BIBER 07_21 Ansicht

dasbibermitscharf

Österreichische Post AG; PZ 18Z041372 P; Biber Verlagsgesellschaft mbH, Museumsplatz 1, E 1.4, 1070 Wien

www.dasbiber.at

MIT SCHARF

SOMMER

2021

„TINDER IST SO

EIN BULLSHIT!“

VOM BAGGERN UND SWIPEN IM SOMMER 2021

+ KRISPER IN ZAHLEN + WIR FAHREN RUNTER + SOMMERREZEPTE MIT SCHARF +


DEINE VOR DER

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– Dein Außenministerium

24/7


3

minuten

mit

Bilal

Albeirouti

Der erste aus Syrien geflüchtete Tramfahrer

Wiens Bilal Albeirouti wird auf

der Straße von Fremden angesprochen,

ärgert sich über unbeaufsichtigte

Kinder und verrät uns im Kurzinterview

seine Lieblingsstrecke.

Interview: Amar Rajković, Foto: Zoe Opratko

BIBER: Bilal, du fährst seit zwei Monaten

als Bimfahrer die WienerInnen in

Ihre Arbeit oder zu ihren Liebsten. Welche

Strecke gefällt dir am meisten?

BILAL ALBEIROUTI: Die 2er Linie, weil

sie so abwechslungsreich ist. Sie fängt

im 16. Bezirk mit dem Brunnenmarkt

an. Dann kommt der gutbürgerliche 8.

Bezirk, bevor man entlang des Rings

fährt und in den jüdisch geprägten 2.

Bezirk einbiegt. Schlussendlich landet

man am Friedrich-Engels-Platz, direkt

an der Donau.

Du scheinst der syrische Shootingstar

in Wien zu sein. Zuerst der „Profil“-

Artikel, dann das Video deines neuen

Arbeitgebers Wiener Linien. Wie

reagieren die Menschen, wenn sie dich

auf der Straße sehen?

Wenn ich mit meiner Frau und unseren

zwei Kindern auf der Straße gehe,

werden wir immer von jemandem

angesprochen. Viele holen sich Rat,

wie man Straßenbahnfahrer wird, was

man beim Reaktionstest berücksichtigen

muss. Eine Facebook-Seite hat

den Artikel über mich Wort für Wort

ins Arabische übersetzt. Zu Eid Al-Fitr

(Zuckerfest) bekam ich viele Glückwünsche

von unbekannten Menschen. Es

ist unglaublich.

Und deine Familie?

Mein achtjähriger Sohn Mohammed

wurde in der Schule von LehrerInnen

und MitschülerInnen auf mich angesprochen.

Er ist stolz auf mich, weil

ich die Prüfung mit sehr guten Noten

abgelegt habe.

Was reizt dich am meisten an deinem

neuen Job?

Du bist der Chef im Zug, ja sogar der

Chef der ganzen Straße. (lacht) Hier

begrüßen mich Polizisten, in Syrien

wollte man der Polizei nur aus dem

Weg gehen, weil sie korrupt ist. Die

Verantwortung für bis zu 100 Fahrgäste

zu tragen, macht mich stolz und

zeigt mir aber auch: Ich muss jeden

Tag dazulernen, das erlernte Wissen

umsetzen und 1000-prozentig aufmerksam

sein, die ganze Zeit. Und ich bin

mittlerweile auch körperlich topfit, was

für den Fahrtdienst unbedingt notwendig

ist.

Warum?

Ich hatte mich letztes Jahr vor dem

Lockdown beworben und alle Tests bis

auf den Gesundheitscheck bestanden.

Ich war schlichtweg zu dick. Elf Kilo

Gewichtsverlust später wurde ich aufgenommen,

musste aber bis zu diesem

Jahr warten, weil Corona dazwischen

kam.

Als Bimfahrer wirst du sicher einige

Mundartbegriffe gelernt haben. Welcher

war der letzte?

Meine KollegInnen sagten immer

wieder am Ende des Dienstes „Pfiati“.

Zuerst dachte ich mir „Hä, warum ein

Viertel?“, bevor ich aus dem Kontext

heraus verstanden habe, dass es sich

um eine Verabschiedung handeln muss.

Wer ist er?

Name: Bilal Albeirouti

Alter: 40

Geburtsort: Damaskus

Besonderes: Bilal war vor einigen Jahren

Teilnehmer des biber-Medientrainings

für AsylwerberInnen.

/ 3 MINUTEN / 3


3 3 MINUTEN MIT

BILAL ALBEIROUTI

Der Neo-Straßenbahnfahrer aus Syrien im

Schnellinterview.

8 IVANAS WELT

Und irgendwann bleib i dann dort? Wohl

kaum! Denn Ivanas Familienvilla unten wurde

verkauft.

POLITIKA

10 „TYPISCH AFGHANEN HALT“

Aleksandra Tulej analysiert die Debatte nach

der mutmaßlichen Ermordung der 13-jährigen

Leonie.

12 „FRAU KRISPER, WIE

VIELE MONATE HÄLT DIE

KOALITION NOCH?“

Biber fragt in Worten, NEOS-Fraktionsführerin

im U-Ausschuss Stephanie Krisper antwortet in

Zahlen.

14

„MEINE MUTTER

HÄTTE LIEBER

EINEN STEIN

GEBOREN.“

Autorin Lale Gül über

ihr Leben nach ihrem

Ausstieg aus ihrer

streng muslimischkonservativen

Community.

14 LALE GÜL IM INTERVIEW

Die junge Autorin über Widerstand aus

ihrer streng konservativen Familie und

Morddrohungen.

IN

RAMBAZAMBA

18 VERLINKT, VERNETZT,

VERLIEBT?

Wir zeigen, dass der gute alte Flirt nicht

ausgestorben ist.

28 COOK IT LIKE THE

GÖNÜLCANS

Wir waren zu Gast bei Baba Mehmet und Co.

und ließen uns kulinarisch verwöhnen.

34 WIR FAHREN

WIEDER RUNTER!

Vier Autorinnen schwelgen über die

Sehnsuchtsorte ihrer Kindheit.

40 FREEDOM FIGHTERS

4 afghanische Kampfsport-Profis über

Frauenrechte in Afghanistan, Kickboxen

und mehr.

12

„FRAU KRISPER, WIE OFT PRO

WOCHE ESSEN SIE FLEISCH?“

NEOS-Fraktionsführerin im U-Ausschuss

Stephanie Krisper im Interview in Zahlen.


LIFE&STYLE

44 EINE DANKSAGUNG

Schutzgeld, Hamster und Haare schön:

Aktuelle Lifestyle-Tipps.

46 FOOD-KOMA

TROTZ CORONA

Wir präsentieren acht heiße neue Lokale, die in

der Pandemie ihre Pforten öffneten.

18

VOM BAGGERN UND SWIPEN

Unsere große Sommerstory zum

Thema Flirten, Baggern und Swipen.

HALT SOMMER

2021

28

ZU GAST BEI

FAMILIE

GÖNÜLCAN

Baba Mehmet und Co.

zeigen uns ihre echt

türkischen Toprezepte

für den Sommer.

KARRIERE

54 350 EURO REICHEN NICHT

Kolumnistin Anna Jandrisevits kommentiert

unbezahlte Praktika im Journalismus.

56 ÜBERALL IM OVERALL

Selbermacherin Oksana Stavrou über ihren

Weg von Juristin zur Designerin.

58 „MAN MUSS AN SICH

ARBEITEN UND AN SICH

GLAUBEN.“

SOS Mitmensch porträtiert zwei Geflüchtete

und ihre neuen Karrierewege in Österreich.

62 EINE FRAU SPRICHT

19 SPRACHEN

Matea Brandalik erzählt von ihrer

Leidenschaft des Sprachenlernens.

TECHNIK

64 BILL GATES WILL

ATOMREAKTOREN BAUEN

Kolumnist Adam Bezeczky über präsentiert das

Neueste aus der Welt der Technik.

© Emiel Janssen, Zoe Opratko, Cover: © Zoe Opratko

KULTUR

66 FREEDOM FROM CHOICE

Aktuelle Kulturtipps, präsentiert

von Nada El-Azar.

70 AUSLÄNDER RAUS

Kolumnist Jad Turjman hat nun die

österreichische Staatsbürgerschaft.


Liebe Leserinnen und Leser,

bei diesen Temperaturen zieht es ganz Wien ins Freibad. Aber was macht man

dort eigentlich, wenn man müde vom Schwimmen wird und die Schlange für

die Pommes gerade zu lang ist?

Unsere heiße Sommer-Ausgabe durchblättern natürlich. Vor allem unsere

Coverstory über das Flirten im Sommer 2021 dürft ihr euch nicht entgehen

lassen. Wir waren im Freibad Flirten und haben uns umgehört: Verliebt man

sich im Jahre 2021 nur mehr über Tinder, Instagram und Co? Haben Begriffe

wie Ghosting, Benching und Lovebombing die Romantik gekillt? Die sexy

Sommerstrecke könnt ihr ab S. 18 bewundern.

Übrigens: Vergesst kurz die fettigen Pommes. Wer hat Lust auf leichte

Sommerküche mit scharf? Die Familie unserer Praktikantin Esra Gönülcan

liefert euch die leckersten vegetarischen türkischen Sommer-Rezepte zum

Nachkochen. Ab S. 28.

Ich bin 37, verheiratet, mit

Kind. Dieses spießige Ergebnis

habe ich ohne Tinder

erreicht und frage mich: Glück

gehabt?! Es ist sicher lustig

mit all dem Swiping und Sexting

über Dating-Apps, auf der

anderen Seite: „Zu viel Direktheit

tötet den Flirt“, wie etwa

Sara im Stadionbad findet.

Können Millenials überhaupt

noch in „echt“ flirten? –

Scharfe Antworten und tiefe

Einblicke findet ihr in unserer

Flirt- äh Feldstudie ab Seite 18

Delna Antia-Tatić “

Chefredakteurin

Wer keine Lust hat, selbst zu kochen, aber trotzdem mal etwas Neues

ausprobieren will: Unser Lokal-Guide ab S. 46 zeigt euch die geilsten Lokale in

Wien, die während oder kurz vor Ausbruch der Pandemie geöffnet haben. Von

afrikanischer Food-Fusion bis brasilianisch: Hungrig geht da keiner raus, das

garantieren wir.

Auch wenn wir euch genug coole Ideen für den Sommer in Wien bringen: Ein

bisschen Heimat-Nostalgie darf auch sein. Vier Autorinnen über die Vorfreude

aufs „Runterfahren“ in die alte Heimat – für viele das erste Mal seit Corona. S.

34. Achtung: Tränendrüsen-Drücker.

Aber wir dürfen trotz aller sommerlicher Leichtigkeit nicht den Bezug zur

Realität verlieren, deshalb kurz raus aus dem Meer und zurück auf den Boden:

Chefredakteurin Delna Antia-Tatić hat NEOS-Fraktionsführerin Stephanie

Krisper gefragt, wie oft sie ihrer Meinung nach im Ibiza-Ausschuss belogen

wurde, wie viele ÖVP-Regierungsmitglieder zurücktreten müssten und

welchen Stellenwert Menschenrechte von Flüchtlingen in Österreich haben.

Lest das Interview in Zahlen ab S. 12.

„Typisch Afghanen halt.“ Femizid, Abschiebepolitik und Integration: Mit diesen

Zutaten wird der vergiftete Zaubertrank der österreichischen Politik gebraut,

findet Chefreporterin Aleksandra Tulej. Das Spiel „Guter Afghane, schlechter

Afghane“ spielen Links, Rechts, Mitte – und auch unsere Redakteurin. S. 10.

Wir wären nicht biber, wenn wir sie hier nicht auch hätten: Die „guten“

Afghanen, die als Kampfsportler in Österreich erfolgreich sind und zeigen,

dass Integration gut funktionieren kann. S. 40.

Schönen Sommer und ihr lest im September wieder von uns,

die Redaktion

© Zoe Opratko

6 / MIT SCHARF /


IMPRESSUM

MEDIENINHABER:

Biber Verlagsgesellschaft mbH, Quartier 21, Musuemsplatz 1, E-1.4,

1070 Wien

HERAUSGEBER

Simon Kravagna

CHEFREDAKTEURIN:

Delna Antia-Tatić

GESCHÄFTSFÜHRUNG:

Wilfried Wiesinger

KONTAKT: biber Verlagsgesellschaft mbH Quartier 21, Museumsplatz 1,

E-1.4, 1070 Wien

Tel: +43/1/ 9577528 redaktion@dasbiber.at marketing@

dasbiber.at abo@dasbiber.at

WEBSITE: www.dasbiber.at

STV. CHEFREDAKTEUR:

Amar Rajković

CHEFiN VOM DIENST:

Aleksandra Tulej

CHEFREPORTERIN:

Aleksandra Tulej

FOTOCHEFIN:

Zoe Opratko

ART DIRECTOR: Dieter Auracher

KOLUMNIST/IN:

Ivana Cucujkić-Panić, Jad Turjman

ÖAK GEPRÜFT laut Bericht über die Jahresprüfung im 2. HJ 2020:

Druckauflage 78.856 Stück

Verbreitete Auflage 73.741 Stück

Die Offenlegung gemäß §25 MedG ist unter www.dasbiber.at/

impressum abrufbar.

DRUCK: Mediaprint

LEKTORAT: Florian Haderer

REDAKTION & FOTOGRAFIE:

Adam Bezeczky, Nada El-Azar, Viktoriia Dyadya, Esra

Gönülcan, Miriam Mayrhofer, Anna Jandrisevits, Naz

Kücüktekin, Sara Mohammadi, Semsa Salioski

CONTENT CREATION, CAMPAIGN MANAGEMENT

Aida Durić

REDAKTIONSHUND:

Casper

BUSINESS DEVELOPMENT:

Andreas Wiesmüller

Erklärung zu gendergerechter Sprache:

In welcher Form bei den Texten gegendert wird, entscheiden

die jeweiligen Autoren und Autorinnen selbst: Somit bleibt die

Authentizität der Texte erhalten - wie immer „mit scharf“.

H13 2021

NIEDEROESTERREICH

PREIS FÜR

PERFORMANCE

SARA LANNER

MINE

MI, 01. 09. 2021

EINLASS: 19:00 UHR

PERFORMANCE: 19:30 UHR

AUSSTELLUNG: 02. – 11. 09. 2021

Foto: © Elsa Okazaki

KUNSTRAUM NIEDEROESTERREICH HERRENGASSE 13 A-1010 WIEN WWW.KUNSTRAUM.NET


In Ivanas WELT berichtet die biber-Redakteurin

Ivana Cucujkić über ihr daily life.

IVANAS WELT

Ivan Minić

FAHR‘ MA NICHT MEHR RUNTER

Meine Eltern haben die Villa im Dorf verkauft. Skandal!

„Wieviel Jahr‘ auch noch vergehn‘, irgendwann

bleib‘ i dann durt.“ Diese berühmten Songzeilen

kennen die meisten älteren Semester noch aus

dem Radio. Zum Text für diesen Austropop-Hit aus

den 80ern könnten die Gastarbeiter dieser Zeit inspiriert

haben. Dieselben Worte sind es nämlich,

die sie an ihre Kinder jahrelang, wie eine kaputte

Schallplatte, richteten. Vielleicht mit der Hoffnung

auf Unterstützung zu ihrem Vorhaben, oder gar Begeisterung

zur Nachahmung.

IRGENDWANN BLEIB I DANN DORT?

Es ist der alte Gastarbeitertraum, der Teil vieler Familien

mit Migrationsgeschichte ist. Nach jahrzehntelangem,

hartem Schuften und Sparen irgendwann,

wieviel Jahr‘ auch noch vergehn‘, dort zu

bleiben. Woher man gekommen ist. Wo auch schon

alles bereit steht für die Rückkehr ins Heimatdorf.

Das große Haus mit den vielen Schlafzimmern.

Ausgestattet mit Hochglanzküche aus dem Lutz.

Der deutsche Zweitwagen, der nur unten in Betrieb

geht. Die liebevolle Stuckdekoration an Haustor

und Wasserbrunnen. Die Idee ist gar nicht mal so

schlecht. Es sich für den Lebensabend so gemütlich

und luxuriös wie möglich zu machen, why not?

ICH ERBE KEINE GASTARBEITER-VILLA.

DANKE!

Machen die Deutschen auf Mallorca auch nicht anders.

Mit dem Unterschied, dass Klaus und Hilde

nicht daraufsetzen, dass ihre Enkel auch eines Tages

die Finka beerben werden, um ihre bitter verdiente

Betonoase in Schuss zu halten. Hier geht

das Konzept der alten Jugo-Gastarbeiter eben nicht

auf. Die Häuser bleiben leer. Die Jungen kommen

nicht nach. Vielleicht schauen sie für einige Tage

vorbei, um dann weiter nach Belgrad zum Partymachen

zu ziehen. Die meisten leben ja bereits „drüben“.

Kaufen Eigentumswohnungen und verzichten

auf die horrenden Instandhaltungskosten der elterlichen

Bauten. Meine Eltern haben mich hier um

mein Erbe gebracht. Ja, sie haben auch gebaut. Sie

haben aber wieder verkauft. Für die wenigen Tage,

in denen die greisen Eltern im Altersheim besucht

wurden, checkten sie im besten Hotel der Stadt ein.

Mit Frühstück. Dafür haben sie sich jahrelangem

Dorf-Gossip ausgesetzt. Das Haus war obendrein

bloß einstöckig. Das sorgte ohnehin für viel Aufregung.

Von mir gibt es für diese avantgardistische

Entscheidung tausend Vernunftspunkte. Die greisen

Eltern gibt es nicht mehr. Gründe zum Runterfahren

bald auch keine mehr.

VON DAHEIM FÜR IMMER FORT

Vielleicht bleiben sie ja alle irgendwann ganz in ihrer

neuen Heimat. Die alten Gastarbeiter. Wenn es

zu mühsam wird, mit dem Bus den österreichischen

Arzt zu besuchen. Und die Enkel, die man nur von

WhatsApp-Videos kennt. Wenn die Treppen bis

zum dritten Stockwerk immer tiefer in den alten,

abgearbeiteten Hüften zu spüren sind und der Umzug

ins benachbarte Altersheim die bittere, aber

einzig rationale Alternative wird. Irgendwann bleiben

sie dann durt. Lassen alles lieg‘n und steh‘n.

Geh‘n von Daheim für immer fort.

Rosen, Rakija & Kritik an: cucujkic@dasbiber.at, Instagram: @ivanaswelt

8 / MIT SCHARF /


NEMA PROBLEMA

FOTONOVELA

Mama Senada kann es nicht fassen: Ihr Vermieter hat

die Betriebskostenabrechnung geschickt. Reparatur

der Haustüre und diverse andere kleine Reparaturen

sprengen Senadas Budget. Tochter Jelena eilt zur Hilfe.

BEZAHLTE ANZEIGE

NEUES AUS DEM LEBEN

DER FAMILIE PRAVDOVIĆ

Waaas??

OH BOŽE

WAS, WIE

VIEL??

Mama,

was schreist

du so?

WAS

wie viel? Da kann

ich mir ja in Serbien

eine Wohnung für

mieten…

Jelena

Sine, der Vermieter

hat uns die

neue Betriebskostenabrechnung

geschickt.

Schau!

Jetzt

chill mal, Brate.

Das kann der eh nicht

machen. Ich ruf gleich

unsere BFF, die AK

an. Die hat fix eine

Lösung!

Nach einem längeren Telefonat mit der AK Wohnberatung

kommt Jelena drauf, dass solche Reparaturen

nicht in die Betriebskostenabrechnung gehören.

Mama Senada bekommt also noch Para zurück, weil

sie bis jetzt immer zu viel gezahlt hat.

Oh Sine,

ich liebe dich

und diese

Arbeiterkammer!

Fotos: Zoe Opratko

TIPP Arbeiterkammer:

Hast zu Fragen zu Mietzins, Betriebskosten,

Kaution oder Mietvertrag,

dann klick auf die AK Homepage →


„TYPISCH

AFGHANEN

HALT.“

Der Mordfall an der 13-Jährigen Leonie wurde schnell zum Politikum,

die Grundlage dafür liegt auf der Hand: Femizid, Integrationspolitik

und Abschiebungen. Was passiert mit der Berichterstattung?

Drei Lager, keine Lösung.

Von Aleksandra Tulej

Wien, Ende Juni: Ein 13-Jähriges

Mädchen wird mutmaßlich von

drei afghanischen Staatsbürgern

vergewaltigt und dann getötet.

Es ist der fünfzehnte Frauenmord in Österreich

seit Anfang des Jahres. Wir erinnern uns alle an die

Abschiebungen Ende Jänner, als Kinder, die teilweise hier

geboren und aufgewachsen sind, in die Heimat ihrer Eltern

abgeschoben wurden. Zudem kommt das immerwährende

Problem der Integration junger Afghanen in Österreich. Was

wie ein Vergleich zwischen Äpfel und Birnen klingt ist der

Sprengstoff der momentanen politischen Lage in Österreich.

Damit geht die Berichterstattung einher. Wir Journalisten

kommen nicht drum herum. Die Frage ist nun: Wie tun wir?

Sollen wir als „Linke“ zaghaft versuchen, das Narrativ der

Rechten anzunehmen und dabei maßlos scheitern? Sollen

wir auf positive Beispiele aufmerksam machen, und dabei

die Betroffenen infantilisieren, in dem wir darüber

berichten, dass ein Schützling seine Lehre

zum Koch erfolgreich abgeschlossen hat? Ob

ein Afghane sich vorbildlich integriert hat – was

auch immer das bedeuten soll – und ein anderer

jemanden vergewaltigt, gleicht nichts aus, und hat

miteinander wenig zu tun. Und weiter: Sollen wir das Thema

von Abschiebungen auf Femizide lenken? Sollen wir trocken

und faktenbasiert Zahlen liefern, die jeder selbst interpretieren

wird? Sollen wir auf die herkunftsbasierte Kriminalität

aufmerksam machen? Objektiv geht nicht mehr.

ICH VERSAGE IN MEINER NEUTRALITÄT

ALS JOURNALISTIN

Ich kann auch nicht mehr objektiv bleiben. Wahrscheinlich,

weil ich eine Frau bin und bei einem Migranten-Magazin

arbeite. Das Thema Kriminalität, Minderheiten und gewaltbe-

© Zoe Opratko

10 / POLITIKA /


reite Migranten-Milieus ist kein Fremdes für mich. Ich habe

vieles gesehen, vieles erlebt und darüber geschrieben. Über

die Probleme, über die Lösungen, und mir dabei immer zur

Aufgabe gemacht, primär den Protagonisten zuzuhören und

dann möglichst wertfrei darüber zu berichten. Seien wir uns

ehrlich: Jeder Text hat ein Framing. Jeder Satz hat einen

Nachgeschmack, jeder Absatz lenkt in eine Richtung. Es ist

eine emotionale Causa, auch wir Journalisten sind voreingenommen

– durch frühere Erfahrungen und unsere

eigene Sozialisierung. Dabei ist es unser Job, differenziert zu

berichten. Und ich fühle mich gerade so, als würde ich darin

versagen. Genau so, wie die österreichische Politik, genauso,

wie zig andere Journalisten.

„ALLE ABSCHIEBEN“ VS. „ARM UND

TRAUMATISIERT“

Es scheint, als hätten sich unter Journalisten hierzulande drei

Lager gebildet.

Es gibt die, die nach Antworten und Zuständigen suchen:

Wer ist schuld? Wie hätte man das vermeiden können? Wie

konnte es so weit kommen? Warum werden Kinder abgeschoben

und straffällige Asylwerber nicht? Bringen Integrationskurse

was? Aus welcher Motivation heraus haben die

mutmaßlichen Täter gehandelt? All diese Fragen werden

Leonie nicht wieder zum Leben erwecken. Fakt ist aber: Die

Verantwortung wird von Politikern hin- und hergeschoben.

Bundeskanzler Kurz und Innenminister Nehammer nutzen

diesen Fall, um sich in ihrer Abschiebepolitik bestätigt zu

fühlen.

Dann gibt es die „straffällige Asylwerber sofort abschieben,

am besten gleich keinen einzigen Ausländer mehr rein

lassen“- Fraktion.

So einfach ist das nicht. Es ist ein Unterschied, ob

jemand im Supermarkt ein Joghurt klaut, oder ob er jemanden

umbringt. Dennoch war zumindest einer der mutmaßlichen

Täter amts- und polizeibekannt, und trotzdem hat sich

das alles irgendwie im Sand verlaufen.

Dann gibt es noch das Lager, das nach Rechtfertigungen

für die Taten ringt: Trauma, Exklusion aus der Gesellschaft,

fehlende Anpassungsmöglichkeiten. Das Lager, das

nicht müde wird, über positive Beispiele zu berichten, dass

ein junger Afghane seine Lehre zum Schlosser erfolgreich

abgeschlossen hat und „nicht so wie die anderen ist“. Es

hätte nichts mit der Herkunft zu tun, sondern bloß mit dem

Geschlecht. Bei Afghanen in Österreich ist die Kriminalitätsbelastung

viermal so hoch wie die der durchschnittlichen

Bevölkerung, bei Sexualverbrechen sogar zwölfmal, wie eine

Studie des IHS ergibt.

„JO, DER WAR HALT BESOFFEN“

Ich kann das alles nicht mehr hören. Wahrscheinlich, weil ich

zu allen drei Lagern gleichzeitig gehöre. Ich bin kein Fan von

Pauschalisierungen, aber auch kein Freund davon, Probleme

schönzureden.

In meinem Kopf sind tausende Pfeile, Fragezeichen, Wut,

Trauer, Ratlosigkeit.

Ich denke an alle afghanischen Staatsbürger in Österreich

– an die Mehrheit, die mit Kriminalität nichts zu tun hat. Die

Menschen, die jetzt um ihren Asylstatus zittern müssen, die

jetzt noch zehnmal mehr beweisen müssen, dass sie „nicht

so sind.“

Gleichzeitig werde und kann ich nicht verleugnen, dass

es nicht sein kann, dass eine Volksgruppe mit einem höchst

problematischen Frauenbild nicht grundlos ständig negativ in

den Schlagzeilen auffällt. Trauma hin oder her, wer wirklich

traumatisiert ist, sind die Opfer und ihre Familien.

Ich denke an alle Familien, die ohne zureichenden Grund

abgeschoben wurden, und jetzt zusehen, wie diese Ausschlachtung

der Asylpolitik auf ihrem Rücken ausgetragen

wird.

Ich denke an alle Frauen, die dieses Jahr Femiziden zum

Opfer gefallen sind, und an ihre Hinterbliebenen. An alle, die

sich den Kopf darüber zerbrechen, warum diese Fälle medial

keinen so großen Aufschrei bekommen haben wie jetzt,

wenn die Täter keine Österreicher sind. Warum bei österreichischen

Tätern die Rede von einem Beziehungsdrama ist

und der Tenor „Jo, der war halt besoffen“ lautet, während in

diesem Fall wieder von der Islamismus- und Überfremdung-

Schiene geschrien wird. Kein Mann, der sexualisierte Gewalt

an einer Frau ausübt, hat irgendwelche Werte – ob "unsere"

oder "fremde."

Tausende Gedanken, keine Lösung. Das Rad wird sich

weiterdrehen. Es wird Zuspruch von rechts, Zuspruch von

links geben. Die Debatte wird bald wieder verstummen, und

bei der nächsten Gelegenheit von neu aufflammen. Und

weiterhin werden alle hinter vorgehaltener Hand flüstern

„typisch Afghanen halt.“ ●

Aleksandra Tulej, 29, ist Chefreporterin bei biber. Sie

recherchierte in der jüngeren Vergangenheit in kriminellen

Milieus, traf geläuterte Jihadisten und versuchte den Konflikt

zwischen tschetschenischen und afghanischen Jugendgangs

zu verstehen.

tulej@dasbiber.at

/ POLITIKA / 11


Frau Krisper,

wie korrupt ist

Österreichs

Politik?

Wie oft wurden

Sie im

Ibiza-U-Ausschuss

gefühlt

belogen?

Wie viele

Stunden pro

Nacht schlafen

Sie seit dem

Start des U-

Ausschusses?

Wie viele der

Personen, die in

den U-Ausschuss

geladen waren,

werden Ihrer

Schätzung nach

einmal verurteilt

werden?

Interview in Zahlen:

In der Politik wird genug geredet.

Biber fragt in Worten, NEOS-

Fraktionsführerin Stephanie

Krisper antwortet mit einer Zahl.

500

3–7

5

Von Delna Antia-Tatić, Fotos: Zoe Opratko

2 ÖVP-Mitglieder der Regierung sollten Krispers Meinung

nach zurücktreten.

6 Minuten braucht die Juristin morgens im Bad

Wie korrupt

ist Österreichs

Politik?

(1=gar nicht;

10=sehr)

Wie viele Leichen

und Verstümmelte

haben Sie während

Ihres Flüchtlingseinsatzes

in

Sri Lanka hautnah

gesehen?

Wie oft hatten

Sie damals

Angst um Ihr

Leben?

Wie viel

Prozent würden

die NEOS

erzielen, wenn

im September

Neuwahlen

wären?

Wie viele

Monate hält

die aktuelle

Koalition noch?

7

16

10

12

6

12 / POLITIKA /


Wie viele Male

haben Sie den

Ausschussvorsitzenden

Wolfgang Sobotka

als ÖVP-parteiisch

empfunden?

Wie viele ÖVP-

Regierungsmitglieder

müssten Ihrer

Meinung nach

zurücktreten?

Wie viele Male

haben Sie

Beate Meinl-

Reisinger

Kuss-Emojis

geschickt?

Wie viele parlamentarische

Anfragen

haben Sie

verfasst?

Wie viel

Prozent dieser

Anfragen

bleiben zum

Ende unbeantwortet?

500

2

3

505

80

Wie korrupt ist Österreichs Politik? Die Menschenrechtsexpertin

sagt 7 - auf einer Skala von 1=gar nicht und 10=sehr

10 Mal die Woche isst die NEOS-Abgeordnete Fleisch

Welchen Stellenwert

haben Menschenrechte

von

Flüchtlingen in

Österreich?

(1=gar nicht;

10=sehr)

Welche Schulnote

geben

Sie der österreichischen

Integrationspolitik?

Wie viel

Minuten

brauchen

Sie morgens

im Bad?

Wie viele

Stunden am Tag

verbringen Sie

durchschnittlich

mit Ihren

Kindern?

Wie oft in der

Woche essen

Sie Fleisch?

2

5

6

3

10

/ POLITIKA / 13


„Meine Mutter hätte lieber

einen Stein geboren als mich“

Im Badeanzug am Strand liegen, Musik hören und daten, wen sie möchte – das sind

Freiheiten, die Lale Gül nie hatte. Die 23-Jährige ist in einer türkischen, streng

konservativ islamischen Gemeinschaft in Amsterdam aufgewachsen. Ihr Leben war

voller Vorschriften und Regeln, bis sie im Februar 2021 einen autobiografischen

Roman verfasste.

Von Jara Majerus, Fotos: Emiel Janssen

BIBER: Deine Familie ist Teil einer türkischen

Gemeinschaft. Inwiefern hat die

Kultur deiner Familie und deiner Gemeinschaft

dein Leben beeinflusst?

LALE GÜL: Meine Eltern kommen beide

aus dem Dorf Kümbet in der türkischen

Provinz Sivas. Sie sind in den 90er-

Jahren zum Arbeiten und Geldverdienen

in die Niederlande gekommen. Ich selbst

bin gemeinsam meinem kleinen Bruder

und meiner kleinen Schwester in Amsterdam

West aufgewachsen, in einem

Viertel, in dem eigentlich alles türkisch

ist. Es fühlt sich dort ein bisschen an wie

eine Parallelgesellschaft. Meine Mutter

spricht im Alltag zum Beispiel eigentlich

nur Türkisch. Niederländisch hat sie nie

wirklich gelernt. Einfach, weil sie das

in unserer Nachbarschaft nicht braucht

und sie auch nicht arbeitet. Mein Vater

hingegen arbeitet sehr viel – als Postbote

und als Reinigungskraft in Zügen.

Deshalb spricht er auch ein bisschen

Niederländisch. Trotzdem konsumiert er -

wie meine Mutter auch - ausschließlich

türkische Nachrichten. Das heißt, dass

alles, was ich sprachlich von Zuhause

aus mitbekommen habe, Türkisch war.

Nicht nur die Kultur, sondern auch der

Glaube deiner Familie hatten großen Einfluss

auf deine Jugend. Wie hat dieser

Einfluss ausgesehen?

Meine Eltern sind sehr streng konservativ

islamisch. Von meinem sechsten bis

zu meinem siebzehnten Lebensjahr bin

ich jeden Samstag und Sonntag in die

Koranschule gegangen, um Korantexte

auswendig zu lernen und mehr über den

Islam und das Leben des Propheten zu

erfahren. Zu Hause hat es sehr viele

Regeln gegeben, an die ich mich halten

musste. Ich durfte zum Beispiel keine

Serien schauen, in denen sich Menschen

küssen. Ich durfte nicht ausgehen und

musste ein Kopftuch, lange Röcke und

weite Kleidung tragen. Ich durfte mich

nicht wie die anderen Mädchen an meiner

Schule schminken oder meine Nägel

lackieren. Aber was mich an all diesen

Regeln am meisten gestört hat, war, dass

ich mich nicht verlieben durfte, in wen

ich wollte.

Das wurde dir später zum Verhängnis,

wie man in deinem Buch lesen kann. Du

hast dich in jemanden verliebt, den deine

Familie nicht akzeptiert hat.

Als ich 18 Jahre alt war, war ich in einen

Jungen verliebt. Wir waren drei Jahre

lang in einer Beziehung. Aber ich habe

gewusst, dass meine Eltern ihn nie

akzeptieren würden. Er war nämlich kein

Türke, sondern Niederländer. Und Muslim

war er auch nicht. Also habe ich mich

immer heimlich mit ihm getroffen. Jedes

Mal, wenn ich mit ihm unterwegs war,

musste ich meinen Eltern etwas vorlügen.

Aber sie sind misstrauisch geworden

und irgendwann habe ich ihnen

dann erzählt, dass ich einen niederländischen

Jungen kennengelernt habe. Zu

Hause war die Hölle los. Es war schrecklich

für meine Eltern, dass ich mich in

jemanden verliebt hatte, der weder ihre

Kultur noch ihre Religion geteilt hat – ihr

schlimmster Albtraum. Meine Mutter hat

gesagt, dass sie lieber einen Stein geboren

hätte als mich. Und ich habe mich

entscheiden müssen: mein Freund oder

meine Familie.

In deinem Buch erzählst du, dass du dich

damals für deine Familie entschieden

hast. Die Trennung von deinem Freund

scheint bei dir aber viel losgerüttelt zu

haben.

Nach der Trennung habe ich unglaublichen

Liebeskummer gehabt. Ich habe

meinen besten Freund verloren, war

zynisch und habe keine Freude mehr am

Leben gehabt. Ich war einfach unglücklich.

Ich habe dann beschlossen, dass ich

14 / POLITIKA /


Es war schrecklich für

meine Eltern, dass ich mich

in jemanden verliebt hatte,

der weder ihre Kultur noch

ihre Religion geteilt hat.

/ POLITIKA / 15


etwas unternehmen muss, um mich aus

dieser Gefühlslage zu befreien. Irgendwie

habe ich sofort gewusst, dass es helfen

würde, mein Kopftuch abzunehmen. Ich

habe es also einfach nicht mehr getragen.

Zu dem Zeitpunkt habe ich auch

nicht mehr an Gott geglaubt.

War die Trennung von deinem Freund

der Grund, warum du angefangen hast

die Regeln, mit denen du aufgewachsen

bist, zu hinterfragen und schlussendlich

auch zu brechen?

Eigentlich haben meine Zweifel angefangen,

als ich bemerkt habe, dass ich und

die Frauen in meinem Umfeld viel strengeren

Regeln folgen mussten als die

Männer. An einem sehr heißen Sommertag

ist mir zum Beispiel aufgefallen, dass

mein Bruder, meine Cousins und eigentlich

alle Männer um mich herum einfach

in Badehose zum Strand gegangen sind.

Das war gar kein Problem. Ich und alle

anderen Frauen um mich herum durften

das nicht. Wir sollten uns bedecken, hat

es geheißen. Aber warum darf eine Frau

ihren Körper nicht sehen lassen und ein

Mann schon? Das ist pure sexistische

Ungleichbehandlung und endet nicht auf

diesem Strand: Mein Bruder hat meinen

Eltern zum Beispiel nie erklären müssen,

wo er war, mit wem er unterwegs war,

warum er spät abends noch raus will

oder wo er die Nacht verbracht hatte. Er

musste ihnen nie sein Handy zeigen oder

ihnen erzählen, mit wem er chattet. Bei

mir war es das genaue Gegenteil.

Auf den ersten Seiten deines autobiografischen

Romans schreibst du, dass

es vielleicht besser gewesen wäre, wenn

du deine Geschichte nicht veröffentlicht

hättest. Wieso hast du es bereut, mit

deiner Geschichte an die Öffentlichkeit

getreten zu sein?

Wegen all der Drohnachrichten, die ich

bekommen habe – insgesamt waren es

70. Jungs aus meiner Nachbarschaft

haben mir geschrieben, dass ich ihnen

besser nicht über den Weg laufen soll.

Ich habe ein Foto von einer Schusswaffe

zugesendet bekommen. Noch dazu hat

mir die „Sharia for Holland“ auf Instagram

gedroht, dass ich offiziell auf ihrer

schwarzen Liste stehe, dass sie wissen,

wie ich aussehe und große Pläne mit

mir haben. Da habe ich es wirklich mit

der Angst zu tun bekommen. In meinem

Buch steht ja auch, wo ich gewohnt

Lale Gül wird von ihrem früheren Umfeld als ultimativer Feind gesehen

habe. Während dieser Zeit bin ich nicht

mehr allein auf die Straße gegangen und

kurze Zeit später bin ich umgezogen. In

meiner Nachbarschaft habe ich sowieso

kein Leben mehr gehabt. Mit meinen

Eltern habe ich mich nur noch gestritten

und wenn ich draußen unterwegs war,

haben mich meine Nachbarn angefeindet,

beschimpft und bespuckt.

Was glaubst du, warum dein Buch so

viele Leute in deinem Umfeld verärgert

hat?

Ich habe das Gefühl, dass alle aus der

muslimischen Gemeinschaft mich als

ultimativen Feind sehen. Als eine Islam-

Feindin, die rassistisch ist und rechten

Politikern in die Karten spielt. Ich bekomme

viele Nachrichten von Leuten, die

Warum darf eine

Frau ihren Körper

nicht sehen lassen

und ein Mann

schon?

sagen, dass ich mein Buch nicht hätte

schreiben dürfen. Dass ich still bleiben

hätte sollen, die schmutzige Wäsche

nicht draußen aufhängen hätte dürfen.

Die denken sich wahrscheinlich ‚Wer

ist diese Schlampe? Wer ist diese Frau,

die wir nicht zum Schweigen bringen

können?‘.

Dein Buch hat neben den Drohungen

und den Hassreaktionen auch zu Lob

geführt – unter anderem von rechten

Politikern: Geert Wilders, Vorsitzender

der rechtspopulistischen Partij voor

de Vrijheid (Partei für die Freiheit), hat

dich in einer Wahldebatte im März eine

‚tapfere, türkische Dame‘ genannt. Wie

findest du diesen Zuspruch?

Wilders hat so viele unrechte Dinge

16 / POLITIKA /


gesagt. Er kritisiert ja nicht einfach nur

den Islam, sondern verbindet das auch

immer mit Ethnizitäten. Der hetzt gegen

Marokkaner und sagt Sachen wie: „Die

Niederlande sollen den Niederländern

gehören“ und wir wissen alle, was er

damit meint. Damit will ich einfach

nicht assoziiert werden. Ich bin eine

frei denkende, demokratische und

progressive Person. Gleichzeitig sind

Wilders und andere rechte Politiker aber

die einzigen, die den Islam überhaupt

kritisieren. Deshalb überschneiden

sich einige meiner Aussagen auch mit

ihren, aber das ist nicht meine Schuld.

Eigentlich müssten es nämlich die

progressiven Parteien sein, die Religionen

kritisieren. Die sprechen immer

über das Patriarchat, Feminismus und

Gleichberechtigung , aber muslimische

Gemeinschaften schließen sie in diese

Diskussionen nicht mit ein.

Du hast deine Geschichte in die Öffentlichkeit

getragen und dich dadurch aus

einer Gemeinschaft befreit, zu der du

nicht mehr gehören wolltest. Dafür hast

du einen hohen Preis gezahlt: Du hast

deine Anonymität aufgegeben, die Wut

deiner Familie und deiner ehemaligen

Community auf dich gezogen und du

wirst bedroht. Dein Buch trägt den Titel

„Ik ga leven“ (Ich werde leben) und da

stellt sich natürlich die Frage: Lebst du

jetzt?

Ja. Ich tue alles, was ich tun will –

abgesehen davon, dass ich jetzt nicht

mehr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln

reise, weil ich Angst habe, erkannt

und angegriffen zu werden. Aber trotzdem

habe ich das Gefühl, dass ich alle

eisernen Ketten von mir abgeworfen

habe. Also: ja.

© Prometheus

Lale Güls Buch „Ik

ga leven (dt. “ich

werde leben”) ist

im Februar bei dem

niederländischen

Verlag Prometheus

erschienen.

DER ISLAM IN DEN

NIEDERLANDEN

Laut den Daten des Centraal Bureau

voor de Statistiek (Zentralbüro für

Statistik) lebten im Jahr 2019 rund

850.000 Muslim*innen in den Niederlanden.

Viele von ihnen haben

einen türkischen oder marokkanischen

Migrationshintergrund. Die muslimische

Community ist sehr divers und wird

durch die niederländische Verfassung

geschützt. Diese beinhaltet zudem

das Recht der Bildungsfreiheit, welche

die Existenz von 54 islamischen

Grundschulen sowie zwei islamischen

Hochschulen im Land ermöglicht.

Laut einem 2018 veröffentlichten

Report des Sociaal en Cultureel Planbureau

(Büro für soziale und kulturelle

Planung), hat die Ungleichbehandlung

von Muslim*innen in den Niederlanden

in den letzten Jahren zugenommen. So

gab es einen Anstieg an aggressiven

Handlungen gegenüber Moscheen und

die Antidiskriminierungsstellen des

Landes verzeichneten mehr Vorfälle als

in den Jahren zuvor.

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© stadt wien marketing, Georg Krewenka

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Ein unbeschwerter Sommer in der Stadt mit Unterhaltung für

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im Kultursommer-Guide, der an vielen Orten in der Stadt aufliegt.

In Kooperation mit:


Verlinkt,

vernetzt,

verliebt?

18 / RAMBAZAMBA /


Die Jugend von heute weiß

nicht mehr, wie man flirtet?

Alle sind nur noch auf Tinder

& Co.? Wir gehen diesen

Vorurteilen auf die Spur und

begeben uns in einen wahrhaftigen

Flirt-Dschungel: Ein

sommerlich heißer Sonntag

in einem Wiener Freibad.

Von Nada El-Azar, Fotos: Zoe Opratko

/ RAMBAZAMBA / 19


Den ersten

Schritt macht

heute Frau

Mann spricht Frau an. So war es lange Zeit

und wird wohl noch in Zukunft häufig der

Fall sein. Aufbrechen will dieses Konzept

die Dating-App Bumble, bei der ein Chat

zwischen Männern und Frauen nur dann

freigeschaltet wird, wenn Frau den ersten

Schritt macht. „Ich nutze Bumble und es

gefällt mir viel mehr als Tinder. Früher

war es häufig so, dass mir Typen nach

kurzer Zeit nicht mehr zurückgeschrieben

haben und der Großteil meiner Matches

ins Nichts geführt haben. Mein Rekord

ist momentan drei Dates innerhalb einer

Woche gehabt zu haben, die alle nicht

schlecht ausgegangen sind, wenn ihr

versteht, was ich meine!“, verrät eine

anonyme Bumble-Nutzerin.

Kassierte noch nie einen

harten Korb

„Instagram und so, schön und gut! Aber

der erste Eindruck zählt. Auf Fotos kann

sich jeder so präsentieren, wie er und sie

will. Wenn ich ein Mädchen sehe, das mir

gefällt, mache ich erst mal Augenkontakt.

Wenn sie mich anlächelt, spreche ich sie

einfach an. Der schlimmste Vorfall beim Flirten?

Ich kann nicht wirklich sagen, dass ich

jemals einen harten Korb kassiert habe. Viel

mehr sagt sie dann, sie hätte einen Freund

oder halt kein Interesse.“ MICHAEL (21)

20 / RAMBAZAMBA /


Homepartys sind am besten

„Tinder ist so ein Bullshit! Ich lerne die

Frauen persönlich kennen. Am besten

beim Reisen – ich bin Zugbegleiter, ich bin

deswegen viel unterwegs. Sonst gehe ich

gerne auf Homepartys, da sieht man auch

ständig neue Leute. Das Schlimmste, was

mir jemals passiert ist? Ich hatte mal eine

Stalkerin. Nicht auf Instagram, sondern im

echten Leben. Egal, in welchem Club ich

war – sie war da. Egal, wo ich hinging – sie

war da. Ich hab‘ was mit einem Mädchen –

sie schickt mir Fotos. Das war cringe. Social

Media macht Beziehungen kaputt. Aber

Wien ist klein, es spricht sich eh alles rum.“

ERKAN (22)

Alle freundinnen sind single

„In meinem Freundeskreis ist das so: Wer

jemanden kennenlernen will, geht einfach auf

Tinder. Ich hatte mal ein Tinder-Date mit einem

Typen, der sich auf Anhieb richtig viel Mühe

gegeben hat. Er hat für mich gekocht, mich gut

bedient - wie ein Gentleman. Und zum Schluss

hatten wir auch Sex. Danach hat er sich nicht

mehr gemeldet. Als ich ihn zur Rede stellte,

meinte er einfach, er sei beschäftigt gewesen.

Ich habe jetzt schon so viele Erfahrungen mit

Ghosting gemacht. Und so geht es nicht nur

mir, sondern auch vielen meiner Freundinnen.

Dann schreibt man einige Zeit lang oder trifft

sich auch einmal, und plötzlich hört man nichts

mehr. Meine Freundinnen sind extrem hübsch

und haben alle keinen Freund. Was ist da nur

los?“ MARIE *

/ RAMBAZAMBA / 21


„„Millennials

haben Dating

ruiniert“

Der Generation der Millenials wird

nachgesagt, besonders flirtfaul zu

sein. Casual Sex, Sexting und Dating-

Apps waren noch nie so verbreitet

und akzeptiert wie jetzt. Und trotzdem

zeigen Studien, dass Teenager

und junge Erwachsene heutzutage

viel weniger Sex haben, als noch ihre

Eltern. Der Grund dafür ist einerseits,

dass Menschen zwischen 20 und 30

Jahren viel seltener in langfristigen

Beziehungen sind, als es früher der Fall

war. Andererseits sind der freie Zugang

zu Online-Pornografie und der spätere

Auszug aus dem Elternhaus ebenso

wichtige Faktoren für das Ausbleiben

von romantischen Avancen.

Keine großen

Sprüche

„Wozu brauch ich denn

Anmachsprüche? Was zur

Hölle meint ihr mit Charakter?

Es reicht doch der BMW von

meinem Onkel und ein Tisch im

Scotch!“ FABIO *

Flirten beginnt im Kopf

„Natürlich ist es arg, wie gut alle Mädchen

auf Tinder aussehen. Da sind aber

immer Filter dabei. Mich stört es auch

nicht, wenn sie stark geschminkt sind,

aber es verfälscht Dinge halt. Ich hab‘

schon erlebt, dass ich Leute treffe, die

komplett anders ausgesehen haben als

auf ihren Fotos. Wenn sie mich intellektuell

fordert, schreibe ich auch gerne

zwei, drei Tage auf Instagram mit ihr und

mache mir ein Treffen aus.“ DAVE (26)

22 / RAMBAZAMBA /


Wird ständig

angeschrieben

„Was ist denn eigentlich Tinder? Ich

habe viel die Bravo gelesen, als ich

jünger war. Es gab da ja immer auch

Flirt-Tipps drin, oder eben den Doktor-

Sommer-Teil. Ich finde, am besten lernt

man Leute auf Instagram kennen. Ist ja

eh klar, dass ich ständig angeschrieben

werde. Persönlich wurde ich noch nie

so von einem Mann angesprochen,

dass ich es cool fand. Bei Instagram

interessiert mich am meisten, was für

einen Style ein Typ so hat.“ JENNY *

Mag es oldschool

„Also ich bin nicht so der Typ für das

Chatten über Social Media. Ich mag es

lieber Oldschool. Ich habe aber Freunde,

die viel auf Tinder sind. Einer von ihnen

hat praktisch jede Woche jemanden am

Start. Aber so ist es nun mal: Wenn von

zehn Mädchen neun eine Absage erteilen,

springt irgendwann die zehnte auf

ihn an.“ MUSA *

/ RAMBAZAMBA / 23


Ghosting,

Lovebombing,

Benching,

etc.

Für jedes Dating-Phänomen scheint

es mittlerweile einen Begriff zu geben.

Besonders geläufig geworden ist das

„Ghosting“, bei dem ein Mensch einfach

von der Bildfläche verschwindet

und weder auf Nachrichten noch auf

Anrufe reagiert. Der Kontakt kann von

einem Tag auf den nächsten plötzlich

abgebrochen werden, einfach so. Als

Grund dafür wird häufig die Scham

angegeben, einem Menschen erklären

zu müssen, warum aus der Beziehung

nichts werden könne. Mittlerweile

ist der Begriff Ghosting sogar in der

Arbeitswelt angekommen: Immer öfter

erscheinen Menschen ohne Ankündigung

und Begründung einfach nicht

mehr am Arbeitsplatz, und vermeiden

auf diese Art unangenehme Gespräche

mit dem Vorgesetzten. Als „Lovebombing“

wird hingegen die Überschüttung

mit romantischen Gesten bezeichnet.

Das geschieht häufig durch manipulative,

narzisstisch veranlagte Menschen,

die möglichst schnell Bestätigung in

Form von Liebesbeweisen zurückerhalten

wollen. Beim „Benching“ wird

man buchstäblich auf eine „Wartebank“

gesetzt, wobei die Wahl dann nicht

unbedingt auf einen fällt.

Zu direkt

„Ich habe mich spontan mit jemandem

von einer Dating-App zu einem Spaziergang

in der Innenstadt verabredet.

Es dauerte nicht lange, bis er mir gleich

folgende drei Optionen anbot: One-

Night-Stand, Freundschaft Plus und eben

einmaliges Treffen ohne Wiederholung.

Dann meinte er, wenn der One-Night-

Stand gut wäre, könnten wir ein Upgrade

zur Freundschaft Plus machen. Das

fand ich schon ein wenig schräg. So viel

Direktheit tötet den Flirt, bevor überhaupt

Spannung entstehen kann.“ SARA *

24 / RAMBAZAMBA /


Apps sind zu

oberflächlich

„Also ich bin ja ein klassischer Babyboomer.

Zu meiner Zeit hat man Frauen

doch am besten beim Tanzabend im Jack

Daniel‘s oder dem Volksgarten kennengelernt.

Früher gab es immer einen Zeitpunkt,

an dem langsame Musik gespielt

wurde, wo man schon vorher schauen

konnte, mit wem man da tanzen möchte.

So habe ich auch meine erste Frau kennengelernt.

Damals war es nicht üblich,

dass Frauen den ersten Schritt auf Männer

zumachen, davor hatte man Angst! Was

die Dating-Apps betrifft: Ich finde es absolut

ok, sich aus einem ‚Katalog‘ Leute auszusuchen.

Die Romantik kann ja kommen,

wenn man sich trifft. Aber es wird da eben

viel geschummelt. Und das Flirten fällt

dann auch zum großen Teil weg. Heutzutage

sieht man viele Frauen, die sich einen

zehn oder 15 Jahre älteren Lebensgefährten

suchen, das hat es damals nicht so oft

gegeben. Bei den Dating-Apps von heute

geht es doch nur um Oberflächlichkeit.

Aber es gehört noch viel mehr dazu als

gutes Aussehen!“ BERNIE (54)

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Teilnehmende Museen

/ MIT SCHARF / 25


Kulturschock

„Ich bin ursprünglich aus der syrischen Stadt

Rakka, die viel konservativer ist als Damaskus.

Da ist Flirten natürlich schon schwieriger. Aber

immerhin nichts im Vergleich zu Saudi-Arabien,

wo ich auch einmal war. Dort gibt es praktisch

keinen Kontakt zwischen Männern und Frauen.

Von Bekannten habe ich gehört, dass es keine

Seltenheit ist, dass Männer andere Männer

sexuell belästigen oder gar vergewaltigen. Und

Frauen experimentieren viel untereinander –

das sind aber alles Dinge, über die niemand

offen spricht. Damals hat man nur flirten können,

indem man sich gegenseitig mit seinem

Blackberry Podcasts hin und her schickt, und

eine ID zum Chatten gleich mit. Mittlerweile

dürfen Frauen dort auch Auto fahren. Als ich

vor sechs Jahren nach Wien kam, hatte ich

natürlich meine Vorurteile aus Syrien. Die Frauen

seien alle Schlampen, weil sie so freizügig

sind und so weiter. Ich bin mit dem Gedanken

aufgewachsen, dass eine Frau, die einen

tiefen Ausschnitt trägt, nicht gebildet sein

könne. Aber je mehr ich mit Menschen hier in

Kontakt war, desto schneller konnte ich diesen

Kulturschock überwinden. Auf mich kommen

andere Syrer zu und fragen, wie ich das mit

dem Flirten mache. Und ich kann ihnen nur

sagen, dass die Frauen hier einfach Respekt

wollen. Ich hatte eine Freundin aus Venezuela

und sie hat nichts anderes von mir verlangt als

Amjad.“ AMJAD(24)

* Wir wollen anmerken, dass

die Zitate nicht immer mit den

abgebildeten Personen übereinstimmen.

Manche haben sich

nicht getraut, sich mit Gesicht

zu zeigen – was bei so vielen

pikanten Details verständlich ist.

26 / RAMBAZAMBA /


oesterreich-impft.at

Der Weg aus der Pandemie!

© AdobeStock/Jacob Lund

Impfen wirkt

Eine Impfung gegen das Coronavirus ist

der beste Weg, um einen schweren Krankheitsverlauf

zu vermeiden. Darum ist es

wichtig, sich mit einer Impfung zu schützen.

Die Corona-Schutzimpfung steht allen

Menschen in Österreich, die sich impfen

lassen wollen, kostenfrei zur Verfügung.

Hochwirksam und sicher.

Alle in Österreich zugelassenen COVID-19 Impfstoffe

wurden streng geprüft und in Studien mit mehreren

zehntausenden Menschen erprobt. Sie sind hochwirksam,

gelten als sicher. Die Impfstoffe werden

nicht nur in Österreich, sondern auch in vielen

anderen Ländern eingesetzt.

Auch nach ihrer Zulassung werden die Impfstoffe

regelmäßig kontrolliert und überwacht. Parallel

dazu läuft auch die strenge Prüfung und Zulassung

neuer Impfstoffe. Denn in einer Pandemie ist jeder

verfügbare Impfstoff wichtig.

Genug Impfstoff für alle Menschen in Österreich.

Bis zum Jahresende stehen in Österreich mehr als 24

Millionen Impfdosen zur Verfügung. Das ist ausreichend,

um die gesamte impfwillige Bevölkerung zu impfen.

Anmelden im Bundesland!

Für die Planung und Durchführung der Corona-

Schutzimpfung sind die einzelnen Bundesländer

zuständig. Impfwillige können sich über die

entsprechenden Plattformen der Bundesländer

für die Corona-Schutzimpfung anmelden:

oesterreich-impft.at Österreich impft –

Initiative gegen das Coronavirus. Die

Anmeldung ist online oder telefonisch möglich.

Mehr Informationen unter:

sozialministerium.at Corona-Schutzimpfung –

Häufig gestellte Fragen in Fremdsprachen

Entgeltliche Einschaltung des BMSGPK


Cook it like the

Gönülcans

28 / RAMBAZAMBA /


Türkische Küche bedeutet nicht nur Döner, Köfte und Lahmacun: Es geht auch

leicht und vegetarisch - perfekt für den Sommer. Das beweist die Familie der biber-

Stipendiatin Esra Gönülcan. Ihre Mutter Aysel, Vater Mehmet und Schwester Gülcan

haben die Schürze umgebunden und drei unschlagbare, vegetarische Gerichte für

euch gezaubert, kommentiert von Autorin Esra. Afiyet Olsun! Von: Esra Gönülcan, Fotos: Zoe Opratko

Gülcans Kisir

Bulgursalat

Ich bin die Jüngste unter meinen Schwestern und in

meiner Kindheit hat meine älteste Schwester, Gülcan, sehr

oft auf mich aufgepasst. Als Kind nannte ich sie „meine

Cinderella“, ich war bezaubert von ihren langen, blonden

Haaren und ihrem verwöhnenden Umgang mit mir. Denn

Gülcan hat immer mein Lieblingsessen gekocht. Daher ist

sie für mich die „Queen“ der Küche. Ihr Kisir ist von einem

anderen Planeten: leicht, erfrischend und ganz easy zum

Nachkochen:

Gülcans Kisir - Rezept für 6 Personen

Du brauchst:

2 Gläser Bulgur (fein)

½ Glas lauwarmes Wasser

1 Esslöffel Tomatenmark

1 Esslöffel Pfefferpaste

100 ml Olivenöl

100 ml Granatapfelsirup

Lauchzwiebel

½ Bund Petersilie

½ Bund Minze

Salz

Pfeffer

Paprikapulver

Kurkuma

In eine große Schüssel 2 Gläser Bulgur und ½ Glas lauwarmes

Wasser geben, mit Frischhaltefolie abdecken

und ca. 20 Minuten rasten lassen. Auf diese Weise wird

die gesamte Flüssigkeit vom Bulgur aufgenommen und

der Bulgur wird eingeweicht. Danach 100 ml Olivenöl,

100 ml Granatapfelsirup, 1 Esslöffel Tomatenmark, 1

Esslöffel Pfefferpaste und Gewürze (Salz, Pfeffer, Paprikapulver,

Kurkuma) hinzufügen und das Ganze mit der

Hand gut mischen, ohne es zu teigig zu machen. Als

nächstes vier grüne Laubblätter der Lauchzwiebeln, ½

Bund Petersilie, ½ Bund Minze in kleine Stücke schneiden

und ebenfalls in die Schüssel hinzugeben.

Nun kannst du deinen türkischen Bulgursalat sofort

genießen oder ihn über Nacht im Kühlschrank ziehen

lassen, damit sich die Aromen gut entfalten und ihn am

nächsten Tag genießen. Tipp: Kisir kann man als Beilage

z. B.: an Barbecues oder als Hauptspeise eingerollt in

Salatblättern genießen.

/ RAMBAZAMBA / 29


Mehmets Menemen

Eierspeise für die Götter

Ich liebe es, wenn mein Baba (türk. für Vater) für uns

kocht! Mehmet hat viele Jahre seiner Jugend in Istanbul

verbracht. Dort hat er in einem Restaurant als Tellerwäscher

gearbeitet und sich zum Kochhelfer und Grillspezialisten

hinaufgearbeitet. „Chefkoch“ nennen wir ihn, denn

er verwöhnt die ganze Familie mit seinen Kochkünsten,

wie Adana Kebap, Köfte oder Linsensuppe.

Ich habe eine Schwäche vor allem für eine bestimmte

Speise – Mehmets Menemen! Obwohl ich eine Schlafmütze

bin, stehe ich sonntags früher auf, wenn der intensive

Geruch von frischen Tomaten und Paprika in mein Zimmer

strömt. „Parmaklarınızı yiyeceksiniz!“ (Türkische Redewendung:

„Das schmeckt so köstlich, dass ihr sogar eure

Finger mitessen werdet.“), sagt mein Baba meistens mit

einem Augenzwinkern, wenn er die dampfende Menemenpfanne

in die Mitte des Frühstücktisches platziert. Dabei

darf der „çay“ aus dem Holzkohle-Teekocher „semaver“

keinesfalls fehlen!

So gelingt dir das beste Menemen:

Du brauchst:

Olivenöl

2 Eier

1 Zwiebel

2 Knoblauchzehen

3 grüne Spitzpaprika

2 rote Spitzpaprika

4 Tomaten

Salz

Pfeffer

Paprikapulver

Pul Biber (Chiligewürz)

Zuerst wird in einer Pfanne Olivenöl erhitzt, 1 Zwiebel

und 2 Knoblauchzehen werden in kleine Würfel

geschnitten und in die erhitzte Pfanne gegeben. Während

die Knoblauchzehen und Zwiebel glasig dünsten,

werden 4 Tomaten und die 3 grünen und 2 roten Paprika

ebenfalls in kleine Würfel geschnitten. Anders als

ein klassisches „menemen“-Rezept: Mehmet schält die

Tomaten nicht. Sobald die Zwiebel glasig sind, kommen

die Tomaten und Paprika ebenfalls hinzu und das Ganze

wird gut verrührt. Nun wird Salz hinzugefügt, damit das

Gemüse schneller aufweicht. Anschließend werden

noch Pfeffer, Paprikapulver und Chiligewürz hinzugefügt

und das Ganze geköchelt. Sobald die Zutaten gut verkocht

sind, werden 2 Eier in das menemen verquirlt- et

voilà! Nun kannst du deinen menemen am besten mit

Fladenbrot oder Lavasbrot und „çay“ genießen!

30 / RAMBAZAMBA /


/ RAMBAZAMBA / 31


Aysels Ayran – çorbası

kalte Joghurtsuppe

Meine Rezeptnotizen bestehen größtenteils aus den

Rezepten meiner Mutter. Sie kann sogar aus wenigen Zutaten

unglaublich leckere und schnelle Gerichte zaubern,

sodass ich meistens beim Zuschauen erstaunt bin. Über

meine Begeisterung und Wissbegierde muss sie meistens

lachen, wenn ich ihr beim Kochen über die Schulter

schaue, um mir ihre „Kochzauberkünste“ abzuschauen.

Das Klischee „Wie die Mutter, so die Tochter“ stimmt in

unserem Fall noch nicht, denn ich muss noch vieles von

meiner Mutter lernen, um so eine begabte Köchin wie sie

zu werden.

So kannst du Aysels erfrischende Joghurtsuppe

leicht nachkochen:

Du brauchst:

1 Glas geschälter Weizen (weiß)

1 kg türkischer Joghurt (fett,

säuerlich)

1 l lauwarmes Wasser

1 Ei

Butter

Minze

Salz

Um die Kochzeit zu verkürzen, werden die Weizenkörner

gewaschen und mindestens für 1 Stunde in

lauwarmes Wasser eingelegt. Anschließend werden

die Weizenkörner mit 1 l Wasser in einem Topf zum

Kochen gebracht. (Salzen nicht vergessen!) Während

die Weizenkörner aufkochen, werden 1 kg türkischer

Joghurt und 1 Ei in einer Schüssel vermengt und langsam

rührend in den Topf hinzugefügt. Danach kommt

noch kleingehackte Minze in die Joghurt-Weizenkörner-

Mischung. Das Ganze wird unter ständigem Rühren zum

Kochen gebracht. Danach werden Butter und Minze in

einer Pfanne kurz gebraten und in die Joghurtsuppe

gegossen. Nun kannst du die Suppe entweder warm

genießen oder abkühlen lassen und kalt essen. Tipp:

Dazu passt Fladenbrot oder Lavasbrot vom Türken ums

Eck sehr gut!

Wir bedanken uns herzlichst für die großartige Gastfreundschaft der Familie Gönülcan. Wir kommen gerne wieder!

32 / RAMBAZAMBA /


bmf.gv.at/ecommerce

Es sind auch

die kleinen

Dinge, die zählen

Fairness für den österreichischen Handel

Seit 1. Juli 2021 werden alle Online-Bestellungen ab dem 1. Cent gleich

besteuert – egal, woher die Produkte kommen. So wird die heimische

Wirtschaft geschützt.

Alle Informationen auf bmf.gv.at/ecommerce

oder unter 050 233 729


Endlich!

Wir fahren wieder runter!

Vergilbte Harry Potter Plakate hängen vor dem Kino, der Muezzin weckt

viel zu früh und niemand kommt auf die verrückte Idee, beim Mopedfahren

einen Helm zu tragen. Die Geräusche und Gerüche der Heimat sind

unbeschreiblich. Doch wegen Corona waren unsere vier Autorinnen

lange nicht „unten“ – zu lange. Weder im nordiranischen Gorgan noch

im polnischen Bergdorf, sie waren nicht in Sakarya am Schwarzen Meer

oder im ländlichen Nordmazedonien: vier Liebeserklärungen an die Orte

der Kindheit, des Krafttankens und der Vorfreude auf Wiedersehen.

© privat

34 / RAMBAZAMBA /


© Zoe Opratko, Claudia Moszynski

Mein persönliches

Ende der Welt

Von Aleksandra Tulej

Das Bett ist eng, unbequem und ich bin seit Jahren

ein paar Zentimeter zu groß dafür. Von den Wänden

starren mit strengem Blick die Heilige Maria und der

Erzengel Gabriel als Aquarell auf mich herab. In dem riesigen

Schiebeschrank verstauben meine alten Baby-Born-Puppen

sowie ein altes Mobile, das die Gewohnheit hat, sich selbst

einzuschalten und mitten in der Nacht „Für Elise“ zu krächzen.

An der Decke klebt ein Sticker-Planetensystem, das im Dunkeln

leuchtet – seit 29 Jahren.

Ich beschreibe hier kein Horrorfilmset, sondern den schönsten

Ort der Welt. Denn diese Planeten-Aufkleber sind meine

einzige Konstante im Leben. Wir befinden uns in meinem

Kinderzimmer in einem kleinen Bergdorf in Südpolen, fünf

Autostunden von Wien entfernt. Ein Ort, an dem ich weder

geboren, noch durchgehend aufgewachsen bin. Aber trotzdem

verbinde ich mit ihm die allerbesten Erinnerungen. Das ist der

Ort, den ich als meine Heimat bezeichne. Hier lebt der Großteil

meiner Familie. Hier hatte ich die besten Sommer der Kindheit

voller Kreide, Schlamm und Cliquen-Kriegen. Später folgte

dann das erste Liebesdrama, und auch das erste Bier. Von

hier aus ist es nur ein kurzer Fußmarsch über die Berge in die

Slowakei, dort hat niemand nach dem Ausweis gefragt.

Und auch heute, als Erwachsene, gibt es für mich nichts

Schöneres, als bei der Ankunft die Ortstafel zu lesen. Schwer

auszusprechen, noch schwieriger in Worte zu fassen: Ein Tal

umgeben von Wald und Wiese. Als Kind dachte

ich immer, hier ist das Ende der Welt. Für

mich bedeutet es aber nur eines: Alles wird

gut. Egal, was in der „realen“ Welt passiert:

Hier bin ich sicher, geborgen und zuhause.

Auch wenn hier alles ein wenig heruntergekommen,

eigen und in den Neunzigern

steckengeblieben ist: Ich liebe es. Ich kenne

jeden Winkel dieses Ortes. Den Ladenbesitzer,

der seinen Mini-Markt nach Lust und Laune

aufsperrt, nach dem Motto: „Vielleicht hab ich

Als Kind dachte ich

immer, hier ist das

Ende der Welt. Für

mich bedeutet es

aber nur eines:

Alles wird gut.

morgen geöffnet, wenn ich dann aufgestanden bin.“ Das alte,

längst geschlossene Kino, vor dem immer noch vergilbte Plakate

von „Harry Potter und der Gefangene von Azkaban“ hängen.

Die Bank im Dorfzentrum, auf der sich immer die örtlichen

sogenannten „Trinker“ versammeln. Den neu eröffneten Kebap-

Laden: exklusiv nur mit Schweinefleisch. Das 5-Sterne-Hotel,

in dem die polnische Crème de la Crème für den Winterurlaub

absteigt. Hier ergibt nichts Sinn und das macht es so perfekt.

Nach der Ankunft ist das Prozedere immer gleich: Ich komme

gegen Mitternacht an, schließe die Holztüre der Wohnung

auf und finde auf dem Küchentisch ein Sortiment vor, auf das

jeder Bio-Supermarkt neidisch werden kann: Allerhand selbstgemachte,

eingemachte Marmeladen, Konfitüre, riesige Laibe

Brot, Kompott, Eier, Wurst – man könnte eine zwölfköpfige

Familie damit füttern. Daneben ein Zettel: „Damit du bis morgen

keinen Hunger hast!“ Die Täter: meine Großeltern, bald 90,

seit über 60 Jahren verheiratet. Am nächsten Morgen ist meine

erste Tätigkeit, zu ihnen zu laufen. Sie sind immer schwer

beschäftigt: Sie trocknen irgendwelche Kräuter, werkeln etwas

am Haus herum, Opa putzt sein Motorrad, Oma hört in voller

Lautstärke die Messe im Radio. „Aber setz dich mal hin, du

musst erstmal was essen!“, ist stets der Einleitungssatz. Nachdem

ich ihnen also zum fünfzigsten Mal meinen Job erklärt

habe und mich ausreichend gerechtfertigt habe, warum ich

denn immer noch unverheiratet bin und ihnen ins Gesicht vorlüge,

jeden Sonntag in die Kirche zu gehen, wird mir ein Teller

Pierogi hingestellt. Opa zeigt mir zum vierhundertsten Mal den

Berg, auf dem er als Kind die Gestapo ausgetrickst hat, und

fragt mich im selben Atemzug, wie man ein Foto mit dem Handy

macht. Und dann bleibe ich stundenlang in ihrer Küche, die

sich seit meiner Kindheit nicht verändert hat. Nur den Kachelofen

haben sie durch einen modernen Herd ersetzt. Trotzdem

ist auch das eine Konstante, die ich sonst in meinem Leben

vergeblich suche: immer dieselben Geschichten, dieselben

Rituale, dieselben Gerüche und Gefühle. Und ich weiß, dass

ich diese nicht mehr lange genießen kann. Aber auch wenn die

Großeltern eines Tages weg sind, kenne ich alle Pfade, Berge

und Waldwege, die sie ihr Zuhause nennen. Bevor ich zurück

nach Wien fahre, habe ich ein persönliches Ritual: Egal ob im

Hochsommer, oder bei Minus 20 Grad im Winter: Ich laufe auf

meinen liebsten Berg hoch, schließe die Augen und bleibe ein

paar Minuten so stehen. Das gibt mir Energie für die nächsten

Monate, komme, was wolle. Und das schon seit Jahren.

Ich zähle die Tage, bis ich im Sommer wieder die Tür aufschließe

und mein Arsenal an Essen am Küchentisch vorfinde.

„Was? Du fährst schon wieder nach Polen? Wird das nicht

irgendwann langweilig?“, bekomme ich immer

wieder zu hören. Nein. Niemals. Es ist der

einzige Ort, an dem ich aufatmen kann. Mein

persönliches Ende der Welt.

Aleksandra Tulej ist Chefreporterin

bei BIBER, 29 Jahre alt

und ist in Polen geboren.

/ RAMBAZAMBA / 35


Das Diebesgut, unser

Flucht fahrzeug und

mein Komplize

Von Šemsa Salioski

sie beginnt, aber ich persönlich verbinde Österreich in erster

Linie mit Wien, und nicht mit den Alpen und der Donau, also

mit dem Land der Berge, Land am Strome. Ich bin zwischen

U-Bahn-Stationen, Einkaufsstraßen, Lokalen, Glasbauten und

klimatisierten Malls groß geworden. Ich kann nicht leugnen,

dass der Landei-Lifestyle einmal im Jahr richtig guttut.

Ich öffne das riesige Fenster. Die

heiße Luft, die nach einer Explosion

aus Brennholz und Blumen

riecht, strömt in den abgedunkelten

kühlen Raum hinein. Wäre diese

Gegend eine bekannte Parfummarke,

müsste diese Kombination ihr Bestsellerduft

sein. Ich schlüpfe in mein

weißes Sommerkleid und laufe im Eiltempo

die Treppen des alten Hauses

mit den roten Ziegeln hinunter. Mit viel

Anlauf springe ich in die verrostete

braune Schubkarre, die schon wie

eine Art Ferrari vor der Tür bereitsteht. Gleich darauf schmeißt

der Mann neben mir die riesige Wassermelone, die ich zuvor

heimlich hinunter geschmuggelt habe, auf meinen Schoß. „Wir

dürfen nicht warten, sonst sieht sie uns“, sagt er grinsend und

schiebt los. Die Fahrt ist ziemlich holprig, denn es kam noch

keiner auf die Idee, diese sogenannte „Straße“ zu asphaltieren.

Plötzlich rennt eine Frau mit Handtuchturban aus dem Haus.

Ich werfe einen Blick nach hinten. Sie flucht

wild vor sich hin, während sie sich ein Grinsen

verkneift.

Ich war sieben Jahre alt und das ist eine

meiner Lieblingserinnerungen an die Sommerurlaube,

die ich im Heimatland meiner Eltern,

Mazedonien oder wie man heute sagt Nordmazedonien,

verbracht habe. Die Frau in der

Geschichte ist meine Mutter, die nicht wollte,

dass das nächste Kleid von mir in die Mülltonne

muss. Mein „Fahrer“ und Komplize war

mein Opa, der schon immer gerne für Ärger, aber vor allem für

Spaß gesorgt hat. Die Wassermelone war unser Diebesgut aus

der Küche, das wir nie mit dem Rest der Familie teilen wollten.

Wie schon so oft sind wir daher für unsere „Wassermelonen-

Tradition“ zu seinem Garten „gefahren“, der nur wenige Häuser

weiter weg liegt. Dort konnten wir

dann zwischen Zwetschkenbäumen

und Weinreben picknicken und uns

die Melone in Ruhe teilen.

Meine Eltern stammen aus einer

ländlichen Region. Sie ist von riesigen

Bergen umgeben, die man auch aus

dem nahegelegenen Stadtzentrum

erkennen kann. Grün ist daher die

Farbe, die ich automatisch mit „der

alten Heimat“ meiner Familie assoziiere.

Mir ist schon klar, warum die österreichische

Bundeshymne beginnt, wie

Ich kann nicht

leugnen, dass der

Landei-Lifestyle

einmal im Jahr

richtig guttut.

DIE „SCHEISSEGAL!“-

ATTITUDE DES BALKANS

Doch neben dem Naturaspekt verbinde

ich das Heimatland meiner Familie

stark mit einer lockeren „Scheißegal!“-

Haltung. Wer schon „unten“ war, wird

bestätigen können, dass der Alltag vor

allem in ländlichen Balkanregionen mit

einer großen Portion Leichtlebigkeit

bestritten wird. Beispielsweise sieht

man viele Personen auf Mopeds durch

die Gegend düsen, aber niemand würde

auf die „verrückte Idee“ kommen,

dabei einen Helm zu tragen. Passend

dazu geht man grundsätzlich nur dann zum Arzt, wenn das

Gefühl aufkommt, dass man ansonsten vielleicht doch sterben

könnte. Die meisten würden außerdem, ohne mit der Wimper

zu zucken, ihren allerletzten „Denar“ ausgeben, um Freunde

und Verwandte im Lokal einzuladen, denn „Geld kommt und

geht“. Sich lauthals um die Rechnung zu streiten und anderen

die Geldbörse aus der Hand zu schlagen, sollte Landessport-

Status haben. Auch die Nachbarn leben das

„Scheißegal!“-Motto hemmungslos aus, denn

sie kommen und gehen, wann es ihnen passt.

Vorher anrufen und nachfragen gehört nicht

zum guten Ton. Apropos: Die Sprachdynamik

schreit ebenso nach radikaler Unbekümmertheit.

Es wird schamlos geflucht, auch vor

den Kindern. Es vergeht kein Tag, ohne dass

verbal irgendeine Mutter ge…, na ja ihr wisst

schon. Sie meinen die ganzen Beleidigungen

aber nicht so, I promise. Die „Scheißegal!“-

Attitude kann jede*r bewerten, wie er oder sie möchte. Für

mich persönlich fühlt sie sich ausgesprochen vertraut an, da

meine Familie natürlich viele Kulturaspekte mit in die Koffer

nach Österreich gepackt hat.

DIE GEGEND BLEIBT

GLEICH, DIE MENSCHEN

ABER NICHT

Da zwischen jeder Reise ein ganzes

Jahr vergeht, denke ich am ersten

Tag immer darüber nach, wer ich im

vergangenen Jahr war und was sich

in meinem Leben verändert hat. Die

Gegend bleibt gleich, die Menschen

aber nicht. Vor allem in den letzten

Jahren konnte ich auf diese Art viele

Schritte zum Erwachsenwerden beobachten.

In meinen frühesten Kind-

© privat

36 / RAMBAZAMBA /


heitserinnerungen sitze ich noch neben meinen Eltern im Bus

und trete die Höllenfahrt an, die manchmal zwanzig Stunden

gedauert hat. Jahre später fliege ich schließlich ganz alleine

mit dem Flieger ins Land und wieder zurück. Letztes Jahr fuhr

ich wegen Corona den ersten Sommer nicht „runter“. Mein

Opa ist leider nicht mehr da und ich bin auch kein Kind mehr.

Meine (Schub)Karre muss ich mittlerweile ganz alleine fahren.

Und trotzdem freue ich mich wahnsinnig auf diesen Solo-Trip.

Vielleicht packe ich heuer zum Spaß eine kleine Wassermelone

auf den Beifahrersitz, mal schauen.

Šemsa Salioski ist 27 Jahre alt, hat mazedonische

Wurzeln und studiert internationale

Entwicklung. Šemsa arbeitet nebenbei als freie

Journalistin.

© privat, Zoe Opratko

Parallelwelten

Von Sara Mohammadi

Mein Kopftuch ist anders, mein

Mantel ist neu – doch es ist so,

als wäre ich nie weggewesen.

Wie eine Zeitreisende bewege ich

mich durch diesen Ort, an dem die Zeit

stehengeblieben ist. Ich befinde mich auf

dem Flughafen von Teheran. Feierlich

atme ich diese vertraute stickige Luft,

diesen Duft nach Benzin, ein. Ich bin in

meiner anderen Welt angekommen. In

einer Parallelwelt, wo ich fast jeden Sommer

verbracht habe. Eine Parallelwelt, in

der ich nie fremd aussehe. Eine Parallelwelt,

in der ich jederzeit meine Verwandten

sehen kann.

Teheran, Persepolis, Isfahan – im Iran gibt

es viele schöne Orte. Doch ich verfolge ein

anderes Ziel. Traditionell geht unsere Route

von ein paar Tagen von Teheran zur Heimatprovinz

meiner Eltern Gilan am Kaspischen

Meer. Dort werden weitere Verwandte

besucht, bis ich an dem schönsten Ort des

Landes ankomme: in einer Wohnung in

Gorgan, einer Stadt im Norden Irans. Gorgan bedeutet übersetzt

„Land der Wölfe“. Dort ist es im Vergleich zum Rest des

Landes sehr grün. An die Stadt grenzen viele Wälder an, die

Luft im Sommer ist feucht und stickig.

Die Wohnung liegt in einem etwas in die Jahre gekommenen

Gebäude. Die Wohnung meiner

Großeltern. Der Boden ist vor lauter

Teppichen kaum mehr zu sehen, täglich

duftet es nach frischem Reis. In der

alten Holzküche brüht meine Oma tagein

tagaus Tee. Morgens werde ich viel zu

früh mit den melodischen Gebeten des

Muezzins aufgeweckt, draußen mischen

sich Straßenlärm und hupende Autos.

Doch ich liebe es. Ich liebe es, auf

dem Balkon am Jasmin meiner Oma zu

schnuppern, mich mit meiner Schwester

an die Klimaanlage zu kuscheln, zusammen

alte Videos anzusehen. Ich liebe die

Erinnerungen an meinen Opa, der vor

Ich liebe es, mir

Filme im örtlichen

Kino anzusehen, zum

Bazaar zu gehen,

die Nachbarstochter

zu besuchen.

zwei Jahren gestorben ist. Erinnerungen

daran, dass er uns frühmorgens immer

Milch in Glasflaschen brachte, denn so

schmecke sie viel besser. Erinnerungen

an ihm in seinem weißen T-Shirt, seinen

beigen Shorts, grillend auf dem Balkon.

Erinnerungen daran, dass er sich schlapp

lachte, wenn ich Deutsch geredet habe,

weil er die Sprache so lustig fand.

Ich liebe es, mir Filme im örtlichen

Kino anzusehen, zum Bazaar zu gehen,

die Nachbarstochter Shima zu besuchen.

Mit ihr spielten wir tagelang Super Mario

Bros und naschten puren Kakao, den wir

aus Österreich mitbrachten. Ich liebe es,

die Gemälde meiner Mutter anzusehen,

die sie als Teenager gemalt hat. In ihr

altes Zimmer einzutauchen, in eine andere

Zeit, in der sie noch nicht in Österreich gelebt

hat. Wenn ihre Cousinen zu Besuch kommen,

wird dieser Raum zu einem Schönheitssalon

umfunktioniert. Haare werden geschnitten,

Augenbrauen gezupft und Nägel lackiert.

Manchmal, wenn viele Gäste zu Besuch sind,

spielen wir Dabelna, die iranische Version

von Bingo. Anschließend werden alte Lieder

gesungen, die „Daf“ gespielt und über Politik

geredet. Darüber, wie lange sich das Regime noch halten wird,

über die horrende Inflation und über die jüngsten Festnahmen.

Auch das gehört in meine andere Welt.

In dieser laufen die Uhren anders, viel zu schnell. Aus

Tagen werden Wochen und irgendwann befinde ich mich

wieder umgeben von dieser vertrauten

stickigen Luft und dem Duft nach Benzin.

Die Abschiede fallen auch nach all den

Jahren schwer, die Entfernung ist viel zu

groß. Doch ich muss diese Parallelwelt

wieder verlassen.

Sara Mohammadi ist 24

Jahre alt und hat iranische

Wurzeln. Sie studiert internationale

Entwicklung und

arbeitet nebenbei als freie

Journalistin.

/ RAMBAZAMBA / 37


Und immer weint die

„Sulu göz“ beim Abschied

Naz Kücüktekin

In der Nacht vor dem letzten Schultag konnte ich meistens

nicht schlafen. Ich war zu aufgeregt. Aber nicht, weil

die Zeugnisse an diesem Tag übergeben wurden und die

Sommerferien offiziell begannen, sondern weil es der Tag war,

an dem meine Eltern, mein Bruder und ich uns ins Auto setzten

und losfuhren – mehr als 2000 km Weg und eine fast zwei

Tage dauernde Fahrt. Das Ziel: Sakarya, Türkiye

Eigentlich hasste ich diese ewig lange Fahrt, hauptsächlich

weil mir bei Autofahrten – bis heute – immer schlecht wird.

Aber für den Sommerurlaub in der Türkei war mir das egal.

Es war alles vergessen, sobald wir die Auffahrt zur Wohnung

meiner Oma hochfuhren, wo unsere ganze Familie auf uns

wartete. Und wenn ich ganze Familie sage, dann meine ich das

auch so. Bis heute wohnen meine Oma und der Großteil meiner

Tanten und Onkeln in der kleinen Küstenstadt am Schwarzen

Meer. Und die, die es nicht tun, kommen im Sommer trotzdem

zu Besuch – 18 Kilometer durchgehender Sandstrand machen

halt Sinn.

Den ganzen Tag am Strand verbringen, Sandburgen bauen,

im Meer sein, bis meine Hände ganz schrumpelig und meine

Lippen ganz blau werden, und den Abend dann am Lagerfeuer

sitzen und Karaoke-Wettbewerbe mit meinen Cousinen

und Cousins machen – so sind meine Kindheitswochen in der

Türkei.

In Wien lebten wir in einer kleinen Stadtwohnung, in der

Türkei gehören uns über 100 Quadratmeter mit Meerblick.

Übers ganze restliche Jahr begrenzte sich meine Familie auf

drei Personen, in der Türkei hatte ich über 15 Personen, die

mich umarmten, sich für mich interessierten, mir jedes Mal

Taschengeld in die Hand drückten und mich als eine von ihnen

ansahen. In der Türkei war alles sorglos und irgendwie leichter.

Es war eine Auszeit vom Leben, den Alltag und den Problemen,

eine Insel, auf der alles andere so fern schien. Ich hätte sie am

liebsten nie verlassen. Ich weinte jedes Mal, wenn wir dann

wieder ins Auto stiegen, um zurück nach Wien zu fahren.

„Sulu göz“, auf Deutsch etwa „Heulsuse“, ist bis heute bei

meiner Tante mein Spitzname, auch wenn ich seit Jahren nun

schon nicht mehr bei den Abschieden weine – na gut, vielleicht

habe ich ein paar Tränen in den Augen. Und auch wenn ich

meine Urlaube in der Türkei nicht mehr ganz durch die rosarote

Brille betrachte, den Flieger, statt dem Auto nehme, ist es

mein „Zuhause“. Der Ort, wo meine ganze Familie lebt und der

Schlüssel an jeder Tür draußen steckt, und man einfach so hineingehen

kann. Der Ort, an dem ich von Onkeln und Tanten kistenweise

Feigen gebracht bekomme, weil sie wissen, dass es

mein Lieblingsobst ist und ich in Österreich keine bekommen

kann, „die so schmecken wie bei uns“ – was leider wirklich so

ist. Dasselbe gilt für die Haselnüsse aus dem Garten meiner

Oma, das Salca meiner Tante oder dem Kuskus aus dem Laden

an der Busstation. Mein Koffer, der beim Start in Wien noch

ganz leicht zu ziehen ist, wird bei der Rückreise dadurch immer

zur Qual.

Aufgrund von Corona habe ich diesen Koffer nun schon lange

nicht mehr gepackt. Im September sind bei uns die Feigen

reif, und ich, glaube ich, dann auch Türkei-reif. ●

Naz Kücüktekin ist 25 Jahre alt und hat

türkische Wurzeln. Naz ist Redakteurin beim

„Kurier“, und studiert nebenbei Publizistik

und Kommunikationswissenschaft.

18 Kilometer

durchgehender

Sandstrand

machen halt

Sinn.

© privat, Zoe Opratko

38 / RAMBAZAMBA /


europa.spoe.at

Europa ist

mehr Wir

Ob Covid-19-Pandemie oder Klimakrise: Die drängenden Fragen unserer Zeit

lassen sich nicht alleine lösen. Gerade in der aktuellen Sozial- und Wirtschafts krise

braucht es europaweit eine Politik, die Antworten auf die großen Prob leme unserer

Zeit gibt. Mehr Solidarität und Miteinander bringen Europa weiter.

Dafür stehen wir Sozialdemokrat*innen. Denn Europa bringt’s – zusammen.


SANFTE

FÄUSTE

v.l.n.r.: Alireza, Trainer Ronny, Isi, Hussein und Khalegh

40 / RAMBAZAMBA /


Sie alle haben schon Titel für

Österreich geholt. Dabei ist keiner

von ihnen österreichischer

Staatsbürger. Kampfsport-

Profis Khalegh, Alireza, Ismail

und Hussein über Kickboxen,

Frauen rechte in Afghanistan,

österreichische Küche und die

Image-Politik der Grünen.

Text: Aleksandra Tulej, Fotos: Zoe Opratko

Husseins größtes Ziel ist es, einmal für Österreich anzutreten.

Als Khalegh sich all seine Medaillen

um den Hals hängt, wird

sofort klar: Viel mehr gehen

sich auf dem Oberkörper des großen,

breit gebauten Afghanen nicht mehr aus.

Er zuckt aber nur mit den Schultern und

sagt mit sanfter Stimme: „Das sind eben

meine Medaillen, die hab’ ich gewonnen.

Für Österreich.” Khalegh ist österreichischer

Staatsmeister im Kickboxen. Nach

fünf Jahren in Österreich hat der 26-Jährige

Afghane vor ein paar Monaten endlich

seinen Aufenthaltstitel bekommen.

Auch seine Freunde Alireza, Hussein und

Ismail, haben einiges vorzuweisen: Sie

sind Staatsmeister in den unterschiedlichsten

Kampfsportdisziplinen, Nationalmannschaftsmitglieder,

Profisportler

– und Flüchtlinge aus Afghanistan.

„BISSI BROT, BISSI BUTTER

– UND DAS SOLL EIN

FRÜHSTÜCK SEIN?“

Eigentlich sollte es ein Interview über

ihre Kampfkunst und ihre sportlichen

Erfolge werden. Doch aus dem Gespräch

im Shinergy Studio in Alsergrund entwickelt

sich schnell ein Austausch über

österreichische Frauen, österreichische

Politik, Abschiebungen, österreichische

Küche und Zukunftspläne.

Seit Jahren gibt der ehemalige Open-

Taekwondo-Weltmeister Ronny Kokert

Kampfsportkurse für junge geflüchtete

Menschen: Seine „Freedom Fighters“. Er

hat mittlerweile schon über 300 Jugendliche

trainiert. Sie zahlen nichts für die

Trainings, die Ausrüstung bekommen sie

zur Verfügung gestellt. Shinergy ist die

Verbindung von Zen Philosophie, asiatischer

Kampfkunst und modernen Methoden

der westlichen Sportwissenschaft.

„Nenn mich Isi, okay?“ Der 22-Jährige

Ismail ist der Vorlaute und Freche

der Gruppe. Er ist doppelter Staatsmeister

im Junior-Kickboxen und kämpft

heute in der Nationalmannschaft. Er hat

eine Lehre als Koch im Hotel Sacher

absolviert und kann nicht genug davon

„Na geh, die Österreicher

haben eh gutes Essen!“

bekommen. „Das Kochen habe ich

einfach im Blut. Ich wusste schon sehr

früh, dass ich Koch werden möchte.” An

die österreichischen Essgewohnheiten

musste er sich erst gewöhnen: „Nichts

gegen Österreicher! Gar nichts. Aber sie

essen so wenig. Bissi Brot, bissi Butter

und das soll ein Frühstück sein?”, lacht

er. Stolz erzählt er, wie er vor fünf Jahren

kurz nach seiner Ankunft in Österreich

im Flüchtlingslager Traiskirchen in der

Küche gearbeitet hat. Die Speisen, die

den 2.500 Menschen im Lager serviert

wurden, hätten den Neuangekommenen

einfach nicht geschmeckt. „Ich habe

dann heimlich das Essen immer nachgewürzt,

und plötzlich wollten alle noch

Nachschlag. Bissi Pfeffer, bissi Salz, bissi

andere Gewürze – und schon war es viel

besser”, lacht er. „Na geh, die Österreicher

haben eh gutes Essen!”, unterbricht

ihn Khalegh. „Kartoffelsalat, Kalbsschnitzel,

Semmelknödel, Hendl gefüllt… bist

du wahnsinnig, ist das lecker! Das kenn

ich von meinem österreichischen Vater.”

Damit mein Khalegh seinen „Schwiegervater“,

wie er erklärt – Khalegh ist seit

/ RAMBAZAMBA / 41


dreieinhalb Jahren mit einer Österreicherin

zusammen. Auch Isi und der

29-Jährige Alireza, Vize-Weltmeister im

Kickbox-Vollkontakt[ , der mittlerweile

selbst Shinergy-Trainer ist, sind mit

Österreicherinnen liiert. Nur Hussein,

mit seinen 18 Jahren der Jüngste, ist

noch Single. „Leider“, zuckt er mit den

Schultern. „Geh, du hast noch ur viel

Zeit“, reden ihm seine älteren Freunde

gut zu. Hussein absolviert gerade die

Camillo Sitte HTL und will später einmal

Baumeister werden. Sein größtes Ziel ist

es, einmal bei der Taekwondo-Weltmeisterschaft

für Österreich anzutreten.

Hussein, Khalegh und Isi sind

Asylberechtigte, Alireza ist noch Asylwerber.

Wie können sie dann offiziell für

Österreich Kämpfe antreten? Eigentlich

bräuchte man dafür ja die Staatsbürgerschaft,

aber für Staatsmeisterschaften

und das Nationalteam gibt es eine

Khalegh ist

Österreichischer

Staatsmeister

im

Kickboxen

Ausnahmeregelung. „Der Kickbox-Verbandspräsident

Harald Folladori hat das

extra für die Burschen ins Leben gerufen,

weil er unser Projekt unterstützt. Und so

konnten sich auch einige der Burschen

ins Nationalteam qualifizieren“, so Ronny

Kokert stolz.

„IN AFGHANISTAN GIBT ES

EINFACH KEIN LEBEN“

Isi, Alireza, Khalegh und Hussein haben

eine harte Flucht hinter sich. „Manche

Österreicher glauben, dass wir

hier mit Anzug und Krawatte in Kabul

Was sie wirklich

bemängeln, ist der

Umgang der Politik mit

Geflüchteten.

ins Flugzeug gestiegen sind und nach

Österreich gekommen sind”, sagt Isi

mit einem traurigen Schmunzeln im

Gesicht. „Dabei ist das so: Du steigst in

dieses Boot und weißt nicht, ob du am

Ende noch lebst. Viele meiner Freunde,

darunter auch mein bester Freund, sind

auf der Flucht gestorben. Viele sind

einfach verdurstet. Ich habe damals

meiner Mama gesagt: Schau mich genau

an, vielleicht sehen wir uns nie wieder.”

Es ist nun sechs Jahre her, dass Isi seine

Familie das letzte Mal gesehen hat.

Seinen kleinen Bruder hat er noch nie

kennengelernt. Isis Familie ist momentan

in Bosnien untergebracht. Er hofft, dass

sie bald wieder vereint sind. Isi vermisst

am meisten die afghanische Gastfreundschaft

und seine Familie. „Ich hatte in

Kabul eine top Arbeit. Ich war Küchenhilfe

bei einer Institution der EU. Ich hatte

sogar einen AMG!“, erzählt er stolz. Aber

wenn das Land nicht sicher ist, will man

dort keine Sekunde länger als notwendig

bleiben. „In Afghanistan gibt es einfach

kein Leben”, sagt Alireza nachdenklich.

Vor allem aber nicht für die Frauen.

„ALLES, WAS MIT FRAUEN

ZU TUN HAT, MACHT

MAN IN AFGHANISTAN

HEIMLICH.“

„Frauen in Afghanistan haben einfach

keine Stimme. Sie sind unterdrückt und

dürfen fast nichts“, erklärt Alireza. „Ich

finde das schön, dass in Österreich

Frauen und Männer dieselben Rechte

Alireza, Vize-Staatsmeister

im Kickbox-Vollkontakt

42 / RAMBAZAMBA /


der FPÖ, sondern auch von Parteien

wie den Grünen. „Weißt du, die sagen

immer, sie sind für uns da. Dass sie uns

helfen. Aber das sind nur leere Worte.

Die machen im Endeffekt nichts”, sagt

Hussein und schaut zu Boden. Alireza

nickt ihm zu: Er hat immer noch keinen

positiven Asylbescheid.

Isi (vorne) ist doppelter Staatsmeister im Junior-Kickboxen

haben, so wie es sein sollte.“ Isi hat

auch dazu eine Geschichte: Er hatte

zuhause in Afghanistan eine Freundin.

Sein Vater wusste Bescheid, die Familie

des Mädchens aber nicht. „Wenn meine

Schwester einen Freund gehabt hätte,

hätten meine Eltern gesagt: Auf Wiedersehen.”

Isi macht eine Wegwerfbewegung,

indem er seine linke Hand nach

hinten schmeißt. „Und genauso war es

bei meiner damaligen Freundin: Als Frau

darfst du gar nichts. Ich durfte viel mehr,

weil ich ein Mann war.” Seine Freundin

traf Isi heimlich. „Alles, was mit Frauen

zu tun hat, macht man in Afghanistan

heimlich”, pflichtet ihm Khalegh bei. „Ich

hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, wie

ein Frauenkörper überhaupt aussieht,

bevor ich nach Europa gekommen bin.”

Als Khalegh hier ankam, sah er zum

ersten mal Frauen ohne Kopftuch und

ohne bedeckte Bekleidung. „Ich dachte

mir dann: Okay, dann ist das halt so. Ich

habe mir nicht viele Gedanken darüber

gemacht”, zuckt er mit den Schultern.

„Ist so. Wenn du dir hier ein neues Leben

aufbaust, hast du dich auch anzupassen

und fertig”, wirft Isi ein. „Es ist aber

nicht überall in Afghanistan so, dass die

Leute so zurückgeblieben sind. In meiner

Familie war das nicht so, obwohl wir aus

einem Dorf kommen. Das wird immer so

verallgemeinert”, wirft Hussein genervt

ein. Nerven kostet Hussein auch die

Berichterstattung zu Afghanen in österreichischen

Boulevardmedien. „Immer

sind sie mit Namen und Herkunftsland

auf den Titelblättern, wenn ein Afghane

eine schwerwiegende Straftat begangen

hat. Ich denke mir dann immer: Sind wir

wirklich so schlecht?” Dabei fühlt sich

Hussein hier in Österreich sehr wohl.

Genau wie Khalegh, Isi und Alireza. „Ich

kann mich nur bei jedem Österreicher

und jeder Österreicherin bedanken,

dass ich hier in Sicherheit leben darf.

Die meisten Menschen sind auch sehr

zuvorkommend und nett hier.” Khalegh

nickt. “Obwohl ich erst in Österreich

gelernt habe, dass man jemandem 10

Cent schulden kann”, lacht er. Was sie

allerdings wirklich bemängeln, ist der

Umgang der österreichischen Politik mit

Geflüchteten. Und zwar nicht nur seitens

BISSI BRÖTCHEN AUF

DEN TISCH

Angenommen, er darf in Österreich

bleiben: Wie stellt er sich seine Zukunft

vor? „Ich will weiterhin Trainer sein,

und alles, was ich hier gelernt habe, an

andere Menschen weitergeben”, sagt

er bestimmt. Khalegh sucht momentan

einen Job als KFZ-Mechaniker. „Ich habe

keinen wirklichen Traum. Ich will ein

normal arbeitender Mensch in Österreich

sein. Bissi Geld machen, bissi Brötchen

auf den Tisch holen”, grinst er. Hussein

will erstmal die Schule fertigmachen

und dann eine Lehre zum Baumeister

absolvieren. Isi hat einen ganz großen

Traum. „Ich will Millionär werden. Und

einen Porsche fahren. Aber ich will nur

den Porsche für mich, das Geld will ich

nicht am Konto. Ich sehe oft Obdachlose

in Wien und würde ihnen gerne

helfen. Ich will reich werden, damit ich

anderen Menschen, die weniger haben,

was zurückgeben kann. Das spornt mich

an.” ●

Noch nicht genug?

Trainer Ronny Kokert

erzählt in seinem Buch

“Der Weg der Freiheit-

Wie ich von Geflüchteten

lernte, anzukommen”

die Erfolgsgeschichten

der Freedom Fighters.

Kremayr und Schierau

Verlag. Das Buch ist im

April erschienen.

/ RAMBAZAMBA / 43


MEINUNG

Schutzgeld

und Hamster:

Eine Danksagung.

„Hey! Lange nicht gehört, hoffe dir

geht’s gut. Keine Zeit, um zu erklären,

aber sag mal, kennst du wen,

der illegale Sportwetten veranstaltet,

von Sisi abstammt, ein Tattoo auf der

linken Arschbacke und als Haustier

einen Hamster hat? Aber bitte heute

noch, morgen ist zu spät.“ Wer sich

- freiwillig oder unfreiwillig - in mein

näheres Umfeld begibt, hat mit Nachrichten

dieser Art zu rechnen. So sieht

eben meine journalistische Recherche

aus. Erster Schritt: Story-Idee. Zweiter

Schritt: Alle Menschen, die auch nur

peripher jemanden kennen könnten

oder jemanden kennen, der jemanden

kennen könnte, so lange zu jeder Tagesund

Nachtzeit belästigen, bis was

dabei rauskommt. Erfolgsquote: 100 %.

Einerseits, weil ich lästig bin. Andererseits:

Ohne euch Helferlein wären so

einige Seiten in diesem Heft leer. Ich

weiß nicht, wie vielen Menschen ich

schon unendliche Drinks, Köfte-Spieße

und sonstige Gefallen schuldig bin. Die

Liste wird immer länger. Deshalb gilt

diese Kolumne euch. Euch allen, die

dazu beitragen, dass biber-Journalismus

funktioniert. Übrigens, wenn wir schon

beim Thema sind: Kennt sich wer mit

Schutzgeldmafia aus? Frage rein hypothetisch

natürlich. Infos bitte an:

tulej@dasbiber.at

LIFE & STYLE

Mache mir die Welt,

wie sie mir gefällt

Von Aleksandra Tulej

WILLST DU DIE

HAARE SCHÖN?

„Greif mal meine Haare

an! Ur flauschig, oder?“

Mit diesem eher unkonventionellen

Satz begrüße

ich neuerdings mein

Umfeld. Ich gehöre zu dieser

seltsamen Sorte von

Menschen, die sich täglich

die Haare waschen. Jetzt

in der Pollen-Saison

sogar manchmal zweimal

am Tag. Das macht die

ohnehin schon ziemlich

strapazierten Haare

natürlich noch mehr

kaputt. Mein momentanes

Lieblingsshampoo aka der

ultimative Retter: „Haarliebe

Frischewunder“ von

Dominokati. Gibt’s für

4,99 € bei BIPA.

NATÜRLICH

ABGESCHMINKT

44 / LIFESTYLE /

2000er Throwback

des Monats:

BODY GLITTER:

BRING IT BACK

Bevor der fade Trend kam,

alles in Nude-Tönen, Matt

und in Pastell zu halten,

dominierte in den frühen

2000ern ein besonders glänzendes

Beauty-Produkt auf

allen Dekolletees, Gesichtern,

Oberkörpern und Gliedmaßen

der It-Girls: Body Glitter. Am

besten als Roll-On. Britney

trug es, Paris und Nicole

sowieso. Dass das Zeug nach

ein paar Minuten pickig und

klebrig wurde, hat damals

keinen interessiert. Hauptsache

Glitzer! Bringen wir

diesen Trend zurück, ich mag

auch mal wieder glänzen.

Ich weiß, ich weiß. Mit fast 30

sollte meine abendliche Skin-

Care-Routine aus 17 Schritten

bestehen und komplizierte

Serums und Extrakte einer Pflanze,

die nur einmal im Jahr bei

Vollmond blüht, beinhalten. Aber

seien wir uns ehrlich: Wer hat Zeit

für so etwas? Bei mir muss es

immer schnell gehen. Die Lösung:

die „Sanftgepflegt“ Abschminktücher

von bebe. Sie bestehen

aus pflanzenbasierten Fasern

und spenden Feuchtigkeit. Das

Wichtigste: Sie entfernen auch

wasserfestes Make-up. Gibt’s bei

BIPA um 2,49 €.

© Zoe Opratko, bebe, unsplash.com/Mar Bustos, Haarliebe by Dominokati


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Provisionsfrei.

Döblerhofstrasse 10

1030 Wien

Freiraum –

so weit das Auge reicht.

Für Sport, Freizeit und Erholung bietet sich ein vielfältiges

Programm. Der Prater ist nur einen kleinen Spaziergang

entfernt, genauso wie weitere Grünflächen in der Nähe.

An der Döblerhofstraße führt eine Radroute vorbei und

auch der Donaukanal lockt zum Ausfahren. HELIO TOWER

verbindet, was gutes Wohnen ausmacht.

helio.buwog.com


FOOD-KOMA

TROTZ CORONA

Diese acht Lokale haben sich über die Krise hinweggesetzt

und trotzdem ihre Tore geöffnet. Unser Sommer-Lokalguide,

der niemanden mit seinem Hunger im Stich lässt.

Für euch gemampft

und mit Schnaps

runtergespült:

Miriam Mayrhofer

und Viktoriia Dyadya

© Markus Korenjak, Zoe Opratko, Brösl, Lisa Leutner

46 / KULINARIK /


Nicht nur

Čevapčići

Street Grill

Otto-Bauer-Gasse 27

1060 Wien

„Deftig und würzig: Serbische Klassiker mit einem Twist“, so

beschreibt Besitzerin Irena Jovanović das Essen, das sie im

Street Grill Balkanspezialitäten für ihre Gäste zubereitet. In dem

Imbiss direkt neben der Mahü packt die Chefin höchstpersönlich

überall mit an: Holt Gemüse vom Markt, steht vor dem Grill

und liefert die Spezialitäten des Hauses, von Pljeskavica-Special

Burger bis hin zu süßen Čupavci (mit Schokolade ummantelter

Biskuitteig mit Kokosflocken) auch noch selbst aus. Alles

kann sie dann aber doch nicht alleine machen – die Familie

schwingt hier gemeinsam die Grillzange. „Viele hören Balkan

und denken: Fleisch, Fleisch, Fleisch. Aber ich will zeigen, dass

wir Serben sehr wohl auch vegetarisch und vegan draufhaben.“

Getoastetes Fladenbrot mit allerlei gegrilltem Gemüse

auf selbstgemachtem Kajmak gibt auch Vegetarier*innen

die Chance, sich an die balkanesische Küche heranzuwagen.

Sich mitten in der Pandemie in der ohnehin hart umkämpften

Gastro-Branche selbstständig zu machen, war auch für Irena

auch ein großes Wagnis. Besonders wichtig ist Irena, dass

sie authentische Küche anbietet: „Unser Essen schmeckt so,

wie es meine Oma gemacht hat, dann meine Mama, dann ich

für meine Kinder, und jetzt für meine Gäste. Es schmeckt wie

Zuhause.“

Afrikanische

Fusion als

Food-Vision

Dampha Kitchen

Brunnengasse 67

1160 Wien

„Ich koche gut. Wieso soll ich dann nicht kochen?“,

sagt er und grinst verschmitzt. Er, das ist Neo-

Küchenchef Khalifa Dampha. Spanisch-westafrikanische

Gerichte sind der Schwerpunkt seiner Küche

im Popup-Lokal Dampha Kitchen am Brunnenmarkt.

Zuerst hat Khalifa nur für seine Freund*innen

gekocht. Nach dem Lockdown wagte er schließlich

den Schritt zum eigenen Start-Up, „weil man

sowas sonst nicht in Wien findet“, wie er selbst

sagt. Der Großteil der Speisen ist eine Symbiose aus

Reis, Gemüse und Erdnüssen. Einen einzigartigen

Geschmack verleihen den Gerichten Kurkuma, Curryblätter

oder Kardamom, die typisch für die afrikanische

Küche sind.

Obwohl Dampha am Wochenende (ab 12 bis 21 Uhr)

geöffnet hat, erfreuen sich seine Speisen schon jetzt

großer Beliebtheit unter den Wiener*innen. Es ist für

jede*n, der*die offen ist, etwas Neues zu probieren,

etwas dabei: Veganerfreuden bringt der Vegan Gambian

Cheeseburger (veganes Patty, Salat, Guacamole,

frittierte Kochbananen, veganer Käse in Currybrioche);

eine Variante mit Fleisch ist mit den Alitas de

Pollo (Chicken-Wings) abgedeckt, zusätzlich gibt es

Empanadas und Tacos wahlweise jeweils mit Fleisch,

vegetarisch oder vegan. Khalifa ist erst am Anfang

seines kulinarischen Weges, hat aber große Visionen:

eine andauernde Partnerschaft mit dem türkischen

Lokal „Kent“ auf dem Brunnenmarkt ist angedacht.

/ KULINARIK / 47


Ein Stück

Brasilien

in Wien

Carioca

Obere

Donaustraße 69

1020 Wien

Das Carioca ist ein Ort, wo Brasilianer*innen sich zu Hause

fühlen und Österreicher*innen sich weit weg von zu Hause

fühlen“, erklärt Eigentümerin Livia Mata die Philosophie ihres

brasilianischen Bistros im Zweiten. „Cariocas“ sind Menschen,

die aus Rio kommen und dass die Chefin selbst aus

der Nähe von Rio stammt, spiegelt sich nicht nur im farbenfrohen

Interieur, sondern auch in der authentischen Kulinarik

wieder: Immer auf der Karte ist die Vorspeise Pão de queijo

(gebackene Maniok-Käsebällchen); oder als Hauptspeise, das

brasilianische Nationalgericht Feijoada (Eintopf aus schwarzen

Bohnen, getrocknetem Rindfleisch, Würsten und Geselchtem,

mit Reis und geröstetem Maniokmehl), Coxinha (mit Huhn oder

vegan gefüllte Riesen-Krokette), eine vegane Speise (Prato

vegano) sowie ein Prato do dia (Tagesgericht, oft mit Fisch

oder Shrimps). Für Süße gibt es Três délicias (drei sehr süße

brasilianische Dessertklassiker).

Auch die Getränkekarte versprüht Copacabana-Flair: Es gibt

Cachaças (Zuckerrohrschnaps), Caipirinhas, brasilianisches

Bier. Besonders macht das Carioca aber nicht nur das hausgemachte

Essen, sondern Livia, die gute Seele des Lokals. „Ich

habe mir jede Woche etwas Neues überlegt: zuerst haben wir

brasilianische Lebensmittel verkauft. Dann habe ich in ganz

Wien geliefert, das war anstrengend. Und schließlich haben wir

Caipirinhas to-go angeboten um uns über die Zeit zu retten“.

Jetzt ist wieder offen und es kann brasilianisch aufgetischt

werden.

Allzeit foodand-drinkbereit

im

P‘AM

P‘AM

Kirchengasse 17 / 2

1070 Wien

Würzige, hausgemachte Cookies, Kaffee- und Teespezialitäten

und Cocktails oder Longdrinks. Das und mehr gibt es jederzeit

im P’AM in der Kirchengasse im 7. Bezirk. Ihren Gästen

bieten Jigit Örme und seine Frau, ein Ehepaar mit türkischem

Migrationshintergrund, viel mehr, als man auf den ersten Blick

vermutet: hausgemachte Limonaden, gefüllte Bagels, wahlweise

mit Lachs, vegetarisch mit Käse oder eine Hummus-Variante

für Veganer*innen, Kaffee, Iced Chai Latte, oder Cocktails.

Besonders beliebt unter Naschkatzen und auch den jüngeren

Gästen sind die ausgefallenen Cookie-Variationen, die

auch optisch was hermachen. „Wir sind nicht die Ersten und

nicht die Letzten, die Cookies machen. Wir suchen aber neue

Geschmäcker und geben viel Liebe und Hingabe rein“, sagt

Örme über seinen verwirklichten Lokaltraum. Der Cheesecake

im P’AM hat schon jetzt viele Fans. Das P’AM ist aber nicht nur

Bäckerei, sondern auch Bar und Galerie: „Ich habe mich schon

immer mit Kunst beschäftigt. Ich bin selber Fotograf. Essen und

Getränke sind auch Kunst. Deshalb geben wir Künstler*innen

Platz zum Ausstellen.“ Dieses Konzept umzusetzen war aber

nicht leicht. „Die U-Bahn-Linie liegt unter dem Lokal. Deswegen

dauerte der Umbau fünf Monate länger als geplant. Im

Februar war alles für die Eröffnung bereit, und dann machte

uns der Lockdown einen Strich durch die Rechnung“. Die Neo-

Lokalbesitzer reagierten aber schnell, nahmen Glühwein und

Punsch ins Angebot auf, boten Lieferungen an. So viel Einsatz,

Cheesecake zu essen und mit immer neuen Ideen aufzufahren

zahlt sich aus- und egal ob früh, untertags oder am Abend- ein

Besuch im P’AM auch.

© Zoe Opratko, Markus Korenjak

48 / KULINARIK /


Petition:

SMS * mit

RETTEN

an 54554

Schnell nach Brasilien gebeamt: Brasilien not to go but to eat

Für gutes Essen und Trinken im P’AM ist immer Zeit

*Mit Ihrer SMS erklären Sie sich einverstanden, dass

Greenpeace Ihre Telefonnummer zum Zweck der

Kampagnen kommunikation erheben, speichern & verarbeiten

darf. Diese Einwilligung kann jederzeit per Nachricht

an service@greenpeace.at oder Greenpeace, Wiedner

Hauptstraße 120-124, 1050 Wien widerrufen werden.

SMS-Preis laut Tarif, keine Zusatzkosten.

/ KULINARIK / 49

Greenpeace dankt für die kostenlose Schaltung dieses Inserats.

artenvielfalt.greenpeace.at


Feuer und

Flamme

Dogenhof

Praterstraße 70

1020 Wien

Essen im Restaurant ohne Küche? Ja, das geht. Und zwar im

neu wiedereröffneten Dogenhof in der Praterstraße. Die Kulinarik

in einem Satz? Ehrlich gute Feuerküche. Mile Palikukovski,

Geronimo Schiedlbauer und Simon Steiner sind die drei Eigentümer,

die hinter einem Konzept stehen: analoges Kochen, nur

über offenem Feuer, ganz ohne Küche und Küchengeräte. „Wir

versuchen gerade unsere Nische zu finden.“, so Palikukovski.

Das merkt man in der bunten Auswahl der Gerichte, von den

Vorspeisen wie dem italienisch angehauchten Dogen-Caprese

(fermentierte Paradeiser, Ziegenfrischkäse, Stadthonig, Basilikumöl),

über amerikanisch inspiriertem rohen Rind (gehacktes

XO-Beef, gebeizter Eidotter, Senfkaviar) bis hin zu deftigen

Hauptspeisen wie dem Tira de Asada (XO-Beef Shortribs vom

Rost, gegrillter Stängelkohl, Chimichurri), oder einer vegetarischen

Option wie Kohlrabi-Tatar (gegarter Kohlrabi mit Kren,

Salz-Mandeln, Wildkräuter). Die Besonderheit am Dogenhof

liegt aber nicht nur in der Machart der Speisen oder den kulinarischen

Kompositionen des 24 Jahre jungen Küchenchefs

Lukas. Einzigartig ist auch, wie handverlesen jede einzelne

Zutat ist. „Man braucht gute Grundprodukte. Wir arbeiten nur

mit Leuten, die wir kennen, wo wir wissen, was woher kommt

und haben nicht zwei, drei Lieferanten, sondern 50 Schnapsbrennern,

Obst- und Gemüsebauern, Pilzlieferanten, Winzern,

die Naturweine herstellen und mehr“, erklärt Palikukovski. Er

erzählt auch, wie man Corona gemeistert hat: „Wir haben

zwei Wochen vor dem ersten Lockdown aufgemacht. Uns hat

Corona sogar ein bisschen geholfen, wir konnten uns in der

Zeit verbessern. Wir haben viel Streetfood gemacht, unsere

Weinkarte erweitert, hatten aber das große Glück, dass wir

vom ersten Tag an voll waren.“ Gut für den Austro-Mazedonier,

der in einer ruhigen Stunde von der Geschichte des Dogenhofes

erzählt. Dieser diente Ende des 19. Jahrhunderts als

Unterkunftsstätte für die venezianischen Gondoliere, die im

Themenpark im Prater nebenan ihren Dienst verrichteten.

Daher auch die prachtvollen Wände des Dogenhofes, die an

das Interieur eines venezianischen Palazzo erinnern.

© Lisa Leutner, Markus Korenjak

50 / KULINARIK /


Baba,

Sohn und

Kokoreç

Baba Kokoreç

Erlachgasse 79

1100 Wien

Knusprig und weich – diese Widersprüche schafft

es die Küche im Baba Kokoreç zu vereinen, besonders

in Punkto Lammfleisch. Im 10. Bezirk gibt es

viele Angebote türkischer Spezialitäten, doch dieses

neue Lokal bietet Fleischliebhabern weit mehr als

Kebab. Fevzi Sakar und sein Sohn Aytug stammen

aus Sakarya am Schwarzen Meer und bereiten ihren

Gästen außergewöhnliche (Edel-)Innereien über

offenem Feuer, gegrillt, in Pide, oder am Spieß zu.

Auf der Karte stehen beispielsweise Uykuluk Güveç

(sautierter Herzbries vom Lamm) oder Kokoreç, die

namensgebenden Spezialität, die aus klein geschnittenen,

gegrillten oder gebratenen Lamm-Därmen

besteht und sowohl pur wie auch im Weißbrot serviert

wird. Auch Seltenes wie Kutteln oder Ochsenschwanz

landen hier im Topf und am Grill. „In Wien

gab und gibt es kein Lokal, in dem solche Gerichte

wie unsere zur Auswahl stehen“, sagt der „Baba“

des Betriebes. Die ersten zwei Wochen nach der

Eröffnung war dieser zufrieden: das Lokal war voll

von Fleischbegeisterte*n. „Das Geschäft lief sehr gut.

Die Corona-Zeit versetzte den Betrieb aber in eine

vierzehnmonatige Pause. Ohne das zweite Standbein

durch meinen Sohn hätten wir die Corona-Krise nicht

überstanden“, erzählt Fevzi. Doch der Familienbetrieb

wurstelte sich durch und zaubert jetzt wieder

für Fleisch- und Grillspezialitäten und zeigt eine neue

Facette der türkischen Küche.

bewegt-im-park.at

Bewegungskurse

im Freien für alle !

Kostenlos und ohne Anmeldung

In ganz Österreich

Juni bis September

Foto: © HBF/Karlovits

ENTGELTLICHE EINSCHALTUNG DES BUNDESMINISTERIUMS

FÜR KUNST, KULTUR, ÖFFENTLICHEN DIENST UND SPORT

Finanziert von


Brösliger

Start

Brösl

Wohlmutstraße 23

1020 Wien

Hausgemachtes Eis, selbstgebrautes Bier und nachhaltiges

Essen. Mit der saisonalen Speisekarte begrüßt das „Brösl“

seine Gäste in der Nähe von Messe-Prater. Originalität und

Nachhaltigkeit sind hier im Fokus: „Die Idee war, dass wir nur

Auserlesenes, also überschaubare Küche, machen. Alles, was

wir anbieten, soll nachhaltig sein“, sagt Manuel Batrolacci,

einer der Besitzer des Lokals. Die täglich neu kreierte Speisekarte

hat durch das bunte Team des Brösls viele kulinarische

Einflüsse: von der sommerlichen Focaccia, über Puntarelle,

Babyerdäpfel und Sardellen, bis hin zu deftigeren Gerichten

wie Schweinebauch mit Röstgemüse – das „Brösl“ ist experimentierfreudig

und für Vegetarier, veganer und Fleischesser

geeignet. Eine fixe Spezialität gibt es trotzdem: „Laban ist das

einzige Gericht, dass wir das ganze Jahr haben. Derzeit ist

auch Forelle besonders beliebt“, so Batrolacci. (Anm. d. Red.:

Joghurtähnliches Getränk aus dem arabischen Raum) An die

Nachspeise hat Brösl auch gedacht: Nach eigenem Rezept wird

Vanille-, Himbeer-, oder Zitroneneis produziert. Die Idee fürs

Brösl hatten vier Freunde, die jetzigen Eigentümer, letztes Jahr.

Doch durch der Pandemie musste das Brösl-Team die Eröffnung

verschieben. Das Warten hat sich aber gelohnt: Regionale

Produkte, selbstgebrautes Bier und mehr. Brösl heißt wohl so,

weil von gutem Essen eben nur Brösl überlbleiben.

Peruanisches

Strandfeeling

an der Donau

Pisco Beach

Copa Beach, neben dem

Kletterpark

Pisco, der Weintraubenschnapps, den man in Peru an jeder

Ecke kriegt, ist Namensgeber für den Foodtruck der etwas

anderen Art. Jesse Caycho-Romero ist gerade mal 24 Jahre alt

und betreibt den kleinen, aber richtig feinen Foodtruck in der

Nähe des Kletterparks. Unterstützt wird er dabei von seinem

Vater Max, der mit der Pisco Latin Bar im 1. Bezirk vor vielen

Jahren schon ein Stück seiner Heimat nach Wien verfrachtet

hat. Jesse hat es tatsächlich geschafft, innerhalb eines Monats

den Truck auf die Beine zu stellen. Und die Mühe hat sich auf

jeden Fall ausgezahlt. Doch nicht nur der Durst lässt sich am

Truck stillen – Jesse ist gelernter Koch und hat eine einzigartige

Auswahl an Snacks konzipiert.

Absoluter Verkaufsschlager ist Jesses „Crispy Chicken

Sub“, ein Sandwich der Extraklasse, mit knusprig gebackenem

Hühnerfleisch, hausgemachtem Coleslaw und einer Sauce,

deren Rezept gut gehütet wird. „Der Crispy Chicken liegt mir

sehr am Herzen, zwei Jahre lang habe ich an dem Rezept

gefeilt, bis es perfekt war“, so der Koch. Für Vegetarier wird

der „Veggie Sub“ angeboten, der mit seinen gebackenen

Melanzanistreifen, dem cremigen Ricotta, mariniertem Paprika

und einer Balsamicosauce niemanden auch nur eine Sekunde

an Fleisch denken lässt. Typisch peruanisch im Sortiment ist

etwa „Salchipapa“, das sind Pommes Frites mit Würstchen, die

in Peru ein beliebtes Streetfood sind. Und auch Empanadas,

die klassischen gefüllten und gebackenen Teigtaschen, die in

vielen Ländern Südamerikas gegessen werden, dürfen natürlich

auch nicht fehlen.

© Zoe Opratko, Brösl

52 / KULINARIK /



KARRIERE & KOHLE

Para gut, alles gut

Von Anna Jandrisevits

FOMO („FEAR OF MISSING OUT“) WAR GESTERN!

Ready für deinen Sommer mit der VHS?

Mit über 1.200 Kursen im Freien wird dir diesen Sommer fix nicht fad!

Bring für den nächsten Urlaub deine Italienischkenntnisse in den Innenhöfen

Wiens auf Zack oder komm mit zu einem Fotowalk auf den Kahlenberg.

Das Sommerangebot der VHS bietet dir Raum und Zeit, deine

Kreativität auszuleben und neue Möglichkeiten, dich auszudrücken.

DIY, Theater, Schreiben und vieles mehr – hier werden dir keine Grenzen

gesetzt. Also auf was wartest du noch?

Schnapp dir deine BFF und klick dich gleich durch unter:

www.vhs.at/sommer

MEINUNG

350€ reichen nicht

Wie jedes Jahr beginnen auch diesen Sommer

wieder viele Nachwuchsjournalist*innen ihre

Praktika und Volontariate in Redaktionen. Für

die berufliche Laufbahn zweifellos wichtig: Mal

macht man ein Praktikum und sammelt wertvolle

Erfahrung, mal macht man ein Volontariat

und will nie wieder eines machen. Wie auch

immer, diese ersten Schritte in der Branche

sind durchaus nützlich. Was allerdings nicht

nützlich ist, sind prekäre Arbeitsbedingungen

und schlechte Bezahlung. Die scheinen aber

vielerorts eine unentbehrliche Komponente

in der journalistischen Laufbahn zu sein. Eine

Verantwortliche des ZDF verkündete vor kurzem

auf LinkedIn, dass der Sender „endlich!“

alle Praktika mit 350€ pro Monat vergütet,

man hätte dafür „echt lang gekämpft!“. Dass

man echt lange dafür kämpfen muss, jemanden

für Arbeit zu bezahlen, lasse ich jetzt mal

unkommentiert. Lieber ZDF, kein Mensch kann

und soll von 350€ im Monat leben. Wenn man

keine finanzielle Unterstützung aus der Familie

oder zwei Nebenjobs hat, ist das nicht nur

unmöglich, sondern auch menschenunwürdig.

Es führt dazu, dass Journalismus weiterhin

größtenteils von einer weißen, elitären

Akademiker*innen-Bubble besetzt ist und

Nachwuchsjournalist*innen aus der Branche

vergrault werden, bevor sie überhaupt Fuß

gefasst haben. Das Problem gibt es nicht nur

im deutschen Journalismus, auch hierzulande

gibt es Nachholbedarf. Können wir also

bitte aufhören, so zu tun, als wäre es normal,

Praktikant*innen schlecht zu bezahlen?

jandrisevits@dasbiber.at

Chat-Leak

des Monats

„KURZ KANN

JETZT GELD

SCHEISEN“

Einmal so viel Kohle haben wie

Thomas Schmid oder Sebastian

Kurz. Das haben sich

wahrscheinlich viele gedacht,

nachdem (wieder mal) neue

Chats aus ÖVP-Kreisen veröffentlicht

wurden. Laut den

Nachrichten aus dem Jahr 2016

ist sich Schmid sicher, das Kurz

„Geld scheißen“ kann. Schmid

hat das Budget des Außenministeriums,

in dem Kurz 2016

Minister ist, nämlich um 35 %

erhöht, schreibt der damalige

Generalsekretär und Kabinettschef

im Finanzministerium dem

jetzigen ÖVP-Finanzminister

Gernot Blümel. Jetzt ist Schmid

als ÖBAG-Chef mit sofortiger

Wirkung zurückgetreten. Und

die Staatsanwaltschaft ermittelt

gegen Kurz. Also vielleicht lieber

doch nicht so viel Kohle haben,

Geld bringt nur Probleme.

SEXUELLE

BELÄSTIGUNG AM

ARBEITSPLATZ

AN WEN WENDE

ICH MICH?

ACT4RESPECT

Kostenlose und auf Wunsch anonyme

Telefonberatung vom Verein „sprungbrett“

in Kooperation mit der

Arbeiterkammer Wien. Montag 11-14

Uhr & Donnerstag 16-19 Uhr.

Tel.: 0670 600 70 80

GLEICHBEHANDLUNGSAN-

WALTSCHAFT

rechtliche Beratung und Unterstützung.

Per E-Mail gaw@bka.gv.at oder

Tel.: 0800 206 119.

www.gleichbehandlungsanwaltschaft.

gv.at

GLEICHBEHAND LUNGS:APP

kostenlose App für Informationen und

zum Melden von Vorfällen, ob selbst

erlebt oder beobachtet. Im Google

Playstore und App Store.

© Zoe Opratko, Frank May / Picture Alliance / picturedesk.com, Screenshot nachgebaut

54 / KARRIERE /


AK.AT/FÜRDICH

GERECHTIGKEIT

#FÜRDICH

Die Arbeiterkammer setzt sich für die Rechte der

Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen ein. #FÜRDICH und

die soziale Gerechtigkeit in Österreich.


Selbermacher

Aus den kleinen Problemen

des Alltags werden

nicht selten große

Ideen für Unternehmen.

So auch im Fall

von RAINCOMBI, einer

Bekleidungsmarke,

die sich auf regen- und

windfeste Kleidung für

Radfahrer*innen spezialisiert

hat.

Text: Nada El-Azar, Fotos: Zoe Opratko

Überall

im

Overall

Wir danken Citybiker (Lerchenfelderstraße

13, 1070 Wien) für die Shooting-Location!

G

eschäftsführerin Oksana Stavrou

hatte eine zündende Idee, nachdem

ihr Ehemann bei Regen mit

dem Fahrrad nur triefnass in die Arbeit

gekommen war. „Ich kaufte ihm zunächst

einen regulären Regenponcho. Dabei war

das Problem, dass er sowohl durch das

Spritzwasser von unten, als auch durch den

Fahrtwind und rutschende Ärmel von oben

nass wurde“, so die 41-jährige Juristin.

Zum Radfahren war ein gewöhnlicher

Regenschutz also ungeeignet. „Mir kam die

Idee, dass die Probleme mit einem Overall

beseitigt werden könnten. Ich war sehr

überrascht, dass so etwas noch nicht auf

dem Markt existierte.“ Deshalb entwickelte

Oksana auf eigene Faust einen Parka, der in

Sekundenschnelle durch ein paar Handgriffe

in einen bewegungsfreien Overall verwandelt

werden kann. Wasserdicht, robust, und

gleichzeitig gewichtslos ist der Overall von

RAINCOMBI, der sich leicht in seine eigene

Tasche stecken lässt und so ein kompakter

Begleiter für überall sein kann.

EIN ALTES HOBBY ZUM

BERUF GEMACHT

Oksana Stavrou wuchs in der Stadt Ivano-

Frankiwsk in der Westukraine auf. Schon

als junges Mädchen liebte sie es, Kleidung

für ihre Puppen zu machen – und später

auch für sich selbst. Ihre Leidenschaft für

Handarbeiten hat sie wohl von ihrer Mutter,

die als Dozentin für Textilkunst in der

Ukraine lehrt. Nachdem Oksana sich nach

der Schule für ein Jus-Studium entschloss,

rückte dieses Hobby jedoch in den Hinter-

56 / KARRIERE /


grund. Nach Wien hat es Oksana erstmals

im Jahr 2000 verschlagen, um am Juridicum

weiter zu studieren. „An den ersten Entwürfen

für den Overall habe ich mich viel von meiner

Mutter beraten lassen. Sie hatte sich übrigens

sehr gefreut, dass ich schlussendlich doch

zu meinen Vorlieben aus der Jugend zurückgekehrt

war. Mittlerweile habe ich schon so

viel Expertise, dass ich die Rohschnitte alleine

anfertige, und diese dann in der Näherei weiter

verfeinert werden“, so Stavrou, die ihren

typisch griechischen Nachnamen von ihrem

Ehemann hat.

HOSEN, DIE MITWACHSEN

Neben dem klassischen Overall sind noch

andere Produkte im Onlineshop und bei

diversen Vertriebspartnern, vornehmlich

Fahrradgeschäften, erhältlich. Eine andere

Spezialität ist das Produkt LATZGROW, eine

Gatschhose für Kinder von 0 bis 6 Jahren,

die mitwächst. „Meine eigenen Töchter

haben die Hose sogar bis ins Alter von 8

Jahren getragen. Der Stoff ist hochwertig

und atmungsaktiv, und die Hose rentiert sich,

wenn sie so lange getragen wird“, versichert

Stavrou.

Der Overall von RAINCOMBI kann sowohl

als Parka, als auch als stylischer Einteiler

getragen werden. Die Verwandlung gelingt

im Handumdrehen, sogar ohne die Schuhe

ausziehen zu müssen.

Weitere Informationen unter:

www.raincombi.at

WKO-WIEN HILFT

Im Gründerservice der

WKO-Wien kann man bei

einem Beratungsgespräch

alle Fragen stellen, die die

Gründung eines Unternehmens

betreffen. Im Vorhinein

kann man sich auch

schon eigenständig online

informieren. Ob generelle

Tipps zur Selbstständigkeit,

rechtliche Voraussetzungen,

Amtswege oder

Finanzierungs- und Förderungsmöglichkeiten:

Auf

der Website kommt man

mit wenigen Klicks zu allen

wichtigen Informationen.

wko.at/wien

www.gruenderservice.at

Die Selbermacher-Serie ist

eine redaktionelle Kooperation

von das biber mit der

Wirtschaftskammer Wien.

© Randy Faris/Corbis

© Randy Faris/Corbis

Online informieren!

W W www.gruenderservice.at

VON DER IDEE

BIS ZUR GRÜNDUNG

» GRUENDERSERVICE.AT

Basis-Informationen und und Tools Tools zur zur Gründung

finden finden Sie Sie auf auf unserer Webseite.


INTERESSE FÜR MATHEMATIK UND

TECHNIK

„Als ich vor 5 Jahren in Österreich ankam, konnte ich null

Deutsch. Zwei Jahre später habe ich meinen Pflichtschulabschluss

geschafft. In Wien habe ich einen B1 Deutschkurs

gemacht und dann versucht einen Job oder eine Ausbildung zu

finden. Erst habe ich zwei Wochen ein Praktikum als Heimhilfe

in Liesing absolviert. Aber das ist so schwer, das hat mir

einfach nicht gefallen. Jeden Tag sterben Menschen und du

musst sehr stark sein. Ich konnte das nicht, ich musste immer

weinen. Ich habe dann mit meinen Freundinnen darüber nachgedacht,

was mir liegt und was ich gerne mache und da ist mir

plötzlich die Idee gekommen Elektrotechnik zu machen, weil

mich Mathematik und Technik interessiert.

DIE RICHTIGE FIRMA GEFUNDEN

Ich habe verschiedene Kurse gemacht und dann die Möglichkeit

bekommen, mich bei der Firma Kapsch zu bewerben. Das

Vorstellungsgespräch lief gut und 2019 konnte ich meine Lehre

als Elektrotechnikerin beginnen. Ich hatte zu der Zeit mit der

Hilfe von Interface verschiedene Bewerbungen geschrieben

und bekam dann auch eine Zusage von den Wiener Netzen.

Da mir diese Stelle noch mehr zusagte, wechselte ich dorthin

und bin mittlerweile im dritten Lehrjahr Elektrotechnik. Es ist

einfach das Beste. Ich mag meine Ausbildung, ich lerne jeden

Tag sehr viel und es ist so eine gute und große Firma.

„Plötzlich kam

mir die Idee,

Elektrotechnik

zu machen“

Fatime Qalandari wurde vor 23 Jahren in

Afghanistan geboren. Sie wuchs im Iran auf

und flüchtete 2016 mit ihrer Familie nach

Österreich. Ursprünglich wollte sie auf keinen

Fall hier bleiben, heute ist Wien für sie die

beste Hauptstadt der Welt und ihre Lehre bei

den Wiener Netzen ein Traumjob.

Redaktion: Sonja Kittel, Foto Karin Wasner

ABWECHSLUNGSREICHE ARBEIT

Im ersten Lehrjahr waren wir nur bei einem Ausbildner und

haben die Grundlagen gelernt. Wir haben viel mit den Händen

gearbeitet. Seit dem zweiten Lehrjahr sind wir in verschiedenen

Abteilungen, entweder am Firmenstandort oder bei den Außenstellen.

Letzte Woche erst waren wir im 6. Bezirk und haben

einen Transformator mit 1000 Kilovolt überprüft. Manchmal

beginne ich um sechs Uhr morgens und muss um fünf aufstehen,

dafür bin ich um zwei fertig, manchmal geht es bis 20 Uhr.

„ICH WILL LEHRMEISTERIN WERDEN“

Die Berufsschule wird im Blockunterricht abgehalten. Nächste

Woche geht es wieder los, fünf Wochen lang und endlich wieder

mit Präsenzunterricht. Das ist viel besser als Distance Learning.

Unser Beruf ist schwer, es gibt viele Fachausdrücke. Da

brauche ich die Schule, um das zu lernen. Ich mache nebenbei

zuhause einen B2 Deutschkurs. Bis Ende des Jahres will ich

die Prüfung machen und auch schaffen. Die Lehre dauert drei

Jahre. Danach will ich in die Abendschule gehen und Meisterin

werden. Ich will auch die Matura machen, aber ich bin nicht

sicher, ob ich das schaffe. Ich will auf jeden Fall in dem Bereich

weiterarbeiten. Am besten bei Wiener Netze. Sie achten sehr

darauf, wie man in der Lehrzeit war. Ob du pünktlich warst, fleißig

und so. Ich war bisher nicht einmal zu spät. Ich will gerne

dort bleiben.

GERINGER FRAUENANTEIL

Momentan sind im zweiten Lehrjahr nur drei Frauen von

58 / KARRIERE /


insgesamt 18 Lehrlingen. Das ist sehr wenig. Wien Energie

ist im ersten Lehrjahr bei uns und dort sind viel mehr Frauen.

Sechs im ersten Lehrjahr, so viele wie bei uns in allen Lehrjahren

zusammen. In den verschiedenen Abteilungen arbeite ich

meistens mit älteren Männern zusammen. Ich habe normalerweise

kein Problem damit, ich bin sehr locker. Vor einiger Zeit

war ich aber für zwei Wochen in einer Anlage außerhalb Wiens.

Dort gab es keine Garderobe für Frauen, nur eine gemeinsame

Dusche und ein gemeinsames Klo. Ich war die einzige

Frau. Das war schwierig, aber ich dachte mir, es sind nur zwei

Wochen und da muss ich jetzt durch.

„KANN MEINE ZUKUNFT SELBST BAUEN.“

Wir hatten als Afghanen gar kein gutes Leben im Iran. Man

kann mein Leben jetzt und das im Iran einfach nicht vergleichen.

Ich sage immer, hier kann man ein gutes Leben haben,

ein viel besseres Leben. Dort gibt es keine Möglichkeiten für

Frauen oder Mädchen. Wenn ich dort wäre, jetzt in meinem

Alter, hätte ich schon zwei oder drei Kinder. Ich müsste verheiratet

sein. hier habe ich meine eigene Wohnung, meinen

eigenen Job, ich kann meine Zukunft selbst bauen. Wir müssen

auf die Zukunft schauen und wir schaffen es. Ich bin froh, dass

ich hier bin.“ ●

„Man muss an

sich arbeiten

und an sich

glauben“

Sayed Jamshed Sadat ist auf sich allein gestellt als

Minderjähriger vor dem Krieg aus Afghanistan geflohen.

Innerhalb weniger Jahre hat er zwei Sprachen gelernt,

seinen Pflichtschulabschluss gemacht und die Lehre als

Koch abgeschlossen. Jetzt, mit 21, arbeitet er in seinem

Lehrbetrieb und leitet stellvertretend die Küche. Sein

Weg ist aber noch lang nicht zu Ende.

Redaktion: Sonja Kittel, Foto: Michael Langerwisch

SCHON ALS 5-JÄHRIGER GEARBEITET

„In meiner Heimat Afghanistan war immer Krieg. Da muss man schnell

erwachsen werden. Ich habe schon mit fünf Jahren angefangen zu

arbeiten und meinem Vater geholfen, um die Familie zu ernähren. Weil

die Situation nicht besser wurde, hat mein Vater mich weggeschickt.

Erst in die Türkei, dort habe ich drei vier Monate gearbeitet, und dann

weiter nach Österreich. Ich war 15 Jahre alt, als ich nach Österreich

gekommen bin.

SPRACHBARRIEREN

Am Anfang war es schwer. Ich bin Analphabet in meiner eigenen Muttersprache

und ich konnte auch kein Englisch. Ich habe viel versucht,

um Deutsch zu lernen. Ich bin der Typ, der nicht abhängig von jemandem

sein will, zum Beispiel von einem Dolmetscher. In Traiskirchen

gab es erste Deutschkurse. Ich bin dann nach Steinhaus am Semmering

in ein Flüchtlingsheim gekommen und habe dort in der Küche mitgearbeitet.

Das hat mir geholfen, weil ich viel abschauen konnte und

viel geredet habe. Ich habe gleichzeitig versucht Englisch zu lernen

und anfangs ein Mischmasch aus Deutsch und Englisch gesprochen.

KOCHEN, NATUR ODER TECHNIK

Ich habe einen negativen Asylbescheid bekommen und dann versucht

so schnell wie möglich eine Lehre zu finden. Mein erster Traumberuf

war im Bereich Natur und Technik, Ich bin als Bauer aufgewachsenen

in meinem Land. Ich habe meinem Vater geholfen und deshalb wollte

ich das hier auch machen. Kochen ist meine zweite Leidenschaft, weil

man immer mit Lebensmitteln zu tun hat. In Afghanistan durfte ich nie

alleine raus und musste zuhause bleiben. Meine Mutter hat versucht

mir die Langweile zu nehmen und ich habe viel von ihr gelernt, auch

das Kochen. Eine Lehrstelle zu finden war am Anfang schwer, aber der

/ KARRIERE / 59


NEHMEN WIR

DEM SCHWARZ

DIE KRAFT .


BEZAHLTE ANZEIGE

Verein Mentorus hat mir sehr dabei

geholfen.

DER EIGENE CHEF SEIN

Ich habe eine Lehre als Koch

gemacht im Häuserl im Wald, einem

bekannten Restaurant mit typisch

steirischer Küche in Graz. Ich bin

dem Eigentümer sehr dankbar, weil

er mir eine Chance gegeben hat.

Bei vielen Betrieben hat es nicht

geklappt. Er hat an mich geglaubt

und wenn jemand an dich glaubt,

hast du die Chance dich zu entfalten

und weiterzublühen. Ich habe meine

Lehre mit gutem Erfolg abgeschlossen

und arbeite jetzt als Koch in

meinem Lehrbetrieb. Ich möchte dort

gerne auch ein Jahr freiwillig an der

Rezeption arbeiten an meinen freien

Tagen, um zu sehen, wie man so ein

Geschäft führt. Mein Plan ist, dass ich

in zehn Jahren mein eigenes Lokal

habe. Ich will mein eigener Chef sein

in meinem Leben.

„ICH BIN EIN

GLÜCKSPILZ“

Ich bin ein glücklicher Mann, ein

Glückspilz. Ich bin in meinem Leben

immer den nettesten Menschen

begegnet. Sie haben mir Schritt für

Schritt geholfen. Beim alea Lernforum

habe ich meinen Pflichtschulabschluss

neben dem ersten Lehrjahr

gemacht. Ich habe tagsüber gearbeitet

und nachts gelernt. Die Leiterin

Michaela Schaffer hat mich sehr

unterstützt. Sie hat mich auch an

Mentorus und Ruth Seipel vermittelt.

Ich habe viel von Frau Seipel gelernt.

Wir hatten oft Diskussionen, aber

dafür bin ich sehr dankbar, weil ich

durchs Streiten auch mein Deutsch

verbessern konnte. Für mich war die

Schule einfach. Das erste Lehrjahr

nicht, aber das zweite und das dritte

schon. Was wir in den Büchern theoretisch

gelernt haben, hatte ich schon

alles in der Küche durchgemacht.

Im zweiten Lehrjahr kannte ich mich

schon in allen Bereichen gut aus.

„ES WIRD IMMER

WEITERGEHEN“

Ich habe die Rot-Weiß-Rot Karte

bekommen, weil ich schon seit fünf

Jahren hier bin und mich selbst

finanzieren kann. Ich will jetzt erst

mal im Häuserl im Wald bleiben, dann

aber in anderen Betrieben schnuppern

oder arbeiten, um einen besseren

Blick dafür zu bekommen, wie

ich mit meinem Betrieb gut verdienen

kann. Ich will nicht, dass das jetzt die

Endstation ist. Es wird immer weitergehen.

Ich will, es klingt vielleicht

lächerlich, in ein paar Jahren einer

von den wohlhabenderen Männern

in der Steiermark sein. Viele meiner

Freunde sagen, dass das Geld nicht

wichtig ist, aber in meinem Leben

hatte ich nie Wohlstand oder Geld.

Ich musste immer flüchten. Jetzt

habe ich endlich ein Zuhause gefunden

und ich will darauf aufbauen.

„NO PAIN, NO GAIN“

Es gibt so ein englisches Sprichwort

„no pain, no gain“. Man muss immer

an sich arbeiten und an sich selbst

glauben, sonst kann man nichts erreichen.

Zu einem Ziel kann man nicht

nur geradeaus gehen, man muss

Umwege machen und das muss

man lernen, weil das Leben ist nicht

immer fair. Ich bin jedem Menschen

dankbar, der in mein Leben getreten

ist, weil manche bleiben in deinem

Leben, manche erteilen dir eine

Lektion, aus der du lernen kannst. Ich

habe noch ein Sprichwort im Kopf:

,Man gewinnt oder man lernt, man

verliert nie.‘“ ●

Sie sind vor Krieg und Gewalt geflüchtet und haben in Österreich ein

neues Leben begonnen. In der 9-teiligen Porträtreihe „Meine Lehre

in Österreich“ erzählen junge Frauen und Männer, wie sie nach ihrer

Flucht ihre Lehrstelle gefunden haben und wie sie ihre Ausbildung

erleben. Ihre Geschichten zeigen die Hürden und Probleme, mit

denen Geflüchtete nach ihrer Ankunft konfrontiert werden. Es sind

aber auch Erfolgsgeschichten von genutzten Chancen, Freundschaft

und Menschlichkeit. Wenn Sie Geflüchtete ehrenamtlich unterstützen

wollen, finden Sie unter www.sosmitmensch.at Infos und Kontakte.

Aleks Jobicić

Job?

Fix!

DIE BERUFSLEBENSKOLUMNE

DES AMS WIEN

Bewerbungsgespräche! Jobinterviews! OMG!

Hattet Ihr so etwas schon einmal? Ich erinnere

mich noch ganz gut an mein erstes. Ich war

super nervös. Ich war ur nicht vorbereitet. Es

ist grandios gescheitert.

Na gut, am Nervös-Sein kann man nichts

ändern. Feuchte Hände und Herzklopfen

gehören dazu, außer für Miss Supercool und

Herrn Nerven-wie-Drahtseil. Aber nach einigen

erfolgreichen Vorstellungsgesprächen kann ich

Euch, glaube ich, sagen: Ihr habt vieles selber

in der Hand. Ich geb‘ hier mal ein paar Tipps.

Erstens: Schaut Euch das Unternehmen gut

an. Was machen die genau? Wie viele Leute

arbeiten für sie? Wo haben sie ihre Standorte?

Was schreiben Zeitungen über sie? Seht Euch

die Homepage an und googelt die Firma!

Zweitens: Überlegt Euch ein Outfit für das

Gespräch. Es soll authentisch sein und zu Euch

passen, aber natürlich auch zur Firmenatmosphäre.

Umgeben Euch Kisten und dunkle

Keller oder Krawatten und helle Kostümchen?

Und drittens. Naja, ein paar Fragen sind einfach

immer die selben, die sie uns stellen. Wo

liegen Deine Stärken und Schwächen? Warum

willst Du diese Stelle? Und warum sollte die

Stelle Dich wollen? Darauf kann man sich

vorbereiten, das Internet ist voller Erfahrungsberichte

und Ratschläge.

Tipp: Geh selbstbewusst zum Bewerbungsgespräch!

Sie testen Dich, genauso

wie auch Du sie unter die Lupe nimmst.

Wenn’s auf beiden Seiten passt, wird ein

Job draus. Und zwar von Anfang an auf

Augenhöhe.

Mehr Infos gibt’s auch hier: ams.at/wien


„Ich höre in der U-Bahn Sachen,

die ich nicht hören sollte.“

Gedichte auf Portugiesisch, Romantik auf Arabisch, Schimpfen

auf Russisch, laut sein auf Griechisch – Matea Brandalik

spricht stattliche 19 Sprachen. Wie macht sie das?

Von Nada El-Azar, Fotos: Zoe Opratko

I TA L I EN I S C H

RUMÄN I SCH

D E U TS C H

WE I SSRUSS I SCH

S LOWEN I SCH

TÜRKI SCH

TSCHECHISCH

S PAN I SC H

F RA NZÖ S I S C H

GR I E CH I SC H

MAZEDONI SCH

DÄNISCH

RUSSISCH

FARSI

P ORT UG I E S I SC H

BULGAR ISCH

ARAB I SCH

Steckbrief: Matea Brandalik

Ist 25 Jahre alt und in Tuzla, Bosnien

und Herzegowina geboren.

2014 kam sie nach Wien zum

Studieren.

Studium: Orientalistik und Master

Dialogdolmetschen (Russisch,

Deutsch, B/K/S, Portugiesisch)

62 / KARRIERE /


BIBER: Welche Sprachen sprichst du?

MATEA BRANDALIK: Meine Muttersprache

ist B/K/S, ich bin aber auch mit

Englisch aufgewachsen. Dann spreche

ich noch Deutsch, Französisch, Italienisch,

Spanisch, Portugiesisch, Rumänisch,

Dänisch, Griechisch, Arabisch,

Farsi, Türkisch, Russisch, Weißrussisch,

Tschechisch, Slowenisch, Mazedonisch,

und Bulgarisch. Und seit Neuestem lerne

ich Irisch.

Besuchst du für jede einzelne Sprache

Unterricht?

Das kommt darauf an, ob ich aus derselben

Sprachgruppe schon eine andere

Sprache beherrsche oder nicht. Mazedonisch

habe ich mir selbst beigebracht,

indem ich mit mazedonischen Freunden

gesprochen habe. Es ist ja dem B/K/S

sehr ähnlich. Hingegen musste ich mir

für Irisch ein Buch kaufen und eine

besondere App runterladen. Da müsste

ich einen Kurs besuchen, da das die

erste keltische Sprache ist, mit der ich in

Kontakt bin.

Hast du eine Strategie, um bei so vielen

Sprachen nicht durcheinander zu kommen?

Ich habe keine besondere Strategie,

außer, dass ich die Sprachen ständig

verwende. In meinem Kopf hat jede

Sprache ihren eigenen „Ordner“. Es kann

natürlich immer passieren, dass ich Wörter

vertausche oder falsch konjugiere.

Das Wichtigste ist, dass man mit Leuten

redet. Ohne Sprechen geht es einfach

nicht. Selbst wenn ich eine Sprache nur

auf A1 Niveau beherrscht habe, fing ich

immer wieder an, mit Muttersprachlern

zu reden. Ich war immer sehr offen

und habe mich nie geschämt Fehler zu

machen.

Bedeutet das nicht, dass du ständig viel

mühsame Grammatik lernen musst?

Bei Arabisch, Türkisch und Persisch, die

ich während meines Studiums gelernt

habe, beschäftige ich mich auch mit

tieferen grammatikalischen Themen, die

man selbst als Muttersprachler nicht wissen

muss. Bei anderen Sprachen, die ich

aus Interesse lerne, baue ich den Wortschatz

im Gespräch auf. Ich sage Leuten

immer, dass sie mich gleich korrigieren

sollen, wenn ich Fehler mache, damit ich

mich nicht an sie gewöhne.

Was ist für dich das Beste am Dasein als

polyglotte Person?

Ich bekomme in der türkischen Bäckerei

oft mal etwas mit Rabatt oder sogar

gratis. Ich habe einmal in der Nähe vom

Brunnenmarkt gewohnt, das war sehr

praktisch! Immer wieder geschehen

witzige Dinge. In der U-Bahn höre ich oft

Sachen, die ich nicht hören sollte. (lacht)

Viele Menschen geben immens viel

Geld für Sprachkurse, Bücher, Apps und

dergleichen aus. Wie lernt man eine

Sprache ohne hohe Ausgaben?

Es hängt natürlich von der gewünschten

Sprache ab, aber nehmen wir einmal

Spanisch oder Italienisch als Beispiel.

Man kann sich die Basics im Alleingang

aufbauen und sich dann einen

Sprachtandempartner suchen, mit dem

man das Sprechen übt. Das Gute am

Tandem ist, dass dein Partner auch Hilfe

mit deiner Muttersprache braucht. Das

ist nicht nur ziemlich effektiv, sondern

baut auch Hemmungen ab. Und nebenbei

findet man dabei auch neue Freunde!

Ich kann auch Sprachencafés stark empfehlen.

Es war jedenfalls vor Corona so,

dass es bis zu zehn Tische gegeben hat,

wo jeder eine unterschiedliche Sprache

üben konnte. Pro Tisch gibt es eine Person,

die die Sprache perfekt beherrscht,

um Fehler auszubessern.

Gibt es Sprachen, die du lieber sprichst

als andere?

Ich liebe alle diese Sprachen, als ob

es meine Kinder wären. Ich kann nur

schwer sagen, dass ich eine Sprache

mehr mag als die andere! Die Sprache,

in der ich häufig nachdenke, ist Englisch.

Meine Mutter sagt, dass ich im

Schlaf manchmal Spanisch spreche. Ich

finde, dass Schimpfen auf Russisch viel

besser klappt als auf Deutsch. Romantik

überlasse ich dem Arabischen. Gedichte

lese ich am liebsten auf Portugiesisch,

ich fühle sie ganz anders. Und auf Griechisch

bin ich wesentlich lauter als auf

Tschechisch!

Gibt es einen Ort, an dem du dich mit

deinen Sprachkenntnissen wirklich

zuhause fühlst?

Ich liebe Belarus, das ist meine zweite

Heimat. Mir tut es im Herzen weh, was

nach den Präsidentschaftswahlen und

den Protesten dort passiert. Und, wenn

man die Sprachsituation betrachtet, ist

mir letztes Jahr auch aufgefallen, wie

schlecht es um die Sprache Weißrussisch

steht. 90 Prozent der Menschen, mit

denen ich Belarusisch sprechen wollte,

haben mich zwar verstanden, aber antworteten

mir auf Russisch. Belarusisch

ist im Begriff auszusterben, einige Landsleute

haben kein Wort verstanden. Die

Identität der Weißrussen ist stark geprägt

von der Beziehung zu Russland, die

Lukashenko unterhält. Belarusisch wird

von der UNESCO schon seit Jahren als

potenziell gefährdete Sprache geführt.

Ich hoffe, dass sich das nun ändern wird.

Welche neuen Horizonte haben sich dir

durch deine Sprachkenntnisse eröffnet?

Ich verstehe andere Kulturen durch

die Landessprachen viel besser. Mir ist

aufgefallen, dass sich gewisse kulturelle

Aspekte gut durch Schimpfwörter

begreifen lassen. Auf Russisch beleidigt

man Menschen ganz anders als auf

Deutsch oder Französisch. Dafür scheint

es Parallelen zum Arabischen zu geben,

weil man viel auf die Eltern schimpft.

Sowas lernt man allerdings nicht im

Sprachkurs, sondern im alltäglichen

Kontakt mit Menschen. Das finde ich

sehr schade! Wenn meine Sprachschüler

mich nach Schimpfwörtern fragen und

wie man sie verwendet, versuche ich

das so gut wie möglich zu erklären. Im

Englischen sind Schimpfwörter überall

zu hören, und nicht so beleidigend. Im

Griechischen jedoch wäre es unmöglich,

in einer Arbeits- oder Studiensituation zu

schimpfen, wie man es mit Freunden tut.

Für die meisten Leute hört das Lernen

bei der zweiten Fremdsprache auf. Warum

hast du immer weitergemacht?

Mir wäre nie eingefallen, dass ich aufhören

könnte! Ich hab noch eine ganze

Liste von Sprachen, die ich unbedingt

lernen will. Zum Beispiel Maltesisch,

Hindi, Albanisch und Finnisch. Und diese

Liste wächst bestimmt weiter.

/ KARRIERE / 63


TECHNIK & MOBIL

Alt+F4 und der Tag gehört dir.

Von Adam Bezeczky

BERLIN TESTET

WINDLAMPEN

Die deutsche Hauptstadt Berlin testet windbetriebene

Leuchten im öffentlichen Raum.

Entworfen vom Berliner Designer und Kunststudenten

Tobias Trübenbacher leuchtet die

„Papilio“ genannte Straßenlaterne erst dann,

wenn ein Sensor Bewegung wahrnimmt. Die

Lampe enthält eine Batterie, die den erzeugten

Windstrom speichern kann, und die LED-

Leuchte soll weniger Insekten anziehen.

MEINUNG

Bill Gates will

Atomreaktoren

bauen

BeZos

fliegt

ins All

Die Bill und Melinda Gates Stiftung

macht sich dafür stark, kleine

Atomreaktoren zu bauen. Das würde

den Ausstoß von Treibhausgasen

rasch senken. Ich bin mal gespannt,

wie sie diese Idee der Öffentlichkeit

verkaufen wollen: Nach Tschernobyl

und Fukushima wird sehr viel

PR gemacht werden müssen, um

Vertrauen in der Bevölkerung

aufzubauen.

Alternativen wie Windoder

Sonnenenergie

scheinen wesentlich

sicherer, auch wenn

es zu einem Unfall

kommt: Ein abbrennendes

Windrad verseucht

nicht ganze Landstriche

für Jahrtausende.

Vielleicht sollen wir

uns das noch einmal

gut überlegen, ob wir

wirklich weiterhin auf

Atom-Technologie zu

setzen wollen - irgendwann

gibt es nämlich

keinen Neustart mehr

für die Welt.

bezeczky@dasbiber.at

Luftschiff ahoi!

Im britischen Bedford werkelt ein

kleines Unternehmen an Luftschiffen.

Dabei hat Hybrid Air Vehicles (HAV)

große Pläne: bereits 2025 sollen

ihre Luftschiffe Städterouten wie

zum Beispiel Barcelona - Palma de

Mallorca bedienen, und dabei nur 4.5

Kilogramm CO2 ausstoßen. Das ist

eine riesige Ersparnis im Vergleich

zu einem Flug, bei dem ganze 53 kg

Schadstoffe entstehen. Reisen mit

dem Luftschiff sollen laut Aussagen

des Firmenchefs Tom Grundy vom

Tempo her eher einer Kreuzfahrt

als einer gehetzten Geschäftsreise

ähneln. Das AirLander-Luftschiff hat

bereits zahlreiche Testflüge durchgeführt

und entsteht mit EU-Förderungen.

Der reichste Mensch

der Welt, Amazon

Gründer Jeff Bezos,

verlässt unseren

Planeten. Jedenfalls

kurzzeitig, denn sein

Weltraumunternehmen

Blue Origin

plant den ersten

bemannten Weltraumflug

am 20. Juli.

Als Blitzangebot hat

Bezos einen Sitz für

28 Millionen Dollar

versteigert.

© Marko Mestrovic, Hybrid Air Vehicles Limited, Blue Origin, TOBIAS TRÜBENBACHER/UDK Berlin, Terrapower

64 / TECHNIK /


Bis 200 Tage

gratis * Energie.

Für alle jetzt auf

meine200.at

* Aktionszeitraum 17.5.–31.8.2021: Um Gratis-Energie-Tage zu erhalten, verpflichtet sich die Kundin bzw. der Kunde, ein Jahr lang Strom bzw. Erdgas für all jene Anlagen,

welche mit Standard OPTIMA-Tarifen versorgt werden, zu beziehen. Beim Abschluss eines Standard OPTIMA Strom-Tarifs und eines Standard OPTIMA Erdgas-Tarifs werden

einmalig je 60 Tage Gratis-Energie gewährt. Wiener Linien-JahreskartenbesitzerInnen können sich weitere 60 Tage Gratis-Energie für Strom sichern. Erfolgt die Bindungserklärung

online über www.wienenergie.at/meine200, so werden jeweils weitere 10 Tage Gratis-Energie für Strom bzw. Erdgas gewährt. Gratis-Energie ist ein Nachlass auf

den Energiepreis. Der Wert eines Tages Gratis-Energie ergibt sich aus der Division der Energiekosten durch 365 Tage. Die Höhe ist damit verbrauchsabhängig, beträgt aber

mindestens 25 Cent (exkl. USt.) für 365 Tage.

Wasserkraft 52,87 %

Windenergie 10,93 %

feste oder flüssige Biomasse 1,91 %

Sonnenenergie 1,95 %

sonstige Ökoenergie 1,02 %

Erdgas 31,32 %

CO2-Emissionen

radioaktiver Abfall

www.wienenergie.at

104,00 g/kWh

0,00 mg/kWh

Wien Energie Vertrieb, ein Unternehmen der EnergieAllianz Austria.

Stromkennzeichnung des Lieferanten: Gemäß § 78 Abs. 1 und 2 ElWOG 2010 und

Stromkennzeichnungsverordnung hat die Wien Energie Vertrieb GmbH & Co KG

im Zeitraum 1.1.2020 – 31.12.2020 auf Basis der in der nebenstehenden Tabelle

angeführten Primärenergieträger Strom an Endverbraucher verkauft. Gemäß § 78

Abs. 2 ElWOG 2010 und Stromkennzeichnungsverordnung entstanden bei der

Stromerzeugung in diesem Zeitraum nebenstehende Umweltauswirkungen. Die

Herkunftsnachweise stammen zu 100 % aus Österreich. Unsere Lieferungen sind

frei von Atomstrom. Bei der Erzeugung entstehen keine radioaktiven Abfälle. Das

Erdgas wird mit höchster Effizienz in modernen KWK-Kraftwerken zur gleichzeitigen

Erzeugung von Strom und Fernwärme eingesetzt.


KULTURA NEWS

Klappe zu und Vorhang auf!

Von Nada El-Azar

MEINUNG

Endlich: Freedom

from choice

Seit dem Beginn der Pandemie ist

der Begriff „Streaming-Fatigue“, zu

Deutsch „Streaming-Müdigkeit“,

immer weiter auf dem Vormarsch.

Jeder, der ein Abo bei Netflix oder

Amazon-Prime hat, kennt bestimmt

dieses Gefühl: Das Angebot ist einfach

zu groß, was soll ich denn überhaupt

schauen? Und alle, die in Beziehungen

sind, und gemeinsam mit dem

Partner einen Film aussuchen müssen:

Ich kenne euren Schmerz nur zu

gut. Gegen dieses Überangebot an

Filmen und der nahezu belastenden

„freedom of choice“ habe ich die

Plattform „Mubi“ für mich entdecken

können. Übrigens auch empfohlen

von Menschen aus der Filmbranche,

die ich zu Interviews treffen durfte.

Ob Kultfilm oder Arthouse-Newcomer

– ein begrenztes aber sich ständig

erneuerndes Angebot an Filmen und

Features lässt das Auswählen viel

leichter fallen. Auch internationale

Filme, die einem sonst nicht unterkommen

würden, lassen sich bequem

mit der Streamingplattform entdecken.

Das ist definitiv die 10 Euro im Monat

wert, glaubt mir!

el-azar@dasbiber.at

Aktion

BUNDESMUSEEN-

CARD

Mit der aktuellen Bundesmuseen-Card-Aktion

lassen sich für schlappe 19 Euro gleich acht

Museen einmalig besuchen. Unter anderem

die Albertina, Albertina Modern, Weltmuseum,

Belvedere 21, Mumok, Naturhistorisches

Museum und Kunsthistorisches Museum.

Erhältlich ist die vergünstigte Bundesmuseen-

Card in allen teilnehmenden Museen, oder

auch online unter: www.bundesmuseencard.at

Aktion gültig bis zum 31. August 2021.

Danach kostet die Bundesmuseen-Card

wieder regulär 59 Euro.

URAUFFÜHRUNG GOES FILMPREMIERE:

BIBI SARA KALI

Bibi Sara Kali ist die mächtige Patronin der Roma,

Beschützerin, Wegbegleiterin, Rom*nja Wonderwoman.

Ihr Kult wird von Roma weltweit in

regionalen Abwandlungen zelebriert. Auf dem

Balkan ist ihr der Bibijako Djive, der „Tag der Tante“,

gewidmet. Nach dem überraschenden Tod

von Jelena bei ihrer letzten Reise nach Serbien,

um den Bibijako Djive zu begehen, begeben sich

ihre drei Töchter auf die Spuren ihrer versteckten

Rom*nja-Identität. Das Stück wurde nach einer

Idee von Schauspielerin Simonida Selimovic und

Autor Ibrahim Amir gemeinsam entwickelt und

unter Regie von Nina Kusturica verfilmt.

Bis 20. Juli 2021 als Stream auf

www.romanosvato.at verfügbar.

Online-Ticketpreis: 5 Euro

Kultursommer

2021

WIEN

DREHT AUF!

40 Tage, 40 Locations, 1.000

Acts in sechs Wochen: Heuer

geht der Kultursommer in

Wien in die zweite Runde.

Mit einem vielfältigen wie

umfangreichen Programm

und mehr als 40 Open-Air-

Locations wird die ganze

Stadt zur Bühne. Mit dabei

sind Acts aller denkbaren

Genres, die von Pop, Hip-

Hop, Indie, Theater und

Performance, zeitgenössischem

Zirkus, Jazz, Folk, zu

elektronischer Musik und

Lesungen reichen – alles

kostenlos. Und auch für

Kinder und Familien gibt es

reichlich Programm, unter

anderem mit kostenlosen

Tanzworkshops in Kooperation

mit ImPulsTanz.

Von 3. Juli bis 15. August

2021

Weitere Infos gibt es unter:

www.kultursommerwien.at

© Christoph Liebentritt, Romano Svato & WerkXPetersplatz, Karin Cheng & Farah Deen, bundesmuseencard.at, Saleh Rozati

66 / KULTURA /


3 FRAGEN AN…

JOHNNY MHANNA

Der Schauspieler Johnny Mhanna ist Teil des

künstlerischen Boards für Theater beim

dies jährigen Kultursommer. Der gebürtige

Syrer lebt seit 2015 in Wien.

Interview: Nada El-Azar

Die freie Theaterszene

wurde von der Pandemie

besonders hart getroffen.

Wie unterstützt der

Kultursommer Künstlerinnen

und Künstler in diesem

Jahr?

Es überrascht mich immer

wieder, wie riesig die freie

Theaterszene in Wien ist.

Der Kultursommer bietet

einem Teil der Kulturschaffenden

die Möglichkeit,

endlich wieder mit

Leidenschaft an Produktionen

zu arbeiten und

vor Publikum zu stehen.

Und so ist es ein Glück,

dass es den Kultursommer

gibt. Er ist wie ein kleines

geöffnetes Fenster eines

riesigen Hauses. Aber was

da drinnen zu sehen ist, ist

wunderbar.

Worauf hast du als Teil des

künstlerischen Boards

besonders geachtet bei der

Auswahl der Produktionen?

Wir hatten viele Vorgaben,

die wir beachten mussten.

Und trotzdem hatten wir viel Entscheidungsfreiheit. Tina Leisch und

mir war es ein Anliegen dem Wiener Publikum schöne Abende zu

bieten. Wir haben versucht Projekte auszuwählen, die uns gesellschaftskritisch

und politisch relevant erscheinen - und natürlich

unterhaltsam. Das Publikum erwartet eine feine Auswahl verschiedenen

Theaterformen- und stilen.

Auf welche Highlights bist du besonders gespannt?

Was das Theaterprogramm betrifft, freue ich mich darauf alle

Produktionen auf der Bühne zu sehen. Besonders gespannt bin ich

auf „Horses“, ein Musical von Imre Bozoki Lichtenberger. Ich kenne

ihn als großartigen Musiker und bin gespannt, was er als Regisseur

macht. Oder auch auf „U7 nach Istanbul“ – eine exotische Komödie,

wie man sie noch nie gesehen hat. Auch das restliche Programm,

dass meine KollegInnen zusammengestellt haben, wird sehenswert

sein

and if I devoted my life to one of its

feathers?

15 / 5 — 26 / 9 2021

Bartolina Xixa, Ramita Seca, La Colonialidad Permanente [Dry Twig, The Permanent Coloniality] (Filmstill), 2019 • Courtesy Maximilano Mamani / Bartolina Xixa


And if I devoted

my life to one of

its feathers?

Die gemeinsame Ausstellung der

Kunsthalle Wien und der Wiener

Festwochen thematisiert Umweltzerstörung,

Misogynie, Kolonialismus,

soziale Ungleichheit und vieles mehr.

der zentralen Fragen der Schau: Wie fair

ist die Balance von Mensch und Natur

wirklich? Und wo haben nicht-irdische

Lebensformen ihren Platz?

Die Ausstellung ist bis

zum 26. September in

der Kunsthalle Wien

Museumsquartier zu sehen.

Termine für Führungen und

Veranstaltungen sind unter

www.kunsthallewien.at

abrufbar.

„And if I devoted my life to one of its

feathers?” ist ein Zitat aus einem Gedicht

der chilenischen Künstlerin Cecilia Vicuna.

Sie verfasste es in den späten 60er

Jahren, und war inspiriert von einem

Kolibri, der einst gegen ihr Fenster flog.

Damals war Vicuña noch ein Teenager

und stellte sich die Frage, wie es denn

wäre, ihr eigenes Leben einer Feder

dieses Vogels zu opfern. Und so ist eine

NEUE BLICKWINKEL

Gastkurator Miguel A. López hat mehr als

35 Künstler*innen aus der ganzen Welt

dazu eingeladen, ihre Werke zu verschiedenen

Formen von Ungleichheit und

Ausbeutung zu präsentieren. „Wir haben

einige von ihnen auch beauftragt, neue

Arbeiten für die Ausstellung zu produzieren,

wie etwa Sophie Utikal. Sie hat eine

Textilcollage über den Sturz kolonialer

Denkmäler geschaffen. Oder auch den

indigenen Künstler Santiago Yahuarcani,

der aus dem Amazonasgebiet stammt. Er

hat sechs Gemälde produziert, die seine

Covid-Erkrankung thematisieren, die

einerseits aufzeigen wie sehr die Indigenen

zurückgelassen wurden in der Krise“,

so López, „In der Ausstellung wird man

auch vielen Textilarbeiten begegnen, die

Handwerksformen des Quilting und der

Stickerei aufgreifen.“ Jeden Donnerstag

gibt es von 17 bis 21 freien Eintritt!

© Claudia Alva / Courtesy der Künstler und Museo de Arte de Lima, Raymond Sagapolutele

68 / KULTURA /


KOMMENTAR

© Zoe Opratko

„Blackwashing“ ist genauso

schlimm wie Whitewashing

Von Nada El-Azar

Vergangenes Jahr 2020, in dem Beethoven seinen

250. Geburtstag gefeiert hätte, ist eine neue Debatte

auf Twitter entflammt: Beethoven soll schwarz gewesen

sein. Als Indiz dafür sollen historische Beschreibungen

dienen, die ihn „mit „schwarzbrauner Gesichtsfarbe“,

„abgeflachter Nase“ und „breitem Mund“ beschrieben.

Nun möchte ein Projekt zwischen Wien und Berlin namens

„BLKBTHVN“ beweisen, dass an der Theorie etwas dran

ist. „Dazu haben wir in Wien die Exhumierung Beethovens

und seiner mutmaßlichen Tochter beantragt, um den (…)

Zeitzeug:innenberichten von seinem nicht-weißen Phänotyp

einen Beleg seiner multiethnischen Abstammung hinzu

zu fügen“, hieß es in einer zugehörigen Presseanfrage.

Auf dem bekannten Stieler-Porträt, dem auch Beethovens

Wachsfigur im Madame Tussaud’s nachempfunden

ist, ist der große Komponist mit rosig-weißem Gesicht

abgebildet: Achtung, Whitewashing-Alarm! Zudem soll

Beethoven mit dem unbestritten schwarzen Komponisten

George Bridgetower befreundet gewesen sein. Klar,

wenn er einen schwarzen Freund hat, ist er wahrscheinlich

selber schwarz, oder? Die AfD hat sich in Deutschland

selbstverständlich vehement gegen solche Mutmaßungen

gewehrt – der größte Sohn des Rheinlands kann partout

keine „Person of Color“ sein. Dass die AfD rassistisch ist,

ist aber ohnehin kein Geheimnis. Und wenn Beethoven ein

Schwarzer wäre – was würde das denn großartig ändern?

Sollten wir nicht eher versuchen, vergessene oder verkannte

Figuren aus der Geschichte, die unmissverständliche

„PoCs“ gewesen sind, als Genies vor den Vorhang

holen, statt einen bereits bekannten Komponisten wieder

auszugraben und ihm das Prädikat „schwarz“ zuzuordnen?

Es gibt so viele Größen der Musikgeschichte, die es

heute verdient hätten, endlich neu entdeckt zu werden.

Es ist ganz ähnlich wie im Fall der BBC-Verfilmung von

„Anne Boleyn“, in der die schwarze Jodie Turner-Smith die

Hauptrolle spielen wird. Rassismus wird nicht bekämpft,

in dem man einer weißen Figur aus der Geschichte ein

schwarzes Gesicht überstülpt – sondern, in dem man die

Narrative hervorhebt, die tatsächlich das Bild von Minderheiten

ändern können.

Festival

City Sounds

02 – 04/09/21

Fr Do

Sa

SFYA

Monsterheart

Pauls Jets

Elis Noa

At Pavillon

Hearts Hearts

Aze

Strandhase

Anger

Weitere Informationen unter konzerthaus.at/2122cs

E l i s N o a © V i l m a P f l a u m


KOLUMNE

AUSLÄNDER RAUS.

Nun ist es offiziell: Ich habe die österreichische

Staatsbürgerschaft erhalten. Ihr könnt

Österreich dazu gratulieren, dass ich sie

angenommen habe. Als Österreicher möchte

ich jetzt meine Meinung dazu äußern, dass

wir zu viele Ausländer in unserem schönen

Land haben. Man darf ja seine Meinung dazu

haben. Also - Ausländer raus!

Spaß beiseite, seit ich die Staatsbürgerschaft

habe, spüre ich einen großen Drang

nach Bier und danach, sexistische und rassistische

Witze zu machen. Ich will jetzt nicht

den Eindruck erwecken, dass alle Österreicher

Alkoholiker sind. Ich will es nur behaupten.

Nein, wirklich Spaß beiseite. Ich bin glücklich und sehr

dankbar dafür, dass ich die österreichische Staatsbürgerschaft

bekommen habe. Ich fühle mich jetzt davor sicher,

dass irgendeine rechtsgesonnene Regierung mir mein

Asyl entziehen könnte. Ich freue mich auch sehr darüber,

dass ich in ein Nachbarland Syriens reisen kann und meine

Familie dort endlich wieder in die Arme schließen kann.

Und ganz wichtig, ich darf jetzt wählen und an dem Leben

hier teilhaben.

Aber seit ich sie habe, spüre ich einen bitteren Beigeschmack.

Erstens weiß ich nicht, wie ich mich angesichts dessen

fühlen soll. Ich bin immer noch derselbe Mensch wie vor

einer Woche.

Zweitens habe ich Schamgefühle vor anderen, die die

Staatsbürgerschaft viel notwendiger brauchen, aber nicht

bekommen. Hayat lebt seit zwanzig Jahren in Österreich.

Ihre drei Kinder sind hier geboren und aufgewachsen und

sind nie in Syrien gewesen. Denn sie dürfen sowieso mit

ihrem Konventionsreisepass nicht dorthin. Hayat ist wie die

meisten Alleinerziehenden eine Heldin und Kämpferin bei

der Bewältigung ihres Alltags. Als Kurdin war sie schon in

Syrien staatenlos. Ihr Antrag auf österreichische Staatsbürgerschaft

wurde nach zwei Jahren Verfahrensdauer mit

der Begründung, sie verdiene zu wenig, abgelehnt, obwohl

sie mehreren Arbeiten gleichzeitig nachgeht und in Summe

mehr als ich verdient. Aber da sie für vier Personen

turjman@dasbiber.at

Jad Turjman

ist Comedian, Buch-Autor

und Flüchtling aus Syrien.

In seiner Kolumne schreibt

er über sein Leben in

Österreich.

aufkommen muss, entspricht ihr Gehalt nicht

dem geforderten Limit. So bleiben sie und

ihre Kinder immer noch staatenlos.

Ich habe auch meinem jüngeren Bruder

gegenüber Gewissensbisse. Er hat vor

Kurzem in Damaskus sein Rechtswissenschaftsstudium

abgeschlossen und muss

nun zum Militär einrücken. Aber er möchte

verständlicherweise nicht Teil der Gewaltspirale

werden. Also muss er das Land verlassen.

Mit seinem syrischen Reisepass hat er

kaum Möglichkeiten. In der gleichen Situation

stand ich vor sieben Jahren. Ich weiß, von

welcher Verzweiflung und Zerrissenheit man

an dieser Stelle geplagt wird. Er schickt mir

ständig Fotos und Videos von seinen spielenden kleinen

Töchtern und fragt: „Wie kann ich die Zwei verlassen?“

„LIEBE NEUE ÖSTERREICHER...“

Wir sind Brüder, aber wir haben jetzt nicht mehr dieselbe

Wertigkeit am Flughafen. Und das schmerzt.

Ich liebe Österreich. Ich finde, es ist ein geiles Land.

Ich habe mittlerweile einen emotionalen Zugang zu den

Menschen, zu ihrem Dialekt und vor allem zur Natur. Aber

der Weg, Österreicher zu werden, hat mir die behördliche

Abwertung jener Menschen, die Österreicher werden wollen,

klar verdeutlicht. Für die Staatsbürgerschaftsprüfung

bräuchten wir eine eigene Kolumne. Zweitausendzweihundert

Euro kostet alles insgesamt. In anderen Ländern kostet

es gar nichts oder nur einen symbolischen Betrag. In Kanada

gibt es sogar ein Einbürgerungsgeschenk und einen

kleinen Festakt. Ich habe meine Verleihungsurkunde per

Post bekommen, und der Brief vom Landeshauptmann war

nicht einmal personalisiert: „Liebe neue Österreicher...“

Ich denke, dass es höchste Zeit ist, dass Österreich eine

Reform zur Erlangung der Staatsbürgerschaft vornehmen

sollte. Und zum Kommentar des Herrn Bundeskanzlers, der

die Erleichterung des Zuganges zur Staatsbürgerschaft als

Entwertung sieht, frage ich mich, was mehr entwertend

für Österreich ist: Hayats Kinder die Staatsbürgerschaft

zu geben oder das rassistische Gedankengut solcher Politiker?

Robert Herbe

70 / MIT SCHARF /


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