorgen, sondern die einen

multidimensionalen Therapieansatz hat.

Nicht jeder alte Patient benötigt eine solche

komplexe Behandlung. Es geht um diejenigen

mit großen funktionellen Defiziten, deren

Mobilität, Selbsthilfefähigkeit und Selbstständigkeit

gestärkt werden soll. Ziel des interdisziplinären

Komplexbehandlungszentrums im

MediClin Krankenhaus am Crivitzer See ist es,

mit einer ganzheitlichen Behandlung diesen

Patienten zu einer besseren Lebensqualität zu

verhelfen und ihnen damit auch wieder eine Lebensperspektive

zu geben.

Voraussetzungen für eine Aufnahme

in das Komplexbehandlungszentrum

Zu den Komplextherapien, welche in Crivitz

angeboten werden, gehören die Multimodale

Schmerztherapie, die Palliativmedizin sowie

die Geriatrische frührehabilitative Komplexbehandlung.

Allen diesen Komplextherapien

gemeinsam sind die individuellen, auf jeden

einzelnen Patienten ausgerichteten Therapiekonzepte.

Im Rahmen der Geriatrischen frührehabilitativen

Komplexbehandlung werden vor allem

Patienten mit akuten internistischen Krankheitsbildern,

zum Beispiel Herzschwäche,

Magen-Darm-Erkrankungen, Infekten oder

schweren Schmerzzuständen, sowohl nach der

»Ziel des interdisziplinären

Komplexbehandlungszentrums

im MediClin Krankenhaus

am Crivitzer See ist

es, mit einer ganzheitlichen

Behandlung diesen Patienten

zu einer besseren Lebensqualität

zu verhelfen und

ihnen damit auch wieder

eine Lebensperspektive

zu geben.«

Yvonne Bartels

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 25


Der alte Patient

Chefarzt Dr. Torsten Hirche mit einem Teil des Teams des Crivitzer iKBZs: Christin

Gebheim (Ergotherapie), Pflegerin Daniela Fickler, stellvertretende Stationsleitung

Lucie Glaser, Geriatrischer Fachpfleger Falko Grabe (v.l.n.r.)

Foto: MediClin Krankenhaus am Crivitzer See

Akutbehandlung, vor allem auch vom Hausoder

Facharzt überwiesen, stationär behandelt.

Zum Teil werden auch Patienten von umliegenden

Kliniken zur weiteren Behandlung ins

MediClin Krankenhaus am Crivitzer See verlegt,

etwa nach der Akutbehandlung eines Schlaganfalls.

Das geschieht, wenn aufgrund der körperlichen

Instabilität eine Verlegung in eine

Rehabilitationsklinik nicht möglich ist. Auch für

diese Patienten leistet das Crivitzer Krankenhaus

die geriatrische Früh-Rehabilitation.

Allerdings eignet sich nicht jeder Patient im

höheren Lebensalter für diese komplexe Behandlungsform,

da seine persönliche Einsicht

und Mitwirkung dafür notwendig sind. Voraussetzungen

sind u.a. auch eine drohende oder

bereits bestehende Behinderung, die Gefahr einer

Pflegebedürftigkeit oder Verschlechterung

dieses Zustands, Multimorbidität, kognitive

Störungen u.a.

Lebensqualität als wichtigstes

Behandlungsziel

Zu den wichtigsten Behandlungszielen des

Teams um Dr. Torsten Hirche, Chefarzt des interdisziplinären

Komplexbehandlungszentrums,

gehören die Wiedererlangung größtmöglicher

Unabhängigkeit in allen Alltagsaktivitäten

(Selbstständigkeit), die Verbesserung der Mobilität

mit oder ohne Hilfsmittel (z.B. Gehstützen,

Rollator) und die Vermeidung/Minderung bleibender

Pflegebedürftigkeit. Der entscheidende

Gedanke ist die Verbesserung der Lebensqualität,

die in jeder Phase der Therapie und für jeden

Patienten ganz individuell definiert wird.

In einer multimodalen Therapie dieser Form

profitieren die Patienten in Crivitz vom ganzheitlichen

Behandlungsansatz mit individuellem

Therapieprogramm und einer interdisziplinären

Betreuung durch ein Team von Experten

nicht nur der Medizin und der Pflege, sondern

auch weiteren Gesundheitsberufen. Kontinuierlich

werden die Behandlungsergebnisse gemessen

und die Ergebnisqualität gesichert.

Aktiv werden die Patienten in den Behandlungsprozess

einbezogen. Mit jedem von ihnen

gemeinsam wird eine individuelle Rehabilitationstherapie

festgelegt und der Behandlungsplan

bei Bedarf immer wieder angepasst.

Zum interdisziplinären, berufsgruppenübergreifenden

Behandlungsteam gehören Ärzte

verschiedener Fachrichtungen, Therapeuten,

Psychologen und Psychotherapeuten, der Sozialdienst,

ein speziell ausgebildetes Pflegeteam

sowie Seelsorger. Eine Vergrößerung des

Teams wird angestrebt. So werden vor allem

weitere geriatrische Pflegekräfte gebraucht.

Der Pflegeaufwand der Patienten ist hoch. Die

Pflegekräfte sind im iKBZ an allen Therapien direkt

aktiv beteiligt. Sie fungieren als Bindeglied

zwischen den beteiligten Teammitgliedern und

den Patienten und müssen spezielle Kompetenzen

für die hier gängigen Krankheitsbilder

mitbringen. Sie sind aber auch Ansprechpartner

für Familienangehörige, etwa wenn es gilt,

gemeinsam Lösungen für die Zeit nach dem

Klinikaufenthalt zu finden, falls eine Pflegebedürftigkeit

absehbar ist oder eine palliative

Versorgung notwendig wird.

26

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Der alte Patient

Die Dauer der Behandlung richtet sich nach

dem Verlauf der Akuterkrankung. In der Regel

beträgt sie etwa zwei Wochen, hängt aber

auch vom persönlichen Bedarf des Patienten

an therapeutischen Maßnahmen ab. Dabei wird

die frührehabilitative Behandlung natürlich nur

mit Einverständnis des Patienten durchgeführt.

Nur so ist seine Mitwirkung und Bereitschaft

zur Zusammenarbeit möglich und ein erfolgreicher

Abschluss der Komplexbehandlung zu

erwarten.

Komplexbehandlungen werden in Crivitz seit

nunmehr einem Jahr angeboten. Inzwischen

wurden mehr als 100 Patienten allein im Bereich

der geriatrischen Komplexbehandlungen

versorgt. Chefarzt Dr. Torsten Hirche und sein

Team freuen sich über viele beeindruckende

Behandlungserfolge und sind von dem Konzept

überzeugt. Sie haben zahlreiche persönliche

Schicksale von Patienten kennengelernt, die zur

Therapie ins iKBZ kamen und es mit messbaren,

ja großen Verbesserungen wieder verlassen

konnten.

Erhebliche Verbesserungen

für die Patienten

Dazu gehörte das Beispiel einer 77jährigen Patientin,

die mit stark gebeugter Wirbelsäule in

die Klinik kam und sich vor Schmerzen kaum

bewegen konnte – Schmerzen die sowohl durch

körperlichen Beschwerden aber auch durch

psychische Faktoren ausgelöst wurden. Sie war

inzwischen depressiv und wagte sich schon aus

Furcht vor den Schmerzen bei jeder Bewegung

kaum aus dem Haus.

Die pflegebedürftige Patientin leidet an starken

Arthrosen und hat eine mehrfach versteifte

Wirbelsäule. Hinzu kommen operierte Gelenke,

Herzerkrankungen, Adipositas und andere Beschwerden

- das klassische Bild mehrfacher

Erkrankungen, wie es Dr. Hirche in seiner täglichen

Arbeit oft sieht.

Die Patientin wurde einer Anamnese und körperlichen

Untersuchung sowie einer umfangreichen

Diagnostik unterzogen, aber auch weiterführend

einem Mobilitätstest und einem

Selbsthilfefähigkeitstest. Geprüft wurden die

kognitiven Fähigkeiten, das Ernährungsverhalten

wurde abgeklärt und eine Einschätzung

der psychischen Verfassung vorgenommen.

Anschließend erfolgte im Team mit den beteiligten

Berufsgruppen und Fachbereichen sowie

gemeinsam mit der Patientin eine Abstimmung

über den individuellen Therapieplan. Das definierte

Therapieziel muss hierbei immer erreichbar

sein und der Patient oder die Patientin

muss aktiv mitarbeiten.

In Fall der 77jährigen Patientin bestand das

Therapieziel neben der Wiederherstellung der

Mobilität und Selbsthilfefähigkeit auch in einer

Schmerzreduktion im Rahmen des chronischen

Schmerzsyndroms. Damit sollte Pflegebedürftigkeit

verhindert und der Patientin die

gewünschte Selbstständigkeit und Mobilität

in der Häuslichkeit wieder ermöglicht werden.

Zusätzlich zur medikamentösen Behandlung

der Schmerzen wurde die Therapie durch nichtmedikamentöse

Maßnahmen ergänzt. Neben

der geriatrischen Pflege wurde eine Vielzahl an

Blick auf das Krankenhaus

Foto: MediClin Krankenhaus am Crivitzer See

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 27


Der alte Patient

physiotherapeutischen Maßnahmen durchgeführt,

darunter Stand- und Gangtraining, Konditionstraining

und Gleichgewichtstraining. Die

Patientin bekam Ergotherapie zur Durchführung

von Aktivitäten des täglichen Lebens, wie

sie für die persönliche Hygiene oder auch das

Ankleiden erforderlich sind. Behandlungen zur

Verbesserung von Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit

kamen hinzu.

Im Verlauf der Therapie wurde die Patientin zudem

psychologisch betreut. Es zeigte sich dabei,

dass ihre gebeugte Haltung auch psychische

Ursachen hatte – eine Last auf ihren Schultern,

die dann Stück für Stück auch zur Instabilität

der Wirbelsäule beitrug.

Die Patientin verließ das Krankenhaus nach 16

Tagen in einem deutlich gebesserten Zustand

in Bezug auf ihre Mobilität und Selbstständigkeit.

Sie konnte mit Hilfe eines Korsetts mehrere

hundert Meter aufrecht an einem Rollator laufen

– dies war bei Aufnahme in die Klinik undenkbar.

„Die Patientin hatte wieder Freude an

der Bewegung und am Leben. Auch ihre Einstellung

zum Essen konnten unsere Diätassistenten

während ihres Aufenthaltes bei uns beeinflussen

und verbessern“ erklärt Dr. Hirche und

fügt hinzu: „Wir haben hier keinen Jungbrunnen,

sondern es ist eine sehr aufwendige Arbeit für

das Team, die allerdings auch sehr viel Freude

macht, wenn man schließlich die Erfolge sieht.

Besonders freut es mich, wenn wir neben der

körperlichen Verfassung auch dazu beitragen

können, dass die psychische Verfassung eine

positivere ist und eben auch damit die Lebensqualität

verbessert werden kann – Freude am

Leben ist so wichtig.“

Umfangreiches Entlassmanagement

Angeschlossen an die stationäre Behandlung

ist ein umfangreiches Entlassmanagement. Es

unterstützt die Patienten und ihre Angehörigen

unter anderem bei der Planung der weiteren

Versorgung in der Häuslichkeit oder in einer

stationären Pflege, bei der Verordnung von

Hilfsmitteln, den Absprachen mit dem Pflegedienst,

bei der Beratung und Hilfestellung zur

Erstellung von Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht

oder der Antragstellung für einen

Pflegegrad oder dessen Erhöhung.

Folgende Kriterien sind für die Geriatrische frührehabilitative

Komplexbehandlung einzuhalten:

• Die Behandlung erfolgt durch ein geriatrisches Team unter Leitung eines Facharztes

mit der Zusatzweiterbildung bzw. Schwerpunktbezeichnung für Klinische Geriatrie

• Es findet ein standardisiertes geriatrisches Assessment am Behandlungsbeginn in

mindestens vier Bereichen sowie vor der Entlassung in mindestens zwei Bereichen

statt (falls der Zustand des Patienten in einzelnen Bereichen das nicht zulässt, ist

dies zu dokumentieren und später ggf. nachzuholen)

• Es erfolgt ein soziales Assessment zum Zustand bei Aufnahme in mindestens fünf

Bereichen (lässt der Zustand des Patienten dies nicht für alle Bereiche zu, ist das zu

dokumentieren bzw. ggf. fremd einzuholen bzw. wenn möglich nachzuholen)

• Es finden wöchentliche Teambesprechungen mit Teilnehmern aller Berufsgruppen

statt, bisherige Behandlungsergebnisse sowie weitere Behandlungsziele werden

wöchentlich dokumentiert

• Es erfolgt eine aktivierende therapeutische Pflege durch geschultes Pflegepersonal

• Es findet parallel eine akutmedizinische Diagnostik bzw. Behandlung statt

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VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Der alte Patient

Verband der

Krankenhausdirektoren

Deutschlands e.V.

Die universitären Ausbildungen im Health Care Management

der Universität Salzburg in Kooperation mit dem VKD e.V.

- Strategisches Rüstzeug für Führungskräfte

im Gesundheitswesen

Experten des Gesundheitswesens sind sich einig: Um Patienten nachhaltig bestmöglich zu versorgen

und unser Gesundheitssystem so auszugestalten, dass noch Generationen nach uns davon profitieren,

ist es für Führungskräfte im Health Care Management unumgänglich, neben einer fachlichen

Ausbildung auch über strategische Qualifikationen zu verfügen. So wird zum Beispiel Know-how im

Prozessmanagement immer wichtiger. Durch optimierte Prozesse können gleichzeitig Kosten gesenkt,

Zeitabläufe verringert und die Qualität gesteigert werden.

Die SMBS – die Business School der Universität Salzburg – bietet basierend auf dieser Herausforderung

sowie dem generellen Anspruch, die strategische Sichtweise im Gesundheitsbereich zu stärken,

berufsbegleitende, universitäre Ausbildungen an:

Zum einen den universitären Lehrgang für Health Care Management, der in zwei Semestern alle wichtigen

Inhalte zu Ökonomie, Controlling in Gesundheitseinrichtungen, Health Care Marketing und auch

Qualitätsmanagement vermittelt.

Zum anderen das MBA-Studium, das über diese Inhalte hinaus auch noch die betriebswirtschaftlichen

und führungsspezifischen Kompetenzen der Studierenden nachhaltig stärkt.

Weitere Informationen zu Ausbildung, Inhalten und Zulassungskriterien sowie Berichten erfolgreicher

Absolventen finden Sie unter:

www.smbs.at

Teilnehmer, die sich über den VKD bei den Universitätslehrgängen anmelden,

erhalten eine Ermäßigung auf den Lehrgangspreis in Höhe von 10 %.

Anmeldung und Organisation:

Holger Höhmann

LVR – Klinik Langenfeld

Tel-Nr.: +49 (0)2173102 1000

E-Mail: holger.hoehmann@lvr.de

Susanne Matzat

LVR – Klinik Langenfeld

Tel-Nr.: +49 (0)2173102 1001

E-Mail: susanne.matzat@lvr.de

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 29


Der alte Patient

Verband der

Krankenhausdirektoren

Deutschlands e.V.

HEALTH CARE MANAGEMENT

UNIVERSITÄRES KURZSTUDIUM

In diesem Universitätslehrgang erhalten die Studierenden

eine auf Praxisrelevanz ausgerichtete Vertiefung

über die zentralen Themenbereiche des modernen

Health Care Managements.

Strategisches und Operatives

Health Care Management

Philipps-Universität@Marburg/Frankfurt

Präsenz 1

Der Erfolg von Führungspersönlichkeiten im Gesundheitswesen

beruht auf einem ausgewogenen Verhältnis

von sozialer Kompetenz und ausgezeichneten General

– Management – Kenntnissen. Die Studierenden

lernen die Hauptaufgaben eines effektiven und effizienten

Managements durch die Fokussierung auf die

Aufgaben und Rolle einer erfolgreichen Führungskraft

im Gesundheitswesen kennen.

Durch zahlreiche Fallstudien und eine vertiefende Beschäftigung

mit Analysemethoden unternehmerischen

Handelns erhalten die Studierenden die Möglichkeit,

die unterschiedlichen Variablen des Managementhandelns

in ihrem Zusammenhang zu erkennen und sich

so ein Urteil über die zu setzenden Interventionen zu

bilden.

Die maximale Gruppengröße ist aus didaktischen

Gründen mit 25 Studierenden festgesetzt. Das SMBS

Upgrade Modell ermöglicht die inhaltliche und finanzielle

Absicherung zum „International Executive MBA“.

Inhalte der Module

(speziell für den Gesundheitsbereich)

• General Management

• Strategisches und operatives Management

• Gesundheitswesen und Sozialversicherung

• Gesundheitsökonomie und Finanzierung

• Qualitätsmanagement und Ethik

• Organisationslehre

• Projektmanagement

• Krisenkommunikationsmanagement

• Die Rechtsstellung der Führungskraft

Präsenz 2

Instrumente des Health Care Managements

SMBS@Schloss Urstein Puch/Salzburg

Projektmanagement, Leadership

& Krisenkommunikationsmanagement

SMBS@Schloss Urstein Puch/Salzburg

Studiendauer: 2 Semester

Präsenztage: 19 Tage

ECTS: 29

Unterrichtssprache: Deutsch

Gesamtpreis: € 6.025,00

Präsenz 3

Universitätslehrgang Health Care Management

Abschluss „Univ. Health Care ManagerIn“

• Rechtliche Grundlagen

• Rechnungswesen

• Controlling

• Finanzierung

• Personalmanagement und Employer Branding

• Prozessmanagement

• Marketing

• Leadership

• Soziale Kompetenzen

30

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Digitalisierung

Digitalisierung

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 31


32

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Wir brauchen jetzt

einen gemeinsamen Kraftakt

Alle Beteiligten müssen sich aufeinander zubewegen – es geht um die Patienten!

Digitalisierung

Die Digitalisierung der Krankenhäuser ist

Voraussetzung für die Lösung zahlreicher

Herausforderungen und Probleme nicht nur

in den Kliniken, sondern im Gesundheitsbereich

überhaupt. In den Krankenhäusern ist

das dem Management und auch den meisten

Mitarbeitern sehr bewusst. Dennoch verfügen

25 Prozent der Häuser noch nicht über eine

eHealth-Strategie. Deren Umsetzung ist für

viele, vor allem die kleineren Kliniken, allerdings

auch schwierig. Ein Hauptgrund ist die

mangelnde Investitionsfähigkeit. Das Thema

ist in der Politik zwar angekommen, es wird

aber nur in sehr kleinen Schritten angegangen.

Der große Wurf – der vom VKD seit einigen

Jahren bereits immer wieder eingeforderte

gesamtgesellschaftliche finanzielle

Kraftakt – bleibt absehbar aus. Das deutsche

Gesundheitswesen fällt damit hinter andere

Länder immer weiter zurück. Das wirkt negativ

auf die Zukunftsfähigkeit einer für die

Bürger wichtigen Infrastruktur.

Am Anfang und am Ende der Digitalisierung

stehe der Mensch, schreibt der renommierte

Management-Berater Reinhard K. Sprenger.

Digitalisierung bedeute nicht die Macht der

Maschinen oder Herrschaft der Algorithmen,

sondern ermögliche die Konzentration auf das

Wesentliche. Das Wesentliche in den Krankenhäusern

ist die Pflege und Medizin, die von motivierten

Mitarbeitern für kranke Menschen geleistet

wird. Pflegende und Ärzte beklagen seit

langem, dass ihnen genau für diese ihre Hauptaufgabe

immer weniger Zeit bleibt. Deswegen

gibt es unter ihnen auch nur wenige, die Vorbehalte

gegen die Digitalisierung haben oder

gar Ängste, ihre Arbeit zu verlieren. Ganz im

Gegenteil. Sie wünschen sich, dass es endlich

den vom Verband der Krankenhausdirektoren

Deutschlands (VKD) schon seit Jahren geforderten

gesellschaftlichen, finanziellen Kraftakt

gibt, der den Kliniken ermöglicht, umfassend

in die digitale Welt einzusteigen. Sie sehen das

zurecht als essenziell für die Lösung zahlreicher

Probleme an, mit denen sich die Krankenhäuser

herumplagen.

Zukunftssichere Infrastruktur ist

ohne Digitalisierung eine Illusion

Alle reden von Digitalisierung. Was meint sie in

Bezug auf die Krankenhäuser? Digitale Strukturen

halten ja seit etlichen Jahren immer stärker

in den Kliniken Einzug. Gemeint ist hier aber ein

deutlicher Quantensprung, der alle Häuser einbezieht.

Digitalisierung in diesem Sinne bedeutet,

dass alle Behandlungs- und Versorgungsprozesse

intern und auch sektorenübergreifend

durch IT unterstützt werden. Priorität haben

dabei Projekte mit hohen Nutzenpotenzialen

für die unmittelbare Patientenversorgung. Ein

wichtiger Schritt dorthin ist die elektronische

Patientenakte (ePA). Auch entscheidungsunterstützende

Krankenhaus-Informationssysteme

und eine digitale Pflegedokumentation sind

wichtig, ebenso Aufnahme und Verarbeitung

von medizinischen Daten über mobile Endgeräte.

Künftig immer wichtiger werden Systeme,

die Patienten direkt in den Behandlungsprozess

einbeziehen. Angesichts der an sich schon hohen

Datenschutzregelungen hat die Sicherheit

der Patientendaten in allen IT-Feldern einen

nochmals deutlich höheren Stellenwert.

Und eines ist daher klar: Isolierte IT-Lösungen

sind keine Digitalisierung in diesem Sinne. Es

geht um Prozesse, die es ermöglichen, die digitalen

Falldaten der Patienten unabhängig von

Zeit und Ort für alle Berechtigten über eine entsprechende

Benutzerschnittstelle verfügbar zu

machen. Leistungsprozesse werden dabei durch

flexible elektronische Workflows über alle Bearbeitungsebenen

unterstützt. So definiert es

der Bundesverband der Krankenhaus-IT-Leiterinnen/Leiter

(KH-IT e.V.) in einem 2017 veröffentlichten

Steckbrief (http://bit.ly/2mi6Ult).

Status Quo deutlich verbesserbar

Leider steht Deutschland im internationalen

Vergleich, was die Digitalisierung des Gesundheitssektors

betrifft, nicht unbedingt in einer

führenden Position. Ganz im Gegenteil.

Reife und Qualität der Digitalisierung

unzureichend

Eine Bestandsaufnahme zur Digitalisierung in

deutschen Krankenhäusern hat die Unterneh-

Peter Asché

Vizepräsident des Verbandes

der Krankenhausdirektoren

Deutschlands, Sprecher des

IuiG-Initiativ-Rates der

ENTSCHEIDERFABRIK, Kaufmännischer

Direktor der

Uniklinik RWTH Aachen

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 33


Digitalisierung

mensberatung McKinsey im vorigen Jahr veröffentlicht.

Im Rahmen einer qualitativen Umfrage

wurden 2016 und 2017 Geschäftsführer,

ärztliche und kaufmännische Direktoren von

deutschen Krankenhäusern zum Status quo

und den Potenzialen der Digitalisierung in ihren

Häusern befragt. Die 200 relevantesten Krankenhäuser

in ihrer Größengruppe und Trägerschaft

wurden kontaktiert, 76 Führungskräfte

nahmen an der Umfrage teil. Repräsentativität

ergebe sich aus der breiten Streuung über unterschiedliche

Trägerschaften (öffentlich: 42%,

freigemeinnützig: 33%, privat: 25%) und der

Bandbreite an Größen (weniger als 200 Betten:

21%, 200 bis 499 Betten: 38%, 500 Betten und

mehr: 41%), so die Studienautoren.

Ein Ergebnis, das nicht verwundert: Reife und

Qualität der Digitalisierung sind unzureichend.

So hätte das die große Mehrheit der befragten

Geschäftsführer (85%) für ihr Haus beschrieben.

Kein einziger der Befragten würde die Reife

und Qualität der Digitalisierung in seinem

Haus als hoch beschreiben. Die Patientenakte

sei in keinem der Häuser vollständig digitalisiert.

Bisher sind danach vor allem Dienst- und

Schichtpläne sowie die Essensbestellung in

deutschen Krankenhäusern digitalisiert. Zusätzlich

hätten die Führungskräfte angegeben,

in den vergangenen Jahren vor allem das WLAN

in ihren Häusern ausgebaut zu haben, um künftig

mobile Visitenwagen einsetzen zu können.

Zudem sei das Krankenhausinformationssystem

(KIS) um weitere Komponenten ergänzt

worden.

Verantwortliche von Krankenhausketten gaben

beispielsweise vermehrt an, bisher lediglich Pilotprojekte

an einzelnen Standorten durchzuführen,

um diese künftig nach Validierung auf

die gesamte Kette auszuweiten. Einige der Pilotprojekte

fänden im Bereich der Telemedizin

statt.

Digitale Inseln reichen nicht

Natürlich nutzen die Krankenhäuser bereits

digitale Möglichkeiten. Es gibt digitale Inseln

und Insellösungen, Eigeninitiativen, auch digital

voll ausgestattete Kliniken, wie einige Universitätskliniken

etwa in Hamburg, Aachen oder

Münster. Einige Krankenhausunternehmen, wie

der christliche Konzern Agaplesion, der in diesem

Heft berichtet, setzen schon längere Zeit

ihre Digitalisierungsstrategie intensiv um. Auch

die vom VKD mitgegründete ENTSCHEIDERFA-

BRIK gibt seit immerhin schon 12 Jahren mit

ihrem Wettbewerb um die IT-Schlüsselthemen

des Jahres und deren Umsetzung immer wieder

Anstöße für wichtige Projekte. Das alles kann

aber naturgemäß nicht die Anforderungen erfüllen,

die an eine wirklich für alle Bereiche der

Gesundheitsversorgung kompatibel nutzbare

digitale Infrastruktur zu stellen sind. Denn das

ist ja gerade das große Plus der Digitalisierung:

Vernetzung aller Bereiche innerhalb des Krankenhauses,

aber auch nach außen, hin zu den

übrigen Beteiligten. Grenzen entsprechen nicht

dem Wesen einer digitalen Infrastruktur.

Auch eine Krankenhausstudie der Unternehmensberatung

Roland Berger aus dem vergangenen

Jahr zeigte, dass die Krankenhäuser Digitalisierung

zwar als eine Chance sehen, ihnen

für eine moderne IT-Infrastruktur aber die notwendigen

Investitionsmittel fehlen. Zu teuer

und zu aufwändig, hätten die Studienteilnehmer

erklärt. Die IT-Ausgaben der Häuser machten

nur einen geringen Umsatzanteil aus – bei

91 Prozent der Häuser weniger als zwei Prozent.

Bei knapp der Hälfte (41 Prozent) sei es sogar

weniger als ein Prozent. Sie wissen also, wie

wichtig Investitionen in die IT wären, können

sie aber nicht finanzieren. Dabei gab ein Drittel

der Befragten an, dass es durch Digitalisierungsmaßnahmen

zu Ergebnisverbesserungen

gekommen ist. Höherer Grad der Digitalisierung

kann also bessere Ergebnisse bringen.

Im Vergleich zum Vorjahr hätten zwar weniger

Krankenhäuser (58%) angegeben, zur Ergebnisverbesserung

auf Digitalisierungsmaßnahmen

zu setzen. Gleichzeitig steige aber der Anteil

der Häuser, die mit Digitalisierungsmaßnahmen

einen signifikanten Ergebnisbeitrag erreichen

konnten. Das lege den Schluss nahe,

dass die Krankenhäuser im Bereich Digitalisierung

mittlerweile zielgerichteter investierten.

Ihre Erfahrungen aus den vergangenen Jahren

würden ihnen offenbar helfen, ihre Ressourcen

genau in die Maßnahmen zu investieren, durch

die ein größtmöglicher Ergebnisbeitrag zu erwarten

ist.

Als weitere Herausforderungen neben den

fehlenden Investitionsmitteln seien die Zusatzbelastung

für Organisation und Beteiligte

angegeben worden, sowie Fragen der Datensicherheit

und mangelndes digitales Knowhow.

Mangelnde Priorität sei dagegen die geringste

Umsetzungshürde. Dem Thema Digitalisierung

werde große Bedeutung beigemessen.

Keine Sorge um Jobs, aber bessere

Information gewünscht

Auch die meisten Mitarbeiter stehen einer Digitalisierung

ihrer Krankenhäuser durchaus

mehrheitlich positiv gegenüber. Es gibt inzwischen

eine Reihe von Studien, die zeigen, dass

die Mehrzahl darauf bei allen Abstrichen doch

positiv reagiert.

34

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Digitalisierung

Welche Auswirkungen die zunehmende Nutzung

digitaler Techniken in den Krankenhäusern auf

die Beschäftigten hat, haben z.B. Gesundheitsund

Sozialwissenschaftler um Michaela Evans,

Prof. Dr. Josef Hilbert, und Christoph Bräutigam

vom Institut Arbeit und Technik (IAT) im Auftrag

der Hans-Böckler-Stiftung untersucht. Aufgrund

ihrer Anlage sei die Studie zwar nicht im

strengen Sinne repräsentativ, ermögliche aber

dennoch einen außergewöhnlich detaillierten

und empirisch fundierten Einblick in den Digitalisierungsalltag

deutscher Krankenhäuser,

so die Autoren. Die Wissenschaftler führten

zwischen Juni und Oktober 2016 eine Online-

Befragung durch, an der 648 Klinikbeschäftigte

teilnahmen. Von den Befragten arbeiteten 79

Prozent in der Pflege, 6 Prozent waren Ärzte.

Die übrigen Teilnehmer waren in Assistenzberufen,

im therapeutischen Bereich oder in Verwaltung

und Technik tätig. Zusätzlich wurden

Interviews mit den Managern zweier Krankenhäuser

geführt.

Der Studie zufolge sorgten sich Pfleger und

Ärzte nicht um die Sicherheit ihrer Jobs. Sie

stellten Arbeitserleichterungen fest, auf der

anderen Seite sei es aber zu mehr Druck gekommen.

Ein Problem, das dabei auch angesprochen

wurde: Vielfach würden die neuen

Techniken eingeführt, ohne die Beschäftigten

zu beteiligen. Generell befürchteten mit zwei

Prozent nur die wenigsten Befragten, selbst

überflüssig zu werden. Die Auswirkungen, so

die Autoren, scheinen „eher qualitativer als

quantitativer Natur“ zu sein: Drei Viertel der

Befragten hätten bestätigt, dass das Aufgabenspektrum

der bestehenden Arbeitsplätze größer

geworden sei.

Der Auswertung zufolge stehen die Arbeitnehmer

im Gesundheitswesen technischen Neuerungen

aufgeschlossen gegenüber: Fast 90

Prozent der Befragten waren daran interessiert,

die Mehrheit traute sich den Umgang mit den

technischen Neuerungen zu. Nur fünf Prozent

fühlten sich überfordert.

Jeweils über 70 Prozent der Studienteilnehmer

nutzten bereits regelmäßig digitale Technik in

den Bereichen Kommunikation, Logistik, Management

und Personal, Patientenversorgung,

Information und Qualifizierung. 84 Prozent

der Befragten nutzten Computer, 60 Prozent

Digitalkameras und 53 Prozent Monitoring-

Systeme, mit denen sich beispielsweise die Vitalwerte

von Patienten überwachen lassen. Ein

Viertel verwendete im Dienst Smartphones, ein

Zehntel Tablets.

Allerdings hätten sich die konkreten Veränderungen

im Bereich Kommunikation und Zusammenarbeit

der Studie zufolge „auffallend

begrenzt“ gezeigt. Informationen über Patienten

würden nach wie vor zu 55 Prozent mündlich

ausgetauscht, Dokumentationen erfolgten

zu 58 Prozent in Papierform. Deutlich verbessert

habe sich infolge der Digitalisierung vor

allem die Zusammenarbeit mit anderen Krankenhausabteilungen.

Bezüglich der Arbeitsbelastung zeigt die Studie

ein ambivalentes Bild. Einerseits fanden

61 Prozent der Beschäftigten, dass digitale

Technologien die eigene Arbeit erleichtere. Jeweils

40 bis 50 Prozent berichteten von Zeitersparnis,

mehr Effektivität und qualitativen

Verbesserungen bei der Patientenversorgung.

Andererseits gab es aber auch Klagen über

größeren Leistungsdruck, häufigere Störungen

und stärkere Kontrolle am Arbeitsplatz. Aus

Sicht der Krankenhausmanager ist es übrigens

eine zentrale Anforderung und Chance der Digitalisierung:

Gerade in Zeiten extremer Personalknappheit

muss mittels Digitalisierung eine

Prozessoptimierung und somit Arbeitsentlastung

einhergehen.

Positive Reaktionen bezüglich der Digitalisierung

ergab auch die zur Jahreswende 2017/18

veröffentlichte Studie der Stiftung Gesundheit

„Ärzte im Zukunftsmarkt Gesundheit 2017“. Danach

halten die meisten Mediziner eine digitale

Kommunikation zwischen Krankenhäusern und

Arztpraxen für wünschenswert. Befragt worden

waren niedergelassene Ärzte und leitende

Krankenhausärzte zur transsektoralen Zusammenarbeit.

Danach würden 36,4 Prozent der

Niedergelassenen am liebsten per E-Mail in

sicherer Umgebung, 21,5 Prozent über ein IT-

System, das möglichst in das Arztinformationssystem

integriert werden kann, kommunizieren.

Die Klinikärzte präferieren das ebenfalls. 40,4

Prozent wünschten sich ein IT-System,

38,5 Prozent Kommunikation in

sicherer Umgebung per E-Mail.

Die Realität allerdings

sieht auch hier noch

ganz anders aus. Überwiegend

wird der

„gute alte“ Brief genutzt

- der Studie

nach von 60 Prozent

der Ärzte und sogar

von 80 Prozent der

Krankenhäuser.

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 35


Digitalisierung

Was bremst die Digitalisierung aus?

Zum Hauptgrund für die meisten Häuser, den

mangelhaften Finanzierungsmöglichkeiten,

kommen weitere: mangelnde Kompatibilität

bzw. Interoperabilität der vorhandenen IT-Lösungen,

fehlende Standardisierung. Hohe Hürden

beinhalten auch die Datenschutzregelungen.

Ein nicht zu übersehender Grund liegt aber in

den Krankenhäusern selbst: Bisher verfügen

nicht alle über eine eHealth-Strategie als Basis.

Das Krankenhaus 4.0. braucht zwingend standardisierte

Prozesse. Sie sind die Voraussetzung

für das Gelingen umfassender Digitalisierung.

Projekte scheitern häufig, weil die vorhandenen

Prozesse Eins zu Eins digitalisiert werden

sollen. Die Prozessabläufe müssen neu gestaltet

werden, die nicht nur z.B. rein medizinische

Pfade abbilden, sondern auch damit zusammenhängende

administrative Aufgaben, was

eine akribische und kritische Analyse des IST

voraussetzt. Neue, umfassendere Prozessstandards

also. Das ist keine einfache Aufgabe, für

die Expertise benötigt und Zeit eingeplant werden

muss. Das muss aber geleistet werden. Das

Fehlen von Prozessstandards und Prozessindikatoren

erschwert, ja behindert die Einführung

digitaler Lösungen in Krankenhäusern.

Gerade für kleine Krankenhäuser stellt die

Digitalisierung zudem einen gewaltigen Kraftakt

dar – nicht nur finanziell, sondern auch

personell.

Doch ebenso wie die Krankenhäuser müssen

auch die Firmen im Bereich der IT ihre eigenen

Hausaufgaben machen. Mangelnde Kompatibilität

der IT-Systeme stellt ein wichtiges

Hindernis der Digitalisierung dar – sowohl innerhalb

der Krankenhäuser als auch in der Vernetzung

nach draußen. Unterschiedlichste Systeme

mit unterschiedlichsten Zusatzmodulen,

Speziallösungen für bestimmte Bereiche – das

alles passt meist nicht zusammen. Wir brauchen

hier standardisierte Lösungen.

Was planen die Krankenhäuser,

welche Ziele sind anzusteuern?

Sicher ist die vollständige Digitalisierung der

Patientenakte und die digitale Einbindung

niedergelassener Ärzte und anderer Gesundheitsberufe

ein wichtiges Ziel. Am Ende soll das

papierlose Krankenhaus stehen. Eine aktuelle

Studie des Deutschen Krankenhausinstituts

(DKI) in Zusammenarbeit mit der BDO Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

zur mittelfristigen

Strategieausrichtung der Krankenhäuser

bis 2020 zeigt als aktuelle Bestandsaufnahme

der strategischen Herausforderungen, dass

dazu auch die IT-Strategie gehört. Ohne IT-

Unterstützung könne heute kein Krankenhaus

mehr arbeiten. Umso deutlicher falle ins Auge,

dass insgesamt immer noch knapp 25 Prozent

der Häuser keine IT-Strategie in Planung hätten.

Besonders betroffen seien Krankenhäuser

in ländlichen Regionen und solche mit Jahresfehlbeträgen.

Immerhin jedoch planten 61 Prozent der befragten

Krankenhäuser ihre IT-Technologie

strategisch. Gut ein Viertel der Häuser habe

darüber hinaus eine Vorstellung davon, in welche

Richtung sich die Serviceleistungen der IT-

Dienstleister bis 2020 entwickeln sollten.

Inhaltlich werde die IT-Strategie meist aus der

allgemeinen Unternehmensstrategie abgeleitet,

wobei die Entwicklung von Sicherheitsleitlinien

besonders wichtig sei. Daneben sei auch der

Einsatz und Ausbau telemedizinischer Anwendungen

häufig Bestandteil der IT-Strategie. Dies

würden vor allem auch Krankenhäuser in ländlichen

Regionen als Chance sehen. Als Beispiel sei

hier angeführt die etablierte teleintensivmedizinische

Betreuung von mittlerweile ca. 15 Krankenhäusern

durch die Uniklinik Aachen.

Eine Bestandsaufnahme der Digitalisierung in

den Krankenhäusern veröffentlichte Anfang

Juli dieses Jahres die Marabu EDV-Beratung

und -Service GmbH in ihrem Magazin. Darin

werden auch die Aufgaben, die notwendigen

Zielsetzungen im Hinblick auf das papierlose

Krankenhaus definiert: die Vollständigkeit und

unmittelbare Verfügbarkeit von (Patienten-)

Informationen, eine prozessorientierte Informationsaufbereitung

und Prozessoptimierung,

medizinische Entscheidungshilfen durch dezidierte

Informationsanalyse, automatisierte

36

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Melde- und Frühwarnsysteme, z.B. CIRS, klinisches

Risikomanagement, Orientierungshilfen

und Compliance-Unterstützung durch Datamining,

automatisierte Verteilung von Informationen

bzw. Aufgaben, z.B. im Rahmen eines systematischen

Qualitätsmanagements sowie die

Entlastung der Mitarbeiter und eine Verbesserung

des Datenschutzes.

Was tut die Politik?

Auch die Politik – sogar die Bundespolitik – hat

den hohen Stellenwert der Digitalisierung im

Gesundheitsbereich inzwischen erkannt. Erste

Verbesserungen sollten mit dem E-Health-

Gesetz vom 18. Dezember 2015 erreicht werden.

Laut Bundesgesundheitsministerium will das

Gesetz die zügige Einführung nutzbringender

Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte

unterstützen, die Telematikinfrastruktur

mit ihren Sicherheitsmerkmalen als die zentrale

Infrastruktur für eine sichere Kommunikation

im Gesundheitswesen etablieren und sie

für weitere Anwendungen im Gesundheitswesen

und für weitere Leistungserbringer öffnen,

die Strukturen der Gesellschaft für Telematik

(gematik) verbessern und ihre Kompetenzen

erweitern, die Interoperabilität der informationstechnischen

Systeme im Gesundheitswesen

verbessern und telemedizinische Leistungen

fördern.

Gesetz vertieft die Grenzen zwischen

den Sektoren

Das Gesetz bezieht sich allerdings – das hat

auch der VKD seinerzeit kritisiert – sehr einseitig

fast nur auf den niedergelassenen Bereich.

Selbst dort, wo sektorenübergreifende

Regelungen sinnvoll wären, wird an der Grenze

haltgemacht. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft

kritisierte in einer Stellungnahme

zum Gesetzentwurf ebenfalls: „Das Gesetz

ist deutlich defizitär bei der Einbindung der

Krankenhäuser in eine künftige elektronische

Kommunikation im Gesundheitswesen.“ Die

Krankenhäuser würden bei der Einführung telematischer

Anwendungen systematisch „in die

zweite Reihe“ gestellt. Auch die Chancen einer

sektorenübergreifenden Telemedizin würden

verschenkt, die Gräben zwischen den Sektoren

vertieft. Der Entwurf fokussiere fast vollständig

auf den vertragsärztlichen Bereich, schließe

die Krankenhäuser von der Vergütung für

die Nutzung und Pflege der Anwendungen der

elektronischen Gesundheitskarte (eGK) aus und

stärke einseitig den GKV-Spitzenverband und

die Kassenärztliche Bundesvereinigung bei der

Definition und Festlegung der künftigen Rahmenbedingungen

der Telematikinfrastruktur in

Deutschland.

Ebenfalls auch für den VKD nicht nachvollziehbar

ist der Ausschluss der Kliniken aus der

Neuregelung zur Erstellung und Aushändigung

eines Medikationsplans in Papierform und

dessen Weiterentwicklung zum elektronischen

Medikationsplan. Dabei ist dies eine wichtige

Informationsgrundlage für alle beteiligten

Leistungserbringer und ein wichtiges Instrument

zur Überwindung der Sektorengrenzen in

der Arzneimitteltherapie und zur Verbesserung

der Arzneimitteltherapiesicherheit. Man muss

sich ja nur den Weg des Patienten vom niedergelassenen

Arzt ins Krankenhaus und zurück

vorstellen oder an die ungeplante, kurzfristige

Aufnahme von Patienten in Notfällen ins Krankenhaus

denken, um zu sehen, welche Bedeutung

das hat. Der Medikationsplan muss zwingend

sektorenübergreifend anwendbar sein.

Inzwischen haben Versicherte, die gleichzeitig

mindestens drei verordnete Arzneimittel anwenden,

einen Rechtsanspruch auf Erstellung

und Aushändigung eines Medikationsplans in

Papierform durch einen an der vertragsärztlichen

Versorgung teilnehmenden Arzt. Ab diesem

Jahr soll der Medikationsplan auch elektronisch

von der Gesundheitskarte abrufbar

sein.

Ein Beispiel für den unsinnigen Ausschluss

der Krankenhäuser außerhalb ambulanter

Ermächtigungen ist auch die Regelung zur

telemedizinischen konsiliarischen Befundbeurteilung

von Röntgenaufnahmen und die

Einführung der Online-Videosprechstunde in

die vertragsärztliche Versorgung. Die radiologischen

Abteilungen in Krankenhäusern haben

hier eine besondere Expertise. An der Grenze

zum ambulanten Sektor wird Stopp gesagt. Was

für eine Fehlregulierung.

Bis zum 31. Dezember 2017 sollte die gematik

alle Maßnahmen für die Nutzung des Notfalldatenmanagements

abschließen. Ab diesem

Jahr, so der Plan, sollen Versicherte die Möglichkeit

erhalten, auf Wunsch ihre notfallrelevanten

medizinischen Daten auf der elektronischen

Gesundheitskarte bereitzustellen. Eine

Vergütung für das Notfalldatenmanagement ist

allerdings nur für den vertragsärztlichen Bereich

vorgesehen.

Bis Ende dieses Jahres schließlich muss nach

dem Gesetz die gematik die Voraussetzungen

dafür schaffen, dass Patienten eine fall- und

einrichtungsübergreifende elektronische Patientenakte

und ein elektronisches Patientenfach

für eigene Gesundheitsdaten nutzen können.

Ob das gelingt, werden wir sehen.

Zu begrüßen waren die Bemühungen zur lang-

Digitalisierung

»Der VKD hat in 12 Jahren

ENTSCHEIDERFABRIK sehr

gute Erfahrungen in der

Zusammenarbeit von Krankenhäusern,

Industrie und

Beratern bei der Umsetzung

von IT-Projekten gemacht.

In den Krankenhäusern, bei

Krankenkassen, den Kassenärzten

– überall werden IT-

Projekte gestartet. Überall

sind auch Industrie und

Dienstleister mit dabei.

Seit Jahren machen wir

Erfahrungen auf dem

Gebiet. Aus diesem vielfältigen

Nebeneinander muss

ein Miteinander werden.

Sonst schaffen wir die Digitalisierung

unseres Gesundheitswesens

nicht.«

Peter Asché

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 37


Digitalisierung

fristigen Verbesserung der Interoperabilität der

verwendeten IT-Systeme im Gesundheitswesen

durch Etablierung eines Interoperabilitätsregisters

bei der gematik. Das ist termingerecht

gelungen. Allerdings liegt die Interoperabilität

zwischen den informationstechnischen Systemen,

die den elektronischen Entlassbrief und

den elektronischen Arztbrief umsetzen sollen,

weiterhin in sektoraler Zuständigkeit.

Update angekündigt

Im Herbst 2017 hat die Bundesregierung ein E-

Health-Gesetz II angekündigt – im Grunde wohl

ein Update zum ersten Gesetz. Danach soll es in

der laufenden Legislaturperiode vor allem um

einen für uns auch sehr wichtigen Teil, nämlich

die elektronische Patientenakte ePA gehen. Das

jedenfalls hat Stefan Bales, Ministerialrat im

Bundesministerium für Gesundheit (BMG), auf

der Fachtagung „eHealth.NRW – Das digitale

Gesundheitswesen“ im vergangenen Oktober

in Essen mitgeteilt. Neben dem Versichertenstammdatenmanagement

(VSDM) sollen als

weitere Anwendungen in der neuen Legislaturperiode

u.a. der elektronische Medikationsplan

und das Notfalldatenmanagement (NFDM)

starten. Die ePA soll auch von den Patienten

eingesehen werden können und bei der gematik

hinterlegt werden.

Der Deutsche Ärztetag im Mai dieses Jahres hat

sich für ein solches zweites E-Health-Gesetz

bereits ausgesprochen. Der Gesetzgeber müsse

nachsteuern, so die Begründung. Definiert

wurden die Punkte, um die es u.a. gehen sollte:

eine beschleunigte Einführung der Anwendungen

der elektronischen Gesundheitskarte durch

Etablierung einer dauerhaften Erprobungsregion

durch die gematik, Sicherung der Qualität

der Umsetzung durch die Hersteller von Primärsystemen,

darunter Krankenhausinformationssysteme,

Zugang zur Telematikinfrastruktur

auch für nur privatärztlich tätige Mediziner und

Psychotherapeuten, Ärzte sowie die Aufnahme

mobiler E-Health-Anwendungen in die GKV-

Versorgung.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat

Mitte Juli 2018 angekündigt, dass GKV-Versicherte

spätestens ab 2021 die Möglichkeit haben

sollen, digital auf Tablets und Smartphones

auf ihre elektronische Patientenakte zuzugreifen.

Entsprechende gesetzliche Vorgaben

wolle er demnächst vorlegen. Er sehe das nicht

als Ende der elektronischen Gesundheitskarte,

sondern als zusätzliche, patientenfreundliche

Option. Auch das Authentifizierungsverfahren

soll vereinfacht und erweitert werden. Kassen,

die mit diesen Neuerungen nicht bis 2021

warten wollen, würden so Rechtssicherheit bekommen,

bereits aktuell eine elektronische Patientenakte

anbieten zu dürfen. Entscheidend

sei bei der Einführung der ePA, dass die Digitalakten

unterschiedlicher Kassen kompatibel

und interoperabel seien. Für alle Krankenkassen

würden deshalb die gleichen Vorgaben gelten.

Als einen konkreten Entwicklungsschritt ist die

Uniklinik Aachen seit Juli 2018 als erste Universitätsklinik

mit der elektronischen Gesundheitsakte

der Techniker Krankenkasse „TK-Safe“

vernetzt.

Position des VKD

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens

in Deutschland ist im Vergleich zu den USA

und den skandinavischen Ländern deutlich im

Rückstand. Das muss sich dringend ändern,

denn wir verspielen hier Optimierungs- und Effektivitätspotenziale,

Ärzte und Pflegende werden

durch bürokratische Aufgaben von ihren

eigentlichen Pflichten abgehalten. Optimierte

digitale Prozesse dienen der Qualitätsverbesserung

und mildern den Mangel an Fachkräften.

Die mit der demografischen Entwicklung

einher gehende Änderung im Krankheitsspektrum

vieler Krankenhäuser, vor allem mit der

Zunahme chronischer Erkrankungen, könnte

durch digitalisierte Behandlungspfade deutlich

kostengünstiger werden. Profitieren würden

aber vor allem auch die Patienten durch bruchlose

Behandlungspfade, engere, kontinuierliche

Bindung an die behandelnden Ärzte und höhere

Lebensqualität.

Wir sehen in anderen Ländern – den USA etwa

– wie das alles funktionieren kann. Der Staat

hat dort aber auch sehr viel Geld dafür zur

Verfügung gestellt. Der VKD rechnet aus dieser

Kenntnis mit rund zwei Milliarden Euro im

Jahr über einen Zeitraum von fünf Jahren – eine

Investitionsoffensive, die von den Krankenhäusern

angesichts der jahrelangen Misere im

Bereich der Investitionsfinanzierung durch die

Länder nicht gestemmt werden kann.

Aus Sicht des VKD muss die Digitalisierung der

Krankenhäuser in den nächsten fünf Jahren umgesetzt

werden. Nur so können wir die Strukturen

und Prozesse in der Weise verändern, dass

damit auch zahlreiche uns alle drückende Probleme

zu lösen sind. Schnellere, effizienter zu

gestaltende Prozesse, Teilung von Knowhow

und Expertenwissen, Verlagerung bürokratischer

Aufgaben und Entlastung von Ärzten und

Pflegenden. Personal fehlt vielfach – es sitzt

an Dokumentationsaufgaben. Nicht zuletzt bedeutet

Digitalisierung auch, näher an den Patienten

zu sein, auf neue Weise Kontakt zu ihnen

zu bekommen und zu halten, ihnen auch das

Gefühl von Sicherheit zu geben, wo immer sie

38

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Digitalisierung

leben. Unsere Patienten sind hier oft deutlich

weiter als es die Möglichkeiten der Krankenhäuser

hergeben.

VKD und Branchenverbände der industriellen

Gesundheitswirtschaft gehen hier durchaus

konform mit ihren Vorstellungen. Der VKD

hat in 12 Jahren ENTSCHEIDERFABRIK sehr

gute Erfahrungen in der Zusammenarbeit von

Krankenhäusern, Industrie und Beratern bei

der Umsetzung von IT-Projekten gemacht. In

den Krankenhäusern, bei Krankenkassen, den

Kassenärzten – überall werden IT-Projekte

gestartet. Überall sind auch Industrie und

Dienstleister mit dabei. Seit Jahren machen wir

Erfahrungen auf dem Gebiet. Aus diesem vielfältigen

Nebeneinander muss ein Miteinander

werden. Sonst schaffen wir die Digitalisierung

unseres Gesundheitswesens nicht.

Wir haben daher die Branchenverbände der

Gesundheitswirtschaft in ihrer Forderung an

den Bund unterstützt, zügig ein nationales E-

Health-Zielbild zu entwickeln. „Die Ausgestaltung

eines Zielbildes für die digitale Transformation

des Gesundheitssystems kann nur

gelingen, wenn die an der industriellen Gesundheitswirtschaft

und an der Gesundheitsversorgung

beteiligten Gruppen dieses unter

Leitung der politischen Akteure und Entscheidungsträger

gemeinsam entwickeln“, heißt es

in dem Positionspapier. Nötig sei ein „zielorientierter

und zeitlich definierter Prozess“. Ein

solches Zielbild soll in einem politisch moderierten

Prozess ressortübergreifend und sektorenübergreifend

erarbeitet und daraus eine nationale

E-Health-Strategie abgeleitet werden,

die in einen konkreten Aktionsplan mündet und

flächendeckend umgesetzt wird.

Unser Verband wirbt schon seit Jahren für eine

Investitionsoffensive zur Digitalisierung des

Gesundheitssystems. Trotz vieler Modellprojekte,

zahlreicher Initiativen und einer über zwölfjährigen

Zusammenarbeit von Krankenhäusern

und IT-Firmen in der vom VKD mit begründeten

ENTSCHEIDERFABRIK fehlt es an einer flächendeckenden

Umsetzung. Diese ist erst realistisch

mit einer von Bund und Ländern getragenen E-

Health-Strategie und deren Umsetzung. Dass

diese erhebliche Investitionen erfordert, ist

unbenommen. Die Stabilität und Zukunftsfähigkeit

unserer Gesundheitsversorgung sind es

wert, diesen gesellschaftlichen Kraftakt jetzt

endlich in Angriff zu nehmen.

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 39


Digitalisierung

AGAPLESION auf dem Weg

zur Digitalen Transformation

Die Strategie: In vier Stufen zum digitalen Gesundheitsunternehmen

Die AGAPLESION gAG

Zu AGAPLESION gehören bundesweit mehr als 100 Einrichtungen, darunter 22 Krankenhausstandorte

mit über 6.400 Betten, knapp 40 Wohn- und Pflegeeinrichtungen

mit über 3.200 Pflegeplätzen und zusätzlich 800 Betreuten Wohnungen, vier

Hospize, über 30 Medizinische Versorgungszentren, 15 Ambulante Pflegedienste und

eine Fortbildungsakademie. Darüber hinaus bildet AGAPLESION an 19 Standorten im

Bereich Gesundheits- und Krankenpflege aus. Mehr als 19.000 Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter sorgen für eine patientenorientierte Medizin und Pflege nach anerkannten

Qualitätsstandards. Pro Jahr werden über eine Million Patienten versorgt.

Dr. Markus Horneber

Vorstandsvorsitzender,

AGAPLESION gAG

Der Begriff Digitale Transformation bzw. die

Digitalisierung ist derzeit nicht aus den Gesundheitsmedien

wegzudenken. Erstellt man

einen täglichen Pressespiegel, so sind mindestens

zwei Artikel dabei, die über aktuelle

digitale Entwicklungen im Gesundheitswesen

berichten. Doch was ist eigentlich diese „Digitale

Transformation“? Die Boston Consulting

Group hat im Vorfeld der Cebit 2018 eine Umfrage

bei deutschen Managern zum Stand der

Digitalisierung in ihren Unternehmen durchgeführt.

In dem Zusammenhang bezeichnen

sich mehr als ein Drittel der Unternehmen

selbst als Nachzügler in Sachen Digitalisierung

(ssu/dpa, 2018). Laut einer Umfrage von

McKinsey hatten speziell im Gesundheitswesen

58,5 Prozent der deutschen Kliniken 2017

noch nicht einmal eine Digitalisierungsstrategie.

AGAPLESION hat sich dem Megatrend

Digitalisierung bereits angenommen und sich

auf den Weg zur Digitalen Transformation

gemacht.

Für AGAPLESION begann der Weg in Richtung

Digitaler Transformation mit der Definition

einer Digitalisierungsstrategie. Dabei kristallisierten

sich vier Stufen heraus, die in dem fortlaufenden

Änderungsprozess auf Basis digitaler

Technologien zu erreichen sind.

Digitale Transformation – Modewort

oder überlebenswichtig?

Wer von uns hat nicht schon mal einen Urlaub

über Anbieter wie ab-in-den-urlaub.de oder

holidaycheck.de gebucht? Man kann angeben,

ob man ans Meer will oder doch eher in

die Berge, wie viele Sterne das Hotel mindestens

haben sollte und welche Ausstattung wie

bspw. Sauna gewünscht ist. Schnell werden

einem Hotels angezeigt, die man dann anhand

der Preise oder Kundenbewertungen sortieren

kann. Hat man mit Hilfe der Bilder und Kundenbewertungen

sein ideales Urlaubsziel gefunden,

schlägt der digitale Assistent noch passende

Flüge, den Transfer vom Flughafen zum

Hotel und die Option „Mietwagen hinzubuchen“

vor. Alle Services werden zur Verfügung gestellt,

nichts wird vergessen. Am Ende des Vorgangs

kann der Kunde gleich die Rechnung über

Paypal oder andere Mobile Cash Anbieter zahlen.

Ticket, Hotelbuchung, etc. können per App

oder QR-Code auf das Handy geladen werden

und sind nun jederzeit verfügbar. Alles perfekt

organisiert, schnell, kundenfreundlich und vor

allem digital.

So sieht die Realität mittlerweile in vielen

Branchen aus. Und wer sind die Unternehmen

hinter diesen Angeboten? Sind es Traditionsunternehmen

wie TUI oder Thomas Cook? Nein.

Hinter fast allen aktuell angesagten Plattformen

stehen junge, dynamische Startups. Diese

sind zudem fast immer „Digital Natives“ oder

anders gesagt: Das Geschäftsmodell basiert

rein auf digitalen Services. Diese Unternehmen

haben den Trend der Digitalisierung mit geprägt.

Ein Paradebeispiel ist die Gründung von Amazon

im Jahr 1994. Das Unternehmen begann

damals als Online-Buchhandlung und baute

schnell zahlreiche weitere Dienste wie den

Amazon Marketplace auf. Deutsche Traditionsfirmen

wie Europas größtes Versandhaus, die

40

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Digitalisierung

Quelle GmbH in Fürth, wurden durch dieses

neue Geschäftsmodell dem Erdboden gleichgemacht.

Jetzt könnte man meinen: Was interessiert das

Krankenhäuser bzw. Unternehmen im Gesundheitswesen?

Das ist genau die richtige Frage,

denn solch digitale Konzerne, vor allem aus den

USA, haben den Gesundheitsmarkt für sich als

Wachstumsbranche entdeckt. Apple eröffnet

bereits die ersten Krankenhäuer für Mitarbeitende,

Alphabet unterhält mehrere Tochterunternehmen,

die sich mit Gesundheitsthemen

beschäftigten und Amazon plant den Verkauf

von Arzneimitteln an Kliniken. Letztere haben

zwar aktuell ihre Pläne, Medikamente über die

Geschäftssparte Amazon Business an Krankenhäuser

zu verkaufen, offenbar noch einmal zurückgestellt

(Sleziona, 2018), das Unternehmen

schließt indes nicht aus, künftig in die Pharmabranche

einzusteigen. Des Weiteren ist Amazon

mit seiner Sprachassistentin Alexa bereits jetzt

schon in vielen Haushalten zu Hause und erinnert

zum Beispiel an Medikamenteneinnahmen

oder an die notwendige Nachbestellung von

bestimmten Produkten.

Was haben die Unternehmen wie Apple, Alphabet

und Amazon gemeinsam? Warum haben sie

einen so großen Vorteil gegenüber Traditionsunternehmen

im Gesundheitswesen? Sie müssen

sich nicht erst digital transformieren. Sie

sind es schon. Alle Prozesse und Touchpoints

mit Kunden werden in digitalen Dimensionen

gedacht. Es stellt sich nicht die Frage, ob der

Kunde noch einen Ausdruck benötigt oder ob

etwas unterschrieben werden muss. Alles wird

digital abgewickelt.

Traditionsunternehmen hingegen, vor allem im

Gesundheitswesen, sind noch nicht in dieser

digitalen Ära angekommen. In vielen Einrichtungen

werden noch immer Patientenakten

durch die Gänge getragen, gesucht und irgendwann

in riesigen Archiven abgelegt. Vielleicht

werden sie auch schon eingescannt. Laut einer

qualitativen Umfrage von McKinsey und Orphoz

zum Thema „DIGITALISIERUNG IN DEUT-

SCHEN KRANKENHÄUSERN – Eine Chance mit

Milliardenpotenzial für das Gesundheitswesen“

aus 2017 haben 58,5 Prozent der deutschen

Kliniken noch keine Digitalisierungsstrategie

(Ophoz, 2017). Zudem machen die IT-Ausgaben

bei 91 Prozent der Krankenhäuser weniger als 2

Prozent des Umsatzes aus (Berger, 2017)

Digitale Transformation – die vier

Stufen zur Zukunftsfähigkeit

AGAPLESION gilt hier als Vorreiter. Der christliche

Gesundheitsanbieter hat bereits 2015 eine

Digitalstrategie erarbeitet und setzt diese konsequent

um. Die Strategie zur Digitalen Transformation

bei AGAPLESION baut auf vier Stufen

auf. Diese sind Digitale Daten (Digitization),

Digitale Prozesse (Digitalization) und Services

sowie Plattformen. Die Stufen lassen sich zur

Digitalen Transformation als solcher zusammenfassen.

Abbildung 1 : Digitalstrategie

(Quelle: eigene Darstellung, AGAPLESION gAG)

Stufe 1 Digitale Daten (Digitization)

Im ersten Schritt, Digitization, geht es bei

AGAPLESION darum, die gesamten Informationen

/ Daten, die im Krankenhaus oder auch

in anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens

erhoben werden, in ein digitales Format,

also in Digitale Daten, zu übertragen. Zu dieser

Phase gehört im Konzern vor allem die Einführung

einer elektronischen / digitalen (mobilen)

Patientenakte, einschließlich der elektronischen

Kurve (Vitaldaten des Patienten) in allen

Krankenhäusern. In dem Zusammenhang sind

auch Schnittstellen zu den verschiedenen medizinischen

Geräten, z. B. CT, MRT, und Fremdsystemen,

wie dem Laborinformationssystem,

einzurichten. Unsere Wohnen und Pflegeeinrichtungen

(WuP) sind im Prozess der Digitization

meist schon weiter bzw. haben diese Stufe

bereits erreicht. Alle Daten müssen zudem

in einer übergreifenden zentralen Datenbank

(Data Warehouse) zur Verfügung gestellt werden.

Dies ist bei AGAPLESION grundsätzlich weitgehend

problemlos zu realisieren bzw. bereits

jetzt umgesetzt, da der Konzern über eine homogene

IT-Landschaft verfügt. Fast alle Akut-

Krankenhäuser nutzen dasselbe Krankenhausinformationssystem

(KIS). Des Weiteren

nutzen alle WuP-Einrichtungen ein einheitliches

Pflegedokumentationssystem (DAN).

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 41


Digitalisierung

Im Prinzip ist die Digitale Transformation jedoch nicht

anders zu bewerten als die Industrialisierung im 18. und

19. Jahrhundert. Auch diese war ein technisch-wirtschaftlicher

Prozess des Übergangs, damals von agrarischen zu industriellen

Produktionsweisen, in dem sich die maschinelle Erzeugung von

Gütern und Dienstleistungen durchsetzte. Handarbeit wurde

durch Maschinen ersetzt. Es entstanden völlig neue Berufsbilder.

Und so wird es auch im Zeitalter der Digitalen Transformation

kommen. Wichtig ist der „ethische“ Umgang mit den

freiwerdenden Ressourcen.

Dr. Markus Horneber

Für Außenstehende scheint dieser Schritt trivial

und einfach lösbar zu sein. Doch dies täuscht.

Aufgrund der hohen Komplexität der medizinischen

Behandlungsroutinen stehen Digitalisierungsprojekte

im Krankenhaus vor der Herausforderung,

eine Vielzahl von IT-Systemen

und eine große Zahl von Prozessvarianten modellieren

zu müssen, um eine Ende-zu-Ende-

Unterstützung von medizinischen Eingriffen zu

ermöglichen.

Um den ersten Schritt der digitalen (mobilen)

Patientenakte umsetzen zu können, müssen

daher verschiedene Grundpfeiler betrachtet,

Maßnahmen festgelegt und umgesetzt werden.

Dazu gehören die Infrastruktur, das Dokumenten-

und Prozessmanagement, die Personalstruktur

und Organisation sowie der Datenschutz

und die Datensicherheit.

Infrastruktur

Zum Thema Infrastruktur gehört neben einer

kompletten Ausstattung der Gebäude mit WLAN

die Planung, welche einheitlichen Module des

KIS konzernweit zur Patientendokumentation

genutzt werden können und wo Prozesse über

strukturierte Formulare abgebildet werden

müssen. Weiterhin muss sich jede Einrichtung

und Abteilung darüber verständigen, was für

sie eine digitale Patientenakte ist. Einige Einrichtungen

arbeiten mit mobilen Visitenwagen,

andere mit Laptops oder Tablets. Zudem muss

geklärt werden, wie viele elektronische Arbeitsplätze

benötigt werden, um entsprechende

Anschaffungen zu tätigen.

Im weiteren Verlauf sollen dann Daten aus

medizinischen Geräten sowie Dokumente und

Daten externer Dienstleister in das System integriert

werden. Grundlage hierfür ist auch die

Standardisierung von Schnittstellen.

Dokumenten- und Prozessmanagement

Es reicht nicht, einfach nur Formulare zu digita-

lisieren. Konzernweit sind z. B. über 600 teilweise

verschiedene Formulare im Einsatz. Diese

müssen möglichst vereinheitlicht und standardisiert

werden, um den Aufwand zu minimieren.

In diesem Zusammenhang müssen sich verschiedene

Berufsgruppen und Fachrichtungen

austauschen und zu gemeinsamen Lösungen

kommen. Zudem muss entschieden werden,

welche Formularfelder wie genutzt werden

sollen. Welche Daten werden als strukturierte

Daten benötigt, so dass sie später für weitere

Formulare als Basis dienen oder am Ende in

den Entlassbrief einfließen können?

AGAPLESION befindet sich mitten in diesem

Abstimmungsprozess. Alle medizinischen Arbeitsbereichstreffen

haben diesen Punkt auf

ihrer Agenda. In dem Zusammenhang haben

sich z. B. alle Chefärzte der Geriatrie auf ein

konzernweites Aufnahme- und Entlassformular

geeinigt.

Die Einrichtungen müssen im Bereich des Prozessmanagements

weiterhin festlegen, wie und

wann sie dokumentieren, wer dokumentiert und

wo.

Personal und Organisation

Einer der wichtigsten Punkte am Anfang des

Projektes war die Umstrukturierung der IT. Aus

dezentralen Strukturen wurden zentrale und

regionale Strukturen geschaffen. Der Zentrale

Dienst IT umfasst nun rund 90 Mitarbeitende

und wird weiter ausgebaut.

Darüber hinaus können die Mitarbeitenden, die

das Kerngeschäft stemmen, die Digitalisierung

auf eingefahrenen Wegen nicht bewerkstelligen.

Für die Digitalisierung heißt es daher,

unternehmensinterne Widerstände gegen neue

digitale Arbeitsformen zu minimieren und bestehende

Ängste zu nehmen. Die Erfahrung

zeigt, dass vor allem die Key-User-Schulungen

Dreh- und Angelpunkt sind. Gerade im Kerngeschäft

müssen die Mitarbeitenden die möglichen

Funktionalitäten des KIS oder auch der

Pflegedokumentation kennen und anwenden

können.

Datenschutz- und Datensicherheit

In diesem Bereich ist nach neuesten Erfahrungen

vor allem das Thema Cyber Security wichtig.

Wie schützt man sich effektiv vor Angriffen von

außen? Diese Fragen müssen stetig neu beantwortet

werden.

Aber auch das Thema „Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit

und Ausfall- bzw. Notfallkonzepte“

muss geklärt sein. In Zukunft muss jederzeit

standortunabhängiger Echtzeitdatenzugriff ermöglicht

werden.

42

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Digitalisierung

Stufe 2 Digitale Prozesse

(Digitalization)

Auf der zweiten Stufe, der Digitalization, geht

es dann um einen sozio-technischen Prozess.

Dabei wird die Digitalisierung auf größere Organisationseinheiten

und damit auch Prozesse

und deren Steuerung übertragen. Die Prozesssteuerung

kann aber nur gelingen, wenn Stufe

1 umgesetzt wurde und Prozessdaten sowie

Outcomes vorliegen. Insgesamt steigen damit

natürlich die produzierten und gesammelten

Datenmengen. Diese können nicht mehr einfach

durchsucht, verteilt, analysiert und visualisiert

werden. Mit der zweiten Stufe werden

daher auch entsprechende Datenanalysten

bzw. Data Scientisten benötigt. Schlagworte

sind hier Data Mining, Machine Learning oder

auch Künstliche Intelligenz. Diese Modelle bzw.

Ansätze dienen dazu, große Datenmengen zu

strukturieren, auszuwerten und ggf. prospektiv

Dinge abzuleiten. Es geht darum, Algorithmen

zu erkennen bzw. festzulegen. Das geht so weit,

dass selbstlernende Systeme eigenständig Zusammenhänge

erkennen und dem Anwender

Hinweise geben oder Lösungsvorschläge anbieten.

Dazu steht AGAPLESION, wie schon beschrieben,

ein konzernweites Data Warehouse

zur Verfügung. Gesundheitsdaten werden in

Zukunft die Lead-Funktion übernehmen. Die

gesamte Behandlungskette der Zukunft ist

datenzentriert. Ziel muss dabei immer eine

Prozessoptimierung zum Wohle des Patienten

sein.

Die Daten werden zur Automatisierung bestimmter

Prozesse führen. Durch Kombination

klassischer Technologien mit künstlicher

Intelligenz entstehen zunehmend autonom

arbeitende, sich selbst organisierende Systeme,

welche die Fehlerquote senken, die Geschwindigkeit

erhöhen und die Betriebskosten

reduzieren. So könnten Behandlungspfade im

Krankenhaus optimiert und individuell pro Patient

geplant werden. Das System weiß, dass

am Aufnahmetag noch ein Röntgen gemacht

werden muss und sichert automatisch für den

Patienten einen entsprechenden Termin bzw.

ein Zeitfenster. So kann zum einen die Patientenzufriedenheit

erhöht und zum anderen die

Auslastung der Geräte optimiert werden.

Zudem müssen noch die weltweit vorhandenen,

externen Gesundheits- und Wissensdaten

betrachtet werden. Alleine in Deutschland

werden etwa 600 klinische Studien pro Jahr

durchgeführt und veröffentlicht. Weltweit kann

man von über 5000 Studien pro Jahr ausgehen

(vfa., 2018). Wie soll sich ein Arzt oder auch eine

Pflegekraft trotz aller Bemühungen bei einer

solchen Wissens- bzw. Datenflut auf dem aktuellen

Stand halten? Daher werden wissensbasierte,

auf künstlicher Intelligenz aufbauende

Systeme immer wichtiger zur Diagnose- und

Therapieunterstützung. Die Qualität der Diagnosestellung

solcher Systeme verbessert sich

stetig, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis

diese den Arzt in seiner Routine unterstützen.

Stufe 3 und 4 Services und Plattformen

(Digitale Transformation)

Erst wenn die ersten beiden Stufen erreicht

wurden, kann in Kombination mit neuen digitalen

Technologien ein ganzheitlicher Veränderungsprozess

angeregt werden. Es reicht aber

nicht aus, die bestehenden Prozesse und die damit

verbundenen Dienstleistungen einfach nur

mittels digitaler Unterstützung auf ein höheres

Level zu überführen. Digitale Transformation

heißt auch, die Prozesse und Dienstleistungen

zu erneuern bzw. ganz andere Prozesse intern

und in der Kommunikation mit dem Patienten

einzuführen. Nur wenn beide Dimensionen betrachtet

und digitalisiert werden, können neue

Digitale Geschäftsmodelle entstehen (Abb. 2).

Abbildung 2: Digitale Transformation

(Quelle: eigene Darstellung, AGAPLESION gAG)

Zu diesen neuen Geschäftsmodellen gehören

interaktive Dienstleistungen wie die Online-

Terminvergabe oder -Sprechstunde. Auch die

vorstationäre Unterstützung von Patienten mit

Angststörungen mittels Virtual Reality und einer

dazugehörigen App oder die telemedizinische

Nachsorge von Herzschrittmacherpatienten

stellen solche neuen Dienstleistungen dar.

Eine Auswertung von Statista ermittelte für das

Jahr 2016 1,3 Millionen downloadbare Health

Apps im Google Play Store und 1,2 Millionen im

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 43


Digitalisierung

iTunes Store (Statista, 2016). Neben Tausenden

von Fitnesstrackern und Ernährungs-Coaches

beschäftigt sich aber nur ein kleiner Teil davon

mit „echter“ Medizin. Eine der ersten Apps auf

Rezept ist die Tinnitus-App „Tinnitracks“. Sie

wird bereits von einigen Krankenkassen finanziert.

Durch Waagen oder Blutzuckermessgeräte

mit digitalen Schnittstellen, mobilen EKG-

Geräten und vielem mehr, lassen sich ganz neue

Versorgungsmodelle für bspw. chronisch kranke

Patienten entwickeln. Auch im Bereich der Prävention

sind neue digitale Geschäftsmodelle

bzw. Dienstleistungen denkbar.

Grundlage dabei ist immer das Zur-Verfügung-

Stellen von Daten. Diese nutzen auch sogenannte

Plattformanbieter als Arbeitsgrundlage.

Ein Plattformbetreiber kann grundsätzlich jede

Art von Leistungen in sein System integrieren,

von der persönlichen ambulanten Pflege bis

hin zum Krankenhaus der Maximalversorgung.

Plattformen koordinieren in immer größerem

Umfang Angebot und Nachfrage. Erfolgreiche

Plattformbetreiber setzen Schnittstellenstandards

durch, wodurch sie das Geschäftsmodell

in ihrem Sektor vollständig beherrschen.

Auch hier gibt es bei AGAPLESION schon erste

Ansätze, etwa beim Projekt „Sicherung intersektoraler

Versorgung durch ein IT-gestütztes

Dienstleistungskonzept für multimorbide Patienten

mit Demenz“ (SimPat). Hier wird eine

digitale Fallmanagementlösung als Plattform

erarbeitet. Sie unterstützt vor allem den Entlassungsprozess

und verbindet das Krankenhaus

mit nachsorgenden Einrichtungen zum

Wohle des Patienten. In Zusammenarbeit mit

der Techniker Krankenkasse und IBM werden

in einem weiteren Projekt der AGAPLESION gAG

die Entlassbriefe in einer elektronischen Patientenakte

für nachsorgende Einrichtungen zur

Verfügung gestellt. Dies ermöglicht eine bestmögliche,

effiziente Versorgung der Patienten,

bspw. auch in Notfallsituationen wie Bewusstlosigkeit

oder bei einer vorangeschrittenen dementiellen

Erkrankung, wenn der Patient sich

selber nicht mehr zu vorangegangenen Interventionen

äußern kann.

Digitalstrategie und Finanzierung

Alle beschriebenen Maßnahmen, vor allem auf

Stufe 1, sind jedoch mit hohen Investitionskosten

verbunden. Dies war uns von Anfang an

bewusst. Man kann die Digitale Transformation

nicht ohne eine gewisse finanzielle Belastung

erreichen. So wie AGAPLESION die letzten Jahre

in Infrastruktur und neuste Medizintechnik investiert

hat, muss nun auch in die Digitalisierung

investiert werden (Abb. 3).

Wichtig ist jedoch, nicht blind Tablets, Lizenzen

und Schnittstellen anzuschaffen. Digitalisierung

ist kein Selbstzweck. Das Ziel muss klar

sein. Prozesse müssen geprüft und neu durchdacht

werden. Die Digitalisierung muss zu einer

Erhöhung der Effizienz und Effektivität der

Prozesse führen und hat immer das Wohl des

Patienten und Bewohners im Blick.

Digitale Transformation –

Ein Frage der Ethik?

Neben hohen Investitionskosten und Fragen

der Datensicherheit kommen bei der Digitalen

Transformation aber auch ethische Fragestellungen

in den Blick: Was macht die Digitalisierung

mit dem Personal? Wie nehmen die Patienten

die Digitalisierung wahr? Wie sehen die

Berufsbilder „Pflege“ und „Arzt“ in Zukunft aus?

Ändert sich das Berufsethos? Was ist erforderlich,

um Mitarbeitende auf die kommenden

Veränderungen vorzubereiten und sie für neue

Aufgaben zu befähigen?

Im Prinzip ist die Digitale Transformation jedoch

nicht anders zu bewerten als die Industrialisierung

im 18. und 19. Jahrhundert. Auch

diese war ein technisch-wirtschaftlicher Prozess

des Übergangs, damals von agrarischen

zu industriellen Produktionsweisen, in dem

sich die maschinelle Erzeugung von Gütern und

Abbildung 3:

Finanzielle Belastung

Digitale Transformation

(Quelle: eigene Darstellung,

in Anlehnung an das Fish Model,

Technology Services

Industry Association, 2016)

44

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Digitalisierung

Dienstleistungen durchsetzte. Handarbeit wurde

durch Maschinen ersetzt. Es entstanden

völlig neue Berufsbilder. Und so wird es auch

im Zeitalter der Digitalen Transformation kommen.

Wichtig ist der „ethische“ Umgang mit den

freiwerdenden Ressourcen.

Es müssen zudem gesamtgesellschaftliche

Fragen geklärt werden. Zu fragen ist hier z. B.

nach den möglichen Auswirkungen verhaltensbasierter

Bonussysteme und Versicherungsmodelle

auf die solidarische Krankenversicherung,

wenn mithilfe digitaler Technologien immer

mehr und immer vielfältigere Verhaltensdaten

in Echtzeit erhoben und ausgewertet werden

können (Friele, Schmitz-Luhn, & Woopen,

2018).

Wo geht der Weg noch hin?

Trotz intensiver Analyse der Trends und internationaler

Entwicklungen sowie Erstellung von

möglichen Zukunftsszenarien ist diese noch

nicht erkennbar. Man kann sie höchstens in

Teilen erahnen. Allein die Geschwindigkeit der

Entwicklung im Bereich Kommunikation – man

bedenke, dass erst 2007 das erste iPhone auf

den Markt kam – ist atemberaubend und auch

ein bisschen beängstigend. Es wird sich daher

in den nächsten Jahren noch einiges auf dem

Markt und gerade im Gesundheitswesen tun.

Umso wichtiger ist es, jetzt zu starten und den

Weg zur Digitalen Transformation anzugehen.

AGAPLESION geht diesen Weg bereits.

AGAPLESION Diakonieklinikum Rotenburg:

Gitta Schnaepp und Judith Cassier

nutzen die Mobile Digitale Patientenakte.

Das Agaplesion Diakonieklinikum

Rotenburg hat sich einer besonderen

Herausforderung gestellt: Durch die

internationale Zertifizierungsgesellschaft

HIMSS Analytics hat das Klinikum den

Reifegrad der digitalisierten Prozesse rund

um den Patienten prüfen lassen. Das

Ergebnis ist die EMRAM Stufe 6. Das ist

derzeit der höchste Reifegrad, den deutsche

Krankenhäuser erreicht haben. Das Diakonieklinikum

Rotenburg ist aktuell eines

von insgesamt zwei Krankenhäusern in

Deutschland auf diesem hohen Niveau.

Foto: AGAPLESION Diakonieklinikum

Rotenburg

Literaturverzeichnis

Berger, R. (Juli 2017). Krankenhausstudie 2017. Von RolandBerger: https://www.rolandberger.com/de/

Publications/pub_german_hospitals_2017.html abgerufen

Friele, M., Schmitz-Luhn, B., & Woopen, C. (2018). Medizin 4.0 – Ethik im digitalen Gesundheitswesen.

Köln.

Ophoz, M. u. (2017). Digitalisierung in deutschen Krankenhäusern.

Sleziona, M. (18. April 2018). Rückzieher: Amazon verkauft keine Arzneimittel an Kliniken. Von BibliomedManager:

https://www.bibliomedmanager.de/news-des-tages/detailansicht/35082-rueckzieher-amazon-verkauft-keine-arzneimittel-an-kliniken/

abgerufen

ssu/dpa. (07. Juni 2018). Viele deutsche Firmen halten sich für digitale Nachzügler. Von Spiegel Online:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/digitalisierung-deutsche-firmen-halten-sichfuer-nachzuegler-a-1211619.html

abgerufen

Statista. (2016). Anzahl der verfügbaren Gesundheits-Apps nach App Store im Jahr 2016. Von www.

Statista.com: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/688545/umfrage/anzahl-der-verfuegbaren-gesundheits-apps-nach-app-store/

abgerufen

vfa. (12. Juni 2018). Deutschland ist weltweit Nr. 2 bei klinischen Studien forschender Pharma-

Unternehmen. Von Die forschenden Pharma-Unternehmen: https://www.vfa.de/de/arzneimittel-forschung/forschungsstandort-deutschland/klinische-studien-deutschland.html

abgerufen

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 45


Digitalisierung

Digitalisierung:

Treibende sein statt Getriebene

Klinikum Darmstadt punktet mit klarer Positionierung, Bereitschaft zum Wandel

und starker Digitalisierungsstrategie

Die Klinikum Darmstadt GmbH

Das Klinikum Darmstadt ist das einzige kommunale Krankenhaus der Maximalversorgung

in Südhessen; mit drei großen Intensivstationen, 21 Kliniken und Instituten hat

es zahlreiche Alleinstellungsmerkmale in der Region.

Sichtbar ist das Haus in der Veränderung und am Wachsen: In zwei Bauabschnitten

entsteht bis 2021 ein Zentraler Neubau. Der erste ging im Dezember 2017 in den Patientenbetrieb.

Mit den Neubauten wird es 1.000 moderne Betten bereithalten. In 2017

hat das Klinikum mehr als 100.000 Patientinnen und Patienten ambulant und 40.000

stationär behandelt. Seit 2015 gehört das Marienhospital Darmstadt dazu. Als größter

kommunaler Arbeitgeber hat die GmbH 3.200 Mitarbeitende.

www.klinikum-darmstadt.de

Eva Bredow-Cordier

Leiterin Unternehmenskommunikation

und Marketing,

Pressesprecherin

Klinikum Darmstadt GmbH

Statt eines radikalen Sparkurses führen ein

Fünfjahresplan für den Ausbau der IT-Technik

und -Infrastruktur und gezielte Investitionen

in Höhe von drei Prozent des Jahresbudgets

das Klinikum Darmstadt in die

Digitalisierung. Dabei darf die Digitalisierung

niemals nur Selbstzweck sein. Maßgeschneidert

umgesetzt, eröffnet sie viele Chancen

und Potenziale: Eine bessere Versorgung,

mehr Sicherheit und Qualität, transparentere

Prozesse, effizienteres Arbeiten, attraktivere

Arbeitsplätze, Mehrwert für alle am Behandlungsprozess

Beteiligten und die Aussicht, im

Wettbewerb zu bestehen. Treibende sein, statt

Getriebene – so lautet die Maxime.

„Es ist verrückt, die Dinge immer gleich zu

machen und dabei auf andere Ergebnisse zu

hoffen.“ Albert Einsteins Sicht leitet die Geschäftsführung

der Klinikum Darmstadt GmbH.

Das Krankenhaus ist im Wandel. Sichtbar in

den Neubauten, die im laufenden Klinikbetrieb

auf dem engen Innenstadt-Gelände entstehen.

Aber auch im Inneren. Die unzureichende Krankenhausfinanzierung

zwingt dazu, alle Prozesse

auf den Kopf zu stellen und wo nötig zu verändern.

Die Suche nach qualifizierten Mitarbeitenden

und der Wunsch, gute Mitarbeitende

zu halten, unterstützen den Modernisierungsschub,

der nicht nur die interdisziplinäre Zusammenarbeit,

sondern auch die medizin- und

IT-technische Ausstattung umfasst.

Digitalisierung ist dabei kein Selbstzweck. Sie

muss den Menschen dienen. Den Mitarbeitenden,

aber auch den Patientinnen und Patienten.

Denn wenn ein schlechter Prozess digitalisiert

wird, dann ist er danach eben nur ein schlechter

digitaler Prozess. Digitalisierung soll und

kann aber durchaus dabei helfen, das begrenzte

Krankenhausbudget optimal zu nutzen.

Derzeit verfügt das Klinikum Darmstadt, wie so

viele deutsche Krankenhäuser, über viele parallele

einzelne Digitalleistungen – dazu gehören

teil-digitale Patientenakten, elektronische

Arztbrieferstellung, mobile Visiten, digitales

Archiv, Online-Terminvergabe oder zum Beispiel

die Labor-Datenabfrage am Patientenbett.

Gelebte Praxis sind auch Videokonferenzen

in den wöchentlichen Tumorboards mit

niedergelassenen Praxen aus dem Odenwald

oder in Kooperation mit der Radiologie eines

Kreiskrankenhauses. Auch der Einstieg in die

digitale Patientenaufklärung ist geschafft.

Der entscheidende nächste Schritt aber fehlt

noch: Damit jeder Mediziner zu jeder Tagesund

Nachtzeit auf alle Anamnesen, Befunde,

Arztbriefe, OP-Berichte zugreifen kann, müssen

alle Systeme ineinandergreifen und alle

Daten müssen zu jeder Zeit von allen am Behandlungsprozess

Beteiligten abrufbar sein.

Das macht den Ausbau der Digitalisierung, des

Datenschutzes und der Datensicherheit notwendig.

Trotz Sparkurs:

hohe Investitionen im IT-Bereich

Das Klinikum Darmstadt hat sich daher schon

46

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Digitalisierung

früh dazu entschieden, diesen Themen einen

hohen Stellenwert zuzumessen. Organisatorisch

ist die IT-Abteilung direkt der Geschäftsführung

unterstellt. Die Geschäftsführung hat

die Digitalisierung und die IT-Sicherheit damit

zur Managementaufgabe gemacht. Zudem

wurde der Bereich Medizintechnik in die IT-

Abteilung integriert, weil es heute keine medizintechnischen

Produkte mehr gibt, die nicht

digital angebunden sind. Im Investitionshaushalt

wurde ein Fünfjahresplan für den Ausbau

der IT-Technik und -Infrastruktur aufgestellt,

der sich auch im Wirtschaftsplan niederschlägt.

Die Geschäftsführung hat damit statt eines radikalen

Sparkurses auf gezielte Investition und

eine Verbesserung der Prozessabläufe durch

intensiven IT-Einsatz gesetzt.

„Digitalisierung und IT-Sicherheit sind als

Kernfunktionen eines Krankenhauses von strategischer

Bedeutung. Deswegen haben wir uns

organisatorisch entsprechend aufgestellt und

investieren massiv in unsere IT-Infrastruktur

und Schulungsmaßnahmen. Drei Prozent des

Jahresbudgets fließen in die IT und in die Schulung

der Mitarbeitenden, denn Digitalisierung

funktioniert nur, wenn auch ein Kulturwandel

gelingt“, so formuliert es Clemens Maurer, Geschäftsführer

seit Mitte 2013.

Digitalisierung braucht

einen Kulturwandel

Entscheidend mit angestoßen hat Gerhard Ertl

die Digitalisierung, seit 2015 Leiter und CIO

(Chief Information Officer) der Abteilung Informations-,

Medizin- und Telekommunikationstechnik

der Klinikum Darmstadt GmbH:

„In unserem Haus war viele Jahre so verfahren

worden, wie in vielen anderen Kliniken auch: IT

wurde vorwiegend als Notwendigkeit im Abrechnungsbereich

und als Kostenfaktor gesehen.

Deswegen wurden IT-Projekte auch nur

mit möglichst geringem Budget und Aufwand

umgesetzt.“ Entsprechend wichtig war es für

den IT-Leiter, möglichst schnell die Kommunikation

zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern

und eine Kultur gegenseitigen Verständnisses

aufzubauen. Für ihn und sein Team hatte

Clemens Maurer

Geschäftsführer des

Klinikums Darmstadt

Digitalisierung und IT-Sicherheit sind als Kernfunktionen

eines Krankenhauses von strategischer Bedeutung.

Deswegen haben wir uns organisatorisch entsprechend aufgestellt

und investieren massiv in unsere IT-Infrastruktur und

Schulungsmaßnahmen. Drei Prozent des Jahresbudgets fließen in

die IT und in die Schulung der Mitarbeitenden, denn

Digitalisierung funktioniert nur, wenn auch ein

Kulturwandel gelingt.

Clemens Maurer, Geschäftsführer des Klinikums Darmstadt

es Priorität, das Krankenhausinformationssystem

Medico von Cerner möglichst zügig auszubauen

und so die Grundlage für eine weitergehende

Digitalisierung des Hauses zu legen.

Gerhard Ertl

Leiter und CIO (Chief Information

Officer) der Abteilung

Informations-, Medizin- und

Telekommunikationstechnik

des Klinikums Darmstadt

„Die gute Nachricht war, dass wir uns seitens

der IT-Abteilung voll auf die Kolleginnen und

Kollegen im Haus konzentrieren konnten, da

uns die Geschäftsführung völlig freie Hand ließ.

Die Geschäftsführung vertraut uns in fachlicher

Hinsicht und sieht ihre Aufgabe im Hinblick auf

die IT darin, die Mittel bereitzustellen, die wir

benötigen, um unsere Aufgabe sachgerecht

durchzuführen. Natürlich ist das kein Freibrief.

Aber man vertraut unserem Urteil als Fachleute“,

so Ertl weiter.

Für Gerhard Ertl klappt die Digitalisierung nur,

„wenn eine Kultur etabliert werden kann, die

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 47


Digitalisierung

Wandel als etwas Positives sieht, als etwas,

das die Chance zu Verbesserungen bietet und

nicht nur Risiken. Den menschlichen Drang, an

Bewährtem festzuhalten, sollte man nicht unterschätzen.“

eines leistungsfähigen Klinikinformationssystems.

Damit können sowohl die Qualität der

Krankenversorgung als auch die wirtschaftliche

Effizienz erhöht werden. Wer Patientensicherheit

ernst meint, kommt um eine vollständige

Digitalisierung der Daten und Abläufe in der

Gesundheitsversorgung nicht herum – natürlich

unter Gewährleistung höchsten Patientendatenschutzes.

Digitale Bilder ...

Foto: Klinikum Darmstadt

GmbH

Um eine Klinik ins digitale Zeitalter zu führen,

ist es elementar, zunächst Verständnis für

die Komplexität von Healthcare-IT zu wecken,

um eine Kultur des Wandels zu etablieren. Das

betrifft nicht nur die Leitungsebene, sondern

auch die Ebene der Anwendenden. Nur auf dieser

Basis kann man einen Dialog führen und

eine sinnvolle IT-Strategie entwerfen, die den

Anforderungen aller gerecht wird und den individuellen

Gegebenheiten im Haus angepasst

ist. Mitarbeitende müssen befähigt und mitgenommen

werden.

Dahinter steht die Überzeugung: Man kann

durch gezielten IT-Einsatz mit relativ einfachen

Mitteln Arbeitsabläufe nicht nur beschleunigen,

sondern auch eine höhere Behandlungsqualität

erzielen – allein schon dadurch, dass

wichtige Informationen schneller zu den Adressaten

durchdringen. Dadurch steigt auf der

einen Seite die Arbeitsmotivation der Anwendenden,

weil sie sich auf ihre eigentliche Arbeit

konzentrieren können. Auf der anderen Seite

merken die Patientinnen und Patienten, dass

sie schnell und gut behandelt werden.

Geschäftsführung und IT-Leiter sind sich einig:

Die Digitalisierung birgt viele Chancen und die

Krankenhaus-IT bietet ein enormes Potenzial.

Für die Patienten eine bessere Versorgung und

mehr Sicherheit; für das Krankenhaus transparentere

Prozesse und damit auch die Möglichkeit,

effizienter zu arbeiten und im Wettbewerb

zu bestehen.

Starker Umsetzungswille

Grundlage aller Digitalisierung ist der Aufbau

Das deutsche Gesundheitswesen heute setzt

Innovationen nur sehr langsam um. Und manche

Innovation – Beispiel Gesundheitskarte

– klappt trotz Millionen-Einsatz und jahrelanger

Diskussionen und Planungen (immer noch)

nicht. Dabei wächst der Druck von Mitarbeitenden

und Patientinnen und Patienten, die in

ihrem Alltag digitale Anwendungen selbstverständlich

nutzen. Wer geht heute noch in ein

Reisebüro, um Hotel oder Urlaub zu buchen?

Wer geht heute noch zur Bank, um eine Überweisung

zu tätigen?

Wer treibt also die Veränderung im Krankenhaus

voran? Das geht nur im Schulterschluss

von oben nach unten und mit Vertrauen zwischen

IT-Leitung und Geschäftsführung. Ein

wesentlicher Punkt, um ein Krankenhaus in

das Zeitalter der Digitalisierung zu führen: Die

konsequente Umsetzung und Nutzung von IT-

Systemen benötigt vor allem eine direkte Integration

der IT in die Unternehmensstrategie

und einen starken Umsetzungswillen durch die

Krankenhausführung. Das Verständnis und die

Zukunftsorientierung der Geschäftsführung

bestimmen maßgeblich den Digitalisierungsgrad.

Maßgeschneiderte

Digitalisierungsstrategie

Als zweites gehören eine klar definierte und

zielgerichtete IT-Strategie mit einem konkreten

abgeleiteten IT-Bebauungsplan dazu. Dabei

muss die Digitalisierungsstrategie maßgeschneidert

sein.

Zunächst wurden die betagten Server durch

eine moderne Infrastruktur ausgetauscht –

elementar wichtig für die Sicherheit der IT-

Infrastruktur und auch eine Frage der Performance

und damit auch der Motivation und der

Arbeitsfähigkeit der Anwendenden. Jetzt steht

der Aufbau und Ausbau eines einheitlichen

und umfassenden Klinikinformationssystems

mit einheitlicher Hard- und Software auf dem

Programm. Klinikübergreifende Anwendungssysteme,

Standards haben absolut Vorrang vor

klinikspezifischen Systemen.

Durch die flächendeckende Einführung klinischer

Arbeitsplatzsysteme sollen multimediale

48

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Digitalisierung

... ermöglichen die

digitale mobile Visite

Foto: Klinikum Darmstadt

GmbH

Patientendaten jeder am Behandlungsprozess

beteiligten Person zeitgerecht und vollständig

zur Verfügung stehen. Voraussetzung ist

eine umfassende elektronische Krankenakte,

die auch alle pflegerischen Dokumentationen

umfasst. Aber auch der Abruf von Online-Monitoring-Daten,

Medikamenten- und Materialbestellungen,

Einbestellungen und Terminvergabe,

der Export der notwendigen Daten für

die Qualitätssicherung, der Zugriff auf lokale

und weltweite Informations- und Wissensserver

und vieles mehr müssen darüber möglich

sein. Ebenso wie sichere Schnittstellen, so dass

die elektronische Kommunikation mit Gesundheitsversorgungseinrichtungen

auch außerhalb

des Klinikums möglich ist.

Mit dem Gewinn des deutschlandweiten Wettbewerbs

der Bitkom im vergangenen Jahr und

der Auszeichnung Darmstadts als Digitalstadt

haben das Thema und der Wandel im Klinikum

Darmstadt bundesweite Aufmerksamkeit nach

sich gezogen. In die „Digitale Stadt“ Darmstadt

werden mehrere Millionen Euro investiert, um

aus ihr eine digitale Musterstadt zu machen,

von der andere Städte lernen können. Dabei ist

der Bereich Gesundheit ganz zentral, weil er

das tägliche Leben der Menschen in einer Stadt

ganz persönlich betrifft. Von Anfang an war das

Klinikum Darmstadt in der Lead-Funktion für

Ziel des Masterplans ist das Krankenhaus 4.0,

das für die Vision einer modernen, auf die

Bedürfnisse des Patienten und der Patientin

abgestimmten Gesundheitsversorgung steht,

in der verteilte Krankenhausinformationssysteme,

Medizingeräte, Anlagen und Anwendungen

durch Vernetzung und strukturierten

Datenaustausch direkt mit den Anwendern

interagieren.

Dabei ist die Digitalisierung eben kein Selbstzweck.

Sie stärkt, so verstanden und realisiert,

auch die Selbstbestimmung im Versorgungsprozess

– Patientinnen und Patienten sind in

der Lage, mit diesen Daten die eigene Gesundheit

aktiv zu gestalten.

Treiber der Digitalisierung ist die IT-Abteilung

Foto: Klinikum Darmstadt GmbH

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 49


Digitalisierung

den Bereich Gesundheit schon in der Wettbewerbsphase

involviert und ist es noch in der

bis Ende 2019 laufenden Projekt- und Umsetzungsphase.

Vision: Gesund bleiben und werden

Der Gewinn des Wettbewerbs hat uns bei der Digitalisierung

auch intern einen weiteren Schub

gegeben. Die Vision ist, dass die Digitalstadt

Darmstadt – und wir als Teil und Treiber des

Bereichs Gesundheit – ihren Bürgerinnen und

Bürgern hilft, gesund zu bleiben und zu werden.

Unser Ziel ist es, die Digitalisierung voranzutreiben

und nicht zu Getriebenen zu werden.

Wir wollen mithelfen, dass jeder Patient, der

dies möchte, auf seine Gesundheitsdaten

zugreifen und diese auch weitergeben

kann. Dabei steht die IT-Sicherheit

immer im Vordergrund. IT-Sicherheit

auf allerhöchstem Niveau, lückenlose Verfügbarkeit

aller Daten – ohne Medienbruch. Denn

dies kann und wird die Patientensicherheit und

-selbstbestimmung jedes einzelnen enorm erhöhen.

Dazu brauchen wir nur einen gesetzlichen Rahmen,

Innovationsfreude und eine ausreichende

Finanzierung, dann ist die Digitalisierung im

Gesundheitswesen kein Traum mehr.

Auszeichnung als

„Digital-Champion“

Digital Champion

Eine aktuelle Studie zeichnet 415 „Digital-Champions“ als Vorreiter in Sachen Digitalisierung

in Deutschland aus. Focus Money hat in Kooperation mit dem Hamburgischen

Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) die Studie durchgeführt, in der 10.000 Unternehmen

aus gut 50 Branchen analysiert wurden. Spitzenreiter im Bereich Krankenhäuser ist

das Klinikum Darmstadt mit 100 Punkten, gefolgt vom Klinikum Frankfurt (Oder);

Rhön Klinikum, Helios Kliniken, Asklepios Kliniken und Vivantes liegen auf den

Plätzen 5 bis 8.

Das Siegel „Digital Champion“ fußt auf Basis zweier Erhebungen, so heißt es im Focus/

Money Heft 10/2018: Zum einen in einem umfassenden Fragebogen, der 30 Einzelaspekte

der Digitalisierung im Betrieb abdeckte, zum anderen auf der Auswertung

eines Social Listenings, das sämtliche Texte, die im Jahr 2017 im Internet zu den

untersuchten Unternehmen erschienen sind, in einer Datenbank gebündelt und nach

Aussagen zu Digitalisierungsprojekten und -fortschritten bewertet hat.

Die Auszeichnung als Digital Champion für das Klinikum Darmstadt ist ein sichtbares

Zeichen dafür, dass das Haus von Anfang an auf diesen Bereich mit den richtigen

Strategien gesetzt hat.

50

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Digitalisierung

TELnet@NRW: Gemeinsam handeln.

Kompetent behandeln.

Telemedizinisches, intersektorales Netzwerk als neue digitale Gesundheitsstruktur

zur messbaren Verbesserung der wohnortnahen Versorgung

Das Projekt „TELnet@NRW“

TELnet@NRW verfolgt das Ziel, ein sektorenübergreifendes digitales Netzwerk aufzubauen

und als neue Versorgungsform zu etablieren. Im Rahmen des Projektes sollen

in den Regionen Aachen und Münster telemedizinische Anwendungen beispielhaft in

den Bereichen Infektiologie und Intensivmedizin eingesetzt werden, um die Behandlungs-

und Prozessqualität sowie die Effizienz der Patientenversorgung zu optimieren.

Das auf drei Jahre ausgelegte Projekt ist im Februar 2017 offiziell gestartet und wird

durch Mittel des Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses mit rund

20 Millionen Euro gefördert. Die Projektleitung bzw. Konsortialführung liegt bei der

Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care des Universitätsklinikums

Aachen, das Universitätsklinikum Münster hat die regionale Projektleitung inne. Die

Infektiologen und Intensivmediziner der beiden Universitätskliniken stehen während

des Projektes den ärztlichen Kollegen aus den rund 17 Partnerkrankenhäusern und

über 100 teilnehmenden Arztpraxen der beiden Arztnetze GKS (Köln) und MuM eG

(Bünde) mittels Telemedizin beratend zur Seite. Beispiele sind etwa schwere und / oder

seltene Infektionen oder hochkomplexe medizinische Fragestellungen. An dem Projekt

beteiligt sind weiterhin die Techniker Krankenkasse zusammen mit den GKVen NRW,

die Kassenärztlichen Vereinigungen und Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-

Lippe sowie die Universität Bielefeld und das ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin

als evaluierende Einrichtungen. Es konnten bereits über 50.000 Patienten

eingeschlossen werden, und es findet ein reger Austausch zwischen allen beteiligten

Projektpartnern statt. Das Projekt wird regelmäßig auf Veranstaltungen, Messen und

Tagungen vorgestellt.

[www.telnet.nrw]

Autoren/Kontakt:

TELnet@NRW-

Projektkonsortium

vertreten durch Univ.-Prof.

Dr. med. Gernot Marx, FRCA

Klinik für Operative

Intensivmedizin und

Intermediate Care

Pauwelsstr. 30

52074 Aachen

Tel.: 0241 80-80444

Fax: 0241 80-3380444

Mail: info@telnet.nrw

www.telnet.nrw

Das mit Mitteln des Innovationsfonds geförderte

Projekt „TELnet@NRW“ verfolgt das

Ziel, ein sektorenübergreifendes digitales

Qualitätsnetzwerk als neue Versorgungsform

aufzubauen. In den Regionen Aachen und

Münster werden telemedizinische Anwendungen

beispielhaft in der Infektiologie und

Intensivmedizin zur Optimierung der Behandlung

eingesetzt. Der Beitrag stellt das Projekt

in Bezug auf Ziele, Projekteilnehmer, Technik

und Evaluation vor und berichtet von den bisherigen

Erfahrungen im ambulanten und stationären

Bereich.

Eine bestmögliche und wohnortnahe Gesundheitsversorgung

in jeder Region ist Ziel und

Wunsch von Patienten, Bürgern, Gesundheitseinrichtungen

und nicht zuletzt der Politik.

Dieses Ziel ist jedoch vor dem Hintergrund eines

sich abzeichnenden Mangels an Ärzten und

Gesundheitsfachkräften und einer sich verändernden

Patientenstruktur mit mehr älteren

und multimorbiden Patienten immer schwieriger

zu erreichen. Insbesondere ländliche und

/ oder strukturschwache Regionen spüren bereits

die Auswirkungen dieser Entwicklung und

sind daher auf innovative Versorgungskonzepte

angewiesen. Digitale Technologien bieten hier

die Möglichkeit, die Versorgung vor Ort flexibler

und leistungsfähiger zu gestalten.

Herausforderungen in Intensivmedizin

und Infektiologie

Zwei medizinische Felder, die von der Entwicklung

besonders betroffen und daher ein wichtiges

Anwendungsfeld digitaler Technologien

sind, sind die personalintensiven Bereiche der

Infektiologie und Intensivmedizin.

In der Infektiologie etwa stellen zunehmende

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 51


Digitalisierung

»Intersektorale und telemedizinisch

gestützte Kooperationsstrukturen

stellen ein

wichtiges Instrument dar, um

spezialisierte Expertise auch

in der Fläche zeitnah und

kontinuierlich zur Verfügung

zu stellen.«

»Damit die telemedizinische

Mitbehandlung von technischer

Seite her möglichst unkompliziert

umgesetzt werden

kann, wird beim Projekt auf

bereits erprobte Lösungen, wie

z. B. die FallAkte+ und die

elektronische Visite (elVi®),

gesetzt.«

Antibiotikaresistenzen die Behandelnden vor

die Herausforderung, für jeden Patienten ein

passendes und wirksames Antibiotikum zu finden.

Bereits jetzt sterben weltweit schätzungsweise

700.000 Menschen an Infektionen, gegen

welche die aktuell verfügbaren Therapien bzw.

Medikamente wirkungslos sind. Dies stellt nicht

nur auf individueller Ebene ein Problem dar,

auch die gesellschaftlichen Kosten durch Infektionen

mit resistenten Keimen sollten nicht

unterschätzt werden (vgl. O`Neill, J., 2016). Für

eine patientenorientierte Antibiotikatherapie

ist es daher erforderlich, leitlinienkonform zu

behandeln, d.h. konkret, die Empfehlungen der

Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI)

„Klug entscheiden“ und die Vorgaben der S3-

Leitlinie „Strategie zur Sicherung rationaler

Antibiotika-Anwendung im Krankenhaus“ umzusetzen

(vgl. DeWith, K. et al., 2016 & Jung, N.

et al., 2016). Dies stellt im medizinischen Alltag

häufig ein Problem dar, so dass zunehmend

eine Diskrepanz zwischen den wissenschaftlichen

Vorgaben und der praktischen Umsetzung

besteht. Eine leitlinienkonforme und individuell

bestmögliche Behandlung erfordert intensivmedizinisches

und infektiologisches Fachwissen

seitens erfahrener Ärzte. Nicht alle Krankenhäuser

(und Praxen) können rund um die

Uhr auf die geforderte Expertise zurückgreifen.

Es gibt bspw. überhaupt nur rund 300 ausgebildete

Infektiologen in ganz Deutschland.

Intersektorale und telemedizinisch gestützte

Kooperationsstrukturen stellen ein wichtiges

Instrument dar, um spezialisierte Expertise

auch in der Fläche zeitnah und kontinuierlich

zur Verfügung zu stellen (vgl. Marx, G., 2017).

Gleiches gilt für die Intensivmedizin. Rund

zwei Millionen Menschen werden jedes Jahr in

Deutschland intensivmedizinisch betreut. Rund

11% der Intensivpatienten, die in Häusern der

Maximalversorgung oder in Unikliniken versorgt

werden, erleiden eine Sepsis („Blutvergiftung“).

Diese Erkrankung weist mit rund 40%

eine recht hohe Krankenhaussterblichkeit auf,

d.h. dass jedes Jahr rund 75.000 Menschen an

dieser in der Öffentlichkeit noch eher unbekannten

Erkrankung sterben (vgl. Reinhart, K.,

Brunkhorst, F.M., 2011). Aber auch Patienten,

die überleben, haben teils noch lange Zeit nach

Entlassung aus dem Krankenhaus mit Komplikationen

und Nachwirkungen physiologischer

und / oder psychologischer Art zu kämpfen (vgl.

Deutsche Sepsis-Hilfe e.V., o. J.)

Telemedizinische Prozesse und kooperative interdisziplinäre

Versorgungsstrukturen können

dazu beitragen, die Sterblichkeit von Sepsis-

Patienten zu senken – und das um bis zu 25%,

wie das Projekt „TIM – Telematik in der Intensivmedizin“

am Uniklinikum Aachen deutlich

gemacht hat (vgl. Deisz, R. et al., 2016).

Telemedizinische Netzwerke

als neue Versorgungsform

An genau diesem Punkt setzt auch das hier vorgestellte

Projekt „TELnet@NRW“ an. Das Projekt

verfolgt das Ziel, ein sektorenübergreifendes

Netzwerk als neue digitale Versorgungsform

aufzubauen, beispielhaft implementiert in der

Infektiologie und Intensivmedizin. Zusätzlich

zur ärztlichen Expertise vor Ort in den teilnehmenden

Krankenhäusern und Arztpraxen soll

Abbildung 1:

Projektstruktur

TELnet@NRW

ZTG GmbH (2017)

52

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Digitalisierung

eine spezialisierte infektiologische und intensivmedizinische

Beratung zeitnah und kosteneffizient

genau an dem Ort verfügbar gemacht

werden, an dem sie gebraucht wird. Eine leitliniengerechte

Behandlung und damit eine

optimierte Behandlungsqualität sollen durch

telemedizinischen Anwendungen ermöglicht

werden. Ziel ist dabei vor allem die Erhöhung

des Umsetzungsgrades der zehn DGI Empfehlungen

„Klug entscheiden“.

Telemedizinische und digitale Anwendungen

spielen dabei, wie in Abbildung 1 zu sehen, eine

entscheidende Rolle. Zum einen ermöglichen

sie es, dass medizinische Daten, Informationen,

Befunde und Dokumente zu jeder Zeit und an

jedem beliebigen Ort über eine gemeinsam genutzte

Online-Plattform zur Verfügung steht.

Gleichzeitig können sich die ärztlichen Kollegen

über Audio-Videokonferenzsysteme in Bild

und Ton austauschen. Die mobilen Visitewagen

in den Kliniken können direkt zum Patientenbett

gefahren werden und vermitteln in sehr

hoher Qualität einen konkreten Eindruck vom

Gesundheitszustand des Patienten. Gleiches

gilt für den ambulanten Bereich. Über ein gemeinsam

genutztes System können sich die

Ärzte aus Uniklinik und Praxis in Form einer

Videokonferenz über bzw. mit dem Patienten

austauschen.

Abbildung 2:

TeleVisite zwischen Aachen und

Jülich: Dr. med. Thorsten Janisch

und Henna Schulze-Steinen

(UK Aachen) unterhalten sich mit

Marcus Flucht vom St. Elisabeth-

Hospital Jülich (im Monitor) über

das weitere Vorgehen

Quelle: Uniklinik RWTH Aachen

Die Idee hinter dem Projekt ist, dass sich die

Ärzte der teilnehmenden Krankenhäuser und

Arztpraxen mit den Spezialisten aus den beiden

Universitätskliniken, wann immer erforderlich,

auf kurzem Wege austauschen und

gemeinsam die Behandlung planen – gemäß

dem Prinzip: Vier Augen sehen mehr als zwei.

So haben kleinere Krankenhäuser nicht immer

die notwendigen Erfahrungswerte, wenn es um

bestimmte intensivmedizinische oder infektiologische

Fragestellungen, wie etwa die Diagnose

und Behandlung der Sepsis, geht. Durch die

kooperative Behandlung und den gemeinsamen

Wissens- und Erfahrungsaustausch können

auch schwerer erkrankte Patienten weiterhin

in ihrem Krankenhaus vor Ort bei hoher Qualität

versorgt werden und müssen nicht verlegt

werden.

An dem Projekt TELnet@NRW unter der Leitung

von Konsortialführer Prof. Dr. med. Gernot

Marx, FRCA, von der Uniklinik RWTH Aachen

sind Partner aus verschiedenen Bereichen beteiligt,

die ihre jeweiligen Erfahrungen und

Kompetenzen miteinbringen.

• Universitätsklinikum Aachen (UKA) als Zentrum

mit neun Krankenhäusern

• Universitätsklinikum Münster (UKM) als

Zentrum mit acht Krankenhäusern

(siehe Tabelle 1)

• Ärztenetz MuM - Medizin und Mehr, Bünde

mit 55 niedergelassenen Ärzten

• Gesundheitsnetz Köln-Süd (GKS) mit 77

niedergelassenen Ärzten

• Techniker Krankenkasse (TK), Landesvertretung

NRW mit den GKVen NRW

• Fakultät für Gesundheitswissenschaften,

Universität Bielefeld

• Zentrum für Telematik und Telemedizin

GmbH (ZTG), Bochum

»Die Akzeptanz der telemedizinischen

bzw. digitalen

Anwendungen ist ein wichtiges

Kriterium für die Verbreitung

neuer Technologien auch in

der Fläche.«

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 53


Digitalisierung

Uniklinik RWTH Aachen

Universitätsklinikum Münster

Tabelle 1:

Beteiligte Krankenhäuser

und Arztnetze

St. Elisabeth Krankenhaus, Jülich

Christophorus-Kliniken GmbH, St.-Vincenz-

Hospital, Coesfeld

Franziskushospital, Aachen

St. Antonius-Hospital, Gronau

St. Elisabeth Krankenhaus, Geilenkirchen Josephs-Hospital, Warendorf

Krankenhaus Düren, Düren

Evangelisches Krankenhaus, Münster

Bethlehem Gesundheitszentrum, Stolberg Jakobi Krankenhaus, Rheine

Eifelklinik St. Brigida, Simmerath

Klinikum Arnsberg, Marienhospital Arnsberg

St. Elisabeth Krankenhaus, Grevenbroich Klinikum Arnsberg, Karolinen-Hospital

Kreiskrankenhaus Dormagen, Dormagen UKM Marienhospital, Steinfurt

St. Josef-Krankenhaus, Linnich

Ärztenetz MuM – Medizin und Mehr eG, Bünde / Gesundheitsnetz Köln-Süd (GKS)

Als Kooperationspartner sind außerdem noch

folgende Institutionen an TELnet@NRW beteiligt:

• Ärztekammer Nordrhein (ÄkNo)

• Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL)

• GKVen NRW

• Krankenhausgesellschaft

Nordrhein-Westfalen e.V. (KGNW)

Technik und Datenschutz

Damit die telemedizinische Mitbehandlung

von technischer Seite her möglichst unkompliziert

umgesetzt werden kann, wird beim Projekt

auf bereits erprobte Lösungen, wie z. B. die

FallAkte+ und die elektronische Visite (elVi®),

gesetzt. Mittels der hochauflösenden Audio-

Video-Verbindungen und der datenschutzkonformen

Fallakte können sich die teilnehmenden

Ärzte jederzeit und auf unkompliziertem Wege

beraten. Für die Abhaltung der Televisiten in

den Klinken werden mobile Visitewagen (sog.

Tele-ICU-Mobile) mit integrierten Monitoren

genutzt, die eine Bild- und Tonübertragung in

hoher Qualität ermöglichen, sozusagen so, als

ob der ärztliche Kollege direkt anwesend wäre.

Die teilnehmenden Ärzte des Uniklinikums

Münster oder Aachen können ebenso Verlaufskurven

und Vitalwerte über die Monitore einsehen,

um ein umfassendes Bild des Patienten

zu erhalten.

Voraussetzung für die Durchführung der Televisiten

in den teilnehmenden Unikliniken und Kooperationskrankenhäusern

ist, dass hochwertige

Videokonferenzsysteme als feste Einheit in

dem (Telemedizin-)Zentrum sowie mobil (Tele-

ICU-Mobile) kontinuierlich einsatzbereit sind.

Für den Gebrauch im Klinikalltag müssen die

Systeme die entsprechenden Voraussetzungen

erfüllen, bspw. eine Integration der Fallakten

ermöglichen oder leicht desinfizierbar sein.

Abbildung 3:

Telemedizinzentrum am

Uniklinikum Aachen

Quelle: RWTH Aachen

Campus GmbH

54

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Digitalisierung

Abbildung 4:

Telemedizinische Visite mit

dem Antibiotic Stewardship

(ABS)-Team: Sebastian Schwerbrock

und Christian Immanuel

aus dem St. Josephs-Hospital

Warendorf (im Monitor) besprechen

sich mit Dr. med. Marcus

Ahrends, Dr. med. Christian

Lanckohr und der Apothekerin

Dagmar Horn

Quelle:

UKM Fotozentrale Deiters

Im ambulanten Bereich setzen die teilnehmenden

Arztpraxen für die Telekonsile mit der

Uniklinik auf das elVi®-System, welches seitens

der TÜV IT GmbH zertifiziert wurde und

die technischen und datenschutzrechtlichen

Anforderungen für Anbieter von Systemen für

Videosprechstunden/Telekonsile seitens der

Kassenärztlichen Bundesvereinigung und des

GKV-Spitzenverbandes erfüllt.

Insgesamt kommt den datenschutzrechtlichen

Aspekten beim Einsatz mobiler Videokonferenzsysteme

eine besondere Bedeutung

zu, auch wenn es um die Akzeptanz und einen

späteren möglichen flächendeckenden Einsatz

geht. Bedrohungen müssen kontinuierlich gesichtet

und analysiert werden. Ein umfassendes

Risikomanagement ist bei allen bei TELnet@

NRW teilnehmenden Krankenhäusern und Ärztenetzen

fest verankert. Ein externer Datenschutzbeauftragter

überwacht die Einhaltung

der Anforderungen.

Evaluation

Projekte dieser Art bzw. telemedizinische

Services allgemein müssen immer einen Nutzen

für die Beteiligten haben und nicht aus reinem

Selbstzweck durchgeführt werden. In erster

Abbildung 5:

Telekonsil in der Arztpraxis:

Dr. Gero Quante (HNO-Praxis in

der Klinik links vom Rhein) und

Dr. Marcus Ahrends aus dem UK

Münster (im Monitor) tauschen

sich mittels Telemedizin aus

Quelle:

Gesundheitsnetz Köln-Süd

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 55


Digitalisierung

»Vernetzung und Kooperation

sind zwei entscheidende

Aspekte bei der zukünftigen

Gestaltung der Krankenhausversorgung,

vor allem auch

angesichts drängender Fragen,

wie einem angemessenen

Antibiotikaeinsatz und der

Prävention von Resistenzentwicklungen.«

Linie gilt dies für die Patienten und ihre Angehörigen,

aber ebenso sollen auch die Ärzte

und Gesundheitsfachkräfte sowie die Krankenkassen

einen Mehrwert haben. Eine begleitende

Evaluation ist daher unumgänglich.

Daher nimmt auch bei TELnet@NRW die wissenschaftliche

Begleitung einen hohen Stellenwert

ein. Es gilt zu überprüfen, welche Auswirkungen

TELnet@NRW auf die Patientenversorgung hat.

Nur wenn das Projekt zeigt, dass es zusätzliche

Vorteile gegenüber der konventionellen

Behandlung bietet, ist eine flächendeckende

Implementierung zu rechtfertigen.

Bei der Evaluation des Projektes soll insbesondere

untersucht werden, inwiefern die „10

Empfehlungen“ der Initiative „Klug entscheiden“

im medizinischen Alltag in Klinik und Praxis

umgesetzt werden können. Zudem sollen

u.a. die folgenden Fragen durch die Evaluation

beantwortet werden:

• Inwiefern kann die Zahl der Sepsis-Patienten

reduziert werden, die an der Erkrankung

versterben?

• Um wie viele Tage kann die Verweildauer

auf der Intensivstation und im Krankenhaus

reduziert werden?

• Wie sieht es mit der gesundheitsbezogenen

Lebensqualität der Patienten aus, sowohl

bei Entlassung als auch nach 12 sowie 24

Monaten?

Zusätzlich zu diesen medizinischen und gesundheitsökonomischen

Parametern erfolgt

eine Analyse der Akzeptanz der teilnehmenden

Ärzte in Klinik und Praxis. Die Akzeptanz der

telemedizinischen bzw. digitalen Anwendungen

ist ein wichtiges Kriterium für die Verbreitung

neuer Technologien auch in der Fläche. Bei

der Befragung sollen akzeptanzfördernde und

-hemmende Faktoren herausgefiltert werden.

Ziel ist es, herauszufinden, durch welche Instrumente

(z.B. Gestaltung der Technik, Schulungen,

kontinuierlicher Support etc.) die Akzeptanz

der eingesetzten telemedizinischen

Anwendungen und damit im weiteren Verlauf

die kontinuierliche Nutzung im medizinischen

Alltag gefördert werden können.

Die Evaluation eines doch recht komplexen

Projektes wie TELnet, welches verschiedene

Elemente und Maßnahmen beinhaltet, erfordert

ein anderes evaluatives Vorgehen als

bspw. klassische Arzneimittelstudien, in denen

„einfach“ eine Einteilung in eine Interventionsgruppe

(Medikament) und eine Kontrollgruppe

(Placebo) erfolgt. Da die Projektpartner aber

dennoch, wie auch der Gemeinsame Bundesausschuss,

hohe methodische Ansprüche an

die Evaluation stellen, wird für die Studie ein

„Stepped-Wedge-Design“ verwendet. Es handelt

sich hierbei um eine Cluster-randomisierte,

kontrollierte Studie, welche die Wirkung der

Intervention auf das gesamte Patientenkollektiv

hin evaluiert. Die Intervention, also die telemedizinische

Mitbehandlung, wird zufällig und

zeitversetzt („Steps“) auf die einzelnen Cluster

(aus Arztpraxen und Krankenhäusern gebildet)

ausgerollt. Jedes Krankenhaus oder jede Praxis

ist zuerst in der Kontrollphase, in welcher keine

Intervention stattfindet und anschließend in

der Interventionsphase, in der dann die telemedizinische

Intervention erfolgt. Jedes Cluster

wird also irgendwann Teil der Interventionsgruppe.

Die Akzeptanz dieses Studiendesigns

durch den Gemeinsamen Bundesausschuss ist

ein wichtiger methodischer Schritt auch für zukünftige

Telemedizinprojekte.

Zeit für ein Zwischenfazit:

Wo steht TELnet@NRW aktuell?

Die vielen Vorbereitungen, die im Vorfeld des

Projektes zu leisten waren, und der engagierte

Einsatz der Teilnehmer in Klinik, Praxis und

bei der Evaluation zahlen sich bereits aus. Die

zu Projektbeginn vorhandenen Herausforderungen

konnten erfolgreich bewältigt werden.

Es hat sich bereits ein sektorenübergreifendes

Qualitätsnetzwerk mit einer erprobten Kommunikationsstruktur

gebildet, und die eingesetzte

Technik leistet wertvolle Dienste, wenngleich

natürlich hier einige Anpassungen und

kleinere Fehlerkorrekturen zu Beginn erforderlich

waren. Auch bezüglich des Einschlusses

bzw. der Patientenrekrutierung konnte bereits

einiges erreicht werden.

Vor der eigentlichen Interventionsphase (telemedizinische

Mitbehandlung) im Projekt wurden

diverse krankheitsrelevante Daten (z. B.

Antibiotikatherapie, Liegedauer, Organversagen

etc.) bei Intensivpatienten in den teilnehmenden

Krankenhäusern erhoben. Diese bilden

auch die Grundlage für die spätere Evaluation.

Mit Beginn der ersten Interventionsphase

seit August 2017 werden Televisiten regelhaft

durchgeführt und hinsichtlich ihres Einflusses

auf die krankheitsrelevanten Parameter analysiert.

Dank einer gut strukturierten partnerschaftlichen

Projektführung, in der verschiedene

intersektorale Arbeitsgruppen gebündelt werden,

konnten die neuen Versorgungsformen

zügig in das Projekt implementiert werden.

Über 50.000 Patienten wurden seit Beginn der

Erfassungsphase bereits für das Projekt gewonnen.

56

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Digitalisierung

Der telemedizinische Service wird dabei aus

ganz unterschiedlichen Gründen nachgefragt

– vielfach auch auf Patienten- bzw. Angehörigenwunsch.

Marcus Flucht, Facharzt für Anästhesiologie

und Intensivmedizin und Oberarzt

am St. Elisabeth-Hospital Jülich berichtet: „Die

Patienten sind, wenn sie denn wach sind, sehr

interessiert, und auch die Angehörigen sind

sehr interessiert, vor allem bei Fragestellungen,

wo der Patient oder der Angehörige sich überlegt,

ob er hier denn auch richtig aufgehoben

ist.“

Dr. med. Verena Lange vom Evangelischen

Krankenhaus Johannisstift Münster pflichtet

ihm bei: „TELnet@NRW ist ein sehr innovatives

Projekt. Mit dem Einsatz der Audio-Video-Konferenzsysteme

werden die Kommunikation sowie

der Informationsaustausch erleichtert, wir

können ein ganzheitliches Bild des Patienten

übermitteln. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit,

neben den regelhaften Visiten jederzeit

in den persönlichen Kontakt zu treten, um

dringende Fragen niederschwellig zu klären.“

Vernetzung und Kooperation sind zwei entscheidende

Aspekte bei der zukünftigen Gestaltung

der Krankenhausversorgung, vor allem

auch angesichts drängender Fragen, wie einem

angemessenen Antibiotikaeinsatz und der

Beispiel: Sepsis-Detektion

Beispielhaft für Telekonsile bei TELnet@NRW ist die Beratung bei nachgewiesener

Blutstrominfektion (Sepsis). Aufgrund der zunächst eher undeutlichen Symptomatik

bzw. dem Fehlen eindeutiger, von außen erkennbarer Symptome ist die Diagnosestellung

komplex. Da es bei der Sepsis auf eine möglichst frühzeitige Diagnose und einen

raschen Therapiebeginn ankommt, stellen Verzögerungen hier ein großes Problem dar.

Frühzeitige Interventionen hingegen erhöhen die Überlebenschancen und können den

Krankheitsverlauf bei einer Sepsis positiv beeinflussen (vgl. Borchard-Tuch, C., 2012).

Studien zeigen, dass die Sterblichkeit bei Staphylococcus aureus, dem zweithäufigsten

Erreger einer Sepsis, fast halbiert werden kann, wenn ein durch Infektiologen

veranlasstes und standardisiertes Vorgehen umgesetzt wird. Daher wird bei Eingang

eines Blutkulturergebnisses mit bspw. dem o.g. Erreger in einem der TELnet@NRW-

Kooperationskrankenhäuser das Studienzentrum in Aachen oder Münster parallel zu

den behandelnden Ärzten vor Ort informiert. Eine erste gemeinsame telemedizinische

Beratung durch einen Infektionsspezialisten erfolgt so bereits innerhalb von 24 Stunden

nach Eingang der positiven Blutkultur.

Ergänzend dazu werden in der Intensivmedizin täglich Televisiten durchgeführt. Mit

Hilfe eines standardisierten Screenings können schwere Infektionen frühzeitig erkannt

und therapiert werden. Durch die interdisziplinäre Teamarbeit zwischen Intensivmedizinern

und Infektiologen wird die Behandlung zum Wohle des Patienten

optimiert, z. B. indem die Medikation konsequent auf hochwirksame Antibiotika mit

maßgeschneiderter Wirkung auf den auslösenden Erreger angepasst wird. Dem allgegenwärtigen

Problem der Entwicklung von Antibiotikaresistenzen und möglichen

unerwünschten Arzneimittelwirkungen wird so entgegen gewirkt.

Neben den Patienten erleben auch die teilnehmenden

Ärzte und Studienassistenten die

Vorteile einer zusätzlichen telemedizinischen

Mitbehandlung in ihrem klinischen Alltag.

Dazu Dr. med. Tobias Mock vom Josephs-Hospital

Warendorf: „TELnet@NRW ist ein sehr wertvolles

Projekt. Wir haben die Möglichkeit, zu

jeder Tages- und Nachtzeit eine Zweitmeinung

einzuholen und profitieren vom kollegialen

Austausch mit den Universitätsmedizinern.“

Prävention von Resistenzentwicklungen. Diese

Fragen betreffen nicht nur einzelne Patienten

oder Krankenhäuser, sondern stellen vielmehr

eine Herausforderung für das gesamte Gesundheitswesen

dar. Die Förderung des kollegialen

Austauschs und die Bildung vernetzter Strukturen

sind hierbei zwei Schlüsselelemente.

Prof. Dr. med. Gernot Marx, FRCA, Direktor der

Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate

Care an der Uniklinik RWTH Aachen,

Konsortialführer TELnet@NRW, betont

die Chancen einer digitalen Zusammenarbeit:

„TELnet@NRW wird ein sektorenübergreifendes

und lebendiges Qualitätsnetzwerk schaffen unter

dem Motto „Gemeinsam kompetenter“. Diese

digitale Vernetzung wird in der Infektiologie

»TELnet@NRW wird ein

sektorenübergreifendes und

lebendiges Qualitätsnetzwerk

schaffen unter dem Motto

‚Gemeinsam kompetenter‘.«

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 57


Digitalisierung

»Vielmehr war und ist es Ziel

von TELnet@NRW, über einen

kontinuierlichen Austausch

mit Entscheidungsträgern aus

Politik, Öffentlichkeit, Wissenschaft

und Praxis die richtigen

Impulse für einen Übergang

in die Regelversorgung zu

setzen.«

und Intensivmedizin eine 24/7-Versorgung mit

hoher Effizienz und Behandlungsqualität zum

Wohle der Patientinnen und Patienten auch in

der Zukunft sichern.“

Dr. Med. Christian Lanckohr vom Antibiotic Stewardship

(ABS)-Team des Uniklinikums Münster

berichtet in diesem Zusammenhang, dass

TELnet@NRW dem ABS-Team die Möglichkeit

bietet, „sich in den kooperierenden Klinken für

einen rationalen Antibiotikaeinsatz zu engagieren“

und ergänzt: „Diese krankenhausübergreifende

Vernetzung ist im Gesundheitssystem‎

bisher viel zu selten gegeben und ein wichtiger

Schritt in die Zukunft. Die telematische Unterstützung

dieser Inhalte ist darüber hinaus in

hohem Maße zeitgemäß und ermöglicht eine

effiziente Zusammenarbeit.“

Eine regelmäßige Kommunikation über die

Grenzen der eigenen Abteilung bzw. Einrichtung

hinweg erfordert auch gegenseitiges Vertrauen

und die Bereitschaft, sich gegenüber Medizinern

aus anderen Einrichtungen wie dem

Uniklinikum zu öffnen. Dabei soll nicht „von

oben“ kontrolliert werden. Vielmehr geht es darum,

durch einen regelmäßigen Wissens- und

Erfahrungsaustausch die Qualität der Behandlung

kontinuierlich zu steigern und von den Erfahrungen

und vom Wissen anderer Abteilungen

und Einrichtungen zu profitieren. Ein digitales

Netzwerk, wie derzeit bei TELnet@NRW erprobt,

kann hier ein wichtiger Schritt sein.

Daniela Bause, Projektkoordination am UKM,

hebt die Bedeutung einer Kommunikation auf

Augenhöhe hervor: „Die Face-to-Face-Kommunikation

im Rahmen des Projektes TELnet@NRW

fördert das Vertrauen und schafft

Verbindlichkeiten. Patienten, Angehörige und

Mediziner schätzen die Möglichkeit des kollegialen

Austausches über die Audio-Video-Konferenzsysteme.“

Der Umgang mit der Technik bzw. die Kommunikation

mittels Telemedizin war nur am Anfang

etwas ungewohnt. Marcus Flucht aus dem

St. Elisabeth Hospital Jülich meint dazu: „Die

Steuerung der Kamera und der Tonqualität ist

sowohl von hier aus als auch von Aachen aus

relativ einfach zu handhaben. Die anfängliche

Überwindung, mit einer Kamera zu sprechen

oder Videokonferenzen abzuhalten, ist natürlich

bei uns allen dagewesen, aber nach relativ

kurzer Zeit wieder verflogen.“

Auch bei den niedergelassenen Ärzten stößt

das Projekt mittlerweile auf große Zustimmung.

Dr. Bruno Weil, Allgemeinmediziner aus

Bünde, schätzt die Möglichkeit des Austauschs

mit den ärztlichen Kollegen aus dem Uniklinikum

Aachen: „Beim TELnet-Projekt war ich zu

Beginn skeptisch, ob das wirklich notwendig ist.

Denn hier werden sehr große finanzielle Mittel

aufgewandt. Mittlerweile habe ich meine

Meinung geändert, insbesondere dadurch, dass

man jetzt mit Experten der Uniklinik Aachen die

Televisiten durchführen kann. Man tauscht sich

mit Kollegen aus und bekommt neue Ideen und

Informationen, was man in bestimmten Situationen

tun sollte.“

Neben den vielen positiven Erfahrungen zeigt

der bisherige Projektverlauf natürlich auch

systembedingte Rahmenbedingungen auf, die

eine weitere Implementierung telemedizinischer

Lösungen potenziell erschweren, wie z.B.

ein mangelnder Breitbandausbau in einzelnen

Kommunen/Kreisen. Diese Erfahrungen werden

systematisch dokumentiert, um insbesondere

nach Projektabschluss entsprechende

Handlungsempfehlungen erarbeiten zu können.

Die Ergebnisse der Abschluss-Evaluation,

welche Aspekte der Behandlungsqualität, der

gesundheitsökonomischen Evaluation und der

Technikakzeptanz umfassen wird, werden im

Frühjahr 2020 vorliegen.

Telemedizin in die

Regelversorgung?!

Viele, auch erfolgreiche Telemedizinprojekte in

Deutschland verschwinden nach Auslaufen der

Förderung wieder in der Schublade. Dies soll bei

TELnet@NRW nicht passieren. Andere Vorhaben

zur telemedizinischen Mitbehandlung sollen

vielmehr von den Erfahrungen und Ergebnissen

des Projektes profitieren können und nicht immer

wieder von Null anfangen (müssen). Daher

wurden schon im Vorfeld Vorkehrungen getroffen,

damit eine Übertragbarkeit der Erfahrungen

und Ergebnisse möglich ist.

TELnet@NRW ist gewissermaßen als modulares

Netzwerk zu verstehen. Interessierte können

auch einzelne Maßnahmen bzw. Elemente

bei ihren eigenen Vorhaben für sich nutzen.

Durch die Nutzung des lizenzfreien und öffentlich

zugänglichen Standards FallAkte+ etwa hat

das Projekt von Anfang an auf interoperable

Strukturen für den medizinischen Datenaustausch

gesetzt. Auch die Videokonferenzstruktur

ist ohne Probleme skalierbar und entspricht

den hohen Anforderungen hinsichtlich Qualität,

Datenschutz und Datensicherheit. Auch

eine Übertragbarkeit auf andere medizinische

Fachbereiche außerhalb von Infektiologie und

Intensivmedizin ist gut denkbar. Durch die in

TELnet@NRW erprobte telemedizinische Mitbehandlung

kann spezialisierte Expertise vor

allem in den Feldern, die sehr personalintensiv

sind, bedarfsgerecht zur Verfügung gestellt

werden.

58

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Die Ergebnisse und Erfahrungen sollen am

Ende nicht nur im obligatorischen Abschlussbericht

erscheinen. Vielmehr war und ist es Ziel

von TELnet@NRW, über einen kontinuierlichen

Austausch mit Entscheidungsträgern aus Politik,

Öffentlichkeit, Wissenschaft und Praxis

die richtigen Impulse für einen Übergang in die

Regelversorgung zu setzen. Durch die Präsentation

des Projektes auf Veranstaltungen, Kongressen

und Tagungen (wie z.B. im März 2018

auf dem TELnet@NRW-Kongress in Münster)

und durch regelmäßige Berichte in Fachzeitschriften

und den allgemeinen Medien wie Tageszeitungen,

Lokalfernsehen etc. möchten die

Projektpartner dazu beitragen, die Rahmenbedingungen

für einen Übergang von telemedizinischen

Services in die Regelversorgung zu

fördern. Denn nur, wenn sich Patienten, Bürger,

Leistungserbringer und Entscheidungsträger im

Gesundheitswesen ausreichend über Rahmenbedingungen,

Chancen und Grenzen digitaler

Anwendungen informiert fühlen, wird eine

breite Akzeptanz und Anwendung digitaler Gesundheitstechnologien

gelingen.

Prof. Dr. Gernot Marx zeigt sich bezüglich der

Nachhaltigkeit des Projektes optimistisch: „Wir

haben ja klein angefangen mit Pilotprojekten

und haben jetzt wirklich dieses größte Telemedizinprojekt

Deutschlands gewonnen und führen

es gerade durch, mit ganz vielen Institutionen,

Arztpraxen, Klinken, aber vor allem auch

mit unheimlich vielen Menschen. Das macht

sehr viel Spaß, ist aber auch eine große Herausforderung.

Aber wir haben ein großartiges

Team und werden das Ziel erreichen, nämlich

die Intensivmedizin und Infektiologie telemedizinisch

in die Regelversorgung zu bringen.

Das ist unser Ziel und das werden wir auch

schaffen.“

Digitalisierung

»Die Evaluation eines doch

recht komplexen Projektes wie

TELnet, welches verschiedene

Elemente und Maßnahmen

beinhaltet, erfordert ein

anderes evaluatives Vorgehen

als bspw. klassische Arzneimittelstudien.«

Literaturverzeichnis

Borchard-Tuch, C. (2012):

Gefährliches Geflecht im Körper.

Pharmazeutische Zeitung online. Ausgabe 04/2012. Online verfügbar unter https://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=40662.

(Zugriff am 21.06.2018).

Deisz R., et al.

Einfluss von Tele-Intensivmedizin auf Diagnostik & Therapie des septischen Schocks.

http://s3-eu-west-1.amazonaws.com/poster-dac2016/original/PO2.2.9.pdf

Deutsche Sepsis-Hilfe e.V. (o. J.):

(Spät-) Folgen einer Sepsis.

Online verfügbar unter https://sepsis-hilfe.org/de/informationen-zur-sepsis/folgen.html.

Zugriff am 21.06.2018.

De With K. et al.

Strategies to enhance rational use of antibiotics in hospital: a guideline by the German Society

for Infectious Diseases.

Infection. 2016 Apr 11.

Jung N, Berner R, Bogner J, Lemmen S, et al.

Klug entscheiden in der Infektiologie.

Deutsches Ärzteblatt. 2016; 113:13.

Marx, G. (2017):

Telemedizinisches, intersektorales Netzwerk als neue digitale Gesundheitsstruktur zur messbaren

Verbesserung der wohnortnahen Versorgung: TELnet@NRW.

In: Amelung, V. et al. (2017): Innovationsfonds- Impulse für das deutsche Gesundheitswesen.

Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin.

O`Neill, J et al. (2016):

Trackling Drug-Resistant Infections globally: Final Report and Recomendations. The Review

on Antimicrobial Resistance.

Online verfügbar unter https://amr-review.org/sites/default/files/160525_Final%20paper_

with%20cover.pdf. (Zugriff am 21.06.2018).

Reinhart K, Brunkhorst FM, Bone HG, Bardutzky J, Dempfle CE, Forst H, et al.

Prevention, diagnosis, therapy and follow-up care of sepsis: 1st revision of S-2k guidelines of

the German Sepsis Society (Deutsche Sepsis-Gesellschaft e.V. (DSG)) and the German Interdisciplinary

Association of Intensive Care and Emergency Medicine (Deutsche Interdisziplinäre

Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI))

GMS Ger Med Sci. 2010;8:Doc14. DOI: 10.3205/000103

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 59


Digitalisierung

Assistenzsysteme und Robotik –

mehr Zeit für gute Pflege

Unser Pflegesystem wird sich mit dem Einsatz moderner technischer Lösungen verändern –

zum Besseren, wenn wir dabei die menschliche Zuwendung stärken

Der digitale Wandel wird offenbar von den meisten Heimleitern und Geschäftsführern

von Altenpflegeeinrichtungen begrüßt, die für das Investitionsbarometer Altenpflege

2018 befragt wurden. Das zeigten die geplanten Investitionen für 2018. Danach

wollte jeder dritte Anbieter mindestens 20.000 Euro in die Digitalisierung von Prozessen

investieren, zehn Prozent der Befragten sogar 100.000 Euro. Als sinnvollste

Einsatzgebiete wurden Pflegeplanung (82%), Buchhaltung und Personalverwaltung

(78%), Bewohnerverwaltung (67%) und Einkaufssysteme (78%) gesehen. Eine bisher

nur untergeordnete Rolle spielten für die Befragten Assistenztechnologie (knapp 20%)

und Robotertechnologie (3%).

Das Investitionsbarometer Altenpflege 2018 wurde durch das Verlagshaus Vincentz

Network im Vorfeld der diesjährigen Fachmesse ALTENPFLEGE in Auftrag gegeben.

Franz Hartinger

Vorsitzender der VKD-Fachgruppe

Pflegeeinrichtungen

Leiter des Alten- und Pflegeheims

Klinikum Ingolstadt

GmbH

Pflege 4.0. – angesichts der demografischen

Entwicklung und des gravierenden Fachkräftemangels

scheinen Digitalisierung und technische

Assistenzsysteme nirgends wichtiger

zu sein als in der professionellen Altenpflege.

Die Hoffnung: Digitale Innovationen können

Pflegekräfte entlasten, ihnen mehr Zeit

geben, sich auf das zu konzentrieren, was

Technik nicht zu leisten imstande ist. Altersgerechte

Assistenzsysteme und E-Health-

Lösungen werden die Arbeit in den Pflegeheimen

nachhaltig verändern – und verändern

sie bereits. Zum Teil noch umstritten sind

sogenannte Pflegeroboter. Zu Recht? Franz

Hartinger, Vorsitzender der Fachgruppe Pflegeeinrichtungen

im Verband der Krankenhausdirektoren

Deutschlands, hat sich mit

der Frage intensiv auseinandergesetzt.

Herr Hartinger, Sie haben sich Pflegeroboter

„bei der Arbeit“ angeschaut, mit Kolleginnen

gesprochen, die sie testweise einsetzen. Welchen

Eindruck hatten Sie?

Franz Hartinger: Zunächst einmal würde ich

die – zugegeben sehr bildhafte – Bezeichnung

nicht unbedingt verwenden wollen. Sie führt in

die Irre, denn diese Roboter pflegen ja nicht.

Schon durch die Bezeichnung vermittelt sich

der falsche Eindruck, obwohl der „Pepper“

etwa, den ich im Siegener Pflegeheim meiner

Vorstandskollegin Diana Ruhmöller in Aktion

beobachten konnte, durchaus mit menschlichen,

ja kindlichen Zügen ausgestattet wurde

und sehr viele Funktionen hat, die im täglichen

Einsatz auch Interaktionen mit den Bewohnern

vornehmen können.

Technik – wie niedlich sie wie in diesem Fall

auch sein mag - kann die ganzheitliche, achtsame

menschliche Zuwendung und emotionale

Verbundenheit nicht ersetzen. Das wäre ein

grundfalsches Verständnis von Pflege. Sie kann

ihr aber mehr Zeit geben. Wir wenden ja bereits

heute in patientenfernen Bereichen digitale

Technik an, etwa zur Dokumentation.

Assistenzsysteme und Roboter werden Teil des

Pflegeprozesses, sie übernehmen den Prozess

aber nicht, sondern sie assistieren. Das ist ja

im Grunde auch nichts wirklich Neues – es

gibt Treppenlifte und Badewannenlifte, es gibt

Rollstühle, Pflegebetten, die sich per Fernbedienung

verstellen lassen. Robotik allerdings

bringt diese Hilfssysteme in eine neue Dimension.

Welche Möglichkeiten bietet Robotik in der

Versorgung von Kranken- und pflegebedürftigen

Menschen?

Franz Hartinger: Zwischenzeitlich beschäftigen

sich mit diesen Fragen einige Forschungsgruppen

im Auftrag mehrerer Stiftungen.

Gleichzeitig werden auch durch Universitäten

Erkenntnisse gesammelt und ausgewertet. Die

demografischen Veränderungen und der Fachkräftemangel

im Bereich Pflege sind die großen

gesellschaftlichen Herausforderungen für heute

und für die Zukunft. Die fehlenden Fachkräfte

60

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


forcieren den Einsatz neuer, innovativer Technologien.

Nochmals sei betont: Roboter dürfen

dabei nicht zum Ersatz von qualifizierten

Fachkräften werden, sie können allenfalls helfen,

tägliche Abläufe in Einrichtungen effizienter

zu gestalten und damit das Personal zu

entlasten.

Die derzeit an einigen Orten bereits eingesetzten

oder testweise eingesetzten Roboter können

aus meiner Sicht allerdings derzeit lediglich

als Vorläufer von echten Assistenten gelten. Es

muss auch nicht unbedingt ein Roboter seinen

Dienst unmittelbar am Patienten oder Bewohner

erbringen. Er kann aber durchaus als Hilfe

bei der Versorgung und Entsorgung von Gütern

(Verpflegung, Wäsche, Abfall) eingesetzt werden,

als Serviceroboter.

Was unterscheidet einen Roboter von den ja

bereits seit Jahren genutzten IT-Systemen?

Franz Hartinger: Klassische IT funktioniert

nach dem einfachen Eingabe-Ausgabe-Prinzip.

Das heißt, es werden von Menschen eingegebene

Daten nach vorgegebenen Regeln verarbeitet

und auf Befehl wieder ausgegeben. Die Assistenzsysteme

und Roboter, die wir jetzt testen

und einführen, können deutlich mehr. Sie agieren

eigenständiger, können komplexe Handlungen

vornehmen und sind so in der Lage, auch die

Prozesse und Tätigkeiten in einem Pflegeheim

zu verändern. So verfügt zum Beispiel der „Pepper

2.0“ über hohe Spracherkennungsfähigkeiten,

kann zum Empfang von Gästen eingesetzt

werden, verfügt über ein Unterhaltungspaket

mit interaktiven Spielen, Musik, Tänzen, sucht

gezielt nach Bewohnern, und anderes mehr.

Öffentlichkeit überzeugen, denn ohne einen

entsprechenden Wandel des gesellschaftlichen

Meinungsbildes ist ein Einsatz nahe dem Patienten

und Bewohner nicht denkbar.

Letztlich soll der Einsatz von Assistenzsystemen

ja nicht nur in stationären Einrichtungen erfolgen,

sondern auch dazu beitragen, dass ältere

und pflegebedürftige Menschen länger selbstständig

in ihren eigenen Räumen leben können.

Das ist für die meisten Menschen ein wichtiges

Ziel. Deshalb gehe ich davon aus, dass sie sich –

wenn sie erst einmal den Nutzen erkannt haben

– solche Helfer auch wünschen.

Das ist derzeit vermutlich auch eine Frage der

Finanzierung?

Franz Hartinger: Wie es zunächst meist bei

Innovationen der Fall ist. Als Modell, Geld zu

sparen, sollten wir – und auch die Krankenund

Pflegekassen - sie erst einmal nicht sehen.

Doch ich denke, dass mit zunehmender Nutzung

– und wir sprechen hier ja von einer wachsenden

Zielgruppe für solche Anwendungen – die

Preise sich anpassen werden.

Ob und in wie weit sich der Einsatz eines Roboters

bei Pflegesatzverhandlungen in Vollkraftfaktoren

und Durchschnittsentgelte umsetzen

lässt, ist derzeit noch völlig offen. Dennoch

muss auch für die Anbieter von Pflegeleistungen

die Finanzierung einer entsprechenden

Verwendung gesichert werden.

In welchen Bereichen lassen sich Roboter in

der Alten- und Behindertenpflege sinnvoll

einsetzen?

Digitalisierung

"Pepper",

ein humanoider Roboter

Quelle:

Soft Banks Robotic

Wie reagieren aus Ihrer Sicht die Patienten

oder Bewohner sowie Angehörige?

Franz Hartinger: Bei allem Bemühen um die

Intensivierung der Forschung für Robotik im

Gesundheitswesen darf keinesfalls vergessen

werden, dass sehr viel Unsicherheit vorherrscht,

was den Einsatz von Robotern unmittelbar in

der Versorgung der Patienten oder Bewohner

betrifft. Insofern ist eine wesentliche Aufgabe

darin zu sehen, dass die Öffentlichkeit auf einen

entsprechenden Einsatz vorbereitet wird.

Bewohner, Angehörige, die Öffentlichkeit müssen

informiert werden. In Siegen wurden die

Bewohner zum Beispiel mit Pepper konfrontiert,

konnten ihn anfassen, ansprechen, er reagierte

und löste auch Heiterkeit aus. Wir müssen

aktiv der Vorstellung entgegentreten, dass

künftig menschliche, zugewandte Pflege durch

seelenlose Maschinen ersetzt wird. Genau das

Gegenteil ist ja der Fall. Davon müssen wir die

Franz Hartinger: Für den Einsatz in Gesundheitseinrichtungen

oder auch im häuslichen

Bereich sind vor allem Serviceroboter erforderlich.

Sie unterscheiden sich untereinander in ihrem

Aufbau und ihren Funktionen. Sie übernehmen

Assistenzarbeiten und Dienstleistungen im

weitesten Sinne in direkter Zusammenarbeit

Die notwendige qualitativ hochwertige und würdevolle

Pflege eines Menschen muss stets im Vordergrund

stehen. Es muss gewährleistet werden, dass die zeitlichen

Freiräume, die beim Pflegepersonal entstehen, dann tatsächlich

für den direkten Kontakt mit dem Bewohner oder Patienten

genutzt werden. Hier liegt auch eine verantwortungsvolle

Aufgabe für das Management.

Franz Hartinger

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 61


Digitalisierung

"Pepper"

Quelle:

Soft Banks Robotic

mit dem Menschen sowohl in der Rehabilitation

in Form von köpergetragenen Systemen und

Trainingsgeräten, in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen

für die fahrerlose Logistik, z.B.

in der Essens- und Wäscheversorgung, für die

Reinigung der Nutzflächen, in der Beschäftigungstherapie

verknüpft mit entsprechenden

Spieleinrichtungen, als sogenannte Edutainment-Roboter.

Es ist unbestritten, dass auch

die tägliche Dokumentation einen ungeheuren

Aufwand für Pflegekräfte bedeutet, der letztlich

beim Kontakt zu Patienten und Bewohnern

fehlt. Es wäre also auch viel gewonnen, wenn

die Dokumentation über einen Roboter mit

Spracherkennung und Dokumentationsmöglichkeit

stattfinden würde.

Die eingangs erwähnten Forschungen haben

gezeigt, dass vor allem die täglich anfallenden

Routineaufgaben entfernt vom Bewohner und

Patienten stattfinden. Sogenannte pflegefremde

Tätigkeiten bieten ein gutes Betätigungsfeld

für einen Roboter. Pflegekräfte könnten aber

auch von körperlichen Herausforderungen,

etwa beim Patiententransport, durch einen

Roboter entlastet und die Zahl der dafür sonst

notwendigen Mitarbeiter reduziert werden.

Allerdings sind wir in Europa derzeit noch weit

entfernt von einem nennenswerten Anteil solcher

Serviceroboter. Erst in den nächsten fünf

bis zehn Jahren wird hier ein deutliches Wachstum

erwartet.

Was sind für Sie die Voraussetzungen dafür,

dass Roboter von den Mitarbeitern akzeptiert

werden?

Franz Hartinger: Für die Mitarbeiter gilt genau

das, was auch für die Akzeptanz durch Bewohner

und Patienten gilt: Sie müssen einen deutlichen

Nutzen erkennen. Niemand sollte befürchten

müssen, dass sein Arbeitsplatz durch ihren

Einsatz in Frage gestellt wird. Wir alle wissen,

dass die Belastungen für die Mitarbeiter in der

Pflege hoch sind. Der wichtigste Faktor ist hier

Zeit – Zeit, sich professionell und liebevoll mit

den Patienten und Bewohnern zu beschäftigen.

Zeit gewinnen wir künftig vor allem auch durch

innovative Assistenzsysteme und Robotik.

Die Roboter selbst müssen bedienerfreundlich

sein, die Kommunikation fördern und sich nicht

gegen sie stellen, sie gar verhindern. Die Maschine

muss sich dem Nutzer anpassen und seinen

Fortschritt begleiten können. Der Roboter

darf nicht zum Pfleger zweiter Klasse werden,

sondern als echte Unterstützung akzeptiert

werden können. Die Akzeptanz bei den pflegebedürftigen

Menschen ist auch davon abhängig,

wie sich die Meinung der Gesellschaft zu

Robotik entwickelt. Aber in unterschiedlichen

Versuchen und Probeeinsätzen hat sich gezeigt,

dass bei Bewohnern die Neugier gegenüber

Angst und Widerständen überwiegt.

Ein ganz wesentlicher Aspekt ist sicher auch

der Datenschutz, der mit dem Einsatz und den

Speichermöglichkeiten derartiger Systeme verbunden

ist. Auch die Möglichkeit, dass ein Roboter

äußerlich fremdgesteuert werden könnte

und damit nicht mehr die gewünschten erwarteten

Funktionen durchgeführt werden, muss

gründlich bedacht werden.

Mehrere Untersuchungen mit vielen Interviews

zeigten bisher noch eine relativ große

Skepsis, um nicht zu sagen mangelnde Akzeptanz

gegenüber dem Einsatz der Robotik im

Gesundheitswesen.

Franz Hartinger: Nicht nur die Patienten, auch

die Leistungserbringer, die Kostenträger und

schließlich die Politik müssen sich solchen für

die Pflege sinnvollen Innovationen öffnen. Derzeit

gibt es hier Signale, die mich durchaus positiv

stimmen. Die Macht des Faktischen kommt

hinzu. Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen

steigt durch die demografische Entwicklung.

Dass wir die aus der aktuellen Situation für die

Zukunft hochgerechneten Fachkräftezahlen in

den nächsten Jahren tatsächlich finden werden,

scheint mir sehr optimistisch zu sein. Wir müssen

uns daher zwingend neuen Entlastungsmöglichkeiten

in unseren Prozessen und in der

Organisation der Einrichtungen öffnen, damit

unsere Fachkräfte für die eigentlich Pflege und

Zuwendung auch in zehn Jahren dann hoffentlich

sogar mehr Zeit haben als heute.

Sorgen sich Mitarbeiter vor einem Personalabbau

durch den Einsatz von Robotern, kann

dieser sich nur kontraproduktiv auswirken. Es

geht aber auch um ethische Fragen. Pflegende

haben meist ganz bestimmte Vorstellungen

von ihrem Beruf als Tätigkeit für hilfebedürftige

Menschen. Das darf durch den Einsatz von

Robotern als technischen Assistenten nicht in

Frage gestellt sein. Die notwendige, qualitativ

hochwertige und würdevolle Pflege eines Menschen

muss stets im Vordergrund stehen. Es

muss gewährleistet werden, dass die zeitlichen

Freiräume, die beim Pflegepersonal entstehen,

dann tatsächlich für den direkten Kontakt mit

dem Bewohner oder Patienten genutzt werden.

Hier liegt auch eine verantwortungsvolle Aufgabe

für das Management.

62

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Digitalisierung

"Pepper" bei der Arbeit

Quelle: Soft Banks Robotic

Ihr Fazit?

Franz Hartinger: Für mich steht fest, dass sich

das klassische Pflegesetting durch die neuen

technischen Möglichkeiten deutlich verändern

wird. So lange die menschliche Zuwendung dadurch

mehr Raum erhält, ist das eine gute Entwicklung.

Ich kann mir auch sehr gut vorstellen,

dass der Einsatz moderner Assistenztechnik und

Robotik im Pflegebereich für junge Menschen

sogar ein Anreiz ist, den Beruf des Altenpflegers

mit anderen Augen zu sehen – als modernen,

attraktiven Beruf, der die Zuwendung zu hilfebedürftigen

Menschen kombiniert mit innovativen,

sich stetig auch weiterentwickelnden

technischen Systemen und Robotik. Das wäre

ein doppelter, wünschenswerter Effekt, den die

Digitalisierung in der Pflege mit sich bringen

kann. Im Übrigen denke ich auch, dass pflegebedürftige

Menschen künftig diese Möglichkeiten

selbst ebenfalls gern nutzen, vielleicht sogar

einfordern werden, weil sie ihnen ermöglichen,

ihre Selbstständigkeit lange zu bewahren.

"Pepper"

Quelle:

Soft Banks Robotic

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 63


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64

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Aktuelle Themen

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 65


66

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Baustellen über Baustellen - wieviel

Wandel braucht das Krankenhaus?

Nicht jede Veränderung ist als naturgegeben unkritisch hinzunehmen

Aktuelle Themen

Nur wer sich ändert, bleibt sich treu. Ein Zitat

von Wolf Biermann, das uns alle auffordert,

Veränderungen als Notwendigkeit, ja, Selbstverständlichkeit,

anzunehmen. Was für jeden

einzelnen Menschen gilt, gilt auch für Unternehmen,

für ganze Systeme. Das bedeutet

allerdings nicht, jede Veränderung als naturgegeben

unkritisch hinzunehmen. Angesichts

der gesellschaftlichen Herausforderungen

muss sich auch im Krankenhausbereich vieles

ändern. Doch nicht alles, was von Politik,

Krankenkassen, Lobbyisten an die Adresse der

Kliniken als Forderungen und Mahnungen herangetragen

wird, dient aus Sicht des Verbandes

der Krankenhausdirektoren Deutschlands

tatsächlich der Zukunftsfähigkeit unserer

Gesundheitsversorgung, also sinnvollem

Wandel. Das Interview dazu mit Dr. Josef

Düllings, Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren

Deutschlands (VKD).

Eine Veränderung im vergangenen Jahr hat

die Krankenhaus-Führungskräfte besonders

stutzig gemacht. Es war die Entwicklung der

Fallzahlen. Eine Veränderung, die unerwartet

kam?

Dr. Josef Düllings: Durchaus. Es gab hier völlig

unerwartet einen Bruch. Jahrzehntelange Zeitreihen

stetig steigender Fallzahlen, abgeleitet

aus der demografischen Alterung und dem

medizinischen Fortschritt, schienen schon fast

Gesetz, bis ein großer Teil der Kliniken mit ihrem

Leistungsniveau 2017 sogar noch unter das

Niveau von 2016 geriet. Wir fragten uns: Wie war

das möglich? Waren es unerwartete Auswirkungen

systemischer Veränderungen? Diese Frage

hat uns tatsächlich umgetrieben.

In unserer VKD-Umfrage 2017 haben wir anhand

der Hochrechnungsdaten von 288 Krankenhäusern

festgestellt, dass auch in Folge dieser

Fallzahlabsenkungen der Anteil der Kliniken

mit roten Zahlen von 23 Prozent in 2016 wieder

auf 46 Prozent in 2017 anstieg. Eine Verdoppelung,

und dies, obwohl kein Gesetzgebungsverfahren

hier neue Kollateralschäden produziert

hätte. Im November dieses Jahres werden wir

genauere Zahlen haben, wenn die Deutsche

Krankenhausgesellschaft und das Deutsche

Krankenhausinstitut darüber verfügen.

Eine Bestätigung des eigenartigen Effekts erhielt

ich persönlich vom Geschäftsführer des

Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus,

Dr. Frank Heimig. Er sagte mir, erstmals

seit dem 15jährigen Bestehen des DRG-Systems

habe es 2017 bei den aktuellen Kalkulationshäusern

keinen Fallzahlanstieg gegeben.

Die Krankenkassen wird das freuen. Sie sind

doch ohnehin der Ansicht, dass zu viel operiert

wird, zu viele Patienten auch zu lange im

Krankenhaus liegen, Notaufnahmen angeblich

dazu genutzt werden, Patienten stationär

aufzunehmen, die das nicht nötig hätten… Sie

fordern Veränderungen.

Dr. Josef Düllings: Veränderungen müssen den

Patienten nützen, die Krankenhausversorgung

zukunftsfest machen und den Kliniken ermöglichen,

dabei auch wirtschaftlich zu arbeiten.

Das kann ich in der aktuellen Fallzahlentwicklung

nicht erkennen. Auf jeden Fall müssen wir

die Situation ernst nehmen und die Ursachen

analysieren, um wirksam agieren zu können:

Geht es um Spezifika bestimmter Häuser? Geht

es aber vielleicht auch um eine Anomalie, die

einen grundlegenden Systemwechsel ankündigt?

Unser Thema im Verband sind mögliche Systemfaktoren

für diese Entwicklung. Es stellt

sich die Frage: Was hat sich in den vergangenen

vielleicht fünf Jahren negativ verändert, obwohl

der Gesetzgeber durch Krankenhausstrukturgesetz,

diverse Zuschläge und Sonderprogramme

doch vermeintlich eher mehr als weniger getan

hat für die Krankenhäuser? Das alles scheint

nicht wirklich zusammenzupassen.

Was sagt Ihnen Ihre eigene Praxiserfahrung

als Hauptgeschäftsführer der St. Vincenz-

Krankenhaus GmbH, Paderborn?

Dr. Josef Düllings: Ich möchte aus eigener Erfahrung,

aber auch der von Kollegen, eine Interpretation

anbieten, die aus meiner Sicht nicht

Dr. Josef Düllings

Präsident des Verbandes

der Krankenhausdirektoren

Deutschlands

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 67


Aktuelle Themen

ganz unwahrscheinlich ist. Wir könnten hier

einen „Kipppunkt“ erreicht haben, der Ergebnis

einer Reihe von Regelungen ist, die in den

vergangenen Jahren immer stärker im Sinne der

Qualitätssicherung von den Kliniken bei Strafe

zu beachten sind. Es sind Regelungen der

Selbstverwaltung, die im Gemeinsamen Bundesausschuss

beschlossen wurden und aus

Sicht des Krankenhausmanagements häufig

deutlich in ihrer unnötigen Schärfe zu Lasten

der Krankenhäuser gehen.

Ziel dieser Regelungen soll die Verbesserung

und Sicherung der Qualität sein – was wäre

grundsätzlich falsch daran?

Dr. Josef Düllings: Grundsätzlich ist natürlich

nichts falsch an Regelungen zur Qualitätssicherung.

Diese gehen aber sozusagen „nach

hinten los“, wenn sie mehr und mehr zum

Ausdruck einer Misstrauenskultur werden und

massive und überzogene Kontrollen nach sich

ziehen. Auch hier möchte ich nicht missverstanden

werden. Kontrollen müssen sein. Sie

dürfen aber nicht dazu führen, dass sie als

Instrumente massiver Zahlungsverweigerung

durch die Krankenkassen genutzt werden und

Krankenhäuser wirtschaftlich in Bedrängnis

bringen. Konkret: Leistungen werden nicht, nur

teilweise oder erst sehr spät nach langwierigen

Auseinandersetzungen bezahlt, tauchen daher

nicht in den Bilanzen auf. Die Regelungen zur

Qualitätssicherung werden so aus meiner Sicht

zu Zahlungsverweigerungsinstrumenten – eine

Veränderung, die aus einer vermuteten Tatgelegenheitsstruktur

herrührt und die beschriebenen

negativen Auswirkungen hat.

Sie sehen hier auch den Medizinischen Dienst

der Krankenkassen in seiner Kontrollfunktion

sehr kritisch?

Dr. Josef Düllings: Zunehmend kritisch. Man

halte sich folgende Zahlen vor Augen: Beim

MDK arbeiten rund 8.500 Beschäftigte, davon

2.200 Ärzte. Das Budget umfasst etwa 800 Millionen

Euro. Aus dem System der Krankenhausversorgung

werden jährlich in Folge von MDK-

Kontrollen schätzungsweise 1,5 Milliarden Euro

herausgezogen. Der MDK hat damit eine Umsatzrendite

von fast 50 Prozent, also doppelt

so hoch, wie der ehemalige Deutsche Bank Chef

Ackermann seinerzeit als Profitziel für sein

Institut ausgegeben hatte, und dafür mächtig

kritisiert wurde. Der MDK ist wahrscheinlich

weltweit das profitabelste „Gesundheitsunternehmen“.

Er trägt damit massiv zu den Überschüssen

und Rücklagen bei den Krankenkassen

bei.

Dabei fahren die Krankenkassen eine Art Doppelstrategie.

Auf der Ebene der Budgetvereinbarungen

werden Zusagen von Mehrmengen

und Budgets vergeben, die von den Krankenhäusern

mit einem happigen Fixkostendegressionsabschlag

„eingekauft“ werden. Auf der

Abrechnungsebene setzen Kassen und MDK aber

alles daran, sich vor den auf der Budgetebene

vereinbarten Zahlungen soweit wie möglich zu

drücken. So werden zum Beispiel Leitlinien der

medizinischen Fachgesellschaften ignoriert.

Die Versorgungslage der Patienten vor Ort wird

außer Acht gelassen. Und auch bei einem negativen

Befund einer MDK-Prüfung beauftragen

Krankenkassen den MDK vielfach noch einmal,

solange zu prüfen, bis eine Zahlung verweigert

werden kann.

Angesichts dessen sind Ärger und Enttäuschung

in den Krankenhäusern verständlich. Es wird

sehr deutlich, dass es beim Einsatz des MDK

inzwischen nicht primär um Rechnungsprüfung

und gerechtfertigte Kürzung geht, sondern um

blanke Zahlungsverweigerung. Noch vor fünf

Jahren lag die Verfolgungsquote bei deutlich

unter zehn Prozent. Heute liegt sie in vielen

Krankenhäusern, die insbesondere in ländlichen

Regionen die medizinische Versorgung insgesamt

sicherstellen müssen, bei 20 Prozent.

Weil hier vor allem der Argwohn besteht, dass

überversorgt wird?

Dr. Josef Düllings: Das ist anzunehmen. Dabei

muss gerade in ländlichen Regionen die gesamte

Gesundheitsversorgung, ja der Zustand

der Infrastruktur, etwa des Nahverkehrs, insgesamt

betrachtet werden. Wo Haus- und

Fachärzte fehlen, bleibt den Menschen nur das

Krankenhaus. Und wir haben es gerade hier

auch mit besonders vielen alten Patienten zu

tun.

Es gibt zahlreiche Berichte aus Kliniken, die

Patienten entsprechend der medizinisch notwendigen

Versorgung behandeln, denen das

Geld aber verweigert wird. Man fragt sich dann

schon, ob es fair ist, wenn zum Beispiel der FC

Bayern gegen Dortmund spielt und dafür seinen

eigenen Schiedsrichter einsetzen darf.

Der MDK behauptet stets, er handle neutral –

Sie sind nicht der Ansicht?

Dr. Josef Düllings: Der VKD bezweifelt diese

Neutralität aus vielfältiger Praxiserfahrung

seiner Mitglieder sehr stark. Das DRG-System

hat das, was seit seiner Einführung Anfang

der 2000er Jahre die Geschäftsgrundlage war,

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durch den MDK verloren. Der Grundsatz „Geld

folgt der Leistung“ gilt nicht mehr. Die Leistung

wird erbracht. Die Kosten fallen an. Die Vergütung

fällt aus. Dieses System ist in seiner jetzigen

Form schädlich für die Krankenhäuser.

Wir fordern hier einen deutlichen Wandel hin

zu einem fairen Miteinander. Das erfordert aus

unserer Sicht auch eine tatsächlich neutrale

Kontrollinstitution.

Wir fordern außerdem – und das seit Jahren –

eine substanzielle, verlässliche Gesamtfinanzierung.

Davor drückt sich auch die aktuelle

Regierungskoalition.

Meinen Sie einen grundsätzlichen Wandel in

der Finanzierung der Krankenhäuser?

Dr. Josef Düllings: Viele Krankenhäuser haben

jedenfalls kein Vertrauen mehr in das DRG-System

in seiner jetzigen Form. Hinzu kommt die

völlig unzureichende Investitionsfinanzierung

durch die Bundesländer, die zu vielen Problemen

geführt hat. Wir stehen vor enormen Herausforderungen

– der Fachpersonalmangel, die

notwendige Digitalisierung der Branche, auch

die immer wieder geforderten und ja durchaus

sinnvollen Zusammenschlüsse von Häusern.

Die damit einhergehenden Struktur- und Angebotsveränderungen

sind nicht zum Nulltarif

zu haben. Aus unserer Sicht müssen beide Finanzierungsschienen

auf den Prüfstand.

Das Bundesgesundheitsministerium plant mit

dem Pflegepersonalstärkungsgesetz bereits

einen durchaus massiven Eingriff in das DRG-

System. Wäre das ein Anfang?

Dr. Josef Düllings: Es ist immer heikel, bei einem

so komplexen System an einer Stelle eine

massive Veränderung vorzunehmen. Zunächst

klingt es sinnvoll, die Pflegekosten vom DRG-

System abzukoppeln und außerhalb dessen voll

finanzieren zu wollen. Es stellt sich aber bei

längerem Nachdenken die Frage, welche Auswirkungen

das am Ende wirklich auf die Budgets

der Krankenhäuser haben wird. Abgesehen

davon, dass wir hier vermutlich ein neues Bürokratiemonster

mit noch mehr Prüfungen und

Erlösausfällen vor uns haben. Aufwertung der

Pflege ist richtig. Aber gibt es nicht intelligentere

Wege?

Hinzu kommt, dass Leistungen vor allem kleiner

Krankenhäuser sowie von Maximalversorgern

inzwischen im DRG-System nicht mehr

adäquat abgebildet werden. Der VKD plädiert

daher dafür, das DRG-System insgesamt auf

den Prüfstand zu stellen – nicht unbedingt mit

der Forderung, es abzuschaffen, sondern es den

aktuellen Bedingungen anzupassen.

Solange dabei die Investitionsfinanzierung –

mit einer Unterfinanzierung von jährlich 3,7

Milliarden Euro und dies von Jahr zu Jahr – ausgeklammert

bleibt, solange ist die aktuelle Gesetzgebung

aber Kosmetik. Der Koalitionsvertrag

verheißt hier leider auch keinen wirklichen

und sinnvollen Wandel.

Neben der Finanzierungsproblematik ist die

Notfallversorgung eine weitere Baustelle. Darauf

jedenfalls ist die Politik im Koalitionsvertrag

eingegangen.

Dr. Josef Düllings: Das stimmt und ist sicher

auch gut gemeint, aber leider nur halbherzig

und auch etwas weltfremd. Wir sind für eine

konsequente Lösung, obwohl wir dafür auch auf

Krankenhausseite in der Selbstverwaltung eine

eher unentschlossene Haltung beobachten.

Kurz gesagt: Was wir wollen ist, dass diejenigen,

von denen die Leistungen erbracht werden,

dafür auch die entsprechend faire Vergütung

erhalten und darüber zudem mitbestimmen

können – was derzeit bekannterweise nicht der

Fall ist. Der Sicherstellungsauftrag für die ambulante

Notfallversorgung sollte denen übertragen

werden, die sie tatsächlich leisten.

Wo also sehen Sie vor allem die Treiber des

Wandels – und wie viel Wandel ist notwendig,

um die Krankenhausversorgung zukunftsfest

zu gestalten?

Dr. Josef Düllings: Das Vergütungssystem insgesamt

– mit Fallpauschalen und Investitionsfinanzierung

– muss auf den Prüfstand.

Es darf dabei aber nicht weiter mit Komplexität

aufgeladen werden. Ein Vorschlag wäre, die

Leistungsentgelte zur Verteilung des Budgets

einzusetzen. Ein ähnlicher Ansatz wurde für

das Entgeltsystem in der Psychiatrie gefunden.

Daran könnte sich eine Weiterentwicklung des

DRG-Systems orientieren.

Der notwendige Strukturwandel muss von den

Krankenhäusern selbst – auch mit Mitteln des

Strukturfonds, Darlehen oder Eigenmittel – angegangen

werden. Kleinere Standorte müssen

sich zu größeren Einheiten zusammenschließen

und Leistungsschwerpunkte komplementär

konzentrieren. Dazu sollten auch Leistungsabsprachen

zwischen Krankenhäusern zählen, die

nicht unbedingt Trägerzusammenschlüsse erfordern,

sondern ebenso über Strukturverträge

umgesetzt werden können.

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 69


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Unbestritten ist, dass Struktur- und Standortkonzentrationen

eine bessere Qualität, höhere

Wirtschaftlichkeit und eine Teilentlastung für

den Ärzte- und Pflegekräftemangel ermöglichen.

Da sowohl der Bund als auch die Länder

derzeit nicht bereit sind, hier erhebliche Mittel

zu investieren – wie es übrigens in anderen Ländern

geschieht und wie es in den neuen Bundesländern

seit Mitte der 90er Jahre über zwei

Jahrzehnte erfolgreich umgesetzt wurde – wird

dieser Prozess länger dauern, als es für die Versorgung

und Finanzierung gut ist. Zu bedenken

ist dabei zudem, dass zwischen 2020 und 2030

die Babyboomer in die behandlungsrelevanten

Altersjahrgänge aufsteigen und im System, wie

wir es heute haben, entweder Qualitätsabstriche

hinnehmen müssen oder die Krankenkassen

durch den erhöhten Versorgungsbedarf in

den Defizitbereich abrutschen. Der politische

Handlungsbedarf auf diesem Feld wird enorm

ansteigen. Dann greift – deutlich zu spät - die

Macht des Faktischen.

Eine dringende Aufgabe ist die umfassende

Digitalisierung der Gesundheitsbranche, zu der

man sich die Blaupausen anderer Länder ansehen

kann. Wir als VKD sehen die Digitalisierung

der Krankenhäuser als öffentliche Aufgabe. Wir

haben sie gemeinsam mit der von uns mitbegründeten

ENTSCHEIDERFABRIK immer wieder

zum Thema gemacht nach dem Motto: Was die

Amerikaner können, sollten wir doch auch können.

Medizinisch sind wir vielleicht Champions

League, aber digital wollen wir erst dorthin.

Selbst in dem auf Eigeninitiative setzenden

System der USA hat der Staat als Innovationstreiber

die Kliniken quasi in die Moderne katapultiert.

2008 lag der Anteil der US-Kliniken

mit elek-tronischer Gesundheitsakte noch bei

unter zehn Prozent. Dann wurden aus dem

Bundeshaushalt 30 Milliarden US-Dollar über

sieben Jahre investiert. Bis Ende 2016 stieg der

Anteil der Häuser mit elektronischer Gesundheitsakte

auf über 80 Prozent. Das Beispiel

zeigt: Die Infrastrukturleistung muss der Staat

erbringen.

Die Digitalisierung führt zu einem Quantensprung

in der medizinischen Versorgung, der

Patientensicherheit und der Behandlungsqualität.

Das zeigen alle internationalen Erfahrungen.

Und auch aktuell sind die USA schon wieder

einen Schritt weiter: Allein zwischen 2012 und

2015 hat sich der Anteil der Kliniken, die ihren

Patienten ermöglichen, ihre Gesundheitsdaten

einzusehen, herunterzuladen oder weiterzugeben,

von 10 auf 70 Prozent versiebenfacht.

Die Krankenhäuser stehen vor enormen Herausforderungen,

zu deren Bewältigung wir auch

die Hilfe der Politik brauchen. Was wir doch

alle gemeinsam wollen, ist eine hochwertige

medizinische Versorgung, ein insgesamt wirtschaftliches

Versorgungssystem und trotzdem

die freie Arzt- und Krankenhauswahl. Wir wollen

moderne digitale Strukturen. Die Menschen,

die in diesem System arbeiten, sollen sich dort

wohl fühlen und gerne zum Patientennutzen

beitragen. Vor allem aber wollen wir, dass

Patienten sich auf dieses System verlassen

können.

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VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


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Forderung nach Folgenabschätzung

und gründlichen Nachbesserungen

Zum Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung des Pflegepersonals (Pflegepersonal-Stärkungs-

Gesetz – PpSG) des Bundesministeriums für Gesundheit

Der Verband der Krankenhausdirektoren

Deutschlands hat die Initiative des Bundesministeriums

für Gesundheit begrüßt, dem

Pflegekräftemangel und der Arbeitsverdichtung

in der Alten- und Krankenpflege entgegenzutreten,

um eine spürbare Verbesserung

im Pflegealltag zu erreichen. Die bereits im

Koalitionsvertrag der regierenden Koalition

angekündigte Herauslösung der Kosten für

den Pflegebereich der Krankenhäuser aus den

DRGs schien zunächst als eine zwar mit einer

Reihe von Risiken behaftete annehmbare Lösung,

stellte sich bei der Analyse der Auswirkungen

auf die Budgets der Krankenhäuser

insgesamt aber als erheblich heikler heraus.

Sorgfältige Nachbesserungen sind daher aus

Sicht des Krankenhausmanagements unabdingbar.

Das gilt auch für die vorgesehenen

Regelungen für psychiatrische und psychosomatische

Kliniken sowie die stationäre Altenpflege

und eine Aufnahme der Rehabilitation

in das Gesetz. Inzwischen hat das Bundeskabinett

den Entwurf für ein Pflegepersonalstärkungsgesetz

beschlossen.

Die anscheinend plausiblen und einfachen Lösungen

bergen häufig mit Blick auf die komplexen

Auswirkungen, Unwägbarkeiten und Risiken,

die am Ende in der vorgelegten Form

nicht zu akzeptieren sind. Gut gemeint ist eben

oft doch nicht gut gemacht. Das ist auch der

Fall bei einer Reihe der geplanten Regelungen

des PpSG. Hier sieht der Verband der Krankenhausdirektoren

Deutschlands erhebliche Änderungsnotwendigkeiten,

wenn es nicht zu einer

„Verschlimmbesserung“ der Situation kommen

soll.

Regelungen für die Pflege

im Krankenhaus

Pflegekosten und -budgets:

Positiv scheint zunächst zu sein, dass den Krankenhäusern

jede zusätzliche und jede aufgestockte

Pflegestelle voll finanziert werden soll.

Das Negative ist allerdings, dass dies in seiner

absoluten Form nur für das Jahr 2019 vorgesehen

ist. Wie es dann 2020 weitergeht, steht bisher

in den Sternen. Wie dann die Ermittlung des

Pflegebudgets erfolgt, ist leider nicht klar.

Positiv ist, dass schon ab diesem Jahr die Tarifsteigerungen

für die Pflegekräfte von den

Kostenträgern vollständig refinanziert und die

Finanzierung durch die Kostenträger bei erhöhtem

Bedarf an Pflegepersonal ebenso verbessert

wird wie auch die Finanzierung der Ausbildungsvergütungen.

Grundsätzlich besteht hier jedoch eine gravierende

Abweichung zur ursprünglichen Ansage

der vollständigen Refinanzierung der Tarifkostensteigerungen

im Krankenhaus. Die im Referentenentwurf

vorgesehene Regelung betrifft

lediglich die Pflege. Deshalb muss der VKD hier

die Forderung nach der zugesagten vollständigen

Refinanzierung weiterhin aufrechterhalten.

Fixkostendegressionsabschlag:

Positiv zu bewerten ist die Festsetzung eines

bundeseinheitlichen Fixkostendegressionsabschlags

und seiner Laufzeit. Mit dieser Regelung

erfahren die Krankenhäuser Schutz vor

überzogenen Refinanzierungserwartungen der

Kostenträger im Rahmen ihrer zusätzlichen

finanziellen Verpflichtungen im Sinne des

PpSG.

Gefordert werden muss aber eine Anpassungsklausel

zur jährlichen Überprüfung und

Festsetzung der Abschlagshöhe aufgrund von

Leistungsänderungen. Ein fester und auf Dauer

angelegter Abschlagssatz ist abzulehnen. Es

muss sichergestellt sein, dass die nach § 4, Abs.

2b, Satz 3 KHEntgG ausgewiesenen Ausnahmetatbestände

auch weiterhin keine Berücksichtigung

bei der Kalkulation des FDA finden.

Ausgliederung aus dem DRG-System:

Die Ausgliederung der Pflegekosten stellt einen

Paradigmenwechsel in der Finanzierung der

Krankenhäuser dar. Die Krankenhäuser sehen

vor dem Hintergrund der vom VKD inzwischen

mehrfach thematisierten Unzulänglichkeiten

des ordnungspolitischen Rahmens des DRG-

Systems in einer hausindividuellen bedarfsorientierten

Pflegekostenfinanzierung Chancen

für eine besser abgesicherte Finanzierung des

Pflegepersonals und begrüßen und unterstützen

diesen Weg.

Martin Schmid

Mitglied des Präsidiums

des VKD, Geschäftsführer

der Klinikum Fichtelgebirge

gGmbH - Marktredwitz

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 71


Aktuelle Themen

Allerdings darf eine Ausgliederung der Pflegekostenfinanzierung

zu keinem Bruch in der

Finanzierung der Betriebskosten der Krankenhäuser

führen. Vor Ausgliederung der Pflegekosten

ist hinlänglich zu definieren, was unter

diesem Kostenansatz subsummiert und verstanden

wird. Die Krankenhäuser haben in den

vergangenen Jahren gerade wegen des Fachkräftemangels

unterstützende Mitarbeiter

eingestellt, zum Beispiel Pflegesekretärinnen,

Arzthelferinnen, Stationshilfen, Verpflegungsassistenten,

Logistikassistenten etc. Es geht

weit an der Praxis in den Krankenhäusern vorbei,

sich hier nur auf examinierte Pflegekräfte,

die unmittelbar am Patienten tätig sind, zu fokussieren.

Bisher nicht klar ist, auf welcher Basis die

Ausgliederung der Pflegekosten erfolgen soll.

Wird das Jahr 2018 zur Grundlage genommen,

besteht die Gefahr, dass sich die aktuelle Situation

im Pflegepersonalbereich fortsetzt.

Das darf nicht passieren. Im nun vom Bundeskabinett

beschlossenen Gesetzentwurf ist

festgelegt, dass DKG, GKV-Spitzenverband

und Verband der privaten Krankenversicherung

(PKV) bis Ende 2019 eine „eindeutige, bundeseinheitliche

Definition der auszugliedernden

Pflegepersonalkosten“ vereinbaren sollen. Sie

sollen außerdem erstmals für das Jahr 2020

die Pflegepersonalkosten aus den Bewertungsrelationen

der Fallpauschalen sowie aus den

Zusatzentgelten herausrechnen. Bis zum 30.

September 2019 sollen außerdem die auszugliedernden

Pflegepersonalkosten in einem

Katalog mit bundeseinheitlichen Bewertungsrelationen

ausgewiesen werden. Die Deutsche

Krankenhausgesellschaft hat kritisiert, dass die

vorgesehene Umsetzung der Ausgliederung zu

kompliziert sei und der geplante Start des dann

geänderten Systems ab Januar 2020 kaum noch

geschafft werden könne.

Personaluntergrenzen:

Mit der Ausgliederung ist die Kalkulation der

hausindividuellen Pflegebudgets verbunden.

Diese Kalkulation erfordert eine einheitliche

Personalbedarfsermittlung, die allgemeingültig

Anwendung finden muss. Sie ist zwingende

Voraussetzung für die Verhandlungen mit den

Krankenkassen.

Vermieden werden muss der zu erwartende

Nachweisdruck durch die Krankenkassen. Wir

brauchen hier einen pragmatischen und möglichst

unbürokratischen Lösungsansatz. Noch

mehr Bürokratie kann nicht das Ziel sein.

Abzulehnen ist, dass den Krankenhäusern mit

der einen Hand gegeben, mit der anderen aber

genommen werden soll. Ab 2020 soll der Pflegezuschlag

in Höhe von 0,5 Milliarden Euro im

Jahr wegfallen. Der Pflegezuschlag – ursprünglich

Versorgungszuschlag – hatte zum Ziel, die

Auswirkungen der doppelten Degression abzufedern.

Er hatte also ursprünglich mit der Finanzierung

der Pflege nichts zu tun. Seit 2017

allerdings bekommen die Krankenhäuser den

Versorgungszuschlag in Höhe von 0,8 Prozent

vom Budget nicht mehr, sondern die 500 Millionen

Euro werden in Relation zu den eingesetzten

Kosten der Pflege verteilt. Wer also mehr

für die Pflege ausgibt, erhält einen größeren

Anteil von diesen 500 Millionen Euro. Diese Finanzierung

soll ab 2020 nun ersatzlos wegfallen.

Das ist abzulehnen.

Grundsätzlich kritisiert wird vom VKD die geplante

Festsetzung von Personaluntergrenzen

– künftig laut Koalitionsbeschluss für sämtliche

Abteilungen. Finanzierung der Pflegekosten

und Personaluntergrenzen passen nicht

zusammen. Diese Untergrenzen sind aus Sicht

des VKD daher obsolet. Diesen Zusammenhang

sieht die Politik anscheinend nicht. So ist im

Kabinettsentwurf nun eine Ermächtigung des

Bundesgesundheitsministeriums vorgesehen,

wonach die Grenzwerte auch mittels einer

Rechtsverordnung festgelegt werden können,

wenn die Selbstverwaltung sich nicht fristgerecht

einigen kann. Hierzu hat der VKD gesondert

Stellung genommen.

Strukturfonds und Investitionsmisere:

Der Ausbau des Krankenhausstrukturfonds

wird vom VKD zwar begrüßt, dieser Ausbau löst

aber nicht die grundlegende Investitionsmisere.

Anstelle der jährlich erforderlichen Investitionsfördermittel

in Höhe von mindestens

sechs Milliarden Euro stellen die Länder den

Krankenhäusern aktuell bekanntlich lediglich

2,8 Milliarden Euro zu Investitionszwecken

zur Verfügung. Die jährliche Förderlücke von

über drei Milliarden Euro ist eine der zentralen

Ursachen für die wirtschaftlich äußerst

angespannte Situation vieler Krankenhäuser.

Hier sieht der VKD den Bund in der Pflicht, die

Länder zu unterstützen. Immer wieder auf die

Länder zu verweisen, ignoriert die seit Jahren

auch vom VKD benannten Fakten, die zeigen,

dass die Länder eben nicht in der Lage sind,

ihren Verpflichtungen auf dem Gebiet der Investitionsfinanzierung

nachzukommen. Der im

Gesetzentwurf angelegte Ausbau des Krankenhausstrukturfonds

ist keine Lösung der bestehenden

Investitionsproblematik. Dass er einen

wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der

Versorgungsstrukturen leisten kann, wird von

den Krankenhäusern natürlich gesehen. Auch

die Ausweitung der Förderkriterien auf Ausbil-

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VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Aktuelle Themen

dungsplätze und digitale Anwendungen entspricht

einer langjährigen Forderung der Krankenhäuser.

Dennoch geht diese Regelung nicht weit genug

angesichts der investiven Herausforderungen,

die sich vor allem aus der Digitalisierung ergeben.

Gerade letztere machen ein mehrjähriges

Sonderprogramm „Digitales Krankenhaus“

dringend erforderlich, wenn die ambitionierten

Ziele der Bundesregierung auf diesem Gebiet

eine Chance zur Umsetzung haben sollen.

Gleichzeitig kann sich als ein Ergebnis der Digitalisierung

auch die Situation im Personalbereich

entspannen. Die Förderkriterien sind

so auszugestalten, dass der Bundes- und Landesanteil

jeweils in vollem Umfang finanziert

wird. Der Landesanteil darf nicht so ausgestaltet

werden, dass die Investitionsfinanzierung

der Länder (ganz oder teilweise) zu Lasten der

Krankenhäuser verringert wird.

Regelungen für die

Psychiatrie/Psychosomatik

Tarif-Berichtigungsrate:

Der Gesetzentwurf sieht eine Erhöhung der in

§ 3 Abs. 4 Satz 2 BPflV geregelten Tarif-Berichtigungsrate

von derzeit 40 Prozent der Differenz

zwischen dem Veränderungswert und der

tatsächlichen Personalkostensteigerung auf

zukünftig 55 Prozent vor. Laut der Gesetzesbegründung

soll durch diese Regelung eine Tarifrefinanzierung

der Personalkostensteigerung

von 100 Prozent in der Pflege sowie 50 Prozent

in dem übrigen nichtärztlichen und ärztlichen

Personalbereich erreicht werden.

Grundsätzlich begrüßt der VKD diese Intention

einer vollständigen Refinanzierung der Personalkostensteigerung

in der Pflege. Vor dem

Hintergrund, dass die Pflege in psychiatrischen

Einrichtungen den weitaus größten Personalanteil

darstellt, ist eine Erhöhung der Tarif-

Berichtigungsrate auf 55 Prozent aus Sicht der

Praxis jedoch längst nicht ausreichend, um eine

100-prozentige Refinanzierung zu erzielen. Aus

Sicht des VKD wäre zur Erreichung dieses Ziels

eine Anhebung der Quote auf mindestens 80

Prozent nötig.

Mit der in Artikel 8 Nr. 7 des Entwurfes beschriebenen

Ergänzung des § 9 Abs. 1 Nr. 7 KHEntgG

soll eine Nachweispflicht für die Verwendung

der Tarif-Berichtigungsrate für Personalkosten

eingeführt werden. Der VKD weist hier darauf

hin, dass sich dieser vorgesehene Nachweis für

den Bereich der Psychiatrie erübrigt. Es besteht

bereits eine vollständige Nachweispflicht für

die Psych-PV Berufsgruppen (§ 18 Abs. 2 und 3

BPflV).

Refinanzierung der

Personalkostensteigerungen:

Seit Inkrafttreten des Gesetzes zur Weiterentwicklung

der Versorgung und Vergütung für

psychiatrische und psychosomatische Leistungen

(PsychVVG) besteht für psychiatrische

Krankenhäuser eine Nachweispflicht (§ 18 Abs.

2 und 3 BPflV) aller Berufsgruppen. Der VKD

fordert daher auch für die psychiatrischen und

psychosomatischen Häuser und Abteilungen

eine vollständige Refinanzierung von tariflich

induzierten Personalkostensteigerungen nicht

nur für die Pflege, sondern für alle Berufsgruppen.

Regelungen für die

stationäre Altenpflege

Mit dem Gesetzentwurf will die Politik spürbare

Verbesserungen im Alltag auch der Pflegekräfte

in den Altenpflegeeinrichtungen möglich

machen. Bessere Personalausstattung, bessere

Arbeitsbedingungen sind die Ziele. Diese Ziele

sind zu begrüßen, ihre Umsetzung ist auch für

die Altenpflege allerdings vielfach unklar oder

nicht durchdacht.

So sollen 13.000 zusätzliche Stellen für die

Behandlungspflege geschaffen werden. Woher

diese Fachkräfte kommen sollen, auch,

wie diese Zahl zustande kommt, liegt für den

VKD und die in der VKD-Fachgruppe der Alten-

Pflegeeinrichtungen zusammengeschlossenen

Führungskräfte dieses Bereichs allerdings im

Nebel. Stellen sind noch keine Pflegekräfte.

Dennoch gibt der Gesetzentwurf sowohl im Bereich

des SGB V als auch des SGB XI positive

Zielstellungen für die Altenpflege vor.

Wichtige Änderungen im SGB V für

den stationären Altenpflegebereich

Finanzierung der Behandlungspflege:

Ein überfälliger Schritt hin zu einer kompletten

Finanzierung der Behandlungspflege im stationären

Altenpflegebereich ist die vorgesehene

Änderung des Paragrafen 37 SGB V – Kompensationszahlungen

der GKV an die Soziale

Pflegeversicherung (SPV) - für 13.000 neue

Stellen.

Der VKD forderte in diesem Zusammenhang

bereits die komplette Finanzierung der Behandlungspflege

durch die gesetzlichen Krankenkassen.

Weitere Umsetzungsschritte müssen

aber bereits jetzt vereinbart, zumindest

aber muss der Betrag von 640 Millionen Euro

pro Jahr laufend dynamisiert werden.

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 73


Aktuelle Themen

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Kooperationsverträge mit Ärzten:

Der vorgesehene Zwang zum Abschluss von Kooperationsverträgen

(1. Änderung §119 b Abs.1

SGB V – Abschluss von Kooperationsverträgen

zwischen Ärzten und Pflegeheimen) wird dazu

führen, dass auch Ärzte zum Zuge kommen,

die für die Betreuung der Pflegeheimbewohner

wenig geeignet sind. Diese Regelung, so plausibel

sie auf den ersten Blick vielleicht scheint,

ist daher kontraproduktiv. Aus Sicht des VKD ist

die Beibehaltung der bisherigen Soll-Regelung

deutlich besser.

Wenig sinnvoll scheint in diesem Zusammenhang

auch die Pflicht, eine verantwortliche

Pflegefachkraft für die Zusammenarbeit mit

den Ärzten zu benennen. Das würde nicht nur

organisatorischen Zusatzaufwand bedeuten,

sondern in der praktischen Umsetzung wegen

der arbeitsorganisatorischen Abläufe im

Pflegeheim mit Schichtdiensten zudem kaum

möglich sein. Falls diese Regelung, wie jetzt

vorgesehen, im Gesetz bleibt, fordert der VKD,

den Einrichtungen den dafür notwendigen zeitlichen

Aufwand zu refinanzieren.

Elektronische Kommunikation

und Digitalisierung:

Der neu vorgesehene § 119b Abs. 2a und 2b SGB

V zu den Anforderungen für die elektronische

Kommunikation zwischen Pflegeheim und Vertragsarzt

fordert die Herstellung nur des „Benehmens“

mit den Spitzenverbänden der Pflegeeinrichtungen.

Das genügt nicht. Hier muss

es um „Einvernehmen“ gehen.

Der Gesetzgeber will einheitliche Anforderungen

für die digitale Kommunikation. Digitalisierung

kann zur Entlastung der Pflege beitragen

und ist daher zu begrüßen. Grundsätzlich

ist die perspektivische Einbindung der Altenpflege

in eine Telematikinfrastruktur ebenfalls

positiv. Voraussetzung ist allerdings, dass zusätzliche

Fördermittel für den Aufbau solcher

Strukturen und für die Schulung des Personals

zur Verfügung gestellt werden. Die Altenpflegeeinrichtungen

benötigen zudem Zugang zu den

für ihre Bewohner wichtigen Daten, wie u.a. den

elektronischen Medikationsplan.

Als eine positive Weiterentwicklung sind Videosprechstunden

zu bewerten.

Allerdings bleibt der Gesetzgeber hier im Vagen

– Konkretes gibt es nicht.

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Wichtige Änderungen im SGB XI für

die stationäre Altenpflege

Vergütungszuschlag Behandlungspflege Anfügung

von § 8 Abs. 6 SGB XI:

Vollstationäre Pflegeeinrichtungen erhalten als

Ergänzung zur Pflegevergütung nach dem achten

Kapitel „auf Antrag einen Vergütungszuschlag

zur Unterstützung der Leistungserbringung

der medizinischen Behandlungspflege“.

Voraussetzung hierfür ist aber die Vorhaltung

von zusätzlichem Pflegepersonal über das in

der Pflegesatzvereinbarung vereinbarte Personal

hinaus.

Positiv ist hier, dass dieses zusätzliche Personal

kein Pflegefachpersonal sein muss. Das Problem

der Erfüllung der Fachkraftquote bleibt

aber. In der Pflegesatzvereinbarung wird ja kein

Pflegepersonal, sondern es werden Personalschlüssel

vereinbart. Bekanntlich sind deren

Auswirkungen auf den Personalbestand abhängig

von der Belegung und der Verteilung der

Pflegegrade.

Folgende Klarstellungen sind aus Sicht des VKD

im Gesetzentwurf ebenfalls vorzunehmen:

Gilt die Finanzierung auch dann, wenn die Einrichtung

schon im Status Quo mehr Personal

als vereinbart vorhält oder muss – das wäre abzulehnen

– ein Nachweis für Neueinstellungen

erbracht werden? Was versteht der Gesetzgeber

unter zusätzlichem Personal?

Geht eine Einrichtung, die mehr Personal einstellt,

als vereinbart war, jedoch weniger als

refinanzierbar ist, leer aus oder erfolgt eine

Teilfinanzierung?

An welcher Bezugsgröße orientiert sich der Zuschlag?

Der Grundsatz des SGB XI, dass Tarifgehälter

als wirtschaftlich anzusehen sind und

refinanziert werden müssen, muss auch bei den

zusätzlichen 13.000 Stellen gelten.

Bessere Vereinbarkeit von Pflege,

Familie und Beruf:

In den Jahren 2019 bis 2024 werden Maßnahmen

in Pflegeeinrichtungen zur besseren Vereinbarkeit

von Pflege, Familie und Beruf gefördert

(Anfügung von § 8 Abs. 7 SGB XI). Dieses

ist sicher ein begrüßenswertes Ziel, das mit der

vorgesehenen Regelung allerdings nur rudimentär

erreicht werden kann. Dagegen fließen

erhebliche Mittel für eine neue Förderbürokratie,

die letztlich einseitig von den Kostenträgern

bestimmt werden. Daher muss gefordert

werden, dass die Fördertatbestände für

Betreuungsangebote und Weiterbildung gesondert

geregelt werden. Auch die Mitsprache


Aktuelle Themen

der Leistungserbringer sollte sichergestellt

sein.

Um nachhaltig Betreuungsangebote schaffen

zu können genügt es nicht, Förderung, auf maximal

fünf Jahre zu begrenzen. Auch die Förderbeträge

selbst müssen deutlich aufgestockt

werden.

Rehabilitation nicht beschädigen

Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die neuen

gesetzlichen Regelungen Auswirkungen auf

die Rehabilitationskliniken haben werden. Dass

Krankenhäuser und Pflegeheime bei Neueinstellungen

kaum zusätzliche Personalkosten

zu tragen haben, kann in der Rehabilitation zu

größerer Abwanderung von Personal in die beiden

anderen Sektoren führen. Die Belange der

Rehabilitation sind im Gesetzentwurf nicht berücksichtigt.

Die Kliniken hier müssen auf jeden

Fall ebenfalls Refinanzierungsmöglichkeiten

für steigende Personalkosten erhalten.

Gründlichkeit vor Schnelligkeit

Angesichts der zahlreichen nicht nur vom VKD

thematisierten Unzulänglichkeiten und des

häufigen Fehlens von Umsetzungspräzisierungen

scheint es überlegenswert, gründliche

Folgenabschätzungen des Gesetzes – nicht nur

auf die Pflege, sondern auf die Krankenhäuser

insgesamt sowie auf die anderen Versorgungssektoren

- vorzunehmen. Auch dem InEK sollte

mehr Zeit für seine nicht ganz einfache Arbeit

gegeben werden, damit am Ende ein Gesetz zur

Verfügung steht, das tatsächlich zur Umsetzung

der politisch postulierten Ziele beiträgt.

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 75


Termine, die Sie nicht verpassen sollten:

12. - 15. NOVEMBER 2018

18. - 21. NOVEMBER 2019

IN DÜSSELDORF

Der 41. Deutsche Krankenhaustag findet

wieder im Rahmen der Weltleitmesse der

Medizinbranche MEDICA in Düsseldorf

vom 12. - 15. November 2018 statt.

Besuchen Sie uns auch an unserem VKD-

Stand in Halle 15D35. Wir freuen uns auf Sie!

Termine, die Sie nicht verpassen sollten:

• Auftaktveranstaltung (12.11.2018)

• Abendveranstaltung „Treffpunkt Krankenhaus“

(12.11.2018)

• 12. Entscheiderfabrik (13.11.2018)

• 4. VKD-Forum (13.11.2018)

• 102. VKD-Mitgliederversammlung (13.11.2018)

• Abendveranstaltung „meeIT der Club“ (13.11.2018)

• IMPO-Workshop der Europäischen Vereinigung der

Krankenhausmanager (15.11.2018)

www.medica.de | www.deutscher-krankenhaustag.de | www.entscheiderfabrik.com | www.vkd-online.de

Entscheider-Event

Unter dem Motto „Unternehmenserfolg durch Nutzen stiftende

Digitalisierungsprojekte“ können sich beim Entscheider-Event,

dem ersten Baustein im Entscheiderfabrik-Zyklus, wieder mindestens

10 Kliniken an Digitalisierungsprojekten kostenneutral

beteiligen und diese 12 Monate auf ihren Wertbeitrag testen.

Dadurch werden mögliche Fehlinvestitionen

vermieden - von der Idee zum Nutzen stiftenden

Digitalisierungsprojekt.

Für Fragen wenden Sie sich an

Iris Meier

Tel.: + 49 (0) 21 82 - 88 65 066

E-Mail: Iris.Meier@GuiG.org

www.ENTSCHEIDERFABRIK.com

Die Auftaktveranstaltung zum neuen Zyklus der ENTSCHEI-

DERFABRIK findet in der Zeit vom 13.-14. Februar 2019 im

Industrieclub in Düsseldorf statt.

Die Entscheiderfabrik

bringt 33 fördernde

Verbände

und von diesen

gewählte Berater,

Kliniken mit mehr

als 800 Standorten

und mehr als 120

Industrie-Unternehmen

seit 2006

zusammen.

76

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Gemeinsam für mehr Wissen.

DKI-/VKD-Branchentreffen:

Psychiatrie-Branchentreff

am 05.12.2018 und 05.12.2019 in Düsseldorf

Reha-Wirtschaftstag

11.12.2018 und 10.12.2019 in Berlin

Krankenhaus-Branchentreff

12.12.2018 und 11.12.2019 in Berlin

Der Branchentreff hat sich als wichtiger und

beliebter Treffpunkt etabliert. Nutzen Sie

die Tagesseminare, um Ihre Einrichtung

betriebswirtschaftlich und organisatorisch

optimal auszurichten und tauschen Sie sich

hierüber im Kollegenkreis aus.

VKD-Mitglieder erhalten eine vergünstigte

Teilnehmergebühr!

Weitere Infos finden Sie unter:

www.dki.de

www.vkd-online.de

Anmeldung und Organisation:

DKI-Seminarsekretariat

E-Mail: seminar@dki.de

Telefon: 0211 47051 16

www.dki.de

www.vkd-online.de

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 77


18. NATIONALES DRG-FORUM

3. NATIONALES REHA-FORUM

5. VKD-FORUM

DAS EVENT DES JAHRES

DRG-FORUM.DE | NATIONALESREHAFORUM.DE

DER VKD IST MIT DABEI!

21./22. MÄRZ 2019, BERLIN

SEIEN AUCH SIE MIT DABEI!

Sonderkonditionen für VKD-Mitglieder

78

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung

62. VKD-

Jahrestagung

9. - 10. Mai 2019

im Novotel Berlin Tiergarten


IT-ENTSCHEIDERFABRIK

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 79


80

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Innovative Ideen,

engagierte Projektteams

12. Jahreszyklus der ENTSCHEIDERFABRIK geht in den Endspurt

IT-Entscheiderfabrik

Auf dem Entscheiderevent im Februar 2018 in

Düsseldorf fiel traditionell wieder der Startschuss

für den nunmehr 12. Jahreszyklus der

ENTSCHEIDERFABRIK für Unternehmenserfolg

durch optimalen IT-Einsatz. Die teilnehmenden

Führungskräfte aus den Krankenhäusern

wählten die fünf Digitalisierungsthemen aus,

an denen Krankenhäuser, IT-Unternehmen

und Berater in gemeinsamen Projektgruppen

nun im Laufe dieses Jahres arbeiten würden.

„Die nun ausgewählten Projekte stellen für die

Krankenhäuser Schlüsselthemen dar, die für

die Zukunft der stationären und vernetzten Gesundheitsversorgung

sowie für die Patienten

eine große Rolle spielen“, sagte Peter Asché,

Vizepräsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren

Deutschlands (VKD) und im Präsidium

des Verbandes für den Bereich IT zuständig.

„Dass im Laufe der vergangenen Jahre in rund

60 Projektrunden die Praxistauglichkeit von IT-

Lösungen erprobt werden konnte, ist für uns als

Mitgründer der ENTSCHEIDERFABRIK ein großer

Erfolg. Wir stellen ein stetig wachsendes

Interesse an der Arbeit der ENTSCHEIDERFA-

BRIK sowohl in Krankenhäusern als auch in der

Industrie fest.“

Die ENTSCHEIDERFABRIK überzeugt in den

Krankenhäusern durch die Möglichkeit, Digitalisierungsprojekte

kostenlos zu erproben.

Die beteiligten Firmen wiederum können ihre

Lösungen in der Praxis gemeinsam mit künftigen

Nutzern testen und weiter verbessern. Eine

optimale Win-Win-Situation. Auch nicht beteiligte

Kliniken profitieren, weil der strukturierte

Erprobungsprozess sehr transparent gestaltet

wird und die Ergebnisse in Workshops und

Seminaren sowie im Rahmen des Deutschen

Krankenhaustages im November in Düsseldorf

ausführlich dargestellt werden.

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens

wurde im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und

SPD als „eine der größten Herausforderungen

des Gesundheitswesens in den nächsten Jahren“

bezeichnet. „Eine richtige Einschätzung, die der

VKD nicht nur teilt. Wir betonen das bereits

seit Jahren“, erklärte VKD-Präsident Dr. Josef

Düllings. Die 25 Zeilen, die dieser Herausforderung

in dem Papier gewidmet würden, seien

allerdings nur wenig aussagekräftig, kritisierte

er. Entgegen den Aussagen zu anderen gesellschaftlichen

Bereichen vermeide der Koalitionsvertrag

hier eine konkrete finanzielle

Festlegung.

Die ENTSCHEIDERFABRIK dokumentiere seit

Jahren ganz praktisch, welchen großen Nutzen

die IT für die Prozesse in den Krankenhäusern,

für eine moderne Medizin und Pflege, für die

Vernetzung von Gesundheitsangeboten und

auch für die Wirtschaftlichkeit der Kliniken

habe.

Gemeinsam werden

Schlüsselthemen bearbeitet

Gemeinsam erproben Krankenhäuser, Firmen

und Beratungsunternehmen im Rahmen der

jährlichen IT-Schlüsselthemen neue Lösungen,

Konzepte, Systeme. Alle haben den Nutzen davon.

In den Kliniken erfolgt der Praxistest, die

Firmen erkennen Verbesserungsnotwendigkeiten.

Berater bringen ihr Projekt-Know-how ein.

2018 profitieren 16 Kliniken von den gewählten

fünf Schlüsselthemen, deutlich mehr als in den

Vorjahren. In Vorträgen, Workshops und Publikationen

wird darüber berichtet. Auch nicht

direkt beteiligte Kliniken profitieren davon. Erfahrungsaustausch

sieht der VKD als wichtige

Verbandsaufgabe.

Wertbeitrag der Digitalisierung

zur „Entscheidungsunterstützung“

aufgezeigt

In zahlreichen Veranstaltungen im Jahresverlauf

demonstrierte die ENTSCHEIDERFABRIK

Chancen und Risiken der Digitalisierung, so auf

dem Krankenhaus-Controller-Tag und im Rahmen

der conhIT. So wurde zum Beispiel in einem

gemeinsamen Workshop mit dem Bundesverband

Medizinischer Informatiker BVMI im Rahmen

eines conhIT-Satellitensymposiums das

Thema "Digital Transformation – Transforming

Healthcare in Disruptive Times" behandelt.

In der Fachgruppen-Tagung der ENTSCHEIDER-

FABRIK im Klinikum Region Hannover im Mai

2018 wurde der Wertbeitrag der Digitalisierung

Dr. Pierre-Michael Meier

Stellvertretender Sprecher

des IuiG-Initiativ-Rates,

Vertreter der EVKM im

IuiG-Initiativ-Rat,

Vorsitzender IT Arbeitsgruppe

EVKM

Peter Asché

Kaufmännischer Direktor

der Uniklinik RWTH Aachen,

Vizepräsident des Verbandes

der Krankenhausdirektoren

Deutschlands (VKD)

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 81


IT-Entscheiderfabrik

Die ENTSCHEIDERFABRIK-Fachgruppen IT-

Benchmarking, Datenschutz und ECM-Systeme

und IHE führten ihre siebte gemeinsame Tagung

am 16. und 17. Mai 2018 im Klinikum Region

Hannover durch. Es ging um “Die richtige

Information zur richtigen Zeit - Clinical Data

Decision Support (CDDS), d.h. die optimale

Vereinigung von Big Data Tools & Semantik

Fähigkeiten zur Daten-Interpretation und Entscheidungsunterstützung!“.

Der Gastgeber, das

Klinikum Region Hannover, stellte Herausforderungen

im Bereich der Entscheidungsunterstützung

vor. Es folgten gemeinsame Vorträge

zu diesem Thema von Industrie- und Klinikvertretern.

Fachgruppen-Tagung der

ENTSCHEIDERFABRIK

im Klinikum Region

Hannover im Mai 2018

zum Thema „Die richtige Information zur richtigen

Zeit braucht Daten-Interpretation und

Entscheidungsunterstützung“ aufgezeigt.

Die nächste Tagung ist für den 15. und 16. Mai

nächsten Jahres im Universitätsklinikum Düsseldorf

geplant. Dann wird es um das Thema

„Krankenhausführung und digitale Transformation:

Transforming Healthcare in Disruptive

Times - Strategic Health Information Management“

gehen.

Sommer-Camp

Im Juni ging der aktuelle Zyklus der ENT-

SCHEIDERFABRIK dann in seine heiße Phase:

Sommer-Camp bei der Firma ID – Information

und Dokumentation im Gesundheitswesen.

Hier wurden die Effizienzpotenziale von Digitalisierungsprojekten

auf gezeigt. Gastgeber des

Sommer-Camps der ENTSCHEIDERFABRIK im

Jahr 2018 war ID. Es fand am 11. Und 12. Juni im

Konferenzzentrum Ernst v. Bergmann in Potsdam

statt. ​Motto: „Unternehmenserfolg durch

Nutzen stiftende Digitalisierungsprojekte“.

Gastgeber Dr. Daniel Diekmann, Geschäftsführer

von ID, und der Kaufmännische Direktor des

Klinikums Ernst von Bergmann, Tim Steckel,

begrüßten die Teilnehmer. Als Feedbackgeber

des Entscheider-Zyklus 2018 gab Christoph

Schmelter, Geschäftsführer von DMI, die richtigen

Impulse, um die Ausarbeitungen der einzelnen

Digitalisierungsprojekte auf die nächste

Ebene zu heben.

Sommer-Camp der

ENTSCHEIDERFABRIK

am 11. und 12. Juni 2018

in Potsdam

82

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Der Wettbewerb: Auswahl der

fünf Digitalisierungsthemen 2018

Auf dem Entscheider-Event bewarben sich 12 Finalisten um den Zuschlag

IT-Entscheiderfabrik

Für den Wettbewerb der ENTSCHEIDERFABRIK

2018 wurden 12 der eingereichten Projekte

ausgewählt. Diese wurden in der Finalistenrunde

im Rahmen des Entscheider-Events am

7. und 8. Februar in Düsseldorf vorgestellt.

Die Teilnehmer des Entscheider-Events in Düsseldorf

unterzogen an zwei Tagen im Februar

die vorgestellten 12 Finalistenprojekte einer

kritischen Prüfung. Sind es tatsächlich die Themen,

die uns im Krankenhaus auf den Nägeln

brennen? An welchen würden wir uns selbst beteiligen

wollen? Welche sind von besonderem

Nutzen für unser Haus? Die Entscheidung war

nicht ganz einfach, denn alle zwölf Themen trafen

Herausforderungen der Zeit.

Die 12 Projekte im Einzelnen:

Benchmark-gestützte Krankenhaussimulation

(real time)

Vorgestellt wurde das Thema von REDCOM, als

Klinikpartner war das Bethesda Krankenhaus

Bergedorf dabei.

Das Problem strategischer, kostenintensiver

Vorhaben ist die Berechnung des Return on

Investment (ROI), die oft schwierig ist. Eine

Benchmark-gestützte Simulation ermöglicht

hier, planerisch die Konsequenzen solcher Entscheidungen

zu ermitteln. Ziel des Projektes ist,

auf Basis einer Benchmarkdatenbank und der

Zuordnung von Daten des jeweiligen Krankenhauses

zeitnah solche Aussagen zu treffen und

damit Fehlentscheidungen zu vermeiden.

Computer-interpretierbare Leitlinien –

Unterstützung klinischer Entscheidungen,

Reduktion von Fehlern, Verbesserung der

klinischen Ergebnisse

Vorgestellt wurde das Thema von Elsevier Clinical

Solutions, beteiligter Klinikpartner war das

Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK), Stuttgart.

Auch in Deutschland sind chronische Krankheiten

und Multimorbidität gesundheitsökonomisch

besonders bedeutsam. Gerade für

multimorbide Patienten sind Therapien mit

Leitlinien nur bedingt zu standardisieren. Ziel

des Projektes ist der Einsatz eines Therapieunterstützungssystems,

das dem behandelnden

Arzt die für jeden betroffenen Patienten relevanten

Leitlinienempfehlungen anzeigt und so

den Entscheidungsprozess sicherer macht.

Beseitigung des „WhatsApp-Dilemmas“

durch sichere mobile Krankenhaus-Kommunikationslösung

Vorgestellt wurde das Thema von Infinite Convergence

Solutions, beteiligter Klinikpartner

war das Klinikum Oldenburg.

Die meisten Krankenhäuser stellen ihren Mitarbeitern

und Partnern keine mobile Chat-

Messaging-Lösung zur Verfügung. Daher nutzen

viele eigene Consumer-Lösungen, zum

Beispiel WhatsApp – mit allen damit verbundenen

Risiken. Das Ziel des Projektes ist daher die

Einführung der sicheren mobilen Kommunikationslösung

NetSfere. Sie wurde speziell für den

Einsatz in Unternehmen und Krankenhäusern

konzipiert und kann vom IT-Administrator kontrolliert

werden.

Kapazitätsnutzung und Behandlungserfolge

optimieren durch standortübergreifende

Kollaboration in der Radiologie

Vorgestellt wurde das Thema von TNC, Klinikpartner

war das Södra Älvsborgs Sjukhus,

Bo°ras, Schweden.

In Deutschland ist die Zahl radiologischer Untersuchungen

im internationalen Vergleich

relativ hoch. Es gibt zudem nicht genügend

Radiologen. Die Krankenhäuser arbeiten in

diesem Bereich oft isoliert voneinander. Das

Ziel des Projektes ist daher, ein radiologisches

Netzwerk über mehrere Standorte hinweg zu

spannen, Zusammenarbeit der Radiologieabteilungen

zu ermöglichen und Knowhow für alle

Patienten, unabhängig vom Standort der Klinik,

zur Verfügung zu stellen. Es geht aber auch um

Reduzierung der Kosten für den Bereitschaftsdienst

und eine bessere Auslastung der Kapazitäten.

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 83


IT-Entscheiderfabrik

Bilddokumentation radikal vereinfacht.

Prozessoptimierung für Fotos und endoskopische

Aufzeichnungen.

Der komfortable, einfache und zeitsparende

Weg vom KIS zum PACS

Vorgestellt wurde das Thema von meso international,

Klinikpartner waren die Charité – Universitätsmedizin

Berlin und das Städtische Klinikum

Dresden.

Tausende von Bildern werden in den Krankenhäusern

mit herkömmlichen Kameras aufgenommen.

Die Zuordnung der Bilder zu den

Patienten erfolgt manuell – ein langwieriges

Verfahren. Ziel des Projekts ist es, diese Prozesse

bei der Bildspeicherung von Endoskopen,

Laparoskopen, Video- und Fotokameras weitestgehend

zu automatisieren und dafür die

vorhandene digitale Struktur des Krankenhauses

zu nutzen, damit Fehler und Risiken zu vermeiden

und auch Zeit zu sparen.

Fallakte Plus - Überleitung der nächsten

Generation, und der Patient ist stets dabei

Vorgestellt wurde das Thema von CGM und

Health Care IT Solutions, Klinikpartner war die

Uniklinik RWTH Aachen.

Die Versorgung der Patienten erfordert schon

heute, zunehmend jedoch noch stärker, interdisziplinäre

und sektorenübergreifende Zusammenarbeit

der Behandler. Ziel ist es, die

Leistungserbringer aus Krankenhaus, Praxis

und Rehabilitation technisch in die Lage zu

versetzen, vertrauliche Behandlungsinformationen

untereinander und mit den Patienten

verlässlich und sicher auszutauschen. Das soll

regelhaft, automatisiert und ohne manuelle

Eingriffe durch Behandler ermöglicht werden.

Liegedauermanagement, Erlössicherung,

Entlassmanagement: C A S E C H E C K

Integrierendes Werkzeug und Web-basierte

Plattform für Fallmanagement und Medizincontrolling

Vorgestellt wurde das Thema von d-fine GmbH,

Klinikpartner war das St. Marien- und St. Annastiftskrankenhaus

Ludwigshafen.

Moderne digitale und quantitativ unterstützte

Steuerung beinhaltet ein großes Potenzial für

ein patientenorientiertes Management, ist aber

leider im Vergleich mit anderen Wirtschaftsbranchen

in Krankenhäusern bisher nicht sehr

weit entwickelt. Ziel des Projektes ist es, wesentliche

Aspekte des Fallmanagements zu integrieren

und nicht nebeneinander zu stellen.

Im Projekt wird der Klinikleitung und den anderen

Managementebenen ein übersichtliches,

umfassendes und leicht zu bedienendes Werkzeug

an die Hand gegeben, das alle wesentlichen

Informationen bündelt und in die entsprechenden

Prozesse einfließen lässt.

Das digitale Krankenhaus: Next Generation

Pflege- und Servicekommunikation am

Krankenbett

Vorgestellt wurde das Thema von BEWATEC,

Klinikpartner war das Universitätsklinikum

Münster.

Immer wichtiger werden die Einbeziehung der

Patienten, Mehrwertdienste und ein gehobenes

Service-Level für die Krankenhäuser. Noch

nicht zufriedenstellend gelöst ist aber die Integration

von Patienteninformations-Tablets und

KIS. Ziel des Projekts ist die Fortführung eines

Projekts aus dem Entscheiderfabrik-Zyklus

2016/2017, in dessen Rahmen bereits eine unidirektionale

Schnittstelle zwischen Patienten-

Tablets und KIS geschaffen wurde. Diese Integration

soll im diesjährigen Projekt fortgesetzt

und intensiviert werden. Anvisiert wird zudem

die Berücksichtigung der aktuellen Standardisierungsarbeit

(HLE, FHIR).

Digitalisierung der Patientenreise durch den

Einsatz einer patientenzentrierten IHE-konformen

mHealth-Plattform

Vorgestellt wurde das Thema von Sales Healthcare

m. Doc, Klinikpartner waren das St. Adolf-

Stift, Reinbek und die Median Kliniken.

Eine auch künftig hochwertige medizinische

Versorgung erfordert den effizienteren Einsatz

von Ärzten, Pflegenden und anderem Fachpersonal.

Ziel des Projekts ist die Digitalisierung

von Businessmodellen durch den Einsatz einer

mHealth-Plattform, die eine digitale Begleitung

der Patienten während des Krankenhausaufenthalts

vereinfacht und die Kommunikation

aller Beteiligten sichert.

Aufbau eines telemedizinischen Zentrums

in einer ländlichen Region. Wege zu einer

Steigerung der Behandlungsqualität unter

den Herausforderungen des demografischen

Wandels

Vorgestellt wurde das Thema von Comarch S.A.,

Krankenhauspartner war das Klinikum Kulmbach.

In ländlichen Regionen fehlen niedergelassene

Ärzte, die Versorgungsstrukturen dünnen

aus, die Wege zur nächsten Klinik sind gerade

für ältere, mobilitätseingeschränkte Patienten

mühsam und lang. Ziel des Projekts ist die

Errichtung eines telemedizinischen Zentrums,

das Patienten mit entsprechenden Indikationen

dauerhaft überwacht.

84

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


IT-Entscheiderfabrik

Virtuelle Videokonferenzen auf Basis einer

IHA-konformen Vernetzungsplattform: Von

Arzt zu Arzt und Patient

Vorgestellt wurde das Thema von Siemens

Healthineers, Krankenhauspartner war die Universitätsmedizin

Rostock.

Die IHE stellt mit dem IT-Infrastructure-

Framework eine praxistaugliche Basis für

Vernetzungen im Gesundheitswesen bereit.

Die bloße Vernetzung allerdings - die Bereitstellung

einer technischen Plattform – genügt

nicht. Den Handlungsträgern muss auch

die Möglichkeit für einen direkten Austausch

gegeben werden, während sie auf die einrichtungsübergreifend

verfügbaren Dokumente

zugreifen. Ziel des Projektes ist es daher, darzustellen,

inwieweit sich eine XDS-konforme

Affinity Domaine durch Audio/Video-Konsultationen

umsetzen lässt. Die Lösung muss bestehende

Webkonferenzlösungen eingliedern bzw.

aufrufen können.

Zwar erfassen heute schon viele Patienten eine

Vielzahl von Gesundheitsdaten mit Smartwatches

und Smartphones, deren Übertragung auf

einfachem elektronischem Weg ist derzeit aber

nur mit viel Aufwand möglich. Ziel des Projektes

ist die Implementierung eins technischen

Systems, bei dem die Daten aus Apple Health-

Kit und CareKit über das IHE XDS-Profil mit

den Krankenakten verschiedener Gesundheitseinrichtungen

und dem Smartphone des Patienten

synchronisiert werden. Patienten sollen

das System mit minimalem Aufwand nutzen

können. Es baut auf dem Schlüsselthema 2017

der Firma aycan auf.

Digitalisierung 4.0: IHE XDS Connector für

Apple HealthKit und CareKit

Vorgestellt wurde das Thema von aycan Digitalsysteme

mbH, Krankenhauspartner waren

die Kliniken Kreis Mühldorf am Inn.

Die Siegerprojekte 2018

Diese fünf Projekte wurden zur Bearbeitung in 2018 ausgewählt:

1. Beseitigung des „WhatsApp-Dilemmas“ durch sichere mobile Krankenhaus-

Kommunikationslösung für Apple HealthKit und CareKit

2. Digitalisierung 4.0: IHE XDS Connector

3. Fallakte Plus - Überleitung der nächsten Generation, und der Patient ist stets

dabei

4. Computer-interpretierbare Leitlinien – Unterstützung klinischer Entscheidungen,

Reduktion von Fehlern, Verbesserung der klinischen Ergebnisse

5. Virtuelle Videokonferenzen auf Basis einer IHA-konformen Vernetzungsplattform:

von Arzt zu Arzt und Patient.

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 85


IT-Entscheiderfabrik

Beseitigung des

"WhatsApp-Dilemmas"

NetSfere bietet eine sichere, mobile Chat-Messaging-Lösung für Krankenhäuser

Infinite Convergence Solutions

Infinite Convergence Solutions bietet Messaging- und Mobilitätslösungen der nächsten

Generation für öffentliche Einrichtungen und Unternehmen, darunter eine

Enterprise Messaging Services-Suite, eine sichere mobile Komunikationslösung über

den eigenständigen Dienst NetSfere, sowie SMS-, MMS- und RCS-Lösungen. Die

Technologie des Unternehmens unterstützt mehr als 400 Millionen Anwender weltweit

und übermittelt jährlich über eine Billion Nachrichten. Infinite Convergence

Solutions beschäftigt ca. 200 Mitarbeiter verteilt auf Niederlassungen in den USA,

Deutschland, Indien und Singapur.

Franz Obermayer

Vice President Europe

NetSfere /Infinite Convergence

Solutions

Wie sicher

kommunizieren

Klinik-Mitarbeiter?

Die Nutzung von WhatsApp ist eine weit verbreitete

und beliebte Kommunikationsform.

Doch für den Einsatz zu dienstlichen Zwecken

in Krankenhäusern ist die Lösung nicht geeignet

und birgt sogar große Gefahren. Abhilfe

schafft NetSfere, eine DSGVO-konforme, sichere,

mobile Kommunikationslösung, die

Konversationen Ende-zu-Ende verschlüsselt,

der Klinik-IT die volle Kontrolle über die

Kommunikationsbeziehungen gibt und den

Nutzern alle Vorzüge einer modernen Chat-

Lösung bietet. Die Mitglieder der ENTSCHEI-

DERFABRIK mit ihren über 800 Klinik-Standorten

bekräftigen den Bedarf nach sicheren

Lösungen im Markt und haben NetSfere 2018

auf Platz 1 der „Digitalisierungsthemen der

Gesundheitswirtschaft 2018“gewählt.

Die schnelle und zuverlässige mobile Kommunikation

zwischen Krankenhaus-Mitarbeitern

ist ein Schlüssel zur Steigerung der Produktivität

und der Qualität der Patientenversorgung.

Da die meisten Kliniken ihren Angestellten

keine Chat-Messaging-Lösung zur Verfügung

stellen, werden häufig Consumer-Lösungen wie

WhatsApp genutzt.

Deren Einsatz kann von der Krankenhaus-IT

nicht kontrolliert werden, ist nicht sicher, und

birgt für die Kliniken neben IT-Mehrarbeit auch

erhebliche Risiken, gerade vor dem Hintergrund

der EU-Datenschutz-Grundverordnung. Viele

IT-Verantwortliche sehen jedoch keine echte

Alternative zu WhatsApp und unterschätzen die

Risiken hinsichtlich des Datenschutzes und der

Nichteinhaltung der DSGVO.

WhatsApp ist nicht für den

dienstlichen Gebrauch geeignet

Doch Consumer Chat Messaging Apps sind

nicht für den dienstlichen Gebrauch geeignet

und wurden auch nie dafür konzipiert. Das Argument,

dass WhatsApp ja auch verschlüsselt,

greift zu kurz. Allein im Hinblick auf die DSGVO

erfüllt WhatsApp in vielen Punkten die Anforderungen

nicht. Dazu gehören neben dem Serverstandort

außerhalb der EU vor allem fehlende

Kontroll- und Datensicherheitsmechanismen

für die IT-Abteilung. Zudem sammeln Whats-

App & Co Metadaten über die Nutzung und

greifen dabei auch auf Daten im Telefonbuch

des Nutzers zu. Dies alles gilt es zu verhindern,

um Reputationsverlust und mögliche Strafen

aufgrund von Verstößen gegen die DSGVO zu

vermeiden.

86

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Die Lösung des Dilemmas: NetSfere

Um das Dilemma zu beseitigen, sollten Krankenhaus-Verantwortliche

neben dem Verbot

von Consumer Messaging Lösungen wie

WhatsApp für den dienstlichen Gebrauch, ihren

Mitarbeitern zwingend eine eigene, sichere

Chat-Messaging-Lösung zur Verfügung stellen.

Bestens geeignet dafür ist NetSfere, eine

sichere, mobile Kommunikationslösung für

geschlossene Benutzergruppen von Infinite

Convergence Solutions. NetSfere verschlüsselt

alle Konversationen Ende-zu-Ende, gibt der

Klinik-IT die volle Kontrolle über die Kommunikationsbeziehungen

und bietet den Nutzern

alle Vorzüge einer modernen Chat-Messaging-

Lösung.

• Mit NetSfere können IT-Administratoren

sicherstellen, dass DSGVO Vorgaben erfüllt

werden.

• Neben sicherem Chat Messaging kann man

mit NetSfere voll verschlüsselte Sprachanrufe

in HD-Qualität führen und Live Video

Broadcasts tätigen.

• NetSfere verfügt über eine sichere API, über

die sich Klinik-Systeme und Applikationen

bei Bedarf anbinden lassen.

• Mit NetSfere können Kliniken nicht nur

intern, sondern auch extern sicher und

DSGVO-konform kommunizieren, also z.B.

zwischen Kliniken, mit externen Ärzten oder

auch mit Patienten.

• NetSfere ist auf den mobilen Betriebssystemen

iOS und Android verfügbar und kann

auch über den Browser auf dem Desktop genutzt

werden.

• NetSfere ist sowohl als Public-Cloud-Lösung

mit Serverstandort Deutschland, als

auch als dedizierte On-Prem-Lösung im

Rechenzentrum des Krankenhauses erhältlich.

Wahl zum „Digitalisierungsthema

der Gesundheitswirtschaft 2018

und Proof of Concept

Im Februar 2018 hat NetSfere gemeinsam mit

dem Klinikpartner Klinikum Oldenburg den ersten

Platz im Wettbewerb um die fünf Digitaliserungsthemen

2018 erreicht. Am Wahlabend

wählten sich weitere Kliniken auf das Thema,

um einen offiziellen Proof of Concept zu starten.

Neben dem Klinikum Oldenburg sind das

die Vestischen Caritas-Kliniken, das Westpfalz-

Klinikum, das Universitätsklinikum Münster, die

Kliniken Nordoberpfalz und die St. Augustinus-

Kliniken. Ralf Boldt, IT-Leiter des Klinikums Oldenburg,

brachte die Relevanz der Lösung auf

den Punkt: "Wir glauben, dass es entscheidend

ist, unsere Mitarbeiter mit den mobilen Lösungen

auszustatten, die sie benötigen, um ihre

Aufgaben besser zu erfüllen, so dass sie nicht

mehr mit unsicheren Messaging-Anwendungen

aus dem privaten Gebrauch kommunizieren

müssen. Dies ist ein großes Dilemma, mit dem

fast jedes Krankenhaus in Deutschland konfrontiert

ist. NetSfere hat uns die notwendige

Kontrolle gegeben, um diese Art von mobiler

Kommunikation zu regeln und zu sichern."

Das Feedback aller sechs Häuser im Proof of

Concept ist äußerst positiv und die beteiligten

Verantwortlichen denken bereits über eine

weitere Ausbaustufe der Lösung nach. Nachdem

das primäre Ziel der Beseitigung des Whats-

App Dilemmas mit der jetzigen Lösung erreicht

wurde, arbeitet man nun an der Schaffung von

Mehrwerten in der Kommunikation durch die

Integration der Lösung in klinische Systeme.

Den weiteren Fortschritt des Projektes präsentiert

das Projektteam auf dem Deutschen

Krankenhaustag auf der MEDICA im November

2018 in Düsseldorf und auf dem ENTSCHEIDER-

EVENT in Düsseldorf im Februar 2019.

IT-Entscheiderfabrik

»Consumer Chat Messaging

Apps sind nicht für den

dienstlichen Gebrauch

geeignet und wurden auch

nie dafür konzipiert. Das

Argument, dass Whats-

App ja auch verschlüsselt,

greift zu kurz. Allein im

Hinblick auf die DSGVO

erfüllt WhatsApp in vielen

Punkten die Anforderungen

nicht.«

Franz Obermayer

Multi device –

intern und extern

sicher kommunizieren

Weitere Informationen auf www.netsfere.com/de

oder per E-Mail an: sales@netsfere.com

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 87


IT-Entscheiderfabrik

Chancen

für junge Unternehmen

Wettbewerb um den Start Up- und Young Professional Preis der ENTSCHEIDERFABRIK

Erneut gab es im vorigen Jahr wieder den

Wettbewerb um den Start Up und Young Professional

Preis. Dabei geht es um junge Unternehmen,

die relativ neu am Markt sind und

interessante Geschäftsideen für Kliniken und

Pflegeheime entwickelt haben.

Ziel dieses Wettbewerbs ist es, innovativen Start

Up Unternehmen und Young Professionals den

Zugang zum Erfolgskonzept der ENTSCHEIDER-

FABRIK zu erleichtern. Das Querdenken gerade

junger, innovativer Unternehmen wird auch –

so die Hoffnung - die Kreativität von am Markt

bereits etablierten Firmen anregen. Es geht um

Austausch und Networking und den Nutzen,

den alle Beteiligten daraus ziehen können.

Ausgewählt werden können Unternehmen,

die in den vergangenen drei Jahren ihr Start

Up-Unternehmen gegründet haben und eine

innovative Lösung für Prozesse der Gesundheitswirtschaft

anbieten. Sie erhalten die

Möglichkeit, die ENTSCHEIDERFABRIK als

Forum für diese Lösung zu nutzen. Diese Lösung

bzw. Geschäftsidee kann sowohl auf primäre,

sekundäre, als auch tertiäre Prozesse der

Patientenversorgung sowie administrative Abläufe

gerichtet sein. Bewerbungen sind jeweils

bis zum Sommer-Camp der Entscheiderfabrik

einzureichen (Email: Pierre-Michael.Meier@

vuiG.org). Aus den Bewerbungen werden die

besten Beiträge ausgewählt. Die Start Up Session

findet auf dem Deutschen Krankenhaustag

im Rahmen der Medica im November in Düsseldorf

statt. Die Preisträger werden hier auf

dem LiveView Stand der ENTSCHEIDERFABRIK

präsentiert und nehmen am Entscheider-Event

des folgenden Jahres in Düsseldorf teil.

Ähnliche Kriterien gelten für die Bewerbung zur

Young Professional Session der ENTSCHEIDER-

FABRIK. Sie sollten in den letzten drei Jahren

ihre Ausbildung abgeschlossen haben und ein

innovatives Projekt bei einem Leistungserbringer

in der Patientenversorgung umgesetzt

bzw. eine innovative Idee entwickelt haben.

Auch ihnen gibt die ENTSCHEIDERFABRIK eine

Plattform, sich damit vorzustellen und gegebenenfalls

Partner zu finden, diese weiterzuentwickeln.

Die drei erstplatzierten Unternehmen im Wettbewerb um den Start-Upund

Digitalisierungspreis der ENTSCHEIDERFABRIK stellten im vorigen Jahr

folgende Lösungen vor:

1. Recare:

Effizientes Entlassmanagement mit Recare – Nachversorgung schneller

und wirtschaftlicher organisieren

2. imito:

imito Lösungen fördern die visuelle Dokumentation und Kollaboration in

Krankenhäusern

3. connectedhealth:

Patient-Empowerment mit der innovativen Lösung „Life Time“

88

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Digitaler Marktplatz

für Überleitungen

Recare: Bessere Verweildauersteuerung durch stabile, digitale Prozesse.

IT-Entscheiderfabrik

Die Recare GmbH

Recare wurde 2017 in Berlin gegründet und besteht aus einem jungen, internationalen

Team. „Uns alle verbindet die Motivation, eine gute Pflegekraft für unsere Lieben

zu finden. Nun vereinfachen wir die Prozesse für alle: Kliniken, Pflegedienste und

Familien“ heißt es auf der Unternehmenshomepage. Recare gewann beim Entscheider-Event

im Februar 2018 in Düsseldorf den 1. Platz im Wettbewerb um den Start

Up und Young Professional Preis.

Seit dem 1. Oktober 2017 ist der Rahmenvertrag

Entlassmanagement für die Krankenhäuser

verbindlich. Die Kliniken müssen

einen nahtlosen Übergang der Patienten in

die nachfolgenden Versorgungsbereiche garantieren.

Ein funktionierendes Entlassmanagement

ist aber nicht nur durch die nun

verschärften Anforderungen zentral für Kliniken.

Auch der demographische Wandel und

das damit steigende Patientenalter erhöhen

unabhängig davon den Aufwand: Es gibt mehr

Patienten mit pflegerischem oder geriatrischem

Versorgungsbedarf und somit mehr

Arbeit im Überleitungsbereich.

Wie in vielen anderen Bereichen auch, laufen

im Überleitungsbereich hochgradig individuelle

Prozesse in den Krankenhäusern ab. Je nach

Situation des Patienten sind sehr unterschiedliche

Arten von Überleitungen und Verlegungen

notwendig und müssen individuell geregelt

werden. Oft übernimmt der Sozialdienst viele

der Pflichten, häufig gibt es aber auch andere

funktionale Strukturen wie Case Management,

pflegerisches Entlassmanagement oder Entlasskoordinatoren.

Manchmal sind sogar Stationspflege

oder auch Ärzte über die normale Informationsweitergabe

hinaus aktiv am Prozess

der Überleitung beteiligt.

Was alle diese Prozesse im Krankenhaus jedoch

in der Regel gemeinsam haben, ist die analoge

und manuelle Umsetzung. Allein im Pflegebereich

haben wir in Deutschland jedoch schon

fast 27.000 Versorger. Um für alle Patienten, die

das benötigen, eine adäquate Nachversorgung

zu organisieren, muss ein Krankenhaus häufig

mit mehreren hundert Partnern im ambulanten

Bereich zusammenarbeiten. Eine durchaus

schwierige Aufgabe, denn die Lücke zwischen

wachsendem Bedarf und verfügbaren Kapazitäten

wächst, wenn auch regional sehr unterschiedlich.

Das führt dazu, dass für bestimmte Überleitungen

oft eine Vielzahl an potenziellen Partnern

kontaktiert werden muss – mit einem entsprechend

hohen Zeitaufwand und den naheliegenden

Prozessproblemen.

Diese Entwicklungen werden in den meisten

Häusern jedoch nicht nur einen Ausbau der

überleitenden Strukturen (zum Beispiel im Sozialdienst)

erfordern – eine Überlastung an der

Schnittstelle „Überleitung“ führt auch nachweislich

zu unnötigen Liegetagen im Krankenhaus,

die rein administrativer Natur sind, keine

medizinische Relevanz besitzen und gegebenenfalls

die zuständige Krankenkasse auf den

Plan rufen.

Sehr kurzfristige Entlassplanung begünstigt

dieses Problem, da dann entsprechend wenig

Zeit für die Organisation des Nachversorgungsplatzes

besteht.

Analog zu Plattformen in anderen Märkten wie

Booking.com betreibt das Berliner Start Up

Recare erfolgreich einen digitalen Marktplatz

für Überleitungen in den post-akuten Sektor.

Krankenhausanwender können in der webbasierten

Plattform anonyme Versorgungsprofile

für Überleitungen anlegen. Diese werden

im nächsten Schritt mit Verfügbarkeiten und

Leistungsspektren von lokalen Nachversorgern

zusammengeführt. Die Plattform kommuniziert

komplett eigenständig mit den jeweiligen

Nachversorgern und fragt basierend auf einer

Maximilian Greschke

Geschäftsführer, Recare

GmbH

»Um für alle Patienten,

die das benötigen, eine

adäquate Nachversorgung

zu organisieren, muss ein

Krankenhaus häufig mit

mehreren hundert Partnern

im ambulanten Bereich

zusammenarbeiten - mit

einem entsprechend hohen

Zeitaufwand und den naheliegenden

Prozessproblemen.

Eine durchaus schwierige

Aufgabe, denn die Lücke

zwischen wachsendem

Bedarf und verfügbaren

Kapazitäten wächst.«

Maximilian Greschke

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 89


IT-Entscheiderfabrik

statistischen Annahmewahrscheinlichkeit Versorgungsplätze

an. Das Ergebnis ist eine Liste

mit passenden Nachversorgern, welche den Patienten

zum geplanten Entlassdatum fließend

übernehmen können.

Im Vergleich zum analogen Prozess vorher sind

nun außerdem alle Datenpunkte aus der Überleitung

digital vorhanden. Basierend darauf

entsteht die Möglichkeit, zum ersten Mal die

Performance Metriken eines Überleitungsprozesses

zu analysieren und Benchmarks zu bilden.

Seit dem Beginn der Arbeit an der Recare Plattform

im Januar 2017 konnte das Start Up rasant

wachsen: Mittlerweile benutzen rund 30 Krankenhäuser

und 3000 Pflegedienste und Pflegeheime

bundesweit Recare, um Überleitungen

und Verlegungen digital schneller und effizienter

abzuwickeln.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Im Schnitt

wird für 96 Prozent aller Anfragen eine Kapazität

zur fließenden Weiterversorgung über

Recare gefunden. In durchschnittlich unter 3,5

Stunden wird die erste Kapazitätszusage von

Nachversorgern abgegeben.

So können Kliniken einen stabilen Prozess einführen:

Wenn die Suchanfrage für die Nachsorge

auch nur einen Tag vor dem geplanten

Entlassdatum gestartet wird, kann man davon

ausgehen, einen flüssigen Übergang herstellen

zu können. Als Konsequenz spart das durchschnittliche

Krankenhaus in Deutschland rund

0,5 Verweildauertage pro Überleitung in die

pflegerische Nachversorgung.

Das Start Up weitet seinen Service außerdem

weiter auf vergleichbare Koordinationsleistungen

im Bereich Anschlussrehabilitation und

Hilfsmittel aus.

Digitale Überleitprozesse im pflegerischen Bereich

sind schon heute signifikant verlässlicher

als manuelle Vorgänger. Mit einer höheren Anzahl

an Patienten mit Pflegebedarf und weiterem

Druck auf Kapazitäten und Verweildauer

wird dieser Vorteil sich weiter verstärken.

Recare möchte eine zentrale Rolle in diesem

Trend einnehmen und Kliniken helfen, Nachversorgungsprobleme

elegant zu lösen.

www.recaresolutions.com

So funktioniert Recare

Quelle: Recare

90

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


WhatsApp und Instagram

für Mediziner

Ein Bild (im richtigen Kontext) sagt mehr als 1000 Worte

IT-Entscheiderfabrik

Die imito AG wurde im Jahr 2015 von Chrysanth Sulzberger und Manuel Studer in

Zürich gegründet. Eine Umfrage im Vorfeld der Gründung hatte ergeben, dass von

rund 500 Ärzten der DACH-Region bereits mehr als die Hälfte das Smartphone für

die klinische Fotodokumentation nutzte. Heute sind die Lösungen des Unternehmens

bereits in über einem Dutzend Krankenhäuser in der Schweiz und Deutschland im

Einsatz. 80 Prozent der Schweizer Universitäts-Spitäler nutzen die Lösungen. Seit

2016 konnte das interdisziplinäre Team durch die Umsetzung dieser ersten Projekte

enorm viel beim praktischen Einsatz der Apps lernen! Die imito AG belegte den

zweiten Platz im Wettbewerb der Entscheiderfabrik um den Start Up und Young

Professional Preis.

Die imito AG spart Ärzten und Pflegenden mit

smarten Werkzeugen wertvolle Zeit im klinischen

Alltag und verbessert die Qualität der

Dokumentation. Im Privaten nutzen wir alle

gerne Fotos als Gedankenstützen, z.B. um uns

eine interessante Folie von einem Vortrag

zu erinnern - oder um bei IKEA die richtigen

Regale im Selbstbedienungslager zu finden.

In der Medizin, im speziellen in den Krankenhäusern,

treffen oft die technologischen

Möglichkeiten aus dem Privaten auf unflexible

und fragmentierte Strukturen. Gerade

die klinische Fotodokumentation ist häufig

nur rudimentär von Hand auf Dateiservern

strukturiert, was die Ablage und Wiederverwendung

mühsam und zeitintensiv gestaltet.

sicheren Austausch für Zweitmeinungen mittels

Team Chat und die nahtlose Integration

in die elektronische Patientenakte. Fehler bei

der Zuordnung und verwaiste Fotos und Videos

werden vermieden.

Chrysanth Sulzberger

CEO und Co-Founder, imito

AG, Schweiz

Die Marktanalyse im Vorfeld der Unternehmensgründung

hatte ergeben, das von den an

einer Umfrage beteiligten rund 500 Ärzten über

die Hälfte das Smartphone für die klinische Fotodokumentation

verwenden. Viele verwalten

ihre Patientenbilder mit Cloud-Diensten und

tauschen sich über nicht datenschutzkonforme

Messenger wie WhatsApp zu den Aufnahmen

aus.

Wir entschieden, diese losen Enden zu untersuchen

und mit unseren klinischen Apps zu

verbinden. Damit ist es uns mit imitoCam gelungen,

die Fotodokumentation deutlich zu erleichtern.

So ermöglicht imitoCam die Befunddokumentation

mit Fotos und Videos inkl. Wundvermessung

direkt am Patienten, einen direkten und

Klinische Fotodokumentation und Kommunikation mit der

App imitoCam

Quelle: imito AG

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 91


IT-Entscheiderfabrik

imitoScan für alle,

die noch nicht ganz

ohne Papierakte

auskommen

Quelle: imito AG

Zweitmeinungen von Kollegen im Hintergrunddienst

können, ähnlich wie mit Instagram, jedoch

verschlüsselt und datenschutzkonform,

über den Team-Chat eingeholt werden.

Damit zu einem späteren Zeitpunkt Fotos und

Videos einfach wiedergefunden werden, muss

es möglich sein, die relevanten Informationen

(Suchkriterien) bereits während der Aufnahme

zu dokumentieren. Dafür können #Hashtags in

den Kommentaren verwendet werden, die eine

einfache und dynamische Strukturierung der visuellen

Befunde ermöglichen. Die fotografische

Visualisierung von Krankheiten und Verletzungen

ist eine wichtige Ergänzung zur schriftlichen

Dokumentation und dient der Verlaufsdokumentation

und Qualitätssicherung.

Ȁrzte und Pflegende sparen

mit smarten Werkzeugen

wertvolle Zeit im klinischen

Alltag und verbessern die

Qualität der Dokumentation.

Der klare Fokus auf die Prozessvereinfachung

ermöglicht

den erfolgreichen Einsatz von

imitoCam in vielen unterschiedlichen

Fachbereichen.«

Chrysanth Sulzberger

Der klare Fokus auf die Prozessvereinfachung

ermöglicht den erfolgreichen Einsatz von

imitoCam in vielen unterschiedlichen Fachbereichen,

u.a. in der Dermatologie, Krankenpflege

(Wunddokumentation), allgemeinen Chirurgie,

plastischen Chirurgie, Orthopädie, Neurologie

(hauptsächlich Videos), Hals-Nasen-Ohren-

Krankheiten, Pädiatrie.

Unsere Leidenschaft, die radikale Vereinfachung

von Aufgaben im klinischen Alltag, hat

mit imitoScan bereits ein weiteres intuitives

Werkzeug hervorgebracht. Mitgebrachte Dokumente

werden direkt mit dem Smartphone

digitalisiert, damit diese unverzüglich Teil der

elektronischen Patientenakte sind.

Bereits 80% der Schweizer Unispitäler zählen

zu unseren Kunden, sowie namhafte Krankenhäuser

Deutschlands, wie das Universitätsklinikum

Hamburg-Eppendorf oder die Sana Kliniken

AG.

Es ist großartig, mit der imito AG einen Beitrag

zur digitalen Transformation im Gesundheitswesen

zu leisten!

https://imito.io

Befunddokumentation mit Fotos und Videos inklusive Wundvermessung direkt am Patienten

Quelle: imito AG

92

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Befundübergabe

digital und datenschutzkonform

Vom Arztrechner direkt auf das Patienten-Smartphone – und umgekehrt

IT-Entscheiderfabrik

Die connected-health.eu GmbH

Gegründet wurde die connected-health.eu GmbH 2014 von Dr. med. Johannes Jacubeit,

der sich als Arzt täglich über die veraltete IT-Welt wunderte, mit der er und

seine Kollegen sich herumärgern mussten. Gemeinsam mit dem IT-Allrounder Matthias

Lau nahm er sich der Sache an. Inzwischen ist das Unternehmen auf rund 30

Mitarbeiter angewachsen, hat viele Preise gewonnen und Unterstützer gefunden. Als

erstes deutsches Digital Health Unternehmen erhält die connected-health.eu GmbH

im Rahmen eines 6,5 Millionen-Euro-Projektes Förderung aus dem Innovationsfonds

der Bundesregierung. Weiterhin hat im Verlauf der Unternehmensgeschichte neben

der Stadt Hamburg, dem High-Tech-Gründerfonds, zahlreichen Business Angels und

dem Thieme Verlag mittlerweile auch die Beteiligungsgesellschaft des SAP-Gründers

Hasso Plattner in das Unternehmen investiert.

Janika Ebmeyer

connected-health.eu GmbH

Einkaufen, reisen, bezahlen - es gibt kaum

etwas, das heute nicht mit dem Smartphone

erledigt werden kann. Doch in der Medizin

werden Ärzte und Patienten immer wieder mit

Kommunikationsmitteln aus vergangenen

Jahrzehnten konfrontiert: Papierausdrucke,

CDs, Faxe. Dabei können Ärzte schon mit wenig

Aufwand analoge Prozesse digitalisieren

und somit vereinfachen. Mit der LifeTime

Software können Arztpraxen, Kliniken und

MVZs Befunde digital und verschlüsselt an

Kollegen und Patienten versenden. Die Handhabung

ist so einfach wie der Fax-Versand,

nur datenschutzkonform. Patienten erhalten

die Dokumente in einer geschützten App auf

ihrem Smartphone. Zuweiser empfangen die

mit LifeTime gesendeten Befunde von Kollegen

direkt auf ihrem Praxisrechner.

Die Vorteile: Dank dem digitalen Befundversand

sparen Ärzte Zeit und Kosten. Ausgaben

für Briefumschläge, Papier, Drucker und Porto

entfallen. LifeTime ermöglicht einen deutlich

schnelleren Versandprozess. Haben Patienten

Zugriff auf ihre Befunde und bringen diese

zum Termin in der Arztpraxis mit, reduziert dies

zudem die Anzahl eingehender Anfragen von

Kollegen, die sich nach Befunden erkundigen.

Werden die Dokumente gleich in digitaler Form

mitgebracht, entfällt das Scannen und sie können

direkt archiviert werden. Indem der Patient

die Hoheit über seine Daten besitzt, wird er

stärker in den Behandlungsprozess einbezogen.

Das hat wiederum positiven Einfluss auf die

Therapietreue. Gleichzeitig bieten Ärzte ihren

Patienten mit LifeTime einen praktischen Service,

der ihre Patientenbindung stärkt.

Auch Patienten profitieren: In der LifeTime App

haben sie ihre medizinischen Dokumente immer

auf dem Smartphone dabei und zu jeder

Zeit das Profil ihrer Ärzte inklusive Kontaktinformationen

im Blick. Die Patienten entscheiden,

wann sie welche Dokumente mit wem teilen

wollen. Zusätzlich können sie sich mit der

LifeTime App an die Einnahme von Medikamenten

erinnern lassen, was die Therapie-Adhärenz

unterstützt.

Datenschutzkonform und schnell

Dokumente übergeben

Ob der Empfänger LifeTime bereits nutzt, muss

beim Versenden nicht beachtet werden. Der

Patient erhält eine SMS-Benachrichtigung darüber,

in welcher Form er das Dokument erhält

- inklusive Anleitung. Wird etwas an einen

Zuweiser versendet, der die LifeTime Software

noch nicht nutzt, erhält dieser das Dokument

auf dem herkömmlichen Wege per Fax. Wenn

ein Dateityp versendet wird, z.B. ein Röntgenbild,

erhält der Zuweiser eine Info via Fax mit

einer kurzen Anleitung, wie das Röntgenbild per

LifeTime datenschutzkonform empfangen werden

kann.

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 93


IT-Entscheiderfabrik

Dr. med. Johannes Jacubeit

Gründer der connectedhealth.eu

GmbH

»Durch digitale und mobile

Technologien in Arztpraxen

und Krankenhäusern

definieren wir den Arztbesuch

neu. Unsere Vision

ist es, ein freundliches,

transparentes und fürsorgliches

medizinisches Umfeld

zu schaffen, in dem der

Zugang und die Nutzung von

medizinischen Daten nahtlos

funktionieren.«

Dr. med. Johannes Jacubeit,

Gründer der connected-health.

eu GmbH

Keyvisual LifeTime: Befundversand digital

Fotos: LifeTime

Sicherer, zertifizierter Versand

Die zu übertragenden Dokumente werden am

Praxiscomputer von der LifeTime Software verschlüsselt

und dann über eine Ende-zu-Endeverschlüsselte

Verbindung gesendet. Dadurch

ist auch während der Übertragung kein Fremdzugriff

möglich. Auf dem Smartphone kann nur

ein identifizierter Patient seine Dokumente

empfangen. Die Identifikation erfolgt dabei

über die Angabe der Mobilfunknummer sowie

der Versichertennummer des Patienten bzw. einer

TAN-Nummer. Auch der Identitätsnachweis

beim Zuweiser erfolgt über eine sogenannte

2-Faktor-Authentifizierung.

Die digitale Befundübergabe mit LifeTime ist

somit gemäß der Europäischen Datenschutz-

Grundverordnung (DSGVO) datenschutzkonform.

Das hat sich das Unternehmen von der

unabhängigen Zertifizierungsstelle ePrivacy

bestätigen lassen.

doc.lifetime.eu

94

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung


Blick über den „Tellerrand“

Richtung USA

Die Entscheider-Reise 2018 – ein Höhepunkt des ENTESCHEIDERFABRIK-Jahres

IT-Entscheiderfabrik

Ein besonderes Highlight im Rahmen der ENT-

SCHEIDERFABRIK ist in jedem Jahr die Entscheider-Reise

in die USA, die auch in diesem

Sommer wieder stattfand.

Beeindruckt nahmen die Teilnehmer und Teilnehmerinnen

wahr, was die US-Kliniken und

das Health Care System in San Diego mit den

Fördermitteln des "High Tech Act" erreicht

haben und wie durch die Investitionen in

Health IT die digitale Transformation der

Einrichtungen bewältigt wurde.

Besucht wurden San Ysidro Health Center,

SHARP Healthcare, Rady Childrens Hospital

Foundation, UCSD Health System, UCSD Moores

Cancer Center sowie Scripps Mercy Hospital.

Es folgten ein Management Training on digital

Transformation und der AHA Leadership Summit.

Auf der Entscheider-Reise erfuhren die Teilnehmer

u.a., dass die US Health Systems Rady

Childrens Foundation, Scripps Clinics, SHARP

Healthcare und UC SD Health System von ihrer

institutionellen Patientenakte Verbindungsstellen

zu einer Vielzahl von individuellen Gesundheitsakten

realisiert haben. Das stellt einen

Paradigmenwechsel im Datenaustausch

hin zum Patienten dar. Das ist die Digitalisierung

4.0. Nicht nur in den USA, auch auf europäischer

Ebene wird von Health Information

Management (HIM) gesprochen.

Die IT –Informationstechnologie – wird damit

aufgrund der Vielzahl an Datenquellen zum IM

zum Informationsmanagement – und in der

Gesundheitsbranche zum Health Information

Management (HIM). Wir befinden uns mitten in

der Transformation vom analogen ins digitale

Zeitalter. Das bedeutet, Krankenhäuser brauchen

IHE-konforme Archiv-und Interoperabilitäts-Plattformen,

um mit den Patienten kommunizieren

zu können.

Die ENTSCHEIDERFABRIK besuchte mit den US

amerikanischen Freunden als ihren Gästen in

Deutschland wiederum das Universitätsklinikum

Heidelberg, das Humboldt-Klinikum

der Vivantes-Kliniken, das Unfallkrankenhaus

Berlin der BG-Kliniken, die Uniklinik der RWTH

Aachen und das Lukas Krankenhaus Neuss.

Die Entscheider-Reise 2018 – ein Höhepunkt des ENTSCHEIDERFABRIK-Jahres

Foto: ENTSCHEIDEREFABRIK

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung 95


IT-Entscheiderfabrik

„Young-Silver“

unabhängig - erfahren - intern

Von Kollegen für Kollegen

Unter dem Motto „Young-Silver im VKD“ hat der VKD eine

neue Möglichkeit des Erfahrungsaustauschs geschaffen.

Erfahrene, vor kurzem aus der Berufstätigkeit ausgeschiedene

Kollegen stellen ihr Wissen und Können den aktiven

Kollegen in den Einrichtungen zur Verfügung sowie ein

Coaching für junge Mitglieder.

Wenn Sie dieses Thema anspricht, kontaktieren Sie dazu

gerne:

Gabriele Kirchner

Geschäftsführerin

Tel-Nr.: 030 28885914

96

E-Mail: g.kirchner@vkd-online.de

VKD-Praxisberichte 2018 | Der alte Patient • Digitalisierung

www.vkd-online.de


Impressum

Praxisberichte

Zu aktuellen Fragen des

Krankenhausmanagements 2018

Projekte Positionen Perspektiven

Titelthemen::

Der alte Patient

Digitalisierung

Herausgeber:

Verband der

Krankenhausdirektoren

Deutschlands e.V.

Geschäftsstelle

Oranienburger Straße 17

D-10178 Berlin

www.vkd-online.de

Redaktion:

Angelika Volk

Redaktionsbüro Wirtschaft

und Wissenschaft

Bad Harzburg

kontakt@angelika-volk.de

Satz / Layout:

brainvibes.com

D-47647 Kerken

contact@brainvibes.com

Druck und Verarbeitung:

Vesterdruck GmbH

D-47167 Duisburg

www.vesterdruck.de

Auflage:

3.000

Schutzgebühr:

14,90 Euro

ISBN 978-3-00-060749-3


115 Jahre

... und kein bisschen leise !

Gründungstag: 5. Juli 1903

Gründungsort: Dresden

Titelthemen:

Der alte Patient

Digitalisierung

ISBN 978-3-00-060749-3

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