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Juli_2021

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24. Jahrgang<br />

<strong>Juli</strong> <strong>2021</strong><br />

2,10 €, davon 1,- €<br />

für den Verkäufer<br />

UNABHÄNGIGE STRASSENZEITUNG FÜR FREIBURG UND DAS UMLAND<br />

ZUR UNTERSTÜTZUNG VON MENSCHEN IN SOZIALEN NOTLAGEN<br />

STREETPEOPLE – CHRISTINE & PETER<br />

Privat als auch geschäftlich sind wir ein Team<br />

900 JAHRE ARMUT IN FREIBURG<br />

Armenwesen und Pflege in Freiburg (Teil 7)<br />

DIE FOLGEN DES KLIMAWANDELS<br />

Wie Dürre Völker entwurzeln und Kriege anheizen kann


INHALT<br />

3<br />

VORWORT<br />

23<br />

VERKÄUFERVORSTELLUNG<br />

4<br />

RECHT AUF STADT<br />

24<br />

BUCHBESPRECHUNG<br />

6<br />

STREETPEOPLE<br />

25<br />

KOCHEN<br />

10<br />

IM GESPRÄCH MIT...<br />

26<br />

SPORT<br />

12<br />

900 JAHRE ARMUT IN FREIBURG<br />

28<br />

KRIMI 16. FOLGE<br />

18<br />

DIE FOLGEN DES KLIMAWANDELS<br />

30<br />

RÄTSEL<br />

20<br />

EINE HOMMAGE AN DIE BREZEL<br />

31<br />

ÜBER UNS<br />

22<br />

VERTRAUEN GEWINNEN<br />

OHNE IHRE UNTERSTÜTZUNG<br />

GEHT ES NICHT<br />

Liebe LeserInnen,<br />

um weiterhin eine<br />

interessante Straßenzeitung<br />

produzieren und Menschen<br />

durch ihren Verkauf einen<br />

Zuverdienst ermöglichen<br />

zu können, benötigen<br />

wir Ihre Hilfe.<br />

Vielen Dank!<br />

Spendenkonto:<br />

DER FREIeBÜRGER e. V.<br />

IBAN: DE80 6809 0000 0002 4773 27<br />

BIC: GENODE61FR1<br />

Denken Sie bitte daran, bei einer Überweisung Ihren Namen<br />

und Ihre Anschrift für eine Spendenbescheinigung anzugeben.<br />

2<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong>


Liebe LeserInnen,<br />

willkommen im Sommer, wollte ich an dieser Stelle eigentlich<br />

schreiben. Aber wie so oft in diesem Jahr macht<br />

mir das Wetter mal wieder einen Strich durch die Rechnung.<br />

Dauerregen, Starkregen, Gewitter, dazwischen ein<br />

paar Tage mit Sonne und Temperaturen von über 30 °C.<br />

Ich kann mir nicht vorstellen, dass so was gesund ist...<br />

Gesund wird es aber hoffentlich bald in Freiburg und dem<br />

restlichen Deutschland, denn Corona scheint sich mehr<br />

und mehr zurückzuziehen. Der Inzidenzwert hat sich<br />

zwischen 6 und 7 eingependelt und alle freuen sich schon<br />

auf ihr „normales Leben“. Ganz so einfach wird es nicht,<br />

aber wenn man durch die Stadt läuft, kann man schon<br />

ein Stück weit Normalität erkennen. Man braucht keinen<br />

Test mehr zum Einkaufen, die Restaurants haben wieder<br />

geöffnet und man kann sich wieder mit Bekannten unterhalten,<br />

die man zufällig trifft, ohne auf die Personenzahl<br />

zu achten. Die Maske wird noch eine Weile bleiben –<br />

vielleicht wächst sie ja auch fest? Über die Maske echauffieren<br />

sich zwar die QuerdenkerInnen immer noch und<br />

warnen vor der Gefährlichkeit derselben, doch wenn ich<br />

nach Asien schaue stelle ich fest: Die Chinesen und die Japaner<br />

tragen seit ungefähr 30 Jahren Masken und denen<br />

ist noch nichts passiert!<br />

Dramatisch geht es in unserer Innenstadt aber trotzdem<br />

zu, zumindest auf dem Platz der Alten Synagoge. Hier<br />

kann man es niemandem Recht machen, da können<br />

sich Stadt, Uni und die Jüdische Gemeinde noch so oft<br />

zusammensetzen, es wird keinen Konsens geben. Und<br />

wenn, dann spielen die BürgerInnen und BesucherInnen<br />

der Stadt nicht mit. Ich selbst boykottiere den Platz seit<br />

der Eröffnung. Mir hatte die Wiese vorher deutlich besser<br />

gefallen. Aber ernsthaft, da bin ich kein Einzelfall. Früher<br />

war der Platz auch stets voll, ein buntes Gemisch aus<br />

Punks, Obdachlosen, StudentInnen und anderen TrinkerInnen<br />

tummelte sich auf der Wiese um das Denkmal Karl<br />

von Rottecks, der alles gut im Blick hatte. Ja, auch damals<br />

gab es Müll auf der Wiese, aber wir hatten dann einen<br />

Deal mit der Stadtreinigung, die haben uns Müllsäcke<br />

dagelassen und holten die vollen morgens ab. Es gab nur<br />

selten mal ein Problem damit und schon gar nicht in der<br />

Größenordnung und Häufigkeit wie heute!<br />

Auf der kleinen Mauer am Eck befand sich eine Gedenktafel,<br />

gestiftet von Sissi Walther-Kligler, die an die jüdischen<br />

BürgerInnen der Stadt erinnern sollte, die von den<br />

Nazis ins KZ Gurs verschleppt wurden. An der Stelle, wo<br />

die Synagoge stand, hätte man eine große Gedenk- und<br />

Schautafel über die Alte Synagoge aufstellen sollen, ich<br />

glaube, das wäre auch angenommen worden und die Leute<br />

hätten noch etwas gelernt. Dann hätte man sich diesen<br />

ganzen unpersönlichen, hässlichen Granitplatz, der<br />

zudem noch sauteuer war, schenken können und Freiburg<br />

hätte ein Stück Grün mehr behalten. Außerdem hätten<br />

die Punks rund ums Denkmal weiter für etwas Farbe in<br />

der Stadt gesorgt!<br />

Um Obdachlose und andere Randgruppen geht es in<br />

diesem Monat auch im Theater im Marienbad. Mit dem<br />

Projekt „Unter Freiburgs Dächern ohne Dach“ wollen<br />

Heinzl Spagl und Renate Obermaier auf Wohnungslose<br />

und ihre Probleme in Freiburg aufmerksam machen.<br />

Dazu haben die beiden, die vielen sicher durch das Kinder-und<br />

Jugendtheater im Marienbad bekannt sind, sich<br />

Gedanken gemacht und auch verschiedene Einrichtungen<br />

der Wohnungslosenhilfe eingeladen. Über die verschiedenen<br />

Termine kann man sich im Internet informieren, hier<br />

nur einige: Am 3. <strong>Juli</strong> um 15 Uhr werden Institutionen und<br />

Personen der Freiburger Wohnungslosenhilfe und ihre Arbeit<br />

vorgestellt. Um 17 Uhr findet eine Podiumsdiskussion<br />

mit Betroffenen und HelferInnen statt. Am nächsten Tag<br />

gibt es Lesungen und eine Buchvorstellung. Dieses Thema<br />

kann nicht oft genug in der Öffentlichkeit stehen – wir<br />

hoffen, das Projekt wird gut besucht!<br />

Mehr Informationen erhalten Sie unter:<br />

https://2020.freiburg.de/pb/1724390.html<br />

Ihnen wünschen wir wie immer viel Spaß beim Lesen<br />

und bleiben Sie uns treu!<br />

Carsten<br />

Sexualisierte<br />

Gewalt<br />

überwinden<br />

Wir sind für Mädchen und Frauen<br />

nach sexuellem Missbrauch da.<br />

Unterstützen Sie uns in dieser<br />

Zeit mit Ihrer Spende.<br />

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FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong> 3


FREIBURG – STADT FÜR ALLE?!<br />

ROMA/SINTI DISKRIMINIERUNGSBERICHT<br />

„Arbeite bei der Stadtreinigung am Müllwagen, aber<br />

über Leihfirma, da verdiene ich fast 1 Euro weniger in der<br />

Stunde und kann jederzeit gekündigt werden“, so ein Zitat<br />

aus dem Freiburger Roma/Sinti Diskriminierungsbericht<br />

für das Jahr 2020. Es zeigt, wie scheinheilig der Beitritt<br />

der Stadt Freiburg zur Resolution „Kommunen für ein<br />

starkes Lieferkettengesetz“ ist. Solange Freiburg selbst bei<br />

der eigenen Müllentsorgung und städtischen Baustellen<br />

auch auf Leiharbeit setzt, sollte die Stadt nicht von fairen,<br />

ökologischen und menschenrechtskonformen Standards<br />

schwätzen.<br />

STATUS WIRD AUSGENUTZT<br />

Zu alltäglichen Erfahrungen von Angehörigen der unteren<br />

Klassen, zu denen viele Sinti und Roma gehören,<br />

kommt bei Freiburger Roma oftmals noch die aufenthaltsrechtliche<br />

Problematik hinzu, die sie besonders verwundbar<br />

für die Ausbeutung am Arbeitsplatz macht. „Bin<br />

abgeschoben worden mit Familie. In Kosovo und Albanien<br />

gibt es keine Arbeit. Illegal zurückgekommen, um Geld<br />

für Überleben der Familie zu haben. Was soll ich machen?<br />

Jetzt arbeite ich schwarz 8-10 Stunden in der Reinigung<br />

für 7 Euro die Stunde.“<br />

Ein anderer Roma berichtet: „Mit Touristenvisum war ich<br />

hier, da kam Corona, Grenzen zu. Fand Arbeit auf dem<br />

Bau bei einem Subunternehmen. Wir arbeiten 12 Stunden<br />

schwere, dreckige Arbeit. 8 Euro je Stunde bekomme ich<br />

auf die Hand, aber meist pro Tag nur für 8 Stunden. Was<br />

soll ich tun? Ich muss es schlucken. Andere haben nach<br />

Wochen kein Geld bekommen. Gibt einige in gleicher<br />

Lage, wir müssen aufpassen und unsichtbar sein.“<br />

Die sogenannten „ArbeitgeberInnen“ nutzen die Verletzlichkeit<br />

der Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus<br />

schamlos aus. Werden Roma in Freiburg sichtbar<br />

und kommen gar auf die Idee, sich nicht um unseren<br />

Müll oder unsere Pakete etc. zu kümmern oder sich in<br />

der Fleischindustrie halb tot zu schuften, z. B. weil sie<br />

keine Arbeit finden oder diese in der Coronakrise verloren<br />

haben, und betteln auf der Straße, dann bekommen sie<br />

gleich die volle Ladung Antiziganismus ab und werden<br />

vom kommunalen Vollzugsdienst drangsaliert. „Die Stadtpolizei<br />

(kommunaler Vollzugsdienst) behandelt uns wie<br />

eine kriminelle Bande. Mit uns reden sie nicht.<br />

RECHT-AUF-STADT-NEWSLETTER<br />

Mit unserem RaS-Newsletter<br />

informieren wir einmal im Monat<br />

über„Recht auf Stadt“-Themen.<br />

info@rechtaufstadt-freiburg.de<br />

Homepage: www.rechtaufstadt-freiburg.de<br />

Termine und Links<br />

Arbeitsrechtliches Corona-FAQ:<br />

www.fau.org/kaempfe-und-kampagnen/corona<br />

Aktuelle Termine: tacker.fr<br />

Sie nehmen uns Matratzen weg, nehmen uns das Geld<br />

weg, verhängen dauernd Strafen, versuchen uns wegzutreiben.<br />

Sie behandeln uns wie Hunde, das machen sie<br />

bei anderen BettlerInnen nicht.“ Rassismus erfahren auch<br />

schon ewig hier lebende Sinti. Sie werden z. B. mitten in<br />

Freiburg im Nazisprech beleidigt „Deutschland ist nicht<br />

mehr Deutschland, (...) Hitler hat euch vergessen“.<br />

Diese alltäglichen Rassismuserfahrungen wirken sich bis<br />

zur Wahrnehmung des eigenen Körpers aus: „Wir leben<br />

in einer Welt, wo unsere Mütter sich wünschen, dass ihre<br />

Kinder weiße Haut bekommen, damit sie es im Leben<br />

besser haben werden, als unsere dunklen Kinder“, so<br />

eine 73-jährige deutsche Sinteza. Rassismus und Sorgen<br />

um die Zukunft machen krank: „Ich bin 25 Jahre und bin<br />

schon chronisch krank, Magengeschwüre von dem jahrelangen<br />

Stress um Abschiebung, jahrelang unsicher und<br />

Angst, immer jeden Tag wieder ein Problem und noch ein<br />

Problem. Ich sehne mich so nach mal ausatmen können,<br />

zurücklehnen und abschalten, Ruhe – ein Tag mal endlich<br />

ohne Stress, ohne Angst.“<br />

Die Stadt Freiburg begegnet diesen Menschen, indem sie<br />

von vielen Unterkunftsgebühren verlangt, die eigentlich<br />

den Tatbestand des Mietwuchers erfüllen müssten, oder<br />

indem eine finanzielle Förderung des Diskriminierungsberichts<br />

abgelehnt wird, weil er zu „polemisch“ sei. Das<br />

Problem, das zeigt der Bericht, heißt Rassismus. Verständlich<br />

werden die gemachten Erfahrungen aber nur, wenn<br />

man sie auch als Teil der Klassengesellschaft sieht, die<br />

Rassismus nutzt, um Gruppen unterzuordnen. Dagegen<br />

sollten wir gemeinsam kämpfen!<br />

4<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong>


STADT-FÜR-ALLE-NACHRICHTEN ( RÜCKBLICK VOM 15. MAI BIS 15. JUNI )<br />

[FR] STADT UND POLIZEI HABEN RASSISMUSPROBLEM<br />

Am 12. Juni ereigneten sich in Freiburg gleich zwei rechte<br />

Übergriffe. Der Nazi und AfD-Politiker Robert H. griff,<br />

nachdem er von zwei jungen AntifaschistInnen Faschist<br />

genannt wurde, diese mit Pfeffergel an. Als ein mutiger<br />

Augenzeuge sich ihm in den Weg stellte, stach H. mit dem<br />

Messer zu. Hätte die Freiburger Justiz schneller gehandelt,<br />

säße H. wohl schon im Knast. H. hat – begleitet von<br />

Dubravko Mandic – 2019 auf der Kaiserstuhlbrücke einem<br />

Radfahrer mit einer Eisenzange auf den zum Glück mit<br />

Radhelm etwas geschützten Kopf geschlagen. Der Prozess<br />

deswegen wurde aber verschleppt. Trotzdem übernahm<br />

die Polizei im aktuellen Fall, obwohl es mehrere ZeugInnen<br />

gegeben hat, erst nur die Perspektive des AfDlers mit<br />

Gewaltproblem. Rechte Gewalttäter gibt es auch innerhalb<br />

der Freiburger Polizei.<br />

Ebenfalls am 12. Juni wurde ein 35-jähriger Lette von<br />

einem Dutzend Männer über mindestens eine halbe<br />

Stunde massiv rassistisch beleidigt (u. a. mit „Ausländer<br />

raus“), mit dem Tode bedroht, körperlich attackiert und<br />

durch die Straßen gejagt. Dutzende Menschen sind ZeugInnen<br />

des Vorfalls geworden. Rund 30 Menschen bat<br />

der Betroffene erfolglos um Hilfe, nicht einmal die Polizei<br />

wurde gerufen.<br />

Hauptakteur der Hetzjagd an der Eschholzstraße war ein<br />

besoffener Polizist. Das musste nach bundesweiter Presseaufmerksamkeit<br />

auch die Polizei eine knappe Woche<br />

nach der Hetzjagd einräumen.<br />

[FR] BUNDESWEITER MIETENSTOPP AKTIONSTAG<br />

Der bundesweite Mietenstopp Aktionstag fand auch in<br />

Freiburg statt. Gefordert wird das Einfrieren der Mieten<br />

bundesweit für sechs Jahre, die Förderung von „fairen“<br />

VermieterInnen, die es in relevanter Anzahl gar nicht<br />

gibt, und der massive Neubau von bezahlbaren Mietwohnungen.<br />

Zudem soll es striktere Vorgaben bei „Eigenbedarfskündigungen“,<br />

ein neues soziales Bodenrecht gegen<br />

steigende Bodenpreise und eine neue Wohnungsgemeinnützigkeit,<br />

die das Gemeinwohl beim Wohnungsbau<br />

in den Mittelpunkt stellt, geben. An die notwendige<br />

Enteignung großer Wohnungsunternehmen und deren<br />

anschließende Vergesellschaftung traut sich das große<br />

Bündnis bisher leider nicht heran.<br />

[FR] IG METZGERGRÜN BEENDET GESPRÄCHE MIT DER<br />

STADTBAU<br />

Die Interessensgemeinschaft Metzgergrün hat die<br />

Gesprächsrunden mit der Freiburger Stadtbau (FSB) beendet.<br />

Sie bemängelt u. a., dass es immer noch keine Entschuldigung<br />

der FSB bei den MieterInnen gegeben hat für<br />

die rabiate Durchsetzung der Baumfällungen mit privatem<br />

Sicherheitsdienst in den Wirtschaftsgärten, trotz laufender<br />

juristischer Verfahren. Bei der Erfassung der Schäden<br />

sei die Stadtbau in keiner Weise auf die betroffenen<br />

MieterInnen zugegangen. „Statt der (...) ergebnisarmen<br />

Gesprächsrunden würden wir sehr gerne eine stadtteilübergreifende<br />

Diskussion über das Verständnis von<br />

Beteiligung in Sanierungsprojekten anregen“, so die IG<br />

Metzgergrün. Bei einem Stadtbauprojekt, bei dem, wie<br />

wir dargelegt haben, im Ergebnis 100 „bezahlbare“ Wohnungen<br />

im jetzigen Metzgergrün wegfallen, sollte eigentlich<br />

klar sein, dass es statt Kooperation nur Konfrontation<br />

geben kann.<br />

[FR] GROSSER ÄRGER ÜBER SPÄTI-ENDE<br />

Nach etlichen Klagen von intoleranten NachbarInnen des<br />

Lederleplatzes im Stühlinger und der repressiven Linie<br />

der Freiburger Stadtverwaltung musste der erste Freiburger<br />

Spätkauf Ende Juni schließen. Unter dem Motto<br />

„Der Späti geht – wir bleiben! Wem gehört die Stadt? Uns<br />

allen!“ verliehen 900 Menschen bei einer Raddemo im<br />

strömenden Regen ihrer Wut über das Ende von Bis Späti<br />

Ausdruck.<br />

[FR] REPRESSION AM SEEPARK<br />

„Der Seepark darf kein neuer Augustinerplatz werden!“<br />

– mit dieser Überschrift eines offenen Briefes kritisieren<br />

selbst die Freiburger Jusos eine polizeiliche Räumung<br />

der großen Seeparkwiese. Sie beklagen generell eine Verdrängung<br />

von jungen Menschen von öffentlichen Plätzen.<br />

An verschiedenen Freiburger Plätzen kam es im Juni zu<br />

unverhältnismäßigen polizeilichen Räumungen.<br />

[FR] WIEHRE FÜR ALLE KRITISIERT VEREINBARUNG<br />

Die Initiative Wiehre für alle für den Erhalt des Familienheimquartiers<br />

zwischen den Wiehre-Bahnhöfen kritisiert<br />

die Vereinbarung zwischen der Freiburger Stadtverwaltung<br />

und dem Familienheimvorstand. Die Initiative<br />

fürchtet, dass die Genossenschaft die Häuser in der Quäkerstraße<br />

verfallen lässt, um sie dann nach acht Jahren als<br />

nicht mehr sanierungsfähig hinzustellen und abzureißen.<br />

Wiehre für alle drängt auf echten Schutz durch eine soziale<br />

und bauliche Erhaltungssatzung.<br />

[FR] ABSCHIEBUNG AUS FREIBURG<br />

Im Zuge einer Sammelabschiebung nach Albanien wurden<br />

am 10. Juni drei Menschen aus Freiburg abgeschoben.<br />

U. a. wurden eine Mutter und ihre volljährige Tochter<br />

mit Behinderung abgeschoben. Die Mutter lebte seit<br />

neun Jahren in Deutschland in einer eigenen Wohnung<br />

und war sozialhilfeunabhängig. Sie bezahlte sogar die<br />

Krankenversicherung ihrer Tochter mit Behinderung und<br />

bezog keine staatlichen Leistungen für sie. Die Freiburger<br />

Ausländerbehörde scheint sich wieder einmal nicht aktiv<br />

für ein Bleiberecht eingesetzt zu haben.<br />

Von den Sammelabschiebungen in den Balkan sind<br />

immer wieder traumatisierte und oder erkrankte Menschen<br />

betroffen.<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong> 5


StreetPeople<br />

„Wir führen ein ganz normales Leben<br />

– nur ein wenig anders.<br />

Das Leben in einem Wohnwagen<br />

ist Freiheit.“ Christine & Peter<br />

Eine Reportage<br />

über die Menschen<br />

auf der Straße


CHRISTINE & PETER<br />

„Privat als auch geschäftlich sind wir ein Team“<br />

Für diese Ausgabe habe ich mir Christine und Peter ausgesucht,<br />

zwei sogenannte Auslandschweizer, die nunmehr<br />

seit sechs Jahren in Deutschland wohnen, und zwar<br />

hier in Freiburg. Die Antwort darauf, warum ich gerade<br />

diese zwei sympathischen Menschen gewählt habe, ist<br />

zugleich auch der Grund für ihren Aufenthalt in Deutschland:<br />

ihr Wohnwagen.<br />

Christine und Peter kennen sich seit ca. 16 Jahren. Seit<br />

ungefähr 14 Jahren sind sie verheiratet und vor etwa sieben<br />

Jahren haben sie sich dazu entschlossen, dauerhaft in<br />

einem Wohnwagen zu leben. Wenn ich ehrlich bin, dann<br />

ist das für mich selbst eine schwer vorstellbare Lebensweise.<br />

Allerdings erklärte mir Peter in unserer Unterhaltung,<br />

dass das vermutlich der Tatsache geschuldet sei,<br />

es persönlich noch gar nicht ausprobiert zu haben. Ein<br />

Gedanke, der durchaus Sinn ergibt, denn schließlich weiß<br />

er genau, wovon er da redet. Ihnen selbst sei das auch erst<br />

in den Sinn gekommen, als sie durch ungünstige Umstände<br />

ihre Wohnung verloren hatten.<br />

Als besondere Schwierigkeit gilt die Tatsache, dass sich<br />

dort noch eine weitere erwachsene Person befinden wird.<br />

Ich muss zugeben, dass hierzu eine gewisse Planungskreativität<br />

notwendig ist und man sein Leben sowie gewohnte<br />

Verhaltensweisen auf radikale Weise verändern müsste.<br />

Ein Grund mehr, mir eine dauerhafte Existenz in einem<br />

Wohnwagen schwerlich vorstellen zu können. Doch dann<br />

erwähnt Peter etwas sehr interessantes, was ich bis zu<br />

diesem Zeitpunkt nicht in Erwägung gezogen hatte:<br />

Wenn man gezwungenermaßen in eine solche Situation<br />

komme, dann würde man irgendwann bemerken, dass<br />

man viele Dinge überhaupt nicht benötige, um zufrieden<br />

leben zu können.<br />

Damals hätten sie notgedrungen in einem ganz kleinen<br />

Camper gehaust und seien einfach nur froh darüber<br />

gewesen, ein Dach über dem Kopf zu haben. Was so ein<br />

Umzug in einen Wohnwagen mit sich bringt, das wird<br />

mir klar, als mir Christine erzählt, inwieweit man sich<br />

dabei selbst reduzieren muss. Sein Leben auf ca. 6 m² auszurichten<br />

bedeutet in erster Linie, sich mit dieser Situation<br />

zu arrangieren und gewisse Dinge zu ändern.<br />

Aus reiner Neugierde bin ich bereit, mich auf ein kleines<br />

Gedankenexperiment einzulassen und überlege mir, was<br />

ich aus meiner Wohnung mitnehmen würde, wenn ich<br />

mich selbst auf einen kleinen Raum begrenzen müsste.<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong> 7


Darüber hinaus würde es sogar einige Vorzüge offenbaren,<br />

die man so zuvor nicht erfahren hätte.<br />

Als ich meinen zwei sympathischen Gesprächspartnern<br />

weiter zuhöre wird mir bewusst, dass dies nicht einfach<br />

so dahergesagt ist. Denn in der Tat konnten sie ihre Situation<br />

einige Zeit später wieder verbessern. Sie hatten eine<br />

neue Wohnung gefunden und zogen somit logisch aus<br />

ihrem Camper aus. Allerdings habe es dann nicht sehr<br />

lange gedauert, bis Christine ihren Mann darauf hinwies,<br />

dass sie den Camper und vor allem das Leben darin<br />

vermissen würde. Und da es Peter selbst nicht anders<br />

verspürte, suchten sie sich erneut ein Haus auf Rädern.<br />

Die einzigen Bedingungen seien damals gewesen, dass es<br />

regendicht sei und eine funktionsfähige Heizung haben<br />

müsse. Größe und sonstige Ausstattung seien irrelevant<br />

gewesen. Durch einen glücklichen Zufall mussten sie<br />

auch nicht sehr lange suchen und zogen alsbald wieder<br />

aus ihrer Wohnung aus; nur diesmal freiwillig.<br />

Ich finde das bemerkenswert und möchte gerne einen<br />

noch tieferen Einblick darüber erhalten, was es genau<br />

bedeutet, in einem Camper zu leben. „Für uns bedeutet<br />

das, frei zu sein“, sagt Peter, während Christine ihn<br />

zustimmend anlächelt. Es sei eine Art der Freiheit, die<br />

man in einer Wohnung nicht erfahren könne. Unter anderem<br />

gehöre dazu auch der vermeintliche Nachteil eines<br />

verengten Raumes. Da ich nicht ganz nachvollziehen<br />

kann, was Peter damit ausdrücken will, versucht Christine<br />

mir diese Aussage etwas näher zu bringen: „Wenn man,<br />

wie wir, als Paar in einem Wohnwagen lebt, dann hat man<br />

einfach nicht die Möglichkeit, sich in einen anderen Raum<br />

zu verziehen, wenn es Probleme gibt. Grundsätzlich ist<br />

man gezwungen, diese miteinander zu besprechen. Viele<br />

Menschen können das nicht und auch wir mussten das<br />

erst erlernen. Doch wenn man das macht und sich daran<br />

gewöhnt hat, dann merkt man auf einmal, dass keine<br />

bedrückenden Situationen mehr entstehen und vor allem,<br />

dass nichts verlagert wird. Der vermeintliche Zwang, sich<br />

damit auseinandersetzen zu müssen, wandelt sich um in<br />

einen viel freieren Umgang miteinander.“<br />

Mit Christine und Peter hatte ich bislang wohl die am<br />

Stück längste Unterhaltung und wenn ich so darüber<br />

nachdenke darf ich sagen, dass diese zwei wirklich einen<br />

sehr freien und offenen Umgang miteinander pflegen.<br />

Daher ist mir nun auch klar, was diese Aussage zu bedeuten<br />

hat. Es gibt keine Heimlichkeiten und es entsteht<br />

8<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong>


nicht erst die Frage, wie der andere sich gerade fühlen<br />

mag. Da man sich in einem Raum befindet, erlebt man<br />

sich und den anderen unmittelbar und direkt. Wenn<br />

man nicht offen damit umgehen kann, dann führt das zu<br />

Konflikten.<br />

Meine zwei Gesprächspartner können offenbar sehr gut<br />

damit umgehen und scheinen sich in ihrer Lebensweise<br />

bestätigt zu fühlen. Und das nicht nur, weil sie gut<br />

miteinander können, sondern weil ein Camperleben auch<br />

Ereignisse hervorbringt, die man in einer Wohnung so<br />

nicht erleben würde. Vergangene Ostern sei ein solches<br />

Beispiel gewesen, als sich mehrere Gelegenheitscamper<br />

zu ihnen an den Platz gestellt hätten. „Das war einfach<br />

wunderbar“, meint Peter, „da saßen wir Schweizer, ein<br />

Pärchen aus Polen und zwei Deutsche Urgesteine ganz<br />

gesellig beinander, haben zusammen gegessen, getrunken<br />

und geredet. Das war sehr amüsant.“<br />

Ich brauche mir gar nicht erst vorzustellen, was wohl passieren<br />

würde, wenn mehrere mir völlig fremde Menschen<br />

an meiner Haustüre klingeln würden, denn dieser Fall<br />

wird so vermutlich niemals eintreten. Peter und Christine<br />

erleben solche Momente jedoch öfters. Es sei wunderbar,<br />

sich daran zurückerinnern zu können, wen man bereits<br />

alles kennenlernen durfte. Das Leben in einem Haus auf<br />

Rädern bedeute eben nicht nur ein nebeneinanderher,<br />

sondern ein zusammen leben, in jeder Hinsicht. Man<br />

unterstütze und helfe sich gegenseitig und selbst dann,<br />

wenn einem der Nachbar nicht gefallen würde, so könne<br />

man einfach den Wagen anhängen und davonfahren.<br />

„Mach das mal mit Deiner Wohnung“, bemerkt Peter<br />

etwas schelmisch und lacht dabei.<br />

Solche und ein paar andere Dinge seien der Grund für<br />

ihre Entscheidung, dauerhaft in einem Wohnwagen zu<br />

leben. Für die zwei sei es ein Gefühl der Freiheit, welches<br />

sie zuvor nicht kannten. Und genau das ist auch der<br />

Grund für ihren Aufenthalt hier in Freiburg. Peter erklärte<br />

mir nämlich, dass man in der Schweiz nicht dauerhaft auf<br />

einem Stellplatz stehen dürfe. Wenn die Campingsaison<br />

vorüber wäre, müssten dort alle Stellplätze geräumt<br />

werden. Hier sei das nicht so und daher hatten sie sich<br />

entschieden, mit ihrem Haus auf Rädern nach Deutschland<br />

zu fahren und auch zu leben. Dies war vor ca. sechs<br />

Jahren.<br />

Zudem habe Freiburg noch einen ganz anderen Vorteil,<br />

denn Christine und Peter verkaufen beide den<br />

FREIeBÜRGER. Dies sei jedoch nicht ihre einzige Einnahmequelle.<br />

Christine zum Beispiel arbeitete in Vollzeit in<br />

der Gastronomie. Das habe ihr sehr viel Spaß gemacht,<br />

doch leider wurden die Gaststätten wegen Corona<br />

größtenteils geschlossen. Dann habe auch sie damit<br />

begonnen, die Zeitung zu verkaufen. Peter hingegen<br />

suche auf eBay-Kleinanzeigen ständig nach Dingen, die<br />

er reparieren und bestenfalls mit einem kleinen Gewinn<br />

weiterverkaufen könne. Am liebsten repariere er Fahrräder.<br />

Was beiden jedoch sehr gut gefällt, ist der Umgang<br />

mit ihren ZeitungskundInnen. „Diese kennen uns, als einzelne<br />

Verkäufer und als Paar. Denn eigentlich verkaufen<br />

wir ja getrennt an unterschiedlichen Plätzen. Manchmal<br />

jedoch helfen wir uns gegenseitig aus, wenn zum Beispiel<br />

einer von uns einen Termin hat. Und hin und wieder besuchen<br />

wir uns auch gegenseitig. Da das verdiente Geld in<br />

eine Kasse fließt spielt es auch keine Rolle, wer, wann, wo<br />

mehr verdient hat.“<br />

Ich finde, Peter und Christine sind ein echter Glücksfall für<br />

Freiburg. Ich habe mich sehr gerne mit ihnen unterhalten<br />

und ich könnte, wie immer, noch so viel mehr erzählen.<br />

Aber vielleicht möchten Sie ja gerne einmal diese zwei<br />

sympathischen Schweizer persönlich kennenlernen. In<br />

diesem Fall kann ich Ihnen nur sagen: Machen Sie es, es<br />

lohnt sich auf jeden Fall.<br />

Text: Harry Bejol<br />

Fotos: Felix Groteloh<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong> 9


Abb.: Thomas Geiger, Bust Talks – Kifwebe, Kunsthalle Emden, 2019<br />

Foto: Creditline<br />

Unser Oliver steckt mitten in einem tollen Abenteuer: Er<br />

beteiligt sich im Rahmen der „Biennale für Freiburg“ (BfF)<br />

diesen Jahres an einem Kunstprojekt („Bust Talk“). Die BfF<br />

ist eine neue Plattform für die Präsentation, Entwicklung<br />

und Vermittlung zeitgenössischer Kunst in Freiburg und<br />

findet von Mai bis September <strong>2021</strong> statt. Durch dieses<br />

Projekt hat Oliver den Künstler und Performer Thomas<br />

Geiger kennengelernt. Wir sind neugierig geworden und<br />

möchten ihn daher gerne hier vorstellen.<br />

Hallo Thomas, schön, dass wir Dir heute ein paar Fragen<br />

stellen dürfen! Wir sind durch Olivers Erzählungen neugierig<br />

geworden, mit wem er hier zusammenarbeitet.<br />

Wie geht es Dir heute?<br />

Gut geht’s mir. Ich war an diesem Wochenende zum ersten<br />

Mal seit langem wieder „aus“ – ungewohnt war das, wieder<br />

unter Leuten zu sein!<br />

Was verbindest Du mit Freiburg? Welche schönen Erinnerungen<br />

an Freiburg hast Du?<br />

Ich bin ja nicht weit entfernt aufgewachsen, in Lörrach<br />

an der Schweizer Grenze. Freiburg war dann die Stadt, wo<br />

IM GESPRÄCH MIT...<br />

Thomas Geiger<br />

man am Wochenende ausgegangen ist – und zum ersten<br />

Mal etwas großstädtischere Luft geschnuppert hat. Oft<br />

waren wir damals zum Beispiel bei den Partys am Waldsee.<br />

Freiburg verbinde ich also mit einer sehr spezifischen Zeit<br />

in meinem Leben, dem jungen Erwachsensein, und das ist<br />

natürlich generell eine aufregende Phase.<br />

Was genau machst Du alles? Kannst Du das unseren<br />

LeserInnen bitte kurz umreißen?<br />

Ich arbeite hauptsächlich mit Performance, Skulptur und<br />

Sprache und schaffe daraus kleine performative Situationen,<br />

die häufig im öffentlichen Raum stattfinden. In meiner<br />

Arbeit „I want to become a millionaire“ stehe ich auf öffentlichen<br />

Plätzen und verkaufe gestempelte signierte und<br />

nummerierte Zertifikate aus einer Auflage von 1.000.000.<br />

In meinem Festival of Minimal Actions verhelfe ich den<br />

vergangenen Aktionen und Performances anderer KünstlerInnen<br />

zu neuem Leben und re-performe diese an einem<br />

neuen Ort. Und meine „Kunsthalle3000“ ist eine „Institution<br />

als Intervention“ im und für den öffentlichen Raum, bei<br />

der ich eine banale architektonische Gegebenheit innerhalb<br />

des öffentlichen Raums zur Kunsthalle erkläre und dort ein<br />

Programm veranstalte.<br />

10<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong>


Wie kamst Du auf die Idee des Bust Talk? Und was ist das<br />

genau?<br />

Bust Talks (Büsten-Gespräche) sind eine fortlaufende Performance-Reihe,<br />

die auf der Annahme basiert, dass Büsten<br />

und Statuen nicht nur kalte und seelenlose Objekte sind,<br />

sondern potenzielle GesprächspartnerInnen, deren Erfahrungen<br />

und Ansichten Wirkungen in der Gegenwart entfalten<br />

können. In einer Interviewsituation begegne ich meinen<br />

GesprächspartnerInnen als kritisch Fragender. Dabei<br />

empfange ich die lautlosen Antworten meiner Gegenüber<br />

und gebe sie an das Publikum weiter. Die Idee entstand aus<br />

einer Einladung heraus, eine neue Performance im Arkadenhof<br />

der Universität Wien zu entwickeln – und dort gibt<br />

es reichlich Büsten.<br />

Was war Dein erster Bust Talk? Und welcher hat Dir am<br />

meisten Spaß gemacht?<br />

Mein erster Bust Talk war mit dem Chemiker Ernst Späth<br />

in Wien. Jeder Bust Talk hat so seine Momente, deswegen<br />

kann ich die Frage nach dem Spaß nicht beantworten.<br />

Warum nimmst Du an der Biennale für Freiburg teil?<br />

Ich wurde von Leon Hoesl, dem künstlerischen Leiter, eingeladen,<br />

eben diese Bust Talk-Reihe mit der Illumina -Statue<br />

im Stadtpark fortzusetzen. Im Gegensatz zu vorangegangenen<br />

Bust Talks schreibe ich diesmal den Inhalt des Gesprächs<br />

nicht selbst, sondern er entsteht in Zusammenarbeit<br />

mit einer Gruppe aus vier FreiburgerInnen. Das ist für<br />

mich eine komplett neue Arbeitsweise, da so ein wirklicher<br />

Dialog entsteht. Es ist auch eine sehr passende Arbeitsweise<br />

in Bezug auf die spezielle Statue: Der Illumina wurde vor<br />

einigen Jahren der Kopf gestohlen. Durch die Zusammenarbeit<br />

mit den vier Personen bekommt die Illumina nicht nur<br />

einen Kopf, sondern sogar vier neue imaginäre Köpfe.<br />

Du bist viel in der Welt unterwegs, warst bereits in<br />

Beirut, Guatemala City, Johannesburg usw. Wenn man<br />

so viel unterwegs ist, dann will man mit seiner Kunst bestimmt<br />

auch etwas transportieren. Was soll Deine Kunst<br />

der Welt mitteilen?<br />

Ehrlich gesagt möchte ich nichts transportieren und auch<br />

nichts mitteilen. Kunst ist für mich vielmehr ein Medium,<br />

um mit anderen Menschen in Kontakt treten zu können.<br />

Meine Arbeiten sind performative Situationen, die den Rahmen<br />

für diese Begegnungen und den Austausch schaffen.<br />

Wir sind beim Recherchieren u. a. auch auf Dein Buch<br />

„Peing in Public“ („Pinkeln in der Öffentlichkeit“)<br />

gestoßen. Was steckt dahinter?<br />

Ich habe vor einigen Jahren begonnen, mich für das öffentliche<br />

Pinkeln zu interessieren. Ein Thema, das uns alle<br />

betrifft, aber nicht gleichermaßen vor Probleme stellt.<br />

Hierzu zählen beispielsweise, dass es weitaus mehr öffentliche<br />

Pissoirs für Männer gibt, als WCs für Frauen; dass<br />

immer mehr öffentliche Toiletten in Bezahltoiletten umgewandelt<br />

werden und dass die binäre Strukturierung öffentlicher<br />

Toiletten klare, traditionelle Rollenbilder festlegt.<br />

Die Art und Weise, wie und wo wir im öffentlichen Raum<br />

pinkeln dürfen (oder eben nicht) erzählt sehr viel über<br />

unsere Gesellschaft: Hier kondensieren soziale, politische,<br />

wirtschaftliche und Genderdiskurse und es offenbaren sich<br />

subtil die gesellschaftlichen Machtverhältnisse.<br />

Du bist sehr vielfältig künstlerisch unterwegs –<br />

was inspiriert Dich?<br />

Mein Antrieb ist es, mit und durch meine künstlerische<br />

Arbeit gewohntes Terrain zu verlassen und an Orten tätig<br />

zu sein, wo ich mit meiner Arbeit verschiedene Formen von<br />

Öffentlichkeit erreiche. Als Künstler begreife ich mich als<br />

Mediator zwischen Menschen, Zeiten und Orten und habe<br />

die Überzeugung, dass Kunst und ihre Erfahrung Brücken<br />

bilden kann zwischen diesen Bereichen.<br />

Sag uns bitte mit drei Worten, was Kunst für Dich<br />

bedeutet.<br />

Kommunikation, Empathie, Gemeinschaft.<br />

Was ist für Dich der schönste Ort in Freiburg?<br />

Und welcher der hässlichste?<br />

Schwer zu sagen, weil meine Erinnerungen an Freiburg etwas<br />

verblasst sind. Allerdings sind mir bei meinem letzten<br />

Besuch zwei Orte aufgefallen, die mir sehr im Gedächtnis<br />

geblieben sind. Zum einem ist das der Karlsteg beim Stadtgarten.<br />

Das ist eine sehr spezielle Brücke, denn die fühlt<br />

sich so unglaublich leicht an. Und gleich daneben ist ja der<br />

Karlsbau, den das Adjektiv hässlich ganz gut beschreibt,<br />

wobei das jetzt nicht mal negativ gemeint ist. Es ist ein guter<br />

Kontrast zum Stadtbild und ein Ort, der sicherlich noch<br />

einiges an unerkanntem Potenzial hat.<br />

Was wünschst Du Freiburg?<br />

Dass die Bewohnerinnen mit Neugierde und Interesse die<br />

Biennale für Freiburg besuchen und schätzen lernen.<br />

Danke Thomas für das tolle Gespräch! Wir wünschen Dir<br />

für Deine Zukunft alles Gute und freuen uns sehr auf Deine<br />

Bust Talk-Performance mit Illumina im Stadtgarten.<br />

Termine der Bust Talks:<br />

23. und 24. <strong>Juli</strong>, 17 Uhr<br />

Ort: Rosengarten im Stadtgarten<br />

Eintritt frei<br />

Oliver, Conny & Ekki<br />

Anmeldung unter: anmeldung@biennalefuerfreiburg.de<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong> 11


Abb.: Judenpogrom in Straßburg 1349 (Émile Schweitzer, 1894)<br />

900 JAHRE ARMUT IN FREIBURG<br />

Armenwesen und Pflege in Freiburg (Teil 7)<br />

Foto: wikimedia commons<br />

In der letzten Ausgabe berichtete ich darüber, dass im<br />

ausgehenden Mittelalter die sozialen Schichten sich immer<br />

weiter voneinander entfernten. Die wenigen Reichen<br />

häuften immer mehr Besitz an und die Zahl der Armen,<br />

die über fast nichts verfügten, wurde immer größer.<br />

In Freiburg war das nicht anders und das bekamen auch<br />

die BewohnerInnen des Heiliggeistspitals zu spüren.<br />

Schon seit Bestehen des Großen Hospitals beim Münster<br />

erkauften sich reiche BürgerInnen als Pfründner einen<br />

gut versorgten Lebensabend im Spital und ihre Zahl stieg<br />

im ausgehenden Mittelalter immer weiter an. Da aber<br />

auch die Zahl der wirklich Bedürftigen wuchs, wurde das<br />

Spital zu eng und es musste Abhilfe geschaffen werden.<br />

Dies geschah zuerst durch den Bau eines Armenspitals,<br />

das sich in der Freiburger Neuburg befand. Dazu kamen<br />

später auch noch eine Elendenherberge und ein Waisenhaus<br />

dazu. All diese Einrichtungen waren dazu da, Hilfsbedürftigen<br />

jeder Art und natürlich auch den Pfründnern<br />

ein sicheres Obdach und eine angemessene Versorgung<br />

zu geben.<br />

Wie bereits in einer der letzten Ausgaben erzählt, gab es<br />

medizinische Versorgung in den Spitälern normalerweise<br />

nicht, auch wenn manche der Häuser den Namen Hospital<br />

führten. Nur in Notfällen wurde nach einem „echten“<br />

Arzt geschickt. Der Rest wurde von den PflegerInnen oder<br />

durch Gebete geheilt. Nun gab es im Mittelalter auch<br />

verschiedene ansteckende Krankheiten und Seuchen –<br />

wie wurden diese behandelt bzw. wo brachte man die<br />

Kranken unter? Und was gab es in jener Zeit alles für<br />

schwere Krankheiten, die wir uns heute gar nicht vorstellen<br />

können?<br />

KRANKHEITEN UND SEUCHEN IM MITTELALTER<br />

Trotz Hospital, Almosen und christlicher Nächstenliebe<br />

gelang es mittelalterlichen Städten wie Freiburg nicht,<br />

Kranke und Aussätzige in ihr Sozialsystem einzugliedern.<br />

Diese wurden weiterhin draußen vor der Stadt in<br />

völlig isolierten Häusern, sogenannten Gutleuthäusern,<br />

untergebracht. Im damaligen Deutschen Reich waren<br />

diese Gutleuthäuser, auch Leprosien oder Leprosenhäuser<br />

genannt, schon seit dem 7. Jahrhundert bekannt.<br />

12<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong>


Auch in Freiburg gab es schon früh ein solches Gutleuthaus,<br />

wobei auch hier kein genaues Gründungsjahr<br />

vorliegt. Ab 1251 ist ein solches Haus in Freiburg bezeugt,<br />

es lag auf den Feldern an der alten Handelsstraße nach<br />

Basel. Obwohl es keine genauen Pläne gibt, soll sich das<br />

Gutleuthaus ungefähr dort befunden haben, wo heute<br />

das Gasthaus „Zur Sonne“ steht. Hier wurden ab dem Mittelalter<br />

Seuchenkranke, die sogenannten „Aussätzigen“,<br />

untergebracht und mussten hier nach strengen Vorschriften<br />

und Regeln, ausgeschlossen von der Gesellschaft, leben.<br />

Doch auch wenn sich das hart oder nach Bestrafung<br />

anhört, es war im Mittelalter die einzige Möglichkeit, die<br />

Menschen in den Städten einigermaßen vor Ansteckungen<br />

zu schützen. Der Begriff „Aussätzige“ kommt wohl<br />

daher, dass die Krankheit Lepra als „Aussatz“ bezeichnet<br />

wurde. Andererseits wurden die Betroffenen durch diese<br />

Bezeichnung diskriminiert, worüber sich im Mittelalter<br />

allerdings kaum ein Mensch Gedanken machte.<br />

Lepra, Schuppenflechte, Krätze, Pest und mancherorts<br />

sogar Augenkrankheiten galten im Mittelalter als ansteckend<br />

und somit als Aussatz. Die Lepra ist eine Infektionskrankheit,<br />

welche vor allem die Haut und die Nervenzellen<br />

befällt. Vor allem auf der Haut bildet sich meist<br />

großflächiger Ausschlag, der sich fast durch den ganzen<br />

Körper frisst. Dabei können auch Muskeln, Schleimhäute,<br />

Knochen, die oberen Atemwege und bei ganz extremen<br />

Fällen auch innere Organe betroffen sein. Oft führte der<br />

Befall mit Lepra zu Verstümmelungen der Extremitäten<br />

oder zu Lähmungserscheinungen. Übertragen werden<br />

kann die Krankheit durch Sprechen, Niesen, Anhusten etc.<br />

So blieb den Städten im Mittelalter wirklich nichts anderes<br />

übrig, als die Betroffenen zu isolieren und in einem<br />

abgesonderten Seuchenhaus unterzubringen, um eine<br />

Verbreitung zu verhindern. An der Lepra starben die Menschen<br />

nicht sofort, sie konnten noch viele Jahre leben –<br />

allerdings in dem Wissen, dass es keine Heilung und auch<br />

keinen Weg zurück in die Gesellschaft gibt. Wahrscheinlich<br />

war das der eigentliche Tod! Die ersten bekannten Leprafälle<br />

gab es wohl bereits im 4. Jahrhundert und bereits<br />

100 Jahre später sind erste Leprosenhäuser in Frankreich<br />

belegt. Ihre Hochzeit hatte die Krankheit im Deutschen<br />

Reich von 1200 bis etwa 1350. Die Lepra galt übrigens bis<br />

zum Beginn des 20. Jahrhunderts als unheilbar.<br />

Während es die Lepra eigentlich zu allen Zeiten und fast<br />

überall auf der Welt gab, zog die Pest in unregelmäßigen<br />

Abständen epidemisch durchs mittelalterliche Europa. In<br />

Freiburg tauchte der „Schwarze Tod“, wie die Pest damals<br />

allgemein genannt wurde, erstmals in den Jahren<br />

1348/49 als große Seuche auf und dezimierte rasch die<br />

Bevölkerung. Da es damals keinerlei Heilmittel gegen die<br />

Pest gab, sind die an ihr erkrankten Menschen innerhalb<br />

kurzer Zeit nach Ansteckung gestorben.<br />

Abb.: Pesttafel mit dem Triumph des Todes. Tafeln dieser<br />

Art wurden an den Hauswänden zur Warnung vor der<br />

Pest angebracht.<br />

Einzig die Isolation der Erkrankten konnte die Pest fernhalten.<br />

Doch diese Epidemie von 1348 sollte in Freiburg<br />

kein Einzelfall bleiben. Zwischen dem ersten Auftauchen<br />

der Pest bis zum Jahr 1634 tobte der „Schwarze Tod“ insgesamt<br />

noch 37 Jahre in der Stadt, das gilt nach Auswertung<br />

alter Akten als erwiesen. Außerdem hat es zwischen<br />

1348 und 1756 weitere 42 Jahre gegeben, in denen andere<br />

Seuchen in Freiburg tobten. Dazu zählten Fleckenfieber,<br />

die Pocken, die Rote Ruhr, der „Englische Schweiß“ und<br />

andere. Alle diese Krankheiten galten als hochansteckend<br />

und wegen mangelnden medizinischen Kenntnissen auch<br />

als tödlich.<br />

Der „Englische Schweiß“, auch Schweißsucht oder<br />

Schweißfieber genannt, war eine Seuche, die vor allem<br />

beim Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit auftrat und<br />

in manchen Ländern ganze Landschaften entvölkerte.<br />

Diese plötzlich aufgetretene Krankheit, für die es bis<br />

heute keine endgültige Erklärung gibt, tobte durch die<br />

gesamte Bevölkerung und fand sowohl bei der armen<br />

aber auch bei der reichen Bevölkerung ihre Opfer.<br />

Die Symptome der Krankheit waren vielfältig. Sie reichten<br />

von plötzlichem Fieber und übelriechendem Schweiß<br />

über Appetitlosigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen bis zu<br />

brennendem Schmerz in der Brust.<br />

Foto: wikimedia commons<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong> 13


Abb.: „Die Pest von Ashdod“ von Nicolas Poussin (1594-1665)<br />

Die Krankheit trat, wie der Name auch sagt, zuerst in England<br />

auf und mehrmals im Mittelalter schaffte es die Seuche<br />

von dort aufs Festland. So plötzlich wie die Schweißsucht<br />

aus dem Nichts kam, so plötzlich verschwand sie<br />

um die Mitte des 17. Jahrhunderts wieder. Seitdem sind<br />

in Europa keine größeren Ausbrüche der Krankheit mehr<br />

bekannt.<br />

Wie bereits erwähnt war das medizinische Wissen im Mittelalter<br />

sehr begrenzt. Man konnte Knochenbrüche verarzten,<br />

kleinere chirurgische Eingriffe waren auch schon<br />

möglich und bei HeilerInnen gab es jede Menge Salben,<br />

Puder und Tinkturen, die bei allerlei Gebrechen halfen<br />

oder helfen sollten. Bei ansteckenden Infektionskrankheiten<br />

stießen die HeilerInnen, WundärztInnen aber auch<br />

die studierten MedizinerInnen allerdings an ihre Grenzen.<br />

Zumal man im Mittelalter von heute alltäglichen Medikamenten<br />

noch keine Ahnung hatte. Somit blieb als einziges<br />

erfolgversprechendes Mittel die Isolation und dafür<br />

brauchte man als erstes geeignete Räumlichkeiten. Auch<br />

die Ursachen für die Krankheiten, der Zeitpunkt des Auftretens<br />

der Krankheit und eventuelle Vorsichtsmaßnahmen<br />

wurden nicht oder nur halbherzig erforscht. Aber<br />

das lag an der damaligen Gesellschaft und insbesondere<br />

an der Kirche. Denn von dort wurde den Menschen oftmals<br />

gepredigt, dass die Seuchen eine Strafe Gottes seien<br />

Foto: wikimedia commons<br />

für die verschiedensten Sünden der Menschen. Im Normalfall<br />

glaubten die Menschen das, denn Gott und die<br />

Kirche waren zu der Zeit allmächtig und unantastbar.<br />

Wenn all das nicht wirkte, wurde halt nach einem anderen<br />

Schuldigen gesucht und meist auch schnell gefunden.<br />

Meist war das dann die jüdische Bevölkerung, die für alles<br />

Elend verantwortlich gemacht wurde. Die Ursachen in<br />

Kriegen, Verelendung, Dreck oder mangelnder Hygiene zu<br />

suchen, fiel damals noch niemandem ein.<br />

DAS GUTLEUTHAUS IN FREIBURG<br />

In Freiburg gab es die ersten Leprafälle, die aktenkundig<br />

sind, im Jahre 1252. Allerdings existierte da bereits ein<br />

Dokument von 1251, in dem erstmals ein Gutleuthaus in<br />

Freiburg erwähnt wird. Dabei handelt es sich um einen<br />

Spendenaufruf des Kardinalpriesters Hugo von St. Sabina.<br />

Mit den Spenden sollte die Fertigstellung der Gebäude<br />

vorangetrieben werden, in denen die Aussätzigen untergebracht<br />

werden sollten. Ob es sich dabei aber um<br />

einen Neubau oder einen Umbau bzw. eine Vergrößerung<br />

handelte, geht aus den Akten nicht hervor. Letzteres wäre<br />

denkbar, denn es war bereits im frühen Mittelalter üblich,<br />

Aussätzige außerhalb der Stadt in kleinen Hütten unterzubringen.<br />

Diese könnte man später zu einem „Siechenhaus“<br />

zusammengefasst haben.<br />

14<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong>


Eine weitere urkundliche Erwähnung des Freiburger<br />

Gutleuthaus stammt von 1256. In dieser fordert Papst<br />

Alexander IV. höchstselbst den Konstanzer Bischof auf,<br />

dem Freiburger Leprosorium einen eigenen Kaplan<br />

zuzuweisen, der das Recht haben sollte, sämtliche Sakramente<br />

zu erteilen. Zwei Jahre darauf entsprach Eberhard<br />

von Konstanz der Forderung und entsandte einen Priester<br />

nach Freiburg. Dieser durfte nun im Freiburger Leprosenhaus<br />

die Messe feiern, die Sterbesakramente erteilen<br />

und die verstorbenen Insassen begraben, ohne dass sich<br />

andere Pfarrbezirke einmischen konnten.<br />

Über den Ursprung der Lepra gibt es keine gesicherten<br />

Kenntnisse, sondern nur verschiedene Mutmaßungen.<br />

Eine dieser Theorien besagt, die Lepra sei als „Wanderseuche“<br />

aus dem Orient durch HändlerInnen, PilgerInnen<br />

oder aber bei Heerfahrten nach Europa eingeschleppt<br />

worden. In einer weiteren These geht man davon aus,<br />

dass germanische Stämme die Seuche während der<br />

Völkerwanderung in ganz Europa verteilt hätten. Wie<br />

gesagt gibt es darüber keine exakten Kenntnisse, denkbar<br />

wären aber beide Theorien. Über die Anfänge des<br />

Leprosenhauses in Freiburg gibt es fast gar keine exakten<br />

Erkenntnisse, es fehlen wie schon erwähnt genaue Daten<br />

über den Zeitpunkt der Gründung als auch über Personen<br />

oder Institutionen, die für den Bau des Leprosorium<br />

verantwortlich waren.<br />

Das Leben der Kranken im Gutleuthaus war sehr strengen<br />

Regeln unterworfen. 1480 wurden diese Regeln dann in<br />

der Freiburger Siechenordnung zusammengefasst, die<br />

im Jahr 1507 nochmals überarbeitet und ergänzt wurde.<br />

Das begann schon mit der Anlage eines Leprosenhauses,<br />

bei der Auswahl eines geeigneten Standortes. Hierbei<br />

wurde peinlichst genau die damalige Siechenordnung<br />

eingehalten. So musste die Unterkunft mindestens 10<br />

Minuten Gehweg von der Stadtmauer entfernt liegen und<br />

man sollte darauf achtgeben, dass der Wind nicht etwa in<br />

Richtung Stadt weht. Auch wenn fließende Gewässer in<br />

der Nähe des Standortes entlangflossen, musste darauf<br />

geachtet werden, dass der Bach oder Fluss aus der Stadt<br />

herausfloss und nicht etwa umgekehrt. Weiterhin sollten<br />

Leprosorien von einer Mauer oder einem Graben umgeben<br />

sein. Auch sollten sie günstig an Handelsstraßen liegen,<br />

um den Kranken die Möglichkeit zu lassen, für ihren<br />

Unterhalt zu betteln, denn die Stadt durften sie nicht betreten.<br />

Betteln musste aber oftmals sein, da diese Häuser<br />

in der Regel auf Spenden angewiesen waren. Verließen<br />

Aussätzige das Gutleuthaus, etwa zur Arbeit auf Feld oder<br />

Wald oder aber zum Betteln, dann waren sie verpflichtet,<br />

sich weithin bemerkbar zu machen. Dies geschah in der<br />

Regel mittels eines Glöckchens oder einer Rassel, mit der<br />

die Kranken klappern mussten, um die Menschen im Umfeld<br />

zu warnen, dass Aussätzige kommen.<br />

Abb.: Dreiteilige hölzerne Lepra-Klapper: ein im Mittelalter<br />

und der Frühen Neuzeit in vielen Regionen verpflichtend<br />

vorgeschriebenes Kennzeichen und Warn-Instrument<br />

der Lepra-Kranken, das die übrige Bevölkerung auf<br />

Distanz halten sollte.<br />

Natürlich kam man auch im Gutleuthaus nicht ohne<br />

Kirche, Gott und Glauben aus. Die Insassen lebten hier<br />

schon in einer religiösen Gemeinschaft, ohne allerdings<br />

eine echte Bruderschaft zu sein. Man kann es am ehesten<br />

als „weltliche Betgemeinschaft“ bezeichnen.<br />

Über den Alltag in Freiburger Gutleuthaus und das<br />

Entstehen weiterer Einrichtungen in der Armenfürsorge<br />

berichte ich in der nächsten Ausgabe.<br />

Ich bedanke mich beim Stadtarchiv Freiburg, der Waisenhausstiftung,<br />

Gerlinde Kurzbach und Professor Pompey.<br />

***<br />

Quellen:<br />

Freiburger Armenfond vom Mittelalter zur Gegenwart<br />

Geschichte der Stadt Freiburg<br />

Geschichte des Armenwesen<br />

Freiburg zu Fuß<br />

Geschichte des Heiliggeistspitals<br />

Heiliggeiststiftung in Freiburg im Breisgau<br />

Foto: Leper Clapper. Wellcome Collection. Attribution 4.0 International (CC BY 4.0)<br />

Carsten<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong> 15


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FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong>


FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong> 17


DIE FOLGEN DES KLIMAWANDELS<br />

Wie Dürre Völker entwurzeln und Kriege anheizen kann<br />

Foto: Photocurry / Pixabay<br />

Die Umwelthistorikerin Andrea Duffy forschte und<br />

schrieb ausführlich über Konflikte und Umweltbelastungen<br />

im östlichen Mittelmeerraum. Schwere Dürren,<br />

Wirbelstürme, steigende Ozeane und Klimamigration<br />

scheinen ein neues Phänomen unserer Zeit zu sein, doch<br />

bieten vergangene Krisen wichtige Lektionen, wie sich<br />

verändernde Klimata menschliche Gesellschaften destabilisieren<br />

können.<br />

Im späten 16. Jahrhundert stürmten Hunderte von<br />

Banditen zu Pferde durch die Landschaft des osmanischen<br />

Anatoliens, überfielen Dörfer, stifteten Gewalt an<br />

und destabilisierten die Macht des Sultans. Vierhundert<br />

Jahre später und ein paar hundert Kilometer entfernt, im<br />

ehemaligen osmanischen Territorium Syriens, eskalierten<br />

weit verbreitete Proteste 2011 in einen blutigen Bürgerkrieg,<br />

der bis heute anhält. Diese dunklen Abschnitte in<br />

der mediterranen Geschichte teilen wesentliche Merkmale,<br />

die eine Warnung für die Zukunft darstellen: Beide<br />

zwangen Massen an Menschen aus ihren Häusern. Beide<br />

hatten ihre Wurzeln in der Politik und hatten dramatische<br />

politische Folgen. Und beide wurden durch extremes Wetter<br />

im Zusammenhang mit dem Klimawandel befeuert.<br />

Während schwere Dürren, Wirbelstürme, steigende Ozeane<br />

und Klimamigration neu und einzigartig für unsere<br />

Zeit zu sein scheinen, enthalten vergangene Krisen wichtige<br />

Lektionen darüber, wie das sich verändernde Klima<br />

menschliche Gesellschaften destabilisieren kann.<br />

DÜRRE IM KERNLAND EINES IMPERIUMS<br />

Wir leben in einer Zeit der globalen Erwärmung, die<br />

größtenteils auf nicht nachhaltige menschliche Praktiken<br />

zurückzuführen ist. Dieses Zeitalter, das allgemein als<br />

Anthropozän bezeichnet wird, entstand im 19. Jahrhundert<br />

im Anschluss an eine andere Periode großer globaler<br />

Klimaveränderungen, der Kleinen Eiszeit. Die Kleine<br />

Eiszeit brachte überdurchschnittlich kühle Temperaturen<br />

und extreme Wetterverhältnisse in vielen Teilen der<br />

Erde. Im Gegensatz zur gegenwärtigen anthropogenen<br />

Erwärmung wurde sie wahrscheinlich durch natürliche<br />

Faktoren wie vulkanische Aktivität ausgelöst, und sie<br />

betraf verschiedene Regionen zu verschiedenen Zeiten,<br />

in unterschiedlichem Ausmaß und auf sehr unterschiedliche<br />

Weise. Ihr Ausbruch im späten 16. Jahrhundert war<br />

besonders in Anatolien spürbar, einer weitgehend ländlichen<br />

Region, die einst das Kernland des Osmanischen Reiches<br />

bildete und in etwa mit der heutigen Türkei zusammenfällt.<br />

Ein Großteil des Landes wurde traditionell für<br />

den Anbau von Getreide oder das Hüten von Schafen und<br />

Ziegen genutzt. Sie war eine wichtige Nahrungsquelle für<br />

die Landbevölkerung und die Bewohner der pulsierenden<br />

osmanischen Hauptstadt Istanbul (Konstantinopel).<br />

Die zwei Jahrzehnte um 1600 waren besonders schwer.<br />

Anatolien erlebte einige der kältesten und trockensten<br />

Jahre in der Geschichte, wie es Baumringe und andere<br />

paläoklimatologische Daten zeigen. Diese Periode hatte<br />

auch häufige Dürren, Fröste und Überschwemmungen.<br />

18<br />

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Gleichzeitig litten die Bewohner der Region unter einer<br />

Tierplage und einer repressiven Staatspolitik, die unter<br />

anderem Getreide und Fleisch für einen kostspieligen<br />

Krieg in Ungarn requirierte. Anhaltende Missernten,<br />

Krieg und Not zeigten große Mängel im Ottomanischen<br />

Vorratssystem auf. Während schlechtes Wetter die staatlichen<br />

Bemühungen um die Verteilung der begrenzten<br />

Lebensmittelvorräte ins Stocken brachte, breitete sich die<br />

Hungersnot über das Land bis nach Istanbul aus, begleitet<br />

von einer tödlichen Epidemie. Bis 1596 kam es zu einer<br />

Reihe von Aufständen, die zusammen als die Celali-Aufstände<br />

bekannt wurden und die längste interne Herausforderung<br />

an die Staatsmacht in den sechs Jahrhunderten<br />

der Existenz des Osmanischen Reiches darstellten.<br />

Bauern, halbnomadische Gruppen und Provinzfürsten<br />

trugen durch einen Ausbruch von Gewalt, Banditentum<br />

und Instabilität gleichermaßen zu dieser Bewegung bei,<br />

die bis weit ins 17. Jahrhundert hinein andauerte. Als Dürre,<br />

Krankheit und Blutvergießen anhielten, verließen die<br />

Menschen Höfe und Dörfer und flohen, stabilere Gebiete<br />

suchend, aus Anatolien, während die Hungersnot viele<br />

tötete, die nicht die Mittel hatten, um zu gehen.<br />

SCHWÄCHUNG DES OSMANISCHEN REICHES<br />

Bis zu diesem Zeitpunkt war das Osmanische Reich eines<br />

der mächtigsten Regime in der frühen modernen Welt.<br />

Sie umfasste große Teile Europas, Nordafrikas und des<br />

Nahen Ostens und kontrollierte die heiligsten Stätten des<br />

Islams, des Christentums und des Judentums. Im vorangegangenen<br />

Jahrhundert waren osmanische Truppen<br />

nach Zentralasien vorgedrungen, hatten den größten Teil<br />

Ungarns annektiert und waren quer durch das Habsburgerreich<br />

vorgedrungen, um 1529 Wien zu bedrohen. Die<br />

Celali-Aufstände hatten große politische Konsequenzen.<br />

Der osmanischen Regierung gelang es bis 1611, eine relative<br />

Ruhe im ländlichen Anatolien wiederherzustellen,<br />

allerdings zu einem hohen Preis. Die Kontrolle des Sultans<br />

über die Provinzen wurde unwiderruflich geschwächt,<br />

und diese interne Kontrolle der osmanischen Autorität<br />

trug dazu bei, den Trend der osmanischen Expansion<br />

zu bremsen. Die Celali-Aufstände schlossen die Tür zum<br />

osmanischen "Goldenen Zeitalter" und schickten dieses<br />

monumentale Reich in eine Spirale aus Dezentralisierung,<br />

militärischen Rückschlägen und administrativer Schwäche,<br />

die den osmanischen Staat für die restlichen drei<br />

Jahrhunderte seiner Existenz belasten sollte.<br />

DER KLIMAWANDEL ALS BEDROHUNGSMULTIPLIKATOR<br />

Vierhundert Jahre später fiel die Umweltbelastung mit<br />

den sozialen Unruhen zusammen und stürzte Syrien in<br />

einen lang anhaltenden und verheerenden Bürgerkrieg.<br />

Dieser Konflikt entstand im Kontext von politischer Unterdrückung<br />

und der Bewegung des Arabischen Frühlings<br />

sowie am Ende einer der schlimmsten Dürren in der<br />

modernen Geschichte Syriens. Das Ausmaß der Rolle der<br />

Umwelt im syrischen Bürgerkrieg ist schwer abzuschätzen,<br />

denn wie bei den Celali-Aufständen war ihr Einfluss<br />

untrennbar mit sozialen und politischen Zwängen verbunden.<br />

Aber die brutale Kombination dieser Kräfte kann<br />

nicht ignoriert werden. Aus diesem Grund sprechen Militärexperten<br />

heute vom Klimawandel als „Bedrohungsmultiplikator“.<br />

Der Syrienkrieg geht nun in sein zweites<br />

Jahrzehnt und hat über 13 Millionen Syrer aus ihrer<br />

Heimat vertrieben. Etwa die Hälfte sind Binnenvertriebene,<br />

während der Rest in umliegenden Staaten, Europa<br />

und darüber hinaus Zuflucht gesucht hat, was die globale<br />

Flüchtlingskrise erheblich verschärft.<br />

LEKTIONEN FÜR HEUTE UND DIE ZUKUNFT<br />

Die Mittelmeerregion mag besonders anfällig für die<br />

negativen Auswirkungen der globalen Erwärmung sein,<br />

aber diese beiden Geschichten sind alles andere als<br />

Einzelfälle. Wenn die Temperaturen auf der Erde steigen,<br />

wird das Klima die menschlichen Angelegenheiten<br />

zunehmend beeinträchtigen, Konflikte verschärfen und<br />

die Migration vorantreiben. In den letzten Jahren wurden<br />

tief liegende Länder wie Bangladesch von Überschwemmungen<br />

verwüstet, während Dürreperioden das Leben<br />

am Horn von Afrika und Mittelamerika durcheinander<br />

brachten und eine große Zahl von Migranten in andere<br />

Länder schickten. Die Geschichte des Mittelmeers bietet<br />

drei wichtige Lektionen für den Umgang mit aktuellen<br />

globalen Umweltproblemen. Erstens treffen die negativen<br />

Auswirkungen des Klimawandels unverhältnismäßig<br />

stark arme und marginalisierte Menschen, die am wenigsten<br />

in der Lage sind, zu reagieren und sich anzupassen.<br />

Zweitens sind ökologische Herausforderungen in der<br />

Regel am stärksten, wenn sie mit sozialen Kräften kombiniert<br />

werden, und die beiden sind oft ununterscheidbar<br />

miteinander verbunden. Drittens hat der Klimawandel<br />

das Potenzial, Migration und Umsiedlung auszulösen,<br />

Gewalt anzustacheln, Regime zu stürzen und menschliche<br />

Gesellschaften überall auf der Welt dramatisch zu<br />

verändern.<br />

Der Klimawandel wird letztlich jeden betreffen – auf<br />

dramatische, erschütternde und unvorhersehbare Weise.<br />

Während wir über diese Zukunft nachdenken, können<br />

wir viel aus unserer Vergangenheit lernen.<br />

Andrea Duffy<br />

Andrea Duffy ist Direktorin für internationale Studien<br />

an der Colorado State University.<br />

Übersetzt ins Deutsche von Translators without Borders<br />

Mit freundlicher Genehmigung<br />

von The Conversation / INSP.ngo<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong> 19


EINE HOMMAGE AN DIE BREZEL<br />

Ein Brot, durch das die Sonne dreimal scheint<br />

Foto: pixabay<br />

Das gesuchte Objekt kennen wir, seit wir denken können.<br />

Es ist salzig oder süß, wird gerne mit Butter gegessen, ist<br />

in ganz Deutschland beliebt und wird für fröhliche Partys<br />

üppig belegt. Es besteht aus Mehl, Salz, Wasser, Hefe,<br />

Malz und je nach Rezept aus Fett. In Bäckereien gibt es<br />

das Gesuchte auch mit knusprigen Kürbiskernen oder Sesam<br />

bestreut. Richtig, es handelt sich um die Brezel.<br />

Von ihr gibt es die unterschiedlichsten Varianten, je nach<br />

Region und Tradition gebacken. Die klassische Brezel-Art<br />

ist die Laugenbrezel, die vor dem Backen für wenige Sekunden<br />

in 3-5%ige Natronlauge getaucht wird. Beim<br />

Backen kommt es zu einer nicht-enzymatischen Bräunungsreaktion<br />

(Maillard-Reaktion), wodurch die Brezel ihre<br />

charakteristische Färbung und ihren eigenen Geschmack<br />

bekommt. Die Palmbrezel aus süßem Hefeteig wird vor<br />

allem in Teilen Schwabens am Palmsonntag gebacken.<br />

In Schwaben wie auch in Baden sind die ungelaugten<br />

gezuckerten Neujahrsbrezeln aus Hefeteig beliebt, die<br />

Glück und Wohlergehen verheißen sollen. Ähnliche Neujahrsbrezeln<br />

sind im zentralen Rheinland bekannt, die ein<br />

Frühstücksbrot ersetzten und aus einem weichen geflochtenem<br />

Weckteig geformt sind. Manchmal sind sie mit<br />

Marzipan gefüllt.<br />

Weitere süße Brezeln sind Blätterteig-Brezeln, die im<br />

Großraum Stuttgart nach der württembergischen Königin<br />

Olga auch als „Olgabrezeln“ bekannt sind und vor<br />

allem im Rheinland die begehrten Puddingbrezeln. Die<br />

Faschingsbrezel wird in Fett ausgebacken und danach gezuckert.<br />

Weniger bekannt ist die Anisbreze, die ein traditionelles<br />

oberfränkisches Gebäck ist und aus einem Brötchenteig<br />

mit reichlich würzig-süßlichem Anis gebacken<br />

wird. Schloss Burg an der Wupper bei Solingen hat seine<br />

eigene Brezel erfunden, die Burger Brezel, deren Konsistenz<br />

und Geschmack an Zwieback erinnern. Die Zutaten<br />

sind bis heute ein Geheimnis der örtlichen Bäcker und sie<br />

werden in Burg an der Wupper gerne in Kaffee getunkt.<br />

So unterschiedlich die Geschmacksrichtungen der Brezel<br />

sind, so gibt es auch in ihrem Aussehen sichtbare Unterschiede.<br />

Bei bayerischen und badischen Brezeln sind die<br />

verschlungenen Ärmchen dicker und deren Ansatz liegt<br />

weiter oben. Beim schwäbischen Gebäck hingegen sind<br />

die Ärmchen dünn, sitzen weiter tief und der Brezelbauch<br />

ist deutlich dicker. In Bayern wird die Brezel am Bauch<br />

nicht eingeschnitten, sondern platzt wild m Ofen auf.<br />

Die Rezepturen in Bayern enthalten weniger Fett, manchmal<br />

auch gar keines.<br />

20<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong>


In der schwäbischen Variante ist immer Fett enthalten.<br />

Als Fett wurde ursprünglich Schmalz verwendet, heutzutage<br />

wird aufgrund der Migration und Gesundheitsbewusstsein<br />

Butter oder Pflanzenöl eingesetzt.<br />

In Oberbayern und Teilen Schwabens hat sich übrigens<br />

ein neuer „Brezel-Trend“ aufgetan: Die Pfefferbrezen,<br />

Sambabreze, Sansibar-Breze oder Tigerbrezel genannt.<br />

Diese Breze wird in einer Mischung aus Fett, Salz und<br />

Pfeffermischung getaucht oder bestrichen und anschließend<br />

gebacken. Dadurch erhält sie einen höheren Fettgehalt<br />

und schmeckt besonders würzig, pikant und saftiger<br />

als eine herkömmliche Laugenbrezel.<br />

Im Schwabenland gibt es in manchen Bäckereien nicht<br />

nur Brezeln aus Weizenmehl, sondern ebenfalls aus<br />

Dinkelmehl.<br />

Wenn eine leckere Brezel mit uns reden könnte, dann<br />

würde sie uns erzählen, dass ihre Geschichte schon 1.000<br />

Jahre alt und sie seit über 700 Jahren das Zunftzeichen<br />

der Bäcker ist. Das Wort „Brezel“ stammt übrigens aus<br />

dem lateinischen „Bracchium“, was so viel wie Arm bedeutet.<br />

Im Mittelhochdeutschen war das Wort Brezel<br />

bereits bekannt, der Name ist bis heute geblieben. In Bayern<br />

und Österreich ist „Breze“ üblich, in der Schweiz wird<br />

„Bretzel“ gesagt. Hätten Sie anhand der schmackhaften<br />

Fakten gedacht, dass die Brezel einst eine christliche Fastenspeise<br />

war? Sie zählt zu den sogenannten Gebildebroten,<br />

die zu Festen des Kirchen- oder Bauernjahres verzehrt<br />

werden, wie zum Beispiel ein Osterhase aus Hefeteig.<br />

Im Mittelalter erfreute sich das Gebäck an seinem Ruhm<br />

als Festtags- und Feiertagsspeise in den Klöstern. Im Jahr<br />

1276 wurden im Augsburger Stadtrecht sämtliche Bäckermeister<br />

aufgefordert, ihrem Burggrafen neben weiteren<br />

Gebäcken „zweierlei Sorten von Brezeln“ zur Verfügung<br />

zu stellen. In Mannheim war das Backen von Fastenbrezeln<br />

nachweislich schon im Jahr 1726 Bestandteil der<br />

Meisterprüfung eines Bäckermeisters.<br />

Die unverwechselbare Form der Brezel ist vermutlich<br />

schon über tausend Jahre alt. Unglaublich, doch das Abbild<br />

einer Brezel befindet sich auf dem Gemälde einer<br />

Abendmahlszene aus dem 11. Jahrhundert, hergestellt für<br />

das Kloster in St. Peter in Salzburg.<br />

die Sonne dreimal scheint. Dann wirst du nicht gehenkt,<br />

dein Leben sei dir frei geschenkt“. Der Bäcker hatte dafür<br />

drei Tage Zeit, ging fleißig ans Werk und kam jedoch nicht<br />

weiter. Seine Ehefrau wurde unruhig und lehnte mit verschränkten<br />

Armen im Türrahmen. So kam Frieder wohl<br />

die Idee mit der heute bekannten Form. Irene Krauß, die<br />

das Museum für Brotkultur in Ulm leitete, meint dazu,<br />

dass beide Legenden wohl nicht wahr sind. Sie hat „Das<br />

große Buch der Brezel“ geschrieben. Brezeln seien, ganz<br />

objektiv gesehen, die Vorgänger der Hostien. Sie wurden<br />

in der Kirche zum Abendmahl gereicht, erklärt Irene<br />

Krauß. Und weil Maler das darstellten, was sie kannten,<br />

gab es eben salzige Brezeln beim Abendmahl. Entwickelt<br />

habe sich die Brezel aus Teigkringeln, die zur Zeit der Römer<br />

zu kultischen Zwecken gegessen wurden. Daraus entstand<br />

ein Gebäck in Form einer Sechs, dann wurden zwei<br />

Sechsen zusammengelegt und letztendlich zur Brezel<br />

verschlungen.<br />

Dass es durchaus einen geschichtlichen Zusammenhang<br />

zwischen der Brezel und Religion gibt, beweist sichtbar<br />

das „Bäckerfenster“ am Freiburger Münster, das heute<br />

noch bestaunt werden kann. Es wurde im 14. Jahrhundert<br />

von der Zunft der Freiburger Bäcker gestiftet und stellt<br />

appetitlich eine Brezel mit zwei Spitzwecken dar. Neben<br />

dem Zunftsymbol beinhaltet es die Lebensgeschichte der<br />

heiligen Katharina von Alexandrien, eine außergewöhnlich<br />

schönen und klugen, katholischen als auch orthodoxen<br />

Märtyrerin und Nothelferin.<br />

Die Brezel ist also nicht nur ein salziges, würziges und süßes<br />

Backwerk, sondern zudem ein Gebäck mit einer langen,<br />

vielfältigen Geschichte und in unserer Tradition tief<br />

verankert.<br />

In eigener Sache<br />

Rose Blue<br />

Um die eher unscheinbar wirkende Brezel ranken sich um<br />

die Formgebung viele Mythen und Legenden. Eine davon<br />

erzählt von einem Mönch, der im Jahr 610 durch die zum<br />

Gebet gekreuzigten Arme seiner Mitbrüder inspiriert worden<br />

sein soll. Oder die des Bad Uracher Hofbäckers Frieder,<br />

der seinem Landesherrn Graf Eberhard stets diente und<br />

im Jahr 1477 so schlecht gebacken hatte, dass dieser ihn<br />

wütend in den Kerker warf und zum Tode verurteilte.<br />

Da Frieder jedoch vorher gute Dienste geleistet hatte,<br />

ließ der Graf Gnade walten und gab ihm folgende raffinierte<br />

Aufgabe: „Back ein Brot, lieber Freund, durch das<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong> 21


© Wildwasser e. V.<br />

Wildwasser e. V.<br />

Sexualisierte Gewalt überwinden – Vertrauen gewinnen<br />

Wohnungslose Frauen sind keine Seltenheit, auch wenn<br />

sie häufig unscheinbarer auftreten oder als bloße Anhängsel<br />

männlicher Obdachloser wahrgenommen werden.<br />

Laut der BAG Wohnungslosenhilfe e. V. ist ihr Anteil<br />

in den letzten Jahren kontinuierlich auf ca. 26 % gestiegen.<br />

Frauen machen mittlerweile also rund ein Viertel<br />

der obdachlosen Menschen in Deutschland aus.<br />

Es gibt in Freiburg verschiedene Angebote speziell für<br />

Frauen, die keine feste Bleibe haben, z. B. FreiRaum und<br />

OFF (Obdach für Frauen). Schutzräume dieser Art sind<br />

für die Frauen wichtig, da sie auf der Straße mit vielen<br />

Problemen konfrontiert sind, die mit ihrem Frau-Sein in<br />

Verbindung stehen. Das vielleicht gravierendste dieser<br />

Probleme heißt sexualisierte Gewalt. Nicht selten landen<br />

Frauen auf der Straße, weil sie vor sexuellem Missbrauch<br />

innerhalb des Familienkreises fliehen mussten. Manche<br />

Mädchen sehen in der Flucht auf die Straße die einzige<br />

Möglichkeit, sexuellem Missbrauch durch die Eltern,<br />

Geschwister, Verwandte oder Bekannte der Familie zu entkommen.<br />

Manche Frauen fliehen vor ihren übergriffigen<br />

Partnern und finden sich häufig sozial isoliert und ohne<br />

finanzielle Mittel auf der Straße wieder. Manchmal setzt<br />

sich der Teufelskreis fort, etwa, wenn obdachlose Frauen<br />

bei männlichen Bekannten zeitweise unterkommen<br />

können, wobei nicht selten Gegenleistungen in sexueller<br />

Form gefordert werden.<br />

Oft ist das Schamgefühl zu groß, um sich anderen Menschen<br />

anzuvertrauen oder professionelle Hilfe in Anspruch<br />

zu nehmen. Häufig fühlen sich Betroffene sehr<br />

alleingelassen und verzweifelt. Falls Du von sexualisierter<br />

Gewalt betroffen warst oder bist und das hier liest, sei<br />

gewiss, dass sich viele Mädchen und Frauen in einer<br />

ähnlichen Lage befinden und dass es die Möglichkeit gibt,<br />

dem Teufelskreis zu entkommen. In unserer Beratungsstelle<br />

Wildwasser e. V. in der Basler Straße 8 beraten wir<br />

Mädchen und Frauen, die in ihrer Kindheit oder Jugend<br />

sexuellen Missbrauch erlebt haben bzw. erleben. Erwachsene<br />

Frauen, die akute sexuelle Gewalt erleben, können<br />

sich an die Beratungsstelle Frauenhorizonte e. V. wenden,<br />

die sich im gleichen Haus befindet. Wir bieten persönliche<br />

oder telefonische Beratungen an und unterliegen der<br />

Schweigepflicht. Sie kann einmalig sein oder bei Bedarf<br />

auch mehrmals, das entscheidest Du selbst.<br />

Wir informieren auch über eine Anzeige, wenn das<br />

gewünscht ist, und geben Dir Informationen über den Ablauf.<br />

Wenn Du Dich für eine Anzeige entscheidest, kannst<br />

Du von uns zur Kripo und zum Gericht begleitet werden.<br />

Bei uns sind alle Frauen, trans, inter und nicht binäre<br />

Personen, sowie Frauen mit Migrationshintergrund und<br />

Frauen mit Behinderung willkommen. Wir kümmern uns<br />

bei Bedarf um ÜbersetzerInnen der unterschiedlichen<br />

Sprachen oder um GebärdendolmetscherInnen.<br />

Die Beratungen sind kostenlos und können anonym sein.<br />

Wir suchen gemeinsam mit jeder Ratsuchenden nach<br />

selbstbestimmten Lösungen.<br />

Kontakt:<br />

Website: www.wildwasser-freiburg.de<br />

E-Mail: info@wildwasser-freiburg.de<br />

Tel.: 0761 - 33645<br />

22<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong>


Engagiert für wohnungslose Menschen<br />

Liebe BesucherInnen der Sonntagstreffs,<br />

aktuell gibt es leider noch keine Termine im <strong>Juli</strong>.<br />

Bitte achtet auf Aushänge in den Tagesstätten,<br />

falls kurzfristig doch noch Einladungen<br />

von Gemeinden kommen!<br />

Eure Freunde von der Straße<br />

Foto: E. Peters<br />

VERKÄUFERIN RAMONA<br />

Hallo, liebe Leute, ich heiße Ramona und möchte mich<br />

Ihnen kurz vorstellen: Geboren bin ich im Wiesental bei<br />

Lörrach, lebe aber seit 1972 mit einigen Unterbrechungen<br />

in Freiburg. Von 1995 bis 2016 habe ich mit viel Freude als<br />

Gärtnerin in der Stadtgärtnerei gearbeitet.<br />

Auf den FREIeBÜRGER aufmerksam wurde ich durch den<br />

Verein Freunde von der Straße und die Biggi von der Pflasterstub‘.<br />

Je nach Wetterlage verkaufe ich täglich von 8 bis<br />

14 Uhr den FREIeBÜRGER am Fahnenbergplatz vor dem<br />

Alnatura. Außer Mittwochs und Freitags, da stehe ich<br />

ganztags vor dem Alnatura in der Kaiser-Joseph-Straße.<br />

Meine Kundschaft ist querbeet und der Verkauf macht<br />

mir sehr viel Spaß. Ich komme raus aus meiner Bude und<br />

es entstehen tolle soziale Kontakte. Viele verwöhnen mich<br />

zusätzlich zum Zeitungskauf mit einem Kaffee oder einem<br />

leckeren Teilchen vom Bäcker – toll!<br />

In meiner Freizeit stricke ich sehr gerne Socken, manchmal<br />

auch an meinem Verkaufsplatz. Ich lese gerne und<br />

löse leidenschaftlich gerne Rätsel.<br />

Für meine Zukunft wünsche ich mir ein E-Bike, damit es<br />

gesundheitlich wieder bergauf geht. Ansonsten kann alles<br />

so bleiben wie es ist – meine Kundschaft auch.<br />

Vielen Dank für Ihre Unterstützung und vielleicht bis bald<br />

an einem meiner Verkaufsplätze!<br />

Ihre Ramona<br />

TheaTer Freiburg<br />

summer sTage<br />

Das blanke<br />

exTrem<br />

esTer poly<br />

uvm.<br />

in kooperation mit<br />

Verein für notwendige Kulturelle MassnahMen e.V.<br />

HASLACHer STr ASSe 25 | 79115 freiBUrG<br />

www.slowclub-freiburg.de<br />

check the date<br />

Anzeige<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong> 23


Nina Kunz<br />

„Ich denk, ich denk zu viel“<br />

Kein & Aber<br />

ISBN 978-3-0369-5843-9<br />

192 Seiten | 20 €<br />

Gerhard Maria Kirk<br />

„Ach, dieses Leben“<br />

Bestellung unter:<br />

geemka@gmx.de<br />

242 Seiten | 25 €<br />

BUCHTIPPS VON UTASCH<br />

In „Ich denk, ich denk zu viel“ der Autorin Nina Kunz<br />

geht es um Sinnkrisen, Selbstzweifel und Sehnsüchte.<br />

In den dreißig Kolumnen, von denen die meisten bereits<br />

im Magazin des Züricher Tagesanzeigers veröffentlicht<br />

wurden, präsentiert Kunz eine kurzweilige Mischung<br />

aus Theoriesammelsurium und vom Alltag inspirierten<br />

Betrachtungen. Autobiografische Texte über die Suche<br />

nach dem unbekannten Vater und Erinnerungen an die<br />

Zeit an der Uni lesen sich ebenso leicht wie ihre Reflexionen<br />

über das Butterbrot und Donuts oder ihre Beziehung<br />

zu Internet und Smartphone. Sie schreibt über das<br />

Leben in Zürich und das Faszinierende an Berlin. Es macht<br />

Spaß, ihren Gedanken über das koreanische Wort „Dabdabhada,<br />

über den Herbst, das Lesen und Liebeskummer<br />

zu folgen. Sie sinniert über die Wirkung eines Tattoos<br />

am Arm eines perfekten Mädchens, über das Verhältnis<br />

zum eigenen Körper und zum Frausein. Sie stellt die<br />

zehn besten feministischen Bücher vor, schreibt über den<br />

Unterschied zwischen Nachdenken und Grübeln und<br />

verknüpft geschickt einige wissenschaftliche Erkenntnisse<br />

mit eigenen Gefühlen und Beobachtungen.<br />

Die Textsammlung der 1993 geborenen Autorin ermöglicht<br />

vielfältige Einblicke in die Gedankenwelt einer<br />

jungen Frau, die sich zwischen Selbstoptimierung und<br />

Leistungsdruck irgendwie selbst finden will. Dabei scheint<br />

ihr die mehrmals zitierte Oma eine besonders wichtige<br />

Stütze zu sein. So wenden sich diese Kolumnen nicht nur<br />

an junge Menschen, sondern viel mehr auch an die Generation<br />

der Eltern und Großeltern, für die diese Lektüre<br />

sehr erhellend sein kann. Dabei kommt garantiert keine<br />

Langeweile auf!<br />

In „Ach, dieses Leben“ von Gerhard Maria Kirk sind vierzig<br />

Erzählungen von Ab-, Um- und Aufbrüchen vereint. „Lieber<br />

ein Leben mit Brüchen als eine heile Welt“ lautet ein<br />

Motto des in Kirchzarten lebenden Autor. Und so handeln<br />

seine Erzählungen von Menschen in außergewöhnlichen<br />

und herausfordernden Situationen. Es gilt immer wieder<br />

aufs Neue, alte Gewohnheiten zu hinterfragen, sich der<br />

eigenen Vergangenheit zu stellen und Veränderungen im<br />

Leben vorzunehmen. An diese Bruchstellen führt uns Kirk<br />

in seinen Erzählungen. Er versteht seine Geschichten als<br />

„Ode an das Leben und den Tod – und alles dazwischen<br />

und darüber hinaus“.<br />

Kirk will Lust machen auf das Ausprobieren im Leben<br />

und über das Sicht- und Greifbare hinaus auf vermeintliche<br />

Unstimmigkeiten aufmerksam machen. Denn das<br />

Unbegreifliche macht das Leben erst interessant. Und auf<br />

unbekannten Wegen gibt es viel zu entdecken.<br />

Auch wenn die Geschichten lehrreich und manchmal<br />

etwas belehrend wirken, bieten sie den Lesenden keine<br />

Lösungen für die vielschichtigen Brüche im Leben, sondern<br />

fordern eher dazu auf, kluge Fragen an sich selbst<br />

zu stellen. Kirk vertraut auf die Entdeckungsfreude der<br />

LeserInnen, die nach manch einer seiner Geschichten<br />

vielleicht einen Aha-Effekt erleben werden.<br />

Der 1950 geborene Autor hat nach dem Studium der<br />

Geschichte und Theologie fast vier Jahrzehnte als Redakteur<br />

für die Badische Zeitung gearbeitet. Der Erzählband<br />

wurde im Eigenverlag publiziert und kann per E-Mail<br />

unter geemka@gmx.de bestellt werden.<br />

24<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong>


DREIERLEI-SCHLEMMEREI<br />

Foto: E. Peters<br />

Herzlich willkommen auf unserer Kochseite!<br />

Im Sommer gibt es einfach nichts besseres als einen<br />

leckeren Obstsalat. Eingekauft haben wir unseren Beeren-Mix<br />

auf dem Stühlinger Bauernmarkt gegenüber<br />

unserer Redaktion. Aber nur ein Obstsalat war uns dann<br />

doch zu langweilig... Daher haben wir uns diesen Monat<br />

für einen beerigen Obstsalat in einer fluffig leichten<br />

Magerquark-Crêpe mit einer Kugel selbst gemachtem<br />

Erdbeer-Minz-Sorbet entschieden.<br />

Einfach nur eine bunte, sommerlich erfrischende Vitaminbombe<br />

– sehr lecker!<br />

Zutaten für 4 Personen:<br />

100 g Zucker, 10 Minzblätter, 6 Eier, 8 EL Magerquark, 6-8<br />

EL Zucker, 1 TL Salz, 6 EL Mehl, 1 Limette, je eine Schale Erdbeeren,<br />

Himbeeren, Heidelbeeren, 150 ml Wasser<br />

Zubereitung:<br />

Erdbeer-Minz-Sorbet: 150 ml Wasser mit 100 g Zucker<br />

in einen Topf füllen, unter Rühren kurz aufkochen lassen<br />

und für weitere 8-10 Min. köcheln lassen. Anschließend<br />

vom Herd nehmen und kalt werden lassen. Erdbeeren<br />

und Minzblätter waschen, in eine Schüssel geben<br />

und mit einem Stabmixer fein pürieren. Die Masse in einen<br />

flachen Behälter füllen. Den abgekühlten Zuckersirup<br />

hinzugießen, gut durchmischen und in den Gefrierschrank<br />

stellen. Alle 30 Min. den Behälter kurz rausnehmen<br />

und die Masse gut mit einem Löffel durchrühren.<br />

Den Vorgang weitere siebenmal wiederholen. Nach vier<br />

Stunden sollte das Sorbet die perfekte Konsistenz haben.<br />

Obstsalat: Alle Beeren außer den Erdbeeren waschen<br />

und in eine große Schale geben. Danach die Erdbeeren<br />

waschen und vierteln und auch in die Schale geben. Den<br />

Beeren-Mix mit dem Saft einer Limette beträufeln, alles<br />

vorsichtig vermengen und zur Seite stellen.<br />

Magerquark-Crêpes: 6 Eier, 8 EL Magerquark, 6-8 EL<br />

Zucker, 1 TL Salz in eine Schüssel geben und schaumig<br />

schlagen. Danach erst 6 EL Mehl hinzufügen und alles mit<br />

einem Mixer gut durchrühren, bis keine Klumpen mehr<br />

vorhanden sind. Den Crêpe-Teig in eine beschichtete Pfanne<br />

geben, gerade immer so viel, bis der Boden bedeckt ist.<br />

Ca. 2-3 Min. bei mittlerer Hitze auf jeder Seite „braten“.<br />

Auf jeden Crêpe in der Mitte einen Obstsalatstreifen setzen<br />

und die Crêpe zusammenrollen.<br />

Guten Appetit!<br />

Oliver & Ekki<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong> 25


Dafür ist Wales wiederum keine Sensation, schließlich<br />

standen die Briten 2016 im Halbfinale. Die Finnen hatte<br />

ich auch etwas weiter vorn erwartet, vor allem nach<br />

ihrem Auftaktsieg gegen Dänemark. Aber wie die alte<br />

Fußballweisheit schon besagt: Ein Pukki macht noch<br />

keinen Titel!<br />

Hallöchen, liebe Sportfreunde,<br />

da bin ich mal wieder mit den Sportmeldungen und<br />

diesmal mit der Fußball-Europameisterschaft. Keiner<br />

wollte sie – da sie nun aber stattfindet, schaue ich sie mir<br />

an und sag halt auch meine Meinung dazu!<br />

Seit Jahren betonen die großen Sportverbände wie IOC,<br />

FIFA, UEFA usw. eine strikte Trennung von Sport und<br />

Politik. Bei Zuwiderhandlung werden drastische Strafen<br />

angedroht. Aber die SportlerInnen leben doch nicht<br />

ausschließlich auf ihren Trainingsplätzen, die bekommen<br />

doch mit, was um sie herum passiert. Sie bilden sich ihre<br />

Meinung und müssen diese auch öffentlich vertreten<br />

dürfen! Wenn es darum geht, gegen Alkohol und Drogen<br />

vorzugehen, dann sagt man auch, dass sie mit gutem<br />

Beispiel vorangehen sollen. Warum dürfen sie das dann<br />

nicht, wenn es um Rassismus oder Homophobie geht?<br />

Beim Münchner Stadionprotest sollte es nicht wirklich<br />

um Politik gehen, sondern um Menschenrechte. Was wäre<br />

denn passiert, wenn die Münchner ihre Arena in Regenbogenfarben<br />

angestrahlt hätten, ohne dass vorher groß<br />

bekannt zu geben? Hätte die UEFA die deutsche Mannschaft<br />

vom Turnier ausgeschlossen? Ich glaube nicht! Im<br />

Übrigen gab es auch keine Strafen, als die westliche Welt<br />

1980 die Olympischen Spiele von Moskau boykottierte<br />

und der Ostblock vier Jahre später gleichzog. Oder bei<br />

der Fußball-WM 1978 in Argentinien, als einige Weltstars<br />

daheimblieben, um gegen das Militärregime zu protestieren.<br />

Ich fand die Entscheidung der UEFA jedenfalls<br />

armselig!<br />

Die Vorrunde ist vorbei und die Favoriten haben allesamt<br />

das Achtelfinale erreicht. Dass die Türkei sang- und klanglos<br />

mit null Punkten ausgeschieden ist, hat mich dann<br />

aber doch verwundert, denn so wie die vorher getönt<br />

haben, dachte ich: Die wollen den Titel holen!<br />

Gleich am 2. Spieltag gab es einen riesigen Schreckmoment,<br />

als der Däne Eriksen kollabierte und wiederbelebt<br />

werden musste. Für mich war dabei unverständlich, dass<br />

das Fernsehen noch eine knappe Stunde live im Stadion<br />

blieb und jeden der da rumlief befragte, wie er das<br />

Unglück einschätzt, bewertet oder was er einfach davon<br />

hält – über Gaffer an der Autobahn regt man sich auf...<br />

Noch unverständlicher war allerdings, dass die UEFA das<br />

Spiel danach wieder anpfeifen lies und die unter Schock<br />

stehenden Dänen zu Ende spielen mussten (und verloren!).<br />

Eine der Begründungen war der enge Terminplan,<br />

was allerdings völliger Quatsch ist. Es gibt etliche Ruhetage,<br />

sodass alle Spiele einen Tag nach hinten verschoben<br />

werden könnten...<br />

Ansonsten gab es tolle Spiele und das eine oder andere<br />

Team hat schon mal eine dicke Bewerbung für den Titel<br />

abgegeben. Vor allem die Italiener, die Belgier und die<br />

Holländer waren stark und sind große Favoriten.<br />

Die deutsche Mannschaft hatte es in der sogenannten<br />

„Todesgruppe“ mit Frankreich, Portugal und Ungarn zu<br />

tun und damit deutlich schwerer als die anderen Favoriten,<br />

die vor dem Turnier so gehandelt wurden. Jede<br />

Menge Leute haben Jogis Truppe ein Ausscheiden in der<br />

Vorrunde vorhergesagt, ich auch, wie man in der letzten<br />

Ausgabe lesen konnte. Der Grund sind die Leistungen der<br />

letzten Jahre. Eigentlich hat sich DIE MANNSCHAFT seit<br />

dem WM-Titel von 2014 auf ihren Lorbeeren ausgeruht.<br />

Klar, Weltmeister, das ist was, da kann man sich auch was<br />

drauf einbilden, aber doch nicht sechs Jahre lang! In den<br />

letzten Jahren gab es nur noch unattraktives Gekicke,<br />

ohne Leidenschaft und daher auch ohne Erfolg. Deshalb<br />

sind sie auch in der Weltrangliste so abgerutscht und daher<br />

war es auch möglich, in einer solch schweren Gruppe<br />

zu landen.<br />

Egal, das war nicht zu ändern und so ging es gleich im<br />

ersten Spiel gegen Frankreich und es wurde verloren und<br />

es fühlten sich alle Meckerer bestätigt. Ich nicht, denn ich<br />

habe mir das Spiel richtig angeschaut und festgestellt,<br />

dass das gar nicht so schlecht war. Die Leidenschaft im<br />

deutschen Team ist zurück, die haben gekämpft und vor<br />

allem habe ich von Beginn an gespürt: Die wollen das<br />

gewinnen. Und diesen Eindruck hatte ich über 90 Minuten!<br />

Hey, gegen Frankreich kann man verlieren, schließlich<br />

sind die Weltmeister. Sie waren ja auch besser, aber nicht<br />

26<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong>


Foto: Alexander Hassenstein / REUTERS<br />

Abb.: Deutschlands Robin Gosens feiert sein Tor gegen Portugal in der Fußball-Arena München<br />

so deutlich wie ich es vorher erwartet hatte. Im zweiten<br />

Spiel gegen Portugal drehten die Jungs dann so richtig<br />

auf und schossen den noch amtierenden Europameister<br />

vom Platz. Da hat man endlich mal den aggressiven<br />

Angriffsfußball von früher gesehen, der Deutschland so<br />

erfolgreich gemacht hat! Spielfreudig, kombinationssicher<br />

und schnell, so haben sie Ronaldo und Co. schwindlig<br />

gespielt. Vor allem Robin Gosens hat sich in die Herzen<br />

der deutschen Fans gespielt und auch Kai Havertz hat<br />

mal gezeigt, warum er 100 Millionen Euro kostet. Nach<br />

dem Match sprangen sämtliche Stammtischkritiker<br />

im Land wie wild in der Gegend herum und riefen den<br />

vierten Titelgewinn aus. Da war dann aber noch das letzte<br />

Gruppenspiel gegen Ungarn. Ein Unentschieden würde<br />

reichen, aber jeder erwartete natürlich den nächsten<br />

Sturmlauf der MANNSCHAFT. Doch so einfach wurde es<br />

nicht, immerhin hatten die Ungarn gegen Frankreich<br />

einen Punkt geholt und gegen Portugal haben sie erst in<br />

den letzten fünf Minuten verloren. Es kam wie es kam:<br />

Ungarn führte früh und dank des Ergebnisses im anderen<br />

Gruppenspiel lag unser Team auf Rang vier und wäre<br />

raus. Bis zur 86. Minute blieb das so und Fußballdeutschland<br />

zitterte. Am Ende fiel dann doch noch der Ausgleich<br />

und Deutschland hat sich ins Achtelfinale gezittert. Hier<br />

geht es dann im Wembley gegen England und da kann<br />

man sich noch mal fürs Wembleytor von 1966 revanchieren.<br />

Da sollten dann aber wieder Lust und Laune mitspielen<br />

wie gegen Portugal. Vielleicht sollte der Jogi noch<br />

mal über die Aufstellung nachdenken. Goretzka muss<br />

von Anfang an spielen und Leroy Sané sollte raus. Sané<br />

hat in allen drei Spielen mitgemacht, aber überzeugt hat<br />

der nicht. Irgendwie sieht das lustlos aus, wie er über<br />

den Platz schleicht. Gewinner in der MANNSCHAFT ist für<br />

mich Robin Gosens, der bei Atalanta Bergamo in Italien<br />

spielt. Der macht richtig Spaß, und wenn man bedenkt,<br />

dass der sich mal in Lüdenscheid vorgestellt hat und die<br />

den weggeschickt haben...!<br />

Es kamen eine Menge Leserbriefe zum Schalker Abstieg,<br />

aber ich kann Euch beruhigen, ich mach trotzdem weiter,<br />

ich ignoriere den Abstieg! Auch einen einzelnen Leser<br />

kann ich beruhigen, der sich (mit einem Augenzwinkern)<br />

beschwert hatte, dass ich zu wenig über Lüdenscheid<br />

schreibe. Ich gelobe Besserung und werde in Zukunft die<br />

Borussen kritischer unter die Lupe nehmen!<br />

Für heute war es das, beim nächsten Mal gibt es einen<br />

großen Bericht über die Europameisterschaft.<br />

Carsten<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong> 27


Kontakt: www.schemske.com<br />

FOLGE 16<br />

Wolf Hammer war nicht aufzufinden. Als Miriam ihm das<br />

Ergebnis ihrer Recherche über eine verschlüsselte App<br />

übersenden wollte, wurde ihr klar, dass er sein Handy<br />

ausgeschaltet hatte. Jetzt konnte sie Wolf das überraschende<br />

Ergebnis gar nicht mitteilen.<br />

Das Objekt ihrer Nachforschungen, der Sektenführer Alois<br />

Rubac, hatte in der Nähe von Passau gewohnt, als 2000<br />

seine Eltern starben. Sein großes Erbe konnte er aber<br />

nicht sofort antreten, weil er kurz davor nach Paragraph<br />

182 Strafgesetzbuch – darin geht es um den sexuellen<br />

Missbrauch von Jugendlichen – zu einer mehrjährigen<br />

Gefängnisstrafe verurteilt worden war.<br />

Erst nach seiner Freilassung war er 2009 nach Freiburg<br />

gezogen und hatte eine Villa in Günterstal gekauft.<br />

Seine anschließende Karriere als ‚Ihre Heiligkeit‘, wie er<br />

sich nennen ließ, begann mit der Übernahme einer der<br />

Pfingstbewegung nahestehenden freikirchlichen Gemeinde,<br />

deren Oberhaupt verstorben war.<br />

Miriam hatte sehr viel zu tun und konnte die Angelegenheit<br />

nicht weiterverfolgen. Sie legte den USB-Stick mit<br />

dem Dossier in ihren großen Firmensafe und beschloss,<br />

erst einmal abzuwarten.<br />

***<br />

Die breiten Reifen einer Limousine quietschten auf dem<br />

glatten Betonboden der Freiburger Bahnhofs-Tiefgarage,<br />

als der Fahrer in einen freien Stellplatz einbog. Er stieg<br />

aus und öffnete die hintere Seitentür. Er bückte sich in<br />

den Wagen und holte unter dem Fahrersitz eine Plastiktüte<br />

heraus, deren Inhalt er auf den Rücksitz gleiten ließ.<br />

Dann leerte er seine Hosentaschen in den Beutel und<br />

schob ihn wieder in das improvisierte Versteck. Den Parkschein<br />

legte er auf die Mittelkonsole.<br />

Der mittelgroße Mann trug einen hellbeigen Leinenanzug,<br />

durchbrochene, braune Sommerschuhe und weiße<br />

Socken. Von der Heckablage holte er einen Panamahut<br />

und eine flache, ochsenblutfarbene Tasche aus auffällig<br />

genarbtem Alligator-Leder.<br />

Als er seinen Arm ausstreckte, war seine Rolex und am anderen<br />

Handgelenk ein voluminöser Torque zu sehen. Das<br />

keltische Schamanen-Schmuckstück war wie die Rolex<br />

aus einem angeberisch glänzenden Gold gefertigt. Dicke<br />

Goldketten, die unter seinem bis an den Bauchnabel offenen<br />

und sehr bunten Hawaiihemd verschwanden, vervollständigten<br />

seinen Habitus.<br />

Er nahm die Autoschlüssel zur Hand, warf die Türen zu,<br />

schloss ab und legte den Schlüssel auf den Vorderreifen.<br />

Als er die Steigung der Parkhaus-Ausfahrt heraufkam,<br />

grüßte ihn die schräg gewachsene, große Kiefer, die ihn<br />

schon seit seiner Kindheit fasziniert hatte. Die große Kraft<br />

und Zähigkeit dieses Baumes, der allen Bemühungen widerstand,<br />

ihn auszurotten, war ihm ein großes Beispiel.<br />

Dann ging er hinüber zum Freiburger Hauptbahnhof und<br />

stieg in ein wartendes Taxi.<br />

***<br />

Hatte es geklingelt? Wieder einmal war keiner da, um zu<br />

öffnen, also ging Alois Rubac selbst zur Haustür. Er öffnete.<br />

Gerade fuhr ein Taxi davon, aber er sah niemanden.<br />

Doch, jetzt kam jemand auf seine Villa zu. Es war ein Kerl,<br />

28<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong>


der in ein Hawaiihemd mit dermaßen schreienden Farben<br />

gekleidet war, dass es den Augen wehtat.<br />

„Wer sind Sie, was wollen Sie?“, fragte er den Hanswurst.<br />

„Sind Sie von der Spirituellen Kirche?“, fragte der Mann<br />

mit einem seltsamen Akzent. Er sprach wie ein Deutscher,<br />

der lange in Amerika gelebt hatte. Alois war zu<br />

überrascht, um etwas sagen zu können, und nickte nur.<br />

„Grüß Gott! Ich bin Gründer und Inhaber der Stiftung<br />

‚Freie-Seelen-Bewegung‘ aus Tulsa, Oklahoma, USA. Wir<br />

haben Sie mit Gottes Hilfe für eine größere Zuwendung<br />

ausersehen.“<br />

Alois war erfreut. „Eine Spende? Wofür? Wie viel?<br />

Kommen Sie doch herein! Wie soll ich Sie nennen?“ Der<br />

Besucher klemmte seine Aktentasche unter den Arm<br />

und reichte Alois die Hand. „Ich bin Jim, darf ich Sie Alois<br />

nennen?“ Sie durchquerten den Eingangsbereich und<br />

traten in ein Büro, das ebenso wie die Halle mit dunklem<br />

Holz getäfelt war.<br />

Jim räusperte sich. „Zu deinen Fragen. Wir sind vom Klan,<br />

und wir haben in dir einen Gesinnungsfreund erkannt.<br />

Unsere Nachforschungen haben ergeben, dass du absolut<br />

vertrauenswürdig bist, das Große Werk in unserem Sinne<br />

hierzulande fortzuführen.“ Alois rutschte nervös auf<br />

seinem Chefsessel herum. Was war da nur los, sollte das<br />

etwa ein Betrüger sein? Aber die wollten doch meistens<br />

Geld ... und der hier wollte etwas geben.<br />

Jim fuhr fort. „Die Spende beträgt zwei Millionen US-<br />

Dollar und steht selbstverständlich zu deiner freien Verfügung.“<br />

Er rückte näher zum Schreibtisch und öffnete<br />

seine Aktentasche. Zum Vorschein kam ein Dokument,<br />

das er Alois hinüberreichte. „Ah, die Zentralbank von<br />

Belize“, sagte Alois beeindruckt. Nur die vielen Nullen<br />

verwirrten ihn ein wenig. Jim sagte schnell: „Hast du ein<br />

Schweizer Nummernkonto? Wenn nicht, können wir dir<br />

helfen, eines einzurichten. Du willst diese ‚Kleine Spende‘<br />

doch nicht etwa direkt auf das Kirchenkonto leiten, oder?“<br />

Alois wollte alles, nur das nicht, und nickte. „Hab‘ ich. Wo<br />

muss ich unterschreiben?“, fragte er. Aber Jim lachte nur.<br />

„Nirgends, ich habe es ja schon unterschrieben, siehst du?<br />

Ich brauche nur deine Kontoangaben, und es wird überwiesen.<br />

Bist du online? Dann ist die kleine Transaktion<br />

in Minuten erledigt, und wir können uns einen genehmigen!“<br />

Alois öffnete seinen Laptop, ging in sein Konto<br />

und prüfte einen eventuellen Geld-Eingang.<br />

Jim hatte unterdessen seinen kleinen Tablet-Computer<br />

geöffnet, den Bankeinzug bestätigt, und Alois sah den in<br />

Euro ein wenig geringeren Betrag nach einer Weile auf<br />

seinem Konto. Es war wahr!<br />

Ein gewisses Unbehagen blieb aber doch. Wer war dieser<br />

Kerl? Und von welcher Organisation? Er hatte den Namen<br />

dieser so überaus hilfreichen Bruderkirche bereits vergessen.<br />

Als ob Jim Gedanken lesen könnte, antwortete<br />

er: „Also, unsere Stiftung die ‚Freie-Seelen-Bewegung‘, ist<br />

so etwas ähnliches wie bei euch ein wohltätiger Verein.<br />

Wir stehen dem Klan nahe, habe ich das schon erwähnt?“,<br />

sagte Jim schnell und in einem eindringlichen Ton.<br />

„Klan?“, fragte Alois, der in Gedanken Geld zählte ... Jim<br />

lachte und rief aus: „Na, der Ku-Klux-Klan, kennst du den<br />

nicht?” Alois nickte. Jim sprach weiter: „Bei euch sind<br />

doch zum Beispiel Polizisten, aber auch ehrbare Bürger<br />

dabei. Beim KKK zu sein ist auch im Alten Home-Land gebräuchlich.“<br />

Sein Akzent war wieder stärker geworden.<br />

Alois erinnerte sich an seine Gastfreundschaft und öffnete<br />

ein Fach in seinem Schreibtisch. Er hatte nur Klaren,<br />

Danziger Goldwasser, aber Jim protestierte nicht. Sie erhoben<br />

die Schnapsgläser und tranken.<br />

„Wie hältst du’s mit den Traditionen?“, fragte Jim, der<br />

Mühe hatte, das scharfe Getränk zu genießen, ohne sich<br />

zu verschlucken. Alois wirkte jetzt fast beleidigt. „Traditionen?<br />

Mein Großvater war Mitarbeiter von Gerd, dem<br />

Waffenhändler und ehemaligen SS-Offizier, der wiederum<br />

ein Intimus von Paule war. Ich selbst ...“, fuhr Alois fort,<br />

„... bin Mitglied im ‚Freundeskreis Colonia Dignidad‘ und<br />

fahre oft nach Chile.“<br />

Jim, es war niemand anderer als der verkleidete Wolf<br />

Hammer, wusste, dass der ‚Paule‘ sich 1968 den Ermittlungen<br />

der deutschen Staatsanwaltschaft entzogen hatte,<br />

indem er mitsamt seiner Pfingstlergruppe nach Chile<br />

floh, und darüber hinaus noch mehrere Jugendliche entführte<br />

und mitnahm, wobei er ihnen ein ‚urchristliches<br />

Leben im gelobten Land‘ versprach. Die in Deutschland<br />

und Österreich zurückgebliebenen Eltern bemühten sich<br />

erfolglos, ihre Kinder wieder nach Hause zu holen.<br />

- Fortsetzung folgt -<br />

NEU!<br />

www.schemske.de<br />

Wolf Hammer Krimi<br />

als audiobook<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong> 29


WIR WERDEN DIE NUSS SCHON KNACKEN!<br />

WORTSPIEL-RÄTSEL<br />

von Carina<br />

Fett-umrandete Kästchen stellen den jeweiligen Lösungsbuchstaben des endgültigen<br />

Lösungswortes dar und zwar von oben nach unten gelesen. Sind pro Einzel-Lösung mehrere<br />

Kästchen fett umrandet, sind diese Buchstaben identisch! Alles klar? Na dann viel Spaß!<br />

Zur Beachtung: Ä/Ö/Ü = AE/OE/UE und ß = SS<br />

Hallöle liebe Schlaumeier!<br />

Bald sind Sommerferien und es war bestimmt kein einfaches Schuljahr aufgrund der Pandemie,<br />

denn etwas blieb wahrscheinlich trotz aller Bemühungen doch ein wenig auf der<br />

Strecke, das als ein hohes Gut gilt und auch als Schlüssel für eine erfolgreiche Lebensgrundlage.<br />

Sie ist auch die Grundlage der gesamten Menschheitsgeschichte und umfasst mehr als<br />

nur Wissen. Ihr ahnt, worum es hier diesmal geht: Thema Bildung ist diesmal gefragt und<br />

ich bin mir sicher, dass Ihr das hier mit Bravour meistert.<br />

1. Müll-Multiplikationsergebnis<br />

2. Lehranstalt für Vierbeiner<br />

3. Unbekanntes Satzteil<br />

4. Monatsblutung für eine Handstellung<br />

5. Puste-Wissen<br />

6. Wettlauf mit einem Tätigkeitswort<br />

7. Fremdsprache für Fischfänger<br />

8. Schreibflüssigkeits-Mörder<br />

9. Oberhalb-Test<br />

10. Mathematik für eine Fraktur<br />

Lösungswort:<br />

Zu gewinnen für das korrekte Lösungswort:<br />

1.- 3. Preis je ein Gutschein unserer Wahl<br />

UND:<br />

Im Dezember <strong>2021</strong> wird von ALLEN korrekten<br />

Einsendungen ein zusätzlicher Gewinner gezogen,<br />

der eine besondere Überraschung erhält!<br />

Einsendeschluss<br />

ist der 28. <strong>Juli</strong> <strong>2021</strong><br />

(es gilt das Datum des Poststempels bzw. der E-Mail)<br />

E-Mails NUR mit Adressen-Angabe. Unsere Postanschrift findet Ihr<br />

im Impressum auf Seite 31. Teilnahmeberechtigt sind alle, außer die<br />

Mitglieder des Redaktionsteams. Wenn es mehr richtige Einsendungen als<br />

Gewinne gibt, entscheidet das Los. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.<br />

Lösungswort der letzten Ausgabe: IMMERGRUEN<br />

bestehend aus den folgenden Einzellösungen:<br />

1. WINDPARK 2. BLUMENERDE 3. PUSTEBLUME<br />

4. BLUETENSTAUB 5. BAUMKRONE 6. GLUECKSKLEE<br />

7. BAERLAUCH 8. GUMMIBAUM<br />

9. ASTGABEL 10. ROSENSTOCK<br />

Gewonnen haben (aus 66 korrekten Einsendungen):<br />

L. & E. Schmiedel, Freiburg<br />

T. Nunninger, Freiburg<br />

I. Teutsch, Freiburg<br />

HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH !<br />

Die Gewinner werden schriftlich benachrichtigt.<br />

30<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong>


ÜBER UNS<br />

Seit Jahren geht in unserer Gesellschaft die Schere zwischen<br />

Arm und Reich weiter auseinander. Besonders durch die<br />

Agenda 2010 und die damit verbundenen Hartz IV-Gesetze<br />

wurden Sozialleistungen abgesenkt. Die Lebenshaltungskosten<br />

steigen jedoch von Jahr zu Jahr. Viele Menschen kommen<br />

mit den Sozialleistungen nicht mehr aus oder fallen schon<br />

längst durch das ziemlich löchrig gewordene soziale Netz.<br />

Und heute kann jeder von Arbeitslosigkeit bedroht sein.<br />

Vereine und private Initiativen versuchen die Not, in welche<br />

immer mehr Menschen kommen, zu lindern und die Lücken<br />

im System zu schließen. Es gibt unterschiedliche nichtstaatliche<br />

Einrichtungen wie z. B. die Tafeln, welche sich um diese<br />

ständig wachsende Bevölkerungsgruppe kümmern. Oder<br />

eben die Straßenzeitungen wie der FREIeBÜRGER.<br />

In unserer Straßenzeitung möchten wir Themen aufgreifen,<br />

welche in den meisten Presseerzeugnissen oft zu kurz oder<br />

gar nicht auftauchen. Wir wollen mit dem Finger auf Missstände<br />

zeigen, interessante Initiativen vorstellen und kritisch<br />

die Entwicklung unserer Stadt begleiten. Wir schauen aus<br />

einer Perspektive von unten auf Sachverhalte und Probleme<br />

und kommen so zu ungewöhnlichen Einblicken und<br />

Ansichten. Damit tragen wir auch zur Vielfalt in der lokalen<br />

Presselandschaft bei.<br />

Gegründet wurde der Verein im Jahr 1998 von ehemaligen<br />

Wohnungslosen und deren Umfeld, deshalb kennen die<br />

MitarbeiterInnen die Probleme und Schwierigkeiten der<br />

VerkäuferInnen aus erster Hand. Ziel des Vereins ist es, dass<br />

Menschen durch den Verkauf der Straßenzeitung sich etwas<br />

hinzuverdienen können, sie durch den Verkauf ihren Tag<br />

strukturieren und beim Verkaufen neue Kontakte finden<br />

können. Wir sind eine klassische Straßenzeitung und geben<br />

unseren VerkäuferInnen die Möglichkeit, ihre knappen finanziellen<br />

Mittel durch den Verkauf unserer Straßenzeitung<br />

aufzubessern. 1 Euro (Verkaufspreis 2,10 Euro) pro Ausgabe<br />

und das Trinkgeld dürfen unsere VerkäuferInnen behalten.<br />

Es freut uns zum Beispiel sehr, dass sich einige wohnungslose<br />

Menschen über den Verkauf der Straßenzeitung eine neue<br />

Existenz aufbauen konnten. Heute haben diese Menschen<br />

einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz und eine<br />

Wohnung. Der FREIeBÜRGER unterstützt also Menschen<br />

in sozialen Notlagen. Zu unseren VerkäuferInnen gehören<br />

(ehemalige) Obdachlose, Arbeitslose, GeringverdienerInnen,<br />

RentnerInnen mit kleiner Rente, Menschen mit gesundheitlichen<br />

Problemen, BürgerInnen mit Handicap u. a. Unser Team<br />

besteht derzeit aus fünf MitarbeiterInnen. Die Entlohnung<br />

unserer MitarbeiterInnen ist äußerst knapp bemessen und<br />

unterscheidet sich aufgrund der geleisteten Arbeitszeit und<br />

Tätigkeit. Dazu kommt die Unterstützung durch ehrenamtliche<br />

HelferInnen. Leider können wir durch unsere Einnahmen<br />

die Kosten für unseren Verein, die Straßenzeitung und Löhne<br />

unserer MitarbeiterInnen nicht stemmen. Daher sind wir<br />

auch in Zukunft auf Unterstützung angewiesen.<br />

SIE KÖNNEN UNS UNTERSTÜTZEN:<br />

• durch den Kauf einer Straßenzeitung oder<br />

die Schaltung einer Werbeanzeige<br />

• durch eine Spende oder eine Fördermitgliedschaft<br />

• durch (langfristige) Förderung eines Arbeitsplatzes<br />

• durch Schreiben eines Artikels<br />

• indem Sie die Werbetrommel für unser<br />

Sozialprojekt rühren<br />

Helfen Sie mit, unser Sozialprojekt zu erhalten und weiter<br />

auszubauen. Helfen Sie uns, damit wir auch in Zukunft<br />

anderen Menschen helfen können.<br />

Impressum<br />

Herausgeber: DER FREIeBÜRGER e. V.<br />

V.i.S.d.P: Oliver Matthes<br />

Chefredakteur: Uli Herrmann († 08.03.2013)<br />

Titelbild: Nick Fewings / Unsplash<br />

Layout: Ekkehard Peters<br />

An dieser Ausgabe haben mitgearbeitet:<br />

Carsten, Carina, Conny, Ekki, Felix, Harry,<br />

H. M. Schemske, Karsten, Oliver, Recht auf Stadt,<br />

Rose Blue, utasch und Gastschreiber<br />

Druck: Freiburger Druck GmbH & Co. KG<br />

Auflage: 5.000 | Erscheinung: monatlich<br />

Vereinsregister: Amtsgericht Freiburg | VR 3146<br />

Kontakt:<br />

DER FREIeBÜRGER e. V.<br />

Engelbergerstraße 3<br />

79106 Freiburg<br />

Tel.: 0761 / 319 65 25<br />

E-Mail: info@frei-e-buerger.de<br />

Website: www.frei-e-buerger.de<br />

Öffnungszeiten: Mo - Fr: 12 - 16 Uhr<br />

Mitglied im Internationalen Netzwerk<br />

der Straßenzeitungen<br />

Der Nachdruck von Text und Bild (auch nur in Auszügen) sowie<br />

die Veröffentlichung im Internet sind nur nach Rücksprache<br />

und mit der Genehmigung der Redaktion erlaubt. Namentlich<br />

gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung<br />

der Redaktion wieder.<br />

Die nächste Ausgabe des FREIeBÜRGER erscheint am:<br />

2. August <strong>2021</strong><br />

Aus gegebenen Anlass finden zurzeit keine<br />

öffentlichen Redaktionssitzungen statt!<br />

FREIeBÜRGER 07 | <strong>2021</strong> 31


Hat die Freiburger Polizei ein Nazi- und Gewaltproblem?<br />

Im Juni ereigneten sich in Freiburg mehrere<br />

Gewalttaten, bei denen die Polizei eine sehr<br />

negative Rolle spielte. Der AfD-Politiker<br />

Robert H. setzte gegen einen Passanten, der<br />

sich schützend vor zwei junge Antifaschisten<br />

gestellt hatte, mutmaßlich ein Messer ein.<br />

Die Polizei übernahm in ihrer Pressearbeit<br />

die Perspektive des Faschisten, der schon in<br />

der Vergangenheit durch körperliche Gewalt<br />

aufgefallen ist. Bei einer rassistischen Hetzjagd<br />

auf einen lettischen Antifaschisten<br />

durch den Stühlinger, bei dem niemand zu<br />

Hilfe kam, war der Hauptakteur ganz offenbar<br />

ein Freiburger Polizist. Auf dem Platz<br />

der Alten Synagoge wurde eine Person, obwohl<br />

sie schon gefesellt war, von der<br />

Polizei mit Pfefferspray angegriffen und<br />

mehrmals geschlagen und getreten. Sogar<br />

im Polizeiauto schlug man dem jungen<br />

Mann, wie er berichtete, noch mehrmals ins<br />

Gesicht. Die Freiburger Polizei hat ein massives<br />

Problem, das dürfte regelmäßige RDL-<br />

Es ist Sommer und damit auch die Zeit, in<br />

der üblicherweise das Benefiz-Hoffest für<br />

Radio Dreyeckland stattfindet, das jährlich<br />

Freundinnen und Freunde für uns ausrichten.<br />

Auch im zweiten Jahr der Coronapandemie<br />

wäre ein Fest mit dichtem Gedränge<br />

auf dem Gretherhof nur mit großen Unwägbarkeiten<br />

und hohem Aufwand für ein Hygienekonzept<br />

umsetzbar. Wir sind sehr<br />

traurig, dass wir zumindest vorerst auf ein<br />

schönes Fest mit Euch verzichten müssen.<br />

Solche Benefizveranstaltungen haben für<br />

Hörer*innen nicht überraschen. Erst im Mai<br />

hatten wir z.B. darüber berichtet, dass ein<br />

Freiburger Polizist Daten nutzte, die er bei<br />

einer Personenkontrolle erhalten hatte, um<br />

anschließend eine junge Frau privat zu<br />

kontaktieren. Bei uns kommen die Betroffenen<br />

von Polizeigewalt zu Wort oder deren<br />

Perspektive. Im Gegensatz zu vielen anderen<br />

Medien bringen wir nicht unhinterfragt<br />

Polizeimeldungen.<br />

rdl.de/tag/polizei<br />

Kein Sommerhoffest für Radio Dreyeckland<br />

Wir brauchen Eure Unterstützung!<br />

einen kleinen Haushalt wie den von Radio<br />

Dreyeckland auch finanziell eine große Bedeutung.<br />

Wir hätten jeden Euro gut gebrauchen<br />

können. Wir setzen auf Euch!<br />

Hört, macht und unterstützt Euer lokales<br />

freies Radio. Werdet Mitglied im Freundeskreis<br />

und sichert uns so ein Stück langfristige<br />

Unabhängigkeit oder spendet!<br />

rdl.de/mitglied<br />

Spendenkonto: Radio Dreyeckland<br />

IBAN: DE36 6809 0000 0009 3493 08<br />

Jeden 1 . Mittwoch des<br />

Monats: 1 2-1 3 Uhr<br />

FREIeBÜRGER im<br />

Mittagsmagazin 'Punkt 1 2'<br />

Hört, macht, unterstützt Radio Dreyeckland: 102,3 Mhz - Stream: rdl.de/live<br />

Radio Dreyeckland - Adlerstraße 12 - 79098 Freiburg

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